62 . 1894 . „Augsburger postMung". Dinstag, den 31. Juli Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas >L Grabderr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler). Zm Banne alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) „O, ich weiß, was sie unbesiegbar macht," rief Mattland, „Sie lieber, den Baron von Sturen. Der Adelstitel reizt Ihre weibliche Eitelkeit. Wäre mir zutheil geworden, was mir nach dem einfachsten Rechte der Natur gebührt, so —" Er lachte wild auf. „Sehen Sie sich vor," zischte er, „ehe Sie meine Anerbietungen zurückweisen, bedenken Sie wohl, daß das Schicksal Ihres Bruders, ja daß auch Ihr Schicksal, Melanie Nettberg, Ihr Ruf, auf den Sie so eitel pochen, in meinen Händen ist. Wagen Sie es jetzt, mir zu trotzen, so soll die Welt lachen und sagen: sie war Maitlands Geliebte, aber er ward ihrer überdrüssig und verstieß sie schon nach einem Tage! Ihr Schicksal, sage ich, so wie das Ihres Bruders steht in meiner Hand!" „Mein Schicksal, mein Ruf in Ihrer Hand?" rief Melanie. „Ich kann es wohl verstehen, wenn Sie sagen, das Schicksal meines Bruders ruhe in Ihrer Hand; aber über meinen Ruf haben Sie keine Macht. Sie würden der Welt eine große Lüge sagen, wenn Sie behaupten wollten, ich sei die Geliebte eines Mannes gewesen, den ich hasse und verachte." Sie hatte das Haupt hoch aufgerichtet, ihr Auge flammte, und Maitland fühlte, obgleich alle diese Zeichen des Zornes ihm galten, die Leidenschaft in seinem Herzen nur noch stärker werden. „Melanie," lenkte er in einen Ton ein, der halb scherzhaft war, „wenn Sie mir so trotzen, muß ich Ihnen beweisen, daß ich nicht machtlos gedroht habe. Erinnern Sie sich der Worte nicht mehr, mit denen Sie gestern Abend mein Billet beantworteten? Sie lauteten: „Ich stehe zu jeder Stunde, wo es Ihnen beliebt, zu Ihrer Verfügung." Melanie schien ein paar Augenblicke sprachlos vor Ueberraschung, doch zeigte sich in ihrer Haltung nicht die mindeste Beimischung von Furcht. „Sie sind ein Teufel!" rief sie. „Aber ich spotte Ihrer satanischen Anschläge. Mein Ekel vor Ihrer Gesinnung ist so groß, wie mein Haß und meine Verachtung. Fielen Sie mir morgen zu Füßen mit Anträgen ebenso rein und lauter, als die mir heute von Ihnen gestellten schäm- und ehrlos sind, und wäre ich eine Bettlerin und müßte von Haus zu Haus mein Brod suchen, so würde ich Sie dennoch mit derselben Verachtung zurückstoßen, wie ich es jetzt thue!" Kühn schritt sie an Maitland vorüber und zog die Klingel. In demselben Augenblicke öffnete sich die Thür und die Wirthin erschien. Ihr wohlgenährtes Antlitz glühte wie Zinnober; sie schien vor Zorn geschwollen wie ein gereizter Puterhahn. „Sie sollen in meinem Hause nicht" beleidigt und beschimpft werden, Fräulein!" rief sie, auf Melanie zueilend. „Verzeihen Sie, daß ich draußen gehorcht habe, aber als ich Ihnen den Namen dieses Herrn nannte, machten Sie eine so bestürzte Miene, und der Herr trat gleich so zudringlich in's Zimmer, daß ich bei mir dachte, es könnte nichts schaden, wenn ich in der Nähe bliebe. Er soll Sie nicht länger kränken!" Melanie brach in Thränen aus. Die Wirthin, welche, außer in Geldsachen, eine ganz gute Frau war, nahm das heftig ergriffene Mädchen an der Hand und sagte, indem sie ihr sanft das goldene Haar streichelte, in mütterlichem Tone: „Seien Sie ruhig, mein liebes Fräulein. Sie sind ein ehrbares, tugendhaftes Kind und verdienen, daß man sich Ihrer annimmt. Mein Mann wird Ihnen unten im Postbureau die Fahrkarte lösen und Sie bis Göllnitz begleiten, damit Ihnen unterwegs kein Leid geschieht. — Und Sie, mein Herr," wandte sie sich herausfordernd an Maitland, „Sie werden gut thun, dieses Haus auf der Stelle von Ihrer Gegenwart zu befreien und sich zum Kuckuck zu schceren, sonst lasse ich Sie die Treppe hinabwerfen. Verstehen Sie mich?" „Fräulein Rettberg!" sagte Maitland mit voller Selbstbeherrschung und ohne die Wirthin einer Erwiderung zu würdigen, „wir werden uns wiedersehen, wo Sie andern Sinnes sein werden." „Niemals," rief Melanie, „niemals!" Ohne weiter ein Wort zu verlieren, verließ Maitland das Zimmer. XXVIll. Wenn dem Besitzer dcs Gutes Göllnitz in seinem Jammer über den Verlust des Geldes und des Inhalts seines Silberschrankes noch ein süßer Trost verblieben war, so bestand dieser darin, daß die Einbrecher eine heilige Scheu vor seinen Staats- und Börsenpapieren an den Tag gelegt hatten, welche den größten Theil seines beweglichen Vermögens bildeten und sich unversehrt eim Kassenschranke vorfanden. 474 Dieses'Gefühl der Befriedigung wurde noch durch die unerwartete Rückkehr Melanie's erhöht. AIs Teßner sich von seinem ersten Schrecken erholt, hatte ihn ihr Verschwinden mehr und mehr beunruhigt, denu Melanie ebensowohl wie ihr Bruder galten ihm als ein glücklicher Fang, welchen er, im alleinigen Besitz des Geheimnisses, daß beide Anspruch auf ein großes Vermögen hatten, nach Möglichkeit auszubeuten gedachte. Hätte er um Melanie's Leben fürchten müssen, so wäre ihm leicht auch die Fühlung mit ihrem Bruder verloren gegangen, dessen Aufenthalt er nicht kannte. Nun war die Vermißte glücklich zurückgekehrt, und er begrüßte sie mit unverhohlener Freude. Melanie hatte noch nicht Zeit gehabt, ihm ihr Abenteuer zu erzählen, als auch schon in einem Miethfuhr- werke ein Polizeicommissär mit mehreren Unterbeamten aus der Kreisstadt eintraf, um den Thatbestand aufzunehmen und die Aussagen der Gutsbewohner zu Protokoll zu bringen. Melanie berichtete auf die an sie gestellten Fragen die Erlebnisse dieser Nacht der Wahrheit getreu, verschwieg aber alles, wodurch sie Rölling Hütte verrathen können. „Nach den übereinstimmenden Angaben des Herrn Mailland und des Herrn Teßner ist einer der Einbrecher ein Mann von ungewöhnlicher Körpergröße gewesen," bemerkte der Commissär, „auch haben sich am gestrigen Tage in der Stadt zwei Individuen von sehr verdächtigem Aussehen herumgetrieben, von denen das eine ebenfalls durch seine Größe aufgefallen ist. Getrauen Sie sich, diesen Mann wieder zu erkennen? „Ich muß hierüber jede Auskunft ablehnen," ent- gegnete Melanie ohne weiteres Bedenken. „Warum?" fragte der Beamte verwundert. „Weil ich gerade diesem Manne mein Leben verdanke. Nur das Versprechen, nie ein Wort zu sagen, welches zu seiner Erkennung führen könne, rettete mich." „Aber bedenken Sie doch, Fräulein," entgegnete der Commissär überrascht, „daß ein unter Drohungen und Einschüchterungen abgepreßtes Versprechen vor keinem Gesetze der Welt anerkannt wird!" „Ich habe es hier nicht mit dem Gesetze, sondern nur mit meinem Gewissen zuthun," entgegnete Melanie. „Der Mann, der mein Leben schonte, vertraute meinem Worte, und ich werde mich von einem Verbrecher nicht beschämen lassen." Der Commissär lächelte kalt. „Das Gesetz hat im vorliegenden Falle mit der Gewissensfrage nichts zu thun, wohl aber besitzt es die Mittel, Ihren Widerstand zu brechen. Sie werden als Zeugin vor Gericht erscheinen und darauf vereidigt werden, daß Sie die Wahrheit sagen." „Ich werde vor Gericht ebenso wenig die Unwahrheit sagen, Herr Commissär, wie jetzt. Ich werde nur schweigen, wo mein Gewissen mir das Reden verbietet." Der Beamte schüttelte bedenklich den Kopf; da Melanie aber bei ihrem Entschlüsse beharrte, so blieb ihm nichts anderes übrig, als ihre Weigerung ebenfalls zu Protokoll zu nehmen und das Uebrige dem Richter zu überlassen. So wenig das starre Festhalten Melanie's an ihrem Versprechen in dem Interesse des bestohlenen Gutsherrn lag, so verlor dieser doch kein Wort darüber. Er wünschte alles zu vermeiden, was sein Verhältniß zu ihr trüben konnte. An demselben Tage schickte Maitland das entliehene Reitpferd zurück. Er hatte dem Boten zugleich. ein Billet mitgegeben des Inhalts, daß er von dem beabsichtigten Kaufe zurücktrete, nachdem er sich in vergangener Nacht von den Nachtheilen und Gefahren der Unsicherheit der Gegend und der Abgelegenheit des Gutes habe überzeugen müssen. * * * Die wenigen Tage, welche Feltcitas mit ihrer Tante und dem Baron von Sturen in dem Rügenschen Seebade Saßnitz bisher verlebt hatte, waren wie ein glücklicher Traum gewesen. Aber solche Tage heiterer Hoffnung gleichen nur zu oft dem glänzenden Morgen des tropischen Klimas, wo mitten an einem zuvor ganz fleckenlosen, lachenden Himmel sich plötzlich ein kleines dunkles Wölkchen zeigt, um sich binnen weniger Stunden schwarz und drohend über den ganzen Horizont auszubreiten und Zerstörung und Jammer herabzusenden. Das unscheinbare Wölkchen war ein Brief, den Felicitas eines Morgens von ihrem Vater empfing. Begreiflicher Weise erschrak sie über die darin enthaltene Nachricht von dem Einbruchsdiebstahl, aber noch viel mehr über den kurz angebundenen, gebieterischen Ton, in welchem sie aufgefordert wurde, ohne Verzug nach Hause zurückzukehren. Sie begab sich sofort zu ihrer Tante, welche das anstoßende Zimmer bewohnte, und während diese Teßner's Brief las, durchflog Felicitas ein gleichzeitig empfangenes Schreiben Melanie's. Plötzlich begann die Hand, worin sie dasselbe hielt, heftig zu zittern und sank herab. Frau von Prachwitz gab, während sie las, durch verschiedene Ausrufe ihre erstaunte Antheilnahme an dem ruchlosen Frevel zu erkennen, dessen nächtlicher Schauplatz das Göllnitzer Herrenhaus gewesen war. „Weshalb Dich aber Dein Vater mit so peremptorischen Worten nach Hause ruft," sagte sie, „begreife ich nicht; Deine Gegenwart kann doch die Sache nicht ungeschehen machen! Aber was hast Du, Kind?" fragte sie aufblickend, „Du zitterst ja und bist ganz blaß geworden I" „Da, lies, Tante, was Melanie über diesen Punkt schreibt; das erklärt mir zur Genüge, weshalb mein Vater auf meiner sofortigen Rückkehr besteht." Felicitas reichte der Tante den Brief und deutete auf eine Stelle darin, welche folgendermaßen lautete: „Ich fürchte sehr, liebe Felicitas, daß mit diesen Zeilen zugleich ein Brief Ihres Vaters eintrifft, welcher Sie nach Hause zurückruft, und ich mache mir die bittersten Vorwürfe, vielleicht die unschuldige Ursache zu sein, daß Sie dem kaum erst genossenen herrlichen Aufenthalte an der Meeresküste und den Freunden, die Ihnen denselben verschönern, so bald wieder entrückt werden sollen. Ihr Vater gab anfangs nicht die mindeste Absicht zu erkennen, Sie in Ihrem Vergnügen zu stören, änderte aber ganz plötzlich seinen Sinn. Es ist möglich, daß ich mich über die Ursache täusche, aber verschweigen will ich Ihnen nicht, daß dieser Rückschlag in dem Augenblicke eintraf, wo ich, ohne nur dabei etwas Schlimmes zu denken, ganz beiläufig die Aeußerung fallen ließ, daß sich Herr Baron von Sturen in Ihrer Gesellschaft befinde." Die Tante schüttelte, als sie gelesen, den Kopf und wurde nachdenklich. „Ich erinnere mich wohl," unterbrach Felicitas ein 475 längeres Schweigen, „daß mein Vater sich sehr unfreundlich gegen Wolfgang benahm, als wir uns zum ersten Male wiedersahen. Damals schrieb ich es dem Schreck zu, den er uns durch sein plötzliches Hervorbrechen aus dem Parke eingejagt hatte. Nun weiß ich zwar, daß mein Vater leider von sehr unversöhnlichem Charakter ist, dennoch kann ich mir kaum denken, daß er ihm diese Kleinigkeit nachtragen sollte." „Wenn er dem Baron übel gesinnt ist," entgegnete die Tante langsam und gedankenvoll, „so liegt die Ursache dazu wohl viel weiter zurück. Ich weiß, daß er auf Wolfgang's Vater nicht gut zu sprechen war. Er sah den Verkehr zwischen Dir und Wolfgang, als ihr noch Kinder wäret, nicht gern, duldete ihn aber, weil er mir in meinem Hause keine Vorschriften machen konnte." „Du meinst also, Tante, daß ein alter Haß gegen Wolfgang's Vater zu Grunde liegt? O, hättest Du mich vor diesem unseligen Hinderniß, welches ich plötzlich zwischen mich und Wolfgang treten sehe, doch gewarnt, ehe ich der Stimme meines Herzens Gehör gabt" „Mache Dir keine thörichten Skrupel, mein Kind l" beruhigte Frau von Prachwitz, das Haupt des bestürzten Mädchens an ihre Brust lehnend. „Hat Melanie richtig beobachtet, und Deine Rück- berufung stützt sich wirklich auf einen verjährten Groll, den Dein Vater gegen Wolfgang's Familie hegt, so wird das keine Rolle mehr spielen, wenn er hört, mit welchen ernsten Absichten auf Dich der Baron sich trägt." Man behauptet, die Liebe sei blind, und in Augenblicken der Freude hat sie wirklich ein blödes Auge; aber bei dem ersten Kummer, der an sie herantritt, kommt ein prophetischer Geist über sie, welcher sie das Unheil schon von fern sehen läßt, das nur zu oft auf ihrem Rosenpfade lauert. So konnte auch Felicitas, trotz der Tröstungen ihrer Tante, eine düstere Ahnung nicht los werden. „Tante," sagte sie nach längerem Schweigen in naturgemäßer Jdeenverbindung, mit leiser Stimme, „auch Du sollst ja einst unglücklich geliebt haben! Deine Eltern waren adelsstolz, so viel ich weiß, und wollten Dich dem bürgerlichen Manne, den Du liebtest, nicht geben. Du gehorchtest ihnen und entsagtest dem Theuersten, was die Welt für Dich hatte." „Mein Fall war ein ganz anderer als der Deinige," erwiderte Frau von Prachwitz mit einem leisen Lächeln, daß Felicitas sich bereits zu einer so tragischen Nutzanwendung auf sich selbst verstieg. „Allerdings ging das Gerücht, daß meine Heirath an dem aristokratischen Hochmuth meiner Eltern gescheitert sei, aber in Wahrheit verhielt es sich ganz anders, liebes Kind. Mein Vater stand vor seinem Ruin. Er hatte mit seinem Vermögen für seinen besten Freund gutgesagt, — und dieser Freund betrog ihn. Ein älterer, sehr vermögender Kavalier — mein späterer Gatte — bewarb sich schon längst um meine Hand. Ich mußte meinen Vater retten und that es im vollen Einverständniß mit meinem Geliebten, der damals ein unbemittelter Mann war." „Arme Tante!" rief Felicitas, ihren Arm um dje ernst bewegte Frau schlingend, „wäre ich nicht in dieser trübseligen Welt erschienen, so gehörte das Vermögen Dir, um welches Du durch meine Geburt beraubt wurdest und Du hättest den Mann Deiner Herzenswahl heirathen können. Wie große Ursache hättest Du gehabt, mir zu grollen, und dennoch hast Du für mich stets nur Liebe gehabt!" „Was konntest Du armer Wurm denn dafür?" lächelte Frau von Prachwitz, Felicitas zärtlich auf die Stirn küssend. „Und verhinderte Deine Geburt nicht eine schreiende Ungerechtigkeit gegen Deine Mutter, welcher man das ihr gebührende Erbe entziehen wollte, um es mir zuzuwenden, die mit der Familie nur in entferntem Grade verwandt war?" „Ich bin über diese Verhältnisse nicht unterrichtet, denn meine Mutter starb als ich noch im kindlichen Alter stand, und mein Vater hat sich darüber nie ausgesprochen. War denn meine Mutter mit ihren Eltern zerfallen?" „Nein, denn sie verlor beide sehr früh. Das Vermögen stammte vom Großvater Deiner Mutter und dieser hatte sie in seinem Testamente zu meinen Gunsten enterbt." „Was mag da wohl zwischen beiden vorgekommen sein?" meinte Felicitas mit einem Seufzer. „Sollte etwa ihre Heirath mit meinem Vater gegen den großväterlichen Willen geschehen sein?" „Ganz im Gegentheil," versetzte die Tante. „Es war sogar des Großvaters Wunsch, daß sie den um viele Jahre älteren Mann heirathete, und nur unter dieser Bedingung änderte der Großvater sein Testament dahin ab, daß Deine Mutter wenigstens die Nutznießung des Vermögens erhielt, dieses selbst aber auf die Kinder oder, wenn die Ehe kinderlos blieb, auf mich übergehen sollte." „Immerhin läßt diese Reserve auf einen starken Groll gegen meine Mutter schließen," bemerkte Felicitas. „Was die Ursache gewesen sein könnte, weiß ich nicht; als Deine Mutter heirathete, war ich noch sehr jung, und sie selbst hat sich gegen mich niemals darüber geäußert." Die beiden Damen wurden in ihrem Gespräche durch die Ankunft des Barons von Sturen unterbrochen, welcher sie zu einem Spaziergange abholen wollte. Natürlich war Wolfgang sehr unangenehm überrascht, als er vernahm, daß die Damen, statt sich zu der gewohnten Morgenpromenade fertig zu machen, an's Einpacken ihrer Neisekoffer dachten. Felicitas verschwieg ihm ihre Befürchtungen; sie erzählte ihm nur von dem Einbruch in Göllnitz und fügte hinzu, daß ihr Vater seine Tochter bei sich zu haben wünsche, da seine Gesundheit schon seit Jahren nicht die beste sei und das Ereigniß ihn angegriffen habe. Frau von Prachwitz wollte ohne Felicitas nicht hier bleiben. Sie hatte beschlossen, nach Berlin zurückzukehren, und da mit der Abreise der Geliebten der Aufenthalt auf der Insel auch für den Baron seinen Hauptreiz einbüßen mußte, so begleitete er die Damen bis Berlin und reiste von dort direct nach seinem schlesischen Gute weiter,' dem er schon längst einen Besuch schuldig war. XXIX. Einige Wochen waren verflossen, als an einem freundlichen Nachmittage Felicitas Teßner auf schattigem Waldpfade dahin wandelte. Sie hatte im Dorfe Göllnitz ein paar Besuche bei armen Leuten gemacht, welche sie in hilfsbedürftiger Lage mit Rath und That unterstützte, und war dann noch ein gutes Stück über das Dorf hinausgegangen, um den harzigen Waldduft einzuathmen. Eben dachte sie daran, den Rückweg anzutreten, als sie 476 von der Fahrstraße her, die sich am Waldrande hinzog, den Hufschlag eines scharftrabenden Pferdes vernahm. Ihr Herz pochte bei diesem Tone, dessen kurzer, flotter Anschlag offenbar auf einen Reiter schließen ließ, denn sie dachte, es könne Wolfgang sein. Die Liebe ist ebenso schnell mit Hoffnungen wie mit Befürchtungen bei der Hand, und obwohl der Gedanke an Wolfgang sehr natürlich war, verwarf sie ihn doch schon im nächsten Augenblicke als eine eitle Selbsttäuschung, denn er hatte ihr erst vor wenigen Tagen von seinem schlesischen Gute aus geschrieben, ohne ein Wort über die Zeit seiner Rückreise zu erwähnen. Dennoch verließ sie den Fußpfad und schlug die Richtung nach der Straße ein. Durfte sie ihren Augen trauen? Ja, es war der Geliebte. Auf demselben prächtigen Renner, mit dem er damals über den Zaun seines Parkes gesetzt war, wollte er eben an ihr vorüberjagen. „Wolfgang! Wolfgang!" Er kannte den süßen Wohllaut dieser Stimme sehr wohl, und wie er, sein Pferd mit einem Ruck zum Stehen bringend, den Blick seitwärts nach der Stelle wandte, von wo der Ruf erklungen, sah er eben die schlanke Mädchengestalt in ihrem hellen Sommergewand wie eine Waldfee zwischen dem dunkeln Grün der Gebüsche hervortreten. Im nächsten Augenblick war er vom Pferde und Felicitas über den Graben gesprungen, und Wolfgang drückte die Geliebte an sein Herz. Während er das Pferd hinter sich am Zügel führte, wandelte sie an seiner Seite. Wolfgang wollte Felicitas endlich die Seintge nennen, und um sein Schicksal zu erfahren, war er heute gekommen. Er wollte vor ihren Vater treten, um sich von ihm ihre Hand und die Zusage baldiger Verbindung zu erbitten. Zwar hatte Teßner gegen Felicitas noch kein Wort geäußert, welches darauf schließen ließ, er werde sich ihrer Verbindung mit Wolfgang entschieden widersetzen. Er hatte über diesen Gegenstand vollkommenes Schweigen beobachtet; zwar war er etwas finster gewesen, aber Felicitas schrieb dies dem ihn betroffenen Verluste und dem körperlichen Unbehagen zu, über welches er klagte. Obgleich sie also nicht wußte, was sie eigentlich zu fürchten hätte, beschlich sie doch zuweilen ein Zweifel, der das Gefühl der Freude dämpfte. Jetzt bebte sie schüchtern zurück, das süße Geheimniß ihrer Liebe einem Dritten enthüllen zu müssen, und gleichwohl widerstrebte es ihr auch, ihrem Vater die Eröffnung ihres Herzens noch länger vorzuenthalten. Wäre nicht dieses letztere Gefühl gewesen, so würde sie Wolfgang zugeredet haben, noch einige Zeit geduldig zu warten und nicht allzu hastig in die dunkle Zukunft hineinzustürmen, aber das Bewußtsein der Pflicht trat dazwischen, obgleich sie noch zögerte und sagte: „Mein Vater ist noch immer über das ihn betroffene Unglück etwas verbittert und fühlt sich Unwohl. Auch fürchte ich, wir werden gerade heute schwer Gelegenheit finden, mit ihm ungestört zu sprechen, da Melanie's Bruder bei ihm ist." „Melanie's Bruder?" wiederholte Wolfgang erstaunt. „Wie wäre das möglich? Ist er denn von Amerika wieder zurückgekehrt?" „Er und Mclanie haben Ansprüche auf ein bedeutendes Erbe, welches sich im unrechtmäßigen Besitz eines anderen befinden soll. Meinem Vater waren diese Verhältnisse von einer früheren Rechtspraxis her bekannt, er wußte jedoch die gesetzlichen Erben nicht ausfindig zu machen, die er endlich in den beiden Geschwistern entdeckt hat." „Ob dieser Glücksfall von heilsamem Einfluß auf Rettberg sein wird, möchte ich bezweifeln," bemerkte Wolfgang. „Um der armen Melanie willen aber kann sich darüber niemand herzlicher freuen als ich. In wessen Händen befindet sich denn jetzt noch dieses streitige Vermögen?" „Das weiß ich nicht, und Melanie weiß es ebenso wenig," antwortete Felicitas. „Mein Vater und auch ihr Bruder machen ihr vorläufig noch ein Geheimniß daraus. Rettberg ist viel zwischen Berlin und Göllnitz unterwegs, und wenn er kommt, schließt er sich mit meinem Vater ein. Melanie wundert sich selbst über diese Geheimnißthuerei, da sie doch an dem Gegenstände ebenso unmittelbar betheiligt ist wie ihr Bruder." Beide hatten inzwischen das Dorf erreicht, wo der Baron im Gasthaus sein Pferd einstellte, um auf dem Wege nach dem Gute ungehindert mit Felicitas plaudern zu können. Er bestand darauf, heute noch bei ihrem Vater in aller Form um ihre Hand anzuhalten, und Felicitas gab nach, behielt sich jedoch vor, zuerst selbst mit ihrem Vater zu sprechen, damit dieser auf Wolfgang's Werbung vorbereitet sei. Sie erreichten das Gut. Melanie führte den Geliebten in den kleinen, an die Südseite des Herrenhauses stoßenden Blumengarten, wo er warten sollte, bis sie ihn rufen werde. „Gehen Sie, mein süßes Mädchen," flüsterte er ihr zu, „und kehren Sie mit glückverkündender Miene zu mir zurück I" Er blickte ihr nach, bis sie um die Ecke des Hauses verschwand, und setzte sich dann in die unter dem Balconfenster gelegene Laube. Noch hatte er keine fünf Minuten gewartet, als sich Schritte vernehmen ließen; es wurde auch gesprochen, aber er vermochte die Stimmen nicht zu unterscheiden. Sehr bald bemerkte er, daß die Personen sich nicht dem Garten näherten, sondern die Pappelallee betreten haben mußten. Erst in der Mitte derselben, wo die Ecke des Hauses sie nicht mehr verbarg, tauchten sie auf, und obwohl sie Wolfgang den Rücken zukehrten, so erkannte er doch leicht Melanie und ihren Bruder. Sonst war ihm die Gegenwart des liebenswürdigen, reizvollen Mädchens ein süßer Genuß gewesen, — jetzt wandte er sich nach der Laube zurück und verbarg sich in deren schattigem Grün, damit Melanie ihn, falls sie sich zufällig umwendete, nicht sehen sollte, denn er würde sich nicht in der Stimmung befunden haben, mit ihr zu plaudern. (Fortsetzung folgt.) -- 8rüAii6i' ^ hlrme. Ein Gedenkblatt zum 27. und 28. Juli 1794. Von Frhrn. v. R. INachdruck verboten.; Nobespierre! Der Unbestechliche, Einzige, wie ihn seine Zeitgenossen nannten, der Mann mit dem Tugendscheine und der Lügenmaske des Patriotismus, Meister in der radikalen Verwerthung jakobinischer Nivellirungs- theorien, gleich unübertroffen an Heuchelei wie an Mordlust, das Prototyp eines vollendeten Tyrannen I Sich der absoluten Herrschaft zu bemächtigen, schlug er nieder, was 477 immer neben ihm aufstrebte, verfolgte er Tugend und ! die Wege zeigte, die er zur Vernichtung seiner Gegner Laster, Verbrechen wie Unschuld, hat er Freiheits- und j glaubte nehmen zu müssen. Was ihn Allen, ohne Unter- Photvgraphik-Verlag von Franz Hansstarngl, Kunstverlag, A. S., in München Kuisella. Nach dem Gemälde von Ludwig Knaus. »8 B8« WS ««« MM MM --sWÄ j^W MMU MM ÄfiES- Vaterlandsliebe, die schönsten Regungen der Menschenbrust, seinen unersättlichen Machtgelüsten dienstbar gemacht und selbst den Verrath nicht gescheut, wenn er ihm schied der Parteistellung, so fürchterlich machte, war der stets wache, lauernde, wider die Rivalen seiner Macht gerichtete Argwohn, dessen todbringenden Wirkungen sich 478 nur Wenige zu entziehen vermochten. Die Nation seinem Willen gefügig zu machen, rechnete Robespierre mit einem Faktor, dessen sich die Despoten aller Zeiten stets mit sicherem Erfolge bedient hatten. Schrecken war die wirkende Kraft, welche die Menge im Blutbanne des Nach- richters halten, die Geister lahmen, sie bis zur Willen- losigkeit Herabdrücken sollte. ?riiuu8 in orUo äsu8 68d tünaor I Also wurde mit jenem berüchtigten Reinigungswerke begonnen und dem Gange des Sanirungsprozesses ein durch die prekäre Lage der Republik bedingtes, beschleunigtes Tempo gegeben. Die Idee der Erneuerung der bürgerlichen Gesellschaft seines Vaterlandes im Wege ausgiebiger Blutentziehung hatte wohl Robespierre zuerst gefaßt und ihre Durchführung als eine oonäitio oins c^ua non zur Diktatur allen anderen Erwägungen vorangestellt. von Rechtmäßigkeit zu geben. Das Richteramt, welches gewöhnlich der Straßenpöbel zu handhaben pflegte, wird in die Hand des Revolutionstribunals gelegt, dessen Verfahren abgekürzt, Zeugenverhöre und Vertheidigung der Angeklagten, weil überflüssig, werden beseitigt. Der Wohlfahrtsausschuß,*) in welchem Robespierre herrschte, hatte bereits alle Gewalt zu sich hinübergezogen und dem erniedrigten Konvent jede gesetzgeberische Initiative entrissen. In dumpfer Ergebung, gleich dem römischen Senate der Manischen Zeit, horchte diese durch den Schrecken niedergehaltene Versammlung den Dictaten eines Mannes, der sich zu ihr in das Verhältniß des Herrn zum Sklaven gesetzt, sich demnach allein das Recht der freien Meinungs- Aeußerung zuerkannt hatte. Wehe Dem, der es wagte, die Machtbefugnisse des Herrschers wegzuläugnen oder gar die Integrität**) dieses alleinigen souveränen Volks- ALL »r- -HM Hohrnschwanga«. Daß der Regenerator sein Heilverfahren, wie es der fürchterliche Cynismus jener Zeit nannte, nicht in dem ganzen von ihm gewallten Umfange praktiziren konnte, verdankte Frankreich jenen Blutmenschen, die, von ihrem Meister bedroht, nur in dessen schnellem Untergang die Möglichkeit eigener Rettung zu erblicken vermeinten. So wurde denn das Bewußtsein der allzeit gegenwärtigen Gefahr für Leib und Leben das Hauptmoment der Angriffe auf Nobespierre, die Ursache seines endlichen Sturzes. Mit dem Untergänge der Gironde, jenem heillosen Triumphe terroristrender Allgewalt über die Principien Vergleichsweiser Mäßigung, war auch die letzte Schranke gefallen, die den grauenvollen Gang der Revolution aufhalten konnte, sie in andere Bahnen hätte lenken können. Hatten vordem Schwäche und Böswilligkeit der Behörden den fürchterlichen Metzeleien Vorschub geleistet, so gedachte man diesen jetzt durch das Gesetz gegen die Verdächtigen, das ja auf Alle passen mochte, einen Schein repräsentanten in Zweifel zu ziehen. In den Conflict zwischen den Forderungen der Pflicht und der Rücksichtnahme persönlicher Sicherheit gedrängt, siegte der Selbsterhaltungstrieb und führte in seinen Konsequenzen im Schooße des Konvents ebenso wie in ganz Frankreich zu den niederträchtigsten Handlungen. Bald blieben viele von den Deputirten, sei es aus Unwille über die Rolle, die sie spielen sollten, oder weil sie, von Robespierre und seinem Anhange bedroht, sich der Verhaftnahme durch die Flucht zu entziehen hofften, von den Sitzungen fern, der Nest suchte durch feigeNachgiebigkeit, kriechende Schmeichelei den Zorn des Gewaltigen zu besänftigen und stimmte allen jenen Vorschlägen bei, die der Wohlfahrtsausschuß Wurde am 6. April 1793 mit der ausgedehnten Vollmacht errichtet,Gesetze zu geben und vollziehen zulassen. **) Der Konvent hatte auf Marat's Vorschlag unter gewissen dehnbaren Einschränkungen seinen Mitgliedern das Privilegium der Unverletzbarkeit entzogen. 479 im wohlverstandenen Interesse seiner Machtfülle dem Konvente hatte zugehen lassen. Gegen die steigende Macht Robespierre's und seiner Kollegen erhob sich der Pariser Gemeinderath im erbitterten, doch kurz geführten Kampfe. In ihm saßen vordem Robespierre und Marat und alle jene mordlustigen Verbrecher, welche die furchtbaren Ereignisse des 10. Aug. 1792 vorbereitet, dann die gräßlichen Metzeleien der folgenden Septembertage verschuldet hatten. Getragen von der Gunst des Pöbels, die er als beste Stütze selbst- eigener Macht betrachtete, war dieser Gemeinderath der wahre Herr Frankreichs geworden. Der gesetzgebenden Versammlung, die ihm zitternd gehorchte, zwang er seinen Willen als Gesetz auf, Leben und Eigenthum der Bürger der Hauptstadt, die Wohlfahrt des ganzen Landes waren seiner schrankenlosen Willkür anheimgegeben. Die Wahlen im Herbst 1792 brachten seine Führer in den Konvent, den Gemeinderath unter die Aufsicht des Wohlfahrts- Ausschusses, dem es inzwischen gelungen war, sich der ganzen Regierungsgewalt zu bemächtigen. Es lag in der Verschiebung der Machtverhältnisse, in dem beiden Theilen gleichenBestreben nach Volksbeherrschung, daß sie zu unversöhnlichen Gegnern wurden, den Kampf um ihre Existenz auf Tod und Leben führen mußten. Der Gemeinderath, wähnend, die öffentliche Meinung, die sich gegen die Dictatur des Wohl- fahrts-Ausschusses richtete, für sich zu haben, rechnete in der Entscheidungsstunde zugleich auf seine alten Bundesgenossen, jene Mordbanden, die ihm bisher bei den blutigsten Vorgängen der Revolution stets zu Willen gewesen waren. Aber die Bürger der Hauptstadt scheuten die Gewalt des Gemeinderaths ebenso, wie die des Wohlfahrts-Ausschusses, welche jener, wäre er wieder in deren Besitz gekommen, gleich tyrannisch gebraucht haben würde. Vergeblich rief der Gemeinderath die sonst zu jedem Aufstande bereiten Pikenmänner von St. Antoine und Marceau, die er gegen den Konvent zu führen gedachte, zu den Waffen. Sie waren von ihm abgefallen und hatten sich für den mächtigeren Rivalen erklärt. Auf sich allein gestellt, unterlag der Gemeinderath demselben Despotismus, dessen vorzüglicher Vertreter er selbst gewesen war. Am 13. März 1794 wurden seine Häupter mit noch 16 Anderen ihres Anhanges unter dem Vorwande einer Verschwörung gegen die Freiheit des Volkes auf Geheiß des Wohlfahrtsausschusses in Verhaft genommen. Dem Nevolutionstribunale übergeben, wurden sie sämmtlich zum Tode verurtheilt und den 24. März hingerichtet. Ihr Loos war ein wohlverdientes. Wetteifernd an Grausamkeit mit dem Wohlfahrtsausschuß, übertraf er diesen in allen Lastern, welche die Menschennatur schänden, ihr das Brandmal sittlicher Verderbtheit aufdrücken. Er hat den Sanskülottismus jener Zeit geschaffen, seine Attribute bestimmt und den schamlosesten Cynismus an die Stelle gesellschaftlicher Umgangsformen gesetzt. Jnkarnirter Gegner des Gottglaubens, den er scheute, weilerdemVerbrechen steuern konnte, verfolgte er die Diener der Kirche mit einer bis zum Aberwitz gehendenWuth. Seine Mitglieder, ihnen voran Hebert, Chaumette, dann der Sprecher des Menschengeschlechts, Anacharsts Cloots, haben im November 1793 durch ihre Deklaration vor dem Konvent den Atheismus glorificirt und jenen zu dem verhängnißvollen Beschluß der Abschaffung des alten, durch tausendjährige Tradition geheiligten Kultus der katholischen Kirche gedrängt. Sie waren es vorzüglich, welche die untern Schichten des Volkes mit jenem Oifte durchseuchten, das, aus den Lehren des Materialismus gezogen, gleich einem Fermente in rascher Gährung den moralischen Zersetzungsprozeß bewirkte.*) Noch war die Richtstätte von dem Blute der von Am 10. November 1793 wurde zu Paris mit theatralischem Gepränge das Fest der Vernunft, d. i. des grobsinnlich-'n Materialismus, gefeiert. Zur Versinnbildlichung diente eine auf den Altar des Vaterlandes gestellte Lustdirne. Ue»schwanftcin. 480 der Vergeltung getroffenen Hebertisten geröthet, da schaute Robespierre, der Leiter des Wohlfahrtsausschusses, schon nach andern Opfern aus, die seiner ungemessenen Herrschsucht fallen sollten. Die Cordeliers, jener engere Verein jakobinischer Propaganda, Männer, deren wilder Fanatismus kein Verbrechen scheute, waren dem Diktator verdächtig geworden. Er fürchtete ihre Entschlossenheit, welche ihm zwar oft zu Diensten gewesen, die sich aber dereinst in rascher That auch gegen ihn äußern konnte. Zudem wußte man, daß bei ihren geheimen Zusammenkünften Resolutionen gefaßt wurden, welche nichts Geringeres bezweckten, als in der Autorität des Konvents ein Gegengewicht wider die Macht des Wohlfahrtsausschusses zu gewinnen. Grund genug, sie unter das Messer der Guillotine zu bringen. Der Gefahr zu begegnen, drängten diese in Danton, ihren Führer, dessen Kühnheit im Konvente niemals unterlegen war, Robespierre des Strebens nach der Alleinherrschaft zu beschuldigen und gegen ihn ein Anklagedekret zu bewirken. Aber Danton glaubte, bevor er den entscheidenden Schlag wagte, sich zuerst der Zustimmung des Berges versichern zu müssen. Zudem setzte er bei Nobespterre wohl den Willen, aber nicht den Muth voraus, ihn zu verderben. Er hatte sich getäuscht. Noch in derselben Nacht, welche einer letzten Zusammenkunft Robespierre's mit Danton folgte, wurde dieser in Verhaft genommen, mit ihm seine Fraktionsgenossen, von denen sich nur Wenige durch die Flucht zu retten vermochten. Am 6. April folgten die Cordeliers den Hebertisten, mit welchen sie gleiche Blutschuld theilten, im Tode.*) (Schluß folgt.) - Zu unseren Bildern. Kuisella. Zu den begabteren Künstlern auf dem Gebiete der Malerei zählt der besonders durch seine Genrebilder berühmt gewordene Ludwig Knaus (geboren zu Wiesbaden). Aus allen jenen Werken, welche seinen Ruf als Genremaler begründet haben, spricht eine wahre, naive Empfindung, ein feiner Humor und eine große Mannigfaltigkeit der Charakteristik. Der Künstler hat auch Porträte in genrehafter Auffassung, aber mit feinster, geistreicher Charakteristik gemalt. Die ecbt deutsche Richtung seiner Kunstanschauung gipfelt in der Schilderung des Kinder- lebens. Ein anmuthiges Bild von sprechender Natürlichkeit lieferte Ludwig Knaus mit „Luisella"; wir bringen heute eine Darstellung nach dem Originalgemälde. Hohenschwangau und Ueuschwanstcin. Hohenschwangau, königliches Scbloß im bayerischen Regierungsbezirke Schwaben, 3 Kilometer südöstlich von Füssen, war der Lieblingsaufenthalt des unglücklichen Königs Ludwig II. Schon im 12. Jahrhundert stand hier eine den Welsen gehörende Burg (damals Schwanstein genannt), welche 1191 durch Kauf in den Besitz der Herzoge von Schwaben hohenstaufischen Stammes überging, dann dem Geschlechte der Herren von Schwangau gehörte und in der Zeit der Reformation an die Augsburger Patrizierfamilie Paumgarten kam, welche die baufällig gewordenen Gebäude niederreißen und 1538—47 ein neues Schloß errichten ließ. Herrschaft und Schloß wurden 1567 von Herzog Albrecht V. von Bayern erworben. Letzteres war zu Anfang unseres Jahrhunderts zur halben Ruine geworden und bereits zum Abbruch von einem Bauern um 200 Gulden gekauft, als 1832 der damalige Kronprinz Maximilian von Bayern das Gebäude wieder erwarb und die Restauration desselben im Geiste deS ritterlichen Mittelalters unter Leitung Domenico Quaglio's anordnete. Er gab dem Schlosse auch den Namen Hohenschwangau, den bisher eine gegenüber auf dem Berzenkopf liegende Burg geführt hatte. Seitdem gehört Hohenschwangau zu den *) Veranlaßten die Gräuel vom 2.-9. September 1792 und stimmten fiü den Tod Ludwigs XVI. herrlichsten der vielen deutschen Fürstenlustsitze. In prachtvoller Wald- und Gebirgsumgebung krönt es einen Vorsprung der Alpen, dessen Fuß von dem Schwansee und dem Alpsee bespült wird. Das Innere ist in seinen verschiedenen prachtvollen Sälen (Schwanrittersaal, Schyrensaal, Helden-, Hohenstaufensaal rc.) mit Fresken und enkaustischen Wandbildern von Neder, Lorenz Quaglio, Lindenschmit, M. v. Schwind rc. geschmückt. Auch durch die historischen Erinnerungen, die sich an die Stätte knüpfen, übt Hohenschwangau hohen Reiz Hier sagte Konradin beim Antritt seines verhängnißvollen Zuges nach Italien seiner Mutter Lebewohl. An der Stelle der alten, eigentlichen Burg Hohenschwangau liegt dicht an der Pöllatschlucht auf einem vorspringenden Bergkegel das Schloß Neuschwan st ein, von Ludwig II. während eines Zeitraumes von mehr als zehn Jahren nach den Plänen des Hofbaudirectors v. Dollmann erbaut und vom König bis zu seiner Ueberführung nach Schloß Berg bewohnt. In streng romanischem Stil erhebt sich das Schloß in fünf Stockwerken, über welchen noch drei Dachstühle und zwei Thürme aufragen, und dann steigt noch der 65 Meter hohe Bergfried über den Dachfirsten beträchtlich empor. Die Mauern sind aus Ziegelsteinen aufgeführt, zeigen gekuppelte Rundbogenfenstcr und tragen zierliche Erker und Vorspränge. Kupferplatten decken den Bau; die des Daches über den dem Gebirge zugewandten Altanen sind stark vergoldet, so daß sie im Sonnenlicht herrlich matt erglänzen. Auf dem einen Dachfirst thront ein 4 Meter hoher Rittersmann, auf dem andern ein 2 Meter hoher Löwe, das Wappenthier Bayerns. Schon im Jahre 1864, bald nach seinem Regierungsantritte, war im Könige der Gedanke lebendig geworden, aus den Ruinen von Vorder- und Hinterschwangau ein neues Schloß erstehen zu lassen. Am 15. September 1869 fand die Grundsteinlegung statt. Das Innere des Schlosses haucht vaterländischen Geist. Hier ist alles durchweht von dem jugendfrischen, waldfrischen Hauch der deutschen Sage und Dichtung. Hier begegnen uns die alten deutschen Dichtergestalten des Lohengrin und Tannhäuser, des Parfival und Titurel, Wolfram von Eschenbach und Walter von der Vogelweide Bei aller Pracht, die auch diese Räume erfüllt, sind sie doch keine kalten Prunkgemächer, sondern die Stätte einer fürstlichen Haus- und Hofhaltung. — (Unsere Illustrationen sind nach Photographien von Ludwig Schradler in Füssen am Lech.) --- Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt. Auflösung deS Bilder-Räthsels in Nr. 60: Was man hofft, glaubt man gern. Auflösung des Telegramm-Räih'els in Nr. 61: Wohlthaten still und rein gegeben, Sind Todte, die im Grabe leben, Sind Blumen, die im Sturm besteh'n, Sind Sterne, die nicht untergeh'n. (Claudius.) --KMZS--