M „Augsburger Postzeitung". 75. Ireitag, den 14 . September 1894. Für dir Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lBorbesttzer Dr. Max Huttler). Der Organist. Novelle von C. Borges. (Fortsetzung.) Die reiche Besitzung des alten Lord Merlin lag im südlichen England. DaS stolze, schloßartige Gebäude hatte schon oft das Auge manches fremden Beschauers entzückt und die sorgfältig gepflegten, weitausgcdehnten Parkanlagen erregten die Bewunderung der ganzen Umgegend. Alles was Menschenkunst und Geschicklich- keit vermochten, dieses herrliche Stückchen Erde in ein Paradies umzuwandeln, war geschehen; denn der alte Herr scheute keine Kosten, wenn es galt, etwas zur Verschönerung seiner Besitzung beizutragen. Aber glücklich war der Eigenthümer nicht zu nennen, als er jetzt in heftiger Fieberhitze, in einem luxuriös ausgestatteten Gemach, sich unruhig in seinen seidenen Kissen hin und her wälzte. Neben seinem Lager stand Dr. Feller; sein Antlitz war sehr ernst und fast rathlos blickte er im Zimmer umher. „Ich weiß kaum, wie es noch werden soll," wandte er sich im Flüstertöne an die alte Verwalterin, die bei dem Kranken Wache hielt. „Dieses Fieber greift mit aller Gewalt um sich; kein Hans im nahen Dorfe und in der nächsten Umgebung ist verschont; die Epidemie rafft täglich Opfer dahin und eS ist nicht mehr möglich eine Pflegerin zu bekommen. Ich kann mich doch auf Sie verlassen, Frau Brunn, Sie bleiben doch über Nacht hier auf ihrem Posten?" Die Angeredete gab gern das Versprechen und der Arzt verließ seinen Patienten. — In der Halle trat der im Dienst ergraute Portier auf ihn zu. „Herr Doktor, der junge Herr ist soeben angekommen; er ist hier im Salon; er wünscht mit Ihnen zu sprechen!" „Herr Franz?" fragt der Arzt freudig überrascht. „Natürlich! Wer sollte es auch anders sein?" Ohne ein Wort der Erwiderung eilte der Arzt in das bezeichnete Gemach und streckte dem Jüngling beide Hände entgegen. „Willkommen Herr Franz — willkommen in der alten Heimath," rief der Doktor freudig aus. „Sie kommen gerade zur rechten Zeit; denn wir bedürfen Ihrer Hülfe." „Ich danke Ihnen, Herr Doktor, es ist mir eine Freude, daß mich Jemand willkommen heißt. Aber wie steht's mit meinem Onkel? Mein Vetter telegraphirte mir von seiner Krankheit." „Es geht ihm leider schlecht genug. Das Scharlachfieber ist ausgebrochen und jetzt die ungünstigste Jahreszeit; dabei der dichte Londoner Nebel, sodaß die Leute in großer Zahl dahingerafft werden. Hier im Schlosse haben die Leute alle den Kopf verloren; die vielen neuen Dienstboten sind bei den ersten Krankheitserscheinungen fortgegangen, die alten waren von der neuen Herrin entlassen. Sie liegt jetzt auch fast ganz ! ohne Pflege, nur eine junge französische Zofe ist bei ihr, aber auch diese hat schon gedacht, morgen abzureisen." „Wer pflegt denn meinen Onkel?" fragte der Neffe besorgt. „Die alte Verwalterin, Frau Brunn, ist bei ihm. Sie und der alte Portier sind allein noch übrig geblieben von der alten Dienerschaft; sie helfen nach besten Kräften." „Ist Lady Merlin denn auch erkrankt?" „Gewiß, sogar sehr gefährlich; ihr Zustand ist nach menschlicher Ueberzeugung hoffnungslos. Aber Franz, mein lieber junger Freund, ich freue mich, daß Sie hier sind; ich habe Sie ja schon als ein kleines Kind gekannt. Doch jetzt muß ich fort; ich habe viel im Dorfe zu thun. Aber hüten Sie sich, daß Sie nicht auch krank werden." „Ich kann mich der Gefahr der Ansteckung nicht entziehen, Herr Doktor, und muß dann die Folgen tragen. Jetzt will ich meinen Onkel Pflegen, denn er bedarf meiner Hülfe." „Sie verstehen aber gar nichts von Krankenpflege," wandte der Arzt besorgt ein. „Mein Herz wird mich lehren, was ich machen soll, und jedenfalls thue ich nach besten Kräften. Aber wollen Sie mir nicht einige Winke geben?" Der Arzt besann sich einen kurzen Augenblick. „Kommen Sie schnell mit mir," entschied er dann und kehrte mit dem jungen Herrn in's Krankenzimmer zurück. Frau Brunn konnte kaum ihre Freude bei diesem unerwarteten Besuch verbergen, und ihre Augen füllten sich mit Thränen, als sie hörte, daß der junge Herr die Pflege des Oheims von jetzt an selbst übernehmen werde. Er war in früheren Jahren stets der Liebling des Hauses gewesen und seine Verbannung aus dem Schlosse hatte das Herz der treuen Dienerin mit Wehmuth erfüllt. -> 578 Während der folgenden Nacht wich der Neffe keinen Augenblick vorn Bette des Kranken, obgleich er nach der langen Reise selbst nothwendig der Ruhe bedurfte. Der Patient lag noch immer in wilden Fieberphantasien; eS war die Krisis und nach der Aussage des Arztes mutzte bald ein Wendepunkt eintreten. Gegen Morgen wurde der Kranke ruhiger und bald fiel er in einen ruhigen, erquickenden Schlummer. Franz Burgfeld — oder vielmehr Franz Merlin, wie er sich wieder nannte, seitdem er wieder England'S Boden betreten hatte, wagte kaum zu athmen, aus Furcht, den geliebten Kranken zu stören. Als der gute Doktor am nächsten Tag wieder in das Krankenzimmer trat, kniete der Neffe am Bette des alten Herrn, der zu neuem Leben erwacht und segnend die Hand auf dem Haupte des Jünglings ruhen ließ. Leise und unbemerkt zog sich der Arzt zurück; er wußte, daß die Gegenwart des Neffen dem Patienten die beste Genesung bringen würde. 7. Kapitel. Martha Härtung ging im Hause ihres Vaters unruhig umher. Nirgends fand sie Ruhe; keine Arbeit konnte sie zerstreuen oder ihre Gedanken fesselrr. Vergebens durchsuchte sie den ganzen Garten in der Hoffnung, ein sicheres, verborgenes Versteck zu finden, dem ein Brieschen von ihrem Geliebten anvertraut war. Sie wußte nicht, was sie von seinem unerklärlichen Schweigen denken sollte und zermarterte ihren armen Kopf mit allerlei erdenklichen Möglichkeiten. So war es denn kein Wunder, daß ihre Wangen immer schmäler und bleicher, ihr Gang und ihre Haltung schleppender wurde und der Vater mit seiner Gemahlin ernstlich Rücksprache nahm, ob es nicht besser sei, das Töchterlein zu Verwandten auf's Land zu schicken. Doch diesem Plane fetzte die junge Dame energischen Widerstand entgegen. Der Gedanke, jetzt die Stadt zu verlassen, solange sie über das Geschick ihres Geliebten vollständig in Ungewißheit war, schien ihr schlimmer zu sein, als der Tod. Darum überredete sie die Eltern, es sei nicht der geringste Grund zur Besorgnitz vorhanden und sie fühle sich frisch und gesund. Wenig zufrieden mit dieser Versicherung fragte die besorgte Mutter ihre älteste Tochter Marie um ihren Rath. Diese erkannte allein den Grund der traurigen Veränderung, hütete sich aber wohl, davon zu reden und schlug Aufheiterung und Zerstreuung vor. Die zärtliche Mutter befolgte gern den Rath ihrer erfahrenen, verständigen Tochter. Sie beeilte sich, Martha's Freundinnen und einige bekannte junge Herrn zu einer kleinen Festlichkeit zu laden, zu der auch Fräulein Willford und der Organist hinzugezogen werden sollten. Wie man es vermuthet hatte, traf es ein. Die junge Dame nahm die Einladung an; der Organist hingegen hatte wie gewöhnlich für derartige Zerstreuungen keine Zeit. V Eine kleine heitere Gesellschaft war in Frau Dr. Hartung's Empfangszimmer versammelt, und ihr lebhaftes Geplauder drang hinüber zu der entlegenen Fensternische, in der Martha mit Thränen in den Augen einsam dastand und theiluahmslos dem bunten Getriebe zuschaute. Da weckte eine wohlbekannte Stimme sie plötzlich aus ihrem trüben Sinnen und Helene Willford legte sanft ihre Hand auf den Arm der bekümmerten Freundin. Sie führte die Willenlose i» die Einsamkeit des großen, wohlgepfiegten Gartens und sprach tröstend auf sie ein. „Ich glaube Martha," sagte sie in vertrauenerweckendem Tone, „Du hast etwas auf dem Herzen, was Dich drückt. Ist es Dir nicht eine Erleichterung, Dich auszusprecheu?" Martha zögerte. Helene war die Einzige unter ihren vielen Freundinnen, der sie vollkommen vertraute und seit längerer Zeit stand sie mit ihr in innigem Verkehr. „Ich errathe vielleicht Deinen Kummer, oder besser gesagt, ich weiß gewiß mehr davon, wie Du ahnst," fuhr Helene leise flüsternd fort. Die Freundin erschrak. Sie erinnerte sich des Tages im Restaurant; der Organist hatte zweifellos ihre Unterredung mit Franz Burgfeld angehört und dann mit der Schwester darüber gesprochen. Nun, eS konnte ihr im Grunde ihrer Seele nur lieb sein; denn es war ihr zum Bedürfniß geworden, ihr übervolles Herz auszuschütten, und wem konnte sie größeres Vertrauen schenken als ihrer teilnehmenden Freundin?" In wenigen Worten erzählte Martha ihr Geheimniß. Sie habe sich heimlich mit dem früheren Organisten verlobt, ihm Liebe und Treue geschworen, und jetzt könne sie sich sein Schweigen nicht erklären. Helene hatte den wahren Sachverhalt längst geahnt und verstand es, die weinende Freundin zu trösten. „Nun höre, was ich Dir sage," begann sie, als Martha ihre Erzählung beendet hatte. „Dein geliebter Franz ist weder todt noch verschollen, was Du anzunehmen scheinst. Ich hatte ihn vor kurzer Zeit selbst gesehen; er war auf dem Bahnhof und benutzte den Schnellzug nach der Hafenstadt. Gewiß ist er jetzt in England." „In England?" wiederholte Martha erstaunt, denn sie hatte absichtlich weder den rechtmäßigen Namen noch die Heimath ihres Geliebten genannt. „Woher weißt Du denn, daß er nach England wollte?" „Helene lachte. „Ich vermuthe es," entgegnete sie heiier, „wir waren früher Gutsnachbarn und ich habe ihn sogleich wieder erkannt." „Aber warum schreibt er mir nicht einige Zeilen! Er muß doch wissen, wie sehr ich mich nach Nachricht sehne," klagte Martha. „Wie soll er denn die Adresse schreiben? Er kaun doch unmöglich eine Bemerkung für den Briefboten machen, daß er den Brief dem sichersten Platze im Garten anvertraut. Würde aber hier im Hause ein Brief für Dich aus England abgegeben, so müßte das Aufsehen erregen." „Er hätte mir vor seiner Abreise schreiben müssen", beharrte Martha, die immer größeres Vertrauen zu ihrer Freundin faßte. „Das ist auch meine Ansicht, wiewohl es immerhin möglich ist, daß er Dir geschrieben hat. Vielleicht ist der Brief unterschlagen oder er liegt noch in einem sicheren Versteck im Garten verborgen und Du hast ihn noch nicht gefunden. Kannst Du Dich auf die Dienstboten verlassen?" „Ja. Sie sind mir alle zugethan und würden mir den Brief gegeben haben, wenn er im Hause abgegeben wäre." l- 579 „Nun gut, dann will ich Dir sagen, was wir thun wollen, oder vielmehr, was ich thun will. Dein Franz lebt doch im südlichen England?« „Ja. Ganz in der Nähe von Beading.« „Gut. Ich habe dort in der Umgegend noch viele Freunde, die sollen sich nach ihm erkundigen und mir recht bald Nachricht geben.« Martha lächelte freudig. Die Unterhaltung mit der Freundin hatte sie mit neuer Hoffnung belebt. „Frage nicht nach dem Namen „Burgfeld«, das ist der Name seiner Mutter. Er heißt „Merlin",« flüsterte Martha der Freundin zu. „Ich weiß es,« nickte diese, und beide Mädchen kehrten zu der Gesellschaft zurück. « » » Wenige Tage nach dieser Unterredung verließ Helene Willford in tiefe Gedanken versunken die Nosenvilla und schlug die Richtung nach Dr. .Hartung's Wohnung ein. Ihr liebliches Antlitz war heute ungewöhnlich ernst, und ihre Augen waren vorn Weinen geröthet. Sie hatte die lang ersehnte Nachricht aus England erhalten, aber diese war so sehr betrübend, daß sie fast verzagte bei dem Gedanken, sie der Freundin mitzutheilen. Franz Merlin war gefährlich erkrankt, sein Zustand so gut wie hoffnungslos. Das heimtückische Fieber hatte fast kein Haus verschont, und über Arme und Reiche, Jünglinge und Greise senkte der Tod erbarmungslos seine Fackel. Helene selbst betrauerte den Tod eines Mannes, den sie hoch geachtet hatte. Sein Herz hatte für sie geschlagen; er hatte ihr mit seiner Hand Reichthum und irdisches Glück angeboten, aber sie konnte seine Liebe nicht erwidern und war viel zu edel und aufrichtig, um eine Ehe ohne Liebe einzugehen. Jetzt hatte sie die Nachricht von dem Tode des Eanadiers erhalten, und mit tiefem Weh im Herzen gedachte sie der letzten einsamen Tagen des alten ehrlichen Mannes. „Ist Fräulein Martha zu Hause?" fragte Helene das Hausmädchen, als sie ihr Ziel erreicht hatte. „Ja. Bitte, treten Sie-« Doch ehe das Dienstmädchen vollenden konnte, kam Marie aus dem Wohnzimmer. Die innige Freundschaft der Schwester mit der Klavierlehrerin mißfiel ihr, und sie wollte die Beiden so viel wie möglich von einander fern halten. „Wie geht es Ihnen, Fräulein Willford?« begann sie mit erheuchelter Freundlichkeit. „Sie wünschen Martha zu sprechen? Geben Sie mir Ihre Botschaft, denn meine Schwester ist verhindert.« Helene's Wangen färbten sich dunkler. Eine heftige Entgegnung schwebte auf ihren Lippen, doch um Martha's willen hielt sie dieselbe zurück; da wandte sie sich an das Hausmädchen, das noch immer wartend im Hintergrund stand. „Bitte, sagen Sie Fräulein Martha, daß ich hier bin; wenn sie verhindert ist, mich zu sehen, so erwarte ich sie «och heute in der Nosenvilla.« Schon nach einigen Minuten kam Martha eilig die Treppe herab; sie faßte Helene's Arm und zog sie eilig in ihr eigenes Zimmer. Sie wurde leichenblaß, und ihre Glieder zittertm, als sie einen besorgten Blick in das erregte Antlitz ihrer Freundin warf. „Martha, sei ruhig,« beschwichtigte Helene, mit sanfter Gewalt die Freundin in einen Sessel drückend. „Er ist krank, aber in guten Händen, und es fehlt ihn nicht an treuer Pflege. Um seinetwillen mußt Du ruhig und standhaft bleiben.« „Krank!? Sage mir Alles. Ich bin stärker wie Du denkst und kann Alles ertragen, nur nicht die Ungewißheit.« „So höre. Franz Merlin ging wie ein tapferer Held auf dem Kampfplatz, um seinen alten Onkel zu pflegen, der von allen Freunden verlassen war. Er bekam selbst das Fieber und wird jetzt treu und liebevoll gepflegt.« „Scharlachfirberl« war das einzige Wort, das Martha's bebende Lippen hervorbringen konnten. „Seit Wochen wüthet diese Epidemie in der ganzen Umgegend und fordert noch immer zahlreiche Opfer", fuhr Helene fort. „Deine Verwandten, die Familie deS Dr. Feller, helfen nach besten Kräften bei Arm und Reich, jedoch fehlt es immer noch an ausreichenden Hülfe- leistungen." „Ich gehe zu meiner Tante, — ich gehe fort und biete meine schwachen Kräfte an", entschied Martha, von ihrem Sitze aufspringend und sich hoch aufrichtend, dann eilte sie der Thüre zu. „Aber Martha, so warte doch," flehte die Freundin. „Du darfst solche Gedanken nicht fassen. Die Reise ist weit und beschwerlich, und Du bist im fremden Lande ganz unerfahren. Was würden Deine Eltern sagen!" „Ich muß in seiner Nähe sein; ich will helfen, ihn zu pflegen.« Noch ehe Helene ein weiteres Wort erwidern konnte, hatte Martha das Zimmer verlassen. Sie stand rathloS inmitten des Zimmers. Sie fürchtete für die Freundin, die noch niemals selbstständig eine Reise unternommen hatte. Da kam ihr plötzlich ein glücklicher Gedanke, und eilig und ungesehen verließ sie das Hans. Ihr nächstes Ziel war das Bureau deS Agenten Schellenbcrg, den sie jetzt seit längerer Zeit nicht mehr gesehen hatte. Der junge Mann saß wie gewöhnlich vor seinem Pulte. Aber es waren heute nicht Berechnungen, die seine Sinne fesselten; vor ihm ausgebreitet lag ein großer, weißer Bogen, auf den zahllose größere oder kleinere Mädchenköpfe gezeichnet waren. Alle hatten kurz gelocktes Haar und trugen die gleichen Züge, und unter jedem stand das Wort „Helene" in Blumen- oder Zierschrift. Jetzt warf der junge Mann einen zufriedenen Blick auf seine Leistungen; doch plötzlich horchte er auf, er glaubte ein leises Klopfen gehört zu haben. Eilfertig öffnete er die Thür und stand dem Original seiner Skizzen gegenüber. „Ich wußte, daß Sie heute kommen würden, Fräulein Willford; ich hatte eine untrügliche Ahnung Ihrer Nähe, noch ehe ich Ihr Klopfen hörte," rief er tu freudiger Uebcrraschung. Helene beachtete kaum seine enthusiastischen Worte. „ES ist eine ernste Angelegenheit, die mich hierher führt," begann sie in ihrer schlichten Weise, „eine Angelegenheit, mit der ich Sie nicht belästigen würde, wenn ich nicht von Ihrer Theilnahme für Fräulein Martha Härtung überzeugt wäre.« „Droht ihr irgend eine Gefahr?« „Das gerade nicht. Aber Herr Burgfeld, der frühere Organist, ist nach England zurückgekehrt, um seinen alten Onkel zu Pflegen, Martha-« 580 Sie stockte plötzlich. In ihrem Eifer, der Freundin einen wesentlichen Dienst zu leisten, hatte sie ganz vergessen, daß sie kein Recht habe, deren Geheimniß auszuplaudern. Aber die nächsten Worte des Agenten überzeugten fie, daß ihm das Verhältniß der Liebenden nicht unbekannt sei. „Ich verstehe," versetzte er. „Sie liebt ihn und will jetzt mit ihm in Briefwechsel treten." „Sie will ohne Wissen der Eltern nach England zu ihrer Tante, die ganz in seiner Nähe wohnt, reisen," fiel die junge Dame hastig ein. „Daß sie heimlich reisen will, mißfällt mir, aber sie weiß sehr gut, daß die besorgte Mutter niemals ihre Einwilligung geben wird." Dann wartete sie auf einen Ausruf des Erstaunens, aber vergebens. Im Gegentheil, der Agent nickte beifällig, als ob er dieses Resultat erwartet habe. „Ich komme soeben von ihrem Hause," fuhr Helene unbeirrt fort, „und Martha läßt sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen, aber sie ahnt gar nicht die Schwierigkeiten einer so weiten Reise! Da dachte ich, — wenn ein Freund ihr heute Abend auf dem Bahnhöfe behülflich wäre, vielleicht findet sich ein Mitreisender, sie wäre dann wenigstens nicht ganz allein. Ich würde selbst gehen, aber da sie den Nachtzug benutzt, wage ich nicht, so spät allein auszugehen." „Gewiß nicht! Sie dürfen gar nicht daran denken. Es wird mir eine Freude sein, Ihnen diesen Dienst zu erweisen. Der Schaffner soll mir versprechen, für sie zu sorgen; auch soll er ihr am Hafen behülflich sein. Es ist gerade jetzt die beste Reisezeit, und da wäre es doch ein Wunder, wenn ich nicht Bekannte auf dem Bahnsteig anträfe, die sich der jungen Dame gern annehmen würden. Helene erhob sich. Sie freute sich, daß ihre Freundin nicht ganz verlassen abreisen sollte. „Ich werde morgen Abend zu Ihnen kommen, um Ihnen zu sagen, wie es Ihrer Freundin ergangen ist. Sie sind den ganzen Tag in Anspruch genommen, sonst sollten Sie nicht so lange auf Nachricht warten." „Morgen bin ich verhindert", warf Helene ein, „ich muß Sie also bitten, noch einen Tag länger mit ihrem Besuche zu warten. Aber ich möchte doch gern wissen, ob Martha den rechten Zug benutzt hat." „Gehen Sie nicht morgen um 3 Uhr zu Frau Grüner, oder irre ich mich? Würden Sie mir zürnen, wenn ich Ihnen auf dem Wege begegnete?" Helene erröthete. Sie wollte den jungen Mann nicht gern ermuthigen, aber was sollte Sie thun, um Gewißheit über die Abreise der Freundin zu haben? „Nur für dieses eine Mal", versetzte sie deshalb zögernd, „aber es darf nie wieder geschehen; ich liebe derartige Begegnungen nicht." Der junge Mann verneigte sich. Die kühlen Worte hatten ihn empfindlich verletzt, und auch Helene verließ das Bureau mit dem unbestimmten Gedanken, daß heute ihr richtiges Gefühl sie irre geleitet habe. tz: Dr. Härtung faß auf seinem gewöhnlichen Platz am Frühstückstisch. Unmuthig schaute er auf den leeren Platz an seiner Seite, den sein Liebling noch stets vor ihm eingenommen hatte. „Wo ist Martha?" wandte er sich an feine Gattin. „Ich weiß es nicht. Hedwig, willst Du nicht heraufgehen und zusehen, weshalb Martha heute noch nicht hier ist?" Die also Angeredete blickte wehmüthig auf ihre Tasse dampfenden Kaffee's, doch gehorsam erhob sie sich und verließ das Zimmer. Schon nach wenigen Minuten kehrte sie athemlos und in größter Erregung zurück. „Papa! Papa!" rief sie, bestürzt auf der Schwelle stehen bleibend. „Martha ist nirgends zu finden; ihr Bett steht unberührt — sie ist fort!" Der Arzt sah betroffen im Zimmer umher: kein Wort kam über seine festzusammengepreßten Lippen. Die Mutter und Marie stürzten schnell in Martha's Zimmer, um sich zu überzeugen, ob Hedwig's Aussage sich bestätigte. Auch die Dienstboten eilten bei dieser Nachricht schreckensbleich herbei. Die arme Mutter kehrte bald mit thränenüberströmtem Antlitz zu ihrem Gatten zurück. Sie gab ihm ein Briefchen, welches sie auf. dem Schreibtisch ihrer jüngsten Tochter gefunden hatte. Noch immer saß der alte Herr regungslos da; keine Miene in seinem finstern Antlitz verrieth seine Erregung. Hastig ergriff er den Brief, und mit bebender Stimme las er: „Meine geliebten Eltern! „Ehe Ihr dieses Briefchen findet, bin ich zu weit „von Euch getrennt, um mich einholen oder mir nachweisen zu können. Wenn Ihr auch den Versuch machen „wolltet, mich zur Rückkehr zu bestimmen, so würde es „doch nutzlos sein, denn ich reise nach England zu „meiner Tante." Der Arzt ließ das Schreiben fallen; sein Antlitz war aschfahl geworden, und seine Lippen zuckten. Doch schnell ermannte er sich und las in derselben ruhigen Weise weiter: „Zürnt mir nicht, geliebte Eltern, wenn ich Euch „sage, daß ich mich vor einigen Wochen mit Franz Burgfeld „— diesen Namen trug er hier —, dem früheren Organisten, verlobt habe. Ich weiß jetzt, daß es ein „Unrecht war, diesen Schritt ohne Eure Erlaubniß und „ohne Euer Wissen zu thun, aber ich liebte ihn zu sehr. „Meine Strafe folgt schon jetzt; denn mein geliebter „Franz ist im Hause seines Onkels am Scharlachfieber „gefährlich erkrankt, und ich gehe jetzt hin, um ihn ge- „meinschaftlich mit meiner Tante Pflegen zu helfen. Du „hast Franz in Deinem Hause nie gern gesehen, mein „geliebter Vater, hauptsächlich weil er seiner Stellung „nicht genügte und die übernommenen Pflichten nicht „erfüllen konnte. Daher wagte er auch nicht, offen vor „Dich zu treten, um meine Hand zu erbitten, ehe „er mir eine gesicherte Existenz bieten konnte. Aber „wenn Du ihn erst genauer kennst, dann wirst Du mir „wieder vergeben und wieder mit Liebe Herabblicken auf „Deine unglückliche Tochter Martha." Schweigend gab der Arzt seiner Gattin den Brief zurück; dann nahm er seinen gewohnten Platz am Frühstückstisch wieder ein. Er war plötzlich ein lebensmüder Greis geworden; diese unerwartete Nachricht hatte ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen und ihn um 10 Jahre älter gemacht. Schluchzend verließ die Mutter das Zimmer, gefolgt von Marie, die sich heute zum ersten Male Gewissensbisse machte, den Brief der Schwester gelesen und vernichtet zu haben. Groß war das Erstaunen, als mit Windesschnelle sich die Nachricht in der Stadt verbreitete, daß Martha, ein Liebling Aller, mit dem Ex-Organisten verlobt sei. Kluge Mütter schüttelten bedenklich ihre Häupter und erklärten, daß die gute Frau Dr. Härtung kein wach» sawes Auge auf die Tochter gehabt, daher selbst zu tadeln sei und jetzt allein die Folgen ihrer Pflicht» Vergessenheit zu tragen habe. tFortsetzung folgt.) --.^SSWSS-- Doktor Humor. Biographische Plauderei von Klara Reichner. lNachdriuk «erboten.1 - „Immer heiter, — Gott hilft weiter!" Zu jenen guten Geistern, die als tägliche, willkommene Gäste, ja womöglich ständige Familienglieder in keinem Hause fehlen sollten, gehört vor Allem: Freund Humor! — Gleichviel, ob man so weit gehen will, wie jener Dichter, der behauptet: „wie Du die Welt anblickst, so blickt die Welt Dich wieder an; — lächle, willst Du vergnügt leben, der Lächelnden zu!" — jedenfalls ist sicher und gewiß, daß nichts so leicht und heilsam über gar viele größere und kleinere Widerwärtigkeiten und Sorgen des menschlichen Daseins forthilft, als der gute Genius Humor, und zwar jener freundliche Humor, der tief im Herzen wohnt und aus dem Herzen kommt, der zur rechten Zeit anmuthig zu scherzen, als wohlthätiger Tröster Ernst und Heiterkeit im rechten Maße zu vermischen und im rechten Augenblicke zu erscheinen weiß, doch der nicht taktlos und verletzend, sondern — als liebenswürdiger Vermittler auftretend — versöhnend wirkt. Wie mancher heikeln Angelegenheit wird der schärfste Stachel abgebrochen durch unsern klugen Hausfreund und Hausarzt Humor und sein probates Universalmittel: eine gute Laune! — Wie ansteckend vermag ein herzliches Lachen zu wirken, das aus harmlos-fröhlichem Gemüthe kommt! — Und welchen hohen praktischen Werth besitzt das Lachen! — „Heiterkeit ernährt das Leben!" sagt mit Recht ein italienisches Sprichwort, denn heiteres Lachen versetzt Geist und Körper in wohlthuende Bewegung, befördert den Umlauf des Blutes und sogar — die Verdauung, die um so wichtiger ist, als bekanntlich unsere Stimmungen ja — aus dem Magen kommen! Daß unsere wackeren Vorfahren dies bereits wußten und beherzigten, das heißt just bei Tische vor Allem Heiterkeit und Lachen zu erregen suchten, beweist die große Vorliebe, mit der sie stets den Doktor Humor als Tischgast luden, wie ihre Vorliebe für die lustigen sogenannten „Leber-Reime" und die ehedem so hochgeschätzten, witzigen Narren und Possenreißer, die selbst den allerhöchsten Herrschaften gegenüber mit unbegrenzter „Narrenfreiheit" sich alles Mögliche erlauben durften. — Ebenso haben die Gastronomen, Feinschmecker und Eßkünstler aller Zeiten als bewährtes Mittel, um angenehm und zuträglich zu speisen, nur leichtes, harmloses und heiteres Tischgespräch empfohlen, — dagegen vor ernsten oder gar fatalen und streitbaren Unterhaltungen sehr eindringlich — weil schwerverdaulicher und den Genuß störend — gewarnt! — Uebcrhaupt hat das Lachen schon zu jeder Zeit sehr hoch im Cours gestanden. „Der Tag, welchen wir am meisten als verloren beklagen müssen, ist der, an welchem wir nicht gelacht haben!" meint der gelehrte Franzose Chamfort, und un» zählige Anekdoten rühmen die heilsame Wirkung des Lachens, das selbst Kranke und Sterbende zu neuer Lebens» kraft erweckt schon haben soll. — So erzählt z. B. ein erfahrener deutscher Arzt von einem hohen Würdenträger, daß dieser im Sterben bereits lag und um ihn herum seine habgierige Dienerschaft zu rauben und zu plündern begann. Da setzte sein Affe sich des Herrn Hut auf und verfolgte mit einem Degen die Diebe. Der Todkranke aber lachte und — genas! — „Eine Stunde lachen", sagte auch der große englische Humorist Sterne, „setzt ein Jahr an unsere Lebenszeit," und schlug sogar in allem Ernste vor, das Lacken unter die ärztlichen Heilmittel aufzunehmen, — ein Vorschlag zur Güte, dem hervorragende Aerzte beigestimmt schon haben, wie der berühmte Engländer Thomas Sydenham im 17. Jahrhundert, welcher behauptete, daß in einem Städtchen die Ankunft eines tüchtigen Hanswursts noch einmal so viel werth sei, als die Ankunft von zwanzig mit Medicamenten beladenen Eseln, — ja der renommirte französische Arzt Tifsot will im vorigen Jahrhundert durch Lachen so manche Krankheit curirt, so manchen Inkurabel» zum gesunden Menschen gemacht haben — in Folge der wohlthätigen Erschütterung des Körpers und des Geistes, nebst der damit verbundenen Auffrischung und Aufmunterung der Lebenskraft. Besitzt Doktor Humor, als ältester und berühmtester Verfechter arzneiloser Heilkunde, doch — sogar nach dem Ausspruche medicinischcr Autoritäten — in dem von ihm stets mit Erfolg ordinirten Medikament ein untrügliches Geheim- und Verjüngungsmitkel, das die Gesundheit erhält und das Leben verlängert, indem es alle Triebfedern des Organismus kräftigt und sie neu aufzieht, Herz und Lungen öffnet, — das Blut, die Lebensgeister noch einmal so lustig durch ihre Kanäle treibt, frisch und fröhlich macht und Magen und Zwerchfell zurecht rüttelt und schüttelt. Heiterkeit und gute Laune pflegen deshalb auch stets die allerbesten Zeichen geistiger wie körperlicher Gesundheit zu sein; — außerdem aber hat der Frohsinnige den Vortheil, länger verschont zu bleiben von den äußeren und inneren Spuren des bösen Alters und Alterns, denn Doktor Humors Jugend-Elixir ist zugleich ein kosmetisches Mittel, das nicht nur die ganze Welt und das Leben, sondern auch den Menschen selbst verschönt. Welch' einen traurigen Anblick bietet ein ewiger Grillenfänger, ein Griesgram, Brummbär, ein Murrkopf oder Kopshänger! — „Ein fröhliches Herz erheitert das Angesicht, ein trauriges Gemüth schlägt den Geist nieder; — ein fröhliches Gemüth macht ein blühendes Alter, ein trauriger Geist vertrocknet die Gebeine!" — lehren schon im Buch der Bücher die Wcisheitssprüche Salomonis. — Darum ist auch eine gute Laune, dieses Sonntagskind der Erde, des Menschen bestes Erbtheil und das schönste Geschenk, das die gütige Allmutter Natur ihm zur Begleitung und Ausrüstung für die LcbenSreise mitgeben kann, zugleich aber das bewährte Naturheilmittel gegen allerlei Uebel des Leibes und der Seele, das sie, die vorsorgliche Haushälterin, eigens ersann zu allgemeinem Nutz und Frommen, wirksamer oft für die Oekonomie des Lebens, wie manche bittere Arznei! — „Fröhlicher Muth hilft durch, — was Fröhliche thun, geräth wohl," denn „lachende Heiterkeit wirft auf alle Lebensbahnen Sonnenlicht!" Droht einen bei des Daseins kleinen und großen 582 Nadelstichen auch bisweilen der Humor im Stich zu lassen, — eine gute Laune hilft über Manches fort und ist der beste Blitzableiter bei so manchem häuslichen und andern Uugewitter. — „Nur wer sich recht des Lebens freut, Trügt leichter, was es Schlimmes beut!" lehrt ja der erfahrene, Weltweise Doktor Humor, der mit nachsichtigem Lächeln herabblickt auf die vielen kleinen Thorheiten und thörichten Kleinlichkeiten dieser Welt, und der nicht nur, wenn man vertrauensvoll sich an ihn wendet, der beste Helfer und Tröster in der Noth und Plage täglicher und alltäglicher Misere ist, sondern auch der beliebteste Hausgenosse und Gesellschafter zu sein pflegt, dessen gute Eigenschaften zu den menschlich liebenswürdigsten gehören, und der oft sogar es fertig bringt, selbst der steifleinensten Etiquette, dem langweiligsten Ceremonien ein Schnippchen zu schlagen. Denn steifer Zwang läßt — hemmend und eindämmend — echten, rechten Humor nicht aufkommen, ebenso wenig wie Umnuth und üble Laune fröhliche Gemüthlichkeit um sich dulden wollen, — weder im geselligen noch häuslichen Kreise! — Statt des Herzens wird dann die Galle erregt, — statt Heiterkeit regt Aerger sich, und Friede und Freude nehmen vor den geschworenen Feinden alles äußeren und inneren Wohlbefindens: Verdruß und Unbehaglichkeit, schleunigst Reißaus! — Was nun das berühmte, oft erprobte Recept des Doktor Humor betrifft, so kann Jeder, der die Mühe nicht scheut, sich's selber zubereiten! „So höre denn und gib wohl Acht, Wie man die Heiterkeit braut und macht, — Denn nicht eine jede ist echt und rein, Doch diese hilft bei jeglicher Pein! — Zuerst sieh in's Herz und späh' es recht aus, Und wasch' alle Selbstsucht tüchtig heraus. Daun nimm Geduld und Nachsicht zur Hand Und schüttle es um mit etwas Verstand. Ein Tröpfchen Lethe thu' auch dabei, Es macht von vergangenem Weh' dich frei; — Nicht Leichtsinn, doch leichten Sinn rühre drein, Ein bischen Witz, doch gerieben ganz fein. Viel guten Willen und feste Kraft Und Menschenliebe, die hilft und schafft, Ein wenig Selbstvertrauen und Muth, Bescheidenes Hoffen und ruhiges Blut. — Das Alles rühre zusammen fein, Und nimm es mit reinem Herzen ein, — Und schlägt dies dennoch und kommt nicht zur Nuh', So blicke bittend nach oben dazu! — Du wirst es sehen, dann konimt der Muth, Und alles And're wird wieder gut, — Die Thräne trocknet, die Lippe lacht, Und doch weiß Keiner, wie Du es gemacht!" Und wer's nicht probirt, der ist ein Thor, Sagt stank und frei der Doktor Humor. -- Zur Ehrenrettung des Fuchses. Eine criminalpolitische Studie von Leopold Bauke. Einer ganzen Reihe von Thieren ist erst durch genauere Betrachtung ihrer Lebensgewohnheiten nachträglich die ihnen gebührende Werthschätzung zutheil geworden, man denke nur an den Maulwurf, den Bussard, die Kröte u. s. w. So erfreulich es nun ist, daß diesen Geschöpfen schon in dieser Welt Gerechtigkeit zutheil wird, so erscheint es doch anderseits in hohem Grade einseitig, wenn die Frage, ob man ein Thier zu den schädlichen oder nützlichen rechnen soll, lediglich vom wirthschaftlichen Standpunkte aus erörtert wird. Gewiß ist dieser Gesichtspunkt außerordentlich wichtig, aber ganz allein darf er bei der Beurtheilung der Frage nicht ausschlaggebend sein. Das Gefühl für Gerechtigkeit verlangt vielmehr, daß man das große Allgemeine dabei nicht aus den Augen verliert. Irgendwelche Zweifel daran, daß man sich im letztgenannten Falle auf der richtigen Fährte befindet, können nicht bestehen, so wenig wie man bisher bezweifelt hat, daß die salus xudlioa jedem Einzelinteresse vorangeht. Ein treffendes Beispiel hierfür bietet uns der Storch. Seit einiger Zeit ist man nämlich darauf aufmerksam geworden, daß er schonungslos die Nester nützlicher Böge! plündert, junge Hasen verspeist und ähnliche schändliche Räubereien begeht, die man früher bei seinem gravitätischen, durch Sagen und Märchen geheiligten Wesen gar nicht vermuthete. Infolge dessen hat man ihm vielfach schonungslos den Krieg erklärt. Sollte es sich aber bewahrheiten, was viele Naturbeobachter mit Entschiedenheit behaupten, daß in den storchleeren Gegenden die gefährlichen Kreuzottern sich in unheimlicher Weise vermehren, daß also zwischen diesem Ueberhandnehmen und seinem Verschwinden ein ursächlicher Zusammenhang bestände, so würde es in Zukunft niemand einfallen, den Vertilgungskampf fortzusetzen. Ist nun bei dem Storche die Wahrscheinlichkeit sehr groß, daß er uns in der Vertilgung des schädlichen Gewürms große Dienste leistet, so ist bei dem bestgehaßten Strauchdiebe, dem Fuchse, die Gewißheit vorhanden — nicht etwa, daß er ein nützliches Thier ist, — wohl aber, daß er uns unter Umständen, wie im Nachstehenden bewiesen werden soll, von ganz unberechenbarem Nutzen ist und daß er deshalb wie kein anderer gegenüber dem allgemeinen Verdammungsurtheil den Anspruch auf „mildernde Umstände" hat. DaS Bestreben, Neinecke nach Möglichkeit zu vernichten, ist ja nur zu leicht erklärlich. Wie jedermann weiß, ist er der ärgste Feind von allem jagdbaren Wild, decimirt die Geflügelställe des Landwirths, fischt und krebst „unberechtigt", richtet selbst in Obst- und Weingärten erheblichen Schaden an und begeht sonst noch zahllose Unthaten. Bei dem Kriege, der gegen einen solchen Räuber geführt wird, gelten alle Mittel als erlaubt. Brehm schreibt darüber: „Ncinecke steht jahraus, jahrein im Waldbann und ist vogelfrei, für ihn gibt eS keine Zeit der Hegung, keine Schonung. Man schießt, fängt, vergiftet ihn, gräbt ihn aus seinem sichern Bau und schlägt ihn mit dem gemeinen Knüppel nieder, hetzt ihn zu Tode, holt ihn mit Schraubenziehern aus der Erde heraus, kurz, sucht ihn zu vernichten, wo immer nur möglich und zu jeder Zeit. Wäre er nicht so gescheit und schlau: der Mensch hätte ihn längst vollkommen ausgerottet. Er aber setzt List gegen List und seine Klugheit gegen den Menschenverstand ein und lebt so, trotz aller Befehdung, ungeachtet seiner Vogelfreiheit, sein gemüthliches Waldleben fort." — An einer andern Stelle nennt ihn Brehm den „Erzschelm, Gauner, Strolch und Tagedieb Neinecke". Doch, wie schon vorher bemerkt wurde, die Gerechtigkeit gebietet, daß man nicht lediglich den wirthschaftlichen Schaden, den er anrichtet, entscheiden läßt. Man darf selbst bet einem solchen Bösewichte die guten Seiten nicht übersehen. Da eine solche unbefangene Beurtheilung 583 bisher wohl selten oder überhaupt noch nicht stattgefunden hat, so soll auch einmal eine Lanze für den Uebelbeleu- mundeten eingelegt werden, indem wir seine Lichtseiten gebührend hervorheben. Anlaß zu dieser Ehrenrettung gibt uns der Umstand, daß kürzlich bet Halle der Leichnam einer augenscheinlich gewaltsam umgebrachten Frauensperson durch Füchse aus der Erde gescharrt worden ist. Hoffen wir, daß das Verbrechen seine gerechte Sühne finden wird. Aber sollte auch diese Hoffnung sich nicht erfüllen, sollte sich vielleicht auch nicht mit Genauigkeit feststellen lassen, daß wirklich ein Mord vorliegt, so würde das um keinen Deut die Verdienste Reineckes schmälern, die er sich durch Unterstützung der menschlichen Rechtspflege bisher erworben hat. Wer sich einigermaßen mit dem Studium von Capitalverbrechen befaßt hat, wird gewiß schon die Beobachtung gemacht haben, daß die gewöhnlichsten Arten, einen Menschen beiseite zu bringen, ohne daß ein Verdacht auf den Thäter fällt, folgende drei sind: vergiften, ins Wasser stürzen, im Walde vergraben. Das Beibringen von Gift hat nun die beiden großen Nachtheile, daß die Beschaffung des Giftes regelmäßig auf große Schwierigkeiten stoßt und der Nachweis der Vergiftung noch jahrelang nach der That möglich ist; das Wasser gibt die Todten wieder von sich, ist deshalb also ebenfalls wenig empfehlenswerth; wie erfährt man aber etwas von dem im dunkeln Forst Verscharrten? — Den Ruhm, Neinecke, muß dir dein größter Feind lasse», daß ohne dich die letztgedachte Art die probateste wäre! Man wird sich einen ungefähren Begriff von seiner Nützlichkeit in diesem Punkte machen können, wenn man sich vergegenwärtigt, daß beispielsweise allein in dem Sommex des Jahres 1867 in dem Gebiete der einzigen Provinz Westprenßen durch seine Thätigkeit die Mordthaten von nicht weniger als vier Personen zur Entdeckung gelangten. Ohne ihn würden diese Unmenschen, die jetzt im Zuchthause ihre That sühnen, niemals entdeckt worden sein. Es dürfte nicht ohne Interesse sein, die nähern Umstände im Umrisse mitzutheilen. Die Wittwe Anna Piotrowka lebte in äußerst kümmerlichen Verhältnissen und suchte sich, so gut es ging, als Wirthschaften:: durch die Welt zu schlagen. Hierbei war ihr sehr im Wege, daß sie einen vierjährigen, gutgearteten Knaben besaß, dem sie deshalb eine äußerst lieblose Behandlung zutheil werden ließ. Ihre Abneigung gegen ihr eigenes Kind stieg aufs höchste, als die Aussicht auf eine ihr paffende Heirath mit einem Manne, dem sie die Wirthschaft führte, lediglich an dem Vorhandensein des unglücklichen Geschöpfes scheiterte. Sie stieß verschiedene Drohungen aus, aus denen klar hervorging, daß sie sich der unbequemen Last entledigen wollte; so äußerte sie einmal, sie wolle den Jungen in die Weichsel werfen. Im Juli war das Kind plötzlich verschwunden, und die Ermordung ihres eigenen Kindes würde vielleicht niemals an das Tageslicht gekommen sein, wenn nicht acht Wochen später, im September, Füchse die im Glinker Forste verscharrte Leiche ausgegeben Hütten. Die Piotrowka wurde gefänglich eingezogen und gestand, daß sie den Knaben aus den erwähnten Gründen umgebracht und mit einer Sandschicht bedeckt habe. Laut Urtheil des Thorner Schwurgerichts wurde sie zum Tode verur- theilt, durch allerhöchste Ordre aber zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt. Läßt sich bei Berücksichtigung aller Thatumstände die Unthat psychologisch ohne Schwierigkeit erklären, ja, wird man der Verurtheilten in Anbetracht der ungünstigen socialen Lage trotz der Brutalität ihrer Handlungsweise nicht jegliches Mitgefühl versagen können, so ist der zweite Fall, bei dem die drei andern Personen, und zwar eine Mutter mit zwei erwachsenen Kindern, ihren Ehemann und Stiefvater umbrachten, schon um deswillen viel häßlicher, weil ein Motiv von gleicher Entschuldbar- keit nicht vorhanden war. Der Kätner Jakob Gaidetzka, das unglückliche Opfer des zweiten Falles, besaß eine Kätnerstelle hart am großen Münsterwalder Forste. Seine Frau war in erster Ehe mit einem gewissen Jwanowskt verheirathet gewesen, aus der zwei Kinder, Victoria und Johann, am Leben waren. In der Familie herrschte deshalb viel Streit nndZank, well Victoria I. Mutterfreuden entgegensah und dem Vater dieser Zustand mit Rücksicht auf die kleinen Geschwister ein Dorn im Auge war. Er verlangte daher ihre Entfernung aus dem Haufe, eine Forderung, der seine Frau, die leibliche Mutter, ganz energisch widersprach. Um den Zänkereien anläßlich dieses Streitpunktes ein- für allemal ein Ende zu bereiten, faßte sie im Verein mit den genannten Kindern den entsetzlichen Plan, den unbequemen Nörgler auf immer verstummen zu machen. Wirklich kam denn auch in der Nacht vom 1. zum 2. September das scheußliche Vorhaben zur Ausführung. Um eine Entdeckung der Mordthat unmöglich zu machen, wurde der Leichnam noch in derselben Nacht in den Forst geschafft und dort vergraben. Selbstverständlich erregte das plötzliche Verschwinden des Gaidetzka bei den Nachbarn Aufsehen. Alle Anfragen beantwortete die Frau in Uebereinstimmung mit den Kindern dahin, daß ihr Mann sich in der Frühe des 2. September eines kranken Fußes wegen zum Doktor aufgemacht habe. Wahrscheinlich werde er sich von dort aus zu seinen in der Nähe wohnhaften Eltern begeben haben, weil er bei diesen eine bessere Verpflegung zu finden hoffe. Als nun aber im December der Ehemann immer noch nicht zurückkehrte, da war es nicht wunderbar, daß allerlei die Verbrecher verdächtigende Gerüchte umher- schwirrten. Es wurde daher eine amtliche Untersuchung der Wohnräume des Gaidetzka angeordnet, die natürlich zu keinem Ergebniß führte, weil sämmtliche Spuren der That nach so langer Zeit längst beseitigt waren. Erwähnung verdient hierbei ganz besonders der Umstand, daß die beiden Weiber, Mutter und Tochter, die Untersuchung der Beamten mit Frechheit und Hohnlachen begleiteten. Auch der Winter verging, ohne daß man dem Verbrechen auf die Spur gekommen wäre, und es schien fast, als ob der ruchlos Hingemordete ungerächt bleiben sollte, da, fast neun Monate nach der grausigen That, stieß ein Hirteuknabe, wie es in dem Bericht heißt, „auf eine durch Füchse aufgekratzte Grube, in welcher ein menschlicher Leichnam lag". Durch zweckmäßiges Verhör der kleinen Geschwister wurde der Thatbestand festgestellt und sämmtliche drei Personen durch Schwnrgerichtsurtheil zum Tode verur- theilt. Auch in diesem Falle wurde durch Begnadigung die erkannte Strafe in lebenslängliches Zuchthaus umgewandelt. Diese Thatsachen sprechen mehr als ganze Bände von Lobsprüchen dafür, daß Neinecke gerade durch seine abscheuliche Manier deS Leichenbenagens unschätzbaren Nutzen stiftet. Unwillkürlich fällt einem hierbei eine historische Reminiscenz ein, daß er nämlich durch diese Unart gewissermaßen einen politischen Act von größter Bedeutung für ein ganzes Volk begangen hat: Wer erinnert sich nicht aus seiner Schülerzeit der schaurigen Geschichte, wie der von den Spartanern in den Abgrund gestürzte messenische Held Aristomenes stoisch den Tod erwartete und ganz wunderbarerweise von einem die Leichen aufsuchenden Fuchse — wenn auch wider dessen W.llen — gerettet wurde. Nun wird man vielleicht hiergegen mit Recht den Einwand erheben, daß außer dem Fuchs noch viele andere Thiere dem Menschen beim Auffinden menschlicher Leichname Dienste leisten, also namentlich die große Zahl derer, die gleich ihm Aas annehmen, wie Wildschweine, Krähen u. s. w. Daß diese Aasfresser jedoch einen vergrabenen Leichnam hervorscharren, dürfte kaum zu erweisen sein, jedenfalls ereignet es sich so selten, daß eS kaum in Betracht kommt. Merkwürdigerweise soll vor einiger Zeit in der Nähe von Berlin ein Pferd durch sein seltsames Gebaren zu einer nähern Untersuchung der Umgebung und dadurch zur Auffindung einer vergrabenen Leiche Anlaß gegeben haben, und ein ähnlicher Fall, in dem ein Pferd die Entdeckung einer Blutthat herbeigeführt hat, wird im Archiv für Strafrccht aus dem Jahre 1868 gemeldet. Auch der Hund kann seinem Vetter die Siegespalme nicht streitig machen, da er in Begleitung des Menschen niemals so regelmäßig und häufig die abgelegensten und einsamsten Waldpartieen absuchen kann. Ganz abgesehen hiervon machen sich bei Neinecke viel vitalere Interessen an der Auffindung eines Leichnams geltend, handelt eS sich doch für ihn um einen guten Schmaus. Daher spielt unser treuer Hausgenosse in dieser Hinsicht nur eine untergeordnete Rolle, und sogar von dem Försterhunde muß man daS gleiche sagen. Sein Vorzug liegt mehr in der Begabung, die Spuren eines Vermißten aufzufinden. In den leider so zahlreichen Fällen, wo Forstbeamte vergeblich von den Angehörigen erwartet werden, weil sie heimtückisch von Wilderern erschossen worden sind, leistet er ganz unersetzliche Dienste. Doch liegt es auf der Hand, daß die auf der Erdoberfläche befindliche Leiche bei ihrem Fäulnißgeruch, bei der Anziehungskraft, die sie auf Krähen u. s. w. ausübt, außerordentlich viel leichter von Menschen zu entdecken ist. So bliebe denn dem Fuchs der Ehrenpreis in der Unterstützung der menschlichen Justiz, und zwar gerade bei den allerschwersten Verbrechen. Sollte auch nur in jedem Jahre durchschnittlich ein einziger Fall vorkommen, in dem er einen Mörder dem Henkerbeil überlieferte, so wäre das bei der verhältnißmäßigen Seltenheit derTödtung immerhin eine stattliche Leistung, zumal er durch diese Thätigkeit Manchen von der Begehung einer solchen Unthat abschreckt. Vergegenwärtigt man sich, daß die vorzüglichsten Strafgesetze, die gelehrtesten und erfahrensten Richter doch nicht das Geringste dazu beitragen können, die bisher unbekannte Thatsache eines scheußlichen Verbrechens an das Tageslicht zu bringen, so wird man, wie wir glauben, über seine Schandthaten etwas milder denken, besonders in Anbetracht dessen, daß er ein vorzüglicher Mäusevertilger ist. Ja, eS ist gar kein Grund zur Klage vorhanden, daß es nicht gelingt, ihn gänzlich auszurotten, wie etwa seinen Verwandten, den Wolf; im Gegentheil, die Natur ist hier wieder einmal klüger als der Mensch, indem sie ihm unter den ungünstigsten Verhältnissen noch Lebensbedingungen verschafft hat. Alles in allem genommen wird man also sagen können, daß Meister Neinecke auf den Titel eines der tüchtigsten Hillfsbeamten der Staatsanwaltschaft mit Recht Anspruch hat, obwohl er unbesoldet ist, was übrigens bei der Justiz nicht selten vorkommen soll. (Köln. Ztg.) - - Aus der Marienörncke. Leiser Schauer mich erfaßte, Ms ich auf der Brücke stand. Die da zwischen Erd' und Himmel Schroffe Felsen kühn verband. Drunten durch die tiefen Klüfte Schäumend der Gebirgsbach sprang, Wie ein altes, düst'res Märchen Mir in's Ohr sein Rauschen klang. Stolzes, herrliches Ncuschwanstcin, Deine Zinnen ragen kühn, Lautlos ihren Schöpfer preisend» Ueber Berg und Gauen hin. Seinen kühnsten Träumen lebte Dort der königliche Aar, Und er träumt' sie weltenferne, Erdentrücket manches Jahr. Seine mächt'gen Geistesschwingen Regte er dort wunderbar, Bayern's Volk, wie zum Vermächtniß Sollst du's schauen immerdar. Düst'rcS Märchen, traurig flüsterst Du enipor aus dunkler Kluft: „Finst'rcs Schicksal kam gegangen, Grub dem Hohen früh die Gruft." Eine Alpenrose spät noch An der steilen Bergwand glüht, Unerreichbar für den Wand'rer Einsam oben fie verblüht. So verblühet, so veralühet Einsam oft ein Mcnschenherz, Einsam trägt es tief im Busen All sein Fühlen, seinen Schmerz. Was ich oben hier muß sinnen, Düst'res Märchen, raunest du Mir auf weltenileg'ncn Pfaden Trüb und melancholisch zu. Räthsel. Nimm einem Ungeheuer, Was doppelt ihm gegeben, Bin harmlos nun, im Feuer, So sagt man, kann ich leben. Auflösung des Rösselsprungs in Nr. 73: Arbeiten that ich auch in Schachten, Wo ich kein Gold entkernte, Die aber mir den Bortheil brachten, Daß ich arbeiten lernte. (F. Nückert.) Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 74: Weiß. Schwarz. 1. T. 63-65 T. 68 oder M-V8 (am besten) 2. D. W-bAf- K. L4-V4 3. D. §3-631- K. V4-L4 4 . §2-§3f matt.