zrn „Augsburger Postzeitung". ^L78. Dinstag, den 25. September 1894. ssür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Berlag des Literariichen Instituts von Haas sc Grabherr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler). Die Werte des Kaufes. Erzählung von C. Borges. (Nachdruck verboten ) 1. Kapitel. In einem jener herrlichen, von waldbedcckten Hügeln umsäumten Thäler, wie sie die Nachbarländer der Vo- gesen vielfach ausweisen, lag ein einsames, weinbekränztes Landhaus. Der kleine Wohnsitz war seit länger als einem Jahrhundert Eigenthum der reich begüterten stolzen Familie von Reck gewesen; doch der letzte Sprosse hatte es in unglaublich schneller Zeit verstanden, nicht allein die umliegenden Güter mit schweren Schulden zu belasten, sondern auch sich selbst und seine einzige Tochter Melitta gänzlich an den Bettelstab zu bringen. Doch der leichtsinnige Edelmann sollte die Folgen seiner Verschwendung nicht lange tragen; ein Sturz vom Pferde machte inmitten eines Jagdvergnügens seinem Leben ein jähes Ende, seine Tochter fast in Dürftigkeit zurücklassend. — Jetzt stand sie anmuthig und stolz zugleich im Arbeitszimmer ihres verstorbenen Vaters, obwohl sie so arm war, daß sie nicht einmal die behagliche Einrichtung des Hauses ihr Eigen nennen durfte, das sie von Kindheit an bewohnt hatte. An den Lisch gelehnt schaute sie mit thränenlosen, tiefliegenden Augen auf die zahllose Menge von Rechnungen, uneingelösten Schuldscheinen und anderen Papieren, die der alte Anwalt Schierick mit musterhafter Geduld geordnet und sorgfältig zusammengelegt hatte. „Ich bin selbst ganz rathlos, Fräulein Melitta," gestand endlich der alte Herr, „und ich sehe augenblicklich gar keinen anderen Ausweg aus diesen unerquicklichen Verhältnissen, als den Vorschlag Ihrer Tante, Frau von Reinberg, anzunehmen. Es war der letzte Wunsch Ihres sterbenden Vaters, daß Sie bei seiner Stiefschwester bleiben sollten, und nach ihrem Briefe zu urtheilen, ist sie auch nicht abgeneigt, Sie als Hausgenossin aufzunehmen." Eine Wolke des UnmuthS umschattete das bleiche Antlitz des schönen Mädchens; dann blitzte es zornig in ihren großen blauen Augen, als sie mit bebender Stimme erwiderte: „Ja! aber welch' eine Stellung soll ich einnehmen! Ganz und gar von ihren und ihrer Töchter Launen abhängig zu sein, für meinen Unterhalt als Schneiderin, Kammerjungfer oder Gesellschafterin ausgenutzt zu werden und keinen anderen Lohn für meine Dienste zu bekommen, als das Brod, was ich esse, das ist mir ein unerträglicher Gedanke." Der Ton ihrer Stimme war leidenschaftlich und erregt, und ihre Augen füllten sich mit Thränen. Sie ahnte in diesem Augenblick gewiß nicht, wie sehr sie einem Meisterwerke glich, aus der Hand des großen Schöpfers hervorgegangen. Der rosige Abendschein um- floß ihre hohe, von einem schlichten, schwarzen Gewand umhüllte Gestalt, die stolz aufgerichtet dastand. Fast un- ^ verständlich hatte sie anfangs den weitschweifigen Aus- i einandersetzungen ihres väterlichen Freundes gelauscht und kaum seinen Worten Glauben geschenkt, als er ihr klar und deutlich auseinandersetzte, daß die Güter so hoch verschuldet seien und von dem Schtffbruch so gut wie nichts für sie gerettet werden könne. Dann hatte sie unverwandt ihre Blicke auf das ernste Antlitz des alten Anwalts gerichtet, gleichsam als wolle sie in seiner tiefsten Seele die Wahrheit seiner Worte ergründen, die sie zuerst für einen grausamen, unzeitigen Scherz gehalten hatte. Der alte Herr blickte fast mit einem Gefühl von Scheu und Ehrfurcht in die erregten Züge der jungen Dame; erst jetzt kam ihm der wunderbare Reiz ihrer Erscheinung zum vollen Bewußtsein, und mit einigem Mitleid erfüllte ihn die tiefe Bewegung ihrer Seele, die sich deutlich in ihren Mienen wiederspiegelte. Der Verstorbene hatte nur wenige Freunde und keine Verwandten, die sich der armen, verlassenen Waise hätte annehmen können. Außer zwei Stiefschwestern, die älter waren, wie er selbst, hatte er keine Geschwister, und selbst diese hatte er nur sehr selten, Melitta dieselben nie gesehen; diesen seinen einzigen Schwestern hatte er sterbend sein verwaistes Kirid anvertraut. Die Antwort der beiden Tanten auf die Nachricht von dem plötzlichen und unerwarteten Ende des Bruders war kalt und herzlos. Die älteste, Fräulein Lydia von Reck, verweigerte kurz und bündig die Erfüllung der letzten Bitte des Bruders. Sie sei viel zu alt, um eine Veränderung in ihrem stillen Haushalte zu treffen, und die jungen Mädchen von heut zu Tage begnügten sich nicht mit den schlichten, einfachen Gebräuchen von ehedem, schrieb sie ihrer unbekannten Nichte. — Die jüngere, Frau von Reinberg, bot zwar Melitta eine Unterkunft in ihrem Hause an; allein sie verlangte so viele Dienste dafür, daß das arme, junge Mädchen wohl zurückschrecken 602 konnte: „Ich bin nicht reich genug, um die Tochter meines verschwenderischen Stiefbruders unentgeltlich aufzunehmen," schrieb sie am Schlüsse ihres herzlosen Briefes, „aber wenn sie sich im Hause nützlich macht, so daß sie mir und meinen Töchtern eine Stütze ist, so mag sie zu uns kommen und so lange bei uns bleiben, bis sie ein besseres Unterkommen findet." So lautete das Anerbieten, das der armen Waise Thränen des Zorns und der Empörung in die Augen getrieben hatte." „Sie sind viel zu jung, um allein leben zu können, selbst wenn Sie reich wären," tröstete der alte Herr theilnehmend. „Auch als Erzieherin würden Sie schwerlich eine gute Stelle finden, da Sie kein Examen als Lehrerin gemacht haben. „Ich könnte noch genug lernen," schaltete Melitta ein, „und nebenbei würde ich in der Musik und im Gesang Unterricht geben; Sie wissen, ich bin musikalisch." „Ja, mein Kind, aber ich will ganz offen mit Ihnen reden," entgegnete wohlwollend der alte Herr. „Es taugt nicht für Sie, freund- und schutzlos allein in der Welt sich den Weg zu bahnen. Sie sind viel zu unerfahren und — verzeihen Sie — viel zu schön, um schon jetzt den Kampf mit dem Leben aufzunehmen. Nehmen Sie das Anerbieten Ihrer Tante an, vorläufig wenigstens, bis sich etwas Besseres findet. Eine Wendung zum Guten tritt vielleicht eher ein wie Sie vermuthen, wer weiß, Sie finden gewiß noch Ihren zukünftigen Gatten unter den Freunden ihrer Tante." Melitta wandte sich unwillig ab und richtete ihre Blicke den scheidenden Sonnenstrahlen nach. Ihre Gedanken jagten sich in ihrem armen Hirn; sie hatte in den letzten Tagen seit dem Tode ihres Vaters so viel gelitten, daß sie nur mit Mühe und gewaltsam sich zur Ruhe zwingen konte. Plötzlich wandte sie sich um und fragte: „Kennen Sie meine Tante, haben Sie ihre Töchter schon gesehen?" Der alte Herr verneinte. „Ich glaube, sie ist Wittwe," fügte er hinzu. „Ja, ich glaube es; ich weiß fast gar nichts von meinen Verwandten, mein Vater sprach nie von ihnen. „Nun, sehen Sie nicht so schwarz in die Zukunft, mein Kind," tröstete der Anwalt, „gefällt es Ihnen nicht, so finden Sie gewiß ein anderes Heim. Bald ist hier Alles geordnet, die Gläubiger werden befriedigt und Ihnen bleibt nur noch höchstens ein kleiner Rest von einigen hundert Mark. Zwar bitter wenig für eine Dame Ihres Ranges; aber ich rathe Ihnen, nicht eher als im Nothfall dieses Geld anzugreifen. Schade, daß Ihr Vater sein Leben nicht versichern wollte, dann könnten Sie mit einer Gesellschafterin das Leben hier ruhig weiter führen. Aber so oft ich ihn als Freund auch dazu ermähnte, so lachte er nur über die Idee und versicherte mir, daß er noch gar nicht an seinen Tod denken wolle. Doch nun leben Sie wohl, mein Kind; ich will diese Papiere mit mir nehmen, und wenn ich etwas darin finde, theile ich Ihnen es mit. Inzwischen rathe ich Ihnen, das Anerbieten Ihrer Tante anzunehmen." „Ja, es bleibt mir kein anderer Ausweg", seufzte das arme Mädchen. „Hier kann ich nicht länger bleiben, wie ich es gehofft hatte. Aber ich werde bei meiner Tante höchst unglücklich werden, und sie wird mich hassen, das ahne ich schon jetzt." „Still, still, malen Sie sich die Zukunft doch nicht schwärzer aus, wie sie ist. Wer weiß, vielleicht gehen sie glücklichen Tagen entgegen, und wie gesagt, Sie bleiben nicht, wenn es Ihnen dort doch nicht zusagt, Sie täuschen sich gewiß in Ihren Verwandten und finden ein Zusammenleben mit ihnen recht angenehm und erheiternd." „Nicht, nach dem Briefe zu urtheilen," stieß Melitta fast rauh hervor, auf das Schreiben deutend, welches noch geöffnet auf dem Tische lag. „Ich nehme in dem Hause nur die Stellung einer armen Verwandten ein, und das kann mir nie gefallen. Die Familie von Reck war eine stolze Familie; alle meine Ahnen zeichneten sich durch diese Eigenschaft aus, und ich arte nach ihnen. Freilich machte mein Vater eine Ausnahme, sonst würde er an mich gedacht und das reiche Besitzthum nicht so bald verschwendet haben." Der alte Herr nickte verständnißvoll, dann drückte er mit väterlichem Wohlwollen die Hand der verlassenen jungen Dame, und auf dem Heimwege murmelte er beständig vor sich hin: „Das arme Kind — das arme Kind! — der Vater war ein Narr, sie so hülflos in der Welt zurückzulassen — warum hat er nicht besser für sein einziges Kind gesorgt!" Das ansehnlichste Haus am Marktplatz der kleinen Garnisonstadt W. war das Wohnhaus der verwittweten Frau von Neinberg. Mit seinem zierlichen Schnitzwexk unter dem hohen Giebeldach zeichnete es sich Vortheilhaft von den einfachen Nachbarhäusern aus, obgleich die altmodische Bauart verrieth, daß es schon seit Jahrhunderten Wind und Wetter getrotzt hatte. Die Familie Neinberg bewohnte schon seit zehn Jahren dasselbe Wohnhaus und zählte zu den Honoratioren des Städtchens. Sie gaben die feinsten kleinen Gesellschaften, veranstalteten Bälle, arrangirten interessante Picknicks, sogar im Theater oder im Concertgarten stellten die beiden erwachsenen Töchter, Cecilie und Edith, bereitwillig ihre musikalischen Talente zur Verfügung, wenn ihre Dienste erwünscht oder erforderlich waren. So war es kein Wunder, daß die Familie Reinberg als Musterbild häuslicher Zufriedenheit und stillen Glückes von Freunden und Bekannten hoch gepriesen wurde, und Niemand ahnte, daß hinter der heiteren Maske Cecilien's unerträgliche Launen und unter jener Edith's Unzufriedenheit, Neid und Zanksucht verborgen waren. Mutter und Töchter liebten ein geselliges Leben über alles. Ein kleinerer oder größerer Kreis von Freunden war häufig in ihrem Hause versammelt, aber trotz aller Bemühung hatte es der guten Mutter noch nicht gelingen wollen, ihren Töchtern, deren vielfache Fehler sie sehr gut kannte, zu einem eigenen Heim zu verhelfen. „Jetzt soll noch dazu eine arme Verwandte zu uns kommen, die vielleicht sogar aus dem Hause plaudert," murrte Edith, als die drei Damen allein im Wohnzimmer saßen, in dem die gewöhnliche, heitere Maske abgelegt wurde, hingegen Uneinigkeit und Streit häufig überhand nahmen. „Meine liebe Edith, ich sehe die Nothwendigkeit gar nicht ein, sie überhaupt in unsere Kreise einzuführen," versetzte höhnend die ältere Schwester. „Wir halten sie einfach in dem Hintergrund, betrachten sie als Stütze, Näherin, oder wie wir ihre Dienste verwenden können; die Leute sollen gar nicht wissen, daß sie unsere Cousine 603 ist, dann wird sie auch zu keiner Gesellschaft zugezogen." „Das ist auch ganz unmöglich; ich kann doch nicht drei heiratsfähige Mädchen herumführen," ertönte Frau von Reinberg's schrille Stimme. „Ihr Beide müßt erst verheirathet sein, ehe ich meine Nichte in der Welt einführe. Das Mädchen ist auch bettelarm; ich müßte für ihre Garderobe sorgen, wenn wir sie mit uns nehmen wollten, und das kann ich nicht. Es wird mir ohnehin schwer genug, dieses kostspielige Leben in der alten Weise weiter zu führen und — —" „Wir müssen bald eine Abendgesellschaft oder einen Ball geben," unterbrach Cecilie die Mutter ungestüm. „Wir sind es vielen Offizieren schuldig, und Oberst Wellinghof ist wieder hier; er war einige Tage bei seinem reichen Onkel." „Wirklich? oh! das ist gut; der Onkel ist fabelhaft reich, und er ist der einzige Erbe. Er hat mir oft von dem großen Rittergut erzählt, das er später erben wird, und ich gedenke, Herrin darauf zu werden," versetzte Edith, die Schwester mit neidischen Blicken betrachtend. „Du? Na, das ist unerhört; im letzten Garten-Conzert ist er nicht von meiner Seite gewichen." „Weil ich gerade an einer kleinen Bootfahrt Theil nahm," schaltete die Schwester unwillig ein. „Er erzählte mir später, daß er kaum Deine Worte gehört habe, weil er beständig unserm Boote nachschaute." Edith's Augen flammten zornig bei diesen letzten Worten, ihre Stimme bebte vor innerer Erregung. Er hat von seinem Vater ein Vermögen von einer halben Million geerbt, und wenn sein Onkel stirbt, nimmt er seinen Abschied und verwaltet das Rittergut." „Edith! ist das wirklich wahr? ist er so reich?" warf die'Mutter ein, vor Erstaunen ihr Buch fallen lassend. „Ja, ich hörte es gestern im Conzert, Frau Herbert erzählte es mir, sie kennt die Familie ganz genau; und ich will später ganz gewiß Frau Oberst Wellinghof werden." „Ich ebenfalls," schaltete Cecilie ruhig ein. „Meine lieben Töchter, zankt Euch doch nicht wieder," flehte die Mutter. „Ich habe Kopfschmerzen, und das laute Sprechen macht mich nervös. — Mich soll doch wundern, wie diese Melitta sein wird," fügte sie dann hinzu, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. „Zweifellos ist sie ungebildet und häßlich; sie war als kleines Kind durchaus nicht hübsch; ich sah damals ihre Photographie, als ihre Mutter noch lebte." „Sie wird jedenfalls uns keinen Abbruch thun," höhnte Edith. „Ihr Vater lebte dort in dem kleinen Landhause, sie ist nie in der Welt gewesen, hat also auch keine Erziehung genossen; hoffentlich erzählt sie nicht, daß sie mit uns verwandt ist." „Das wird sie nicht thun, wenn ich es ihr verbiete"; versetzte die ältere Dame stirnrunzelnd. „Aber willst Du nicht nach dem Bahnhöfe gehen, um sie abzuholen, Cecilie?" „Ich ganz gewiß nicht!" versetzte die Gefragte. „Ich ebenso wenig!" schaltete die Schwester ein." „Du kannst ja selbst gehen, um sie abzuholen, Mutter, wenn Du so begierig bist, sie zu sehen, oder schicke das Dienstmädchen — Marie kann hingehen, so wird's am besten sein." Nach einigem Hin- und Herreden wurde der Vorschlag angenommen und Marie nach der Station geschickt, um die neue Hausgenossin abzuholen. Es dunkelte bereits, als der Zug einlief. Matt und lebensmüde stand Melitta allein auf dem Bahnsteig und ließ ihre umflorten Blicke trostlos über das rege Menschengewühl schweifen. Lachen und Scherzen, freudiger Willkommengruß schwirrte an ihre Ohren; nur sie stand allein, hier war Niemand, der ihr die Hand zum Willkommen bot; sie fühlte sich elend und verlassen, fast eben so verzweifelt, wie sie vor kurzer Zeit an der Bahre ihres Vaters gestanden hatte. Aber sie blieb nicht unbemerkt. Ein großer, stattlicher Herr mit freundlichem, wohlwollendemAnt- litz mochte die einsame Fremde wohl bemerkt haben, denn höflich grüßend trat er auf sie zu und fragte ehrerbietig: „Darf ich Ihnen meine Dienste anbieten? Sie sind fremd hier, wie ich sehe; werden Sie erwartet?" Melitta hob ihre thränenfeuchten Augen, und als sie in das ehrliche Gesicht des Fremden blickte, erhellte ein mattes Lächeln, wie ein flüchtiger Sonnenschein, ihr bleiches Antlitz. „Ich erwartete abgeholt zu werden," gestand sie offen, „aber ich habe mich gewiß getäuscht. Wollen Sie mir zu einem Wagen verhelfen? ist es weit bis nach dem Marktplatz?" „Nein, nur wenige Minuten; aber da Sie hie fremd sind, nehmen Sie am besten einen Wagen." „Sind Sie Fräulein von Reck?" hörte sie Plötzlich eine schüchterne Stimme dicht an ihrer Seite. Melitta wandte sich freudig um und sah ein frisches rothwangiges Mädchen mit schneeweißer Schürze vor sich stehen. „Ich bin Marie, das Hausmädchen, und soll Sie abholen," fügte sie dann hinzu. „So werde ich wenigstens erwartet," dachte Melitta, erleichtert aufathmend, dann wandte sie sich an den Fremden, der sich inzwischen vergeblich bemüht hatte, einen Wagen aufzutreiben, und die Ankunft der Dienerin gar nicht bemerkt hatte. Kardinal Andreas Sleinhuber 604 „Ich danke Ihnen aufrichtig für Ihren Beistand, ich werde abgeholt." Der Fremde verneigte sich, drückte seine Hoffnung aus, daß es ihr in dem Städtchen gut gefallen möge, und verließ den Bahnsteig. Melitta schaute ihm nach; das Gefühl der Einsamkeit beschlich sie von neuem. Als sie die melodische Stimme des Fremden gehört, in sein edles, aristokratisches Antlitz geschaut hatte, vergaß sie momentan ihre traurige Lage, die ihr jetzt drückender denn je erschien. Dann wandte sie sich an Marie, die sich mit dem Handgepäck zu schaffen machte. „Wie gut, daß Sie gekommen sind, Marie," begann sie, „ich wußte gar nicht, was ick hier allein in der fremden Stadt machen sollte. Können wir jetzt gehen, oder ist hier ein Wagen oder Omnibus?" „Es ist nicht weit, kaum zehn Minuten", erwiderte das Mädchen, und beide gingen raschen Schrittes ihrem Ziele zu. Noch saß Frau von Neinberg mit ihren beiden Töchtern im Wohnzimmer, als Melitta eintrat. Alle drei hefteten ihre kalten, kritischen Blicke auf die arme Waise, und keine von ihnen brachte ein freundliches Wort zum Willkommen über ihre Lippen. Die beiden jungen Damen überzeugten sich sogleich, daß sie in ihrer Cousine eine ganz gefährliche Nebenbuhlerin halten, denn diese liebliche Anmuth hatten sie nicht zu sehen erwartet. Es war doch wirklich schlimm genug, daß sie immer als Hausgenoffin bei ihnen sein sollte, aber daß sie so bildschön war, war doch unerträglich. Die Mutter mochte dieselben Gedanken haben, denn auch sie maß mit strengen, finstern Blicken die arme Nichte. „Du kommst sehr spät," brach endlich Cecilie das peinliche Schweigen. Wir würden Marie nicht geschickt haben, wenn wir das gewußt hätten, da wir sie kaum im Hause entbehren konnten." „Ja, so ist es," pflichtete auch Edith bei. „Du hättest auch ebenso gut allein kommen können. Mir scheint es, Du bist daran gewöhnt, allein im Dunkeln auszugehen." Purpurgluth bedeckte die bleichen Wangen der Fremden. „Nein," versetzte sie eisig, „ich gehe nie im Dunkeln allein, und ich bedaure, daß Marie lange ausgeblieben ist. Wir waren uns fremd, daher wartete sie, bis sich die Menschenmenge verlaufen hatte, und ich wußte ja auch nicht, was ich machen sollte." „Bist Du zu Fuß gekommen?" Frau von Neinberg blickte ihre Nichte bei diesen Worten durchbohrend an. Aus dem schroffen Benehmen ihrer Töchter ersah sie endlose unangenehme Folgen; aber sie wagte nicht, ihnen entgegen zu treten. „Ja! Marie sagte, der Weg sei nicht weit, und es war kein Wagen zu haben," lautete die kurze Antwort. „Marie hat ebenso unüberlegt gehandelt; sie hätte vorher einen Wagen nehmen müssen. Hoffentlich hat Dich Niemand gesehen." „Wenn mich Jemand gesehen, so würde man mich nicht für eine Verwandte dieses Hauses gehalten haken," gab Melitta kalt zurück; denn ihr Stolz empörte sich gegen diesen unerwarteten Empfang. „Nein, gewiß nicht," gab Frau von Reinberg zu, „aber du wir gerade dieses Thema begonnen haben, Melitta, so sollst Du gleich erfahren, daß wir übereingekommen sind, Dich nicht als eine Verwandte in unsere Kreise einzuführen. Dein Vater war ja auch nur mein Stiefbruder, daher ist die Verwandtschaft nicht einmal nahe. Es ist mir höchst fatal, daß ich Dir gleich am ersten Abend erklären muß, daß wir Dich nur aus Mitleid aufnehmen; aber man soll hier in der Stadt nicht erfahren, daß wir arme Verwandle haben. Es könnte nachteilig für meine Töchter werden; hoffentlich hast Du mich verstanden So, Du willst Dich gewiß gern in Dein Zimmer zurückziehen. Wir essen pünktlich um acht Uhr zu Abend." Melitta richtete sich stolz empor. „Soll das heißen, daß ich an den Mahlzeiten Theil nehme?" fragte sie eisig. „Wenn wir allein sind, gewiß, ist aber Besuch da .." „Werde ich in meinem Zimmer bleiben," ergänzte Melitta bitter. „Auch heute Abend bleibe ich lieber allein; ich bin müde und von der Reise angegriffen." „Sehr gut. Marie," wendete sich die Hausfrau an die Dienerin, die soeben eintrat, „zeige Fräulein von Reck ihr Zimmer und bringe ihr Thee zum Abendessen. Gute Nacht, Melitta." „Gute Nacht, Frau von Neinberg," und ohne einen Blick auf die Cousinen zu werfen, verließ Melitta hoch aufgerichtet das Gemach. „Mutter, was sollen wir thun? Sie ist bildschön und überschattet uns beide," stöhnte Edith, als sich die Thür hinter Melitta geschloffen hatte. „Wenn wir das früher gewußt hätten, so wäre sie jetzt nicht hier." „Sie darf nicht hier bleiben, Du mußt ihr ein anderes Unterkommen verschaffen," wandte die Schwester ein. „Regt Euch nicht auf, Kinder; gewiß, sie darf hier nicht bleiben: es ist unmöglich," tröstete die Mutter und sann schon auf Mittel und Wege, sich so schnell wie möglich der Armen zu entledigen. ^ 2. Kapitel. Mittlerweile lag Melitta auf ihrem harten Lager in dem kleinen niederen Mansardenstübchen mit den kahlen Wänden, dem schmalen, hohen Dachfenster und weinte, als ob ihr das Herz brechen wollte. „Ich will hier nicht bleiben," stieß sie zu wiederholten Malen hervor, „lieber bei freundlichen Leuten eine untergeordnete Stellung einnehmen, als hier bei diesen stolzen Leuten bleiben! O, Vater, Vater, warum hast Du nicht besser für Dein Kind gesorgt, warum hast Du mich so allein in die erbarmungslosen Welt hinausgestoßen," rief sie verzweifelt. Aber kein Vater hörte das verlassene Kind. Nach und nach wurde sie ruhiger, ihre wirren Gedanken sammelten sich zu einem stillen Seufzer. „Ach, lieber Gott, hilf! Du allein kannst helfen!" stammelten endlich ihre blassen Lippen. Wußte sie im Augenblick auch nicht, was sie erbitten sollte, sie flüchtete doch zuversichtlich an Gottes treues Vaterherz. „Er macht es besser als wir denken," fuhr sie in ihrem Sinnen fort, dann schloffen sich ihre müden Augenlider zum ersten Schlaf in ihrem neuen Heim. Als sie am nächsten Morgen nach unruhigem Schlummer erwachte, hatte sie das Gefühl, als hielte ein schwerer, unheilvoller Traum noch ihre Sinne umfangen. Doch ein Blick in die elende Dachkammer, auf die nackten Wände und den hölzernen Schemel an ihrem Bette setzte sie schnell in die Wirklichkeit zurück. Sie gedachte der langen mühsamen Reise und dann des Empfangs ihrer Verwandten. --->^ Ä-Ls. W?kL fÄL-M,V WW ^; ?HHHM 606 „Sie haben mir nicht einmal die Hand gereicht/' klagte sie unter Thränen, „ich werde mich hier niemals wohl fühlen." Ein lautes Pochen an der Thür weckte sie aus ihren dumpfen Träumen. Marie kam, um sie zum Frühstück in das Speisezimmer zu führen. Augenscheinlich hatten die drei Damen ihre Gesinnung über die neue Hausgenossin geändert, denn Cccilie lächelte die Cousine freundlich an, auch Edith ging auf sie zu und reichte ihr die Hand. Die alte Dame schien befriedigt, denn sie nickte ihren Töchtern verstündnißvoll zu, dann umarmte sie die erstaunte Nichte und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. „Du hast Deines Vaters Züge, hoffentlich hastDunichtseinen Leichtsinn geerbt," begann sie. „Wir haben hier im Hause viel Arbeit; wir wollten uns schon eine Hülfe nehmen, aber jetzt, da Du gekommen bist, müssen wir sehen, daß wir allein fertig werden. Bist Du geschickt in Handarbeit?" „Ja!" „Kannst Du Hüte garniren?" fragte Ce- cilie ungestüm. „Und Kleider anfertigen?" warf Edith ein. „Ich habe beides für mich stets gethan," lautete die Antwort, „aber gewiß seid Ihr anspruchsvoller, wie ich es bin." „Hast Du dasKleid selbst gemacht, was Du an hast? es sitzt vorzüglich ",fuhrEdith fort, mit kritischen Blicken den Anzug der neuen Cousine betrachtend. „Ja; ich machte meine Kleider stets allein." „Gut. Ich will Dir einige meiner Kleider nach dem Frühstück zeigen; sie müssen umgeändert werden. Eine Schneiderin würde sich zu viel dafür bezahlen lassen; dann fehlt mir auch ein Gesellschaftskleid." „Ich will helfen so gut ich kann," versicherte Melitta, nur mühsam ein verächtliches Lächeln unterdrückend, daß das Benehmen der Cousinen sich über Nacht so gänzlich geändert hatte. (Fortsetzung folgt.) — —I««i—- Goldkörner. Vieles wünscht sich der Mensch, und doch bedarf er nur wenig; Denn die Tage sind kurz und beschränkt der Sterblichen Schicksal. Bedernau. (Mit Illustrationen.) Bedernau, im Alterthum „Werdernaw," „Wetternau" geheißen, ist ein volkreiches Pfarrdorf !//z Stunden westlich von Pfaffenhausen, an einem in's Kammelthal abfallenden Hügelgelände, und zählte stets zur alten Herrschaft Mindelheim, deren erste Inhaber die Welf'schen Vasallen von Mindelberg waren. Im Jahre 1250 stiftete Schwigger von Mindelberg in seinem Dorf Werdernaw ein Wilhelmitenkloster, welches, im Jahre 1256 von Papst und Bischof bestätigt, schon i. I. 1257 die Ordensregel der Eremiten des hl. Augustin annehmen mußte und später nach Mindelheim verlegt wurde. Nach Pl.Braun(Htst.- top.Bschrbg.1S.179) geschah die Verlegung desKlosters 1264, das ist aber nach der uns vorliegenden Urkunde v. I. 1275, betr. den Verkauf des Hofes zu Bergenstetten an „die Brüder so da geheißen sint von Bedernaw" (wörtlich) nicht richtig, sondern waren vielmehr die Augustiner- Eremiten damals — 1275 — noch in Bedernau. Die Verlegung des Klosters nach Mindelheim scheint jedoch bald darauf stattgefunden zu haben. Als sie erfolgte, bestätigte Schwigger von Mindelberg die Kirche von Bedernau dem Kloster i. Mindelheim. Im Jahre 1288 nahm Heinrich von Mindelberg den Kirchensatz von Bedernau wieder an sich und gab dem Augustiner-Kloster dafür den Kirchensatz von Mindelau. Die Inhaber der Herrschaft Mindelheim im 16. Jahrhundert, die Herren v. Frundsberg, gaben Bedernau mit Baumgärtl wieder an reiche Stadtbürger als Afterlehen, so nach dem Bauernkriege an die Stebenhaber aus Memmingen. J.J. 1556 waren Marx und Johann Egolf Stebenhaber im Lehenbesitz von Bedernau. I. 1.1590 war David Weiß, Bürger von Augsburg, im Ortsbesitz. Als am Anfang des 17. Jahrhunderts die Herrschaft Mindelheim in den Besitz des Herzogs Max von Bayern gelangt war, erlangte der reiche Augsburger Bürger Hans Oesterreichs um 1616 Bedernau als bayer. Lehen. Er präsentirte i.J. 1617 den Fr. Bronner und nach dessen Rücktritt 2. April 1618 den PH.Schrueff als Dedernau. (Schloß der Freiherren v. Castell.) Original-Aufnahme von Gustav Baader, Photograph in Krnrnbach. fVervielfältigurigSrecht vorbehalten.) ^-2 WM' 607 Pfarrer, der bei Beginn des Jahres 1633 starb. D. Oesterreichs präsentirte dann den Gg. Dischmacher. Ob dieser das Pestjahr 1635 überlebte, ist nicht bekannt. Die Gemeinde hatte 1635 außerhalb des Dorfes für die an der Pest Gestorbenen den Pestgottesacker angelegt, den sie 16 Jahre nach der Pest — im Jahre 1651 — arg vernachlässigte. General- vicar Zeiler befahl darum nach der Visitation, daß der Pestgottesacker mit einer Mauer umgeben werden müsse. Nach Pfarrer Dischmacher's Tod, der zwischen 1635 und 1640 erfolgt sein mochte, wurde die Pfarrei Bedernau meist von Breitenbrunn aus versehen. Im Jahre1646 erhielt Bedernau, nachdem der imKriege„arg zergangene Pfarrhof" reparirt war, wieder einen eigenen Pfarrer — Hans Mäher, den Hans Christ. Oester- reicher am 20. April 1646 präsentirte. JmJahre 1665 zog Pfarrer Mayer auf die Pfarrei Mindelau, und Hans Christoph Oesterreicher präsentste den 31. Mai den Martin Bisse! (1665 bis 1680) alsPfarrer. Bald darauf verkaufte Oesterreicher die Ort- schaftBedernau an den Grafen Wolf Bernhard vonMuggenthal, dessen Geschlecht die Herrschaft als bayerisches Lehen fast 100 Jahre lang — von 1665—1762 — behauptete. Im Jahre 1762 fiel die Herrschaft Bedernau von den Grafen v. Muggen- thal an Bayern heim, das den Hof-Zahlmeister v. Kretz damit belehnte, der aber schon nach 4 Jahren, 1766, Bedernau wieder gegen die Hofmark Rätzenhofen (Nieder- bayern) eintauschte. Bedernau war nun 13 Jahre lang (1766—1779) unmittelbar bayerisch, bis im Jahre 1779 die Kaiserin Maria Theresia im bayerischen Erbfolgekrieg die Herrschaft Mindelheim auf kurze Zeit an sich zog und Bedernau dem kaiserlichen General v. Ried als ein „Kunkellehen" überließ, (v. Naiser.) So kurz wie der bayerische Erbfolgekrieg war auch die österreichische Herrschaft in Bedernau. Im Jahre 1781 war der Flecken schon wieder bayerisch, und Churfürst Carl Theodor belehnte nun im Jahre 1782 den churpfälzischen Finanzminister Freiherr» v, Ca stell mit dem Lehen Bedernau, dessen Nachkommen es heute noch in Besitz haben. Am 26. März 1789 präsentirte Joseph Leopold Neichsfreiherr von Ca stell— „Herr der Herrschaft von Bedernau, zu Rhörda und Neilra, Ober- und Nieder-Egelbach, Steinhaufen und Mittersendling, Sr. churfürstlichen Durchlaucht zu Pfalzbayern wirk!, adeliger Hofgerichtsrath zu Mannheim, dann Hofkammerrath und Hofkassierer in München" — den Norbert Pfanzelt als Pfarrer (1789—1815). Pfarrer Pfanzelt's Pfarramtsführung dauerte also gerade so lang wie die französische Nevolutionsperiode, die im Jahre 1789 begann und 1815 abschloß. Ihm folgten Bened. Schnitzer (1815 bis 1825), Johann Gg. Koneberg (1826 bis 1835), der Oheim unseres unvergeßlichen Herrn Dom- kapitulars Joh. Gg. Hafenmayr und des gewesenen Hrn. Pfarrers ?. Hermann Koneberg in Otto- beuren, ferner Decan Joh.Deisler(1835bis 1840),JosephRampp (1840bis1848),Ant. Stiegeler (1848 bis 1884), Konrad Neitz (1884 bis 1888), Anton Mahr (seit 1888). Bei der Säkularisation wurde ein frei- herrl. v. Castell'sches Patrimonial - Gericht zweiter Classe errichtet, dasselbe aber später aufgehoben und auch die niedere Gerichtsbarkeit der Ortschaft Bedernau dem königl. Landgericht Mindelheim zugetheilt. Der dermalige Inhaber des Lehens und Schloßgutes mit Grundherrschaft ist Herr Domkapitular undGeneralvicar Frz. Xaver Freiherr vonCastell inAugs- burg, Urenkel des churpfälzischen Finanzministers, der vom Churfürsten Carl Theodor die Herrschaft Bedernau zuerst, anno 1782, zu Lehen erhielt. -- Zu unl-ren Bildern. Kardinal Andreas Steinhulicr. *) Das Ereigniß, daß ein Bayer mit dem Purpur des Kardinals geschmückt wurde, ist zu bedeutungsvoll, als daß es Übergängen werden dürfte. Ww finden in der Geschichte mehrfach bayerische Kardinäle, *) Aus der sehr empfehlenswerthen Wochenschrift „Das Bayerland", redigirt von H. Leher, herausgegeben vonR. Olden- bourg in München. Kedernau. (Schloß und Kirche.) Original-Aufnahme von Gustav Baaber, Photograph in Krnmbach. fVervielfältigungSrecht vorbehalten.) MKtzM 608 Prinzen unseres Königshauses, Mitglieder unserer großen adeligen Familien, insbesondere Bischöfe unserer einstigen reichs- unmittelbaren Bisthümer. Aber äußerst selten werden wir finden, daß ein Sprosse einer bürgerlichen Familie des Landes diese hohe Würde der katholischen Hierarchie erreicht hätte; insbesondere in den früheren Jahrhunderten, während wir in der Gegenwart den verstorbenen Kardinal Hergenröther zu nennen hätten. In dem jetzt vorliegenden Falle bat der Kreis Niederbayern die Freude, den neuen Kirchenfürsten seinen Landsmann nennen zu dürfen. Der vor Kurzem durch Leo XIII. zum Kardinal erhobene D. Andreas Steinhuber wurde geboren am 11. Novbr. 1825 als Sohn des Raumoserbauern Chrysant Steinhuber und seiner Frau Maria geb. Hölzl aus der Pfarrei Birnbach zu Unteruttlau, Pfarrei Uttlau, Bezirksamts Griesbach. Es war eine mit acht Kindern gesegnete Familie, nämlich fünf Brüder und drei Schwestern, wovon Kardinal Steinhuber der jüngste ist; zwei Brüder davon find seit einigen Jahren gestorben, ebenso zwei Schwestern, wovon sich eine dem Klosterleben widmete und in Nymphenburg starb. Es leben gegenwärtig außer dem Kardinal noch zwei Brüder, nämlich Chrysant Steinhuber, Privatier in Griesbach, und Engelbert Steinbuber, Oekonom in Unteruttlau, sowie eine Schwester, Anna Propsteder, geb. Steinhuber, Oekonomenwittwe in Endbam bei St Salvator. An der großen Freude nehmen Theil 19 Enkel und Enkelinnen, nicht minder die Geschwister des hohen Würdenträgers, auch alle Verwandte, welche diesem Stamme angehören, die gesammte Diözese Passau und der Kreis Niederbayern. 1836 kam Steinhuber an die kgl. Studienanstalt Passau, welche damals der als Pädagoge und Schulmann heute noch berühmte Rektor Peter Brunner leitete. Steinhuber absolvirte das Gymnasium 1844. Die alten Kataloge der Anstalt lassen ihn jedes Jahr unter den Preisträgern erscheinen, fast in allen Jahren auf dem dritten Platze im allgemeinen Fortgange. Im Deutschen und in der Geschichte erhielt er wiederholt den ersten Preis. 1844/45 machte er noch den I. philosophischen Kurs am königl. Lyceum in Passau durch, dann kam er in das Germanium nach Rom. In der Lateran-Basilika wurde er am 19. April 1851 zum Priester geweiht; am Ostersonntag (20. April) feierte er sein erstes hl. Meßopfer. Der spätere Kardinal Hergenröther, der berühmte Apologet Hettinger, die Brüder Hurter, der jetzige Bischof Battaglie von Chur waren dort seine Mitschüler. Als Dr. xbil. et tdsol. kehrte er im Juni 1853 aus Rom zurück. Nach damals bestehenden staatlichen Bestimmungen widmete er sich im Schuljahre 1853/54 an der Universität München dem Studium der in's Verwaltungs- und Rechtsfach einschlägigen theologischen Gegenstände. Vom 27. Mai bis 12. Aug. 1854 versah er die Stelle eines Hofkaplans bei Ihrer Königl. Hoheit Herzogin Louise von Bayern und ertheilte dem Prinzen Karl Theodor Unterricht im Italienischen, den Prinzessinnen Marie, Mathilde und Charlotte in der Religionslehre. Ende September desselben Jahres kehrte er nach Passau zurück. Von Oktober 1854 bis Oktober 1857 wirkte er als Stadtpfarr- Kooperator in Jnnstadr-Passau. Ende Oktober desselben Jahres trat er in St. Andrä (Kärnten) in das Noviziat der Gesellschaft Jesu ein. Nach überstandener Probezeit wurde er Professor, zuerst der Philosophie, dann der Theologie, an der Universität Innsbruck. Im Jahre 1867 kehrte er als Rektor in das deutsch-ungarische Kollegium zurück, dessen Leitung er bis Herbst 1880 behielt. Während er dieses Amt bekleidete, wurde er (1873) gleichzeitig zum Theologen der apostolischen Pönitentiarie ernannt, was er bis jetzt geblieben ist. Außerdem hat er bislang bei den Kongregationen der Inquisition, der Propaganda und der außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten gewirkt. Am 16. Januar 1893 verlieh ihm Leo XIII. im geeimen Konsistorium den Purpur, behielt ihn aber in xotto. Die Publikation erfolgte im Konsistorium des 18. Mai 1894. Wir sind in der angenehmen Lage, den werthen Lesern des „Unterhaltungsblattes" das Porträt Seiner Eminenz des Herrn Kardinals nach der jüngsten Photographischen Aufnahme von F. de Federicis in Rom bieten zu können. _ Nor dem Amisvorsteher. Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis erbricht! Das mußte auch heute der alte Sepp erfahren. Schon längst hatte der Herr Förster bemerkt, daß im Gemetndewalde ein Holzfrevler sein Spiel treibe, nur konnte der Dieb nicht eruirt werden. Verdacht hatte er freilich schon immer auf den Sepp, allein der verstand es eben, sich nicht erwischen zu lassen. Ein Dieb war der Alte, wie er meinte, eigentlich nicht. Er war ein armer Teufel, was man sagt, und glaubte eben, auf etliche Stämme Holz könne es dem Herrn Wald-Besitzer unmöglich ankommen. Allein das Gesetz ist strenge und der Herr Förster auch. Heute wurde der Seppl auf frischer That ertappt und muß nun mit- sammt dem oorxns äslioti, dem Holzhündel, vor den Amtsvorsteher. Da steht er als Angeklagter vor der hohen Behörde mit geballten Fäusten und wildrollenden Augen, als hätte ihm der Förster, der ihn mitgenommen, ganz und gar Unrecht gethan. Wie wird die Sache wohl enden, Sepp? Wir befürchten, nicht gut. --SÄ8SLS-- Allerlei. Militärische Reminiscenz. Theaterdirector sam 15. des Monats den Gang zur Kasse durch eine Schaar Schauspieler und Schauspielerinnen versperrt findendj: „Bitte, zurück da, meine Herrschaften, aus der Vorschußlinie I" * Selbsterkenntniß. sAus dem medicinischen Examens Professor: „Können Sie mir ein besonders markantes Beispiel von den verderblichen Wirkungen des Alkoholismus anführen?" Student stief aufseufzend^: „Mein Schweigen!" Eine gute Freundin. Emma: „Hast Du gehört, daß sich unsere Freundin, die Paula, verlobt hat? Wollen wir sie nicht 'mal besuchen?" — Marie: „Wozu denn? Da läßt sich doch nichts mehr dagegen machen!" Umschreibung. A.: „Nun, wie war denn das diesjährige Manöver?" — Major: „O, drei Generale blieben als Civilisten auf dem Platze." -— - Himmelsschau im Monat Oktober. —/. Merkur wird Abendstern, aber kaum sichtbar, da er höchstens 40 Min. länger am Westhimmel bleibt, als die Sonne. Venus Z ist als Morgenstern kaum noch sichtbar, da sie zuletzt erst 6 U. morgs. aufgeht. Mars F wird der hellste Stern am Himmel, leuchtet die ganze Nacht und bewegt sich vom Widder gegen die Fische. Am 15. befindet er sich in der Nähe des Mondes. Jupiter R geht anfangs um 9 U. 30 M., zuletzt 7 U. 30 M. abds. auf. Am 18. Sternschnuppen östlich vom Orion, besonders in später Nacht. --S-8ÜS-S- ZLi der-Aäthsel. Auflösung der räthselhaften Inschrift in Nr. 77: Damen-Coups.