HL77. Irettag, den 21. September 1894. Kür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Der Organist. Novelle von C. Borges. (Schluß.) Als die erste Freude vorüber war, singen die beiden Schwestern in Nutze an, Pläne für die Zukunft zu machen. „Du mußt sofort alle Klavierstunden aufgeben", entschied Jda, „ebenso muß der „Organist" seine Stellung kündigend" „Der arme Organist", scherzte Helene, „er wird sich gewiß darüber freuen, denn er hat seine Pflichten stets nur ungern erfüllt." „Gott sei gedankt, die Sorge um das tägliche Brod hat doch nun aufgehört", warf Frau Willford ein, und der tiefe Schatten, der sonst auf ihrem bleichen Antlitz lagerte, war gänzlich verschwunden. „Aber wo soll der Organist bleiben, und waS werden die Leute von ihm denken? Er kann doch nicht plötzlich und auf unaufgeklärte Weise verschwinden", rief Helene sorglos. Sie hatte in ihrem Eifer ihre Worte nicht bedacht und erschrak sichtlich, als die Mutter sich mit einem schweren Seufzer in den Sessel zurücklehnte. „O, Mutter, vergib mir, ich bedachte nicht, waS ich sagte", rief Helene und schlang zärtlich den Arm um den Hals der geliebten Mutter. „Ich weih, mein Kind, Du wolltest nicht absichtlich traurige Erinnerungen in mir erwecken, aber Du ahnst nicht, wie lebhaft mir jene Tranerzeit noch vor Augen steht. Laß uns nicht mehr davon reden, sage mir lieber etwas Näheres von der Erbschaft. Wer erbt noch außer Dir? Du sagtest doch, daß die Hälfte des Vermögens Dir vermacht sei, wer bekommt die andere Hälfte?" „Uns ist die Erbschaft gemacht", verbesserte Helene. „Dann erbt noch sein Adoptivsohn, Oswald Rock." „Oswald? er ist sein Adoptivsohn?" rief Frau Willford in jähem Entsetzen. „Wer ist er? Wo kommt er her? was weißt Du von ihm?" „Gerechter Gott! ich hatte ganz vergessen, daß mein Bruder Oswald hieß. Jetzt — —" Sie stockte. Wie Schuppen fiel es ihr plötzlich von den Augen — sie erinnerte sich der auffallenden Ähnlichkeit des jungen Canadiers, den sie vor längerer Zeit in der Gesellschaft getroffen hatte. Was sollte das bedeuten? „Ich traf einen Herrn Oswald Rock beim Com» merzienrath Laube", sagte sie dann laut, „und Martha sagte mir, es sei der Adoptivsohn des reichen Canadiers; das ist alles, was ich von ihm weiß." Sie fürchtete, in der Gegenwart ihrer leicht erregbaren Mutter, von der auffallenden Ähnlichkeit zu sprechen; aber sie setzte sich auf einen niederen Schemel und bat schmeichelnd: „Willst Du mir nicht die Einzelheiten jenes traurigen Ereignisses erzählen, liebe Mutter? Ich war damals noch so klein, daß ich mich kaum noch der einfachen Thatsache entsinnen kann, und späterhin wurde in meiner Gegenwart nie mehr davon gesprochen." „Es ist wenig davon zu sagen, mein Kind. Ihr Beide — er war ja Dein Zwillingsbrnder — hattet kaum das vierte Lebensjahr überschritten, als eine arme, unbekannte Familie, Enders mit Namen, sich in unserer Gegend niederließ. Niemand kannte sie, aber sie schienen treu und ehrlich; wenigstens erweckten sie keinen Verdacht. Die Frau gewann das Vertrauen unserer Köchin, die sie aus Mitleid in unserer Küche beschäftigte. Der Mann fand Arbeit bei einem Gärtner. Beide schienen unsern lieben, kleinen Oswald sehr gern zu haben. Doch eines Morgens war mein geliebtes Kind plötzlich spurlos verschwunden. Ihr Beide schlieft in meinem Ankleidezimmer, dessen Thür zu meinem Schlafgemach stets offen stand. Wir kamen an jenem Abend erst gegen Mitternacht aus einer Gesellschaft zurück; ich legte meine Diamanten und weine Juwelen aus den Tisch in meinem Ankleidezimmer und überzeugte mich, daß ihr Beide im süßen Schlummer läget. „Ich brauche Dir wohl nicht zu sagen, Helene, daß nichts unversucht blieb, eine Spur von dem verschwundenen Liebling zu entdecken. Dein armer Vater und ich verzweifelten fast vor tiefem Weh.' Endlich fand man sein schwarzes Sammetjäckchen, welches er tagS zuvor getragen hatte, am Rande des Mühlenbaches, der an jener Stelle sehr steil und tief war. Wir mußten annehmen, er sei dort ertrunken, obgleich seine Leiche nicht gefunden und wir nicht begreifen konnten, wie er in der Nacht dorthin gekommen sein könnte. „Die ganze Nachbarschaft befand sich bei der Kunde über dieses Unglück in der größten Aufregung. Niemand achtete darauf, daß seit jenem Schreckenstage die Eheleute Enders ebenfalls spurlos verschwunden waren. Sobald es bekannt wurde, fahndete die Polizei nach diesen Leuten; aber vergebens. Wir nahmen die Hülfe der geschicktesten DetectivS tn Anspruch, versprachen hohe Belohnungen, allein die Leute blieben verschwunden und das Geheimniß unaufgeklärt." „Glaubst Du nicht, Mutter, daß der arme, kleine Knabe während der warmen Sommernacht aufgestanden, sich allein die Thür nach der Terrasse geöffnet habe und nach dem Bach gewandert sei? Er war doch ungewöhnlich groß für sein Alter und spielte oft allein im Garten", warf Jda ein. „Diese Vermuthung wurde in unserer Nachbarschaft wohl angenommen, aber in meinem Herzen stand die Ueberzeugung fest, daß die beiden Enders mit dem Verschwinden des Kleinen tn Verbindung standen." „Wurden zur gleichen Zeit auch Deine Juwelen gestohlen?" forschte die Tochter weiter. „Wahrscheinlich; jedoch bei der großen Unruhe im Hause, besonders aber tn meinem tiefen Schmerze vermißte ich die Kostbarkeiten erst vier Wochen später; jedenfalls waren sie schon lange geraubt." „Sah mein kleiner Bruder mir sehr ähnlich?" fragte Helene in spannender Erwartung. „Du sollst Dich selbst überzeugen." Die Mutter öffnete bet diesen Worten ein goldenes Medaillon, welches sie stets an einem Kettchen um den Hals trug und sich nie davon trennte. Zwei kleine Kindergefichtchen, — ein Knabe und ein Mädchen — hielt sie der erwartungsvollen Tochter entgegen; beide zum Verwechseln ähnlich. Helene hatte noch die wunderbar dunklen Augen, das schwarze Haar wie vor langen Jahren auf jenem Bilde, und diese auffallende Aehnlich- keit hatte sie noch ganz deutlich vor ganz kurzer Zeit bei dem Canadier gesehen. Ein leises Klopfen an der Thür beendete schnell die Unterhaltung, und Frau Willford hatte kaum Zeit, die Bilder fortzulegen, als Martha Härtung, jetzt Lady Merlin, das Zimmer betrat. „Ich bin gekommen, um Ihnen zu der unerwarteten Erbschaft Glück zu wünschen; Sie sehen, ich bin genau davon unterrichtet", begann sie in ihrer herzgewinnenden Weise, der alten Dame beide Hände entgegenstreckend. „Wie konnte sich denn diese Nachricht so schnell verbreiten? Wir wissen sie doch selbst erst wenige Stunden und haben noch mit keinem Mensche« davon gesprochen!" „Mein Gatte las zufällig den Aufruf des Anwalts in der Zeitung und beeilte sich die gewünschte Adresse sofort mitzutheilen." Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen, dann fuhr Martha fort: „Franz erkannte Martha beim ersten Anblick; er hatte sie früher in England gesehen, und es ist ihm schmerzlich, daß sie ihm jetzt absichtlich aus dem Wege geht. Um sich zu überzeugen, sich in der Familie nicht zu irren, schrieb er nach England" — „und hielt Nachforschungen über uns", ergänzte Helene im gereizten Tone. „Sowar's, stimmte die Freundin bei. Das „Resultat seiner Bemühungen war die überraschende Neuigkeit, daß Helene Willford gar keinen Bruder habe. Der Organist an der Pauluskirche muß also eine geheimnißvolle Persönlichkeit sein, die mit den Bewohnern der Nosenvilla tn engem Zusammenhange steht." Wieder trat eine peinliche Stille ein. Frau Willford war leichenblaß geworden und senkte die Augen zu Boden. Jda blickte besorgt auf die Schwester, die allein ihre Ruhe bewahrte. Endlich begann sie: „Du möchtest wohl gern die Lösung des geheimnißvollen Räthsels wissen? Wenn Du einen Augenblick warten willst, so soll der Organist selber kommen und Dir die gewünschte Erklärung geben", mit diesen Worten eilte sie in das Nebenzimmer. Während ihrer Abwesenheit herrschte noch immer tiefes Schweigen. Jedes der Anwesenden blickte in banger Erwartung nach der Thür, die sich bald öffnete, und der Organist trat mit einer tiefen Verbeugung auf Martha zu. Doch erhob er seine schmale, weiße Hand, nahm die entstellende blaue Brille von seinen Augen und blickte lächelnd im Kreise umher. „Helene! Du bist's selber!" rief Helene in freudiger Ueberraschung, während die Mutter und Jda erleichtert aufathmeten, als sei ihnen ein Stein vom Herzen gefallen. „Ja, ich bin's selber und kein Anderer", rief die junge Dame belustigt über das Erstaunen der Freundin aus, „und heute habe ich diese Bekleidung zum letzten Male getragen. Ehe ich dieselbe aber für immer ablege, ist es eine Pflicht der Freundschaft, eine vollgültige Erklärung zu geben." „Ich muß ganz von Anfang beginnen. Du wirst gehört haben, daß bald nach dem Tode meines Vaters der Verkauf unseres Schlosses und der großen Güter erfolgte. Wir waren gänzlich verarmt und entschlossen uns, nach Deutschland zu reisen, wo wir vollständig unbekannt waren. Ich hatte stets mit Vorliebe die Musik betrieben und darin eine vorzügliche Ausbildung genossen. In unserer kleinen Dorskirche spielte ich schon seit Jahren die Orgel, weil unser alter Dorfschullehrer kränklich war und es mir ein großes Vergnügen machte. Ich zweifelte tn meiner Unwissenheit gar. nicht daran, daß es mir in einer großen Stadt gelingen müsse, eine Stelle als Organist zu erhalten, um in dieser Weise für den Unterhalt meiner Lieben zu sorgen. Ich hatte mich getäuscht. An verschiedenen Kirchen bot ich meine Kräfte an; aber ach! man lachte über mich. Der Gedanke, eine Dame als Orgelspieler!» anzustellen, schien ganz unerhört; auch bemerkte ich leider, daß Klavierstunden zu schlecht honorirt wurden, um den Meinigen ein erträgliches Dasein zu verschaffen. Hingegen wurde Herren, deren Leistungen oft noch geringer waren wie die meinen, ein viel höheres Gehalt gezahlt. Was sollte ich da thun? Ich hatte doch nicht allein für mich, sondern auch für meine Mutter und Schwester zu sorgen. Da kam mir der Gedanke, die Rolle meines Bruders zu spielen, der, wenn er gelebt hätte, jetzt an meiner Stelle für unsern Unterhalt gesorgt haben würde. Ich entschloß mich, eine doppelte Existenz zu führen. Die Hälfte des Tages war ich Organist und gab gut bezahlten Unterricht, tn der andern Hälfte war ich einfach Helene Willford, die arme Klavierlehrerin, und auf diese Weise gelang es mir, ein hinreichendes Auskommen zu erhalten. „Um meinen Zweck besser zu erreichen, ließ ich mein langes Haar abschneiden; meine Mutter und Schwester waren mehr darüber entsetzt, als ich selbst. Um ein Erkenne» zu vermeiden trug ich diese entstellende blaue Brille. Als ich in dieser Verkleidung die Stelle als Organist erhalten hatte, suchte ich nach einer entlegenen, 8SS einsamen Wohnung, in der mein Ein» und Ausgehen nicht beachtet werden konnte. Hier, diese einsame Rosen- villa entsprach vollkommen meinen Wünschen. Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, Martha", fuhr das opferfreudige junge Mädchen fort und warf einen zärtlichen Blick auf die geliebte Mutter, «daß ich hier im Hause die größten Hindernisse zu beseitigen hatte. Meine Verkleidung erweckte stets im Herzen meiner Mutter die traurigsteil Erinnerungen, denn die Wunden über den Verlust des Kindes sind noch immer nicht geheilt. Jedesmal, wenn von dem Organisten die Rede war, litt sie unsäglich, und darum vermied ich es so viel wie möglich, mit ihr über meine Thätigkeit zu sprechen. —^ Dein Gatte kannte unsere Familie in England; er mußte wissen, daß wir keinen Bruder hatten, und darum fürchtete ich eine Begegnung mit ihm, wie leicht hätte er sonst dem Pfarrer unsern Betrug aufdecken können!" „Ich muß noch einen wichtigen Punkt hinzufügen, Lady Merlin", wandte Jda ein, sich von ihrem Lager erhebend, „und das ist nämlich das größte Opfer, was Helene für uns gebracht hat. Sie hätte in Reichthum und Ueberfluß in unserer Heimath leben können, wenn sie nur gewollt hätte. Aber sie zog ein mühevolles, arbeitsames Leben einer Heirath ohne Liebe vor, und leider liebte sie nicht den reichen Fremdling, der damals unser Eigenthum erwarb." Als Martha alle Geheimnisse aufgedeckt hatte, schloß sie die Freundin in ihre Arme, und die glücklichen Menschen blieben noch lange beisammen und besprachen Pläne für eine bessere Zukunft. „Du mußt zuerst Deine Stelle als Organist aufgeben, wiewohl Du nur ungern in der Kirche vermißt wirst," entschied Martha. „Ganz bestimmt. Ebenso gebe ich alle Klavierstunden auf. Wie sollen wir aber so schnell einen Nachfolger als Organist finden?" „Franz soll Dich auf kurze Zeit vertreten, natürlich nur so lange, bis wir nach England zurückkehren. Aber wie sonderbar! erst jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen, woher es kam, daß wir Dich nicht in der Kirche sahen! Wie wird Franz sich freuen, wenn ich ihm diese Neuigkeit bringe," scherzte sie dann, „ich sage ihm natürlich Alles und habe gar kein Geheimniß vor ihm," und mit glücklichem Lächeln auf dem Antlitz nahm die Freundin Abschied aus der Rosenvilla. „Mutter," begann Helene, als sie am Abend dieses ereignißretchen TageS ihren gewohnten Platz zu den Füßen der alten Dame eingenommen hatte, „ich habe Dir etwas zu sagen." „Was tst's, mein Kind, hoffentlich nichts Unangenehmes?" „Nicht für mich und gewiß auch nicht für Dich oder Jda," versetzte das junge Mädchen erröthend, «Herr Schellenberg will heute noch kommen, um mit Dir zu sprechen." Die leise gesprochenen Worte und daS heftige Er- röthen sprachen deutlicher als Worte es vermocht hätten, und Frau Willford, die die Neigung ihrer Tochter lange geahnt und großes Vertrauen in den Charakter des jungen Mannes setzte, küßte sie zärtlich, als sie ihr zuflüsterte: „Werde glücklich mit dem Manne Deiner Wahl, mein geliebtes Kind, Du verdienst die Liebe des besten Gatten. Was sagst Du dazu, Jda?" Statt jeder Antwort streckte die Kranke der Schwester ihre Hände entgegen und zog sie fest an sich. Sie fühlte sich unaussprechlich dankbar, daß jetzt alle Noth vorüber und ein neues Leben für die schwergeprüfte Familie beginnen werde. Als am Abend der junge Agent !von seiner Liebe zn Helene mit der Mutter gesprochen, ihre Einwilligung und ihren Segen zn dem Bunde erhalten hatte, war er nicht wenig erstaunt über den wunderbaren Glückswechsel im Leben seiner Geliebten. Zwar war er bitter enttäuscht; denn er hatte gehofft, mit rastlosem Eifer für Helene arbeiten zu dürfen, und jetzt war sie eine reiche Erbin. Nachdem Frau Willford sich zurückgezogen hatte, um sich nach den Aufregungen des Tages endlich Ruhe zu gönnen, deren sie dringend bedurfte, erzählte Jda auf den Wunsch ihrer Schwester alle Einzelheiten von dem räthselhaften Verschwinden des kleinen Bruders vor ungefähr 16 Jahren, und Helene schilderte die auffallende Ähnlichkeit mit ihr und dem jungen Canadier, den Herr Schellenberg damals selbst in der Gesellschaft kennen gelernt hatte. „Wollen Sie mir die Lösung des Räthsels überlassen? Alles, was ausgeforscht werden kann, soll in kürzester Zeit geschehen," versicherte der Agent, bittend zu Jda hinüberblickend. Beide Damen gaben gern ihre Zustimmung, und bewegt nahmen die Liebenden Abschied. Wochen waren vergangen. Frau Willford bewohnte mit ihren Töchtern eines der besten Hotels; sie wollte nicht eher in die alte Heimath zurückkehren, bis einige Veränderungen und alle Vorbereitungen zu ihrem Empfange getroffen waren. „Herr Schellenberg!" meldete in diesem Augenblick der Kellner, und gleich darauf betrat der Agent daS Gemach. Er begrüßte alle Anwesenden, dann flüsterte er leise seiner vor Glück strahlenden Braut ins Ohr: „Er ist unten im Lesezimmer." Dann wandte er sich an Frau Willford, die er bat, ihr einige wichtige Enthüllungen machen zu dürfen, und die alte Dame gab gern ihre Einwilligung. «Ich muß sechzehn Jahre zurückgreifen," begann der Erzähler. „Da kam ein Mann mit Namen EnderS nach England, denn er hatte von Diamanten und Juwelen von unschätzbarem Werthe gehört, die sich im Besitze einer reich begüterten Familie, die im südlichen England wohnte, befänden. Diesem Enders oder Braun, oder Benützer hundert anderer verschiedener Namen, war eS ein Leichtes, mit seiner Frau das Vertrauen der Dienerschaft zu erwerben, so daß beide bald im Schlosse Beschäftigung fanden. Er brachte auch bald in Erfahrung, daß die Herrin des Schlosses diese Kostbarkeiten nach dem Gebrauch in ihrem Ankleidezimmer aufbewahrte. «Der Schurke wartete nun auf eine günstige Gelegenheit. Nach einer Festlichkeit, als alle Bewohner des Schlosses im tiefen Schlafe lagen, schlich er leise in daS ihm bekannte Zimmer, nahm die Juwelen an sich, und gerade im Begriff, daS Zimmer zu verlassen, sah er zu seinem Entsetzen den kleinen vierjährigen Oswald vor sich stehen, der, aus dem Schlafe erwacht, sein Bettchen verlassen hatte und den Bewegungen des Elenden gefolgt war. Hastig ergriff der Schurke ein Jäckchen des Kindes, warf es ihm über den Kopf, um eS am Schreien zu 596 verhindern, und eS auf den Arm nehmend, eilte er mit ihm so schnell wie möglich aus dem Schlosse. Noch in derselben Nacht verließ das saubere Paar England, nachdem zuvor das verrätherifche Kleidungsstück des Kindes in ein Gestrüpp am Mühlenbach geworfen war, um die Nachforschungen auf eine falsche Spur zu leiten. „Die gestohlenen Kostbarkeiten brachten den Elenden keinen Segen. Auf dem Schiffe nach Canada wurden dieselben von einem Mitreisenden geraubt, und von heftigen Gewissensbissen gefoltert, landete der unglückliche Mann im fremden Lande. Er konnte den Anblick des Kindes nicht mehr ertragen; es war ihm eine unerträgliche Last und erinnerte ihn stündlich an seine große Schuld. Um sich seiner zu entledigen, setzte er es in Wtnnipeg aus in der Hoffnung, daß edle Menschen sich des hülflosen Kleinen erbarmen würden. Er hatte sich nicht getäuscht. Ein reicher Farmer, Herr Nock, nahm ihn auf, ließ ihm eine vorzügliche Erziehung geben und vermachte ihm schließlich nach seinem Tode die Hälfte seines bedeutenden Vermögens." Alle diese Einzelheiten hatte Herr Schellenberg von einem Geschäftsfreunde aus Canada erfahren, dessen redlichen Bemühungen es gelungen war, den Elenden aufzufinden und ihm das Geständnis; abzuzwingen. Während dieses ausführlichen Berichtes hatte Frau Willford häufig die Farbe gewechselt; jetzt erhob sie sich hastig und verlangte ihren Sohn zu sehen. Helene hatte sie schon langsam auf diese unerwartete Freude vorbereitet und von der Aehnlichkeit des jungen Fremden gesprochen, aber die Mutter hatte ein solches Glück nicht zu fassen vermocht. Bald darauf drückte sie ihren einzigen, langverlorenen Sohn wieder an ihr stürmisch pochendes Herz; ihr Auge konnte sich nicht satt sehen an den wohlbekannten, theuren Zügen, und sie wollte ihren Liebling nicht wieder aus den Armen lassen, den sie schon seit sechzehn Jahren beweint hatte.- Es war eine glänzende Hochzeit, die nach einigen Monaten in England gefeiert wurde. Glück und Zufriedenheit leuchteten aus Hclcnens Augen, als sie am Arm ihres Gatten nach der feierlichen Handlung das Gotteshaus verließ. Unter den Gästen befanden sich auch Lord und Lady Merlin, die jetzt ein glückliches Leben in England führten, auch Edmund Normann, der Vetter des Ex-Organistcn, der mit Oswald Willford enge Freundschaft geschlossen hatte. Jda hatte an der kirchlichen Feier keinen Antheil nehmen können. Sie lag mit gefalteten Händen auf ihrem Ruhebette uud weinte Thränen des Glückes und der Freude, als sie an das Loos ihrer Schwester dachte, mit der sie treulich alles Leid und alle Freude getheilt hatte. Dr. Härtung lebte in dem Glücke seiner Kinder von Neuem auf. Er verkehrt jetzt gern und häufig mit seinem alten Freund, dem Agenten Schellenberg, der, nachdem ihn sein Sohn verlassen, das Geschäft allein weiter führen muß. Er arbeitet emsiger und sorgsamer wie früher, so daß er es bald zu einer gewissen Blüthe emporbringt. Der alte Pfarrer Härtung versicherte oft im Vertrauen seinem Bruder, er müsse fortan mit der Wahl seiner Organisten vorsichtig sein, da die beiden letzten ihn doch arg betrogen hätten. Er engagirte einen alten, grauhaarigen Mann, von dem er nichts mehr zu fürchten hatte. Die strenge, finstere Marie hatte noch eine stürmische Unterredung mit ihrer Schwester Hedwig, in der ein gewisser unterschlagener Brief das Hauptthema bildete. Sie verlieb bald darauf das Haus ihres Vaters und fand in einem Asyl für weibliche Gefangene als Aufseherin Beschäftigung, wo ihr scharfes Auge und ihre finstern Blicke besser am Platze waren. Hedwig Härtung und Elsa Laube fanden bald ihr Glück in einer eigenen Häuslichkeit; Erstere heirathete bald einen alten Wittwer, dem sie die letzten Lebensjahre erheiterte; Elsa einen jungen Arzt, dessen Reize für die junge Gattin hauptsächlich in der Aehnlichkeit bestanden, die er mit dem Agenten Schellenberg hatte, den sie einst liebte. Frau Willford lebte noch lange Jahre heiter und glücklich im Glück ihrer Kinder. Gerne nahm sie ihre Enkel, zwei prächtige, rothwangige Buben, auf ihren Schooß und erzählte ihnen von dem Organisten in der Nosenvilla — eine Geschichte, welche die Kleinen nicht oft genug hören konnten. -.-S2-U-SS-«- Die letzten Erzfeinde Spaniens und des Christenthums anf den Philippinen. ^Nachdruck verboten.; - Wir laden unsern geneigten Leserkreis ein, uns heute im Geiste nach dem fernsten Osten der Welt zu folgen, nämlich nach dem spanischen Jnselreiche der Philippinen; da diese Inselwelt bei weitem nicht so bekannt ist, als sie es aus verschiedenen Gründen verdient. Die Philippinnen sind ein Perlenkranz der indischen Jnselflur. Was für uns aber einen noch viel höheren Werth hat, das ist die Thatsache, daß dieser großeArchipel, mit Ausnahme der größeren Hälfte der Insel Mindanao, schon seit 200 Jahren fast dem Christentum — der katholischen Kirche gewonnen. Das ist eines von den größten und schönsten Werken der christlichen Civilisation! Die Insel Mindanao nun ist es, wo nochdie „letzten Erzfeinde Spaniens und des Christenthums" Hansen, — und zwar schon dreihundert Jahre lang — zu blutigem Leidwesen Spaniens und der.Glaubensboten; und erst in allerneuester Zeit haben diese Erzfeinde wieder blutige Greuelthaten verübt, — wovon wir später hören werden. Eben diese Unthat hat uns den Archipel der Philippinen und insbesondere die Insel Mindanao wieder in Erinnerung gebracht, und dieser gilt der Haupttheil unserer gegenwärtigen Darstellung (welche nach verschiedenen Berichten älterer und neuer Reisewerke und besonders nach den sachlichen Berichten der Zeitschrift „Die kathol. Missionen" in ihren Jahrgängen 1889, 1890 und 1894 mit kritischer Richtung, verfaßt ist). Der edle Fernando de Magelhaens — aus Portugal — ein zweiter Kolumbus — war es, der in spanischen Diensten unter König Philipp II. im Jahre 1521 nach einer langen und lebensvollen Seefahrt den Archipel entdeckte, welcher nach dem Namen des spanischen Königs „Philipp" den Namen „Philippinen" erhielt. Magelhaens landete zuerst eben an der großen Insel Mindanao, die im Süden des Archipels 597 liegt. Nachdem er vom Schiffe aus mit den Beherrschern Mindanao's mehrere Tage friedliche Verhandlungen gepflogen, stieg er ans Land: das geschah am ersten Ostertage 1521, am 31. März. Damals wohnte an der Südküste Mindanao's, wo Magelhaens landete, noch ein zumeist friedliches Heidenvolk, oder ein solches hatte noch die Herrschaft inne; und so fand der angestaunte fremde Seefahrer eine gar freundliche Aufnahme. Magelhaens pflanzte auf das Zeichen des Christenthums und wurde der erste Glaubensbote auf Mindanao. Die Heiden bezeigten einen swarmen religiösen Sinn, kamen rasch den christlichen Lehren entgegen, und Magelhaens und sein Schiffskaplan durften die größte Hoffnung hegen. Doch, man tritt aus finsterer Mitternacht nicht in den hellen Tag hinein. DaS Unglück kam ganz un- vermuthet und im Niesenschritt. Nur wenige Tage nach der Besitznahme der Insel Mindanao begab sich Magelhaens auf die kleine benachbarte Insel Maktan (oder Matan). Dort aber wollten die Bewohner den fremden Seefahrer nicht landen lassen. Es kam zu einem Kampfe, und in demselben fand Magelhaens seinen Tod, seine Leute aber mußten flüchten. Das geschah am 2 6. April 1521. Das war wohl eiu trauriges, klägliches Ende des großen Seefahrers, aber es besiegelte ein unvergängliches Verdienst. Zur Zeit, als Magelhaens die Philippinen entdeckte, hatte eben die Einwanderung der malayischen Mohammedaner von den Molukken her nach den Philippinen begonnen, und ohne die Entdeckung des Seefahrers Magelhaens und ohne die Eroberung Spaniens wäre dieser ganze Archipel eine Beute der Mohammedaner geworden und für das Christenthum verloren gewesen! Fernando de Magelhaens, der Entdecker der Philippinen selbst, war also der erste Blutzeuge des Evangeliums auf diesem Archipel. Es sind ihrer noch mehrere gefolgt. So friedlich auch auf den meisten der Inseln das Bekehrnngswerk verlaufen, so leicht und glatt wie die Sache von Manchen dargestellt worden) ging es denn doch nicht. Noch in dem Zeitraume von 1625 bis 1684 kostete das Christianistrungswerk, abgesehen von Mindanao, manches kostbare Leben; wir nennen nur die Blutzeugen k. Alphons Garcia, k. Damiani Peres und den Laienbruder Onuphrius. Die spanische Regierung konnte nicht sofort die Entdeckung des - Jnselreiches in, dem Grade sich zu Nutzen machen, als sie es wünschte, weil sie mit Portugal in Krieg verwickelt ward. Auch fehlte es an geschickter Leitung der Unternehmungen. Bis das EroberungS- und das Missionswerk mit Energie und glücklichem Erfolge betrieben werden konnte, waren bereits die sechziger Jahre des Jahrhunderts angebrochen. Im Missionswerk arbeiteten mit heiligem Eifer und reichem Erfolge die Augustiner, Dominikaner, Franziskaner und die Väter Jesu. — Bevor .wir nun den weiter» Verlauf des christlichen CivilisationSwerkes und der politischen Situation besprechen, wird es geboten sein, das Wissenswertheste über Land und Leute vorzuführen. Der Archipel Philippinen bildet mit Japan gleichsam die äußerste Vormauer des asiatischen Festlandes gegen den stillen Ocean. In einem Doppelbogen, der sich fast in der Mitte der Hauptinsel Luzon (oder Manila) vereinigt, schließen die Philippinen mit Formosa das chinesische Meer nach Osten hin ab. Zu dem nördlichen Theile dieses Doppelbogens gehört nur die nördliche Hälfte der Insel Luzon; zv dem südlichen Theile gehören: das südliche Luzon, die Inseln Samar, Letzte, die Surigao-Gruppe und die große Insel Mindanao. Von dem mittleren Theile Luzons aus erstreckt sich bis zur Nordspitzc Borneos eine weitere Reihesvon Inseln: Mindoro, Calamiani und die lange Insel Palawan. Die Inseln Basilian Sulu (oder Jolo) und die Tawi-Tawigruppe schließen den Archipel im Süden von Mindanao nach Borneo hin ab, und der durch sie abgegrenzte Theil des Meeres wird die Min- dorosee genannt. Im östlichen Theile der Mindoro-See, zwischen Mindoro und Mindanao, sind die Inseln Tablas, Mas- bate, Panay, Guimaras, dos Negros, Cebu und Bajol. Als die bedeutendsten der Inseln sind angeführt: Luzon, Mindanao, Mindoro, Samar, Letzte, dos Negros und Cebu; doch gehört in diese Reihe wohl auch die Insel Panay, deren Bevölkerung schon vor bereits 20 Jahren (1874) auf 1,052,586 Seelen angegeben worden. Manche der vorgenannten Inseln haben nicht die Hälfte. So hatte eben im Jahre 1874 die Insel Cebu, die auch zu den 12 großen Inseln gezählt wird, nur 427,356 Einwohner. Der Gesammt-Flächeninhalt der Philippinen umfaßt 170 585 glrm. DaS ist schon ein respektabler Raum, und ihn auszufüllen gehört, vergleichsweise, der Flächeninhalt von ganz Süddeutschland und von Königreich Sachsen dazu, dann noch jener der Großherzog- thümer Mecklenburg-Schwerin und Oldenburg und des Herzogthums Altenburg; und dann hätte immer noch ein Duodezfürstenthum in diesem Raume gemächlich Platz. Die Gesammtzahl der Inseln wird auf 1200 geschätzt. Wir haben schon gesagt, daß die Pilippinen einen Pcrlenkranz der indischen Jnsclflur bilden. Alle, welche dieses Jnselreich näher kennen gelernt haben, alte und neue Forscher und Missionäre, sind darüber voll des Lobes und nennen es „eine Art Paradies". Nach ihren verschiedenen Schilderungen darf ich wohl folgendes Bild skizziren: Länder und Ländchen umschlungen von smaragdenen Meereswogen, nmwölbt von azurblauem Firmamente voll ganz eigenthümlicher Sternenpracht, Sonne und Mond von unvergleichlichem Silberschein und Goldglanz; Alles immer in herrlicher Grüne,— Wiesen, Bäume und Wälder; Blumen, Schmetterlinge, Vögel von entzückender Farbenpracht; in immerwährendem Blüthenschmuck die tropischen Fruchtbäume und — zugleich doch Früchte tragend; ein Boden — fabelhaft fruchtbar —, zwei, ja nicht selten drei Ernten in einem Jahre, dazu noch wildwachsende Nährpflanzen; reiche Wälder, voll des seltenen Edelholzes. Berge und Thäler voll Flüsse, Bäche und Seen;, die Wälder voll Wild, die vielen Gewässer voll Fische; überall Leben und Lichtglanz, ewiger Frühling und Sommer zugleich, und selbst ein Klima wilder Zone:daS ist das Jnselreich Philippinen! Dock unterm gold'ncn Sternenzelt Ist keine ütclfreie Welt! Auf diesem paradiesischen Jnselreich haust das entsetzliche Erdbeben und der furchtbare Cyklon (Wirbelsturm). Die Bevölkerung dieses Archipels besteht aus den Nachkommen vor Jahrhunderten bereits eingewanderter Malayen verschiedener Stämme und Zweige. Die Spanier bezeichnen sie als: 1) die Visatza's (Bissatzas) die intelligentesten der Malayen — die „alten Christen"; 5SS 2)die Moros, mohammedanische Malayen; 3)Jnfi8les, noch heidnische Malayen, darunter noch fast ganz wilde Stämme; endlich 4) daS Urvolk, die Mamaua's, Schwarze, von kleiner Gestalt; daher von den Spaniern NegrilloS geheißen, sonst Negritos benannt. Es sind ein Zweig der Papua. Von den Malayen zurück in die Gebirge gedrängt, sind sie noch heute ohne alle Kultur. Es sind ihrer nur noch wenige Tausend. Die Gesammtzahl der Einwohner ist verschieden angegeben, von 6*/z Millionen bis auf 7*/g Millionen. Immerhin ist dieser Archipel bei seiner Raumgröße und seiner mächtigen Fruchtbarkeit zu gering bevölkert, wenn man bedenkt, daß jener deutsche Staatenkomplex, der die gleiche Größe wie dieser Archipel hat, mehr als noch einmal so viel Einwohner zählt. Die Gesammtzahl der Katholiken betrug im Jahre 1880 5^/z Millionen, heute wohl 6 Millionen. Somit hat dieses Jnselreich mehr Katholiken als ganz China, Vorder- und Hinterindien und Japan zusammen. Ja, das ist ein großartiges Missionswerk. Der Charakter dieses Jnselvolkes ist seiner großen Mehrheit nach ein friedlicher und gutmüthiger, sonst wäre dieses christliche Civilisationswerk, wie es heute dasteht, nicht möglich gewesen. Nur auf der Insel Mindanao fand die Predigt des Evangeliums und das Kultnrwerk der Spanier einen hartnäckigen und blutigen Widerstand, und heute noch lebt ein großer Theil feiner trotzigen und gefährlichen Erzfeinde; es sind eben die Moros und einige noch wilde Heidenstämme. Diese alle waren von jeher Piraten, und sind es noch, und haben als solche den Spaniern und den eingeborenen Christen, sowie den Missionären unendlich viel Leid gebracht. Trotz ihres Widerstandes aber und trotz aller Gefahr haben die wüthigen Glaubensboten endlich auch festen Fuß auf Mindanao gefaßt. Es waren die Vater Jesu, die 1581 nach Mindanao kamen. Ihre heldenmüthige Stand- haftigkeit hat auch reichlich Martyrerblut gekostet. Es fielen unter Andern als Opfer des heiligen Glaubens die Patres: Del Caprio, Zamora, Mendoza, SancheS, AresiuS, Paliol, Ronek, Damiani, Lopez und Mantiel. (Schluß folgt.) -- Der Gerichtsvollzieher. Eine Erzählung aus der Residenz von Robert von Hageyj lNachdruS vervolm.1 Ich trank mein Glas Bier; an demselben Tische saß der Gerichtsvollzieher Meißel, dessen werthe Bekanntschaft ich glücklicherweise nicht in meiner Wohnung, sondern seinerzeit zufällig in meiner Stammkneipe gemacht hatte. „Nun, das will ich Ihnen gern glauben," bestätigte ich seine diesbezügliche Aeußerung, „daß das Amt eines Gerichtsvollziehers wohl auch recht viele Schattenseiten auszuweisen haben dürfte. Ich für meine Person zum Beispiel, ich taugte wahrlich nicht dazu; mich würde das immerwährende Schauen des immensen Elendes, welches sich täglich vor Ihren Augen entrollt, weich stimmen, und ich würde meines Amtes wohl so nachsichtig walten, daß möglicherweise schnell ein Kollege kommen müßte, bei mir selbst die gewissen ominösen „blauen Dingerchen" anzukleben." „Ja, ja," erwiderte der Gerichtsvollzieher Meißel, „manchmal weiß man thatsächlich nicht, wie man'S recht thun soll — und die Humanität, die man zeitweilig an den Tag legt, wird oft schlecht gelohnt. Nimmt man Rücksicht auf die Leute und kommt, um ihnen das Berede und Gerede im Hause und der Nachbarschaft zu ersparen, nicht uniformirt, so ist man dem ausgesetzt, wie mir dies bereits vorgekommen ist, daß man grob angegangen wird und es heißt: „Ich habe mit Ihnen nichts zu thun; wenn Sie Gerichtsvollzieher sind, so kommen Sie vorschriftsmäßig in Uniform l" Und andere jammern wieder, wenn man in Uniform kommt: „Mein Gatt, mein Gott, welche Blamage, welche Schande für uns im ganzen Hause! Bei uus hat noch nie ein Gerichtsvollzieher etwas zu thun gehabt, und nun haben alle Leute gesehen, daß ein solcher zu uns kam; unser ganzer Geschäftsruf ist verloren!" — Im übrigen," setzte Herr Meißel fort, „sieht uns jeder, gegen den wir einschreiten müssen, als seinen natürlichen Feind an, obwohl ich Sie versichern kann, daß es mir oft das Herz abpreßt, wenn ein hartherziger Gläubiger darauf dringt, armen, oft unverschuldet ins Unglück gerathenen Leuten ihr Letztes abzu- pfünden und hin nach der Pfandkammer schaffen zu lassen. Ja, ja, ich gebe Ihnen mein Wort, oft kämpft Gerichtsvollzieher und Mensch in einer Person vereint einen harten Kampf mit sich selbst." Obwohl im allgemeinen auch kein besonderer Freund von Leuten, welche, wenn auch amtliche, so doch immerhin Unglücks-Boten und -Vollzieher sind und die sich für ihre Unglücksbotschaft noch obendrein gut bezahlen lassen, so machte ich doch bei Meißel eine Ausnahme; kannte ich ihn doch bereits längere Zeit und hatte er doch in der ganzen Umgegend den Ruf eines pflichtgetreuen, aber äußerst humanen Mannes. „Kellner, bringen Sie mir noch einen Schoppen!" rief Herr Meißel, „und dann heißt's den Heimweg antreten ; ich habe heute ganz außergewöhnliche fünf Sonntagsgäste zum Mittagessen geladen, na, und da will ich pünktlich zur Stelle sein, um sie würdig zu empfangen." „Ei, ei, wohl recht feine Herrschaften d" „Na, gar so arg ist's nicht, obwohl vor etwa zwei Jahren sie noch auf Gummirädern gefahren sind; nun, heute benutzen sie allerdings ihre eigenen Gehvorrich- tungen." „Sie machen mich neugierig; wenn es nicht unbescheiden wäre und keine Geheimnisse zu wahren sind, würde ich Sie bitten, mir etwas über Ihre seltenen Gäste mitzutheilen; Sie wissen, mich als Schriftsteller interessiren stets solche Geschichten aus dem Volks- und großstädtischen Leben und Treiben." „Gut. Ich habe noch so ein Dreiviertelstündchen Zeit," sagte Herr Meißel, auf die Uhr blickend, «und will Ihnen die Sache kurz erzählen." Noch zwei „Echte" mußte der Kellner bringen, und dann hörte ich aufmerksam zu. „Wir waren nur zwei Geschwister," hob Herr Meißel an, „ich und meine Schwester Louise. Unsere Mutter war zeitig gestorben. Mein Vater, ein kleiner Steuer- beamter mit einem ebenso kleinen Gehalt, wendete aber alles auf, um uns Kindern eine gute Erziehung zutheil werden zu lassen. Als meine Schwester größer wurde, führte sie die kleine Wirthschaft, indeß ich Kommis in einem Engros-Geschäft war und von meinem Sold tüchtig zur Wirthschaft beisteuerte. Da kam das Jahr 1870, und als militärpflichtig wurde ich dem 7. Infanterie-Regiment einverleibt; ich wurde bald Unteroffizier, und daß ich, in SS» zweierlei Tuch steckend, wohl auch meine Schuldigkeit gethan habe, beweist dies schwarz-weiße Bündchen, zu dem ein eisernes Kreuz gehört, welches ich für Grave- lotte bekam. Zu Ende des Feldzuges, der mir im übrigen auch eine angekochte Bohne in das rechte Betn eintrug, war ich Feldwebel und blieb mit meinem Regiment bei der Besatzungsarmee unter General von Man- teuffel und kam dann später nach Straßburg in Garnison. Hier überraschte mich im Jahre 1873 die Nachricht von der Heirath meiner Schwester Louise mit dem Bankier Ernst Manfred, Firma Manfred L Soling. Ich gratu- ltrte meiner Schwester und dem unbekannten Schwager zu diesem stattgehabten Ereigniß, erwähnte aber mit keiner Silbe, wie schmerzlich es mich berührt hatte, daß man es nicht der Mühe werth gehalten, wich zur Hochzeit einzuladen. Ich erkrankte bald darauf an Gelenkrheumatismus, und die Folge war, daß ich ein Jahr später um den Abschied vom Militärdienst einkam. Als ich in die Wohnung meines alten Vaters trat, da stürzte er weinend an meine Brust und küßte mich stürmisch. „Endlich, endlich," rief er, „bin ich nicht mehr so ganz und gar allein, endlich weiß ich wieder, daß ich ein Kind habe!" „Und Schwester Louise? Was ist's mit der?" „Die?" sagte er schmerzlich bewegt, „die ist eine große, stolze Dame geworden — steh', sieh' her!" — und der gute alte Mann nahm seinen schwarzen Sonntagsrock aus dem Schrank. „Hier, siehst Du diese Straßenkothflecke, mit denen der Rock übersäet ist? Nun, ich will Dir sagen, wo sie herrühren und warum ich sie bis jetzt noch nicht entfernte: Sonntag vor acht Tagen, da machte ich einen kleinen Spaziergang im Thiergarten; da kam plötzlich eine prächtige, mit galonnirten Dienern bespickte Equipage angesaust; ich wollte noch den Damm überschreiten, aber vorsichtshalber blieb ich im letzten Momente dennoch stehen. Die Equipage sauste hart an mir vorüber, die Rüder aber hatten mich über und über mit Koth bespritzt. Der Herr und die Dame sahen mich an; der Herr machte ein gleichgültiges blasirteS Gesicht, die Dame verzog das ihre zn einem freundlich sein sollenden Lächeln und nickte mir fast unmerklich einen leichten Gruß zu. Nun, Emil, weißt Du, wer diese Dame war? Louise war's! Deine Schwester — meine Tochter!" „Vater, das kann nicht sein. Du wirst Dich getäuscht haben I Louise kann nimmermehr so undankbar geworden sein; sicherlich hätte sie halten lassen und Dir einen Platz im Wagen angeboten!" erwiderte ich ihm. „Nein, nein, ich habe mich nicht getäuscht. Im übrigen hat sie sich seit ihrer Verheiratung höchstens Vier- ibis fünfmal bei mir sehen lassen. Sie behauptet, das Treppensteigen bekomme ihr nicht, und so oft ich in der prachtvollen Villa in der Thiergartenstraße vorsprach, war immer entweder große Gesellschaft da und ich konnte nicht empfangen werden, oder — die Herrschaft war ausgefahren, am Lande, oder in Baden-Baden oder Ems." Ich tröstete meinen Vater und sagte ihm, daß ich nach erhaltenem Abschied Aussicht auf eine gute Staats- Zivil-Stellung und in Straßburg ein Schätzlein hätte, dasselbe nach Berlin holen und heirathen werde, und daß wir dann „vorläufig zu Dreien" zusammen wirthschaften würden, worüber er ganz glücklich war. Nächsten Hags konnte ich es denn doch nicht unterlassen, meine Schwester aufzusuchen. Ich bürstete meine Uniform recht proper und blank und begab mich nach ihrer Herrschaft« lichen Wohnung im Thtergartenviertel. „Melden Sie den Feldwebel Meißel," sagte ich zu einem Lasten von Bedienten, der mit seiner glattrasirten Visage einem brasilianischen Affen nicht unähnlich sah. „Die gnädige Frau läßt sich nicht von jedermann sprechen," sagte er hochfahrend. „Sie sind wohl vom Herrn Oberstleutnant von Naßmeyer geschickt? He?" so näselte der Kerl. „Ich bin von gar niemand geschickt," erwiderte ich ärgerlich; „ich bin der Bruder von Frau Manfred, hat Er verstanden, Er Lümmel Er?" Das wirkte. Er machte mir für den Lümmel noch extra eine Verbeugung und meldete mich an. „Ah, sieh' da, Du bist's, Emil? Na, daS freut mich. Aber sag' 'mal in des Himmels Namen, wie konntest Du nur in Uniform kommen? Was braucht die Dienerschaft zu wissen, daß mein Bruder nur Feldwebel ist? — Man fragte mich einmal, und da erzählte ich, ich hätte einen Bruder, der Offizier sei; nun hast Du mich aber in eine schöne Verlegenheit gebracht!" „DaS geschieht Dir ganz recht, Louise," erwiderte ich ihr; „zu was denn diese Lügen, zu welchem Zwecke diese Aufschneiderei?" Ich nahm mir nun kein Blatt mehr vor den Mund und tadelte heftig ihre Undankbarkeit gegen unseren Vater, und das Ende vom Liede war, daß ich sie mit den Worten verließ: „Frau Manfred, wir kennen uns nicht mehr. Adieu! Auf Nimmerwiedersehen!" Wer weiß, ob meine brüderliche Liebe es mit der Zeit zugegeben hätte, Wort zu halten, aber eine Szene, welche ich mit anzuhören Gelegenheit hatte, als ich draußen im Vor- saal meinen Mantel anzog, befestigte mich nur noch mehr in meinem Entschluß. An mir vorüber stürzte nämlich ein noch ziemlich junger Mann, den ich der erhaltenen Beschreibung nach sofort als meinen mir persönlich unbekannten Schwager rekognoszirte. Sein Blick streifte mich nur leicht, aber keineswegs wohlwollend. Er schien sehr erregt und betrat eilends das Zimmer meiner Schwester, welches ich eben verlassen hatte. Gleich darauf hörte ich lauten Wortwechsel: „Hab' ich nicht schon genügend gesellschaftliche Blamage wegen Deiner mangelhaften Bildung? Läßt Du mir nun auch noch Deine lieben Verwandten ins Haus kommen? Die Fenster auf, daß dieser Kaserneuduft verschwindet! Und noch Eines will ich Dir sagen: dieser fürchterliche Aufwand tu Kleidern, Schmuck, Haushalt und so weiter kann nicht länger dauern! Sieh' hier diese Zeitung, welche ich mit Füßen trete, sie bringt die Nachricht, daß das Haus Konrad Söhne Fällst gemacht hat. Das bedeutet für unsere Firma einen Verlust von einigen Hunderttausenden Mark! Wir gehen dem Ruin entgegen —" Ich wollte nicht den Horcher spielen und verließ die prachtvolle Villa der Thiergartenstraße. Es schien nicht so schlimm zu stehen mit der Firma Manfred L Comp., denn man hörte nichts Nachteiliges. Jahre vergingen. Ich hatte mittlerweile meine kleine Elsässerin geheiratet und bereits einen „kleinen Meißel" als Stammhalter; da las ich endlich doch in den Zeitungen von dem Sturz des Bankhauses „Manfred 8e Soling". Mein Vater grämte sich darüber, ich aber sagte: „Ja, ja, Hochmuth kommt vor dem Fall!" Ich hörte dann wieder eine Zeit lang nichts von meiner Schwester, endlich aber, daß sie mit ihrem Manne unter 60V höchst bescheidenen Verhältnissen draußen in Moabit wohnte und daß aus dem stolzen Bankier ein Holz- und Kohlen- und Feuerversicherungsagent geworden war. — Als mit der neuen Gerichtsordnung das Institut der Gerichtsvollzieher an Stelle der Exekutoren ins Leben gerufen wurde, meldete ich mich zur Prüfung und bekam Anstellung. Wie vom Blitz getroffen war ich vor etlichen Wochen, als ich unter anderem auch einen Auftrag auf Siegelung in Höhe von 640 Mark „in Sachen Seiffart contra, Manfred und Frau" zugestellt bekam. Welch' seltsame Fügung! Gepreßten Herzens begab ich mich in Zivil hinaus nach Moabit, nach der X . . .- straße Nr. ... — Zwei reizende, blondgelockte Knaben spielten vor dem Hause. Betroffen betrachtete ich sie eine Weile, dann fragte ich sie: „Wohnen in diesem Hause Herr und Frau Manfred?" „Ja, mein Herr," erwiderte der eine sehr höflich, „das ist mein Papa und meine liebe Mama; sie sind beide zu Hause, drei Treppen, links." Ich konnte mich nicht halten; ich nahm den Blondkopf des Knaben in meine Hände und drückte ihm einen Kuß auf die Stirn, dann stieg ich die drei Etagen aufwärts. Ein etwa sechsjähriges Mädchen, welches den Jnngens da unten aufs Haar ähnlich sah, öffnete und ließ mich ein. Auf mein Pochen ertönte ein zagendes, unbestimmtes „Herein", und in die Stube tretend, gewahrte ich meine Schwester am Fenster sitzend über eine Nähmaschine gebückt, emsig arbeitend. Der frühere Bankier Manfred aber saß an einem Tisch und — schrieb Manuskripte ab. Meine Schwester schien mich nicht gleich zu erkennen. „Ich komme in Sachen Seiffart contra, Manfred und Frau," sagte ich laut; „Objekt 640 Mark und die Kosten. Können Sie bezahlen? Ich bin der Gerichtsvollzieher Meißel." Meine Schwester sprang erschrocken auf und starrte mich an; ich aber that alles Mögliche, um, so lange es ging, hart zu bleiben. „Es giebt Leute," sagte ich mit Ausdruck, „die Uniformen, auch Feldwebelunisormen absolut nicht leiden mögen, geschweige denn Gcrichtsuniform; deshalb bin ich in Zivil gekommen!" „Emil! Emil! Mein Bruder!" rief Louise und stürzte auf mich zu; „in solchem Augenblicke müssen wir uns wiedersehen?" Ich blieb kalt. „Herr Manfred, können Sie bezahlen?" fragte ich nochmals, „sonst muß ich an die Möbel rc. Siegel anlegen." Da stürzten plötzlich die beiden blonden Jungens ins Zimmer und riefen: „Ach, da ist ja der Herr, der uns nach Papa und Mama gefragt hat l Mama," fragte der Kleinere, „wer ist denn dieser Herr?" „Es ist Euer Onkel, Onkel Emil!" „Onkel Emil? Der Offizier, von dem Du uns immer erzählt hast? Warum hat er denn keinen Säbel?" Louise erröthete, indeß die beiden Jungens auf mich hinaufklettert« und riefen: „Ach, lieber Onkel, Du mußt uns exerziren lernen." Auch das kleine Mädchen kam heran und sagte, einen Knicks machend: „Guten Tag, lieber Onkel, ich heiße Lieschen!" „Und nun frage ich Sie," sagte Herr Meißel zu mir, „unter solchen Umständen hätte ich jetzt meine Schachtel mit den „blauen Dingerchen" hervorziehen und pfänden und versiegeln sollen? Nein, das konnte ich nicht, das vermochte ich nicht. Ich war entwaffnet, war versöhnt. Ich umarmte meine so schwer gedemüthigte Schwester und gab dem beschämt dastehenden Schwager die Hand." Der Kläger Seiffart erhielt am nächsten Tage seine 640 Mark. Von wem? Nun, das ist Nebensache! Kosten sind nicht viel entstanden. Und nun, mein Herr," so schloß der brave Gerichtsvollzieher, „können Sie sich wohl denken, wer jene fünf Gäste sind, die ich heute zu Mittag habe. Es ist die höchste Zeit, daß ich gehe; der alte Papa lugt gewiß schon aus dem Fenster, ob endlich alle seine Kinder kommen! Nun, Gott befohlen!" Allerlei. In Kufstein steht an einem Bäckerhaus an der Straße nach Sparchen folgender Vers: Früh eh' der Lag noch graut, Morgens wenn die Erde thaut, Müssen Bäcker wachen, Brod und Semmel dachen; Dies wär' eine feine Kunst, Hätten sie das Mehl umsonst. » Doppelsinnig. Erzieherin: „Was? Mit dem Kinderwagen soll ich durch die Stadt fahren? Und vier Kinder d'rin! Das thu' ich nicht! Das hätten Sie mir auch beim Antritt sagen müssen!" — Dame: „Ich sagte Ihnen ja, die Kinder wären schwer zu ziehen!" » Das gelobte Land. Gatte swüthendj: „Wieder ein neues Kleid! O, ich wollte, Du wärest in Kamerun!" — Gattin: „Warum denn?" — Gatte: „Da lamentiren die Frauen niemals, daß sie nichts anzuziehen hätten!" » Passende Gelegenheit. „Du, Sepp,heut' woll'n wir 'nein in die Stadt und den Nazi phoiographir'n lassen, weil ich ihn heut' gerad' g'waschen hab'!" . .> Näthselhafte Inschrift. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 76: Weiß. Schwarz. 1. K. §2-83 : -s- K. 82-83 (siebe a) 2. L. 84-86 : T. 88-86: -f- (siehe b) 3. S. 66-84 -i- K. 83-84 (siehe o) 4. T. L2-82 -t- K- 84-65 5. T. 82-85 ch ^Varianten: L) 1. K. 82-8(6)1 2. T. L2-L1 -s- K. 8(6)1-82 - 3. L. 84-63 -t- K. 82—83 4. T. L.1-81 oder S. 66-84 ch b) sonst S. 66 - 84 H o) zieht Schwarz beim dritten Zuge T. 86—84:-s-, so folgt Weiß K. 83—84: und beim 5. Zuge setzt T. L2—82 matt. --MM--