HL71. „Augsburger Postxeitung". Ireilag, den 31. August 18S4. ^ür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas " Wolfgang athmete tief auf. Der zermalmende Druck des Zweifels und der Furcht war von seinem Herzen gewichen. Dennoch zog Plötzlich ein trüber Schatten über sein Antlitz. „Du scheinst traurig, Wolfgang?" fragte FelicitaS besorgt. „Nein, Geliebte, traurig bin ich nicht," entgegnete er, sie auf die Stirn küssend, „aber selbst in der Seligkeit dieses Augenblicks gibt es etwas, das mich ernst stimmt, denn wenn ich daran denke, zu welchen schlimmen Entschlüssen ich mich in diesen Tagen unter dem Einfluß der Verzweiflung hinreißen ließ, so fühle ich im tiefsten 54b Herzen, daß ich der Güte und Gnade Gottes nicht würidg bin. Aber es ist vorüber, mein süßes Mädchen — es ist vorüber, und die Hölle hat keine Macht mehr über mich; Du hast sie ihr genommen. Doch laß uns über unserem Glücke nicht diejenige vergessen, der wir es zu danken haben. Wenn es gütige Feen gibt, so ist Melanie eine von ihnen!" Er wandte sich der Stelle zu, wo er Melanie zuletzt gesehen hatte, aber sie war verschwunden. Obwohl sie weniger an sich selbst als an andere dachte, obwohl das Glück des liebenden Paares ihrem Auge Thränen edler Rührung entlockte, so glaubte sie doch, ihr heftig klopfendes Herz müsse ihr zerspringen. Leise schlich sie sich davon und wandelte langsam die Gartenterrasse hinab. Auf diesem Wege entwarf sie ihren künftigen Lebensplan. Sie wußte, daß ihr das Loos der Entsagung zugefallen und daß es ihre Bestimmung war, auf das eigene Glück zu verzichten und dafür dasjenige anderer zu begründen. Nicht umsonst hatte sie in der Schule der Armuth die Nachtseiten menschlichen Daseins an sich selbst kennen gelernt. In dem schönen, stillen „Villenhofe" wollte sie ihre künftigen Jahre verbringen; jede Hütte des Dorfes sollte ihren Schritt kennen, und so weit ihre Macht reichte, wollte sie Freude und Sonnenschein um sich verbreiten. Ganz in diese neue Welt künftiger Pflichten versenkt, war Melanie eben an einer Gruppe Pinien angekommen. Mit dem würzigen Harzdufte, den diese verbreiteten, mischte sich ein unangenehmer Theer- und Steinkohlcngeruch, den der Wind von der nahen Bucht Herauftrieb. Plötzlich sprang hinter den Bäumen die hohe Gestalt eines Mannes hervor, der in einen langen dunkeln Mantel gehüllt war und einen Calabreserhut tief ins Gesicht gedrückt hatte. Melanie stieß einen lauten Schrei des Entsetzens aus, aber blitzschnell hatte der Mann sie mit starken Armen umfaßt, um sie nach der Bucht hinabzutragen. Daß es sich um einen Banditenstreich handle, war Melanie's erster Gedanke. „Um des Himmels willen, lassen Sie mich los!" rief sie flehend. „Sie sollen so viel Lösegeld haben, als Sie verlangen!" „Lösegeld," erwiderte der Fremde mit einer Stimme, welche ihr bekannt erschien, „eine halbe Welt soll Sie nicht auslösen, bis Sie ein Geschöpf geworden sind, das sich selbst haßt und verabscheut. In Deutschland wiesen Sie meine Liebe mit bitterer Verachtung zurück, aber jetzt habe ich Sie in sicherer Gewalt." Was ihr die bekannte Stimme nicht gleich verrieth, erschlossen ihr die eben vernommenen Worte: sie befand sich in der Macht des Mannes, der sie einst mit unwürdigen Anträgen verfolgt, der wie ein finsteres Schicksal verderbendrohend eine dämonische Herrschaft über ihren Bruder geübt und mit dieser Macht ihren eigenen Willen zu lenken versucht hatte, und der nun, da diese Mittel ihm nicht mehr zu Gebote standen, sich mit gewaltthätiger Hand ihrer Person versicherte. Ihre furchtbare Lage erkennend, wollte sie einen verzweifelten Hilferuf ausstoßen, aber er preßte das eine Ende feines Mantels auf ihren Mund und trug sie mit raschen Schritten weiter und weiter hinab. Wolfgang und Felicitas hatten Melanie's Schrei vernommen, welchen ihr der Schrecken beim ersten Anblick ihres Entführers entlockt hatte. Wolfgang vermochte genau zu unterscheiden, daß der Schrei von der Richtung der Bucht herkam, und sofort fiel ihm wieder jene Schattengestalt ein, die er gestern hinter dem Orangengebüsch beobachtet hatte. Er wollte eben hinabeilen, als Nölling herbeigestürzt kam. „Wo ist meine Herrin?" fragte er hastig, indem er angstvoll umherblickte. „Ich glaubte, sie sei hier bei Ihnen." „Sie war hier," antwortete Wolfgang, „aber sie hat sich unbemerkt entfernt." „Dort — dort!" rief Rölling und deutete mit bebender Hand nach den Terrassen, „von dort kam der Schrei!" Beide Männer theilten die gleiche Befürchtung, sie hatten einander im Nu verstanden und rannten in wildem Laufe den nach der Bucht sich hinunterziehenden Theil des Gartens hinab, während Felicitas ihnen mit zitternden Gliedern folgte. Bald sahen sie vor sich im hellen Mondeiflichte die Gestalten des Entführers und seiner Beute, die sich ver- zweiflungsvoll in dessen Armen wand. Der Räuber hatte fast die Bucht erreicht, in welcher eine schlanke Dampf- Nacht lag. Ein Brett bildete eine Brücke zwischen dem Strande und dem Fahrzeuge und auf dem letzteren standen mehrere Männer mit rothen genuesischen Mützen bereit, das Brett wegzuziehen, sobald der Erwartete mit feinem Raube an Bord sei. Nur wenige Secunden hätte es hierzu noch bedurft, aber Nölling schnitt mit einigen gewaltigen Sprüngen dem Räuber den Weg ab, und dieser, die herkulische Kraft seines Verfolgers kennend, wandte sich seitwärts um und lief den Strand entlang, seinen gedungenen Mithelfern auf dem Schiffe mit lauter Stimme einige italienische Worte zurufend. Auf dieses Zeichen stürzten sich drei Männer von der Dacht auf Rölling. Zwei davon packte der Riese sofort beim Kragen, und mit jeder seiner nervigen Fäuste einen emporhebend, schmetterte er beider Köpfe mit so furchtbarer Wucht gegen einander, daß die Angreifer besinnungslos zu Boden stürzten. Während er sich der Revolver bemächtigte welche die Betäubten im Gürtel trugen, feuerte der Dritte auf Nölling einen Schuß ab, der jedoch nicht traf, und floh nach der Jacht zurück. „Hierher! hierher!" hörte Nölling die Stimme des Barons. Dieser war inzwischen dem Entführer Melanie's gefolgt, welcher, besorgt um seinen Raub, in blinder Hast einen über das Meer hinausragenden Felsen erstiegen hatte, an dessen weißer Wand sich rauschend die Wellen brachen. „Hier steht der Schurke!" rief Wolfgang, an dem Felsen emporkletternd. „Ich kenne ihn nur zu gut!" Oben auf dem äußeren Felsende stand Maitland, den linken Arm krampfhaft um Melanie geschlungen, in der rechten Hand drohend eine Schußwaffe haltend. Nölling war inzwischen herangekommen und hatte dem Baron einen der erbeuteten Revolver in die Hand gedrückt; aber keiner der beiden Männer wagte auf Maitland zu schießen; aus Furcht, Melanie zu treffen. Maitland's hohe Gestalt war klar und deutlich im Mondlichte sichtbar, und Wolfgang und Nölling konnten, da sie keine fünf Schritte von ihm entfernt waren, sogar seine Züge und den Ausdruck wilden Grimms darin unterscheiden, als von der Bucht her zischend eine weiße Dampf- 547 Wolke aufwirbelte und die Jacht eilfertig in die offene See htnauSdampfte. „Zurück, Herr Baron von Sturen," rief Maitland, „und hören Sie ein paar Worte an l Als wir uns zuerst trafen, fühlte ich, daß unsere Geschicke aneinander gefesselt seien. Ich hatte mit Ihnen abzurechnen und wollte Sie in meine Macht bekommen; jetzt bin ich in der Ihrigen. Wenn Sie mich über diesen Felsrand treiben, so jagen Sie nicht nur dieses Mädchen in den Tod, welches Sie liebt, sondern Sie tödten auch Ihren eigenen Bruder — ja I Ihres Vaters Sohn, Herr Baron, den Bastard, dem Sie seine natürlichen Rechte gestohlen haben." Wolfgang war einen Augenblick starr. Die eben vernommenen Worte bestätigten die furchtbare Wahrheit jener Vermuthung, an welche er nicht hatte glauben wollen. Er wich, wie vor einem Gespenste, vor Maitland zurück, und die Hand mit dem drohend erhobenen Revolver sank kraftlos herab. Maitland stieß ein höhnisches Gelächter aus. „Trögst Du Bedenken, Brüderchen," rief er, „die Mordwaffe gegen das väterliche Fleisch und Blut zu erheben? Für mich gibt es solche Scrupel nicht. Hinweg! sage ich Dir; hinweg mit Euch beiden oder —" Er streckte die Hand mit dem Revolver gegen Wolfgang aus, aber ehe er noch losdrücken konnte, hatte Rölling mit einem Satze den Zwtschenraum übersprungen und riß Melanie aus Mait- land's Armen. Dieser wollte der ihm entwundenen Beute nachstürzen, erhielt aber von Rölling einen solchen Stoß in die Brust, daß er unaufhaltsam gegen den Rand des Felsens zurücktaumelte. Selbst in diesem Augenblicke, der, wie er fühlte, sein letzter war, schlug noch in ihm der Fieberpuls der Leidenschaft. Blindlings feuerte er seine Waffe gegen Melanie ab. Ein Blitz — ein Knall — Maitland's Gestalt war kopfüber von dem Felsen verschwunden und Rölling, von dem zu hochgehenden Schusse in den Kopf getroffen, taumelte, noch im Todeskampfe seine gerettete Herrin festhaltend, von dem Felsen zu Wolfgang's Füßen herab . . . In den Armen FelicitaS' erwachte Melanie aus einer tiefen Ohnmacht. AIs sie sich des Geschehenen erinnerte und ihren Netter mit zerschmetterter Stirn kalt und regungslos daliegen sah, warf sie sich mit einem erschütternden Schmerzensschrei neben ihm in die Kniee. Das Hinscheiden des eigenen Bruders hatte sie nicht so zu ergreifen vermocht, als das Ende dieses Mannes, der heldenmüthig für sie in den Tod gegangen war. Aber mitten in ihrem Schmerze kam ihr beim Anblick des ruhigen, friedlichen Todtenantlitzes ein tröstender Gedanke: nie mehr hätte er auf Erden diesen Frieden gefunden. Sie wußte es nur zu gut, daß die Erinnerung an sein früheres Leben wie ein nicht zu ertödtender Wurm an seinem Herzen fraß. Seine Reue konnte vor den Menschen nicht vergessen machen, was er einst gewesen und gethan; aber der Richter aller Richter, vor dem er jetzt stand, sah gnädig auf seine letzte That der Sühne und löschte die Schuld seines Lebens aus . . . Maitland's Leiche gab das Meer nicht zurück, doch sein Geist lebt noch immer und sucht zu vernichten, was gut und edel ist. Glücklich jeder, dem er sich nicht in der täuschenden Hülle eines Freundes naht. Wehe aber demjenigen, der einen Maitland gar in seinem eigenen Herzen trägt! Das Schvheulresl. Eine wahre Geschichte. Erzählt von Robert v. Hagen. «Nachdruck «rrbotk».) „Aha, das Schützenliesell" ruft der verehrte Leser; „die kenne ich ja auch vom Schützenfeste in München her. Es war ein bildschönes, flinkes Mädel, und wem die das Bier gebracht hat, dem hat's «och 'mal so gut geschmeckt, als sonst." Aber diesmal fehlgeschossen, mein lieber Schütze! Ich erzähle hier von einem anderen Schützenliesel, vom Original-Schützenliesel, die allen jenen, welche Anno 1868 am großen Bundesschießen im Wiener Prater theilge- nommen, unvergeßlich sein wird. Wer die Geschichte aber noch nicht kennt, dem will ich sie nach Schützenart kurz und schlichtweg hier erzählen. Also unter den Tausenden, welche zu dem Schützenfeste gekommen waren, befand sich auch der Sturzvogelwirth Tobias Stahlaner, der beste Schütze, soweit der Jnn sein liebes Tirol durchläuft. Das ist bekannt, und darüber wird nicht gestritten, und seine Tochter, das blitzsaubere Liesel, die hatte er mitgebracht. Sie hatte sich's nicht nehmen lassen, ihren Vater nach Wien zu begleiten, nicht etwa aus Neugierbe, die Kaiserstadt zu sehen und dann in ihren Bergen damit prahlen zu können — nein! „I will mitschießa, Vota (Vater)," sagte sie zum Sturzvogelwirth, „i will denn fein' Leut' drin zeig«, daß de Tirolermadel auch guat schieße könne und nit nur alleweil Kühmelken und Jodeln!" „Mir is scho recht," sagte der Stahlaner Tobias, „kannst scho mitkomma; aber i glaub' nit, daß Dir's erlauben werden, die andern, das Schießen; denn de G'schich't ist ja doch nur für uns Mannsleut' herg'richt'." „Sie wern's scho erlauben," erwiderte das Lresel voller Ueberzeugung, „und i werd' Dir a ka Schand nit mache, Vota, das kannst mir glauben." Das letztere hätte sie ihrem Vater nicht erst zu versichern brauchen; denn das Liesel schoß fast ebensogut wie er, und die Büchse hatte sie seit Kindesbeinen her lieber in der Hand gehabt, als das dumme Strickzeug. Also die Sache war abgemacht: die Wirthschaft wurde der ältesten Tochter, dem Nandl, übergeben, denn die Mutter war schon lange todt, und mit einem jauchzenden „Haldari dio" nahmen Vater und Tochter kurzen Abschied von den geliebten heimathlichen Bergen. Zwischen Berg und Thal Da liegt der Wasscrfall. Haldarodio dio io! Juhl Ein Prachtmädel, das Liesel! Das seine gesunde und runde Gesichte! I Und angethan mit dem so kleidsamen Tirolerkostüme, den kecken feschen Hut voller Eoel- weiß, die blanke Büchse über die mollige runde Achsel gehängt — so hätt' sie damals der Defregger sehen müssen — da wär' ein Bild draus geworden, das sich gewaschen hätt'! Das Liefe! wurde in ihrem Vertrauen auf die Galanterie des Schützen-Komitees in Wien nicht getäuscht. In liebenswürdiger Weise wurde ihr am Schießstande Platz gewährt. Aber sie wollte diese Vergünstigung nicht so ohne weiteres annehmen und stellte selbst die Bedingung: „I mach' zuerst an Schuß; triff i etni ins Schwarze, so könnt's mir's erlauben; triff i nit eint auf'n ersten Schuß, so laß i's Schießen ganz bleiben!" Und schon legte sie den Stutzen an die frische «sAk-e» 548 Wange, die wie Milch und Blut erschien, — der Schuß krachte und — „mitten drin war er!" In respektvoller Bewunderung umstanden nun alle das allerliebste Diarndel, das dann im Verlaufe des Vormittags auf diversen anderen Scheiben fast ausschließlich nur Meisterschüsse abgegeben hatte. Wie ein Lauffeuer ging's über den Schützenplatz vom Liesel, seinem famosen Schießen, und jeder wollte sich das Wunder-Liesel 'mal angucken. Ja, am nächsten Tage waren einige Zeitungen so indiskret gewesen, ganze lange Artikel über die moderne „Wilhelm Tellerin" zu bringen. Und wieder stand das Liesel an der Seite ihres Vaters, der sich nicht minder bereits als trefflicher Schütze hervorgethan hatte, und sie bewies denn auch, daß die Tiroler Mädeln noch mehr als das Kühmelken und Jodeln verstehen. Da machte sich plötzlich eine allgemeine Bewegung unter den übrigen Schützen bemerkbar, und gefolgt von dem Präsidenten, einigen Komiteemitgliedern und mehreren anderen trat ein bereits älterer Herr, der das Band der Ehrenlegion im Knopfloche trug, an den Schießstand. „Seine Durchlaucht der Herr Herzog von G., Gesandter von X.," so wendete sich der Präsident an das Schützenliesel, „möchte das Vergnügen haben, die ausgezeichnete Schützin begrüßen zu können." „Was will er denn von mir? Ich kenn' ihn ja gar nit." „Seine Durchlaucht haben von Ihrem Meisterschießen gehört und möchten Sie persönlich kennen lernen." „Na, wenn's weiter nix is," erwiderte das Schützenliesel; „da steh' i!" Der Herzog kniff sein Monokle ins rechte Auge, lüftete leicht seinen Cylinderhut und sagte in näselnder Stimme: „Lla pstits, js suis suvstanis äs kairs votrs oonvaissauosl" „Ja," erwiderte die List, „wenn Du mit mir reden willst, nachher muaßt scho tirolerisch sprechen; denn dös Kramszeug da, dadervon versieh' i ka Wört'l. Was willst denn eigentli von mir?" Alle Umstehenden, mit Ausnahme des Sturzvogelwirthes — denn der fand das ganz natürlich — waren wie versteinert, und einige konnten das Lachen nur mit Mühe unterdrücken. Der Herzog, welcher der deutschen Sprache nur höchst unvollkommen mächtig war, hatte von ihrer Erwiderung überhaupt nur das „Du" verstanden, und sich an seine Begleiter in französischer Sprache wendend, sagte er: „karstlsu, ich glaube gar, die Kleine da duzt mich?" „In der That, Durchlaucht!" antwortete ein junger, hübscher Aitachö, der Graf von St. Fallier; „das Mädchen sagte „Du" zu Eurer Durchlaucht." „Lla.i8 — waas — aber, Mademoiselle, ich finden sehr komisch, daß Sie sak zu mir „Du"; ich sein der Herzog von G." „Ja, wie soll i denn anders zu Dir sagen, als Du? I wüßt' wirkst nit!" „Euer Durchlaucht," sagte ein Herr vo« Komitee, „die Leute im Tiroler Gebirgskunde, die sagen zu jedem „Du", und selbst wenn einer beim Kaiser zur Audienz ist, so sagt er schlankweg: „Du, Herr Kaiser!"" „Ah, charmant, charmant!" sagte der Herzog unter Lachen; „das ist ja sehr amüsant! Wollen Sie, L xrop08, das hübsche Kind ersuchen, einen Schuß zu thun, damit ich mich von ihrer so gerühmten Fertigkeit überzeuge.« Man übersetzte die Bitte des Herzogs ins Deutsche. „Na, na, schieß nur Du zuerst," sagte sie zum Herzog; „zeig' mal, was D' kannst! Zuerst kommst Du dran; dafür bist a Herzog — und nachher komm i!" Damit reichte sie ihm ihre eigene Büchse. Seine Durchlaucht kam ihrem Wunsche nach, klemmte sein Monokle fester ins Auge, legte an und — schoß der Luft ein Loch. „Gieb her die Büchsen!" sagte das Schützenliesel, und von dem anmuthigen Gestchtchen waren Unwillen und Ungeduld herabzulesen. „So a Schuß is aus der Büchsen no niemals raus kommen! Muaßt das Schießen no besser lernen. Und dann horch, was i Dir sag': A rechter Schütz und Jaga, wenn er was treffen will, der darf sich nimmer so a Fensterglas ins Aug' reinkleben, wie's Du da hast." Sie nahm die Büchse aus seiner Hand und schickte sich an, nun ihren Schuß zu thun. Da, wie mit magnetischer Gewalt gelenkt, wendete sich ihr Blick nach dem einige Schritte entfernt stehenden Grafen St. Fallier, welcher wie bezaubert und in Verzückung während des ganzen Vorganges kein Auge von ihr abgelassen hatte. Sein feuriger^ bewundernder Blick traf sie, und einen Moment schien sie wie gebannt von demselben. Schnell aber faßte sie sich und reichte dem jungen Manne die Büchse hin. „Probir's 'mal Du," sagte sie; „vielleicht haben Deine Augen bessere Kraft, als die vom Herr Herzog!" „Ich will's versuchen," erwiderte der junge Kavalier lächelnd in ziemlich fließendem Deutsch, und dunkle Nöthe überzog seine schönen, edlen Züge. „Schiaß guat!" sagte das Schützenliesel; „i denk' mir 'was dabei. Wenn st triffst, so is's richtig, das, was i mir denk'! Wennst nit triffst, dann is's halt nit richtig!« Der junge Graf zielte — zielte lange — dann ein kurzes Sausen — und „Centrum!" rief man allseitig. „Jesus, Maria und Josef!" bebte es leise von den rosigen Lippen der Tirolerin. „'s is richtig so!" Freudestrahlenden Auges brachte der glückliche Schütze dem Mädchen die Büchse zurück, und mit Spannung erwartete man nun auch den Schuß, den das Schützenliesel abzugeben hatte. Sie nahm den Stutzen mit merklicher Erregung zur Hand, legte an — die Hand zitterte — das Auge war unruhig — der Schuß krachte und — ging fehl, weit, weit — links ab von der Scheibe! „Was machst denn, Madel? Bist wohl nicht recht g'scheit, Liesel?« rief ihr Vater erbost. „Die Schand' mußt wieder gut machen. Flink nacheinander schloß dreimal ins Schwarze, wennst nit willst, daß Dein Vater zornig wird." Und das Schützenliesel schoß; ein-, zwei-, dreimal -fehl! Sie stampfte mit beiden Füßchen, und Thränen traten ihr in die engelhaft schönen Augen. „Kum, Vater," sagte sie, „kum, i will's nit wieder thun. I weiß nit, was mir fehlt! I glaub, t bin a bissel krank." > r 549 ^ ' » t Dann trat sie an den Herzog heran und sagte treuherzig: „Herr Herzog, sei nit bös, daß i Dich vorhin verspott' hab' wegen Deinem schlechten Schiaßen. I hab's no schlechter g'macht als Du." Die väterliche Liebe und Besorgniß des Vaters, sein Kind sei etwa doch plötzlich krank geworden, besiegten feinen anfänglichen Zorn über die schreckliche Schand', und mit einem „Grüaß Gott, Schützen!" ging er mit seiner Tochter ab. Als sie bei dem jetzt etwas entfernter stehenden Grafen St. Fallier vorüberkamen, da wendete sich das Schützenliesel unbemerkt zu ihm und sagte leise in vorwurfsvollem Tone: „Da bist halt Du schuld, Du böser, böser Mensch, — zwcßwegen hast mich denn alleweil so ang'schautl" » * * Nordwestlich von Brixen in Tirol befindet sich der sogenannte Sturzvogel. So recht heimlich und versteckt liegt dort das herrliche Anwesen des reichen Tobias Stahlaner, der im Leben schon mindestens fünfzigmal Schützenkönig war und mehr zum Zeitvertreibe, als aus Gewinnsucht so nebenbei eine Gastwirthschaft betreibt. Die Schützenkönigswürde ist bei ihm die Hauptsache. Da stand er, wie er leibt und lebt, vor der Gogel- wtrthschaft und untersuchte einen nach dem andern von den vor ihm liegenden prächtigen Stutzen. Denn in einigen Tagen war ja wieder großes Vogelschießen in Brixen, und da mußte er doch auch dabei sein. Ging's denn ohne ihn? Da kam plötzlich in großer Eile Loisel (Alots) der Viehhirt und schrie, soweit es der Kapitalkropf, den er sein eigen nannte, zuließ: „Gogelwirth, am Jnnersturz is aner obig'fallen; i hon sei Stimm' g'hört, aber alloi kann i ihn nit ausfi- hol'n." „So geh' holt hintri in die Scheun', der Hansel soll mit Dir geh'n, die Strick' und die Steigeisen mitnehmen. Wenn s gar schlimm sein sollt', so tragt's ihn halt zusamm' nach dem Kloster hin, nach Mariabrunn — wenn die Knochen aber no ganz find, dann bringt's ihn in Gottesnamen her. Es ist halt Menschenpflicht l" Loisel that, wie ihm geheißen, und in Gemeinschaft mit dem ebenfalls kropfigen Hansel ging's eiligen Schrittes dem Jnnersturz — einem gefurchtsten Bergfalle — zu, dem Verunglückten Hilfe zu bringen. Denn das Tirolerherz ist ein ungeschliffener Diamant, aber immerhin ein Diamant, und wenn Loisel oder Hansel beim Kirchweih- feste im blutigen Faustkampfe einen halbtodt geschlagen hat, so wacht er denn auch Tag und Nacht beim Lager des Verletzten, Pflegt ihn in aller Sorgfalt und betet einen Rosenkranz nach dem andern zur heiligen Jungfrau Maria Muttergottes, damit er wieder recht bald g'snnd wird — und sich dann wieder von frischem raffen (raufen) kann! „'s wird halt wieder so a Fremder sein," brummte der Gogelwirth in den Bart hinein; „die Leut' hab'n kein Dunst vom Bergsteigen; aber auffi müssen's halt, ohne dem geht's nit!" Der Gogelwirth hatte recht; eS war richtig ein Fremder, mit dem die beiden Knechte eine Stunde später bet der Wirthschaft ankamen. „Die G'schicht wird nit schlimm sein," sagte Tobias Stahlaner zu seiner Tochter, dem Schützenliesel, das soeben von Sellach, wo Jahrmarkt war, gekommen war und der er von dem Unfälle erzählt hatte; „Liefe!, mach's Fremdenlager zurechtl" Das Schützenliesel eilte, dem Befehl ihres Vaters nachzukommen „Ich danke Euch, Ihr guten Leute, für Eure große Mühe und Aufopferung; ohne Euch wär' ich wohl elend zu Grunde gegangen," so sprach der Fremde, als er anscheinend unter großen Schmerzen auf der Holzbank, welche vor der Wirthschaft stand, Platz genommen hatte Seine Sprache klang fremd, wenngleich er sich auch im Hochdeutschen ziemlich gut auszudrücken wußte. „Meine Kräfte drohten mich bereits total zu verlassen, und das Wurzelwerk, an dem ich mich krampfhaft hielt, schien sich bereits aus der Erde zu lockern. Hättet Ihr mir nicht noch zu rechter Zeit die Leine zugeworfen, ich wäre tief hinabgestürzt in die finstere Kluft und hätte meinen Kopf wohl an irgend einem Felsen zerschmettert." „Ja, schau," sagte Loisel in belehrendem Tone, „warum bist' denn auffi g'stieg'n?" „Na ja," ergänzte der Hansel und blähte seinen Kröpf auf, „wärst halt nit auffi g'stieg'n, wärst halt nit abi g'fall'n." „Nun, Euer Schade soll's ja nicht sein," erwiderte der Fremde, „ich will Euch reich belohnen. Jetzt aber seht zu, daß ich mich auf Heu oder Stroh recht weich hinlegen kann; denn ich glaube, ich habe außer den vielen Schürfungen den linken Fuß gebrochen. Die Schmerzen nehmen schon überhand." Die letzten Worte hatte der Gogelwirth, welcher eben aus dem Hause heraustrat, vernommen. „Wenn a Fremder beim Gogelwirth Unterkunft sucht, so braucht er grad nit immer auf Heu und Stroh zu liegen," sagte er mit einem gewissen Stolz. „Das Fremdenbett oben is zurecht gemacht. Es wird Dir wohl nit zu schlecht sein — so glaub i. Im vergangenen Jahr hat der Vetter vom Kaiser, der Erzherzog Heinrich, drin g'schlafen, und am andern Morgen hat er g'sagt: „Gogelwirth, z'Haus mei Bett is auch nit besser!" „Frisch überzogen iS halt auch," so ergänzte noch der Gogelwirth. „Und jetzt laß Dich 'rauftragen; i werd unterdessen nach Brixen schicken um'n Doktor, vorher aber noch die alte Ursula aus der Sennhütte herab- holen lassen; die taugt mehr, als alle Doktoren; sie wird Dir 'was auflegen, da wo 's Dich schmerzt. Brauchst Dich gar nit zu geniren vor ihr; 's is ja bloß a altes Weib und die Stucker neunzig Jahre hat's bereits am Buckel." „Dann seid auch so gut," sagte der Fremde, „gebt mir ein Stück Papier, damit ich meinen Diener, welcher in Brixen im Hotel zum Erzherzog Johann auf mich wartet, benachrichtige, wo ich mich befinde, und damit er mit dem Gepäck hierher kommt." „Das geschah, und der Kranke wurde sodann nach dem oben gelegenen Fremdenzimmer, welches die herrlichste Aussicht auf die mächtigen Berge und hinab in ein reizendes Thal gewährte, transportirt. „Ich muaß den Menschen schon wo g'sehn haben tm Leben. I hätt' ihn gern g'fragt, wer er is und woher er is.-I hätt'S auch 'than, wenn er g'sund wär', — aber an Kranken fragt der Tiroler nit um so 5S0 etwas, a Kranker g'hört der Menschheit an, ob er der oder der Nation ang'hört — ob er Bettler oder Kaiser is!" Der Kranke war bereits zwei Tage in der Gagel- wirthschaft. Bei allem Unglück hatte er doch Glück gehabt; denn der Arzt konstatirte, daß von einem Beinbruch keine Spur, sondern einzig der linke Fuß ausgerenkt gewesen und, da die Wiedereinrenkung nicht hatte sogleich vorgenommen werden können, so heftige Schmerzen, eine hohe Geschwulst und bedeutendes Fieber entstanden seien. Es war gerade am Palmsonntag. „Geh' rauf, Liesel, zu dem Fremden,- befahl der Gogelwirth seiner Tochter, „nimm's Gebetbüchel mit, sag' ihm's Vaterunser und 's Ave Maria vor und a Gebet zu seinem heiligen Schutzpatron. Er soll wissen, daß er in an christlichen Haus is." „Aber, Vater,- wendete das Schiitzenliesel ein, «wirst do nit verlangen, daß i zu ein' fremden Mannsbild ins Zimmer geh'? Die selige Muatter hat's mir scharf verboten — und i hab's immer so g'halten." „Die alte Ursula is oben bet ihm zur Pfleg' — aber sie kann ja nit lesen, und 's Vaterunser kann sie auch nit mehr fehlerfrei aufsagen. Also, marsch 'rauf — Dein Vater befiehlt's!" Das Schiitzenliesel hatte heut ihr FeiertagS-Staats- gewandel an und sah sehr hübsch und appetitlich aus. Sie ging 'rauf. Eigentlich war sie schon lauge begierig, den Fremden zu sehen, aber sie hatte sich gesagt: „Was sich nit schickt, das schickt sich halt nit," und so hatte sie bisher ihre Neugierde in Bann gehalten. „An die Thür' erst anklopfen? Ach was, das brauch i nit. Das Haus g'hört ja uns,- sagte sich das Liesel nach kurzer Ueberlegung, „und überdies könnt's ihn ja derschrecken." Und demgemäß öffnete sie ohne weiteres die Thür zum Fremdenzimmer und trat ein. „Gelobt sei Jesus Christus," sagte sie dabei, und „in Ewigkeit, Amen," Hütte die alte Ursula antworten müssen, wenn sie nicht eingeschlafen gewesen wär' im alten Großvatersessel. „Der Vater hat mi 'raufgeschickt — i soll Euch das Vaterunser vorsagen,- so begann das Liesel, ein wenig verlegen und die Augen zu Boden geheftet. „Denn heut' iS der Palmsonntag. - Der Kranke wendete sein Antlitz der Eingetretenen zu, starrte sie eine Weile an und seine vom Krankenlager gebleichten Wangen belebten sich in Purpurröthe. „Schiitzenliesel! Schützenliesel!- ertönte es von seinen Lippen. Sie sah auf vom Boden — sah ihn an, den Kranken, und rief erregt: „Ja, träum' i denn oder is es die pure Wahrheit? I kenn' Dich ja-ja, ja, Du bischt's, Du bischt der Schütz, der in Wien beim Schützenfest aus mein' Stutzen den feinen Schuß gethan!" Ihr Gesicht glühte. „Ja, ja, ich bin's, Schützenliesel, — ich habe Sie gesucht in ganz Tirol. Ich bin gefahren und gewandert durch's Jnnthal, durch's Etsch- und Eisak- und durch's Pusterthal. Ich habe keine Ruhe gehabt seit jenem ersten Moment, wo ich Sie am Schießplatz in Wien gesehen und gesprochen — und ich mußte Sie wiederfinden —- „Und weswegen denn? Was wolltest Du denn von mir?" „Jch wollte Sie fragen,- antwortete der junge Mann und seine Augen hingen in verzehrendem Feuer an der holden Gestalt des Schützenliesel, „ich wollte Sie fragen, was es zu bedeuten hatte, als Sie, bevor ich damals meinen Schuß abgab, zu mir sagten: Schieß' gut! Ich denke mir etwas dabei; triffst Du, so ist es richtig das, was ich mir dabei denke; triffst Du nicht, dann ist es nicht richtig!" Sie wurde blutroth. „Nix war's, — gar nix war's," antwortete sie, vor Scham vergehend, „a Dummheit war's — weiter nix —. Doch jetzt muß i thun, wie rnir's der Vater g'heißen hat!" Und zu dem über dem Kopfbettende an der Wand befindlichen hölzernen Kreuze des Erlösers hinausblickend, sprach sie langsam im echten Tirolerisch das „Vater Unser" und das ,,^-vv Llaria". „Und wie heißt Dein heiliger Schutzpatron?" so fragte sie dann den Kranken. „Es ist der heilige Nikolaus". Das Schützenliesel ging hin zu dem alterthümlichen, reichgeschnitzten Schrank und entnahm einigen dort aufgestellten Büchern das größte. Es war die Geschichte der Heiligen. Sie schlug jene des heiligen Nikolaus auf und entnahm derselben das Gebet dieses Schutzpatrons. Und da sie zu der Stelle kam, wo es heißt: „O Herr, laß Wahrheit sprechen meine Zunge alle Zeit und mein Herz nicht werden zur Mördergrube — —" da, bei diesen Worten, die sie heruntergelesen, hielt sie plötzlich erschrocken inne und das arme kleine einfältige Ding, das es viel ernster meinte mit seiner Religion, als die hochgebildeten Stadtleut', — sie brach in Thränen aus, und mit den Worten: „Nein, nein, — i darf nit weiter lesen — i kanu's auch nit mehr; denn g'rad vorher hat mei Zung' die Unwahrheit g'sprochen und aus meim Herze! hab' i a Mördergruben g'macht" — lief sie aus dem Zimmer! Wenn das Schützenliesel traurig war, das hatt' noch nie lange gedauert. Zum Kopfhängenlassen war sie gerade nicht geschaffen. Der Graf war so weit hergestellt, daß, wenn er'S eilig gehabt,-er die Gogelwirthschaft ganz commod schon hätte verlassen können. Aber er hatte eS eben nicht eilig, im Gegentheil, es gefiel ihm hier, in fortwährender Nähe des geliebten Gegenstandes, den er so lange emsig gesucht und dessen Wiedersehen er quasi bald mit seinem Leben erkauft hätte, und er dachte vorläufig gar nicht daran, das heimlich traute Fleckchen Erde zu verlassen. Da trat eines Tages der Gogelwirth an ihn heran und sagte: „Weißt' was, Herr Graf? Jetzt bist' scho volle drei Wochen bet uns — Dein Haxen (Fuß) is g'sund, und so glaubet i halt, daß 's Zeit wär', wcnnst' Dir unser Tirol wieder a mal von aner andern Seiten anschauen würdest. - „Mein ferneres Verweilen an diesem Ort, welchen ich so sehr lieb gewonnen habe, wäre Euch unangenehm, Gogelwirth?" so fragte in höchster Bestürzung der junge Graf. — „Ja," sagte Liesel'S Vater mit mürrischem Tone. „Und warum das? Bin ich nicht bereit, Euch reichlich zu entschädigen für alles, was Ihr mir geboten?- „Geld," antwortete der Alte, „spielt beim Gagel» i — 4 '-. l- > — 551 — Wirth, Gott sel's 'dankt, ka Roll'. Fragt's mt ntt — i hab' meine Gründ'!" Mit diesen kurz angebundenen Worten begab er sich tn'S Gehöft. „Ltesel! Liefe!!" rief er da. Das Schützenliesel kam gelaufen. „Sag' dem patscheten Bedienten oben, daß er für seinen Herrn die Sachen bald zusammenpacken soll; denn der Graf reist wieder ab." „Wie? Was?" rief das Schützenliesel erstaunt und wurde zuerst blaß und dann blutroth — „er reist ab? Er hat ja noch gar nix g'sagt davon? So auf einmal, so übereinander?" „Ja, 'S is Zeit, i hab' ihm den guten Rath gegeben; Tirol is a großes und schönes Land. Er soll sich die andern Gegenden auch ansehen." „Vater, Du — Du hast ihm g'sagt, er möcht' wieder weg?" „Ja, i hab's ihm g'sagt!" „Aber, Vater, warum denn? Weswegen denn — ?" „Frag' mi net, Diarndl, — ich hab' meine besonderen Gründ'!" Und damit war's basta; das Schützenliesel durfte nicht weiter fragen, wollte sie ihren Vater nicht in Wuth bringen. Sie ging, seinen Befehlen nachzukommen. Dann aber stürzte sie hinaus in's Freie, ihrem gepreßten Herzen durch Thränen Luft zu machen. Dort oben, beim Kreuzweg, da ist eine kleine Marienstatue, dorthin eilte sie mit Sturmcsschritten, und nachdem sie sich vergewissert hatte, daß Niemand weit und breit in der Nähe sei, da warf sie sich hin auf ihre Kniee und erzählte laut der Marienstatue von ihrem Kummer und Herzeleid: „O Maria, sei nit bös, aber i kann uit anders, ich hab' ihn halt gar so gern, denn er is ja so lieb und guat und kennt kan Hehl und kan Falsch. O Maria, heut' geht er fort von uns, und ich werd' ihn im Leben nie mehr wiedersehen! Nimm ihn in Deinen heiligen Schutz! Und auch zu Dir, heiliger Nikolaus, seinem Schutz- und Namenspatron, bete ich — o schütze ihn!" — „Liesel, Liefe!!" ertönte eS plötzlich, und als wär' er aus dem Boden gestampft, gleich einer heiligen Erscheinung, stand er vor ihr, — derjenige, für welchen sie soeben laut gefleht hatte. Das Liesel schrie laut auf, und schnell erhob sie sich. Ihre vorher so schmerzerfüllten Züge verriethen plötzlich Unwillen. „Pfui, Du hast g'lauscht!" sagte sie zu dem Grafen; „das war nit schön; das war nit fein — die Schand' hätt'st mir ersparen können!" „Liesel, ist es denn eine Schande, daß Du es ausgesprochen hast, daß Du mich auch liebst?" Du hast mich dadurch zum Glücklichsten gemacht und giebst mir den Muth, noch heute wegzuziehen von hier. Aber ich werde bald wieder kommen, wenn Du es willst — ?" „Weswegen denn wiederkommen? Was hat's denn für an Zweck? Hast denn nit g'nug d'ran, daß Du mir meine Ruh' gestohlen hast für lange, lange Zeit — vielleicht für eine Ewigkeit?" „Wenn ich sie Dir gestohlen habe, Deine Ruhe, ko will ich sie Dir auch wiedergeben. Ich will wieder- sommen in kurzer Zeit und vor Deinen Vater hintreten: Herr Stahlaner, gebt mir Eure Tochter zur Frau! Ich will sie Euch nicht wett weg entführen. Wir bleiben hier im schönen Tirol. Auf einem hübschen Platze im Pufter- thale will ich uns ein schönes Schloß bauen lassen, das Deiner würdig sein soll, Du Königin der Alm, Liesel! Soll ich kommen? Sprich eS aus: Willst Du die Meine werden?" „Schau, das is ntt recht von Dir, daß Du mit mir armen Diarndel solchen G'spaß machst — Du a hochgeborner Graf mit aner großen Krön', wie ich eine drin in Innsbruck g'sehen hab' — und i, a einfaches Tirolermadel — das Schützenliesel vom Gogelsturz?" „Ich schwör' Dir's hier bei der Statue der heiligen Jungfrau: es ist mein voller Ernst! Ich bin selbst- ständig; ich habe niemand Rechenschaft zu geben über das, was ich thue oder unterlasse. Meine Stellung als Diplomat will ich aufgeben und —" „Was ist denn dös, «Diplomat?" fragte das Liese! naiv; es kann nix b'sonders Gnats sein; denn mei Vater hat amal g'sagt, a Diplomat, der red't immer das Gegentheil von dem', was er denkt — und wenn das wirklich der Fall is, dann denkst halt auch anders, als Du sprichst. Doch nein, nein. Du hast ja g'schworeu zur heiligen Jungfrau, daß es Dein Ernst ist —" Der Graf klärte sie nun in recht faßlicher Weise über die Bedeutung des „Diplomat" auf und sprach dem wie im Traume neben ihm dahinwandelnden Schützeu- liesel so recht zu Gemüth und Herz. „Ja, ja, i möcht' schon!" sagte sie nach einer Weile; „aber mei' Vater, der wird halt nit woll'n; er kann die Fremden, die Ausländer nit recht leiden — und Du bist ja a Fremder, a Ausländer." „Ich bin ein Franzose; aber in Deutschland, am Rheine, da habe ich fast meine ganze Jugendzeit verbracht, und da habe ich die Deutschen achten und lieben gelernt." „Du bist a Franzos?" rief das Schützenliesel fast bestürzt. „DaS is schad', — recht schad'!" ergänzte sie traurig. „Und warum das, Schützenliesel?" fragte er sie und betrachtete sie neugierig, als wollte er die Gründe erforschen. Liesel schwieg, als hätte sie seine Frage nicht gehört, und es war ihr recht, als, plötzlich um eine Felsecke herumkommend, jemand seinen Gruß: „Gelobt fet Jesus Christus!" entgegenlief: „In Ewigkeit, Amen!" antwortete das Schützenliesel. (Schluß folgt.) ---LAWNS--—- Goldkösner. Verdienst seht allemal Wirksamkeit voraus; mit bloßem Speculiren erwirbt man's ebensowenig, als Einer reich wird, der sich auf einen Berg seht, in dessen Gruben Goldadern sind. Justus Möser. Glück! sie nennen dich blind und werden nicht müde, zu schelten. Frag' doch endlich zurück: Könnt ihr denn selber auch seh'n? Friedrich HebLel. Gelassen lernt' ich Tadel ertragen, Wie er beschert ward, fein und grob; Aber am Herzen fühlt' ich nagen Der guten Freunde gnädiges Lob. Paul Hehse. Siehst du ertrinken wen, rett' ihn vor allen, Dann frag' ihn erst, wie er hineingefallen. K. Einem lauteren Menschen ist es viel wonnesamer, einem Armen zu dienen als einem Reichen. Tanker. 862 Allerlei. Alle jene wunderlichen thierischen und pflanzlichen Stoffe, die der Chinese zu sich nimmt, kommen in kleine Stücke zerschnitten auf den Tisch und werden dadurch sowohl wie durch farbige Saucen und vielfache Würzen ganz unkenntlich. So sind z. B. die sehr beliebten nächtlich schattirten Scheiben von seltsam barschem Geschmack, die bei einem größeren chinesischen „Tschau-Tschau" (Essen) gleich einen der ersten Gänge bilden und in einer schwarzen Sauce angerichtet werden, hartgekochte Eier, die, 4-5 Jahre lang unter der Erde aufbewahrt, einen der Entwicklung alter Käse ähnlichen Umbildungsprozeß durchgemacht haben. Haifischflossen und als Salat zubereitete junge Bambussprossen verursachen dem chinesischen Magen durchaus nicht, wie fast jedem europäischen, entsetzliche Beschwerden, dürfen vielmehr als auserwählte Leckerbissen bei keiner Festtafel fehlen. Die in einer blauen Sauce schwimmenden Nudeln stellen sich bei näherer Betrachtung als gesalzene und getrocknete Regenwürmer heraus, während die Bestandtheile eines mit Bouillon servirten Hachä's große und kleine Raupen sind. Man denke sich ferner die Lage eines europäischen Gesandten, dem der chinesische Minister bei einem von ihm gegebenen diplomatischen Festessen eine scharfgebratene Ratte, wie sie die Chinesen so gern essen, auf der Spitze eines Eßstäbchens als vorzügliche Delikatesse anbietet! Ein „Tschau-Tschau" besteht aus wenigstens 35 Gängen, und die Gäste wie die ser- virenden Lakaien haben, da Teller und Stäbchen fortwährend gewechselt werden, mit dem Angebot und Genießen der Speisen alle Hände voll zu thun. Der Durst wird mit leichtem, etwas erwärmtem Wein gestillt. Die Chinesen sind keine leidenschaftlichen Zecher, auch reizen die meisten Schüsseln nicht zum Trinken. Eine Menge Süßigkeiten bilden das Dessert, wozu Marzipan gehört, angefertigt aus Zucker, Mandeln und — Schweineschmalz. Wie bei allen asiatischen Völkern, denen die Reize der bunten Reihe bei Tische unbekannt sind, nehmen die Frauen und Töchter an den Tafelfreuden ihrer Väter und Gatten nicht Theil. Doch kommen Ausnahmen vor, wenn seltenen Gästen besondere Ehren erwiesen werden sollen. So bei einem Mahle, zu dem der berühmte Landschaftsmaler Professor Eduard Hildebrandt, als er auf seiner Reise um die Erde in Shanghai weilte, von einem reichen chinesischen Kaufmann geladen war. Außer Hildebrandt waren noch drei deutsche Herren zugegen. Den drei Ehefrauen des Gastgebers nebst den fünf Töchtern waren ihre Plätze hinter den Gästen angewiesen. Zwischen den einzelnen Gängen, die stets aus mehreren Speisen bestanden, ließen sich die Damen auf dem Schooße der Gäste nieder und suchten diese durch kunstlose Mandolinen- klänge zu erheitern. Auf Hildebrandt hatte die gewichtigste der Mütter Platz genommen, ohne daß dieser geneigt gewesen wäre, die Ehre solcher Niederlassung gehörig zu würdigen. Rechtzeitig — erzählt er — kam mir ein rettender Gedanke. Ich erinnerte mich, wie bei einem Gala- Diner in Bangkok (Siam) Seine Majestät König Mong- kut von Siam Allerhöchstselbst mit seinen großen schweißigen Händen in die Schüsseln gegriffen, aus Reis, Fleisch und Sauce einen mächtigen Knödel zusammengekleistert und in den Mund seiner Lieblingsgäste, also auch in den meinigen und in den des englischen Gesandten, geschoben hatte, daß ich beinahe an dieser fürstlichen Gnadengabe erstickt wäre. Wie, wenn ich nach dem Vorbilde Seiner Majestät von Siam meine liebenswürdige Besitzerin durch einen phantastisch komponirten Kloß zu zerstreuen trachtete, da mir doch jede Unterhaltung mit ihr durch Un- kenntniß der Sprache abgeschnitten war? Das Herz deS Menschen ist ein Drachennest, ich gestehe unumwunden, daß ich mit teuflischer Schadenfreude meiner Alten dieselben Qualen zu bereiten trachtete, die mir einst die Gabe des siamesischen Königs verursacht hatte. Aus gesottenem Reis, Hachs von Regenwürmern und Jahre lang vergraben gewesenen Eiern fertigte ich einen handlichen Bissen, der eben so schwer zu kauen wie zu verschlingen sein mußte, und schob ihn Madame mit tückischem Lächeln in den Mund. Mein Zweck war erreicht. Die Artigkeit an sich wurde zwar sehr gut aufgenommen, doch erwies sich bald, daß meine Gönnerin der Bewältigung des höllischen Bissens nicht gewachsen war. Krampfhaft strengte sich die Unglückliche an, das formlose Kompositum niederzuwürgen, plötzlich sprang sie auf und entfernte sich, um — nicht wiederzukehren. * Wie man vor 50 Jahren auf der Eisenbahn fuhr, ist nach der «St. Z." bei der Feier deS fünfzigjährigen Bestehens der Görlitz-Dresdener Eisenbahn erörtert worden. Danach waren von den Personenwagen damals nur die Wagen erster Klasse ganz geschlossen; die Wagen zweiter Klasse hatten zwar eine feste Bedachung, waren aber an den Seiten nur mit Letnwandvorhängen zum Auf- und Zuziehen versehen. Die Personenwagen dritter Klasse waren ganz offen. Die Reisenden dieser Wagenklasse waren daher vielfachen Belästigungen durch die Witterungsverhältnisse, durch Staub und durch Rauch und Funken der Lokomotive ausgesetzt. In den Zeitungen wurden seiner Zeit für Reisende auf Eisenbahnen Halb- Masken von Gaze, das Stück für 20 Pfg., als Schutz gegen Asche und Staub, sowie Dampfwagenbrillen von Gewerbetreibenden zum Kauf angeboten. Mit der Schnelligkeit des Fahrend war es damals auch nicht weit her; besonders verursachte das Wasserfassen der Lokomotive erheblichen Zeitverlust. Ein alter Dresdener Gesangverein bestellte zu einer Sängerfahrt nach Bischofswerda einen Bruderverein von Nadeburg auf den dortigen Bahnhof. In dem Schreiben an diesen Verein heißt es wörtlich: „Kommt Alle an die Bahn, namentlich Krause, Lachmann usw. sollen kommen; während die Lokomotive Wasser saust, können wir einen Schafskopf ableiern. Zwölfmal 'rum kommen wir allemal!" -- KrittzmogripH. 1 2 5 9 2 bekannt aus einem Trauerspiel, 2 8 9 6 1 brauchen Modedamen viel. 3 4 6 5 am Teich zu finden und am Wald, 4 5 2 1 ein großer Held in kleiner Gestalt. 5 6 7 8 was Mensch und Thier stets hat. 6 3 9 8 2 5 bekannt als Insel und als Stadt. 7 2 7 7 9 als frommes Wesen verehrt, 8 2 1 7 mit scharfer Spitze bewehrt, 9 5 6 4 sowie auch die Anfangsbuchstaben Sind Namen, wie sie die Mädchen haben. Auflösung des Kreuz- und Quer-Räthsels in Nr. 69: Ra sen Ha be /