M 52. Ireitag, den 29. Juni 18942 Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttlcr). Im Lanne alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Im vierten Stockwerk stieß der Baron auf eine Frau, welche dem Redekampfe unter ihr zu lauschen schien. Auf seine Frage, ob Herr Nettberg hier wohne, führte sie ihn nach einer der nächsten in den Corridor Mündenden Thüren. Auf ihr Anklopfen erfolgte keine Antwort. Die Thür war jedoch unverschlossen, und Wolfgang ward von der Frau in das Zimmer geführt. Es befand sich niemand darin. „Herr Rettberg wird ausgegangen sein," sagte die Frau — wahrscheinlich die Wirthin — „aber das Fräulein" — sie schritt nach der Thür und klopfte. „Fräulein Nettberg," rief sie hinein, „bitte, es ist jemand da." Mit einem höflichen Nicken gegen den vornehmen Besuch entfernte sie sich wieder und ließ diesen allein. Das Zimmer war dürftig möbltrt, aber überall herrschte die peinlichste Sauberkeit, und es fehlte nicht an allerlei kleinen Zierathen, wie eine geschickte weibliche Hand sie hervorbringt, um selbst den einfachsten Wohnraum auszuschmücken. Auf einem Tische beim Fenster stand ein Malkasten, daneben lagen einige halb vollendete, sehr gut gezeichnete Landschaften. Jetzt öffnete sich die andere Thür, und aus dem Nebenzimmer trat eine junge Dame herein, deren Aeuße- res vollständig der enthusiastischen Schilderung Nathan- sohn's entsprach. DaS blonde Haar, welches sich in dichten Locken um ihren Nacken schmiegte, leuchtete im Strahle der durch's Fenster scheinenden Sonne wie pures Gold. Aus dem fein modellirten Antlitz leuchteten unter dunklen Brauen zwei sanfte, himmelblaue Augen hervor, deren schwarze seidene Wimpern dem Blicke etwas Schmelzendes gaben. Ueber das edle, bleiche Antlitz ging ein leiser Zug des Kummers. In ihrem schlanken Wüchse nahm sie sich in dem dürftigen Zimmer wie eine hehre Erscheinung aus. Sie verneigte sich fremd vor Wolfgang und fragte mit einem Blicke, der durchaus kein Vergnügen ausdrückte : „Sie wünschen meinen Bruder zu sprechend Ich glaube, daß er bald kommen wird. Bitte, wollen Sie nicht Platz nehmend" Mit diesen Worten deutete sie kalt auf einen Stuhl. „Vielleicht ist es besser, ich komme später wieder," sagte der Baron; „ich fürchte Sie zu stören." Das junge Mädchen blickte mit halb unentschlossener, halb verlegener Miene auf. „In der That, mein Herr," erwiderte sie nach einer kurzen Pause, „ich weiß nicht, ... ich möchte Ihnen gern sagen . . . Zwar wird mein Bruder böse werden, wenn ich Ihnen sage, was ich denke, aber dennoch —" Wolfgang war über diese unklare Rede nicht wenig überrascht. „Bitte, mein Fräulein, sprechen Sie nur frei heraus," ermuthigte er mit einem fortwährend sich steigernden Interesse an dem anmnthigen und doch so rüthselhaften Wesen. „Gut denn, mein Herr," begann sie ernst, „ich wollte Ihnen sagen, daß ich es vorziehen würde, wenn Sie nicht erst auf meinen Bruder warteten." „Es scheint mir denn doch, Fräulein Nettberg," bemerkte der Baron lächelnd, „daß Sie hinsichtlich meiner Person in einem Irrthum befangen sind." „Sind Sie nicht Herr von Quinna?" fragte die Dame. „O nein! mein Name ist von Sturen." „Herr Baron von Sturen!" nickte sie lebhaft, und der befangene Ernst ihres Wesens verwandelte sich in freudige Ueberraschung. „O, dann sind Sie der Herr, welcher Herrn Nathansohn die Ohrringe abkaufte." Sie erröthete, während sie dies sagte. „Es ist so," nickte der Baron. „Durch Herrn Nathansohn erfuhr ich auch Ihre und Ihres Bruders Lage, welche es erklärlich macht, daß Sie sich jenes Familienandenkens entäußerten." „Ach, Herr Nathansohn hätte dieß nicht sagen sollen," entgegnete sie, das schöne Auge zu Boden senkend. „Er antwortete nur auf meine Fragen. Ich kam hierher ohne die Absicht, mich in Ihr Vertrauen drängen zu wollen, sondern nur, um mit Ihrem Bruder zu sprechen und zu sehen, ob ich etwas für ihn thun kann. Aber jetzt, da ich hier bin, würde es mich doch interes- siren, zu erfahren, wer jener Herr von Quinna ist, für welchen Sie mich anfangs hielten. Ich hoffe, ich gehe durch diese neugierige Frage nicht zu weit?" „Durchaus nicht, Herr Baron," antwortete sie, abermals errathend, „wenn Sie wüßten, was Sie alles gethan haben, indem Sie die Ohrringe kauften, würden Sie — 398 fühlen, daß Sie ein Recht zu Ihrer Frage besitzen. Ich kenne Herrn von Quinna nicht, aber ich weiß, daß er und seine Kameraden die Mitschuld an Edmund's leichtfertigem Leben tragen. Von solchen schlimmen Einflüssen umgeben, ist Edmund, leider muß ich es sagen! — tiefer und tiefer gesunken. Ich bin durch ihn fast bettelarm geworden, und mit jenen Brillantohrringen habe ich ihm mein Letztes geopfert." „Ich habe die Ohrringe bei mir," sagte der Baron, der theilnahmsvoll zugehört hatte. „Sie können sich denken, Fräulein Nettberg, daß es beim Einkauf derselben nicht mein Zweck war, sie zu besitzen, sondern nur einigen Beistand zu leisten. Ich kann Ihnen nachfühlen, daß Sie sich nur mit Schmerz von diesem Schmucke trennten, und bitte Sie daher, ihn wieder zurückzunehmen." Er zog das eingesiegelte Etui hervor und bot es dem jungen Mädchen dar. Dieses trat entschieden zurück, doch nicht ohne einen Blick des Vergnügens. „Nein, Herr Baron," entgegnete sie, „ich kann den Schmuck nicht zurücknehmen ... am wenigsten von ... von . . ." „Von einem Fremden, wollen Sie sagen," nahm ihr Wolfgang das Wort von den schönen Lippen. „Aber ich bin überzeugt, daß dieser Einwand wegfallen wird, wenn Sie mich näher kennen —" „O, dann würde ich vielleicht anders fühlen," versetzte die Dame: „Ach! man begegnet im Leben so selten einem theilnehmenden Herzen!" „Nun, so zeigen Sie, daß Sie ein solches nicht von sich weisen, Fräulein Nettberg, und nehmen Sie diesen Schmuck wieder zurück. Ich kann nichts damit anfangen und vermisse das Geld nicht, welches ich dafür ausgegeben habe. Was mich hierher führte, war der Wunsch, Ihrem Bruder nützlich zu werden. Mag aber nun dieser mein erster Besuch seinen Zweck verfehlen oder nicht, — auf alle Fülle bitte ich Sie, mich wenigstens als Ihren Freund zu betrachten, Fräulein Rettberg." „Als solcher haben Sie in der That gehandelt, Herr Baron!" antwortete sie, während Thränen in den blauen Augen glänzten. „Nun gut," nickte Wolsgang, „und so geben Sie mir den Beweis, daß Sie mich als Freund ansehen, indem Sie diese Ohrrings zurücknehmen. Ich weiß nichts damit anzufangen." Noch ehe er ausgesprochen hatte, näherten sich draußen anf dem Corridore Männerschritte. „Mein Bruder Edmund," sagte das junge Mädchen austauschend, und Wolfgang benutzte den Augenblick, ihr das versiegelte Etui in die Hand zu drücken. Im nächsten Augenblicke öffnete sich die Thür, und ein sehr stutzerhaft gekleideter Herr, etwa in der Mitte der Dreißig, dem ein hinter ihm Folgender den Voran- trttt ließ, trat ein. „Sie wohnen verflucht hoch, Nettberg," wandte er sich mit näselnder Stimme zu seinem Hintermann zurück, „der Teufel hole das Treppensteigen. Buh! buhl" Wie jemand, welcher die Wohnung von Leuten betritt, die einer untergeordneten Gesellschaftsschichte angehören, blieb er, den Hut auf dem Kopfe, ein paar Augenblicke in der offenen Thüre flehen und pustete, ohne sich um die im Zimmer anwesenden Personen zu kümmern. Endlich trat er näher. „Gewiß — Üh — habe ich das Vergnügen mit Fräulein Nettberg — äh — der Schwester meines Freundes?" wandte er sich an das junge Mädchen, seinen Hut abnehmend und eine nachlässige Verbeugung machend. Er beachtete den Baron nicht, zumal sein Auge noch von dem grell zum Fenster hereinbringenden Sonnenstrahls geblendet war, nachdem er von dem dunkeln Corridore hereingetreten. „Mein Name ist von Quinna," fuhr er in seinem näselnden Tone gegen Fräulein Rettberg gewendet fort. Zugleich setzte er seinen Kneifer auf und ein lautes „Ah!" angenehmer Ueberraschung entschlüpfte ihm, da ihm jetzt erst die Augen über die schöne Erscheinung des jungen Mädchens aufgingen. Diese näherte sich dem Baron, als suche sie bei ihm Schutz vor den zudringlich bewundernden Blicken des gespreizten Gecken. Jetzt erst würdigte dieser den Baron größerer Aufmerksamkeit. Er maß den jungen, schönen, mit vornehmer Eleganz gekleideten Mann von Kopf bis zu den Füßen, und je länger er ihn betrachtete, desto finsterer zog sich seine Stirne zusammen. „He! Nettberg! Was soll das heißen?" rief er seinem Freunde zu, indem er auf den Baron deutete. Edmund war langsam eingetreten. Hatte Herr von Quinna vorhin nur eine Erschöpfung affektirt, um zu zeigen, wie wenig er an Besuche in so hoch gelegenen Wohnrüumen gewöhnt sei, so schien Nettberg von dem ihm längst gewohnten Ersteigen der vier Stockwerke wirklich angegriffen zu sein. Sein Gesicht war bleich, seine Brust keuchte, er legte die Hand darauf, als fühle er Schmerz. Er hatte sich inzwischen erholt. Als er jetzt durch Quinna's entrüstete Frage aufmerksam gemacht, den fremden Besucher näher betrachtete, wankte er plötzlich einen Schritt zurück. „Verdammt!" murmelte er hinter den fest aufeinander gebissenen Zähnen. Nicht minder groß, wenn auch ganz anderer Art war Wolfgangs Ueberraschung, denn er erkannte in dem Bruder des jungen schönen Mädchens den vorgeblichen Assessor von Malten. Doch ließ er sich aus zarter Rücksicht für dessen unglückliche Schwester nicht das Geringste merken. „Herr Nettberg," redete er diesen in verbindlichem Tone an, „ich kam hierher, nur mit Ihnen einige Worte über Ihre Angelegenheiten zu sprechen: da ich jedoch finde, daß Sie anderweit in Anspruch genommen sind, so will ich eine günstigere Gelegenheit wählen." „Und wer — äh — wer sind Sie denn, mein Herr?" mischte sich Herr von Quinna ein, indem er sich vor Wolfgang aufpflanzte. „Ich wüßte nicht," gab dieser verächtlich zur Antwort, „weßhalb ich Ihre Frage beantworten sollte; ich kenne Sie nicht und fühle auch durchaus kein Verlangen nach Ihrer Bekanntschaft." „Mein Name ist von Quinna- Herr," rief der Andere. „Ich habe kein Geschäft mit Herrn von Quinna," entgegnete der Baron, „sondern mit Herrn Nettberg." „Aber ich bin Herrn Rettberg's Freund," sagte Quinna giftig. „Es thut mir aufrichtig leid, dies zu hören," erwiderte der Baron ruhig, „denn nach Allem, was ich sehe, scheint diese Freundschaft durchaus nicht Vortheil- haft für ihn zu sein." „Herr!" rief der Andere wüthend, „jetzt bestehe ich — 389 darauf, daß Sie mir Ihre Karte geben. Ich muß Satis- faction haben, Herr — äh —; ich muß Satisfaction haben!" DaS junge Mädchen wollte sich, schreckensbleich im Gesicht, zwischen die beiden Streitenden stellen. „Seien Sie unbesorgt, mein liebes Fräulein!" sprach ihr Wolfgang lächelnd zu. „Mein Herr," wandte er sich hierauf an Quinna, ich gebe nie meine Karte an Leute, welche ich nicht kenne. Wenn Sie der Mann sind, für den ich Sie halte, so soll Ihnen solche Satisfaction werden, wie eine Reitpeitsche sie geben kann. Wenn Sie keine solche Person sind und dies zu meiner Zufriedenheit beweisen, so will ich mich entweder bei Ihnen entschuldigen oder Ihnen auf jede Weise, die Ihnen beliebt, Genugthuung geben. Und jetzt gehen Sie mir aus dem Wege, Herr, sonst könnte ich mich hinreißen lassen, Sie zur Thüre hinauszuwerfen." Mit großer Beweglichkeit machte Herrn von Quinna's etwas kümmerlich gerathene Person dem Baron Platz, dessen Körperformen, bei aller Eleganz, dennoch etwas Nerviges verriethen. „Herr Nettberg," richtete Wolfgang das Wort an diesen, „ich wünsche einige Worte mit Ihnen zu reden, und wenn es Ihnen genehm ist, mich heute Abend zu besuchen, so werde ich mich freuen. Mein Name ist von Sturen," fügte er hinzu und nannte dann auch sein Hotel. Er wußte sehr geschickt den unbefangenen Ton zu treffen, als stelle er sich dem jungen Wüstlinge zum ersten Male vor, und vielleicht glaubte Rettberg auch in der That, der Baron habe in ihm den Assessor von Malten nicht wieder erkannt. Jedenfalls hatte er sein sicheres Wesen wieder gewonnen, und wenn noch ein Nest von Verlegenheit zurückgeblieben war, so verbarg sich derselbe unter einem frechen Lächeln, welches sich durch zwei lange Falten unter dem Ohr ausdrückte und zugleich etwas Hämisches hatte. ^ „Fräulein Nettberg," verabschiedete sich der Baron von der jungen Dame, „ich werde mir ein anderes Mal die Freiheit nehmen, Ihnen meine Aufwartung zu machen." Herr von Quinna hatte während der ganzen Zeit mit einem dummen verlegenen Lächeln dagestanden. „Und nun, Nettberg," sagte er nach der Entfernung des Barons, als wäre nicht das mindeste vorgefallen, „nun führen Sie mich bei Ihrer Schwester in optiwu torwa, ein." „Ich muß jede weitere Einführung ablehnen," entgegnen die junge Dame, sich zurückziehend; „ich fühle durchaus keine Neigung, Herr von Quinna, Ihre Bekanntschaft zu machen, und da ich dies meinem Bruder bereits gesagt habe, so hätte er mir diese Verlegenheit ersparen können." Mit einer kalten Verneigung des Hauptes ging sie in das andere Zimmer und schloß die Thür hinter sich ab. Herrn von Quinna's kleine Gestalt schien sich zu recken, während er mit entrüstetem Erstaunen bald auf seinen Freund, bald nach der Thür blickte, durch welche dessen Schwester verschwunden war. „Sagen Sie mal, Nettberg," fragte er in einem herrischen Tone, als wolle er diesen für das Geschehene verantwortlich machen, was soll denn das alles heißen? Und was wollte jener unverschämte Mensch bei Ihrer Schwester?" „Das hoffe ich selbst erst zu erfahren," gab Nettberg verdrießlich zur Antwort. „Ich kenne ihn nicht. Das Beste wird sein, wenn Sie mich jetzt mit meiner Schwester allein lassen, Quinna. Ich will sie schon zur Vernunft bringen. In einer Stunde treffen Sie mich im Cafä Bauer." „Gut," sagte der andere, „und vergessen Sie nicht, Nettberg," setzte er in leisem, drohendem Tone hinzu, „daß Sie vollständig in meiner Hand sind! Haben Sie verstanden?" Mit diesen Worten schritt er ohne Gruß aus dem Zimmer. Als seine Schritte draußen verhallt waren, klopfte Edmund leise an die Zimmerthür seiner Schwester. „Melanie!" rief er, „Melanie, er ist fort. Komm heraus und laß ein vernünftiges Wort mit Dir reden." Melanie trat mit verweinten Augen heraus. „O, Edmund!" sagte sie vorwurfsvoll, „es wundert mich, daß Du Dich nicht schämst, mich in eine solche Lage gebracht zu haben." „Unsinn, Mädchen, Unsinn!" lachte Edmund. „Sage mir jetzt vor allen Dingen, wie kommt dieser Baron von Sturen hierher? Und was will er von mir?" „Er will Dir helfen, Edmund," rief Melanie, in deren Augen durch die Thränen hindurch neubelebte Hoffnung aufstrahlte, „der alte Nathansohn, von dem er die Ohrringe kaufte, hat ihm von Dir erzählt, und der Baron suchte Dich auf, um Dir seinen Beistand anzubieten." „Den alten Nathansohn soll der Teufel holen, daß er mir Leute auf den Hals schickt, nach denen ich kein Verlangen trage!" rief Edmund. „ES giebt nur eine Person, die mir helfen, die mich vom Untergänge retten kann, — und die bist Du!" „Durch meinen eigenen Untergang soll ich Dir helfen," entgegnete Melanie vorwurfsvoll, „an diesen Herrn von Quinna willst Du mich verkaufen. Mache nicht, daß ich mich selbst verachten muß! Geh' und verlaß mich!" — „Ist das Dein letztes Wort?" fragte Edmund, während es in seinen matten gläsernen Augen unheimlich aufleuchtete, „soll ich mit diesem Bescheid zu meinem Freunde Quinna gehen, der mich —" fügte er, der Schwester in's Ohr flüsternd, hinzu — «in's Zuchthaus bringen kann?" Melanie wurde todtenblaß und sank lautlos in einen Stuhl. Sie ahnte schon längst, daß ihr Bruder sich auf schlimmen Abwegen befand, von denen ihre schwache Mädchenhand ihn nicht zurückzuhalten vermochte. Sie hatte ihm nicht auf seinen verborgenen Pfaden folgen können, aber sie wußte, daß er sich, ganze Nächte ausbleibend, Vergnügungen hingab, die er aus ihrer kärglich versehenen Börse nicht bestreiten konnte; sie hatte oft Besucher bei ihm gesehen, deren heimliches Wesen und verschlagene Physiognomien nichts Gutes verkündeten. (Fortsetzung folgt.) » - ^ ^ -- Goldkörner. Langsam gehe Dir, Freund, dicFreundin„Entschließung" zur Seite, Eilt sie voran, holt bald folgende Neue sie ein. Eine einzige Handlung, unbedacht und leichtsinnig vollbracht, als unbedeutend geachtet, kann entscheidend für ein ganzes Leben werden. Jeremiaö Gotthelf. -- 400 Zur Weltausstellung iu Antwerpen. Von Dr. Joseph Schiesl. (Fortsetzung und Schluß.) Was die Frage anbelangt, ob es richtig war, die Ausstellung in Antwerpen und nicht, wie ursprünglich projektirt war, in Brüssel zu veranstalten, so ließe sich darüber verschiedenes sagen. Sicher ist, daß die Entscheidung für Antwerpen hauptsächlich auf den Umstand zurückzuführen ist, daß diese Stadt vermöge ihrer günstigen Lage an der Scheide den Ausstellern besonders der überseeischen Länder den Transport und die Verladung ihrer Waaren erleichterte. Um nun doch Brüssel, das als die Hauptstadt des Landes ein gewisses Recht beanspruchte, nicht ganz leer ausgehen zu lassen, beabsichtigte man ursprünglich eine Doppelausstellung abzuhalten, und zwar in der Weise, daß die Industrie in Antwerpen, Kunst und Wissenschaft in Brüssel zur Ausstellung kämen. Zu diesem Zwecke wollte man die beiden Städte durch eine elektrische Eisenbahn verbinden, welche die 44 Kilo- meter betragende Entfernung in 10 Minuten durchführen sollte; allein das Projekt scheiterte theils an technischen Schwierigkeiten, theils am Mangel genügender Finan- zirung, so daß Antwerpen der endliche Sieg verblieb. Seine Bedeutung verdankt Antwerpen seiner Lage an der breiten Scheide. Schon zur Zeit Karls V. galt es als die lebendigste und herrlichste Stadt der christlichen Welt, selbst Venedig an Pracht übertreffend. In der Folge aber verlor Antwerpen von seiner Bedeutung, da die beständigen Kriege, in welche es verwickelt war, nicht blos seine Geldkraft schwächten, sondern auch seine Einwohnerzahl verminderten. Erst Napoleon, der die strategische Wichtigkeit dieses Platzes erkannte, hob wieder die gesunkme Stadt; er ließ die großen Hafenanlagen erbauen, Dämme und Schiffswerften Herrichten und die Stadt mit einer doppelten Linie von Festungsgräben umgeben. Damit legte er den Grund zu der Bedeutung, welche Antwerpen heutzutage als eine der stärksten Festungen und größten Seehäfen der Welt genießt. Die holländische Regierung erweiterte zuerst diese Anlagm, ließ sie jedoch später wieder schleifen und erbaute dafür einen einzigen breiten Graben, der in einem weiten Bogen die Stadt umspannt und sich in seinen beiden Endpunkten auf die Scheide und an der Nordseite auf die neuerbaute Citadelle stützt. Der Plan der Kriegsverwaltung bestand darin, Antwerpen im Falle eines Angriffes seitens einer auswärtigen Macht zur DefensivbasiS der gesammten Landesvertheidigung zu machen. Deshalb wurden überall mächtige Schleusen angelegt, welche binnen weniger Stunden den größten Theil der Stadt unter Wasser setzen und so fremden Truppen den Eintritt in die Stadt verwehren konnten. Der Verkehr der Schiffe in Antwerpen ist ein sehr bedeutender. Durchschnittlich liegen täglich 2—300 Schiffe aller Art in den großen Bassins oder an den Docks. Statistischen Erhebungen zufolge verkehrten in Antwerpen im Jahre 1890 gegen 4000 Schiffe, darunter 3000 Dampf- und 1000 Segelschiffe. Die Einfuhr schwankt zwischen 40 und 50 Millionen Francs. Längs des Scheldeflusses ziehen sich die nahezu 4 Kilometer langen Werften hin, an welche sich auf der einen Seite die mächtigen Lagerhäuser anschließen. Die Verladung geschieht zum größten Theile unmittelbar in die Eisenbahn- » wägen, und zwar mittels hydraulischer Krahnen, welche ! ihre Arbeit mit überraschender Geräuschlosigkeit verrichten. ' Besonders zur Zeit der Ankunft der großen transatlan-, tischen Dampfer entfaltet sich hier ein bewegtes Leben' Tausende von Händen sind geschäftig, die Ladung in möglichst kurzer Zeit zu löschen; dazwischen rollen die Eisenbahnwägen, welche die verfrachteten Waaren weiterführen — ein Getöse und ein Gewühl von Menschen, wirr durcheinander und doch nach einem einheitlichen Plane geleitet. In der Regel sind die Schiffe in 15 bis 20 Stunden geleert und gehen dann in die Bassins, um dort von den Strapazen der Reise einige Tage auszuruhen. Wer sich das Treiben aus den Docks ansehen will, dem bietet sich auf der weiten Balustrade, welche sich einige hundert Meter längs des Ufers dahinzieht, der beste Standpunkt. Eine steinerne Treppe führt zu den Promenoirs, von wo aus man eine herrliche Rund- sicht über einen großen Theil der Hafenanlagen, sowie die auf der Scheide liegenden Schiffe genießt. In Mitten dieser Anlagen erhebt sich in gewaltigen Verhältnissen das sogenannte Scheldethor, ein mächtiger, zu Ehren Philipps IV. errichteter Bau, dessen Plan von Rubens entworfen und von Quellin 1624 ausgeführt wurde. Die Inschrift: 0ui la^ns 6t 6-MASS, Rbsnns cul servit st luäus, Lllis kLwlllus §anäst volvsrs Lesläis tziwsgus olim xrvLvo vexit sud vasssrs xuxxos, 8ss vsdit Lllsxicüs, maAllS kliilipps tnis. 8. k. (j. ^lltvsrx. bsne molem äoäio. XVII. erst. Uaji dlUOXXIV. (Ihm, dem der Tcijo und Ganges, dem Rhein und Indus gehorchen, Wälzet der Scheide Gewalt dienend die fröhliche Flulh. Und wie sie einst des Kaisers, des Ahnherrn Flotte getragen, Führet sie jetzt mit Stolz Philipps, des Großen, Panier.) worin der Dichter den „großen Philipp" feiert, wurde allerdings durch die Zeitvcrhältnisse bald überholt; 1640 verlor Philipp Portugal, und 1648 mußte erliste Freiheit der Niederlande anerkennen. Im Innern der Stadt, besonders an den neuangelegten Straßenalleen, Leopold-, Rubens-Straße u. s. w., ist es merklich ruhiger. Erst Abends, wenn die Tausende von Docksarbeitern von der Arbeit heimkehren, beginnt sich auch da das Leben zu regen. Im Allgemeinen macht jedoch Antwerpen bei weitem nicht den reichen und eleganten Eindruck wie Brüssel — man merkt, daß man in einer Stadt ist, in welcher gearbeitet und zwar viel gearbeitet wird, und nicht in einer Stadt, in welcher die Hauptbeschäftigung der Menge das Flanirm auf den Straßen ist. Unter den Kirchen ist die berühmteste die Cathedrale, eine große siebenschiffige Basilika in Kreuzform. Sie ist die schönste und größte gothische Kirche der Niederlande. Während sonst die Kirchen Belgiens meist nur niedere Schiffe haben, beträgt hier die Höhe nahezu 40 Meter. Der Thurm der zu den höchsten der Welt mitzählt, hat eine verschiedenartige Beurtheilung erfahren. Während die Einen an ihm eine architektonische und harmonische Durchbildung vermissen und seine Ausführung mehr kühn denn als schön bezeichnen, haben Andere ihm wegen der Zierlichkeit und Feinheit der Arbeit das höchste Lob gespendet; so Kaiser Karl V., der einmal den Ausspruch gethan, der Thurm verdiene in einem Schmuckkästchen aufbewahrt zu werden. Das Innere der durch die Bilderstürmer des Mittelalters, wie auch durch die Revolution arg beschädigten Kirche ist in einfachen, würdigen und großartigen Verhältnissen angelegt. Ucbcrraschend und von bedeutender perspektivischer Wirkung ist die bei jedem Schritte für das Auge sich vollziehende Verschiebung > 401 -'L- der 7 Schiffe. Neben ihrer baulichen Vollendung verdient aber die Cathedrale vor allem Beachtung wegen der herrlichen Gemälde, welche die Kirche auch zu einem Kunsttempel ersten Ranges machen. Obenan steht die im südlichen Querschiffe befindliche „Kreuzabnahme" von Rubens, welche er im Jahre 1610 bald nach seiner Rückkehr aus Italien gemalt hat. Sie ist die vollendetste aller seiner Schöpfungen. „Ihre Entstehung, meint ein neuerer Kunstsorscher, verdankt sie einem Streite, der sich zwischen der Bogenschützengilde und Rubens bei Gelegenheit seines Hausbaues entsponnen hatte. Es handelte sich um die Kosten einer Mauer, welche das Besitzthum des Malers von dem Garten der Gilde trennte. Der Antheil, welcher aus die letztere fiel, schien mehreren Mitgliedern zu groß. Da legte sich der Bürgermeister Rockox, ein Freund Rubens' und Capitän der Gilde, in das Mittel und erlangte von Rubens, daß dieser zur Ausgleichung der Kosten noch ein Bild für die Gildenkapelle in der Cathedrale zu malen versprach. Das ist die Kreuzabnahme, welcher die Heimsuchung und Darstellung im Tempel als Flügel sich anschließen. Außen ist der Schutzpatron der Gilde, der hl. Christophorus, mit dem auf allen Christophorusbildern wiederkehrenden Eremiten und der Eule angebracht. Dies ist der authentische Vorgang. Die Künstlersage fügt nun hinzu, die Schützen hätten sich einen „Christophorus" bestellt, einen Christusträger. Rubens habe den Auftrag allegorisch genommen und die Abnahme vom Kreuze, auf welcher die Freunde des Herrn den Leichnam tragen, gemalt, auch die heilige Jungfrau nach der Heimsuchung als Christusträgerin und den Hohenpriester Simeon, wie er im Tempel Christus auf den Armen tragt, hinzugefügt. Die Schützen jedoch verstanden diese Allegorie nicht, sondern verlangten ihren Schutzpatron, den hl. Christophorus, den Rubens nachträglich auf einen Flügel gemalt; auf dem zweiten Flügel hätte er dann- die Beschränktheit der Schützen anzudeuten, den Eremiten mit der Laterne und einer Nachteule beigefügt. Eine andere bekannte Anekdote erzählt, daß die Kreuzabnahme, als sie auf der Staffelei war, durch Zufall oder Nachlässigkeit der Schüler in Rubens' Abwesenheit herabfiel und Schaden nahm. van Dyck, als der geschickteste, wurde gewählt, den Schaden auszubessern, was ihm so wohl gelang, daß Rubens nach seiner Rückkehr erklärte, sein Schüler habe ihn übertroffen. Die von van Dyck hergestellten Theile seien die Wangen und das Kinn der Jungfrau und der Arm der Magdalena. Auf dem Flügelbild hat Rubens in der Maria in blauem Gewände das Bildniß seiner ersten Frau, in der Figur Mit dem Korbe das Bildniß seiner Tochter dargestellt." Das Gegenstück zur Kreuzabnahme hat Rubens in seiner Kreuzer-richtung geschaffen. Hier hat er seinem Dränge, dramatisch bewegte Gestalten darzustellen, vollauf freie Bahn gelassen. In der sichtlichen Anstrengung, mit welcher die Kriegsknechte das Kreuz aufzurichten sich bestreben, wollte er symbolisch andeuten, wie schwer die Last der Sünden sei, welche der göttliche Heiland am Kreuzesstamme trage. Trefflich ist Rubens in diesem Bilde die Vertheilung von Licht und Schatten gelungen. Der Leib Christi ist von leuchtend Heller Farbe, während die übrigen Gestalten mehr in's Dunkle gerückt sind, zum Theil sich fast in das Undeutliche verlieren. Originell, aber nicht sehr zum Bilde passend ist der der Frauengruppe beigegebene „Neufundländer". Im Ganzen enthält die Cathedrale fünf Bilder von Rubens' Hand, daneben auch gute Werke von Verbruggen, Matthyssens, Quellin u. s. w. Seine Ruhestätte hat Rubens in der St. Jakobs- Kirche gefunden, in einer zu seinen Ehren gebauten Seiten» kapelle. Sein Grab deckt ein Marmorstein mit der Inschrift: Non sni tamtnm saseuli, ssä st omnis asv» Axsllss äiei nasruit. Noch vor seinem Tode hat er das Altarblatt, welches das Jesuskind auf dem Schooße Marias in einer Laube sitzend darstellt, mit eigener Hand gemalt und, einer Legende zufolge, den Porträts der dargestellten Personen die Gesichtszüge seiner Familienangehörigen gegeben. In architektonischer Hinsicht steht diese Kirche der Cathedrale wenig nach, übertrifft sie jedoch noch an Pracht und Marmorschmuck. An Kunstsammlungen ist Antwerpen reicher denn jede andere Stadt Belgiens; das große städtische Museum, das Müsse moderne, das Müsse Plantin-Moretus, nach dem berühmten Buchdrucker Christian Plantin, der in diesem Hause gewohnt hat, und feinem Nachfolger so benannt, enthalten eine Menge hervorragender Kunstwerke, welche nunmehr zum Theil ihren Platz in der Ausstellung gefunden haben. Was diese selbst betrifft, so steht sie allerdings an Schönheit wie an Chic des Arrangements hinter der im Jahre 1889 in Paris veranstalteten zurück; allein immerhin bildet sie einen schönen Beweis, welch ein erstaunlicher Geist erfindender Arbeit die Belgier belebt, und wie diese auf allen Gebieten mit festem Gang vorwärts schreiten. Die meiste Anziehungskraft übt aus der Ausstellung „Alt-Antwerpen" aus; es ist dies eine bis in das kleinste Detail getreue Wiedergabe eines Antwerpener Stadtviertels aus dem 15. Jahrhundert. Man findet dort Straßen und Gassen, Läden und Schenken, Werkstätten mit Arbeitern in altem geschichtlichen Anzüge, Kapellen, Prunk- und Wohnräume, Vorrathskammern, Thürmchen, Zinnen, Möbel und Geräthschaften aller Art und noch unzählige Gegenstände, welche mit bewunderungswürdiger Genauigkeit nachgebildet sind. Das Ganze ist ein Denkmal für den gründlichsten Fleiß historischer Forschung, dem auch nicht das Kleinste unbedeutend erscheint. Eine andere nicht minder anziehende Spezialität der Ausstellung ist die Nachbildung einer im vorigen Jahre in Deadwood entdeckten unterirdischen Grotte. Zu diesem Behufe hat ein englisches Consortium 8000 Centner dieses krystallartigen Gesteins nach Antwerpen bringen lassen, um damit einen der 1500 Säle jener Grotte nachzubilden und ein das Auge entzückendes Naturschauspiel zu schaffen. Noch vieles andere Schöne finden wir dort, Herbeigetragen von den Enden der Welt, aus den Ländern der verschiedenste» Culturstnfen, die kostbarsten persischen Teppiche neben den einfachsten Jagdgeräthen Afrikas, die größten Maschinen, wahre Wunder der Technik, neben der feinsten Manusactur- spitze; jedes Land hat sein Bestes hiehergetragen, von dem Bewußtsein erfüllt, eine Fricdensmission damit zu erfüllen und allmählig den Weg zur wirthschaftlichcn Annäherung und Aussöhnung der Nationen anzubahnen. Daneben aber bietet jede Ausstellung dem Besucher, dem es in der Regel nur selten möglich ist, über den Nahmen seiner gewöhnlichen Thätigkeit hinaus seinen Blick zu erweitern und die Fortschritte aus dem Boden des gewerblichen wie des künstlerischen Lebens in gleicher Weise zu verfolgen, einen reichen Schatz des Wissenswerthen, die Frucht der edelsten und schönsten Bestrebungen menschlicher Arbeit. 402 Allerdings in der Zeit des Paßgangs und des Trabs, des Poststalls und des Wanderstabs war eine so weite Reise eine „That", die sich jeder zuvor lange überlegte; heutzutage aber nehmen wir schon den süßen Trost mit auf die Reise, bald wieder die heimathlichen Penaten begrüßen zu können. - -- Nclse-Skizze des bayerischen Pilgerznges nach Lourdes 1894. (Fortsetzung.) Nachdem die Pilgerzeichen (eine Lourdesmedaille an weißblauem Bündchen) und die Fahrkarten vertheilt waren, und mit den Morgenzügen auch alle andern angemeldeten Pilger eingetroffen waren, wurde von den 19 Waggons des langen Expreßzuges Besitz genommen; es waren fast ebensoviele Wagen 2. Klasse, als 3. Klasse. Den Herren des Comitös war ein Wagen 1. Klasse von der Generaldirection angewiesen; auf der ganzen Reise war deren Waggon durch ein weißblaues Fähnchen kenntlich gemacht. Um 9 Uhr 15 Minuten Vormittags ging der Zug ab, unter den Segenswünschen vieler anwesenden Bekannten. Folgender Fahrplan unseres Pilgerzuges wurde ausgegeben: Buchloe 9,15, Kaufbeuren 9,50, Günzach 10,34, Kempten 11,11, Jmmenstadt 11,51, Lindau an 11,51, ab 2,20. Romanshorn an 3,40, ab 4. Winterthur ab 5,55, Zürich 7 Uhr Abends, Aarau 8,43, Bern 11,22 Nachts, Genf an am 11. April 3,25 Vm., Bellegarde (französische Grenzstation) 4,30 Vm., Lyon an 9,11, Lyon ab am 12. April 9,38 Vm. Celte am Mittelmeer an am 12. April 6,22 Nm., ab 7,30, in Lourdes an am 13. April 7,45 Vm. In Kaufbeuren, Kempten, Jmmenstadt war Aufenthalt von ein paar Minuten, um angemeldete Pilger aufzunehmen. In Lindau angekommen, hatten wir uns gleich auf den großen bayer. Dampfer begeben, der uns über den Bodensee rasch, binnen 1 Stunde, nach Nomans- horn in die Schweiz beförderte, bei günstiger Witterung. Adieu! liebes Heimathland! hatten Manche gerufen, auf fröhliches Wiedersehen in 10 Tagen! Nomanshorn zählt 3200 Einwohner, ist der größte Hafen am Bodensee, hat großen Kornmarkt. Nach 20 Minuten gieng der Schweizer Expreßzug ab, es wurde jedoch ziemlich oft angehalten, wenigstens an allen größer« Stationen, um entgegenkommenden Zügen auszuweichen. Es war ursprünglich bestimmt, schon Tags vorher, am 9. April, durch die Schweiz zu fahren; aber die Bahnverwaltung hatte erklärt, weder Wagen, noch Führerpersonal an diesem Tage zur Verfügung zu haben, da Alles in Beschlag genommen sei für das Frühlingsfest in Zürich. Naschen Fluges ging es vorbei an vielen Orten und Städten, der Bahnlinie Nomanshorn—Zürich, als z. B. Frauenfeld mit 6100 Einwohnern, Hauptstadt des Kantons Thurgau, an der Murg, mit großen Baumwollenfabriken und Arbeiter- kasernen, einem alten Schloß aus dem 11. Jahrhundert; dann Winterthur mit 16,000 Einwohnern an der Eulach, Knotenpunkt von 8 Eisenbahnen, in dessen Umgegend vortrefflicher Wein wächst. Von Winterthur führt die Bahn über die Töß, rechts fleht man die Ruine Hoch- wülflingen auf einer Höhe von 600 Meter; nach der Station Oerlikon tritt sie in den 935 Meter langen Tunnel unter dem Käferberg, überschreitet die Flüsse Limmat und Sihl und erreicht Zürich mit 91,000 Einwohnern am nördlichen Ende des herrlichen Züricher Sees und an beiden Ufern der Limmat, welche die Stadt in zwei Theile scheidet. Es war Abends 7 Uhr, als wir ankamen. Der Aufenthalt dauerte nur einige Minuten; sie ist Vielen aus uns bekannt durch die Wallfahrt nach Einsiedeln, wohin eine Zweigbahn führt, bis Wädensweil, von der aus man eine prächtige Aussicht auf den See genießt, auf die Insel Ufnau, mit zwei schönen Kirchen, und auf die im Hintergrund der Landschaft sich zeigenden Alpen; von Wädensweil umzieht die Bahn in weiten Bogen die östlichen Abhänge des 1200 Meter hohen Rhonen, passiert von Biberbrücke an das Alpthal und gelangt nach Einsiedeln, das wir aber erst auf der Rückfahrt aus Frankreich besuchten. Betreffs Zürich bemerken wir noch, daß es viele Kirchen besitzt, welche insgesammt den Neformirten gehören. Das katholische Gotteshaus ist in Außer-Sihl, auf dem linken Ufer der Sihl. Daß Zürich auch eine Universität besitzt, an welcher viele Studenten und Studentinnen studieren sollen (Letztere auf Philosophie oder Medicin inscribirt, meist aus Rußland, nebenbei dem Nihilismus ergeben), ist bekannt; auch eine große Freimaurerloge befindet sich hier. Die Vereinsmeierei ist in Zürich in großer Blüthe, Sänger- Turn- Stahlradfahrer- und andere Vereine; die Liedertafel „Harmonie" hat ein großes, schönes Palais als Eigenthum. Eine halbe Stunde von der Stadt erhebt sich der Uetli-Berg, 873 Meter hoch; eine Zahnradbahn führt auf denselben. Wir verlassen die im Glänze der Abendsonne leuchtende prächtige Stadt um 7 Uhr 15 Minuten. Wir haben bisher von Lindau aus 56 Kilometer befahren mit 20 Bahnstationen. Die Linie Zürich—Bern- Genf zählt 241 Kilometer mit 35 Bahnstationen. Die Bahn überschreitet nach dem Austritt aus der Station Zürich die Sihl und, fährt der Limmat entlang nach Baden (3800 Einwohner) mit berühmten Heilquellen, überschreitet die Neuß und berührt Brugg (1572 Einwohner), eine alterthümliche Stadt, zieht sich längs der Aar hin und vorbei an der Station Aarau (6800 Einwohner), am Fuße des Jura gelegen, nach Ölten (4900 Einwohner), einem der wichtigsten Eisenbahnknotenpunkte der Schweiz. Von Ölten führt die Bahn neben dem rechten Aar- Ufer, links das Salischloß, durch einen Tunnel vor Aar- berg, tritt nach Niedwyl in grüne Thäler, hinter Wyningen wieder in einen längeren Tunnel, dann bei Burgdorf (6800 Einwohner) über die große Emme, passiert die Aarbrücke (182 Meter lang und 44 Meter hoch) und dann den Bahnhof von Bern (45,000 Einwohner), Bundeshauptstadt in ziemlich ebener Lage. Von den Fremden wird der Zeitglockenthurm mit künstlichem Uhrwerk aufgesucht; bei jedem Stundenschlag erscheint der krähende Hahn und eine Bärenschaarl Bekannt ist der dortige Bärenzwinger mit einem Bärenpaar. Unter dem Kornhaus ist ein Weinkeller, dessen größtes Faß 42,000 Flaschen enthält. Hier ist auch eine Universität, der noch eine altkatholische Facultät angegliedert ist, von etlichen Studenten frequentiert, deren geringe Zahl dem dort residierenden altkatholischen Bischof Herzog, ehemaligem Professor, nicht behagen will. Der Bahnhof in Bern ist großartig; in der dortigen Restauration konnte man sich erquicken; ein paar Tische waren mit schweizerischen Cavallerie-Offizieren besetzt. Es war 11 Uhr 22 Min. Nachts, als unser Zug den Bahnhof verließ. Das Mondlicht beleuchtete die Berner Alpen, die bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof sichtbar wurden, sie werden aber bald durch den Gurten verdeckt. Dann fährt die Bahn durch ein Wiesenthal, verläßt nach Förishaus das Berner Gebiet und betritt den Freiburger Kanton, fährt durch den Flammat- und Mühlthal-Tunnel, passiert schließlich eine über die Saane erbaute 370 Meter lange und 80 Meter hohe Eisenbahnbrücke und gelangt nach Freiburg (12,000 Einwohner). Sehenswerth ist die Nikolauskirche mit einer der größten Orgeln Europas; die Orgel hat 7800 Pfeifen und 65 Register. Für uns Augsburger Diözesanen hat besondere Bedeutung die Michaelskirche mit dem Grabmal des sel. Jesuitcnpaters Petrus Canistus, dem unsere Diözese so viel verdankt wegen Erhaltung des katholischen Glaubens; er war ja mehrere Jahre auch Domprediger in Augsburg. Der Nacht halber konnte an einen Aufenthalt nicht gedacht werden. Die Pilger von 1890 haben in feierlicher Procession dessen Grabmal besucht, wobei sie von einem Jesuitenpater Namens des Bischofs begrüßt wurden, in salbungsvoller Predigt. Die dortige katholische Universität blüht mehr von Jahr zu Jahr und weist eine ziemlich große Frequenz-Ziffer auf. Der berühmteste Professor an der theologischen Fakultät ist der Dominikaner Peter Weiß, ein hauptsächlicher Anziehungspunkt für die Studenten. In der Nähe der Michaelskirche ist die größte und längste Drahtbrücke Europas, 247 Meter lang. Von Freiburg geht die Bahn über einen hohen Damm längs der Glane hin, dann über eine prächtige Steindrucke, sodann folgt eine einförmige Hochebene. Nach der Station Chcxbres führt die Bahn durch den 460 Meter langen Tunnel von Cornallaz; nach dem Austritt aus demselben wird man durch den wunderbaren Anblick des Genfer Sees überrascht. Die Landschaft wird immer herrlicher, der Weg führt durch Weingegenden, nach 2 kleineren Tunnels über die 43 Meter lange Paudoze-Brücks nach Lausanne (33,000 Einwohner), auf 3 Hügeln erbaut, mit einer herrlichen Kathedrale. Mit Lausanne haben wir das Ufer des Genfer Sees berührt. Derselbe hat einen Flächeninhalt von 11^ geogr. Meilen, ist 14/g Quadrat-Meile größer, als der Bodensee, 78 Kilometer lang. Die Bahn führt vorbei an den Städten Morges (4088 Einwohner) mit Hafen und altem Schloß, Nhon (4200 Einwohner) mit Schloß aus dem 16. Jahrhundert, nach Genf (70,000 Einwohner), der bevölkertsten und reichsten Stadt der Schweiz. Genf wird durch die Rhone in zwei Theile getheilt und durch 8 Brücken verbunden, deren größte die Pont-du- Montblanc. Genf, die Stadt Calvins, deren Einwohner früher fanatischen Haß gegen die Katholiken hatten, ist sehr reich an Sehenswürdigkeiten; wir konnten davon nicht profitieren! Hier spricht man auch das reinste Französisch, weshalb Genf stets gerne von Sprachbeflissenen aufgesucht wird. Es war am 11. April 3 Uhr 25 Min. Morgens, als wir ankamen, 4 Uhr 30 Min., als wir abreisten auf der Bahnlinie Genf—Lyon, 170 Kilometer lang, mit 15 Bahnstationen. Die Bahn tritt jetzt in französisches Gebiet, geht nach der 5. Station Collonges durch 2 kleinere Tunnels, dann durch den 3900 Meter langen Tunnel Credo, überschreitet den herrlichen Viaduct über die Valseriue (11 Bogen, der größte 52 Meter hoch) und gelangt nach Bellegarde, der Zollstation für Schweiz und Frankreich. Alles aussteigenl Zollrevision! Mit Eilfertigkeit und Hast drängte sich das Gros der 500 Pilger durch die Zollhallen; es brauchte nur wenig Zoll bezahlt zu werden, die Meisten hatten nichts zu entrichten; die ganze Revision wurde schnell bethätigt, mit großer Milde. Alsbald waren wieder sämmtliche Pilger in den hübschen, großen und bequemen Waggons der Lyoner Bahn untergebracht. Man passiert bald nach Austritt aus dem Bahnhof 4 Tunnels, von denen der längste der Paradies-Tunnel ist, 1025 Meter, und erreicht die Station Pyrimont, bei der bedeutende Asphaltminen sich befinden. Der Zug ging an den Ufern der Rhone zwischen Felsen und Schluchten mit viel größerer Schnelligkeit, als in der Schweiz. Die meisten Pilger befanden sich zum ersten Male auf dem Boden Frankreichs, welchen heutzutage der Deutsche mit einem eigenthümlichen Gefühle betritt; wie wird man uns begegnen? hieß es; erst am andern Ende des großen Reiches, an der Grenze von Spanien, werden wir nach langer Fahrt das hehre Ziel der großen Reise erreichen. Nach der Station Culoz ist die Bahnrichtung eine nordwestliche bis Amberieu (3618 Einwohner), von da eine südwestliche bis Lyon mit 5 Hauptbahnhöfen und 7 andern. Zuerst passiert die Bahn den Bahnhof St.» Claire, dann den Viaduct über die Rhone, den 2. Bahnhof Brotteaux, überschreitet noch einmal die Rhone und läuft in den Centralbahnhof von Perrache ein. Wir sind in Lyon angelangt, in einer herrlichen und sehr fruchtbaren Gegend gelegen, der größten Stadt Frankreichs nach Paris, am Zusammenflüsse der Rhone und Saöne; es ist 9^ Uhr nach Pariser Zeit, mitteleuropäische Zeit 10 Uhr. Das Comits hatte eine deutsche Landsmännin ersucht, für die Pilger in geeigneten Hotels Quartiere zu bestellen, Fräulein Amölie Lorch, Lehrerin der deutschen Sprache, Nue Vauban 39, welche uns erwartete und begrüßte; nach Austheilung der Quartier- karten fuhren wir in Paktiern in die betreffenden Hotels. Viele von uns in das nahe Hotel Toulouse, früher Hotel Straßburg, wo wir gutes Quartier und sehr gute Beköstigung erhielten bei müßigen Preisen. Lyon ist nach Umfang, Bevölkerung, industrieller und politischer Bedeutung die zweite Stadt Frankreichs, deren Einwohner durch edlen Bürgerfinn und Bürgerfleiß sich hervorthun, zählt 350,000 Einwohner; es besitzt manche Elemente von Paris und gibt ein Abbild vom Leben der Weltstadt an der Seine, die wir schon gelegentlich einer Weltausstellung im Jahre 1867 kennen gelernt haben. Die Rues de la Nepublique, del'Hotel de Ville, de Perrache, mit blühenden Anlagen und Baumpflanzungen, diese Straßen mit ihren luxuriös decorirten Schaufenstern und dem stolzen Hochbau ihrer mächtigen Häuserfronten, sowie einige Stadttheile jenseits der Rhone, concurrieren mit namhaften Pariser Straßen. Die prächtige Place Perrache und der reizende Square auf dem Nepublikplatz, das Kaffeehaus-Leben auf der Straße, das Geschrei der Kleiderhündler und anderer Verkäufer und Zeitungsträger und viele dem Deutschen fremde Dinge erinnern an Frankreichs Hauptstadt; besonders auch die herrlichen geräumigen Passagen. Der Lyoner ist ein Franzose anderer Art als der Pariser, ohne dessen Feinheiten, den Esprit; sein Handel, seine Industrie, seine Zahlen absor- biren ihn. Außer den vielen und guten Gasthöfen sieht man Zahlreiche Cafäs und Restaurants, auch Cafos-Choco- 404 latterS, wo Schockoladenfrühstücke zu haben sind; auch Bier wird geschänkt in einem eleganten Lokale in maurischem Stil, ebenso in einer nahen Brauerei unter dem Bahnhof. Die Tramways fahren auf 10 langen Haupt- linien zu beiden Seiten der Nhüne und Saone, über erstere führen 9 Brücken, über letztere 13 Brücken; auf den Strömen fahren mehrere Dampfer; auf der Saone außerdem kleine Dampfer, Mouches genannt, die fleißig benützt wurden auch unserseits. Sofort fällt der FestungS- Charakter von Lyon in die Augen, da es in einem Umkreis von 6 Stunden von 18 detachierten Forts umgeben ist. Die Stadt, am Kreuzungspunkte mehrerer Weltstraßeu, verdankt dieser Lage ihre hervorragende Bedeutung als Haupthandelsplatz und Vermittlungspunkt zwischen dem Norden und Süden Europas; sie besteht aus der alten Stadt, auf dem rechten Ufer der Saone, dann der eigentlichen Stadt, auf der Landzunge zwischen beiden Strömen, und 6 Vorstädten! Auf einem Spazicrgange gelangten wir von unserm Platz Perrache in die Bourbon-Straße, hier sind prächtige Magazine; sodann in das aristokratische Viertel Lyons, St.-Marttn, mit einer sehr alten Kloster- Kirche aus dem 10. Jahrhundert, 5schiffige romanische Basilika mit 2 Thürmen; dann auf den Platz Bellecour, den Mittelpunkt des modernen Lyon, den schönsten Platz der Stadt, mit Edelkastanien, Gartenanlagen, Palmen, Springbrunnen geschmückt, begreiflich die Lieblingspromenade der Lyoner; in der Mitte das Reiterstandbild Ludwigs XIV. Auf diesem Platze ist das Museum der Glaubensverbreitung, in der Woche von 8—5 Uhr geöffnet, mit einer ethnographischen Sammlung der von den Missionären zugesendeten Geschenke, höchst interessant; unweit das Hospiz Charito, von General Kleber, „dem guten Deutschen", für Arme gestiftet, mit 1217 Betten; 4000 arme Waisen und ausgesetzte Kinder werden auf Kosten dieser Anstalt gepflegt und erzogen, und 400 alte Arme hier bis an ihren Tod verpflegt. Die stolzeste aller Lyoner Straßen ist die „Republikstraße", welche mit den schönsten Pariser Straßen concurriren darf; hier ist auch die Börse, gegenüber das Hotel de Ville, ein pompöser Ausdruck der Lebensfülle der reichen Stadt, mit prachtvollem Bildhauerschmuck in reiner edler Renaissance. Einer der bedeutendsten Plätze ist de Terreaux, mit einem schönen broncenen Springbrunnen, an der Südseite das Palais St.-Pierre, ein ehemaliges Kloster, jetzt in ein Kunst- Museum umgewandelt für Sculpturen, Gemälde, archäologische und naturgeschichtliche Sammlungen, und einer Bibliothek! Hievon konnten wir nicht Einsicht nehmen, bei so kurzgemessener Zeit; wir suchten die Kathedrale St. Johann auf, einen mächtigen gothischen Bau aus dem 13. Jahrhundert, mit reicher Fayade, 3 Portalen mit säulenreichen Scitenwänden; das Innere schmücken reiche Glasmalereien aus dem 14. Jahrhundert und moderne. Von da trachteten wir zur berühmten Wallfahrtskirche Notre Dame de Fourviöres, hochgelegen auf dem Hügel am rechten Ufer der Saone, wohin eine Drahtseilbahn führt. Wir wählten einen aussichtsreichen breiten Fußweg. Diese alte Wallfahrtskirche, von den Bewohnern Lyons und aus weiter Ferne fleißig besucht, liegt auf einer die Stadt überragenden Anhöhe 470 Meter hoch, die sich in bedeutender Länge hinzieht, und von der aus man die schönste Aussicht genießt auf die Riesenstadt und deren herrliche Umgebung. Wir versammelten uns um 4 Uhr Nachm. in diesem alten Gotteshaus, in welchem ein berühmtes Marienbild verehrt wird, durch dessen Verehrung schon so viele Gebetscrhörungen geschahen. Zuerst beteten wir den hl. Rosenkranz, und nach Aussetzung des Ällerheiligsten wurde eine weitere Andacht daran gereiht mit mehreren Wallfahrts-Gesängen, welche, mit Begeisterung gesungen, auch auf die anwesenden Franzosen großen Eindruck machten. Das Lyoner Journal „Dimanche" sagt hierüber: „Es sind am 11. April 500 bayerische Pilger in Lyon angekommen, um zu den Füßen der Gottesmutter ihre frommen Gebete in ihrer Sprache niederzulegen. Wir bewunderten die liebliche Harmonie, welche den deutschen Gesängen charakteristisch ist. Es war in der That schön, diese Pilger beten zu sehen mit größter Andacht, womit sie ihre Liebe zu Maria kundgaben." Neben dieser älteren Kirche befindet sich eine neue, dreimal größere, zu U. L. Fr., die sich durch Pracht auszeichnet; sie hat bis jetzt 17 Millionen Franken gekostet, lauter freiwillige Gaben, und werden noch 2 bis 3 Millionen erforderlich sein, um in dem byzantinischen Prachtbau das noch Fehlende an der Einrichtung zu ergänzen. Dieses großartige Kunstwerk ist eine Votivkirche, bestehend aus einer Krypta und einer Oberkirche mit vier Thürmen und reichem Hanptportal, errichtet aus Dankbarkeit von der Stadt Lyon für den besonderen Schutz der hl. Gottesmutter zur Zeit des großen Krieges 1870/71. Der Name Fourviores stammt vom römischen Forum, auf dessen Platz sie errichtet wurde. Lyon ist überhaupt der hl. Gottesmutter ganz ergeben; am 8. Dezember jeden Jahres erglänzt die Stadt in einem Lichtmeere. Von hier aus besuchten wir unter Führung einer deutschen Lehrerin ein Kloster, das neben einem uralten Hciligthnm der ersten Christen in Lyon erbaut ist und auch den Leib des ersten hl. Bischofs von Lyon enthält, sowie viele Gebeine von hl. Märtyrern auS der Stadt. In der Vorstadt Ste.-Jrene findet man auf jedem Schritt Spuren des alten Lyon, die jetzigen Hänser sind theilweise aus seinen Trümmern gebaut. Die Kirche Ste.-Jrene hat eine sehr alte Krypta; neben der Kirche sieht man noch ansehnliche Neste der großartigen römischen Wasserleitung. (Fortsetzung folgt.) - — "» A n r r r ä L h f e r. (Die Striche sind durch finnentsprechende Wörter zu ersetzen, die im Zusammenhang ein bekanntes Sprichwort ergeben.) ES war-! Der Mondenschein Blinkt' mild in'S Kämmerchen hinein. Versunken — die Sorgen all Des Tags mit ihrem wüsten Schwall. Ein süßes Träuinen hüllt mich ein, Da tönt vom Dach ein kläglich Schrei'», Ließ man denn-frei?! Zerstoben ist die Träumerei! — Der Mond selbst schaut voll Aerger d'reln Und hüllt in — Gewölk sich ein. Auflösung des Kreuz-Räthsels in Nr. 31: „Augsburgrr Postzeitung". 53. Samstag, den 30. Juni 1894^ Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbesiher vr. Max Huttlcr). Äm Lanne aller Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) VII. MoseS Nathansohn war von seiner neuen, vornehmen Bekanntschaft ganz erfüllt. Er hatte noch nie mit einem so feinen Herrn zu thun gehabt wie dieser junge Baron von Sturen, der das Geld nicht ansah und den Preis, den man von ihm verlangte, ohne zu feilschen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, willig bezahlte. Das Vorfahren eines Wagens vor dem Laden war eine Möglichkeit, auf welche man stets gefaßt sein durfte, wenn man sich einer so hohen Kundschaft zu rühmen hatte. Man konnte nicht wissen, welche Consequenzen sich an die Brillantohrringe knüpften, wobei Nathansohn ein schwer zu umgehender Faktor war. Er kam sich wie der als Hausirer verkleidete Zauberer in „Tausend und eine Nacht" vor, dem der Märchenprinz irgend einen alten Tand abkaust, ohne zu ahnen, welche geheime Wunderkraft sich darin verbirgt. Um seinen hohen Geschäftsfreund zu jeder Stunde standesgemäß empfangen zu können, hatte Nathansohn aus seiner Schatzkammer einen Sessel mit rothem verschossenen Sammetpolster, der ein Jahrhundert früher einen fürstlichen Audienzsaal geschmückt haben mochte und noch Spuren der Vergoldung an sich trug, in sein an den Laden stoßendes Hinter- stübchen versetzt. Er war mit diesem Arrangement eben zu Ende und lauschte, während er einen fast verliebten Blick auf das königliche Prachtmöbel warf, dem Geräusch heranrollender Räder und klappernder Hufe, als beides plötzlich vor der Ladenthür verstummte. Mit ein paar Sätzen, die jedem Grotesktänzer Ehre gemacht haben würden, war er draußen, und ehe noch der Baron von Sturen — denn er war es in der That — aus der Droschke gesprungen war, stand bereits Nathansohn, mit dem Haupte fast die Erde berührend, in der weitaufgerissenen Ladenthür. „Ick komme soeben von den Geschwistern Rettberg," begann Wolfgang die Unterredung, nachdem er im Heilig- thum des Hinterstübchens seinen etwas wackligen Thron bestiegen hatte; „Sie haben mir über die junge Dame nicht zu viel gesagt, Herr Nathansohn; sie ist eine wirkliche Schönheit." Der Jude dachte an den Zauberer und den Märchenprinzen und strich sich den Zwickelbart. „Kennen Sie einen gewissen Herrn von Quinna?" fragte der Baron. x „Na, werd' ich nicht kennen den Herrn von Manna!" sagte Nathansohn. v „Würden Sie mir wsbl Einiges über ihn mittheilend" Nathansohn war hMzugKn bereit. Er freute sich, seinem vornehmen Kunden einen uneigennützigen Freundschaftsdienst erweisen zu können, der ihn nichts kostete. Herr von Quinna hatte, wie der Pfandleiher erzählte, bereits eine abenteuerliche Vergangenheit hinter sich und war nur durch die Heirath mit einer häßlichen, aber sehr reichen Wittwe von einem schimpflichen Untergänge gerettet worden. Aufmerksam hatte Baron von Sturen dem Juden zugehört. „Ich sah diesen Herrn bei Fräulein Nettberg eine sehr zweideutige Rolle spielen," sagte er, „die ihn mir jetzt, wo ich weiß, daß er verheirathet ist, nur um so verächtlicher erscheinen läßt. Jedenfalls hat er auf Fräulein Rettbergs Bruder einen verderblichen Einfluß geübt, wenn an diesem überhaupt noch etwas zu verderben war. Vielleicht hat er den jungen Nettberg sogar in irgend einer Schlinge gefangen, aus welcher ihn die Schwester befreien soll. Ich bekenne, daß mir viel daran gelegen wäre, hierüber in's Klare zu kommen. Natürlich liegt es mir fern, eine solche Auskunft zum Nachtheile Nettbergs auszubeuten." „Ich verstehe," wiederholte der Jude, an jeden möglichen Gebrauch denkend, den ein junger Mann in des Barons Verhältnissen von der gewünschten Auskunft machen könne, und vollkommen überzeugt, daß es dessen Absicht sei, Quinna's Plan zu vereiteln und Bruder und Schwester in seine eigene Macht zu bekommen. „Hml" machte Nathansohn und strich nachdenkend seinen Zwickelbart, „mir wird das Jüngelchen nicht Rede stehen. Es müßte einer sein von seinen Bekannten, einer, der ihm kann setzen die Pistole auf die Brust und der doch selbst nicht hat so saubere Hände, um gegen ihn zu machen den Angeber. Hml — hml — Gott! waS zerbrech' ich mir den Kopf und hab' nicht gleich gedenkt an den Ulan d" Das letzte Wort schien dem Juden gegen seinen Willen entschlüpft zu sein, denn er machte eine ärger- 406 liche Bewegung mit der Hand, als wollte er sich aus den Mund schlagen. „Herr Baron," fügte er rasch hinzu, „'s wird mir sein eine große Ehre, Ihnen zu erweisen eine Gefälligkeit. Was ich kann thun in der Sache, werd' ich thun." „Versuchen Sie Ihr Bestes, Herr Nathansohn," sagte Wolfgang, sich von dem ehrwürdigen Thronsessel erhebend. „Erhalte ich von Ihnen die gewünschte Auskunft, so sprechen wir zusammen noch ein Wort über die altgriechische Vase und über die Damascenerklinge auS der Zeit Timurs." „Sie sollen erfahren alles, was Sie erfahren wollen, gnädigster Herr Baron," betheuerte der Jude mit einem schmunzelnden Lächeln, das um seine Augen einen ganzen Elfcnreigen kleiner Fältchen erscheinen ließ, „Sie hätten sich an keine bessere Adresse wenden können, als an Moses Nathansohn!" Mit gewohnter Unterwürfigkeit dienerte er seinen hohen Besuch hinaus, öffnete ihm den Droschkenschlag und verharrte, während der Wagen davon fuhr, in einem tiefen Bückling, die langen Arme senkrecht herabhängen lassend, was ihm das Aussehen gab, als wollte er auf allen Vieren davonkriechen. VIII. Wolfgang befand sich nun mehrere Tage in Berlin, ohne seinem eigentlichen Zwecke auch nur um einen einzigen Schritt näher gekommen zu sein. Statt dessen sah er sich mit Personen und Verhältnissen verkettet, die noch vor Kurzem für ihn so gut wie gar nicht in der Welt gewesen waren: Und dabei hatten ihn alle diese Nebendinge so in Athem gehalteu, daß er noch nicht Zeit gefunden hatte, seinen ehemaligen Vormund, der sich nach seinem Eisenbahnunfalle so theilnehmend nach seinem Befinden erkundigte, zu besuchen, und auch dem neugewonnenen Freunde, dem er sein Leben dankte, hatte er noch nie seine Ankunft in Berlin gemeldet. Am nächsten Vormittage betrat der Baron von Sturen das vornehme Haus Unter den Linden, in welchem Maitland die Beletage bewohnte. Alles zeugte von großem Reichthum und gediegenem Geschmack. Er fand, durch einen Diener angemeldet, Maitland in einem stilvoll ausmöblirten Zimmer, dessen Wände auserlesene Oelgemälde bedeckten. Maitland hatte sich eben von einem Sopha erhoben. Ein Buch bei Seite legend, kam er dem Besucher entgegen, ergriff lebhaft dessen Hand, hieß ihn in der Hauptstadt willkommen und wünschte ihm Glück zu seiner völligen Wiederherstellung. „Maitland," begann Wolfgang, „ich stehe beschämt vor Ihnen. Der Gang zu Ihnen sollte einer meiner ersten Schritte in Berlin sein. ..." „Keine Entschuldigung, Baron," schnitt Maitland ihm das Wort ab. „Ich selbst habe mich wiederholt genau in der gleichen Lage befunden und würde demjenigen, der gegen eine scheinbare Vernachlässigung empfindlich gewesen wäre, den Vorwurf des Egoismus mit Zinsen zurückgegeben haben." Maitland erkundigte sich nach den bisherigen Erfahrungen, die sein neuer Freund in Berlin gesammelt. Wolfgang erzählte einige Abenteuer und kam auch auf seine Bekanntschaft mit Nettbergs; es war ihm nicht leicht, die Fragen Maitlands nach Fräulein Nettberg zu beantworten. Da er aber dem bewährten Freunde Offenheit schuldig war, so erzählte er ohne Rückhalt, auf welche Weise er mit Fräulein Rettberg und ihrem Bruder bekannt geworden war, und verschwieg nur seine erste Begegnung mit dem letzteren, um den Bruder des jungen Mädchens in seiner verbrecherischen Verbindung mit einer Bauernfängerbande nicht noch schlimmer bloßzustellen, als unbedingt nöthig war; er berichtete sein Gespräch mit Melante Nettberg, die Dazwischenkunft Quinna'S und seine darauf folgende Unterredung mit Moses Nathansohn. Maitlayds Benehmen war ganz anders als Wolfgang erwartet hatte. Das gefürchtete Lächeln zeigte sich nicht um seine Lippen. Er legte mit so wenig Worten als möglich dem jüngeren Freunde den Gedanken nahe, Melanie Nettberg zu seiner Geliebten zu machen, so daß dieß als nichts Böses, sondern nur als das beste Auskunftsmittel erschien, ohne daß das Moralische oder Unmoralische dabei in Frage kam. Die kunstreichste Vertheidigung der Ausschweifung würde keine so entsittlichende Wirkung hervorgebracht haben, wie die bedächtige Art, womit Maitland sprach, als handle es sich um etwas Selbstverständliches. „Um Ihren Weg in dieser Sache klar vor sich zu sehen," fuhr Maitland fort, „müssen Sie sich überzeugen, ob Sie sich im Charakter des Mädchens nicht täuschen. Wenn Sie noch ein paarmal mit ihr gesprochen haben werden, kann es Ihnen nicht schwer fallen, die Wahrheit zu ermitteln. Die Kunst sieht der Natur nie so gleich, um ein durch Zweifel geschärftes Auge irre zu führen." „Ich werde kaum Gelegenheit finden, mir ein Urtheil zu bilden," entgegnete der Baron, „denn höchst wahrscheinlich werde ich das junge Mädchen nie wiedersehen." „Und warum nicht?" fragte Maitland. „Weil ich es für gefährlich halte," bekannte Wolfgang. „Bei aller Unschuld ist ihre graziöse Schönheit doch von verführerischem Reize. Soll ich sie mit einem solchen Anhängsel von Bruder zur Frau nehmen? DaS ginge selbst über weine romantischen Ideen hinaus. Und was die andere Art von Verbindung betrifft, auf welche Sie angespielt haben, so kann ich einen derartigen Plan nicht fassen. Ich werde mich daher wohl hüten, einen so gefährlichen Boden wieder aufzusuchen." „Nun, wenn Sie es nicht wollen, Baron," sagte Maitland, „so werde ich eS thun." „Vielleicht werden Sie die Willfährigkeit nicht finden, die Sie erwarten, Maitland," versetzte Wolfgang empfindlich. „Lieber Baron," lachte Maitland, „Sie haben kein Recht, für diese schöne Waise Mitleid zu erwecken und sich dann selbst von ihr abzuwenden mit dem Entschlüsse, einen anderen großmüthigen Mann zu verhindern, ihr seine Theilnahme zu bezeigen." „Ich habe nicht gesagt, daß ich sie verlassen will," entgegnete Wolfgang. „Mein nächster Gang führt mich zu meinem ehemaligen Vormunde —" „Dem Justizrathe Doctor Carus, der sich tägliche Bulletins über Ihr Befinden kommen ließ?" Wolfgang nickte. „Ihm werde ich die Geschichte der jungen Dame erzählen. Er ist ein Menschenfreund und wird in dieser Sache für mich alles thun, was ich persönlich nicht thun kann." „Sie handeln edel und gut, Baron, — vielleicht nicht so praktisch für das Glück des jungen Mädchens, — 407 als wenn Sie sich für den anderen Plan entschieden hätten, aber auf jeden Fall begehen Sie keine Hand» lung, welche nicht wieder gut gemacht werden kann. Jeder muß selbst am besten wissen, was ihn am glücklichsten macht." (Fortsetzung folgt.) Ein Weib als Cadet und Lieutenant. Major Svoboda, Gruppenvorstand im österreichischen Kriegsministcrium, hat die Geschichte der Thercsianischen Militär-Akademie zu Wiener-Neustadt und ihrer Zöglinge von der Gründung der Anstalt bis auf unsere Tage in einem zweibändigen Werke behandelt. Im Wiener Fremdenblatt greift Oskar Teuber aus diesem Werke die wunderbare Geschichte eines Zöglings heraus, der die 1797er Classe der Neustadter Militär-Akademie denkwürdig macht für alle Zeiten: „Er" war — und Svoboda beweist es actenmäßig — ein prächtiges, Helden» müthigeS Weib. Francisca Scanagatta ist der Name dieses seltsamen Zöglings, von dem die ernste Geschichte erzählt. Ihre Wiege stand in Mailand, und kaum war Francisca dieser Wiege entsprungen, so übertraf sie alle Jungen der Nachbarschaft, namentlich aber ihren bleichen, stillen Bruder Giacomo an Wildheit, Energie und Kriegslust. Papa schüttelte erst den Kopf, dann aber faßte er einen Entschluß und reiste mit den heranreifenden Kindern über Venedig gegen Wien. Giacomo sollte Cadet zu Neustadt, Francisca ein tugendsames Pensionatsfräulein bei den Salesianerinnen werden. Aber die Erkrankung Papas und Giacomos zu Venedig lieferte die „tolle" Francisca einem weiter reisenden Freunde Papas aus. Nach einer Laune oder besonderen Fürsorge des Vaters hatte das Töchterlein Männerkleider angelegt, und leicht wurde es dem Mädchen, den Begleiter davon zu überzeugen, daß sich Papa mit den Salesianerinnen einfach geirrt und sie den Cadetten in Wienerisch-Neustadt zugedacht habe. Er übergab sie dem von der Ankunft eines jungen Scanagatta benachrichtigten Akademie-Oberarzt als externen Zögling in Kost und Pflege; glänzend machte sie ihre AufnahmSprüfung, und nun erst beschwor sie Papa in einem herzbewegenden Briefe, sie dem herrlichen Kriegerstande nicht zu entziehen. Was thut ein zärtlicher Vater nicht, wenn ein Töchterlein hartnäckig bittet. Er flog nach Neustadt, hörte den Arzt mit voller Arglosigkeit des „Knaben" Soldatenfreude vertheidigen und machte gute Miene zum bösen Spiel. Drei Jahre später flog Francisca Scanagatta als Fahnenjunker bei den WaraSdiner St. Gregor-Grenzern aus dem Ca- dettcnhause aus und schwang sofort in Italien sein jungfräuliches Schwert. Niemand ahnte in dem jungen Kroaten-Officicr mit den männlich ernsten Zügen das zarte „Fräulein"; nur zu Sandomir in Polen, wo er 1798 mit einem Bataillon Colloredo die Garnison bezog, schüttelten die Damen und Herren bedenklich die Köpfe, weil der junge Italiener so gar keine Begeisterung für das schöne Geschlecht verrieth. „Am Ende ist der Herr Fähnrich ein verkleidetes Mädchen!" rief eines Tages ein jungverheiratheter polnischer Cavalier in fröhlicher Gesellschaft Scanagatta zu. „Gut", antwortete der Verdächtige, „die Damen sollen entscheiden; ich erbitte mir Ihre Gemahlin als Richten«!" Nun schüttelte der Pole das Haupt, und Francisca blieb unbeläst'gt; sie machte sich auch in Klagenfurt und Pancsova von „böser Nachrede" frei, indem sie mit den schlimmsten Zweiflern tätliche Kugeln wechselte. Um 1799 stand die Amazone bei den Deutschbanater Grenzern vor dem belagerten Genua immer in der vordersten Reihe; mit Löwenmuth vertheidigte sie den Posten Barca Gelata, und mehr als des Feindes Kugeln ängstigten sie die Gefahren des Hospitals, wohin man die Schwerverwundeten brachte. Noch einmal ward ihr Jncognito bewahrt; die Lieutenants» charge lohnte im Jahre 1800 ihre Tapferkeit, aber sie war am Ende ihrer Heldenlaufbahn angekommen. Auf einer Dienstreise im Elternhause zü Mailand angekommen, mußte sie sich des Mütterleins Händen anvertrauen, denn ihre Gesundheit war arg angegriffen, und nun be» trieben die Eltern ihre Qittirung, die mit vollen Ehren- und mit Belassung des Officierscharakters genehmigt wurde. Als kaiserlicher Officicr fühlte sich Francisca Scanagatta in allen Zeiten ihres Lebens, auch als sie, dem Zuge ihres Herzens folgend, dem Chevaulegcr- Lieutenant Cölestin Spini die Hand zum Ehebunde reichte, ein wahrhaftiges Lieutenantspaar! Vier Kinder entsprossen dieser Ehe, die 1832 der Tod des Gatten, des Majors Spini, löste. Der gnädige Kaiser beließ der Wittwe nebst der Lieutcnantspension den Majors- Wittwengehalt, und in sorgenloser Ruhe erreichte die Amazone ihr 89. Lebensjahr. Als Radetzky im Jahre 1848 das aufständische Mailand verließ, war die Frau Lieutenant-Majorin unermüdlich in der Pflege zurück« gebliebener Verwundeter, und als im Jahre 1852 das 100jährige Jubiläum der Akademie alle die treuen Söhne der matsr nach Neustadt führte, da flatterte auch ein Brief der einzigen „Neustädten»" in das ehrwürdige Haus, der unterzeichnet war: „Franz Scanagatta, w. p., Lieutenant, Majorswittwe." Noch vor ihrem Ende hatte Francisca Scanagatta die Freude erlebt, daß einer ihrer Enkel in dasselbe Haus einzog, dem sie einst als Fähnrich entsprossen; sie selbst aber lebt fort in der Neustadter Zöglingstradition zu allen Zeiten. - ^ > i Die Versuchung. Allegorie von Vera Wciibel. Eine Anemone blühte schneeig weiß am Saume deS Waldes. Ewig konnte sie nicht blühen, denn die Blumen sterben bald; aber ihr liebliches Weiß konnte sie bewahren bis zum letzten Moment ihres Blühens, und aufrecht wollte sie noch stehen, wenn der Wind bereits das letzte Blättchen aus ihrer zarten Krone geblasen haben werde. Manch rauher Hauch vom Norden hatte schon ihr Köpfchen gebeugt, aber die Anemone stand ausrecht, lieblich in ihrem schneeigen Weiß. Ein Platzregen hatte den Staub der Erde aufgewühlt und alle Blumen beschmutzt, die am Wege standen, der in den Wald führte. Auch auf den reinen Blättern des Waldblümchens zeichneten sich häßliche Flecken. Es war doch recht schade, und ich denke, daß das Blümchen leise für sich weinte. Zum ersten Male passirt ihm dies Unglück, und nun sah es erst, wie schön es gewesen. Aber in der folgenden Nacht fielen unzählige Thauperlen vom Himmel herab und wuschen jedes Gräslein rein vom Erdenstaub. Jungfräulich erglänzte die Anemone wieder im ersten Strahl der Morgensonne, und aufrecht stand sie da, unendlich lieblich in ihrem schneeigen Weiß. Da kam des Wegs ein Jägersmann, ein fröhliches 40S Liebchen trällernd. Keck saß ihm sein grüner Waidmannshut auf dem lockigen Haupte, und die Lebenslust blitzte aus seinen schwarzen Augen. „Mein ist der Wald mit all seinen Vögeln und Blumen", so sang und jubilirte er in seinem jungen Uebermuthe. Da sieht er das weiße Köpfchen der Anemone im goldenen Morgenlichte schimmern. „Mein auch Du", jauchzt er und faßt mit rauher Hand sie an, die duftende Blüthe, und steckt sie zu seinem Gcmsbart auf den grünen Hut. „Da hast Du noch mehr Licht, mehr Luft und Wärme, als unten auf dem moosigen Grunde", tröstet er. Armes, liebliches Blümchen! Warum hat es keine Dornen, um zu stechen, warum keine Kraft, zu widerstehen? Flora gab ihm nichts als Waldcsduft und sein so köstliches Weiß. Und war das nicht genug? War es denn ein Unglück, der Sonne näher zu sein? Unter ihrem Einfluß fühlt sich das Blümchen nun ganz wohl, es glänzt noch schöner als zuvor da unten auf dem kalten Grunde. Doch die Küsse der Sonne werden immer brennender und glühender, sie saugen allen Lebenssaft aus dem zarten Pflänzchen. Müde läßt es seine welken Blättchen hängen, um — zu sterben. Dahin ist der köstliche Waldduft und, ach, auch das schneeige Weiß .... Ein böser Räuber hat das gethan, ein kecker, wilder Jägersmann, aber — warum mußte denn die Anemone gerade am Wege stehen? -»-«-«-es-- Allerlei. ES ist eine längst bekannte Thatsache, daß sogen- gefirnißte Thiere, deren Haut mit einem anhaftenden Stoff, wie Leim, Gummi, Gelatine, Olivenöl, Theer u. s. w. überzogen ist, unter eigenartigen Krankheitserscheinungen zu Grunde gehen. Die Thiere verlieren die Frcßlust, werden unruhig, bekommen Zittern und beschleunigte Athembewegungen und verstärkten Puls, die späterhin aber allmählich immer langsamer werden. Dabei sinkt die Bluttemperatur immer mehr, manchmal bis auf 19 Grad, und das abgekühlte Thier fällt endlich todt zusammen. Je kleiner das Thier ist, desto schneller geht es an der Ueberfirnissung zu Grunde. So starben Kaninchen schon nach 6 bis 12 Stunden, während das Pferd erst nach mehreren Tagen zu Grunde geht. Nach Edenhuizen ist ein Thier unrettbar verloren, wenn die Ueberfirnissung mehr als den sechsten Theil der Körperoberfläche beträgt. Was den Menschen betrifft, so kennt man aus der Ueberlieferung einen Fall, wo das Ueber- ziehen der Haut mit einem undurchlässigen Stoff den Tod zur Folge hatte. Zur Krönung des Papstes Leo X. wurde ein Kind, das einen Engel darstellen sollte, vergoldet und starb in der Nacht darauf, noch ehe es seine hohe Rolle ausspielen konnte. Manche Völker haben ja noch heute, wie früher die Griechen, die Sitte, sich den ganzen Körper mit Fett einzuschmieren, und auch unter den modernen Culturmenschen bekämpft man manche Hautkrankheiten damit, daß man den Leib mit Salben einschmieren läßt, ohne daß es den Menschen schadete. Es ist daraus der Schluß gezogen worden, daß im Gegensatz zum Thier der Mensch das Uebersirnissen seiner Haut ohne Schädigung ertragen könne. An welcher Todesursache geht aber das Thier zu Grunde? Diese Frage haben im Laufe der Zeit eine ganze Reihe von Gelehrten durch Versuche zu lösen gesucht, ohne endgiltige Klarheit zu bringen. Die Einen glauben, daß durch das Uebersirnissen die Hautathmung unterdrückt wird, so daß die Ausscheidungsstoffe der Haut, als Wasser, Kohlensäure, Ammoniak, flüchtige Riechstoffe und andere noch unbekannte Verbindungen sich im Thierkörper anhäufen und Vergiftung und Tod bedingen. Einige russische Forscher vertreten die Anschauung, daß der durch das Firnissen verursachte Hautreiz in Folge seiner großen Ausdehnung zu schweren nervösen Störungen und schließlich zur Lähmung der nervösen Centralorgane führe. Versuche aus der jüngsten Zeit unterstützen mehr eine dritte Ansicht, daß nämlich die Todesursache eines überfirnißten Thieres wenn nicht allein, so doch zum Wesentlichen in der Abkühlung liege, welche eS infolge des gesteigerten Wärmeverlustes bei dem Versuche erleiden muß, die der Mensch bei sich aber durch die Kleidung oder die Bettdecke verhindert. Denn das Thier wird vor dem Uebersirnissen geschoren und ihm damit seine wesentliche Schutzwehr gegen die Abkühlung geraubt, und gradweise nimmt damit die Eigenwärme ab. Der beste Beweis für die Abkühlungstbeorie wäre der Nachweis, daß gefirnißte Thiere durch Aufhebung des Wärmeverlustes vor dem Tode bewahrt werden können, und in der That haben einige Forscher ihre Thiere durch Einpacken in Watte, durch Halten in einem erwärmten Raum über einige Tage nach dem Firnissen am Leben erhalten. Die Fähigkeit der Gewebe, den vom Blut hinzutretenden Sauerstoff aufzunehmen und zur Verbrennung zu verwerthen, ist, wie alle Lebensvorgänge im Thiere überhaupt, an gewisse Temperaturen gebunden. Je tiefer die Eigenwärme des Warmblütlers unter 30 Grad sinkt, desto mehr leiden die für die Oxydation im Körper unerläßlichen Vorbedingungen; das die Gewebe durchströmende Blut kommt schließlich als arterielles, d. h. noch mit Sauerstoff beladen, in das rechte Herz zurück. Auch die künstliche Athmung vermag somit den Tod der Thiere nicht zu hemmen, und man könnte das Unvermögen der abgekühlten Zelle, den nöthigen Sauerstoff zu erhalten und zu verbrauchen, als die eigentliche Todesursache ansehen. Daß der Mensch scheinbar an der Ueberfirnissung nicht zu Grunde geht, hat eben dadurch seine Ursache, daß man ihn vor Abkühlung schützt; er liegt im Bett oder hat Kleider an. Ein nackter erwachsener Mensch kann seine Eigenwärme unter einer Außentemperatur von 27 bis 28 Grad Celsius nicht gleich erhalten, wenn andere auf die Wärmeregelung einwirkende Bedingungen, wie Muskelarbeit, Aufnahme von Nahrung, ausgeschlossen sind. Gewöhnung, Abhärtung, Fettpolster u. s. w. können ja allerdings die Grenze etwas verschieben; so viel ist aber sicher, daß kein Mensch bei gewöhnlicher Zimmerwärme (17 bis 18 Grad) es eine halbe Stunde ohne Frost aushalten würde. --» z -— Logogryph. Es dehnt sich auö nach allen Seiten, Und Alles, was uns rings umglänzt Ist d'rm, war d'rin seit Ewigkeiten, 's ist grenzenlos und doch begrenzt. Schwer ist'S zu fassen, ohne Gleichen, Sobald es an kein Ding gebannt, Dock wird eS, streichst du nur ein Zeichen, Getränk, das dir gar wohlbekannt. 3. Auflösung des Fiill-Räthsels in Nr. 52: Bei Nacht find alle Katzen grau. --EZS--