^L51. 1894 . „Augsburger Postzeitung". Diustag, den 26. Juni Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttlcr). Zm Laune alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) V. „Es darf Sie nicht genieren, Herr Baron, wenn unsere Fahrt uns in Geschäftslokale führt, die ein anständiger Mann nur höchst ungern betritt." „Und wohin fahren wir?" „Wir machen die Runde bei verschiedenen Pfandleihern, die mehr oder weniger im Verdachte der Hehlerei stehen. Wenn wir Glück haben, so finden wir Uhr oder Kette oder beides bei einem derselben." Dieses Gespräch fand in einer Droschke statt, in welcher der Baron von Sturen mit einem in Civil gekleideten Kriminalbeamten saß. Er hatte den an ihm verübten Diebstahl der Kriminalpolizei gemeldet und eine genaue Beschreibung der vermißten Gegenstände zu Protokoll gegeben. Daraufhin wurde einer der Beamten beauftragt, den gestohlenen Gegenständen nachzuforschen, und dem Baron anheimgestellt, ihn zu begleiten, um günstigen Falles sein Eigenthum sogleich recognosciren zu können. „Wird ein Geschäftsmann aber Werthsachen, die er mit seinem Gelde bestehen oder gekauft hat, gutwillig herausgeben?" fragte Wolfgang den Beamten während der Weiterfahrt. „Vor der Kriminalpolizei streckt jeder Pfandleiher ohne Weiteres die Waffen. Auch wird er sich wohl hüten, auf einen Gegenstand von größerem Werthe Geld herauszurücken, wenn er es nicht mit einem ganz vertrauenswürdigen Kunden zu thun hat. Erscheint ihm dieser verdächtig, so giebt er keinen Heller her, bis der Gegenstand in andere Hände gewandert ist. Oft sind die gestohlenen Sachen, noch ehe die Polizei vom Diebstahle Kenntniß hat, schon wohlverpackt auf dem Wege zu einem auswärtigen Trödler. Hätten Sie uns gleich gestern Abend von dem Diebstahle Anzeige gemacht, Herr Baron, so konnten wir sofort Nachforschungen in den Verbrecherklappen anstellen und jeden durchsuchen, ! den wir dort fanden." ^ „Man sagte mir, die Bureaux der Kriminalpolizei seien bereits geschlossen," entgegnete der Baron, „doch würde ich . . ." „Wir sind zu jeder Stunde der Nacht zu haben," unterbrach ihn der Beamte lächelnd. „Doch würde ich in einem gewissen Weinlokale den Kriminalkommissär Nuglisch treffen." „Nuglisch?" fiel ihm der Beamte wieder in's Wort. „Es giebt in ganz Berlin keinen einzigen Kriminalbeamten, der Nuglisch heißt. Wer hat Ihnen so etwas gesagt, Herr Baron?" Wolfgang erzählte die Begegnung mit dem Assessor, und da sein Begleiter ihm immer neue Fragen vorlegte, so berichtete er nach und nach alles, was sich in der Weinstube zugetragen hatte. Auch das Kartenspiel, an welchem er theilgenommen hatte, mußte er genau beschreiben. Der Beamte hörte aufmerksam zu, ohne mit einer Miene zu zucken. Dann sagte er: „Herr Baron! Sie sind von einem Spitzbuben an den andern gerathen. Der junge gefällige Mann, der sich Ihrer so hilfreich annahm, war ein abgefeimter Gauner, so gut wie jener, der Ihnen Uhr und Kette abnahm. Haben Sie noch nie von den Berliner „Bauernfängern" gehört?" Der Baron fuhr betroffen zurück. „Oft genug schon. Aber wäre es denkbar, daß . . ." „An solche sind Sie leider gerathen," fuhr der Beamte fort. „Jener angebliche Assessor war ein sogenannter „Schlepper", dessen Aufgabe es ist, auf geeignete Opfer zu fahnden und diese unter plausiblem Vorwand in das Nest der „Habsburger" zu schleppen. Die drei würdigen Herren waren seine guten Freunde." „Da habe ich freilich ein etwas hohes Entrse für eine gut gespielte Komödie bezahlt," lächelte Wolfgang, mehr über sich selbst belustigt als ärgerlich. „Und wie mag wohl dieses famose Spiel heißen?" „Sie haben mit jenen Herren „Kümmelblättchen" gespielt, Herr Baron. Doch da sind wir bei unsrer ersten Etappe angelangt." Er klopfte an das Fenster hinter dem Kutscher. Die Droschke hielt. „Nückkaufsgeschäft von Moses Nathansohn," lautete die verwitterte Firma über einer unscheinbaren schmalen Ladenthür. Der Baron trat mit seinem Begleiter in den Laden. Nathansohn stand hinter einer Ladentafel. Er war ein hagerer Mann mit gelbem Gesicht und schwarz und grau melirtem, nachlässig sich lockendem Haar. Das spitze Kinn lief in einen Zwickelbart aus; die stark gebogene Nase, die kleinen, dunkeln, glänzenden Augen vollendeten das orientalische Gepräge. Als er den ihm wohlbekannten Kriminalbeamten erblickte, funkelte in den kleinen Augen etwas wie Uebe raschung und Mißvergnügen auf. „Na, Nathansohn," redete ihn in cordialem Tone der Beamte an, der einen scharfen Blick auf ihn geworfen hatte, „Ihr habt etwas für mich. Soll ich rathen? Eine goldene Uhr etwa?" Das Wort traf den Juden wie ein Hieb. „Eine goldene Uhrl" wiederholte er, die Hände zusammenschlagend, in einem schmerzlich vorwurfsvollen Tone, daß der Beamte sich gleich so hoch versteige. „An einer goldenen Kette?" rieth der andere weiter. „Ich schwör's beim gerechten Gott über mir," rief jetzt der Jude, die Hände gen Himmel schüttelnd, „daß ich hab' keine goldene Kette!" „Nun, ereifert Euch nur nicht, Nathansohn. Ich glaube Euch ja. Der Herr Baron hier ist schon mit der Uhr zufrieden. Gebt sie heraus!" Nathansohn wandte sich jetzt an Wolfgang. „Wie soll die Uhr aussehen?" fragte er diesen mit einem durchbohrenden Blicke des Mißtrauens. Es war ein letzter Strohhalm von Hoffnung, an den er sich anklammerte. Der Kriminalbeamte lächelte. Der Baron beschrieb Gehäuse und die Art der Arbeit auf's genaueste. Nathansohn stieß einen Seufzer aus, dann ging er in gebrochener Haltung nach einem kleinen Hinterzimmer. „Wir können von Glück sagen, Herr Baron, daß wir's gleich auf den ersten Wurf getroffen haben," bemerkte der Beamte. „Nathansohn wird sich jetzt da drinnen die Haare ausraufen, daß die kostbare Uhr noch nicht auf dem Wege nach Hamburg oder Leipzig ist." Es währte eine gute Weile, ehe der Jude zurückkam. Er mochte wohl in seiner Klause mit dem Pracht- stück noch ein wenig liebäugeln und blutenden Herzens den Gewinn berechnen, den es ihm hätte bringen können. Endlich kam er, langsam und schlotternd. Er hielt das eorpnL äslioti in beiden Händen, die obere über der unteren zusammengeschlossen. „Was für Zahlen sind auf dem Zifferblatt?" in- quirirte er den Baron, die Hände noch fest übereinander schließend. „Römische oder deutsche?" „Es sind römische Zahlen," antwortete Wolfgang. Der letzte schwache Hoffnungsschimmer war erloschen. Die rechte Hand des Juden, welche die Uhr bedeckt hielt, sank wie eine Hülle herab, und auf der flachen Linken lag Wolfgangs prachtvolles Erbstück. „Nathansohn," sagte der Krimtnalbeamte mit einem siegreichen Lächeln, „diesmal seid Ihr nicht früh genug aufgestanden." Da aber kamen alle bisher zurückgedrängten Gefühle des Juden, die schmerzliche Entsagung und das Bewußtsein, dem eisernen Zwange der Pflicht gehorcht zu haben, zum Ausbruch. „Herr Cowmissarius!" rief er mit blitzenden Augen und die bebende Hand vor die Brust schlagend, „Mo ses Nathansohn ist ein ehrlicher Mann!" „Daran zweifelt niemand, Nathansohn," entgegnete der Beamte, den Aufgebrachten beschwichtigend auf die Schulter klopfend, „ich weiß, daß Ihr ein Ehrenmann seid, welcher seine Pflicht kennt, ich weiß auch, daß Ihr die Uhr nicht angenommen habt, ohne vorher Einsicht in die Legitimation des Ueberbringers zu nehmen, schade nur, daß die Legitimation selbstverständlich gefälscht oder gestohlen war." Der Jude machte eine bedauernde Handbewegung, als wollte er sagen: „Dafür kann Moses Nathansohn nicht!" Mit verbindlichem Lächeln kam er jetzt, die Hände reibend, hinter seinem Ladentische vor und schritt auf Wolfgang zu. Sein Wesen war völlig umgewandelt. „Wollen der gnädige Herr Baron nicht die Gefälligkeit haben," redete er diesen an, ein tiefes Kompliment machend, „mir Ihre Adresse zurückzulassen? Man kann nicht wissen, ob nicht einer auch noch käme mit dem schweren goldenen Uhrkettchen. Ich könnte dann den gnädigen Herrn Baron sogleich benachrichtigen." Wolfgang nannte ihm seinen Namen und sein Hotel. Des Pfandleihers tiefe Bücklinge wollten kein Ende nehmen, als Wolfgang mit seinem Begleiter der Ladenthür zuschritt. Sogar bis an die Droschke folgte er ihm, stolze Seitenblicke versendend, ob die Nachbarn auch sähen, welch' vornehmen Besuch Moses Nathansohn gehabt hatte. „War mir eine große Ehre, Herr Baron, eine sehr große Ehre!" rief er noch dem Einsteigenden nach und schien, während der Wagen sich in Bewegung setzte, in einem tiefen Bückling erstarrt zu sein. „Nathansohn wird Sie jedenfalls heimsuchen," sagte der Kriminalbeamte, „um Ihnen vorzuschwindeln, er habe an der Uhr viel Geld verloren. Lassen Sie sich nicht breitschlagen, Herr Baron!" VI. Als Wolfgang einige Stunden später in seinem Zimmer beschäftigt war, die Berichte seiner beiden Gutsverwalter zu lesen, klopfte es leise an seine Thür. Es war die Gestalt Moses Nathansohn's, der sich in demüthig gebeugter Haltung hereinschob. Wäre nicht der Zwickelbart gewesen, der das Gesicht des Hebräers nach unten so eigenthümlich zuspitzte, daß dem Baron schon vorher unwillkürlich der Vergleich mit einem Papierdrachen gekommen war, er würde den Eintretenden nicht gleich wieder erkannt haben. Der Pfandleiher trug schwarze Kleidung, dazu tadellose Wäsche, deren blendende Weiße die übermäßig langen Manschetten wahrscheinlich mit Fettschrift hervorheben sollten, eine Krawatte von himmelblauer Seide, auf welcher eine Busennadel wie ein grünes Hundeauge funkelte; mit der rechten Hand strich er wie liebkosend einen niedrigen feinen Cylinderhut, um den Glanz noch zu erhöhen. Er verneigte sich fast bis zur Erde. „Nun, Herr Nathansohn," empfing ihn Wolfgang lächelnd, „ist Ihnen schon etwa die goldene Uhrkette in's Revier gelaufen." „Nein, gnädigster Herr Baron," antwortete der Jude, fortwährend in einem Cyclus unterwürfiger Verbeugungen begriffen, „'s is noch keiner mit dem schweren Kettchen gekommen, und 's wird auch keiner mehr kommen." Wolfgang wollte den Besuch des Pfandleihers möglichst abkürzen und sich und ihm eine weitschweifende Einleitung ersparen. „So sind Sie gewiß gekommen, Herr Nathansohn," sagte er, „um mir mitzutheilen, daß Ihnen durch die Herausgabe meiner Uhr ein Verlust erwachsen ist." „Nein, Herr Baron, deßhalb bin ich nicht gekommen." In der Art, wie er die Hände beschwörend auf'S Herz legte, sowie in dem erhabenen Lächeln, womit er Figaro doctrt. Nach dem Gemälde von A. Bihari. 392 die Bewegungen begleitete, lug etwas Pathetisches. „Wenn Moses Nathansohn verliert sein Geld, so is das seine Sache," fügte er hinzu. Er trat mit einer gewissen Feierlichkeit näher heran, zog ein Etui von Maroquin aus seiner Brusttasche, legte es geöffnet auf den Tisch, an welchem der Baron saß, und zeigte auf ein Paar sehr schöner Brillantohrringe. Nathansohns Augen selbst strahlten vor Vergnügen, wahrend sie bald auf dem Schmucke, bald auf dem verwunderten jungen Manne weilten. „Sehr schön," sagte dieser, „in der That wunderschön! Aber was soll ich damit anfangen?" „So vornehme junge Herrn, wie der Herr Baron," sagte der Jude mit schlauer Miene, „können immer Brillantohrringe brauchen. Jede Dame, der Sie wollten machen ein Geschenk damit, würde sagen: Gott, was sind se schön! Und der Herr Baron sollen haben die Sächelchen spottbillig." „Herr Nathansohn," entgegnete Wolfgang, „selbst wenn ich diesen Schmuck brauchen könnte, würde ich mich doch bedenken, ihn zu kaufen; es ist mir ja zur Genüge bekannt, daß Sie ein ehrlicher Mann sind; aber können Sie denn selbst wissen, ob die Person, von der Sie diesen Schmuck haben —" „Ich verstehe den Herrn Baron," nickte Nathansohn, die Augen schließend, „ich verstehe! Aber ich kann Sie versichern, daß Sie sind im Irrthum. Die Sächelchen sind nicht mein. Ich verkaufe sie für einen Andern." „Wirklich?" fragte Wolfgang, „wäre es wohl in- discret, wenn ich frage, wem die Ohrringe gehören?" „Sie gehören einer so schönen jungen Dame, wie's vielleicht giebt keine zweite in ganz Berlin," versetzte Nathansohn. Die Dame sei aus guter Familie, erzählte er, die Eltern seien todt, und das Wenige, was sie hinterlassen, habe der um zwei Jahre ältere Bruder durch- gebracht. Die Dame ernähre sich durch Zeichenunterricht und müsse dabei auch für den Unterhalt ihres Bruders sorgen, der ein vollendeter Taugenichts sei. Da ihre dürftigen Einnahmen hierzu nicht ausreichten, so sehe sie sich endlich genöthigt, diesen Schmuck, das letzte theure Andenken an ihre Mutter, zu veräußern. „War die Besitzerin dieser Ohrringe selbst bei Ihnen?" wollte Wolfgang wissen. „Sie hat mir gebracht die Dingelchen in eigener Person," nickte der Pfandleiher. „'s war das erstemal, daß ich se hab' gesehen. Das Jüngelchen kenn' ich schon lange, es hat mir verkauft von dem Hausrath ein Stück nach dem andern." Wolfgang war entschlossen, den Schmuck zu kaufen, den jungen leichtsinnigen Mann aufzusuchen und zu sehen, ob er durch ihn nicht etwas für die Schwester thun könne „Ich bin nicht abgeneigt, Herr Nathansohn, das Geschäft mit Ihnen gleich abzuschließen," erklärte er, indem er zugleich die Absicht hatte, dem Juden auf den Zahn zu fühlen, „doch müßte ich die Bedingung stellen, daß Sie mir Namen und Wohnung des jungen Menschen angeben. Ich möchte ein paar Worte über seine Angelegenheiten mit ihm sprechen." „Hab' ich mir doch gleich gesagt heute Vormittag, als der Herr Baron mir die große Ehre erwiesen, — Moses Nathansohn, hab' ich mir gesagt: Du hast gefunden den Engel, der dem armen schönen Fräulein aus ihrer grausamen Noth hilft. Warum soll ich dem Herrn Baron nicht sagen wie se heißt und wo se wohnt mit ihrem Bruder, dem leichtfertigen Jüngelchen?" „Schreiben Sie mir die Adresse auf, Herr Nathansohn," erwiderte Wolfgang, indem er dem Besuche Schreibmaterial hinschob, „und nennen Sie mir den Preis der Ohrringe." Der Jude nannte den Preis, wobei er den Baron mit einem prüfenden, berechnenden Blick aus seinen kleinen, lüstern glänzenden Augen ansah. Als dieser sich erhob, um nach seiner Cassette zu gehen, schrieb Nathansohn die Adresse des Geschwisterpaares mit großer Umständlichkeit nieder. Wolfgang zählte ihm die geforderte Summe hin. „Gott vergelt's dem Herrn Baron tausendmal!" dankte Nathanson wie für eine ihm erwiesene Wohlthat und strich unter wiederholten Verneigungen die blanken Goldstücke schmunzelnd ein. Er wandte sich zum Gehen. „Wenn der gnädige Herr Baron sonst 'was brauchen," sagte er, auf dem Wege zur Thür mehrmal stehen bleibend. „Junge, vornehme Herren sind oft Freunde von Alterthümern, da hab' ich zum Beispiel," begann er an den Fingern herzuzählen, „eine echte Damascenerklinge, die noch aus der Zeit Timur's stammt, — eine altgriechische Vase von der Insel Melos —" „Gut, gut, Herr Nathansohn," unterbrach ihn lächelnd der Baron, „sollte plötzlich der Geist der Antike über mich kommen, werde ich Sie um einige Citate aus Ihrem Kataloge bitten. Augenblicklich bin ich noch zu sehr mit der Gegenwart beschäftigt." Noch einmal krümmte sich die Gestalt Moses Nathan- sohn's an der Flügelthür zu einem tiefen Kompliment zusammen. Dann war er verschwunden. . . . Wolfgang griff nach dem von Nathansohn beschriebenen Zettel. Straße und Hausnummer in einer Vorstadt waren darauf bezeichnet. Der Name des Geschwisterpaares lautete Nettberg. Am nächsten Vormittag begab sich der Baron nach dem ihm bezeichneten Hause, einer vielstöckigen Miethskaserne in einer weit entlegenen Vorstadt. Die Treppenfenster öffneten sich auf einen sogenannten Lichthof, der nichts als ein zwischen Vorder- und Hintergebäude eingekeilter Schacht war, wo die Luft stagnirte und das Licht nur spärlich einzudringen vermochte. Auf den Treppen balgten sich Kinder in zerfetzten Kleidern herum; auf einem der Corridore waren zwei Flurnachbarinnen in einem wüthenden Wortgefecht begriffen. (Fortsetzung folgt.) Reise-Skizze des bayerischen Pilgerzuges nach Lourdes 1894. Ll. Palästina, mit seinen hochheiligen Orten Jerusalem, Bethlehem, Nazareth u. s. w., die durch das Leben und Leiden unseres Erlösers geweiht sind, war seit 18 Jahrhunderten das Ziel von Millionen Wallfahrern; man erinnere sich nur an die Kreuzzüge im Mittelalter, wo Hunderttausende dorthin gewaltet sind. Jerusalem mit dem Oelberg, Kalvarienberg und dem Grabe des Heilandes, ist gewiß der erste Wallfahrtsort der Welt, und wird derselbe seit einigen Jahrzehnten wieder häufiger von Pilger-Karawanen besucht; vor 4 und 5 Jahrzehnten veranstaltete der Severinusverein von 393 Wien ab solche Karawanen, — später arrangirte Mon- signor Geiger in München, bayerische Pilgerkarawanen; an der 3., im Jahre 1880, hat Verfasser dieses sich betheiligt und in den Unterhaltungsblättern der Augs- burger Post-Zeitung und der Neuen Augsburger Zeitung über diese hochinteressante Reise berichtet; Heuer war nach Ostern bereits die 17. Karawane dorthin abgegangen, ab München. Außerdem veranstaltet der deutsche Palä- stina-Vercin seit 2 Jahren eine Jerusalcms-Wallfahrt. Aber nicht Viele haben 6—8 Wochen Zeit und etwa 1000 Mark zur Verfügung, die hiezu benöthigt sind. Der zweite berühmteste Wallfahrtsort der Welt ist die ewige Stadt Rom, mit den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus, dem ungeheuren St. Petersdom, und 368 Kirchen, Kolosseum, Vatikan, den Katakomben und den großen Ruinen des alten Rom u. s. w. Seit 1868, dem Jahre der Sekundiz des höcbstsel. Papstes wickelten Verkehrsmittel, Eisenbahnen, Dampfschiffe, die Ausführung der Wallfahrt in 2—3 Wochen ermöglichen, bei einem Aufwand von 150 bis 200 Mark ab Bayern, von wo 1890 ein großer Pilgerzug abging. Im Februar 1894 ist in mehreren Zeitungen (A. Postztg., N. A. Ztg., Bayer. Kurier u. a.) wieder eine Einladung ergangen zu einem zweiten bayerischen Pilgerzug seitens eines Pilger-Comites: Pfarr-Vikar A. Beyrer in Rohr, Dierektor, Pfarrer G. Hackl in Steindorf, F. Sibold in Augsburg, Kassier, C. Sontheim in Oberdorf b. B., I. Präg, Schul-Expositus in Lindach u. s. w. Es erfolgten 486 Anmeldungen zu dem Extrazug Buchloe—Lourdes für die Zeit vom 10. bis 21. April ds. Js.; drei Viertel derselben aus Bayern, ein Viertel aus andern Ländern (Württemberg, Westphalen, Schlesien, Erzh. Oesterreich, Ungarn, Körnten, Böhmen, Dyrol, Vorarlberg, Hamburg, Schweiz). Aus Bayern Immenstadl. MM ^ 7 .- 7 ./.' Pius IX., wurden öfter große Pilgerzüge arrangirt, auch 1870, zur Zeit des Vatikanischen Concils, wo auch Verfasser Rom besuchte, bis zur Sekundiz des glorreich regierenden Papstes Leo XIII. und dessen Bischofs-Jubiläum 1893, weshalb der damals geplante Lourdcs-Pilgerzug verschoben wurde. Tausende von Katholiken Deutschlands sind bereits nach Rom gereist, um dem hl. Vater den Tribut ihrer tiefsten Verehrung zu zollen. Nach Jerusalem und Rom ist der dritte berühmteste Wallfahrtsort der Welt in Süd-Frankreich die Stadt Lourdes in den Pyrenäen, dorten der Felsen der Massabielle mit seiner Grotte, dem Erscheinungsorte der „Unbefleckten Empfüngniß", wie sie selbst dem begnadigten Hirtenmädchen Bernadette Soubirons 1854 sich geoffenbart hat. Diese Grotte, die herrliche Basilika auf dem Felsen, mit ihrer Krypta-Kirche und der vorgebauten Rosenkranz- kirche, ist das Ziel von Hunderttausenden Wallfahrern gewesen und wird es bleiben, zumal unsere so sehr ent- waren vertreten: München, besonders Augsburg mit Umgebung (Lechhausen, Friedberg, Oberhausen, Kriegshaber, Merching, Laimering,Derching, Biberbach). Aus Schwaben mehrere Städte: Kempten, Kaufbeuren, Jmmenstadt, ferner Sonthofen, Wertach, Oberdorf b./B., Wiggensbach, Seeg, Hindelang, Langerringen, Mödingen, Kettershausen, Schretzheim, Maihingen u. s. w.; ferner aus Oberbayern: Traunstein, Wasserburg, Ließen, Weilheim, Aibling, Freising, Schrobenhausen, Wolnzach, Nosenheim, Nym- phenburg, Miesback; aus dem übrigen Bayern: Landshut, Amberg, Würzburg, Aschaffenburg, Passau, Waldsassen, Pfarrkirchen u. s. w. Unter den Pilgern waren über die Hälfte dem weiblichen Geschlechte angehörig, Frauen, Jungfrauen, Wittwen, auch Damen höherer Stände; ferner über 30 Geistliche und Alumnen, einige Beamte, Kaufleute, Oekonomen, Ingenieurs, Handwerker, Gutsbesitzer, Privatiers, Dienstboten, Arbeiter u. s. w. Zwölf Procent Kranke und Kränkliche. Der Preis für die Eisenbahn-Billets II. Klasse ab Buchloe bis Lourdes und zurück war auf 105 Mark festgesetzt, für Billets III. Klasse 77 Mark, gewiß eine mäßige Summe für eine Bahnstrecke von 1400 Kilometer, hin und her zusammne 2800 Kilometer. Wer für sich oder mit einer Gruppe reisen will, kann ein Rundreisebillet bestellen für Schweiz und Frankreich; ebenso sind in Lyon Pilgerbillets nach Lourdes zu haben. Nachdem nun diese Pilgerreise nach Lourdes vom 10. bis 21. April mit Gottes Hilfe glücklich ausgeführt worden, möchten wir hierüber eine Reise-Skizze geben (nicht Neisebeschreibung), welche vielleicht künftigen Pilgern willkommen sein mag, aber auch Solchen von einigem Interesse sein dürfte, welche nicht selbst nach Lourdes pilgern können. Es ist wohl zu beherzigen, daß diese große, etwas beschwerliche Wallfahrt eine Bußreise, kein Vergnügungszug ist; man muß sich gefaßt machen auf verschiedene Reisestrapazen, ungewohnte Beschwernisse; auf der Hinreise war nur in Lyon Nachtlager geplant, auf der Heimreise in Einsiedeln; sonst nur bisweilen, bei großen Stationen, ein kurzer Aufenthalt; doch sind die Beschwerden in Wirklichkeit nicht so groß, als Manche meinen, wie auch unsere Mitpilger bezeugen werden! Allen wurde ans Herz gelegt: Gehorsam gegen die Leiter der Wallfahrt. Da in der Schweiz und in Frankreich demsches Geld nur mit großem Verlust angenommen wird, mußte man sich schon zu Hause mit französischem Goldgelde (den sog. Napoleons) versehen, ebenso mit Silber- und Kleingeld, bei Bankhäusern. Paßkarte war nicht benöthigt, ist aber doch anzurathen. Gepäck durfte man nur nehmen, was man selbst tragen konnte, Handkoffer, Handtasche, weil alles Uebrige als Passagiergut aufgegeben werden mußte. Außer der Reisekleidung am Leibe war uns ein Ueberrock (Shaw!) empfohlen, da das Klima in Lourdes im Frühjahre nicht allzuwarm ist, Abends öfter kühl. Auch mit Speisen für den Hinweg versahen wir uns, und leistet eine Flasche zum Wein oder Wasser gute Dienste. Es war ein bewegtes Leben in Buchloe, diesem wichtigen Knotenpunkt der Bahnlinien Lindau— München, Mcmmingcn—Augsburg, von wo auch die gemeinsame Abfahrt geschehen sollte, am 10. April. Viele, die weither gereist waren, hatten sich schon am Vorabend eingefunden und in den dortigen Gasthäusern übernachtet. Dieselben wohnten der vom Hochw. Herrn Director Morgens 5 Uhr celebrirten hl. Pilgermesse bei in der schönen Pfarrkirche, um eine glückliche Pilgerfahrt zu erbitten. Viele, so hörte man, hatten sich abhalten lassen durch die Besorgniß, es möchten sich ähnliche unliebe Vorkommnisse, wie 1890 im Bahnhof in Beziers, wieder ereignen; unsere Pilger waren voll Gottvertrauen und Muth; wohl auch im Hinblick auf den Umstand, daß den Pilgerzügen nach Lourdes, die seit 30 Jahren üblich sind, nie ein Unfall auf den Eisenbahnen begegnete; wunderbar war es, daß bei dem einzigen Zusammenstoß des Pilgerzuges von Niont (700 Fahrgäste) mit einem Expreßzuge bei Agos am 3. Juli 1876 Niemand getödtet oder schwer verwundet wurde! Die Mutter Gottes beschützt ihre frommen Kinder und Pilger. (Fortsetzung folgt.) — 1 > > > -»- Jmmenstadt. (Hiezu das Bild Seite 393.) Nach der Sage hatten da, wo jetzt auf lieblichem Plane das schwäbische Städtchen Jmmenstadt zu den Bergen aufschaut, ein paar Jmmenbauern im Schatten gewaltiger Lindenbäume ihre Wohnungen aufgeschlagen. Die Bewohner derselben trugen, weil ihr Ertrag größtentheils nur in der Bienenzucht bestand, den noch immer in dieser Gegend vielfach vorhandenen Stammnamen Jmmler, und es ist glaublich, daß von ihnen der Ort im Verlaufe der Zeit den Namen „Jmmendorf" erhalten. Urkundlich erscheint „Jmmendorf" zum ersten Male im Jahre 1269. Der eigentliche Grundherr von Jmmendorf war der Besitzer der Burg Laubenbergerstein. Wahrscheinlich wurde Jmmendorf im Jahre 1360 durch die Thätigkeit Heinrich von Montforts, Herrn zu Rothenfels, zur Stadt erhoben. Kaiser Karl IV. erlaubte dem Grafen Heinrich, die neue Stadt zu befestigen, und verlieh derselben das Recht von Lindau. Damals bestand das Städtchen außer einigen steinernen Gebäuden fast nur aus von Holz und Lehm gebauten Häusern. Der Ort war aber nicht nur durch Mauern und Gräben vor feindlichen Ueberfällen geschützt, sondern auch noch durch Schanzen oder sog. Vorwerke sehr gut gesichert. Im Jahre 1407 zogen Appenzeller, mit denen man in Fehde lag, vor Jmmenstadt, konnten es aber nicht einnehmen. Als zudem der oberschwäbische Adel sich sammelte und den Appen- zellern den Rückzug zu verlegen drohte, gaben sie die Belagerung von Jmmenstadt gänzlich auf und eilten dem Bodensee zu. Die Verfassung von Jmmenstadt während des Mittelalters war einfach. An der Spitze der Stadt stand ein Stadtammann. Neben demselben bestand ein Rath von 12 Mitgliedern, der, wie jener, von der Bürger- schaft alljährlich gewählt wurde. Zunftverfassung hatte Jmmenstadt nicht, ebensowenig ein eigenes Stadtgericht. 1422 erhielten die Grafen von Montfort-Rothenfels vom Kaiser das Privilegium, in Jmmenstadt ein Landgericht zu errichten. Späterhin wurden die Jmmenstädter steuerbare Unterthanen von Rothenfels. Mit Ende des 15. und zu Anfang des 16. Jahrhunderts stand bei den Bürgern zu Jmmenstadt Viehzucht und besonders Leinwandweberei in schönem Flor. Im Bauernkriege waren die Jmmenstädter bauernfreundlich gesinnt. Als die Bauern des Algäu's sich erhoben, stellte sich auch aus Jmmenstadt's Mauern ein Bürger als Führer an die Spitze eines ihrer Haufen, es war Konr. Laubegg. Graf Ulrich v. Montfort verkaufte die Grafschaft Rothenfels mit Jmmenstadt an den Freiherrn Johann Jakob v. Königsegg. Unter der Regierung des Freiherrn Georg v. Königsegg und seines Sohnes Hugo hatte Jmmenstadt sehr an Umfang zugenommen. 1629 wurde der Dachstuhl der Pfarrkirche aufgerichtet. 1632 im September flüchteten die meisten Bewohner des Städtchens vor den heranziehenden Schweden. Zwei Regimenter zu Pferd und ein Regiment zu Fuß brachten zwei Nächte und einen Tag in Jmmenstadt und Umgebung zu, was die Stadt 13,000 Gulden kostete. Wie unverschämt sich die Schweden in Jmmenstadt und nächster Umgebung benahmen, geht daraus hervor, daß sie 600 Stück Kühe und Ochsen hinwegführten. Dann nahmen sie noch eine großartige Plünderung vor, bei welcher mehrere Personen niedergemacht wurden. Nach dem Schwedenkciege stiftete Graf Hugo das Kapuziner- Kloster zu Jmmenstadt. Er starb im Dezember 1666 und wurde in der Klosterkirche zu Jmmenstadt begraben. Als 395 — zu den Zeiten des 30jährigen Krieges durch Raub und Verheerung der Schweden in den friedlichen Thälern des Gebietes von Jmmenstadt eine gräßliche Hungersnoth und die Pest wüthete, gab ein Priester, Konrad Frei, den Rath, öffentliche Volksbelustigungen anzustellen, um die in Trauer und Schrecken versunkenen Gemüther wieder zur Lebensfreude anzuregen. Der Rath ward angenommen und alsbald in's Werk gesetzt. Man zog mit Musik in versammelten Schaaren auf den Marktplatz, hielt öffentliche Umzüge, Tänze, Vermummungeu und fand allgemein Vergnügen und — die ersehnte'Hilfe. Darum hielt man noch viele Jahre zum bleibenden Andenken an jene höchst trüben Zeiten auf dem Marktplatz zu Jmmenstadt und in den vornehmsten Straßen öffentliche Umzüge und Volksbelustigungen, die nach ihrem Ursprünge „Pesttanz" genannt wurden. Man gab sich aber nicht nur der Lustbarkeit hin, sondern man betete auch viel, und seit der Pestzeit wird selbst heutzutage noch an jedem Abend in der Stadtpfarrkirche ein Rosenkranz gebetet. Unter der Regierung von Hugo's Nachfolger, des Grafen Leopold, erhob sich Jmmenstadt wieder zu schönster Blüthe. Am 4. Juli 1679 wüthete in Jmmenstadt eine große Feuersbrunst, der 50 Häuser und 2 Menschenleben zum Opfer fielen. Am 26. August 1704 waren vornehme Gäste beim Grafen zu Besuch, und in der Stadtpfarrkirche wurde ein großes Fest gefeiert. Den Gästen zu Ehren ward mit Böllern nahe bei der Pfarrkirche geschossen. Brennendes Papier flog auf das mit Scharrschindeln gedeckte Kirchendach, und dasselbe fing Feuer, die ganze Kirche brannte ab. 1707 fand die Einweihung der neugebauten Pfarrkirche statt. Am 24. August 1796 wurde Jmmenstadt von den Franzosen mit Sturm genommen. 1800 wüthete dortselbst die Rinderpest und verlor die Stadt nicht weniger als 400 Stück Rinder. 1806 fiel Jmmenstadt an Bayern. Am 10. März des genannten Jahres wurden die allerhöchsten Kundmachungen verlesen und die bayerischen Wappen angeschlagen. In dem ehemaligen Schlosse befinden sich heute das k. Amtsgericht und k. Rentamt. Unter den sonstigen Baulichkeiten find hervorzuheben: die Stadtpfarrkirche, im Rokokostile erbaut, die Kapuzinerkirche, das Friedrichsbad u. a Jmmenstadt zählt ca. 2900 Einwohner, die Gesammtpfarrei (mit etwa 10 Filialen) 3650 Seelen und ist seiner reizenden Lage wegen als Sommeraufenthalt beliebt und viel besucht. Unser Bild ist nach einer Photographie des Herrn Photographen R. Ebert in Kempten. -I-v-I- GotdkSrner. Das Gedächtniß mag immer schwinden, wenn nur das Urtheil im Augenblick nicht fehlt. Goethe. -itWI- Figaro docirt. (Zu unserem Bild Seite 391.) Mit viel Humor und Komik hat A. Bihari unter dem Titel „Figaro docirt* eine Scene dargestellt, welche in der Stube eines Dorfbaders sich abspielt. Wir sehen da, wie der Meister und seine bessere Hälfte eben beschäftigt sind, ihres Handwerks zu walten. Ein Bäuerlein betrachtet vor dem Spiegel sein glatt rastrtes Antlitz, mit dem Tuche sich abtrocknend, während eine Anzahl „Kunden* herumstehen und geduldig harren, bis die Reihe an sie kommt. Der Barbier ist ein gelehrtes Haus und in gar manchen Wissenschaften beschlagen. Was er vor den Männern da docirt, ist jedenfalls ein interessantes und unterhaltendes .Thema; das sagen uns die schmunzelnden Gesichter seiner Zuhörer. --- Früher Clown! Eine Kellnergeschichte in 9 Bildern. „Gehorsamer Diener!* „Sie gestatten!" V „Bitte — ein Glas Sherry!" Menü! der Braten! Mittel, leicht oder kräftig? Eine Cigarre! Leicht? — Bitte hier! „Ah — vorzügliches Aroma!" Habe die Ehre, mich zu empfehlen! !