^L79. Ircitag, den 28. September 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Map Hutkler). Die Werte des Kaufes. Erzählung von C. Borges. (Fortsetzung.) Cccilie ließ sich über die neuesten Moden in der Residenz und Melitta's Heimath unterrichten, und kaum war das einfache Frühstück beendet, als beide Damen der neuen Hausgeuossin die verschiedensten Toiletten zeigten, die sämmtlich umgeändert und erneuert werden sollten. „Du kannst hier in diesem Zimmer arbeiten," bemerkte Edith herablassend, „denn wir benutzen es selten, da wir häufig in Gesellschaften sind oder unten im Salon unsere Besuche empfangen. Du kannst vom Fenster aus den ganzen Markt überblicken, und da der Gasthof gerade gegenüber liegt, wird es Dir nie an Unterhaltung fehlen. Es ist oft sehr interessant, den regen Fremdenverkehr zu beobachten." Melitta antwortete nichts. Der Gedanke, hier in diesem Zimmer von Morgen bis Abend, einen Tag wie den andern, ohne Abwechselung arbeiten zu müssen, raubte ihr fast die Besinnung und gern hätte sie gleich heute noch ihre wenigen Sachen zusammengerafft, um in die weite Welt hinauszuwandern. — So schlichen Tage und Wochen langsom dahin. Der reiche, üppige Herbst mit seinen glänzenden Farben hatte dem eisigen Winter Platz gemacht. Rauhe Winde spielten mit den letzten dürren Blättern, wirbelten sie hoch in die Luft, und die kahlen Bäume streckten wie wehklagend die nackten Zweige zum Himmel empor. Der Winter hatte die warme Lebenslust von der Erde gestreift, die Blumen waren dahin und die Vöglein fortgezogen. Mehr denn je fühlte sich Melitta wie eine Gefangene; denn sie war an ein freies, ungebundenes Leben gewöhnt, und jetzt durfte sie ohne Erlaubniß nie das Haus verlassen; denn obgleich die Töchter freundlich im Umgang mit ihr blieben, die Mutter sogar ihr erlaubte, sie mit „Tante" und „Du" anzureden, so konnte sie sich doch nicht heimlich fühlen. Zahlreiche Gäste gingen in dem offenen Hause ein und aus. Melitta blieb unverdrossen bei ihrer Arbeit; sie hörte das heitere Lachen, das muntere Geplauder ihrer Cousinen, ebenso das Geklirr der Tassen, Gläser und Teller; aber Niemand dachte daran, ihr eine kleine Erquickung zu bringen, wiewohl sie oft darnach lechzte. Oberst Wellinghof war ein häufiger Gast, aber trotzdem hatte Melitta ihn noch nie gesehen. Cecilie und Edith wurden nicht müde von ihm zu erzählen — sein Reichthum', seine geistreiche Unterhaltung, seine edlen Züge und die seelenvollen Augen waren der unerschöpfliche Unterhaltungsstoff, bis Melitta müde wurde und den Namen nicht einmal mehr hören mochte. So vergingen langsam die Wochen im unerträglichen Einerlei, und schon rückte das Weihnachisfest mit seinen mancherlei Freuden und Festlichkeiten herbei. Die Offiziere der kleinen Garnison veranstalteten im Casino wie alljährlich einen großartigen Ball, und Melitta mußte fleißiger denn je bei ihrer Arbeit sitzen, um neue Ballkleider für diesen Festabend zu verfertigen. Sie selbst war so jung und lebenslustig; sehr gern hätte sie an dem Vergnügen theilgenommen, und ihr Loos schien ihr in diesen Tagen doppelt schwer zu ertragen, da eine glückliche Schickung die Cousinen aus dem reichen Füllhorn mit Freude und Glück überschüttet hatte, während ihr nur Mühe, Sorge und Arbeit zugefallen war. Vielleicht ahnte Edith die Gedanken ihrer Cousinen, denn sie vertrösteten dieselbe auf spätere Zeiten, wo sich gewiß bald Gelegenheit finden werde, zur Belohnung ihres unermüdlichen Fleißes ein Theater oder Concert zu besuchen. Endlich war der lang ersehnte Festtag herbeigekommen. Es war ein rauher, kalter Dezembertag. Hoch lag der festgefrorene Schnee in den Straßen; schwere blauschwarze Wolken wälzten sich am Himmel, doch trotz der grausigen Witterung hat Cecilie ihre Cousine mit einem unbedeutenden Auftrag in die weit entlegene Wohnung einer Freundin geschickt. Von Neuem empörte sich der Stolz in Melitta's Herzen; selbst Marie, das Hausmädchen, hatte sich geweigert, sich bei diesem Unwetter in's Freie zu wagen und, eine leichte Erkältung vorschützend, Melitta den Auftrag ihrer Herrin überbracht. Ein eisiger Wind branste und heulte in den entlaubten Aesten über ihrem Haupte, als sie fest in ihren Mantel gehüllt, den Rückweg antrat. Von Alinute zu Minute schien der Sturm heftiger zu werden, nur mit größter Mühe konnte sie gegen denselben ankämpfen. Dichter Schnee mit Hagel vermischt schlug ihr in's Gesicht und verdunkelte ihre Blicke, so daß es fast unmöglich schien, vor- oder rückwärts zu kommen. Melitta stand verzweifelt, machtlos lehnte sie gegen den Stamm einer alten, knorrigen Eiche, in deren Aesten eine Schaar Krähen ihr heiseres Geschrei in das trostlose Geheul des Sturmes mischten. 610 „Singt mir mein Todenlied da oben, ihr schwarzen Nachwöge!," rief sie aus, zu der krächzenden Schaar aufblickend, die hoch über ihr flügelschlagend gegen die Strömung der Luft ankämpfte, denn sie wagte fast nicht mehr auf Rettung aus diesem Unwetter zu hoffen. Nach und nach wurde sie ruhiger; auch die Kraft der entfesselten Elemente in der Luft schien gebrochen, der Sturm raste weniger heftig, und vorsichtig verließ daS vor Frost und Kälte an allen Gliedern zitternde Mädchen den schützenden Baumstamm. „Ich will diese demüthigende Behandlung nicht länger ertragen," flüsterte sie leise vor sich hin, „noch heute will ich meiner anderen Stieftante einen Brief schreiben und sie um Hülfe bitten. Sie will mich zwar nicht in ihrem Hause aufnehmen, aber sie wird mir zu einer Stelle verhelfen. Nach Edith's Aussagen ist sie eine reiche, aber sehr excentrische alte Jungfer", fuhr sie in ihrem Selbstgespräch fort, „aber nach allem, was ich von ihr gehört habe, wird sie mir trotz ihrer Launen und Eigenheiten doch gut gefallen. Ich habe doch eine gute Erziehung genossen, bin sehr musikalisch, und hier habe ich gar keine Gelegenheit, meine Talente zu verwerthen. — Einen Versuch will ich machen, nur muß ich vorsichtig sein, damit Edith und Cecilte nichts merken, sonst komme ich in den Verdacht, mich in Tante Lydia's Gunst einschleichen zu wollen, um sie später zu beerben. Bah! ich denke gar nicht an Geld und Reichthum, nur-" Ihr Gedankenflug nahm ein jähes Ende. Ohne des glatten, eisigen Weges zu achten, hatte sie ihre Schritte beschleunigt, sie rutschte — taumelte und fiel auf die Erde. Erschreckt, vom Fall halb betäubt, versuchte sie sich aufzurichten; dabei fühlte sie einen brennenden Schmerz am Kopf, auch den rechten Arm hatte sie dermaßen verletzt, daß sie sich nicht auf denselben stützen konnte. Verwirrt schloß sie die Augen, doch plötzlich fühlte sie, daß sie von der feuchten Erde aufgehoben wurde, und eine melodische, bekannte Stimme fragte theilnehmend: „Haben Sie sich verletzt, mein Fräulein " Melitta blickte auf. Eine leise Nöthe überzog ihr bleiches Antlitz, als sie in ihrem Netter jenen Fremden erkannte, der ihr schon damals auf dem Bahnsteig, seine Hülfe angeboten hatte; nur erschien er heute in seiner glänzenden Offiziersunisorm noch stattlicher, als in dem schlichten, grauen Reiseanzug. Auch der Offizier schien Melitta wiederzuerkennen, das bleiche Antlitz mit dem unendlich traurigen Ausdruck hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. „Ich habe mich nur ein wenig verletzt," antwortete sie auf seine Frage, „mein Arm scheint verrenkt, es wird sich bald wieder bessern, und mein Kopf muß auf einen spitzen Stein gefallen sein." Beim Schein einer nahen Laterne bemerkte er eine nicht unbedeutende Stirnwunde, aus der langsam Blut zu träufeln begann. „Sie müssen bald Ihre Stirn kühlen," rief er besorgt, haben Sie noch weit zu gehen?" „Nur bis auf den Markt; ich bin bald am Ziel. Es war recht thöricht von mir, nicht besser auf weinen Weg zu achten und zu fallen, aber es ist so glatt." „ES ist auch kein Wetter für Damen, ohne Schutz auszugehen; es wurde mir selbst schwer genug, mir meinen Weg zu bahnen und gegen Wind und Wetter zu kämpfen." Melitta drückte mit zitternden Fingern ihr Tuch fest auf die Stirnwnnde, die heftiger zu schmerzen begann, und ein Gefühl großer Schwäche und der Ohnmacht übermannte sie. „Ich werde Sie heim geleiten," entschied der Offizier, „Sie können sich kaum aufrecht halten." „Ich danke Ihnen — Sie sind sehr gütig — ich fühle mich wirklich matt und — —" Es dunkelte vor ihren Augen; sie würde von neuem zur Erde gefallen sein, wenn sein starker Arm sie nicht beschützt hätte. „Sie müssen so schnell wie möglich heim, hier, nehmen Sie meinen Arm, versuchen Sie, ob Sie gehen können. Stützen Sie sich nur immerhin fest auf mich, ich bin stark genug, Sie zu tragen, wenn es nothwendig wäre." Diese Worte gaben Melitta ihre Kraft zurück; sie nahm den dargereichten Arm, und fest darauf gestützt setzte sie langsam den Weg fort. „Frau von Neinberg wird erschrecken, wenn sie erfährt, daß ihr Gast auf dem Wege diesen Unfall erlitten hat," bemerkte der Fremde, als Melitta das Ziel ihres Weges angegeben hatte. „Ich bin dort kein Gast; ich wohne bei ihr," versetzte Melitta ruhig. „Aber ich sah Sie dort noch niemals und gehe doch so viel im Haufe ein und aus. Wie geht das zu?" „Oh! das ist sehr einfach. Ich bleibe in meinem Zimmer, und wenn Gäste im Hause sind, darf ich mich überhaupt nicht sehen lassen. Ich bin ja nur eine arme Verwandte, die aus Mitleid aufgenommen ist," fügte sie dann bitter hinzu; sie vergaß momentan, daß sie zu einem Fremden sprach, und das Gefühl ihrer trostlosen Lage hatte sie vollständig überwältigt. „Weiß denn Frau von Neinberg, daß Sie bet diesem schaurigen Wetter ausgegangen sind?" fragte der Offizier mit strengen Blicken. „Ja, sie schickte mich selbst, da das Mädchen über Erkältung klagte. Aber," fügte sie hinzu, sich plötzlich besinnend, daß sie mit einem Fremden sprach, „bitte, vergessen Sie meine Worte und sagen Sie nicht wieder, was ich Ihnen vorschnell von meiner Stellung sagte. Frau von Neinberg liebt es nicht, mich als Verwandte in ihre Kreise einzuführen." „Ihr Vertrauen soll nicht mißbraucht werden, Fräulein-" „Melitta von Reck ist mein Name," ergänzte das junge Mädchen. „Oh! den Namen habe ich oft gehört. Georg von Neck war ein Freund meines Onkels, der jetzt ein großes Rittergut in Helmstadt hat. Ganz in der Nähe wohnt auch ein altes Fräulein, Lydia von Reck. Aber jetzt, da Sie mir Ihren Namen gesagt, ist es nur recht und billig, daß ich mich Ihnen vorstelle. Richard Wellinghof, Oberst im hiesigen Dragoner-Regiment." „Oberst Wellinghof!" rief Melitta fast erschreckt aus. „O, ich hatte mir von Ihnen eine ganz andere Vorstellung gemacht!" „Wirklich? Darf ich fragen in wie fern ich Ihrer Vorstellung nicht entspreche?" fragte er ernsthaft. „Nun, ich hörte so oft Ihren Namen, meine Cousinen erzählten nur von Ihnen, singen Ihr Loblied in allen Tonarten, so daß ich Sie für sehr stolz und hoch- müthig hielt. 611 Der Oberst lachte. „Hoffentlich haben Sie Ihre Meinung geändert," sagte er scherzend. „Gewiß. Sie sind gegen mich sehr gütig gewesen, sowohl heute, als auch an jenem Abend, als ich hier eintraf," gestand Melitta. „Leider kannte ich Sie damals noch nicht, oder ich würde Sie begleitet haben. Hätte ich jetzt nur gewußt, daß Sie bei Reinbergs wohnten, so würde ich Ihnen für den heutigen Ballabend eine Einladung geschickt haben, leider ist es jetzt zu spät." „Meine Tante würde es nicht erlaubt haben; Sie sehen, ich trage auch noch Trauerkleidung für meinen Vater, besuche also auch keinen Ball, wiewohl ich so gern dem Vergnügen zugeschaut hätte." „Sie werden für die nächste Festlichkeit eine Karte bekommen," versicherte er höflich. „Ah! ich freue mich schon jetzt darauf. Doch hier sind wir am Ziel. Gute Nacht, Herr Oberst, und Dank für Ihre Begleitung; ohne Ihren Beistand wäre ich gewiß nicht so gut heimgekommen." „Darf ich hoffen, Sie bei meinem nächsten Besuch zusehen? Ich muß doch erfahren, ob dieser Fall auch keine nachtheiligen Folgen für Sie hat." „Nein, ich glaube, wir werden uns nicht wiedersehen," versetzte Melitta zögernd. „Und ich bitte, sagen Sie auch nichts von diesem Unfall, meine Tante möchte zürnen, daß Sie mir Beistand geleistet haben. Wollen Sie mir versprechen, darüber zu schweigen?" Sie sah flehentlich zu ihm empor, und als er in daS blasse, bleiche Gestchtchen schaute, konnte er nicht widerstehen und führte ehrerbietig die kleine bebende Hand an seine Lippen. „Gewiß, wenn Sie es wünschen," versicherte er schnell, „obgleich mir die Erfüllung Ihrer Bitte schwer werden wird; leben Sie wohl." Naschen Schrittes wandte er sich um, den Weg nach dem Castno nehmend. „Wie schade, daß sie heute Abend nicht an der Festlichkeit Theil nimmt," dachte er bei sich selbst. „Sie ist fast noch ein Kind, aber ein liebliches und, wie es scheint, unglückliches Kind. Warum hält Frau von Neinberg sie in dem Hintergrund?" grübelte er weiter. „Fa- milienstolz — oder fürchtet sie, daß diese kindliche Schönheit ihre eigenen Töchter in den Schatten stellt? Ich werde es bald genug erfahren." Inzwischen hatte Melitta sorgfältig die Spuren ihres Unfalls verwischt, die kleine Stirnwunde mit ihren welligen Haaren bedeckt, auch der Arm verursachte weniger Schmerzen. So betrat sie das Wohnzimmer, in dem die drei Damen gewöhnlich zu finden waren. „Du bleibst sehr lange!" rief Cecilie der Ankommenden zürnend entgegen. „Du mußt mir noch bei der Toilette helfen, mein Haar frisiren, und wenn Du nicht bald anfängst, so bleibt Dir für Edith sehr wenig Zeit übrig." „Du hast Dir gewiß die hell erleuchteten Schaufenster in den Läden angesehen?" rief Edith erregt dazwischen, „und dabei vernachlässigst Du Deine Pflichten." „Daran habe ich gewiß nicht gedacht", versicherte Melitta erröthend, „es war auch viel zu kalt und stürmisch, um mich lange draußen aufzuhalten; aber die Wege waren so glatt, ich konnte nur langsam vorwärts kommen." „Nun, stelle zuerst vorsichtig mein Blumenbouquet in's Wasser, aber behutsam, daß die Spitzenmanschette nicht feucht wird. Oberst Wellinghof hat es mir geschickt." „Nimm meine Blumen gleich mit; sie dürfen hier im warmen Zimmer nicht länger bleiben," befahl Edith. „Sind diese Blumen nicht entzückend? Glaubst Du nicht, daß mein Bouquet daS schönste ist?" Melitta näherte sich dem kleinen Seitentische, auf dem zwei herrliche Blumensträuße prangten. Das eine Bouquet aus Rosen und Maiglöckchen, das andere aus Kamelien und Veilchen bestehend. Sie waren beide gleich kostbar und prachtvoll, und Melitta konnte kaum einen leisen Seufzer unterdrücken, als sie gedachte, daß der Oberst ihr ebenfalls einen gleichen werthvollen Strauß geschickt haben würde, wenn er von ihrem Dasein eine Ahnung gehabt hätte. „Sie find beide herrlich", sagte sie, die Blumen bewundernd, „wenn ich zu wählen hätte, so wüßte ich nicht, welchem ich den Vorzug geben sollte." Cecilie lachte bei diesen Worten, während Edith stolz ihr Haupt zurückwarf. „So, jetzt hörst Du selbst, was Melitta sagt", rief sie hochmüthig. Deine Blumen sind also durchaus nicht schöner wie die »reinigen." „Vielleicht nicht, „höhnte Cecilie, „aber mein Bouquet besteht aus Rosen. — Rosen schenkt man bei einer Verlobung — werde noch heute Abend WellinghofS glückliche Braut sein!" „Nur, wenn er sich nicht mit mir verlobt," warf Edith boshaft ein. „Komm, Melitta, hilf mir bei meiner Toilette." „Melitta muß mir zuerst helfen; ich bin die älteste," gebot Cecilie. „Ja, Du bist bedeutend älter, daran zweifelt Niemand," gab die jüngere Schwester zurück, dann verließ sie das Gemach. Es waren für Melitta zwei schwere, lange Stunden, ehe die Toilette der Damen zur Zufriedenheit beendet war und sie endlich zum Casino fuhren, dann setzte sie sich hin und weinte bitterlich. „Soll ich mein ganzes Leben in dieser Weise zubringen?" klagte sie laut, „dann möchte ich lieber sterben; ich bin matt und todesmüde." Doch bald trocknete sie ihre Thränen; der Brief für Tante Lydia mußte in Eile geschrieben und zur Post 'besorgt werden, denn eine passendere Gelegenheit war nicht leicht zu finden. 3. Kapitel. „Ich bin ganz rathlos! Was in aller Welt sollen wir nun beginnen? Ich habe hin und her überlegt, kann aber gar keinen Entschluß fassen! Wenn es nicht um Deinetwillen wäre, Cecilie, so würde ich noch im letzten Augenblick die ganze Festlichkeit aufschieben. Aber Du bist ja fest überzeugt, daß Oberst Wellinghof sich endlich mit Dir verloben wird; ich begreife überhaupt nicht, daß es nicht schon lange geschehen ist! Du glaubtest doch auf dem letzten Ball im Castno so sicher zu sein." Frau von Neinberg's Stimme war erregt, ihre Nerven überreizt; ein unangenehmer harter Zug zeigte sich stets in ihrem strengen Antlitz, wenn sie die feine Gesellschaftsmaske abgelegt hatte. Sie war heute mit ihren beiden Töchtern und mit Melitta im Arbeitszimmer; die letztere wie gewöhnlich unermüdlich und fleißig mit einer Näharbeit beschäftigt. Sie schreckten schon lange nicht mehr davor zurück, in Gegenwart der Cousine die unerquicklichsten Unterhaltungen zu führen, gehässige Bemerkungen über Bekannte oder Freunde zu wachen, war doch Melitta in ihren Augen so gut wie eine Wachspuppe, deren Veröffentlichungen der häuslichen Scenen sie nicht zu fürchten hatten. Heute hatte Frau von Neinberg freilich Ursache genug, fast zu verzweifeln. Es sollte in ihrem Hause am folgenden Tage, als am Vorabend des Weihnachtsfestes, eine glänzende Abendunterhaltung stattfinden, zu der die Einladungen bereits sämmtlich angenommen waren. Oberst Wellinghof sollte die beste Gelegenheit finden, sich mit Cccilie zu verloben, denn zuerst wurden lebende Bilder, darnach kleine Aufführungen und zuletzt ein gemüthlicher Ball arrangirt, natürlich fielen die Hauptrollen dem Oberst und der ältesten Tochter des Hauses zu. Nun war im letzten Augenblick der Klavierspieler, der bei den Bildern zur Begleitung der Aufführungen zum Tanze und sogar in den Pausen spielen sollte, krank geworden, und zwar so ernstlich, daß an sein Erscheinen am Abend der Festlichkeit nicht mehr zu denken war. Auch war die Zeit viel zu kurz, um aus der nahen Residenz eine neue Kraft zu engagiern, kein Wunder daher, daß bet dieser unerwarteten Wendung die arme Mutter rath- und fassungslos war. „Wir dürfen die Festlichkeit nicht aufschieben, die Zeit ist viel zu kurz, auch sind alle Einladungen angenommen," bemerkte Cccilie mit der größten Kaltblütigkeit. »Ich will auch morgen Wellinghof's Braut werden, wir hätten uns schon auf dem letzten Ball verlobt, aber Edith kam jedesmal im kritischen Augenblick dazwischen und störte uns im Alleinsein. Wenn Du es morgen ebenso machst," fügte sie, mit drohenden Blicken ihre Schwester ansehend, hinzu, „so wirst Du es später bitter genug bereuen, wenn ich erst Herrin auf dem großen Nittergute und fabelhaft reich bin." „Hm! das wirst Du nie werden," versetzte die Schwester verächtlich, „ich habe ebenso viel und wohl noch mehr Aussicht wie Du." „Kinder, ich bitte Euch, zankt Euch heute nicht," flehte die Mutter, „helft mir lieber, wie ich einen Klavierspieler bekomme. Ich muß gestehen, ich bin noch in meinem Leben nicht in einer so großen Verlegenheit gewesen — was sollen wir nur thun?" „Darf ich spielen?" Es war Melitta, die diese Frage gestellt hatte, Unbemerkt hatte sie ihre Arbeit niedergelegt und stand jetzt hoch aufgerichtet ihrer Tante gegenüber. Sie war fast noch bleicher denn sonst, ihre Wangen waren eingefallen und zeugten deutlich von Ueberanstrengung und Ueberbürdung; doch ihre Singen leuchteten lebhaft und kindlich bittend schaute sie die erstaunten Verwandten an, als sie ihre Frage wiederholte: „Darf ich spielen?" „Du? Kannst Du spielen?" fragten betroffen die beiden jungen Damen. Sie hatten sich bisher noch gar nicht die Mühe gegeben, nach den Kenntnissen der armen Cousine zu fragen und hatten es für selbstverständlich gehalten, daß außer ihrer Handarbeit die Leistungen sehr gering sein müßten. „Ja, ich spiele gern," lautete die entschiedene Antwort. „Aber wie spielst Du?" forschte Edith. „Wir haben noch uie einen Ton von Dir gehört." „Weil Ihr mir nie Gelegenheit dazu gegeben habt. Ich war zu meiner Ausbildung im Konservatorium und habe mir dort den Preis errungen." „Kannst Du denn auch Tanzmusik spielen?" fragte die Tante mißtrauisch. „Gewiß", versetzte Melitta entschieden. Frau von Neinberg überlegte. „Ich sehe wirklich nicht ein, warum Melitta nicht die Stelle des Klavierspielers einnehmen sollte", sagte sie dann langsam. „Wir sind dann aus der Verlegenheit und es werden uns v;ele Mühen und Kosten erspart. Es wird Niemand erfahren, daß Du zur Familie gehörst, denn es werden oft Damen zum Spielen engagiert; man wird Dich für eine solche halten. Hast Du ein Gesellschaftskleid?" „Ich habe ein Kleid, das genügen wird. Da ich noch Trauerkleider trage, ist keine große Toilette erforderlich." „Ganz gewiß nicht," warf Cecilte unmuthig ein, der diese Wendung wenig zu gefallen schien, „in Deinen Verhältnissen würde eine gute Toilette Veranlassung zum Anstoß geben." „Ein einfaches schwarzes Kleid genügt vollkommen," gab auch Edith zu. „Ein solches trug auch die Klavierspielerin bei Frau Herbert bei der letzten Soiree; sie sah sehr gut darin aus und Niemand hielt sie für einen Gast oder ging in den Pausen zu ihr, um ihr Spiel zu bewundern." Melitta schwieg. Eine heftige Entgegnung schwebte zwar auf ihren Lippen, aber sie unterdrückte ihren Un- muth. Sie wollte sich jetzt noch den Verwandten nützlich machen, damit die Ueberraschung desto größer sei, wenn sie unerwartet vor sie treten würden, um zu sagen, daß sie das Haus ihrer Peiniger auf immer verlasse. „Ich will nicht ein einfaches Hauskleid anziehen, nur um mich ihnen gefällig zu erweisen," dachte sie bet sich selbst, als sie ihr prachtvolles schwarzes Sammetkleid betrachtete, welches sie hier noch nicht getragen hatte. „Es ist ebenso schon wie Ceciliens, wenn nicht noch schöner wie das ihrige." Vergebens bemühten sich die beiden jungen Damen, Melitta's Toilette zu sehen; sie schwieg beharrlich und sagte nur: daß sie wie gewöhnlich in Schwarz erscheinen würde. Der nächste Tag war für Melitta sehr anstrengend. Unaufhörlich wurde sie hin und her geschickt, keinen Augenblick fand sie Ruhe, kaum hatte sie die langen Tafeln im Speisesaal gedeckt, als sie wieder neue Anordnungen im Ballsaal oder im Garderobenzimmer treffen sollte. „Sorge dafür, daß Du den Damen beim Ablegen der Mantel hilfst," hatte die Tante stirnerunzelnd geboten, als Melitta in ihrer eleganten Toilette mit leicht gerötheten Wangen ihr Zimmer verließ; sie bemerkte mit Mißfallen, daß das junge Mädchen heute einem jener lieblichen Engelsgesichter glich, denen man nur selten begegnet. Und dennoch fühlte Melitta sich nach all den anstrengenden Pflichten, die ihr heute auferlegt waren, todesmatt und müde, dabei sollte sie gleich 3—4 Stunden, vielleicht noch länger. hintereinander sitzen und spielen, ehe sie ihr müdes Haupt zur Ruhe legen konnte. (Fortsetzung folgt.) -—SSWNS-- Goldköruer. Unparteiisch sein ist nur dann eine Ehre, wenn die Parteien sich versöhnen können, ohne Gott, die Wahrheit und daö Recht zu verleugnen. K. — 613 Die letzten Erzfeinde Spaniens nnd des Christenthums auf den Philippinen. (Schluß.) Das Blut der Glaubensboten war nicht vergebens geflossen; doch hatten sie immer mit heimtückischen Gefahren zu kämpfen, und mehr denn ein Mal mußten die Jesuiten auf Mindanao ihre blühenden Missionen von Neuem aus Schutt und Trümmern wieder aufbauen. Noch im Jahre 1721 wurde Zamboanga (an der Küste) von der Flotte der mohammedanisch-malayischen Seeräuber angegriffen und nur durch das schwere Geschütz der Spanier gerettet. Die Insel Mindanao — die südlichste — bietet in Bezug auf die außerordentliche Fruchtbarkeit und seltene Schönheit dasselbe Bild, das wir vom ganzen Archipel gegeben, und hat namentlich in Hinsicht auf Wasserfülle (auch herrliche Binnen-Seen) und Wald- reichthum von den andern Inseln den Vorzug. Der Flächeninhalt wird bis auf 94400 glrm. angegeben, und schätzt man Mindanao fast gerade so groß wie die Königreiche Bayernfund Württemberg zusammen.*) Das stimmt jedoch nicht mit dem Größenverhältnisse des ganzen Archipels von 170,585 glrm. Denn — da die Insel Luzon (Manila) noch größer als Mindanao ist, so würde der Eesammtflächenraum dieser zwei Inseln allein schon die Größe des ganzen Archipels überragen, selbst wenn sie gleichgroß, und dazu kommen noch 10 „größere" (von den 1200!) Inseln, darunter 3 bedeutende. (!) Vielleicht ist die Größe des ganzen Archipels zu gering angegeben (es fehlt überhaupt noch an statistischen Erhebungen). Wie dem nun sein mag, immerhin ist Mindanao bei feiner Größe, wenn diese auch nur 84,000 beträgt, sehr gering bevölkert, da nach der, wie es scheint, auch problematischen, statistischen Angabe diese große Insel nur 600,000 Einwohner hat, während sie mehr als 6 Millionen haben könnte. (?) Es sind jedoch der Einwohner mehr, wenn die Specialangaben richtig; denn es sollten auf Mindanao im Jahre 1890 wohnen: 216,000 Katholiken, 125,000 mohammedanische Malayen, 300,000 Heiden, — etwa 4000 heidnische Negritos, 3000 Spanier, — Militär, Beamte, Missionäre, Kaufleute rc., wohl auch einige Hundert anderer, europäischer und amerikanischer Geschäftsleute und an 2000 Chinesen (wo diese „Juden Ostasiens" sind, muß es auch etwas zu gewinnen geben). — Die Insel Mindanao ist es also, wo noch die Erzfeinde Spaniens nnd der christlichen Civilisation Hausen: die Moros — mohammedanische Malayen mit ihren Sultanen und den besonders gefährliche Da tos — zu Vasallen herabgesunkene, frühere kleine Könige und die uncultivirtesten der Heidenstämme. Seeräuberei und Sklavenfang ist das Handwerk der Moros und der wilden Heidenstämme. Auf der Anzahl der Sklaven beruht das Ansehen und die Macht der Datos und auch der Häuptlinge der wilden Malayen-Stämme; ganze Dörfer werden entvölkert. Was die Seeräuberei betrifft, so haben die Spanier den schwersten Standpunkt; denn sie besitzen weder die Geschicklichkeit, noch die Tollkühnheit der Piraten, und auch nicht die geeigneten Fahrzeuge. Auf ihren leichten, seichtgehenden Booten gleiten die Moros blitzschnell auf den *) Bayern umfaßt 75853 gkm., Württemberg 19,503; zusammen 95,366. Wogen dahin und können von den Spaniern — selbst auf leichten Kanonenbooten, nicht eingeholt werden. Und kommen sie je in eine gefährliche Klemme, dann stürmen sie über Klippen und Wasserfälle hinab — und die Spanier haben das Nachsehen. — Erst jüngst haben die Moros wieder eine blutige Greuelthat verübt. Unter Anführung eines Dato, Namens Ali, haben sie die Militärstation Lepanto überfallen, alles niedergemacht, was ihnen in den Weg gekommen, Kirchen und Altäre zerstört, den Commandanten, den Hauptmann der Besatzung und 12 Mann fortgeschleppt. Sie ermordeten auf dem Marsche die beiden obersten Militärführer und drei Frauen, die, ermüdet nicht weiter folgen konnten. Der Befehlshaber der Station Valenzia, der Missions-Pater von Neu-Sevilla und der Fähnrich einer Polizeitruppe eilten an der Spitze von 400 Mann den Moros nach. Erst nach unbeschreiblichen Strapatzen hatten sie den Feind eingeholt, auch überfallen; und es glückte ihnen, denselben in die Flucht zu schlagen. — Die grausamsten der Heiden sind die wilden Stämme der Baganis und ihrer Verwandten, der Bagobos. Nach dem Berichte eines Missionärs fallen unter den Mordwaffen der Baganis auf Mindanao jährlich weit über 200 Personen, und ndch beträchtlicher ist die Zahl der Weiber und Kinder, die als Sklaven fortgeschleppt werden. In der Mission des Paters allein werden jährlich an 60 Personen „umgebracht" und an 100 zu Sklave» gemacht. — Nicht besser, wohl aber noch grausamer sind die Bagobos. Beider Genuß ist es, ihre Wuth im Christenblut zu stillen. Sie graben ihr Opfer bis zum Lendengürtel in die Erde, tanzen wild singend längere Zeit um den Unglücklichen, dann endlich tödten sie ihn langsam im Lanzenwerfen, reißen der noch warmen Leiche die Eingeweide heraus und verzehren sie. Ein friedfertiges und schön gestaltetes Heiden« Volk sind die Mandaya's. Sie sind gelehrig und dienstfertig, offen und gastfreundlich. Dem rohen Naturzustände sind sie schon weit entrückt. Sie lieben und pflegen streng sociale Ordnung, haben einen Gouverneur, einen Kapitän und einen Lieutenant für Aufrechterhaltung der Ordnung und für den Kriegsfall; sie haben ferner Richter, und über Allen steht der Aelteste des Volkes als König. Auch besitzen sie eine große Sammlung überlieferter Gesetze. Uebrigcns ist auch unter diesem Volke, je nach den Stammzweigen, die Verfassung verschieden. Die Mandayas glauben an zwei gute Götter — nnd an zwei böse Götter — oder Geister. Die guten Götter sind Mansilatan, der Vater und Badla, der Sohn. „Gott" — der Vater wohnt im Himmel, „Gott" der Sohn regiert die Erde. Von Beiden komnit alles Gute, und sie helfen aus den schwersten Krankheiten, Gefahren und schützen vor Unglück. Die bösen „Götter" sind Pondaugnon (Ponda-ugnon) und sein Weib Malimbong; von ihnen kommt alles Unglück nnd Unheil, die Krankheit, sowie das Erdbeben (das auf dem vulkanischen Boden der Philippinen so häufig eintritt). Die Mandayas haben Prieste rinnen mit einer Oberpriesterin. Wenn diese Heiden in schweren Nöthen zu ihren guten Göttern beten, so rufen sie inbrünstig auch den Vater an, von seinem Himmel herab zur Hülfe zu kommen; nnd dabei werden die hölzernen Bilder der beiden bösen Götter tüchtig durch ge- 614 prügelt. Die Mandayas glauben an ein Fortleben nach dem Tode; wie sich aber dasselbe denken, ob sie an ein Leben im Jenseits und an einen Himmel und eine Hölle glauben, darüber können wir nichts berichten. Immerhin finden bei den Mandayas die Missionäre einen fruchtbaren Boden. — Von den christlichen Malayen sind es vor allen andern die „Visayas," welche besonderes Interesse verdienen. Sie werden die „alten Christen" genannt, sind treue, fromme Gläubige und gehorsame Bürger und sind geistig sehr begabt. Die VisayaS, oder Bissaya's, wie sie in den Berichten der alten Missionäre heißen, waren schon vor Ankunft der Spanier ein ziemlich civilisirtcs Volk und waren mit den Tagalen die ersten, welche das Christenthum annahmen. Durch ihre Tapferkeit leisteten sie den Spaniern von jeher große Dienste, namentlich im Kampfe gegen die Moros (auch gegen die Holländer im 17. Jahrhundert). Aus ihnen setzt sich fast die ganze Miliz der Spanier auf Mindanao zusammen. In den Gewerben besitzen sie eine überraschende Geschicklichkeit, und ihre Industrie erreicht den Höhepunkt in Anfertigung eines Gewebes, dessen Fäden so fein sind, daß sie ein Luftzug zerreißen könnte. Es ist das Pinja-Ge- webe, aus Ananasfasern, dessen Ausfuhr jährlich in dem einzigen Hafen Jlo — ilo auf über 16 Millionen Mark (nach deutschem Geld) geschätzt wird und namentlich nach Peking und London wandert. Dieses merkwürdige Gewebe hat auf europäischen und amerikanischen großen Ausstellungen allgemein Bewunderung erregt. So haben wir denn im fernsten Osten ein katholisches Jnselreich. Ja, es ist daS eine der schönsten und großartigsten geistigen Eroberungen, welche auch die leibliche Wohlfahrt von Millionen von Menschen zur Folge hatte. Denn diese Völker sind nicht nur aus dem finstersten, unheilvollsten Aberglauben, sondern auch vor dem gänzlichen Untergang gerettet worden. Diese armen Völker haben sich nicht, wie es leider bei den Länder-Eroberungen gewöhnlich geschehen und noch da und dort der Fall ist, vermindert, oder sind etwa gar bis zum Absterben herabgesunken; sondern haben sich im Gegentheile vermehrt und zwar um Millionen! Mit der weisen religiösen Eroberung hat sich eben auch eine weise politische Eroberung von Seite der spanischen Regierung vereint, welche den Rathschlägen der kundigen und edelsinnigen Missionäre gefolgt. Man trachtete darnach, Sitten, Sprache, Freiheit und Besitzthum der Eingeborenen, in soweit es immer möglich, zu erhalten und nicht zu zerstören. Behutsamen Schrittes führte man sie der Veredlung entgegen; — eine Kolonialpolitik, die mancher Staat sich.zur Lehre nehmen kann! — Nun fehlt nur noch die völlige Doppeleroberung der Insel Mindanao. Die religiöse Eroberung ist, seitdem die Väter Jesu, durch endliche Zulassung seitens der spanischen Regierung vom Jahre 1863 ab, wieder auf Mindanao wirken, bereits bis zur Hälfte vorgeschritten. Die politische Eroberung dagegen hat noch eine größere und schwere Arbeit zu vollbringen. Von ihren 5 Provinzen an der Küste, ist sie indeß in den jüngsten 15 Jahren in'S Innere etwas vorgedrungen; und auf die obengemeldeten grauenhaften Unthaten hin haben die Spanier, wie es scheint, sich entschlossen, energischer vorzugehen. General Blanco aus Manila ist mit dreitausend Mann an Ort und Stelle gerückt, während an der Küste die Flotte operirt. Wir dürfen hoffen, daß unter Gottes Hilfe in nicht zu ferner Zeit auch auf Mindanao der heilsame Doppelsieg errungen sein werde. — I. G. Fußcnecker. --»-IWI-—-- Vedrmrenschloß El-Golea m der Sahara. Von Theodor Habicher. iNachdruck verboten.) Schloß „El-Golea", von den Berbern „La Taori" und von seinen Bewohnern auch „El-Menia" genannt, liegt unter 30° 21V 12" nördlicher Breite und 0° 47' 40" östlicher Länge, also beinahe am Meridian von Algier. Die zahlreichen Stadtruinen, sowie die Chronik der Vergangenheit berichten von einer einstigen Einwohnerzahl von 6000 Seelen. Die Stadt ist auf einer Plattform eines der drei die Oase beherrschenden Hügel erbaut. Der erste, auf dessen Gipfel ein großer kegelförmiger Steinhaufen zum Andenken an eine von Sid Abou Hass gemachte Pilgerreise errichtet wurde, wird Megrunet Sidi Chciker-Hügcl genannt; der zweite, dessen Ausdehnung etwas kleiner und der an Höhe den ersteren überragt, diente als auserschener Bauort für das Beduinenschloß, welches seinem Aussehen gemäß der in strategischer Hinsicht bedeutendste Punkt ist; der dritte besteht aus einem riesigen Haufen röthlicher Töpfererde, auf dessen Gipfel einige große Felsblöcke ruhen, die in späterer Zeit, durch die Einflüsse des Regens beeinträchtigt, zur Erdabrutschung beitragen werden. Von den Arabern wird dieser Hügel „Tin Bon Zid" genannt. Die am Fuße desselben befindliche Grabstätte wurde von einem hochverehrten Marabout (Priester des Islams) errichtet, und zur frommen Erinnerung an ihn erhielt der dritte Hügel seinen Namen. Das Castell ist von einer drei Meter hohen Mauer umgeben und befindet sich in noch halbwegs gutem Zustande. Ein Theil seiner Ruinen bildet ein undurchdringbares Labyrinth, in welchem es einem, in Folge der vielen unterirdischen Gänge und Gewölbe, äußerst schwer fällt, sich zu orientiren. Diese letzteren dienen gegenwärtig den Nomaden als Magazine. Der dort wohnende Schloßhütcr ist die einzige lebende Person in diesen verödeten Hallen, und ihm ist der Schlüssel zu dem Schloßthore in Verwahrung übergeben. An der Hinterfront der Beste erhebt sich eine steile, vier Meter hohe Böschung, auf deren triangelförmigem Plateau das von einer Ringmauer umgebene Fort erbaut ist. Der Aufstieg vom Schloß zum Fort besteht in mehreren, in Felsen gehauenen Tritten und befestigten eisernen Klammern, welche zur Sicherheit des Auf- und Abstieges angebracht wurden. Auf dem Plateau befindet sich eine alte, baufällige Moschee, an deren südlicher Mauerseite die zur Erinnerung an die Expeditionen des Generals Gallifet und Oberst Velin eingravirten Inschriften zu lesen sind. Vom Fort aus genießt man in der Richtung nach West und Süd eine unbegrenzte Fernsicht. Die Stadt „El-Golea" hatte, wie Ouargla, eine Glanzperiode. Riesige Datteln- und Palmen-Haine bedeckten das ganze Thal, bewässert von den vielen Cisternen und künstlich angelegten Wasserleitungen; es existirt noch eine davon, die Eigenthum des Si-el-Ala ist. Vier andere könnten ohne besonders große Kosten hergestellt werden. In der Nachbarschaft zu Hasst El-Bckai und zu Hasst Muses existiren noch drei, die unter den Namen Fegaguir Ali 815 oder Attou bekannt sind. Die Oase erstreckt sich bis nach Onplin, woselbst es viele schöne Gärten hat. Am 23. Djoumad el Abdul (23. Dezember 1661) langte der von Gourara kommende Reisende El-Aichi zu El-Golea an. In seinen Reiseberichten drückte sich der kühne Forscher über die Lage und Beschaffenheit der Oase folgendermaßen aus: ^ „Wir reisten von Gourara ab; kaum hatten wir jedoch einige Wegstunden zurückgelegt, als sich uns der Samoum in seiner ganzen schrecklichen Gestalt zeigte. Die Leute der Karawane litten auf die schrecklichste Weise, denn wenn man nur einen Augenblick die Augen öffnete, so waren sie mit Sand gefüllt; trotz all dieser Unannehmlichkeiten verloren wir nicht unsern Muth und erreichten endlich, obwohl zu Tode ermattet, die uns rettende Oase El-Golea. Dir Burg gleichen Namens ist auf einem Granitfelsen erbaut und bildet einen isolirtcn Hügel, desgleichen hat es dortselbst viele Cisternen, deren Wasser sehr frisch und gut ist. Auch fehlt es nicht an Dattelbäumen und Palmen, welche durch ihre schattenspendenden Aeste wohlthuend bei der Hitze auf die Menschen einwirken und deren Früchte äußerst schmackhaft sind. „Die Stadt steht unter der Herrschaft des Sultans von Ouargla, der dortselbst einen Amel (Gouverneur) eingesetzt hat. Letzterer ist ein Beduine, ohne Schuhe und ooiüuro, angethan mit schmutziger Kleidung, abstoßende Umstände, die aber nicht verhindern, daß er sich trotzdem von seinen Unterthanen Respekt zu verschaffen weiß." El-Golea war bewohnt von dem Cheikh El Hadj Sid Abou Hass ben el Ouali es Salah Sid Abdel- Kader ben Mohamed ben Seliman ben Bon-Smahu, Marabout (geheiligter Araberpriester), der in diesem Landstriche unter dem abgekürzten Namen Sid Esch-Cheikh bekannt war und von seinen Unterthanen sehr respektirt wurde. Seine Nachkommen sind heute unter dem Namen Ben-esch-Che!kh sowohl in den Gegenden des Tells, sowie in der Sahara bekannt. Seit jenen Tagen nahm das Gedeihen der Oase den Krebsschritt an. Die Chaamba-Mouadhi, welche die gegenwärtigen Schloß- und Gärtenbesitzer sind, wohnen beinahe immer in ihren Zelten auf den großen Steppen, die sie als Nomaden durchstreifen, und nur in den heißesten Sommermonaten, sowie gegen Beginn Oktobers halten sie sich in den kühlen Schloßräumcn vorübergehend auf, um gleich darauf wieder ihr uustätes Leben weiterzuführen. Die nur in geringer Zahl existirende dauerhaft ansässige Bevölkerung besteht aus einigen Familien der Zenata, Abkömmlinge von Gourara und weniger vom Sklavenjoche befreiter Neger, deren Zustand äußerst miserabel ist. Am Fuße des Schloßhügcls befinden sich einige von den dauerhaft niedergelassenen Arabern bewohnte Stein- baracken und mehrere Gubbas (Art Kapelle mit 4 regelrecht aufgeführten Mauern und einer Kuppel, deren Spitze ein Halbmond ziert; die Außenseiten sind mit Kalk getüncht, und die kleine Eingangspforte befindet sich gegen Sonnenaufgang), die zur Erinnerung der Ouled Sidi Cheikhs errichtet wurden. Die Chaamba gehören der Araber-Nasse verschiedener Abstammung an. Sie bilden drei unter den Nomaden verschiedene Gruppen mit diversen Namens- bezeichuungen, die auf ihre Abstammung zurückführen. Nämlich: 1. die Chaamba Bon Nouba oder Chaamba von Ouargla; 2. die Chaamba Berezga oder Chaamba von Metlili; 3. die Chaamba von El-Golea oder Chaamba Mouadhi, von den Touareg auch Cherenba ouan Taorit genannt. Die Letzteren stammen von den Ouled Madi von Bouzadi und von den Ouled Zid von Biskra ab und zertheilen sich wieder in fünf Traditionen von ziemlich gleicher Stärke: die Ouled Nrcho, Zweiglinie, zu welcher die begütertsten und einflußreichsten Familien zählen; die Ouled Zid, Mouadhi, Ouled Feredj und Ouled Sidi El Hadj Uahia, welch letztere im Wege der Adoptirung zu Lehen erhobene Marabout der Ouled Sidi Cheiks und Abkömmlinge der Ouled Uahia wurden und gegenwärtig Beria bewohnen; sowie die dauerhaften Wohnsitz habenden, genannt Zenata, im Ganzen mit einer Anzahl von 1500 Einwohnern. Die Mouadhi, ein von den anderen Arabern sich isolirendes Tribü, bewahren heute noch sehr primitive Sitten und sind sehr intim mit den Gourara, den Touat und den Tidikclt. Den Kindern derselben wird schon in der frühesten Jugend eingeschärft, alle Koumi (Christen) zu hassen und für den Erhalt ihrer Freiheit zu jeder Stunde bereit sich zu halten, ihr Leben zu lassen. Dieses Tribü, wie schon bereits bemerkt, nimmt jedoch nur bei der heißesten Saison Besitz von Schloß El-Golea. Nach dem Pflücken der Datteln, von denen die Oase ungefähr 6000 Palmen besitzt, und Abführung der noch anderen diversen Früchte in die Schloßkeller, zerstreuen sie sich in der ungeheuren Wüste Sahara, woselbst sie von der Gazellen- und Mouflon- (Art Hirschkuh) Jagd, sowie von Kameel-Milch sich ernähren. Dieses zwar rauhe, jedoch unabhängige Leben würden die Mouadhi unter keinem Umstände, selbst mit den noch so gut situirtcn Bürgern oder anderen Nomaden Nord-Algeriens, vertauschen. Von frühester Kindheit an alle Mäugel, Entbehrungen und Strapazen gewöhnt, nahm, im beständigen Kampfe mit den Elementen, der Mouadhi- Araber einen unabhängigen, harten, wilden Charakter an, der beim Zusammentreffen mit ihm einen gewissen beängstigenden Eindruck hervorbringt. Als unermüdliche Reiter besitzen sie bewundernswerthe Mahara (Dromedare), mit welchen sie Proben von unübertreffbarer Schnelligkeit und Ausdauer ablegen. Hievon nur ein Beispiel von Chaamba Bou Haus ben Haodh. Derselbe befand sich auf Besuch bei einem seiner Freunde zu KSar-El-Arab (in Salah), als er erfuhr, daß sich ein Wüstcnprediger vorbeigehend zu Fares Oum El-Lil, 75 Kilometer von Ksar-El-Arab, aufhielt. Nach dieser vernommenen Nachricht sattelte er sofort seinen Mahari und ritt an einem Freitag gegen 10 Uhr vormittags ab; noch am selben Abende stieß er auf die ihm als Wüstensohn nur zu bekannten Spuren eines als Schnell- läufer dressirten Kameels, das kein anderes als das des Predigers sein konnte; allein die Fußspuren wichen von der erst angegebenen Richtung ab und dirigirtcn sick gegen El-Golea, woselbst er Dinstag morgens ankam. Somit legte er in 96 Stunden eine Strecke von 475 Kilometern mit ein und demselben Dromedar zurück. Ich glaube, daß bis heute nicht viele derartige Ritte unter den angeführten Umständen ausgeführt wurden und dieser wohl der einzige in seinem Genre gewesen sein mag. Als vorzüglicher Schütze ernährt der Mouadhi seine Familie von Gazellen- und Mouflon-Flcisch. Als Führer leistet er Staunenswerthes, denn er kennt alle 616 Pfade und Saumwege und weiß sich gut zurechtzufinden in dem immensen Labyrinthe des Erg. Als abenteuerlustiger Plünderer wird er von seinen Nachbarn stets mit Argus-Augen beobachtet. Das ungeheuer große, von den Mouadhi in Kreuz und Quer durchzogene Terrain hat als seine Grenzen: im Süd und im Südostcn die Contreforts des Tad- mit gegen Maader, im Südwester! und Westen den inneren Theil jenes Plateaus, welches in seiner Erhebung gegen Süden die von den Arabern so genannte Gebirgskette Bas-Tadmit bildet, den oberen Lauf des Oued (Fluß) Mcguiden, gegen Erg Sedra, und den nördlichen Theil gegen Hasst bou Zid des großen Erg, im Norden und Nordwcsteu endlich den Theil der Chcbka, im Süden Hassi Tscmed, den Oued Zergoun zu Onm el Hadaj, und von diesem Punkt in gerader Richtung folgend gegen den Oued Segguer, indem man diesem in einem Drittel seines Laufes folgt bis Korid el Thahal, woselbst der Scgguercr Fluß in den ungeheueren Sand-Dünen des großen Erg spurlos versiegt. Dieses sind die Grenzen, welche die Nettesten des Tribüs bezeichnen. Ein Blick auf eine gute Karte kann einem die leichtere Orientirung verschaffen, daß das kleine Tribü der Chaamba Mouadhi ganz abgeschlossen von der Außenwelt in diesem ungeheueren, wenig bewohnten Wüstendistricte ist. Obwohl von vielen täglichen Gefahren umstellt, entsetzt sich der Mouadhi doch dieser Eventualität halber nicht und läßt zur größeren Sicherheit in den Magazinen des Beduinen-Schlosses El-Golea alle seine Reichthümer, in Datteln, Getreide, Wolle, Fellen u. s. w. bestehend, zurück. Er führt nur die zu seinem Unterhalte nothwendigsten Gegenstände mit sich und bleibt in der Wüste des Erg während voller 8 Monate. Vergangenen Jahres wurden von französischer Seite eifrige Nachforschungen in Betreff der Bodenverhältnisse in El-Golea angestellt. Von den Bewohnern des Landes erhielt man die sich als wahr bestätigende Nachricht, daß vor circa 100 Jahren artesische Quellen existirten. Die angestellten Versuche ergaben das Resultat, daß an drei verschiedenen Stellen bei einer Grabung zwischen 17 bis 45 Metern Tiefe man auf ein Wasserbecken stößt. Allerdings ist es nöthig, eine Felsenschicht in der Dicke von zwei Metern Durchmesser zu sprengen, wodurch dann das größte Hinderniß beseitigt wäre. In strategischer Hinsicht wäre El-Golea für die französische Colonie Algerien^von großer militärischer Wichtigkeit, da es gleichsam der Communications- Mittelpunkt zwischen Algerien und dem Senegal ist. In hygienischer Beziehung ist El-Golea bedeutend gesünder als die Oase Ouargla, woselbst voriges Jahr ein starkes Fort erbaut wurde, deren Klima aber einem Europäer den Aufenthalt nicht länger als sechs Monate gestattet, in Folge des dort grassirenden Fiebers und anderer epidemischer Krankheiten. Selbst der als Nomade lebende Araber flieht in den Monaten Mai, Juni und Oktober diesen Fieber-Ort. Sollte der von Seite des General-Gouverneurs von Algerien gemachte Vorschlag bei der Regierung Anklang finden, so wird in Bälde ein kleines Detachemcnt von eingeborenen Tirailleurs (Schützen) und Spahis (Cavallcrie) in El-Golea Garnison beziehen, und der Verfall des Beduinen-Schlosses El-Golea wird dann entweder beschleunigt oder aufgehalten werden. Allerlei. Elementarereignisse zur Zeit Heinrichs deS Löwen und Kaiser Barbarossa's. Darüber sagt AbelS Chronik von Halberstadt: „Der Theuerung und Pest nicht zu gedenken, die schon 1150/51 g'rasfirte, so hat 1157/58 Sturm und Ungewitter sammt Platzregen großen Schaden gethan. 1163/64 sind die Flüsse und Seen übergelaufen und haben Vieh, Menschen, Häuser und Kirchen weggeführt, der Hagel hat an vielen Orten die Früchte sehr beschädiget. Anno 1166 ist wieder ein sehr nasser Sommer gewesen, wodurch Theuerung und Sterben bei Menschen und Vieh verursacht wurde, ja 1167/68 soll die Pest in Welsch- und Deutschland gewüthet haben. Anno 1170 war eine solche Hitze, daß die Erde gleichsam in Staub verwandelt wurde, der eine Seuche folgte, die 1172 noch anhielt; 1173 war die Hitze wieder so groß, daß fette Torferde sich entzündete und man kaum den Samen erntete, worauf ein stinkender Nebel viele Krankheiten hervorbrachte. Anno 1174 war der Sommer kalt und stürmisch, der Herbst allzu naß. 1177 war der Winter sehr kalt, der Sommer heiß, der Herbst naß. 1179 war der Winter sehr hart und langwierig, so daß die Bäume erst im Juni zu blühen anfingen. Den 22. Juli ist ein gräulicher Hagelschlag mit gewaltigem Sturm gewesen, wobei Feld- und Eartcnfrüchte viel gelitten haben." --- Mana-