jM „Augsburger Posizritung". 66 Dinstag, den 14. August 1884 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L> Grabherr in Augsburg lVorbesitzer vr. Max Huttler). Im Mime alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) LXXV. Es war Herbst geworden. Die Backsteinmauer, welche den geräumigen Platz vor dem Herrenhause des „Villenhofes" umgab und üppig mit wildem Wein umrankt war, sah im Schmucke der purpurnen Blätter wie in Blut getaucht aus. Das Laub der alten, hohen Bäume, die innerhalb der Mauer den Vorhof umsäumten, schien sich in starres Gold verwandelt zu haben, und jeder Windstoß, der es schüttelte, hielt eine reiche Ernte an Blättern, welche sich auf eine kurze Henkersfrist wie flatternde Schmetterlinge in der Luft behaupteten, um dann matt und leblos zur Erde herabzutaumeln. Auf die frische Pracht der Herbsttfärbung blickte drohend ein trübgrauer Himmel herab, wie ein grämlicher Alter auf ein spielendes Kind, dem er die bunte Tändelei bald vertreiben wird. Der Kehraus der Natur wiederholte sich in dem menschlichen Treiben, welches auf dem Vorplätze herrschte, denn auch dieses deutete den Bruch mit einer alten Ordnung der Dinge an. Dort standen drei bis vier mächtige, geschlossene Möbelwagen, und eine Schaar kräftiger Männer belud dieselben mit Möbeln und Kisten. In den Prachtzimmern der Villa selbst sah es öde aus. Manche derselben waren schon gänzlich entleert und hatten nichts mehr zu bieten, als die nackte Schönheit ihrer Tapeten und Deckenstuckaturen. Nur im Arbeitszimmer des Barons stand noch alles an seinem alten Platze. In dem hohen, weißen Porzellanofen loderte ein Feuer und verzehrte einen Haufen alter Briefe und anderer Papiere. Der Baron war in seiner Arbeit, alle werthlosen Scripturen zu verbrennen, durch einen Besuch unterbrochen worden, und dieser war kein anderer als Mait- land, welcher neben ihm auf einem grünseidenen Muschelsofa saß. Beide befanden sich in ernstem Gespräch, aber dieses bewegte sich in den alten freundschaftlichen Formen; denn während des monatelangen Zwischenraums, wo sie einander nicht mehr gesehen, hatten sich Wolf- gang's Gesinnungen gegen den Mann, der sich ihm in mehr als einer Lage als Freund bewährt hatte, nicht geändert. Der Baron besaß keine Ahnung von dem Jntriguenstück, welches Maitland seitdem in Scene gesetzt hatte, niemand hatte ihn von dessen Doppelspiel mit Rettberg oder von seinen Anschlägen gegen Melanie unterrichtet. Er kannte Maitland als einen Menschen, der großmüthiger Handlungen fähig war und dabei alles Verdienstliche derselben ableugnete, und konnte nicht vergessen, daß Maitland ihm das Leben gerettet und ihn während eines schmerzhaften Krankenlagers mit der Sorgfalt und Treue eines Bruders gepflegt hatte. In diesem Lichte allein war Wolfgang berechtigt, Maitland zu betrachten, obwohl manche leichtfertige Aeußerungen desselben ihn veranlaßt hatten, ein so liebreizendes Wesen, wie Melanie, vor ihm zu hüten. Indessen nahm Wolfgang an, daß Maitland als Weltmann, der von Genuß zu Genuß eilt, sie über anderen Dingen längst wieder vergessen hatte. „So finde ich Sie also im Begriff," sagte Maitland, „diese schöne Besitzung für immer zu verlassen und sich auf Ihr Gut in Schlesien zurückzuziehen. Uüd obendrein sind es die Geschwister Nettberg, welche Sie aus Ihrem Eigenthum vertreiben — dieselben Menschen, denen Sie so viele Großmuth bewiesen haben? Ich habe wohl in Berliner Kreisen davon reden hören, daß Sie in einen Prozeß verwickelt seien, aber mehr, als daß es sich um eines Ihrer beiden Güter handle und daß dabei sehr merkwürdige Umstände im Spiele sein sollten, wußte man sich nicht zu erzählen. „In der That sind die Umstände seltsam genug," entgegnete Wolfgang, „und ich nehme keinen Anstand, sie Ihnen mitzutheilen, wenn Sie es hören wollen." „Nichts könnte mich lebhafter interesstren!" versicherte Maitland. „Der Villenhof gehörte ursprünglich einem Onkel meines Vaters, dem Baron Bolko von Sturen," erzählte Wolfgang. „Baron Bolko hatte drei Söhne und eine Tochter. Diese Tochter, Albertine mit Namen und das jüngste der Geschwister, verliebte sich in einen Herrn von Baldeneck. Das wäre nun kein Unglück gewesen, aber Herr von Baldeneck war Schauspieler, und da die Familie sich einer solchen Verbindung widersetzte, so lieh sich Albertine von Herrn von Baldeneck entführen, hei- rathete ihn, ging ebenfalls zum Theater und gab den Ihrigen nie wieder ein Lebenszeichen von sich. Im Laufe der Zeit starb Baron Bolko, der schon lange vor Alber- tine's Heirath Wittwer gewesen war. Der älteste Sohn hatte von seiner Mutter die Schwindsucht geerbt und folgte dem Vater bald im Tode, der zweite Sohn fiel als Offizier in der Berliner Märzrevolution 1848, der dritte wurde im Duell erschossen. Zwei der Söhne waren unverheiratet, der dritte war als kinderloser Wittwer gestorben. Da Albertine von ihrem Vater zwar verstoßen, aber nicht enterbt war, so hatte sie rechtmäßigen Anspruch auf das Erbe, welches aus dem schuldenfreien „Villenhofe" bestand, während das Baarvermögen einigen milden Stiftungen zufiel. Frau von Baldeneck, von der niemand wußte, ob sie noch lebte, wurde in üblicher Weise in den Zeitungen aufgefordert, sich zu melden. Da die gesetzliche Frist verstrich, ohne daß man von der Verschollenen hörte, so erhielt als nächster Erbe mein Vater den Villenhof in fürsorglichen Besitz, und fast dreißig Jahre lang ist dieser Besitz unangefochten geblieben. Das ist der Sachverhalt, wie ich ihn aus den Mittheilungen meiner verstorbenen Eltern kenne. Was nun folgt, hat sich aus den Akten der Erbschaftsklage und den beigefügten Belegen ergeben und war meinem Vater unbekannt geblieben. Zur Zeit, als der letzte männliche Sproß des Barons Bolko gestorben war, lebte Frau von Baldeneck als betagte Wittwe in Hamburg. Sie hatte sich nach jenem Bruche mit ihrer Familie nicht mehr um dieselbe gekümmert und ihre Enterbung als selbstverständlich betrachtet. Da spielte ihr der Zufall eines jener Zeitungsblätter in die Hand, worin sie zum Antritt ihrer Erbschaft aufgefordert wurde. Der Termin, welcher zu ihrer Todeserklärung berechtigt hätte, war noch nicht, abgelaufen. Sie wandte sich brieflich an einen damals in hiesiger Kreisstadt wohnhaft gewesenen Nechtsanwalt, Namens Teßner, beauftragte diesen mit der Geltendmachung ihres Erbanspruchs und sandte ihm alle Papiere, welche zur Legitimirung ihrer Persönlichkeit erforderlich waren. Der Advokat that bei Gericht die nöthigen Schritte, aber der Gerichtsbeamte, in dessen Händen die Sache ruhte, legte die Eingabe mit dem sämmtlichen Beweismaterial unter die alten Akten. Erst später hat sich herausgestellt, daß er bereits damals an Geistesstörung litt, der er nach Jahr und Tag im Irrenhause erlag. Frau von Baldeneck war inzwischen auch gestorben; aus ihren Briefen wußte Teßner, ihr Advokat, daß sie eine Tochter besaß, die einen gewissen Nettberg geheirathet hatte. Auf diese Tochter waren nun die Erbansärüche ihrer Mutter übergegangen, aber die Briefe der Verstorbenen boten über den Aufenthalt ihrer Tochter keinen Anhaltspunkt. Teßner behauptet zwar, zur Ermittlung derselben keine Mühe gescheut zu haben, aber es ist wohl anzunehmen, daß er die Sache einfach auf sich beruhen ließ, um sich nicht in Unkosten zu stecken, die ihm, wenn seine Nachforschungen vergeblich blieben, niemand ersetzt haben würde. Ich habe einigen Grund zu der Vermuthung, daß es zwischen Teßner und meinem verstorbenen Vater einen Berührungspunkt gegeben hat, wodurch mein Vater sich dessen Haß zuzog, der leider auch auf mich übergegangen zu sein scheint. Diese Erbitterung muß aber damals noch nicht bestanden haben, denn sonst würde dem Advokaten kein Opfer zu groß gewesen sein, die Erben Frau von Baldenecks aufzufinden, um ihre Ansprüche gegen meinen Vater geltend zu machen, wie er es nun gegen mich betrieben hat, nachdem er vor einigen Monaten in dem seiner Tochter befreundeten Fräulein Rettberg und deren Bruder Frau von Baldeneck's Enkel entdeckte. Teßner ließ die alten Akten aus jener Zeit durchsuchen, da er als Frau von Baldeneck's Mandatar deren Erbansprüche in aller Form Rechtens angemeldet hat, und es haben sich sämmtliche Beweisstücke vorgefunden, welche den Geschwistern Rettberg das Mittel an die Hand gaben, mit der begründetsten Aussicht auf Erfolg einen Prozeß gegen mich anzustrengen, da die dreißigjährige Frist, in welcher Frau von Baldeneck's rechtzeitig angemeldete Ansprüche auf den Besitz des Villen- hofs verjährt wären, noch nicht abgelaufen ist. Ich beauftragte meinen ehemaligen Vormund, Doctor Carus, mit der Prüfung der Angelegenheit, und er gab mir ein erschöpfendes Gutachten darüber, welches zu meinen Ungunsten ausfiel. Ich könnte den Proceß allerdings Jahre lang hinhalten, theilte er mir mit, würde mich aber doch endlich fügen müssen, da die Sache ganz klar sei. So habe ich denn, ohne den geringsten Widerspruch zu erheben, den Geschwistern Rettberg ihr gutes Recht eingeräumt, und Sie finden mich eben damit beschäftigt. den Villenhof zu verlassen, um den neuen Besitzern desselben Platz zu machen." „Sie haben gehandelt, wie ich es von Ihnen gar nicht anders erwartet hätte," sagte Maitland, als der Baron schwieg. „Immerhin ist es keine Kleinigkeit, so ohne weiteres die Hälfte seiner Besitzthümer dahinfahren zu sehen, und der Verlust dieses schönen Gutes scheint Ihnen doch nahe gegangen zu sein. Ich will Ihnen nicht verhehlen, daß ich beim ersten Anblick über Ihr Aussehen erschrocken bin. Sie scheinen um Jahre gealtert, und diese auffällige Veränderung muß ich doch wohl dem Kummer über Ihren Verlust zuschreiben." „O, Maitland," entgegnete der Baron, „so schmerzlich mich auch der Abschied von dieser Heimstätte bewegt, wo ich geboren bin, so verliere ich damit doch nur etwas, was mir nicht rechtmäßig gehörte, und in meinem schönen Gute in Schlesien finde ich einen reichlichen Ersatz. Aber ich habe einen anderen Verlust erlitten, den ich nie verschmerzen werde. Das Glück des Lebens hängt nicht an Schätzen und Rittergütern, es gibt einen viel kostbareren Besitz, einen Besitz, der dem Aermsten vergönnt sein kann, mir aber versagt ist. Das höchste Gut des Menschen — ist wieder der Mensch!" „Ich glaube, ich verstehe Sie," sagte Maitland, da der Baron nicht weiter sprach. „Sie haben mich in diesem Punkte nicht zu Ihrem Vertrauten gemacht, aber nach dem, was Sie eben gesagt haben, könnte ich fast errathen, was Ihnen jene junge Dame war, in deren Gesellschaft ich Sie einst im Thiergarten sah. Es war nur eine flüchtige Begegnung; Sie ritten an der Seite einer offenen Equipage, in welcher zwei Damen saßen. Die eine, mit der Sie sich lebhaft unterhielten, war von jener sinnberückenden Schönheit, die uns wie ein Sonnenstrahl aus grauem Himmel berührt. Ich sehe sie noch vor mir mit dem dunkeln, wunderbar leuchtenden Auge —" Maitland brach ab, da Wolfgang ihm schmerzlich Schweigen zuwinkte. Aber für Maitland war es genug, um zu wissen, daß er den wunden Punkt getroffen hatte. Er trat an's Fenster, welches nach dem Parke hinausging, und sah eine Weile dem Spiele der gelben Blätter zu, die der Wind umherwirbelte. „Der Herbst macht mich stets schwermüthig," unterbrach er eine längere Pause, „er erinnert mich daran, wie manches Vergnügen ungekostet an mir vorüberge- schlüpft ist, wie wenige Freuden je zurückkehren, wie leer und hohl so viele Dinge waren, denen ich nachgetrachtet habe. Ich habe, um mich zu zerstreuen, alle Hülfs- quellen erschöpft, welche Berlin darbietet, aber ich fand, 507 daß alles nur eitel und alltäglich sei. Es gibt nur ein einziges Mittel, um das Herz neu aufzufrischen — und das ist das Reisen. So bin ich denn zu Ihnen gekommen, Baron, um Sie aufzufordern, mit mir eine Tour durch fremde Länder zu macken." Wolfgang blickte bei diesem Vorschlage auf, und ein mattes Lächeln erhellte sein Antlitz. „Wir können beide nichts Besseres thun," fügte Maitland hinzu, „als der traurigen Jahreszeit, die unsere Stimmung nur noch zu verdüstern geeignet ist, zu entfliehen. Die ganze Welt liegt vor uns. Lassen Sie uns zusammen vorwärtseilen durch die wechselvollen Scenen unseres Erdballs und nirgends länger weilen, als wo wir noch den Genuß in seiner vollen Frische haben können. Was sagen Sie? Wollen Sie mein Begleiter sein?" Die Lehre, daß der Mann jeden Kummer durch abwechselnde Aufregung betäuben könne, fand in Wolf- der alten Mauer des Kirchhofs, welcher zwischen dem Villenhofe und dem Dorfe lag, hatte sich der Schnee zu einem glitzernden Gebirge aufgehäuft; er wölbte sich zu hohen flaumigen Hügeln über den stillen Gräbern, und hatte sich auf Kreuzen und Denksteinen in dicken Klumpen festgesetzt, die ihnen das Ansehen unheimlicher Gebilde gaben. Von den weißen Gräberreihen hob sich eine Gruppe dunkler Menschengestalten ab, welche den Kirchhof eben verließen. Unter ihnen befand sich in voller Amtstracht der Pfarrer, welcher sich eben von einer jungen Dame verabschiedete. Ein enganliegender Pelzmantel verrieth die feinen Linien ihres schlanken Wuchses, ein Pelzbarett bedeckte das von goldblondem Haar umgebene Haupt, durch den silbergrauen Schleier schimmerte in sanftem Glänze ein blaues Augenpaar. Von der Dame wandte sich der Pfarrer an einen neben ihr stehenden Mann, dessen Riesengestalt in dem abgetragenen Paletot lu'! i "u.' I II - Jordanbad. gang's jetziger Seelenstimmung den fruchtbarsten Boden; er erblickte darin das einzige Mittel, den Gedanken an Felicitas zu verbannen. „Ich bin der Ihrige," entgegnete er, während sein Auge zum ersten Male wieder von jenem Feuer erhellt wurde, welches von der Lebhaftigkeit seines Geistes zeugte, „ich hatte mir zwar vorgenommen, mich in die Einsamkeit des Landlebens zu vergraben und mich ganz meinen Geschäften zu widmen; aber ich glaube, die Medicin, die Sie meinem kranken Gemüthe verschreiben, ist die heilkräftigere. Ich gehe mit Ihnen!" Der Weg zum Laster ist ein blumenreicher, geebneter Pfad, auf welchem es keine Hindernisse giebt, die unsere Schritte aufhalten. Wolfgang Hütte auf diesem Wege keinen gefährlicheren Führer finden können als Maitland, mit welchem er einige Tage später die Reise nach dem Süden antrat. XXXVI. Der Winter hatte über das bunte Farbenspiel des Herbstes eine dicke, glänzend weiße Decke gebreitet. Auf und dem schäbigen Cylinderhute von der eleganten und zarten Erscheinung seiner Begleiterin seltsam abstach. Der geistliche Herr reichte ihm die Hand, sprach noch ein paar herzliche Trostesworte zu ihm und ließ dann beide auf dem Kirchhofe zurück. Die junge Dame war die neue Herrin des „Villen- hofs," Melanie Nettberg, ihr Begleiter war Nölling, dessen Mutter man soeben begraben hatte. Der Baron v. Sturen hatte, ehe er den Villenhof verließ, die Bewohnerin des „Btrkenhäuschens" dem Schutze und der Fürsorge Melanies empfohlen, und diese nahm sich der alten Frau liebevoll an. Nach längerem Krankenlager war die alte Frau unter Melanies pflegender Hand verschieden. Auf die Todesnachricht war der Sohn gerade noch rechtzeitig angelangt, um dem Begräbniß beiwohnen zu können, und erst am kaum geschlossenen Grabe hatte er Gelegenheit gefunden, der jungen Herrin des „Villen- hofs" für alles, was sie an seiner Mutter gethan, zu danken. Eben war er im Begriff gewesen, sie zu dem zwei- 508 spännigen Coups zu begleiten, welches vor der Kirchhofspforte hielt, als sie den Wunsch äußerte, ein paar Worte mit dem Todtengräber zu sprechen. Rölling holte ihn herbei, und Melanie trug ihm auf, Frau Röllings Dann fügte sie Grab in gutem Stand zu erhalten hinzu: „Im Jahre 1870 ist ein französischer Offizier mit Gattin und Kind hier bestattet worden. Können Sie mir die Ruhestätte zeigen?" Diese Worte hatten bei Rölling eine Bewegung der Ueberraschung hervorgerufen. Er tauschte einen ernsten Blick mit Melanie, welcher sagte, daß beide einander verstanden. Der Todtengräber ging voraus. Vor einem der Schneehügel blieb er stehen und deutete mit der Hand auf ein eisernes, vom Roste angefressenes Kreuz, auf welchem sich nur mühsam noch die verwitterte Inschrift entziffern ließ: „Capitain Alphonse Bourdin, Irma Bourdin." Melanie weilte einige Minuten an dem Orte und schien tief bewegt. „Ich wünsche," wandte sie sich an den Todtengräber, „daß auch auf diese Ruhestätte besondere Sorgfalt verwendet werde. Sobald das Frühjahr kommt, werde ich mit Ihnen besprechen, was dafür geschehen soll." „So wissen Sie also — ?" fragte Rölling mit einer gewissen Befangenheit, während er an Melaniens Seite wieder dem Ausgange des Kirchhofes zuschritt. ,,Ja, Herr Rölling," entgegnete sie in einem Tone, in welchem eine zarte Schonung lag, „Ihre Mutter hat kurz vor ihrem Tode in meiner und des Pfarrers Gegenwart durch ein reumüthiges Bekenntniß ihr Gewissen erleichtert, aber damit freilich auch das meinige mit einer schweren Verantwortlichkeit belastet," fügte sie unter einem bangen Seufzer hinzu, „denn das Gestündniß legt mir eine harte Pflicht auf, welche für eine Person, die ich sehr liebe, von verhängnißvollen Folgen sein wird." Rölling schwieg betroffen. Als Melanies Wagen erreicht war, entblößte er sein Haupt, um sich von ihr zu verabschieden. „Nein, Herr Rölling," sagte Melanie freundlich, „so scheiden wir nicht von einander. Bitte, begleiten Sie mich." Sie nöthigte ihn, zu ihr in den Wagen zu steigen, welcher bald darauf den Villenhof erreichte. Unterwegs hatten beide, jedes mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, kaum einige Worte gewechselt. Zu Lause angelangt, ließ Melanie ihren Gast in ein behagliches, angenehm durchwärmtes Zimmer führen. Es war Spätnachmittag, und bereits begann es zu dunkeln. Als nach einer Viertelstunde Melanie in einfacher Haustoilette eintrat, gefolgt von einem Diener, welcher eine brennende Lampe trug, da war es dem sie Erwartenden, als ob Ein Freund in der N»ts die freundlich sich über das Zimmer verbreitende Helle von dem schönen Mädchen selbst ausstrahle, wie von einer höheren Erscheinung. „Ich bin glücklich," begann Rölling, als beide wieder allein waren, „noch einmal Gelegenheit zu haben, Ihnen - 509 — für die hingebende Pflege, womit Sie die letzten Tage meiner armen Mutter verschönt haben, danken zu können. Aber ich habe auch eine heilige Schuld der Dankbarkeit abzutragen, die mich selbst angeht. Sie haben mir meine Freiheit gerettet und sogar mehr als das." M „Hätte man mich in's Zuchthaus gesteckt," fuhr Rölling fort, „so wäre ich wahrscheinlich als derselbe verdorbene Mensch wieder herausgekommen. Als ich Sie aber in der Gerichtsverhandlung vor Staatsanwalt und Richter stehen sah, fest entschlossen, sich lieber einer entwürdigenden Strafe auszusetzen, als einem Elenden, wie ich bin, Ihr Wort zu brechen, da sagte ich zu mir selber: komme ich glücklich davon, so will ich ein anderes Leben führen, um diesem Engel zu zeigen, daß der bessere Geist in mir noch nicht erstorben ist. Ach l in mir lag nie der Trieb zum Bösen; die grausame Härte der Menschen, die erbarmungslose Strenge der Gesetze haben mich erst zum Verbrecher gemacht." „Niemand weiß besser als ich, daß Sie edler Regungen fähig sind," erwiderte Melanie. „Ich habe oft über den Widerspruch in Ihrer Natur nachgedacht. Vielleicht löst sich mir dieses Räthsel, wenn Sie mir die näheren Umstände Ihres Lebens mittheilen." „Wenn es in der Welt ein Wesen giebt, von dem ich nicht verkannt sein möchte, so sind Sie es," sagte Rölling. „Ich will Ihnen nur die nackten Thatsachen berichten, die aber genug sagen werden .... Man nennt mich unter meines Gleichen den „Ulan," weil ich bei den Garde- Ulanen stand. Als solcher machte ich den Krieg gegen Frankreich mit. Zweimal wurde ich schwer verwundet, aber mein Herz schlug warm für das Vaterland; kaum halb von meiner Wunde geheilt, eilte ich immer wieder meiner Fahne nach. Meine Mutter hatte mir in ihrem letzten Briefe mitgetheilt, daß sie im Begriffe sei, nach Amerika auszuwandern. Nach dem Kriege solle ich ihr nachkommen, schrieb sie, die Reisemittel würde ich von dem Advokaten Teßner erhalten. Ich hatte aber bereits einen andern Lebensplan. Ich liebte ein wackeres Mädchen, das mich im Lazareth verpflegt hatte, und als der Krieg beendet war, wurde sie meine Frau." „ der Noth. Von^Eja rl Reichert. (Fortsetzung folgt) sich und beugte sein Haupt auf Melanies um sie ehrfurchtsvoll mit seinen Lippen zu Er erhob Hand herab, berühren. „O,^nicht doch, nicht doch!" rief Melanie, „ich habe ja nur das Versprechen gehalten, das ich Ihnen gab." Goldkörner. Entweder große Menschen oder große Zwecke muß ein Mensch vor sich haben, sonst vergehen seine Kräfte, wie dem Magnet die seinigen, wenn er lange nicht nach den rechten Weltecken gelegen. Jean Paul. -—b v -- 510 Fischen. — Burgberg. (Nachdruck verboten.) (Mit Illustrationen nach Photographien von I. Heimhuber in Sonthofen und Jmmcnstadt.) 1. Fischen. Fischen wird schon sehr früh erwähnt. Nach Baumann*) schon im Jahre 860 unter dem Namen Vis- irinAuir. In einem Vertrage v. I. 905 I^lcino; in einem solchen von 1182 kisoina; ferner ViMlii i. I. 1433; tUlconAg, 907. Fischen gehörte zum Alpgau, zu dem es von 912 an ständig gerechnet wird und als dessen Cente, d. i. Untergau, es sich sogar bis 1806 erhält. Vom Jahre 1179—1182 hatte das Kloster Füssen sein Präsentationsrecht zur Kirche Fischen gegen den Edlen Adilbert von Nettenberg, der die Vogtei über diese Kirche ausübte, zu verfechten. Die Fischinger Kirche wurde 1126 eingeweiht. Einige Zeit vor 1170 hatte das Kloster zu Kempten das Eigenthumsrecht an die Kirche zu Fischen. Auch das berühmte Kloster Allerheiligen zu Schaffhausen hatte zu Fischen Besitzungen von ungefähr 1100 bis1479.AmSchlusse des Mittelalters waren die Grafen von Rotenfels im Besitz der Herrschaft über Fischen. Nach Rudolf von Habsburg war Rotenfels und damit Fischen an die Herren von Schellen- berg gekommen, die aber im 14. Jahrhundert ihre Besitzungen im Allgäu veräußern mußten; damit kamen Rotenfels und Fischen an die Tettnanger Linie des Montfort'schen Hauses, dessen Sprossen sich seit 1440 geradezu „Grafen von Montfort zu Rotenfels" nennen. Die Pfarrei Fischen, die jetzt 1800 Seelen zählt, war seinerzeit sehr ausgedehnt. Wie schon oben bemerkt, wurde die Kirche schon 1126 eingeweiht, das Benesizium 1446 gegründet. In die Pfarrei Fischen, die zum Bis- thum Konstanz zählte, gehörten sogar einige Dörfer des Walserthales (z. B. Mittelberg). (Eine andere Anzahl gehörte zu Oberstdorf und damit zum Btsthum Augsburg.) Diese Gemeinden des Walserthales trennten sich jedoch von Fischen mit Zustimmung der Herren von Heimenhofen, welchen der Kirchensatz zu Fischen zustand, und des Fischener Pfarrers, welche Trennung Bischof Burkard von Konstanz im Jahre 1391 bestätigte. Auch Tiefenbach gehörte zu Fischen, trennte sich aber wegen der großen Entfernung und der damit verbundenen Beschwerden mit Genehmigung der Grafen von Montfort zu Rotenfels und des Fischener Kirchherrn Sigmund von Heimenhofen als eigene Pfarrei von Fischen i. I. 1499. Die Namen der jeweiligen Pfarrer sind bekannt von 1390 an; der erste ist Bertholdus Wisches. Nach diesen historischen Daten über das Fischen der Vergangenheit wollen wir übergehen zum Fischen der Gegenwart. Fischen liegt so ziemlich in der Mitte zwischen Sonthofen und Oberstdorf und darf sich rühmen, von allen Kennern des Allgäu's als der schönstgelegene Ort des oberen Jllerthals gepriesen zu werden. Es ist ringsum von einem Bergkranz umgeben, nach Süden hin ist fast ; die ganze Allgäuer Bergkette sichtbar, nach Osten hin der höchstens von dem eine Viertelstunde westwärts entfernten hochgelegenen Maderhalm etwas umfassendere großartige Blick auf das Gaisalpthal mit Entschen- und Wengen- kopf, Rubi- und Nebelhorn, im Westen Riedbergerhorn und die Bolsterlangerberge, und im Norden bildet den Abschluß der Rigi des Allgäu's, der 1741 Meter hohe Grünten. Schöne Spaziergänge in der Nähe, schattige Wege vom Verschönerungsverein angelegt. Ausgezeichnete Bahnverbindung sowohl nach Oberstdorf wie Sonthofen. Fischen selbst liegt 758 Meter über dem Meer, ist ein großes, schönes Dorf mit etwa 500 Einwohnern und über 70 Häusern, deren Nettigkeit und Sauberkeit von innen wie von außen sehr wohlthuend berührt. Fischen besitzt eine bedeutende mechanische Weberei, die lauter einheimische Mädchen oder solche der nächsten Umgebung beschäftigt, Handel und Gewerbe ist sehr vertreten, gute Gasthöfe („Kreuz", „Löwe", „Alpenrose"), in denen der Fremde auch bei großenAnsprüchen mit Kost und Verpflegung zufrieden sein kann. Auch inPrivathäusern ist in der letzten Zeit viel zur Bequemlichkeit der Fremden geschehen. Badegelegenheit bietet das 10 Minuten entfernte Mineralbad Au. Die schöne Lage Fischens, der angenehme und dabei im Verhältniß zu vielen überflutheten Sommerfrischen doch ruhige Aufenthalt dringt denn auch in immer weitere Kreise. Fischen, das vor wenigen Jahren noch fast keinen Fremdenzufluß kannte, sieht von Jahr zu Jahr die Zahl seiner Sommergäste wachsen und hat auch in dieser Saison eine namhafte Mehrung zu verzeichnen. 2. Burgberg. Wer von Jmmenstadt aus per Bahn nach Sonthofen fährt, erblickt einige Male durch Lücken des die Jller umgebenden hohen Gebüsches das Pfarrdorf Burgberg, gar lieblich in einer durch den Grünten gegen Südwesten gebildeten heimlichen Ecke gelegen. Der Ort Burgberg zählt z. Z. circa 700 Seelen. Bis zum Jahre 1750 war Burgberg eine Filiale — wohl die größte — von Sonthofen. Damals schon wohnten in 80 Häusern 450 Menschen. In diesem Jahre stifteten der Hochw. Hr. Joh. Bapt. Bechteler, hochfürstl. augsburgi- Fischen. *) Dr. F. L. Baumann, Geschichte des Allgäus. 511 scher geistl. Rath und Fiskal, des löbl. Collegiatstiftes St. Gertrud in Augsburg Canonicus, ein geborener Sonthofener, und der Pfarrer und Kapitelskammercr von Burggen, Hr. Licentiat Tiberius Bach, ein ehemaliger Sonthofener Kaplan, in Burgberg ein Benefizium. Ersterer schenkte 7000, letzterer 1000 fl. zu diesem Zwecke. Es geschah dies, um einerseits die Arbeitslast der beiden Sonthofener Geistlichen zu vermindern, dann aber namentlich, um dem Wunsche der Burgberger, „welche schon Ville Jahre hero nichts eifriger gesucht, als daß in diesem orth ein aigener Ouratus aufgestellt werden möchte", zu entsprechen. Doppelt nothwendig sei diese Benefiziumsstiftung, da beim Erzgraben und Holzfällen Unglücksfälle vorkommen könnten und dies die Nähe eines Geistlichen sehr wünschenswerth erscheinen lasse. Kirche und Benefiziaten- wohnung herzustellen, übernahm die Gemeinde Burgberg, und verpflichtete sich überdies noch, einen Widdum zum Unterhalte für 2—3 Stück Vieh und das nöthige Brennholz dem Benefiziaten zu erstellen. 1752 erhielt Burgberg den ersten Benefiziaten in der Person des Hochw. Herrn ThomasNeuberg, welcher dieseStelle vierzig Jahre inne hatte und 1792 hochbetagt eines plötzlichenTodes starb; so berichtet die links der Kirchenthüre über seinem Grabe angebrachte Gedenktafel. Schon 1795 suppli- cirten die Burgberger um Errichtung einer Pfarrei, welchem Ansuchen, obwohl es sehr gut begründet war — Burgberg müsse schon früher eine eigene Seelsorgstelle, wenn nicht gar eine Pfarrei gewesen sein, gäbe es ja im Oesch seit Alters her viele Pfarrfelder, im Orte selbst einen gut gestifteten Meßner mit eigenem Haus — Seitens des Ordinariates Augsburg auf Andringen des damaligen Pfarrers Hör- mann von Sonthofen keine Folge gegeben wurde. Endlich 1803 war das Streben der Burgberger von Erfolg gekrönt. Das Benefizium wurde mit der uralten Pfarrei Agathazell vereinigt, und so entstand die Pfarrei Burg- berg-Agathazcll. Agathazell, Häusser und Ortwang, jeder Ort ungefähr 60—70 Seelen zählend, wurden Filialen der neuerrichteten Pfarrei. Als erster Pfarrer ist Andr. Metz genannt. Damals zählte die neue Pfarrei bereits zwischen 7- und 800 Seelen, während sich zur Zeit die Seelenzahl auf nahezu 1000 beläuft. 1835 wurde, um an Sonn- und Feiertagen eine Frühmesse zu haben, eine Kaplanei gestiftet, die aber des herrschenden Priestermangels wegen gegenwärtig leider nicht besetzt werden kann. Die Lage Burgbergs ist, wie bereits oben angedeutet, sehr schön, das Klima mild, da Nord- und Ostwinde keinen Zugang haben. Wenn Wohnungen vorhanden wären, würde sich Burgberg wie wenig andere Orte zu kurzem Sommeraufenthalte eignen. Zum Mindesten aber lohnete sich das Besteigen des Grünten gar sehr. Unerklärlicher Weise wurde dieser Berg, der bayerische Rigi genannt, eine Zeit lang Seitens der Fremden viel zu wenig berücksichtigt; in den letzten Jahren aber hat sich die Sache erfreulicher Weise gebessert. Möge kein Besucher des oberen Jllerthales es versäumen, den nicht sonderlich beschwerlichen Anstieg des Grünten zu wagen; die Aussicht ist eine sehr lohnende, sowohl in's Gebirge als auch in's Land. Ziemlich nahe der Spitze befindet sich ein prächtiges Hotel, wo für Speise und Trank, gute Quartiere und überhaupt alle Bequemlichkeiten aufs beste Sorge getragen ist. In Burgberg selbst gibt es mehrere nette Gasthäuser, von denen namentlich das zum „Löwen" angelegentlichst empfohlen werden kann. —SÄ8X8SS- Erinnerungen an Jordanbad. (Hiezu das Bild Seite 507.) II. Dreiviertel Stunden südsüdöstlich von der Württembergischen Oberamtsstadt Biberach, an der Bahnlinie Ulm— Friedrichshafen, liegt an einem sichten- und buchenbewachsenen Hügel überaus idyllisch hingelagert das Jordanbad, dessen Geschichte zwar auf mehr als sechs Jahrhunderte zurückreicht, das aber erst in neuerer Zeit weithin Klang und Zugkraft erhalten hat, wildem es zu einem „Kneippbad" eingerichtet worden ist. Wohl wird auch noch die alte Mineralquelle benützt und aus ihrem eisenhaltigen Wasser mittelst eines „Verede- lungs"-Verfahrens ein sehr angenehm schmeckender Säuerling aew on- nen; aber diese Quelle, die der Sage nach einem aus Palästina heimkeh- kehrenden Kreuzzugs- Ritter Heilung gespendet und von ihm in from- merErinnerung mit dem Namen „Jordan" benannt worden sein soll, spielt keine Rolle mehr. Das Agens, das heute das Jordanbad belebt und zum Zielpunkt hellbedürftiger Menschen macht, ist reines Quellwasser, gesammelt in Hochrefervoirs im schattigen Hügelwald, das mit 6 Grad Frische in reicher Menge das prächtig eingerichtete Bad speist und in unverfälschter „Methode Kneipp" den Badegästen applicirt wiid — nach den Anordnungen des ausgezeichneten Badearztes Herrn Dr. msä. Stützte, eines der ersten, oder wenn wir nicht irren des ersten medizinischen Jüngers, der sich der Hydropathie nach Kneipp'schen Ideen zuwandte. Seine vorsichtige und doch sichere Behandlung der Leidenden, die aufmerksame und eingehende Sorge, d,e er jedem Einzelnen zuwendet, gewinnen ihm sofort das Vertrauen der Badegäste, und — auch das mag erlaubt sein zu sagen — die wahrhaft überbescheidenen Ansprüche, die seine Deseroitenrechnungen an die Kasse der Gäste machen, beweisen, daß ihm sein Beruf etwas mehr ist, als eine Quelle des Erwerbes. Also zum Jordanbad I Nachdem wir in Ulm die Fahrt unterbrochen und das prächtige, aber in seinen Gesammtmaßverbält- nissen doch nicht ganz befriedigende Münster besichtigt hatten, fuhren wir mit der „schwäbische Eisebahn" durch die wiesbau- reichen Gefilde des Rißthales nach der alten, freundlichen Reichsstadt Blberach. Dort erwartete uns der comfortable Bade-Hotel- wagen, der in kurzer Zeit unser somalisches Dasein „nach dem Jordan" (so lautet der ortsübliche Ausdruck) spedirte. „Franz", der würdige Oberkellner mit grauen Haaren und Barttoilette L Is. F> anz Josef, geleitete uns sofort zum Badearzt, der auch über die Unterbringung der Gäste verfügt. Um jenen Menschenkindern, die an einer unheilbaren Aversion gegen Durgderg M-M -»Mit l->"v«t. 512 „Schwalbenschwänze" leiden, nicht von vornherein die Freude am „Jordan" zu verderben, sei gleich bemerkt, daß „Franz" der Einzige seiner Species lovo oitato ist und seine Unterkellner — lauter sittsame schwäbische Jungfrauen sind, angefangen von der Philippine, die uns im zweiten Stockwerk des Kurhauses bediente und in der Kapelle des Kurortes des Sonn- und Feiertages gar fürtrefflich ihre treffsichere Stimme in den Dienst der musiea saora stellt, bis zu all den anderen Jungfrauen, die im Kur- und Badehaus, in Feld und Wirthschaft eifrig ihrer Pflicht obliegen und alles in größter Ordnung und Sauberkeit erhalten — wie sich all das geziemt für ein Etablissement, das den ehrwürdigen Franziskanerinnen von Reutte (Württemberg) gehört. Nach mannigfachen Schicksalen, die der „Jordan" im Laufe der Jahrhunderte hatte, war die Heilstätte schließlich — Dank der Munificenz des fürstlichen Hauses Wolfcgg — in den Besitz dieser Congrcgation übergegangen (1887) und Gottes Segen ruht sichtlich auf diesem Besitz, der unter der Leitung der dermaligen Frau Oberin eine ungeahnte Verschönerung durch Neubauten und prächtige Gartenanlagen erfuhr. Da ist neben dem alten Badehause — mit seinem neuangebauten Flügel, der parterre die vorzüglich eingerichteten Baderäume und im 1. Stock Fremdenzimmer enthält —, ein stattliches, mit neuzeitlichem Comfort reich ausgestattetes Kurhaus. In demselben befinden sich im Hochparterre u. A. die Amtszimmer des Badearztes und im 1. Stock ein hübscher Lesesaal mit Balkon Vom Parterrecorridor gelangt man in den Pavillonbau mit geräumigem, elegantem Speisesaal für jene Kurgäste, welche die Verpflegung I. Klasse gewählt haben.*) Daneben befindet sich ein zweiter Saal mit Billard. Das Kurhaus liegt auf einer Terrasse des schon erwähnten Waldhügels, welcher durch reiche Teppichgärtnerei geschmückt ist und mit dem darunter liegenden großen Garten — darin prächtige Rosencultur — und den grünenden, von Hügeln weithin begrenzten Gefilden des Umlach- und Rißthales dem Auge einen gar lieblichen Anblick bietet. Ueber die Gefilde hin schweift der Blick auf die nahegelegene Pfarrei Ummendorf (Bahnstation), wo der geschichtsgelahrte und weitgereiste Pfarrherr Dr. Hofele in einem ehemaligen Schlosse residirt und mit größter Liebens. Würdigkeit den Jordan-Gästen die Schätze seiner Sammlungen zeigt. Links von Ummendorf winkt der Kreuzberg freundlich herüber, auf dem — eine Schöpfung Dr. Hofele's — eine kleine Kuppelkirche thront, eine vielbesuchte Stätte der Andacht. Ein „Kreuzweg" mit geschnitzten und gemalten Stationen führt zur Grabkirche hinauf, welche mit hübschen Gemälden von den Kunstmalern Fugel und Locher (München) geschmückt ist. Auf der anderen Seite der Thalweitung grüßt von der Höhe das Dörfchen Rissegg herab, in dem einst der jetzige Hr. Bischof vr. Haffner von Mainz als Vicar von Biberach aus die Seelsorge versah. Ein uraltes Kapellchen mit Holzvorbau reiht sich nach Westen an das Kurhaus an. Es genügte dem Bedürfniß längst nicht mehr und ist diesem nun durch einen prächtigen Neubau abgeholfen, den die „Schwestern" in den letzten Jahren aufführen ließen. Nach den Plänen des Herrn Domvicars Dengler von Regensburg erstand das neue Klostergebäude mit stattlicher Front, das im westlichen Theil die Behausung der Schwestern, im östlichen die Kirche enthält und beide Theile unter einem Dache in ebenso praktischer als stilistisch glücklicher Werfe vereint. Der Stil ist romanisch und das Innere der Kirche, die polychrom ausgemalt ist, überaus stimmungsvoll. Am 7. Juli d. I. wurde zum ersten Male das hl. Opfer in diesem schönen Gotteshause gefeiert. Erwähnen wir noch das Wirthschaftsgebäude mit dem Speisesaal für die Kurgäste der II. Pensionsklasse und die stattlichen Oekonomiegebäude mit herrlichem Milchvieh und 6 prächtigen Pferden für den landwirthschaftlichen Betrieb und die KuranstaltsEquipagen, so haben wir alle die Gebäude aufgeführt, welche zusammen das „Jordanbad" bilden. Doch sei noch einer langen gedeckten Wandelbabn gedacht, in welcher sich auch eine Kegelbahn befindet. Die Wandelbabn ist heizbar und da auch Bade- und Kurhaus mit Centtaldampfheizung versehen find, so eignet sich Jordanbad auch sehr für Kuren im Winter und hat auch thatsächlich schon die letzten paar Winter Kurgäste gehabt. (Schluß folgt.) Eine Front-Ansicht des Jordanbades gibt unser heutiges nach einer Photographie hergestelltes Bild, das aber, wie die Photographie, leider die hübsche, terrassenförmige Lage nicht recht *) Die Preise sind für Verköstigung (Frühstück, Mittag- und Abendtisch excl. Getränke) I. Klasse 3 M., II. Klasse 2M., für Wohnung (bessere Zimmer) 1—3 M. zur Geltung bringt. — Wer sich eingehender über „Jordan" orientiren will, dem empfehlen wir aus Wörl's Reisehandbüchern das Heftchen „Führer durch Jordanbad und Umgebung" (Verlag von Wörl in Würzburg. Preis 50 Pfg.). —-S2LWÜ-S- Giu Freund in der Noth. (Zu unserem Bild Seite 508 und 509.) Es waren einmal drei Vierfüßler, gar arge Bösewichte von Hunden, der Mops, der Schnauz und der Dackl, das waren recht lose Gesellen, die es besonders auf die kleinen Hündchen abgesehen. Wo immer nur der Zufall eines in ihre Nähe führte, ging die Hetze los. Wehe dem Thierchen, daß sich ihr Hänseln, Scherzen und Necken nickt gefallen lassen wollte, da gab's schließlich auch noch Stöße, Püffe und — Bisse. So wäre es heute fast auch dem kleinen „Auch" gegangen. Aber da kam zur rechten Zeit noch Amh's alter Freund, derHektor, der den Bösewichten nicht wenig Respekt einflößte Da steht nun das verblüffte Kleeblatt und getraut sich nicht mehr zu mucksen. Amy aber ist nicht wenig froh, daß er seine Peiniger mit einem Male losgeworden, und mit Recht, denn der Hektor fürchtet die drei losen Burschen alle zusammen nicht. --^-SlNS-- Allerlei. Fatal. A.: „Warum ist denn die Verlobung des Professors zurückgegangen?" — B.: „Nur wegen seiner schrecklichen Zerstreutheit. Will er da seiner Braut eine Schachtel mit einem schönen Nosenbouquet senden, vergißt aber das Bouquet hineinzulegen und schickt bloß die leere Schachtel mit der Inschrift: Dein Ebenbild!" * Studio sin der Wirthschaft zu einem Philisters: „. . . Was, Ihnen sind die Studenten zu gering? Mein Herr, wenn ich will, so dreht sich die ganze Welt um mich!" * Aus der Kaserne. Feldwebel: „..Also Sie sind an der Universität ... wie sagten Sie doch?" — Einjähriger: „Jmmatrikulirt!" Feldwebel: „Na ja, ganz richtig! . . . Wir sagen da ganz einfach geimpft!" Bescheidener Wunsch. Der kleine Fritz szum Onkelj: „Ach, Onkel, wir haben morgen Kindermasken- fest ... sei so gut und leih' mir Deine rothe Nase!" - I—«- Aitder-Käthser. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 62: Weiß. Schwarz. , S. L5 06 (06) f K. V6-05 2. B. L2-LL j- Matt. --EZS-