HL73. Ireitaz, den 7. September 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler). Der Organist. Novelle von C. Borges. (Fortsetzung.) 3. Kapitel. Wenn jemals ein Haus oder eine Gegend aus Ironie oder Unrecht seinen Namen erhielt, so war es die Rosenvilla. So weit das Auge schaute, dehnte sich an der einen Seite die staubige Landstraße aus, während an der andern ein vernachlässigter Wald, in dem Disteln und Doruengestrüpp wucherten, sich weithin erstreckte. Eine zerbröckelte Mauer umgab die elende Hütte. Ein kleiner, verwilderter Garten lag zwar vor derselben, aber das Grundstück befand sich in einem so schlechten Zustand, daß es fast eine Unmöglichkeit war, es urbar zu machen. Das zerbrochene, verrostete eiserne Gitterthor war dem Umstürze nahe und ohne Gefahr konnte man es kaum öffnen oder schließen. Das Wohnhaus selbst war so baufällig, daß weder die Treppe noch die obern Räumlichkeiten benutzt werden konnten. Was aber Menschcnkunst und eine liebende Hand vermocht hatten, den untern Räumen eine gewisse Behaglichkeit zu verleihen, war hinreichend geschehen. Zahlreiche Bilder, größtentheils Skizzen der eigenen Hand, bedeckten die schadhaften Stellen der zerfetzten Tapete. Die vielen Kleinigkeiten, wie sie nur das neunzehnte Jahrhundert in bunter Mosaik zusammenwürfelt, standen auf dem Schreibtische umher und verliehen dem ärmlichen Gemach ein ansehnliches und behagliches Aussehen. Auf einem niederen Ruhebette lag eine junge Dame in warme Decken gehüllt. Sie hatte die müden Augen halb geschlossen, und ein krankhaft leidendex Zug lagerte auf ihrem bleichen, schönen Antlitz. Sie mochte hoch in den Zwanzigern sein, wiewohl eine längere Krankheit sie älter erscheinen ließ, wie sie in Wirklichkeit war. Eine ältliche Dame mit silberweißen Haaren und schmerzdurchfurchtcm Antlitz bewegte sich geräuschlos durch das kleine Gemach. Vorsichtig mit den Händen tastend, prüfte sie den kleinen runden Tisch, auf dem das Abendbrod servirt stand. Man merkte es den Bewegungen der Dame an, daß sie vollständig blind war, aber dennoch war ihr Schritt sicher und elastisch und ihre Bewegungen nicht ungeschickt. Ab und zu richtete die Kranke von ihrem Lager aus einen besorgten Blick auf die Mutter, gleichsam um sich zu vergewissern, daß derselben kein Unfall drohe, und dann schloß sie mit einem Seufzer wieder die müden Augen. „Wie spät Helene heute wieder kommt!" bemerkte besorgt die blinde Mutter und ließ noch einmal ihre Finger behutsam über den Tisch gleiten, um sich zu überzeugen, daß nichts zum Abendbrod fehle. „Du weißt, Mutter, sie wollte heute noch zu dem Kaufmann Grüner gehen, dessen Töchter Musikunterricht haben sollten, und dort ist sie vielleicht etwas länger aufgehalten worden." „Ganz recht, Jda, ich bin auch gewiß zu ängstlich und fürchte immer ein neues Unglück, obgleich ich keinen Grund dazu habe. Aber meine Nerven sind überreizt, daher diese Unruhe. Wir müssen doch froh und dankbar sein, so bald diese reizende Villa bekommen zu haben, der junge Agent Schellenberg hat viel für uns gethan, uns dieses Logis für eine so geringe Rente zu überlassen." „Da kommt Helene! ich höre ihren Schritt," rief die Kranke freudig aus, denn es war ihr peinlich, die Mutter in dieser Täuschung über die traurige Wohnung zu bestärken, und doch war sie mit der Schwester übereingekommen, ihr den wahren Zustand und die trostlose Lage des Hauses zu verbergen. Die Blinde tastete vorsichtig nach der Thür, und bald betrat die junge Dame, die das Herz des jungen Agenten gefangen, das trauliche Gemach. „Nun, liebe Mutter," rief Helene fröhlich, die bleiche Stirn der alten Dame küssend, „Du hast gewiß gedacht, ich käme heute gar nicht wieder, so spät ist es mir geworden. Und wie ist's heute mit Dir, liebe Jda?" mit diesen Worten eilte sie an das Lager der Schwester und drückte einen Kuß auf die schmalen, blassen Lippen. „Ah! das Abendbrod ist schon fertig, wie ich sehe! das ist herrlich, denn an gutem Appetit fehlt es mir nie." „Nun, der Thee ist noch nicht fertig," warf die besorgte Mutter ein, „aber das Wasser kocht, nur wagte ich nicht ihn zu bereiten." „Das soll auch niemals geschehen, so lange ich hier bei Euch bin," versetzte Helene heiter, dann band sie eine große Schürze um, eilte in die kleine Küche, um bald darauf mit dem duftenden Getränk zurückzukehren. Zuerst sorgte sie mit liebevoller Zärtlichkeit für die Bedürfnisse der Mutter, dann bediente sie die kranke Schwester, und als ihre Lieben sich erquickten» nickte sie 562 ihnen freundlich zu und dachte schließlich auch daran, ihren eigenen Hunger zu stillen. „So," begann sie, als das einfache Mahl beendet war, „nun will ich Euch von meinen heutigen Erlebnissen bei der hochmüthigen, stolzen Frau Grüner erzählen. Ihr Reichthum hat mich jedenfalls blenden sollen, jedoch, der imponirt mir nicht, denn sie führte mich durch eine ganze Reihe Prunkgemächer mit spiegelglattem Parquetboden, die mit kostbaren Vasen, Gold- consolen und hohen Wandspiegeln verschwenderisch genug ausgestattet waren. Sie hat zwei kleine Töchter von 6 — 8 Jahren. Beide sollen Klavierunterricht haben und jede zwei Stunden wöchentlich. Weil die Kinder aber nur Anfänger sind, zahlt sie eine Mark pro Stunde." „Du hast doch hoffentlich das Anerbieten nicht angenommen?" wandte die Schwester erregt ein. „Gewiß habe ich das! wie könnte ich auch der Versuchung widerstehen, vier Mark wöchentlich mehr zu verdienen!" scherzte Helene belustigt. „Natürlich, der „Herr Organist" kann größere Ansprüche machen und würde diesen Bettel nicht angenommen haben. Aber er hat ja jeden Tag schon so viele Schüler und Schülerinnen zu unterrichten, bekommt für jede Stunde vier Mark und mit dieser Einnahme können wir doch zufrieden sein." Thränen traten in die erloschenen Augen der Blinden, und ein schwerer Seufzer entrang sich ihrer Brust. „Helene," flüsterte sie bebend, „scherze doch nicht in dieser Weise. Du weißt, daß die Erinnerung an unseren Verlust mir das Herz abdrückt, und bedenke, wie schwer ich dabei gelitten habe!" Das junge Mädchen legte zärtlich ihren Arm um den Hals der geliebten Mutter. „Du weißt, daß ich Dir gern jeden Kummer erspare, aber eS muß Dir und Jda doch eine Beruhigung sein, wenn ihr ganz genau wißt, wie es mit unseren finanziellen Verhältnissen steht. Ihr wißt, daß der „Organist" ein ansehnliches Gehalt von der Kirche bezieht, außerdem hat ihm der Negier- ungsrath Brauer die Stelle als Musiklehrer in seinem Hause angeboten, die ihm auch ein nettes Sümmchen einbringt; er soll dort den erwachsenen Töchtern Klavierunterricht ertheilen. Dann kommen meine Privatstunden dazu, die ich Nachmittags ertheile, und die vier Mark von Frau Grüner —" sie lachte schelmisch bei diesen Worten. — „Ihr seht also, wir haben keine Noth und brauchen nicht mit Sorge der Zukunft entgegen zu sehen. Waren wir nicht sehr glücklich, dieses reizende kleine Häuschen zu erwerben, so preiswürdig und höchst romantisch —" sie warf bei den letzten Worten der kranken Schwester einen bedeutungsvollen Blick zu — „da haben wir doch alle Ursache mit unserem Loose zufrieden zu sein." — „In der That, wir dürfen uns nicht beklagen," bestätigte die Blinde, die von dem Mienenspiel ihrer Töchter gar keine Ahnung hatte, „es wundert mich nur, daß diese reizende Villa, wie sie nach Eurer Beschreibung sein muß, gerade leer stand." Wenn eS Täuschungen gibt, die zum Wohle der Menschen ausgeführt und zu ihrem Glücke beitragen, so war diese eine solche. Frau Willford hatte in England an der Seite ihres Gatten ein glanzvolles, luxuriöses Leben geführt. Zwar wußte sie, daß sie verarmt waren, aber die hingebende Liebe ihrer Töchter hatte der Armuth ihren Stachel geraubt. Auch war ihre Blindheit ihr zum Segen geworden, denn sie trug ihr schweres Leid geduldig und ergeben. Hätte sie aber das elende Obdach gesehen, so würde sie sich entweder energisch geweigert haben, in einer solchen erbärmlichen Hütte zu wohnen, oder sie hätte ihren Töchtern durch unaufhörliche Klagen das Leben verbittert. Jetzt war sie in ihrer Unwissenheit der Lage und des Ortes vollständig mit Helenens Anordnungen zufrieden, und der poetische Name des Hauses trug nicht wenig dazu bei, sie in dem Irrthum zu bestärken, in dem ihre Töchter sie absichtlich gefangen hielten. „Wie gefällt Dir die Familie Brauer?" fragte Jda leise, denn die Mutter war wie allabendlich in ihrem Lehnsessel eingeschlummert. „Sehr gut. Man ist höflich und zuvorkommend gegen mich und ich muß mich an meine neue Stellung gewöhnen," lautete die ebenso leise gegebene Antwort. „Wieviele Kinder hast Du zu unterrichten?" „Drei. Zwei erwachsene Mädchen und einen 14- jährigen Knaben. Die ganze Familie ist sehr musikalisch. und es ist ein Vergnügen, dort im Hause zu verkehren." Ein lautes Pochen an der Hausthür unterbrach die Stille des Abends; die beiden Mädchen erschraken, sogar die Blinde erwachte und richtete sich in ihrem Sessel auf. „Wer kommt noch am späten Abend zu uns?" fragte sie ängstlich und richtete ihre glanzlosen Augen der Thür zu. „ES ist noch gar nicht so spät, Mutter, kaum sieben Uhr vorbei," versetzte Helene, dann verließ sie das Zimmer. „Ah! Fräulein Willford!" hörte man im Hausflur eine unbekannte männliche Stimme, „ich störe doch nicht? Mein Vater beauftragt mich, zu Ihnen, zu gehen. Am Tage fehlt mir die Zeit, daher muß ich die Abendstunden benutzen, um Besuche zu machen." Helene erröthetc; sie führte den Gast in das Wohnzimmer. „Mutter, hier ist Herr Schellenberg, durch dessen gütige Vermittelung wir unsere Wohnung haben," rief sie laut, die Thüre öffnend. „Ich freue mich, Gelegenheit zu haben, Ihnen für den Beistand zu danken, den Sie meiner Tochter geleistet haben," entgegnete höflich die Blinde. Der junge Mann blickte verlegen von der Mutter auf die Tochter, dann siel sein Blick auf das Lager der Kranken, und Helene beeilte sich, ihre Schwester vorzustellen. „Haben Sie sich in Ihrem neuen Heim eingelebt?" fragte Herr Schellenberg, einen prüfenden Blick im Zimmer umherwerfend. „Das Haus gefällt uns vorzüglich," nahm die Blinde das Wort, „ich bedaure nur, die schöne Lage und die Umgegend nicht sehen zu können, es soll ja hier nichts zu wünschen übrig sein." Ungeachtet der Erwähnung ihres Leidens konnte Herr Schellenberg ein Lächeln nicht unterdrücken. Daß die Mutter bedauerte, die trostlose Lage der Hütte nicht sehen zu können, erschien ihm fast lächerlich; aber ein Blick in Helenens bittendes Antlitz überzeugte ihn, daß die Mutter absichtlich in Unwissenheit über den wahren Sachverhalt gelassen war. „Mein Vater wünscht, daß ich mich bei Ihnen er» kundige, was zu Ihrer Bequemlichkeit hier geschehen kann," fuhr der junge Mann deshalb unbeirrt fort. „Es kann an diesem Hause gar nichts geschehen," nahm die Kranke schnell das Wort, doch im leisen Flüstertöne fügte sie hinzu: „Nur müßte es bis auf den Grund niedergerissen und neu aufgebaut werden." „Ich weiß wirklich nicht, was hier geschehen könnte," meinte Helene verständnißvoll, „es müßten denn die Manerleute kommen, um Hand an die äußere Gartenmauer zu legen." „Aber Helene!" rief die Mutter sichtlich bestürzt, „verlange doch nicht zu viel! Du sagst mir, die Mauer sei schön und ganz neu angestrichen, das eiserne Thor in bester Ordnung. Bedenke, wenn Arbeiter kämen, so würden sie die Spaliere verderben und dadurch den Wein, die Pfirsiche und die Aprikosen schädigen." Helene seufzte. Was mußte jetzt Herr Schellenberg von ihr denken, daß die Mutter sich in diesem Irrthum befand. Doch Herr Schellenberg hatte sich bereits erhoben. Er empfand das unbestimmte drückende Gefühl, daß seine Anwesenheit den Bewohnern der Hütte peinlich sei. „Ich hatte gehofft, die Bekanntschaft unseres neuen Organisten zu machen, aber ich muß wohl eine günstige Gelegenheit abwarten," sagte er beim Abschied, mit sanftem Druck Helenens Hand fassend. „Mein Bruder sieht nicht gern Fremde, er liebt ein geselliges Leben nicht sonderlich," versetzte das junge Mädchen, indem dunkle Nöthe die bleichen Wangen färbte, und mit diesem Bescheid mußte Herr Schellenberg den Rückweg antreten. 4. Kapitel. Es war Sonntag. In der Paulskirche saß die Menge der Andächtigen dicht gedrängt beisammen, und viele derselben warteten begierig auf die ersten Klänge der Orgel, oder vielmehr auf die Leistungen des neuen Organisten, von dem schon so manches Geheimnißvolle erzählt wurde. Aber nur sehr wenige hatten ihn selbst gesehen; nicht einmal die Töchter des Herrn Doctor Härtung, die doch durch den regen Verkehr mit dem Pfarrer sich berechtigt glaubten, die neuen Mitglieder der Gemeinde zuerst kennen zu lernen. Da rauschten plötzlich die ersten Klänge der Orgel durch das gefüllte Gotteshaus. In athcmloser Spannung lauschten die Gläubigen, und die zufriedenen Blicke der Musikkenner bekundeten deutlicher denn Worte, daß die Leistung des jungen Künstlers eine ganz außerordentliche sei. Man wußte, daß der neue Organist noch sehr jung, ja fast noch ein Knabe sei, und viele Glieder der Gemeinde halten sein erstes Auftreten gefürchtet, besonders da die Wahl seines Vorgängers nicht nach besten Wünschen und zur Zufriedenheit ausgefallen war. Desto größer war jetzt die Befriedigung, als die vollen, glockenreinen Töne das Gotteshaus erfüllten, die am Schlüsse der Andacht es noch verstanden, Kenner und Musikfreunde noch längere Zeit zu fesseln. Draußen auf dem Kirchplatze hatte sich inzwischen eine kleine Gruppe junger Damen gebildet, deren Mittelpunkt Martha und Hedwig Härtung bildeten. „Ich hörte, er sei abschreckend häßlich, habe das ganze Gesicht voll Pockennarben," nahm eine kleine, dunkeläugige Brünette das Wort, „dazu hat er rothes Haar und trägt eine große blaue Brille." „Wohl möglich," lächelte Martha, die in den letzten Tagen auffallend bleich geworden war, „aber sein Spiel ist vorzüglich; er ist ein Meister in seiner Kunst." Ehe die lebhafte Brünette etwas erwidern konnte, siel Jenny Brauer hastig ein, und zu dieser gewendet rief sie in gereiztem Tone: „Du hast Dich heute aber gründlich geirrt, denn der neue Organist entspricht Deiner Beschreibung gar nicht. Ich werde es doch wohl am besten wissen, da er fast täglich zu uns kommt. Gestern hatte ich bei ihm meine erste Klaviersiunde; er ist durchaus nicht häßlich, im Gegentheil, ich finde ihn sogar schön. Es ist wahr, er trägt beständig eine große dunkelblaue Brille zum Schutze gegen die Augen, aber nach meiner Meinung macht ihn dieselbe gerade anziehend. Und was erst seine Stimme anbelangt, die ist so melodisch und sanft, wie ich selten eine gehört habe, fast so weich wie die einer Dame." „Wessen Stimme, etwa die meinige?" scherzte ein junger Herr, der unbemerkt zu der kleinen Gruppe hinzugetreten war. „Herr Schellenberg! Sie haben uns wirklich erschreckt ! Wir sprachen von dem neuen Organisten, Herrn Willford; er soll aus England gekommen sein," versetzte lebhaft die kleine Brünette. „Dann ist er so gut wie ein Landsmann von mir," fuhr der junge Agent erheitert fort. „Meine Mutter war eine Engländerin, daher zähle ich mich halb und halb zu Albions stolzen Söhnen. Der frühere Organist kam aus England, und nun dieser neue ebenfalls. Sind Sie ganz sicher, Fräulein Martha, daß Sie nicht auch eine Engländerin sind, oder" — setzte er im ganz leisen Flüstertöne hinzu, so daß sie allein seine Worte verstehen konnte — „möchten Sie nicht gerne eine Engländerin werden?" „Thorheit, Herr Schellenberg, wir sehen doch wahrlich nicht wie Engländerinnen aus", nahm Hedwig anstatt der Schwester das Wort, während diese verwirrt den Blick zu Boden senkte, „wir sind Deutsche, stolz auf unsere Nation, und wir haben noch nie unser Vaterland verlassen. Nur eine Tante von uns wohnt im südlichen England, die ich schon deshalb gern besuchen möchte, um Land und Leute kennen zu lernen. Komm, Martha," wandte sie sich jetzt an die jüngere Schwester, „wir müssen uns beeilen, wenn wir nicht zu spät zum Mittagessen kommen wollen. Wir sind hier ohnehin die letzten, sogar der Küster hat schon die Kirche verlassen." „Wie ist dann der neue Organist hinausgekommen? Hat Jemand ihn gesehen?" fragte Herr Schellenberg. Er hatte keinen Blick von der Kirchthür abgewandt, hauptsächlich um die Schwester zu sehen, und da ihm dieses nicht gelungen war, so hoffte er wenigstens einen Blick von dem Bruder zu erhäschen. Aber der neue Organist schien ebensowenig anzutreffen zu sein, wie seine Schwester, und dieser Umstand trug nicht wenig dazu bet, die Bewohner der Nosenvilla mit einem geheimniß- vollen Etwas zu umgeben. Martha Härtung fühlte sich an diesem Tage ganz besonders unglücklich. Sie hatte gehört, daß der neue Organist sehr jugendlich sei, daß er ein schmales, bleiches Gesicht habe und eine blaue Brille trage. Zweifellos war er der unbekannte Fremde, der vor einigen Tagen im Restaurant die Unterredung der Liebenden mit 564 angehört hatte, und vielleicht machte er gelegentlich ihrem Vater oder dem Pfarrer von dem Gehörten Mittheilung. Dann hatte Herr Schellenberg eine Bemerkung fallen lassen, die dem zaghaften jungen Mädchen das Blut in die Wangen trieb und ihr die Gewißheit aufdrängte, daß er etwas von ihrem Herzensgeheimniß wisse. Wieviel und was er davon erfahren hatte, blieb eine unbeantwortete Frage, die das arme Mädchen folterte. Schließlich hatte sie seit der letzten Unterredung nichts mehr von Franz Burgfeld gehört. Sie war an dem verabredeten Mittwoch pünktlich, wie gewöhnlich, im Restaurant erschienen, hatte volle zwei Stunden vergebens gewartet, um dann muthlos und niedergeschlagen den Rückweg anzutreten. Es waren seitdem nur wenige Tage vergangen, aber diese wurden zur Ewigkeit, da sie daran gewöhnt war, täglich ein Briefchen von ihm zu finden, die jetzt gänzlich ausblieben. Am äußersten Ende des Gartens, in dem dichten Gezweig eines Holunderstrauches, war ein kleines Versteck, nur den Liebenden bekannt; aber sonderbar, ihr letzter Brief lag schon seit einigen Tagen unberührt, er war nicht abgeholt worden. Kein Wunder also, daß Martha's Wangen erbleichten, ihre Augen vom Weinen sich rötheten und sie matt und kraftlos wie ein Schatten umherging. Die Kirche war bis auf den letzten Platz geleert, als der Organist sich von seinem Platze erhob. Vorsichtig verschloß er sein geliebtes Instrument, und ungesehen verließ er durch eine Scitenthür der Sacristei das Gotteshaus. Es war ein weiter Weg bis zur entlegenen Nosenvilla, aber er war ein rüstiger Fußgänger und kümmerte sich wenig um die Länge des Weges. Raschen Schrittes ging er seinem Ziele entgegen und hatte bald die beträchtliche Strecke zurückgelegt. Die Thür der Hütte stand offen. Schnell betrat er das kleine Wohnzimmer und ließ langsam seine Blicke über die blinde Mutter, dann auf die kranke Schwester schweifen. Die alte Dame rührte sich nicht aus ihrem Sessel; tiefer Seelenschmerz und eine große innere Erregung malten sich in ihren Zügen; doch die Kranke streckte mit ihrem gewohnten Lächeln dem Eintretenden ihre welke Hand entgegen. „Nun, Herr Organist, wie ist das erste Auftreten heute ergangen?" fragte sie schelmisch. „Hast Du ein trauriges Fiasco gemacht oder die Menge durch Deine Leistungen bezaubert?" „Keines von beiden, soviel ich weiß," lautete die ruhige Erwiderung. „Hast Du kein freundliches Wort für mich, Mutter?" „Gewiß, gewiß," versetzte sichtlich bewegt die blinde Frau, „ich freue mich, mein Kind, daß Dein erstes Auftreten gut abgelaufen ist. Ich machte mir um Deinetwillen große Sorge." „Es war nicht der geringste Grund zur Unruhe vorhanden," lächelte der Jüngling wehmüthig, „aber die alten Erinnerungen wachen wieder in Dir auf, wir wollen aber nicht davon reden." Er wollte bei diesen Worten das Zimmer verlassen, doch gerade in diesem Augenblick kam ein Bote des Pfarrers Härtung, der dem jungen Künstler eine Einladung zum Abendessen überbrachte. „Es sei Sitte," berichtete der redselige Bote, „daß der Organist, einige Lehrer und mehrere befreundete Familien monatlich einmal eine musikalische Abendunterhaltung im Pfarrhause veranstalteten; der Vorgänger habe stets bereitwillig mitgewirkt, und vom Nachfolger würde dasselbe erwartet." Die Einladung war freundlich gehalten und gut gemeint; desto mehr war der geistliche Herr erstaunt, daß eine höfliche, aber ganz entschiedene Ablehnung erfolgte. Der Organist schrieb, daß seine Mutter ein längeres Ausbleiben des Abends höchst ungern sehen würde, und daß seine Gesundheit und seine Gewohnheiten jeden geselligen Verkehr ausschließen müßten. „So, das wird für immer genügen," murmelte er befriedigt, als er dem Boten das Schreiben einhändigte. „Gewiß wird die Familie des Arztes auch dort sein," fuhr er, zu seiner Mutter gewendet, fort, „die jüngste Tochter scheint ein prächtiges Mädchen zu sein, sie hat einen guten Eindruck auf mich gemacht." „Wo hast Du sie kennen lernen?" fragte Jda verwundert. „Ich lernte sie gar nicht kennen, wenigstens nicht in dem Sinne, wie Du es meinst," lautete die ruhige Antwort, „ich sah sie zufällig in einem Restaurant, aber sie ahnte gar nicht, daß ich in ihrer Nähe stand, auch kennt sie mich nicht." „Das lautet geheimnißvoll," warf die Mutter ein. Mitternacht war längst vorüber, und die Bewohner der Nosenvilla lagen in sanftem Schlummer. Doch die Blinde saß aufrecht in ihrem Bette und rang verzweif- lungsvoll die Hände. „Mein Sohn! mein Sohn!" stöhnte sie unter Thränen, „warum mußtest Du mir so früh entrissen werden! Wollte Gott, ich hätte für Dich sterben können." (Fortsetzung folgt.) -"-SS888SS-- Die Heimath Rübezahls. Von Don Josaphet. - «Nachdruck vttLolni.; Wer die Natur deutscher Gebirge in ihrer Größe und Majestät anschauen, sein Herz und Auge an den hohen und kühnen Gletschern laben will, wer an der Natur der deutschen Gebirgswelt sich die Gewißheit eines schaffenden Weltgeistcs und die Ueberzeugung von dessen Allmacht und Erhabenheit gewinnen möchte, der wandere nach der Schweiz. Wer die Natur deutscher Gebirge in ihrer Größe und Lieblichkeit zugleich lieben lernen will, der gehe dorthin, wo die hohen kalten Gletscher Helvetiens, gleichsam im ersten Licbeserwachen lächelnd, lebenvollcreS Ansehen tragen und mehr frisches Erdengrün und weniger Himmelseis zeigen, wo die Thäler, von buntfarbigen Flüssen durchströmt, romantischer blinken, — nach dem schönen Lande Hafers, Tirol. Wer aber von den Söhnen Germaniens seinen Bergstock nicht über die Grenzen seiner engeren Heimath setzen und die wahrhaft erhabene Schönheit eines deutschen (im eigentlichen Sinne) Gebirges mit patriotischem Hochgefühle genießen möchte, der besteige an einem schönen Sommer- nachmittage die Heuscheuer bei Wünschelburg in Prenßisch- Schlesien mit der unvergleichlichen Aussicht auf die Heimath Rübezahls — das lieblich-ernste Riesengebirge. Eine Ansicht, die von den Alpen bis zum deutschen Meere, von den Karpathen bis zur Ostsee nicht ihres Gleichen mehr hat, ist das prachtvolle Landschaftsgemälde, 565 welches sich dort oben vor dem Freunde der Natur feierlich enthüllt, wenn er eine Stunde vor Sonnenuntergang den Wechsel der Beleuchtung abwartet, den nur der Abend in seiner ganzen zauberischen Herrlichkeit einer schönen und ausgedehnten Landschaft verleihen kann. Der Wunsch eines Jeden: „Ach, der Mensch will Höh'n erklimmen, „Wo er freien Blick umher, „Wo ihn rein're Lüft' umschwimmen, „Eb'ne Flüche drückt ihn schwer"; — im Niesengebirge kann er erfüllet werden. Und dann besitzt das Niesengebirge einen Vorzug, um den auch mit ewigem Schnee bedeckte Alpengipfel dasselbe beneiden können: es ist die „unsterbliche" Erscheinung Nübezahl's, eines Naturschwärmers, eines Alpinisten ersten Ranges, welcher der Schutzherr und Allvater dieser Höhen und zugleich ein echter deutscher Dämon genannt werden muß. Obgleich der Berggeist des Niesengebirgcs im Allgemeinen zu der großen Klasse der vermittelnden Dämonen gehört, unter welcher Bezeichnung die alten Griechen Mittelwescn zwischen dieser und jener Welt 'verstanden, welche — wie die Genien der Römer — den Menschenkindern guten Rath gaben, sie vor Verbrechen warnten und zu guten Thaten aufmunterten, indem sie aus ihrem gewöhnlichen Aufenthalte, den Wäldern und Einöden, hervortraten und sich dem menschlichen Auge oft in sichtbarer Gestalt darstellten, so ist doch in seinem ganzen wunderbaren und meist wunderlichen Wesen ein gewisses Etwas, das ihn von der größten Anzahl anderer derartiger Geister oder Genien ganz bestimmt und deutlich unterscheidet. Die Kobolde, welche uns Shakespeare in seinen von wundervoller Poesie überschwellenden Dramen so meisterhaft geschildert hat, sind kleine, wilde Necker, plump und doch wieder beweglich; sie spielen lauter lose Streiche und allerhand Allotria und treiben sich recht von amors selbst genießend in dem Mondscheiudickicht der Wälder herum. Rübezahl dagegen, der „Alte des Berges", der Höhengeist xar Lxosilsircs, zeigt sich nur in ernster, männlicher Gestalt, erscheint nur in oft riesenhafter Bildung. Es ist unleugbar, daß die mannigfaltigen Sagen des vom Geiste nimmer ruhender, frischer Dichtung nmwobcnen Riesengebirges, weil sie sich an eine bestimmte, angemessene gigantische Persönlichkeit knüpfen, nicht ohne das tiefere, oft rührende Interesse der zahlreichen Mythen anderer Gebirge sich uns darstellen; allein dennoch haben sie bei weitem nicht das düstere Gewand der Melancholie und Tragik, wie z. B. die meisten Sagen, welche am unheimlichen Brocken, im Harz, entsprungen sind. Die Märchen, Sagen und Mythen des Niesen- gebirges haben ein Verdienst, welches ihnen eigenthümlich ist, und das, wie dies überhaupt auf diesem Gebiete stets der Fall ist, mit der Lokalität und besonderen Eigenthümlichkeit der Gegend als unzertrennlich verbunden erachtet werden muß. Die Mehrzahl der Hochgebirge nämlich ist so begaffen, daß die höchsten Punkte und Gipfel, die über die anderen hervorragen, insgemein von unersteiglichen Felsen umgeben, von nie betretener ewiger Schneekruste bedeckt sind. Blaue Gletscher laufen aus diesen schwarzen, unersteiglichen Mauern nieder; nirgends ein Baum, nirgends ein belebender Gottesathem, nur große, wilde Felsenkränze, auf denen das umherirrende Auge keinen grünenden Streif zu entdecken vermag, der als Oelblatt des Friedens über dieser Wildniß hinge, und wie beim Eingang zur Ewigkeit glaubt man sich umgeben von Gottheiten und von Geistern, deren Gestalten man mit den Augen sucht und deren Zuruf das Ohr jeden Augenblick zu vernehmen glaubt. Tiefe Thäler, wilde Schluchten, von wilden Thieren bewohnt, isoliren diese Hauptgipfel auf gewisse Weise von dem Ganzen, trennen sie ab von dem niederen Theile des Gebirges, welchen der Fuß des Menschen betritt und wo noch seine Hütten stehen, und lassen sie gleichsam als den versteinerten Fluch des bösen Geistes erscheinen, welcher diese Oede zu seinem Wohnsitze sich erkoren. Nur einzelnen, wenigen kühnen Individuen, welche mit den Geistern und dem Genius der wilden Einöden vertraut sind, ist es gegeben, diese heimlichsten und schauerlichsten Plätze zu betreten, welche dann das Geheimniß und schauerliche Wunder, das diesen inncwohnt, ebenfalls theilen. Nur nach und nach lernt man Wahrheit und Dichtung unterscheiden und gelangt zur Ueber- zcngung, daß das Meiste von den ungereimten, in's Wunderbare ausgebildeten Erzählungen, von den fürchterlichen, Grausen erregenden Geschichten auf Uebertreibungen, auf nicht begründeten Nachrichten beruhen müsse. Nur durch Neugierde beherzt genug gemacht, bestehen immer mehr das Wagniß, einzudringen, hinaufzuklimmen in die Geister- und Spuk'Neviere, „Wo schaudernd man es fühlt mit tiefem Beben, Daß man in diesem Kreis das eiuz'ge Leben." — — — Ganz anders verhält es sich in Nachsicht hierauf mit der Geologie des Riescngebirges. Eine weite, lustige, reichbewohnte Ebene beginnt unmittelbar am Fuße seiner höchsten Gipfel. Reinliche, nette Städtchen und Dörfer sind überall zerstreut; von ihnen aus kann man die zackigen Fclsenspitzen, die steilen. Abhänge, die düsteren Seen des Gebirges als etwas Nahes erblicken. Das Wunderbare kommt also hier in unmittelbare Beziehung zu den Menschen, und das, was sich sonst als schreckliche, zerstörende und stets räthsclhaft unterirdische Macht erweist, erscheint nur noch als ein lichter Traum — das Mysterium schwindet, das Bild von Saks ist Jedermann sichtbar. Die Drohungen der fürchterlichen Geister verwandeln sich in lustige und unerschöpfliche Streiche und Scherze; anstatt des finstern Eindrucks, der in dem Gemüthe gleichsam traurig nachklingt, tritt in und an dem Wunderbaren hier selbst das Behagliche hervor. Noch durch einen andern Zug ist das ohnedies schon eigenthümlich reizende Niesengebirge von den andern deutschen Gebirgen unterschieden — durch seine Jsolirung. Fast alle Bergketten Deutschlands hängen mehr oder weniger zusammen; der Harz schließt sich an die westfälischen Gebirge und an den Thüringerwald, und diese wieder stehen mit den fränkischen Kelten in Verbindung, ebenso wie das Erzgebirge mit den böhmischen Wald- bergen. Die Heimath Nübezahl's hingegen bricht im Norden wie im Süden schroff und steil ab; sie bildet also ein einfaches Hoch-Centrum, auf welchem der Gott AcoluS zu herrschen scheint. Da zwei verschiedene Klimate, ein nördliches und ein südliches, auf seinen Höhcnkuppeu zusammentreffen, so ist in meteorologischer Beziehung vielleicht kein deutsches Hochland so merkwürdig und interessant, als das „windige" Riesengebirge. Südliche und nördliche Witterung lösen sich hier schnell ab und stören das Gleichgewicht der Lust in sehr hohem Grade. Fast beständig sammeln sich Wolken über und um die zackigen — 566 Häupter der Berge und hüllen sie in das sie charakteri- sirrnde feuchte Gewand, die „Nebelkappe". H^ige Winde sausen auf den Gipfeln, welche, wie die Weltpofaunen des letzten der Tage, nach den vier Himmelsgegenden hinblascn und von Nord und Süd hier wieder zusammentreffen. Regenschauer und Sturm überraschen Einen hier, wenn man sich's am wenigsten versieht; rasch wechseln Trübe und Sonnenschein, ruhige Lust und Unwetter in Nübezahl's Heimath. „Alles ist unbeständig!" dies melancholische Wort, es könnte an der Stirne der Schnee- koppe eingravirt als Devise des Niesengebirges gelten. Diese Erscheinungen nimmt man in der Umgegend für Capricen und lose Neckereien des Dämons, der die Berge beherrscht, und auf diese Weise erhalten die Traditionen, welche sich darauf beziehen, zugleich einen mehr phantastischen als tragischen Charakter, obgleich denselben keineswegs aller Ernst abgesprochen werden kann. Ein Berggeist, eine dämonische Gestalt wie Rübezahl kann nur in einem Gebirgsrahmen, wie es das Niesengebirge ist, existiren, weil er die Launen desselben pcrsonificirt, weil er eben der Genius dieser Höhen genannt wird. — Die Erfindung der Zündhölzer. Der Culturmensch, der in alle Segnungen der Civilisation hineingeboren und hineingewachsen ist, hat in der Regel nicht das Bewußtsein vom Werth dieser Güter, da er dieselben für selbstverständlich hält und glaubt, es könne gar nicht anders sein, es hätte nie anders sein können, wenn es ihm überhaupt in den Sinn kommt, darüber nachzudenken. Die Vortheile, welche eine Entdeckung oder Erfindung gewährt, werden nur bei ihrer Erscheinung gewürdigt; von langer Dauer ist dieses dankbare Gefühl nicht. In-der Regel lernt man den Werth der Dinge erst kennen und würdigen, wenn man ihrer verlustig gegangen ist. Man vergegenwärtige sich nur einmal den Zustand, der eintreten würde, wenn wir plötzlich der Zündhölzer beraubt würden. Mittags kein Feuer im Herd, Abends kein Licht und nun gar im Winter — wir würden hilfloser sein als die Wilden, die doch auf ihre Weise, wenn auch mit großer Mühe und vielem Zeitverlust, durch Reibung Feuer hervorzubringen wissen. Unsere ganze Cultur, ja unsere Existenz, unser Leben würden auf's Ernstlichste bedroht sein, denn wir müßten auf die Erlangung dieser unentbehrlichen Lebensbedingung so viel Zeit verwenden, daß für den Erwerb und die Beschaffung des Lebensunterhaltes nur wenig übrig bliebe. Und doch gehört die Erfindung der Zündhölzer zu den allerjüngstrn. Es lebt noch eine gute Anzahl Menschen, die in ihrer Kindheit keine Zündhölzer gekannt haben, denn ihre Erfindung fällt in das Jahr 1833. Das Hauptmittel, mit dem man vor diesem Zeitpunkt Feuer machte, war Stahl, Stein und Schwamm (Zunder). Hatte man Feuer geschlagen, d. h. den Schwamm in Gluth versetzt, so erhielt man eine Flamme, wenn man einen Schwefelfaden damit in Berührung brachte. Damit konnte man dann Stroh, Papier, bezw. Holz oder eine Kerze anzünden. In welche Zeit die Erfindung dieses primitiven, aber immerhin praktischen Feuerzeuges fällt, ist nicht bekannt. Man nimmt in der Regel das Ende des 13. Jahrhunderts an, weil es um diese Zeit urkundlich erwähnt wird; es ist jedoch als sicher anzunehmen, daß die alten Römer, wenn nicht viel früher schon die alten Aegypter, es gekannt haben. Diese verstanden sich schon vor länger als 5000 Jahren auf das Beharren harter Steine, wie Granit und Syenit, was nur mittelst eiserner (oder gar stählerner) Instrumente möglich war. Dabei kann es diesem scharfsinnigen Volke nicht entgangen sein, daß bei dieser Arbeit oft Feuerfunkm zum Vorschein kamen, und daß sie diese Entdeckung denn auch nutzbar gemacht haben, ist ebenfalls als höchst wahrscheinlich anzunehmen. Bei diesem Feuerzeug blieb eS jedenfalls, bis endlich das Jahr 1812 eine Neuerung auf diesem Felde brachte, nämlich die Erfindung des Tunkfcuerzeugcs, das aber keineswegs geeignet war, jenes zu ersetzen. Es bestand aus einem Gemenge von Schwefelsäure mit Asbest. War es frisch hergerichtet, so gab ein an der Spitze mit chlorsaurem Kali versehener, darin eingetauchter Schwefelfaden eine Flamme. Nach einigen Tagen hatte aber die Schwefelsäure, nach ihrer bekannten Eigenthümlichkeit, so viel Wasser aus der Luft angezogen, daß die Mischung versagte und man also keine Flamme mehr erhielt, weß- halb die meisten wieder zu Stahl, Stein und Schwamm zurückkehrten. Elf Jahre später, also 1823, erfand Döbereiner einen chemischen Zündapparat, der aber so kostspielig war, daß nur wohlhabende Leute ihn anschaffen konnten. Von wirklich praktischem Werthe waren erst die Zündhölzer; ja dieselben können als die volksthüinlichste von allen Erfindungen bezeichnet werden, denn sie sind, wie Licht und Lust, in der Hütte des ärmsten Mannes ebenso anzutreffen, wie im Palaste des Millionärs oder Fürsten. Der Name des Erfinders und dessen Lebensschicksale sind daher znm Mindesten werth, allgemein bekannt zu werden. Leider ist über diese Lebensschicksale — wie es ja bei den meisten Erfindern der Fall ist — nicht viel Erfreuliches zu melden. Um so mehr ist es Pflicht der Nachwelt, ihm ein ehrendes Andenken zu bewahren. Der Student der Chemie Johann Friedrich Kämmerer aus Ludwigsburg in Württemberg war wegen Theilnahme an dem revolutionären Hambacher Fest, 27. Mai 1832, zu einem halben Jahr Gcfängnißstrafe verurlheilt worden, die er auf dem Hohenasperg verbüßen sollte. Der Gefängnißdirektor, ein alter Oberst, war ein menschlich fühlender Herr, der seinen Sträflingen das Schicksal zu erleichtern suchte, soweit es sich mit seiner Amtspflicht vereinbaren ließ. Als er den jungen Chemiker näher kennen lernte, gestattete er ihm gern, in seiner Zelle ein kleines Laboratorium zu errichten. Kämmerer hatte schon auf der Universität Versuche zur Verbesserung des oben erwähnten Tunkfeuerzeuges gemacht, war aber zu keinem befriedigenden Ergebniß gelangt. Besseren Erfolg hatte er bei seinen Versuchen mit Phosphor. Gegen Ende seiner Haft fand er die richtige Mischung. Durch Reibung an der Wand entzündete sich der damit getränkte Span; mit dem allcr- einfachsten Handgriff entstand augenblicklich Feuer. Alle Vorzüge einer guten Erfindung: Geschwindigkeit, Wohlfeil- heit und Zuverlässigkeit, waren vorhanden. Man kann sich denken, welche Freude den jungen Mann über diesen Erfolg erfüllte. Ohne Ucberschwenglichkeit konnte er seinen Gewinn nach Tausenden berechnen. Die Gefängniß- mauern erschienen ihm jetzt in einem ganz anderen Lichte. Kein Zweifel: er war ein gemachter Mann. Voll froher Hoffnungen begab er sich nach seiner Vaterstadt Ludwigsburg und begann Neibzündhölzer und Reibzündschwamm zu fabriciren. Leider aber folgte Enttäuschung auf Enttäuschung. Vor allen Dingen konnte er die wichtigste Vorbedingung zu seinem erhofften Erfolg nicht erreichen, da es im Jahre 1833 in Deutschland noch kein Patent- gesetz gab. Die nach auswärts versendeten Reibfcuerzeuge wurden von Chemikern untersucht, das Geheimniß war bald entdeckt und wurde nachgeahmt. Muthig kämpfte der Erfinder gegen die immer mehr sich fühlbar machende Concurrenz. Da traf ihn 1835 der härteste Schlag, seine Fabrikate wurden vom Bundestag als „höchst gefährlich" verboten. Natürlich wurde das Verbot auch in den Einzelstaaten wiederholt. Der Kuriosität halber theilen wir den Wortlaut des im Königreich Hannover erlassenen Verbotes im Folgenden mit. Da heißt es: „Da die neuerdings in Gebrauch gekommenen Reibzünd- werkzeuge sich als feuergefährlich erwiesen haben, so wird hiermit verfügt: Der Vertrieb der sogenannten Neibzünd- hvlzer, des Reibzündschwammcs und aller Zündwerkzenge, welche sich durch Reiben an einer rauhen Fläche entzünden, wird bei Vermeidung der Confiscation und einer Geldstrafe von 5 bis 10 Thalern untersagt. Diejenigen, welche sich bisher mit dem Vertrieb dieser Gegenstände befaßten, haben bei gleicher Strafe ihren Vorrath binnen einer vorzuschreibenden Frist aus dem Königreich zu schaffen und, daß solches geschehen, nachzuweisen. Die confiscirten Neibzündwerkzeuge sind zu vernichten." Auch die letzte Hoffnung Kammerer's sollte schwinden, als er die vom deutschen Boden verbannte Erfindung im Auslande verwerthen wollte. Man machte dort sein Fabrikat ebenfalls schon nach, ja, ein Apotheker zu Stvckton in England, Namens Walker, maßte sich sogar das Verdienst der Erfindung an. Als die deutschen Regierungen gewahrten, daß die praktischen Engländer die „Feucrs- gefahr der Neibzündwerkzeuge" gering achteten, gaben sie allmählich den Vertrieb wieder frei — leider zu spät für den Erfinder. Sein Vermögen war im Laufe der Jahre geopfert, seine Gesundheit durch die beständigen Kämpfe und Widerwärtigkeiten untergraben. Unter den harten Schlägen, die seine Hoffnungen zerstört hatten, sollte er auch noch seine Geisteskräfte einbüßen. Der Urheber der volksthümlichsten aller Erfindungen starb 1857 im Irrenhause zu Ludwigsburg! — Heute ist die Zündholz-Industrie zu einem Zweige der Großindustrie geworden, der wenigstens 150,000 Menschen beschäftigt, aber die fünffache Anzahl ernährt. Die größte Zündholzfabrik ist die von Jönköping in Schweden. Die Fabrik beschäftigt 900 Arbeiter und stellt täglich 45—50 Millionen Zündhölzer her. Von den 1500 Millionen Menschen, die auf der Erde leben, sind sicher 1000 Millionen am Zündholzverbrauch mit betheiligt. Rechnet man auf den Kopf und Tag 4 Stück, so ergibt das einen täglichen Verbrauch von 4000 Mill. Zündhölzern. (Leipz. Tagebl.) - .- ' — GoLdköxner. Es ist gut, über des Herrn Leiden Thränen zu weinen, vergiß nur nicht darüber, des Herrn Thränen zu trocknen, in seinen weinenden Gliedern. K. Säume nicht, dich zu erdreisten Wenn die Menge zögernd schwerst, Alles kann der Edle leisten, Der versteht und rasch ergreift. Goethe. Der ernste Wille ist allmächtig, er ist der Gott in uns'rer Brust. --SAWSk—- Vom Kärntner Volkslied. Wia's Bacher! vom Berg So g'schafti und g'schwind, Und so leicht aus'« Faß unt' Der Apfelmost rinnt. So leicht als wia's Vözerl Auf'n Astel oben singt. Und so lustig wia'ö Gamsl Von Felsen oba springt, So kemman dö Liadlan, Dö herzigen, dahe! Und wia leicht i dö G'sangel Von weitem versieh'! (Oberösterreichisches Lied.) Das Volkslied ist ein gar merkwürdiger Vogel. Das Singen versteht er, darüber ist kein Zweifel; doch heute ist er traurig, morgen ist er lustig, ein Mal ist er flott und keck, dann verbirgt er sich wieder zaghaft und geschämig. Ein Mal singt er: „Wenn der Mond so schön scheint in seinem silbernen Glanz", ein anderes Mal: Wenn die Sonne in den Gletschern blitzt, wenn die Sicheln im Felde rauschen, wenn das Heu auf den Alpen- wiesen duftet, wenn sich die Hochzeitsleute im Tanze drehen, wenn die Lagerbüchsen in den Felsen widerhallen, aber auch: Wenn's Christkindlein kommt und die drei Könige, wenn die Osterglocken klingen und wenn der Mai kommt, die „gfreuliche Zeit — wo die Welt voll ist — von Liab und von Lustbarkeit". Manchmal verwandelt sich allerdings das liebliche Vögelchen in einen häßlichen Naben, der mit Schnabel und Füßen in stinkendem Aas herumgewühlt hat. Wir meinen das sogenannte „Lumpenliedl", das „Zotenliedl", den groben Gassenhauer. Das ist kein Gesang, es ist häßliches Gekrächze, und mit diesem Gesellen wollen wir nie und nimmer etwas zu thun haben. Ein anständiger Mensch läßt das häßliche Thier auch niemals zu sicq. Heute gehen wir unserm Vöglein nur nach, wo es frisch und lustig singt; denn wir wollen etwas zu lachen haben. Der „Kärntnerbua" ist gern lustig, oder er macht wenigstens gern einen Spaß. Sitzt er im Wirthshaus und hat er das erste Glas Bier oder Wein hinter die Halsbinde hinabgebracht, so geht ihm die Lustbarkeit und Keckheit besonders in's Blut; dann singt er wohl: Sei mar lustige Buab'n, Von Klagensurt g'bürt, Js kan Aderl im Leib ja, Das st' net rührt. Doch wer weiß, ob ihm nicht ein Anderer erwidert: Die Klagenfurter Buab'n Seint rechte Spreizn, Hab'» GlaSscherb'n im Sack Statt der Kupferkreuzer. Bei einem Tisch sitzt ein „Kitt" übermüthiger Burschen beisammen. Ich glaube, es hat eine Wette gegeben, welche jetzt gemeinschaftlich vertrunken wird; denn auf dem Tische steht eine volle Literflasche Wein, nnd die Burschen schauen zu den Biertrinkern hinüber und singen: Goritschitzer wir, Mir trink mer ka Bier, Mir trink mer lei Wein, Weil mer Goritschitzer sein. Freilich, auf eine solche gefährliche Aufforderung hin kann es noch schlimm ausfallen. Es könnte z. B. ein Liedlein erwidert werden: Die Goritschitzer Stutzer Seint rechte Prahler, Hab'n Glasscheiben im Sack Stait's der Silbcrthaler. 568 Sie putzen sich auf Und sie hab'n a Frisur» Dabei essen'S die Erdapfel Sammt der Montur. Wir wollen es nicht glauben, daß es zum Aeußersten kommt, zum Raufen. Es möchte uns nicht gefallen, wenn ^ Frisch auf und nit verzagt Und dabei angepackt, Hergeklanbt Paar um Paar Außa ban Thoar. Ist der Wirth am rechten Fleck und verstehen die Burschen einen Spaß — und wer nicht kann Spaß versteh'», soll nicht unter die Leute geh'» — so werden beide Parteien lachen und sich ein «Prosit" zurufen. So wird weiter gesungen und weiter getrunken. Wenn's nur nicht zu viel wird! Junge Leute wissen oft leider kein Maß und Ziel, und: Der Mensch hat an Geist, Hat der Schullehrcr g'sagt, Und daß der Wein a an hat, Han i selber derfragt. Und wann dö zwa raf'n Da bat'S fast den Schein, Als wann halt der Weingeist That der Stärkere fein. Eine Ausred' gibt es alleweg. Wie sagt doch ein Volksschriftsteller? Wer zum Sklaven irgend einer Leidenschaft geworden ist, oder wer die Klingelkappe auf seinem närrischen Kopfe tragt, der findet für sein Laster oder für seine Narrheit immer eine Ausrede oder Entschuldigung, und die SaLe müßte schon unendlich schlecht sein, welcher die Menschen nicht ein schönes Mäntelchen umzuhängen verständen. Der Geizkragen und Pfennigklauber ist eben nur sparsam und haushälterisch, der Verschwender nur freigebig und läßt den Leuten auch etwas zukommen. Der Minutenschinder weiß den Werth der Zeit zu bemessen, der Faulpelz läßt den lieben Herrgott walten. Der verschimmelte Murrkopf spielt sich auf den Weltweisen hinaus, der Bruder Lüderlich ist bloß ein lustiges Haus und ein Allerweltsliebling. Wie sich die jungen Leute dafür entschuldigen, daß sie „Zwanziger" und „Zehner!" weit über Gebühr auf den Wirthshaustisch werfen, das erkennt man aus ihren Liedern. Ich meine indeß, den meisten ist es nicht recht Ernst, sie wollen sich nur einen Scherz machen. So singt der Eine: Warum soll i denn Durst lcid'n, Da war i a Narr, Bin i lustig, so trink i, Bin i traurig, schon gar. Hab zweierlei Flasch'n, 's a jede von Glas, Für Freud ane, für Leid ane, Haltet jede a Maß. Oder: Mein Vater hat g'sagt, I vertrinket schon all'S, De Schuah und dc Strumpf Geh'n nit abe ban Hals. Ein Anderer, der dreht den Spieß um und meint, er thue eigentlich seinem Vater einen Gefallen, daß er das Geld brav aufgehen läßt: Der Vater hat g'sagt, Bnabman, feid's nur lusti, Sunst wer'n meine Thaler Im Kasten rufst. Mei Vater hat g'sagt Bist a rechter Gimp!, Brauchst all'S z'weng Geld, Werd all'S voller Schimpl (Schimmelpilze). Uebrigens, jeder Sack hat ein Loch, es rinnt alles aus, und keine Brieftasche ist so groß, daß sie nicht könnte leer werden. Das Gefühl preßt den Seufzer aus: Wann's Tbaler that regnen, Und Goldstückeln schneib'n, Das war so a Wetter, Was allwal kunt bleib'«. Die Zecherei ist aus. Der Wirth kennt seine Sperrstunden und er ist kein „Kreuzerfuchser", daß er auf ein kleines Stück Kupfer nicht verzichten könnte. Jetzt heißt es nach Hause gehen. Vielleicht hat Jemand zu klagen: M'n Berg ziag'n Nöpel (Nebel), In Thal kcmans z'sam, W'rum soll denn just i grad Kan Nöpel nit hau. Besser, wenn's nicht der Fall ist. Allein verdächtig scheint's mir, daß ein Bursche beginnt, die Wölklein um ihre Straße zu beneiden, indem er singt: Die Wölklan hant'S guat, Seint immer as'n Wög, Bergl aufe. Vcrgl abe, Und brauchen: kan Steg. Was rechte „Lumpeln" sind, die wissen auch sonst allerlei Ausreden: Glab ja nit, i waggl, I kinnt nit recht stcan; I kann weg'n Hücneraug'n Nur nit recht gran. (Köln. Volksztg.) -- KLLesLeL. Im Zweifel. Gast sauf einer musikalischen SoirZe, wo die Tochter des Hanfes grauenhaft falsch si»gif: „Hm — hm — wenn ich bloß wüßte, welches Lied sie meint!?" * Höhere Physik. „Was ereignet sich, wenn ein Licht unter einem gewissen Winkel in's Wasser fällt — wissen Sie es, Müller?" — „In der Regel geht es ausl" .. .. R ö j> f e l ss p r rr rr g. bei den ar n mir bei ent ar vor ^ -> ich gold auch ten daß ten te ten ber schach theil that ten iu kein ich te die wo lern a ich brach Auflösung des Arlthmogriphs in Nr. 71: Romeo, Odeur, Saum, Amor, Mund, Usedom, Nonne, Dorn,, Emma. — Nosamunde.