70 . 1894 . „Nugsburger Postzeitung". Dinstag, den 28. August Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas „Und dazu mußte ich mich mit hergeben!" rief Melanie^ in Thränen ausbrechend, ich, die ich Ihnen mehr als mein Leben verdanke!" Wolfgang faßte ihre Hand und drückte sie an seine Lippen. „Sie haben Alles wieder gut gemacht, und ich weiß nicht, wie ich Ihnen dafür danken soll. Aber nun sagen Sie mir, wie geht es Ihnen und was ist Ihnen begegnet, seit wir uns nicht gesehen hahen?" „Wenn irdische Glücksgüter wahrhaft glücklich machen können, so bin ich es," antwortete Melanie unter einem tiefen Seufzer. „Aber ich wage kaum, Sie zu fragen, wie Sie sich befinden, denn ich sehe, daß Sie krank sind, Herr Baron." „Nennen Sie mich nicht so," bat Wolfgang. „Nach allen den Ereignissen, die unser Schicksal verflochten haben, können wir uns nur als Geschwister betrachten, und wenn Sie mir gestatten wollen, Melanie, werde ich Ihnen ein Bruder sein an Stelle dessen, den Sie verloren haben." „Sie sind mir schon ein besserer Bruder gewesen," 538 erwiderte Melanie. „Aber Sie sagen mir nicht, ob sie krank sind, und doch fürchte ich dies, denn Sie haben sich sehr verändert. O, gewiß haben mein Bruder und ich dies verschuldet, Wolfgang!" Sie sprach seinen Namen zögernd und leise aus und das Blut stieg ihr in's Gesicht, als ob sie ihm gesagt hätte, daß sie ihn liebe. „Nein, Melanie, der Gedanke an mein Vermögen hat mir keinen Kummer verursacht; etwas anderes ist es, das mich elend gemacht hat." Er brach ab und fragte dann: „Ist es Ihnen bekannt, daß Felicitas in der Nähe weilt?" Melanie verstand ihn. „Ja, ich weiß," nickte sie sinnend, „sie hat mir von Nizza geschrieben. Ich werde sie besuchen und hoffe sie zu bewegen, mir die Gründe mitzutheilen, welche..." „Ich kenne die Gründe bereits und sie sind derart, daß ich meine letzte Hoffnung vernichtet sehe. Auf meiner Verbindung mit Felicitas würde der Fluch ihrer Mutter ruhen, an deren Lebensglück mein Vater in seinen jüngeren Jahren sich vergangen hat, ohne dieses Vergehen am Traualtäre zu sühnen." Melanie sank in den Stuhl zurück und blickte den Baron starr an. — „Das ist das Hinderniß? O, mein Gott!" rief sie mit einer verklärten Miene, als ringe sich eine schwere Last von ihrem Herzen los, „wenn Sie wüßten, Wolfgang, welche drückende Bürde Sie mir durch Ihre Mittheilung vomGewissen nehmen! Ich habe mich mit einem Geheimniß getragen, welches ich nicht verschweigen darf, dessen Enthüllung mir aber gleichwohl als eine Grausamkeit gegen Felicitas erschien, denn es beraubt sie nicht nur des Anrechts auf das Erbe ihres Vaters, sondern auch auf ihr eigenes Vermögen, welches an ihre Tante zurückfallen muß. Felicitas ist nicht das Kind derjenigen, die sie bisher für ihre Eltern gehalten hat. Der Fluch einer Frau, die nicht ihre Mutter ist, kann ihrem Lebensglücke unmöglich im Wege stehen." „Noch sprechen Sie in Räthseln, Melanie. Lösen Sie die bangen Zweifel, die noch immer der Hoffnung den Zugang zu meinem Herzen verwehren!" bat Wolfgang, die gefalteten Hände beschwörend gegen Melanie ausstreckend. „Ich weiß nicht, ob es Ihnen bekannt ist," antwortete Melanie, „daß das Vermögen, welches Frau Teßner von ihrem Großvater zu hoffen hatte, an Felicitas' Tante übergegangen wäre, wenn Frau Teßner's Ehe kinderlos blieb. Die Härte eines Großvaters, die eigene Enkelin zu Gunsten einer entfernteren Verwandten unter gewissen Umständen zu enterben, mag ihren Grund in der rigorosen Beurtheilung jenes Fehltritts gehabt haben, den Sie vorhin andeuteten. Frau Teßner schenkte ihremGatten einTöch- terchen, das aber bald nach seiner Geburt starb. Um jene Zeit es war während des Krieges 1870 — befand sich unter den Verwundeten, welche im Villenhofe verpflegt wurden, ein französischer Kapitän, Namens Bourdin. Er starb in den Armen seiner jungen Gattin, die ausFrankreich herbeigeeilt war, und die unglückliche Wittwe erlag den Anstrengungen der Reise und dem Kummer, nachdem sie einem Mädchen das Leben gegeben hatte. Teßner hörte von dem traurigen Ereignisse; er wandte sich an Frau Nölling, welche die Kapitänswittwe und deren Kind imBirken- häuschen pflegie, und bestach sie durch eine verlockende Summe Geldes, ihm das lebende Kind der Französin zu bringen, und dafür das eigene todte an die Seite der verblichenen Mutter zu legen. Durch diesen Betrug sicherte Teßner sich und seiner Frau das bedeutende Vermögen. Frau Teßner hat den Tod ihres Kindes und dessen Vertauschung mit einem fremden nie erfahren und deshalb Felicitas für ihre wirkliche Tochter gehalten." Wolsgang war eine Zeitlang sprachlos und glich einem Marmorbilde. Endlich brachte er stammelnd hervor: „So wäre Felicitas —" „Die Tochter des Kapitäns Alphonso Bourdin und dessen Gemahlin Irma," vollendete Melanie. „Beide ruhen neben den anderen Opfern des Krieges auf dem Dorfkirchhose." Kart Fürst zu Löwcnstcr». 539 „Und wie sind Sie mit diesen überraschenden Umständen bekannt geworden?" fragte Wolfgang. „Vor einem Monate ist Frau Rölling gestorben," antwortete Melanie. „Auf dem Todtenbette hat sie dem Pfarrer in meiner Gegenwart das Geheimniß gebeichtet. Aus dem kleinen Nachlaß des französischen Ehepaares nahm sie ein Medaillon mit Frau Bourdin's photogra- phischem Brustbilde au sich, um ein Andenken an die Verstorbene zu besitzen. Ich will es Ihnen zeigen." Sie erhob sich und eilte nach der .Villa. Der Baron sprang don seinem Stuhle empor und ging mit großen Schritten auf und ab. Er hätte sich Flügel gewünscht, um zu Felicitas eilen zu können. Plötzlich blieb er stehen. Er hatte das Gebüsch von Orangenbäumen vor sich, hinter welchem der Garten terrassenförmig gegen das Meer abfiel. Zwischen den Büschen war deutlich der Schattenriß einer männlichen Gestalt sichtbar. Als Wolfgang seine Aufmerksamkeit darauf richtete, entfernte sich der Schatten und tauchte allmählich in der tieferen Partie des Gartens unter, wo er verschwand. In diesem Augenblicke kehrte Melanie zurück. Sie brachte das Medaillon mit und legte es in Wolfgangs Hand. In den Anblick der Züge versunken, die Felicitas' Mutter angehörten, vergaß er den Vorgang, der ihn eben beschäftigt hatte. Die Aehnlichkeit mit Felicitas war frappant. Innig drückte er das Medaillon an seine Lippen. Dann sank er überwältigt vor Melanie auf die Kniee, ergriff ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen. „O, Melanie!" rief er, „wie reich, wie unendlich reich haben Sie mich heute gemacht! Sie haben mich vor der Armuth gerettet und nun haben Sie mir auch die Geliebte zurückgegeben. Sie sind der gute Engel meines Lebens und ich stehe beschämt vor Ihnen mit leeren Händen, denn Engeln hat der Sterbliche nichts zu bieten!" Melanie zog ihn sanft empor. Zu sprechen vermochte sie nicht. In ihren schönen Augen schimmerten Thränen edler Rührung. Wolfgang wollte mit dem nächsten Zuge zu Felicitas eilen. Melanie bat ihn jedoch, alles ihr zu überlassen. Sie versprach, morgen früh selbst nach Nizza zu fahren und ihm sofort nach ihrer Rückkunft Nachricht zu senden. Tiefbewegt schieden beide für heute. Als Rölling hinter dem Baron eben die Gartenpforte zuschloß, fiel diesem die Schattengestalt wieder ein, die er hinter dem Orangengebüsch beobachtet hatte. Er fragte Rölling, ob dieser vielleicht selbst im Garten gewesen sei. „Nein," war die Antwort, „ich bin bis jetzt in der Villa beim Einpacken beschäftigt gewesen und aus dieser nicht herausgekommen." Wie könnte ein Unberufener in jenen Theil des Gartens gelangt sein?" forschte der Baron weiter. Von der Bucht aus." „In welcher Absicht könnte sich aber jemand hier einschleichen?" „Es wäre gut, Herr Baron," versetzte Rölling, während eine dunkle Zornesröthe in sein Gesicht stieg, „wenn Sie Ihren Freund warnten, ehe ich meine Hand an seine Kehle lege." „Meinen Freund?" rief der Baron betroffen. „Meinen Sie damit Herrn Maitland?" „Ja, den meine ich. Seitdem das Fräulein hier ist, weicht er ihr nicht von der Ferse, trotzdem sie seinen Besuch durch mich entschieden hat zurückweisen lassen. Er soll sich in Acht nehmen, daß ich ihm seine Schurkerei nicht heimzahle!" Auf Drängen des Barons erzählte Rölling, wie hinterlistig Maitland Rettberg's Auswanderung nach Amerika hintertrieben hatte, um den Burschen in der Hand zu haben und sich dessen Schwester durch Drohungen gefügig zu machen, und wie er sich in Nölltng's Gefängniß Zutritt verschafft hatte, um zu versuchen, von diesem jene Papiere zurückzuerlangen, durch deren Verlust ihm die Macht über Melanie's Geschick entwunden worden war. Wolfgang erschrak vor dem tiefen Blicke, den Nölling's schlichte Vorführung jener Thatsachen ihn in den Charakter Maitland's thun ließ. Als er nach Hause kam, suchte er ihn sogleich auf. (Schluß folgt.) -SSWLS- Goldkörner. Wer etwas Treffliches leisten will, Hätt' gern was Großes geboren, Der samm'le still und unerschlafft Im kleinsten Punkte die höchste Kraft. Zähne, Wangenroth und Haare, Alles leider falsche Waare; Echt sind Herz und Zunge nur, Weil sie falsch sind von Statur. M. Kalbeck. - — -- Russisches Studentenleben. Ueber die Zustände an den russischen Hochschulen ist man in Deutschland meist schlecht oder mindestens sehr mangelhaft unterrichtet, und man bringt dieserhalb den akademischen Verhältnissen im Zarenreiche nur ein geringes Interesse entgegen. Eine Ausnahme in letzterer Hinsicht bildet die Universität Dorpat, deren Umwandlung aus einer echt deutschen Lehranstalt in ein russisch- slavisches Institut in Deutschland mit großer Aufmerksamkeit und vielfach mit einer gewissermaßen wehmüthigen Theilnahme verfolgt wird. Dabei darf nicht vergessen werden, daß das deutsche Element in den russischen Ostsee-Provinzen nur etwa zwölf Procent der Gesammtbevölkerung der baltischen Gouvernements ausmacht. Allerdings muß dieses Zehntel zum weitaus überwiegenden Theile in den intelligenten und besitzenden Klassen gesucht werden. Immerhin bietet das Leben und Treiben an den russischen Hochschulen, gerade weil es von unserm akademischen Leben vielfach ganz verschieden ist, des Interessanten genug dar. Zuvörderst sei bemerkt, daß keine der neun russischen Hochschulen auf ein hohes Alter zurückblicken kann. Die älteste ist die Moskauer Universität, welche im Jahre 1755 von der Kaiserin Elisabeth Petrowna (1741 bis 1762) begründet wurde; die jüngste die Universität in Tomsk in Sibirien, welche erst seit fünf Jahren besteht. Die meisten Universitäten wurden erst in diesem Jahrhundert in's Leben gerufen. Die Einteilung in drei oder vier Facultäten (Jura, Medicin, Philosophie bzw. Theologie) ist in Rußland unbekannt. Eine philosophische Facultät gibt es nicht, dafür eine juristische, medicinische, philologische, mathematische, naturwissenschaftliche und theologische Facultät. Meist sind aber 540 für die Theologen besondere Akademieen (Priester-Seminare) errichtet, welche mit der eigentlichen Universität in derselben Stadt in gar keiner Verbindung stehen. Auch haben viele Universitäten nicht sämmtliche Facultäten. So hat die Universität Odessa keine medicinische Facultät, Tomsk keine juristische, philologische und naturwissenschaftliche; die St. Petersburger Universität hat keine eigentliche medicinische Facultät. Dafür gibt es aber in St. Petersburg eine eigene medicinische Akademie usw. Ebenso bestehen für die russischen Universitäten keine ein- für Volksaufklärung (des Ministers für öffentlichen Unterricht) der Zutritt zu den Vorlesungen gestattet werden. Die Rectoren haben in dieser Hinsicht niemals das entscheidende Wort zu sprechen. Was sonst noch die Aufnahme-Bestimmungen anbelangt, so bestehen hinsichtlich der Jmmatriculation von jüdischen Studenten an sämmtlichen Universitäten ganz besondere Vorschriften. An der St. Petersburger Universität werden durchschnittlich nur fünf Procent jüdischer Studenten zugelassen, im Technischen Institut in St. Petersburg nur ein Procent KMMD MM MW W. Gräbhein: Der Rest vorn Fast. heitlichen Aufnahme-Bestimmungen. Obschon zahlreiche Mädchen-Gymnasien vorhanden sind, deren Schülerinnen nach abgelegter Reifeprüfung das Recht zum UniversitätsBesuch haben, so sind doch gegenwärtig in Rußland den Abiturientinnen von Mädchen-Gymnasien alle Universitäten verschlossen. Früher wurden an der medicinischen Akademie in St. Petersburg, ebenso in Moskau, junge Mädchen, welche das Abiturienten-Examen bestanden hatten, zu den Vorlesungen zugelassen. Sogenannten Hörern (Hospitanten), sowie Ausländern kann nur in Folge besonderer Erlaubniß des Ministers Juden und in der Ingenieurschule (für Brücken- und Eisenbahn-B.au) gar keine Juden. In Odessa, Warschau und Tomsk werden augenblicklich zehn Procent Juden zugelassen, aber auch nur solche, welche mindestens mit der Note 4 vorn Gymnasium kommen (in Rußland ist die Censuren-Scala eine andere als beispielsweise in Deutschland). Handelt es sich dabei um russische und polnische Juden, so werden die Ersteren bei der Aufnahme bevorzugt. Hin und wieder wird aber doch der Procentsatz der bet den Universitäten zulässigen jüdischen Studenten über- 541 schritten, und zwar wenn deren Angehörige persönlich bei dem Minister in St. Petersburg vorstellig werden. Dazu genügt allerdings nicht eine einzige Audienz, sondern die Bittsteller müssen sich jede Woche Monate hindurch beim Minister melden lassen. Ich reiste ein Mal aus Lit- thauen nach Warschau und fuhr auf der Eisenbahn mit einem aus St. Petersburg zurückkehrenden jüdischen Rentner zusammen, der seinen Sohn Jura studiren lassen wollte. Der junge Mann konnte trotz eines guten Abi- turienten-Zeugnisses nirgends immatriculirt werden, da Juristen, Medicinern und Philologen polnischer Nationalität (Katholiken und Protestanten) wird übrigens bei der Jmmatriculation an der Warschauer Universität neuerdings regelmäßig mitgetheilt, daß sie niemals auf eine staatliche Anstellung innerhalb der polnischen Gouvernements zu rechnen haben. Beanspruchen sie nach Absol- virung ihrer Studien derartige Posten, so können ihnen diese nur im Innern oder im Osten Rußlands verliehen werden. An den russischen Hochschulen gibt es keine Semester, WM MAN! «M« UMi ?!> UM MWW W. Gräbhein: Uom frischen Fasst die Zahl der jüdischen Studirenden nicht überschritten werden sollte. Sechs Monate hindurch erschien der Vater in St. Petersbnrg bei allen öffentlichen Sprechstunden des Ministers — die russischen Minister müssen jede Woche öffentliche Sprechstunden abhalten, bei denen keinem russischen Staatsangehörigen, auch nicht dem ärmsten, der Zutritt verweigert werden darf —, und schließlich wurde der junge Mann immatriculirt. Ein anderer Fall ist mir bekannt, bei dem die Jmmatriculation von zwei polnischen Studenten mit Hülfe von 1000 Rubeln gelang. Dieser Fall dürfte übrigens nicht vereinzelt dastehen. sondern nur Jahrescurse, wofür in allen Facultäten und an allen Universitäten je 100 Rubel zu zahlen sind. Für die Jmmatriculation hat man nur 25 Kopeken (52 Pfg.) zu entrichten. Juristen, Philologen, Mathematiker und Naturwissenschaftler haben je vier Jahrescurse zu absolviren, Mediciner jedoch müssen 5'/z Jahre studiren. Bei Schluß jedes Jahrcs-Cursus finden Prüfungen statt. Länger als zwei Jahre wird kein Student in einem Cursus geduldet. Hat er die Prüfung bei Jahresschluß nicht bestanden, so erfolgt seine Verweisung von der Universität. Jeder Cursus hat seine bestimmten 542 Vorlesungen, an diesen muß der Student theilnehmen. Eine Wahl hinsichtlich der Vorlesungen, wie beispielsweise in Deutschland, Oesterreich usw., gibt es auf den russischen Universitäten nicht. Natürlich kann ein Student auch ganz ruhig ein Mal ein paar Collegs „schwänzen", danach fragt Niemand. Er kann auch eine Viertel- oder halbe Stunde zu spät in's Colleg kommen, deswegen wird er nicht zur Rede gestellt. Die Hauptsache ist nur, daß er bei Jahresschluß die Prüfungen besteht, bei denen allerdings auf manchen Universitäten Polen (Katholiken), Deutsche (Protestanten) und Juden gegenüber den Na- tional-Nufsen in so fern benachtheiligt sind, als man den eigentlichen Russen die mündlichen Examina wesentlich erleichtert und den Uebrigen bedeutend erschwert. Vereinzelt kommen auch hier Bestechungen vor, wie sie an manchen Gymnasien leider nichts Seltenes sind, wo die Väter die Aufnahme ihrer Söhne von den Gymnasial- Dircctoren um 300—500 Rubel erkaufen müssen. Juristen und Philologen, welche der russischen Staatskirche angehören, erhalten nach bestandener Prüfung sofort Staats-Anstellungen, Katholiken und Protestanten seltener, Juden niemals. Es vergeht immer eine Reihe von Jahren, ehe man Jsraeliten staatliche Stellungen gibt, und dann auch nur in Ausnahmefällen. In Petersburg werden Katholiken, Protestanten und Juden immer noch am ehesten angestellt. An der Petersburger Universität bilden die katholischen und protestantischen Lehrkräfte zusammen mit einigen Juden den kleineren Theil des Lehrkörpers, während der weitaus größere aus echten Russen besteht. — An der Warschauer Universität gibt es mehrere katholische und protestantische Professoren, aber keine jüdischen. Die polnischen Gelehrten, welche die akademischeLaufbahn einschlagen,haben nurAussichtaufAnstellungbzw.Beförderung, wenn sie sich nach dem Osten versetzen lassen. An der Universität in Tomsk in Sibirien sind zwei polnische Professoren. Einer derselben, Pros. Zaleski (Saljessky), hat erst vor kurzem eine in der Gelehrtenwelt Aufsehen erregende Schrift über den Schirsee veröffentlicht. In Odessa, Kiew, Moskau und Charkow trifft man an den Hochschulen eine Anzahl Professoren polnischer Nationalität (Katholiken), während an der Warschauer Universität nur noch sehr wenige polnische Professoren lesen, und zwar gegenwärtig ausschließlich in russischer Sprache. Die russischen Studenten müssen, sobald sie das Universitätsgebäude betreten, in Uniform erscheinen. Auf der Straße zeigen sie sich gelegentlich auch in Civil. Bei feierlichen Anlässen kommt zu der Uniform noch der Degen. Facultät und Jahrescursus können an der Uniform nicht unterschieden werden. Die studentische Uniform besteht in dunkelblauem Anzug mit hellblauen Aufschlägen nebst gelben Metallknöpfen. Auch die Mütze ist von dunkelblauer Farbe. Die Universitäts-Professoren sind ebenfalls an ihrer Kleidung kenntlich: einem dunkelblauen Frack mit Knöpfen, auf denen der russische Adler angebracht ist. In oorxors erscheinen die Studenten niemals auf der Straße oder im Universitätsgebäude. Rotten sie sich ein Mal zusammen, so werden sie gewöhnlich sehr rasch durch Kosaken mit der Kugelpeitsche (aaUaMg.) auseinan- dergetrieben, sofort relegirt und der Polizei oder den Gerichten zur Bestrafung überwiesen. Meist erfolgen die studentischen Zusammenrottungen, um gegen mißliebige Professoren zu demonstriren. Die Universitäts-Rectoren werden von der Regierung ernannt und bekleiden das Rectorat oft viele Jahre hinter einander, bis sie entweder in eine höhere Stellung berufen oder pensionirt werden. Ein Verkehr zwischen Studenten und Professoren findet außerhalb der Hörsäle kaum statt. Zu den Bällen und Festlichkeiten in den Familien der Professoren werden die Studenten, abgesehen von den Söhnen eines Ministers, eines hohen Offiziers usw., nicht geladen. Für gewöhnliche Sterbliche, vor allem für arme Studenten, sind die ruf fischen Professoren ganz unzugänglich. Oeffent- liche Studenten-Versamm- lungen, Commerse u. dgl., welche von Universitäts-Professoren besucht werden könnten, sind in Rußland verboten. Die großen(Sommer-) Ferien währen an den russischen Hochschulen vom 15. Juni bis 15. August, die Öfter- und Weihnachtsferien je drei Wochen. Das fröhliche, heitere und oft ausgelassene studentische Leben wie in Deutschland ist in Rußland gänzlich unbekannt. Verbindungen oder Vereine zu. wissenschaftlichen oder geselligen Zwecken sind nicht gestattet. Die früher in Dor- pat nach Art der deutschen Verbindungen bestehenden Stu- denten-Vereine sind von der Regierung aufgehoben worden, theilweise haben sie sich selbst aufgelöst. In den geheimen studentischen Cirkeln und Vereinen herrscht ein sehr reges Leben. Man treibt darin mit Vorliebe Politik, natürlich nicht regierungsfreundliche, man beschäftigt sich vor allem mit der socialen Frage bzw. mit socialistischen und nihilistischen Gedanken. Natürlich spürt die Polizei diesen geheimen Cirkeln eifrig nach, und von Zeit zu Zeit gelingt es ihr auch, die Mitglieder einer solchen Vereinigung zu verhaften. Eine akademische Gerichtsbarkeit gibt es in Aeußere Ansicht der Wallfahrtskirche Geiersberg. MjZW WOL MW 543 Rußland nicht und somit auch keinen „Carcer". Die einzige Strafe, welche die Universität über die Studenten verhängen kann, ist die Relegation. Nur Polizei und Gerichte verurtheilen die politisch oder sonstwie belasteten Studenten, und zwar entweder zu Gefängniß, Zwangsarbeit oder Verbannung nach Sibirien. Im Allgemeinen sind die russischen Studenten arme Teufel. Die wenigen reichen Söhne von hohen und höher» Beamten, höhern Offizieren, Großindustriellen usw. verschwinden in der Masse vollständig. In Petersburg und Moskau bestreiten viele Studenten alle ihre Ausgaben mit 20 Rubeln monatlich (44 M.). Ein Student in Tomsk (Sibirien) schrieb mir vor mehreren Monaten, daß dort zahlreiche Studenten für die volle Pension monatlich nur 15 Rubel (etwa 32 M.) zahlen, Heizung undBeleuchtung einbegriffen. Die wohlhabenden Studenten in Tomsk zahlen etwa 30-35 Rubel für die Pension. In dem in Tomsk erscheinenden „Sibirski Wjest- nik" finde ich öfters Anzeigen, worin Studenten sich zur Ertheilung von Privatunterricht, zur Buchführung bei Kaufleuten, zu Uebersetz- ungen usw. anbieten. In Tomsk gehen Studenten mit Erlaubniß ihrer Professoren bis zu neun Monaten in „Kondition", d. h. sie nehmen für diese Zeit Stellung als Hauslehrer an und arbeiten für sich weiter. Nur einen bis zwei Monate vor den Prüfungen müssen sie pünktlich wieder Eintreffen. Natürlich ertheilen auch zahlreiche Studenten an Gymnasiasten oder sonstige Schüler Unterricht. Viele Studenten leben fast ausschließlich von privaten und staatlichen Stipendien, welche besonders die Moskauer Universität in großer Anzahl zu vergeben hat. Die staatlichen Stipendien erhalten fast ausschließlich National-Russen. Die Universitätsgebäude Aeußern wie im Innern unsern deutschen, sind meist awphitheatralisch gebaut. Kneipgelage, Mensuren oder nabele Passionen sind den russischen Studenten ganz unbekannt. Studenten- Duelle sind sehr selten. In Warschau kommen sie beispielsweise niemals vor, vereinzelt noch in St. Petersburg und Moskau, wo es Studenten vom Militär-Adel gibt, d. h. Osfizierssöhne. Fechtunterricht können vie Studenten nehmen; aber es lernen verhältnißmäßig wenige „pauken",und gute „Schläger" gibt es noch weniger. Die Militärverhältnisse der russischen Studenten sind ganz eigenartige. Das Institut der Einjährig-Freiwilligen gibt es in Rußland nicht. Der active Dienst beträgt bei den Landtruppen fünf bis sechs Jahre. Ein junger WttlllWtWIIIlllljllllllllliiitlltiiu Hochaltar in der Wallfahrtskirche Geiersberz. ähneln im Die Hörsäle Mann, welcher eine Universität absolvirt hat, befindet sich jedoch nur sechs Monate im activen Dienste. Hat er sich gut geführt, so wird er nach drei Monaten Offizier (je nach Wunsch in der Linie oder Reserve, aber nicht in der Garde). Gymnasial-Abiturienten dienen ebenfalls nur sechs Monate activ. Das erste medicinische Examen heißt nicht das „Phy- sicum", sondern die Prüfung vom ersten zum zweiten Cursus, und zwar wird in folgenden Fächern geprüft: Botanik, Zoologie, Mineralogie, Chemie, Physik, Anatomie usw., wozu auch noch die praktischen Uebungen im Laboratorium kommen. Im letzten (fünften) Jahrescurs beschäftigten sich beispielsweise die Studenten der Medicin mit Pathologie, Therapie, Chirurgie, Geburtshülfe, Frauenkrankheiten, gerichtlicher Medicin, Toxikologie, Ophthal- mologie, Herzkrankheiten, Hautkrankheiten usw. In den juristischen Cursen wird besonders Geschichte des russischen Rechts, Encyklopädie der juristischen und politischen Wissenschaften, Geschichte des Römischen Rechts, allgemeine und russische Geschichte, Civil- und Straf- Procedur, Civilrecht, internationales Recht usw. behandelt. In den mathematischen Cursen wird das Hauptgewicht auf Geometrie, Physik, Chemie, Differentialrechnung, Integralrechnung, Mechanik, praktische Astronomie usw. gelegt. Im ersten Jahrescursus für Philologen wird französische und russische Litteratur, allgemeine Geschichte, russische Sprache usw. behandelt. Im ersten Jahrescursus für Naturwissenschaftler wird Physik, Chemie, Anatomie usw. gelehrt. Im letzten Jahrescursus werden Paläontologie, technische Chemie, Geologie usw. gelehrt. Im großen Ganzen geht es in den Auditorien der russischen Universitäten nicht viel anders als in den oberen Klassen der Gymnasien zu, nur mit dem Unterschiede, daß die Professoren die Studenten bereits als Erwachsene behandeln und daß der einzelne Student, wenn er schließlich ein Mal einige Tage „bummeln" will, auch ruhig aus den Vorlesungen wegbleiben kann, ohne sich, wie schon erwähnt, entschuldigen zu müssen. Die meisten indeß arbeiten angestrengt Tag und Nacht, um die Prüfungen beim Jahrescursus bestehen zu können. Der Grundzug im Wesen des russischen Studenten ist ein ernster, verschlossener, der sich bei manchen Individuen bis zur Askese und zum Fanatismus steigert. Die eine Hälfte „büffelt" ununterbrochen, nur um so rasch als möglich die Examina hinter sich zu haben und eine Staatsanstellung zu erlangen — meist ein sehr bescheidenes, aber sicheres Brodplätzchen —, die andere Hälfte 544 Uicekönig Ki-Hung-Tschang. »M der Studenten huldigt revolutionären Plänen. Sorge und Noth sind aber bei den meisten die ständigen Begleiter nicht bloß durch die akademischen Jahre, sondern oft noch lange im bürgerlichen Leben. Nur Wenigen lacht die Sonne des Erfolges und des Glücks, und nur zu Viele finden in den Gewölben irgend einer Citadelle, zwischen den feuchten Mauern eines niedrigen Gefängnisses, auf den Schneefeldern oder in den Bergwerken Sibiriens einen frühen Tod. Aber Keinem von all' den ehemaligen russischen Studenten, gleichviel, ob sie es später zum berühmten Professor, zum Geheimrath, Gouverneur oder gar zum Minister gebracht haben, oder ob sie nur einfache Beamte, Aerzte, Lehrer usw. geworden sind, erscheinen in seinem Alter die akademischen Jahre in rosiger Verklärung. Es gibt in Rußland keine sorglosen Füchse, keine „Burschenherrlichkeit"; ein Jeder ist froh, wenn die Universttätsjahre vorüber sind und er in das bürgerliche Leben Hinübertreten kann. - —- Zu unseren Bildern. Karl Fiirst zu Köwenstein. Am Sonntag den 26. August 1894 nahm die dießjährige Generalversammlung der katholischen Vereine in Deutschland, kurz Katholikentag genannt, in Köln ihren Anfang. Tausende von katholischen Männern, Priestern und Laien, find nach Köln geeilt, um an den Berathungen theil zu nehmen und die Bedeutung der dort zu fassenden Beschlüsse zu erhöhen. Die Katholikentage haben für die deutschen Katholiken eine außerordentlich wichtige Bedeutung, da Hunderte von hervorragenden Männern dort zusammenströmen, um ihre Anschauungen auszutauschen und ihre Meinung zu läutern. Die Katholikentage find auch von einschneidender Bedeutung für die Stadt, welche die Ehre hat, den jeweiligen Katholikentag in ihren Mauern abhalten zu können, da neues religiöses Leben von demselben auszugehen pflegt und die gläubigen Katholiken an diesen Versammlungen ein Vorbild und eine Stütze finden zur Organisation, mit der sie ihre Rechte vertheidigen können. Die Wahl des Ortes für die Versammlung liegt in den Händen des Generalcomissärs, des Fürsten Karl zu Löwenstein, dessen Bild wir heute bringen. Fürst Karl zu Löwenstein ist geboren am 21. Mai 1834 und restdtrt zu Kleinheubach in Unterfranken. Er ist der Chef der katholischen Linie Löwcnstein, der Linie Löwenstetn-Wertheim-Rosenberg. Fürst Karl zu Löwenstetn hat sich um die katholische Sache in Deutschland und in Bayern hervorragende Verdienste erworben. Wo es galt, für die katholische Sache zu wirken, stand der Fürst mit an der Spitze. Im Reichstage und in der bayerischen Kammer der Reichsräthe hat er wiederholt die Rechte der Katholiken mit aller Entschiedenheit wahrgenommen und vertheidigt gegen die Angriffe, welche der Unglauben auf dieselben wagte. Er hat auch weite Reisen nicht gescheut, um aufzuklären, wo es nothwendig war und dadurch viel zur Erhaltung und Festigung der Einigkeit unter den Katholiken beigetragen. Der Generalcommissär steht im 6. Dezenium seines Lebens. Möge es ihm gegönnt sein, noch recht lange und recht oft das Amt auszuüben, das ihm das Vertrauen der Katholiken seit 26 Jahren übertragen hat! Der Rest vom Fast. — Dom frischen Fast. Ein guter Trunk macht Alte jung! heißt es im Sprichwort. Und nicht ganz mit Unrecht. Wie köstlich schmeckt doch das braune Naß, wenn es vom frischen Faße kommt! Da mag uns wohl auch der Postillon aus unserem Bilde beistimmen, der soeben im Begriffe ist, den Durst mit einer Maß Frischangezapften zu stillenl Das Bäuerlein dagegen, dem der Wirth das Letzte vorgesetzt, denkt gewiß anders! Seine bittersauere Miene sagt uns, daß das schaumlose Getränk nichts weniger als angenehm zu trinken. Wir glauben, der Mann ist froh, wenn er die Halbe glücklich „herauffen" — wenn er den „Plempl" am Ende nicht gar stehen läßt. Die Kirche auf dem Geiersberg bet Deggrndorf. Wer in das freundlich gelegene Städtchen Deggendorf kommt, möge nicht versäumen, den ganz nahe bei der Stadt gelegenen Geiersberg und dem dortigen Kirchlein einen Besuch abzustatten. Die Kirche, im gothischen Stile erbaut, ist eine Wallfahrtskirche, der Mutter-Goites geweiht, welche auf dem Hochaltare tn einem Tabernakel eine Rose (Losn wMiea) mit Christus dem Gekreuzigten auf dem Schoße darstellt. Dieses Vesperbild ist schon sehr alt und wurde in besonderer Verehrung gehalten. Es geht die Sage, daß in einem Geierneste auf diesem bewaldeten Berge ein Bildchen gefunden wurde, in welchem die Gottesmutter auf solche Weise dargestellt war, was Veranlassung zum Bau einer Kapelle und wahrscheinlich zur Kirche wurde. Der sehr schöne Flügelaltar wurde im Atelier des Kunstschreiners Ktefl in Deggendorf und des Bildhauers Keil in München gefertigt, von Maler Hämmerl in Deggendorf gefaßt, sowie von demselben auch die etwas eigenartige Tünchung ausgeführt. Uicekönig ßi-Hung-Tfchang. Von den Persönlichkeiten, die bis jetzt in der japanisch- chinesischen Verwicklung hervorgetreten sind, erregt am meisten Interesse die des chinesischen Vicekönigs Li-Hung-Tschang. Wie es scheint, wird indeß dieser merkwürdige Mann, der „chinesische Bismarck", wie er auch genannt wird, kaum mehr eine Rolle spielen, da er infolge des Unsterns, der über den ersten von chinesischer Seite unternommenen kriegerischen Maßnahmen schwebte, bei seinem kaiserlichen Herrn in Ungnade gefallen sein soll. Ueber ihn äußert sich ein in den betreffenden Verhältnissen sehr wohl erfahrener Berichterstatter: Li-Hung-Tschang ist noch in einem ganz andern Sinne allmächtiger als Bismarck; er erinnert vielmehr an Wallenstein, sintemal er thatsächlich fast der Eigenthümer einer Armee von 75,000 Mann und der besten Flotte im Osten ist. Er besitzt ungeheueren Reichthum und hat keine Feinde in dem Sinne, daß er sie alle besiegt hat. Es ist kaum eine Uebertreibung, wenn man behauptet, daß er und nicht der Kaiser der thatsächliche Beherrscher der 350 Millionen Zopfträgcr ist. Ungleich dem Kaiser, der aus der Mandschurei stammt, ist er ein reiner Chinese, und darin beruht zum Theil seine Stärke. Schon im Jahre 1860 nahm er eine solche Stellung ein, daß er mit dem berühmten Gordon zusammen speiste. 1880 wurde er Großkanzler. Es ist nicht das erste Mal, daß er in den Schatten der kaiserlichen Ungnade gerathen; schon 1870, nach dem Blutbade von Tientsin, ging er vieler Titel verlustig, weil er angeblich seinen Oberbefehlshaber im Stiche ließ; aber schon 1872 kehrte er in Amt und Würden zurück. Er ist jetzt 71 Jahre alt, steht also auf der Schwelle des Greifen- alters und mag es auch an Emsigkeit haben fehlen lassen. Immerhin ist er der einzige Mann in China, der allgemeine Autorität besitzt; man darf aber annehmen, daß der Verlust des Abzeichens der gelben Reitjacke ihn nicht ohne weiteres aus dem Sattel hebt. --