' AnterAaltungsAatt j zm „Nugsburger Postzeitung". ^L72. Dinstag, den 4. September 1894. ??ür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Znsiiruts von Haas >L Grabderr in Augsburg tVorbesitzer Dr. Mar Huttlcr). t Aer Organist. Novelle von C. Borges. lNachdruck verboten.^ - 1. Kapitel. „Herein!" Auf diesen Zuruf öffnete sich die Thür des Arbeitszimmers, auf der in großen schwarzen Buchstaben die Worte: „Johann Schellenbcrg und Sohn. Wohnungs- Vermittelungs-Bureau" zu lesen standen. Die Eintretende war eine junge Dame; sie war groß und schlank, ihre Gestalt graciös und anmuthig. Dunkles, kurz gelocktes Haar umgab wellenförmig ihre hohe Stirn, und die hellleuchtenden Augen blickten erstaunt, ja fast neugierig in das große, menschenleere, nur dürftig ausgestattete Gemach und nach der offenstehenden Thür eines zweiten Zimmers, aus welchem zweifellos die Aufforderung einzutreten ergangen war. „Herein!" wiederholte die Stimme jetzt lauter und energischer, und dem Rufe folgend betrat die junge Dame das zweite Gemach. Ein junger, stattlich aussehender Mann saß emsig schreibend vor seinem hohen Pulte; tief neigte sich das stolze Haupt über die großen Folianten, die vor ihm ausgebreitet lagen, ohne die Blicke von der Arbeit zu erheben. Doch nur einen Augenblick. Kaum fiel sein Auge auf die Dame, die jetzt schüchtern auf der Schwelle stand, als 'er hastig von seinem Sitze aufsprang und sich tief verneigend dem unerwarteten Gaste näherte. „Ich bitte tausendmal um Verzeihung; ich hatte keine Ahnung, daß eine Dame Einlaß begehrte," stammelte er verwirrt und um einigermaßen seine momentane Verlegenheit zu verbergen, schob er einen bequemen Sessel für die unbekannte Fremde herbei. Die Dame lächelte über diesen Eifer, dann begann sie mit sanfter, melodischer Stimme: „Ich bin hierher gekommen, um von Ihnen eine Wohnung zu miethen. Sie haben ein kleines, weit in der Vorstadt gelegenes Häuschen augenblicklich leer stehen; können wir es bekommen und kann es sofort bezogen werden?" „Von welchem Hause reden Sie? Wir haben sehr viele Wohnungen auf unserer Liste, in der Stadt sowohl wie außerhalb," versetzte der Gefragte und wunderte sich nicht wenig, daß eine schöne junge Dame in solch einem Auftrage zu ihm in's Bureau komme. „Das Häuschen liegt ziemlich weit in der Vorstadt dicht an der Landstraße am Saum des Waldes und trägt den hochpoetischen Namen Rosenvilla!" „Die Rosenvilla! Unmöglich!" kam es von den Lippen des jungen Mannes; jedoch sich seiner Pflicht erinnernd, fuhr er zögernd fort: „Ja, so heißt das Häuschen, oder richtiger gesagt die erbärmliche, elende Hütte, die nur aus Ironie ihren Namen trägt. Aber vermuthlich haben Sie dieselbe noch gar nicht gesehen?" „Nur von außen, aber ich hoffe bestimmt, daß uns das Logis zusagen wird." „Hm!" machte der junge Agent, „es ist wenig anziehend, daher meine Frage, ob Sie das Häuschen gesehen hätten. Aber wenn es Ihnen zusagt — natürlich, es ist ja Ihre Sache." „Ich muß selbstredend die inneren Räumlichkeiten sehen, ehe ich mich entscheide. Sie haben gewiß die Schlüssel, bitte, geben Sie mir dieselben, damit die Sache schnell erledigt wird, auch bitte ich um die Bedingungen." Herr Karl, wie er kurzweg als einziger Sohn des alten, finsteren Agenten Schellenbcrg genannt wurde, willfahrte gern ihrer Bitte und übergab der jungen Dame die betreffenden Schlüssel und nahm hingegen ihre Karte in Empfang, auf der in feiner Zierschrift der Name „Helene Willford" zu lesen war. Sie erzählte ganz unbefangen, daß sie mit den Ihrigen erst kürzlich aus England gekommen sei und jetzt beabsichtige, fortan hier in Deutschland zu leben, da der Vater erst kürzlich gestorben und die Mutter eine Deutsche sei. Ihr einziger Bekannter und Freund sei der Pfarrer Härtung an der Paulus-Kirche, durch seine Vermittlung sei ihr Bruder als Organist angestellt; sie würde pünktlich den Miethzins zahlen, wenn sie mit ihrer Mutter, der Schwester und dem Brnder die Rosenvilla beziehen würde. — „Ich befürchte, das Logis wird in keiner Weise entsprechen," warnte jetzt Herr Karl schon zum zweiten Male. „Es liegt freilich in unserem eigenen Interesse, das Haus sobald wie möglich zu vermiethen, und wir dürfen gewiß keinen Miether davon zurückhalten; aber dennoch halte ich es für meine Pflicht, Ihnen zu sagen, daß der bauliche Zustand der Hütte sehr viel zu wünschen übrig läßt. Der Eigenthümer bekümmert sich herzlich wenig um seine kleine Besitzung, dafür ist aber auch der Miethpreis ein sehr geringer. Außerdem muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß sich das Haus nicht 554 gerade des besten Rufes erfreut. Der letzte Einwohner — ein alter geiziger Junggeselle — verschwand vor einigen Jahren auf geheimnißvolle, unaufgeklärte Weise aus demselben. Ob ein Verbrechen vorlag, oder ob der Alte plötzlich auswanderte, wurde nicht festgestellt, aber seitdem steht das Häuschen leer, sogar seine Nähe wird von Spaziergängern ängstlich gemieden." „O! das ist für mich durchaus kein Hinderniß in dem Hause zu wohnen," versetzte die junge Dame unbeirrt, „vorausgesetzt ist es nicht so baufällig, um uns über dem Kopfe zusammen zu brechen, und bietet hinreichend Schutz gegen Wind, Regen und Unwetter. Meine Mutter", fuhr sie dann seufzend fort, „ist leider blind; jedoch hofft der Arzt, daß bei größter Ruhe und guter Pflege das Augenlicht sich mit der Zeit wieder kräftigen wird. Die Schwester ist fast beständig krank; beide werden also die vielen Schattenseiten der Wohnung kaum bemerken." „Aber denken Sie doch an sich selbst," mahnte Herr Schellenberg jr.; denn unwillkürlich nahm er bereits Interesse an dem Geschicke der fremden Familie. Sie lachte belustigt. Ihre eigene Behaglichkeit war durch die beständige Sorge um ihre Lieben ganz in den Hintergrund getreten, darum entgegnete sie heiter: „Den größten Theil meiner Zeit werde ich hoffentlich außerhalb des Hauses zubringen. Klavier- und Gesangunterricht ist meine Hauptbeschäftigung. Der Pfarrer Härtung hat für eine beträchtliche Anzahl Schülerinnen gesorgt, die sich gewiß noch vermehren wird, und auch mein Bruder — sie senkte verwirrt und mit lieblichem Erröthen bei diesen Worten die Augen zu Boden — wird allzu sehr beschäftigt sein, um sich darum zu kümmern, wie und wo er wohnt." Der junge Agent durfte kein weiteres, warnendes Wort sagen. Er hatte seine Pflicht vollkommen erfüllt, ja, noch mehr, er hatte sie noch überschritten; denn Hütte der Eigenthümer der Nosenvilla das Gespräch gehört, so würde der junge Mann sich den Vorwurf nicht erspart haben, die Miether zurückzuschrecken und ihn dadurch in seinem Vortheil zu schädigen. So ließ er es ruhig geschehen, daß Fräulein Willford die Schlüssel mit dem Versprechen entgegennahm, morgen um dieselbe Stunde wieder zu kommen, um endgültig die Angelegenheit zu ordnen. „Beim HimmelI das sind ein paar Augen, wie ich sie in meinem ganzen Leben noch nicht sah," rief der junge Mann enthusiastisch, als er sich allein sah. „Ein solches liebes Gefichtchen ist genug, um mich bis an mein Lebensende zu verfolgen. Thorheit I" fuhr er dann in seinem Selbstgespräche fort, „das sind keine Gedanken für einen armen Mann, wie ich einer bin, der für sein tägliches, kümmerliches Brod zu sorgen hat. Na, da kommt schon mein Vater, und ich habe noch nicht einmal diese Rechnungen durchgesehen." Wirklich öffnete sich die Thür des vorderen Zimmers und ein ältlicher Herr mit stark ergrauten Haaren und von Gram durchfurchten Zügen betrat das innere Gemach. „Ist Jemand hier gewesen, Karl?" frug er nicht unfreundlich einen forschenden Blick in das freudig erregte Antlitz seines Sohnes werfend. „Ja, der alte Meier, der Baumeister, war wieder hier, er dringt auf Zahlung der letzten Reparaturen, na, ich habe ihn auf bessere Zeiten vertröstet. Es hat auch noch nie so erbärmlich schlecht mit unserm Geschäft gestanden, wie gerade jetzt," fuhr der junge Mann seufzend fort, „aber endlich haben wir auch Aussicht, die Nosenvilla zu vermiethen, denke nur, Vater, die verrufene, morsche alte Hütte! Eine Dame war hier, um die Schlüssel zu holen." „Eine Dame?" fragte ungläubig der alte Vater, „sie will doch das jämmerliche Loch nicht selbst bewohnen?" „Natürlich, aber nicht allein. Sie hat einen Bruder, der Organist an der Paulus-Kirche, eine kranke Schwester und eine blinde Mutter." „Das ist sonderbar! Es finden sich Wenige bereit, in diesem abgelegenen Neste zu wohnen." „Das möchte ich auch behaupten, aber trotz alle- dem scheint Fräulein Willford eine fein gebildete, aristokratische Dame zu sein, die gewiß ohne eigenes Verschulden gezwungen wird, die Hütte zu nehmen. Sie ist die reizendste Dame, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Du hättest nur in ihre leuchtenden, dunkeln Augen schauen sollen, Vater, die so hell wie die Sterne am Himmel leuchten; dann die vollen rothen Lippen, das schmale liebliche Antlitz, die silberhelle Stimme und — — —" „Na, Karl, genug davon," unterbrach scherzend der Vater die enthusiastische Beschreibung. „Diese Schwärmerei für eine unbekannte Dame ist mir gänzlich fremd an Dir. Kümmere Dich nicht um sie, noch um ihre Schönheit; sage mir lieber, ob sie ernstlich die Nosenvilla miethen will. Das alte baufällige Nest steht schon seit Jahren leer, und noch gestern schrieb mir der Eigenthümer einen sehr unfreundlichen Brief, gerade als ob es unsere Schuld sei, daß kein Mensch in dem Loche wohnen will." „Ich gab ihr die Schlüssel," versetzte der Sohn in geschäftsmäßigem Tone, aus dem plötzlich jedes schwärmerische Gefühl verschwunden war, „und morgen um diese Zeit will sie wieder kommen; so sagte sie mir wenigstens oder so habe ich's verstanden." „Nannte sie keine Freunde oder Bekannte, bet denen wir über die Familie Erkundigungen einziehen können, oder gab ihre Schönheit Dir genügende Sicherheit?" „Ja, sie dachte daran, wiewohl ich offen gestehe, daß ich es vergessen hatte. Wenn der Pfarrer Härtung den Bruder als Organist angestellt hat, so können wir doch auch wohl mit der Familie als Miether zufrieden sein. xropos, der Pfarrer und besonders sein Bruder, der Doctor Härtung, sind ja Deine besten Freunde; Du kannst Dich bei ihnen sehr gut über diese Fremden erkundigen." Der alte Herr lächelte wehmüthig. Die beiden Brüder waren freilich seine besten Freunde; schon während lang verflossener Studienjahre hatte sich das Freundschaftsband geknüpft, das im Kampf mit dem Leben nur noch fester und inniger geworden war. Aber während die beiden Brüder Härtung hohe, angesehene Stellungen in der Welt einnahmen, in der Stadt allgemein beliebt, gekannt und hochgeachtet waren, mußte Schellenberg täglich von Neuem den Kampf ums Dasein aufnehmen und lebte mit seinem Sohn kümmerlich und verborgen, ein unbekannter, talentloser und wenig energischer Agent. Am nächsten Tage zur festgesetzten Zeit stand Fräulein Willford wieder vor der Thür des Agenten. Doch heute erfolgte nicht das schrille „Herein" auf das leise Pochen. Herr Karl schien darauf gewartet zu haben; denn blitz- 'e i. 555 i schnell stand er an der Thür, die er eilfertig öffnete. Er hatte sich nicht getäuscht. Vor ihm stand die junge Dame, die unwillkürlich wachend und träumend seine Sinne gefangen hielt. „Fräulein Willford!" rief er mit gut gespieltem Erstaunen freudig aus, dann führte er sie galant zu einem Sitze. „Was denken Sie jetzt von der Rosen- villa, nachdem Sie die innern Räumlichkeiten gesehen haben? Sie sind gewiß in Ihren Erwartungen getäuscht," begann er, nachdem er ihr gegenüber Platz genommen hatte. „Durchaus nichtI Die Räumlichkeiten sowie die einsame Lage des Hauses entsprechen ganz und gar meinen Wünschen," versetzte sie ganz entschieden. „Beabsichtigen Sie denn wirklich, selbst dort zu wohnen?" fragte der junge Agent erstaunt. „Ja! es wäre mir sogar lieb, wenn wir noch heute einziehen könnten. Wir wohnen bis jetzt im Hotel, und dort findet meine arme Mutter nicht ihre behagliche Bequemlichkeit. Es steht doch unserer Absicht nichts hindernd im Wege?" „Nicht im Geringsten. Wenn Sie diesen Contract unterzeichnen, so ist die Sache erledigt." Helene Willford setzte mit fester Hand ihren Namen unter das dargereichte Schriftstück und war von jetzt an Inhaberin der Rosenvilla. 2. Kapitel. Es war am Nachmittag desselben Tages, zur Zeit da der vielbeschäftigte Arzt Doctor Härtung die Runde bei seinen zahlreichen Patienten machte, als sich geräuschlos die Thür eines Schlafzimmers im obern Stockwerk des Hauses öffnete und Martha, das jüngste Töch- terlein, in einen langen, schwarzen Mantel gehüllt, einen dichten Schleier, der gänzlich ihr hübsches Gesichtchen vor neugierigen Blicken verbarg, fest umgebunden, unbemerkt die Treppe hinabstieg. Vorsichtig spähte sie nach allen Seiten umher, und ein Seufzer der Erleichterung entschlüpfte ihrer geängstigten Brust, als sie ungesehen das Haus verlassen konnte. An der nächsten Straßenecke benutzte sie den bereitstehenden Omnibus, der nach kurzer Zeit vor einem großartigen Gebäude anhielt. Es war der Kaiserhof, ein beliebtes Restaurant, verbunden mit Conditorei, das von den Bewohnern der Großstadt gern und häufig besucht wurde. Die junge Dame schien hier vortrefflich bekannt zu sein; denn dienstfertig trat ihr sofort der Gar^on entgegen um sie in ein kleines Gemach zu führen, in dem nur wenige Gäste, plaudernd oder in ihren Zeitungen vertieft, versammelt waren. In diesem Augenblick trat ein junger Mann aus einer Fensternische. Er hatte augenscheinlich die Ankommende erwartet; denn er führte sie schweigend, aber mit glücklichem Lächeln auf seinem ehrlichen, offenen Antlitz auf den soeben verlassenen Platz zurück. „GeliebteI" flüsterte er ihr kaum hörbar zu, fest ihre kleine, weiße Hand in der seintgen haltend, „wie lange hast Du mich heute warten lassen! Ich fürchtete schon, Du würdest gar nicht kommen, und ich machte mir um Deinetwillen große Unruhe." „Du konntest doch wohl denken, daß ich mein Versprechen halten würde, Franz," lautete die ebenso leise gegebene Antwort, „aber ach! ich fürchtete, man würde bald entdecken, daß wir verlobt sind, und was würde dann mein Vater sagen!? Meine älteste Schwester Marie beobachtet mich ohnehin scharf genug, und es wird mir immer schwerer, das Haus heimlich zu verlassen." „Fürchtest Du, daß Deine Liebe zu dem Ex-Orga- nisten schon bekannt ist? Nun wohl, ich verstehe Deine Gefühle; Dein Vater, und ganz besonders Dein Onkel, dem ich meine Entlassung zu verdanken habe, halten mich ja viel zu gering, um meine Augen zu Dir zu erheben. Diese Heimlichkeiten sollten auch sofort aufhören, wenn ich offen vor Deinen Vater hintreten könnte mit dem Beweis, Dir eine sorgenfreie Existenz zu bieten." Martha blickte erschreckt in das erregte Antlitz ihres Geliebten ; sie war leichenblaß geworden, Thränen erstickten ihre Stimme, und um ihre Lippen zuckte es bedenklich. „Zweifelst Du etwa an meiner treuen Liebe?" fragte sie tonlos und bebend. „Kleine Thörin! Wenn dort jener junge blasse Herr mit den entstellenden blauen Brillengläsern uns nicht so anstarrte, so würde ich Dich statt aller Antwort in meine Arme schließen. Kennst Du den Fremden? Er scheint unsere ganze Unterhaltung angehört zu haben." Martha schaute besorgt nach der bezeichneten Richtung, aber der Fremde wandte sich um, ergriff eine Zeitung und setzte sich an das entgegengesetzte Ende des Zimmers. „So, nun ist er fort; wir wollen uns nicht mehr um ihn bekümmern," tröstete Franz das zitternde Mädchen. „Nun höre meinen Plan, Martha. Ick bin fest entschlossen, schon bald nach England zu reisen und will mir dort durch List oder Gewalt Zutritt bei meinem Onkel zu verschaffen suchen. Es wird freilich nicht ganz leicht sein: denn mein Vetter, Edmund Normann, schrieb mir, daß meine Tante den guten alten Mann mit Argusaugen bewacht, daß Niemand allein zu ihm darf, daß selbst sein Anwalt ihn nur in ihrer Gegenwart besuchen darf; aber trotzdem will ich doch einen Versuch machen." „Kennt Dich Deine Tante persönlich?" „Nein; ich glaube es wenigstens nicht. Sie hat mich bei meinem guten Onkel aus meinem Rechte verdrängt ; als ich vor einem Jahre von einer längeren Reise aus dem Orient zurückkehrte, hielt ich mich nur vr. Kourp, Difchof von Fulda. 556 eine Stunde im Schlosse auf, und ich glaube nicht, daß sie mich damals gesehen hat." „Franz, mir kommt ein guter Gedanke! Versuche unter erborgtem Namen Zutritt bei Deinem Onkel zu erlangen." diesem Namen lange genug die Stellung als Organist bekleidet, Zutritt in unserer Familie erlangt und mein ganzes Herz gewonnen?" „Wohl wahr! Ich sollte den Tag segnen, der mich nach Deutschland, der Heimath meiner Mutter, brachte, Durg Trausnitz bei iandshut. Löwrnzwingcr unter dem Kälter der Trausnitz. „Du bist immer romantisch, mein Liebling. Glaubst Du nicht, es sei schon genug, daß ich schon ein ganzes Jahr lang meinen richtigen Namen abgelegt habe und den einfachen Namen meiner Mutter trage und mich Franz Burgfeld nenne?" „Sei nicht undankbar, Franz. Hast Du nicht unter und es war noch ein glücklicher Zufall, der mich hier gleich Beschäftigung finden ließ." „Wie schade, daß Du mit meinem Vater und besonders mit meinem Onkel nicht gut harmo- nirst!" „Ist das schade?" rief der junge Mann nicht ohne Bitterkeit, „es ist doch wirklich nicht meine Schuld. Bedenke, ich hatte früher die Musik nur zu meinem Vergnügen, aber nicht als Broderwerb betrieben. Und jetzt war man mit meinem Orgelspiel nicht mehr zufrieden, und Dein Onkel machte mir mit Fug und Recht den Vorwurf, daß die Leitung des Ktrchenchores nicht in guten Händen sei. Konnte ich das noch länger ertragen?" „Gestehe offen, Du eignest Dich auch nicht als Organist." „Nun, Du kannst Recht haben, Martha. Bedenke, von frühester Kindheit an hatte ich mich an den Gedanken gewöhnt, später die Güter meines Onkels zu verwalten, als dessen einzigen Erben ich mich dachte." „Guter Gott! es ist gleich sieben Uhr!" rief Martha sichtlich erschreckt aus, ihre kleine goldne Uhr aus dem 7 - 557 i reich begüterten Onkel in England mit ihrem Verlobten Mein Vater ist die personificirte Pünktlichkeit, wieder hergestellt sei. Gürtel ziehend, „wir haben heute viel zu lange gepluu- > dert. und das Abendessen muß um sieben Uhr auf dem Tische steh.n. Ich fürchte, schon zu spät zu kommen; schnell, laß uns eilen!" Herr Burgfeld verließ mit ihr das Lokal, wartete einige Minuten, bis der rechte Omnibus vor der Thür hielt, nahm ihr das Versprechen ab, sich am nächsten Mittwoch zur selben Stunde hier wieder einzusinken, um endgültig die geplante Reise nach England mit ihr zu überlegen. Es war ein Glück, daß heute der sonst so pünktliche Arzt wohl zwanzig Minuten länger bei seinen Patienten aufgehalten wurde und ausnahmsweise das Speisezimmer später wie gewöhnlich betrat.Auch war er so sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, daß er gar nicht bemerkte, wie sein jüngstes Tochter- lein Martha, sein Liebling, erst nach ihm und zwar vom schnellen Gehen stark erhitzt und fast athemlos das Zimmer betrat. Auch die Mutter und die zweite Tochter Hedwig bemerkten nicht die Erregung des jüngsten Familiengliedes, wohl aber Marie, die älteste Tochter. Sie hatte schon vor geraumer Zeit Martha'sZimmerbetreten, es leer gefunden, und jetzt wollte sie mit ihren finsteren, durchbohrenden Blicken jedes Geheimniß ihrer Schwester erforschen; doch sie hütete sich wohl, offen von ihren Beobachtungen zu sprechen. Als das Mahl beendet war, eilte Martha schnell in ihr kleines behagliches Zimmer. Sie mußte allein sein, denn die Gedanken jagten sich in ihrem Hirn, und gewaltsammußtesiesich zur Ruhe zwingen. Ach! könnte doch ihr Franz die Stellung in der Welt einnehmen, die ihm zukam I Freilich hielten ihn der Vater und der Oheim viel zu stolz und aristokratisch, um eine untergeordnete Stellung als Organist einzunehmen, und waren daher herzlich froh, einen bescheidenen, anspruchslosen Nachfolger gefunden zu haben, der besser für die Stellung zu passen schien. Kein Gedanke des Neides stieg in ihrem Herzen gegen den neuen Organisten auf, wiewohl sie sich gefreut hätte, wenn der Wechsel noch nicht so bald stattgefunden, wenigstens nicht eher, bis das frühere Verhältniß zu dem WWW T " " -fij. k! § n §«? Der Martinsthurm zu Kandshut. Aber es war für den jungen Neffen unendlich schwer, Zutritt zu dem alten Herrn zu erlangen, der beständig von seiner mißtrauischen Gattin bewacht wurde. — Vor kaum zwei Jahren hatte die stolze Kokette in einem Badeorte den alten Lord Merlie kennen gelernt. Sie hatte schon früher von seinem Reichthum, von seinem prächtigen Schlosse und von seinen großartigen Besitzungen gehört, und ihrer Beredsamkeit war es ein Leichtes gewesen, den müden, altersschwachen Greis zu überreden, ihr seinen Titel und Namen anzubieten. Die Hochzeit wurde in aller Stille gefeiert, sogar Franz Merlie, der einzige Neffe und Erbe des alten Herrn, der sich gerade damals einer größeren Gesellschaft Naturforscher angeschlossen hatte und sich seit längerer Zeit im Orient aufhielt, hatte keineAhnung von dem Wechsel im Leben des alten Herrn, der für ihn schlimme Folgen haben sollte. — Kaum im alten Ahnenschlosse angelangt, wußte die ränkesüchtige Gattin den lebensmüden Greis zu bewegen, das Testament zu Gunsten des hoffnungsvollen, jungen Neffen zu vernichten. Das reiche Erbe sollte ihr und ihrer Familie zufallen, und auch dieser Plan gelang nach Wunsch und leider allzu leicht. Als nun der ahnungs- losejungeMann vorJahres- frist das Haus seines Onkels betrat, das er von Kindheit an als sein Vaterhaus betrachtet hatte, da seine Eltern ihm durch den unerbittlichenTod früh entrissen worden waren, hörte er zu seinem Entsetzen die unglaubliche Veränderung. Die jungeSchloßherrin ließ ihm durch ihre Diener den Befehl geben, nie mehr eine Schwelle zu übertreten, auf die er nicht das geringste Anrecht habe, da es ihm niemals gelingen werde, den Onkel zu sehen oder zu sprechen. Franz stand da wie vernichtet. Er wollte anfänglich eine Erklärung verlangen, doch sein Stolz bäumte sich gegen die unerwartete und verletzende Behandlung. Dröhnend warf er die schwere, eichene Thüre ins Schloß, daß die Fenster in den Gemächern klirrten, und hoch erhobenen Hauptes kehrte er dem Schauplatz seiner glücklichen Kindheit und seiner Jugendträume den Rücken. Er hatte eine vorzügliche Ausbildung genossen, sich aber nicht auf einen bestimmten Beruf vorbereitet, da er als Erbe seines Onkels später die umfangreichen Güter zu verwalten gedachte. Sein Vetter Edmund Normann hatte ein kleines Gut in der Nähe, er bot dem Heimathlosen gastfrei ein Obdach an und überredete ihn, mit dem Onkel in Briefwechsel zu treten. Denselben wohlgemeinten Rath gab ihm eine befreundete Familie, Doctor Feller; dieselbe hatte schon im freundschaftlichen Verkehr mit seinen Eltern gestanden, und wie er später in Deutschland zu seiner Freude vernahm, war Frau Feller die Schwester der beiden Brüder Härtung, also die Tante seiner geliebten Martha. Er befolgte den guten Rath. Vergebens, alle Briefe kamen uneröffnet zurück. Da fand der enttäuschte junge Mann keine Ruhe mehr in der alten Heimath; er reiste nach Deutschland, dem Vaterland seiner früh verstorbenen Mutter, und unter ihrem Namen nahm er die bescheidene Stelle eines Organisten an der Paulus-Kirche an, die gerade vakant war. Zwar wußte er, daß er kaum den Anforderungen genügen würde, aber es handelte sich um die Erringung einer gesicherten Existenz, und er durfte im Kampf um's Dasein nicht unterliegen. (Forts, f.) Das Schühenliesl. Eine wahre Geschichte. Erzählt von Robert v. Hagen. (Schluß.) Der Mann, der ihnen gegenüberstand, hatte einen Stelzfuß, einige blankgeputzte Medaillen auf dem schäbigen Rocke und trug einen an einem Riemen um den Hals hängenden alten Leierkasten. „Ah, Du bist's, Hirselpacherl Wo kommst denn her? Hast Dich ja schon lang' nit bet uns sehen lassen." „Bin halt a bisse! länger 'blieben im Passey'rthal, als fünften. Wenn's Dir recht is, Schützenliesel, setzt Euch hier auf den Felsvorsprung — i will Euch was spielen und singen." „Mir is scho recht," antwortete das Liesel, setzte sich und wies auch dem Grafen einen Platz an. Der alte Bettelmusikant machte seinen Kasten zurecht — drehte im langsamen Tempo, und mit ziemlich wohlklingender Stimme sang er dazu: Zu Mantua in Banden Der treue Hofer war, In Mantua zum Tode Führt' ihn der Feinde Schaar. Es blutete der Brüder Herz, Ganz Deutschland, ach, in Schmach und Schmerz, Mit ihm das Land Tirol rc. Das Schützenliesel wurde während dieses Gesanges immer unruhiger, ihre Brust hob und senkte sich stürmisch — das enge Mieder drohte zu zerspringen. „Es ist gnua, Hirselpacher; hör' auf zu singen und zu spielen — geh' wieder Deiner Wege und wennst heut abends nach der Gogelwirthschaft kommst, sollst an Topf Milch und a groß Stück Brod dazu haben." Der Graf aber warf ihm in den schon bereitgehaltenen Hut einen Silbergulden, daß der Alte darüber schier das bißchen Vernunft verlor: „Wons? Is das Dein Ernst? Dös is ja a richtiger kaiserlicher Silbergulden! Na, so a Glück! Gnädigster Herr, laß mich Deine Hand küssen. O du liabs Herrgöttel, a ganzer neuer Silbergulden. Ah, da will i aber auch zwanzig Rosenkränz' Herunterbeten, damit Dir der Herrgott viel Glück und a Weiberl schenkt, so schön, so liab und guat, wie das Diaxndel, das da neben Dir sitzt, und auch so brav, wie's Schützenliesel!" „Troll' Dich weg, alte Plaudertaschen; i will nix mehr hören von Dein' G'wäschl" entgegnete, bis über die Ohren roth geworden, das Liesel. Der alte Leiermann erging sich noch in Tausenden von Segenswünschen und humpelte vergnügt weiter. Das Schützenliesel sah ihrem Begleiter so recht forschend in's Auge, und dann hob sie in weichem, gefühlvollem Tone an: „Hast mich denn wirklich so gern? So recht vom Herzen liab?" „Ueber alles hab' ich Dich lieb, Du trautes Engelskind." „Na, dann bitt' i Dich — geh' weg von uns, noch heut', und komm' nit wieder. Denn schau, — es kann ja nix daraus werden zwischen uns. Als der alte Wer- kelmann da früher g'sungen hat das schöne Liad vom Andreas Hofer, da is mir's plötzli wie Schuppen von den Augen g'fallen, daß i nimmer und nimmer Dein Weiberl wer'n könnt'. Denn schau, der Hofer Andrä, das is der Stolz vom Tiroler, und nach den Heiligen da kommt gleich der Hofer. Und in der Schul' wird's uns Kindern schon eing'lernt, was er alles Gut's than hat für's Tirolerland — wie er dann verrathen worden is, wie ihn dann die Franzosen hing'schleppt hab'n nach der Festung Mantua und wie's ihn dann am 20. Februar 1810 grausam erschossen hab'n, die Franzosen. Warum? Bloß darum, weil er sein liab's Vaterland, sein liab's Tirol von fremder Herrschaft befreien wollt'." „Und für das, was meine Nation vor beinahe sechzig Jahren gegen Euch gesündigt hat in Kriegszeiten, dafür soll ich, der Einzelne, büßen? Nein, mein Schützenliesel, das kann Dein Ernst nicht sein," erwiderte der Graf. „Ja, 's is mein rechter Ernst," antwortete sie, „daß i Dir nimmer ang'hören kann, weilst halt a Franzos bist. Schau, wär's Dir denn recht, wenn die Leut' dann später mit den Fingern auf uns zeigen thäten und sagen: „Seht's dorthin, dorthin, dort geht das frühere Schützenliesel, die usis abtrünnig geworden is; sie hat einen von denen g'heirath', die unsern Hofer in Mantua ums Leben 'bracht hab'n, — an Franzosen." „Sie sollen das nicht sagen, Du theures Herzensmädchen. Dir zulieb' ist mir kein Opfer zu groß. Gieb mir Dein Jawort, und ich, der ich weder Vater mehr, noch Mutier besitze, nur entferntere Verwandte, also an niemand gebunden bin und frei schalten und walten kann über ein großes, von keiner Seite antastbares Vermögen, ich komme her zu Euch, in Eure wunderschönen Berge, verschaffe mir das Nationalitätsrecht und bleibe mit Dir bis an unser seliges Ende. Denn höre mich an, Du, mein Kleinod, ich kann nicht leben ohne Dich; in Dir wohnt meine ganze Glückseligkeit, mein Hoffen, mein Sehnen, mein Denken, mein Fühlen!" Sie reichte ihm die beiden Hände. „Ja, ja, i glaub', Du meinst es halt doch recht ehrlich und nit wie a Diplomat; und so will i gern Dein g'hören für's ganze Leben, wenn der Vater nix dagegen hat. Er is ja so herzensguat, mein Vater, wenn er auch so brummbärig aussieht. Vom Fensterln*), wie's im Tirolerlande Mode is, do is er ka Freund — wenn aber einer amal kommt, a braver Mensch, und er fragt: *) Des Nachts auf der Leiter zum Fenster des Liebchens klettern- 559 Gogelwirth, giebst mir Dein' Tochter, i hab's gern und I sie hat mi a gern, dann antwort' er g'wiß: Ntmm's, I wenn's Dich mag!" „Nun, so will ich denn kühn anfragen bei Deinem Vater und ihm offen und ehrlich alles darlegen, wie ich es meine. Und dann werde ich ja sehen, ob es denn gar so große Eile hat, daß ich mir Euer schönes Tirol von einer anderen Seite ansehe." Die beiden Liebenden hatten sich nun noch gar vieles zu sagen und zu erzählen und schmiedeten die wunderbarsten Pläne für die Zukunft. „Na, und sag' mal, Nikola, wirst denn was dagegen hab'n, wenn i als Dein Weiber! no immer mei liabs Tirolergewandel tragen möcht'?" fragte endlich das Liefe! mit gar wichtigem Ton. „Nun, darüber beruhige Dich, Liesel — in dieser Angelegenheit werden wir wohl noch einig werden." a Landdirn', zu wenig aber für a Grafenweib. Wennst mir das dann später vorwerfen thät'st — i springat direkt in den Jnn und thät' mi dersäufen!" Unter diesen mehr oder weniger erbaulichen Abmachungen kamen die beiden in die Nähe der Gogel- wirthschaft. Noch flink und g'schwind a recht derbes Busserl — und wie ein verscheuchtes Reh eilte das Schützenliesel voraus, schlich sich unbemerkt ins Gehöft und stellte sich, als ob sie überhaupt dasselbe nicht verlassen gehabt hätte. Wehe auch dem Liesel, wenn der gestrenge Vater nur das mindeste gemerkt hätte — wär' das ein Gewitter geworden mit Blitz und Donnerschlag I Denn — mißtrauisch war er ohnedies schon, sonst hätte er gewiß nicht den Fremden da oben so ernsthaft aufgefordert, Tirol von der andern Seite anzusehen. ML Sturz des Erzherzogs Wilhelm. „Ja, aber das sag i Dir gleich im voraus" — so stellte sie ihre weiteren Bedingungen. „Wenn i a Dein' Frau sein werd', auf ein andern Namen, als auf Liesel oder Schützenliesel, horch' i nit — das muaß alles beim Alten bleiben — denn Elisabeth, wie man in der Stadt sagt, das klingt viel zu g'spreizt und nobel." „Sei beruhigt, mein herziges Liesel, ich werde Dich bei keinem anderen Namen nennen, als bei dem Du mir so theuer geworden bist." - „Ja, und richtig — noch eins wollt''i Dir sagen — Jeses, Jeses, was war's denn nur schnell? Ja, i hab's! Also, i wollt Dir bloß sag'n, daß mir's gar nit recht is, daß Du a Graf bist — 's wär mir halt tausendmal lieber, Du wärst a Hofbesitzer so wie mein Vater, mit an g'wöhnlichen, recht groben Tirolernam', Stadelbaner, Tschurtschenthaler, Wurzenbacher oder so was dergleichen. Denn schau, i bin ja in d' Schul' gangen, aber z'viel hab i halt nit g'lernt. G'nug für Im Sommer 1880 besuchte der Erzähler dieser Ge- geschichte, einen beim Kaiserjäger-Regiment stehenden, in Bozen in Garnison befindlichen Verwandten und wurde von demselben zur Theilnahme an dem Bozener Schützenfeste, welches am nächsten Tage begann, aufgefordert resp. eingeladen. Der Erzherzog Heinrich von Oesterreich nebst Gemahlin, die Grafen von Meran (Söhne des verstorbenen Erzherzogs Johann) und fast alle Honoratioren der Umgebung hatten ihr Erscheinen zugesagt und waren auch erschienen. Da plötzlich konzentrirten sich aller Blicke nach einem Punkte — einer nach dem Schießplatz einherrollenden Equipage, in welcher ein Herr und eine Dame, die letztere in Tiroler Nationaltracht, saßen. Der Wagen hielt, der Leibjäger sprang vom Bock, öffnete den Wagenschlag, und die beiden Insassen entstiegen dem Gefährte. Sämmtliche Offiziere, welche sich um den schon zeitig erschienenen Erzherzog Heinrich gruppirt hatten, salutirten respektvoll, und der letztere, 560 ein jovialer, allbeliebter Prinz, that ein übriges, indem er sogar einige Schritte nach vorwärts machte und sowohl dem Herrn, wie auch der Dame die Hand reichte. „Also, natürlich auch erschienen?" sagte der Erzherzog lächelnd, „allerdings etwas spät." „Ja, kaiserliche Hoheit," sagte die hübsche, imponirend schöne und stattliche Dame, „es muß halt alles seine Rangordnung haben." „Wie soll ich das verstehen, Gräfin?" fragte der Erzherzog erstaunt. „Ja wissen's denn nit, Kaiserliche Hoheit, daß mich die guten Brixner beim letzten Schießen zur Schützenkönigin gemacht hab'n? Na, und so mein' i halt, daß es ganz in der Ordnung is, wenn die Prinzen und Prinzessinnen*) früher am Platz sind als die Königin." „Ah, allerdings, allerdings," sagte der Erzherzog lächelnd, „ich gratulire noch nachträglich zu der Rangerhöhung." „Sie bleibt doch immer dieselbe," flüsterte mir mein Vetter zu. „Wer ist dieses reizende Naturkind?" fragte ich ihn. „O, Pardon, Du kennst sie nicht? Nun, es ist unsere famose Schützengräfin, die Gräfin St. Fallier auf Tschurtschenthal, das frühere sogenannte Schützenliesel. Wenn es Dir Spaß macht und sich die allgemeine Ad- miration gelegt haben wird, will ich Gelegenheit nehmen, Dich ihr vorzustellen. Aber auf eins mache ich Dich aufmerksam; willst Du sie in eine längere Unterhaltung verwickeln, so rede um Gotteswillen nur nicht allzu hochdeutsch mit ihr." „Ich will mir's merken." „Die Gräfin," so fuhr er fort, indeß ich die herrliche Erscheinung nicht genug bewundern konnte, „ist der Abgott aller Gebirgsleute; sie ist unermüdlich im Wohlthun und opfert Unsummen zu wohlthätigen Zwecken. Das Schloß Tschurtschenthal bei Strulbach ist ein Meisterwerk der Architektur, und die Schätze, die es birgt, erinnern an die Märchen aus „Tausend und eine Nacht"." „Der Herr, welcher neben ihr steht, ist ihr Gatte?" „Ja, der Graf St. Fallier, ein geborener Franzose, aber mit Leib und Seele naturalisirter Tiroler. Wenn ich nicht irre, gehört er sogar dem österreichischen Reichsrath an. Doch es würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen, wollte ich Dir die gar wundersame Geschichte vom Schützenliesel hier erzählen. Ein andermal." Die Gelegenheit, der Gräfin St. Fallier vorgestellt zu werden, ergab sich recht bald, und da ich durch einen wohlgeglückten Schuß mich bei ihr in hohen Respekt zu setzen verstanden hatte, so folgte denn auch am kommenden Tage eine liebenswürdige Einladung nach dem Feen- schloß Tschurtschenthal, welcher ich mit ganz besonderem Vergnügen entsprach. In möglichst diskreter Weise lenkte ich gelegentlich eines zweiten Besuches das Gespräch auf den Sturzvogel, den ich demnächst zu einer Fußtour ausersehen hatte, und da hatte ich denn auch die Stelle getroffen, nach welcher ich zielte. „Ja," sagte sie, „wenn Sie halt nur nit a Schriftsteller wären, so würd' ich Ihnen die ganze G'schicht erzählen, auf welche Art und Weis' ich die Gräfin St. Fallier 'worden bin; aber die Schriftsteller, die plaudern *) Die Gemahlin des Erzherzogs war früher die Schauspielerin Hofmann vom Grazer LandeStheaier und ist demse ben morganatisch angetraut. halt alles größtentheils aus, was sie hören, und noch dazu gedruckt, schwarz auf weiß." „Frau Gräfin, ohne Ihre Genehmigung — werde ich es nicht wagen — —" „Na also, wenn Sie's interessirt, so horchen's halt zu. Nikola, Du hast doch nix dagegen?" wendete sie sich an ihren Gatten. „Nein, meine Theuere," sagte der Graf, „ich selbst höre gar zu gern aus Deinem Munde mein Lebensglück erzählen." Und nachdem sie uns noch die köstlichen silbernen Pokale mit noch köstlicherem Rebensaft gefüllt hatte, erzählte sie mit unendlich melodischer Stimme ihre Geschichte — die Geschichte vom „Schützenliesel"! * H * Nachträglich hat mir die Heldin der Geschichte denn doch die Erlaubniß ertheilt, die Erzählung in Kürze zu veröffentlichen, „aber," sagte sie, „um Gott'swilleu nicht die richtigen Familiennamen nennen — 's sti nit wegen mir, — sondern wegen meinem lieben Mann." Und ihrem Wunsche bin ich auch nachgekommen. -- Zu unseren Bildern. Dr. Komp, Dischof von Fulda. Als Bischof von Fulda wurde am 27. April der bisherige Bisthumsverweser vr. Georg Jgnatius Komp gewählt. Er ist der Nachfolger des in der Nacht vom 11. auf 12. Januar l. Is. verstorbenen Bischofes Joseph Weyland. vr. Komp ist geboren am 5. Juni 1828 zu Hammelburg in Bayern. Viele Jahre hindurch war er Regens des Priesterseminars, an dessen philosophisch-theologische Lehranstalt er als Professor der Pa- storal-Liturgik, Pädagogik und Katechetik wirkte. Nach dem Tode des Bischofs Joseph wurde er zum Bisthumsverweser gewählt. Der überaus würdige und liebenswürdige Priester hat an dem öffentlichen Leben im katholischen Deutschland seit langer Zeit einen hervorragenden Antheil genommen. Insbesondere war er ein eifriger Förderer und häufiger Besucher der Generalversammlungen der Katholiken Deutschlands und betheiligte sich lebhaft an den Bestrebungen der Görresgesell- schaft, deren Vorstand er angehört. — Kandshul Zu den Sehenswürdigkeiten der Hautpstadt Niederbayerns, der so malerisch an der Jsar gelegenen Stadt Landshut, zählt in erster Linie die herrliche Martinskirche. Dieselbe wurde unter Herzog Friedrich in den Jahren 1407—1177 erbaut. Die Höhe des Thurmes der St. Martinskirche beträgt 133 Meter. Sodann ist tu erwähnen, das die Stadt überragende, zum Theil restaurirte Schloß Trausnitz mit allegorischen Fresken aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Die Burg wurde erbaut von Herzog Ludwig I., dem Sohne Otto's von Wittelsbach. Fremde mögen nicht versäumen, sich auch den Löwemwinger unter dem Söller der Trausnitz zu besehen. Die Stadt zählt 11 Kirchen. An sehenswerthen Gebäuden sei noch erwähnt, das kgl. Rest- denzschloß, Neubau, das Regierungsgebände, (vormaliges Dominikanerkloster) das alte Landschaftshaus u. s. w. Klurz des Erzherzogs Wilhelm. Als am 29. Juli Erherzog Wilhelm von Oesterreich beim Morgenritte einen zur Abfahrt bereiten elektrischen Zug vor sich sah, befahl er kräftig zu läuten. Der Maschinist lhat, wie ihm geheißen. Das Pferd blieb ruhig. Eben wollte der Erz- berzog das Experiment zum zweiten Male wiederholen, als das Pferd sich bäumte. Da ergriff er mit der rechten Hand die Mähne und versucbte, mit der Linken die Zügel kurz fassend, abzusteigen. Ein jäber Ruck, und der Erzherzog stürzte rücklings zu Boden, wobei der linke Fuß sich im Bügel verfing. Das Haupt schlug auf den Boden, der gerade an dieser Stelle mit spitzen Schottersteinen bedeckt ist. Das scheue Pferd schleifte den Erzherzog in dieser fürchterlichen Lage etwa zehn Schritte quer über das Geleise. Hier löste sich endlich der Fuß aus dem Bügel, und in rasendem Laufe stürmte das Pprd vorwärts, während er schwer verwundet auf der Straße liegen blieb. Nach seiner Villa transportirt, verschied er nachmittags zwischen 5 und 6 Uhr. -^ q. -<»- -