^L59. Kreitag, den 20. Juli 1884. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg ^Vorbesttzer vr. Max Huttler). Im Laune alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) „Nun, ich will mit dem bunten Karl sprechen. Die Hauptsache ist zunächst, daß er Deinen sauberen Mädchenjäger von Angesicht zu Angesicht beaugenscheinigt, damit er auf der Straße seinen Mann kennt. Ich werde die Sache schon einzuleiten wissen. — Ah! guten Abend, Schlosserfritz!" unterbrach er sich, „Du kommst wie gerufen; auf Dich warte ich eben." Die Anrede galt einem stämmigen, untersetzten Manne mit pockennarbigem Gesicht, welcher in Haltung und Kleidung den Eindruck eines schlichten Handwerkers machte und behaglich aus einer kurzen Pfeife schmauchte. Der Ankömmling errieth aus den Worten des Ulanen sogleich, daß es sich um ein „Geschäft" handelte. Er nahm sich einen Stuhl, und bald bot die Gruppe am Tische den Anblick einer geheimnitzvollen Verschwvrungsscene dar. Der Ulan, der Schlosserfritz und der Mann mit dem Lederkasten, „Hausirerfranz" genannt, waren dicht aneinandergerückt und verhandelten mit gedämpften Stimmen, während Nettberg anscheinend theilnahmslos dabei saß. Nölling entwickelte den Plan zu einem vielversprechenden Einbruchsdiebstahl. Er hatte schon wiederholt ein Inserat in der Zeitung gelesen, daß in der Nähe einer brandenburgischen Kreisstadt, die von hier aus mit der Eisenbahn in wenigen Stunden zu erreichen war, ein Gut zu verkaufen sei. In der Verkleidung, in welcher er vorhin den „blutigen Knochen" betreten hatte, war er hingereist und hatte sich bei dem Besitzer des Gutes als Kauflustiger eingeführt, um unter diesem Vorwande die Gebäulichteiten genau zu besichtigen und sich nach leicht transportablen werthvollen Gegenständen umzusehen, welche ein kühnes Wagestück lohnend erscheinen lassen könnten. „Der Zufall oder der Teufel will," fuhr Nölling in seiner Mittheilung fort, „daß ich mit dem Gutsbesitzer noch eine alle Rechnung zu begleichen habe. Er war früher Advokat in der Kreisstadt, ein so niederträchtiger Rechtsverdreher und Geldschinder, wie vielleicht kein zweiter unter der Sonne zu finden ist, und hat mich bis in den Hals in die Tinte geritten. Für alles, was ich jetzt bin, habe ich mich bei ihm zu bedanken!" — Nölling stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus. — „Doch das bei Seite," nahm er seine Erzählung wieder auf. „Der Schuft, der natürlich keine Ahnung besaß, daß er das rachelüsterne Opfer seiner schmutzigen Habsucht vor sich sah, hat mich mit einer Zuvorkommenheit, über die ich manchmal laut hätte lachen mögen, in Haus und Hof herumgeführt, so daß ich jeden Winkel kenne." Es trat eine Pause ein, die der Schlosserfritz unterbrach, indem er sagte: „Was gibt's bei der Sache zu verdienen?" „In einem der Zimmer sah ich einen Glnsschrank," antwortete der Ulan, „der von oben bis unten mit Silbergeschirr gefüllt war, etwas altfränkisch in der Fa^on, aber Alles gediegen und schwer; ich kenne diese Art Waare l" Der Schlosserfritz schüttelte verdrießlich den Kopf. „Das muß eingeschmolzen werden, unv dabei bleibt der größte Theil an den Händen des Goldschmclzers kleben. Will ich Silberschränke ausleeren, so brauche ich nicht erst aus Berlin herauszugehen." „Nur gemacb, Freund Fritz!" versetzte Nölling. „Das Beste kommt immer zuletzt. Während mir der Alte Felder und Wiesen zeigte, hat der Hausirerfritz, der mein Reisebegleiter war, sich von ungefähr auf dem Gute ein- gefunden und vor der Dienstmagd die Herrlichkeiten seiner Lederschachtel ausgekramt. „Na, das war eine Einfalt vom Lande, wie sie schöner nicht im Buche steht!" sagte lachend der Hausirer auf einen fragenden Blick des Schlosserfritz. „Während sie sich meine Waaren besah, brachte ich von ihr heraus, daß von Berlin und Potsdam häufig Offiziere angereist kommen, mit denen ihr Herr Geldgeschäfte macht, und daß er deshalb immer 15—20,000 Mark baares Geld im Hause habe." „Das sieht schon anders aus!" schmunzelte der Schlosserfritz. „Liegt das Gutsgehöft mitten im Dorfe oder nahe dabei?" „Es liegt eine gute halbe Stunde davon," erwiderte Nölling. „Ich stellte mich deshalb bedenklich und sagte zu dem Alten, man wohne hier doch eigentlich sehr abgelegen. Da lachte er. Die Gegend sei sicher. Seit zehn Jahren sei weit und breit kein Diebstahl vorgekommen. Man könne hier getrost bei offenen Thüren schlafen. Trotzdem ist die Hausthüre des Herrenhauses von festem Eichenholz und im Innern mit eisernen Riegeln versehen; die Parterrezimmer haben sämmtlich starke Läden, und diese werden des Nachts kreuzweise mit Eisenstangen verschlossen —" 450 „DaS gäbe ein saures Stück Arbeit!" meinte Schlosserfritz und kratzte sich hinter den Ohren. „War gehen uns Läden und Hausthüren an?" sagte der Ulan. „Wir fassen unsere Aufgabe von einem „höhern" Gesichtspunkte auf, haha! Das erste Stockwerk, das keine Läden hat, ist nicht hoch und hat einen kleinen Balkon. Wenn Jemand auf meine Schulter steigt, so kann er eine Strickleiter am Balkon befestigen, durch die wir einsteigen. Den Eingang in die übrigen Theile des Hauses öffnet uns unser Schränkzeug (Dtebshandwerks- zeug)." „Und wo ist das Geld?" erkundigte sich Schlosserfritz. „Im Schlafzimmer des Advokaten, das zu ebener Erde liegt, steht ein Feuerfester, und darin wird's natürlich stecken. Wir müssen dem alten Burschen sofort das Maul verstopfen. Ist ihm das Geld lieber als seine Haut und weigert er sich, den Kassenschlüssel herzugeben —" „So hab' ich meine Kreis- und Stichsäge bei mir," ergänzte ruhig der Schlosser. „Es wäre nicht das erste Loch, das sie in die Wandung eines Geldspindes machte. Gibt's viele Leute im Hause?" „Außer dem Alten nur zwei Weiber," nahm der Hausirer das Wort. „Die eine ist seine Tochter, die aber eben verreist ist, die andere ist die Dienstmagd. Die schläft oben in einer Bodenkammer. Die Gutsarbeiter wohnen alle im Dorfe. Nur der Kutscher schläft auf dem Gute über der Stallung; die liegt aber ihre reichlichen fünfzig Schritte hinter dem Herrenhause." „Das Geschäft im Innern besorgen wir beide," bemerkte Nölling, den Schlosser mit dem Ellbogen anstoßend. „Der Hansirerfranz steht nach der Straße zu Schmiere (Wache). Wir müssen aber noch einen Vierten haben, der auf den Hof Acht gibt." „Wir nehmen den „Don Carlos" dazu," erklärte der Schlosser, „der sieht in der Nacht wie ein Küuzchen. Sind Hofhunde da?" „Nein," versetzte der Ulan, „um Hunde zu füttern, ist der alte Filz zu geizig. Er gestattet sich zwar den Luxus eines Reitpferdes, aber nur aus Gesundheitsrücksichten, weil ihm, wie er mir sagte, der Arzt das Reiten empfohlen hat." „Hört, ich habe da einen guten Einfall," sagte der Hausirer geheimnißvcll. „Wie wär's, wenn wir die „Cognacnase" und den „langen Eda" auch mitthun ließen?" „Gott bewahre! das geht nicht!" eiferte der Schlosser, „diese beiden Herren haben einen so schlimmen Ruf, daß wir sie nicht in den Handel verwickeln dürfen, denn es ist ihnen immer jemand auf der Ferse, um sie zu beobachten." „Eben deshalb könnten wir sie gut brauchen," lächelte der Hausirer verschmitzt. „Man schickt sie nach der Kreisstadt voraus, etwa einen Tag vorher, und dort Müssen sie sich überall umhertreiben —" „Um den Verdacht auf sich zu lenken," fiel Nölling ein. „Ich verstehe." „Weiter sollen sie nichts dabei thun," nickte der Hausirer, „die große Figur des Ulanen ist auffällig, und da der „lange Eda" nur um ein Weniges kleiner ist —" „So soll er über die Persönlichkeit irre führen," ergänzte der Schlosserfritz. „Das ist verteufelt gut aus- gesonnen. Natürlich müssen der lange Eda und die Cognacnase für Beweise sorgen, wo sie die Nacht zugebracht haben, und wir müssen uns auch bei Zeiten nach guten Freunden umsehen, die, wenn's Noth thut, unser Alibi beschwören. Soweit wäre also alles gut. Das Weitere können wir morgen besprechen." „Noch eins, was wir nicht übersehen dürfen," erinnerte der Hausirer. „Wir haben einen Weg von mehreren Stunden nach der Kreisstadt zurück. Wie sollen wir das schwere Silberzeug fortbringen? Und doch müssen wir vor Tagesanbruch schon im Eisenbahnzuge sitzen." „Das macht mir keinen Kummer," sagte der Schlosserfritz, „ich habe in der Kreisstadt einen guten Freund, der früher selbst ein Kochemer (Verbrecher) war und jetzt dort einen Pferdehandel betreibt. Der stellt uns Wagen und Pferde, wenn wir ihm einen Antheil am Geschäft geben. Das ist ein Kerl, der sein Fach aus dem ff versteht, sage ich Euch! Einem Milchhändler hat er denselben Klepper dreimal verkauft; zuerst als Rappen, ohne einen Flecken Weiß am ganzen Leibe; dann mit zwei weißen Vorderfüßen; und endlich hat er ihn geschoren, ihm den Schweif gestutzt und ein ganz anderes Geschöpf daraus gemacht. Aber der Milchhändler konnte weder das erste noch das letzte Mal mit dem Vieh fahren, denn es war störrisch und schlug vorne und hinten aus." „Gut, Schlosserfritz, Du sorgst für den Wagen," bemerkte der Ulan, „aber binde Deinem Freunde auf die Seele, daß er uns nicht etwa ein Paar Pferde vom Geblüts der Milchmannsmähre einspannt; dabei könnten wir schlecht fahren!" Der Schlosserfritz und der Hausirer brachen in ein unbändiges Gelächter aus, welches so ansteckend war, daß fast die ganze ehrenwerthe Gesellschaft des „blutigen Knochens" unwillkürlich mit einstimmte, ohne die Veranlassung zu kennen. Plötzlich öffnete sich die auf die Straße führende Thür. In der Spalte ward der Kopf eines Mannes sichtbar. „Lampen! Lampen!" rief er hastig mit lauter Stimme herein und war sogleich wieder verschwunden. Dieses einzige Wort, mit welchem das Gauneridiom eine nahende Gefahr bezeichnet, wirkte wie ein Zauber. Mit Blitzesschnelle stürzte alles durch Vorder- und Hinterthür hinaus, und im Nu war das Lokal wie ausgefegt. — Der Wirth, welcher bisher hinter seiner Ladentafel gestanden und Speisen und Getränke gegen klingende Münze verabreicht hatte, räumte eilig die Gläser weg. Dann setzte er sich hinter seinen Ladentisch, ließ den Kopf auf beide übereinandergelegte Arme sinken und schien eben aus einem Schläfchen zu erwachen, als mehrere Kriminalschutzmänner eintraten. Ihre Frage nach ein paar Gästen, die sie genau beschrieben, verneinte er mit der unschuldigsten Miene von der Welt. Es seien überhaupt den ganzen Abend nur zwei Gäste dagewesen, sagte er gähnend, und auf diese passe die Beschreibung nicht. Die Zeiten seien schlecht, die Leute hätten kein Geld, und wenn's nicht bald besser würde, werde er nächstens seine Bude zumachen. Die Polizei spürte keine Lust, den Lamentationen des Wirths über die trostlosen Zeiten lange zuzuhören, und da sie das Nest leer gefunden, so entfernte sie sich wieder, um ihr Glück in einer andern Verbrecherklappe zu versuchen. XXII. Obgleich Maitland Melanie nur jenes eine Mal gesehen und gesprochen hatte, so war sie ihm doch sofort als das Wesen erschienen, nach welchem er schon lange 451 gesucht; ihre Schönheit reizte seine Leidenschaft; ihre Unschuld fesselte ihn; von ihrer Bildung und ihren Talenten versprach er sich Unterhaltung in jenen Stunden, wo er sich von den gewohnten Genüssen angewidert fühlte. ES war sein Entschluß, sie zu gewinnen, und dieser Entschluß wurde durch die Hindernisse, die sich ihm entgegenstellten, nur noch befestigt und gestärkt. Daß es gerade der Baron von Sturen war, welcher seinen Plan durchkreuzte, reizte seinen Ehrgeiz und seine Eitelkeit auf's höchste; von allen Menschen in der Welt wäre dieser der letze gewesen, welchem Maitland einen Triumph über sich gegönnt hätte; dasselbe geheimnißvolle Motiv, welches ihn in allen seinen Beziehungen zu dem Baron leitete, war auch hier in Thätigkeit und stachelte ihn zu energischerem Widerstand, als es die Leidenschaft für Melanie vermocht hätte. An dem Tage, wo er Nettberg in Southampton angelangt wußte, erwartete er mit Ungeduld dessen Depesche, die ihm Melaniens Aufenthalt namhaft machen sollte. Aber die Depesche kam nicht. Als sie auch während der nächsten Tage ausblieb, begann er zu fürchten, daß Rettberg ihm entschlüpft sei. Maitland sann bereits auf Mittel, wie er seinen Zweck auf andereur Wege erreichen könne, als eines Tages ganz unerwartet Nettberg selbst erschien. Er kam direct von Southampton, wie er sagte, und so war es auch. Maitland empfing ihn sehr kühl. „Ich muß wohl annehmen/ sagte er, „daß Sie mir nichts zu telegraphiren hatten, und daß Ihre Reise verfehlt war." „Der Herr Baron übergab mir in Bremerhaven auf dem Schiffe einen Brief meiner Schwester," antwortete Nettberg, „und dieser Brief enthält alles, was Sie zu wissen wünschen." „Und warum telegraphirten Sie mir nicht sofort?" fragte Maitland. Rettberg zuckte die Achseln. „Ehe ich mich weiter in dieser Sache engagire, muß ich darauf bestehen, daß Sie sich verpflichten, meiner Schwester eine anständige Nente auszusetzen, damit ihre Zukunft gesichert ist." Diese Forderung war das Resultat jener Unterredung mit Rölling, der ihn mißtrauisch gegen Mait- land's Versprechungen gemacht hatte. Um ihn dieses Mißtrauen nicht merken zu lassen, gab er sich den Anschein, als fei es ihm nur um seine Schwester zu thun; aber indem er Garantien für deren Zukunft verlangte, sorgte er für sich selbst, denn er wußte genau, daß Melanie ihren letzten Pfennig mit ihm theilen würde. Maitland maß ihn mit einem verächtlichen Blicke. „Seien Sie über die Zukunft Ihrer Schwester ohne Sorgen," versetzte er. „Vor allem sagen Sie mir, wo sie sich aufhält. Beellen Sie sich aber mit der Antwort, denn ich lasse nicht mit mir spaßen." „So lange Sie mir keine bessere Zusicherung geben, als diese," versetzte Rettberg, „so lange ich hierüber von Ihnen nichts Schriftliches in der Hand habe, dürfen Sie auf meinen Beistand nicht rechnen." Maitland würde, um Melanie zu gewinnen, jede Bürgschaft für die Sicherung ihrer Zukunft gegeben haben, aber daß ihr Bruder, der an Händen und Füßen gebunden vor ihm stand, ihm Bedingungen vorschreiben wollte, reizte seinen Stolz. „Gut," entgegnete er, nachdem er den Elenden eine Weile finster angestarrt hatte, „Sie fordern selbst Ihr Schicksal heraus. Ich werde den Aufenthalt Ihrer Schwester auch ohne Ihre Mithülfe ermitteln. Aber Sie sollen nicht ungestraft Ihr Spiel mit mir getrieben haben." Mit entschlossenen Schritten ging er nach der Thür und drückte auf den Knopf der elektrischen Glockenleitung. „Was haben Sie vor?" fragte Rettberg. „O, ich werde einfach nur nack einem Kriminalbeamten senden, diesem den falschen Wechsel übergeben und ihn ersuchen, Sie auf der Stelle zu verhaften." Rettberg hätte in diesem Augenblicke viel darum gegeben, zu wissen, ob seine Freunde schon für ihn gewirkt hatten, ob Maitland die gefährlichen Papiere überhaupt noch besaß, aber er hatte seit seiner Rückkehr von der Reise weder Rölling noch den „bunten Karl" zu finden vermocht. Während Rettberg noch zögerte, ob er es darauf ankommen lassen solle oder nicht, erschien der Diener, den das Glockenzeichen herbeigerufen hatte. Er wartete auf den Befehl seines Gebieters; als dieser aber schwieg, um Rettberg noch einen Augenblick Zeit zum Ueberlegen zu lassen, meldete er, es seien zwei Herren im Vorzimmer, die ihre Aufwartung zu machen wünschten. Der eine sei ein Herr von Lehmann, der andere habe keinen Namen genannt. „Laß die Herren eintreten," befahl Maitland nach kurzem Ueberlegen. „Sobald sie wieder gegangen sind, kommst Du zurück." Bald darauf erschienen die beiden angemeldeten Besucher. Der eine war ein imposanter ältlicher Herr, dessen stattlicher Vollbart und sorgsam frisirtes Haar zu ergrauen begann. Eine Brille von bläulicher Färbung verschleierte den Blick seiner Augen, die von dichten kräftigen Brauen beschattet wurden. Die feine Kleidung unter dem offenen hellen Sommerüberzieher verrieth den wohlsttuirten Mann. Er mochte wohl ein Gutsbesitzer und ehemaliger Offizier sein, wenigstens lag etwas Militärisches in seiner Haltung. Sein Begleiter war ein noch junger Mann, dessen Kleidung sich im Schnitt nach der neuesten Mode richtete, aber eine Neigung für bunte Farben erkennen ließ. Ein leises unmerkliches Zusammenzucken abgerechnet, gab Rettberg, gewohnt, seine Miene zu beherrschen, nicht das mindeste Zeichen der Ueberraschung kund, so unverhofft seinen Freund Rölling und den „bunten Karl" hier zu sehen, und auch die beiden Gauner benahmen sich vollständig fremd gegen ihn, soweit sie ihn überhaupt beachteten. „Was verschafft mir das Vergnügen?" redete Mattland mit der kalten, vornehmen Höflichkeit, die er stets im Verkehr mit Fremden beobachtete, den alten Herrn an. „Verzeihen Sie, wenn ich störe," antwortete dieser mit einem nichtssagenden Blicke auf Rettberg, „aber ich werde Ihre Zeit nur für wenige Augenblicke in Anspruch nehmen, um mir eine Auskunft von Ihnen zu erbitten. Ich bin in der Wahl meines Dienstpersonals sehr vorsichtig, und da ich eben im Begriff stehe, einen neuen Kutscher zu engagiren, der früher bei Ihnen gedient hat, so wollte ich mir die Frage erlauben, ob Sie mir den Mann empfehlen können." „Wie heißt er?" „Bulmering," erwiderte der alte Herr und schien gespannt die Antwort zu erwarten, obwohl er genau voraus wußte, was kommen würde. „Bulmering," wiederholte Maitland, einen Augen- blick in seinem Gedächtniß suchend. „Ganz recht, ich erinnere mich seiner genau," fügte er mit einem sarkastischen Lächeln hinzu, „ich habe weder vor noch nach ihm einen Kutscher gehabt, der sich so vortrefflich, wie er, auf die Führung von Zügel und Peitsche verstanden hätte. Nur besaß er einen kleinen Fehler, den ich nicht verschweigen darf. Er stahl nämlich den Hafer scheffelweise, und alles, was an dem Pferdegeschirr von Silber war, ließ er spurlos verschwinden. Als er sich endlich auch an meiner goldenen Uhr vergriff, jagte ich ihn davon." Der alte Herr zog die buschigen Brauen stark in die Höhe und gag einen pfeifenden Ton von sich, womit er seine Ueberraschung und sittliche Entrüstung ausdrückte. — „Sollte man es für möglich halten, daß ein so junger Mensch schon so verdorben sein könnte?" wandte er sich an seinen Begleiter. Dieser stieß einen tiefen Seufzer aus und schüttelte mit einer moralischen Be- kümmerniß, die ihm sehr schlecht zu Gesicht stand, den Kopf. — Der alte Herr drückte Maitland seinen Dank aus, daß er ihn durch die ertheilte Auskunft vor einer ähnlichen unangenehmen Erfahrung bewahrt habe, und bat nochmals um Entschuldigung, ihn bemüht zu haben. „Darf ich fragen," wandte Maitland sich in etwas scharfem Tone an den jünger« Herrn, von dem er sich die ganze Zeit über mit stechendem Blick fixirt sah, „mit wem ich die Ehre habe und womit ich Ihnen dienen kann?" „O," sagte der Alte mit entschuldigendem Lächeln, „es ist mein Sohn, der mich begleitet hat." Beide verbeugten sich mit feinem Anstand und gingen. Dieser Zwischenfall hatte Nettberg belehrt, daß er sich nach wie vor in Maitland's Hand befand, denn er errieth leicht, daß der Besuch seiner Freunde vorerst ein geschickter Vorwand gewesen war, um sich mit dessen Aeußern genau bekannt zu machen. Als daher der Diener, dem erhaltenen Auftrage gemäß, abermals eintrat, sagte er in knirschender Ergebung: „Sie können Ihrem Diener den Gang ersparen." Auf einen Wink seines Herrn entfernte sich jener wieder, worauf Nettberg einen Brief hervorzog mit den Worten: „Hier sind die Abschiedszeilen, die meine Schwester mir geschrieben hat. Sie können daraus ihren Aufenthalt ersehen." Maitland ergriff den Brief und überlas die mit zierlicher Handschrift geschriebenen Zeilen. Wie sie dem Bruder mittheilte, stand sie im Begriffe, von Berlin abzureisen; seine Briefe würden sie bis auf Weiteres unter der Adresse des Gutsbesitzers Teßner auf Göllnitz treffen, die nächste Poststation sei die Kreisstadt P. Eine flüchtige Nöthe färbte Maitland's Antlitz, als er den Namen Teßner las, und seine Lippen preßten sich aufeinander, als wolle er einen Seelenschmerz niederkämpfen. Nicht ohne Bewegung las er auch den übrigen Inhalt des Briefes. In ergreifenden Worten sagte die Schwester dem Bruder Lebewohl, und mit rührender Bitte beschwor sie ihn, jenseits des Meeres ein ehrlicher, rechtschaffener Mann zu werden. Wohl schlug dem Lesenden das Gewissen. Die edeln Grundsätze, welche sie so liebevoll schwesterlich dem Bruder einzuprägen suchte, wollte Maitland selbst in ihr erschüttern und vernichten. Aber die Bewegung ging rasch vorüber, die mahnende Stimme hatte keine Gewalt über seine Entschlüsse. „Merken Sie sich eins, guter Freund," sagte er, Nettberg den Brief zurückgebend, „ich bin nicht der Mann, der sich Vorschriften wachen läßt. Was Sie vorhin für Ihre Schwester verlangten und ich Ihnen verweigerte, weil Sie es in hohem Tone forderten, das will ich jetzt gewähren, nachdem Sie sich zum Gehorsam verstanden haben." Maitland setzte sich an seinen Schreibtisch und schrieb einige an Rettberg gerichtete Zeilen nieder, worin er sich verpflichtete, dessen Schwester unter gewissen, von derselben noch zu erfüllenden Bedingungen eine Jahresrente von namhaftem Betrag zu gewähren, welche ihre Zukunft vollständig sicherte. Nachdem Maitland dem „vorsorglichen" Bruder das Papier übergeben hatte, befahl er ihm, wieder in seine alte Wohnung zurückzukehren, damit er ihn jederzeit zu finden wisse, schärfte ihm ein, den Baron von Sturen sorgfältig aus dem Wege zu gehen, versah ihn abermals reichlich mit Geld und entließ ihn. XXIII. Etwa zwei Meilen von der Besitzung Wolfgang's, dem „Villenhofe," entfernt lag, von Feldern und Waldungen umgeben, das kleine Dorf Göllnitz und eine halbe Stunde davon das gleichnamige Gut, welches Felicitas' Vater gehörte. Die Gutsgebäude bildeten ein Quadrat, dessen Rückseite Stallungen und Vorrathsräume enthielt, während die Vorderseite das Herrenhaus einnahm. Die andern beiden Seiten bestanden aus hohen Mauern, an welche verschiedene der Haus- und Landwirthschaft dienende Räumlichkeiten angebaut waren. In einer dieser Mauern befand sich das Hofthor. Das Herrenhaus war nur ein Stockwerk hoch. Von seinen beiden Schmalseiten bot die nach Osten zu gelegene eine freie Aussicht auf denjenigen Theil der Gegend, welcher die meisten landschaftlichen Reize auszuweisen hatte, daher war auch im ersten Stockwerk ein kleiner Balkon mit eiserner Brüstung angebracht, auf welchen eine Glasthür hinausführte. Unmittelbar unter dem Balkon stand eine Laube von Lattenwerk, die eine Ecke eines Blumengärtchens bildend, welches von einem niederen Staket umschlossen war. Von der Hauptfront des Hauses führte eine kleine Pappelallee nach der Landstraße. Es war am Spätnachmittag, als die lange, hagere Gestalt des Gutsherrn an der Seite Melanie Rettberg's langsam die Pappelallee entlang schritt, um mit dem jungen Mädchen, welches seit heute Morgen seine Gastfreundschaft genoß, einen Spaziergang in die nächste Umgebung zu machen. Die Natur, welche die Contraste liebt, mochte wohl ihre Genugthuung haben in den Gegensätzen zwischen dem klapperdürren Alten und dem neben ihm wandelnden Mädchen, einem Bilde der Jugend und der Anmuth. Sie trug den breitrandigen Strohhut lose auf dem Kopf, in allen ihren Bewegungen lag eine träumerische Grazie. „Ihre Großmutter war also eine Frau von Bal- deneck," brachte Teßner das Gespräch auf den schon in seinem Briefe an Felicitas berührten Gegenstand, „sie gehörte unter dem Namen Baldenecker der Bühne an und starb in Hamburg." „Ich war überascht," entgegnete Melanie, „Sie mit unserer Familienchronik so vertraut zu finden." 453 — Ich stand in einer Rechtsangelegenheit kurze Zeit mit Frau von Baldeneck in Briefwechsel," antwortete Teßner, „als ich noch in der Kreisstadt drüben die Advokatenpraxis betrieb. Reicht Ihre Kenntniß von Ihrer Familie über Ihre Großmutter hinaus? Wissen Sie, wer deren Eltern waren?" „Davon habe ich keine Ahnung," antwortete das junge Mädchen. Ein geheimntßvolles Lächeln, als dürfte er sich rühmen, über diese Frage besser unterrichtet zu sein, umspielte die Lippen des Advokaten. Eine gute Weile setzten beide ihren Weg schweigend fort. Plötzlich machte der alte Herr Halt und betrachtete Melanie mit prüfendem Blick. „Wenn mich der Anschein nicht trügt," sagte er, „so sind Sie noch nicht mündig, Fräulein Rettberg?" „Nein, ich werde es erst nächstes Jahr." „Haben Sie Geschwister?" fragte er im Weitergehen. „Nur einen drei Jahre älteren Bruder." „Ahl was ist er und wo hält er sich gegenwärtig auf?" — Melanie wurde verlegen. „Warum sollte ich dem Vater meiner Freundin nicht die Wahrheit sagen?" bemerkte sie nach kurzem Schweigen. „Die Frage, was er ist, läßt sich schwer beantworten, denn er hat wiederholt seinen Beruf gewechselt und nichts ordentlich betrieben. Bis vor Kurzem lebte er mit mir in Berlin. Von Natur zum. Leichtsinn geneigt, ist er in dieser gefährlichen Stadt in schlechte Gesellschaft gerathen und hat schlimme Streiche begangen. Ein Freund, der sich unserer liebevoll annahm, verschaffte ihm eine Versorgang in Amerika. — —" (Fortsetzung folgt.) -- Reise-Skizze -es bayerischen Pilgerznges nach Lourdes 1894. (Fortsetzung.) So bildet die Kirche ein Arsenal, dessen Triumph- Standarten nicht im Kriege erbeutet, sondern von der Dankbarkeit und Liebe gespendet wurden. Auch die Seiten- wände der Kirche sind ganz mit kleinen weißen Marmortafeln, deren goldene Inschriften die Dankbarkeit der wunderbar Geheilten ausdrücken, mit Bildern und andern Weihegeschcnken bedeckt. Die um den Hochaltar im Kreise gruppirten fünf Kapellen sind vom Titel Unserer Lieben Frau von Salette, vom Rosenkranz, vom heiligen Herzen, vom Berge .Karmel und vom Siege. In den hohen Fenstern gewahrt man die schönsten Glasmalereien, in welchen in Form von Medaillons die Geschichte Berna- dette's und einige hervorragende Wunder dargestellt sind. Der ganze noch übrig gelassene Raum an den Seiten- wänden, besonders um die Altäre herum, ist von werthvollen Weihegeschenken aller Art bedeckt; außer Reihen von goldenen und silbernen Herzen, die sinnreich gruppirt sind, hat dort ein Fürst seine Krone mit strahlenden Diamanten gewidmet, ein Krieger seinen kostbaren Degen, ein General seine goldenen Epauletten; hier prangen in kunstfertigen Rahmen goldene und silberne Kränze, nebenan ziehen unsern Blick an Neliquienschreine, mit aller Kunst aus purem Golde gearbeitet; hell funkelt dort das Großkreuz der Ehrenlegion, das ein Staatsmann zu Füßen der Muttergottes niedergelegt hat. Einigen von uns glückte es, am letzten Tage auch noch die eigentliche Schatzkammer zu sehen; darin bewunderten wir: eine Krone, bestehend aus 40,000 Diamanten, von den Frauen Frankreichs U. L. Frau geschenkt; eine goldene Rose von P'ipst Leo, ein goldenes Kreuz von Papst Pius, ein geschnitztes Bild, gefertigt aus einer Wurzel des wilden Rosenstrauchs, den der Fuß der hl. Jungfrau berührte; ein Stein von jenem Gestein, auf dem der Fuß Mariens stand; Pectorale Pius' IX., elfenbeinerne Kanontafeln Leo's XIII., ein silbergesticktes Meßgewand, mit Perlen übersäet, ein anderes in Goldbrokat, drei reiche Pluviale mit den 15 Geheimnissen des Rosenkranzes. Die Kirche ist sehr geräumig, um Tausende vou Andächtigen zu fassen; aber der Zuzug von Wallfahrern nimmt von Jahr zu Jahr in ungeahnter Weise zu, besonders an Frauenfesten; überdies kommen an manchen Festtagen 500—600 Priester nach Lourdes, und da es schwer ist, daß alle cclebriren können, hat man den Plan gefaßt, unten am Berge eine neue, große prachtvolle Kirche zu bauen, die den 15 Geheimnissen des heiligen Rosenkranzes geweiht sein sollte. Am 16. Juli 1883 wurde der Grundstein gelegt vom Cardinal - Erzbischof Despres von Toulouse, im Beisein von 16 Bischöfen, und nun ist sie vollendet; sie hat 15 Altäre, jeder einem Geheimnisse des Rosenkranzes gewidmet, und kann über 6000 Personen aufnehmen, die alle den Hochaltar vor Augen haben. Die Gruppen von je 5 Nosenkranzkapellen bilden ein griechisches Kreuz, überragt von Kuppel und Laterne, während das große, weite, fast flache Dach den Vorplatz zur Krypta und Basilika bildet. In bewunderungswürdiger Weise sind die gothische Basilika, die halbdunkle Krypta und byzantinische Nosenkranzkirche durch Bogen, Arkaden, Gänge, Zinnen und Statuen zu einem einzigen harmonisch wirkenden Prachtbau verbunden. In den 3 Kirchen finden 12,000 Personen ausreichenden Platz; zwischen den Arkaden 100,000, vor der Felsengrotte 20,000 Personen. Dieser Vorplatz erinnert an den St. Peters-Platz in Rom, den Lourdes beinahe übertrifft durch die Grande Avenue, den großen sorgfältig gepflegten Vorplatz, der zum Terrain der Missionäre gehört, wo jederzeit feierliche Ruhe herrscht angesichts der erhabenen Heiligthümer. Hier kann der Pilger ungestört seine Andacht Pflegen und dabei die liebliche Landschaft genießen. Welche großartigen Schöpfungen sind in Lourdes entstanden seit 1858, eigentlich seit 1862, wo der Bischof von Tarbes nach gründlicher, jahrelanger Untersuchung einer vielgliedrigen bischöfl. Commission die Wahrheit der übernatürlichen Erscheinungen der allerseligsten Jungfrau bestätigte, welche der Bernndette Soubirous in der Grotte Massabielle zu Theil geworden, und der Bau einer Kirche angeordnet wurde, unter Appell an die Mildthätigkeit der Gläubigen seiner Diöcese, Frankreichs, Europas. Am 4. April 1864 folgte die feierliche Besitznahme von Massabielle seitens der Kirche durch die Einweihung der herrlichen Marien-Statue, die von dem berühmten Künstler Fabisch aus Lyon nach den Angaben Bernadette's gefertigt worden war. Damals lag Bernadette krank im Spital; später trat sie in das Kloster zu Revers und widmete fortan ihr Leben als Barmherzige Schwester der Pflege der Kranken und Armen, selbst heimgesucht von schweren Krankheiten, bis sie am 16. April 1879 sanft im Herrn entschlief im 35. Lebensjahre, im 13. Jahre ihres Klosterlebens. Im Diorama zu Lourdes ist eine Darstellung zu sehen, wie sie auf dem Sterbebette mit 454 den heiligen Sakramenten vom Bischöfe versehen wurde. Im Jahre 1893 ist auch ihre Schwester Marie zu Lour- des gestorben, welche sie bei ihren Gängen zur Grotte begleitet hatte. Lourdes liegt am Fuße der Pyrenäen, unweit der spanischen Grenze; wenn man südlich von der Stadt über die Berge steigt, können wir in 5 Stunden das erste spanische Dorf erreichen und unweit davon die Stadt Vignemale. Wer aber per Bahn nach Spanien will, muß entweder in Carcassonne nach Narbonne abbiegen und von Perpignan aus hinüberwandern in der Richtung gegen das Miitelmeer, oder südwestlich ab Lourdes über Pau die Pyrenäenbahn benützen, nach Bayonne, und dann in Jrun die spanische Grenze überschreiten, als Ziel seiner Excursion das herrlich am Atlantischen Ocean (Golf de Gascogne oder Biscaya) gelegene Sän Sebastian erwählen. Mehrere von uns entschlossen sich, hiefür ein paar Tage zu opfern. Die Pyrenäenbahn führt westwärts südwestlich ab Lourdes, wo wir mgs.7 Uhr abreisten, über St.-Ps (11 krn von Lourdes), Montaut-Betharram (15 Irrn), Coarraze (22 kw), Pau (39 km), Lescar (46 km), Orthez (79 kw) nach Bayonne (145 km). Die Strecke von Lourdes bis St>- Ps mit seinen im Schweizerstil gebauten Häusern, die vom Gave hufeisenförmig umzogen und von hohen Bergen eingeengt ist, ist eine der lieblichsten, die es geben kann. St.-Ps ist ein Städtchen mit 2500 Einwohnern. Auch Betharram liegt in überaus lieblicher Gegend, nahe am Gave, rückwärts von einem Halbkreis bewaldeter Berge umschlossen; hier befindet sich ein großes Priester- Seminar für Missionäre. Unweit davon liegt auf einer Anhöhe eine vielbesuchte Wallfahrtskirche mit schönem Calvarienberg, schon Ende des Mittelalters angelegt. Wir kommen nach Pau, einer der herrlichst gelegenen Städte Europas und einem der ersten klimatischen Kurorte. Die Stadt, welche 27,000 Einwohner zählt, zieht sich am Rande einer Hochebene hin, welche steil gegen den Gavefluß abfällt; hier herrscht ein internationaler Ton, weil jeden Winter mehrere Tausende Fremde hier weilen. Vom Bahnhof führt eine ziemlich steile Rampe hinan zur Place Noyale, einem hochberühmten Platz; hier überschaut man das sich prächtig bietende Panorama. Eine Promenade mit köstlicher Aussicht nach Süden gewährt der Boulevard du Midi, sonnig, vor Nordwinden geschützt. Die Kirche St.-Martin ist ein Neubau im gothischen Stil, mit elegantem Thurm; der Hochaltar vereint alle Marmorarten der Pyrenäen; hat schöne Glasgemälde. Das Schloß von Pau, wo die bayerischen Gefangenen verwahrt wurden (1871), ist das interessanteste Gebäude der Stadt, mit welcher es 3 Brücken verbinden; Napoleon III. ließ es restauriren, mit seinen imposanten 6 Thürmen, Zinnen und breiten Mauern. Das Innere des Schlosses mit seinen vielen Sälen in 2 Stockwerken ist sehr interessant. Das hiesige Klima ist für chronische Kehlkopf-Katarrhe sehr empfohlen. Vor uns liegt das weite Gavethal, zu beiden Seiten mit den herrlichsten Villen und freundlichen Dörfern besetzt. Die gegen Süden aufsteigenden Hügel sind mit Weingärten bedeckt; allmälig erheben sich die Hügel zu hohen Felsbergen, welche sich an die Pyrenäen anschließen. Die Bahn durchzieht dann das Thal des Gave und dann das fruchtbare Thal des AdourfluffeS, in den sich der Gave ergießt, und erreicht endlich Bayonne, die alte Baskenstadt, Waffenplatz ersten Ranges, mit 26,000 Einwohnern, 1 Stunde vom Golf von Biscaya. Bayonne, am Zusammenfluß der Nive und des Adour, 5 km von der Bay von Biscaya, zerfällt in drei Haupt-Stadttheile, Groß-, Klein-Bayonne und Vorstadt; eS hat breite und gerade Straßen, schöne Häuser und gehört zu den ersten Festungen Frankreichs. Seine Lage, nahe beim Meere, hart an der Grenze von Spanien, am Fuße der Pyrenäen, spiegelt sich auch in den Gegensätzen der Bevölkerung ab, in einer wunderbaren Mischung von Sitten, Idiomen und Trachten; es ist eine halb spanische, halb baskische Stadt. Der Spanier tritt auf in braunem Mantel oder in Jacke, Stulpenstiefeln, niederem rnndem Hut; der Baske mit dem lange», nach hinten geschlagenen Haar, blauer, weitfaltiger Mütze, Sammetkittel, rother Leibbinde; das baskische Mädchen mit der Coiffure ihres farbigen halbseidenen Tuches, der Matrose mit dem Tafthut, dazu der französische Soldat und die Fremden- colonie aus Biarritz geben dem Leben der Stadt einen originellen Charakter, gesteigert durch die Gewohnheit der Basken, lachend und lärmend zu verkehren. Die Einwohner fabriciren vorzüglichen Branntwein und Liqueur, Chocolade, Glasflaschen, und treiben besonders mit Wein, Wolle, Schinken ansehnlichen Handel. Im Hafen wenig Leben. In der Vorstadt liegt die Citadelle, die Straße nach Spanien beherrschend; von ihren Bastionen schöne Aussicht auf das baskische Bergland, die Dünen und die Pyrenäen. Eine steinerne Brücke, 210 in lang, führt über den Adonr zu: Kleinstadt; die Brücke Majou über die Nive nach der Großstadt. Die Kathedrale hat zwei elegante, 42 in hohe Thürme; der gothische Jnncnbau macht einen erhebenden Eindruck. Unser nächstes Ziel ist Sän Sebastian, eine der schönst gelegenen Städte des nö-dlichen Spanien; die ganze Reise dahin ist hochinteressant, gibt einen recht guten Einblick in nordspanisches Gebiet und Leben. Die Entfernung von Bayonne nach Sän Sebastian beträgt 63 kni. die man in 2^ Stunden fährt um 3 Frcs. 65 Cent. Die Bahn zieht über den Adour und die Nive zur Station Biarritz, von welcher der Badeort noch 3 km westlich liegt. Biarritz, wohin auch eine Lokalbahn führt, ist eine Stadt mit 8500 Einwohnern, jetzt eines der besuchtesten Meerbäder Europas. Napoleon III. und Eugenie hielten hier Herbst-Residenz in ihrem Palais. Im August und September strömen viele Tausende von Fremden, die vornehme Pariser Welt, Spanier, Engländer, Russen, Deutsche, zu diesem schönsten Seebad Frankreichs; ein köstliches Ufer mit feinem Sande; an drei verschiedenen Buchten gestattet die gesteigerte Brandung der Wogen jede beliebige Heilanwendung des Badens; die Entfernung bis zum Meer ist eine geringe. Wirklich eine prächtige malerische Lage; interessant das Einströmen des hochaufschäumenden Meeres in zerklüftete hohe Felsenriffe, die Rundschau von der Mündung der Garonne bis zn den Gipfeln der fernen spanischen Sierras und die amphi- theatralische Lage der Wohnhäuser, die aus den Fenstern die schönsten Ausblicke gewähren. Die Ufer sind malerisch, der Horizont weithin offen. Auch Winter-Station wegen seines milden Klimas. Jenseits des Tunnels ein baskisches Dorf mit Meerbädern; es folgt St.-Jan de Luz, 23 kw; mit Hotels am Meeresufer; nun setzt die Bahn über die Nivelle. Durch einen 404 va langen Tunnel in das Thal des Grenzflußes Bidafsoa, jenseits des Flusses steht man weit hinein in das spanische Gebiet. Hendaye (35 km) ist die französische Grenzstation, — über genannten Grenz» 455 fluß nach Fontarabte, echt spanisches altes Stäbchen mit 300V Einwohnern, die Bevölkerung auffallend schön. In Jrun betreten wir das eigentliche Spanien; — hier Wagenwechsel; die Stadt mit 5520 Einwohnern auf einer Anhöhe hat eine hübsche Kirche, — einstündiger Aufenthalt. Die Bahn verläßt nun das Meer für kurze Zeit und führt durch gebirgiges, anmuthtges Land; durch zwei Tunnels nach Pasages, Städtchen in herrlicher Lage an einer Meeresbucht, und nun gelangen wir nach Sau Sebastian am Golf von Biscaha, mit 20,000 Einwohnern, mit Hafen und Festung, liegt reizend auf einem Isthmus zwischen 2 Buchten am Fuße eines isolirten, mit Fort gekrönten Hügels Orgullo, 130 rn hoch, nach Süden von fruchtbarem, romantischem Flußthal und hohen Gebirgen umgeben; eine prächtig gebaute Stadt, zu der wir vom Bahnhof aus per Trambahn fuhren. Die Bucht La Concha, mit beliebten Seebädern, ist von schmucken Häusern und Vergnügungslokalen umgeben. Im Sommer residirt hier die königliche Familie. In der Stadt nimmt das Rathhaus, Casa de lo Ayuntamiento, eine ganze Seite der Plaza Nueva ein, die von Portikus mit eleganten Schauläden und Häusern mit eisernen Balkönen umgeben ist. Abends promenirt hier die vornehme Welt; ein großer baumbeschatteter Promenadeplatz ist in allen spanischen Städten anzutreffen. Auffällig ist uns die schöne Galakleidung der spanischen Soldaten; — die Sennoras sind durchweg mit Mantillas versehen, auf dem Kopf ein spitzenbesäetes, feines Tuch, in Seide gekleidet; der Menschenschlag freundlich und zuvorkommend gegen Fremde. Die St. Marienkirche ist ein eleganter Renaissancebau, — eine zweite Kirche, ist ziemlich dunkel gehalten, bietet nichts Bemerkenswerthes. Auf der Höhe des Monte Orgullo liegt, */z Stunde entfernt, das Kastell mit Pracht-Panorama auf das Atlantische Meer und nach Spanien hinein, wozu man einen Erlaubnißschein auf der Kommandantur holen muß; ein Soldat ist Führer auf die höchste Plattform mit herrlicher Aussicht. Vor der Stadt besichtigten wir die Arena für 10,000 Zuschauer; die Stierkümpfe finden alle 14 Tage statt vom Juli bis September. Nicht zu vergessen ist das vortreffliche Diner zu billigem Preise, mit starken spanischen Weinen. Von Sau Sebastian führt die Bahn nach Madrid; wer morgens 8 Uhr hier abreist, gelangt bis 9 Uhr nach Tolosa, dann über Zumarraga, Alsasna, Vitoria, Miranda de Ebro Abends 5 Uhr nach Burgos, 9 Uhr nach Valladolid, andern Tags Abends 5 Uhr nach Madrid. Hochbefriedigt von unserem Ausflug nach Spanien kehrten wir von Sän Sebastian wieder in kstündiger Fahrt zurück über Bayonne und Pau nach unserem lieben Lourdes, um dort noch den letzten Tag unseres Aufenthalts auszunützen, noch einmal die heiligen Stätten zu besuchen, Einkäufe an Devotionalien zu machen und die Vorbereitungen zur Abreise zu treffen, die auf 11 Uhr Nachts Dinstag, 17. April, angesetzt war. Wir kamen um 10 Uhr Vormittags an, eilten gleich zur Basilika, wo eben das Hochamt begann und während desselben von einem Pilger, Pfr. M., eine hl. Messe celebrirt wurde für unsern Prinzregenten Luitpold von Bayern und Allerhöchst- dessen Familie, sowie für das ganze Königliche Haus Wittelsbach, mit welchem Bayern durch fast ein Jahrtausend verbunden ist; es ist daS älteste Herrschergeschlecht Europas; fo haben wir auch unserem bayerischen Patriotismus an diesem weltberühmten Gnadenorte Ausdruck gegeben. Während des Hochamtes leistete unser Sängerchor, Herren und Damen, wieder Vortreffliches; derselbe hat sehr viel beigetragen zur größer« Würde und Feierlichkeit der Gottesdienste und Andachten, zur allgemeinen Erbauung der Pilger und der Fremden, welche immer zahlreicher sich einfanden. Alle holten noch Wasser von der heiligen Quelle für die Heimath in blechernen oder gläsernen Flaschen, erstere enthielten 4—6 Liter. Mehrere bestellten größere Quantitäten im Bureau, von wo jährlich viele Tausende von Flaschen mit diesem wunderbaren Lourdeswasser in alle Welt versendet werden. Wer Wasser aus Lourdes will, schreibe einfach an den Superior der dortigen Missionäre, dessen Adresse ist: k. ?. Luxsrtsur äss Llissionnairsg äs l'lmwuoulss Oonssxtüon L I^ouräss (Lautss-I'^rsnsss); 6, 10, 20, 30 Flaschen, die dann gegen Nachnahme zugesendet werden; zu vergüten sind nur die Flaschen und die Fracht, sowie der Zoll; das Wasser und das Einfüllen sind gratis; wer nur ein paar Flaschen bedarf, kann sich auch an die Auer'sche Buchhandlung in Donauwörth, oder an M. und A. Kerle, München, Amalienstraße 16, wenden. Es ist ein außerordentlich frisches Wasser, das die Quelle gibt. Beigelegt werden gedruckte kurze Gebete, die bei Anwendung in Krankheiten oder an kranken Gliedern gebetet zu werden Pflegen. Taufende Kranke in verschiedenen Ländern, die wegen körperlicher Schwäche oder Armuth und zu weiter Entfernung nicht selbst nach Lourdes zur Quelle kommen konnten, suchten von dort sich Wasser zu verschaffen; von allen Seiten treffen Berichte ein über merkwürdige Heilungen, die durch die Kraft dieses hl. Wassers und das Vertrauen zu Maria bewirkt wurden. Man lese nur die „L-nnalss äs Uotrs-Oains äs lucmräss; Lsrtrairä I?ujo, imxrirnsur äs 1a> Qrotts", — in deutscher Ausgabe bei L. Auer in Donauwörth, die in monatlichen Lieferungen erscheinen und berichten über die verschiedenen Vorgänge an der Grotte: Prozessionen, Festlichkeiten, die Namen berühmter Pilger und die wunderbaren Heilungen, welche an der Quelle selbst oder durch das nach auswärts versandte Wasser vollzogen werden; nur jene Heilungen werden aufgenommen, die von den Aerzten als wunderbar angesehen werden. Man kann angesichts dessen unmöglich daran zweifeln, daß die Quelle selbst und all diese Heilungen einem übernatürlichen Einflüsse, der Mutterliebe Mariens gegen ihre bedrängten Kinder auf Erden, zu verdanken sind. Einer der ersten Chemiker Frankreichs, Fichol in Toulouse, hat das Wasser chemisch untersucht und gefunden, daß es nur die Bestandtheile des gewöhnlichen Trinkwassers und nicht eine einzige Substanz enthalte an Mineralien, welche ihm besondere Heilkraft mittheilte. Wo auf der ganzen Welt ist die Quelle, welche gleich der von Lourdes Blinde sehend, Taube hörend, Gelähmte plötzlich gehend macht, welche Schwerkranken durch einen einzigen Tropfen ihres Wassers völlige Genesung gibt! Dinstag Nachmittags eilten Alle wieder von einer Kirche zur andern und zur Grotte, wo der Rosenkranz gebetet wurde, um nachher noch längere Zeit dort zu beten für sich und Andere in der Heimath, nochmal alle Anliegen der Gebenedeiten vorzutragen und sich für Leben und Sterben ihrer Fürbitte zu empfehlen. Sie ist immer belagert zu jeder Tageszeit von betenden Pilgern auS Frankreich, Spanien, England, Amerika, Italien, Deutschland, Oesterreich. Die größere Zahl gehörte de» vor- 458 nehmen Ständen an, aus dem männlichen wie aus dem frommen Geschlechte; es ist wie ein Bekenntniß des Glaubens, daß die Herren ebenso gut wie die Damen sehr große Rosenkränze mit Perlen und Kreuz um die Mitte geschlungen oder am Arme trugen, sogar mehrere Militärs. Bei dem Anblicke der vor der Grotte sich versammelnden Menge drängt sich die Erwägung auf, wie durch die Religion der Geist der innigsten christlichen Liebe geweckt, das Band der vollkommenen Einheit um die Angebörigen der verschiedensten Nationen und Stünde geschlungen wird; sieht man hier neben dem reichen, vornehmen Herrn den Landmann, an der Seite der noblen Dame die ärmlich gekleidete Hirtin, Kinder aller Nationen in Andacht vereint, so fühlt man, wie uns das Christenthum zu Gliedern einer Familie, zu Kindern einer gemeinsamen Mutter gemacht hat; man steht erfüllt, was die HI. Jungfrau Maria voraussagte: „Blich werden selig preisen alle Geschlechter!" Man denkt hier an den Himmel, wo noch mehr als hier „alle Thränen abgewischt", alle Unterschiede der Nationalüät und der Stünde beseitigt werden. — Man kann hier mit Inbrunst und Andacht beten, wie an wenig andern heiligen Orten; diese feierliche Stille, das Wildromantische des FelscuS, das Rauschen des vorübereilenden Flusses, über sich das blaue Himmelsgewölbe, der Anblick der betenden Menge, Alle unverwandt das Auge auf die Statue der Mutter Gottes gerichtet, die Hände andächtig haltend oder ausbreitend und stundenlang knieend, — der Gedanke: dort in der so nahe vor mir sich öffnenden Felsen-Nische hat sich die Mutter Gottes so oft gezeigt, da stand sie in herrlichem Lichtglanze, die reinen jungfräulichen Füße der Königin der Engel haben diesen irdischen Felsen berührt, ihre himmlische Stimme ward hier vernommen, hier neigte sich der Himmel zur Erde herab, zum sündhaften Menschengeschlechte, — all dieß muß die Beter mit heiliger Ehrfurcht erfüllen und zum Beten drängen. Selbst nicht im heiligen Hause zu Loreto oder an den Gräbern der Apostelfürsten habe ich eine so große Menschenmenge so innig beten gesehen wie hier, wo Maria ihren Gnadenthron aufgeschlagen hat, uns zu trösten, zu heilen, zu erhören! Um gnädig erhört zu werben, ist aber Buße erforderlich, darum pflegen alle Pilger zu beichten und zu communiciren; diese täglichen General-Communionen an der Grotte während und nach den hl. Messen gehörten zu den Glanzpunkten unserer Wallfahrt. Abends 8 Uhr war Abschiedsandacht in der Basilika. In unbeschreiblichem Lichtglanze erstrahlte diese mächtige Kirche. An den vielen, zum Theil sehr großen Lustres brannten Hunderte von Kerzen, welche auf eigenthümliche Art angezündet wurden. Es waren nämlich alle Lustres und an denselben auch wieder eine jede Kerze durch eine Zündschnur mit einander verbunden. Als das Ende dieser Schnur angezündet war, eilte der Funke unendlich rasch von einem Lustre und von einer Kerze zur andern, bis in kurzer Frist das ganze Lichtmeer dem geblendeten Auge entgegenschimmerte. Der deutsche Missionär k. Asprion, aus Hohen- zollern gebürtig, hielt eine herzliche Abschiedsrede, indem er den Eifer und die Andacht der Pilger belobte, die Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen zur getreuen Erfüllung der Standespflichten aufforderte und zur beharrlichen Liebe, Andacht und Verehrung der unbefleckten allerseligsten Jungfrau Maria, zum fleißigen Beten des hl. Rosenkranzes, zum Gebete für die Kirche und das deutsche Vaterland, — und schließlich Alle dem Segen und dem Schutze Mariens empfahl. Nachdem die Devotionalien geweiht waren (täglich war hiefür Gelegenheit), wurde der päpstliche Segen von dem Missionär gespendet, dann das Sanctissimum ausgesetzt, das Danklied „Großer Gott" und Salve Regina gesungen und nach einem deutschen Segenliede der sakramentale Segen gespendet. Viele Opfer waren in den Tronc gelegt worden, sowie einzelne Weihegeschenke, deren bis jetzt fast 10,000 seit 30 Jahren gespendet worden waren. Dahin gehören die goldenen und silbernen Gefäße, die für den heiligen Dienst bestimmt sind, 60 kostbare Kelche, 15 Ctborien, 7 Monstranzen, darunter eine als Kunstwerk ersten Ranges mit 1300 Diamanten, 4000 seltenen kostbaren Steinen, Rubinen, Amethysten, Topasen, kostbaren Perlen, 22 Sternen von Brillanten, welche die Glorie der hl. Hostie umgeben, 12 Sterne von kleinen Brillanten, einen Nimbus zur Verherrlichung der Mutter Gottes bildend, ein Kunstwerk von Goldarbeit, Plastik und Email, woran der Künstler Calliot in Lyon mit 33 auserwählten Arbeitern 4 Jahre gearbeitet hat. Einiges wurde geopfert für den Altar der Deutschen in der Nosenkranzkirche, welcher 10,000 Frcs. kostet, wovon 6000 Frcs. gedeckt sind, 4000 Frcs. noch fehlen. — Es folgte der letzte gemeinsame Gang zur Felsengrotte um 9 Uhr Abends, wo Jeder das Abschiedsgebet aus seinem Pilgerbüchlein betete, nochmal rief: „O Maria, Heil der Kranken, Zuflucht der Sünder, Trösterin der Betrübten, bitte für uns!" Welche Summe von Leid und Sorge, Trübsal und Bedrängniß, die in der Abschiedsstunde zu den Füßen der Helferin der Christen niedergelegt wurde! Nicht nur Frauen, sondern auch die Männer sah man, die Augen voll Thränen, sich wiederholt niederbeugen, den hl. Felsen küssen. Welcher Ort in der Welt, außer Kalvaria und dem hl. Grab zu Jerusalem, übt solch unwiderstehlichen Eindruck aus auf die Christensecle, als diese Felsenhöhle, welche die unbefleckte Jungfrau durch ihre wirkliche gnadenvolle Erscheinung geheiligt hat; es ist, als ob man sich garnicht trennen könnte von diesem wunderbaren Orte! Und doch muß es sein. Die Zeit drängt! Wir müssen wieder heim in unser theures Vaterland, zu unsern Familien. So lebt denn wohl, ihr schönen Ufer des Gave, ihr malerischen Landschaftsbilder, ihr Kapellen voll hehrer Weihe; lebe wohl, du neues Jerusalem, du Fürstentempel der Königin des Himmels und der Erde, wir haben deine Pracht geschaut, die Lichterkronen, haben deine Gnade gekostet. Lebe wohl, du unvergeßliche Grotte mit deiner Wunderguelle, deinen Kerzen, Pyramiden, deinen vielen Weihegaben. Lebe wohl, Maria, ohne Sünde empfangen, auf Wiedersehen im Himmel! Das Kind muß scheiden von der Mutter, in deren Nähe es tagelang weilte, — das Herz blieb bei ihr zurück! (Schluß folgt.) -- Auflösung des Arithmogripbs in Nr. 57: Jura, Aarau, Narr, Unna, Anna, Naja. — Januar. Auflösung des Bilder-Räthsels in Nr. 68: Handelsvertrag.