74 1894 . „Augsburgrr Postzeitung". Dinstag, den 11. September Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttlcr). Der Organist. Novelle von C. Borges. (Fortsetzung.) 5. Kapitel. Wenn der Organist gehofft hatte, daß seine ganz energische Weigerung, der Einladung des Pfarrers Folge zu leisten, ihn allen gesellschaftlichen Pflichten überheben würde, so hatte er sich gründlich getäuscht, denn zu seinem nicht geringen Erstaunen schien gerade das Gegentheil eintreten zu wollen. . Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde, daß der talentvolle junge Künstler geflissentlich jeden ge- ! felsigen Verkehr meide, und die tausendzüngige Fama stempelte ihn bereits zum Menschenhasser. In Folge dieses müßigen Geredes fingen die Leute an, sich mehr als nothwendig um die Bewohner der Rosenvilla zu bekümmern. Einige Neugierige wagten sogar, die entlegene Hütte aufzusuchen, um unter irgend einem erdachten Vorwande Gelegenheit zu finden, die Bekanntschaft des jungen Mannes zu machen. Ihr Bemühen war nutzlos. In höflicher, aber ganz entschiedener Weise, die keinen Widerspruch duldete, berichtete Helene oder die kranke Schwester, daß der Organist zu sehr von seiner Zeit in Anspruch genommen sei und daher jeden Besuch abweisen lasse. Auch ein reicher Gutsbesitzer der Umgegend hatte von diesem Sonderling gehört; er kam selbst, um ihn als Musiklchrer für seine Kinder zu gewinnen, aber auch er wurde abgewiesen. Die Kranke gab ihm die Versicherung, daß die Zeit ihres Bruders vollkommen besetzt sei und er neue Schüler nicht mehr annehmen könne. Der reiche, in seinem Stolze gekränkte Gutsbesitzer war über diese ablehnende Entgegnung empört; eine heftige Antwort schwebte auf seinen Lippen, doch da fiel sein Blick auf das sorgenvolle Antlitz der Frau, und die Worte blieben unausgesprochen; schweigend verließ er die Hütte. Bald flüsterte man von einem Geheimniß, das die Fremden umgab und das seinen Höhepunkt in dem jungen Künstler mit den großen blauen Brillengläsern erreichte. Er erfüllte nach wie vor gewissenhaft alle übernommenen Pflichten, in der Kirche sowohl wie in Privatfamilien, aber er schloß mit Niemandem Freundschaft. — Inzwischen lebte Helene Willford in ihrer heiteren Weise ruhig einen Tag in den andern. Ebenso wie der Bruder schlug sie jede Einladung aus, aber ab und zu machte sie doch eine Ausnahme. Es widerstand ihrem offenen ehrlichen Charakier, immer nach leeren nichtigen Ausreden zu haschen, und so war es gekommen, daß sie an einigen musikalischen Abendunterhaltungen einer b(» freundeten Familie, des Commerzienraths Laube, dessen Töchter sie unterrichtete, Theil genommen hatte. „Martha," sagte Elfe Laube eines Morgens zu ihrer Freundin, der jüngsten Tochter des Doctor Härtung, „Du mußt morgen zu uns kommen. Fräulein Willford kommt, und Du mußt sie kennen lernen." „Ganz wie Du willst," versetzte die Angeredete tonlos, denn ihre frühere Munterkeit war dahin; „wird der Organist auch kommen?" „Er?I Nein, ganz gewiß nicht. Wir bemühen uns gar nicht mehr, ihn einzuladen. Ich kann gar nicht begreifen, was die Leute Anziehendes an ihm finden, er ist ja fast noch ein Knabe. Nach meinem Geschmack könnte nur ein Mann sein, der ein stattliches männliches Aeußere hat." „Wie Herr Karl Schellenbcrg," warf Martha neckend ein, denn die Zuneigung der Freundin zu dem jungen Agenten war unter den jungen Mädchen hinlänglich bekannt. Elsa erröthete; dann lachte sie verlegen, und zuletzt seufzte sie schwer. Der junge Agent war arm und seine Aussichten für die Zukunft wenig verlockend; aber mit Freuden würde sie Mangel und Entbehrung mit ihm getheilt haben und wäre doch an seiner Seite glücklich gewesen; aknr sie wußte auch, daß diese Gefühle ihm gänzlich fremd waren. „Es ist eine sonderbare Welt," klagte sie, ihren geheimsten Gedanken Ausdruck gebend, „Leute, die uns gleichgültig sind, lieben uns, und diejenigen, die wir lieben — —" „Lieben Andere," ergänzte Martha. „Wie weißt Du das? wen liebt er?" fragte Elsa erschrocken, und ihre Wangen färbten sich dunkler. „Ich sprach nur im Allgemeinen, und jede Persönlichkeit ist ausgeschlossen," beruhigte Martha. Elsa fühlte, daß sie sich verrathen hatte. Schnell gab sie dem Gespräch eine andere Wendung, erinnerte die Freundin, am nächsten Tage recht zeitig zu erscheinen, und trat dann in Gedanken versunken den Heimweg an. Plötzlich bemerkte sie, daß sie unbewußt eine falsche 570 Richtung eingeschlagen hatte und sich in der Nähe der Noserwilla befand. Sie wollte die Gelegenheit benutzen und Fräulein Willford bitten, einige Notenhefte für die geplante Festlichkeit mitzubringen. „Es ist eine gute Gelegenheit, jetzt hineinzugehen; vielleicht kann ich endlich einmal den Organisten sehen," dachte sie bei sich selbst, denn die Mutter und die Schwester waren ihr bekannt. „Da ist erl" rief sie plötzlich überrascht stehen bleibend, als sie von der entgegengesetzten Richtung den jungen Mann sich in raschen Schritten der Hütte nähern sah. Ohne seine Blicke zu erheben, betrat der junge Mann das Häuschen, dessen Thür er hinter sich verschloß, und wenige Minuten später klopfte Elsa Laube an die Hausthür, sich im Stillen freuend, daß heute der junge Künstler ihr nicht entgehen werde. Nach kurzer Zeit wurde die Thüre langsam und vorsichtig geöffnet, und Elsa stand der Blinden gegenüber, die ihre glanzlosen Augen auf die Fremde richtete, mit dem ängstlichen Gefühl, ob sie dem Besuche Einlaß gewähren solle oder nicht. »Ist Fräulein Helene daheim? ich möchte sie sprechen," begann Elsa, durch den starren Blick der armen Frau eingeschüchtert. „Wer sind Sie?" lautete die ruhige Entgegnung. Doch kaum hatte sie den Namen gehört, als das Antlitz der Blinden sich erhellte und sie den Gast in das bescheidene Wohnzimmer führte. „Wie gut, daß Sie gekommen sind, Fräulein Elsa, ich fürchtete schon, Sie hätten uns vergessen," rief ihr die Kranke entgegen und deutete mit der Hand auf einen Stuhl, dicht an ihrem Lager. Die Blinde hatte das Zimmer verlassen, jedenfalls wollte sie Helene benachrichtigen, und Elsa fand inzwischen Zeit, im Zimmer Umschau zu halten. Sie wunderte sich im Stillen über die Möglichkeit, daß Menschen in diesen elenden Räumen glücklich leben könnten. „Wir würden uns freuen, wenn Herr Willford morgen an unserer kleinen Festlichkeit Theil nehmen wollte; es kommen viele Musikfreunde zu uns, und ich kann ihm im voraus einen genußreichen Abend versprechen," begann Elsa. „Sie meinen es gewiß gut," versetzte die Kranke freundlich, „aber mein Bruder wird Ihre Einladung doch ausschlagen. Er geht grundsätzlich nie in Gesellschaft, und seine zahlreichen Schüler nehmen fast seine ganze Zeit in Anspruch." „Wenn ich ihn heute selbst bitte, macht er vielleicht eine Ausnahme," beharrte Elsa, „eine kleine Abwechselung muß ihm doch eine Erholung sein." „Das ist unmöglich. Er ist nicht zu Hause." Elsa blickte ungläubig die Kranke an. „Er ist nicht zu Hause?" wiederholte sie kopfschüttelnd, „das ist doch sonderbar, ich habe ihn doch mit meinen eigenen Augen gesehen; er betrat nurwenigeAugenblickevormir das Haus." „Wirklich? Nun, dann muß ich mich geirrt haben, aber dennoch kann ich Ihnen keine Hoffnungen machen. Ich gebe Ihnen die Versicherung, der Organist lehnt jede Einladung entschieden ab; er nimmt hier im Hause noch nicht einmal Besuch von Fremden an." „Guten Morgen, Fränlein Elsa," ertönte in diesem Augenblick Hclenens heitere Stimme, als sie der Freundin die Hand zum Gruß entgegen streckte. „Wir möchten Sie bitten, einige Notenhefte mitzubringen, und meine Mutter hofft, daß der Herr Organist Sie begleiten wird." „Das begreife ich, aber ich will ihn später fragen, er ist jetzt nicht hier." Elsa sah betroffen auf: Hätte sie nicht mit ihren eigenen Augen den jungen Mann vor wenigen Minuten gesehen, so würde sie gern den Worten der Schwestern Glauben geschenkt haben, aber jetzt wußte sie, daß sie absichtlich getäuscht werde. Mißmuthig und verstimmt erhob sie sich, bat Helene noch einmal, doch ja nicht die Noten zu vergessen, und verließ bald die Hütte. * 4 - * Die prächtig geschmückten Gesellschaftsräume des reichen Commerzienraths Laube waren mit zahlreichen Gästen gefüllt. Er pflegte diese musikalischen Unterhaltungsabende nur selten zu arrangiren, wenn es aber geschah, so waren dieselben so prunkvoll und anziehend wie irgend möglich. In der einen Ecke saß der alte Dr. Härtung im eifrigen Gespräch mit einigen jungen Gelehrten. Er war so sehr von der geistigen Unterhaltung gefesselt, daß er gänzlich darüber sein jüngstes Töchterlein vergaß und gar nicht bemerkte, wie eifrig es sich hinter schlanken Palmenwedeln mit einem fremdländisch aussehenden Herrn unterhielt. „Wie gefällt Ihnen das gesellige Leben hier in Deutschland?" fragte soeben die junge Dame, worauf der Fremde lächelnd erwiderte, daß ihm ein solches Leben zu neu und fremd sei, um sich ein Urtheil darüber zu erlauben. „Gestehen Sie es nur, Herr Rock, Sie hatten in Canada von einem gesellschaftlichen Leben gar keine Ahnung," fuhr die junge Dame heiter plaudernd fort. „Nicht die geringste. Mein Onkel kümmert sich sogar wenig um seine eigenen Gutsnachbarn. Er liebt ein freies, gesundes, ungebundenes Farmerleben, das er nur um meinetwillen aufgegeben hat." „Wie kam das? Gefiel Ihnen das Leben nicht in Canada?" „Im Gegentheil, ich war dort sehr glücklich. Aber mein Onkel Robert — er ist gar nicht mein rechter Onkel; er adoptirte mich, als ich noch ein ganz kleines Kind war — wollte mir eine ganz vorzügliche Ausbildung verschaffen, wie ich sie dort drüben nicht recht haben konnte. Darum verkaufte er seine Besitzungen und reiste mit mir nach Europa. Vor einigen Monaten hat er sich in England angekauft, wohin ich ihm später zu folgen gedenke." „Wie hochherzig von ihm! Ist er verheirathet?" „Nein, er lebt als Junggeselle. Es liegt ihm wenig an der Gesellschaft von Damen — wahrscheinlich hat er in seiner Jugend nicht die Nichtige gefunden," setzte er scherzend hinzu, einen bewundernden Blick in das liebliche Antlitz der Dame werfend. „Herr Rock! wo sind Sie denn eigentlich? Sie haben sich ja versteckt," erklang plötzlich die heitere Stimme der Wirthin. „Kommen Sie doch mit in das Musikzimmer; ich höre soeben, daß Sie eine prachtvolle Stimme und einen guten Tenor haben. Sie werden unserer Gesellschaft zu Liebe doch singen, nicht wahr?" schmeichelte sie bittend. „Es sind hier viele Musikfreunde versammelt, denen Sie noch nicht vorgestellt sind." 5>7l — „Gewiß gehe ich mit Ihnen, wenn Sie es wünschen, und gern will ich auch mein Bestes thun," erklärte der Angeredete bereitwillig. „Vielleicht wird Fräulein Härtung meine Lieder begleiten," fügte er bittend Hinzu. Martha lachte bei dieser Zumuthung hell auf. „Ich würde es mit Vergnügen thun, aber alle meine Bekannte wissen, daß ich gar nicht musikalisch bin", gestand sie offen. „Ich könnte kein Liedchen begleiten, selbst wenn es gälte, mein Leben damit zu retten." „Kommen Sie nur, Herr Rock, ich stelle Sie einer Dame vor, die Ihren Anforderungen vollkommen genügen wird. Sie ist hier Musiklehrerin, es ist also ihr Fach." Herr Rock folgte seiner Wirthin ins Musikzimmer. Dicht vor dem Instrument, in den Noten blätternd, stand eine junge Dame in dunkelblauem Sammetkleide, mit kurz gelocktem Haar und lebhaften, feurigen Augen. „Herr Oswald Rock — Fräulein Willford", und die Fremden waren hiermit vorgestellt. Dann bat die Wirthin, dem jungen Herrn einige Lieder zu begleiten, und . , ^ ging darauf in ein anderes Zimmer, um für die weitere Unterhaltung ihrer Gäste zu sorgen. Helene stutzte. Sie ließ prüfend ihre dunkeln Augen über die Gestalt und dasAntlitz des Fremden schweifen, und unverkennbares Erstaunen malte sich in ihren Zügen. War es denn eine Sinnestäuschung oder ein neckisches Spiel ihrer erregtenPhantasie ? Sie sah ihr ganz getreues Abbild vor sich stehen; der Canadier hatte ihre Augen, ihr dunkles Haar, ihre Züge, ihre ganze Gestalt. Herr Rock war ein Naturkind. Er verstand es durchaus nicht, seine Gedanken zu verbergen. AIs er daher einen flüchtigen Blick in das lieblich geröthete Antlitz der Dame geworfen hatte, rief er in unverkennbarer sichtlicher Ueberraschung erstaunt aus: „Das ist doch sonderbar, Fräulein Willford, Sie sehen ja gerade so aus, wie ich; Sie könnten meine Schwester sein." Die junge Dame beherrschte ihre Gefühle, sie lächelte, als sie in leisem Flüstertöne entgegnete: „Es ist wirklich eine auffallende Ähnlichkeit vorhanden, Herr Rock; aber sprechen wir nicht mehr davon, wir erregen bereits Aufmerksamkeit. Haben Sie ein Lied ausgewählt? Die Gäste warten auf Ihren Vortrag." Der Canadier erinnerte sich seines Versprechens, suchte unter den Noten, und bald erfüllte seine reine klangvolle Stimme den Saal und hielt die Musikkenner in fast athemloser Spannung. „Fräulein Willford, darf ich Sie in den Speisesaal führen?" fragte Herr Schellenberg, als der Gesang beendet war. Helene nahm den dargebotenen Arm freudig an. „Wie kommt es, daß ich Sie niemals treffe?" flüsterte er ihr leise zu, „weichen Sie mir absichtlich aus? Habe ich Sie unwissend beleidigt?" „Das ist Einbildung, Herr Schellenberg, warum sollte ich Ihnen ausweichen?" „Das darf eine Landsmännin auch gar nicht thun," scherzte er weiter, doch Helene schien seine Worte nicht zu verstehen. „Verzeihen Sie," lächelte er, „aber sind wir denn nicht Landsleute? Meine Mutter war eine Engländerin, und daher darf ich mich doch auch zu Englands stolzen Söhnen rechnen." „Ja, wir kamen aus England," versetzte Helene, doch diese Unterhaltung schien peinliche Erinnerungen in ihr zu erwecken. Der junge Agent merkte den verlegenen Blick, doch er mißdeutete ihn und fuhr daher unbeirrt fort: „Ich bin stolz auf meine Nationalität, aber lassen Sie mich auf meine erste Frage zurückkommen: wie kommt es, daß ich Sie jetzt so selten sehe?" „Das weiß ich wirklich nicht; bedenken Sie, die Stadt ist doch groß, da hält es schon schwer, sich zu begegnen." „Wissen Sie, daß ich jetzt nur dem Gottesdienst in der Pauluskirche beiwohne? Sie müssen doch des^Sonntags dort sein; Sie gehören zu der Kirche und da Ihr Bruder dort Organist ist, haben Sie gewiß besonderes Interesse für diese Kirche. Wie kommt es, daß ich Sie niemals treffe?" „Ich bin regelmäßig dort. Aber die Kirche ist groß, Sie können doch unmöglich die ganze Gemeinde überblicken." „Das thue ich dennoch. Sie werden gewiß über mich lachen, und vielleicht thue ich auch Unrecht, aber ich gehe sehr früh hinein, setze mich verborgen hinter einen Pfeiler gerade der Thür gegenüber, daß ich ganz bequem jeden Eintretenden mustern kann. Nach Beendigung des Gottesdienstes bleibe ich so lange auf dem Kirchplatz, bis die Letzten sich entfernt haben; aber es ist mir noch nicht gelungen, Sie zu sehen, und das ist doch sonderbar." „Sie sollten nicht zur Kirche gehen, um mich sehen zu wollen, das ist ein Unrecht," wandte Helene vorwurfsvoll ein. „Ich weiß es, aber mir bleibt kein anderer Ausweg. Geben Sie mir die Erlaubniß, Sie in der Rosenvilla zu besuchen und Sie machen mich zum Glücklichsten aller Sterblichen." „Sie sind uns stets willkommen." „Ist das Ihr Ernst?" jubelte er freudig überrascht; doch den schelmischen Ausdruck in ihren Zügen gewahrend, fügte er kleinlaut hinzu: „Sie treiben wohl Scherz mit mir, Fräulein Willford?" „Ganz gewiß nichtI Meine Mutter spricht oft von Z Nomcapilular Christoph v. Zichmid. 572 Ihnen und wundert sich, warum Sie uns nicht mehr besuchen," versicherte sie. „Ich will jetzt häufiger kommen. Meine freie Zeit soll mich auf dem Wege zur Rosenvilla finden." Während der ganzen halb ernsten, halb scherzenden, leise geführten Unterhaltung hatte Elsa Laube keinen Blick von dem Agenten und Helene abgewandt; und als am späten Abend die letzten Gäste das gastfreie Haus verließen und ein Licht nach dem anderen erlosch, eilte sie in ihr einsames kleines Schlafzimmer. Schluchzend barg sie ihr Haupt in die schneeigen Kissen ihres Lagers und weinte bitterlich über die Vergänglichkeit alles irdischen Glückes und über die gänzliche Vernichtung ihres erdachten, kurzen Liebestraumes. 6. Kapitel. Als Franz Burgfeld an jenem Abend nach der letzten Unterredung mit Martha im Restaurant allein in seiner bescheidenen Wohnung saß und über die Unbeständigkeit des launenhaften Glückes grübelte, wollte er fast verzweifeln. Die Zukunft lag dunkel und fast hoffnungslos vor ihm. Aus seiner Stellung als Organist entlassen, dachte er gar nicht daran, sich einen ähnlichen Wirkungskreis zu suchen; denn er mußte Martha Recht geben, die ihm offen erklärt hatte, daß seine Leistungen für eine solche Stellung nicht genügten. Der Gedanke an ihre treue Liebe war ihm ein Trost, und mit Bitterkeit gedachte er der Gattin seines alten Onkels, die es vermocht hatte, ihn aus dessen Gunst zu verdrängen. Er hatte ihn von Kindheit an wie einen Vater geliebt, ja er liebte ihn immer noch, und er entschloß sich, um seiner Geliebten willen, noch einmal einen Versuch zu machen, das alte frühere Verhältniß wieder herzustellen. Dann erst konnte er offen vor den alten Dr. Härtung hintreten, um die Hand der jüngsten Tochter bitten und ihr eine glückliche Zukunft in Aussicht stellen. „Für Sie, Herr Burgfeld," rief in diesem Augenblick die Wirthin, die leise die Thür geöffnet hatte und jetzt ihrem Einwohner ein Telegramm entgegenhielt. Franz Burgfeld erschrak. Hastig ergriff er das ver- hängnißvolle Schreiben und überflog die wenigen Worte: „Komme sofort. Dein Onkel gefährlich erkrankt. Scharlachfieber. Keine Pflege. Edmund Normann." Mehrere Minuten starrte der junge Mann auf die unheilverkündende Botschaft; die Worte tanzten vor seinen Augen; doch gewaltsam zwang er sich zur Ruhe. Dann ließ er seine Wirthin kommen, bezahlte seine Rechnung und theilte ihr seine nöthig gewordene Abreise auf den folgenden Tag mit. Darauf nahm er seinen Schreibkasten und schrieb seiner Martha den Grund seiner plötzlichen Abreise. Er bat flehentlich um eine letzte kurze Unterredung im bekannten Restaurant am nächsten Vormittag, da er schon mit dem Mittagszuge nach der nächsten Hafenstadt abfahren wolle. Am folgenden Morgen, nachdem er seine wenigen Habseligkeiten zusammengepackt, schlug er den Weg nach der Wohnung des Dr. Härtung ein. Er wagte nicht, selbst das Haus zu betreten, denn die finstere, älteste Tochter Marie hatte schon Argwohn geschöpft und würde nie eine Zusammenkunft mit der Schwester gestattet haben. Geduldig ging er in der Nähe deS Hauses auf und ab, bis er endlich einen kleinen Metzgerlehrling sah, der, Fleisch herumtragend, gerade auf das Haus seiner Geliebten zuschritt. Im nächsten Augenblick war der Kleine im Besitz des Briefes, und mit der strengen Anweisung, denselben nur Fräulein Martha einzuhändigen, betrat er das Haus. Bald darauf kehrte er zurück. „Ich habe ihr den Brief gegeben, und sie sagte mir: es ist gut," berichtete der Knabe, schmunzelnd die blanke Silbermünze in der Hand betrachtend, „kann ich noch einen Auftrag für Sie besorgen, mein Herr?" „Bist Du auch ganz sicher, daß es Fräulein Martha war, der Du den Brief gegeben hast, war sie jung und sehr schön?" forschte Herr Burgfcld nach. »Ja, ja, und sie sagte: es ist so gut," rief der Knabe, eilig davonlaufend, denn er wußte ganz genau, daß die finsterblickende Dame durchaus nicht der gemachten Beschreibung entsprach. Franz Burgfeld wartete zwei volle Stunden, und schweren Herzens lenkte er seine Schritte nach dem Bahnhöfe, ohne seine Geliebte gesehen zu haben. Er ahnte gar nicht, daß sein kleines Liebesbriefchen gar nicht in die richtigen Hände gelangt war. Marie hatte das Schreiben an sich genommen, es gelesen und sofort den Flammen übergeben, fest entschlossen in Zukunft noch ein wachsameres Auge auf die Schwester zu haben. Vorläufig war jede Gefahr beseitigt, denn Herr Burgfeld war nach England gereist, und voraussichtlich würde er nicht so bald wiederkehren. Inzwischen führte das Dampfroß den jungen Ex- Organisten schnell der nächsten Hafenstadt entgegen. Einer seiner Mitreisenden war ein ältlicher Herr mit grauem Haar, hellen freundlichen Augen und wohlwollenden Zügen. Auch auf dem Schiffe nach England blieb er sein Reisegefährte, und ehe noch die englische Küste in Sicht war, wußte Herr Burgfeld den Namen, das Reiseziel und einen großen Theil der Lebensgeschichte des Fremden, während auch Herr Robert Rock aus Canada mit inniger Theilnahme das Geschick seines jungen Freundes angehört hatte. „Es unterliegt keinem Zweifel, die Frauen tragen oft viel dazu bei, das Elend hier auf Erden zu vergrößern, aber sie helfen uns auch manches Leid geduldig zu tragen und den Kampf mit dem Leben stets von Neuem wieder aufzunehmen," tröstete er. „Hätte Ihr alter Oheim nicht dem Gerede seiner jungen Gattin gelauscht, so wären Sie jetzt noch sein Erbe. Hingegen trägt Ihre Geliebte in Deutschland dazu bei, daß Sie den Muth nicht sinken lassen, und um ihretwillen wird es Ihnen gelingen, alle Hindernisse zu beseitigen, um ihr dereinst als Ihrer Gattin eine sorgenfreie Existenz zu sichern." Der junge Mann war von der aufrichtigen Theilnahme des Canadiers fest überzeugt und drückte ihm warm die Hand. „Ich habe mich in fernen Landen nie viel um das schöne Geschlecht gekümmert," fuhr Herr Rock fort und ließ gedankenvoll seine Blicke über die unendliche See schweifen, „aber dennoch war der liebe Gott mir gnädig und schenkte mir einen prächtigen Sohn, der jetzt mein Stolz und meine Freude ist. Es sind jetzt sechzehn Jahre, da hörte ich, daß englische Auswanderer ein Kind in Winnipeg in Canada ausgesetzt und alsdann ihre Reise in das Innere des Landes fortgesetzt hatten. Meine Besitzung war ganz in der Nähe, und ich ging hin, um mir das arme Kind anzusehen. Ein trostloser Anblick bot sich meinen Blicken dar. Das arme Kind VcZ °l ^^L 8 A SS >'5^. M ..V M M. WMlMMSW,- S«!.^ S -FH ^WSEUEE ^ s ' M L MZM2Z ^8WW8^ W MS^L-ß' - tz« -M. SM, k^-LM - ^ MZMf .ff. ^.'L 7 . 's .- Zwischen zwei Niiudern. Nach dcm Gemälde von Leo Dehaisne. 574 war vom heftigen Fieber ergriffen und wälzte sich in wilden Phantasien auf seinem elenden Lager, auf welches mitleidige Menschen es gebettet hatten. Ich fühlte Mitleid mit dem armen verlassenen Knaben, nahm ihn mit mir und pflegte ihn. Als er vollständig genesen war, verlangte er nach seinem Vater, nach seiner Mutter und nach seinen Schwestern. Aber er wußte nicht, wo er war; nur daß er Oswald heiße und lange Zeit auf einem großen Schiffe, gewesen sei. Er konnte mir weder seinen Vaternamen noch sein Heimathsland nennen; wahrscheinlich hatte das lang anhaltende, heftige Fieber seine Erinnerungen geschwächt. Ich nahm ihn an Kindesstatt an, gab ihm meinen Namen und lehnte ihn mich „Onkel" zu nennen. „Der Kleine wuchs zu einem prächtigen, wunderbar schönen Knaben heran, den ich wie mein eigenes Kind liebte, und noch täglich danke ich Gott für dieses Geschenk vom Himmel. Da ich reich genug war, entschloß ich mich, meinem Knaben zu geben, was ich in meiner Jugend entbehren mußte — eine vorzügliche Erziehung. So lange es möglich war, hielt ich ihm dort drüben die besten Lehrer, aber das ging nur wenige Jahre. Endlich erwachte auch das lang geschlummert« Verlangen in mir, meine alte Heimath wiederzusehen, wiewohl ich wußte, daß kein Mensch mehr darin zu finden war, der den alten ergrauten Mann wiedererkennen würde, der vor vierzig Jahren als armer fünfzehnjähriger Knabe sein Vaterland verlassen hatte. „Ich will mich kurz fassen. Mein Sohn blieb in Deutschland guten Händen anvertraut, und ich wußte, daß er gewissenhaft seinen Studien oblag. Dann reiste ich nach England, gerade wie heute. „Niemand kannte mich, oder erinnerte sich meines Namens. Die wenigen Leute, deren ich mich entsann, waren todt oder fortgezogen; ich war ein Fremder geworden in meiner alten Heimath. Da durchreiste ich verschiedene Länder Europa's, um mir ein Plätzchen auszusuchen, wo ich in Frieden den Rest meines Lebens zubringen könnte. Es fehlte mir nicht an den erforderlichen Geldmitteln, aber ich fand nicht, was ich suchte, und kehrte darum nach England zurück. Es waren damals schlechte Zeiten unter den Edelleuten. Ich lernte einen Lord Willford kennen, der durch fremde oder eigene Schuld in die größte Noth gerathen war. Er war ein stolzer, hochmüthiger Mann, hatte aber eine edle Frau und zwei liebliche Töchter. Bald darauf starb der alte Herr, und sein ganzes Eigenthum kam unter den Hammer. Seine Frau hatte ihn unendlich geliebt; sie konnte diesen herben Verlust nicht ertragen und weinte sich blind in ihrem großen Schmerze; sie hatte von jeher schwache Augen. Die älteste Tochter war kränklich, ein Rückenmarksleiden hielt sie seit Jahren auf das Lager gefesselt; aber die jüngste war ein Bild blühender Gesundheit, und es war eine Lust einen Blick von ihr zu erhäschen. „Ich kaufte die starkverschuldete Besitzung zu einem sehr hohen Preise, um die zahlreichen Gläubiger zu befriedigen, mußte aber leider erfahren, daß für die verarmte Familie auch nicht ein Pfennig übrig blieb und sie in die größte Noth gerieth. Ich glaube, die Familie sah mich für ihren größten Feind an, der gewaltsam ihr Eigenthum an sich gerissen habe, ausgenommen die jüngste Tochter. Wenn ich durch einen glücklichen Zufall mit ihr zusammentraf, war sie so freundlich gegen mich, als ob ich in Rang und Stellung ihr gleich stände. „Nun, mein junger Freund," fuhr der redselige Alte fort, „jetzt kommt die schwerste Stunde, die ich in meinem Leben verbracht habe. Sie wissen, was es heißt, eine Dame zu lieben. Aber bedenken Sie die Liebe eines alten gereiften Mannes, der vorher in seinem Leben noch nie geliebt hatte. Unglücklicher Weise fühlte ich diese Liebe zu der jüngsten Tochter des verarmteu Edelmannes, der mich in seinem Leben gewiß für zu gering hielt, ihm die Schuhriemen zu lösen. „Ich wußte, daß die Familie das Land verlassen und die jüngste Tochter in der Fremde eine Existenz gründen wollte. Sie kannte aber gar nicht die kalte, erbarmungslose Welt; wein Herz blutete für sie, und gern hätte ich mein Leben gegeben, um sie glücklich zu machen. „Da traf ich sie in einem einsamen Walde. Ich bat sie-nein — ich flehte sie an, mich zu heirathen, um von ihrem rechtmäßigen väterlichen Eigenthum wieder Besitz zu nehmen. Ich verlangte ja keine Liebe von ihr, denn die konnte sie mir, dem alten Manne, doch nicht geben, aber ich bat, sich für ihre blinde Mutter, für die kranke Schwester aufzuopfern, damit sie mit ihren Lieben in dem alten Schlosse bleiben könne. „All mein Bitten war nutzlos. In herzgewinnender, aber ganz entschiedener Weise erklärte sie mir, daß sie lieber verhungern wolle, als eine Heirath ohne Liebe einzugehen; wiewohl sie mir die Versicherung ihrer Freundschaft und Hochachtung gab. „„Was meine Familie anbetrifft," sagte sie mit zuckenden Lippen und thränenfeuchten Augen, „so wird mir Gott die Kraft geben, für sie zu arbeiten, obgleich ich schwach und unerfahren bin; aber ein eheliches Leben ohne Liebe könnte ich nimmer ertragen." „Sie verließen das Land; ich weiß nicht, wohin sie sich gewendet haben, aber mein Herz sagt mir, daß es ihnen gut geht. So, jetzt kennen Sie meine ganze Geschichte, junger Freund, und da sehe ich ja schon die Küste vor uns." Der Ex-Organist hatte mit großem Interesse der Erzählung des Fremden gelauscht; er konnte kein Wort erwidern, schweigend drückte er ihm die harte, schwielige Hand, und gemeinsam bestiegen sie die englische Küste. (Fortsetzung folgt.) -- - Christoph von Schmid. (Mit Porträt nach einer Photographie aus dem Atelier T. HaaS in Augsburg.) Am 3. September 1854 war nach eben vollendetem 86. Lebensjahre der gefeierte Jugendschriftsteller Domkapitular Dr. Christoph v. Schmid, dessen anmuthige Werke viele Tausende von Kinderherzen seit dem Erscheinen seiner „Ostereier" beglückt haben, der Cholera zum Opfer gefallen. Geboren am 15. August 1768 zu Dinkelsbühl, vollendete Christoph von Schmid seine Gymnasial- und Fachstudien in Dillingen. Am 28. August 1791 las er in seiner Vaterstadt seine erste hl. Messe. Seine erste Anstellung fand Schmid als Kaplan in Nassen- beuren, dann wurde er Amtsgehilfe des als Pfarrer nach Seeg versetzten Professors Feneberg. 1796 berief ihn Graf Stadion als Schulbenefiziaten und Schul- Inspektor nach Thannhausen an der Mindel. Hier erging an ihn von Seite des kurfürstlich bayerischen Direktoriums der deutschen Schulen der Auftrag zur Bearbeitung der biblischen Geschichte, die zuerst im Drucke 1801 erschien. Bald folgte auch sein „Erster Unterricht von Gott", das auch als sprachliches Meisterwerk geltende bekannte „Gottbüchlein". Inzwischen war Schund Distrikts- schulinspektor für den Landgerichtsbezirk Ursberg geworden und hatte als solcher mit der Organisation des Schulwesens außerordentlich viel zu thun. Dennoch gewann er Zeit, im Jahre 1816 als Ostergeschenk für seine Schüler und Schülerinnen die „Ostereier" herauszugeben. Daran reihte sich die „Genovefa" und viele andere Erzählungen, Schauspiele und Gedichte, welche größtentheils in Thannhausen zu Papier gebracht, den Schulkindern ' als Belohnung vorgelesen, vielfach aber erst später in I Vorschlag gebracht. Da berief ihn König Ludwig I. 1826 in sein Vaterland zurück, indem er ihn zum Domcapitular in Augsburg ernannte. Am 24. Mai 1827 wurde er hier in sein neues Amt, in welchem ihm das Referat über Schulangelegenheiten übertragen wurde, eingesetzt. Er wohnte zuerst im Hause der Wolff'schen Buchhandlung L 3, bezog dann, weil es ihm hier zu hoch und unruhig war, ein eigenes Haus — L 167 —, bis er im Jahre 1833 in die durch Ernennung des Domkapitulars Tischer zum Dompfarrer freigewordene Domherrnwohnung — L 165 — einziehen konnte, in welcher er bis zu seinem Tode verblieb, gehegt von der Sorgfalt seiner nächsten Verwandten, hochgeachtet von allen, die ihm näher traten, geehrt durch die Freundschaft hochstehender Männer, ge- ' schmückt mit Ehren und Auszeichnungen mancherlei I Art, beglückt durch die Liebe der Kinder, denen er Hochlchlotz pühl Druck gegeben wurden. Eine Reihe seiner Schauspiele wurde auch in Thannhausen zuerst aufgeführt. So hatte Schund beinahe 20 Jahre in Thannhausen segensreich gewirkt, er hatte während dieser Zeit einen Ruf als Professor der Pädagogik und Aesthetik an das neuerrichtete Lyceum in Dillingen ausgeschlagen, auch das Anerbieten einer theologischen Professur an der Universität Landshut und der damit verbundenen Leitung des theologischen Seminars (1815) lehnte er ab. Da wurde im gleichen Jahre die vielbegehrte Pfarrei Stadion in Württemberg erledigt und vom Grafen Stadion ihm sofort übertragen. Während seines Aufenthaltes hier wünschte ihn auch die Universität Tübingen als Professor der Moral und Pastoraltheologie, er sollte ferner Regens des Priesterseminars zu Rottenburg werden; aber er wollte Seelsorger und dem Kreise der Kinder nahe bleiben. Er wurde sogar von der katholischen Geistlichkeit Württembergs für den erledigten Bischofssitz von Rottenburg in am Ammerfek. Nach einer Photographie von Max Merz in Diesjen. selbst beglückend in ununterbrochener Arbeitskraft und Lust stets neue frohe Stunden bereitete. Hatte schon seine Vaterstadt Dinkelsbühl, die ihm auch in der Folgezeit ein ehernes Denkmal setzte, den 50. Jahrestag seiner Primiz am 29. August 1841 in erhebender Weise gefeiert , so wurde der Beginn seines 80. Lebensjahres, 15. August 1847, zu einem wahren Jubelfeste für die ganze Stadt Augsburg. Als etliche Jahre darauf der unheimliche Würgengel durch die Straßen Augsburgs schritt, da schonte er auch des ehrwürdigen 86jährigen Greises nicht. Die Feder, mittelst welcher der Edle so Treffliches geschaffen, entsank seinen Händen, und auf immer verstummte der beredte Mund, der so lieblich erzählte. (Nach dem „Sammler".) -- Goldkörner. Fröhlichkeit ist die Gesundheit der Seele, Traurigkeit ist deren Gift. 576 Das neue Hochschloß Pähl am Ammelsee. (Mit Bild) Auf einer vorspringenden Ecke des zwischen dem Würm- und Ammersee liegenden, hie und da durch kleine, tiefe Thäler durchschnittenen Plateau's liegt das Hochschloß Pähl, oberhalb dem Dorfe gleichen Namens. Der heute noch vollständig erhaltene doppelte Wall, der es im Norden und Osten umzieht, weist auf dessen römischen Ursprung hin. Doch von den Bauten des alten Bollwerkes ist nichts mehr erhalten. Die Grafen von An- dechs und nachmals die Wittelsbacher waren Besitzer des Schlosses. Zeit und Elemente brachen den einst so festen Bau, so daß er zum Meierhof herabsank, welchen in unsern Tagen Hofrath Hanfstängl in München erwarb. Hanfstängl verdanken wir auch die Erhaltung der uralten Eichen und Linden, von denen der Blick über das grüne Vorland zu den blauen Bergen der Alpen spielt. Jetzt aber ist für das Hochschloß Pähl eine neue Zeit angebrochen, indem es vor ungefähr 20 Jahren in den Besitz der Familie Czermak kam. Diese Familie ist zwar nicht durch den Adel der Geburt ausgezeichnet, erfreut sich aber im Reiche der Wissenschaft und Kunst und edler Gesinnung eines ruhmvollen Namens. Der Vater des jetzigen Besitzers war Johann Czermak, geb. 1828 zu Prag, Professor in Leipzig, Physiolog und Arzt; derselbe begründete die Laryngoskopie, Rhinoskopie und erfand eine neue Methode der chirurgischen und ärztlichen Behandlung des Kehlkopfes (Erfinder des Kehlkopfspiegels). Während nun die Familie Czermak von väterlicher Seite in den Besitz außerordentlicher geistiger Schätze gelangte, wurde ihr mütterlicherseits ein entsprechender materieller Reichthum zugeführt. Dadurch ist es möglich geworden, nicht blos esnes der ältesten Denkmäler vaterländischer Geschichte zu erhalten, sondern es in seiner jetzigen Schönheit herzustellen, so daß es nicht blos als eine Zierde von Pähl, sondern des ganzen Ammerthales hervorragt. Dasselbe wurde im Jahre 1884 auf 85 nach der Angabe und dem Plane des jetzigen Besitzers Herrn Ernst Czermak neugebaut, doch so, daß die Neste des alten Baues aus Gründen der Pietät erhalten und in den neuen Bau eingefügt worden sind. Die Ausführung seines genialen Gedankens hatte Herr E. Czermak dem berühmten Münchener Architekten Albert Schmid übertragen. Das geniale Werk Schmid's gliedert sich in drei Baugruppen: das Herrenhaus, den sog. Fremdenflügel und das Stall- und Dienerhaus. Das Herrenhaus, dem Süden zugekehrt und so die schönste Aussicht auf's Gebirge bietend, enthält in der Hauptsache die Wohn- und Schlafräume des Besitzers. Der Fremdenflügel bildet ein in sich vollständig abgeschlossenes kleines Wohnhaus mit hübscher Treppenanlage. Das Stallgebäude enthält die Räume für Pferdestände, Remise, Geschirrkammer und Dienerzimmer. Eine letzte Gruppe bildet der Thorthurm, die Hofterrassenmauer mit dem Brunnen und die Bastei. In einfachem gothischen Stile aus gelbem Backstein mit Tuffgliederung erbaut, zeigt das neue Hochschloß im Innern wcrthvolles Material und reichen Formenschmuck der Frühgothik und bildet mit seinen großartigen, schön gegliederten Massen die schönste Zierde des Vorlandes. -- Zwischen zwei Räubern. (Zu unierem Bild Seite 573.) Bubi befindet sich in nicht geringer Verlegenheit. Mutter hat den beiden Geschwisürlcin und Spielgenossen MUchbrei vorgesetzt; die Kinder sollten ja recht brav sein und ein m dem andern nichts wegnehmen. Allein Häuschen ist ein böser Schlingel und möchte gar zu gern von Schwester's Milchbrei kosten. So nimmt er denn flugs, ehe klein Lischen es noch recht hindern kann. einen Löffel voll aus dessen Teller. Zu allem Unglück kommt auch noch Mizzi herangeschlichen, um unbemerkt ein bischen zu naschen. Daß Lischen über das Brüderlein nicht wenig ungehalten ist, läßt sich denken. Mizzi aber wird, sobald Mutter zurück, sicherlich ihre Naschhaftigkeit büßen müssen. -i-888-«—- - Allerlei. Im Jahre 1711 besuchte der Zar Peter der Große von Rußland den König von Sachsen August den Starken und sein Land. Bei der Reise durch Sachsen kam der Zar auch unweit der böhmischen Grenze durch den durch seine Spielwaaren-Jndustrie bekannten Ort Olbernhau, in dessen Nähe das ehemals auch als Münzstätte verwendete Kupferhammerwerk Saigerhütte- Grünthal liegt. Die Chronik erzählt davon folgende Geschichte. Der Selbstherrscher aller Neusten führte, nachdem er in Freiberg mit in die Tiefe der Silbergruben eingefahren, in der Grünthaler Saigerhütte einen seiner höchst wunderlichen Einfälle aus. Das Niederschmettern des großen Kupferhammers machte ihm großes Vergnügen. Gern wollte er wissen, welche Empfindung der haben müsse, der, auf diesem großen Hammer reitend, dessen Niederschlage auf den Ambos mitmacht. Gewiß ein Einfall, den nur ein Russe haben kann. Zur Freude seiner russischen Begleiter, zur Verwunderung der Hammerleute und zum Entsetzen der sächsischen Kavaliere, welche König August der Starke ihm als Geleitsherren mitgegeben hatte, bestieg er alsbald den großen Hammer, der dann, in vollen Gang gebracht, mit Mark und Bein erschütternden Schlägen niederfiel. Jeder andere Mensch würde von dieser gewaltsamen, alle Knochen des Körpers durch- dröhnenden Erschütterung sinnlos geworden sein, Peter der Große war dabei ganz wohl und fidel, die ungewöhnliche „Anregung" war ganz nach seinem Geschmack. Bis jetzt ist er der Einzige geblieben, der sich auf diese Weise amüsirt hat. Schachaufgabe. Schwarz. Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 4. Zage matt. - — -HZMS-