M 65. Ireitag. den 10. August L894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg m kaiserlichen Heere den Feldzug 1866 in Böhmen mitgemacht und lebte nunmehr, nachdem er den Kriegsdienst verlassen hatte, seit dem Tode seines Vaters auf seiner Gütern rm un- fcrnen Hohenems. Schon am 22. Februar des nächsten Jahres (1870) führte er (eine stebe Braut in München zum Altare. Die Trauunq wurde von einem nahen Verwandten, dem jetzigen Domdechanten von Nottenbnrg Grafen August oon Waldbucg-Wo fegg, in der ?rzbischöflicheu Hauskapcll? vollzogen. Diese Verbindung zwischen den beiden erlauchten Häusern war nicht die erste- Eine sei hier besonders hervorgehoben Einer der berühmtesten Ahnen des Grafen, nämlich Neichserbtruchseß Georg von Waldburg (f 1531)—„Bauernjörg" zugcnaunt — als Hauptmann des schwäbischen Bundes der Schrecken der fränkischen Raubritter und der wilden Horden des Bauernkrieges, hatte im Jahr. 1514 die Gräsin Marie von Oettingen zur Gemahlin genommen, deren Vater Joachim von dem berüchtigten Raubritter Hans Thomas v. Absberg ermordet worden war. Jnsoferne konnte das Brautpaar also auf vormalige gemeinsame Stammeltern zurückblicken. Erhebender war der Rückblick auf eine der größten Frauen Deutschlands, auf die hl. Elisabeth von Thüringen, von welcher weiblichcr- seits abzustammen beide Theile sich rühmen konnten; fügen wir noch bei, daß Braut und Bräutigam auch die heilige Herzogin Hebwig von Schlesien unter ihre älteren weiblichen Ahnen zählen konnten. Welch' erhabene Beispiele unter den Voreltern! und wahrlich, die späte Enkelin war ihr ganzes Leben bemüht, sich solcher Ahnen würdig zu erweisen. So haben wir denn die junge Frau bis zum Ein- tritte in ihre nunmehrige traute Häuslichkeit in Hohenems begleitet; betrachten wir nun auch ihr stilles, segensreiches Wirken im Kreise der Ihrigen und nach außen während der 24 Jahre, die sie hier an der Seite ihres geliebten Gemahles in glücklichster Ehe verlebte. Losgerissen aus dem Getriebe der großen Welt, getrennt von ihren theueren Angehörigen, fern ihrer geliebten Heimath, fand sie sich mit bewunderungswürdigem Geschick in die neuen Verhältnisse in dem so stillen und entlegenen Hohenems. Behielt sie auch ihre alte Heimath, namentlich ihr 603 liebes Ries, immer im freundlichsten Andenken, verfolgte sie auch die Angelegenheiten ihres früheren Vaterlandes stets mit dem lebhaftesten Interesse, und blieb sie auch ihren Verwandten zu Hause mit der gleichen Liebe wie früher zugethan, so war doch ihre Hauptsorge fortan ihrem neuen Heim und ihrer neuen, sich bald mehrenden Familie zugewendet. In treuer, genauer Erfüllung ihrer Berufspflichten als christliche Hausfrau und Mutter suchte sie ihren Lebenszweck. Bei solcher Gesinnung vermißt man nicht die Freuden der grcßen Welt, findet man keine Zeit zur Langweile; der Tag scheint eher zu kurz, als zu lange. Daß die Gräfin den Tag stets — Sommer wie Winter — mit Anhörung der hl. Messe begann, erwähnen wir hier der Vollständigkeit wegen, obgleich es eigentlich überflüssig wäre, da sich das bei einer gut katholischen Edeldame, der sich hiezu die Gelegenheit bietet, von selbst versteht. Der ganze übrige Tag war der Thätigkeit gewidmet; müßig hat sie wohl Niemand je angetroffen. Leitung des Hauswesens, weibliche Handarbeiten für das Haus und die Kinder wechselten mit Arbeiten für die Armen und die Kirche. Erholung gewährten Spaziergänge in der so romantischen Umgebung von Hohenems, oder Lektüre gediegener Bücher, oder auch hie und da Musik. Der wohlgeordnete Zustand ihrer Seele spiegelte sich nach außen in ihrem musterhaften Ordnungssinne ab; Einhaltung der Zeitcintheilung, Ordnung in allen Räumen und Gemächern, Ordnung in allen Beschäftigungen, darauf hielt sie vor Allem; auch der kleinste Fehler wider die Ordnung entzog sich nicht ihrem stets wachsamen Auge und wurde sofort abgestellt. Wenn sie nun auch von der Dienerschaft dieselbe genaue Pflichterfüllung forderte, die sie sich selbst zur Regel gemacht hatte, so war sie ihren Dienern doch eine stets gütige und freundliche Herrin, die eben so sehr für deren geistiges als materielles Wohl bedacht war. Dafür zeugt der Umstand, daß im Hanse stets langjährige Diener zu treffen waren. Mit dem Heranwachsen der Kinder — Gott hatte ihr 2 Söhne und 3 Töchter geschenkt — wuchsen die Sorgen für deren Erziehung. Die Kinder zu guten Christen zu erziehen, daß dies die erste Pflicht der Eltern sei, darin war sie mit ihrem lieben Gemahle ganz einig, und dahin ging vor Allem ihr Streben; die Aufgabe wurde sehr erleichtert durch ihr eigenes Beispiel; das Beispiel der Eltern in Erfüllung der religiösen Pflichten, die Angewöhnung der Kinder an Uebung der Religion von frühester Jugend auf wirkt mehr und nachhaltiger, als die bloße Belehrung; das waren die Grundsätze, nach denen sie die religiöse Erziehung der Kinder leitete. Ebenso war sie aber auch bemüht, dieselben zu nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft heranzubilden. Obgleich die zärtlichste Mutter, so nahm sie doch keinen Anstand, sich auch zeitweise von den Kindern zu trennen, wenn sie es zu deren Besten geboten hielt. Daß die Erziehung und der Unterricht der Knaben mit fortschreitenden Jahren im väterlichen Hanse immer schwieriger wird, darin waren die Eltern einig. Die Anforderungen des Unterrichts sind hoch, der Knabe bedarf des Wetteifers mit seinesgleichen, er muß sich frühe an den Verkehr mit anderen Menschen gewöhnen; dazu bietet ein tüchtiges Institut mehr Gelegenheit, als der heimathliche Herd. Diesen Gesichtspunkten folgend, wurden daher die Knaben frühzeitig dem so berühmten Institut 8to11a rnatubinn der Väter der Gesellschaft Jesu in Feldkirch anvertraut. — Anders verhält es sich bei den Töchtern; Erziehung für das Haus bildet hier den Schwerpunkt, und die beste Erzieherin bleibt immer eine verständige, pflichtgetrcue Mutter. Diesem richtigen Grundsätze folgend, behielt sie die Töchter länger zu Hause und leitete persönlich unter Beihilfe einer tüchtigen Erzieherin deren Ausbildung. Aber auch von den lieben Töchtern trennte sie sich zeitweilig und übergab sie den Damen vom hl. Herzen Jesu in Riedeuburg, sei es, um sie zur Feier der ersten hl. Communion vorbereiten zu lassen, sei es, um der Ausbildung vor dem Eintritte in die Well noch die letzte Vollendung zu geben. Leider mußte sie ihre geliebten Kinder noch in so jungen Jahren verlassen; waren ihr auch die zwei älteren Töchter während ihrer langwierigen Krankheit treue und hingebende Pflegerinnen und konnten so ihrer theuren Mutter ihre Dankbarkeit und grenzenlose Liebe durch die That beweisen und Zeugniß dafür ablegen, daß der ausgestreute Same bereits gute Früchte trage, so sind sie doch noch gerade in den Jahren, wo man der Mutter so sehr bedarf. Von ihren lieben Kindern schon jetzt getrennt zu werden, das war eS, was ihr oft recht schmerzlich siel; wenn sie auch immerhin der Gedanke getröstet haben wird, daß Gott ihren redlichen Bemühungen auch für die Zukunft seinen Segen erhalten werde. Die Kinder möge auch die Gewißheit trösten, daß der Tod ihnen zwar die sicktbare, aber nicht die geistige Gegenwart ihrer lieben Mutter rauben konnte; ja, daß sie im Jenseits noch besser für sie zu sorgen im Staude ist, als dies auf Erden je möglich wäre. Daß eine so liebevolle Gattin, eine so aufopfernde Mutter, die den Ihrigen das Familienleben so zu sagen zum Paradies zu machen vermochte, auch im Verkehr mit der Außenwelt alle Herzen gewann, bedarf keiner Erwähnung. Ihre stattliche, vornehme Erscheinung, ihr freundliches Lächeln, ihr heiterer Charakter mußte schon für sie einnehmen; mehr aber noch bezauberte ihre stets gleiche, wohlwollende Freundlichkeit gegen Alle, mit denen sie verkehrte, mochten sie hoch oder niedrig sein. Von ihrem Mitgefühl und ihrer Wohlthätigkeit für Kranke und Arme wollen wir schweigen, eingedenk ihres Grundsatzes, daß die eine Hand nicht wissen soll, was die andere thut. Sie half stets gern und freudig, wo sie nur konnte. Ihr Interesse beschränkte sich aber nicht auf den Kreis ihrer Familie und ihrer nächsten Umgebung; auch für die großen socialen Tagesfragen hatte sie einen offenen Blick. Der stets weitergreifenden Verderbuiß der Zeit, der zunehmenden Eutchristlichung mit aller Macht entgegenzutreten, hielt sie für allg'mcine Pflicht. Reit der religiösen Erziehung, mit der Pflege der Religion in der Familie müsse man beginnen, war ihr oft ausgesprochener Grundsatz. Diesen Zweck zu fördern hielt sie den Mütterverein, dessen segensreiches Wirken sie von früher her kannte, für eines der wirksamsten Mittel. Sie förderte daher nach Kräften die Einführung dieses Zeitgemäßen Vereines in Hohenems (Jauuar 1889) und übernahm gerne die Vorstandschaft desselben; derselbe hat sich bereits so eingebürgert, daß gegenwärtig gegen 400 Mütter den Tod ihrer licben Präsidentin beklagen. An allen speziellen Andachten und Gottesdiensten des Vereins nahm sie stets persönlich theil; stets stieg sie an solchen Tagen von ihrem Oratorium hinab in die Kirche. Wie rührend war es da, die erlauchte Gräfin an der Spitze 804 von Hunderten von Frauen in tiefer Andacht zum Tische des Herrn treten zu sehen, oder zu beobachten, wie sie etwa bei dem Requiem für eine arme Arbeitersfrau, die dem Vereine angehört hatte, den Wachsstock »n der Hand, den Mutiern voran zum Opfer ging! Dock es würde zu weit führen, wollten wir uns in weitere Einzelheiten einlassen; es sei daher nur noch kurz erwähnt, daß die Verstorbene auch an der Sp tze der F-rauengrnpve zum hl. Carolas in.Hohenems des katholischen Schulvereins seit der Gründung (1890) stand. Wir haben nun nur noch über die langwierige, schmerzliche Krankheit zu berichten, welche die unvergeßliche Gräfin, noch nicht 50 Jahre alt, ach viel zu frühe! dahinraffen sollte. Wie so viele, deren vorzeitigen Tod man in den letzten Jahren zu beklaaen hatte, wurde auch sie ein Opfer der so unheilvollen Influenza. Es ist dieser modernen Pest eigen, daß sie selbst in der Regel gelinde austeilt und häufig gutartig zu verlauten scheint; allein sie hat heimlich Krankheitskeime, die in dem Organismus ruhten und ohne sie vielleicht immer geschlummert hätten, entwickelt und gefördert. So auch hier! Es zeigte sich ein tieferes Herzleiden, das die Aerzie von Beginn an für verhängnißvoll erklärten, und das auch so unheilvoll enden sollte. Nichts veimochte die Kunst und Bemühung der Aerzte! nichts die sorgfältigste Pflege! Selten wird eine Kranke mit so viel Liebe und ausdauernder Opfcrwilligkeit gepflegt und besorgt worden sein, als die theure Verblichene. An der Sp'tze stand die unvermäblte Schwester des Grafen, Gräfin Anna von Waldburg, welche auf die Kunde von der Erkrankung ihrer lieben Schwägerin sofort an ihr Krankenlager eilte und es durch beinahe 9 Monate bei Tag und Nacht kaum jemals verließ; hicbei wurde sie auch auf das Aufopferndste unterstützt durch den Grafen selbst, durch die lieben Töchter, durch die opferwillige Krcnzschwester Briqitta, die Dienstboten; allein alle Blühe, Liebe und Sorgfalt konnten dem Tode seine Beute nicht entreißen, wenn auch die Tage der lieben Kranken verlängert wurden. Daß es wahr ist, daß sich der Christ vor Allem im Leiden erprobt, das hat sich hier bestätigt. Was die Gi äfin in diesen 9 Monaten, die sie beinahe immer Tag und Nacht im Krankenstuhle sitzend verlebte, gelitten hat, das weiß Gott allein! Ihre wahrhaft heldenmüthige Geduld erlaubte ihr keine Klage auch bei den größten Schmerzen; ihr stets heiterer Sinn verließ sie auch in der Krankheit nicht. Sie hörte nicht auf an Allem Antheil zu nehmen und leitete sogar ihr Hauswesen vom Sckmcrzenslager aus; selbst ihre Liebe zur gewohnten Thätigkeit blieb aufrecht, und so lange als es ihr Zustand erlaubte, beschäftigte sie sich zeitweilig mit weiblichen Handarbeiten. Unerschütterlich blieb ihr Vertrauen auf ihren Heiland, auf die hehre Gottesmutter und den hl. Joseph; hegte sie auch gerne Hoffnung auf Genesung, und sprach sie es auch manchmal aus, daß es ihr wohl schwer falle, so frühe den theuren Gatten, die lieben Kinder zu verlassen, so unterließ sie es doch nie. in tiefer Ergebenheit ihren gewohnten Spruch: „Wie Gott will!" beizufügen. Die langen Nachtwachen, die gebotene Unthätigkeit benützte sie zur Verdoppelung ihrer gewohnten Andachls- Lbungen. Unaufhörlich betete sie den Rosenkranz für die armen Seelen, stets ihre lieben Angehörigen auffordernd, sich mit ihr nach Kräften im Gebete zu vereinigen. Seit Beginn der Fastenzeit unterließ sie an keinem Tage die Kreuzwegandacht; ja noch am Tage vor ihrer Auflistung verrichtete sie diese schöne Andacht gemeinschaftlich mit der Familie. So hat sie denn ihren Weg der Schmerzen mit dem Leidenswege des göttlichen Heilandes vereinigt; am letzten Abendmahle hatte sie oft während ihrer langen Leidenszeit theilgenommen; nun begleitete sie den Erlöser auch auf seinem Gange nach Golgatha. Hat derselbe seinem unfreiwilligen Begleiter, dem reckten Schäckcr, nur wegen eines einzigen Augenblickes aufrichtiger Reue sofort die Pforten des Paradieses geöffnet, so sind wir wohl zu der Hoffnung berechtigt, daß er seine treue Dienerin, freudige Bekennen» und willige Nachfolgerin alsbald in die Glorie des himmlischen Reiches eingeführt habe. Dinstag den 6. März Vormittaos ^/zll Uhr entschwebte ihre Seele der irdischen Hülle und ließ den schmerzgebeugten Gatten, die weinenden Kinder zwar in tiefster Trauer und Betrübniß zurück, aber nickt tröst os, denn indem sie dem Beispiele der Verklärten folgen werden, hoffen sie auf ein einstiges freudiges Wicderscben. Der entseelte Körper wurde im großen Saale deS Palastes aufgebahrt. Da rubtc sie nun, um eben von einem Walde von Zicrgewäcksen, noch im Tode das freundliche Läckeln auf den bleichen Lippen, so fr-edlich, als ob sie schliefe. Den ganzen Tag wallfahrtete die Bevölkerung zum Katafalke, um die allverehrte Gräfin noch einmal zu sehen, >ür chre Ruhe zu beten und sie, wie üblich, mit dem hl. Weihwasser zu be-prengen. Die Bestattung fand Donnerstag den 8. März statt; dieselbe gestaltete sich zu einer ebenso herzlichen als imposanten Kundgebung für die Verstorbene und das ganze gräfliche Haus. Der hockwürdigste Generalvicar von Feldkirch, Bnchos Dr. Zobl. celebrirte in eigener Person das Requiem und nahm die Einsegnung und Beerdigung vor. Die hohen Verwandten der Häustr Oettingen und Woldburg, Freunde und Bekannte der Familie, zahlreiche Geistliche, die Honoratioren der Umgegend hatten sich Ungesunden. Rührender als alles das war die herzliche spontane Theilnahme der großen Gemeinde Hohcncnis; obgleich der jetzigen Generation die einstmalige Verbindung von Gntsherrschaft und Gemeinde nur mehr als Sage vorschwebt, so bctbeiligte sich doch die Gemeindevertretung in corpore officicll an der Leichenfeier; die Veteroncnvereine, die Feuerwehr, kurz alle Korporationen und Vereine, vor allen andern der Mütter- verein, und nahezu die ganze Bevölkerung begleiteten die hohe Verstorbene zur Ruhestätte. Unabsehbar war der Zug der Trauernden. Zahlreiche Kränze bedeckten den frischen Grabeshügek, darunter einer, den die Gemeinde Hohenems pietätvoll am Fuße des Sarges niedergelegt hatte. Am 14. März fand in der Pfarrkirche der ansehnlichen benachbarten Gemeinde Lustenau — der Graf ist auch hier Kirchenpatron — ein feierlicher Trauergottesdienst für die Seelenruhe der Dahingeschiedenen statt, dem die hohe Familie anwohnte. Die Gemeindevertretung in oorxors war erschienen, der Veteranenverein ausgerückt und zahlreiche Gläubige sandten ihre Gebete für die gute Gräfin zum Himmel. Ihr Andenken wird sür immer im Segen bleiben!