50. Freitag, den 22. Juni 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag dcZ Literarischen Instituts von Haas So Grabherr in Augsburg (Borbesiher Dr. Max Huttler). Zm Sänne alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) III. Es waren sehr unangenehme Empfindungen, mit denen Wolfgang von Sturen aus seinem besinnungslosen Zustande erwachte. Er empfand eine Betäubung im ganzen Körper und einen schmerzhaften Druck im Kopfe. Er glaubte zu erkennen, daß er sich in einem fremden, niederen Zimmer auf einem weichen Lager befand und daß mehrere Personen um ihn beschäftigt waren. Doch begannen sich seine Gedanken gleich wieder zu verwirren, er hatte nur noch einen unklaren Eindruck, als ob neben dem Gesicht feines alten Dieners die Züge seines Reisegefährten auftauchten, — dann verfall! er wieder in die Nacht der Bewußtlosigkeit. Während der folgenden zehn Tage schwebte er unter Irrereden zwischen Leben und Tod. Doch seine kräftige Natur klammerte sich fest an das Leben, und das Uebrige thaten die Aerzte und die sorgsame Pflege. Er fühlte sein Herz wieder freier schlagen, in seine betäubten Glieder kehrte die Empfindung zurück. Er sah seinen Diener, seinen Reisegefährten und den Arzt, aber der letztere hatte ihm streng verboten, viel zu sprechen und zu fragen, und so beschränkte sich die Unterhaltung zwischen Wolfgang und seiner Umgebung auf wenige Worte, die nur sein Befinden und seine augenblicklichen Bedürfnisse betrafen. „Nun sage mir, Hartwig, was ist geschehen?" fragte er den greisen Diener, als er sich endlich von dem Zwange des Schweigens befreit fand. „Ich erinnere mich nur, daß es ein Eisenbahnunglück gegeben hat. Wie ich bereits von Dir hörte, ereignete es sich unweit einer kleinen Station, von der man mich nach diesem Dorfwirthshause brachte. Habe ich viele Unglücksgefährten? Sind wohl gar Menschenleben —" „Leider hat es drei Todte gegeben, gnädiger Herr," berichtete Hartwig, „alle übrigen Passagiere, außer Ihnen, trugen nur unbedeutende Verwundungen davon. Herr Maitland ist mit einigen Quetschungen weggekommen." „Und die ganze Zeit über bei mir geblieben?" „Er half Sie pflegen," nickte Hartwig, „und theilte redlich mit mir die Nachtwachen. Er berief telegraphisch seinen Arzt von Berlin hierher, der eine große Berühmtheit sein soll und Sie auch dem Leben erhalten hat, denn der Doctor aus dem nahen Städtchen, welcher Sie jetzt noch behandelt, gab Sie verloren." — „Das alles hat Herr Maitland für mich gethan, — für mich, den er doch kaum erst flüchtig kennen gelernt hatte?" „O, und noch viel mehr hat er gethan!" fuhr Hartwig mit leiser Rührung in der Stimme fort. „Der Wagen, in welchem Sie sich befanden, war entgleist und den Eisenbahndamm hinabgestürzt. Die beiden nächsten Wagen folgten; Sie lagen tief unter den Trümmern, gnädiger Herr. Wer es wagte, Sie hervorzuziehen, ris- kirte sein eigenes Leben, denn was von den übereinander' gestürzten Wagen noch zusammenhielt, konnte jeden Augenblick herabbrcchen, wenn man die zerschmetterten Wagentheile, die den Weg zu Ihnen versperrten, entfernen wollte. Wozu niemand den Muth hatte, das that Herr Maitland: er zog Sie mit eigener schwerer Lebensgefahr aus Ihrem schrecklichen Grabe hervor." Der Baron war sehr bewegt. „Wo ist Herr Maitland ?" unterbrach er ein längeres Schweigen. „Wahrscheinlich angelt er am Flusse. Seit es mit Ihnen besser geht, verbringt er dort halbe Tage." „Wann und wie erfuhrst Du von meinem Unfall?" fragte Wolfgang nach einer abermaligen Pause. „Am Tage nach dem Unglück kam eine Dame in den Villcnhof geritten/s „Eine Dame?" „Ja. Sie zeigte mir eine Berliner Morgenzeitung, worin bereits ein telegraphischer Bericht über das Er- eigniß stand. Ihr Name war darin genannt, gnädiger Herr, und der Ort, wohin man Sie schwer verletzt gebracht hatte. Daraufhin reiste ich sogleich hierher." „Wie sah die Dame aus?" „O, sie war jung und sehr schön." „Was hatte sie für Augen?" „Schwarze, gnädiger Herr, ganz schwarze; sie glühten wie Feuer, doch das Gesicht war sanft, wie das eines Engels." „Du kennst sie natürlich nicht?" «Nein, ich habe sie nie vorher gesehen." „Erinnerst Du Dich vielleicht ihrer Kleidung?" „Darauf habe ich in meinem Schrecken über die Nachricht nicht Acht gegeben. Ich weiß nur, daß sie einen großen runden Hut txug mit einer weißen Feder darauf.". »Hielt sich die Dame längere Zeit auf?" „Nein, sie blieb zu Pferde, und nachdem ich ihr gesagt hatte, das; ich mich sogleich zu Ihnen begeben würde, ritt sie wieder fort." Wolfgang durfte nicht zweifeln, daß die teilnehmende Dame jene schone Amazone gewesen sei, die sein Herz mit einem so magischen Zauber umsponnen hatte und sein erster Gedanke gewesen war, als er sein Bewußtsein wiedererlangte. Er konnte kaum die Zeit erwarten, wo sein Zustand ihm die Rückkehr nach seiner Besitzung gestatten werde. Dann wollte er nicht rasten noch ruhen, bis er ihren Namen erfahren hatte. An die Weiterreise nach Berlin dachte er nicht mehr. „Wenn wir nach Hause zurückkehren, guter Hartwig," sagte der Baron, „müssen wir in der Umgegend zu ermitteln suchen, wer die Dame ist, denn die Pflicht der Höflichkeit erfordert es, daß ich für ihre Aufmerksamkeit danke." „In unserer Umgegend?" bemerkte der Alte mit zweifelnder Miene. „Wer weiß, gnädiger Herr, ob wir da auf der richtigen Fährte sein würden, denn die Dame ist nach Berlin gereist." „Nach Berlin, sagst Du? Woher konntest Du das Wissen?" . „Weil sie auf der Durchreise hier war." „Hier? fragte Wolfgang in höchstem Erstaunen. „Sie war hier?" „Jawohl, sie wollte sich nach Ihrem Befinden erkundigen, aber sie traf es sehr schlimm, denn Sie redeten Tag und Nacht irre, und auch, als sie gerade bei Ihnen war." „So war sie hier in diesem Zimmer?" rief Wolfgang, bon seinem Lager auffahrend. „Auf derselben Stelle stand sie, wo ich jetzt stehe." „Wie lange blieb die Dame hier?" „Ueber eine Stunde." „Was hat sie gesprochen?" „Sie fragte mich, ob Sie geschickten Aerzten anvertraut seien, ob diese Hoffnung auf Ihre Wiederherstellung gäben, ob Sie gut verpflegt würden. Im Allgemeinen sprach sie nur wenig, denn das Weinen war" ihr nahe, und ein paarmal kamen ihr Thränen in die Augen." „Wer mag sie sein? Wer mag sie sein?" rief Wolsgang, die nachdenklich gefaltete Stirn mit der Hand bedeckend. „Sollte vielleicht Herr Maitland ihren Namen erfahren haben?" „Herr Maitland hat sie gar nicht zu sehen bekommen. Er schlief gerade auf seinem Zimmer seine Nachtwache aus." „Wie erfuhrst Tu, daß sie auf der Reise nach Berlin begriffen sei?" „Sie sagte es beiläufig, als sie sich anbot, Ihnen von dort aus einen tüchtigen Arzt zu schicken, was aber nicht mehr nöthig war, da Sie sich, dank der Fürsorge des Herrn Maitland, bereits in den besten Händen befanden." Wolfgang schwieg eine Weile. Endlich fragte er: „Hat sich seitdem niemand nach meinem Befinden erkundigt?" „O, gewiß! Ihr früherer Vormund —" „Herr Justizrath Carus?" „Läßt sich täglich ein Bulletin schicken," nickte der Alte. „Nun aber, gnädiger Herr, muß ich Sie bitten, nichts weiter zu sprechen und zn fragen. Ich habe mich schon schwer genug gegen die ärztlichen Vorschriften vergangen, und wenn es mit Ihnen wieder schlimmer würde, so träfe mich die Schuld." Der junge Baron gehorchte der wohlgemeinten Mahnung seines Dieners. Natürlich hatte nun sein Reiseplan abermals eine Aenderung erfahren. Seit er die gcheimnißvolle Fremde in Berlin wußte, war all' sein Sehnen nach der Weltstadt gerichtet, wo er ihr zu begegnen hoffte. Es schien, als ob die Neuigkeiten, die er von Hartwig vernommen, und die Ungeduld, das Krankenbett zu verlassen, seine Kräfte neu belebten, denn ganz gegen die Befürchtungen des alten Dieners war am andern Morgen der Arzt mit seinem Patienten so zufrieden, daß er ihm erlaubte, auf kurze Zeit aufzustehen. Während Wolsgang, von dieser Erlaubniß Gebrauch machend, an dem geöffneten Fenster faß und die balsamische Maicnlust einsog, trat Maitland ein. „Der Arzt sagte mir sehr Erfreuliches über Sie," begann er, „und da ich Sie ohne Besorgnis; zurücklassen kann, so will ich meine unterbrochene Fahrt nach Berlin uiit dem nächsten Zuge fortsetzen. Ich komme, um Abschied von Ihnen zu nehmen." Wolfgang ergriff seine Hand und sprach in der schönen beredten Sprache des Herzens die Gefühle der Dankbarkeit aus, die er für alle die edle Aufopferung und Güte empfand, welche Maitland ihm erwiesen hatte. „Reden Sie nicht davon," lehnte dieser ab, „ich that es allein zn meiner eigenen Befriedigung und habe darum keine Ansprüche auf Dank." „Nein, nein," erwiderte Wolsgang, „ich habe schon oft von solchen Leuten gehört, welche ihren guten Handlungen stets selbstsüchtige Beweggründe unterschieben. Gewiß gewährt eine edle That demjenigen, der sie vollbringt, Befriedigung, aber sie gilt doch stets dem andern, für den sie geschieht. Sie retteten mir das Leben, indem Sie mich unter den Wagentrümmern hervorzogen." „Ja, das ist wahr," lächelte Maitland, „ich habe auch schon eine Fliege, die in eine Milchschale gefallen war, herausgezogen." „Aber Sie haben das letztere nicht mit Preisgeb- nng Ihres eigenen Lebens gethan; Sie haben auch noch nicht vierzehn Tage in einem Dorfe zugebracht, um einer Fliege beizustehcn. Und dafür wenigstens verdienen Sie meine Dankbarkeit." Maitland sah nach der Uhr. „In einer Stunde kommt der Zug," sagte er. „Leben Sie wohl!" Er reichte dem Baron die Hand. „Ehe wir scheiden," sagte dieser, „muß ich Sie bitten, mir zu sagen, wo ich Sie in Berlin finden kann, denn ich hoffe, daß eine auf so ungewöhnliche Weise begonnene Bekanntschaft hier nicht zu Ende sein wird." „Ich habe eine Junggesellenwohnung „Unter den Linden," antwortete Mattland, „wo ich sehr glücklich sein werde, Sie zu sehen." Er nahm eine Vifitkarte heraus und überreichte sie, nachdem er seine Adresse darauf vermerkt, dem Baron, worauf er sich von ihm verabschiedete. Die Karte in der Hand, auf welcher der einfache Name „Otto Maitland" stand, blieb Wolfgang allein zurück. Seine Gedanken richteten sich auf den neuen Bekannten. Am liebsten hätte er ihn „Freund" genannt, aber Maitland selbst schien keinen Anspruch auf eine solche Bezeichnung machen zu wollen, auch war etwas an ihm, was die Tiefen seines Charakters mit undurchdringlichem Dunkel bedeckte. „Es soll mich wundern, ob er wohl ein Herz hat," dachte Wolfgangm „Wenn das der Fall ist, so bemüht er sich, es zu verbergen. Alle Erscheinungen und Ereignisse scheinen an ihm vorüberzugehen, ohne ihn tiefer zu berühren als der Hauch den Spiegel. Er hat mir das Leben gerettet, hat mich Wochen lang wie ein Bruder gepflegt, und nun verläßt er mich mit der gleich- giltigstcn Miene von der Welt." Zwei Tage später durfte der Genesende seinen ersten Ansgnng machen. Mit jedem Pulsschlage nahmen seine Kräfte zu. Und nach einer Woche bestieg er, gänzlich wieder hergestellt, den Eisenbahnzug nach Berlin, während der alte Hartwig nach dem „Billenhof" zurückkehrte. IV. Es war am Nachmittag, als Baron von Sturen in demselben Berliner Hotel abstieg, wo er bereits als Knabe mit seinen Eltern gewohnt hatte. Seine Besuche bei Maitland und dem Justizrath Carns verschob er vorläufig noch, da sie ihm gesellschaftliche Verpflichtungen auferlegen konnten, die ihm hinderlich gewesen wären. Um sich den Eindrücken der Ncichs- hauptstadt unbefangen hingeben zu können und im Gewühls derselben nach der schönen Amazone zu forschen, mußte er sich ganz allein angehören. In einem so eng zusammengedrängten, vielgestaltigen Weltleben aber ist niemand sein eigener Herr; uugesuchte und unerwartete Beziehungen heften sich wie Fußangeln an die Schritte dessen, der diesen Boden betritt, und führen ihn oft weitab von dem Ziele, das er sich gesteckt, oder bringen ihn auf ganz andern Wegen, als er sich gedacht, demselben näher. Diese Erfahrung sollte auch Wolfgang machen. Er begann gleich nach seiner Ankunft eine Wanderung durch die Straßen und ließ sich vom Strome tragen. Seine Erinnerungen an die Millionenstadt aus seiner Jugendzeit waren sehr unvollkommen, daher erschien ihm alles neu und er fühlte sich wie betäubt von dem rastlosen buntscheckigen Hasten und Jagen, welches sich zwischen majestätischen Häuserfronten auf den breiten Straßen, auf deren glattem Asphaltboden das Klappern der Pferdchufc mehr zu hören war, als das Rollen der Räder, vor seinen Blicken abspielte. Es begann bereits zu dunkeln, als er nach seinem Hotel zurückkehrte. Wie Glühlichter flammten die tausend und abertausend Laternen auf, hier und da ergoß auch elektrisches Licht seinen weißen Glanz weit über die Straße. Wolfgang befand sich eben in einer der schmäleren Straßen, wo das Gedränge von Wagen und Fußgängern nahezu erdrückend und lebensgefährlich war. Da ertönte plötzlich ein schrilles, heftiges Klingeln, — alle Fuhrwerke wichen zur Seite, und wie die wilde Jagd kam die Feuerwehr heran, — drei — fünf, acht, zehn Wagen hintereinander. Wie erzene Gestalten standen im Scheine der Fackeln die Feuerwehrmänner auf den blitzblanken Löschwagen. Nasch, wie es herangesinrmt war, verschwand das von einer feurigen rothen Wolke umgualmte Bild wieder. Wolfgaug von Sturen aber stand wie gebannt. Er sah das Antlitz seiner gcheim- nißoollen Unbekannten, — es war keine Verwechslung, keine Ähnlichkeit, — zu fest hatten sich diese Züge in sein Herz gegraben. Der grelle Schein der vorüber- fliegenden Fackeln war hell auf das süße Gesicht gefallen, und jetzt, wo es in das mattere Licht der Straßenlaternen zurücktrat, hielt er es noch immer unverwandt mit seinen Blicken fest. Sie saß in einer offenen Equipage an der Seite einer anderen Dame, deren Antlitz durch das ihrige verdeckt wurde. Noch hielt der Wagen unter der Masse ineinander verfahrener Fuhrwerke, die sich langsam wieder entwirrte. Aber auch Wolfgang sah sich vor der Mcnschenfluth, die sich um ihn her fcstge- staut, an jeder freieren Bewegung gehindert. Es war unmöglich, an den Wagen zu gelangen. Er bemerkte, wie die Dame nach ihrer Uhr sah und mit der anderen sprach. Offenbar fürchteten beide, verspätet das Ziel ihrer Fahrt zu erreichen, denn es wurden einige Worte mit dem Kutscher gewechselt, welcher bedauernd die Achseln zuckte. Wohin wollten sie? Für Theater oder Concert, war es viel zn spät. Der Baron wollte seine Uhr zu Rathe ziehen, aber — die Tasche, worin er sie trug, war leer. Betroffen blickte er an sich herunter, als er auch die schwere goldene Kette nicht fühlte. Sie war ebenfalls verschwunden. Der Verlust der Uhr war unersetzlich, nicht weil sie einen Werth von mindestens tausend Mark hatte, sondern weil sie ein von Wolfgang heilig gehaltenes Andenken an seinen Vater war. , Ein anständig gekleideter junger Mann bemerkte seine Bestürzung und sah an den tastenden Bewegungen seiner Hand, daß er etwas vermißte. „Sind Sie eben bcstohlcn worden, mein Herr?" fragte er theilnchmend, indem er näher herantrat. „Meine sehr werthvolle Uhr sammt Kette ist fort," antwortete der Gefragte. „Ich fürchte, beides ist die Beute eines Taschendiebs geworden, der den Augenblick, wo meine Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Gegenstand gerichtet war, geschickt zu seinem Gaunerstreich benutzt hat, denn ich erinnere mich genau, daß ich vor Ankunft der Feuerwehr die Uhr noch hatte." Erst jetzt sah Wolfgang sich wieder nach dem Wagen mit den beiden Damen um. Er war verschwunden. „Als erfahrener Berliner würden Sie in einem solchen Gedränge vorsorglich Ihren Rock zugeknöpft haben," sagte der junge Mann. „Ich muß daher annehmen, daß Sie hier fremd sind." „Ich bin erst heute angekommen. Ich denke, es wird das beste sein, wenn ich im nächsten Polizeibureau Meldung mache." „Eine unmittelbare Anzeige bei der Kriminalpolizei wäre noch besser," versetzte der Andere, aber die Bureaux derselben sind um diese Zeit schon geschlossen. Indessen trifft es sich sehr glücklich," fügte er, wie von einem plötzlichen guten Einfall erleuchtet, hinzu, daß der Cri- minalcommissar Nuglisch, mit dem ich bekannt bin, hier in der Nähe Abends sein Glas Wein zn trinken Pflegt. Wenn Sie mich begleiten wollen, so könnten Sie ihm Ihr Mißgeschick mittheilen, und es könnte dann noch heute Abend etwas in der Sache geschehen, denn rasches Handeln ist hier von großer Wichtigkeit." Der Baron war unschlüssig. Der fremde junge Mann sah ihm das an. „Assessor von Malten," stellte er sich ihm vor. Wolfgang blickte ihm etwas überrascht in's Gesicht. Für einen Assessor erschien ihm der Fremde noch sehr jung, wenn diese schlaffen Züge verlebt waren; sie könn- 884 ten aber auch ebenso gut daS reifere Alter andeuten, welches seine BernfSstellung erforderte. Name und Stand thaten zu den angenehmen Manieren des gefälligen Herrn noch das Ihrige. Wolfgang nannte feinen Namen ebenfalls und folgte dem Assessor die Straße entlang. Sie hatten nicht weit zn gehen. Assessor von Malten bog in ein Hans ein und führte seinen Begleiter durch einen langen Hof in ein am Ende desselben gelegenes, sehr einfaches Gastzimmer. Es waren keine Gäste da, als drei Herren von verschiedenem Alter und sehr distingnirtem Aenßern, welche an einem Sctteutische Karten spielten. „Ist der Kriminalcommissar Nuglisch noch nicht hier gewesen?" fragte der Assessor den Wirth. Wolfgang sah nicht, wie der Assessor dem Wirthe mit den Augen zwinkerte und dabei eine leichte Kopf- bewcgnng nach seinem vornehmen Begleiter machte. „Nein, er war noch nicht da," antwortete laut der Wirth, das Zeichen sogleich verstehend, „aber er kommt ganz gewiß noch." Der Assessor bestellte sich Wein und empfahl dem Baron die gleiche Marke. „Sie meinen also," fragte dieser den Assessor, „daß es einen Zweck haben könne, wenn ich hier auf Ihren Bekannten warte?" „Ei, natürlich!" versicherte der Gefragte. „Sie können Ihre Sache in keine bessern Hände legen. Nuglisch ist der schneidigste und findigste Kriminalbeamte in ganz Berlin." Der Assessor erzählte hierauf vom Kriminalcommissar eine Reihe Bravonrstückchen, die sehr unterhaltend waren und einen überraschenden Einblick in die Berliner Verbrecherwelt eröffneten. Vom Tische der Kartenspiclcr her tönte ein lautes Gähnen. „Der Skat langweilt mich heute," sagte unter neuem Gähnen der älteste der drei Herren, dessen Physiognomie mit dem starken grauen Schnurrbarte etwas Militärisches hatte. „Machen wir ein anderes Spielchen! Da meine Frau und meine Tochter im Opernhanse sind, so habe ich heute längeren Urlaub." Der Baron sah, wie nun jeder der Spielenden ein Häufchen Geld neben sich legte. Der militärische Herr nahm drei Karten in die Hand, indem er sie mit den Fingerspitzen an den schmalen Seiten berührte. Eine der Karten, die Coeur-Dame, klemmte er zwischen Daumen und Zeigefinger, die beiden andern Karten zwischen die andern Finger. Nachdem er den Mitspielenden die Karten gezeigt hatte, warf er dieselben mit einer raschen, eigenthümlichen Haudbewegung auf den Tisch, so daß jede mit der Rückseite nach oben zn liegen kam. Der Gegenspieler hatte nun anzugeben, welches die Coeur- Dame sei. Traf er es, so hatte er gewonnen, andernfalls verloren. Das Spiel wurde sehr lebhaft und das Geld rollte hin und her. Woflgnng hatte zwar nie besonderes Gefallen am Spiele gefunden, hier aber reizte ihn die Eigenartigkeit desselben. Er bat ebenfalls, auf einige Minuten am Spiele theilnchmen zu dürfen, und man stellte sich gegenseitig vor, wie es unter Männern von gutem Tone Sitte ist. Wolfgang beobachtete sehr aufmerksam, wohin die Karte flog, auf die er pointirte, und traf es auch richtig mehreremale hintereinander. Plötzlich aber wendete sich das Glück, und so fest er auch stets überzeugt war, daß er die betreffende Karte genau im Auge behalten hatte, so oft irrte er sich dennoch. Je mehr sein Erstaunen wuchs, desto mehr erregte ihn das Spiel. Als er jedoch sah, daß das Glück sich bch^'rlich von ihm abwandte, und sein Verlust nahezu hundert Mark betrug, hörte er mit Pointiren auf. Der alte Militär sah nach der Uhr. Er fand, daß es Zeit sei, Frau und Tochter aus dem Opernhanse abzuholen, und empfahl sich. Bald verabschiedeten sich auch die beiden Andern. Wolfgaug befand sich mit dem Assessor allein, welcher sehr bedauerte, daß der Kriminalcommissar Nuglisch heute nicht gekommen war. Wahrscheinlich sei er durch irgend ein wichtiges Awtsgeschäft abgehalten worden. Wolfgang fand es an der Zeit, sein Hotel aufzusuchen. Der Assessor begleitete ihn bis zum nächsten Droschken stand, gab ihm gute Rathschläge, welche Schritte er morgen früh zur Wiedererlangung seiner Uhr thun solle, und zog, als Wolfgaug in die Droschke stieg, mit graziöser Höflichkeit seinen Hut, indem er ihm versicherte, er schütze sich glücklich, seine Bekanntschaft gemacht zn haben, und hoffe, daß man sich wieder begegnen werde. Diese Hoffnung sollte sich bald genug unter überraschenden Umständen erfüllen. (Fortsetzung folgt.) Fttrstrnfeldbttiik in OberLnhml« (Schluß.) Zn den merkwürdigen Ereignissen aus jener Zeit gehört auch das am 11. Okt. 1317 erfolgte Hinscheiden des deutschen Kaisers Ludwig IV. des Bayern. Er war von München zur Bärenjagd herausgeritten gen Fürstcnfeld und hauchte in den Armen eines Landmannes sein Leben aus. Das dem Andenken an seinen Tod geweihte Monument an der Augsburger Landstraße erhebt sich nicht an der Stätte seines Hinscheidens, sondern diese wird vielmehr auf dem sogenannten Kaiscranger bei Puch zu suchen sein. Dort sank der Fürst vom Pferde, und von dort wurde sein Leichnam zuerst nach Fürstcnfeld gebracht, dessen größter Wohlthäter er gewesen. Später geleiteten ihn die Bürger von München trauernd in ihre Stadt. Im Kloster Fürstenfcld, dem Stifte seines Vaters, sieht man in der prächtigen, 1716 erbauten Kirche noch seine 13 Fuß hohe Statue gegenüber der seines Vaters Ludwig, gefertigt von Anton Boos. Auch im Kriege der Münchener Herzoge Ernst und Wilhelm mit Ludwig dem Gebarteten von Jngol- stadt (1421—1422) hatte die Drucker Gegend viel zn leiden. In den Jahren 1632, 1633, 1646 und 1643 erfolgten wiederholte Einfälle der Schweden und ihrer Verbündeten, und Hand in Hand mit dem Würgengel des Bürgerkrieges ging die Pest. Fast noch Schlimmeres erfuhr Brück im spanischen Erbfolgekriege. Ließ doch ein österreichischer Officier im August 1704 den Markt, nachdem er vorher 300 Gulden gefordert, die mit mehrfacher Leibes- und Lebensgefahr aus München geholt werden mußten, in Brand stecken, wobei nur wenige Häuser dem Feuer entgangen sind. Gelderprefsnngen und Quartierlasten waren überhaupt an der Tagesordnung. Folgten nun neue Drangsale im österreichischen Erbfolgrkriege. Es ist unglaublich, was Brück in den Jahren 1742 bis 385 — 1745 da zu ertragen hatte an Quartierlasten, die zudem regelmäßig mit Geld- und Naturalieuerpressuugen verbunden waren. In dieser Zeit haben unter den Marktbewohnern durch patriotischen Sinn, Klugheit und Entschlossenheit in den schwierigsten Lagen und durch stete Opferbereitwilligkeit für ihre Mitbürger mehrere Männer besonders hervorgeragt, namentlich der damalige Nechnungs- führer Bierbrauer Bernhard Hueber, welcher sich unter augenscheinlicher Hintansetzung seiner häuslichen Angelegenheiten ganz und gar dem öffentlichen Dienste gewidmet hat. Ohne Rücksicht auf persönliche Gefahren, unternahm er vielseitig Reisen zu den feindlichen Heerführern und war verschiedene Male nicht ohne Erfolg der Vertreter der fchwergedrückten Gemeinde bei dem berüchtigten Panduren- Oberst Trenk, bei den Generalen Bernes, Bern- klau, dem Obrist Menzel, dem Obristwachtmeister Andrassi und Anderen, sowie bei der österreichischen Landesadministration in München. Der Posthalter und Gastgeber Jakob Weiß, dessen Familie schon vor dem Schwedcnkriege zu Bruck seßhaft war und heute noch zu den angesehensten des Marktes gehört, stand ihm in patriotischem und gemeinnützigem Wirken rühmlich zur Seite. Er entging am 26. Sept. 1742 nur durch eilige Flucht der Gefangennahme durch feindliche Husaren. Vermuthlich hatten die Oesterreicher ihn wegen Einverständnisses mit der bayerischen Besatzung in Landsberg in Verdacht. Außer diesen vorgenannten Beiden haben sich während der Kriegszeit auch noch die Bürger Martin Prugg- mayr, Peter Loder, Franz Saurle, Johann Hvrl hervorragend an den Markts-Angclegenheiten betheiligt, nicht minder auch durch Vorschüsse und Naturalleistungen verdient gemacht. Nun war Ruhe bis zum Jahre 1792, wo in dem Kriegs der europäischen Mächte gegen die aus der Revolution hervorgegaugene französische Republik die Truppen- durchzüge der Oesterreicher begannen. Im August 1796 kamen die ersten Franzosen, womit eine Acra von Belästigungen, Erpressungen und vielerlei Drangsalen begann, die durch den Friedensschluß im Jahre 1801 beendigt wurde. Nach dem Schwedcnkriege hatte sich die Bevölkerung des Marktes und des Ammcrihales allmälig wieder erholt und vermehrt, und wenn auch der spanische und österreichische Erbfolgekricg neuerdings bittere Wunden geschlagen hatten, so waren doch auch diese bald vergessen, so daß wir vor Beginn der französischen Invasionen einem im Ganzen freundlichen und heiteren Bilde von häuslicher Behäbigkeit begegnen, welches sich in den Urkunden jener Zeit vielfach wiederspiegelt. Lorenz Westen- ried er sagt in seiner Beschreibung der vier Rentämter Bayerns (Landshut 1790): „Der zu diesem Kloster (nämlich Fürstenfcld) gehörige Markt Prnck ist ein schöner Ort, und sind daselbst sehr vermöglichc Bürger und schön gebildete Leute beider Geschlechter." Auch entnehmen wir Adrian v. Niedl's 1796 zu München erschienenem Neisc- Ailas von Bayern, daß Bruck damals 152 Häuser und etwa 800 Einwohner zählte. In diesen artigen Häusern wohnten tüchtige Bürger, deren Haupterwerb in dem Verdienste bestand, welchen das Handwerk brachte. Die Meisten hatten wohl auch Grundbesitz und trieben Ackerbau, aber schon Wenning berichtet in seiner Topographie des Rentamts München: „Der Traidtboden ist mittelmäßig, noch schlechter aber der Wieswachs. Die Gewerkschaft muß also bei den Bürgern zur Nahrung das Bebte thun." Besonders scheinen im Markte geblüht zu haben: die Bierbrauereien, die Kramereien, das Lederer-, Weiß- und Nothgerbergeschäft, die Schmieden, insbesondere die Waffenschmieden, die Mühlen, Bäcker und Metzger. Jedoch auch in den andern Gewerbszweigcn gab es fortwährend hervorragende, zu Wohlstand gelangte Männer, und es saßen schon seit dem Ende des 16. Jahrhunderts häufig auch Maler, Sattler, Kürschner, Schäffler, Schuster, Schneider u. s. w. im engeren Rath der Gemeinde als „Vierer". Das bedeutsamste Ereigniß in der Geschichte Brncks war jedenfalls die am 17. März 1803 und den darauffolgenden Tagen vollzogene Aushebung des Klosters Fürstenfeld, wobei als Aufhebungs-Commissär der churfürstliche Landrichter von Dachau, Lizentiat Hey- dolph — die Bauern nannten ihn „Heuteufcl" — fuugirte. Dabei wurden viele Brutalitäten begangen, z. B. ein altes Btlduiß, darstellend die Hinrichtung der Maria von Brabant, zum Fenster hinausgeworfen, dem Bildnisse des erlauchten Stifters, Herzog Ludwigs des Strengen, die Augen ausgestochen, die Pfeifen der großen, schönen Orgel den Gassenjungen preisgegeben, in der Klosterbibliothek heillos gewirthschaftet, den Klostergcistlichen während des Mittagsmahles die Stühle weggenommen, so daß sie stehend essen mußten u. s. w. Am 13. Juli 1803 wurden die Kloster-Realitäten an den Kattunfabrikanten Leite nberg er von Reichsstadt in Böhmen, einen Protestanten, verkauft, wobei als churfürstlicher Commissär Graf Lodron fungirte. Der Kaufschilling betrug mit Einschluß der zwei Höfe Roggenstein und Puch und 600 Tagwerk Waldungen 130,000 Gulden, und das war nach den damaligen Verhältnissen noch ein guter Preis. Gleichzeitig mit dem Kloster verfiel auch die Kapelle St. Leonhardi zu Bruck der Versteigerung, wurde aber um 310 Gulden von einigen Brucker Bürgern erstanden und so erhalten. Bruck, bisher vom Kloster Fürstenfcld aus pastorirt, wurde nun eine eigene Pfarrei. Herr Leiteuberger, welcher als ein wohlwollender Mann geschildert wird, erlaubte allen Religiösen, unentgeltlich im Kloster wohnen zu bleiben, wofür ihm letztere herzliche Dankbarkeit zollten. Die Klosterkirche, eigentlich zum Abbrüche bestimmt, blieb nun geschlossen, bis sie vom König Max I., welcher sie gelegentlich eines Jagdausfluges (1804?) persönlich besichtigt hatte, unterm 13. August 1816 zur königlichen Landhofkirche erhoben wurde. Das Kloster zählte im Ganzen 41 Aebte, der letzte war Gerhard (Führer von Erding). Selbstredend blieb Brück auch durch die nachfolgenden napoleonischcn Feldzüge nicht unberührt. Die Truppen- durchzüge wurden während jener Zeit als schwere Last empfunden. Im russischen Feldznge sind auch zwei Brucker geblieben, Xaver Griesbeck und Johann Dall- maier. Unterm 13. Juli 1813 verlieh König Maxi. dem Markte Fürstenfeldbruck ein besonderes Wappen, „das in einem blauen Schilde, worin sich eine auf einem grünen Felde aus weißen Quadersteinen erbaute Brücke befindet, über welcher drei silberne Kreuze schweben, besteht". Das frühere Wappen, welches der Markt besessen, scheint ganz und gar in Vergessenheit gerathen gewesen zu sein. Dieses trug im Schildcshaupt die bayerischen, blan und weißen Stauten und dann im rothen Felde eine weiße, steinerne, über einen blauen Strom gespannte Brücke mit goldenem Geländer und einem solchen einfachen Kreuze in der Mitte. Wenn von der — 386 Geschichte des Marktes Bruck die Rede ist, dürfen wir selbstredend der bedeutenden Männer nicht vergessen, welche anS demselben hervorgegangen sind. Groß's Chronik fuhrt als solche an: Karl Förg, kurfürstlicher Kricgs-Hauptbuchhalterei-Nath in München, Sebastian Moll, ordentlicher Professor der Theologie an der Universität München, Jakob Klar, Bürgermeister von München, Joh. Bapt. Stiglmayr, Erzgießer zu München, und Ferdinand v. Miller, ebenfalls Erzgießer in München. Stiglmayr's Vater war als Hufschmied in Bruck ansässig; Miller's Vater, ein Uhrmacher, war aus Aichach eingewandert und hatte des .Hufschmieds Sticglmayr Tochter zur Frau. Die größte Sehenswürdigkeit des Ortes ist die Klosterkirche zu F-ürstcufeld, kaum einige Hundert Schritte von Brück entfernt. Dieselbe hat eine bewunderungswürdige Fagade von dreifacher Säulcnordnung und ist von dem Italiener Fiscati 1718—1741 erbaut. In derselben befinden sich, wie schon erwähnt, die Kolossal- statnen Herzog Ludwigs des Strengen und Kaiser Ludwigs des Bayern. Die Altäre weisen werthvolle Oelbildcr und treffliche Bildliaucr-Arbeiien auf, während die Wände des imposanten Gewölbes reiche und kunstvolle Stucca- tnren zieren. SehcnZwerth sind außerdem noch die prachtvolle Orgel und in der Sakristei ein Oelbild, die Enthauptung der Maria von Brabant darstellend. Vom Kirchthurm aus genießt man einen herrlichen Ausblick. Die ehemaligen Klosterrüume dienen militärischen Zwecken. So ist dort auch die neu errichtete Unterosficiersschule untergebracht. Die Pfarrkirche wurde von 1673 bis 1679 unter Pater Balduin Helm erbaut. Ihre Ausschmückung erfolgte im Laufe der Zeit. Eine gründliche Renovation erfolgte von 1814 bis 1860. Das herrliche Bild auf dem Choraltar wurde gemalt von Glink in München, jene auf den Seitenaltären von Lachn er in München. Nicht zu übersehen ist die kunstreiche Tauf- schüssel, welche in ihrem Grunde die Stammeltern im Paradiese zeigt, deren Sünde durch die Taufe genommen wird. Der schöne Gottesacker weist ein Erabmonnmcut von der Meisterhand Ludwig Schwant haler's auf. Des Besuches nicht unwcrth ist auch das Nathhaus, dessen Giebel zwei Porträimedaillons Kaiser Ludwigs des Bayern und Herzog Ludwigs des Strengen zieren, von dem jungen Ferdinand Miller der Heimathsgemeiude seines Vaters gewidmet. Was aber macht Fürsten feldbruck so besonders geeignet zu einem sommerlichen Aufenthalte? Da ist nun einmal seine hübsche Lage, die so recht in's Auge fällt, wenn man mit dem Lahnzuge von München kommt, wo einem die freundlichen weißen Häuser durch die schattigen Gärten, zahlreichen Baumgruppen und Alleen so einladend entgegen winken. Jedoch präsentirt sich Ort und Gegend auch dem, der von Maisach her die Anhöhe heruntersteigt, nicht uuvoriheilhaft, da derselbe durch die gegenüberliegende, Zum größten Theile bewaldete Hügelreihe ein mehr abgeschlossenes Bild erhält. Der Hauptanziehungspunkt für Bruck sind und bleiben aber die Amperbäder. Soll ein Flußbad die Anforderung erfüllen, welche man von einem heilkräftigen Wasser erwartet, so muß dasselbe frisch und möglichst rein fließen, soll keine Härte besitzen, sondern mild und weich sein. Neben diesen hervorragenden Eigenschaften soll die Bewegung desselben nicht zu reißend, aber auch nicht zu träge sein und seine Temperatur sich ziemlich gleichmäßig zwischen 14—18" II. halten. Diese Vorzüge vereint die mit Recht gepriesene Am per in seltenem Maße. Während ihres Laufes durch den Ammersee sinken die überschüssigen Mineraltheile, welche der kohlensaure Ge- birgsquell enthalten hatte, zu Boden, der Fluß verliert dadurch seine Rauhigkeit und Härte und wird auf diese Weise zu einem so vortrefflichen Badewasscr umgestaltet. Auch die frühere kalte Temperatur hat sich durch die Mischung des SeewasserS ausgeglichen,, ohne daß die Ampcr die durch den kohlensauren Gehalt bedingte Frische verloren hätte. Ihre Temperatur beträgt im Anfange des Monats Juni meist 14° II., steigt in den heißesten Sommertagen bis zu 18 und 20 Grad, während sie gegen Ende des Monats September selten unter 14° L. sinkt. Auf ihrem dreistündigen Lause vom See bis nach Bruck wälzt die Ampcr ihre smaragdgrünen Wogen über Sand und Kicsgerölle, weßhalb ihre Reinheit und Helle immer zunimmt, während sie aber auch ihre nicht zu rasche Strömung beibehält. In ihrem weiteren Laufe dagegen nimmt die Amper die Zuflüsse aus den sie begleitenden Moorgründeu auf und erhält dadurch den Charakter und die Temperatur eines Gewässers des Flachlandes. Aber auch die klimatischen Verhältnisse von Bruck sind dazu angethan, die wohlthätige Wirkung einer Flnßbadekur günstigst zu beeinflussen. Die hohe Lage des Ortes, welcher sich 1730 Fuß über die Mccressläche erhebt, die Nähe des Gebirges, die ihn rings umgebenden Harzdustenden Waldungen und die reiche Vegetation bedingen eine sehr reine und gesunde Luft, welche im Hochsommer durch die frischen Wogen der grünen Amper angenehm gekühlt wird. Weder Fabriken noch schädliche Handwerke verpesten die Atmosphäre; der durchlässige Kiesboden unter der Hnmusschichte verhindert die Ansammlung übermäßiger Feuchtigkeit. Dazu kommt noch, daß Bruck schöne und gut eingerichtete Gasthäuser, welche der Nähe der Hauptstadt wegen alle Ansprüche zu befriedigen im Stands sind, zahlreiche hübsche Privatwohnungen und Zimmer und recht einladende Gärten und Sommerkeller besitzt, in welch letztem es immer munter hergeht, wie denn überhaupt in Bruck ein reges, geselliges Leben herrscht. Dabei sind die überall geforderten Preise anerkanntermaßen mäßig, das, was aber an Verpflegung geleistet wird, gut. Auch für geistige Nahrung ist gesorgt, welche daS von Beamten und Bürgern gegründete „Lesezimmer" in reichlichem Maße bietet. Mehr als dreißig Zeitungen, Journale und Blätter jeder Richtung liegen auf, während eine ziemlich umfangreiche Bibliothek belletristischer und gemeinnütziger Werke auch jedem Fremden gegen geringe Vergütung zu Gebote steht. Die Umgegend ist Zwar ländlich, aber reizend. Reinlich bekicste Wegs durchschneiden die blumigen Wiesen und die schwellenden Felder. Der Verschönerungsvereiu hat auch an lauschigen Plätzchen oder gewählten Aussichtspunkten reichlich für Ruheplätze gesorgt. Solche Plätzchen sind: das „Emeringer Hölzl" mit seinen mächtigen Eichen, der Maisach er und Lind ach er Hart, welche Bruck im weiten Kreise umspannen und kühlenden Schatten und würzigen Tannenduft bieten, während in den Hängen der Kloster- und Nicola- lcithen die Kühle des Buchenwaldes zum Erquicken unwiderstehlich einladen. Viele derselben gestatten auch eine liebliche Fernsicht, während man in dem fünf Viertelstunden von Bruck entfernter: GermunAberg ein weit- — 887 reichendes Gebirgspanorama vor sich hat. Vorn Watz- mann bis zürn jähen Abstürze der Zugspitze und vorn Sailing bis zum Grünten reihen sich Berge an Berge, ragen Zacken und Spitzen, Hörner und Kuppen wie aus einem blandustigen Moore. Im Vordergründe wechseln Kirchen, Weiler und Bauernhöfe, umrahmt von dunklen Forsten und wellenförmigem Hügellande, über welchem im Waldesgrün das herrliche Andechs thront. Letzteres selbst ist leicht erreichbar, wenn man mit der Eisenbahn nach dem nahen Grafrath und von dort mit dem Dampfer auf der Amper und dem Ammersee nach Hcrsching fährt, von wo aus man zu dem hochgelegenen Kloster zu Fuß in einer Stunde gelangt. Aber auch wer den Geist der Sage zu sich sprechen lassen will, der findet da und dort Anregung, so z. V. auf dem nahen Osterberg, dessen Hain einst der Göttin Ostara geweiht war, oder in Buch, der einstmaligen Wohnstätte der seligen Königstochter Edigna, welche da am 26. Februar 1109 starb und deren vom Volke hoch verehrte und in Sagen gepriesene Reliquien sich daselbst noch vorfinden, oder weiter weg bei Schöngeist« g, dem einstigen Sommersitze Orlando di Lasso's, im Mühlhardt, wo sich in Mitte von Hunderten alter Grabhügel zwei heidnische Opfersteine befinden, welche einst von dem Blute der den Göttern geschlachteten Menschen und Thiere rauchten. Noch ist das von Bruck in zwei Stunden erreichbare Schloß Weihern zu erwähnen, welches wegen seiner herrlichen Gemälde- und Kunstsammlungen, dann wegen seiner weit bekannten Musterwirthschaft eine wahre Perle der Umgegend ist. Zuletzt nicht zu vergessen das liebliche Seefeld mit seinen herrlichen Anlagen und Alterthnmsschätzen, das allen Fischliebhabern wohlbekannte Walchstadt, welch beide Orte von der Station Türkenfeld aus besucht werden können. Schließen wir mit den Worten von Hart mann's Schriftchcn „Bruck und die Ampcr-Bäder", denen wir völlig beipflichten: „Somit dürfte genug des Beweises sein, daß Bruck viele Vorzüge in sich schließt und reiche Quellen reinen Genusses bietet, welche nicht nur die Reize eines Landaufenthaltes erhöhen, sondern sogar die Freuden und Genüsse des Stadtlebens leicht vergessen lassen, weßhalb ganz wahrunsergemüthlicherK o bell singt: „Geht Einer aut's Land 'naus, Betracht' die Natur, So kehrt er mit Unwill'n Zur städtische» Flur!" --- Eine kleine Neger-Heldin in der Neligions- Versolgrrng. - (Nachdruck verboten.) ES ist ein gar rührendes und exemplarisches Ge- schichtchcr?, welches wir da in Kürze erzählen wollen. Man wird sich wohl noch des unerhörten Verso!- gungskriegcs erinnern, der im Sommer 1892 im afrikanischen Neger-reiche gegen die dortigen Katholiken (bekehrten Eingeborenen) von Seite der dortigen „Protestanten" — Neger-Christen der „anglikanischen" Kirche — stattgefunden hat. Bei dieser Verfolgung haben die armen Katholiken, selbst die Kinder mit außerordentlich wenigen Ausnahmen, einen Glaubensmuth und eine Stand- hafligkeit bewiesen, welche bewunderungswürdig sind. Es war am 24. Januar 1892, an dem Tage, an welchem der über alle Maßen traurige Krieg losbrach. als ein Negermädchen, das noch nicht 10 Jahre alt war, sich zu den Missionären nach Rnbaga bei der Hauptstadt flüchtete. Es befand sich bei den Missionären mitten in den Flammen, welche die Mission verzehrten, und erhielt vom apostolischen Vicar, Bischof Msgr. Hirth, selbst die heilige Taufe, gerade in einer Zeit, in welcher die Missionäre ihre lctzle Sttmde, ihren letzten Augenblick gekommen glaubten. Das arme Kind folgte dann den Flüchtenden — versteckt unter der Scham von Frauen und Kindern, welche in ihrer Verzweiflung an die Missionäre sich hingen. So folgte es auch auf der Flucht nach der Nyauza-Jnsel Bulingugc. Auf dieser war am 30. Januar 1892 das furchtbare Blutbad, das den Katholiken so viele Menschenopfer kostete. Mit diesem SchrcckenStage war den Missionären die kleine Negerchristin aus dem Gesichtskreis gekommen. Das arme, verlassene Kind war am Leben geblieben, aber in Gefangenschaft gerathen und Sklavin eines protestantischen Negers geworden. Es weinte bitterlich und glaubte, die Missionäre feien alle um's Leben gekommen. Sein Herr wollte das Mädchen mit Gewalt dahin bringen, sich als Protestantin zu erklären. Es war in der katholischen Religion wohl noch nicht gründlich unterrichtet; aber — so viel wußte es, daß die Aufnahme in die katholische Kirche, welche ihm zu Theil geworden, zwischen ihm und dem Manne, der sich seinen Herrn nannte, eine tiefe Kluft gebildet hatte. Darum vermochten weder die rohcstcn Beschimpfungen, noch die härtesten Schläge den Willen der kleinen Bekennen» zu beugen; sie erklärte sich nicht als Protestantin. Sie trug die Hoffnung, entfliehen zu können. Ihr Herr merkte, daß er auf diese Weise nichts erreiche; auch befürchtete er, es werde ihr bei ihm in der Hauptstadt das Entfliehen möglich. Sie mußte fort, in eine ihr ganz unbekannte Gegend — und wo sie unter größerer Aussicht stehe. Und so brachte er das Mädchen gen Westen, bis an die Grenze von Unyoro. Dort hatte er eine Besitzung. Da konnte das kleine Wesen — ganz verloren in einer wildfremden Gegend — nicht an Flucht denken. Uebcraus traurig, ergab es sich in sein Schicksal. In den Vanancnpflanzungcn mußte cS mit protestantischen Sklaven arbeiten. Diese Sklaven verspotteten fortwährend das arme Kind, schimpften es nwxapa," — d. h. Püpistin, und „mu Eäali" — d. h. Medaillcn-Anbctcrin — u. s. w., und quälten und mißhandelten es, weil es nicht au ihrem Gebete thcil- nehmen wollte. Trotzdem und allcdcm blieb die Kleine standhaft. Dieses harte Leben dauerte 15 Monate. Gott erbarmte sich der kleinen Bekennen», die man umsonst durch Schläge zum Abfall zu bringen versuchte. Ihrem Herrn war die Sklavin in seiner Vanancnpflanznng zu Mengo, der Hauptstadt Uganda's, gestorben und glaubte er nun die kleine Katholikin für die leer gewordene Stelle gut verwenden zu können. Dabei muß ihm der Gedanke an ein Entfliehen der Kleinen ganz außer Acht gekommen sein. Der Herr holte also die Sklavin und wies sie ein in ihren neuen Dienst. Sofort kam ihr wieder der Gedanke zur Flucht. Wohin? Das bedachte die arme Waise nicht. Es war, als ob der nicht fern von ihr liegende „heilige Hügel von Nubaga", wo so viele jugendliche Märtyrer schliefen, wie magnetisch sie fortziehe. Und so nahm sie sich denn „ein Herz" und entfloh schon am zweiten Tage nach ihrer Ankunft. Zunächst suchte 388 — sie ein Versteck in dichten Dornbüschen. Von dort aus spähte sie hinaus auf die Vorübergehenden, um zu sehen, ob Jemand eine Medaille oder einen Rosenkranz trage. Ihr Forschen war resultatlos; das machte sie überaus traurig. Waren denn alle Katholiken umgebracht! So verblieb sie in ihrem wilden Versteck ohne Nahrung und bei kalten Nächten! Da wagte sie sich endlich eines Abends aus den Dornbüschen heraus und schlich sich bis zum Fuße des Hügels von Nubaga, auf welchem die katholische Missionsstation (die erste, älteste und vor dem Kriege die faktische Hauptstation von ganz Uganda) war. Hier nun bemerkte das Mädchen eine Frau, welche ihren Rosenkranz um den Hals geschlungen trug. Sofort stürzte das Mädchen auf die Frau zu und rief schluchzend vor Freude: „Ich bin auch eine Katholikin! Ich bin inmitten der Flammen getauft worden! O, sag' mir doch, sind andere Patres gekommen für die, welche man in Bulinguge ermordet hat?" Die katholische Frau sagte der Kleinen, die Patres seien noch am Leben, nahm das Mädchen zu sich und brachte es zu den Missionären auf Rubaga. Das Mädchen hatte eine unbeschreibliche Freude, als cS die guten Väter wieder sah. Nachdem sie die standhafte Kleine getröstet und erquickt hatten, übergaben sie dieselbe einer katholischen Familie zur Obhut. Is. - - — — - - ALLevLei. Was ist Amerika? Ein Schweizer Journalist beantwortet diese Frage in folgender knapper Form: „Amerika ist ein Land, mit dem verglichen Europa nur eine kleine Halbinsel ist; die Vereinigten Staaten bedeuten ein Staatswesen, mit dem verglichen die europäischen Reiche als Kleinstaaterei anzusehen sind. Amerika ist das Land der angemessenen Räume und Dimensionen, das Land des Dollars und der Elektrizität, das Land, wo die Ebenen ausgedehnter, die Flüsse mächtiger, die Wasserfälle tiefer, die Brücken länger, die Blitzzüge schneller, die Katastrophen schauerlicher sind, als in irgend einem anderen Land der Erde, — das Land, wo bei einem einzigen Eisenbahnunfall alle Tage mehr Menschen umkommen, als in ganz Europa in einem vollen Jahre; das Land, wo die Häuser höher, die Spitzbuben zahlreicher, die Reichen reicher, die Armen ärmer, die Millionen großer, die Diebe frecher, die Mörder ungenirter, die Gebildeten seltener; das Land, wo die Zähne falscher, die Corsets enger, die Krankheiten tödlicher, die Korruption allgemeiner, der Spleen raffinirter, die Verrücktheit syste- matischer, der Sommer heißer und der Winter kälter, das Feuer wärmer und das Eis gefrorener, die Zeit kostbarer und die Menschen gehetzter sind, als in unserm schäserhasten Europa; das Land, wo die Greise jünger und die Jünglinge greisenhafter, die Mohren schwärzer und die Weißen gelber sind als sonst irgendwo; das Land der unermeßlichen Naturreichthümer und der großartigsten Nanbsucht der Menschen. Kurz und gut: das Land der außerordentlichen Gegensätze, der fabelhaftesten Extreme, der wahnwitzigsten Ueberhebung, der rücksichtslosesten Dollarjagd und unsinnigsten Erwerbswuth, das Land des Kolossalen und Pyramidalen — natürlich nach den Begriffen des Amerikaners." Am Grabe AlvlMS Maria Raüsboime's. nMsorlcoi'üiLs vowilll iu »otornuw ca>iN!wo Psalm LS. »Dir Erbarimmgm dkS Hcrrn will ich singliunEwiMtN Nie kannt' ich Dich, noch Deine Lebensfährte, Doch ewig bleibst Du mir in's Herz geschrieben: Solch' ouscrwähltcil Mann, ich muß ihn lieben, Dem Gnade ohne Gleichen Gott gewährte. Du warst es. der einmal auch mich bekehrte: Nach eines Strauß und Darwin wüster Zchrung, Da war Dein Wunder himmlische Beschecrung, Und ich vergaß den Jammer dieser Erde. Dich hielt fortan als Heil'gen ich in Ehren: Wer hier gekostet schon des Himmels Wonne, Nie wird Der noch der Erde Tand begehren! Dich lad' ich auch, daß ich Erbarmen finde, Zu meinem Sterben! Daß der Herr mich schone, Befehl' ich Dir mich, dem Maricnkindc! *) Traunstein. Uasner. A. M. RatiSbonne ist geboren und gestorben im Marien- monat Mai: 1. Mai 1814 — 6. Mai 1884 — aber in weit höherem Sinne und Grade Marienkind durch seine geistige Wiedergeburt in Folge der wunderbaren Erscheinung. D. O. Httttiuelsschau im Monat Juli. —X. Venus ? geht als Morgenstern 2 Std. 15 Min. vor der Sonne auf und steht am 20. gegen einen Grad südlich von Jupiter. Mars F ist noch rechtläufig im Sternbilde der Fische und geht anfangs nach, später vor 11 Uhr nachts auf. Jupiter ist nur schwer sichtbar am Morgen- himmel. Saturn H steht in der Jungfran, geht anfangs 12 U. 15 M. zuletzt 10 U. 15 M. abds. unter. In der Nähe des Mondes befinden sich am 2. und 29. Jupiter; am 9. Saturn; am 24. Mars; am 30. Venus. Spika wird am 10., Antares am 14. vom Monde bedeckt. ! i k s KVerrZräthsel. 1 2 4 Vierbeinig siehst du 1 und 3, SechSbeinig 3 und 4, Won 3 und 2 giebt's mancherlei, Bei Tiscke mundet'S dir. 1 4 wachst draußen auf dem Feld, Es nährt so Mensch wie Thier, Gedeiht cö, hat der Bauer Geld, 4 2 siehst du an dir. Lösung der Schachaufgabe in Nr. 48: Weiß. Schwarz. 1. K. 66-65 : 2. T. §3 L6 ! rc. «-SSWLS--