6V. 1894. „Nugsburger Postzeitung". Dinstag, den 24. Juli Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Angsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas Partial-Obligationen) von 2'000,000 Mk. kommt. Die Fabrik beschäftigt sich mit der Construction von Buchdruckmaschinen, dem Bau von Turbinen und Dampfmaschinen, von Kälte-Erzeugungsmaschinen für Eis- fabriration, Wasser- und Luftkühlung. Mit diesen Erzeugnissen innig zusammenhängend wurde der Bau von Transmissionen, Pumpen, hydraulischen Pressen, mechanischen Aufzügen rc. gepflegt, ja sogar großartige eiserne Brücken (über den Lech und anderweit) sind in der Maschinenfabrik Augsburg ausgeführt worden, so daß die Jahresproduktion der Fabrik das gewaltige Gewicht von 3'750,000 Kilogramm liefert. Die Zahl der gebauten Schnellpressen aller Größen kommt heute der Ziffer 4400 nahe. Besonders hervorzuheben sind zwei große, neue Maschinen, welche aus der Fabrik hervorgegangen: die Mehrfarbendruckmaschine für fünf Farben und die Zwillings- Rotationsmaschine. Die Leistungsfähigkeit der ersteren beträgt 6000—8000 Bogen in der Stunde, bei einem Format von 840X670 ram. Papiergröße, je nach der Güte der zu liefernden Arbeit. Zwillings-Rotationsmaschinen baute die Fabrik im Ganzen bis jetzt 21. Dieser ganze großartige Industriebetrieb bewegt sich in einem Komplex von Gebäuden, deren Ausdehnung natürlich die verschiedenartigste, je ihrem Zweck entsprechende ist, und zwischen und in denen der Verkehr durch gelegte Schienengeleise erleichtert wird. Das eigentliche allbewegende Leben aber wird der ganzen Anlage eingehaucht in einem links vom Fabrik- eingange gelegenen Hause. In demselben befinden sich die Direktions- und Comptoirlokalitäten nebst den Sälen für die technischen Bureaux mit ihren mächtigen Zeichnungstischen, dem entsprechenden kaufmännischen und technischen Personal rc. Tritt man in eine oder die andere der ungeheuren Werkstätten, so wird man unwillkürlich überrascht sein durch die fast sinnverwirrende Großartigkeit des sich bietenden An- blickes. DaS Schnurren und Summen der zahllosen Theile der Werkzeug- Maschinen, das hier pfeilgeschwinde^ dort majestätisch langsame Drehen von kleinen und großen Rädern und Scheiben, das zitternde Durcheinander der in der weiten Perspektive scheinbar lianen- artig verschlungenen Treibriemen , deren systematische Regelmäßigkeit sich erst dem ruhiger blickenden, prüfenden Auge offenbart, das stille Dahingleiten mächtiger Eisenstücke auf massigen Eisen- lagern, zu deren Seiten sich oben durch colossale Querbalken von Eisen verbundene viereckige Eisenpfeiler erheben — wahre Eingangspforten zu den Werkstätten des Pluto I — deren von gewaltiger Kraft und Stärke zeugender Bau uns um so mehr in Erstaunen setzt, wenn wir die kleinen Eisen- spähne gewahren,die derscharfe Hobel von dem unter ihm durchlaufenden Ma- schinentheile abstößt,— daneben die ebenso colossalen Drehkrah- nen zum Heben der ungeheuren Lasten und darüber die nicht minder soliden, 4 ^ -2 >- i N 1 / AM -«o »» § HLW WW! E' M'G durch die weiten Säle rollenden, zum Theil von Dampfkraft getriebenen Laufkrahnen — das Alles muß man sehen und auf seine Sinne wirken lassen, um einen richtigen, aber zugleich überwältigenden Eindruck zu empfangen von der großartigen Entwicklung der deutschen Maschinen- Jndustrte überhaupt und ihrer in der Fabrik zu Augsburg kultivirten Zweige insbesondere. Die eigentliche active Thätigkeit vertheilt sich auf folgende Lokale: eine Eisen- und Metallgießerei, eine Gußputzerei, eine Schmiede und Kesselschmiede, eine Dreherei, ein Montirgebäude für Dampfmaschinen und Turbinen und eine Schnellpressenwerkstätte nebst Montirsaal, wozu als wichtige Nebeneinrichtungen kommen: eine Sägemühle mit großartigem, den Reichthum eines ganzen Waldes bergendem Holzvorrathslager, eine Modellschreinerei und ein Modellmagazin. In diesen Lokalen, für deren Luftreinigung Ventilatoren sorgen, befinden sich 7 Dampfmaschinen und 1 Turbine von zusammen 800—1000 Pferdekräften, 380 Schraubstöcke, 334 Drehbänke, 67 Hobelmaschinen, 96 Bohrmaschinen, 51 Stoß- und Fräsmaschinen, 14 Näder- schneidmaschinen, 50 Schmiedfeuer, 11 Dampf- und Prä- cisionshämmer, 8 Vollgattersägen, 77 Hobelbänke, 115 Krahnen und Aufzüge, wobei 45 Laufkrahnen von 500 bis 30,000 Kilogramm Tragkraft. Die elektrische Beleuchtungsanlage umfaßt 272 Bogenlampen und 1100 Glühlampen. Die Fabrik besitzt eine Schienenanlage zur Verbindung mit dem Bahnhof (Geleiselänge innerhalb der Fabrik circa 3000 Meter), 1 Lokomotive und 1 fahrbaren Dampfkrahnen. Die Buchdruckmnschinen-Werkstätte anlangend, ist der ganze Montirsaal mit Laufkrahnen ausgestattet, mit deren Hilfe jede schwere Last leicht transportirt werden kann, wie auch vermittelst derselben das Einlegen der Cylinder mit Leichtigkeit und vollkommenster Sicherheit ausgeführt wird. Neben den Laufkrahnen sind ebenfalls durch den ganzen Saal Transmissionen gelegt, sowohl zum Betriebe der aufgestellten Werkzeugmaschinen, als auch namentlich zur Probeweisen Inbetriebsetzung aller hier zusammengestellten Buchdruckmaschinen. Und in dieser Beziehung ist der sich hier bietende Anblick von wahrhaft überraschender Großartigkeit. Man glaubt sich in eine Buchdruckerei allerersten Ranges versetzt, wenn man den ganzen weiten Saal von einer Erhöhung überblickt und die Menge der aufgestellten Maschinen aller Gattungen sieht, die hier in nicht geringer Zahl schon vollkommen fertig stehen, während nicht weniger sich in mehr oder minder vorgeschrittenen Stadien der Zusammensetzung befinden. Wohl kein Besucher der Fabrik wird sich von dem Montirsaale ohne aufrichtige Bewunderung trennen, denn er ist einzig in seiner Art und von seltener Großartigkeit. Einige allgemeine nützliche Nebeneinrichtungen der Fabrik mögen noch Erwähnung finden. Zu ihnen zählen wir, daß, wo nöthig, jeder der großen Werkstätten Zeichenräume für die Ausführung der Details beigegeben sind, so daß ein direktes Hand-in-Hand-gehen des entwerfenden Ingenieurs oder Abtheilungsmeisters, welch letzterer stets auch sein abgesondertes Zimmer in der Werkstatt hat, mit dem praktisch ausführenden Arbeiter möglich ist. Als sehr nützlich erweist sich auch das Holzpflaster in den meisten Werkstätten, das sich am praktischsten in diesen Räumen bewährt, wo ein niederfallender Gegenstand oft die stärksten Bohlen zu zersplittern vermag. Gegen Feuers- 462 — gefahr ist Vorsorge getroffen durch eine ausgedehnte Anlage von Nothpfosten, die sofort durch die Dampfmaschine oder die Turbine gespeist und getrieben werden können. Daß die Fabrik außer umfangreichen Remisen auch trefflich eingerichtete und vorzüglich gehaltene Stallungen besitzt, sei nur nebenbei erwähnt. Auf dem Fabrikterrain ist auch eine Wirthschaft (Hausmeisterei) eingerichtet, wo einfache Nahrungsmittel und Getränke zu Selbstkostenpreisen abgegeben werden. Auch eine Anzahl Häuser hat man in geringer Entfernung von den Fabriklokalitäten in sehr gesunder Lage, inmitten von Gärten und Wiesen, errichtet, in denen sich je nach der Größe des Hauses vier oder acht Wohnungen von drei und vier Zimmern für Arbeiterfamilien befinden. Zu jeder derselben ist auch ein Stückchen Gartenland zum beliebigen Anbau von Gemüse oder Blumen beigegeben. Unter den Wohlfahrtseinrichtungen zu Gunsten der Arbeiter in der Maschinenfabrik sind zu nennen: die Arbeiter-Wohlfnhrts-Einrichtungs-Kasse mit einem Vermögen von M. 73,622.24 (Stand am 30. Juni 1893), die Arbeiter-Unterstützungs-Kasse mit einem Vermögen von M. 255,726.37, die Pensionskaffe der Angestellten mit einem Vermögen von M. 150,392.18, die Spezial-Unter- stützungskasse des Aufsichtsrathes (unterstützt bis 30. Juni 1893 wurden seit Gründung 643 Hilfsbedürftige mit M. 27,038.41 im Gesammtbetrage), die Arbeiter-Sparkasse mit einer Einlage von M. 148,476.16 (Stand am 30. Juni 1893). Aus Vorstehendem ist ersichtlich, über welch gewaltige Mittel die Maschinenfabrik Augsburg verfügt und wodurch sie in den Stand gesetzt ist, ebenso prompt als cxact und gewissenhaft zu arbeiten. Die Menschen vergehen, die Welt aber schreitet vorwärts! Und „Vorwärts!" ist auch die Losung der Maschinenfabrik Augsburg. Möge das großartige Etablissement stets in gleicher Weise wie bisher gedeihen und blühen! Füssen. (Hiezu das Bild Seite 463.) Füssen, Stadt mit ca. 2800 Einwohnern, vor dem Eingänge in das Hochgebirge, am Lech gelegen, ist Grenzstadt gegen Tirol, Sitz eines Bezirksamtes, Amtsgerichtes und Rentamtes. Die Stadt hat sechs katholische Kirchen, ein Franziskanerkloster, ein Schloß, eine große Seiler- waarenfabrik. Das im südlichen Theile der Stadt auf einem Felsen gelegene umfangreiche Schloß, von dessen Thurme aus man eine reizende Aussicht genießt, ist durch den am 22. April 1745 zwischen dem Kurfürsten Maximilian III. von Bayern und Maria Theresia daselbst abgeschlossenen Frieden merkwürdig geworden. Neben der Burg stehen die Gebäude der ehemaligen Benediktiner- Abtei St. Mang und die Stiftskirche, im gefälligen No- kokostil, mit interessanten Grabdenkmälern und Gemälden. Füssen steht an der Stelle einer römischen Niederlassung. Um 720 erhielt es die Benediktiner-Abtei St. Mang, nach ihrem Gründer, dem Mönche Magnus, benannt. Erst im Besitze der Welsen, kam es 1191 an die Hohenstaufen und 1226 durch Verpfändung an den Herzog Ludwig von Bayern. Damals hatte auch das Hochstift Augsburg bereits Besitzungen und Rechte in und um Füssen, namentlich, wie es scheint, die Advokatie des Klosters. Die Bischöfe hielten in Füssen zur Vertretung ihrer Rechte 463 einen Vogt. Herzog Ludwig begann nun, auf einem Berge ober Füssen eine Beste zu bauen; sie war gegen das Stift Augsburg gerichtet, konnte daher von den Bischöfen nicht geduldet werden. Wirklich verstand sich Herzog Ludwig in einem mit Bischof Wolfhart von Augsburg wahrscheinlich im Februar 1292 geschlossenen Vergleiche, vom Baue von Besten zu Füssen und in der Umgebung abzustehen. 1313 fiel die Vogtei an die Bischöfe von Augsburg, damit war die Oberhoheit des Hochstiftes Augsburg über die Stadt Füssen begründet. Die Eigenschaft einer Stadt trägt Füssen schon im 13. Jahrhundert. Auf dem Berge stand damals schon eine bischöfliche Beste. Der Berg selbst aber gehörte dem St. Magnuskloster. Bischof Friedrich erweiterte 1322 das Schloß und befestigte es stärker. Auch die Stadt, welche dem von Kaiser Ludwig zu Augsburg am 4. Oktober 1330 in stand, gewährte der BürgerschaftMahrung und förderte viel Wohlstand. Am 19. Juli 1046 wurde Füssen von Sebastian Schertlin von Burtenbach, dem Hauptmann der oberdeutschen Städte, eingenommen. Schertlin setzte sofort eine neue Stadtverwaltung ein, schaffte den katholischen Gottesdienst ab, entfernte die Heiligenbilder aus den Kirchen und ließ durch einen Prüdikantcn, Johann Flimmer, den er aus Augsburg mitgebracht hatte, bei St. Magnus lutherisch predigen. Am 12. Juli legte Schertlin in die Stadt eine Besatzung und zog, nachdem er Schloß und Kloster rein ausgeplündert, gegen Augsburg ab. Auch des Kurfürsten Moriz von Sachsen hochverräterischer Zug nach Tirol gegen Karl V. im Jahre 1552 ging über Füssen, das am 18. Mai von ihm eingenommen wurde. Mit dem Jahre 1632 begannen die Leiden und Schrecken des Schwedenkrieges in reichem Maße auch -MUW ZM1 I Mssrn. Schwaben und in Oberbayern errichteten Landfrieden bei- trat, erhielt eine neue Befestigung, zu deren Herstellung Bischof Heinrich im Jahre 1338 den Bürgern den Lech- zoll auf 3 Jahre bewilligte. Die Stadt Füssen war schon in früher Zeit zur Ausübung des Halsgerichts berechtigt, den Vollzug dieses Rechtes erleichterte Kaiser Sigismund der Stadt unter'm 23. September 1431 dadurch, daß von dem oft schwer aufzubringenden Sieben-Eide (Eide vor sieben Richtern in jedem einzelnen Falle) abgestanden werden durfte und den Bürgermeistern und dem Rathe eingeräumt wurde, über übelthätige und schädliche Leute jedesmal gemäß ihrer allgemeinen eidlichen Verpflichtung zu erkennen und sie mit dem Tode oder an Leib und Gliedern zu strafen. Die letzten Jahrzehnte des 15. und die ersten des 16. Jahrhunderts bildeten Füffens glänzendste Zeit. Der lebhafte Verkehr und Waarendurchzug, als der italienisch-deutsche Handel in schönster Blüthe über Füssen heranzuziehen. Beim Heranrücken der Schweden flüchteten die Einwohner massenhaft nach Tirol. Am Abende des 22. Juni stand General Banner mit vielem Kriegsvolke und schwerem Geschütze vor der Stadt. Nach einstündiger Beschießung am nächsten Morgen war er Herr derselben. Den größten Theil der Besatzung nahm er gefangen. Die Stadt mußte 5000 Gulden Brand- schatzung erlegen. Banner nahm Wohnung im Kloster St. Magnus. Am 1. Juli zog das Hauptheer Banner's nach Augsburg zurück; in Füssen blieben nur 400 Mann als Besatzung. Gegen sie rückte Erzherzog Leopold aus Tirol her mit 12,000 Mann und begann am 17. Juli die Stadt zu beschießen; nach dritthalbtägigem Sturme mußte sich die Stadt ergeben, welche einer gründlichen Plünderung anheimfiel. Die folgenden Jahre brachten für Füssen endlose Durchzöge von kaiserlichen Kriegsvölkern und schwer drückende Einquartierungen. Erst nachdem 1648 Friede geschlossen ward, konnte sich die Stadt wieder allmälig erholen. Das folgende Jahrhundert brachte Füssens Namen in Verbindung mit einem weltgeschichtlichen Ereignisse; der Friede von Füssen nämlich endete den vierjährigen Krieg über die österreichische Thronfolge. Derselbe wurde, wie erwähnt, am 22. April 1745 geschlossen. Der Reichs- deputations-Hauptschluß vom 25. Februar 1803 theilte das Gebiet des Hochstifts Augsburg und damit die Stadt Füssen dem Kurstaate Bayern, die Abtei St. Magnus dem Fürsten von Oettingen-Wallerstein zu, nachdem die Stadt schon am 3. September 1802 durch kurbayerische Truppen provisorisch für Bayern in Besitz genommen worden war. 1803 erfolgte die Aufhebung des Klosters St. Mang. Ein neuer Abschnitt in der Geschichte Füssens begann, als Kronprinz Maximilian von Bayern die Burg Hohen- schwangau zu seiner Lieblingsstätte wählte und in reizvoller Schönheit herstellte; denn der Stadt eng benachbart, strahlt Hohenschwangau's Glanz und Neuschwanstein, das „Walhall" unseres unglücklichen, unvergeßlichen Königs, auch auf diese nieder, und von der Huld der Könige Maximilian II., Ludwig II. und der Königin Marie getragen, lebte Füssen neu auf in Ansehen, Verkehr und Wohlstand. — Füssen erfreut sich mit Recht wegen seiner herrlichen Umgebung eines regen Fremdenverkehrs und ist im Hinblick auf die vielen trefflichen Wirthschaften, in denen man bestens aufgehoben ist, der Aufenthalt dortselbst den Touristen nur zu empfehlen. (Unser Bild ist nach einer Photographie von Herrn Ludwig Schradler in Füssen am Lech.) - Hungrige Gäste. (Zu unserem Bild Seite 459.) Umbaucht von der Poesie des Südens liefert E. Ravel in seiner Originalzeichnung ein Genrestück von bestechender Ein- fachbeit: ein ehrwürdiger Kapuzinermönch streut im Klosterhofe, dessen Mauern auf der einen Seite in das unermeßliche Meer abfallen, dem Geflügel die übliche Körnerration aus der Holzschüssel und freut sich über den gesegneten Appetit seiner Gäste. Und Hunger hat das Federvieh fast zu jeder Tageszeit, mögen es nun Hühner oder Tauben oder langsam schreitende Gänse sein. Mit Beziehung darauf sagt auch ein alter Spruch: „Willst du verderben und weißt nicht wie, So halte nur Viel Federvieh." Buchstäblich genau dürste übrigens der Spruch selten zutreffen, und die armen Kapuziner wären die letzten, welche die eigene spärliche Nahrung in unbilliger Weise der unvernünftigen, wenn auch nützlichen Kreatur zuwenden wollten. Futter brauchen aber einmal die zweibeinigen Eier-, Fleisch- und Federlieferanten, und — „der Gerechte erbarmt sich auch des Thieres". " --- - Allerlei. Ein sehr beliebtes Mittel in amerikanischen gesetzgebenden Versammlungen, die Abstimmung über nicht zusagende Gesetze zu hintertreiben, besteht darin, die Verhandlungen durch tagelange Reden in die Länge zu ziehen. Von einer der letzten Verhandlungen im Bundessenate entwirft ein Washingtoner Berichterstatter folgende Schilderung: In einer Ecke erhebt sich ein kleines, unscheinbares Männchen, kahlköpfig, mit Augen, die nach zwei Seiten zugleich sehen, und rothem, fadenscheinigem, kurzgeschnittenem Schnurrbart. Es ist Senator Quay. Nichts als ein weißes Hemd bedeckt das bescheidene Spitz- bäuchlein, graue Hose und eine kurze, weite Jacke vollenden den Anzug. Der Mann setzt eine schwere goldene Brille auf die Nase; neben ihm hat ein müde aussehender junger Schreiber Platz genommen, der einen Berg Papier vor sich hat. Er schiebt das erste Blatt dem Manne in die Hände, mechanisch, wie die Drucker die weißen Blätter in die Presse schieben. Ebenso mechanisch ergreift der kleine Mann das Papier und beginnt zu lesen. Ein dünnes, gebrochenes und zerbrochenes Sümmchen, von dem man nicht weiß, wo es herkommt; Niemand versteht ein Wort, aber Blatt für Blatt wird in die Maschine geschoben und abgeleiert, wie in einem zerbrochenen Phonographen. Die Mitglieder des Senats flattern auseinander. Zigarren und Limonade in den Vorzimmern, Mint-Juleps und Erdbeerkuchen, kalter Lachs und Champagner, gebratener Hummer und Ale, Käsebrod und Bier im Restaurant, kühlendes Bad oder Spazier- gang, ein paar Briefe diktiren oder Bekannte empfangen, alles Mögliche, nur nicht im Senat bleiben I Die Preß- galerte ist leer, und der letzte Besucher in den anderen Galerien ist eingeschlafen. Der Mann im kurzen Sommer- jäckchen liest immer weiter. Der Vizepräsident läßt sich ablösen und macht's wie alle Anderen. Senator Pfeffer, der sonst Alles mit anhört, unterbricht seine Hauptbeschäftigung, das Streichen seines langen Bartes, sieht nach der Uhr und geht nach dem Restaurant, um eine Mahlzeit einzunehmen. Eine Anzahl von Pagen hat sich malerisch um den Stuhl des alten Thürhüters Basset gruppirt, und Alle halten ihren Mittagsschlaf. Manchmal wandert ein Senator in Grau oder Blau oder Weiß in den Saal und macht eine Bemerkung, dann liest der Mann in der Sommerjacke wieder weiter. Der Schreiber, der die Blätter einschickst, ist bei 110 angelangt und kaut Gummi, sich wach zu halten. Es wird fünf Uhr, und der Mann liest noch. Da wacht Senator Hoar, der abwechselnd Briefe geschrieben und geschlafen hat, auf, sieht sich um und bemerkt, es sei wohl keine beschlußfähige Mitgltcderzahl vorhanden; ein anderer Senator wacht auf und sagt, er hätte einige Zwischenbemerkungen über Wolle zu machen. Der Mann in der Sommerjacke verbeugt sich und fällt in seinen Stuhl. Er ist eben bei dem siebenten Abschnitt seiner großen Tarifrede angelangt... * Helft den Armen! Zu Lengenfeld (Oberpfalz) befindet sich in der Sakristei der Kirche eine Tafel mit folgenden Versen vom Jahre 1583: „Laßt euch die Noth erbarmen! Helft und gebt den Armen! Wenn ihr euer Ohr vor den Armen zustopft, So hört euch Gott nicht, da ihr schon anklopft. Hast du viel, so gib reichlich; Hast du wenig, so gib treulich! Theil dem Hungrigen mit dun Brod, Deck den Nackten mit deinem Kleid, So wirst du sammeln in der Noth Einen Lohn, so dir vergilt Gott." -- Iiilder-Uäthsek.