AittMattungsAatt M „Augsburger Postzeitung". 54. Dinstag, den 3. Juli 1884. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas ,/ ^ 'L />'->- Mä-Gt: ?E ^W-'W -WWW« !^LÄ8 M-s-- S M«S l'-ÄÄL 414 ist auch der Hauptsitz der katholischen Missionen, des großartigen Werkes der Glaubensverbreitung. Die Franzosen leisten jährlich bei 5 Millionen Franken, während alle anderen katholischen Länder nur die Hälfte dieser Summe zusammenbringen. Wir schieden ungern von dieser reichen und vornehmen Stadt, deren Bewohner uns achtungsvolle Zuvorkommenheit erwiesen hatten! Nützlich für nicht französisch Sprechende hatte sich die Anordnung erwiesen, daß jeder Pilger den Namen des Hotels und der Straße auf ein Papierblättchen aufgeschrieben hatte, so daß einzelne Verirrte leicht nach ihrem Hotel dirigirt werden konnten; die Meisten waren in Gruppen gesammelt. Nach 9 Uhr mußten sich alle wieder auf dem Stunden an großen Bahnhöfen bedeutender Städte kurzen Aufenthalt von einigen Minuten nimmt. Wir begrüßen ohne anzuhalten die Stadt Vienne, von wo bekanntlich die Bittgänge in der Bittwoche ihren Ausgang genommen haben gegen Ende des 5. Jahrhdts. Der hl. Bischof Mamertus hatte sie angeordnet in Ansehung der damaligen großen Strafgerichte Gottes, der Menge Feuersbrünste, der schrecklichen Erdbeben und des furchtbaren Getöses, um bei der Barmherzigkeit Gottes Hilfe zu finden und durch Gebete, Fasttage, öffentliche Bittgänge den beleidigten Gott wieder zu versöhnen; die Strafgerichte hörten auf, die Bittgänge aber wurden alljährlich fortgesetzt und in der ganzen katholischen Kirche Schlangendändigrr. Centralbahnhof einfinden, denn die Abfahrt des Zuges war auf '.zlO Uhr angesetzt. 12. Avril um 9 U. 38 M. Vm. verließen wir wieder den Bahnhof Perrache in Lyon. Nach dem Austritt aus dem Eemralbahnhof überschreitet die Bahn wiederum die 242 Meter lange Brücke über die Rhone, die Bahnrichtung wird eine südliche und zieht sich bis Tarascon längs des Rhönefiuffes hin. Die Rhüne entspringt auf der Westseite des St. Goithard, geht durch halbmondförmigen Lauf in den Genfersec und mündet nach einem 800 Kilometer langen Lauf in den Golf von Lyon am Mittelmeer unterhalb Avignon. Die Linie Lyon-Tarascon zählt 254 Km. »st 41 Bahnstationen, an welchen von Postzügen angehalten wird, während unser „Blitzzug" mit rasender, nie Gesehener Geschwindigkeit dahinsaust und nur nach je 3 gebräuchlich. Dörfer, größere und kleinere Städte flogen gleichsam an uns vorbei; die Vegetation, welche schon in Genf und über der französischen Grenze eine sehr vorgeschrittene war, namentlich in der Richtung gegen Lyon um 5 Wochen voraus als in Deutschland, hatte ab Lyon einen üppigen Charakter; saftig grüne Wiesen, blühende Mandelbäume, Aprikosen- und Pfirsichbäume, Tausende von Kirschbäumen, die bereits abgeblüht hatten, schöne Blumen und Gewächse aller Art lachten uns entgegen; Ulmen, Cypressen und Maulbeerbäume in großer Zahl zierten die Gegend 5 Weingelünde, in der Ebene sich hinziehend, und Oelbäume bekundeten, daß uns ein südliches Klima aufgenommen, die gesegnete Provence (provinoia. Roinuna), wo das Olivenöl gedeiht, bei uns Provencer- Oel genannt. 415 Die Provence, die wir jetzt durcheilen, vom Mittelmeer begrenzt, ist in mehrere Departements getheilt und erhielt ihren Namen von der Romanisirung (krovinoia) Südgalliens; im 12. und 13. Jahrhundert blühte hier besonders die berühmte provencalische Dichtkunst; es ist hier das Land der einst berühmten wohlklingenden ältesten romanischen Sprache, ein Land der Gegensätze; hier üppige Thäler und Niederungen, schon im Frühling reichbeblätterte Maulbeerbäume, welche die rege Seidenzucht bezeugen, Getreidesegen, Weinberge, welche berühmte Weine liefern, Olivenbäume und ergiebige Kastanien, Mandeln, Feigen, Melonen, Citronen, Orangen —, anderseits sonnverbrannte weite Gebiete, nackte, rothe Fessen, staubbeladene Luft, im Sommer glühende Sonne, düsterer Ernst, lange, regen- lose Sommerzeit, Ströme zwischen breiten nackten Steinbetten und ein stürmischer Nordwestwind, Mistral genannt, der im Frühling die Küste eiskalt und gelbnebelig durch- August 1799. Mit Wohlgefallen sieht man ausgedehnte Weinberge. Wir mußten mehrere, zum Theil sehr lange Tunnels durchführen. Valence, mit 2400 Einwohnern, hat eine prachtvolle Kathedrale St. Apollinaris und ein gut erhaltenes Amphitheater mit einem Zuschauerraum für 7000 Personen. Neben dem Bahnhof konnte man auf einer Geschäftsfirma lesen: Leopold Landauer, Manufaktur. Die Landschaft nimmt bei Livron einen südlichen Charakter an; die Berge haben jetzt einen gelben, felsigen, sonnverbrannten Charakter, der in der Provence vorherrscht. Links in der Ferne die Alpen der Dauphins. Die Bahn passtrt bei Montelimar einen langen Vtaduct über den Roubion, — in der Umgegend Maulbeer- und Oliven- pflanzungen, große Feigenbäume. In der Ebene von Montelimar breiten sich um einsame Dörfer weite Getreidefelder aus. Von Orange ab beginnen ausgedehnte Oliven- wälder. Orange ist eine Stadt mit 10,300 Einwohnern, Gberftausen. stürmt und die Rhone hinan bis Valence würhet; dies merkwürdige Land war das Paradies der Troubadoure im Mittelalter. Jetzt trauern die kleinern Städte und Dörfer unter gebrochenen Burgen, und die Großstädte zeigen das volle, aufreibende Leben der modernen Industrie. Schön und blühend sind die Landschaften zwischen Lyon und Avignon; längs der südwärts führenden Bahn- trace sehen wir anmuthige Hügel, schroffe Felsbcrge, stille Dörfer, lebhafte Städte, herrliche Schlösser, zerfallene Ruinen, bald zur Linken bald zur Rechten die Rhone, die dem Meere zuläuft, mit der Bahn; es ist ein klassischer Boden, wo die römischen Imperatoren mit siegreichen Armeen herumgezogen sind, um die Gallier zu unterwerfen. Wir nähern uns der Stadt Valence, wohin Napoleon I. den 80jährigen Papst Pius VI. hat bringen lassen, weil er dem Kirchenstaate nicht entsagen wollte, — ein sanfter Tod erlöste den greisen Dulder am 29. inmitten von Wiesen, Maulbeerpflanzungen, Weinbergen; in seiner Nähe wurden 105 v. Chr. die Römer von den Kimbern und Teutonen geschlagen; Orange gehörte als Fürstenthum 1531—1702 zum Haus Nassau, das daher den Beinamen Oranien führt, wurde 1713 an Frankreich abgetreten. Von der Bahn aus sichtbar ist ein Triumphbogen, ein schöner, prächtig decorirter Bau aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., ebenso am südlichen Ende der Stadt ein römisches Theater, es soll eines der best- erhaltenen, großartigsten antiken Theater sein, für 7000 Personen! Wir konnten es nicht besichtigen bei so kurzem Aufenthalt. Währeno der Fahrt hatten wir aber auch die geistliche Tagesordnung auszuführen; im Pilgerbüchlein, das Jeder bekam, waren die entsprechenden Gebete und Lieder enthalten. Nach der Morgen-Andacht betete man die Reise-Meß-Andacht, um 7 Uhr den Rosenkranz mit Lauretanischer Litanei, um 9 Uhr Marianische Andacht 416 mit mehreren Gebeten und jeweilig drei Ave Maria, 11 Uhr Rosenkranz, 2 Uhr deutsche Vesper-Andacht, 4 Uhr Kreuzweg-Andacht, 6 Uhr Rosenkranz, */z9 Uhr Abend-Andacht; so wurde der Reise die religiöse Signatur als Pilgerzug aufgeprägt! Bei Ankunft an größeren Halt- stationen war Pause im Beten und Singen, um kein Aufsehen zu machen. Die Lieder waren, mit Ausnahme des Lourdesliedes „Ave Maria", dem Augsburger Gesangbüchlein entnommen (Gelobt sei Jesus Christus, Großer Gott, Salve Regina usw.). In Lyon hatten wir gestern um Regen gebetet, auch in Süd-Frankreich hatte es schon ein paar Wochen nicht mehr geregnet. Heute, Donnerstag 12. April, gab es in der Provence ein ansehnliches Gewitter mit Blitz und Donner, es regnete in Strömen bis 5 Uhr Abends. Wir näherten uns Avignon, das uns mehr interessirte als die bisherigen größeren Stationen seit Lyon, wie Tournon, Lavoulte, Viviers, St. Esprit, Bagnols, Villeneuve, die wir eilig Passirt hatten! (Fortsetzung folgt.) - — - Oberstaufe«. (Htezu das Bild Seite 415.) Der Markt Staufen ist im Bezirksamt Sonthofcn, Regierungsbezirk Schwaben und Neuburg, gelegen. Es ist wahrscheinlich, daß der Ort ein Bestandtheil jener großen Grafschaft im Albegau gewesen, welche Graf Hartmann von Landau mit der Burg Meglofs oder Eglofs im Jahre 1243 zu Capua um 3200 Mark Silber an den Kaiser Friedrich II. verkauft hat. Im Besitze der Beste Staufen findet man zu Anfang des 14. Jahrhunderts die Familie von Schellenberg beurkundet. Der Ritter Marquart von Schellenberg verkaufte die Burg mit der Pfarrei Staufen 1311 um 650 Mark Silber an den Grafen Hugo von Montfort. Dieser neue Besitzer stiftete 1328 zu Staufen eine neue Collegiat- kirche mit einem l-'ruspoLitus (Propst) und sechs Presbytern. Das Schloß Staufen lag auf einer Anhöhe bei dem jetzigen Markte Staufen. Im Bauernkriege wurde es zerstört, von dem Grafen Wolf von Montfort aber wieder erbaut. Auch nach einem zweiten Brande 1611 hat Graf Hugo von Königsegg - Rothenfels das Schloß wieder repartren, einen Schloßflügel und eine Kapelle hinzuerbauen lassen. In der letzten Zeit wurde das Schloß nur noch als Jagdschloß benützt, 1807 wurde es gänzlich abgebrochen. Die Herrschaft Staufen mit der Grafschaft Rothenfels war 1567 von dem Grafen Ulrich von Montfort an den Freiherrn von Königsegg um 155,000 fl. verkauft worden. 1804 verkaufte Graf Franz v. Königs- egg-Rothenfels die Reichsgrafschaft Rothenfels mit Staufen an den Kaiser Franz II. von Oesterreich. Der Preßburger Friede vom 26. Dezember 1805 theilte die Herrschaft Staufen der Krone Bayern zu. Der Markt Staufen, der gegenwärtig ca. 900 Einwohner zählt, ist 1680 bis auf drei Häuser abgebrannt. Oberstaufen ist eine beliebte „Sommerfrische", besonders auch der Augsburger; in den dortigen zahlreichen guten Gasthäusern ist für Speise und Trank bestens gesorgt bei civilen Preisen. (Unser Bild ist nach einer Photographie von K. Ebert in Kempten.) - * j -V -i—»- Zu unseren Bildern. Kadi Carnot, priistdent der franröstschen Republik Am 24. Juni l. I. wurde der Präsident der französischen Republik, Sadi Carnot, von dem Italiener Cesario Giovanni Santo in Lyon, wie bereits durch die Tagesblätter des Näheren mitgetheilt, auf offener Straße erdolcht. Ueber den äußeren Lebensgang Sadi Carnots sei Folgendes mitgetheilt: Marie Frantzvts Sadi Carnot, Sohn des Staatsmannes und Publizisten Lazare Hippolyte Carnot, Enkel des Grafen Lazare Nico- las Marguerite Carnot, der unter dem Konsul Bonaparte Kriegsminister war, wurde am 11. August 1837 zu Limoges geboren, trat 1857 in die polytechnische Schule ein und wurde später zum Ingenieur in Annecy ernannt. Am 10. Januar 1871 wurde er von Gambetta zum Präfeklen des Departements der unteren Seine eraannt und mit der Organisation der nationalen Vertheidigung in den drei Departements der unteren Seine, Eure und Calvados betraut. Am 8. Februar desselben Jahres wurde er auch in die Nationalversammlung gewählt. Carnot trat der republikanischen Linken bei und wurde deren Schriftführer; 1876 wurde er in die Abgeordnetenkammer gewählt ; hier trat er für alle Maßregeln ein, die geeignet waren, die Republik zu befestigen, und gehörte am 16. Mai 1877 zu den 363, die dem Ministerium Broglie ein Mißtrauensvotum ertheilten. Er trat besonders bei den Verhandlungen über die öffentlichen Arbeiten, die Eisenbahnen, die Binnenschifffahrt hervor, auch als Berichterstatter der Budgetkommission, und wurde am 26. August 1378 Unterstaatssekretär im Ministerium der öffentlichen Arbeiten, um am 22. September 1880, nach Freycinets Sturz, die Leitung dieses Ministeriums zu übernehmen. Im November 1882 vom Amte zurückgetreten, wurde Sadi Carnot im April 1885 zum Finanzminister im Ministerium Brisson und dann auch im Ministerium Frcycmet ernannt. Als GrSoyö Stellung unhaltbar geworden war. faßten die entschiedenen Republikaner neben Freycinet Sadi Carnot wegen seines berühmten Namens wie wegen seiner bewährten Uneigen- nützigkeit inö Auge, zumal Herrichsucht und Ehrgcir ihm fremd zu sein schienen. Bei dem ersten Wahlgang am 3 Dezember 1887 erhielt er die relative Mehrheit, 303 Stimmen, während 212 auf Ferry, 148 auf General Saussier und 76 auf Frcy- cinet fielen, bei dem zweiten Wahlgang, nachdem Ferry und Freycinet zu seinen Gunsten zurückgetreten waren, 616 von 827 Stimmen. Seine Wahl war besonders durch den Umstand gefördert worden, daß er als Finanzminister die Rückerstattung von 150,000 Fr. Stempelsteuer an die — Grsvy und Wilson befreundeten — Bankiers Dreyfus verweigert hatte, die fein Nachfolger Dauphin genehmigte. Als Herr Rouvier diese Thatsache zur Kenntniß der Kammer brachte, erhob sich diese ein- müthig und brachte dem Ehrenmann eine stürmisä e Huldigung dar. — Carnot hat die Erwartungen gerechtfertigt, die seine Wähler in ihn gesetzt hatten. Er war ein fester Republikaner, ein tüchtiger Redner und verstand es auch, mit der nöthigen Würde das Staatsoberhaupt zu spielen. Hastige Arrestanten. Die drei Schlingel, die Du hier siehst, haben heute ihr Pensum nicht gelernt und müssen nun ihre Faulheit mit Schul- Arrest büßen. Das scheint den Burschen aber nicht sonderlich Kummer zu verursachen, denn sie befinden sich in heiterster Laune; wenigstens die Zwei da, der Seppl mit der langen Pfeife des Herrn Lehrers und der Maxl mit der Geige. Hansjörg scheint es augenblicklich ernst zu nehmen; den Hopf auf die Hände gestützt, ist er gar eifrig in seine Lektüre vertieft.^ Was mag sich da wohl der alte Schulmeister denken, der, eben zur Thür hereingekommen und hinter der Schultafel stehend, das Kleeblatt betrachtet. Am Ende gibt's für den Raucher und den Geigenvirtuosen noch einen Extra-Airest. Kchlangendändiger. Schlangenbändiger gibt es hauptsächlich im Orient und bei den afrikanischen Völkern. Unser heutiges Bild stellt eine Scene dar, welche uns den Schlangenbändiger eben in Ausübung seiner „Kunst" vergegenwärtigt. Auf einer Reise dui ch das Wüsten- land begriffen, haben die Beduinen Halt gemacht, um dem seltsamen Schauspiele des Schlangentänzers ihre Aufmerksamkeit zu widmen. Auf dem Boden kauernd, spielt ein brauner Sohn der Wüste zum Tanze auf. In Nianchen Ländern Afrika's werden eigene Schlangenfesttage gefeiert und spielen die Schlangcn- bändigcr, auch Schlangenzauberer genannt, dort eine große Rolle.