^L63. Ireilag, den 3. August 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttlcr). Im Sänne alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Eine Viertelstunde verstrich — eine halbe Stunde. Endlich vernahm er wieder Schritte vorn Hause her. Er stand auf und erblickte Felicitas. Sie kam nicht elastischen Ganges daher, der ihr sonst eigen war, sondern langsam und zögernd. Als sie sich mehr genähert hatte, bemerkte er, daß ihr Antlitz todtenbleich war und ihre Augen in Thränen schwammen. Tief erschrocken, schlang Wolfgang den Arm um sie und zog sie in die Laube. Er drückte sie an seine Brust und fragte sie angstvoll, was geschehen sei. Aber während er seine Frage mehrere Male wiederholte, verbarg Felicitas fortwährend ihr Antlitz an seiner Brust und konnte vor Schluchzen nicht sprechen. Endlich brachte sie die Worte hervor: „Es ist alles aus, Wolsgangl Ich kann nie die Ihrige werden. Wir dürfen uns nicht mehr sehen!" „Gott im Himmel! Was soll das heißen, Felicitas?" rief der Baron. „Wogegen kann Ihr Vater Einwendungen machen? Was kann er auszusetzen haben an mir, meinem Stande, meinem Vermögen?" „Es ist nichts von alledem, Wolfgang!" betheuerte Felicitas. „Nun, was ist es denn?" rief Wolfgang. Sie antwortete nur durch ein trostloses Kopf- schütteln. „Felicitas! Sie haben sich mir verlobt, und nimmer werde ich meinen Anspruch auf Sie aufgeben. Wenn Sie mich lieben, wenn Sie mich je geliebt haben, so werden Sie mich M dieser schrecklichen Prüfungsstunde nicht verlassen. Felicitas! Sie müssen die Meinige werden, auf alle Gefahren hin und ohne die Einwilligung Ihres Vaters, wenn er seine Zustimmung auf nichtssagende Gründe hin versagt. Sie haben nicht das Recht, sich zum Mittel zu machen, um mein Herz mit Füßen zu treten, meine ganze Zukunft der Verzweiflung zu weihen, mich einen Augenblick auf die höchste Höhe des Glückes zu erheben, um mich dann für immer elend zu machen." Er hatte sie während dieser Worte fester an seine Brust gepreßt, aber Felicitas machte sich aus seinen Armen los, nur ihre Hand in der seinigen lassend. „Es sind Umstände vorhanden," antwortete sie, welche es mir unmöglich machen, Ihnen meine Hand zu geben, wollte ich auch meine Kindespflicht gegen meinen Vater vergessen. Oh, Wolfgang l" rief sie unter einem erneuten Thränenstrome, „Sie werden mich hassen, Sie werden den Tag, wo Sie mich zum ersten Male sahen, als den unglücklichsten Ihres Lebens verwünschen — und dieser Gedanke ist für mich schwerer zu ertragen, als alles Andere!" Verwirrt und schweigend starrte Wolfgang sie an. „Was meinen Sie damit, Felicitas?" fragte er endlich. „Oh, denken Sie an die Verantwortung, die Sie auf Ihr Haupt laden! Bedenken Sie, Felicitas, Sie zerstören nicht nur anf immer mein Glück und meinen Frieden, sondern Sie treiben mich hin zum Laster, zur Sünde, vielleicht zum Verbrechen! Sie stürzen mich in jenen Strudel der wilden Genußsucht, welcher die einzige Zuflucht für hoffnungslose und glaubenslose Verzweiflung ist. Felicitas! Sie wollen sich einem Andern vermählen!" „Niemals! niemals!" rief Felicitas heftig. „Ich rufe Gott zum Zeugen an, daß kein Beweggrund auf der Welt mich je vermögen soll, meine Hand einem andern Manne zu geben; daß ich Sie, theurer Wolfgang, immer lieben werde, bis zur letzten Stunde meines Lebens. Dagegen verlange ich von Ihnen nichts, als daß Sie sich bestreben sollen, nie hart über Ihre arme Lizzi zu urtheilen und ihr eine Schuld aufzubürden, wo Ihnen ihre Handlungsweise unbegreiflich erscheinen mag. Wenn Sie mich je aufrichtig und wahrhaft geliebt haben, Wolfgang, so ehren Sie mein Gedächtniß dadurch, daß Sie standhaft an all den edlen und hochsinnigen Grundsätzen festhalten, die Sie in meinen Augen mit einer Glorie bekleidet haben, welche in meiner Erinnerung von dem Bilde des einzigen Mannes, den ich je geliebt, unzertrennlich ist. Lassen Sie mich auch hören, daß Sie glücklich sind, — so glücklich wenigstens, als die Umstände eS erlauben. Ja, Wolfgang," fügte sie hinzu, beide Hände sanft auf seinen Arm legend, „glücklich mit einer Andern, die Sie vielleicht ebenso innig liebt, wie ich. O, Wolfgang, Sie sind ganz der Mann, Glück zu geben und zu empfangen. Tag und Nacht will ich zu Gott flehen, daß dies Ihr Loos sein möge!" Wolfgang barg sein Angesicht in den Händen, um die schrecklichen verworrenen Bilder von sich abzuwehren, die ihn wie eine Vision seiner Zukunft umschwebten. „Felicitas," fragte er nach einem langen Schweigen, „wird mir das unübersteigliche Hinderniß, welches 482 uns von einander trennt, stets ein Geheimniß bleiben?" — „Niemals darf nur ein Wort davon über meine Lippen kommen," sagte Felicitas feierlich. „Und nun leben Sie wohl für immer!" Sie sprach dies mit leiser, gebrochener Stimme, wie die letzten Worte einer Sterbenden. Wolfgang drückte sie mit wildem Ungestüm noch einmal an seine Brust. Dann erleichterte ein Thränen- strom sein zerfleischtes Herz; er küßte sie wieder und immer wieder mit einem wahnsinnigen Schmerz, wie ihn nur derjenige kennt, welcher weiß, was es heißt, sich auf immer von dem Liebsten und Theuersten auf der Welt trennen zu müssen. Felicitas weinte schweigend. Noch einmal flüsterte sie: „Leb' wohll" Dann riß sie sich von ihm los und eilte weg. LXX. Die Sonne war hinabgesunken. Von Süden her zog eine schwarze Wetterwand am Himmel herauf, in welcher sich weißlich-graue, schweflige Wolken bargen. Wer um diese Zeit unterwegs war, der hätte wohl Ursache gehabt, besorgte Blicke nach dem finster zusammengeballten Gewölk zu werfen, aber der Reiter, welcher auf der einsamen Landstraße dahintrabte, kümmerte sich nicht darum. Das sonst so frische und strahlende Antlitz Wolf- gang's, dem wir eben auf seinem traurigen Heimwege begegnen, war blaß und bekümmert, getäuschte Hoffnung und tiefes leidenschaftliches Brüten hatten seiner Stirn das Siegel reiferen Lebens aufgedrückt; in wenigen Stunden schien er um Jahre gealtert. Immerzu ritt er durch die einsamen Fluren, welche sich tiefer und tiefer in Finsterniß hüllten. In langen, schweren Stößen begann der Wind zu heulen. Der Himmel öffnete sich flammend, und auf Augenblicke blitzte die Landschaft tageshcll aus der Nacht hervor, der Boden erzitterte unter betäubenden Donnerschlägen, und in dicken Strömen rauschte der Regen herab. Der Reiter hielt zuweilen an, um sich in der Finsterniß zu orientiren, ..w dann schüttelte er den Kopf, denn mehr und mehr gewann er die Ueberzeugung, daß er, nur immer mit seinen qualvollen Gedanken beschäftigt, des Weges nicht geachtet und bei irgend einer Kreuzung die falsche Straße eingeschlagen hatte. Da tauchte plötzlich im violetten Lichte eines Blitzstrahls dicht an der Straße ein niederes längliches Gebäude auf. So viel Wolfgang in der flüchtigen Beleuchtung unterscheiden konnte, war es eine Art Schuppen, dessen ihm zugekehrte Seite offen lag. Er stieg vom Pferde und führte dasselbe in den finsteren Raum. Da erschien plötzlich am anderen Ende des Schuppens ein Lichtstreifen, und in dem Zwischenraum einer sich öffnenden Thür zeigten sich die dunklen Umrisse einer menschlichen Gestalt. „Bist Du da, Paul?" rief sie in den finsteren Raum hinein. Wolfgang schritt auf die Stelle zu. Allem Anschein nach befand er sich in einer verlassenen, im Verfall begriffenen Ziegelscheune; das Licht drang aus einem durch eine Thüre verwahrten Bretterverschlag. Vor Wolfgang stand eine alte, wohl fast siebzigjährige Frau mit schneeweißem Scheitel, in dürftiger, aber sauberer Kleidung. Sie hielt ein Licht in der Hand, welches in dem theilweise abgebrochenen Halse einer Flasche steckte. — „Es ist nicht Paul," sagte Wolfgang, indem er der erschrocken zurückweichenden Frau in den Verschlag folgte, „ich habe mit meinem Pferde hier nur Obdach gegen das Unwetter gesucht." Die Alte starrte ihm eine geraume Weile sprachlos in's Gesicht und musterte ihn dann von Kopf bis zu Fuß. „Nein, nein," murmelte sie wie im Selbstgespräch, „es ist keiner von ihnen; sie können die Kleider eines vornehmen Herrn anziehen, aber sie sehen doch nie wie ein solcher aus. Nein, nein, es ist kein Häscher." In diesem Augenblicke öffnete sich die Thüre und ein Mann von riesenhohem Wüchse trat ein, eine vom Regen triefende Decke um die Schultern geschlungen. Mit finsterem Blicke betrachtete er Wolfgang. „Wer sind Sie und was wollen Sie hier?" fragte er in drohendem Tone. „Ich suche nur Unterkunft gegen den Regen," antwortete Wolfgang, „ich wollte nach dem Villenhofe und habe den Weg verloren." „Nach dem Villenhofe?" griff die alte Frau das Wort auf und trat dicht an Wolfgang heran, um ihm abermals in's Gesicht zu blicken. „Dann sind Sie wohl ein Sohn des Barons von Sturen? Ja, ja, Sie sehen ihm sehr ähnlich; auch von Ihrer Mutter haben Sie etwas, aber Sie gleichen mehr Ihrem Vater." „So kannten Sie also meine Eltern?" fragte Wolfgang. „Ja, ich kannte beide gut; aber es ist jetzt zwanzig lange Jahre her, daß ich sie zuletzt sah. Leben Ihre Eltern noch?" „Nein, sie sind beide todt." Von dem Antlitz des riesenhaften Mannes war, wahrend er dem Gespräche zuhörte, der drohende Ausdruck verschwunden. „Sie erinnern sich meiner wohl nicht, Herr Baron?" fragte er. „Wir haben uns allerdings nur ein einziges Mal gesehen." „Es war in Moses Nathansohn's Hinterstübchen," sagte Wolfgang, welcher Gestalt und Physiognomie des Mannes schon vorher wiedererkannt hatte, „und wenn mein Gedächtniß mich nicht täuscht, so ist Ihr Name Rölling." Der Niese legte bedeutsam seinen Finger um den Mund. — „Ich habe volles Vertrauen zu Ihnen, Herr Baron," sagte er, „denn ich kenne gewisse Personen, an denen Sie sehr edel gehandelt haben. Aber ich bitte Sie, niemandem zu verrathen, daß Sie mich hier gesehen haben. Die Spürhunde sind hinter mir her wegen eines kleinen Streiches, den ich vor einiger Zeit verübte, und ich gedenke daher eine Reise über das Meer zu machen." „Seien Sie versichert, daß ich nicht den Verräther spielen werde," versetzte Wolfgang, welcher sich nach den Vermuthungen, die er schon früher über das Gewerbe dieses Mannes gehegt, durch dessen dunkle Anspielung kaum überrascht fühlte. „Ich mag nicht fragen, Herr Rölling, was Sie sich haben zu Schulden kommen lassen, aber ich kann nicht umhin, Ihnen mein Bedauern auszudrücken, daß Sie auf ebenso schlimmen als gefährlichen Wegen wandeln. Es liegt so manches in Ihrem Wesen, was mich sympathisch berührt, so daß es mir schwer fällt, Sie zu den unrettbar Verlorenen der menschlichen Gesellschaft zu zählen. Wenn Sie Ihre Flucht über das Meer glücklich bewerkstelligt haben, so denken t- 483 Sie an weine Worte und versuchen Sie, in einer neuen Welt ein neues Leben anzufangen." „Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung, Herr Baron," erwiderte Rölling, „aber die sogenannte gute Gesellschaft gestattet niemandem besser zu werden. Glauben Sie mir, was die Hälfte aller Verbrecher in'S Unglück stürzt, ist Mangel an Hoffnung. Das letzte Rest- chen Hoffnung würde Unsereinen gar oft wieder zum ehrlichen Manne machen, aber haben wir einmal einen Fehltritt begangen, so gibt eS für uns nichts mehr zu gewinnen, wenn wir auch stehen bleiben. Nun, ich habe einige Aufmunterung von Ihnen erhalten, und wenn ich diesmal glücklich durchkomme, so will ich mein Möglichstes thun, Ihren wohlmeinenden Rath zu befolgen." „Ich hoffe beideS für Sie, Herr Rölling," ent- gegnete der Baron, „denn es steckt in Ihnen ein guter Kem, wie ich glaube. Doch das Unwetter draußen hat aufgehört, und ich könnte nun am Ende meinen Weg fortsetzen." „Dann werde ich Sie soweit begleiten, bis Sie selbst nach dem Villenhofe finden können," erbot sich Rölling, „denn ich kenne hier alle Wege und Stege genau." Der Baron nahm das Anerbieten dankbar an. Er wünschte der alten Frau freundlich gute Nacht und holte sein Pferd, welches ihm von Rölling abgenommen und am Zügel geführt wurde, da der einzuschlagende Weg das Reiten sehr erschwert hätte. Der Aufruhr der Elemente draußen hatte sich beruhigt. Der Regen fiel fast nur noch in vereinzelten Tropfen. Während die Beiden schweigend Nebeneinander hergingen, bedauerte der Baron im Stillen, daß die Achtung vor dem Gesetz ihm verbot, nur im mindesten die Flucht eines Mannes zu begünstigen, bei welchem er eine Neigung zur Reue zu sehen glaubte. Aber er dachte nach, wie er in anderer Weise etwas für ihn thun könne. „Herr Baron," sagte Rölling unterwegs, „ich weiß, daß Sie Beziehungen zu einem jungen Manne Namens Rettberg gehabt haben. Wie es scheint, ist er nicht mehr in Berlin. Wissen Sie vielleicht zufällig, wie es ihm geht?" „Er hält sich gegenwärtig bei dem Gutsbesitzer Teßner in Göllnitz auf," antwortete der Baron, peinlich berührt, den Namen des Mannes aussprechen zu müssen, der den seligen Traum seiner Zukunft vernichtet hatte. „Hai" rief Rölling, indem er sich vor die Stirne schlug, „dann ist es dieser Bube, der mich verrathen hat! Was hätte er sonst mit dem alten Schuft zu thun?" „Soviel ich weiß," entgegnete Wolfgang, „verkehrt Rettberg mit dem Besitzer von Göllnitz in einer Geschäftsangelegenheit; eS handelt sich um eine bedeutende Erbschaft, zu welcher der ehemalige Advokat dem jungen Mann verhelfen will." Rölling schien beruhigt. „Dann soll Rettberg sich in Acht nehmen," bemerkte er. „Auch mir hat der alte Halsabschneider einmal zu einer Erbschaft verhelfen wollen. Das Ende vom Liede war, daß er mich in's bitterste Elend stürzte. Alles, was ich geworden bin, hat er allein auf dem Gewissen. Doch ich will die alte traurige Geschichte nicht aufrühren; es macht mich ganz wild!" — Nach einiger Zeit vereinigte sich der schmale Feldweg, auf welchem man bisher dahin geschritten war, mit einer Fahrstraße. „Das ist Ihr Weg, Herr Baron," sagte Rölling stehen bleibend. „Wenn Sie denselben verfolgen, so kommen Sie an einen Bach, worüber eine Brücke führt; hinter dieser scheidet sich die Straße. Sie brauchen nur die Richtung nach links einzuschlagen, so erreichen Sie den Villenhof." „Ich danke Ihnen," sagte Wolfgang. „Doch noch ein Wort, Herr Rölling. Ich vermuthe, die alte Frau, die Sie bei sich haben, ist Ihre Mutter." „Ja, Herr Baron. Sie ist von dort hergekommen, wo ich nun selbst mein Glück probiren will, und nachdem wir einander längst für todt gehalten, fanden wir uns in dem unglückseligen Augenblicke, wo ich vor den Häschern die Flucht ergreifen mußte. Aber sie wollte mich in der Gefahr nicht verlassen und hat mich in meinen Schlupfwinkel begleitet, wo ich augenblicklich vor Verfolgung sicher zu sein glaube." „Für Sie selbst, Herr Rölling, kann ich leider nichts thun," erwiderte Wolfgang, „aber Ihrer Mutter biete ich ein Obdach auf meiner Besitzung an. In der Nähe des VillenhofeS habe ich ein leeres Häuschen, welches ich ihr wohnlich einrichten lassen will. Dort kann sie bleiben, so lange sie lebt. Ich werde sofort die nöthigen Befehle geben, und wenn Ihre Mutter sich morgen auf dem Villenhofe meldet, soll sie ihr neues Heim zu ihrer Aufnahme bereit finden." Rölling antwortete nichts. Er drückte dem Baron nur schweigend die Hand und führte sie ehrerbietig an seine Lippen. So schieden beide. (Fortsetzung folgt.) -—r-- SaiZner a dllmo. Ein Gedenkölatt zum 27. und 28. Juli 1794. Von Frhrn. v. R. (Schluß.) Die Hinrichtung Dantons und seiner Gefährten schlug dem Schreckensregiment die erste, unheilbare Wunde. Der blutgetränkte Radikalismus getroffen von seinen eigenen Repräsentanten! Der Tyrann hatte die Konsequenzen des Gleichheitsprincips gezogen, und sein Arm reichte in die Verstecke der Aristokraten wie in die Versammlungsräume des geschworenen KönigSmordes. Die Jakobiner erkannten, daß auch sie nicht mehr sicher seien, und rüsteten sich zur Abwehr. In diese Zeit fallen die Anfänge der gegen das Leben Nobespierre's gerichteten Verschwörung, dann jene bekannten, in fürchterlich steigender Progression massenhaft vorgenommenen Exekutionen. Die Revolution näherte sich ihrem Zenith. Ein Vlutstrom von ungeahnter Heftigkeit ergießt sich über Frankreich. Das Leben sinkt im Werthe wie eine Waare, nach welcher nicht mehr gefragt ist. Die Revolutionsausschüsse werden vermehrt/) Nevo- lutionstribunale in allen Städten des Reiches errichtet, die Guillotine wird in Permanenz erklärt. Das Mordbeil arbeitet Tag für Tag?) und was unter der Hand des ') Es waren deren im ganzen Umfange der Republik 50,000 beschäftigt und kosteten nach Cambon's Berechnung jährlich 591 Millionen 300,000 LivreS. ') Collot d'HerboiS, der ehemalige Schauspieler, hatte als Commissär des Konvents die gegen Lyon ausgesprochene Acht zu vollziehen. Er läßt die Einwohner zu Tausenden mit Kartätschen niederschmettern. Deßgleichen wüthete Carrier in Nantes, wo Kinder von 6—14 Jahren und selbst Säuglinge guillotinier wurden. Tausende von Männern und Frauen, zusannnenge- bundcn und republikanische Ehen genannt, wurden in der Loire ertränkt. 484 — Henkers nicht verendet, wird erschlagen, niedergeschossen, ersäuft in den Aufständen des Südens und der Vendee, wo Konventsdeputirte die Beschlüsse des Wohlfahrtsausschusses vollziehen und im Namen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit dem dreieinigen Nevolutionsgötzen Hekatombe auf Hekatombe häufen. Und inmitten all dieser Gräuel, wo die Nation durch ein Uebermaß von Jammer und Elend in einen Zustand dumpfer Verzweiflung versank, jeder Widerstand aufhörte, dekretirte der Konvent auf Nobespierres Vorschlag den „Glauben" an die Existenz eines höchsten Wesens und an die Unsterblichkeit der Seele. Der blutbespritzte Hypokrit, der das Vertilgungs- system inaugurirte, Frankreich in ein Schlachthaus verwandelte, hatte über Menschenglück und Menschenrechte gesprochen, welchen Deductionen die Versammlung in düsterem Schweigen gefolgt war. Am 8. Juni wurde das Fest des höchsten Wesens gefeiert, bei welche« Robespierre als der Hohepriester einer neugeschaffenen antichrist- lichen Religion figurirte, um die Huldigung einer zahllosen Menschenmenge entgegenzunehmen. Der Pariser Pöbel, gelangweilt von den täglich sich wiederholenden Masseuhinrichtungen, verlangte nach anderen Schaustellungen, die ihm jetzt geboten und von dem ersten Acteur des Landes meisterhaft in Scene gesetzt wurden. Das dankbare Auditorium beklatschte die schwülstigen Tiraden seines Lieblings, brüllte die Hymne an das höchste Wesen und verlief sich dann, um nach weiteren Zerstreuungen zu suchen. Und damit wäre die ganze Sache abgethan gewesen. Aber die Farce barg für ihren Urheber eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Etwas bisher ganz Unerhörtes hatte sich ereignet. Drohende Zurufe gegen Nobespierre waren aus den Reihen des ihn umgebenden Konvents vernehmbar geworden. An diesem Tage begann die Zuversicht des Despoten zu schwinden, das Vertrauen in den Bestand seiner Macht zu wanken. Die Opposition, welche sich gegen ihren Herrn gebildet hatte, rang mit diesem um Freiheit und Leben, sie verfiel dem Henker, wenn sie im Kampfe besiegt war. Es waren Mitglieder des Berges, die sich wider Robespierre stellten, Freunde des Hingerichteten Danton, und von jenem am meisten gefürchtet. Am Tage nach dem Feste erschien Nobespierre im Wohlfahrtsausschuß und verlangte, daß dieser im Konvent ein Anklagedekret gegen die Dantouisten beantrage. Aber Mlland-Varennes, Collot d'Herbois und Andere fürchteten, daß, wenn sie abermals Deputirte preisgäben, schließlich sie selbst an die Reihe kommen könnten, Bedenken, welche durch die seither gemachten Erfahrungen vollkommen gerechtfertigt wurden. Nobespierre errieth alsbald deren Beweggründe, aus welchen ihm gefährliche Gegner erwachsen mußten, und beschloß den Untergang seiner Kollegen. Um zum Ziele zu gelangen, sing er an, die Sitzungen des Ausschusses zu meiden, als ob seine Abwesenheit allein genügte, dessen Beschlüsse in Mißkredit zu bringen. Er hatte aber schlecht gerechnet. Denn als die Ausschußmitglieder ihn nicht mehr sahen, hörten sie auch auf, ihn zu fürchten, und ergaben sich Collot d'Herbois und Billaud-Varennes, die jetzt auch den zweiten Aus- schuß des Konvents, jenen der öffentlichen Sicherheit, bestimmten, sich Nobespierre's Einfluß zu entziehen. Während dessen dauerten die Hinrichtungen ununterbrochen fort. Auf dem Revolutionsplatze in Paris, wo die furchtbare Maschine fuuctiontrte, war der Boden von dem entströmenden Lebenssäfte schlüpferig, der Blutgeruch unerträglich geworden. Der Standort der Guillotine mußte verlegt, und in der Vorstadt St. Antoine, wohin sie gebracht worden war, mußte das Blut durch einen Kanal abgeleitet werden. Gleichwohl wurde über zu langsame Justiz geklagt und das Revolutionstribunal, dessen Gewissenlosigkeit und Grausamkeit notorisch war, für den Entgang der noch fehlenden Millionen ^) mit seinem Leben verantwortlich gemacht. Vadier sagte: „Wir müssen eine Mauer von Köpfen zwischen uns und dem Volke errichten." Billaud-Varennes sprach: „Das Nevolutions-Tribunal glaubt genug zu thun, wenn es täglich 60—80 Köpfe fallen läßt. Eine Zahl, welche fast immer gleich ist, flößt keine Furcht mehr ein; man gewöhnt sich daran, man muß sie verdoppeln, dann wieder erhöhen." „Wie schwach ihr zu Paris seid," rief Collot d'Herbois aus, „man sieht wohl die Verweichlichung einer großen Hauptstadt l Könnt ihr eure Ohren denn nicht an den Kanonendonner gewöhnend) Die Feinde des Vaterlandes zu köpfen, zeugt von Furchtsamkeit, ihr müßt sie zerschmettern, ich habe es hundertmal gesagt!" Also kam man überein, die Zahl der Verurtheilten einstweilen zu verdoppeln und sie wenigstens auf 150 täglich zu bringen. Von nun an kannte das aus Männern von der Wahl Nobespierre's bestehende Revolutionstribunal keine Freisprechung mehr?) Die Gefängnisse der Hauptstadt waren mit Verhafteten überfüllt. Um sie zu entleeren, wurden täglich 150 bis 160 Personen vor das Tribunal geführt und alle ohne Bedenken zum Tode verurtheilt. Die Jury, die Personi- fication des Nationalgewissens, lag während der Verhandlung oft gähnend auf den Bänken und verdammte nach geendigten Debatten, bet welchen übrigens nur Ankläger und Belastungszeugen gehört wurden, ebenso handwerksmäßig, als der Scharfrichter guillotinirte. Die verbrecherische Leichtfertigkeit, mit welcher Richter und Geschworene verfuhren, spottete aller Beschreibung. Es ereignete sich nicht selten, daß Personen vor das Tribunal gefordert wurden, welche schon längst guillotinirt waren. Ebenso war es den Gerichtsboten überlassen, welche Personen sie mitnehmen wollten. Die Physiognomie der sogenannten Verdächtigen, und -verdächtig war Alles, was sich von den Sanscülotten in irgend welcher Weise unterschied, war genau bestimmt worden. Die Sicherheitskarten, welche dem Inhaber derselben den Nachweis seines revolutionären Bürgersinnes ermöglichen sollten, hatten jetzt ihren Werth verloren. Man wurde von allen Seiten angefallen, um Rechenschaft über seinen Civismus abzulegen. Furcht vor den Polizeiagenten verwandelte alle öffentlichen Plätze in Einöden. Jeder ruhige, besonders aber jeder begüterte Bürger bestellte täglich sein HauS in der Voraussetzung, die nächste Nacht verhaftet zu werden. Man hatte mit dem Leben abgeschlossen und glaubte, daß nur ein glücklicher Zufall Rettung bringen konnte. Denn in dem kurzen Zeitraume von wenigen Monaten endeten in PariS allein 13,700 Personen, darunter 3400 Frauen und Jungfrauen, auf dem Blutgerüste. Es ist wohl mit gutem Grunde anzunehmen, daß, wenn die Sicherheit der Schreckensmänner nicht selbst bedroht gewesen wäre, die Hinrichtungen auf unberechen- Nobespierre beabsichtigte, Frankreich auf ein Fünfttheil seiner Einwohner zurückzuführen. Eine Anspielung auf seine Lyoner Füsilladen. °) Richter und Geschworene waren aus dem Abschaum der Gesellschaft zusammengesetzt. Einige waren bald nach ihrer Entlassung von den Galeeren ToulonS auf die Nichterbank gelangt, Andere hatten während der Septembermorde ihr Verbrecherthum dokumentirt. 485 bare Zeit hinaus ihren Fortgang genommen haben würden. Denn nach dem Tode ihres Zwtngherrn, als die ihnen gemeinschaftlich drohende Gefahr vorübergezogen war, versuchten sie alsbald wieder den Terrorismus zu erneuern und bekämpften alle Maßregeln, welche eine humanere Gestaltung der revolutionären Zustände herbeiführen konnten. Nobespierre, welcher von der wider ihn in Gang gebrachten Verschwörung wohl unterrichtet war, glaubte das Gewitter durch die Macht der Rede im Konvente allein beschwichtigen zu können und wies alle Rathschläge, welche persönlichen Muth voraussetzten, scheu zurück. Seine Freunde riethen ihm, die Truppen Henriot's, des Kommandanten von Paris, der Nobespierre ergeben war, nach dem Konvente zu beordern, die Ausgänge des Sitzungssaales besetzen und die Mitglieder beider Aus- schüsse als Volksverräther im Namen des Gesetzes verhaften zu lassen. Dieser Vorschlag, der Nobespierre gerettet haben würde, machte ihn erblassen. Er verlor den Kopf, wenn er persönlich handeln sollte. Hatte er sich doch den 20. Juni und 10. August verkrochen, und jetzt wagte er es nicht, sich an einem Tage zu zeigen, an welchem er das Ziel seiner Wünsche erreichen, sich die Dictatur erkämpfen sollte °). Der Konvent kam den 9. Thermidor — 27. Juli — um die gewöhnliche Stunde zusammen. Nobespierre bemerkte, daß die Mäuner des Berges noch nie so entschlossen und drohend ausgesehen hatten, wie heute. Ihre Reihen sind gedrängt, dicht, geschlossen, aber seine Bank — ist leer, verlassen, von Allen gemieden. Seine Gegner sind übereingekommen, mit ihrem Angriff auf ein verabredetes Zeichen zu warten. Dieses Zeichen wurde gegeben, als St.-Just, der Vertraute Nobespierre's/) das Wort ergriff, um dem häufig wiederkehrenden Gerüchte über eine Spaltung im Schooße des Wohlfahrtsausschusses entgegen zu treten. Weit kam der Redner nicht, denn schon stand Tallien, Nobespierre's böser Dämon, ueben ihm, drängte ihn von der Tribüne, und indem er sich gegen den Gefürchteten wandte, entfesselte er in der Versammlung einen Beifallssturm, wie er noch niemals im Konventsaale gehört worden war. „Schlagen wir mit festem Arme zu," rief er aus. „Laßt uns bis auf die Bänke des Nevolutionstribunals, bis in die Schreibstuben der Jakobiner, in die des Gemeinderaths ihn und seinen aus Spitzbuben und Verbrechern bestehenden Anhang verfolgen! Laßt uns endlich so vielen feigen Angriffen auf die Menschheit und ihre heiligen Rechte ein Ziel setzen! ^) Ueber was rann sich denn der Tyrann beklagen? Kommt er nicht durch die von ihm selbst geschmiedeten Waffen um, von denen er einen so fürchterlichen Gebrauch wider uns gemacht hat? Haltet ihn fest, er würde uns Alle vernichten, wenn man ihn frei von hinnen ließe!" Tallien schien eine absolute Gewalt auf die ganze Versammlung erlangt zu haben. Der Berg erhob sich mit einem Male, um Nobespierre's Verhaftung zu verlangen. Dieser, von seiner Betäubung, in welche ihn Tallien's Angriff ver- b) Als man Nobespierre gerathen hatte, sich der Truppen Willen manchmal zu P-erds zu zeigen, wollte er reiten lernen, mußte aber vie Uebungen bald wieder einstellen, da er sich der Furcht vor diesen Thieren nicht zu entledigen vermochte. ') St.-Just, vordem Marquis von Fontinvtlle, Mitglied des Wohlfahrtsausschusses, hatte mit Couthon und Lebas zu Nobespierre gehalten. b) Tallien hatte selbst diesen heiligen Rechten, zumal als öffentlicher Ankläger beim Revolutionstribunal, Hohn gesprochen. setzte, zurückgekommen, versuchte nun alles Mögliche, um zum Worte zu kommen. Aber „nieder mit dem Tyrannen" scholl es durch den Saal, und die Tribünen hallten beifällig wieder. Nobespierre's schneidende, gellende Stimme durchdrang die donnernden, brüllenden Stimmen seiner Feinde. Bald erkletterte er die Neduerbühne, bald stieg er auf den Stuhl des Präsidenten.^) Dieser blieb taub für sein Geschrei. Nun entspann sich ein fortwährender Kampf zwischen der Klingel des Präsidenten und Nobespierre's Stimme. In Verzweiflung suchte er mit glühenden Blicken Diejenigen, welche ihm im Glücke am meisten geschmeichelt hatten. Umsonst! „Zum letzten Male, Präsident der Meuchelmörder," schrie er jetzt, „verlange ich das Wort!" Die Klingel antwortete ihm abermals. Jetzt änderte Nobespierre seinen Plan und stürzte nach den Bänken, wo Vergniaud's Freunde sitzen. „Wir müssen," rief er ihnen zu, „einander gegen die gemeinschaftlichen Feinde unterstützen, die seit langer Zeit Euren Tod geschworen haben und nun den meinigen verlangen!" „Zurück von diesen Bänken," erwiderte ihm Ferrand, „Du besudelst sie durch Deine Gegenwart. Vergniand und Condorcet saßen hier." ") Nobespierre fängt nun abermals den Kampf mit des Präsidenten Klingel an. Aber schon versagt ihm die Stimme. „Man will mich morden," keucht er. „Hast Du den Tod nicht etwa verdient, tausendfach verdient?" antwortet man ihm. Noch immer will er sich Gehör verschaffen. Aber man reißt ihn zurück, und Garnier, welcher bemerkt, daß seine Stimme sich verändert hat, schreit ihm zu: „Das ist Dantons Blut, das in Deinem Rachen zusammenströmt und Deine Sprache erstickt!" Er heult und droht, vcrzweiflungsvoll wirft er sich auf die Bänke, dann springt er wieder auf. Der Mund schäumt, Rache blitzt ihm aus den Augen. Die Abstimmung über seine Verhaftung machte dieser fürchterlichen Scene ein Ende. Dieselbe wurde bis auf sechs Stimmen einstimmig unter dem Rufe „Es lebe die Republik" angenommen. „Die Republik!" kreischte Robespierre, „es gibt keine mehr, die Spitzbuben siegen!" Mit ihm wurden zugleich sein Bruder, dann St.-Just, Couthon und Lebas in Verhaft genommen. Gegen Dumas, den berüchtigten Präsidenten des Nevolutionstribunals, Henriot und sämmtliche Chefs der Nationalgarden wurden Ver- haftsdekrete erlassen. Noch in der nämlichen Sitzung ließ der Konvent den ehedem so Gefürchteten vor die Schranken schleppen, um sich an seiner Demüthigung zu weiden. Ein fragender Blick, den er nach den Galerien warf, wo das tugendhafte Volk") sich drängte, erhielt ein Zischen zur Antwort. „Die Banditen siegen," knirschte er mit verhaltenem Grimme, indem er sich den Schranken näherte, wo Gendarmen seiner harrten, die ihn mit feinen Freunden in den Luxembourg bringen sollten. Der furchtbare Nobespierre war zwar gelähmt, aber noch nicht zerschmettert. Ihn zu retten, durcheilt Henriot mit seinen Helfern die Straßen der Hauptstadt und schreit über Rebellion und Aufruhr bis unter die Fenster der Tuilerien. Er überwältigt deren Posten, rückt mit feiner Artillerie in die Höfe des Nationalpalastes ein und dringt bis zu dem Konventssaale vor, um die Mitglieder beider °) Es war Thnriot, dem Nobespierre früher wiederholt mit dem Tode gedroht hatte. '°) Führer der Gironde, welche vornehmlich durch Nobespierre's Einfluß gestürzt wurden. Vergniand wurde hingerichtet, Condorcet nahm Gift. ") Nobespierre sprach im Konvente und Jakobinerklub stets vom tugendhaften Volke. 486 Negierungsausschüsse zu verhaften. In diesem Augenblicke höchster Gefahr erklärt der Konvent Robespierre, Henriot und ihre Anhänger außer dem Gesetz. Die Menge auf den Tribünen nimmt Partei für die Versammlung, drängt die Angreifer zurück, die sich feige zurückziehen, um nach dem Stadthanse zu eilen, wohin inzwischen Robespierre, dem Gewahrsam im Luxembourg entkommen, von seinen Freunden gebracht worden war. Er benahm durch feine Angst allen Denjenigen den Muth, die ihn zu vertheidigen herbeigekommen waren. Die Cowmiffäre des Gemeinderaths, welche die Vorstädte für RobeSpierre in Bewegung setzen sollten, hatten nichts bewirkt. Man war der abscheulichen Hinrichtungen endlich müde^) und gab zur Antwort: „Wenn wir vor Hunger sterben, so wird uns das Schauspiel einer Hinrichtung von hundert sogenannten Aristokraten gegeben, unter denen oft die besten, für unser wirkliches Wohl besorgten Patrioten sind. Will man uns mit Menschenfleisch speisen und mit Blut tränken? Nobespierre hat alle Freiheit und alle Menschen- rechte unterdrückt, und nun sollen wir uns eines solchen Tyrannen annehmen?" Um 11 Uhr Nachts rückt BarraS, der von dem Konvente zum Befehlshaber der bewaffneten Macht ernannt worden war, vor das Stadthaus, ordnet seine Truppen zum Angriffe und läßt die Dekrete, zu deren Vollzug er beordert ist, bekannt geben. Henriots Kanoniere schreien: „Es lebe der Konvent!" und richten ihre Geschütze gegen den Gemeinderath, den sie noch eben zu vertheidigen geschworen hatten. Man dringt nun in das Stadthaus, die Treppe hinauf in den Versammlungssaal, wo sich die Geächteten nach kurzem Widerstände ergeben. Um dem Blutgerüste zu entrinnen, drückte Nobespierre ein Ptstol in seinen Mund ab, zerschmetterte sich aber nur die Kinnlade. Sein Bruder stürzte sich aus dem Fenster und brach beide Schenkelbeine. Couthon, unter einem Tische versteckt, versuchte sich durch Messerstiche zu todten. Alle, ausgenommen Lebas, der sich zu gleicher Zeit zwei Pistolen in die Schläfe feuerte, hatte man lebendig bekommen, unter ihnen Dumas, Fleuriot, den Maire, Coffin- hal, einen der Tribunalsrichter, Payan und Simon, jenen Elenden, dem der Sohn des unglücklichen Ludwig XVI. zum Opfer gefallen war. Henriot ward von Coffinhal, der ihm Alles zur Last legte, aus einem Fenster geworfen. Unversehrt verbarg er sich in einem Abzugsgraben, wo ihn aber Gendarmen entdeckten und ihn durch Säbelhiebe zur Ergebung nöthigten. Robespierre wurde auf einer Art von Bahre bis an die Thüre deS Konventssaales getragen, um ihn der Versammlung zu zeigen. Auf dem Wege dorthin näherte sich ihm ein Bürger mit den Worten: „Ja, Nobespierre, es gibt ein höchstes Wesen, und die Vergeltung harret Deiner!" Man setzte ihn in dem Sitzungssaals des Wohlfahrtsausschusses ab, wo er, geschüttelt von Fieberschauern und ohne einen Laut von sich zu geben, zwei volle Stunden verbrachte. Dann trug man ihn in das Hospital, Hotel Dieu, wo ein Wundarzt ihn verbinden mußte, und zuletzt in die Conciergerie, den letzten Aufenthaltsort der zum Tode Verurtheilten. ") Als man gegen 8 Uhr Abends noch 80 Berurtheilte nach dem Richtplatze führte, warf sich das Volk auf die Karren, hielt diese an und verjagte die Eskorte. Aber im selben Augenblicke sprengte Henriot mit seinen Leuten heran» sammelte die zerstreuten Gendarmen wieder, ließ mit den Säbelklingen auf das unbcwaffnete Volk einhauen — der Todtenmarsch wird fortgesetzt und am Tage der Rettung müssen 80 Schlachtopfer durch einen bereits verhafteten Verbrecher fallen. Am Morgen des 28. Juli vor das Revolutionstribuna! geführt, waren ihm Bewußtsein und Sprache wieder gekommen. In Anbetracht des Umschwunges politischer Machtverhältnisse mußte Nobespierre verurtheilt werden. DaS Schaffst wurde für ihn auf dem Revolutionsplatze, nämlich da errichtet, wo so viele Tausende zur Beschleunigung seines Sturzes geblutet hatten. Der Karren, welcher Robespierre mit 21 seiner Anhänger trug, wurde auf dem Wege zur Richtstätte vor dem Hause des Tischlers Duplaix längere Zeit angehalten. *b) Das Volk, welches beim Anblicke Nobespierre's in ein Wuthgeheul ausbrach, wollte es so haben. Eine Gruppe von Weibern umtanzte mit bacchantischer Wildheit die Verurtheilten. Dem Zuge voran hüpfte ein Weib und schrie: „Dein Tod macht mich vor Freude trunken, Nobespierre, hinunter mit Dir in die Hölle, der Du von allen Müttern und Gattinnen verflucht bist!" Auf dem Richtplatze wurde ihm mit Gewalt die Binde, welche seine Wunde bedeckte, abgerissen. Er stieß einen fürchterlichen Schrei aus, dann wurde er auf's Brett gelegt. Um 5 Uhr Abends fiel sein Haupt. Die Leichname der Hingerichteten warf man in eben die Gruben, welche kurz vorher gegraben wurden, um die Körper mehrerer Hunderte von Schlachtopfern aufzunehmen, welche von Nobespierre bereits dem Tode geweiht waren. ' ' - Mangel an genügendem Schlafe — eine Hauptnrsache der Nervenschwäche. Eine hygieinische Betrachtung von L. H. (Nachdruck «nboteu.1 Einig sind die Schriftsteller und Dichter aller Zeiten und Nationen im Lobe des Schlafes. Der Schlaf gewährt ja Erquickung dem Ermüdeten, Ruhe dem Verfolgten und Umhcrgetriebenen, er bietet Trost dem Kummervollen und Linderung dem Leidenden; er ist das Grab der Leiden und die Auferstehung zu neuer Kraft und Heiterkeit. Tertulliau nennt den Schlaf wackiaus vperuw, oui legitime trusnäo äie3 cwäit, nox IsAsor Isoiti Lukersns rerum etiarn eolorsw; der Schlaf ist etwas Heiliges, deßhalb weicht gleichsam voll Ehrfurcht der Tag, damit man diese HimmelSgabe genießen könne, die Nacht hat ihn znm Gesetze gemacht, indem sie den Dingen im geheimnißvollen Dunkel die Farbe nimmt. Wenn nur dieses „Gesetz der Nacht" auch immer beobachtet würde! Schon Seneca tadelt diejenigen, welche auf unserem Erdtheile mit unseren Antipoden wachen, während wir schlafen bei Nacht, und mit unseren Antipoden schlafen, während wir wachen bei Tag. Wenn Seneca heute zu uns käme, würde er uns nicht auch tadeln müssen, daß wir das „Gesetz der Nacht" ganz oder doch theilweise übertreten? Fast jeden Abend ist in den Städten etwas anderes los: ein Theater, eine Vereinsversammlung, ein Concert, eine Arbeiterversammlung u. f. w. Dabei regt sich der während der Tagesarbeit erschlaffte Organismus in einem Nebelmeere von Tabaksqualm beim Genusse geistiger Getränke stark auf; erst um 11, 12 oder 1 Uhr wird dem müden Körper gestattet, sich zur Ruhe hinzustrecken auf's Lager — aber welch ein unruhiger, gestörter, unerquicklicher Schlaf! Und nach 5 oder 6 Stunden muß die Arbeit wieder aufgenommen werden. Die Folge dieser unserer Lebensweise ") Im Hause Duplaix' hatte Robespierre seit Beginn der Revolution gewohnt. 487 ist aber eine sehr traurige, es ist die in allen Standen immer mehr um sich greifende Neurasthenie oder Nervenschwäche. In den Annalen der Elektro - Homöopathie und Gesundheitspflege (Monatsschrift des elektro-homöopathtschen Institutes in Genf, 3. Jahrgang, 1893, Nr. 1, S. 3) schreibt A. v. Fellenberg-Ziegler in einem Aufsätze „über die Folgen und Nachtheile ungenügenden Schlafes" folgendes beherzigenswerthe Wort: „Ich bin überzeugt, daß der fast allgemein herrschende Mangel an ausreichend genügendem Schlafe des Nachts bei den Stadtbewohnern eine Haupt-, ja bei vielen, die alle Excesse meiden und mäßig und vernünftig leben, vielleicht einzige Ursache der herrschenden Neurasthenie (Nervenschwäche) ist." Während des Schlafes soll ja der Körper neue Kräfte sammeln zum Zwecke fernerer Leistungsfähigkeit; im Schlafe erschlaffen sämmtliche der Willkür unterworfenen Muskeln und häufen durch den während desselben ununterbrochen vor sich gehenden Stoffwechsel neue Lebenskraft in sich auf, wodurch sie dann befähigt werden, der an sie gestellten Forderung zu erneuter Thätigkeit Folge geben zu können. Während des Schlafes soll also Wiederersatz der durch die wachende Thätigkeit aufgewendeten Stoffe und Kräfte vor sich gehen — daher haben schon die alten Lateiner den Schlaf einen reäiuta- Zrator viiiam, Wiederhersteller der Kräfte, genannt — und es leuchtet sofort die ungeheuere Wichtigkeit desselben ein für die Stärkung des Körpers, die Erhaltung der Gesundheit, die Verlängerung des Lebens. Mangel an genügendem, restaurirendem Schlafe muß also zerstörend auf den Organismus einwirken. „Das durch keinen Schlaf eingeschränkte Leben," sagt Ph. K. Hartmann (Glückseligkeiislehre für das physische Leben des Menschen, Leipzig 1862, S. 115), „verzehrt gleich beständig angefachtem Feuer den thierischen Körper, verursacht Abmagernng, große Schwäche, Wassersucht, Abzehrung und hitzige Fieber von der gefährlichsten Art; oder die Organe der Phantasie verfallen in ausschweifende Thätigkeit, überwältigen die äußeren Sinne und die Vernunft, und es entstehen Schwermuth, quälende Seelennnruhe und Wahnsinn. Je rascher das Leben eines Menschen in sich ist, je weniger er zuzusetzen hat, desto bedürftiger ist er des Schlafes und desto verderblicher für ihn der Abbruch desselben. Sehr arbeitsame, magere und nervenschwache Menschen können daher ihrer Gesundheit nicht empfindlicher zusetzen, als wenn sie sich den Schlaf entziehen; sie haben vielmehr das Recht, ihn eine Stunde länger zu genießen als andere, und schwerlich wird es ein wirksameres Erholungsmittel für sie geben." Schlaf ist dem Körper so nothwendig wie Nahrung, ja noch nothwendiger; denn „Mangel an genügendem, restaurirendem Schlafe des Nachts zehrt mehr an den Körper- und insbesondere au den Nervenkräften, als ungenügende Nahrung. Schlafentziehung greift erwiesener Maßen den Organismus und besonders das Nervensystem ohne Vergleich viel mehr an als Nahrungsmangel". v. Fellenberg 1. o. Denn die Muskelsnbstanz, die der Körper durch Arbeit und Wachen verliert, kann zwar durch Speise und Trank wiederersetzt werden, die Nervensubstanz aber wird nur wahrend des Schlafes ersetzt. Da nun bei geistiger Arbeit die Nerven mehr in Mitleidenschaft gezogen werden, als bei körperlicher, so. ist geistig Arbeitenden der Schlaf noch viel nöthiger als körperlich Angestrengten. „Wer geistig angestrengt arbeitet," sagt der bekannte Pilosoph Stock! (Phil. Bd. 2, S. 407), „bedarf des Schlafes ebenso gut, als derjenige, welcher große körperliche Anstrengungen zu bestehen hat, ja vielleicht bedarf er dessen noch mehr, weil die geistige Arbeit gerade die Centralorgane des sensitiven Organismus in hohem Grade in Mitleidenschaft zieht." Der durch seine Pastoraltheologie berühmte Praktiker Dr. Stöhr schreibt diesbezüglich (Pastoraltheologie S. 190 sf.): Es ist eine durchaus irrthümliche Ansicht, zu glauben, daß gerade ein mit grobkörperlicher Arbeit verbundenes Tagewerk ein stärkeres Bedürfniß nach Schlaf mit sich bringe. Ich gebe zu, daß in einem solchen Falle das Gefühl physischer Ermüdung besonders augenfällig ist und den Ermatteten in unwiderstehlicher Sehnstnht nach Muskelruhe auf das Lager zwingt; aber der vollkommen gesunde Erwachsene hat dann nach wenigen Stunden tiefen, todähnlichen Schlafes die volle Elasticität der Glieder wieder gewonnen, und sein ganzes Wesen athmet eine Frische und Verjüngung, die sich in der selbstbewußten sicheren Weise seines Gebahrens kundgibt. Nach starken geistigen Anstrengungen dagegen zittern noch während der ersten Zeit des Schlafes die mächtigen Erregungen der vorausgegangenen Stunden nach, das gesammte Nervensystem bedarf längere Zeit, um zur vollkommenen Ruhe zu kommen, in lebhaften Traumbildern klingen noch die Eindrücke nach, die das Gehirn tagsüber erfahren hat, und nach dem Erwachen lastet oft genug noch ein Gefühl von Druck bleischwer auf Stirn und Schläfen, und mit eigenthümlicher Verdrossenheit beginnen die Vorstellungen sich zu ordnen, um all- mälig Gestalt und Farbe zu bekommen; es muß eine bestimmte Zeit verstreichen, bis sich das Wirrsal halbfertiger und ungeordneter Gedanken zu voller Klarheit und Bestimmtheit aufgehellt hat. Und gerade für den Gelehrten, der vielleicht die besten Stunden des Tages um des lieben Geldes willen in einem geistesleeren oder wenigstens tief unter seinem Wollen und Können stehenden Frondienst verzetteln muß, liegt die Versuchung so nahe, durch das Opfer des Schlafes sich etwas von jener Muße zu erkaufen, die er sonst vergebens während jener Zwangsarbeit in der beruflichen Tretmühle herbeisehnt, die nun einmal für die meisten von uns zum „Kampf um's Dasein" gehört. Es ist ein erhabenes Gefühl, diese Stunden der Nacht, die man siegreich dem unabweisbarsten Bedürfnisse der menschlichen Natur abgezwungen hat, so ganz sein eigen nennen zu können. Wenn der letzte Tritt in den Straßen verhallt ist und jene tiefe, geheimnißvolle Stille sich ringsum gelagert hat, die so fruchtbar an Entwürfen und Bildern ist, dann fühlt sich der Wachende Herr und König in dem weiten Reiche des Gedankens, die kleinlichen Sorgen und Plagen des Tages sind entschwunden und vergessen, und in dem Bewußtsein, vor jedem lästigen Störenfried sicher, die ganze Kraft des Geistes zur That zusammenraffen zu können, kann er mit früher nie geahnter Leichtigkeit und Ungcstörtheit zur Arbeit ansetzen. Aber der Preis, den er für die kostbare Waare — Zeit — gezahlt hat, ist ein hoher: Leben und Gesundheit! Die Widerstandsfähigkeit der Mannesjahre und der Enthusiasmus geistigen Schaffens sind lange Zeit im Stande, den Körper vor den Folgen dieser naturwidrigen Entbehrung zu schützen; aber es kommt der Tag, au dem die künstlich erhaltene 488 Gleichgewichtslage in's Schwanken geräth, an dem der stolze Wille sich beugen muß vor der physiologischen Nothwendigkeit, und von diesem Tage an nimmt die gekränkte Natur schwere Rache für die erlittene Unbill. Die Strafe erfolgt durch das, womit man gesündigt: der Schlaf, um den man so ^ange den Organismus betrogen hat, flieht das müde Auge, ängstigende Träume machen die kurze Ruhe, die das überreizte Gehirn endlich doch gefunden hat, zur Qual, ein ganzes Heer nervöser Erkrankungen bedroht den Genuß des Daseins, und der lebensfrische, erfotgessichere Mann wird zum ängstlich sorgenden, daseinssatten Hypochonder. Daß auch schwerere Gewcbserkrankungen des Gehirns und Rückenmarks mit Lähmungen, Krämpfcn oder ausgesprochener Geistesstörung als Folge von ungebührlich ausgedehnten Nachtwachen sich einstellen können, erwähne ich nur nebenbei; es sind der düsteren Züge in diesem Bilde ohnedieß genug. Der Versuch mancher, den Nachts entgangenen Schlaf am Tage nachzuholen oder wenigstens durch das Mittagsschläfchen in etwas zu ersetzen, kann vom hygieinischen Standpunkte aus nicht gebilligt werden. „Das Verwechseln des Tages mit der Nacht, indem man jenen zum Schlafe und diese zur Arbeit oder Belustigung bestimmt, muß, wenn es längere Zeit getrieben wird, üble Folgen hinterlassen. Nie kann der Schlaf am Tage so ruhig fein als in der Nacht; er wird durch das Licht, die größere Wärme, das Getöse der Geschäfte beunruhigt und mehr zu einem träumenden Schlummer als zu einem stärkenden Schlafe." Hartmann 1. o. S. 115. Auch von Fcllenberg-Ziegler sagt: „Der Schlaf am Tage ist nur ein Nothbehelf und wirkt nie so wohlthätig und restaurirend wie der normale ruhige Nachtschlaf, den er nicht ersetzen kann." Am naturgemäßesten wäre es eben, wie der schon citirte Stöhr meint, mit den Vögeln zur Ruhe zu gehen und gleich ihnen das erste Grauen des Tages wach zu begrüßen; allein der Zwang, den wir uns als Glieder einer Gesellschaft, die längst mit den reinen Instinkten streng naturgemäßer Lebensweise gebrochen hat, anthun müssen, macht solche hygieinische Forderungen unausführbar. Doch sollte man wenigstens ein paar Stunden vor Mitternacht für den Schlaf gewinnen. Die Volksmeinung legt darauf einen hohen Werth, und nicht mit Unrecht. Die Gewohnheiten der Londoner Aristokratie, die kurz vor Mitternacht ihre Salons eröffnet und dann am andern Morgen bis tief in den Tag hinein der Ruhe pflegt, sind hygieinisch durchaus verwerflich. Der Tag mit seiner Fülle von Licht und Thätigkeit gehört dem Wachen, und wenn auch die nothwendige Dauer der Ruhe in vollem Maße beibehalten wird, so wird doch immer nach kürzerer oder längerer Zeit für die vernunftwidrige Umstellung der Tageseintheilung der schlimme Lohn folgen. Welches ist denn nun eigentlich, um zum Schlüsse zu eilen, die nothwendige Dauer der Ruhe S Wir wollen keineswegs den Siebenschläfern das Wort reden. „Uebermaß an Schlaf entzieht dem Leben eine große Menge erweckender Reize und bringt dadurch Kälte, Trägheit und Schwäche in dasselbe. Alle Verrichtungen gehen nur schleichend von Statten, der Körper wird aufgedunsen und nnbehilflich, die Seele dumm. Der Langschläfer beraubt sich des schönsten Theiles seines Lebens, seiner menschlichen Würde und stellt sich einem Heere von Krankheiten bloß." Hartmann I. o. S. 116. Wenn wir aber im Allgemeinen 8 Stunden Schlaf fordern für einen Erwachsenen, so bezeichnet diese Zahl kein Uebermaß, sondern das von der Natur Geforderte. „Wie physiologisch nachgewiesen ist, hat der normale erwachsene und arbeitende Mensch durchschnittlich 8 Stunden Schlaf oder doch wenigstens Bettruhe nöthig, um neue Kräfte zu sammeln." v. Fcllenberg-Ziegler 1. o. S. 5. '» « v -r —- AlLeriei. Zehn Rauchregeln. Dieselben sind zusammengestellt von Or. E. Keibel und lauten wie folgt: 1. Rauche nie eine Zigarre weiter, die nicht zieht oder nicht luftdicht ist, kurz eine solche, die nicht brennt, denn unter solchen Umständen geht viel Nikotin in den Rauch über und damit auch in den Körper des Rauchers. 2. Rauche in der Pfeife nur ganz leichten Tabak; schwerer Tabak entwickelt namentlich in Pfeifen, wo der Luftzutritt meist ungenügend ist, viel Nikotin. 3. Hüte dich vor dunklen Zigarren; sie enthalten, da sie eine starke Gährung durchgemacht haben, viel Ammoniak. 4. Da erfahrungsgemäß importirte Havaunazigarren am schädlichsten wirken, so rauche man dieses Kraut nur selten, höchstens 1—2 Stück am Tag und dann stets nach Tisch. 5. Rauche nie eine Zigarre bis zum Ende. Je kürzer die Zigarre wird, desto schwerer wird sie. Hüte dich auch vor dem Schlucken des Rauches, den der Magen wird durch das scharfe Nikotin gereizt. 6. Rauche womöglich keine Zigarre, die ausgegangen und liegen geblieben ist, von neuem an. 7. Wenn irgend möglich, so rauche aus einer Pfeife mit recht langem Rohre, man sei aber peinlich sauber mit dem Rohre, weil sich sonst darin mit der Zeit viel Nikotin ansetzen würde. 8. Rauche weder Zigarre noch Zigarette ohne reinliche Zigarrenspitze; durch Kauen und Zerbeißen der Zigarre gelangt viel Nikotin in den Speichel; zudem können durch Zigarren gewisse Krankheiten wie z. B. die Schwindsucht, übertragen werden. 9. Kein Mensch soll vor seiner vollständigen körperlichen Ausbildung, also etwa vor dem 20. Lebensjahre, rauchen. 10. Weder Zigarre noch Zigarette, noch Pfeife rauche man, ohne Lust dazu zu haben. — Kirchthürme ohne Uhrwerk sind auch in Deutschland auf dem Lande keine Seltenheit. Mehrere französische Landpfarrer wußten dem Mangel eines Schlagwerkes an der Kirchenuhr oder dem gänzlichen Mangel der letzteren auf ebenso einfache als sinnreiche Art dadurch abzuhelfen, daß sie an der Glocke im Kirchthurm einen Hammer anbringen ließen, der durch einen Elektromagnet, welcher mittelst elektrischer Leitung mit einer beliebigen Wanduhr im Pfarrhause verbunden ist, in Bewegung gesetzt wird, so oft die Uhr im Pfarrhaus zum Schlage aushebt. Die ganze Einrichtung verursacht nur geringe Kosten und ist so einfach, daß sie von jedem Fachmann, der sich auf die Anlage elektrischer Klingeln versteht, hergestellt werden kann. Vorsichtig. Richter: „Was ist eigentlich Ihre Beschäftigung?" — Angeklagter: „Akrobat!" — Richter: „Schließen Sie 'mal sofort das Fenster, Gerichtsdienerl" --EZS--