AliterMungMütt »m „Augsburger Postzeitung". ^L8v. Dinstag, den 2. October 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Lilerarischen Instituts von Haas L Grabderr in Augsburg (Vorbesitzer I)r. Max Huitler). Die Werte des Kaufes. Erzählung von C. Borges. (Fortsetzung.) Ein Trost hielt Melitta aufrecht. Sie hatte heute dte lang erwartete Antwort ihrer Tante Lydia erhalten und den Brief in der Tasche. Die alte Dame hatte kurz, aber freundlich geschrieben: „Meine liebe Nichte," so lauteten die Zeilen. „Es thut mir aufrichtig leid, daß Du bei meiner „Schwester und deren Töchtern nicht glücklich bist, aber „ich wundere mich nicht darüber, denn ich war vor „langen Jahren drei Tage bei ihnen zum Besuch und „konnte es kaum so lange aushallen. — Als ich vor Monaten „mich weigerte, Dich als Gast in meinem Hause aufzunehmen, geschah es nur aus dem Grunde, weil ich „glauble, Du seiest ebenso anspruchsvoll wie meine beiden „andern Nichten, Cecilie und Edith. Aber jetzt glaube „ich, mich getäuscht zu haben. „Wenn Du willst, kannst „Du so lange zum Besuch zu mir kommen, bis sich etwas „Besseres für Deine Zukunft gefunden hat. — Ich lebe „hier in Helmstedt sehr einsam und zurückgezogen und „kann einer jungen Dame um so weniger Zerstreuung „oder Abwechselung bieten, aber Du brauchst wenigstens „nicht den ganzen Tag zu sitzen und Kleider verändern, „und Hüte garniren, wie Du es zweifellos bei meiner „Schwester thun mußt. Ich höre aber gern gute Musik „und Du kannst nach Herzenslust musiciren. Wenn „Du willens bist, zu mir zu kommen, so melde mir den „Tag Deiner Ankunft „Es grüßt Dich „Deine Tante Lydia von Reck." Melitta hatte diese Zeilen so häufig gelesen, daß sie dieselben fast auswendig wußte, und ihr Herz schlug in hoher Freude bei dem Gedanken, nach dem Weihnachtsfeste endlich dieses Haus zu verlassen. Sie trat in den Ballsaal. Er war leer, es mochte für die Ankunft der Gäste noch zu früh sein. Schnell ordnete sie noch einige Blumen in den Vasen; traumverloren dachte sie nur an eine glücklichere Zukunft und hörte nicht einmal das leise Ocffncn der Thür. Da legte sich sanft ein Arm um ihre Schulter, und eine wohlbekannte Stimme flüsterte ihr zu: „Endlich, endlich meine holde Cecilie, mein lieber Schatz, finde ich Gelegenheit — — —" Er hielt plötzlich inue, zu spät bemerkte er seiuen Irrthum. Auch Oberst Wellinghof war schnell zurückgetreten. „Fräulein von Reck", flüsterte er kaum hörbar, „ich glaubte — —" „Bleibe doch in der Garderobe, wie Mama Dir befohlen hat, die Gäste können jeden Augenblick kommen", ertönte plötzlich Ceciliens schrille Stimme. Sie hatte die Scene gesehen, die Worte aber nicht verstanden, aber sie war empört, daß der Oberst seinen Arm um die Schulter ihrer Cousine gelegt hatte. „Was hast Du überhaupt hier zu thun, verlaß den Saal augenblicklich," fuhr sie erregt fort, dann wandte sie sich an den Offizier: „Kennen Sie die Dame? sie ist hier im Hause zur Stütze meiner Mutter," sagte sie, sich mühsam zur Ruhe zwingend. „Ich sah sie nur vor einigen Monaten wenige Augenblicke am Bahnhof — aber als ich eintrat, hielt ich sie für eine andere Dame," versetzte der Offizier überrascht. „Wirklich? Die „andere Dame" müßte sich sehr geschmeichelt fühlen," höhnte Cecilie, dann wandte sie sich um und begrüßte die eintretenden Gäste. So glänzend auch die Festlichkeit verlief, für Cecilie war der Abend verdorben. Sie ärgerte sich über die Scene, die sie beobachtet hatte, in der Melitta und der Oberst die Hauptrollen spielten; dann hatte Wellinghof sich anfänglich sehr bemüht, ihr den Irrthum zu erklären, sogar während der Pause um ein stilles Plauderstündchen in einer versteckten Fensternische gebeten. Sie hatte ihn verhöhnt, ihm den Vorwurf gemacht, ob er auch dieses Mal nicht „im Irrthum" sei. Zu spät freilich bereute sie bitter ihr schroffes Benehmen, suchte das Geschehene vergessen zu machen; aber der Oberst zog sich von ihr zurück und wollte sich zu keinem stillen Plaudercckchen mehr führen lassen. „Melitta ist allein daran schuld," zürnte Cecilie, „aber ich will von ihr erfahren, wie oft sie ihn schon gesehen hat. Diese Heuchlerin! sie kennt ihn gewiß schon länger, sonst würde er nicht wagen, seinen Arm um ihren Hals zu legen." Auch für Melitta waren es qualvolle Stunden. So oft Cecilie und Edith in ihre Nähe kamen, warfen ihr dieselben drohende Blicke zu; dabei wurden ihre Finger steif und müde, sie hatte seit Monaten keine Tasten berührt, und heute saß sie stundenlang vor dem Instrument und durfte sich weder eine kurze Erholung 618 noch eine Erquickung gönnen. Sogar als die Gäste in das Speisezimmer gingen, sollte die arme Melitta zur Unterhaltung im Spiel fortfahren, trotzdem die eisige Nachtluft durch die geöffneten Fenster einströmte, und sie vor Frost und Kälte zitternd sich kaum aufrecht halten konnte. Sie hatte sich nie in ihrem Leben so unglücklich und verlassen gefühlt, wie in dieser Stunde, und nur der Brief in ihrer Tasche gab ihr Muth und Ausdauer. Endlich war der Festabend beendet. Vom nahen Kirchthurm hörte man das Festgeläute der Weihnachtsglocken, denn Mitternacht war längst vorüber. Melitta stand allein. — Ta trat Oberst Wellinghof auf sie zu. „Fröhliche Weihnachten, Fräulein von Reck," rief er munter, doch als er sah, daß die junge Dame sich crröthend abwandte, fügte er leise hinzu: „Verzeihen Sie meinen Irrthum, — ich hatte Sie wirklich verkannt;" dann führte er ehrerbietig ihre kalte Hand an seine Lippen. „Melitta, wo bist Du? komme in die Garderobe, wo jetzt Dein Platz ist; Frau Herbert hat ihren Pelzkragen verlegt," hörte man Edith's laute, barsche Stimme. Die letzten Gäste hatten das Haus verlassen, Melitta hatte die letzten Lichter gelöscht, jetzt stieg sie ermüdet die Treppe hinan, als die Thür des Wohnzimmers sich öffnete und Frau von Neinberg mit bebender Stimme rief: „Komm hierher, Melitta, ich habe noch mit Dir zu reden." Melitta gehorchte. Drei zornige Augenpaare blickten sie finster an. „Mannhaft Du Welltnghof's Bekanntschaft gemacht?" fragte die alte Dame streng. Melitta erzählte es. „Aber das rechtfertigt noch nicht Dein Benehmen ihm gegenüber. Du hast uns heute Schande gemacht I" „Jal und Du hast ihn den ganzen Abend mit Deinen Blicken verfolgt! Warum sahst Du nicht auf Deine Noten? Du Heuchlerin! Sogar soeben konntest Du Dich nicht von ihm trennen und ließest Dir ruhig die Hand küssen. O, es ist empörend!" Edith hatte die letzten Worte so leidenschaftlich hervorgestoßen, daß ihr fast die Stimme versagte. Aber wenn man eine gute, stählerne Klinge umgebogen hat, daß sie sich krümmt, wie ein Reif, dann schnellt sie auch mit Macht kerzengerade empor. So auch Melitta. Mit hochrothen Wangen und blitzenden Augen stand sie fest diesen ungerechten Anschuldigungen gegenüber. „Ihr seid im Irrthum," begann sie vor innerer Erregung bebend. „Oberst Wellinghof hat sich getäuscht; er hielt mich für eine andere Dame. Aber es ist heute der letzte Tag gewesen, daß Ihr mich so schmählich behandelt habt! Gleich nach dem Weihnachtsfest verlasse ich dies Haus und bleibe bei meiner Tante Lydia, die mich aufnehmen will. Sie wird mir gewiß zu einer Stellung verhelfen, wo meine Kräfte weniger ausgenutzt werden wie hier, und wo ich wenigstens das Gefühl habe, für meine Arbeit Geld zu verdienen, und gewiß nicht so schlecht behandelt werde, wie es hier geschieht. Ich habe heute den ganzen Abend bis zur Ermattung gespielt; aber Niemand hat daran gedacht, meinen Hunger zu stillen. Von morgens früh bis zum späten Abend habe ich wie eine Sclavin für Euch gearbeitet — — und dies ist mein Dank dafür! Das ertrage ich nicht länger. Wenn ich nicht die Stellung hier im Hause einnehmen darf, die mir als Verwandte zukommt, so will ich tausendmal lieber bei fremden Leuten arbeiten. Am Montag reise ich zu meiner Tante Lydia: schlimmer wie hier habe ich es dort gewiß nicht." Ohne die Verwandten eines weiteren Blickes zu würdigen, hatte Melitta schnell das Gemach verlassen. „Ich möchte, Ihr hättet mich nicht dazu gezwungen, so streng und noch heute mit ihr zu reden," seufzte die Mutter verdrießlich, als sich die Thür geschlossen hatte. Wenn sie wirklich nach Helmstcdt zur Tante Lydia geht, so kann es schlimm für Euch werden; die Tante ist sehr reich, wenn Melitta bei ihr bleibt, so wird sie von ihr erben." „Es ist allein Ceciliens Schuld," schalt Edith, „sie war viel zu ärgerlich und aufgeregt. Ich glaube jetzt selbst, daß Melitta recht hat, und daß der Oberst sich im Irrthum befand. Du hast doch Deine Karten sehr schlecht gespielt, liebe Cecilie," wandte sie sich höhnend an die Schwester, „warum stießest Du Wellinghof so unfreundlich zurück, als er die Täuschung aufklären wollte? Vielleicht wird er sich jetzt mit mir verloben." „Ich kümmere mich jetzt nicht mehr um ihn," fuhr die Beleidigte auf, aber ich sage Dir, er hat den ganzen Abend nur für Melitta Augen gehabt." „Sie sah auch ganz entzückend aus," mußte Edith zugeben, „und ich freue mich, daß sie fortgeht. Viele Herren fragten nach ihrem Namen und wollten ihr vorgestellt werden." „Aber sie soll und darf nicht zur Tante Lydia gehen," rief die Schwester empört. „Mutter, Du mußt sie in ihrem Zimmer einschließen, bis sie das Versprechen gibt, hier zu bleiben." „Wahrlich, Cecilie, Du gehst zu weit; ich denke nicht daran, so etwas zu thun. Ihr habt sie leider schlecht genug behandelt und mich überredet, ein gleiches zu thun. Jetzt müßt ihr die Folgen tragen, ich trete ihr nicht hinderlich in den Weg." Mittlerweile lag Melitta auf ihrem harten Lager und versuchte im Schlaf Vergessenheit ihrer traurigen Lage zu finden. Aber vergebens. Unruhig wälzte sie sich hin und her; endlich kam ihr der quälende Gedanke, daß die Tante ihr vielleicht nicht gestatten würde, das Haus zu verlassen. „Ich bin ihnen nützlich gewesen und habe viele Dienste geleistet," grübelte sie, „und vielleicht denken sie, daß Tante Lydia mich als ihre Erbin einsetzt. Vielleicht schließen sie mich fest ein und lassen mich Hungers sterben! Oh! es ist entsetzlich!" Ihre krankhaft erregte Phantasie malte sich alle Möglichkeiten in den grellsten Farben aus, bis sie von ihrem Lager aufsprang und mit unruhigen Schritten das kleine Zimmer durchmaß. „Tante Lydia will mich aufnehmen," flüsterte sie dann, ruhiger werdend, dann fing sie an, ihre wenigen Habseligkeiten zusammen zu packen. Kaum graute das erste Morgenlicht des Weihnachtstages, als sie geräuschlos und ungesehen das Haus verließ, die Thür hinter sich schloß und den. Weg zur Bahnstation nahm. 619 4. Kapitel. „Ich wiederhole es Ihnen, wenn mein Neffe Richard vor meinem Tode heirathet und mir eine Frau zuführt, die mir gefällt, die aus ehrbarer Familie ist und feine Bildung besitzt, so soll er mein Universalerbe werden. Erfüllt er aber nicht meinen Wunsch, so hinterlasse ich mein Vermögen den Armen oder einem Waisenhause." Die bleiche Dezembersonne warf ihren matten Schein in das behaglich durchwärmte Wohnzimmer des alten, gichtgelähmten Gutsbesitzers Wellinghof, der nach längerer Unterredung diese Worte an die ihm gegenüber sitzende ältere Dame, Lydia von Reck, richtete. Sie mochte in früheren Jahren wohl eine Schönheit gewesen sein, denn das Alter hatte nicht gänzlich vermocht, die feinen, edlen Züge aus ihrem Antlitz zu zerstören. Sie galt allgemein für sehr .xcentrisch, und ihr Anzug war sicherlich weit hinter der Mode zurückgeblieben. Ihr langer, weiter grauer Mantel war vielleicht ein Erbstück ihrer Großmutter, ebenso der verblichene Sammethut mit den langen Bändern, dessen ursprüngliche Farbe nicht einmal mehr zu erkennen war. Aber das alte Fräulein kümmerte sich wenig um die Mode der Neuzeit, noch weniger um das Gerede der Leute, die sich an den alterthüm- lichen Anzug auch schon lange gewöhnt hatten. Sie hielt streng an alten Sitten und Gebräuchen ihrer Jugendzeiten und die Neuerungen der Jetztzeit blieben ihr ein verschlossenes Buch. Vor langen, langen Jahren sollte sie mit dem reichen Gutsnachbar Wellinghof ein Paar werden. Beide hatten sich geliebt, waren aber durch die harte Hand des. Schicksals getrennt worden und der reiche Großgrundbesitzer führte eine andere Dame als Herrin in sein schloßartiges, fürstlich ausgestattetes Wohnhaus ein. Lydia von Reck hingegen war un- vermählt geblieben; ob sie ihrem ersten Geliebten treu blieb, oder ob ihr ein einsames Leben besser gefiel, wußte man nicht. Aber als nach Verlauf von etwa 20 Jahren der alte Wellinghof seinen Antrag erneuerte, da seine Gattin inzwischen gestorben und er kinderlos zurückgeblieben war, schlug Lydia sein Anerbieten kurz und bündig ab. „Ich bin viel zu alt geworden, um jetzt noch meine Lebensweise zu ändern," gestand sie ihm, „wer so lange einsam gelebt hat, wie ich, ist altjüngferlich und verkehrt geworden. Sollte ich jetzt noch die Leitung eines großen Hausstandes übernehmen, so würde mir das zu viele Mühe und Sorge machen. Ich habe hinreichend genug mit meiner eigenen Häuslichkeit zu schaffen. Aber ich will immer Ihre treue Freundin bleiben, Richard, wenn Sie das wünschen, und wir können uns gegenseitig unser einsames Leben erheitern. Dann bleibe ich in meiner behaglichen Häuslichkeit, denn diesem großen, leeren Hause könnte ich jetzt nicht mehr vorstehen." Und so lebten die beiden verlassenen Leute in treuer Freundschaft neben einander, zufrieden im gegenseitigen Vertrauen. Kaum verging ein Tag, an dem nicht die alte Dame den weiten Weg nach dem Gutshof zurücklegte, oder man sah den alten Herrn auf seinem treuen Pferde nach Helmstedt zu seiner Freunsin reiten. Das Hauptthema der Unterhaltung bildete bei ihnen gewöhnlich wie auch heute der Erbe des alten Herrn. Selbst kinderlos, mußten die weitläufigen Besitzungen seinem Neffen, dem einzigen Sohne eines jüngeren Bruders zufallen, der auch seinen Namen trug. Daß dieser Neffe sich verheirathen möge, war der größte Wunsch des guten, alten Onkels, der so gern vor seinem Tode nicht allein einen Nachkommen, sondern wo möglich auch dessen Erben gesehen hätte. Er liebte den tapferen stolzen Neffen väterlich und freute sich über die Lorbeeren, die derselbe sich in der Armee errungen hatte. Doch so ofr er auch bat, seinen Dienst zu quittiren und die letzien Lebensjahre ihm zu erheitern, so hatte der junge Offizier doch nicht einwilligen wollen. Heute, am Weihnachtsmorgcn, als seine alte Freundin bei ihm am Lehnsessel saß, hielt er einen Brief in der Hand, den er soeben vorgelesen hatte. Der Neffe hatte seine Ankunft für denselben Tag gemeldet und erklärt, daß er gewiß schon früher gekommen wäre, wenn eine Abendgesellschaft ihn tags zuvor nicht von der Reise abgehalten hätte. „Sie können sich darauf verlassen," sagte jetzt sinnend der alte Herr, „es ist gewiß eine Dame mit im Spiel. Richard kümmert sich wenig um Gesellschaften; er würde seinen alten Onkel darum nicht vernachlässigen." Die alte Dame nickte zustimmend. „Ich hörte, daß er im Hause meiner Schwester viel ein- und ausgeht," versetzte sie sinnend, „aber ich fürchte, meine Nichten, die beiden Neinbergs, sind sehr oberflächliche Mädchen, früher waren sie sehr putz- und vergnügungssüchtig und jetzt —" „Er soll eine Ihrer Nichten hei- rathen, liebe Lydia," unterbrach rasch der alte Herr, „sie soll mir willkommensein; ob sie vergnügungssüchtig ist oder nicht, das ist nur ein Fehler der Jugend, den sie hier in der Stille des Landlebens schon ablegen wird. Sie ist aus guter Familie, und das ist für mich die Hauptsache, und eine reiche Frau braucht mein Neffe nicht zu nehmen. Er soll aus Liebe und Neigung heirathen, selbst wenn das Mädchen bettelarm wäre, aber einen guten Charakter hat, soll sie mir willkommen sein." „Wenn er eine meiner Nichten heirathet, so soll sie auch meine Erbin werden," wandte schnell das alle Fräulein ein, „damit sie doch nicht ganz ohne Vermögen zu ihm kommt. Ich liebe ja Richard selbst wie meinen eigenen Sohn, er ist ein herzensguter Mensch. Sollte es ihm gelingen, eine meiner beiden Nichten so zu lieben, daß er sie als Gattin heimführt, so will ich nur hoffen, daß die Neinbergs sich geändert haben, so daß sie seiner würdig sind. — Doch dabei fällt mir ein, Richard, Dr. porsch. 620 haben Sie wieder an den Plan gedacht, den wir vor einigen Tagen besprochen haben? Wollten Sie nicht Jemand engagiren, der Ihnen Ihre Briefe schreiben, vorlesen oder Sie unterhalten sollte?" „Hm, ja! ich habe oft daran gedacht, aber den Plan fast wieder verworfen. Aufrichtig gesagt, würde mir eine Dame für diese Stellung besser zusagen, wie ein Herr; aber ich kann doch unmöglich einer Dame zumuthen zu mir zu kommen, um mir Dienste zu leisten." „Nein. Aber wenn eine Dame täglich ein paar Stunden zu Ihnen käme, wie würde Ihnen das gefallen?" „Meine liebe Lydia, wo in aller Welt sollte ich hier in diesem entlegenen Städtchen eine solche Dame finden?" Die alte Dame glättete die langen Bänder ihres Hutes, dann flüsterte sie nervös. „Nun," sagte sie nach kurzer Pause, „ich weiß einen Ausweg. Offen gesagt — ich habe noch eine Nichte — die Tochter meines Stiefbruders Georg, der auch Ihr Freund war. Er starb vor mehreren Monaten und hinterließ sein Kind vollständig mittellos. Frau von Reinberg und ich sind ihre nächsten Verwandten, und es ist unsere Pflicht, uns des armen Kindes anzunehmen. Ich leugne nicht, daß ich anfangs mich weigerte, sie bei mir aufzunehmen; denn ich hielt sie für ebenso oberflächlich und leichtsinnig, wie junge Mädchen von heut zu Tage häufig sind, und wie ich es bei meinen Nichten gesehen habe. Da nahm Frau von Reinberg sie zu sich; sie brauchte eine Stütze, die Mädchen eine Schneiderin; für Kost und Logis wurde sie ausgenutzt. Nun schrieb mir Melitta von Neck vor einigen Tagen einen sehr langen, ausführlichen Brief, in dem sie mich bat, ihr zu einer Stelle behülflich zu sein, wo sie auch Geld verdienen könne. — Sie sagte sehr wenig über die Verhältnisse im Hause; aber, zwischen den Zeilen lesend, fühlte ich gleich heraus, daß das arme Kind unglücklich war und schlecht behandelt würde. Sie scheint ein gutes, rechtschaffenes Kind zu sein, und — um mich kurz zu fassen, ich schrieb ihr, sie solle zu mir kommen, damit wir hier die Zukunftspläne ruhig überlegen können. — Da kam mir der Gedanke, daß sie gerade die richtige Gesellschafterin für Sie werden könnte. Sie ist sehr musikalisch, kann Ihnen Briefe schreiben, vorlesen und Ihnen die Zeit vertreiben. Sobald sie zu mir kommt, führe ich sie hierher, und Sie können sich einstweilen den Plan überlegen. Sind Sie damit einverstanden?" „Hm, ja — — wenn Sie so gut sein wollen," lautete die lang gedehnte Antwort. Aber Herr Wellinghof schien durchaus nicht damit einverstanden zu sein. Er willigte zwar ein, weil er merkte, daß seine alte Freundin den Plan für gut fand, und er war zu höflich, um ihr etwas abzuschlagen. „Vielleicht kommt sie noch gar nicht," sagte Fräulein Lydia, als sie Abschied nahm. „Aber wenn sie hier ist, wird sie gern ein paar Stunden täglich zu Ihnen kommen; sie hat dann gleichzeitig das beruhigende Gefühl, nicht nutzlos in der Welt zu sein und Getd zu verdienen." „Liebe Lydia, wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß es für eine Dame aus hohem Stande ein bedrückendes Gefühl sein muß, für Geld zu arbeiten I Ihre Nichte — —" „Ist daran gewöhnt," ergänzte die alte Dame. „Sie wird sich freuen, wenn sie kommen darf. Auf Wiedersehen, Richard. Morgen komme ich wieder, ich muß doch sehen, wie es dem guten Neffen geht;" dann nickte sie ihrem Freunde ein Lebewohl zu, hüllte sich fest in ihren alten grauen Mantel und trat den Rückweg an. Es war ein weiter Weg bis nach Helmstedt; denn das große Rittergut lag weit außerhalb des Städtchens, aber die alte Dame achtete des langen Weges nicht. In Gedanken versunken wanderte sie ruhig weiter, bis sie ihr friedliches Häuschen erreichte, ehe sie selbst daran gedacht hatte. Als sie den Hausflur betrat, kam ihr das treue Dienstmädchen mit den Worten entgegen: „Sie ist schon da!" Fräulein von Reck stand still, ihre Hand ruhte auf dem Treppengeländer. „Wer?" gab sie überrascht zurück. „Die junge Dame, von der Sie sprachen, Fräulein Melitta von Reck. Was sollen wir jetzt thun; das Fremdenzimmer ist noch nicht für sie hergerichtet — die jungen Leute sind auch heut zu Tage so vorschnell." „Wo ist sie?" „In Ihrem Wohnzimmer; wohin sollte ich sie auch sonst führen! Das arme Kind schien vor Kälte halb erstarrt, aber sie ist hübsch und scheint engelsgut zu sein." „Das arme Kind — das arme Kind. Ich will sogleich zu ihr gehen, Elisabeth", sagte die alte Dame, dann eilte sie die Treppe hinan mit der Behendigkeit eines Kindes. (Fortsetzung folgt.) —-—'«W4—- Eine Entführung aus Augsburg 1748. --" (Nachdruck verbotrn.I H.. R, Nachdem durch den westfälischen Friedensschluß für die Reichsstadt Augsburg die Gleichheit in weltlichen und geistlichen Angelegenheiten gesichert und die karitas in xolitiois st aeclesiustioiZ am 11. März 1649 in's Leben getreten war, ließen die zwei Hauptkirchen ängstlich jede Gelegenheit aus dem Wege räumen, welche geeignet sein konnte, den Uebertritt zu dem anderen Neligionsbekenntniß zu begünstigen. Einflußreiche Männer hatten deßhalb die befördere Ausgabe, den Verkehr ihrer Glaubensgenossen mit den Mitgliedern der anderen Konfession zu überwachen, und zu diesem Zwecke hielt sich auch der Churfürst von Bayern, dessen Unterthanen in großer Zahl als Arbeiter und Dienstboten hier lebten, einen eigenen Religionsagenten oder Aufpasser in der Person des bischöflichen Burggrafen Hofraths Edlen von Behr, eines weltlichen Beamten. Die Leichtgläubigkeit für Zuträgereien und ein unbesonnener Eifer dieses Vertrauensmannes verursachte 1748 einen ärgerlichen Prozeß, welcher mit seinen Folgen großes Aufsehen erregte und dessen kurze Darstellung aus den vorliegenden Allen als Kulturbild noch heutigen Tages einiges Interesse dem Leser abgewinnen dürfte. Die evangelische Wittwe Helene Lotter des Buchdruckers und Buchhändlers Johann Jakob Lotter betrieb das Geschäft ihres verstorbenen Mannes in dem Hause 6! 305 auf dem oberen Graben, dem sie sich ungestört widmen konnte, weil seit 30 Jahren ihre katholische Dienstmagd Katharina Jordan aus Landsberg die ganze Haushaltung besorgte. Bisher blieben die beiden Personen wegen des gemischten Hausstandes von der weltlichen und kirchlichen Obrigkeit unbehelligt, allerdings eine Seltenheit in solchen Fällen. Diese Ruhe störte nun der schon genannte Hofrath von Behr, als nach Ostern 1748 ihm die Jordan MM EM W'i tz!" Ä M ^2i>Uru^ Ä» M6L MM MB -Ir^Wr .D-*X>-' ^ä>» Ä MMHd 622 ihren Beichtzetlel brachte, denn er forderte sie auf, längstens an Jakobi die evangelische Herrschaft zu verlassen. Die Magd kehrte sich jedoch nicht daran, nachdem ihr der Helfer Schnaderbeck am Dom, dessen Rath sie einholte, gesagt hatte, sie solle auf sein Wort hin nur bleiben. Dabei beruhigte sich der chuifürstliche Neligionsagent nicht, er trat mit dem Landrichter Mändl in Landrberg über den hochbedenklichen oaous in Correspondcnz und muhte sich der Unterstützung des Amtsbürgermeisters Jakob Wilh. Benedikt von Langenmantel-Westheim zu versichern. Am Annatag (26. Juli) spät Abends lud der Amtsdiener Felix Seyfried auf anderen Morgen 7 Uhr die Jordan auf das Bürgermeisteramt, und da sie sich durch die Samstags-Arbeiten etwas verspätete, kam um halb 8 Uhr der Diener abermals und nahm sie „Knall und Fall, ohne daß sie das weiße Brusttüchlein noch umbinden Herren Stndipfleger, Bürgermeister und Räthe, Gnädig und Hochgebietende, Großgünstig und Hochgeehrteste Herren" eine de- und wehmüthige Schutzklage ein, worin sie unverhohlen den Verdacht ausspricht, hinter der Geschichte stecke nur der Burggraf von Behr, obwohl die Jordan „ein getreuer, gottesfürchtiger und nützlicher Ehehalt, sowie eine eifrige katholische Christin von jeher gewesen, was hundert Personen bezeugen können", und wenn sie nicht bald zurückkehre, so erleide ihre Buchdruckersprofession einen schweren Schaden. „denn das Mensch habe durch Collationiren, Richten der Bogen und Anderes mitgeholfen, was eine fremde Magd nicht so leicht lerne". Außerdem gelang den Bemühungen der rührigen Frau, daß Helfer Schnaderbeck bei dem Pfarrer in Landsberg für Jordan sich verwendete, doch lautete die Antwort nicht günstig. Er schrieb: „Der Landrichter rnalirv sich nicht n i? n « »; kl n n « » r» --WWW 8L- Aulenried. (Schloß.) Original-Aufnahme von Gustav Baader, Photograph in Krumbach. fVervielsäliigungsrecht vorbehalten.) durfte", mit sich fort. Stunde auf Stunde verrann, und Frau Lotter, welche nicht früher den Laden verlassen konnte, schickte sich eben an, einen Nachbar zu ersuchen, nach dem Verbleiben der Magd zu schauen, da trat die Schlossersfrau Volk mit der seltsamen Nachricht in die Stube, es sei ihr vor dem Vogelthor eine Kutsche begegnet, aus welcher sie den Hülferuf der Katharin deutlich gehört habe; zu sehen sei aber nichts gewesen, weil der Wagen schnell gegen das rothe Thor davonfuhr. Die ganze Vorstadt gerieth über diesen gchcimnißvollen Vorgang in Aufregung, denn bei der allgemein bekannten tadellosen Ausführung der Jordan dachte Niemand an eine Verschuldung ihrerseits. Rasch entschlossen reichte die Wittwe Lotter mit ihren beiden Beiständen schon am 29. „an die Wohlgeborene, Hoch- und Wohledelgeborene, Hochedle, Gestrenge, Edle, Beste, Wohlehienveste, Fürsichtige, Hoch- und Wahlweise in die Sache, habe der Magistrat viel angefangen, so möge er auch viel ausmachen, und auf dem Rathhause sei er hart angelassen worden, „man könne das Mensch nicht losgeben, bis die Beschuldigung, als ob sie unter zwölf Weibspersonen, so evangelisch werden wollten, die Räthelsführerin gewesen, bewießen sei"." Diese Anklage bezeichnete Frau Lotter als „grundfalsch". Während der Monate August und September wartete man auf dem oberen Graben vergeblich auf eine Raths- Entschließung und auf die Rückkehr der Entführten, daher um so freudiger Frau Lotter überrascht wurde, als am 1. Oktober die Katharin sie begrüßte. Sogleich am nächsten Tage ging sie mit ihr zu dem Amtsbürgermeister Johann Elias Leopold Herwart, der zur Hülfe sich erbötig erklärt hatte, und die Magd mußte ihm das Erlebte erzählen, was er zu Protokoll nahm. (Schluß folgt.) > > , » -t' 623 Autenried. (Mit Illustrationen.) Da, wo sich die westlich von Jchenhausen gelegene Feldebene zu den nördlichen Ausläufern des großen Noggenburger Waldes etwas hinabsenkt, liegt am Waldrande einsam das Dorf Autenried mit seinem stattlichen freiherrlich v. Reck'schen Schlosse. In den Tagen des Mittelalters war es nicht so einsam hier wie heute. Die große Landstraße von Augsburg über Agawang, Jettingen, Jchenhausen führte durch Autenried nach Ulm, und die alten Ortsherren, die Ritter von Bühl, besaßen hier den Straßenzoll. Der lebhafte Straßenverkehr ließ den Ort schon frühe entstehen. Der alte Name „Utenried" sagt uns, daß er aus der Waldausrodung eines Uto (Otto) entstanden sei. Wie so viele Orte der Gegend, gehörte auch Utenried den Bischöfen von Augsburg, von welchen es ritterliche Dienstleute zu Lehen trugen, die sich von Utenried schrieben und bis zum Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts Burg und Dorf besaßen. Als diese alten Ritter von Utenried starben oder verdarben, kamen die Ritter von Noth, die auf Bühl saßen und deßhalb auch den Zunamen „die Bühler" führten, in den Besitz von Utenried. Im Jahre 1430 besaßen die Ritter Heinrich und Hans Von Bühl den Ort, und zwar jeder dieHälfte desselben „sammt aller Zu- gehör mitdemZoll".Unter diesen Rittern erhielt Autenried, bisher eine Filiale der großenPfarrei Günzburg, einen eigenen Pfarrer. Im Jahre 1464 stifteten die Ritter von Bühl in der Kirche zu Autenried mit 6 Jmmi Roggen, 6 Jmmi Haber und einem Garten einen eigenen Jahrtag, der noch im Jahre 1631 mit mehreren hl. Messen gehalten wurde. Ihre Nachkommen, „die Gebrüder Wolf und Konrad von Bühl", verkauften im Jahre 1509 Autenried an den reichbegüterten Ritter Veit von Rechberg. Mit dem Tode Albert Hermann von Nechberg's, der noch im Jahre 1570 den Johann Hueber als Pfarrer von Autenried präsen- tirte, fiel im Jahre 1599 Autenried mit Schloß und Zoll als bischöfl. Lehen dem Bischof anheim. Von da an und durch die ganze Zeit deS Schwedenkrieges behielt Bischof Heinrich V. von Augsburg das Rittergut Autenried mit Anhosen im unmittelbaren Besitz und setzte einen Pfleger e Autenried. Original-Ausnahme von G.Baader, Photograph hin. Nach dem Schwedenkrieg im Jahre 1649 erhielt der kaiserliche Generalwachtmeister Johann Heinrich de Lapiöre das bischöfl. Lehengut Autenried. Daß die Schweden hier arg gehaust haben, zeigt ein noch im Original vorhandener Revers vom Jahre 1666, in welchem Pfarrer Mangart den Bezug des ganzen Zehent dem Gutsherrn de Lapiöre überließ, wogegen Letzterer sich verbindlich machte, dem Pfarrer jährlich 30 Gulden Geld, freie Kost am herrschaftlichen Tische, dazu eine „ehrbare priesterliche Kutte" und ein Paar neue Schuhe zu geben. Heinrich de Lapiöre präsentirte sofort den Feldpater Gg. Koffner von Jngolstadt als Pfarrer von Autenried, der jedoch auf der in Folge des Krieges sehr mager gewordenen Pfarrei nur zwei Jahre aushielt. Philipp Leopold de Lopiöre, ein Sohn des Joh. Heinrich deLapiöre, wurde 1677 auf dem Wege nach Jchenhausen von seinem Bedienten Namens Krug ermordet. Die an der Unglücksflätte erbaute Kapelle heißt heute noch im Volksmunde die Lapiers-Kapelle. Joh. Heinrichs Enkel, Philipp Friedrich de Lapiere, vermachte im Jahre 1685 die Herrschaft Autenried seiner Gattin Cäcilia von Volmar, welche sich an Joseph Anton Eusebtus Freiherrn von Halden wieder verheirathete und ihm so Autenried und Anhosen zubrachte. JmJahre 1771 folgte dem Joseph Anton von Halden im Besitz des Gutes sein Adoptivsohn Leopold Freiherr v. Lasier v. Halden und da dieser 1798 kinderlos starb, fiel Autenried an Seitenver- wandie aus dem Geschlechte derer von Laß- berg, von welchen eS im Jahre 1805 die Brüder Johann Michael und Sebastian Freiherren von Neck erkauften, deren Nachkommen heute noch im Besitze des Schloßgutes sind. Die Pfarrkirche des Ortes ist dem hl. Stephanus geweiht. Vom alten baufälligen Küchlein wurde 1708 das Langhaus, 1709 der Chor abgebrochen und in den folgenden Jahren ein Neubau vom Grunde aus aufgeführt. Bald nachdem der Bau vollendet war, wurde die neue Kirche eine vielbesuchte Wallfahrtsstätte. In einem Berichte des Dekans Franz Böll von Neuburg an den bischöflichen Generalvikar am 22. September 1721 wird über die Entstehung der Wallfahrt u. A. berichtet, daß in einem bei Autenried gelegenen Wäldchen von einer Frau aus Weissenhorn ein hölzernes Kruzifix in der (Pfarrkirche.) in Krumbach. )BervieIfältigungSrecht vorbehalten.) 624 Höhlung eines Baumes aufgefunden wurde. Ein Gebet zu diesem Bilde bewirkte, daß das mit einem Bruche behaftete Kind der Frau geheilt wurde. Auch eine Reihe von wunderbaren Heilungen anderer Krankheiten wurde bekannt, so daß alsbald viel gläubiges Volk zusammenströmte. 1724 wurde das Wallsahrtsbild in die Pfarrkirche Autenried überbracht, wo es sich heute noch befindet. Die Pfarrkirche selbst ziert heute ein stattlicher Thurm. Es wurde nämlich 1890 der baufällige Dachreiter abgebrochen und ein neuer Thurm nach dem Plane des damaligen Kreisbau-Assessors Höfl (jetzt k. Bauamtmann in Kempten) mit einem Kostenaufwand von 13,000 M. gebaut, wozu Herr Hamm in Augsburg ein herrliches Geläute mit den Tönen L, llio, H, Ois lieferte. -- Zu unseren Bildern vr. Morsch, dessen Bild wir heute bringen, gehört zu den ersten Parlamentariern des Deutschen Reiches und Preußens. Rechtsanwalt Dr. Porsch, fürstbtschöflicher Conststorialrath in Breslau, ist geboren am 30. April 1853 zu Ratibor in Oberschlesien. Er besuchte das katholische Gymnasium zu Glogau, die Universitäten Breslau, Berlin, Tübingen, Leipzig. Im Jahre 1874 wurde er Referendar, 1876 ward er von der juristischen Fakultät Breslau zum Dr. zur. utr. auf Grund der Schrift: „Die Bedeutung des Beweises durch Jndicien im geistlichen Gerichtsverfahren" (Breslau Adlerholz) promovirt. Im Jahre 1878 ward er Gerichisassessor, 1879 Anwalt zunächst am Landgericht, dann am Oberlandesgericht Breslau. Seit 1881 ist er Stadtverordneter der Stadt Breslau, seit 1882 Mitglied des fürstbischöfl. Konsistoriums für Ehe- und Disciplinarsachen, seit 1884 Mitglied des preuß. Abg ordneten- hauses für Neurode-Glatz-Habelschwerdt. Im Reichstage vertrat er durch mehrere Legislaturperioden hindurch Reickenbach-Neu- rode (Schlesien). Leider hat er für die letzte Militärvorlage gestimmt, was wir für einen Fehler halten, vr. Porsch hat deßhalb ein Reichstagsmandat nicht mehr angenommen. Allein das kann und darf nicht immer so bleiben, vr. Porsch wollte, sagen wir es rund heraus, seinen Fürstbischof decken, der für die Militärvorlage eingetreten war. Nachdem vr Levd,r und Prinz Arenberg, die ebenfalls für die Militärvorlaze gestimmt, wieder in's Centrum eintreten konnten, muß auch vr. Porsch wieder der Weg geebnet werden. Er ist ein lauterer Charakter, ein grundgescheidter Mann, ein ganz ausgezeichneter, feiner, kennt- nißreicher, erfahrener und schlagfertiger Redner, den wir nicht entbehren können. Er gehörte zu Windthorst's tüchtigsten Schülern und ist berufen, im Verein mit Bachern, Fritzen, Gröber, Hitze, Schädler, Spähn und dem hoffentlich wieder in den Reichstag zurückkehrenden vr. Orterer das Centrum ruhmreich vorwärts zu führen zu neuen glänzenden Erfolgen für Kirche, Vaterland, Fürst und Volk. Uor der Schenke. Manöverzeit ist's Da ist es für den Soldaten eine Hauptsache, immer mit dem richtigen Quantum Proviant versehen zu sein, denn Hunger und Durst stellen sich zu solchen Zeiten bei ihm rechtzeitig ein. Da sehen wir auf unserem Bilde den Proviantwagen, der soeben, geleitet von einem strammen Reikers- mann, vor der Schenke Halt gemacht. Die Hitze ist groß und der Weg nicht allzu gut. Da heißt es auch für die Thiere Sorge tragen. Die W rthsleute sind biedere Menschen, die dem Ersuchen, den Pferden Futter und Wasser zu geben, auch bereitwilligst nachkommen. Während der Soldat im Wagen gemüthlich sein Pfeifchen schmaucht und zusteht, wie der Bauersmann den Pferden Haber in den Barren schüttet, weiß der Reitersmann die kurze Rast zu benützen, der schmucken Maid, die seinen Rappen tränkt, allerlei Schönes vorzuplaudern. Die beiden Söhne des Mars werden sich jedenfalls auch ein Mäßlein zu gute thun, meinen wir wenigstens, oder sollte das bereits geschehen sein? -—s-88i—-- Goldkörner. Man gab Dir einen Rath! Hab' Acht von wem er kommt; Oft räth der Eigennutz nur, was ihm selber frommt. Pas Mägdlein schläft. Das Mägdlein schläft; ihr Eltern, jammert nicht, Gönnt ihm die süße Ruh'; Aus Blumen blickt ein frtedevoll Gesicht Und spricht euch tröstlich zu: Ein lieblich Loos ist mir beschicken, Ich lieg' und schlafe ganz in Frieden; Das Mägdlein schläft. Das Mägdlein schläft; es hat sich müd' gespielt Und hat sich satt gefreut; Die Puppe, die es stolz im Aermchen hielt, Sein liebes Sonntagskleid, Sein Büchlein, d'ran es fromm gesessen, Sein Reichthum all ist nun vergessen; Das Mägdlein schläft. Das Mägdlein schläft; sein Lebenstag war mild Und leicht sein Erdenloos, Ein Bächlein, das durch's blumige Gefild In klaren Wellen floß; Kein Weh bat ihm durch's Herz geschnitten, Der letzte Kampf war bald gestritten; Das Mägdlein schläft. Das Mägdlein schläft; wie selig schlief es ein In seines Hirten Arml Noch war sein Herz vom G.ft der Sünde rein, D'rum starb es ohne Harm. Ein schuldlos Herz, ein gut Gewissen, Das ist das beste Steibekissen; Das Mägdlein schläft. Das Mägdlein schläft; all Erdenweh und Noth Verschläft's im sichei'n Zelt; Weißt, Mutter, du, was Bitt'res ihm gedroht In dieser argen Wet? Jetzt inag der rauhe Winter stürmen, Der schwüle Sommer Wetter thürmen; Das Mägdlein schläft. Das Märdlein schläft; nur eine kurze Nacht Wrschläft's im Kämmerlein; O wenn es einst vom Schlummer auserwacht, Das wird ein Morgen sein! Der eintrat in Jairus Kammer, Der stillt dann auch euren Jammer; Das Mägdlein schläft. Das Mägdlem schläft; und nun den letzten Kuß Auf seinen bl ichen Mund; O Mutterherz, so sei es denn, wcil's muß; Gott, hilf durch diese Stund'! Ihr Kinder, folgt im Chorgesange Dem Schwesterlein zum letz en Gange; Das Mägdlein schläft. D.s Mägdlein schläft; nun, Hirte, nimm's an's Herz, Es ist ja ewig dein; Ihr Sterne, blicket freundlich niederwärts Und hütet sein Gebein; Ihr Winde, weht mit leisem Flügel Um diesen blumem eichen Hügel, Das Mägdlein schläft. Karl Gerok. -S-88-Se- Nicder-Rätysek.