69 . 1894 . M „Augsburger Postzeitung". Arettag, den 24. August Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg lVorbesitzer vr. Max Huttler). Im Sänne alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Er hatte eine Summe von mehr als einer Million zurückzuerstatten, und diese stak in seinem schlefifchen Gute, welches von den Erträgnissen des Villenhofs zum Theil arrondirt worden war. Er mußte, wenn er die Forderung der Geschwister Rettberg befriedigen wollte, unter allen Umständen das Gut verkaufen. Und dann . . . ? Was blieb ihm dann? Es gab Wolfgang einen Stich in's Herz, unter diesem, auf seinen Untergang ausgehenden Schriftstücke den Namen Melanie zu lesen; aber sie mußte sich dem Willen ihres Vormundes unterwerfen, und hinter diesem stand das Vormundschaftsgericht. Er war überzeugt, daß von Seiten Melanies alles geschehen war, um die Klage zu unterdrücken, denn er kannte ihre edle Gesinnung aus einem ergreifenden Briefe, den sie ihm bereits bei Gelegenheit des Prozesses um den Villenhof geschrieben hatte. Mit der ganzen Kraft seines leicht überschäumenden Temperaments empörte sich Wolfgang gegen das Schicksal, welches alles, was er besaß, als Prämie für Schurkerei und Gemeinheit einem Nouö in den Schooß werfen wollte, damit er es am grünen Tische in alle vier Winde jage. In diese erbitterte, wilde Stimmung blitzte plötzlich auch noch ein furchtbarer Argwohn hinein: hatte Felicitas etwa durch ihren Vater Kenntniß gehabt, welche Verluste Wolfgang bevorstanden und wie er Schlag auf Schlag dem Ruin entgegengeführt werden mußte? Fühlte Felicitas sich nicht stark genug, das Loos eines verarmten Edelmannes zu theilen, und zog daher vor, die Gattin eines reichen Advokaten zu werden? Wenn von allen Seiten die Wellen des tückischen Geschicks über dem Menschen zusammenschlagen, dann verläßt ihn nicht nur der Glaube an alles Gute und Edle, sondern auch die Kraft, selbst gut und edel zu bleiben. Von einem Gauner, dem er Gutes erwiesen, bis auf's Messer verfolgt, von der Geliebten betrogen und verrathen, wollte Wolfgang dem Schicksale trotzen, er wollte sich nicht länger am Narrenseile schmerzlich duldender Entsagung hin- und herziehen lassen, — er wollte den Schurken, der ihn in Armuth zu stürzen trachtete, mit gleicher Münze bezahlen, indem er sein Besitzthum rasch in Geld umsetzte und sich mit diesem dem Bereiche der gierigen Hände, die sich darnach ausstreckten, entzvg — und die Geliebte, die ihn betrogen, sollte seine Sklavin werden. Es war der Augenblick da, wo jene sophistische Glückseligkeitslehre, die Mattland ihm unausgesetzt gepredigt hatte, wie ein ausgestreuter Same in Wolfgang's Brust ihre Keime zu treiben begann. XXXIX. Noch an demselben Nachmittage fuhr Wolfgang nach Nizza, um zu erkunden, wo Justizrath Carus mit seiner jungen Gattin dort Aufenthalt genommen habe. Als er durch die Straße Francesco di Paolo ging, hörte er plötzlich seinen Namen rufen. Er wandte sich um und sah eine Dame, die eben aus dem Postgebäude getreten war, als er an diesem vorüber schlenderte, auf sich zukommen. „Welche Ueberraschung, Sie hier zu finden!" rief er, Frau von Prachwitz erkennend. „Es ist eine alte Anhänglichkeit, die mich unter sehr veränderten Verhältnissen gerade nach Nizza zog," lächelte sie, ihm mit gewohnter Herzlichkeit die Hand entgegenstreckend. „Ich habe hier vor vielen Jahren Genesung gefunden, als ein tiefes Gemüthsleiden meine Gesundheit erschütterte." „Ein Gemüthsleiden?" wiederholte der Baron. „Ja, lieber Wolfgang, auch meinem Leben hat die Tragödie des Herzens nicht gefehlt, und nun hat sie doch noch fröhlich mit dem Siege jener Liebe geendet, von welcher man sagt, sie rostet nicht. Die Welt mag die Achseln dazu zucken, denn wir sind beide nicht mehr jung. Aber warum sollen zwei Menschen, die für einander bestimmt waren, sich nicht in diesem Leben noch angehören dürfen, nachdem es kein Hinderniß mehr zwischen ihnen giebt? So habe in denn meine alte Liebe geheirathet, meine erste und einzige Liebe." Während beide langsam weiter gegangen waren, hatte Wolfgang auf seine Begleiterin Blicke zunehmenden Erstaunens geworfen, denn der Sinn ihrer Rede war ihm dunkel. „Sie haben sich wieder verheirathet?" fragte er. „Darf ich nicht wissen, mit wem?" „Mein Himmel, wie seltsam Sie fragen, Wolfgang l Meine Vermählungsanzeige mag sie in Nom, wohin ich sie Ihnen schickte, wohl verfehlt haben. Aber empfing ich nicht gestern Abend im Eisenbahncoups Ihre Karte mit Ihrem Glückwünsche?" „Den Namen Ihres Gatten! Um Gotteswillen, den 830 Namen Ihres Gatten!" rief Wolfgang mit bebender Stimme. „Wie sonderbar Sie doch sind! Sollten Sie denn seit gestern Abend den Namen Ihres ehemaligen Vormundes vergessen habend" „Sie sind — Sie sind Frau Carus? Und die Dame, welcher gestern Abend der Diener einen Shaw! in's Coups reichted" „War ich." „Aber ich sah nur Felicitas." „Sie stieg zuletzt ein; ich saß mit meinem Gatten bereits im Coups. Ich weiß nicht, Wolfgang, was ich aus Ihren Fragen machen soll." Wolfgang nahm alle seine Fassung zusammen, um sich nicht zu verrathen, aber in ihrer nachdenklichen Miene glaubte er zu lesen, daß sie dem Mißverständnisse, welches das verwechselte Eigenthumsrecht auf den Shawl angerichtet hatte, auf der Spur sei. „Wir befinden uns auf der Hochzeitsreise und Felicitas begleitet uns. DaS arme Kind bedarf der Zerstreuung. Ihnen, Wolfgang, brauche ich kaum zu sagen, daß der schwere Kummer, unter dem sie leidet, nicht erst seit dem Tode ihres Vaters datirt." Und doch kann ich mir keinen Grund ausdenken, weshalb sie sich und mich um Glück und Hoffnung gebracht hat. Sollte sie sich darüber vielleicht gegen Sie rückhaltsloser ausgesprochen haben?" „Ich habe nur wenig aus ihr herausbekommen," entgegnete Frau Carus, „ich begreife, daß es gegen Felicitas' Zartgefühl geht, Ihnen zu sagen, daß ein alter Familienhaß im Spiele ist. Ich aber brauche Ihnen dies nicht zu verschweigen." „Ich vermuthete dies. Felicitas' Vater und der meinige müssen aus irgend einer Veranlassung einmal hart aneinander gestoßen sein." Frau Carus schüttelte den Kopf. „Der eigentliche Anlaß ging von Felicitas' Mutter aus. Sie nährte einen unauslöschlichen Haß gegen Ihren Vater, einen Haß, den sie mit in's Grab nahm, denn noch in ihrer letzten Stunde forderte sie von ihrem Gatten das Versprechen, mit der Familie von Sturen niemals in näheren freundschaftlichen Verkehr zu treten und auch keine Annäherung zwischen den Kindern zu gestatten, falls die Schickung des Lebens beide zusammenführen sollte." „Dann bleibt mir keine Hoffnung mehr!" rief Wolfgang bestürzt. „Um welch' unseliges Geheimniß mag es sich hierbei handeln?" „Darüber spricht Felicitas nicht. Sie hat mir nur gesagt, daß sie ihren Vater zwang, es ibr zu entdecken, als er seine Einwilligung zu Eurer Heirath verweigerte. Doch hören Sie, Wolfgang, vielleicht giebt es außer Felicitas noch eine Person, welche Licht in das Dunkel zu bringen vermag. Es ist dies der alte Hartwig, der damals schon in ihres Vaters Dienste gestanden haben muß und dessen Vertrauen in so hohem Maße besaß, daß ex möglicher Weise in jene Angelegenheit eingeweiht war." Als Wolfgang nach Hause kam, ließ er den alten Diener kommen. „Hast Du die verstorbene Frau Teßner gekannt?" fragte er ihn. Die Frage kam dem Diener offenbar sehr unerwartet. Er stutzte, warf einen scheuen Blick auf seinen Herrn und antwortete mit unsicherer Stimme: „Ja — o ja — ich habe sie gekannt." „Ist Dir vielleicht erinnerlich," fragte der Baron weiter, „daß es zwischen ihr und meinem Vater einmal etwas gegeben hat, was eine Frau nie verzeiht? Du mußt mir alles sagen, was Du über Frau Teßner und meinen Vater weißt; mußt Du dabei eine Saite berühren, die vielleicht dem Charakter meines Vaters nicht zur Ehre gereicht, so fürchte nicht, seinem Andenken zu schaden, denn sein Bild steht mit so vielen edlen Zügen geschmückt vor mir, daß ein Flecken es nicht dauernd zu trüben vermag. Was sich auch zwischen jener Frau und meinem Vater ereignet haben mag — es wendet sich jetzt als Verhängnis; gegen mich, mein ganzes Lebensglück hängt davon ab. Ich muß klar in der Sache sehen. Sprich also ohne Umschweife und sage, was Du weißt." „Die Geschichte ist lange her," begann Hartwig zögernd, „wohl an die siebeuundzwanzig Jahre. Mein gnädiger Herr, Ihr Herr Vater war damals unverheirathet und noch nicht lange erst von Schlesien nach dem Villen- hofe übersiedelt, da lernte er ein junges Mädchen kennen, welches bei der Pfarrersfamilie im Dorfe einen ganzen Sommer zu Besuch war. . . Wie das allmählich so gekommen ist, weiß ich nicht, aber ein Wunder war's, nicht, denn die junge Dame war so schön, daß sich ein Mann in sie verlieben mußte, er mochte wollen oder nicht, na, kurz und gut, es dauerte gar nicht lange, da war ich zwischen dem Villenhofe und dem Pfarrhause täglich ein paar Mal unterwegs mit rosafarbenen, süßduftenden Billets. Es gab Bestellungen zu heimlichen Zusammenkünften u. s. w., und was ich voraussah, trat endlich ein! Das Verhältniß hatte Folgen und das Fräulein leiste plötzlich ab. Ihr Herr Vater benahm sich dabei sehr nobel, ich weiß das am besten, denn er machte mich zum Vermittler in der delikaten Geschichte, in die ich nnn doch einmal eingeweiht war. Aber das Fräulein wies alle seine Anerbietungen, die nicht dircct auf eine Heirath hinausliefen, von sich. Die Sache ging damals dem gnädigen Herrn sehr im Kopfe herum, und ich glaube, er hätte das Fräulein wohl auch geheirathet, aber es lag etwas in ihrem Charakter, — Rachsucht, Starrsinn und Hochmuth — was ihn abschreckte und voraussehen ließ, daß die Ehe keine glückliche werden könne. Fünf oder sechs Jahre später heircuhete das Fräulein den Advokaten Teßner in der Kreisstadt, der damals bereits ein alter Junggeselle war. Sie mochte wohl kaum über vierundzwanzig Jahre alt sein und war noch immer sehr schön. Mehrere Freier hatte sie bereits abgewiesen, da ihr nach dem Herrn Baron keiner hoch genug stand, bis ihr Großvater der Sache ein Ende machte und ihr, glaub' ich, mit Enterbung drohte, wenn sie nicht die Frau des Advokaten würde. Sie schenkte ihm eine Tochter und ist einige Jahre darauf gestorben. Bis dahin hatte der Herr Baron mit dem Advokaten in geschäftlichem Verkehr gestanden und demselben alle seine Rechtsgeschäfte übertragen. Er gab ihm daher beim Tode der Frau seine Theilnahme zu erkennen und sandte mich mit einer Condolenzkarte und einem prachtvollen Lorbeerkranze in's Trauerhaus. Ich dachte, der Himmel müsse über mir zusammenbrechen, als der Advokat, der so katzenartig freundlich war, mich sammt Karte und Kranz in giftigster Weise zurückwies. Nachdem ihm seine Frau in ihrer letzten Stunde bekannt habe, sagte er vor Wuth zitternd, in welchen Beziehungen sie früher zu meinem Herrn gestanden, müsse er jede Beileidsbe- 631 zeugung von solcher Seite ablehnen. Hatte er von jenem Verhältnisse Kentniß gehabt, so würde er sich für viel zu gut gehalten haben, der Nachfolger des Herrn Barons zu werden. Man konnte es ihm leich; ansehen, daß er noch kochte vor Eifersucht, von der schönen Frau, in die er rasend verliebt war, betrogen worden zu sein. . . Damit, gnädiger Herr, habe ich Ihnen alles Hauptsächliche mitgetheilt. Es wäre darüber nie ein Wort über meine Lippen gekommen, wenn mir mein Gewissen nicht gesagt hätte, daß ich Ihnen gehorchen müsse." Wolfgang hielt sein Antlitz mit der Hand bedeckt. Nach längerer Zeit blickte er auf und sagte: „So habe ich also, noch ehe ich selbst das Licht der Welt erblickte, bereits einen Bruder oder eine Schwester gehabt, und es wäre meine Pflicht, mich nach diesem Geschwister umzusehen." „Es war ein Bruder, gnädiger Herr," bemerkte Hartwig, „der Herr Baron wollte für den Knaben sorgen, aber die Mutter wies auch dies zurück, und nie haben wir erfahren können, was aus dem Kinde geworden ist." Hartwig war entlassen. Schlimmeres hätte er nicht hören können. Ja, Felicitas hatte Recht. Unmöglich konnte sie die Gattin eines Mannes werden, dessen Vater ihre Mutter einst zu Fall gebracht, unmöglich hätte sie ihm, dem Geliebten, dieses Geheimniß entdecken können, nie und nimmer wäre das Wort über ihre keuschen Lippen gekommen, das ihre eigene Mutter bloßstellen mußte. Bald nach Hartwig's Entfernung erschien Maitland. In seinen Augen leuchtete es triumphirend, sein Wesen hatte etwas Echeimnißvollcs. „Baron." sagte er mit gedämpfter Stimme, die Hand auf Wolfgangs Schulter legend. „Alles geht gut. Ich unterhandle eben noch wegen des Ankaufs der schnellsten Dampf-Jacht, die in den Buchten der Nievera ankert; einige unternehmende Monagasken stehen bereits zu unserer Verfügung. Jetzt gilt eS noch zu berathen, wie wir den Gegenstand Ihrer Liebe an eine einsame Stelle locken, wo wir seiner ohne Aufsehen habhaft werden können." „Ich bin mit mir ernstlich zu Rathe gegangen," entgegnete Wolfgang, „und habe bei genauerer Selbstprüfung gefunden, daß ich Ihre Ansicht über Glückseligkeit nicht zur meinigen machen kann. Nehmen Sie meinen Dank für Ihre Bemühungen." Ein höhnisches Lächeln schwebte um Maitland'S Lippen. „Es sei wie Sie wollen; gehen Sie Ihren eigenen Weg," erwiderte er und entfernte sich mit mißvergnügter Miene. . . Schon von dem Augenblicke an, wo Wolfgang von der furchtbaren Selbsttäuschung, daß Felicitas ihn betrogen habe, befreit worden war, waren alle seine wilden Entschlüsse und Pläne geschwunden. Er lehnte sich nicht mehr gegen sein Schicksal auf und wollte mit Würde und Ergebung tragen, was es ihm bestimmt hatte, selbst das Loos der Armuth. Er erschrack jetzt vor den finsteren Gedanken, denen er Eingang in seine Brust gestattet hatte, und glaubte zu entdecken, welche gefährliche Hochschule der Versuchungen ihm der Umgang mit Maitland war. „Ich muß vor diesem Manne fliehen," dachte Wolfgang, „oder er wird mich moralisch zu Grunde richten. Wahrhaftig! wenn ich jener gehaßte Halbbruder wäre, an welchem er seine Wuth über das Mißgeschick seiner Geburt kühlen möchte, er könnte nicht systematischer zu Werle gehen!" Wolfgang fühlte sich plötzlich von einem Gedanken erfaßt, der ihn in die größte Aufregung versetzte. Die Verhältnisse, welche der alte Hartwig geschildert hatte, erinnerten ihn lebhaft an Maitland'S Erzählung. Wär er (Wolfgang) etwa wirklich jener glücklichere Halbbruder, den Maitland so tödtlich haßte, daß es ihm als eine, eines ganzen Lebens würdige Aufgabe erschien, ihn zu vernichten. Nein! Unmöglich konnte sich unter so viel Freundschaft und Herzlichkeit, wie Maitland ihm in den verschiedensten Lebenslagen bewiesen, eine glühende, still und rastlos arbeitende Rachsucht verbergen. Auch kamen derartige Verführuugsgeschichtcn ja leider zu häufig vor, als daß es nicht eine Menge analoger Fälle gegeben haben sollte. XL. Jener Abend, wo Maitland am Roulettentische mit Edmund Rettberg zusammengetroffen war, sollte der letzte gewesen sein, den der junge Nous im Casino, wo er bisher täglicher Gast war, verbrachte. Er war seitdem aus der von ihm bewohnten Villa zwischen Monte-Carlo und Nizza nicht wieder herausgekommen. Der Fieber- zustand, welcher den Kranken bisher nicht am Ausgehen zn hindern vermochte, hatte sich so gesteigert, daß er das Bett nicht mehr verlassen konnte. Nichts aber lag dem Kranken ferner als der Gedanke, daß sein Leiden unheilbar sei und daß die Schatten des Todes sich bereits auf ihn herabzusenken begännen. Herablassende Gespräche mit Nölling wechselten mit despotischen Launen. Er hatte den Mann, vor dem er früher einen gewissen scheuen Respect gehabt, von Ansang an in wegwerfendster Weise behandelt. Wenn Nettberg seine unerträglichen Launen an ihn ausließ, was täglich ein paar Mal geschah, so pflegte er ihm Schimpfwörter, wie „Verdammter Spitzbube!" — „Langfinger!" — „Einbrecher!" — „Galgenvogel!" — „ZuchthauSkandidat!" — in's Gesicht zu schleudern, und hatte seine stille Freude daran, daß Nölling es nicht wagen durfte, auf Nettberg's eigene Vergangenheit auch nur mit einer Silbe anzuspielen oder ihm gar die eine oder die an dere jener Benennungen, die sehr gut auch auf den ehemaligen Bauernfänger und Wechselfälscher paßten, zurückzugeben. Freilich fühlte sich Nölling mehr als einmal versucht, den elenden Buben wie einen Stiefelknecht an die Wand zu schmettern, aber die Dankbarkeit und Hingebung für Melanie war stärker noch als die augenblickliche Wuth, und mit einer wahren Heiligengeduld ertrug er eine entwürdigende Behandlung, deren Bitterkeit Melanie niemals auch nur ahnen sollte. So hatte sich ihre Hoffnung, daß Nölling einen heilsamen Einfluß auf ihren Bruder ausüben könne, nicht erfüllt. Aber es war ohnehin nichts mehr an Edmund zu retten gewesen, er hatte sich bereits, als Nölling anlangte, im letzten Stadium der Lungenschwindsucht befunden. In seinen Berichten an Melanie suchte Nölling diese nach Möglichkeit zu schonen, als er aber sah, daß es mit Edmund schnell vorwärts ging, ließ sich die Wahrheit nicht mehr verschweigen. Melanie reiste ohne Verzug ab. Kurz vor ihrer Ankunft war Edmund in Nölling's Armen verschieden. Lange weinte Melanie bitterlich an der Leiche ihres Bruders. Nölling leistete der Trauernden jeden mög- 532 lichen Beistand und nahm alle die peinlichen Geschäfte allein auf sich, die mit jener letzten Pflicht, verwandten Staub in die Erde zu legen, verbunden sind. Ueber Rölling's Lippen kam kein Wort, welches das Andenken des Bruders im Herzen der Schwester hätte trüben können, aber selbst wenn er in die bittersten Anklagen über das Benehmen des Verstorbenen ausge- brochen wäre, so hätte er demselben kein schlimmeres Zeugniß ausstellen können, als dieser sich selbst ausgestellt hatte. Bei der Durchsicht der von Edmund hinterlassenen Papiere fielen Melanie nämlich einige ältere Blätter in die Hand, welche ein mehrmals abgeändertes Concept enthielten, wobei gleichzeitig Versuche gemacht worden waren, mit verstellter Handschrift zu schreiben. Es war der Inhalt jenes anonymen Briefes an die Staatsanwaltschaft, worin Nölling als das Haupt der Bande, die bei Teßner eingebrochen hatte, denuncirt war. Offenbar hatte Edmund, als künftiger Angehöriger der obern Zehntausend einen so unbequemen Freund wie Rölling bei Zeiten von sich abschütteln wollen und dazu das sich gerade darbietende sehr probate Mittel zu benutzen versucht, ihn hinter festen Zuchthausmauern unterzubringen. (Fortsetzung folgt.) ----8-W8LS—-- „Für Herz und Haus."*) Jüngst ist ein deutscher Dichter heimgegangen, der im Leben uns viel schöne Lieder spendete. Er schrieb unter dem Pseudonym: F. v. Münchberg, Frhr. v. Rach- witz, von Miris; letzterer Name mag besonders in den Lesern der „Fliegenden Blätter" freundliche Erinnerungen wecken. Die Gedichte, welche unter dem Titel: „Für Herz und Haus" erschienen, tragen den wirklichen Namen des Dichters, nämlich des in Regensburg gestorbenen fürstl. Domänendirectors Franz Bonn. Was Bonn, dessen Vildniß die erste Seite der oben erwähnten Gedichte schmückt, in der Widmung versprach, hat er auch gehalten. Was von der Jugend frönen Tagen Bis in mein Alter mich bewegt, Soweit ich's konnt' in Reimen sagen, Hab' ich in dieses Buch gelegt. Wir finden auf den 312 Seiten des Buches ein Dichterleben in Liedern. Im ersten Theile „Lenz und Liebe" besingt der Dichter den Frühling in der Natur und den in seinem Herzen. Er schildert die Gefühle während seiner Bräutigamszeit. Die Liebe der Geschlechter ist ihm weder tändelndes Spiel noch sentimentale Schwärmerei, sondern eine geistige, am Altare besiegelte und in Gott verklärte Zuneigung. In den „vermischten Gedichten" bringt er einige herzige Lieder, deren Stoff aus dem Kleinleben entlehnt ist, wir treffen aber auch ernste Gedichte darin, z. B. Allerseelen, Weihnacht, Unterm Christbaum. Der dritte Theil enthält „Bilder und Balladen". Bonn behandelt einige historische Ereignisse, oft aber auch umwebt er eigen Erlebtes mit poetischem Schleier. Zart und unmuthig sind im vierten Theile „Lieder und Stimmungen", tröstlich und weihevoll die Gedichte des fünften Theiles „In ernsten Stunden". Manches der Stimmungslieder gemahnt uns an *) „Für Herz und HauS", Gedichte von Franz Bonn. Dritte Auflage, Regensburg, Habbel. S. 312; Preis geb. 5 M. Eichendorff's gemüthvolle und oft zauberische schöne Gesänge, so daS Lied „Heimweh". H Unter den Bäumen in stiller Nacht Schlagen die Nachtigallen, Wenn hoch über die Wipfel sacht Silberne Lichter wallen. Unter den Träumen auf meine Brust Heimliche Thränen sanken, Waren verklärt auch in reiner Lust Alle meine Gedanken. Heimliche Thränen, heimlicher Sang, Irdisches Sehnen und Bangen, Ach i wie lange, o Welt, wie lang Hältst Du mein Herz gefangen. In den Gedichten auf den letzten Seiten sind jene Töne voller angeschlagen, die aus den Tiefen einer gläubigen Seele kommen, leise aber durchklingen sie auch alle übrigen Lieder. Und deßwegen muß uns der entschlafene Sänger so werth sein. Wie viele Gedichtsammlungen erscheinen alljährlich, worin bald gröber, bald feiner der Glaube verspottet wird oder in denen sich nur die Zweifelsucht, die Leere und der Schmerz der modernen Welt ausspricht. Hier sucht wieder einmal ein Gläubiger uns zu trösten, zu läutern und auf ewige Ideale hinzuweisen. Die Lieder von Franz Bonn sind ganz dazu angelegt, das zu werden, was er selbst ihnen als Wunsch und Scheidewort mit auf den Weg gegeben hat: So sei in Haus und Herz willkommen Mein Bucht Vergeblich sang ich nicht, Mag auch nur einem Herzen frommen, Nur einem Hause, mein Gedicht. Adolph Müller. -- Ein wirklicher Glücksritter. (Aus meiner alten Mappe.) Ein wirklicher Glücksritter ist eigentlich Derjenige, der das „Glück" im Ritte findet, ohne es zu suchen, und von einem solchen Glücksritter will ich ein Geschichtlein erzählen, das wohl einzig in seiner Art und kaum Einem unserer günstigen Leser bekannt sein dürfte. Der Graf von FlamarenS in Frankreich hatte, nachdem er mit Ehren seine militärische Laufbahn beendet, ins ländliche Stillleben sich zurückgezogen. Fortuna, die Göttin des Glückes, hatte bisher seiner noch nicht gedacht, wie es scheint, und er lebte von einem sehr bescheidenen Vermögen; doch immerhin fand der „frank und freie" Mann, der keinen „Aufwand" machte, dabei sein Auskommen; eine etwas vollere Kasse wäre hie und da nun allerdings nicht vom Uebel gewesen. Einst mußte der Graf von Flamarens eines Ver- mögensproceffes wegen eine Reise nach der Hauptstadt Frankreichs — nach Paris unternehmen. Damals war das Dampfroß noch nicht erstanden. Der Graf bestieg daher seine liebe Nosinante und suchte die weite Reise in kleinen Tagesritten zurückzulegen. So kam er eines Tages in den Wald von Fon- tainebleau. Da sah er eine Anzahl von Menschen, ebenfalls zu Pferde, die alle einen Seitenweg einschlugen; also ein und dieselbe Reiseabsicht haben mußten. Das reizte die Neugierde des Grafen, und muthig, wie der alte Soldat war, beschloß er, dieser ihm räthselhaften Erscheinung zu folgen. Nach einer Weile kam er an einen freien weiten Platz beim Fort de la Biche. Da sah er die Reiter und betrachtete sie genau. Sie waren abgestiegen. Ihre Physiognomien, die bräunliche Gesichtsfarbe (sonnenverbrannt) und ihre Kleidung hatte nichts weniger als etwas Nobles — und war durchaus nicht einladend. Sie banden ihre Pferde an die Bäume an. — „Parbleu! Ich bin am Ende in eine Räuberbande gerathen," sagte sich der Graf, „und ein Entrinnen ist da unmöglich. Es ist am besten, ich stelle mich an wie sie." Und er stieg ab und band sein Pferd auch an. Sofort fand er alle Blicke auf sich gerichtet. Bald sammelten sie sich zu einzelnen Gruppen und hielten, wie es schien, sehr eifrige Berathung, wobei immer nach ihm geschaut wurde. Nun lösten sich die Gruppen und die allgemeine Berathung trat ein. „Das Ding fängt an unheimlich zu werden", dachte der Graf, „jetzt werden sie über mein Loos entscheiden. Verwünschte Neugierdel" Endlich trat ein bärtiger Mann mit düsterer, fast zorniger Miene aus dem Kreise heraus und gerade auf den Grafen zu und sprach: „Darf man fragen, welcher Zweck Sie hieher führt, mein Herr?" Der Ton des Sprechenden klang nichts weniger als trotzig — im Gegentheil verlegen. Das stählte den Muth des Grafen, und er antwortete: „Sehr wahrscheinlich derselbe Zweck, der Sie hieher geführt hat, mein Herr." Der Abgesandte begab sich zurück zu den Seinen, und wieder begann die Berathung, und zwar noch eifriger, wie aus den lebhaften Gestikulationen zu schließen war. Abermals kam der Abgeordnete zu dem Grafen, und wie erstaunte dieser, als ihm der Fremde im Namen seiner Genossen die Summe von 200 Louisd'or — in baar — antrug, wenn er, der Graf, auf seinen Zweck verzichten und den Platz verlassen möchte. Da der Graf die Sache sich nicht erklären konnte, gewann sie für ihn das Ansehen eines komischen Abenteuers, und er beschloß, dasselbe weiter zu spielen. Er entgegnete deßhalb: Diese Summe sei noch viel zu ungenügend, um feinen Abzug zu bestimmen. Und wieder wird verhandelt „drüben und hüben". Da endlich bietet der Fremde dem Grafen fünfhundert Louisd'or. Der Graf wußte durchaus nicht, was er denken sollte, ein ganz unbeschreibbares Gefühl beherrschte ihn derart, daß er nicht sofort Antwort geben konnte. Der Fremde hielt dieses Schweigen für eine bedenkliche Zögerung und sagte: „Nun, mein Herr, ich meine, dqs sei denn doch eine respektable Summe, zumal Sie nich^ das geringste Nisico haben." Da besann sich der Graf nicht lang und antwortete: „Nun denn — in Gottes Namen." Man bezahlte ihm baar die Summe, überhäufte ihn mit der heitersten Miene von der Welt — mit Komplimenten, und der Graf räumte den Platz. Ganz verblüfft über dieses märchenhafte Ereigniß ritt er dahin. „Hm, mir unbegreiflich," sagte er für sich, „warum zahlen mir diese sonderbaren Leute diese bedeutende Summe? Sind das am Ende gar keine Menschen, sondern Kobolde? Und ist das Geld vielleicht nur Scheingeld?" Dabei befühlte er seine Brusttasche. „Doch nein, die Goldfüchse sind noch da. Und welche vergnügte Gesichter sie trotz dieser Ausgabe machten! Nun — ich bin auch vergnügt, das Geld kommt mir gerade recht. Unglück wird es mir wohl nicht bringen, und ein Teufelsspuk kann es nicht sein. Wer aber löst mir das merkwürdige Räthsel?" Unter der Pein dieser Frage kam er nach Melun. Dort vernahm er in einem Gasthofe ein Gespräch, das ihn aufs Höchste interessirte. „Wer wohl die Glücklichen sein werden," meinte der Eine. „Nun — ich denke, die „Zehner", die gestern bet mir abstiegen," sagte der Gastwirth. „Sie haben heute einen scharfen Ritt gemacht." „Ja, wenn die „Dreier" mit ihrem Grafen Prienne nicht einen Strich durch die Rechnung machen," meinte ein Dritter. „Die haben erst jüngst eine bedeutende Schlappe erhalten," entgegnete der Wirth, „und der Graf liegt schwer krank darnieder. Freilich könnte an diesem großen Waldtheil, bei glücklichem Einsteigerungspreis, leicht eine halbe Million gewonnen werden." — „Zehner", so viel der Männer mögen es gewesen sein, sagte sich der Graf; Waldversteigerung? Die „Dreier" — mit einem Grafen? — Große Holzhändler l Jetzt tagte des Räthsels Lösung. — „Erlauben Sie, meine Herren," wandte sich der Graf zu den Sprechenden, „wo findet diese Waldversteigerung statt?" „Beim Fort de la Biche." Das Räthsel war gelöst: Die Reiter — „Zehner" hatten den Grafen für einen gefährlichen Concurrenten gehalten — und denselben durch die Abkaufssumme sich vom Halse geschafft. So wurde der Graf von Flamarens ohne Willen zu einem wirklichen Glücksritter. I's. - . . ' Der eiserne Bestand. Eine Knödelgeschichte von O. Kalis. —^^ (Nachdrua vnbolen.) Die verehrten Leserinnen werden ersucht, sich durch obige Aufschrift nicht erschrecken zu lassen. Es handelt sich mit dem „eisernen Bestand" nicht um das Waffen- Arsenal in Spandau oder um das Krupp'sche Kanonen- gußwerk in Essen, sondern um eine ziemlich harmlose Vorschrift aus dem letzten Krieg. Auch an dem Ausdruck „Knödelgeschichte" möge 'sich niemand stoßen. Es wird keineswegs aufgezählt werden, wann, wo und von welcher geistreichen, hübschen Küchenfee die Knödel erfunden, wieviele seit jener Zeit verzehrt worden sind. Auch werden weder alle Arten dieser kräftigen Speise katalogisirt, noch auch die vielen Redensarten in ein .System gebracht. Das Alles wollen wir berufenen Fachmännern überlassen. — Unsere Militärhumoreske geht auf eine oder, besser gesagt, doppelte Soldatenbosheit hinaus, und zwar: erstens auf Mißbrauch des Wortes „Knödel", zweitens auf wirklich „gekochte Knödel". * * Beim Ausbrnch des deutsch-französischen Krieges wurde vielfach das Bedenken laut, Süd- und Norddeutschland werde sich bei gemeinsamer Operation nicht gut vertragen. Schon die divergirenden Nationalitäten seien zu einem gedeihlichen, harmonischen Zusammenwirken kaum geschaffen; besonders aber müßten die durch den Bruderkrieg vor vier Jahren geschaffenen Gegensätze zu Befürchtungen Anlaß geben. Wir kümmerten uns um dergleichen spießbürgerliche Auseinandersetzungen wenig; denn kaum hatten dieselben Platz gegriffen, als uns an der Landesgrenze schon die französischen Chasscpotgeschosse über die Köpfe schwirrten. Jetzt hörten alle Sonderinteressen, alle Gehässigkeiten auf. Es galt ein gemeinsames, wüthiges Vorgehen gegen den Feind. Dieses Zusammenwirken half uns über die schwierigsten Stellungen hinweg: man denke an Weißenburg, Wörth, Sedan, Orleans, Paris! — Wir Süddeutsche wurden von unseren Vorgesetzten streng innerhalb der Grenzen von „Mein und Dein" gehalten. In Folge dessen mußten wir manchmal empfindlich hungern. Zur Abhilfe waren häufig die norddeutschen Freunde bei der Hand. Ich gestehe: zweimal erhielt ich in schwerer Noth von einem Preußen Atzung. Gut. Wir vertrugen uns besser, als Mancher zu hoffen gewagt hätte. Und doch war die liebe Brüderlichkeit vielleicht nur eine künstliche. Als Paris capitulirt hatte und die Hoffnung auf den Friedensschluß zu berechtigen schien, da sing die Freundschaft zwischen Nord und Süd zu krebsen an. „Hören Se mal, Jotzke, dat is 'n Bayer! Wir hätten diese Leute nich' jebrancht; wären leicht alleene fertig jeworden mit den Franzosen." — „Justav, steh' mal, sieh' mal diesen trampeligen Kerl! Is jedenfalls 'n Bayer. Wie kann man solche Bären als Soldaten anstellen?" — „Stulte, Se einfältiges Kamel! Ich lasse Se zehn Tage in's Loch sbeereu, wenn Se nochmal mit 'nem Bayer smoliren. De sind zu dumm for 'n Preuße!" — „Blitz, Bomben und Granaten! Schwartcck, wie, 'n Bayer hat Dir 'ne Ohrfeige applicirt? Schäme Dir drei Ewigkeiten lang for dat preußische Heer! Brumme drei Strafwachen, weil et 'n Bayer war!" — Solche und ähnliche Liebenswürdigkeiten wurden fast täglich laut. Den 3. Mai bezog mein Bataillon Cautonnement im Städtchen Alfort. Auch ein preußisches Regiment lag daselbst. Am folgenden Morgen wurden wir von unserem Hauptmann zum Exerciren aus der Stadt geführt. Auf dem Marsch kamen wir an einem freien Platz vorbei, wo ein preußischer Unterofficier etliche junge Leute drillte. Sobald unser Compagnie-Chef außer Hörweite war, begann der über vier Mann Befehlende zu schreien: „Hört mal, Mannschaften! Sehet diese wandelnden Automaten an. — Det find Bayern. — Solch' tranrije Fijuren dürft Ihr nich werden. — Ich snje Euch noch mehr: et find Knödelfresser.-Wir waren bereits zu weit entfernt, um noch weitere Kosenamen des Unterofficiers Flurspecht vernehmen zu können. Abends besuchte ich ein Weingastlokal. Noch war hinter mir die Thüre nicht geschlossen, und schon ertönte Flurspecht's Stimme: „Habe die Ehre, altbayerischer Knödelfresfer!" Was sollte ich thun; mich schließlich in einen Scandal verwickeln? Nein, umgekehrt, in's Quartier gegangen und ein Glas Wasser getrunken! Am nächsten Abend, als ich bereits schlief, kamen mehrere meiner Compagniekameraden wüthend heim. Sie schimpften, fluchten, schworen Rache. Erst nach langem Poltern fand ich heraus, daß diese in meine gestrige Gesellschaft gerathen seien. Wieder einen Tag später besuchten unser zwölf Mann die bekannte Weinkneipe. Flurspecht uns sehen und mit seinen Mannschaften durch eine Hinterthüre verduften, war fast eins. Bald erscholl durch ein Fenster: „Ihr seid lauter altbayerische Knödelfresser l" — „Knödel- fresser!" cchoten auch die traurigen „Mannschaften", welche ihrem Unterofficier täglich den Wein bezahlen mußten. Unter meinen Landsleuten stieg die Erbitterung auf's höchste: man wollte diesen Menschen selbst auf offener Straße überfallen. Am 8. Mai kam ich Mittags von der Wache ab. Meinem Quartier gegenüber wurde echtes Hackerbräubier aus München verzapft, die Maß zu 30 Kreuzer. Schon einigemale war an mich die Versuchung herangetreten, von diesem Naß zu kosten; aber die Kosten! Heute unterlag jedes Bedenken in Betreff der Finanzen. Bald saß ich in der feinmöblirten Schankhalle des Hotels an der Marnebrücke. Bald stand in einem echt bayerischen Maßkrug das gewohnte, beliebte Nationalgetränk vor mir. Was sind für den Bayer alle Weine, selbst der feinste Bordeaux, den ich gekostet, gegenüber einer Maß „Münchener"! Nicht nur mit Verstand, wie man empfiehlt, sondern sogar mit einer gewissen Andacht schlürfte ich die entzückenden Tropfen. Erst als der Krug zur Hälfte geleert war, würdigte ich auch meine Umgebung einiger Aufmerksamkeit. Ich saß allein. Der Saal war fast leer. Nur zwei preußische Officiere thaten einige Meter weit von mir an einem Erkeriisch dem „bayerischen Braunen" alle Ehre an. Diese wurden in ihren Mittheilungen bald so laut, daß ich beinahe jedes Wort des Gespräches verstehen konnte. „Noch eines, Premier", sprach der ältere Officier, Namens v. Stechwitz, „ich werde morgen nur zwei Stunden lang exerciren lassen. Dann wird strenge Visitation der Tornister vorgenommen. Besonderes Augenmerk wenden wir dem „eisernen Bestand" zu. Ich fürchte, die Mannschaften haben vor dem großen Armeebefehl nicht die gehörige Achtung und naschen an der Erbswurst ohne Noth, während sie doch zu leben haben wie der Vogel im Hanfsamen. Halten wir bei dieser Gelegenheit die Daumen besonders auf den Unter- osficieren. — Hören Sie, Premier! — Schockschwerenoth! — Ich glaube gar, Sie schlafen? — Premicrlieutenant, schnell trinken Sie eine Flasche Wein! Es wäre die höchste Schande, wenn sich ein preußischer Officier gestehen müßte, er sei durch bayerisches Bier betrunken geworden." — Auch der Hauptmann v. Stechwitz lallte bereits, daß er nur noch mit Mühe zu verstehen war. Es ist zum Ausderhautfahren. Nicht nur die bayerischen Soldaten, nicht nur die bayerischen Knödel taugen nichts; selbst das Bier erhält kein Recht, weil es „bayerisch" ist. Unmuthig verließ ich das Gastlokal. Also, der preußische Hauptmann nimmt morgen Visitation des „eisernen Bestandes" vor. Was ist der „eiserne Bestand"? Da bet unseren zu befürchtenden Massenkriegen an eine Verköstigung der Heere mit frischen Naturalien nicht mehr zu denken ist, haben, ich weiß nicht wohlwollende oder speculative, Männer an künstliche Ernährung gedacht. Diese ist heute ziemlich ausgebildet. Man denke an „Conserven" und „Dörrgemüse". Die Erbswurst machte den Anfang. Obwohl nach der Weihnachtsnummer eines Berliner Blattes von 1870 ein Professor aus Königsberg behauptete, „die Zukunft (Erbswurst resp. Conserven) vergifte die Jugend," war gegen Ende des Monats Januar 1871 das ganze deutsche Kriegslager mit dieser Gabe überschwemmt. Das Ding bestand aus Erbsenmehl gehacktem Schinken und Salpeter. Die Form war compakt, wurstartig in Pergameutpapier. Diese Wurst, fein geschnitten und in Wasser gekocht, lieferte in wenigen Minuten eine schmachvolle, nahrhafte Suppe, aber auch bedeutende Unterleibswehen. Durch Gewohnheit blieben letztere aus und damit in der Regel auch der Appetit. Solche Dinger erhielten wir längere Zeit in Ermanglung von Fleisch als Nahrung. Eines Tages wurde uns mit besonderer Feierlichkeit eine Erbswurst überreicht, die man nicht verspeisen dürfe, sondern im Tornister herumtragen müsse, bis die höchste Noth eingetreten sei. 535 Dies nannte man den „eisernen Bestand": wohl deßwegen, weil auch Eisen nicht verzehrt wird. „Es lebe die Gemüthlichkeit!" rief unser Secondjäger Hamberger. „Jetzt geht das Hungerleiden erst recht an. Die Verpflegs- abtheilung will nichts mehr geben. Sie prahlt damit, daß soviel Erbswurst geliefert werde. Hat der Soldat eine solche, dann darf er sie nicht essen." Ich lag in meinem Quartier mißmuthig auf dem Stroh. — Also wir Bayern sind eigentlich Böotier. — Haben wir darum die Heimath verlassen, eine Unzahl von Mühen und Beschwerden ertragen, das Leben in die Schanze geschlagen, um endlich von den Preußen Mitleidig verachtet zu werden? — — So, so, morgen hält der Hauptmann v. Stechwitz Visitation über den „eisernen Bestand". Hm — —. Ein häßlicher Gedanke blitzte mir durch das Gehirn. — Häßlich, warum? — Der getretene Wurm krümmt sich. — Wozu ist der Menschheit und insbesondere dem Soldaten ein Recht auf Nothwehr gegeben! — Fünf Minuten später befand ich mich außerhalb der Wohnung. Ich kaufte in einem Bäckerladen für fünf Sons Weißbrod, bei einem Viktualienhändler vier Stück Eier und etwas Weizenmehl. In meinem Quartier folgte nun ernstliche Arbeit. Es wurde Feuer gemacht, Wasser darüber gesetzt, das Brod fein geschnitten, die Eier darangeschlagen und einiges Mehl beigemengt. Nachdem das Ganze etwas geknetet war, brachte ich die weiche Masse in runde Formen und legte diese in das kochende Wasser. Nach einer halben Stunde hatte ich die herrlichsten Knödel vor mir. Nun griff ich aus meinem Tornister eine Erbswurst, deren ich zwei besaß, löste sorgfältig ein Ende derselben und schabte mit einem Löffel den ganzen Inhalt heraus, so daß ich bald das leere Pergament in Händen hielt. Dahinein ließ ich nun Knödel auf Knödel geleiten. Fünf Stück fanden Raum. Das offene Ende der Wurst wurde nicht gebunden, sondern nur zusammengedreht. Mit diesem Produkt begab ich mich noch um r/zö Uhr Abends zu dem mir wohlbekannten Quartier des Unterossiciers Flurspccht. Sobald der nächste Morgen die Marne zu vergolden begann, ging ich zu meinem vorgesetzten Unterosficier, zeigte ihm meine Fußbekleidung, deren Absätze nothwendig einer Reparatur bedurften, und erhielt leicht Erlaubniß, die Hilfe des Compagnieschuhmachers in Anspruch zu nehmen. Somit hatte ich mindestens für den ersten halben Tag dienstfrei. Um 6 Uhr zog mein Bataillon zur Uebung aus. Ich wandte jetzt natürlich mein Augenmerk den Preußen zu. Eine Stunde später begann es sich auch vor dem Quartier Flurspechts zu regen. Bald waren die „Mannschaften" angetreten. Der Unterosficier besichtigte jeden Knopf an der Uniform, sämmtliche Riemen und Schnallen am Tornister, endlich die Waffen in all ihren Theilen. Hierauf sprach er im patzigstem Commandoton: „Man kann mit Euerer Propretät leidlich Zufrieden sein. Mach? mir auch vor dem Herrn Hauptmann beim Exercieren keine Schande. Noch eines! Ihr wißt, daß wir nie vor einer Untersuchung des „Kalbspclzcs" sicher sind. Sollte einer von Euch Fressalien darin haben, so werfe er sie sofort auf die Straße; sonst trifft Euch ein Donnerwetter! — Mannschaften — Marsch!" Vor der Wohnung des Hauptmanns vereinigte sich die Compagnie. Nach einigem Warten blickte der Feldwebel wiederholt nach den Fenstern des Chefs, konnte aber dort kein Leben entdecken. Endlich erschien der Lieutenant. Sofort wurde ihm die Meldung abgestattet, daß die Compagnie mit 160 Mann und 22 Unterofficieren am Platze sei. Der junge Mann sah auf die Uhr, schüttelte sein lockiges Haupt und führte die Truppe nach einer nahen Wiesenfläche. Hier wurde in Abtheilungen exerciert. Nach einer halben Stunde kam der Premierlieutenant herangewankt. Sein Gesicht zeigte entsetzliche Spuren von gestern. Er nahm schweigend die Meldung des Lieutenants entgegen und zog seinen schweren Kopf wieder in die Stadt zurück. Nach einer weiteren halben Stunde kam der Hauptmann v. Stechwitz geritten. Sobald er vom Pferd „gesprungen", rief er etwas heiser: „Compagnie — stille gestanden! — Ich will heute meiner Mannschaft etwas Ruhe gönnen. Der Dienst darf aber nicht Schaden leiden, darum halten wir eine kurze Untersuchung der Tornister, und insbesondere des „eisernen Bestandes", 'rr Premier!" — Da dieser nicht anwesend war, meldete ihn der Lieutenant als „krank". Stechwitz com- mandirte: „Gewehr in Pyramiden! — Tornister ab! — Znr Visitation bereit!" — „'rr Lieutenant! Ich untersuche in Ihrer Gegenwart die Tornister der Unter- officiere; hierauf thun Sie dasselbe mit den Unterofficieren bei der Mannschaft!" „Zu Befehl, Herr Hauptmann." Zuerst kam der Sergeant Jarke an die Reihe. Bet ihm fand sich alles in Ordnung. Der zweite Tornister, des Unterossiciers Flurspecht, verhieß dieselbe Pünktlichkeit. Obenauf lag die Mütze, dann der Putzzeug, und darunter blickte ein neues Flanellhcmd unmuthig hervor. „Gut", sprach der Hauptmann und ging einige Schritte vorwärts. „Doch halt!" rief er, „ich mnß auch den „eisernen Bestand" sehen!" — Flurspecht stand unbeweglich. — „Sergeant, bringe Er mir das Geforderte zur Ansicht!" Der Gerufene beugte sich über den Tornister, hob Mütze, Putzgegenstände und Hemd hinweg. Jetzt starrten aller Augen zwei Cigarrenkistchen entgegen. Das erste derselben erwies sich als leer. In dem zweiten befand sich ein der Erbswurst ähnliches Etwas. Der Sergeant reichte das Kistchen dem Hauptmann zur Besichtigung. Dieser ergriff die wurstähnliche Erscheinung an dem trockenen Ende, hob sie empor und plötzlich kollerten aus der Haut fünf kugelförmige, teigartige Dinger hervor. Stechwitz prallte zurück: er mochte Dynamit wittern, „'rr Lieutenant!" rief er endlich, „was soll das?" „Herr Hauptmann, dies sind Knödel. Ich lernte diese Ernährnngsart auf meiner vorigjährigen Reise in Süddemschland kennen. Die Knödel schmecken ganz famos; besonders wenn sie mit Schinken oder frischer Leber durch- woben sind." Stechwitz bot das Bild der Erdoberfläche vor einem schweren Gewitter. Schweigen — unheimliche Schwüle. Die Nasenflügel begannen zu vibriren wie elektrische Funken. Die vergrößerten Augen rollten wie Donner. Die Brust wogte auf und nieder wie das stnrmgepeitschte Meer. Endlich brach eine Fluth von Schimpfworten hervor-. „Den ehrenhaften Namen „Unterosficier" sind Sie nicht mehr werth; Sie haben ihn beschimpft, entehrt. Flurspecht! Ich muß Ihnen die Borten vom Waffenrock reißen und verbrennen. Ich bin genöthigt, Sie in den Soldatenstand zweiter Klasse zu versetzen. — Der preußische Soldat hat die erdenklichste Abhärtung 536 an den Tag zu legen, sich Mit Speck, Kommißbrod und Schnaps zu begnügen. — Was muß ich aber hier wahrnehmen? — Unaualisicirbare süddeutsche Leckerhaftigkeit, die strafbarste Vergeudung des „eisernen Bestandes", die vorschriftwidrigste Packung des Tornisters! — Was soll ich mit Ihnen anfangen?" „Herr Hauptmann!" begann Flurspecht zerknirscht, „ich gestehe alles ein, die Cigarrenkistchen, die fehlende Erbswurst; aber von den Knödeln weiß ich nicht, wie —" „Halten Sie Ihr Leckermaul!" schnitt ihm v. Stech- witz die Vertheidigung ab. „'rr Lieutenant, was denken Sie von der Angelegenheit?" „Herr Hauptmann, ich meine unmaßgeblich, wenn der Herr Premier hier wäre, könnte man gegen den Unterofficier scharf vorgehen. Nun aber, — wollen der Herr Hauptmann entschuldigen — bayerisches — Bier — „Genug, genug, 'rr Lieutenant! Der preußische Officter ist gegen seine Untergebenen immer zur Milde geneigt. Ich werde darum für Flurspecht die geringste Strafe verordnen. Er bekommt für jedes der drei Verbrechen einen Tag Haft. Sergeant, führen Sie den Delinquenten sofort in das Compagnie-Wachlokal ab!" Von dieser Stunde an wurde Flurspecht in Alfort nicht mehr gesehen. Es hieß allgemein, er hätte sich zu einem andern Regiment versetzen lassen. Uns kam der Name „Knödelfresser" nie wieder zu Ohren. ALleeLer» „Lord Rosse", — so erzählt „The World" — „ist bekanntlich einer unserer trefflichsten Mafchinen- Jugenieure. Jüngst kommt er auf einem Spaziergauge an einer Fabrik vorbei, in deren Hofraurrr eine Dampfmaschine arbeitet. Er stellt sich hin und sieht mit gelassener Aufmerksamkeit zu. Plötzlich schüttelt er mit dem Kopfe, zieht eine Uhr hervor und blickt nun abwechselnd bald auf die Uhr, bald auf die Maschine. Der Werkmeister kann sich das Benehmen des wildfremden Menschen nicht erklären. „Nun, was gibt's denn?" fährt er ihn an. „WaS ist Ihnen denn nicht recht?" — „O," sagt Lord Rosse, „mir ist Alles recht. Ich warte nur, bis die Maschine in die Luft fliegt." — „In die Luft, sind Sie verrückt, Mensch?" — „Nein, aber wenn noch zehn Minuten mit der gelockerten Schraube gearbeitet wird, fliegt sie gewiß in die Luft." Der Werkmeister sieht hin, erbleicht und läßt die Maschine stoppen. „Aber zum Teufel," sagt er dann, „warum haben Sie denn nicht früher Ihren Mund aufgethan?" „Wall«, entgegnete der Lord. „Warum? Ich habe ja noch nie eine Maschine in die Luft fliegen sehen!" Sprach's und ging höchst vergnügt von dannen. — * Auf der Jagd. Förster fzu einem Schützen): „Halt! Auf diesen schönen Hasen wird nicht geschossen!" — Schütze: „Warum denn nicht?" — Förster: „Auf den schießt der Herr Baron jeden Sonntag." * Dame des Hauses sauf einer musikalischen Soiree): „Herr Kapellmeister, bitte, spielen Sie das Adagio etwas schneller — es wird schon die Suppe aufgetragen." Vor dem Wildpretladen. „Gehst du morgen auf die Jagd, Männchen?" „Ja!" „Ach, weißt Du, da schieß' mir doch diesen Hasen hier!" * Kunstliebhaber: „An Ihrem Bilde kann man sich gar nicht satt sehen!" — Maler: „Eben deßhalb möcht' ich eS gern verkaufen." » I -*«> « -»- Versöhnlichkeit. Will bitt'rer Groll nicht aus dem Herzen weichen, Denk' Dir den Feind auf seinem Sterbebette, Wenn er auch noch so tief gekränkt Dich hätte, Hier müßtest Du versöhnt die Hände reichen. Bülk auf das Kreuz, des GottveriöhnerS Zeichen, Schau hin im Geist auf Jesu Todesstätte. Nach Seinem Vorbild für den Hasser bete! Als Jünger sollst Du ja dem Meister gleichen. Wenn Du wie Heiden folgst dem Rachetriebe, Woran denn sollen es die Menschen merken. Daß Du ein Christ; — wie kannst Du Kind Dich nennen Deß, den Johannes als die laut're Liebe Geprediget in Worten und in Werken? — Nie läßt vom Glauben sich die Liebe trennen. Ll. v. Himmelöschau im Monat September. —X. Venus H geht als Morgenstern 2 Stunden vor der Sonne auf. Mars F wird rechtläufig, sehr hell mit röthlichem Lichte, bewegt sich zwischen Widder und Walfisch und ist die ganze Nacht sichtbar. Am 18. steht er westlich vom Mond. Jupiter ?!, rechtläufig in den Zwillingen, geht auf zwischen 11 U. 15 M. und 9 U. 30. M. nachts, ist sehr hell mit weißem Lichte. Am 22. geht er 10 U. 2 M. abds. rechts unter dem Mond auf. Am 15. Sept. findet eine partielle Mondsfinsterniß statt. Anfang der Finsterniß 4 U. 35 M. früh, Mitte der Finsterniß 5 U. 31 M., Ende 6 U. 27 M. nach mitteleuropäischer Zeit. In Augsburg geht der Mond 33 M. vor dem Ende der Finsterniß unter. Die totale Sonnenfinsterniß am 29. Sept. ist in unserer Gegend nicht zu beobachten. . - Kreuz- und Huer-Mthsel. 1 2 bedeckt die weiten Fluren, S 4 ist, was Du nennest dein, > 1 4 verfolgt des Wildes Spuren, Schrill durch die Luft ertönt sein Schrei'n, 3 2 flieh'» vor des Jägers Meute Und werden doch noch seine Beute, 4 2 wirst du gewißlich kennen, Du siehst es in der Mägde Hand. 3 1 wird dir die Bibel nennen, Es ist ein Berg im heil'gen Land. Auflösung des Bilder-Näthsels in Nr. 63: Ein Sonnenblick macht Nebeltage vergessen. --MUZS--—