äL58, 1894 : „Augsburger Postzeitung". Dinstag, den 17. Juli Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Nerlag des Literarischen Instituts von Haas Grabderr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Äm Laune alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) XX. Eine Stunde später ließ Maitland sich bei Frau von Prachwitz melden. Sie war nicht wenig über diesen Besuch verwundert und, als derselbe eintrat, für den ersten Augenblick über dessen Aehnlichkeit mit Wolfgang frappirt. Höflich, aber etwas gemessen, empfing sie ihn, und nachdem sie ihn gebeten, sich zu setzen, erkundigte sie sich, welchem glücklichen Umstände sie die Ehre stiner Gegenwart verdanke. „Verzeihen Sie, gnädige Frau, daß ich Sie belästige," begann Maitland. „Obgleich ich es der Schicklichkeit angemessen fand, mich bei Ihnen melden zu lassen, so gilt mein Besuch doch eigentlich einer jungen Dame, die sich gegenwärtig unter Ihrer wohlwollenden Obhut befindet. Ich meine Fräulein Rettberg." Frau von Prachwitz besaß Geistesgegenwart genug, um ihre Ueberraschung zu verbergen. „Fräulein Rettberg machte mir allerdings die Freude, ein paar Tage bet mir zuzubringen," antwortete sie in harmlosem Tone, „hat mich aber heute verlassen." Obgleich Maitland den Schein des Gleichmuths beizubehalten suchte, so lag doch eine gewisse unmuthige Schärfe in seinem Ton, indem er erwiderte: „Dann erlaube ich mir, gnädige Frau, Sie um Fräulein Rett- berg's Adresse zu bitten." „Leider bin ich nicht in der Lage, diesen Wunsch zu erfüllen," war die höfliche Antwort. „Darf ich bescheiden fragen, ob diese ablehnende Antwort einen besonderen Grund hat, oder ob Ihnen selbst der Aufenthalt der jungen Dame unbekannt ist? Da ich für Fräulein Rettberg sehr wichtige Nachrichten habe, so ist es durchaus nöthig, daß ich ihre Adresse erfahre." „Ich gestehe," versetzte Frau von Prachwitz, „daß ich Ihnen den gewünschten Aufschluß nicht gebe, weil das Fräulein mich gebeten hat, niemand zu sagen, wohin sie gegangen ist." „Aber mit Rücksicht darauf," erwiderte Maitland, „daß Angelegenheiten der ernstesten Art, an welchen ihr Bruder betheiligt ist, in meiner Hand ruhen, sollte ich doch meinen, sie müßte eine Ausnahme zu meinen Gunsten gemacht haben." „Sie hat es nicht gethan," entgegnete Frau von Prachwitz trocken, „und somit kann auch ich es nicht auf mich nehmen, eine Ausnahme zu machen." „Nein, gnädige Frau, dieser Ansicht vermag ich nicht beizupflichten," versetzte Maitland kühn; „ich sollte vielmehr glauben, daß Sie in Betracht meiner gesellschaftlichen Stellung ohne Bedenken die Ausnahme zu meinen Gunsten auf sich nehmen könnten." „Ich kann es nicht, wenn ich auch wollte," bemerkte die Dame mit bedauerndem Achselzucken. „Fräulein Rettberg ist vorläufig auf ein paar Lage zu einer Freundin gereist, deren Adresse ich selbst nicht kenne, sie wird mir bald schreiben, und wenn sie mich ermächtigt, Ihnen Auskunft über ihren Aufenthalt zu geben, so werde ich Ihnen dieselbe zuschicken." Der Ton, in welchem sie sprach, war fest und bestimmt, und als Maitland sah, daß er nichts weiter erreichen konnte, empfahl er sich in der höflichsten Weise. Alles, was Maitland soeben von Frau von Prachwitz gehört hatte, beruhte auf Wahrheit. Melanit war heute abgereist. Felicitas hatte vor einigen Tagen an ihren Vater geschrieben und ihn gebeten, Fräulein Nettberg als ihre Freundin auf einige Zeit aufzunehmen. Seine Antwort war gestern Abend eingetroffen. Er fragt, ob Fräulein Rettberg's Mutter eine geborene von Baldeneck und die Tochter einer Schauspielerin gewesen sei, welche den Theaternamen Baldenecker geführt habe und vor dreißig und etlichen Jahren in Hamburg gestorben sei. Wenn dies alles zuträfe, schrieb er, so würde es ihm zum größten Vergnügen gereichen, Fräulein Nettberg bet sich aufzunehmen. Es sei nicht nöthig, daß sie ihre Abreise bis zu Felicitas' Heimkehr verschiebe; er werde sie zu jeder Stunde willkommen heißen; sie könne bleiben, so lange es ihr gefalle, und dürfe sich versichert halten, daß er sie in jeder Beziehung wie sein eigenes Kind behandeln werde. Ueber diese Antwort waren alle erstaunt. Felicitas fand eine solche Zuvorkommenheit an ihrem Vater so ungewöhnlich, daß sie gar nicht geglaubt haben würde, er habe den Biief geschrieben, wäre es nicht seine Handschrift gewesen. Melanie war nicht minder erstaunt, ihre darin erwähnten Fawilienverhältnisse mit allem, was ihr darüber selbst bekannt war, vollkommen übereinstimmend zu finden. Felicitas wollte ihrem Vater schreiben, daß alle seine Voraussetzungen zuträfen und Melanie mit ihr in einigen Wochen nach Göllnitz kommen 442 werde. Melanit jedoch legte ihre schöne Hand auf den Arm der Freundin und sagte, ihr mit bittendem Ausdruck in's Gesicht blickend: „Ich würde lieber schon morgen gehen." „Aber warum das?" fragte Felicitas. „Meine Tante wünscht, daß Sie bleiben und uns nach Rügen begleiten, wohin auch der Baron —" „Reden Sie mir nicht zu, liebe Felicitas," ent- gegnete Melanie in bewegtem Tone. „Es gibt hier in Berlin so mancherlei, dem ich gern aus dem Wege ginge." Felicitas verstand sie und legte ihrem Wunsche kein Hinderniß in den Weg. Melanie war abgereist, und da sie die Absicht angedeutet, unterwegs eine ihrer ehemaligen Zeichenschülerinnen zu besuchen, ohne daß deren Name und Wohnort zur Sprache gekommen wäre, so hatte Maitland auch in diesem Punkte von Frau v. Prach- witz nur die Wahrheit erfahren. XXI. Im Osten Berlins befand sich in einer ziemlich belebten Straße ein Kellerlokal. Obwohl darin eine Schankwirthschaft betrieben wurde, so bedurfte dasselbe doch weder eines besonderen Anlockungsmittels, noch eines Aushängeschildes. Nicht jeder war hier willkommen; wer aber gern gesehen ward, der fand den Weg von selbst in den „Blutigen Knochen", wie der Ort von seinen Besuchern genannt wurde. Man stieg einige Stufen hinab und gelangte in ein niedriges Zimmer mit roh getünchten Wänden und einem sehr primitiven Mobiliar. Ein zweites, anstoßendes Zimmer bot einen nicht minder bescheidenen Aufenthalt. Ein paar Petroleumlampen, die von der verräucherten Decke herabhingen, verbreiteten eine ziemlich dürftige Helle. An kleinen Tischen saß, gruppenweise von einander getrennt, eine äußerst bunte Gesellschaft. Einige der Gäste schienen, ihrer Kleidung nach, dem Handwerkerstände anzugehören; an einem andern Tische machten sich drei oder vier gänzlich zerlumpte Kerle breit; an einem dritten unterhielten sich einige fast stutzerhaft gekleidete Herren, das Monocle im Auge, den feinen Cylinderhut auf dem Kopfe, die Wäsche tadellos und blendend weiß. So wenig sie in diese Gesellschaft, unter welcher sich auch einige frech dreinschauende Frauenzimmer befanden, zu gehören schienen, so unterschieden sie sich von derselben doch nur durch ihre elegante Kleidung, denn sämmtliche Gäste zählten ausnahmslos zu jener Menschenklasse, welche bei der Wahl ihres Berufes ein- für allemal einen dicken Strich durch das siebente Gebot gemacht hat, und der „Blutige Knochen" war eine der besuchtesten „Verbrecherklappen" Berlins. Unter jener Gruppe feiner Herren, welche sich in jedem eleganten Restaurant „Unter den Linden" hätten sehen lassen können, verbargen sich Hochstapler, Taschendiebe und Bauernfänger; die abgerissenen, reducirten Gestalten gehörten dem nächtlichen Strolchthume an; die scheinbaren biedern Handwerker waren resolute Einbrecher. Das Benehmen aller dieser Gäste bot äußerlich durchaus nichts Besonderes. Sie rauchten, tranken Bier oder Schnaps, unterhielten sich oder spielten Karten. Nur wenige von diesen Leuten kannten einander bei ihren wirklichen Namen; jeder hatte seinen Spitznamen, denn dieses Verstecken hinter fälschlich beigelegten Namen führt das wachsame Auge des Gesetzes irre. Unter den Anwesenden wurde einer mit „Aalauge", ein anderer mit „Plattbein" angeredet, ein dritter, welcher den vornehmen Namen „der Burggraf" führte, brachte die Gesundheit des „steifen Lehmann" aus, und einige der Gesellen, welche sich leise von der „schiefen Laterne" und der „Dampfwalze" unterhielten, verriethen durch gewisse Seitenblicke, daß unter diesen charakteristischen Pseudonymen sich zwei der „Damen" verbargen, welche die Gesellschaft durch ihre Gegenwart zierten. Die Gespräche wurden hier laut, dort leise in einer Sprache geführt, welche der Uneingeweihte kaum für Deutsch gehalten hätte, denn sämmtliche Ausdrücke und Bezeichnungen der Handwerker entstammten dem Gaunerwörterbuche. Unter den Gästen, welche das elegante Gaunerthum repräsentirten, befand sich auch einer unserer Bekannten. Nichts Geringeres als Champagner war es, womit er seine Genossen bewirthete, denn von so selbstsüchtigem Charakter er auch sonst war, so hielt er es doch unter seines Gleichen mit dem Grundsätze: leben und leben lassen, und gönnte ihnen gern einen Antheil an dem Hundertmarkschein, welchen er heute erst aus Maitland's freigebiger Hand empfangen hatte. „Guten Abend, Herr Assessor von Malten," tönte plötzlich eine Stimme hinter ihm, und eine Hand legte sich auf seine Schulter, „wann treten Sie Ihre große Reise über's Meer an?" Ueberrascht blickte sich Rettberg nach dem Sprecher um, der eben erst von der Straße eingetreten war. Es war ein rüstiger, sehr groß und kräftig gebauter Fünfziger mit mächtigem, grau melirtem Vollbarte und ebensolchem Haar, welches zu beiden Seiten über dem Ohre hervorgekämmt und nach den Schläfen zu sorgfältig gedreht war. Das Augenpaar unter den buschigen Brauen blickte durch eine bläuliche Brille mit schelmischem Ausdruck auf den Angeredeten herab. Der graue Filzhut, der helle, zurückgeschlagene Sommerüberzieher und die darunter sichtbare Kleidung waren von feinstem Stoff. Erstaunt und betroffen starrte Rettberg den Fremden an, der sich über Dinge, um die nur seine nächsten Vertrauten wußten, so wohl unterrichtet gezeigt hatte. Da warf der alte Herr seinen Hut aus den nächsten Tisch, nahm die melirte Perrücke vom Kopfe, steckte die blaue Brille in die Tasche, riß sich die buschigen Brauen und den gewaltigen Vollbart ab, und indem er plötzlich mit kurzgeschnittenem dunkeln Haar und bartlosem Gesicht dastand, glich er genau jenem hünenhaften Mann, den unlängst der Baron von Sturen im Hinter- stübchcn Moses Nathansohn's im Gespräch mit diesem angetroffen hatte. „Der UlanI" ging ein allgemeines Murmeln durch das Zimmer, in welchem sich derartige Metamorphosen sehr häufig abspielten. „Ein schwerer JungeI" raunte „Aalauge" dem „Burggrafen" in der Gaunersprache zu, welche unter dieser Bezeichnung Einen versteht, der nur schwere Diebstähle begeht. Der Burggraf nickte. „Wird wieder einmal eine Aske (Diebstahlsgelegenheit) ausbaldowert (ausgekundschaftet) haben." Rölling oder der „Ulan", wie er hier hieß, ließ sich an dem leeren Tische nieder, auf welchen er vorhin seinen Hut geworfen hatte. Ein anderer, welcher mit ihm zugleich eingetreten war und einen jener ledernen 443 Kästen in der Hand trug, wie man sie bei Hausirern sieht, nahm ihm gegenüber Platz. „Deine neue Charaktermaske?" fragte Rettberg, indem er sich neben Rölling setzte und eine neue Flasche Champagner bestellte. „Ja, die Polizei liebt die Abwechslung," antwortete Rölling mit einem tiefen, volltönenden Organe. „Wo kommst Du her?" „Direkt vom Bahnhöfe kommen wir; haben auswärts Geschäfte gehabt, ich und der Hausirerfranz," antwortete Rölling mit einem Blick auf sein Gegenüber. „Es ist mir lieb, daß ich Dich vor Deiner Abreise noch einmal treffe. Ei, sieh' da, mit Sekt feierst Du Deinen Abschied, mein Junge? Na, PrositI Auf Dein Wohlergehen in der neuen Welt!" Nettberg lächelte schlau. „Das Programm hat eine Abänderung erfahren," entgegnen er und erzählte, was sich heute zwischen ihm und Maitland zugetragen hatte. Auch den Inhalt der zweiten Unterredung, zu welcher er sich bei demselben noch einmal gegen Abend eingefunden, theilte er seinem vertrauten Freunde mit. Danach war bestimmt worden, daß Rettberg morgen früh mit dem Baron von Sturen, ganz wie dieser es angeordnet, nach Bremerhaven reisen sollte, um dort auf dem Schiffe die ihm versprochene Adresse seiner Schwester in Empfang zu nehmen. Da der Dampfer Southampton anlief, so sollte er von dort aus die Adresse sofort an Maitland tele- graphiren und, anstatt die Reise nach New-Iork fortzusetzen, wieder nach Berlin zurückkehren. Während Rölling zuhörte, verfinsterten sich seine Mienen mehr und mehr. „Mir gefällt der Handel nicht, mein Junge," bemerkte er. „Wäre ich an Deiner Stelle, so würde ich mich lieber an den Andern halten, den Baron von Sturen. Der scheint's mit Dir und Deiner Schwester am ehrlichsten zu meinen. Folge ihm, mein Junge." „Was soll ich in Amerika?" versetzte Rettberg miß- muthig. „Man wird mich dort in irgend ein Comptoir stecken, und zur Arbeit bin ich verdorben." „Es gab eine Zeit," sagte Rölling bitter, „wo ich froh gewesen wäre, Arbeit zu bekommen, um mich ehrlich durchzuschlagen. Du läßt Dich von dem Schlaraffenleben locken, das dieser Maitland Dir verspricht; aber wer bürgt Dir dafür, daß er sein Wort hält, wenn er seinen Zweck erreicht hat?" „Oh, er ist ein verdammt nobler Herr!" versicherte Rettberg. „Er ist ein größerer Schurke als irgend Einer von uns!" fuhr der Ulan auf. „Wir nehmen andrer Leute Geld oder sonstigen Trödel, dieser Teufel aber will einem armen, lieben Mädchen Tugend und Unschuld rauben. Und Du, mein Junge — nimm mir's nicht übel, aber von einem Burschen, der eine so gute Erziehung genossen hat, wie Du, sollte man doch nicht meinen, daß er seine Schwester verschachern würde. Das Moralisiren mag mir schlecht genug anstehen, aber in diesem Punkte hätte ich doch mehr Ehre im Leibe! Donner und Hagel!" rief er, das vor ihm stehende Glas Champagner ergreifend, „jeder Tropfen, den ich noch von diesem Gesöff trinke, das doch nur mit Deinem Judas- gelde erkauft ist, soll zu Gift werden!" Damit schmetterte er das halbvolle Glas auf den Boden, daß die Splitter hoch umhersprangen. Rettberg wagte nichts zu entgegnen, denn er hatte einen gewissen Respekt vor seinem älteren Freunde. Es stak etwas von einem edlen Kerne in diesem entschlossenen Verbrecher, der seinem Wesen etwas Geheimnißvolles gab, wovon sich selbst die Verworfensten seiner Handwerksgenossen seltsam angezogen fühlten. „Warum hast Du den Kerl, als er Dir heute den Wechsel zeigte, nicht an der Gurgel gepackt und ihm den Wisch aus der Hand gerissen?" fragte Rölling nach einer Weile. „Wenn's mißlang, so wäre ich nur um so schlimmer daran gewesen", wandte Rettberg ein, „und Aussicht auf Erfolg hatte ich nicht, denn Maitland ist mir weit überlegen." „Hm!" machte der Andere, „wenn wir den Wechsel und das andere Papier, das Du einfältiger Weise unterzeichnet hast, bekommen könnten, so wäre der ganze unsaubere Handel zu Ende. Wo hat er die beiden Wische verwahrt?" „In einer Brieftasche, die er wahrscheinlich immer bei sich zu tragen pflegt," antwortete Rettberg lebhaft. „Sie ist mit Schlangenhaut überzogen." „Kenne die neumodischen Dinger," nickte der Ulan, „habe dergleichen in einem Luxusladen in der Kaiserpassage gesehen." „Höre, Rölling!" sagte Rettberg in beschwörendem Tone und legte seine Hand auf dessen Arm, „wenn es Jemanden gibt, der mir zu den Papieren verhelfen könnte, so bist Du der Mann. Eine Gelegenheit, ihn um die Brieftasche zu erleichtern, würdest Du bald ausfindig gemacht haben." „Was glaubst Du von mir?" entgegnete der Ulan verächtlich. „Bin ich etwa ein Seifensieder (Taschendieb)? Da mußt Du Dich an den „bunten Karl" dort wenden," setzte er hinzu und deutete mit einer leichten Kopfbewegung nach einem jungen Manne, welcher, ein goldenes Pince-nez auf der Nase, selbstgefällig die Enden seines schwaxzen Schnurrbartes drehte und einen eleganten dunkelblauen Kammgarnanzug nebst buntfarbiger Krawatte trug. Wenn aber dabei sonst nichts zu verdienen ist, so thut der's auch nicht." „O, er würde dabei ein brillantes Geschäft machen," versicherte Rettberg, „denn es war auch Geld in der Brieftasche; ich sah, daß sie dick mit Banknoten gefüllt war." (Fortsetzung folgt.) Pfarrer K. M. Kaiser --- 444 Hin-elang und Hinterstein im Allgäu, ehedem Alpgau. - (Nachdruck verboten.) (Mit Illustrationen nach Photographien von I. Heimbucher in Sonthofcn und Jmmcnstadt.) 1. Hindelang. Inmitten der erhabenen Allgäuer Hochgebirgswelt, in einem ziemlich breiten, sonnigen Thalkessel, der durch- rauscht wird von dem wildschäumenden Gebirgswasser der Osterach, reizend markirt und umländet mit saftiggrünen Hügeln und stark bewaldeten Höhenzügen, fast ringsum begrenzt und seit Jahrhunderten bewacht von himmelan- strebenden, vielzackigen und majestätischen Bergesriesen, liegt am Fuße des Hirschberges der neuaufstrebende Marktflecken Hindelang malerisch schön hingebettet. Der Name „Hindelang" — von Sonthofen aus so genannt -— bedeutet etymologisch: „Hinterwang" oder „Hintere Wanne" (Mulde). In diese herrlich reizende Landschaft,^zu diesem zauberhaft schön situirten Flecken der Erde führt von Sonthofen aus ostwärts, dem Bergfluß der Osterach entlang, eine durchaus ebene und guterhaltene Staats- und Poststraße in einer Länge von 7,6 Kilometer. Diese Straße setzt sich von Hindelang aus in östlicher Richtung fort als Jochbergstraße, 1300 Fuß aufsteigend mit einer bis zu 18procentigen Steigung, nach dem Filialort Oberjoch, 4446 Fuß hoch über dem Meeresspiegel gelegen. Der Jochberg bildet die Wasserscheide zwischen dcr Jller mit Osterach und der Wertach. In Oberjoch zweigt links eine Vcrbindungsstrahe ab auf bayerischem Gebiete nach Unterjoch, Wertach und Nessel- wang; gerade aus aber führt die Staatsstraße längs des Jseler und des Windhagrückens nach Tirol, nämlich nach Schattwald*), Thannheim und Reutte, wodurch ein reger Verkehr vermittelt wird. Hindelang in seiner absolut staubfreien Lage erscheint als ein Luftkurort ersten Ranges und ist von der Natur ausnehmend bevorzugt. Die Höhen ringsum zeigen schöne Waldbestände von Fichten und Tannen mit erquickendem Harzduft; da weht und fächelt reine, gesunde und stärkende Gebirgsluft, vermischt mit wohlthuendem Alpenkräuter- Aroma; auch wird vorzügliches Quellwasser geboten. Da lebt sich's leicht und gut, wie die niedere SterblichkeitsZiffer bezeugt. Herrliche Spaziergänge in der Ebene, sowie ausgedehntere Promenaden, Ausflüge und Gebirgs- touren machen den Aufenthalt höchst angenehm. In solch' erfrischender, ozonhaltiger Luft werden die durch Mühen und Sorgen des dunstigen Alltagslebens angegriffenen Lungen von allem lästigen Staube wieder gereinigt und gestärkt. Darum weilen daselbst die fremden Gäste von Nah und Fern im Sommer behufs Erholung und Erfrischung um so lieber, als im gedachten Thälchen ein rühriges und biederes, ein gemüthreiches und dienstfreund- liches Gebirgsvölkchen, dem deutschen Volksstamme der Alemannen ungehörig, leibt und lebt, das theils seine Gäste in entsprechende Gasthäuser mit jeglichem Comfort, theils in reinliche und schmucke Privathäuser gerne aufnimmt, beherbergt und deren weitere Ansprüche bestmöglichst zu befriedigen sucht. *) Schattwald ist ein beliebter Ausflugsort der Hinde- langer „Sommerfrisctler," bekannt und berühmt durch den guten „Tiroler" und delikate Forellen im dortigen Gasthause „zur Traube", dessen hübsche, freundliche Zimmer fast immer von Sommergästen belegt sind. Die freundlichen, zuvorkommenden WirthSleute machen den Aufenthalt in diesem reizenden Ge- birgsdorfe doppelt angenehm. D. R. Der Markt Hindelang zählt etwa 130 Wohnhäuser mit etwas mehr als 700 Einwohnern, hat eine Schule mit zwei Lehrkräften, ein Nebenzollamt, eine Postexpedition und Telegraphenstation. Täglich verkehren mehrmals Postwagen und Privatomnibus. Auch ein pract. Arzt übt an Ort und Stelle im Bedarfsfälle seine segensreiche Praxis aus. — Hier sind die meisten Häuser im Gebirgsstil aus Holz gebaut, sauber und zierlich, zweistöckig, d. h. Erdgeschoß und erster Stock mit flachem Dach, welches mit dem Wohnhaus auch die Räumlichkeiten für den Oeko- nomiebetrieb zugleich vereinigt. Die Außenseite dieser Häuser hat theils Mörtelbewurf, theils einen Schindelpanzer. Die inneren Zimmerwände und Decken sind in der Regel getäfelt, dagegen die neueren Gebäude sind meist gemauert, mit hohem Dachstuhl versehen. Die Hauptbeschäftigung der Bevölkerung ist wohl Viehzucht, Milch- und Alpenwirthschaft, verbunden mit dem Betriebe von einzelnen Kleingewerben. Die Bewirlhschaftung der Ackerfelder und Wiesen, der Viehweidcplütze und der Alpenweiden, vereinigt mit Molkerei- und Käsefabrikation, sowie der lebhafte Handel sowohl mit den Erzeugnissen gedachter Beschäftigung, als auch mit Holz und Brettern, sind die Faktoren, auf welche sich die Behäbigkeit der hiesigen Bewohner hauptsächlich gründet; Getreidebau findet sich jetzt nur mehr vereinzelt, weil sich die Milchwirthschaft in dieser Gegend vortheil- hafter rentirt. Die Gewässer der Osterach sind dienstbar gemacht dem Gewerbe und der Industrie, und setzen die Turbinen und Schwungräder nicht nur von Mühlen und Hammerschmieden, sondern seit jüngster Zeit auch von drei großen Fabrtketnblissements für Weberei in Bewegung, wobei insgesammt an etwa 400 Webstühlen 200 Arbeiterinnen und zwar meist einheimische beschäftigt sind. Das Hindelanger Thal war sicher vor etwas mehr als tausend Jahren noch ein ausgedehnter Urwald; hiehcr hatten wohl die alten Kelten und Vindelicier und selbst auch die Römer niemals einen Fuß gesetzt. Erst später in Folge rasch zunehmender Bevölkerung, nachdem die bereits christlichen Franken in der Schlacht von Zülpich im Jahre 496 die wandernden noch heidnischen Alemannen und Sueven besiegt hatten und hierauf allmälig das Christenthum bei uns unter der Herrschaft der Merovinger und Karolinger sich ausbreitete, mögen dann auch christliche Ansiedler im 8. und 9. Jahrhundert von Sonthofen her in unserem Thale, und zwar vorerst wahrscheinlich beim Eingänge desselben, nämlich bei Liebenstein, sich häuslich niedergelassen haben. Sehr begütert war zu jenen Zeiten auch im Allgäu das mächtige Geschlecht der Welsen, und als dann gegen Ende des 12. Jahrhunderts dessen Güter an die Hohenstaufen fielen und mit dem letzten Hohenstaufen Konradin aber die kaiserliche Macht in Deutschland immer mehr zurückging, kamen diese Güter vielfach zum Reich, welches sie als Pfand und Lehen oder als Geschenk und Entlohnung an einzelne Fürsten, Edle und Ritter vergab. So entwickelten sich die Landeshoheiten der einzelnen Reichsfürsten und Herrschaften. Das Hindelanger Thal gehörte den Edlen der Herrschaft Nettenberg und war denselben zinsbar und Unterthan. Zwei Seitenlinien der Nettenberger waren die Edlen von Trauchburg und Hohenegg. So kam es, daß in Hindelang viele Hofstätten und Grundstücke den Herren von Hohenegg steuer- und kriegsdienstpflichtig waren. Auch die Herren von Heimenhofen gewannen Einfluß in Hinde- 445 lang. Als die Rettenberger wegen vieler Schulden sich nicht mehr recht zu halten vermochten, kam der größte Theil der Rettenberger Herrschaft meist durch Kauf in den Jahren 1332 bis 1477 an den Bischof, beziehungsweise an das Hochstift Augsburg, und zwar nicht bloß viele Güter und Besitzungen, sondern selbst auch die Landeshoheit. Der Grundoberherr oder Landesherr vom Hinde- langer Thal war nunmehr der Bischof von Augsburg. In Hindelang war neben den Hörigen auch ein niederes Adelsgeschlecht mit eigenem Wappen schon im 11. Jahrhundert „begütert" und saß ohne Zweifel auf dem nachmaligen sogen. „Stutenhof", der zur Pferdezucht diente. Dieses Adelsgeschlecht hatte aber keine Gerichtsbarkeit. Noch im 14. und 15. Jahrhundert finden wir mehrmals einen Berthold oder Benz von Hindelang als Zeugen bei Abschließung von Verträgen. In den Jahren 1575 bis 1641 besaßen die noblen bis 1802 alljährlich auf einige Zeit in Sommerfrische gerne in seinem Schlosse zu Hindelang. Das war immer ein hocherfreuliches Ereigniß für die Hindelanger, wenn der liebenswürdige und splendide Churfürst bei ihnen wieder Einkehr nahm. Während seines hiesigen Aufenthaltes wurden dann „im Netterschwang" auf Kosten des Churfürsten förmliche Volksfeste abgehalten; überhaupt verdankte Hindelang demselben manche fromme und wohlthätige Stiftung. Die dankbare Pfarr- gemeinde Hindelang wird sein gesegnetes Andenken stets in Ehren halten. In Folge des Reichsdeputationshauptschlusses zu Regensburg am 25. Februar 1803 fielen auch die bischöflichen Güter in Hindelang, nämlich der ganze Stutenhof mit Netterschwang und sammt dem bischöflichen Schlosse an den bayerischen Chur-Staat; auch die bischöfliche Landeshoheit mit den damit verbundenen Einkünften ging UMM MW- Glücklich heraus! Grafen Fugger diesen Stutenhof, welcher dann im letztgenannten Jahre mittels Kauf durch Bischof Heinrich von Knöringen in den Besitz des Augsburger Hochstiftes kam. Im Laufe der Jahre wurde dieser Stuten- und Fohlenhof (z. B. i. I. 1654) durch Ankauf des Gutes in Retterschwang, sowie i. I. 1726 durch Ankauf der Scholl'- schen Güter noch bedeutend erweitert, so daß man bei demselben 53 Stück Pferde und 39 Stück Rindvieh zugleich halten konnte. Darüber war ein eigener bischöflicher Stutenhofverwalter gesetzt. Ganz in der Nähe dieses Stutenhofes erbaute nun Bischof Sigismund Franz, Erzherzog von Oesterreich (Jnns- brucker Linie), das prächtige Schloß im Jahre 1660, ein stolzer Monumentalbau. Hier nahmen nun die Bischöfe von Augsburg vielfach ihren Sommeraufenthalt. Wie Bischof Sigismund Franz, so weilte auch besonders Bischof und Churfürst Clemens Wenzeslaus in den Jahren 1768 an die Krone Bayern über. Durch Verkauf kamen dann allmälig die auf diese Weise erworbenen bayerischen Staatsgüter in Privatbesitz, so daß nun in dem ehemaligen bischöflichen Schlosse eine Bierbräuerei sich befindet. Schon im Jahre 1150 begegnen wir in der Geschichte des Allgäu's von Baumann einem Priester Namens Oggoz von Hindelang, der wahrscheinlich dem hiesigen niederen Adelsgeschlechte angehörte. Hindelang war ursprünglich eine Filiale von Sont- hofen; im Laufe der Zeit wurde hier eine exponirte Kaplanei errichtet, welche dann etwa um das Jahr 1450 durch Bischof Peter von Schauenberg, mit zwei Dritteln Pfarrzehent dotirt, zur selbstständigen Pfarrei erhoben wurde. Der erste Pfarrer in Hindelang, Heinrich Krum aus Ehingen, stiftete im Jahre 1472 das Frühmeßbenefizium daselbst. Nachdem die ehemalige Filiale Unterjoch sich im Jahre 1868 in ähnlicher Weise, wie 400 Jahre früher 446 Hindelang der Mutterkirche Sonthofen gegenüber gethan, l zu einer selbstständigen Pfarrei emporgeschwungen hat, gehören zur Pfarrei Hindelang noch zehn Filialen, von. welchen drei je eine eigene deutsche Volksschule haben. Die ganze Pfarrei zählt z. Z. 2270 Seelen. Hindelang ist der Geburtsort der berühmten und hervorragenden Künstler und Bildhauer, der Gebrüder Franz und Konrad Eberhard, von welchen vorzüglich Konrad als Professor der Akademie der bildenden Künste in München unter König Ludwig I. der christlichen Kunst seine ausgezeichneten und vielseitigen Talente weihte. Die Pfarrkirche mit Thurm in Hindelang ist ein solider, stattlicher, im neugothischen Stile aufgeführter Bau. Der Abbruch der alten, baufälligen Kirche nebst ihrem etwas sich neigendeu Spitzthurme wurde Anfang Mai 1864 begonnen, eine Nothkirche im Pfarrstadel errichtet, und unter Leitung des Baumeisters Johann Bapt. Aus der alten Kirche stammen zwei künstlerische Reliefs aus weißem carrarischem Marmor: „Madonna mit dem Jesuskind" und „Jesus der Kinderfreund" von den Gebrüdern Eberhard. Beachtenswert sind auch die prachtvolle, bei 27 Pfd. schwere, silberne, mit Edelsteinen reich besetzte Monstranz, ein im Jahre 1650 gemachtes Präsent des Bischofs Erzherzog Sigismund Franz, Erbauers des Schlosses, dann zwei kostbare, vollständige Festornate, Geschenke vom Churfürsten, Bischof Clemens Wenzeslaus und seiner Fräulein Schwester, Prinzessin Kunigunde. Nach dem zerstörungswüthenden Einfalle der Schweden im Jahre 1632/33 herrschte auch in unseren Gegenden allemhalben die Pest oder der „schwarze Tod". Auch in Hindelang mußte ein eigener Pestgottesacker angelegt werden, 1/4 Stündchen südlich im Thalgrunde in der Nähe der Osterach, mit einer Sebastianskapelle aus Holz gebaut. Hindelang. Kaufmann wurde die neue Pfarrkirche soweit hergestellt, daß dieselbe am 24. Juni 1867, am Patrociniumsfeste, zur Gottesdienstfeier zum ersten Male bezogen und benutzt werden konnte. Die hochfeierliche Consecration der neuen Kirche erfolgte durch unsern Hochwürdigsten Herrn Bischof Pancratius jedoch erst am Schutzengelfest d. I. - 1872. Die Kirche hat drei schöne Altäre und einen herrlichen, aus Sandstein kunstvoll gemeißelten, mit den kgl. bayerischen Wittelsbacher-Wappen nebst Emblemen versehenen Taufstein, ein hochherziges Geschenk Sr. k. Höh. unseres erlauchtesten Prinzregenten Luitpold von Bayern. Sehenswerth ist darin auch eine durch opferwillige Bemühungen des kgl. Lycealprofessors Dr. Joh. Michael Kaufmann, eines geborenen Hindelangers, zu Stande gebrachte, vom Bildhauer Petz in München, einem Schüler des Konrad Eberhard, kunstreich hergestellte Statuengruppe der Mutter Gottes von La Salette. Als aber Sturm und Unwetter am 18. Januar 1739 diese Kapelle total zerstörten, wurde mit einem Legate des Hasenwirthes Michael Heim zu 400 fl. und mit den Liebesgaben anderer Wohlthäter unter Pfarrer Haug bald darauf die derzeitige gemauerte Kapelle hergestellt, in welcher während der Sommermonate jedes Jahres von jeher öfter das hl. Meßopfer dargebracht wird. Diese Kapelle wurde geweiht am 30. Oktober 1748. Im gedachten Jahre wurde nämlich ein Altar aus der Pfarrkirche in die Gottesackerkapelle transferirt. Dieser sehr hübsche, altgothische Altar, aus Holz verfertigt vom Bildhauer Gg. Lederer zu Kaufbeuren im Jahre 1519, darstellend die göttliche Dreifaltigkeit, wie sie theilnimmt an der Krönung Maria's, hat nicht unbedeutenden Kunstwerth. 2. Hinterstein. Fünf Kilometer von Hindelang entfernt, liegt in südöstlicher Richtung das Filialkirchdorf Hinterstem. Von 447 Hindelang führt nämlich ein ganz hübsches Verbindungs- Sträßchen in östlicher Richtung nach kurzer Wanderung in den Filialort Oberdorf. Dieses große Dorf, unter Obstbäumen völlig versteckt, zählt mehr als 100 Häuser und über 500 Einwohner und liegt am Fuße des Jseler, welcher den Hintergrund und gleichsam den scheinbaren Abschluß vorn Hinde- langer Thalkessel bildet. Auf einer mäßigen Anhöhe daselbst liegt das Prinz Luitpold-Bad, welches zwar nur einen einfachen und ländlichen Charakter trägt, aber dessen Umgebung eine herrliche Natur mit magischen Reizen bietet und einen überraschend entzückenden Ausblick in die Berge und in's Hinde- langerThal hinaus gewährt. Dieses Bad, mit allen wünschens- werthenEinrichtun gen versehen, ist einevorzüglicheLuftkurstätte und verfügtüberreichliche, heilkräftige Schwefel-Mineral-Quellen. Von Oberdorf ab führt das Sträßchen in südlicher Richtung weiter am Ufer der rauschenden Osterach bis zumWeiler Bruck; die Vorberge'rücken enge zusammen; auf einmal wendet sich das Sträßchen um dieFelsen herum ostwärts, vorbei an dem großen, aufrecht stehenden Stein, welcher nebst der Lage der hinter demselben liegenden Ortschaft zur Ortsbezeichnung ,Hinterstein' Anlaß gegeben haben soll. Das Hintersteiner Thal erstreckt sich bis zumFuße des Hochvogels. Die Ortschaft Hinterstein hat 240 Einwohner; ihre meist aus Holz gebauten und mit Schindeln gedeckten sechzig Wohnhäuser mit mehreren Nagelschmied- Werkstätten dehnen sich zerstreut aus in einer Flächenlänge von 3 Kilometer. Im Gasthause des Herrn Fügenschuh findet man eine vor- trefflicheKüche undBe- dienung. Hinterstem ist eine Perle von Naturschönheit, nahe der Tiroler Grenze, zwischen hohen Bergen vollständig eingebettet. — Da herrscht Ruhe und Friede, nicht einmal ein Singvogel läßt sich hören, wohl aber schicken fröhliche Hirten und Aelpler aus freudiger Brust ihre munteren Jauchzer von schwindelnder Höhe herab in's einsame Thal, und ober dem Dorfe stürzt tosend das schäumende Berg- Hinlerstcin.' Kchallwatd Wasser in vielen Fällen und Cascaden über die Felswände hernieder und eilt dem Bett der wilden Osterach zu. Glücklich Derjenige, welcher hier in dieser stillen Ge- birgseinsamkeit und in ernster Abgeschiedenheit während der schönen und heiteren Sommermonate die Wunder, welche die Natur und ihr allgewaltiger Schöpfer geschaffen, leibhaftig schauen und jugendfrisch durch- träumen kann. Hier suchten denn auch die Hindelanger während der Kriegszeiten in den Jahren 1796,1800 und 1809 eine sichere und bewährte Zufluchtsstätte. Die Leute sind hier innig religiös, sparsam und zufrieden und hängen mit ganzer Seele an Gott und an ihrer lieben Heimathscholle, der sie nur mühsam den nöthigen Lebensunterhalt abzuringen vermögen. Sind es ja doch nur ganz kurze Monate, während welcher bei dem beschränkten Horizont wegen der Enge des Thales und der Höhe der Berge die Sonne ihre wärmenden und belebendenStrah- len niederzusenden vermag, nur zu bald stellen sich alljährlich Frost, Reif, Schnee und Kälte ein. Beim Beginne, sowie am Schlüsse des Dorfes befindet sich je eine zierliche Kapelle, und im Mittelpunkt steht die allerliebst freundliche und zur Andacht stimmende Kirche, erbaut i.J. 1804/5 und von Seiner churfürstlichen Durchlaucht Clemens Wenzeslaus, Bischof in Augsburg, am 1. Sept. 1805 zu Ehren des hl. Antonius kon- sekrirt. Hochderselbe trug selbst zum Baue der Kirche 400 fl. bei. Pfarrer Franz Sales Kisel in Hindelang spendete zur Errichtung einer Manual- Kaplanei mit eigener Behausung oaselbstim Jahre 1803 eineKapi- talsumme von 3000fl. und Pfarrer Jos. Erdt von Aitrang 500 fl. Vor ein paar Jahrzehnten wurde ein neues Schulhaus erbaut. Seit dem Jahre 1856 ist in Hinterstem ein eigener Gottesacker; in demselben befindet sich ein prachtvolles Kruzifix aus Metall, eine hochherzige Widmung Sr. kgl. Hoheit des Prinz-Regenten Luitpold von Bayern. Nebenan auf einer mäßigen Anhöhe erhebt sich das einfache, aber hübsche Jagdschlößchen Sr. kgl. Hoheit des 448 Prinz-Regenten, Höchstwelcher im Hinterstetner Thale alljährlich vorübergehend auf je ein paar Wochen schon seit 4 Dezennien hindurch dem edlen Waidwerk, der Hirsch- und Gemsenjagd, obliegt. Geht man etliche Kilometer Weges von Hinterstem aus weiter in südöstlicher Richtung dem Hochvogel zu, so gelangt der Wanderer zu einer wildromantischen Gebirgsschlucht. Zwischen Felswänden drängt und zwängt sich die wildtobende Osterach hindurch uno bildet die 65 Meter tiefe, gewaltige Klamm der „Eisenbreche", an welche sich mehrere interessante Sagen knüpfen. Diese Klamm hat ihren Namen erhalten von den nicht allzufern liegenden Eisenerzgruben am Erzberge, aus welchen ehedem vom Jahre 1490 an durch die Grafen von Montfort Eisenerz für die Eisenschmelze in Hindelang gewonnen wurde. Uebrigens, geneigter Leser! komme selbst hierher, staune und erfreue dich mit triumphirendem Herzen; denn das deutsche Lied sagt nur wahr, wenn es froh aus voller Kehle hinausruft in alle Welt: „Auf den Bergen ist es schön!" - »- — Zu unseren Bildern. Pfarrer und k. Distriklsschulinjpector Kaiser in Aibting. Bet der Konstituirung des bayerischen Landesverbandes landwirthschaftlicherDarlchenskassenvereine wurde der k.Distrikts- Schulinspector und Pfarrer Kaspar W, Kaiser in Aibling (Oberbayern) zum zweiten Verbands-Director gewählt. Wenn seine Persönlichkeit ob seiner vielen Verdienste um die Raiffeisensache auch schon in weitesten Kreisen bekannt ist, so gewinnt dieselbe ohne Zweifel hiedurch nur noch mehr Interesse. Geboren am 6. Juli 1853 zu Babesheim in Schwaben unweit der Donau, besuchte Kaiser das Gymnasium zu Dillingen, nach dessen Absolvirung die Universität München als Alumnus des Georgianums, mit welchem er in den ersten Tagen des Monats Juni 1894 dessen 4. Centenarium gefeiert hat. 1876 trat er als Priester aus demselben in die Seelsorge der großen, ausgedehnten Pfarrei Altusried im schönen Algäu, wirkte später als Stadtkaplan in zwei Städten an der Donau und übernahm, diesem seinem heimathlichen Strom folgend, 1882 die Pfarrei Berg bei Donauwörth. Unter dem damaligen verdienten k. Bezirksamtmann Hoch- kirch in Donauwörth, nunmehrigen k. Regierungsrath in München, wurde Pfarrer Kaiser als Mitglied des landwirthschaftlichen Bezirkscomitss Donauwörth zu dessen Sekretär erwählt. In dieser speziell landwirthschaftlichen Thätigkeit fand er Gelegenheit, das Ratffeisenwesen kennen und lieben zu lernen, für welches er immer mehr Interesse gewann, und durch Wort und That und Schrift wesentlich zur Einführung und Verbreitung der Raiff- etsenvereine im südlichen Bayern beitrug, so zwar, daß er selbst bis zum Jahre 1894 mehr denn ein halb Hundert solcher segensreich wirkender Vereine in Schwaben, Ober- und Niederbayern gegründet hat. Auf landwirthschaftlichen Versammlungen und bei ähnlichen Anlässen (in Donauwörth, Mindelheim, Augsburg, Memmingen, T>illingen, Nördlingen, Lauingen, Straßburg, Erfurt, Frankfurt, Bamberg, Berchtesgaden, Oberdorf, Mühldorf, Ganghofen, Traun- stein, Deggendorf, Reichenhall, Biessenhosen) trat er als begeisterter Redner und Herold der Raiffeismvereine mit bestem Erfolge auf, dehnte seine Propaganda hiefür selbst üSer die vaterländischen Grenzen tief in's Nachbarland Tirol bis Oetz und Brixen hinein aus, wo er den Anstoß zur Gründung zahlreicher Raiffeisen- vereink und des tirolischen Landesverbandes gab. Weithin bekannt ist im In- und Auslande Kaiser's Buch „Raiffeisen-Abende", welches in Tausenden und Abertausenden Exemplaren in deutscher, französischer und in anderen Sprachen freundliche Aufnahme fand, die Verbreitung der Raiff- etsen-Sache ungemein förderte^ und seit Gründung des bayer. Landesverbandes als „Praktischer Raiffetsenmann" die Lande durcheilt, dem Verfasser aber ob seiner volksthümlichen, klaren und faßlichen Sprache bis in die höchsten und allerhöchsten Kreise hinauf die lebhafteste Anerkennung gebracht hat. Jln jüngster Zeit erschien in der Bucher'schen Verlagsbuchhandlung in Würzburg seine Umarbeitung der praktischen „Winke und Rathschläge" des um die Raiffeisen-Sache hochverdienten Pfarrers Josef Kolb in Prosselsheim, des intimen Freundes des j- Vaters Raiffeisen. Kaiser's „Raiffeisen-Winke" und „Raiffeiien-Kalender" leisten den Raisfeisen-Vereinen die schätzenswerthesten Dienste, so daß es nicht verwunderlich erscheinen darf, wenn sämmtliche angeführten Raiffeisen-Publikationen Kaiser's von warmen Verehrern der Sache selbst im bayerischen Landtage empfohlen wurden. Daß das ersprießliche Wirken Kaisers auf seelsorglichem und socialem Gebiet, sowie seine siebenjährige Thätigkeit in der Ge- sangenenanstalt Nrederschönenfeld auch in den regierenden Kreisen wohlgefälligst bemerkt wurde, beweist die allergnädigste Verleihung des k. bayer. Vervienstordens vom hl. Michael IV. Klasse (7 März 1891), wie nicht minder die allerhöchste Anerkennung, welche dem verdienten Raiffeisenmanne in wiederholt allergnädigst g> währten Audienzen von Sr. kgl. Hoheit dem Prinzregenten Luitpold und Sr. kgl. Hoheit Prinzen Ludwig ausgesprochen wurde, ebenso die Auszeichnung mit der „großen silbernen Vereinsdenkmünze" durch den landwirthschaftlichen Verein in Bayern (1888). Auch als Hausgeistlicher und kgl. Pfarrer im Zuchthause Kaisheim (vom 1. November 1891 an) und kgl. Distrikts- Schulinspector des Bezirkes Monheim war er rastlos thätig für die Raiffeisensache und nahm hervorragenden Antheil an der Gründung des bayerischen Landesverbandes landwirtschaftlicher Tarlehenskassenvereine. Mit Rücksicht darauf und auf seine Stellung als zweiter Verbandsdirector im Verbände wurde er, wie schon erwähnt, zum Pfarrer in dem schön gelegenen Aibling ernannt, von wo aus er in naher Verbindung mit der Central- stelle des bayerischen Landesverbandes in München seine für die Raiffeisensache so erfolgreiche Thätigkeit in alter Begeisterung fortsetzt sä mnltos annos — so Gott will — und alle Verehrer Vater Raiffeisens wünschen. Vanadins. Glücklich heraus I Zu den Hühner-Vögeln zählen auch die Wald- oder Feld- Hühner. Sie nisten in der Regel auf der Erde oder in niedrigem Gestrüpp und legen eine große Zahl von Eiern in einer Brüt. Die Jungen verlassen das Et mit Daunen bekleidet, folgen der Mutter vom ersten Tage an und nehmen selbstständig Futter auf. Auf unserem Bilde siehst Du, lieber Leser, das Nest eines Feldhuhnes. Vor kurzer Zeit noch hättest Du in dem Neste fünf niedliche Eierchen schauen können. Heute aber sind die Hüllen gesprengt. Zwei allerliebste Vöglein sind bereits „glücklich heraus" aus dem Ei, während zwei andere eben daran sind, die Hüllen zu sprengen. Das Nesthäkchen aber im letzten Ei rührt sich noch nicht; doch wird es nicht mehr lange dauern und auch das Nesthäkchen ist da. Wie werden sich die Alten freuen über die junge, muntere Brüt! -» -i- < , «>4—«- ZLilder-NätHsek. bliebe bist cl^. Ms --HMZÄ-