Augsburgrr Postzeitung ^ 67. Ireitag, den 17. August 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literariichen Instituts von Haas L> Gradderr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttlcr). Im Laune aller Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) „Sie waren also verheiratet?" fragte Melauie überrascht. „Ich war verheiratet, und mein Weib schenkte mir einen prächtigen Jungen. Ja, ich habe das Glück des Familienlebens gekannt, aber ich sollte es nnr kurze Zeit genießen. Warum meine Mutter so plötzlich vorn Auswandcrungsfieber befallen worden war, woher sie die hierzu erforderlichen Geldmittel nahm und mit welchem Rechte ich von dem Advokaten Teßner das Geld zu der weiten Reise verlangen konnte, das alles war mir damals unerklärlich, mir war weiter nichts bekannt, als daß meine Mutter vor ihrer Verheiratung bei dem Advokaten als Wirtschafterin gedient hatte. Sie wissen so gut wie ich, welchen Dienst sie ihm erwiesen hat, als ich im Kriege war; er hatte es zur Bedingung gemacht, daß sie das Geld, durch welches er sie bestach, in Amerika verzehre, denn er wollte sich die Mitwisserin eines so gefährlichen Geheimnisses vom Halse schaffen; er fürchtete auch, daß meine Mutter mir die Sache gelegentlich ausplaudern könnte, und um uns beide für immer voneinander zu trennen, log er mir vor, meine Mutier sei während der Ucberfahrt nach Amerika gestorben; ihr selbst aber hat er geschrieben, ich sei meiner letzten Verwundung erlegen. Bis vor einigen Monaten haben wir einander für todt gehalten. Erst durch einen meiner berüchtigten Genossen, der sich nach Amerika flüchten mußte und dort zufällig mit meiner Mutter zusammentraf, erfuhr sie, daß ich am Leben sei; ihr letztes Geld zusammenraffend, eilte sie nach Deutschland zurück und schloß ihren todtgeglaubten Sohn, den sie in einer ihr bezeichneten Verbrechcrkneipe fand, in demselben Augenblicke in die Arme, wo dieser die Kunde erhielt, daß die Häscher hinter ihm her seien . . . Bald nach meiner Verheirathung war ein Verwandter meiner Frau gestorben und hatte sie zur Erbin eines nicht unbedeutenden Vermögensantheils eingesetzt. Die betreffende Testamentsklausel wurde jedoch von den anderen Miterben angefochten. Teßner, an den wir uns wandten, erbot sich, den Prozeß für uns zu führen und alle Kosten auszulegen. Als Lohn beanspruchte er freilich nicht weniger als zwei Drittthetle der Erbschaft für sich, aber da er darauf schwor, daß meine Frau den Prozeß gewinnen müsse, so nahmen wir sein Anerbieten an und verschrie» ben uns ihm beide mit Haut und Haaren. Aber der Prozeß zog sich jahrelang hin, und die letzte Entscheidung fiel zu Ungunsten meiner Frau aus. Der habsüchtige Advokat klagte die bedeutende Kostensumme, die er verauslagt hatte, gegen uns ein und bediente sich schonungslos all der harten Machtmittel, welche daS Gesetz einem Gläubiger einräumt. Ich war Schieferdecker und hatte mit der kleinen Ersparniß, welche meine Frau mir mit in die Ehe gekrackt, in Berlin ein eigenes Geschäft errichtet, das uns recht und schlecht nährte. Alles, bis auf die unentbehrlichsten Werkzeuge, wurde mir gepfändet, mein Geschäft war ruinirt. Zuletzt wurde auch der Hauswirth, dem ich die letzte Miethe hatte sckuldig bleiben müssen, ungeduldig; er ließ uns alles nehmen, was uns noch zu nehmen war. Es war ein giftiger Winter, der viele schlimme Krankheiten mit sich brachte. Auch meine Frau und mein Kind lagen darnieder, aber das Gesetz, welches die Berliner Hausbesitzer in seinen besonderen Schutz nimmt, kannte keine Sckonung: meinen beiden armen Kranken wurden die Veiten unter dem Leibe weggepfändct. In der feuchten Kellerspelunke, in der ich mit den Meiuigen Unterkunft suchen mußte, starb erst mein Kind und bald darnach merne Fran auf einem elenden Strohsacke . . . Der besitzenden Klaffe mag der Staat als eine sehr moralische Anstalt erscheinen, mir aber kamen ganz andere Gedanken darüber. Ich hatte für den Staat, als er in Gefahr war, mein Blut vergossen, und er schickte mir dafür, als ich im Unglücke war, seine Executoren über den Hals. Die Moral des Staates hatte die meinige vergiftet, ich war erbittert bis in's Mark. Für mich waren Tugend und Recht leere Begriffe geworden. Zeitweise ohne Arbeit, war ich durch meine Armuth genöthigt, zur Befriedigung meiner Leibesbedürfniffe billige und schlechte Lokale zu besuchen. Dort kam ich mit Leuten aus der Verbrecherwelt zusammen. Sie ließen mich das baare lachende Geld sehen, welches ihr Geschäft ihnen abwarf; ich begann an der anscheinend so mühelosen Laufbahn des Verbrechens Gefallen zu finden, und als ich einst vier Tage lang hatte fasten müssen und dem Hungertode nahe war, warf ich meine letzten Bedenken von mir und betheiligte mich an einem Diebstahle. Ich ward dabei ergriffen, vor Gericht gestellt und in's Gefängniß gesteckt. Während meiner Strafzeit bereute ich meinen Fehltritt und nahm mir fest vor, nie wieder auf 514 den Weg des Lasters zurückzukehren. Aber wo ich auch anklopfte, um ehrliche Arbeit zu suchen, überall scheute man davor zurück, einen bestraften Verbrecher in Dienst zu nehmen. Einmal zu den schlimmen Genossen zurückgekehrt, wurde ich von diesen nicht mehr aus den Fingern gelassen. So bin ich auf dem Wege des Verbrechens fortgeschritten, und nichts vermochte mich mehr aufzuhalten, es hätte denn ein Engel sein müssen. Und dieses Wunder geschah wirklich: der Engel waren Siel Und wären Sie auf Erden das einzige Wesen, in dem noch Tugend nnd erhabene Selbstverleugnung wohnt, um Ihretwillen allein schon lohnte es sich, den Weg des Guten zu wandeln. Niemals habe ich wieder meine Hand nach unrechtem Gute ausgestreckt." Melanie hatte mit tiefer Bewegung zugehört. Als Rölling schwieg, saß sie noch lange stumm vor ihm und hielt das Antlitz mit der Hand bedeckt. „Und wovon fristen Sie jetzt Ihr Leben, Herr Rölling?" fragte sie endlich. Er lächelte trübe. „Ich arbeite, wenn es Arbeit giebt. Sehnsüchtig blicke ich des Morgens gen Himmel, ob er nicht einen tüchtigen Schneefall in die Straßen Berlins Herabschicken werde, — darüber freue ich mich stets wie ein Kind über eine Weihnachtsbescheerung, denn da giebt es mit Schaufel und Spitzhacke ein Stückchen Geld zu verdienen, was oft auf viele Tage reichen muß." Melanie blickte ihn mit dem Ausdruck schmerzlichen Mitleids an. Dann trat sie entschlossen auf ihn zu. „Es wäre eine Sünde, ein Verbrechen," sagte sie, „wollte ich Sie in Ihre traurigen Verhältnisse zurückkehren lassen. Sie stehen von dieser Stunde an in meinen Diensten. Welche Beschäftigung würden Sie sich hier wohl wünschen?" „O, jede Arbeit, die Sie mir anweisen, werde ich mit Freude verrichten," rief Nölling, während es in seinem Auge hell aufleuchtete, „machen Sie mich zum untersten Ihrer Hirten oder vertrauen Sie mir Millionen ungezählt an — ich werde mein Amt treu und rechtschaffen verwalten." Melanie versank in ein kurzes Nachsinnen. Plötzlich schien ihr ein Gedanke zu kommen. „Ich nehme Sie beim Wort," sagte sie ernst, „ich vertraue Ihnen das Theuerste an, was ich besitze - meinen Bruder." „Er ist nicht hier, vermuthe ich?" „Er muß feiner angegriffenen Gesundheit wegen den Winter über in einem milden Klima verbringen und hat seit einiger Zeit eine Villa bei Monte Carlo bezogen, wo sich die berüchtigtste Spielhölle Europäs befindet. Ich fürchte, daß er seine Gesundheit vernachlässigt und seiner Leidenschaft fröhnt. Ich kann ihm leider nicht 7'ir Seite stehen, um ihn zu überwachen, denn eS war eine seiner ersten Maßnahmen, den zuverlässigen und erfahrenen Mann- welcher dieses Gut bisher verwaltete, zu entlassen. So bin ich denn an die Scholle gebannt und muß selbst nach dem Rechten sehen, so gut ich es vermag. Wenn ich zu Jemand das Vertrauen habe, daß er meinem Bruder ein warnender Freund, ein treuer Berather sein würde, so sind Sie es, Herr Rölling. Ich glaube, daß Sie größeren Einfluß auf ihn besaßen, als ich, daß Sie von diesem Einfluß nur im besten Sinne Gebrauch gemacht haben." „Das that ich stets, denn ich wollte nicht, daß er so tief fallen sollte wie ich," erwiderte Rölling. „Ob er aber auch jetzt noch auf mich hören wird, ob er als reicher Mann sich nicht des Umgangs mit einem ehemaligen Verbrecher schämen wird, wenn dieser auch nur in dem Verhältniß eines schlichten Dieners zu ihm steht, ist eine andere Frage. Ich werde aber mein Möglichstes thun, um mich Ihres großen Vertrauens würdig zu zeigen. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen für alles, was Sie an mir gethan haben, danken soll!" „Wenn Jemand Ursache hat, dankbar zu sein," entgegnete Melanie, „so bin ich es, denn ich betrachte es als eine große Gnade Gottes, daß er mir die Mittel gegeben hat. Anderen zu helfen, wie auch ich in der trostlosesten Lage meines Lebens einen Retter fand." Rölling bemerkte, wie ein Schatten über ihr schönes Antlitz glitt, während ihre Hand unwillkürlich nach dem Herzen griff, als ob die Worte, welche sie eben gesprochen, einen schmerzlichen Gedanken in ihr geweckt hätten. xxxvn. Die Sonne tauchte hinter den leuchtenden Kuppeln und Spitzen des Casiuos von Monte Carlo unter; die winzige Halbinsel lag wie schlafend am Busen des Meeres, welches fern im Süden mit dem Himmelsblau zusammenschmolz. Im Osten breitete sich ein röthlich flammender Schimmer über Land und Wasser aus, den Hügelzug bei Mentone in rosafarbene Schleier hüllend. Ein paar näher liegende Anhöhen bildeten den dunkleren Hintergrund für freundliche Villen und Gärten, welche in tropischer Pracht prangten. Weit hinten im Norden schloffen die blendenden Schneegipfel der Seealpen das Landschaftsbild ab. Zwei Spaziergänger betrachteten das großartige stumme Schauspiel. Diese beiden waren Maitland und der Baron von Sturen. Sie hatten nur wenige Wochen in Neapel und Rom verweilt, und Maitland hatte feinen Freund überredet, einen längeren Aufenthalt in Monte Carlo zu nehmen, welches jetzt — im Januar — auf dem Höhepunkte der Saison stand. Während Wolfgang umherblickte, von Dankbarkeit gegen das Wesen bewegt, das die Erde in solche Herrlichkeit gekleidet hatte, stand Maitland in finsterem Sinnen. „Wohin soll der Mensch fliehen vor Gott," rief er in herbem Tone, „vor ihm, der die armseligen, aus seiner Hand hervorgegangenen Erdenwürmer in ein Meer von Elend, Zwietracht und gegenseitiger Vernichtung geworfen hat! Geht er in die Städte, so findet er die langsam zehrende Krankheit, die treulose Geliebte, betrogene Hoffnungen, das Elend der Armuth. Sucht er Zuflucht in der Einsamkeit der Gebirge, so folgen ihm der Blitz, der herabstürzende Felsblock oder die donnernde Lawine, und er wird zertreten, wie er selbst den Wurm zertritt. Wozu schuf Gott den Menschen, als um ihn zu verfluchen?" Maitland's Auge leuchtete grimmig, und auf seinem Antlitz lag ein dämonischer Ausdruck, vor welchem Wolfgang erschrak. Als er so da stand und seine schönen Glieder anspannte, indem er sich stets am äußersten Rande eines jähen Absturzes im Gleichgewicht hielt, glich er einem der gefallenen Geister, die auf die Erde herabgekommen, um mit den Sterblichen gefährliche Gemeinschaft zu halten. „Es ist nicht das erste Mal, daß ich Sie so sprechen höre," sagte Wolfgang, „aber fragen möchte ich doch endlich einmal, welche Ursache gerade Sie, Mait- land, zu so finsteren Gedanken haben sollten. Sie gehören zu jenen Bevorzugten, welche ein gütiges Geschick mit Reichthümern gesegnet hat; Siebesitzen hohe Geistesgaben und vereinigen damit jene blendende Persönlichkeit, welche überall ihres Sieges gewiß ist. Ich wüßte nicht, was Sie sich noch wünschen könnten, wenn nicht etwa ein geheimes Leiden Sie drückt, welches Sie bisher vor wir verborgen haben." Maitland blickte seinen Begleiter drohend an, als ob er sich persönlich beleidigt gefühlt hätte, doch verschwand dieser finstere Schatten rasch wieder von seinen Zügen. „Mein geheimes Leiden, Baron," antwortete er nach einer Pause, „ist der Fluch, der auf meiner Geburt lastet, und den alle Reichthümer der Erde nicht von mir nehmen können. Wissen Sie, wer der stolze, mit Reichthum gesegnete, mit Vorzügen des Geistes und Körpers ausgestattete Mann ist, der vor Ihnen steht? Ich will eS Ihnen sagen: er ist ein elender Bastard!" Wieder erschienen jene unheimlich dämonischen Schatten auf seinem Antlitz, während er die Fäuste vor sich hin ballte; wieder wich dieser Ausdruck wilder seelischer Bewegung rasch zurück, wie von einem eisernen Willen gebannt. „Meine Mutter war ein gebildetes, ehrbares Mädchen aus guter bürgerlicher Familie," fuhr er in ruhigem, aber bitterem Tone fort. „Ihre außergewöhnliche Schönheit reizte die Sinnenlust eines hochadeligen Kavaliers, der ihr die Ehe versprach und sie verführte. Die Frucht dieses Verhältnisses bin ich. — Mein Vater opferte die Geliebte dem Standesvorurtheile und führte eine Dame aus altadeligem Geschlecht zum Traualtar. Während der Sohn, der aus dieser Ehe hervorging, standesgemäß erzogen wurde und den stolzen Titel seines Vaters erbte, war ich die Schande meiner Mutter und das Verhängniß ihrer Zukunft. Als sie einst in der Zeitung las, daß ein reiches kinderloses Ehepaar einen Knaben an Kindesstatt zu adoptirren wünschte, trug sie mich hin. Ich bin meiner Mutter nie mehr im Leben begegnet. Ich grolle ihr nicht, daß sie die Bürde von sich abschüttelte, denn sie mußte, um nicht unterzugehen, mit der hergebrachten Sitte der Gesellschaft rechnen. Wer meine Eltern waren, erfuhr ich mit allen Einzelheiten später durch meine Pflegeeltern, welche mir in Ermangelung anderer Erben ihr sehr bedeutendes Vermögen hinterließen. Schon in meinen Jünglingsjahren faßte ich einen Haß gegen den wortbrüchigen Mann, der das Leben meiner Mutter vergiftet hat, einen noch glühenderen Haß aber gegen meinen Halbbruder, der mir alle die Rechte gestohlen hat, auf welche ich nach natürlichem Gesetze gerechten Anspruch besäße; er ist eine lebendige Beleidigung meines Ehrgeizes und meines Stolzes. Vereinigten sich nicht alle Eigenschaften in mir, die mich befähigen, um in jener Elite, der sich die Thüren der Könige und Fürsten öffnen, eine glänzende Rolle zu spielen, so ließe ich mir vielleicht an Geld und Gut genügen. Aber gerade alle jene Vorzüge, die ich besitze, erscheinen mir als ein Hohn auf meine Geburt, und nun frage ich Sie, was mir das Leben bieten, was es mir sein kann! Nur eine Aufgabe wüßte ich mir noch zu stellen, welche mir das Leben werthvoll machen könnte." „Welche?" fragte Wolfgang. „Die Aufgabe, meine Mutter und mich zu rächen, den meiner Rache durch den Tod entrückten Vater in seinem legitimen Sohne zu strafen und diesen hinabzu- drücken, tief, tief unter mich hinab in den Sumpf gänzlicher Verkommenheit, wo ihm Titel und Würde nur noch wie eine beißende Ironie erscheinen sollten!" Maitland schien sich in eine solche Erbitterung hineingeredet zu haben, daß Wolfgang vor dem Blicke tödtlichen Hasses, dem er in Maitland's Auge begegnete, unwillkürlich zurückbebte. Er gab daher jeden Versuch auf, ihn mit seinem Schicksale zu versöhnen, und wagte auch nicht, ihn auf den Widerspruch aufmerksam zu machen, in welchen Maitland mit sich selbst gericjh, indem er den Verführer seiner Mutter wegen eines Vergehens verurtheilte, aus welchem Maitland selbst sich kein Gewissen gemacht haben würde. Wolfgang begnügte sich zu fragen, ob Mailland seinem Halbbruder im Leben schon begegnet sei. „Wir kennen einander," gab Maitland finster zur Antwort. „Und Ihre Mutter? Haben Sie nichts über deren späteres Schicksal erfahren?" „Sie starb in ihrem dreißigsten Lebensjahre als die Gattin eines Mannes, der ihr Vater hätte sein können. Ich war bei Ihrem Tods zwischen zehn und elf Jahre alt. Doch genug hiervon. Kommen Sie mit mir in's Casino, damit die Roulette mich auf andere Gedanken bringt. . ." Beide begaben sich auf den Weg nach dem Casino, ohne mehr als dann und wann ein paar gleichgiltige Worte auszutauschen. Das Casino stand auf einem großen Platze, in dessen Mitte sich eine Fontäne mit weitem Bassin erhob. Spaziergänger mit vergnügte» oder verstimmten, stets aber aufgeregten Mienen wandelten dort umher. In der von Säulen getragenen Vorhalle empfingen Diener, alle Nähte mit Goldborten bedeckt, die ankommenden Gäste. Zum ersten Male betrat Wolfgang die Jnnenräume, mit denen Maitland aus früheren Jahren sehr wohl bekannt war. In den drei großen, der Norllette und dem Prsntö-st-Huai'Lllts gewidmeten, tageshell erleuchteten Spielsälen gruppirte sich um sieben Tische in buntem Gedränge eine sehr gemischte Gesellschaft, zu welcher Paris in freigebigster Weise seine Oami-rnonäs beigesteuert hatte. Eine fast andächtige Stille herrschte unter der dichten Menschenfülls. Man hörte nur das Klingen der Münzen, das Schwirren der Scheibe, das Gerassel der Kugel und von Zeit zu Zeit den näselnden gleichmäßigen Ruf der Croupiers: „l?ait68 votro zsu, Llss- sieurs!" und „klian ns va xlus!" Die meiste Anziehungskraft übte die Roulette. Maitland trat mit Wolfgang an einen dieser Spieltische. Auf dem Glücksfclde erhoben sich Berge silberner und goldener Frankstücke, breitete sich eine ganze Brandung rauschender Bankscheine aus. Und dann plötzlich rafften die Krücken der Croupiers alles unbarmherzig zusammen. Während Wolfgang mit gespannter Aufmerksamkeit den Vorgängen auf dem Glücksfelde folgte, welche ihm vollständig neu waren, beobachtete Mailland die um die Roulette versammelte Gesellschaft. Unter den Spielern auf der anderen Seite bemerkte er plötzlich einen hochelegant gekleideten jungen Mann, dessen Gesicht ihm bekannt vorkam. Aber erst nachdem er diesen Zügen ein gründliches Studium gewidmet hatte, erkannte er Nettberg wieder, so sehr hatte sich dieser, seit er ihn 516 zuletzt gesehen, verändert. Seine Wangen waren bleich und eingesunken und auf jeder derselben brannte ein Heller rother Fleck; die tief in den Höhlen liegenden Augen zeigten einen unnatürlichen Glanz; seine Brust athmete hastig und dabei ließ er ein leichtes, aber häufiges Hüsteln hören. Er spielte unausgesetzt und schob mit den gelben dürren Fingern, an denen Brillantringe funkelten, seine Banknoten mit einer Blasirtheit hin, als wären sie Maculatur. Es währte nicht lange, so sah Maitland hinter ihm eine riesige Gestalt auftauchen, in welcher er ebenfalls einen alten Bekannten wieder erkannte. Es war Nölling. Er trug schwarze Kleidung, eine schneeweiße Cravatte, drückte einen schwarzen Cyiin- derhut an seine Brust und schien mit aller einem Kammerdiener geziemenden Ehrfurcht Nettberg durch leises Zureden vom Spieltische entfernen zu wollen. Rettberg's Antworten trugen offenbar das Gepräge herrischer Abweisung. Die stumme Scene wiederholte sich ein paar Mal, bis Nettberg sich endlich zu fügen schien. Mehr getragen als geführt, schwankte er an der Seite des Riesen mit schleifenden Füßen matt dahin, aber nicht um den Saal zu verlassen, sondern nur um an einen Irents- et-guarants-Tisch zu treten und dort von neuem zu spielen. Maitland hatte diesen Vorgang mit einem leisen Zuge des Hohns um seine Lippen beobachtet; jetzt aber wurde seine ganze Aufmerksamkeit von Wolfgang in Anspruch genommen. Für diesen lag in dem Glänzen des GoldeS, dem erbarmungslosen, unaufhörlichen Schwingen der Krücken der Croupiers etwas dämonisch Anziehendes; hier vergaß er den schmerzlichen Druck, der auf seinem Herzen lastete. Er hatte lange den Kreislauf der Roulette beobachtet. Jetzt zog er eine Rolle Gold hervor und setzte sie auf Nummer dreizehn. Die Scheibe machte ihre Drehung, und die Kugel rollte in ihr Fach. „Dien na vL plus!" näselte der Croupier in automatischer Eintönigkeit. noir, Iwpair st rnanHuel" klang es dann — und Wolfgang's Einsatz hatte sich verdoppelt. Er ließ alles liegen und spielte weiter. Noch mehrere Male wiederholte sich dasselbe. Gold und Banknoten Ihürmten sich vor dem glücklichen Spieler auf. ,2ärc>!" sagte er, die ungezählten Tausende einsetzend. „2sro!" wiederholte der Croupier. Die Scheibe setzte sich in Bewegung, die Kngel schnurrte, dann stieß ste an die Umfassung. „1.6 gen 68t kait . . . riöu ns va plus . . „Irsuis äeux; Iiou§6 ?rür 6t I'ass6 , . Alles war fort! Von neuem holte Wolfgang eine Rolle Gold aus seiner Tasche. Er befand sich in einer Aufregung, die er nie vorher gekannt hatte, sein ungestümes Wesen beherrschte ihn mehr denn je und riß ihn zu einer Heftigkeit hin, die er vergebens bändigen zu können wünschte. Maitland's Blick hing mit dem Ausdruck wilden Triumphs an dem Spieler. „Der erste Sprung ist gethan," dachte er bei sich. „Er soll weitergehen, und über kurz oder lang will ich der Welt einen so gemeinen und leeren Wüstling zeigen, als irgend einen, der seine Lage und Nächte am Spieltische zubringt!" Als Wolfgang einmal zufällig sein Auge von der kreisenden Höllenmaschine wegwandte, sah er eine Gestalt, bei deren Anblick ihm das Blut heiß zu den Schläfen drang; er verstand nichts mehr von allem, was auf dem Glücksfelde vorging, als daß er abermals das Spiel verloren hatte. Die Erscheinung, die ihm so unver- muthet hier in der Fremde entgegentrat, war Felicitas. Sie trug Trauerkleidung. Er eilte auf sie zu, faßte ihre Hand und führte sie aus dem Gedränge. Felicitas war nicht weniger bewegt als er und ließ die weiche, schöne, zitternde Hand in der seinigen, so lange er sie halten wollte. Auf seine Frage, warum sie Trauer trage, antwortete sie, daß ihr Vater gestorben sei. „Wolfgang," sagte Felicitas. während sich beide langsam dem Ausgange des Saales zu bewegten, „ich habe Sie um eine große Gunst zu bitten." „Reden Sie, Felicitas," erwiderte er. „Sind Sie denn nicht überzeugt, daß ich, um Sie glücklich zu machen, selbst mein Leben hingeben würde?" „Treten Sie nie wieder an einen Spieltisch, Wolfgang," bat Felicitas. „Sie wissen nicht, was ich in den letzten zehn Minuten gelitten habe." »Ich sagte Ihnen, Felicitas, daß ich nicht dafür stehen könnte, welche Zerstreuungen ich suchen würde, um den Jammer los zu werden, den Ihr Verlust über mich gebracht hat." „O, Wolfgang," entgegnete Felicitas, „suchen Sie um meinetwillen nach einem bessern Troste. Zu wissen, daß Sie glücklich sind, wäre die einzige Freude, der ich noch fähig bin." „Ich muß mit Ihnen sprechen, Felicitas," sagte er, indem er sie sanft in die Vorhalle zog. „Sie dürfen es mir nicht abschlagen." Beide schritten die breiten Stufen hinab und suchten draußen auf dem weiten Platze eine einsam gelegene Stelle auf, wo sie auf- und abwandelten. (Fortsetzung folgt.) --- Land und Leute i« Holland. Von Theodor Hermann Lange. —(Nachdruck verbolen.1 Wer Holland als Tourist besucht, nimmt gewöhnlich seinen Weg zunächst nach der Hauptstadt des Landes, nach Amsterdam. Amsterdam ist nicht nur die größte, es ist auch die schönste Stadt Hollands, die man häufig das „nordische Venedig" nennt und die thatsächlich in vielen Stadtvierteln an die herrliche Lagunenstadt an der Adria erinnert. Ziehen sich doch auch in Amsterdam neben den großen und breiten Straßen und den prachtvollen Quais tiefe „Grachten" (Wasserstraßen) entlang, welche mit unzähligen Lastkähnen, schnellen Dampfern und zierlichen Booten bedeckt sind. Eine mehrstündige Dampferfahrt durch die verschiedenen Quartiere orientirt am besten, obschon die Stadt aus weit über hundert Inseln und Jnselchen besteht, welche durch 360 Zug- und Drehbrücken mit einander verbunden sind. Von Jahr zu Jahr verringert sich allerdings die Wasserfläche in und um Amsterdam. Die Bassins im Centrum der Stadt verschwinden durch Trockenlegung mehr und mehr, und große Plätze entstehen auf dem so gewonnenen Terrain. Amsterdam ist gleichwie Rotterdam ganz auf Pfählen erbaut. Die obere Erdschicht in der Stadt besteht aus losem Sand und Schlamm, und bevor nicht die Pfähle in den untersten festen Sand eingerammt sind, läßt sich kein dauerhaftes 617 Gebäude aufführen. So kostet der Ban unter der Erde bisweilen mehr als der über derselben. Ganze deutsche Wälder sind hier in die sumpfigen holländischen Torflager eingerammt worden. Vor einigen fünfzig Jahren versank plötzlich ein für die ostindische Kompagnie errichtetes Kornmagazin buchstäblich in den Schlamm, da die Pfähle nachgegeben hatten. Mehrere Jahre später drohte übrigens Amsterdam noch eine andere Gefahr sehr bedenklicher Art. Manche Pfähle waren von Holzwürmern derartig zerfressen, daß sie einer Honigscheibe auf ein Haar ähnelten. Der Wurm war aus tropischen Ländern mit Schiffen herübergekommen, konnte aber zum Glück das nordische Klima nicht vertragen und war nach etwa Jahresfrist wieder vollständig verschwunden. Das moderne Amsterdam ist ungemein reich an Kirchen, Palästen, Museen, Akademien, Bibliotheken und Sammlungen der verschiedensten Art. Die gemeinnützigen Anstalten, die Asyle u. s. w. müssen geradezu als muster- giltig bezeichnet werden. Von hohem technischem und theilweise auch historischem Interesse sind die Diamant- schleifereien nördlich und südlich von der Binnenamstel. Aber auch die Industrie mit nachgeahmten Diamanten blüht in Amsterdam. Den Mittelpunkt des Verkehrs in Amsterdam bildet oer sogenannte „Dam" (Damm). Von hier aus laufen die Hauptstraßen: Damstraat, Kalversiraat, Nieuvedijk u. s. w. aus. Hier befinden sich die größten Geschäftsläden, die ersten Hotels, die vornehmsten Restaurants und Cafes. Vom „Dam" — einem großen Platz, auf welchem auch das Königliche Palais, die Börse und andere hervorragende Bauten stehen — gehen Pferdebahnen nach allen Richtungen. Am „Dam" kann man auch einen der kleinen Vergnügungsdampfer besteigen, um hinaus nach dem „N" („Ei") oder auf der Binnenamstel durch die Stadt zu fahren. Am „N", an der „Handels- kade", am „Osterdock" u. s. w. löschen und laden die großen Ozeandampfer und Segelschiffe. Fast uoch großartiger als in Amsterdam erscheint uns in Rotterdam der holländische Seeverkehr, da er in letzterer Stadt sich nur an wenigen Quais konzentrirt. Nähert man sich beispielsweise von Dordrecht kommend der Stadt Rotterdam, so hat man vom Eisenbahnwaggon aus einen herrlichen Blick über den Wald von Masten, der uns auf der rechten Seite entgegenstarrt. Der Eisenbahnzug fährt auf einem großartigen Viadukt dahin, und schon vor der Einfahrt in die Stadt haben wir eine prächtige Aussicht. Ueber Brücken und Kanäle, über die Maas, die Rotte, carröartige Bassins rollt der Zug, um schließlich an der „Station Börse" stehen zu bleiben. Die beiden „neuen" hohen Maasbrücken sind entzückende Bauwerke. Drunten plätschern die Wogen, auf deren Rücken kleine Boote und Dampfer, sowie die stolzen Ostindienfahrer, die prächtigen Post- und Passagierdampfer der Niederländisch-Amerikanischen Dampfschifffahrtsge- sellschaft sich schaukeln, welche den Verkehr zwischen Holland und Amerika vermitteln, während bis hinauf zum Rotter- damer Park ein Wald von Masten unsern Blicken sich darbietet und Kriegsschiffe, Kanonenboote und Küstenfahrer vor unsern Augen sichtbar werden. Hier merkt wan den Pulsschlag des Weltverkehrs, hier werden die Produkte aller Zonen und Länder verladen, hier erheben sich die langen Reihen gewaltiger Speicher, von denen ein einziger oft 700,000 Ctr. Getreide tragt. Die Passagier- dampfer der Niederländisch-Amerikanischen Dampfschifffahrtsgesellschaft liegen am sogenannten Norder-Eiland und an einem bestimmten Tage in der Woche stauen und drängen sich Hunderte von Europamüden zusammen, in überwiegender Anzahl deutsche Auswanderer, um die Reise nach Amerika anzutreten. Ebenso großartig wie nach dem Hafen zu ist in Rotterdam der Ausblick von der „Station Börse" in die Stadt hinein. An den prächtigen Postplatz mit dem stattlichen „Postkantoor" und der „Beurs" (Börse) schließen sich die neuen hochgebanten Straßen an, von schiffbaren Kanälen durchflossen. Die frequenteste und wohl am meisten deutsche Straße Rotterdams tst die „Hoogstraat" (hohe Straße). Hier liest man an den Firmentafeln auffallend viel deutsche Namen, hier befindet sich auch mindestens ein Dutzend besserer Münchener Bierhallen. „Apostelbräu", „Löwenbräu", „Weihenstephan", „Klosterbräu" u. s. w. — alle diese und ähnliche Namen prangen auf großen Schildern weithin sichtbar an den Häuserreihen. Ja sogar eine „Berliner Weißbierstube" befindet sich hier. Die Zahl der in Holland ansässigen Deutschen ist übrigens eine verhältnißmäßig recht bedeutende. Unter den 360,000 Einwohnern Amsterdams befinden sich über 12,000, unter den 185,000 Einwohnern Rotterdams etwa 8000 Deutsche. Der Neiseude, der aus Deutschland oder sonst woher nach Amsterdam und Rotterdam kommt und in diesen beiden Städten die vielgerühmte und peinliche Sauberkeit kennen lernen will, wird zwar Amsterdam als eine elegante und reinliche Stadt bezeichnen müssen, aber hinsichtlich weniger Straßen Rotterdams doch arg enttäuscht sein. Es giebt in Rotterdam zwar ungemein saubere Stadtviertel, aber bei dem enormen Frachtverkchr durch die Stadt ist es gar nicht möglich, gewisse Straßen, wo sich große Gütermassen stauen oder ein- und ausgeladen werden, fortwährend reinlich und sauber zu halten. Will wan die holländische Sauberkeit kennen lernen, so muß man in die Provinz reisen. Dort sind zahlreiche Dörfer so überaus reinlich gehalten, daß oft uoch die kühnsten Erwartungen übertroffen werden. Der Preis gebührt in dieser Hinsicht dem Dorfe Broek, das sich von Amsterdam aus bequem in zwei Stunden erreichen läßt. Die Fußwege in Broek sind mit gebrannten, verschiedenfarbigen Ziegeln mosaikartig gepflastert. Der Fahrweg führt um das Dorf. Im Sommer sind eine Anzahl Kinder eigens zum Zwecke angestellt, um jedes Blatt, jede Blüthe, welche ein Windhauch in die Gassen weht, aufzuheben und in gemauerte Löcher, bezw. Behälter zu werfen, die mit grün und weiß angestrichenen Brettern bedeckt werden. Natürlich werden diese Gassen tagtäglich von den Dienstmägden gescheuert, getrocknet und glatt bezw. glänzend gebürstet. Die Dienstboten reinigen die Teppiche, Schuhe und Kleider ihrer Herrschaften niemals in oder vor den Häusern, sondern auf einem eigens dazu bestimmten Grasplatze, der sich einige Hundert Schritte vom Dorfe entfernt befindet. Die Kaminrohre in den Häusern werden gleichfalls sorgfältig gewaschen. An den Thüren steht Schuhwerk aller Art, denn im Hause selber gehen die Bewohner nur in Filzpantoffeln. Erwühnens- werth sind gleichfalls die doppelten Eingänge in jedem Hause. Die Hauptthür wird meist nur bei Taufen, Trauungen und Begräbnissen geöffnet. Ganz besonders „stilgerecht" und sauber sind die Kuhställe in Broek', die sich meist unter den Dächern der Wohnhäuser befinden. In mehr als einem Kuhstalle gewahrte ich auf dem Gesimse prachtvolle große Manteluhren mit guten Musikwerken. Auf den Dächern einiger Kuhställe sah ich wiederholt Uhren mit Glockenspiel. Im Sommer dient der Kuhstall der Familie bisweilen zum Speisezimmer, da sich das Vieh während der warmen Jahreszeit Tag und Nacht auf der Weide aufhält. Doch ich will es an diesen Mittheilungen über Broek genug sein lassen. Wenn auch hie und da die holländische Reinlichkeit zu einer Manie ausartet, im Großen und Ganzen berührt den Reisenden dieser Ordnungssinn sehr angenehm. Der Holländer ist nicht der sauertöpfische, wortkarge Geselle, wie man sich ihn häufig vorstellt. Der Holländer ißt und trinkt außerdem nicht bloß gut, sondern auch verhältnißmäßig sehr viel. Besonders ist es die bäuerliche und niedere Bevölkerung, welche in letzterer Hinsicht etwas Außerordentliches leistet. In den Kirmeßwochen — die große Rotterdamer Kirmeß währt drei Wochen — wird gewöhnlich drei Mal am Vormittag gefrühstückt, was immerhin sehr viel ist, wenn schon der Holländer erst um 4 Uhr Nachmittags zu Mittag zu speisen pflegt. Mit diesen Kirmessen sind stets große Jahrmärkte verbunden. Für das männliche und weibliche Gesinde ist die Kirmeß »die tolle Woche". Viele Mägde bedingen sich bei ihrem Dienstantritt für die Kirmeßzeit direkt drei bis vier vollständig freie Tage und Nächte aus, die ihnen auch von der Herrschaft zugesichert werden. Trotzdem Ende August und Anfang September es oft noch drückend heiß ist, tanzt das junge Volk leidenschaftlich und stärkt sich dabei an — Grog, Glühwein, Punsch, Branntwein, Thee, Kaffee u. f. w. Noch überraschender ist die seltsame Sitte unter den Dienstmädchen gewisser Provinzen Hollands, für die Dauer der Kirmeß sich einen Liebhaber zu »miethen". Und zwar sind diese Liebhaber gar nicht so billig. Oft thun sich sogar zwei oder auch drei Mädchen zusammen, um sich einen Liebhaber gemeinschaftlich zu engagiren, falls ein solcher für ein Mädchen zu theuer sein sollte. Dieser „Bräutigam auf Zeit und Kündigung" hat vielerlei Pflichten. Natürlich muß er zunächst ein sauberer und schmucker Bursche sein, dann ein flotter, unermüdlicher Tänzer, damit die Mädchen „mit ihm sich sehen lassen können" u. s. w. Der Liebhaber erhält außer verschiedenen werthvollen Geschenken seitens seiner Beschützerinnen natürlich während der ganzen Kirmeßwoche vollständig freie Zeche. Ich fand übrigens bei meinen häufigen Reisen durch die verschiedenen Provinzen hie und da recht interessante Sitten und Gebräuche. Will z. B. in Nordholland ein junger Mann ein Mädchen heirathen und weiß er nicht, ob er auf Gegenliebe rechnen darf, so klopft er eines Tages an die Hausthür und bittet das junge Mädchen, an welches er sein Herz verloren, um Feuer für seine ausgegangene Zigarre oder Pfeife. Das erste Mal wird ihm das Feuer anstandslos von dem Mädchen gereicht; erbittet er sich den andern Tag oder einige Tage später noch einmal Feuer, so weiß das junge Mädchen sofort, welche Absichten den jungen Mann in das Haus ihrer Eltern geführt haben. Verweigert sie ihm jetzt das Feuer, so gilt dies als Zeichen, daß sie von seiner Werbung Nichts wissen will. Reicht sie es ihm aber lächelnd dar, so giebt sie ihm dadurch die Hand zum Bunde fürs Leben. In anderen Gegenden Hollands ist folgender ähnlicher Gebrauch üblich. Ein junger Mann hat in einer Familie ein junges Mädchen kennen gelernt, das er gern heirathen möchte. Um sich nun zu überzeugen, ob die Jungfrau gern die Seine werden möchte, schickt er der Mutter der von ihm angebeteten Dame eine Torte oder einen Kuchen ins Haus und bittet sich die Erlaubniß aus, den Kuchen mit in der Familie bei einer Tasse Kaffee verspeisen zu dürfen. Natürlich wird ihm diese Bitte nicht abgeschlagen. Hilft nun das junge Mädchen mit, den Kuchen zu verzehren, und beißt sie mit ihren weißen Zähnen herzhaft in ihr Kuchenstück hinein, so hat sie „angebissen" und ist bereit, mit dem jungen Manne den Bund fürs Leben zu schließen. Läßt sie aber den Kuchen unberührt, so will sie von dem Betreffenden Nichts wissen, der sich nunmehr allerdings sehr rasch und schweren Herzens von der Familie verabschiedet. Uebrigcns sind die Holländerinnen durchweg hübsch. Große, kräftige, elastische Gestalten, heiter, lebensfroh und meist wirklich gebildet, auch sehr sprachgewandt und vorzügliche Gesellschafterinnen. Die holländische Sprache klingt aus dem Munde einer gebildeten jungen Holländerin sehr angenehm, und wenn das Holländische natürlich auch nicht den Wohllaut des Italienischen hat, so ist es doch eine auf's Feinste durchgebildete Sprache, welche der Hochdeutsche sich in vielen Stücken zum Muster nehmen könnte. Es ist gänzlich falsch, wenn hie und da behauptet wird, das Holländische sei eigentlich gar keine Schriftsprache, sondern so etwas ähnliches wie Plattdeutsch. Bisweilen werden in Zeitungen und Büchern holländische Worte oder ganze Sätze mitgetheilt, um angeblich zu beweisen, wie „kurios" das Holländische eigentlich sei. So soll z. B. der Holländer für „Kopf" die Worte „Deetz" oder „Dassel" haben. Der Satz: „Sie salbten ihm daS Haupt mit Oel", soll angeblich beißen: „Se schmeerten hem den Deetz met Fatt in"; ja nach einer noch tolleren Behauptung: „Se belabberten hem den Dassel met Thran." In all diesen Sätzen ist indessen kein holländischer Ausdruck vorhanden. Vor allem verdient die holländische Sprache deßwegen Anerkennung, weil in ihr verhältnißmäßig wenig Fremdwörter enthalten sind und auch der gebildete Holländer in der Umgangssprache nur selten ein Fremdwort anwendet. Wir sagen „Kolonie", der Holländer „Volk- planting", d. h. „Volkspflanzung"; wir haben unsern „Professor", der Niederländer sagt „Hoogleerar", wir sprechen von „Extremen", die Holländer vom „uitersten" (sprich äußersten), wir haben „Philosophen«, welche „Ideen" fassen, der Holländer hat „Wysgecren" (Weis- heitsbegehrer), welche „Denkbeelder" (Denkbtlder) in ihrem Kopfe haben u. s. w. Uebrigcns wird auch in Holland sehr viel Deutsch gesprochen, es ist in den besseren Kreisen sozusagen die zweite Landessprache und verdrängt das Französische immer mehr. Früher herrschte in verschiedenen holländischen Kreisen eine gewisse Mißstimmung gegen das Deutsche Reich. Indessen ist darin neuerdings eine sehr erfreuliche Wendung zum Bessern erfolgt, besonders nach der Reife» die Kaiser Wilhelm II. von Deutschland im Juli 1891 nach Amsterdam und Holland unternahm. --SM8SS-.- Der Nachtwächter. - (Na-druS ««WoNN.1 Fz Wie der althochdeutsche Name rmktrvasitari zeigt und sein gemeinigliches Blasinftrument, das Horn, das Ehrenzeichen der Krieger, Jäger und Gerichtsboten erkennen läßt, vermag der verspottete Nachtwächter sich eines 619 hohen Alters zu rühmen. Er war auch von Anfang ein in jeder Beziehung ehrenwerther Mann. Denn er genoß das rühmliche Vorrecht des Freien, Waffen zu tragen, und rvaoka, und ^varäs, — d. i. die Tag- und Nachtwache, die Aufrechthaltung der Ordnung im Innern des Landes, die Hut der Städte, Festungen und Grenzen des Reiches — gehörte ja zu den Bürgerpflichten des freien Mannes. Als im Mittelaltcr das Reich in eine Reihe kleiner Gewalten zerfiel, da ging auch die „Nachtwache" in den Dienst dieser engen Kreise über. Namentlich war es das luftige Amt der Thurmwächter auf Höfen und Burgen, dem der beschriebene militärische Charakter anhaften blieb. Allein es ist auch wahrscheinlich, daß gerade für dieses Amt nach und nach sich Verrichtungen ausbildeten, welche mehr dem geselligen und friedlichen Zusammenleben der Burgbewohner ihr Dasein verdankten, zunächst das rufende Ansagen des Abends und Morgens, der Abend- und Morgenwunsch, daß Gott den Menschen eine gute Nacht und einen guten Tag geben möge. Dieser Gruß kam aber damals nicht bloß aus Wächters Mund, sondern: „Gott geb' Euch Fraue gute Nacht!" oder: „Gott geb' ihr immer guten Tag!" war gäng und gäbe in der höfischen Sprache. Für daS Stunden ausrufen kommen die Belege später vor. Vorerst blieb man bei der einfachsten Nalurbeobachtung, welche den Tag noch nicht in Stunden, sondern bloß in Tag und Nacht und das Jahr nur in Sommer und Winter theilte. Ein Gedicht der höfischen Periode erzählt: „Der Wachter auf der Zinne saß, Sein Tagelied er sang, Daß ihm sein' Stimm' erklang Von großem Ton. Er sang: Es taget schon Der Tag, er scheinet in den Saal, Wohlauf, Ritter, überall Wohlauf, es ist Tag!" Aehnlich lautet auch der Morgenruf der Nachtwächter unserer Tage: „Steht auf im Namen Jesu Christ! Der helle Tag vorhanden ist. Der helle Tag, der nie verlag. Gott geb' uns allen guten Lag!" Und in meiner Heimath, im rheinpfälzischen Westlich, wenn wir in den Chartagen als „Kläpperbuwwe" das Gebetläuten am Morgen verkündigten, fangen wir mit frischer Kehle: „Steht aus im Namen Herrn Jesu Christ! Der helle Tag vorhanden ist. Den hellen Tag hat Gott gemacht. Ave Maria, Betglock'!" Demselben Nacht- und Thurmwächter wird in einer besonderen Gattung der mittelalterlichen Lyrik eine hervorragende Rolle zugetheilt in den „Wächterliedern" oder „Tageliedern", den Scheideliedern zwischen dem Geliebten und der Geliebten, anknüpfend an den Morgenfang des Wächters. Der Amts- und Ehrennachfolger des höfischen Nachtwächters wurde der städtische. Er behielt von seinem Vorfahren das Horn bei und vertauschte bloß den Spieß mit der Hellabarte, neben dem Morgen- und Abendruf ward seine wichtigste Verkündigung der Stundenruf. Der älteste Stundenruf stammt aus dem 15. Jahrhundert und lautet: „Merkt, Ihr Herrn, und laßt Euch sagen: Die Glock' hat sechse geschlagen. Hütet's Feuer! Wohlhin guter Sechse!" Die Anrede „Ihr Herrn" zeigt uns, daß wir uns auf städtischem Boden befinden, wo die Obrigkeit, die Herren des Rathes altreichsstädtisch regelmäßig „unsere Herren" genannt werden. Auch auf den Dörfern fand mit der Einführung der Schlaguhren der Stundenruf Eingang. Und je mehr der ursprünglich wehrhafte Charakter sich verdunkelte, je alterthümlicher die Ausstattung des Nachtwächters erschien — nur die Laterne war als modernes Attribut hinzugekommen — und je mehr die wohlhabenden Bürger sich der persönlichen Wachlpflicht entzogen, desto unpoetischer wurde das Amt und die Person des Mannes. Bisweilen ward der Nachtwächter in die Kaste der „unehrlichen Leute" verstoßen, bisweilen unterschied man zwei Arten: die, welche dem Diebssange obliegen mußten und also Schergen und Häschern nahestanden, galten als unehrlich, dagegen erfreute der „reine" Nachtwächter mit Lanze, Horn und Leuchte sich eines ehrlichen Rufes, er hatte auf Feuer und Licht aufzupassen, bei gefährlichen Ereignissen sich eilends zurückzuziehen und nur aus der Ferne grausam Alarm zu blasen. An einigen Orten, z. B. in Hamburg, ward das wohllautende Horn und der fromme Gesang im 17. Jahrhundert beseitigt. Nach dem Muster Amsterdams warb man 150 ausgediente Soldaten, rüstete sie mit Partisanen, halben Piken und „anderen guten Wehren" aus und verpflichtete sie für einen genau geregelten Posten- und Patrouillen- dienst. Sie führten ein Klapperwcrk mit sich und hatten dasselbe „hart zu rühren", wenn Brand, Frevel und Diebstahl im Anzüge, halbstündlich aber sanft zu rühren und durch bloße Aussprache zu vermelden: die Glocke hat soundsoviel geschlagen; sonst war ihnen jeder Gesang verboten. Erst im 18. Jahrhundert ward der Nachtwächter wieder in die Strömung der Poesie, hier der Sentimentalität, dort des Humors hineingezogen. Empfindsame Seelen fühlten sich beim Rufe des Nachtwächters von weicher Wchmuth berührt, und Lavater z. B. schrieb in sein Tagebuch: „Um 3 Uhr Morgens erwachte ich und hörte den Nachtwächter. Ich hörte ihn niemals ohne eine gewisse süße Melancholie, die mit einer feinen Empfindung der Flüchtigkeit meines Lebens und der dunkeln Vorstellung von wachenden Weisen, seufzenden Kranken, Gebärenden, Sterbenden u. s. w. verbunden ist." Der Humor der Zeit schuf die Fabeln von Gellert, wo zwei Nachtwächter sich spinnefeind werden, weil der eine „bewahrt das Feuer und das Licht" und der andere „verwahrt das Feuer und das Licht" singt, und von Claudius, wo der Nachtwächter eine obrigkeitliche Nase erhält, weil er hartnäckig, statt „der Klock hat 10 geschlagen", „das Klock" singt. Auch im Kasperltheater und, um es gleich hier zu verzeichnen, in der Jobsiade bekam der Nachtwächter einen Ehrenplatz. Die Aufklärungszeit bemächtigte sich dann der Poesie des Nachtwächters, in ihrer sinnige» Art. In Leipzig erschien ein Gesangbuch — für Nachtwächter, betitelt: „Der Nachtwächter des 19. Jahrhunderts", und in einem anderen Gesangbuch von 518 Liedern für jede Tugend, jedes Geschäft, jedes Alter, jeden Stand, jedes Geschlecht (Lieder für Müller, Bäcker, Kaufleute, Pfarrer, Schulmeister rc.) ward als Nr. 54 auch ei» Lied für den Nachtwächter geboten: I. Strophe. Ihr Nachbarn hört und laßt Euch sagenr Der Hammer hat 10 geschlagen. Die Zeit zur Ruhe rückt heran. Wohl dem, der seine Pflicht gethan! Habt acht aus Feuer und Licht, Daß Niemand Schaden geschichtr 's hat 10 geschlagen. 520 3. Strophe. Ihr Nachbarn hört und laßt Euch sagen: Der Hammer hat 12 geschlagen. Die Geisterstunde ist vorbei. Wer glaubt jetzt noch die Narrethei? Schicht wohl in göttlicher Hut, Da schlüst sich's sicher und gut! 's hat 12 geschlagen. 6. und letzte Strophe. Ihr Nachbarn hört und laßt Euch sagen: Der Hammer hat 3 geschlagen. Lobt Gott den Herrn sür diese Nacht, Er ist's, der Euch getreu bewacht! Verschlaft die Stunde auch nicht, Sobald der Morgen anbricht. 's hat 3 geschlagen. In unseren erleuchteten Tagen ist der Nachtwächter vollends zur komischen Figur geworden. Herren und Bürger bei vorgeschrittener Bildung mögen von ihm nichts hören, geschweige sich etwas „sagen" lassen. Nur noch in „zurückgeblicbrnen" Städtchen und in Dörfern beg:gnet man bisweilen den romantischen Gestalten. In der Großstadt aber schleicht still und wild im Schatten der Häuser und Thorbögen der moderne Schutzmann, der Diener jener „furchtbaren Macht, die richtend im Verborgenen wacht", der hohen Polizei. -- Erimm'uilgen an Zordaribad. (Schluß.) Neben der riesigen und wunderbar gleichmäßig gewachsenen Jordanlinde zwischen Badehaus und Wirtschaftsgebäude, unter deren Schatten sich's so angenehm ruht und von der ein neuerer Dichter singt: O schöne Ruh' für müde Gäste O reicher Schatten weit hinaus! Und droben summt's im Laub der Neste Wie im gewaltigen Bienenhaus. Als wie ein fernes Orgeldröhnen Die Stimme all der Bienen klingt Und mit so sanften Rauschetönen Der Wind sein Lied dazwischen singt — — ist es in erster Linie der herrliche, bergansteigende Wald un° mittelbar hinter den Kurgebäuden, welcher das Juwel des Jordanbades bildet. Harzduftige Fichtenbestände abwechselnd mit Gruppen hochstämmiger Buchen laden hier zu wandeln, und lauschige Plätzchen und zahlreiche Bänke zu stiller Ruhe ein. Weit oben am Waldessaum wird bei klarem Wetter das Auge entzückt durch eine umfassende AlpenauSsicht, (die man allerdings noch großartiger vom „Lindelc"berg im benachbarten Biberach zu genießen Gelegenheit hat; dort schweift das Auge von der Zugspitze bis zum Berner -Oberland mit Finsterarhorn und Schrcckhorn). Dieser schöne Wald ist für die meisten Kurgäste — einige von ihnen haben in dem darin aus Holz erbauten Waldhausc ihr Quartier auch bei Nacht aufgeschlagen — Vor- und Nachmittags der beliebteste Aufenthalt, wenn sie ihren „Guß" erhalten und sich wieder „warm gelaufen" haben. Hier gibt man sich so ganz der belebenden Kraft ozonreicher Lust hin und da die allermeisten der Kurgäste mit jenem Leiden behaftet sind, das so recht Ln äo siöols ist, so darf man sicher annehmen, daß diese Luftbäder nicht zum geringsten Theil an den guten Erfolgen ibren Antheil haben, welche in den Kaltwasseranwend- ungen für Nervenleidende mit Recht gesucht werden. Zudem gibt sür Herzleidende der Waldhügel auch Gelegenheit, die Pros. Ocrtcl'sche Terrainkur zu cxercircn. Leider war eS dem Schreiber dieser Zeilen nur zu kurze Zeit möglich, die Idylle des „Jordan" zu genießen. Aber trotzdem haben ihm die Kaltwasseranwend- ungen, die köstliche Luft und — last not toast — das »xroon! nLAvtiis« eine fühlbare Besserung seines neurastheuischen Zustandes verschafft. Die gesellschaftlichen Verhältnisse waren ganz vortrefflich. Man ist nicht genirt, findet ohne Mähe Anschluß und kann ihn meiden, wenn man will. Rauschende Vergnügungen gibt eS.nicht, aber eine, fast möchten wir sagen cordiale Stimmung lagert über der Kurgesellschast und ein ungezwungener aber doch feiner Ton beherrschte das gesellschaftliche Zusammensein. So fanden es wenigstens wir zur Zeit unseres dortigen Aufenthaltes, und mit Vergnügen erinnern wir uns des angenehmen Verkebrs mit hochgebildeten Pcriönlichkeiten geistlichen und weltlichen Standes auS verschiedenen Ländern. Neben dem „engeren Vatcrlande" waren namentlich die Rheinlande stark vertreicn; auch Frankreich und Rußland hatten eine Anzahl Gäste gesandt und zweifeln wir nicht, daß der Ruf des „Jordan" immer weiter dringen wird, zumal Prälat Kneipp selbst dieses Bad all Denen empfiehlt, die größeren Anspruch an Comfort machen und sich in dem Trubel von Wörishofen nicht behaglich fühlen. Freilich ging es jüngst dem Altmeister recht übel im „Jordan"; er zog sich auf einige Tage dorthin zurück, um etwas „auszuruhen". Aber wo bat Vater Kneipp Ruhe? Kaum hatte sich die Kunde verbreitet, daß er im „Jordan" sei, strömte das Volk von Nah und Fern zusammen und mit der Ruhe war's vorbei! Sonst lebt man freilich sehr ruhig im „Jordan"; aber trotzdem kann man von Vielen d-e scherzhafte Klage hören „man kommt zu nichts". Man bat eben mit der Pflege der Gesundheit vollauf zu thun. Des Morgens kommt Wilhelm, der unermüdliche Bademeister, und für die Damen eine „Schwester", um die Kaltwaschung ru vollziehen. Dann legt man sich wieder zu Bett; dann das köstliche Barfußlaufen in den thaufrifcken Jordan-Wiesen; hierauf laugdauerndcS Frühstück: dann kommt die Post und bringt Briefe und Zeitungen aus der Heimath; nun ist'S Zeit sich warm zu laufen und feinen „Guß", „Halb- bad" oder was sonst zu nehmen und sich wieder warm zu gehen; dann muß man doch den könlieben Wald genießen und nun ruft schon die Glocke zum Diner. Und so ging es fort, bis nacb dem Abcndtisch allmälig ctzliche von den männlichen durstigen Seelen, dem Zuge der verderbten Natur folacnd, zu einem feuchtfröhlichen „Schoppen" im Speiscsoal der Wirthschaft sich zusammenfanden, und unter der Aegide des allbcliebicn xarockus bar- batns aus Rammingcn jeden neuankommenden Bruder in oers- vlsia — es wurde aber auch Honigwnn und andere entsetzliche Gebräue getrunken — mit dem Wahlspruch begrüßten: „Ham mer wieder eint" Doch um V-10 Uhr war strenge Polizeistunde und das war gut — denn ergiebiger Schlaf ist sür die Neu- rastheniker ein Hanptrcquisit und „Ruhe ist dcö Bürgers erste Pflicht", zumal im „Jordan". DaS Jordanbad ist unstreitig ein köstliches Plätzchen und wer Ruhe suchen will, wird sich dort behaglich iühlen. Gottes- friede liegt über dieser Idylle und ferne dem Lärm der Welt läßt sich hier Einkehr halten in'S eigene Innere und zugleich die Gesundheit Pflegen, auck wenn man mit einer Dosis Skepsis an der Allheilkrast des Wassers ausgestattet ist. ES schadet jedenfalls nichts bei vorsichtiger Anwendung wie sie im Jordan üblich ist und — dem Schreiber dieses hat es vorzüglich bekommen. Darum schließt er mit den Worten: Auf Wiedersehen — trautes Jordanbad! -- » - h > v »i - - Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt.