z« „Augsburger PostMung". 57 . Ireitag, den 13. Juli 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen ZnstitutS von Haas L Grabberr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Lm Lärme aller Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) XVII. An diesem Abende befand sich Melanie bereits in ihrem neuen Heim und saß mit ihrer Beschützerin und Felicitas in dem traulichen Wohngemache, welches vom Gaslicht eines Kronleuchters fast tageshell erleuchtet wurde. Alle äußeren Lebensumstände erwogen, konnte sich Melanie keine günstigere Veränderung wünschen, als diejenige, welche seit einigen Stunden mit ihr vorgegangen war. Die gute Frau von Prachwitz fühlte für sie wie eine Mutter und that alles, um jedes leise Gefühl von Scheu und Abhängigkeit von dem jungen Mädchen fernzuhalten und es ihr recht heimisch in ihrer neuen Umgebung zu machen. Felicitas stand ihr wohl weniger unbefangen gegenüber, um so tiefer aber vermochte sie in Melanies Empfindungen einzudringen. Es geht nichts über den feinen Spürsinn der Frauen, wenn es gilt, das Geheimniß eines andern weiblichen Herzens zu ergründen. Felicitas vergegenwärtigte sich, welcher Art die Gefühle dieses armen Mädchens gegen ihren ritterlichen Retter wohl sein mochten, und indem sie sich in deren Lage versetzte, las sie in ihrem Herzen wie in einem offenen Buche. Sie legte sich die Frage vor: „Liebt Wolfgang sie am Ende doch? Muß er sie nicht lieben, sie, die so schön, so anziehend und so unmuthig ist? Aber wäre dann Melanie hier gewesen? Würde er sie unmittelbar unter den Schutz dieses Hauses gestellt haben, wenn ihn ein anderes Gefühl, als das des Mitleids, ein anderer Wunsch, als ihre Unschuld vor der drohenden Gefahr zu bewahren, geleitet hätte? Nein, gewiß nicht! sagte sie sich, und obgleich sie anfänglich die Hand ans Herz drücken mußte, um dessen unerträgliches Pochen zu stillen, wurde dieses doch bald wieder ruhig, und sie sagte sich: „Ich bin es, die er liebt. Ach! arme Melanie Rettberg!" Einen einzigen Augenblick hatte Felicitas die stechenden Qualen der Eifersucht empfunden, aber als ihre Zuversicht wiederkehrte, machte sie sich bittere Selbstvorwürfe, daß sie ein Gefühl der Freude über etwas, das einer andern tiefen Kummer bereiten mußte, nicht ganz hatte unterdrücken können. Melanie ihrerseits fühlte sich zu Felicitas, welche ihr die zartesten Aufmerksamkeiten erwies, hingezogen wie zu einer Freundin, der sie ihr ganzes Herz hätte ausschütten mögen — und doch mußte sie gerade vor ihr verbergen, was dieses Herz am tiefsten bewegte. Wenn sie ihre liebliche Gesellschafterin ansah, verstohlen ihre große Schönheit prüfte, da mußte sie sich sagen: „Kein Wunder, daß er sie liebt," und vermochte nur mit Mühe einen tiefen Seufzer zu unterdrücken. Sie kämpfte mit aller Macht gegen den Trübsinn, um ihre Umgebung nichts davon merken zu lassen, und als Frau Prachwitz und ihre Nichte zu ihren Handarbeiten griffen, nahm auch Melanie eine Beschäftigung vor, indem sie ihre Zeichenskizze herbeiholte und dieselbe mit leicht hingeworfenen kecken Strichen vollendete. Sie war nahezu damit fertig, als der Baron von Sturen angemeldet wurde und ins Zimmer trat. Felicttas hegte Gefühle für Wolfgang, deren sie sich sehr lebhaft bewußt ward, sobald sie ihn sah. Obgleich sie um keinen Preis Wolfgang's Liebe geopfert hätte, so wünschte sie doch, daß er zuerst mit Melanie sprechen möchte. Aber Wolfgang that es absichtlich nicht, und zwar um Melanies selbst willen. Es war ihm heute Morgen aus ihrem Wesen und manchem ihrer Worte etwas zur Gewißheit geworden, was ihn fühlen ließ, es würde das Beste sein, seine Neigung für Felicitas so deutlich wie möglich zu erkennen zu geben. Zu ihr wandte er sich daher, nachdem er Frau von Prachwitz begrüßt hatte, zuerst, und während er ihre Hand ergriff und mit ihr sprach, verleugnete er mit keinem Blicke, mit keinem Tone seine Gesinnungen gegen sie, so daß darüber niemand im Zweifel bleiben konnte. Melanie behauptete ihre Fassung; sie hatte vorher schon ihr Schicksal gelesen; sie empfing den Baron, als dieser sich endlich zu ihr wandte, nicht ohne Bewegung, aber doch mit einem äußerlich viel ruhigeren Wesen, als man ihr zugetraut hätte. „Ich brauche wohl nicht erst zu fragen, Fräulein Rettberg," sagte er, „ob Sie sich hier behaglich und glücklich fühlen. Wie ich bemerke, haben Sie sich in Ihrer neuen Umgebung auch bereits künstlerisch beschäftigt," fügte er hinzu, als er auf dem Tische vor dem Platze, von welchem Melanie sich erhoben hatte, die Zeichnung mit den dabei liegenden Bleistiften bemerkte. „O, es ist nur eine Spielerei, nicht des Ansehens werth," versetzte Melanie, als der Baron um Erlaubniß bat, die Zeichnung zu betrachten. „Ah!" rief er, „Sie haben ein Motiv aus Goethes „Faust" gewühlt; täuscht mich nicht alles, so ist eS die 434 Scene, wo der Höllenfürst Frau Martha Schwertlein die Grüße ihres verstorbenen Gatten überbringt. Ei, die alte Dame trägt ja die ausgesprochenen Züge Ihrer bisherigen Wirthin!" lachte der Baron. „Ein sehr glücklicher Gedanke und mit meisterhafter Kunst verwerthet. Aber was ist das? Guter Himmel! Dieser Mephisto ist niemand anders als mein Freund Maitland!" „O, nein! nein!" widersprach Melanie verlegen, „ich habe dabei an niemand gedacht." „Er ist es," behauptete der Baron, „die Aehnlich- keit ist zu auffallend. Unmöglich aber kann dies bloßer Zufall sein. Haben Sie Herrn Maitland schon einmal gesehen, Fräulein Nettberg?" „Heute Nachmittag," antwortete Melanie. „Er besuchte mich, eine Stunde bevor Frau von Prachwitz kam, um mich hierher zu bringen." „Und haben Sie in seinem Benehmen etwas gefunden, das Sie veranlaßte, ihn in dieser Weise zu symbolisiren?" fragte Wolfgang lächelnd, indem er sich erinnerte, einst einen ähnlichen Eindruck von Maitland empfangen zu haben. „O, nein, durchaus nicht!" versicherte Melanie, „im Gegentheil, er hat sich mir nur von der liebenswürdigsten Seite gezeigt. Ich hatte bei dieser Zeichnung gar nichts im Sinne. Wäre es anders, so müßte ich mich beschämt fühlen, einen Mann, der so hochherzig an meinem Bruder gehandelt hat, als Modell zu dem Urheber alles Bösen gewählt zu haben." So sanft sie während dieser Worte das Blatt aus Wolfgangs Hand nahm, so energisch zerriß sie dasselbe in kleine Fetzen. „Erlauben Sie mir, einen würdigeren Gebrauch von meiner unbedeutenden Fertigkeit zu machen," wandte sie sich an Felicitas, „ich will das Porträt des Herrn Barons zeichnen, wenn er so, wie eben jetzt, neben Ihnen auf dem Sopha sitzen bleiben will. Ich kann sehr rasch skizziren und habe einiges Glück im Treffen." Die junge Künstlerin begann die Zeichnung und nahm dabei an der allgemeinen Unterhaltung theil, welche Wolfgang gelegentlich auf Maitland zurücklenkte, indem er sich von Melanie über dessen Besuch Bericht erstatten ließ. „Er gab mir zu verstehen, daß er wiederkommen wolle," schloß sie ihre unbefangene Erzählung, „und ich glaubte ihm sagen zu müssen, daß er mich in meiner bisherigen Wohnung nicht mehr finden würde, sondern —" „Theilten Sie ihm mit, daß er Sie hier treffen würde?" fiel Wolfgang ihr besorgt in die Rede. „Nein, Herr Baron, ich erinnerte mich des Versprechens, welches ich Ihnen gegeben habe, und antwortete ausweichend. Durfte ich auch voraussetzen, daß Sie Herrn Maitland in dieses Versprechen nicht mit eingeschlossen hatten, so fühlte ich mich doch nicht berechtigt, eine Ausnahme zu machen." „Daran haben Sie ganz recht gethan, Fräulein Rettbergl" stimmte Wolfgang bet. „Dieser Maitland ist ein zu großer Lebemann," ergriff Frau von Prachwitz das Wort, „um Ihnen ein vertrauenswürdiger Freund zu sein, liebe Melanie. Ich kenne ihn zwar nicht persönlich, doch steht er in dem Rufe, gegen Laster aller Art sehr duldsam zu sein und mit Leuten von zügellosen Sitten zu verkehren. Der Baron hat ganz Recht, Melanie, eS ist besser, Maitland erfährt Ihren Aufenthaltsort nicht." „Ist das Porträt bald fertig?" fragte Felicitas. „Noch nicht," versetzte die Malerin, winkte aber lächelnd Frau von Prachwitz zu sich. „Meinen Sie, gnädige Frau, daß es ähnlich ist?" „Ach! das ist ja ganz überraschend!" rief diese mit freudigem Ausdruck. Felicitas wurde ungeduldig, die Skizze ebenfalls zu sehen, mußte sich aber einige Minuten gedulden, bis Melanie noch ein paar Striche hinzugefügt hatte. „Jetzt dürfen Sie kommen," sagte Melanie lächelnd, indem sie den Bleistift weglegte. Kaum hatte Felicitas den ersten Blick auf das Blatt geworfen, als ihre Wange die Farbe der Nose annahm. Nicht nur Wolfgangs Porträt erblickte sie, sondern auch ihr eigenes, und nicht genug, daß beide mit großer Treue wiedergegeben waren, sondern wie sie einander anschauten, zeigten ihre Mienen den Ausdruck der innigen Zärtlichkeit, welche die Künstlerin in ihren Herzen ahnte. Ein freudiges Lächeln verklärte Wolfgangs Gesicht, als er das Bild ebenfalls betrachtete, und Melanie selbst schien sich des Beifalls zu freuen, der ihrem kleinen Kunstwerke allseitig zu theil ward, so daß der Nest des Abends anscheinend für alle heiter verstrich. Als der Baron gegangen war, stand Melanie auf, um sich in ihr Zimmer zurückzuziehen. Ihr Antlitz war von einer leichten Bläffe überflogen, welche Felicitas sehr wohl verstand. Sie trat zu ihr, schlang ihren Arm sanft um sie, küßte sie auf die Wange und sagte mit leiser, bewegter Stimme: „Ich glaube, Melanie, Sie haben mehr von einem Engel, als irgend eines von uns!" Melanie drückte ihr sanft die Hand, und obwohl von keinem der beiden Mädchen mehr ein Wort gesprochen ward, fühlte doch jede von ihnen, daß sie die andere verstand. XVIII. Am andern Tage empfing Maitland ein Billet des Barons. „Mein lieber Maitland!" schrieb dieser, „ich habe auf heute Nachmittag zwei Uhr den jungen Nettberg zu mir entboten. Wollen Sie mich um diese Zeit besuchen, damit wir ihn mit seinem künftigen Schicksale bekannt machen? Ob er freilich kommen wird, kann ich nicht ganz verbürgen, denn er hat mich schon früher einmal auf seinen Besuch vergeblich warten lassen. Ihr Wolfgang v. St." Die vom Briefschreiber gewählte Zeit paßte Maitland schlecht. Nicht einen Augenblick lang hatte er seit gestern den Gedanken an Melanie los werden können, und wie mit tausend Magneten zog es ihn zu ihr. Gerade die Stunde, die der Baron für die Zusammenkunft mit dem Bruder gewählt, hatte Maitland zu dem Besuche der Schwester bestimmt; er hatte sie gestern um die gleiche Zeit angetroffen, und in der leidenschaftlichen Unruhe, die ihn quälte, glaubte er schon, sie heute zu verfehlen, wenn er nicht dieselbe Stunde einhielt. Es war ihm jedoch an einer persönlichen Begegnung mit Melaniens Bruder viel gelegen, obwohl er eine solche am liebsten unter vier Augen gewünscht hätte. Zur bestimmten Zeit ließ er seinen Brougham einspannen und fuhr zu dem Baron. Er fand ihn allein. „Wenn Ihr Schützling pünktlich wäre," bemerkte er, nach der Uhr sehend, „so sollte er schon da sein. Wie es scheint, wird er sich Ihnen auch heute nicht stellen." „Ich habe Grund zu vermuthen," lächelte Wolfgang, 435 „daß er einiges Verlangen trägt, mit mir ein paar Worte zu sprechen. Hören Sie? Da klopft's soeben — Herein I" Edmund Rettberg trat ein. Der Ausdruck frecher Sicherheit in seinen verlebten Zügen schwand, als er sah, daß der Baron nicht allein war. „Guten Tag, Herr Rettberg," empfing ihn Wolfgang, „nehmen Sie sich einen Stuhl und lassen Sie uns über Ihre Angelegenheit reden. Kennen Sie diesen Herrn?" fügte er mit einer Handbewegung nach Mait- land hinzu. „Kann mich nicht erinnern," versetzte Nettberg mit einem mißtrauischen Blick auf Maitland, indem er zögernd Platz nahm. „Sie kennen mich nicht, wie Sie sagen," ergriff Maitland das Wort, „und doch haben Sie sich die Freiheit genommen, meinen Namen auf einen Wechsel von fünfzehnhundert Mark zu setzen. Wissen Sie nun, wer ich bin?" Das Antlitz des Verbrechers ward erdfahl. Sein Auge wanderte zwischen der Thüre und dem Baron von Sturen hin und her, als sei er ungewiß, ob er die Hilfe bei diesem oder in schneller Flucht suchen sollte. „Mein Freund hat mir das Versprechen gegeben, Sie nicht gerichtlich verfolgen zu wollen," legte sich Wolfgang in's Mittel „aber nur unter einer Bedingung." „Welche ist dies?" fragte Nettberg mit einem schlauen, lauernden Ausdruck. „Daß Sie mit der nächsten Schiffsgelegenheit nach Amerika gehen," eröffnete ihm der Baron. „Für die Reisekosten werden wir Sorge tragen." Rettberg schien etwas enttäuscht. „Und was soll ich da drüben anfangen?" fragte er trotzig. „Soll ich dort verhungern?" „Wir beide haben Verbindungen in New-Aork," gab Wolfgang znr Antwort, „und es kostet uns nur ein Wort, um Ihnen ein anständiges Unterkommen zu verschaffen." „Es ist dies die einzige Möglichkeit für Sie, dem Zuchthause zu entgehen," ergänzte Maitland, „also wühlen Sie." „Ich habe bereits gewählt," entschied sich Rettberg, „ich werde mein Glück in Amerika versuchen." „Gut," versetzte Maitland, „so kommen Sie morgen um diese Zeit zu mir. Ich werde Ihnen den von mir eingelösten Wechsel zeigen. Aber merken Sie sich wohl, wenn Sie sich nicht pünktlich auf die Minute einfinden, so steht morgen Abend Ihr Steckbrief in allen Zeitungen." Maitland nannte ihm seine Wohnung und griff nach seinem Hute. „Entschuldigen Sie mich, lieber Baron," wandte er sich an Wolfgang, demselben die Hand reichend, „aber ich habe Eile. Alles Uebrige können Sie ja selbst mit diesem Herrn besprechen. Auf Wiedersehen!" Ohne sich auch nur noch mit einem Blicke um Rettberg zu kümmen, verließ er das Zimmer. Kaum sah Melanie's Bruder sich mit dem Baron allein, als er rasch auf denselben zutrat. „Herr Baron", fragte er in barschem Tone, „was ist aus meiner Schwester geworden? Wenn jemand darüber Auskunft zu geben weiß, so sind Sie es." „Ihrer Schwester geht es gut," antwortete Wolfgang mit kalter Ruhe, „sie befindet sich unter sicherem Schutze." „Das heißt, unter dem Ihrigen," versetzte Rettberg scharf, „ich kann mir denken, daß Sie mir den Aufenthalt meiner Schwester nicht nennen wollen, aber als ihr Bruder verlange ich, daß Sie ihr etwas Bestimmtes aussetzen, damit ihre Zukunft' gesichert ist." „Wie?" rief der Baron aufgebracht, „Sie maßen sich an, sich in die Angelegenheiten Jbrer Schwester zu mischen, für ihr Bestes sorgen zu wollen, nachdem Sie sich alle Mühe gegeben haben, sie an einen ausschweifenden Schurken zu verkaufen?" „Verkaufen!" wiederholte Rettberg mit erkünstelter Entrüstung. „Herr von Quinna erbot sich, meiner Schwester ein anständiges Jahrgeld auszusetzen, wenn es mir gelänge, sie zu seinen Gunsten zu überreden, — wo nicht, zeigte er mir das Zuchthaus im Hintergründe. So blieb mir gar keine andere Wahl, aber Geld hätte ich unter keinen Umstünden für mich angenommen." „Ich würde Ihnen das vielleicht glauben," entgegnen der Baron, „ich würde auch glauben, daß Leichtsinn Sie zu der Wechselfälschung veranlaßte, um Ihre Genußsucht zu befriedigen, wenn ich nicht —" die folgenden. Worte wurden mit besonderer Betonung gesprochen — „die Bekanntschaft des Herrn Assessors von Malten gemacht hätte, dessen Gewerbe mir dafür bürgt, daß ich es mit keinem Leichtfuß, sondern mit einem raffinirten Schwindler zu thun habe. — Was nun Ihre Schwester anlangt, so steht sie nur insofern unter meinem Schutze, als ick. darüber wachen werde, daß sie künftig keinen Belästigungen und Gefahren mehr ausgesetzt ist. Ein anderes Verhältniß als weine Theilnahme an ihrem Schicksale besteht zwischen ihr und mir nicht." „Hm! ich denke aber doch, ich hätte ein Recht, meine Schwester zu sehen und zu sprechen, und es sei daher nur billig, wenn Sie mir sagten, wo sie sich befindet." „Hören Sie mich an," sagte Wolfgang gebieterisch. „Nächsten Freitag geht der Bremer Dampfer ab, mit welchem Sie die Reise nach New-Iork machen. „Dies hier" — Wolfgang händigte ihm einige Goldstücke ein — „wird zur Bestreitung Ihrer Ausgaben hinreichen, so lange Sie noch in Berlin sind. Uebermorgen früh Punkt sechs Uhr erwarte ich Sie am Bahnhöfe Friedrichstraße. Sie werden in meiner Begleitung nach Bremer- haven fahren. Dort übergebe ich Ihnen auf dem Schiffs einen Brief an meinen in New-Aork wohnenden Freund, welcher für Ihr Fortkommen Sorge tragen wird, und bei dieser Gelegenheit erfahren Sie von mir auch die Adresse Ihrer Schwester. Wenn Ihr Herz Sie dazu treibt, ihr von Amerika aus zu schreiben, so mögen Sie es thun." Bei den letzten Worten des Barons erschien unter Nettberg's Ohren die längliche Falte, welche sein Lächeln zu begleiten pflegte und demselben einen überaus hämischen Ausdruck gab. „Nun fürwahr, Herr Baron," sagte er höhnisch, „Sie haben Ihre Vorkehrungen gut getroffen, um mich schnell und gründlich aus Ihrem Wege zu^ entfernen, damit Sie meiner armen Schwester gegenüber freie Hand gewinnen." „Herr!" rief Wolfgang, zum höchsten Zorn gereizt, und stampfte mit dem Fuße den Boden, „wagen Sie es, noch ein Wort über Ihre Schwester zu sprechen, und ich werfe Sie zu diesem Fenster hinaus! . . . Eines Merken Sie sich: nur meiner Fürsprache haben Sie es zu verdanken, daß Herr Maitland von der gerichtlichen ^36 Verfolgung Ihres Verbrechens absteht. Ich verbürge mich in diesem Punkte für Ihre Sicherheit. Finden Sie sich aber übermorgen nicht reisebereit auf dem Bahnhöfe ein, so überlasse ich Sie Ihrem Schicksale. Und nun Adieu, mein Herr!" Dem Baron einen Blick zuwerfend, worin Haß und Rachbegierde lag, entfernte sich Rettberg. Bald darauf ging Wolfgang aus, um Melanie vor der bevorstehenden Abreise ihres Bruders zu unterrichten. Die süße Hoffnung, bei diesem Anlaß auch Felicitas zu sehen und zu sprechen, beschwichtigte Wolfgangs Aerger über Rcttberg's freches Benehmen. Er traf Frau von Prachwitz mit ihrer Nichte in demselben Zimmer, in weichem er den gestrigen Abend mit ihnen verbracht hatte. Melanie befand sich in ihrem Gemach. Frau von Prachwitz unterhielt sich eine Weile mit dem Baron, dann stand sie auf, um Melanie zu holen. — Felicitas fühlte ihr Herz plötzlich heftiger klopfen; sie bat die Tante, zu bleiben, — sie wollte selbst gehen. Aber die gute Dame schützte eine häusliche Angelegenheit vor, die sie ohnehin nöthige, sich auf einige Minuten zu beurlauben, und ließ Felicitas mit dem Baron allein. — Oefter und lebhafter als Wolfgang hatte Felicitas stets der vergangenen Tage gedacht, wo beide als Kinder miteinander gespielt. Wolfgang's Stimme in allen Tönen knabenhafter Erregung oder Zärtlichkeit hatte oft noch in ihrem Ohr geklungen, als sie schon den reiferen Jahren entgegenwuchs; sein jugendliches strahlendes Antlitz tauchte oft im Wachen wie im Traume vor ihrem geistigen Auge auf, und zuweilen versuchte sie, sich die Veränderungen zu vergegenwärtigen, die mit ihm vorgegangen sein mochten, und dann fragte sie sich, wie wohl der Knabe jetzt sein möge, nun er Mann geworden. Mit nicht geringer Bewegung erkannte sie in dem Neiter, der so plötzlich über den Parkzaun gesetzt kam, den Gespielen früherer Tage wieder. Gar manchen Tag träumte sie seitdem von dieser Begegnung, und als sie von seinem schweren Unfall erfuhr, als sie an dem Schmerzenslager des Fiebernden stand, da sagte ihr die namenlose Angst um sein Leben, daß sie ihn mehr liebe als irgend jemand in der Welt. Alles, was sie seitdem von ihm gehört und gesehen hatte, war von der Art, daß die Stimme der Vernunft nur gutheißen konnte, was die Leidenschaft ihr einflüsterte, gegen welche sie vergebens ankämpfte. Jetzt, wo sie sich mit Wolfgang allein sah, fühlte sie eine vorher nie empfundene Bangigkeit. Beide sprachen kein Wort. Wolfgang hatte ihr so viel zu sagen, daß er nicht wußte, wo er anfangen sollte. Dennoch verlor er die kostbare Zeit in der Erwartung, daß Melanie jeden Augenblick kommen könnte. Felicitas ahnte, was in ihm vorging; sie scheute sich, zuerst zu sprechen, denn welch' gleichgiltiges Thema sie auch angeschlagen hätte, so wußte sie doch, daß ihre Stimme zittern und die Aufregung ihres Innern verrathen würde. Wolfgang fühlte, daß das Schweigen schon zu lange gedauert habe und daß er nach einer Pause von so feierlicher Art unmöglich von gleichgiltigen Dingen anfangen könnte. Er nahm neben der jungen Dame auf dem Sopha Platz, ergriff ihre Hand, drückte seine Lippen darauf und flüsterte das Wörtchen: „Felicitas!" Die Angeredete schwieg; ihr Herz schlug stürmisch. „Was hat mir einst die kleine Lizi versprochen?" begann Wolfgang wieder. „Will Felicitas es halten? Wie?" Sie schwieg noch immer. Aber er war ihrer Antwort sicher, denn die Purpurgluth ihres Antlitzes verrieth sie ihm deutlich genug. Sie ließ es geschehen, daß er ihr schönes Haupt sanft an seine Schulter drückte und mit der Hand leise durch die reiche Fülle des rabenschwarzen Haares strich. Er fragte sie noch einmal, ob Felicitas das Versprechen Lizi's einlösen wolle, und als ein leises „Ja" sich wie ein Hauch über ihre Lippen stahl, da umschlang er sie zärtlich mit seinem Arme und drückte einen Kuß auf ihre schöne Stirn. Beide hörten und sahen nichts. Sie merkten nicht, daß die Thür aufging. Melanie erschien auf der Schwelle und erblickte die Liebenden. Ihre Hand fuhr krampfhaft nach dem Herzen. Einen Augenblick stand sie wie erstarrt. Dann zog sie sich leise wieder zurück, hinter sich die Thür unhörbar in's Schloß drückend. XIX. Edmund Nettberg fand sich bei Maitland pünktlich um die bestimmte Stunde ein. Maitland saß an einem eleganten Schreibpult und lud seinen Gast ein, in seiner Nähe Platz zu nehmen. Dann befragte er ihn streng nach allen Umständen, die mit der begangenen Wechselfälschung verknüpft waren, schrieb seine Antworten nieder und forderte ihn auf, seinen Namen darunter zu setzen. Rettberg fuhr zurück. „Ich will Ihnen sagen, weshalb ich dieses Ihr Sündenbekenntniß in Händen haben will," erklärte Matt- land in ruhigem Tone. „Ich bedarf Ihrer Mithilfe, um einen bestimmten Zweck zu erreichen." Bei diesen Worten athmete Rettberg auf. „Wenn ich diesen Wechsel der Staatsanwaltschaft vorlege," fuhr Maitland fort, indem er in seine Brusttasche griff, „so sind Sie unrettbar verloren." Er hatte eine mit Schlangenhaut überzogene Brieftasche geöffnet und entnahm derselben den fraglichen Wechsel. „Erkennen Sie die verhängnißvolle Querschrtft wieder?" fragte er, indem er vor Nettbergs Augen mit dem Finger auf die Worte deutete: „Angenommen: Otto Maitland." Der Urheber dieser Schriftstücke starrte mit gierigem Auge auf das Papier. Oh! hätte er es doch in diesem Augenblicke den Händen, die es hielten, entreißen können. Maitland schien in seiner Seele zu lesen, und ein bitteres unheimliches Lächeln zuckte um seine Lippen, indem er sagte: „Ein kostbarer Streifen Papier, wie? Ich werde ihn wie ein Kleinod bewahren, bis ein stärkeres Band zwischen uns besteht." „Die drei Worte, die Sie mit kunstgeübter Hand darauf gesetzt haben, liefern Sie ja vollständig in meine Gewalt," fuhr er fort, den Wechsel wieder in die Brieftasche legend; „wenn ich gleichwohl darauf dringe, daß Sie Ihre Generalbeichte unterzeichnen, so will ich dadurch in Ihnen daS Bewußtsein Ihrer Abhängigkeit von mir nur verschärfen, damit ich um so sicherer bin, daß Sie in der Sache, bei welcher Sie mir helfen sollen, keine falschen Karten gegen mich ausspielen. Wollen 437 Sie mir Ihren Beistand leihen, wollen Sie Ihren Rainen unter dieses Papier setzen, so wird Ihnen die Reise über das Meer erspart, Sie dürfen hier bleiben und ich werde dafür sorgen, daß es Ihnen nie an den Mitteln mangelt, ein angenehmes Leben zu führen. Und nun frage ich Sie, ob Sie geneigt sind, mir in allem betzustehen, was ich von Ihnen verlange." „Ich bin zu allem bereit, wodurch ich mich Ihnen verpflichten kann," erklärte Rettberg, ohne sich lange zu besinnen. „Gut," nickte Maitland, „so unterzeichnen Sie dieses Schriftstück." Nettberg zauderte. Aber eS blieb ihm keine andere Wahl; das Bekenntniß seiner Schuld war schließlich nur das Duplikat des gefälschten Wechsels und vermochte seine Strafbarkeit nicht zu erhöhen. Wenn er unterschrieb, so gewann er sich in dem Besitzer dieses Reichthums, der ihn umgab, einen Freund, dessen Freigebigkeit ihm die angenehmsten Aussichten eröffnete. Er überlas das Blatt und setzte seinen Namen darunter, Maitland legte es in die Brieftasche zu dem Wechsel. Dann lehnte er sich in seinen Sessel zurück, sah Nettberg mit durchdringendem Blicke an und fragte: „Wo ist Ihre Schwester?" „Ich weiß es nicht," antwortete der Gefragte, dem plötzlich eine Ahnung aufging, nach welcher Richtung hin man seiner Dienste begehre. „Ich bin ein paar Tage nicht nach Hause gekommen; als ich zurückkehrte, war sie fort. Aber der Herr Baron von Sturen wird Ihnen sagen können, wo sie ist." „Davon bin ich ebenfalls überzeugt, doch möchte ich ihn nicht fragen. Wir müssen es ohne ihn herausbringen. Sie haben sich gestern ohne Zweifel bei ihm nach dem Verbleib Ihrer Schwester erkundigt, und er hat Ihnen die Auskunft verweigert?" „Erst in Bremerhaven, auf dem Dampfer, der übermorgen nach New-Iork abgeht, will er mir die Adresse meiner Schwester geben." „Ha! das ließe sich benutzen!" rief Maitland, von einem Gedanken erleuchtet. „Das wollen wir versuchen, ob wir nicht schon vorher zum Ziele gelangen können. Ihre Wirthin sagte mir, sie sei nicht zu Hause gewesen, als Ihre Schwester verschwand. Diese habe ihr nur ein Billet mit der Pränumerando-Miethe zurückgelassen." „Weiter wußte mir die Wirthin auch nichts zu sagen," bemerkte Nettberg. „Ich begnügte mich jedoch mit dieser Auskunft nicht, sondern stellte Erkundigungen im ganzen Hause an. Zwei Frauen hatten meine Schwester mit einer vornehm gekleideten Dame in einen eleganten Wagen steigen sehen. Ein Dienstmann, der beim Kutscher auf dem Bock gesessen, hatte den Koffer herab- getragen. Mehr wußte man mir nicht zu berichten." „Eine elegant gekleidete Dame?" wiederholte Maitland wie im Selbstgespräch. „Wer könnte das gewesen sein?" Plötzlich erhob er den Kopf, den er im Nachdenken auf die Brust hatte sinken lassen. Möglicherweise befand er sich bereits auf einer Spur. Er erinnerte sich zweier Briefe, welche er beim Baron von Sturen gelegentlich eines Besuches auf dem Tische liegen gesehen hatte. Der eine war an den Justizrath CaruS, der andere an eine Frau von Prachwitz adressirt, deren Namen Maitland schon früher in Gesellschaften hatte nennen hören. Der Gedanke, daß der Baron Melanie unter den Schutz die/er Dame gestellt haben könne, lag nahe genug. „Wir wollen morgen weiter über die Sache sprechen," sagte Maitland, sich von seinem Sessel erhebend. „Kommen Sie im Laufe des Vormittags zu mir." „Morgen früh sechs Uhr erwartet mich Ihr Freund auf dem Bahnhöfe Friedrichstraße, um mich nach Bremerhaven zu begleiten," wandte Nettberg lächelnd ein. „So kommen Sie diesen Nachmittag in der sechsten Stunde wieder," bestimmte Maitland. „Doch warten Sie einen Augenblick." Er zog wieder die Brieftasche mit dem schillernden Ueberzuge von Schlangenhaut hervor, nahm aus einem mit Banknoten vollgestopften Fache derselben einen Hundertmarkschein und überreichte ihn seinem neuen Verbündeten mit den Worten: „Nehmen Sie dies als Handgeld. Wenn der Erfolg unsere Bemühungen krönt, so hat Ihr Glück begonnen." Nettberg griff begierig nach dem Mammon, für welchen er — das war ihm sehr wohl bewußt — seine Schwester verkaufte, und warf dem Geber ein bedeutsames Lächeln zu, welches selbst diesen höheren Dämon mit Ekel und Verachtung erfüllte. (Fortsetzung folgt.) --4SSS8-S--'- Reise-Skizze des bayerischen Pilgerzuges nach Lonrdes 1894. (Fortsetzung.) Wir eilten nun zur liturgischen Choral-Vesper in die Basilika, gesungen von 40 Geistlichen (Pilgern), — welcher alle Reisegefährten und viel Volk beiwohnten. Wegen des Sonntags war ganz Lourdes in Bewegung; auch Nachbar-Gemeinden kamen mit den Erstkommunikanten unter Führung ihrer Abbäs, die begeisterte Ansprachen in der Grotte an ihre jungen Zuhörer hielten. Auch heute wurde wieder eine großartige Lichter-Prozesston gehalten, welcher Einheimische und Fremde sich anschlössen; die Basilika, die gekrönte Madonna und das große Kreuz waren prächtig illuminirt. Am folgenden Tage, 16. April, predigte k. Bartholomä aus Maria Birnbaum bei Aichach, (Maria, unsere Mutter,) beim Hauptgottesdienste, und Dinstag Vormittag Herr Pfarrer Hinträger von Kirchheim, dieser über den Rosenkranz. Während des Dinstags wurden die drei Kirchen und die Grotte noch recht fleißig besucht; denn Abends 8 Uhr sollte ja die Abschieds-Andacht stattfinden und Nachts 11 Uhr die Rückreise beginnen. Wie ist uns doch dieses Lourdes so theuer geworden; mit Recht hat es einen Weltruf er langt; sein Name ist über die Grenzen Frankreichs und Spaniens hinausgedrungen in alle Welttheile; 800 Tausende machen sich alle Jahre auf, um aus den entferntesten Ländern Europas, ja über den Ocean hierher zu kommen, und für Millionen ist Lourdes der Gegenstand sehnlichster Wünsche! Lourdes ist ein Sammelplatz für Nationen geworden. Die Fremdenbücher der Hotels, die Aufschreibungen der dortigen Missionäre weisen die Namen von Pilgern auf, die nicht bloß aus europäischen Ländern (sogar aus Schottland, Dänemark, Rußland, Polen), sondern auch aus Nord- und Süd- Amerika, aus den verschiedensten Theilen der großen Inselwelt hierhergekommen sind, und zwar aus allen Ständen, Bischöfe und Priester, Fürsten und Hochadelige, Gelehrte und Künstler, Soldaten, Beamte, Kaufleute, Landbauern, 438 Gewerbsleute — und von jedem Alter. Diese große Berühmtheit von Lourdes verdankt es eben den Erscheinungen der unbefleckten hl. Jungfrau Maria in der Felsengrotte zu Massabielle und den zahllosen Gnaden, die seit diesen Erscheinungen dort gespendet werden. Betreffs dieser Erscheinungen müssen wir auf die Specialbeschreibungen und Schriften über Lourdes verweisen, wie von Dr. Hofele-Leutkirch, Laserre, die kleineren Schriften von k. Koneberg und k. Eberle, Dr. Ackerl- Linz, und bemerken hierüber nur Folgendes: Am 11. Februar 1858 gingen die zwei Schwestern Bernadette und Marie Soubirous und ein drittes Mädchen, Töchter armer Leute aus Lourdes, hinaus an das linke Ufer des Gave zum Felsen Massabielle, um dort Holz zu suchen. Bernadette hört ein Geräusch, sie schaut empor und steht in der ober der Grotte befindlichen länglichen Felshöhluug eine Frau von unvergleichlicher Schönheit, von himmlischem Glänze umflossen, eine Frau von mittlerer Größe und jugendlicher Anmuth; in edler Einfachheit wallt ein blendend weißes Kleid herab, an jedem ihrer Füße erblüht eine goldene Rose, von ihrem Haupte fließt ein faltenreicher Schleier fast bis zum Saume des Kleides, während ein himmelblauer Gürtel ihre Hüfte umschlingt, dessen beide Enden bis an die Füße reichen. Freundlich, mit einem Blicke unvergleichlicher Milde lächelt die wunderbare Erscheinung dem 14jährigen Kinde zu, neigt Haupt und Hände grüßend gegen Bernadette, welche nun den Rosenkranz betet; nach 20 Minuten verschwindet die Erscheinung. Von nun an zieht es Bernadette mit unwiderstehlichem Dränge zur Grotte hin; vor vielen Tausenden — denn die Sache wurde bald bekannt — kniet sie da in Verzückung und schaut hinauf zur Felsenhöhle, in der sonst kein Auge als das ihrige die wunderbare Gestalt erblickt. Vom 10. Februar bis 10. Juli genoß sie dies Glück 18mal. Bei der 6. Erscheinung brach eine Quelle aus dem Felsgestein der Grotte hervor, wobei die himmlische Erscheinung sprach, nachdem sie der Bernadette zuvor ein dreifaches Geheimniß Mitgetheilt hatte: „Und nun trinke und wasche Dich an der Quelle und iß von den Kräutern, welche dort wachsen!", welchen Auftrag sie erfüllte. Anfänglich war es ein schmaler Wasserstreifen, der gegen den Eingang floß; am andern Morgen sprudelte die durch eine unbekannte Macht aus geheimnißvoller Tiefe heraufbeschworene Quelle immer stärker; anfangs etwas schlammig, wurde sie hell und klar, sprudelte in einem Wafferstrahle, der die Stärke eines Kinderarmes hatte, aus der Erde hervor, 85 Liter per Minute, 5100 Liter per Stunde, 122,400 Liter per Tag. So fließt das Wasser nun schon seit 35 Jahren, ohne an Kraft und Stärke abzunehmen; die Pilger treten ehrfurchtsvoll hin, um zu trinken und sich zu waschen oder zu baden, und Tausende von Litern werden jährlich nach allen Theilen der Welt versendet zum heilbringenden Gebrauche. Durch einen gedeckten Kanal wird es außerhalb der Grotte zu einem geschlossenen Marmorbehälter geleitet, den als Inschrift die an Bernadette gerichteten Worte der seligsten Jungfrau zieren: „Trinke aus der Quelle und wasche Dich daselbst!"; aus mehreren Röhren fließt dasselbe. Es ist ein außerordentlich frisches Wasser, das die Quelle gibt. Durch einen neuen Kanal wird es nach seinem Abflusse aus dem Marworbassin einige Schritte weiter längs der Felswand zu zwei größeren Bassins in ein Badehäuschen mit zwei Abtheilungen für Männer und Frauen geleitet für diejenigen Pilger, welche durch Eintauchen des Körpers oder einzelner Glieder Heilung suchen. Von jenem Moment an mehrten sich Tag für Tag die wunderbaren Heilungen an Kranken, welche das Wasser gebrauchten. Die Quelle ist wie der Schafteich zu Jerusalem; in diesem lag eine große Menge von Kranken, Blinden, Lahmen, Abgezehrten, welche die Bewegung des Wassers durch einen Engel des Herrn abwarteten, der zur bestimmten Stunde in den Teich hinabstieg; wer zuerst nach der Bewegung des Wassers in den Teich hinabstieg, der ward gesund, mit welcher Krankheit er auch behaftet sein mochte. Joh. V, 2—5. Schon wenige Stunden nach ihrer Entstehung begann die Quelle ihre Heilskraft zu äußern und hat sich bis heute an Tausenden erprobt in Lourdes und sonst aller Orten, wo man dieses Heilswasser sich hatte schicken lassen. Andere Aeußerungen der himmlischen Frau an Bernadette waren: „Ich verspreche Dir, Dich glücklich zu machen, nicht in dieser, aber in der andern Welt!" und sie setzte hinzu: „Ich wünsche, daß viele Leute hierherkommen!" Am 21. Februar sagte die Erscheinung, mit Trauer erfüllt, dreimal „Buße!" und „Bete für die Sünder!" Am 23. Februar sagte sie mit freundlichen Worten: „Meine Tochter, geh' und sage den Priestern, daß ich an diesem Orte eine Kapelle errichtet haben will, und daß man in Prozessionen hierher ziehe!" Die Stelle, wo Bernadette zu beten pflegte und die Erscheinung sah, ist mit einer Marmorplatte bezeichnet, darauf die Worte stehen: „Hier hat Bernadette gebetet!" In den Morgenstunden des 25. März, dem Feste Maria Verkündigung, folgte das begnadigte Mädchen wieder einem inneren Rufe und eilte zur Grotte. Bisher hatte die Erscheinung ihren Namen nicht genannt; sie wollte Zuerst durch unzählige Werke himmlischer Barmherzigkeit den Herzen der Gläubigen ihren Namen einprägen und erst dann durch eine feierliche Offenbarung die fromme Ueberzeugung und den Glauben des christlichen Volkes bestätigen, welches längst erklärt hatte, die Erscheinung könne nur die allerseligste Jungfrau gewesen sein. Jetzt, nachdem 3 Jahre und 3 Monate verflossen waren, seit Pius IX., der große Verehrer der Gottesmutter, umgeben von vielen Bischöfen, als Glaubenssatz erklärt hatte, daß Maria ohne Makel der Erbsünde empfangen, jetzt wollte sie selbst feierlich die frohe Botschaft verkünden und den vor 39 Monaten verkündeten Glaubenssatz wunderbar durch ihren eigenen Ausspruch bestätigen. Bernadette war wieder zur Grotte geeilt, eine große Menschenmenge war ihr gefolgt; sobald sie sich auf die Kniee niedergelassen, zeigte sich ihr die Erscheinung im herrlichsten Strahlenglanze in unendlicher Lieblichkeit und sprach auf die wiederholte Anfrage des Kindes: „Ich bin die unbefleckte Empfüngniß!" (js sui8 iramaoulös con- osxtioll), Worte, die sie nie gehört, die sie dem Pfarrer mittheilte, — dieser und das christliche Volk verstanden es wohl, man hatte sich nicht geirrt, die wunderbare Frau war die allerseligste Jungfrau, die unbefleckt empfangene Mutter des Herrn. Eben diese Worte prangen jetzt in goldenen Lettern über dem Haupte der Marien-Statue. Noch zweimal erschien die himmlische Frau dem unschuldigen Kinde, zum letzen Male am Scapulierfeste, dem 16. Juli, um das hartverfolgte Mädchen zu trösten, für die Vergangenheit zu belohnen und für die Zukunft zu stärken. Mit unendlicher Liebe neigte die Himmelskönigin ihr Haupt zum Abschied und verschwand, um in die ewigen Wohnungen des Himmels zu ihrem göttlichen Sohne Jesus zurückzukehren. Diese Offenbarungen sind von der höchsten — 439 kirchlichen Autorität geprüft und anerkannt. Ich übergehe die zahlreichen Wunder, die in der Grotte und an der Heilquelle seitdem geschahen bis heute, und die noch zahlreicheren Bekehrungen; bei der französischen National- Wallfahrt 1882 sind, wie die Annalen berichten, 176 wunderbare Heilungen und 800 Bekehrungen bewirkt worden; zahllos sind die Gebetserhörungen l Eine auffallende Heilung geschah auch an einem Gelähmten, der täglich im Wägelchen zur Grotte und Quelle gefahren wurde und am letzten Tage geheilt mit uns heimkehren konnte, L. aus Nicderbayern, außer ihm noch drei Kranke, nämlich zwei Priester, ein Laie, und merkwürdige Gebetserhörungen, sowie eine auffällige Bekehrung eines Sünders, der 14 Jahre lang nicht mehr die Sakramente empfangen hatte. Die vielen Hundert Krücken, womit der untere Theil des Felsens weit hinauf bedeckt ist, sind auch Zeugnisse der vielen Wunder, die hier geschehen. In der Grotte brennen meistens 200 Kerzen; am Gitter steht eine große Kiste auf vier Rädchen, welche fort und fort wieder gefüllt wird seitens der Pilger mit größeren und kleineren Kerzen. Wie wir bereits angegeben haben, befindet sich die Grotte in einer senkrecht abfallenden Felsenwand, hat unten eine Breite von 6 Metern, eine Tiefe von 5 Metern, nach oben sich verengend betrügt die Höhe 6 Meter; die Nische, in welcher die unbefleckte Empfängniß dem begnadeten Mädchen erschien, bildet den Schluß der Höhle nach oben, deren ganzen Raum die herrliche, lebensgroße Statue aus carrarischem Marmor ausfüllt. Die Mitte der Höhle nimmt ein kleiner Altar ein, in dessen Nähe große eiserne Kronleuchter mit brennenden Kerzen, während große brennende Kerzen im Hintergrund aufgestellt sind. Die neben der Statue befindliche Felswand ist mit Epheu und anderem wirr verschlungenen Gewächse bedeckt, das mit seinen Zweigen bis zur Statue sich ausdehnt; zur Rechten macht sich ein Nosenstock breit. An die Felscnwand halten die Pilger alle religiösen Gegenstände, die sie zur Erinnerung an Lourdes den Ihrigen nach Hause bringen wollen, und drücken die Stirne an dieselbe. Von dem Gewölbe der Grotte herab schwebt eine goldene Lampe vor dem Altare, zu dessen linker Seite Sitze angebracht sind für den Klerus, auch für Kranke, die hier im Anblicke der Madonna- Statue ihre Gebete um Heilung ihrer Gebrechen verrichten; in Nollwägelchen ruhen solche Kranke, die, des Gebrauches ihrer Glieder beraubt, täglich hierher gebracht werden, bis sie Erhörung finden. Von Zeit zu Zeit verkündet ein Mtsstonspriester eine Reihe von Anliegen und bittet um das Gebet der Pilger, worauf eine Litanei folgt. Ein zierliches Gitter trennt das Heiligthum vom Vorplätze, der sich bis zu dem hier kanalifirten Gavefluß ausdehnt, mit Asphalt gepflastert und seitwärts durch hohe Bäume geschützt ist; in mehreren Reihen sind Knie- und Sitz- Bänke aufgestellt. Dieser große schöne Platz, auf dem für 20,000 Menschen Raum ist, wurde dadurch gewonnen, daß man den Gavefluß zurückdrängte. Seitwärts führt an der Felsenwand, in drei Abtheilungen gebrochen, ein bequemer Weg auf die Anhöhe zur Basilika, der bei den Lichterprozessionen einen wundervollen Rückblick auf die großartige Illumination gewährt. Wenn man über den Fluß hinüberschaut, so sieht man ein schönes, geräumiges Gebäude, von Anlagen und Baumgruppen umsäumt, den Karmeltter-Convent auf dem Berge Karmel, von welchem oft melodisches Geläute ertönt. An der Anhöhe hin schlängest sich das Geleise der Bahn nach Spanien um den Hügel herum, so daß die von dorther kommenden Pilger von den Waggons aus die Grotte sehen und begrüßen. 5 Minuten nördlich ist das arme Kloster der Frauen von der unbefleckten Empfängnis;, wo auch Pilgerinnen billig beherbergt werden; man. gibt ihnen Almosen, indem man dort Devotionalien kauft. Von der Grotte, welche unter dem Presbyterium der auf dem Felsen thronenden Basilika liegt, führt ein Serpentinweg im Schatten duftender Akazien hinauf zum großartigen Marmorbau dieser weltberühmten Wallfahrts» Kirche 10 Minuten westlich von der Stadt Lourdes. Sie ist in romanisch-gothischem Stile erbaut und hat zwei Stockwerke, eine Krypta und über dieser die dreischiffige Hauptkirche, zu der außerhalb der Krypta eine breite Steintreppe führt. Wir treten zuerst in die Krypta ein; sie ist halbkreisförmig gebaut, reich verziert, enthält fünf kleinere Kapellen mit ebensoviel Altären, in zahlreichen Nischen eine Menge von Beichtstühlen. Hier wird die ganze Woche der Gottesdienst gehalten, in der oberen nur an Sonntagen; diese unterirdische Kirche enthält drei durch Pfeiler getrennte Schiffe; der Hochaltar ist unmittelbar über der Erscheinungs-Nischengrotte. Vom frühen Morgen an wird das hl. Meßopfer hier dargebracht und sie ist stets von Andächtigen gefüllt. Eine große Anzahl von Votiv- Kerzen erhellt das Halbdunkel. Wegen Mangel an Ministranten müssen sich immer zwei Priester vereinbaren und an einen Altar treten. Dort ist alles Nothwendige vorbereitet, bis auf die Hostien und das Kelchtuch, was in der Sakristei geholt wird. Nun macht zuerst Einer der Herren den Meßner und Ministranten, und xosb missain I trifft den Andern das Ministriren. Klingeln werden bet der heil. Wandlung nicht benützt, weil meist 5 Priester celebriren zu gleicher Zeit. Gerade in dieser dunklen Krypta sind schon viele Wunder geschehen! Auf zwei großen Treppen, die zu beiden Seiten des Eingangs emporsteigen, gelangt man zum Atrium der Basilika; in schönster Lage auf hohen Fels gebaut, beherrscht dieser Gottestempel die ganze Gegend. Steht man unter der geräumigen Vorhalle, die von hohen Säulen getragen wird, so genießt das Auge einen wundervollen Anblick. Ueber dem Ufer des Gave gewahrt man südlich auf steiler Felswand die Stadt und Burgveste, zur Linken herrliche Triften und grünende Wiesen und die stets belebte Straße nach Pau, zur Rechten die hohen Pyrenäen, oben mit Schnee bedeckt, tief unten der reißende Gebirgsfluß. An der Fatzade der Kirche steigt ein schöner gothischer Thurm hoch empor, dessen Fuß das Portal mit einem zierlichen Portikus bildet. Ueber dem Portal sieht man das Bild- niß Pius' IX. in Mosaik und darüber eine zierliche Fensterrose. Die Basilika ist von milchweißen Quadern erbaut. In ihren weiten Räumen umfaßt diese Wallfahrtskirche einen Kranz von 15 Kapellen, die das Schiff und den Chor umgeben; alle Altäre sind von schönem weißem Marmor. Den Glanzpunkt der Kirche bildet der hohe, reiche, prachtvolle Hochaltar Unserer Lieben Frau von Lourdes auf dem herrlichen hohen Chor. Ueber ihm halten zwei silberne Engel eine aus Gold gefertigte Doppel- Palme, welche Pius IX. als Weihegeschenk hierher gesendet, und unter dieser leuchten aus flammenden goldenen Herzen künstlich zusammengesetzt die Worte, durch welche die allerseligste Jungfrau sich als die unbefleckte Empfängniß offenbarte; der Hochaltar, aus weißem Marmor zierlich erbaut, ist von einem prachtvollen Broncegitter umschlossen. Die hohen Stufen des Altares und den 440 ganzen Chor bedeckt ein kostbarer Teppich, das Weihegeschenk der Frauen Frankreichs. Zahlreiche glänzende Kronleuchter , 20 an der Zahl, 10 vergoldete Lampen und mehrere silberne schmücken den Chor der Kirche, die Kronleuchter umgeben wie ein Strahlenkranz das Standbild der allerseligsten Jungfrau; 20 Kronleuchter hängen in den Bogcnöffnungen der Seitenkapellen, und die Bogenzwickel des Chores sind ausgefüllt mit goldenen und silbernen Herzen, welche hinweisen auf die von U. L.Frau an Bernadette gerichteten Worte: „Ich will, daß man an diesem Orte eine Kirche baue, und daß man in Pro- cesfionen „hieher ziehe". Großartige Processionen sind ja seitdem aus allen Theilen Frankreichs und Europas hieher gekommen, in diese Kirche, welche in Erfüllung des Wunsches der Helferin der Christen, Maria, erbaut wurde. Sie haben 600 kostbare, goldbedeckte Fahnen hieher gebracht, aus kostbaren, meist weißen Seidenstoffen bestehend, mit kunstvoll gestickten Bildern, Emblemen, Inschriften mit dem Namen einer Stadt oder des betreffenden Pilgerznges und der Jahreszahl versehen; sie hängen vom Gewölbe herab, stammen aus Frankreich, Spanien, Italien, England, Amerika (Mexiko), Oesterreich-Ungarn, Deutschland. Die deutsche Fahne hängt an würdiger Stelle, Allen sichtbar, 3 rir lang, 2 m breit, mit dem Bildnisse der unbefleckt empfangenen Jungfrau Maria, zu beiden Seiten die beiden Patrone Deutschlands, rechts der hl. Bonifacius, links die hl. Elisabeth; im unteren Theile glänzen in goldenen und silbernen Zügen die Worte: „LeatuM wo äicwnb omuss Aöiröiationes (selig werden mich preisen alle Geschlechter), Ro^inu, paom, via, pro riodis (Königin des Friedens, bitte für uns!)." _ (Fortsetzung folgt.) Berichtigung. In diese Nelsekizze hat sich bei Beschreibung der Stadt Lyon (Nr. 52 des „Unterhaltungsbl".) ein Irrthum ein- geschlicben, da bier (S. 404) der französische General Kleber als Stifter der Charits genannt ist Dieter war jedoch in Wirklichkeit Johann Kleeb erger, gebürtig aus Nürnberg, der im vorigen Jahrhundert als armer Arbeiter nach Lyon kanr und sich dort durch seine Tüchtigkeit zum Seidenfabrikanten und vielfachen Millionär aufschwang. Durch großartige Akte der Wohlthätigkeit sicherte er sich ein dauerndes Andenken in den Heizen der Lyoncr, die dem >bou ailsmanä- auch ein stolzes Denkmal aus Erz setzten. -- Eisenbahnwesen in China. Mit erstaunlicher Zähigkeit haben die bezopften „Söhne des Himmels" die „Feuer-Teufel" — so nennen sie die Locomotive — von ihrem Lande ferngehalten, selbst nachdem die Japanesen bereits ein ganzes Eisenbahnnetz errichtet hatten. Endlich scheint aber auch sür das „himmlische Reich" die Aera des Dampfes angebrochen zu sein. Der Anfang dazu ist wenigstens gemacht. Der erste Versuch, sie mit einer vollzogenen Thatsache zu überrumpeln, scheiterte freilich in jämmerlicher Weise. Vor zwanzig Jahren hatte sich eine englische Gesellschaft gebildet, die von Schanghai nach dem etwa 16 Kilometer nördlich davon gelegenen Wusung eine hauptsächlich sür den Güterverkehr bestimmte Bahn bauen wollte. Sie kam um die Erlaubniß ein — und erhielt sie auch —, eine Straße von Schanghai nach Wusnng bauen zu dürfen. Auf die Straße wurden aber Schienen gelegt — schmalspurig und sehr leicht —, eine kleine Locomotive aus England beschafft und trotz aller Anfeindungen seitens des Volkes im Jahre 1875 die Bahn eröffnet. Die chinesischen Behörden sahen wohl, daß man sie hintergangen hatte, sie schwiegen aber, bis unglücklicherweise ein Chinese überfahren wurde. Jetzt erklärten sie der Gesellschaft: „Wir haben euch die Erlaubniß gegeben, eine Straße nach Wusung zu bauen, aber von Schienen und Feuerteufeln war keine Rede, noch weniger haben wir euch erlaubt, mit eurer Maschine unsere Leute zu tödten. Wir wollen heute davon absehen, daß ihr uns hintergangen habt, aber wir fraaen: was kostet eure Eisenbahn?" Wohl oder übel mußte die Gesellschaft nach Verlauf einiger Zeit die Bahn den chinesischen Behörden abtreten. Diese ließen die Schienen abnehmen und nach der Insel Formosa an die Küste schaffen, wo sie später wieder zu Ehren gekommen sind. Der zweite Versuch gelang besser. Bei Kaiping nordwestlich von Tientsin wurde ein abbauwürdiges Steinkohlenlager gesunden. Die englischen Techniker, welche die Ausbeulung der Gruben leiteten, empfanden die Schwierigkeiten des Transportes der Kohle mittelst der landesüblichen Karren sehr, und sie beschlossen, auf irgend eine Art Dampfkraft zu Hülfe zu nehmen. Aber eingedenk des Schicksals der Wusung-Bahn ließen sie zunächst eine kleine Locomotive aus England kommen, die in verschiedenen Theilen nach verschiedenen Häfen abgesandt wurde und aus verschiedenen Wegen Kaiping erreichte. In einem Schuppen ohne Fenster, nur mit einem Oberlicht, wurde die Locomotive zusammengestellt, auf der Straße nach den Gruben Holzschienen gelegt und Wagen mit entsprechenden Rädern beschafft. Aber ohne behördliche Erlaubniß durfte man die Locomotive n cht benutzen. Glücklicherweise war Li-Hung-Tschang, der Statthalter der Provinz, kein Feind von Neuerungen. Er wurde zur Besichtigung einer neuen Art von Kohlenbefördcrung eingeladen, kam, machte auf Zureden auf der Locomotive eine Fahrt nach den Gruben hin und zurück, und damit war der Damm gebrochen. In den folgenden Jahren bildete sich eine chinesische Gesellschaft zur Wcitcrführung der Kaiping-Linie nach der Küste, und die kaiserliche Regierung selbst beförderte das Unternehmen. Heute ist im Betrieb eine Linie von Kaiping in südwestlicher Richtung nach Tongku (nördlich von Taku an der Mündung des Pe ho), ferner eine Linie von Tongku nach Tientsin. Ferner ist von Kaiping eine Bahn in nordöstlicher Richtung nach Shan-hai-kwan am Golf von Liaotong gebaut worden, die außerordentlichen Anklang bei der Bevölkerung gefunden hat, so daß eine Wetterführung dieser Linie nach Mulden, nördlich von Ninlschuan, bereits in Angriff genommen ist. Die bei dem Bau und dem Betrieb dieser Bahnen beschäftigten Techniker sind fast ausschließlich Engländer, als Heizer werden Chinesen benutzt, doch unterliegt es keinem Zweifel, daß wie in Japan so auch in China nach und nach der größte Theil des Betriebe der Bahnen in die Hände der Eingeborenen übergehen wird. -- ArttHinogrivy. 1 4 5 2 ein Gebirge, 2 2 5 2 4 Hauptstadt in einem Schweizer Kanton, 3 2 5 5 will Niemand sein, doch wer cö ist, hält gern Andere dafür. 4 3 3 2 westfälische Stadt. 2 3 3 2 fremdländische Münze, Gewicht und weiblicher Vorname, 5 2 12 bekannter indischer Titel. Die Anfangsbuchstaben der obigen Wörter bezeichnen einen Zeitabschnitt.