^L84. 1894 . „Augsburger Postzritung". Dinstag, den 16. October Mr die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Gradhcrr in Augsburg (Vorbestyer vr. Map Huttler). Bischof Ilr. Panerstius von Dinkel P Die Diözese Augsburg, die staatlichen und städtischen Behörden, zahlreiche Vereine und Corporationen haben Alles aufgeboten, um ihrer Hochschätzung, Verehrung, LiebeundDankbarkeit, welche sie dem von Gott heimbe- rufenen Hochwürdigsten Oberhirten Dr. Pancratius v. Dinkel entgegenbrachten, beredten Ausdruck zu verleihen. Die Diözesanen trauern um ihn als den besten geistigen Vater, als den erprobten Leiter der Diözese, als den unermüdlichsten Förderer jeder guten Sache, die Katholiken in ganz Bayern erblicken in ihm den unerschrockenen und gewandten Vorkämpfer für ihre Sache, und selbst Fernstehende können ihm ihre Hochachtung nicht versagen. Hunderttausenden hat er die heiligen Sakramente gespendet, Ungezählte hat er getröstet in ihrem Schmerz, aufgerichtet in der Trübsal, durch Rath und That unterstützt, wenn sie sich vertrauensvoll an ihn wandten. Wer je ihm gegenüber- trat, seinen Rath einholte, oder die Gnadenmittel der Kirche durch seine Hand empfing, wird die hehre Gestalt des Stellvertreters Gottes in der Regierung der Kirche nicht vergessen und bei Betrachtung der Züge des nun von Gott Abberufenen mit Wehmuth dessen gedenken, was er von Bischof Pancratius empfangen. Bischof Pancratius wird fortleben in den Herzen aller Diözesanen, die Liebe und Verehrung seiner Heerde bleibt ihm auch über das Grab hinaus gesichert. Es geben ja auch Monumente aus Stein und Erz Zeugniß von seinem Wirken und noch in späten Jahren wird man von der Zeit erzählen, in welcher Bischof Pancratius v. Dinkel den Stuhl des heiligen Ulrich innehatte und in seinem Geiste wirken. Fast alle Diözesanen haben den Oberhirten von Angesicht zu Angesicht gesehen, ältere Leute und die jüngste Generation haben von ihm die heilige Firmung gespendet erhalten und haben wohl die Züge des Vermittlers der Gnaden unauslöschlich in's Gedächtniß eingeprägt. Nun er heimgegangen, will man aber nochmals das Bild vor Augen sehen, um Alles in seinem Geiste vorüberziehen zu lassen, was das Erscheinen und das Amt des theuren Verblichenen in uns hervorgerufen hat. Hat Gott in seiner Weisheit es auch für gut gefunden, den Hochwürdigsten Oberhirten zu sich zu nehmen, den Hirtenstab aus seiner Hand zu entwinden, er lebt in uns fort und sein Bild wird uns inspirircn, getreue Schüler zu sein und in seinem Geiste fort zu arbeiten. Wir glauben, einem allgemeinen Wunsche gerecht zu werden, wenn wir ein wohlgetroffenes Porträt deS verstorbenen Oberhirten nochmals unsern ?. 1. Lesern bieten und ist dieses Bild nach der jüngsten im Sommer 65N 1893 durch Herrn Spiritual Lämermeyer aufgenommenen Photographie hergestellt. -«S88WS-» Bermimrd von Hildesheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Sorye»ung.) Der hohe, schlanke Grafensohn hatte sich emporgerichtet. Aus seinen anmuthig heiteren Zügen sprach eine Welt voll Geist, voll Thatkraft. Es war ordentlich, als ginge ein lichter Schein von ihm aus. Seine großen blauen, forschenden Augen schauten fragend im Kreise. Der Fünfzehnjährige in der malerisch faltenreichen Tracht der Domschüler stand da wie ein König in seiner Umgebung. Ekkehard aber begann: „Die Schüler der untersten Classen schon führt unser Lehrmeister in die Weisheit der Mathematik ein. Nun sollst Du uns sagen, was nützt den Menschen die Mathematik?" Eben, als der auch von den älteren als geistig überlegen Erkannte die Lippen zur Beantwortung der Frage öffnete, kam ihm mit raschem Wort Otho, ein Bauerssohn aus Einum, zuvor: „Hier muß ich, der Ackerbauernsohn, reden," sagte er nicht ohne gewissen Stolz. „Ich künde Euch, wie um des Ackerbaues willen die Mathematik entstund, und wie sie bis heute noch dem Ackerbau dient. Aegypten, wohin das göttliche Kind einst vor dem Mordstahl des Herodes floh, ist die Heimath der Mathematik. Die Ueberschwemmungen des Nils machten die Unterscheidungen der einzelnen Felder unkenntlich, und es entstanden Grenzstreitigkeiten. Um diese zu schlichten, mußte man die Flüchen vermessen, und so erwuchs aus den Uranfängen der Feldmeßkunst die Grundlage der Mathematik. Wie überall, so ist auch hier der Ackerbau eine Quelle reichen Segens geworden." „Ich las es etwas anders", wußte Benno zu berichten. „Der Nil riß oft ganze Streifen Landes mit seinen Fluthen hinweg, und um nicht bloß die nächsten Anlieger schädigen zu lassen, sondern auch auf deren Hintersassen den Verlust nach Recht und Gerechtigkeit mit zu wälzen, erfand man die schwierige Kunst der Mathematik." „Beide Lesarten finden wir bei den alten Schriftstellern", erklärte Bernward nun mit volltönender Stimme. „Doch halte ich dafür, daß die eine so wenig wie die andere uns den Ursprung der hehren Mathematik richtig zeichnet. Auch glaube ich, daß Ihr, meine Freunde Otho und Benno, daß Ihr unseres Ekkehard Frage, streng genommen, gar nicht beantwortet habt. „Ich sage Euch", fuhr er lebendiger fort, und seine Wangen rötheten sich im Eifer des Vortrags, „was Uebungen mit Wurfspieß und Schwert, was Reiten und Jagen, was Schwimmen und Ringen für den Körper, das ist die Mathematik für den Geist. Wie alle die ritterlichen Uebungen unsern Körper zu gesunder Entwickelung bringen, unsere Kräfte stählen, unsern Muth beleben, so weckt und fördert die Mathematik unseres Geistes Kräfte, schult uns zu folgerichtigem Denken, bereitet zu weiterem geistigen Schaffen und Ringen vor. „Und wie sollten wir unsere Kirchen und Kapellen bauen, ohne Hilfe der Mathematik? Ein einfach Wohnhaus, eine Scheune errichtet Ihr vielleicht, ohne Euch dieser hehren Wissenschaft zu bedienen; einen Tempel des Herrn, wo Alles Maß, Alles Einklang und Schönheit ist, nimmermehr. Von dem schwierigen Aufbau will ich schweigen. Ihr werdet mir zugeben, daß man die kühnen Bogen nicht wölben, die hohen Thürme nicht emporbauen könnte, ohne die genaueste Kenntniß der mathematischen Gesetze. Doch der bloße Grundriß schon zeigt streng gegliederte mathematische Formen." „Da seht den zukünftigen Baumeister", rief Otho halb spottend, halb bewundernd. So erkläre uns doch, die wir dem kühnen Fluge Deiner Gedanken nicht zu folgen vermögen, wie prägen sich im Grundrisse unserer Kirchen mathematische Formen aus. Hab', meiner Treu, nie darauf geachtet, nie darüber nachgedacht." „Wohl habe ich darüber nachgedacht", sagte Benno, „doch ich wüßte mir nichts lieberes, als mir von Bernward solch einen Grundriß mathematisch erklären zu lassen." Lächelnd nahm Bernward seinen Stab und zeichnete in den feinen Sand, der den Hofraum bedeckte, vier Längs- und mehrere Qucrlinien. Ein Halbkreis schloß das Ganze oben ab. „Schaut her, hier erblickt Ihr neun gleich große Quadrate, sie bilden das eigentliche Langhaus unserer Kirche. Wo meine Querlinien die beiden mittleren Längslinien schneiden, ich zeichne dort jedesmal einen kleinen Kreis ein erheben sich die Pfeiler und Säulen. Hier oben legen sich." „Gott zum Gruße, junger Kirchenbauer!" rief plötzlich hinter dem begeistert Redenden eine wohlbekannte Stimme, und eine schwere Rechte legte sich auf seine Schulter. Erstaunt wandte Bernward sich um und blickte in des Bruders bewegte Züge. Es hatte Tammo nicht länger mehr hinter dem Gitterwerk geduldet; er mußte hinabeilen, den herrlichen, den geliebten Bernward stürmisch an sein Herz zu pressen. „Tammo, welche Freude!" Im nächsten Augenblick lagen die Beiden einander in den Armen; der gelehrte Vortrag hatte sein Ende. Droben aber sagte Bischof Othwin lächelnd zum Dompriester Osdag: „Nun soll Bernward, unser junger Künstler und Gelehrter auch morgen mit uns nach Gandersheim reiten." Herr Osdag nickte freundlich dazu. „Wisset, Herr Volkmar", wandte der Bischof sich erläuternd an diesen, „die Herrin Gerberga, so wir vor Jahren als Aebtissin des unserm Sprengel untergebenen Klosters Gandersheim weihten und in die Regierung einführten, will zu der Kirche der heiligen Maria, in welcher die Genossenschaft der Nonnen bis heute Christo dient, eine neue Kirche bauen. Sie lud uns ein, an Ort und Stelle den Bauriß und den Bauplatz zu begutachten. Wir haben ihrem Boten den morgigen Tag als den unserer Ankunft bezeichnet." „Herr Bischof, habt Dank im Namen meines jungen Neffen! Er wird beglückt sein, bei dieser Gelegenheit seine den frommen Klosterfranen zur Obhut übergebene Schwester Judith wiedersehen zu dürfen", entgegnete der zukünftige Bischof von Utrecht. Die Würdenträger begaben sich in gewichtiger Unterhaltung zu dem Gemache des Bischofs, während die Brüder in traulicher Plauderei bis zum Abendmahle zusammenblieben. 651 II. Die Nonne Roswitha. Dich, o Tcrenz, schmückt herrlich der Ruhm des scenischen Dichters, Manch' liebreizendes Lied sang der Venusische Schwan, Waffengellirr bringst Tu uns, Vergil, und Kampfesgetöie, Jeglichen Lorbeers schmückt Dich, o Roswitha, ein Reiö! Johannes von Dalberg. Im Frührothschein las Herr Othwin denen, so zum Aufbruche nach Gandersheim gerüstet waren, die heilige Messe vor dem Marienaltar des hohen Domes. Sinnend ruhte sein Auge auf einem silbernen Reliquienbehältniß, „Unserer lieben Frauen Heiligthum" genannt. War doch in Folge eines wunderbaren Ereignisses, so sich mit eben diesem heiligen Gefäße zugetragen, einst der Dom, sowie die Stadt Hildesheim erbaut, ja der Bischofssitz von Elze hierher verlegt worden. Karls des Großen Sohn, Ludwig der Fromme, hatte besagtes Reli- quar dem ersten Hildesheim'schen Oberhirten Gunthar für seine Kirche gegeben, wie selbiges auch in päpstlichen Bullen und Breven zu lesen stand. Herr Othwin, der neunte Nachfolger Gunthars, segnete am Schlüsse der Messe die Gläubigen mit dem Zeichen des Kreuzes. Dann gingen alle hinaus. Die Rosse wurden vorgeführt. „Bernward, ich darf mitreiten, da steht mein graues Maulthier," mit diesen Worten sprang der kleine Bayernprinz Heinrich fröhlich an Bernward empor, er fügte glücklich hinzu: „Meines Vaters Schwester, die Aebtissin Gerberga, will mich sehen." Dabei zog er eine große güldene Münze hervor. „Das gab mir mein Vater. Mein Urgroßvater, Kaiser Heinrich der Vogler, ist der Aebtissin Großvater; ich will ihr das Goldstück mit seinem Bilde als Gastgeschenk geben." Bernward schaute lächelnd auf den so freigebigen Kleinen und auf die blanke Münze. „Da weiß ich was Besseres, mein Heinrich. Komm mit mir." Sie schritten gemeinsam der Außenseite des Domes entlang. An der Apsis wuchs durch die Steinwand aus der Tiefe empor ein mächtiger Rosenstrauch, der grünte und blühte in tausend Röselein, daß es eine Lust war. „Schau diesen Rosenstrauch, der blühte schon vor ein und einem halben Jahrhundert gerade so, wie heute, mitten im Walde. Kaiser Ludwig war dazumal auf der Jagd; da hängte sein Hofkaplan an einem Silberband das Gefäß mit den Reliquien der heiligen Jungfrau, welches er auf Wunsch des Kaisers überall mitzutragen pflegte, an diesen blühenden Rosenstrauch und als im Morgengrauen die heilige Messe davor, wie heute Herr Othwin. Als er aber das Neliquar wieder loslösen wollte, fand er, daß selbiges mit dem Rosenstrauch unzertrennlich verwachsen und nicht davon zu trennen war. „„Die Gottesmutter will hier wohnen,"" dachte der fromme Kaiser Ludwig und beschloß, der Himmelskönigin an Ort und Stelle eine Kirche zu bauen. Das that er. Und da steht nun unser Dom und redet zu dem Beschauer, wie ein hochtönendes Lied zum Preis des Allerhöchsten, zu Ehren der seligsten Jungfrau. Da steht auch unsere Stadt im Schatten des Domes. Und nun, mein Kind, pflücken wir von diesen Rosen zum Geschenk für die hohe Frau Aebtissin." Er sprach's, brach und ordnete weiße Rosen zart und lieblich zum Strauß. „Dein Hütlein soll die duftige Huldigung unversehrt hinüber nach Gandersheim tragen." Und er befestigte mit vieler Anmuth die Rosen des wunderbaren Strauchs an des Knaben Pilgerhut. „Das war ein lustig Reiten durch's stille Waldgebirge mit seinem dunklen Tannengrün und seinen plätschernden, blitzenden Quellen! Wie duftete der harzig frische Hauch so mild und doch so kräftig, daß die Brust sich dehnte, und das Herz weit wurde in der freien herrlichen Gottesnatur. Vorbei ging's im Sonnenschein an sammtnen Matten, an dunklen Bergeswänden, vorüber an palmenartigen, wehenden, winkenden Farren. Es ging über waldige Höhen, die lagen siebenfach Krone an Krone nebeneinander, und dann wieder mit den muntern Büchlein um die Wette thalab. Da ruhte friedlich und freundlich ein weltfern Dörflein; es schien zu träumen. „Das ist Jrmenseul", sagte Graf Altman zu dem Stammherrn von Sommerschenburg. Die beiden ritterlichen Herren trabten an der Spitze des farbenprächtigen Trosses. Klein Heinrich, welcher auf seinem Maulthierlein sich Mühe gab, zwischen Bernward und seinem Lehrmeister Thangmar Schritt zu halten, hatte bisher sich weidlich gelangweilt ob den gelehrten Gesprächen. „Dero wissenschaftlichen Uebungen sind ja noch gründlicher, als wenn sie gegenwärtig in der Schule wären, dachte das Knäblein unmuthig. Und während die Beiden sich mit dem Silbenmaße und an dem Versbau ergötzten, dann hinwiederum sich spitzfindige aus dem Innern der Philosophie herausgenommene Fragen vorlegten und beantworteten, seufzte das Prinzlein verdrießlich über die allzu eifrige Lehr- wie Lernbegierde der Beiden. Er hatte Graf Altmans Worte gehört. „Jrmenseul nannte der Graf das Dörflein; erinnert der Name nicht an die Jrmensäule im Dome?" Mit solcher an Bernward gerichteten Frage unterbrach er das wissenschaftliche Strei'en. „Ganz gewiß, mein Kind; der Name dieses Ortes stammt sogar von derselben Säule", erwiderte der Jüngling freundlich. „Hör' zu. Als unser großer Kaiser Karl vor zweihundert Jahren das Sachsentand eroberte und die göttliche Chnstuslehre dort einführte, zerstörte er bei der Beste Ercsburg einen alten Götzentempel und stürzte daselbst die dem Chcruskerfürsten Hermann in abgöttischer Verehrung geweihte Hermanns- oder Jrmensäule. Aus den Augen des Volkes ließ er sie wegbringen und heimlich an der Weser vergraben. Als aber etliche fünfzig bis sechzig Jahre später weise Benediktiner- mönche ihr Kloster Corwey bauten, stießen sie unversehens mit dem Spaten auf das H.-idenwerk. Solches ist sodann entsprechend des frommen Ludwig Befehl, unter großen Schwierigkeiten nach dem Hildcshcim r Dom gebracht und daselbst aufgerichtet worden. Die kaiserlichen Mannen aber, so die Säule nach den Hildesheimer Stiftslanden führt-n, wurden unterwegs von heidnischen Sachsen überfallen und zum Theil niedergeschlagen. Zum Andenken an deren tapfere Gegenwehr wurde der an dieser Stelle später angebaute Ort mit dem Namen Jrmenseul bezeichnet." „Fürwahr, das ist schon Jrmenseul", sagte auch der Bischof, welcher von den Herren Osdag und Volk- mar begleitet in der Mitte des Zuges ritt. Er wandte sich rückwärts zu einem von der Gefolgschaft: „Thictmar, mein getreuer Knecht, Du hast das flinkeste Rößlein. Auf, gieb ihm die Sporen und eile uns als Herold voraus, den Klosterfrauen anzusagen, daß wir nun kommen. Wir wollen derweil bei dem Propste des Klosters zu Lammspringe eine kurze Rast halten." Thietmar, der Mühe hatte, sein junges Roß in gleichem Trabe mit den Andern zu halten, war des Auftrages gar wohl zufrieden und sprengte windschnell davon. Nicht selten machte er Botenritte für den Bischof. Daß er auch diesmal seinen Auftrag zeitig bestellt, das bewies der Empfang, so dem Bischöfe im Stifte Gan- dersh im zu Theil wurde. Sobald die Vordersten des Zug^s den Wald verließen und den Thurm und die Mauern des Klosters und Freude leuchteten von den rosigen Wangen, glänzten aus den fröhlichen Augen der Kinder. Schier muthete es den Beschauer an, als ob die lieben Englein selber vom Himmel gekommen seien, um der hohen Frau Aebtissin mit Lust zu dienen. Die ehrenreiche Herrin, Frau Gerberga, aber war eine königliche Gestalt. Ueber dem schlicht klösterlichen Gewand hing ihr in schwerem Faltenwurf der kostbare Hermelinmantel, dessen Schleppe zwei junge Edelfräuletn trugen. Auf ihrer Brust funkelte das juwelenblitzende Kreuz, das Abzeichen ihrer hohen Würde. Den Krumm- stab trug sie in der Linken. Unter dem Stirnschleier sahen ein paar große kastanienbraune Augen klug und freundlich aus dunkelfarbigem Antlitz hervor. Weisheit und warme Herzensgüte sprachen aus den in kräftigen Um- SMW Herg Kinai. von Wiesen, Wäldern und Bergen rings umschlossen sich in der Gande spiegeln sahen, da gewahrten sie auch das bethürmte Thor weit geöffnet und davor in prächtiger, malerischer Gruppirung den ganzen Convent, sammt den jungen Zöglingen und dem Ingesinde entfaltet. Aus der Mitte weißverschleierter Frauen hob sich der gold- und farbcnstrahlende Thronhimmel empor, welcher die Aebtissin schirmte. Vier flachshaarige Mägdelein in weißen Linnenkleidern trugen ihn. Selbigen umstanden auch in lieblichem Halbkreise die Jungsräulein alle, so den gelehrten Klosterfrauen zur Obsorge anvertraut waren. Sie trugen gleiche weiße Gewänder von silbernen Gürteln zusammengehalten und geschmückt mit blauen Säumen. In den Händen hielten sie grüne Zweige. Die lang Herabwallenden Locken der Mägdelein zierten grüne Bnchsbaumkränzlein. Gesundheit, Unschuld rissen gestalteten, wahrhaft vornehmen Zügen der sieben- unddreißigjährigen Aebtissin. Da nun der Bischof mit seinem Gefolge nahe kam, schwenkten die Kinder ihre Zweige und riefen: Hosiannah l" Alle knieten nieder. Herr Orthwin seg"ete die da knieten mit dem Zeichen des Kreuzes und sprach zum Gruß: „Christi Heil und Huld sei mit Euch und Eurem Hause." Dann stieg er vom Roß. Jetzo trat Frau Gerberga unter dem Thronhimmel hervor und sprach bewegte Worte voll Weihe zum Willkommen dem waltenden Bischof. Nun neigte ein zwölfjähriges Mägdelein mit sonnigem Goldhaar und blitzenden Blauaugen sich'sättig und begann geläufig in welschen Worten, oder vielmehr in 653 fließendem Latein, der edlen Noswitha Dichtung vorzutragen, so in würdiger klangvoller Sprache von der Gründung des Masters kündete. Sie erzählte mit der Klosterfrau Worten, wie zu den Zeiten des Herrn Alt- Orte, so ihnen durch Gott selber als die geeignetste Stätte bezeichnet wurde. Sie nannten das Kloster nach dem Flusse Gandersheim und übertrugen die Obsorge über die Ordens-Genossens-taft ungetheilt dem Herrn - W8 MMZW LÄ ' Photographie Verlag der Photographilchc» Union in München. Das Kchcrflein der Wittwe. Nach dem Gemälde von Hans Hösch. fried, des vierten Bischofs des Hildcsheimer Landes, ! Altfeied. Sie erzählte, wie nach zwanzigjähriger Arbeit der Sachsenherzog Liudolf und seine fromme Gattin ! der Bau endlich vollendet, das Kreuz der Kirche erhöht Oda — die Stammeltern des heut gewaltigen Kaiser- t werden konnte unter des Herzogspaars jüngstem Sproß geschlechts — das Kloster an der Gande baueten, an jenem Otto, dessen Sohn, Heinrich der Vogler, die Kaiserkrone 654 empfing. Sie erzählte, wie des Klosters Gründerin Oda die Lebensdauer, welche der Psalmist den Menschen giebt, weit überschritt, wie sie ihren Urenkel, Otto den Großen, noch erblickte und dann, nachdem Gott ihr hundertundsieben Jahre beschieden hatte, selig starb. Zu dieser Dichtung fügte das Mägdelein hinzu, daß nun wieder eine Liudolfingerin, die Ururenkelin jenes Herzogspaares, den Krummstab halte und den Nachfolger des heiligen Altfried, der sie selber, Gerberga, einst zur Aebtissin geweiht, als Schirmherrn begrüße. „Wer mag die sonnige kleine Maid sein, die so geläufig ihr Latein vorträgt?" diese Frage äußerte Tammo lächelnd seinem Freunde Altman gegenüber. Der aber rief mit nicht länger zu dämmendem Entzücken: „Mein hold Schwesterlcin Hildeswithal K-nnst Du die kleine Huldin nicht mehr?" Die Kirchenglocken luden zum Altare ein. Die Ankömmlinge banden ihre Rosse fest und folgten Herrn Othwin, der an der Spitze des frommen Conventes seine Schritte zuvörderst nach der Kirche lenkte, um dortselbst den Geber alles Gelingens menschlicher Arbeit um seinen Beistand anzuflehen. Dann begleitete der Bischof nebst einigen Erlesenen die Herrin Gerberga in die Bücherei, ollwo auf langen Tischen kirchliche Baurisse ausgebreitet lagen. Die Herrin prüften bedachtsam, verglichen und berathschlagten mit einander. Da gab's an jedem Plan zu loben und auch zu tadeln. Ein schier verzweifeltes Nachdenken heischte es, das richtige zu ergründen. Kümmerniß lagerte sich auf die Stirn des Bischofs. Mit einem Male erhellte sich sein Antlitz. Unser junger Mathematiker aus der Domschule fehlt, der rersteht sich ja auf die Baukunst; vielleicht weiß der Knabe auch hier klugen Rath. Wo ist er?" Volkmar beeilte sich lächelnd zu erwidern: „Bcrnward weilt im Sprechzimmer. So ich recht berichtet bin, wurde ihm mit Tammo die Erlaubniß, seine junge Schwester Judith dorten zu begrüßen, ebenso wie Herr Altman von Olesburg zu seinem Schwesterlein Hildeswitha an sothaner Stätte reden darf." Sprach der Bischof: „Laßt jung Bernward kommen." Das geschah. In bescheidenem Schritt trat Bernward vor und verneigte sich tief vor Herrn Othwin, der also begann: „Wir haben Dich hierher entbieten lassen, mein Sohn, daß Du Dir diese Baurisse beschauest und uns unbefangen Deine Meinung sagest." Bernward schaute lang abmessend und erwägend die Pläne an, ergriff demüthig die Feder und begann emsig seine Striche zu ziehen. Dann hob er das Pergament empor; „Oft schon zeichnete ich einsam diese Figur in den Sand. sie schwebt mir seit Jahren als würdiger Grundriß eines Gotteshauses vor: Hier im Osten ein Kreuz, wie es ja fast alle Risse, die ausgebreitet vor uns liegen, zeigen, es ist das Kreuz unseres Herrn Jesu Christi, und hier im Westen abermals die Krcuzform, es ist das Kreuz, das wir unserem Erlöser nachtragen sollen. Im Osten wie im Westen gleicherweise ein Chorabschluß. " Der Bischof hatte aufmerksam zugehört. Nach einer kleinen Pause sagte er bedächtig: „Deine Jde n, mein junger Baumeister, scheinen mir der Beachtung werth. Da nun keiner der, Pläne, welche h''er vor uns ausgebreitet sind, unseren vollkommenen Beifall findet, so beauftrage ich Dich, Deinen eben flüchtig entworfenen Plan noch hier, ehe wir abreisen sauber auszuarbeiten und uns vorzulegen." Da aber die Berathung vorläufig beendet erschien, wagte Frau Rikkardis, die so bescheiden im Hintergründe gestanden, hervorzutreten mit der Meldung, daß der Imbiß gar lange schon der Gäste harre. Die ehrwürdige Rikkardis hatte einst den ersten Lehrstuhl im Sitze Gan- dersheim inne gehabt. Doch als sie mit zumhm ndem Alter den Geist nicht immer so gewillt, wie ehedem, zum Vortrage der Weisheit fand, da bat sie demüthig zum Küchen- und Haushaltsdienste entlassen zu werden. Der Wunsch ward gewährt, und so führte die geleh:te Frau Rikkardis nun unbeschränkte, aber milde und zugleich tüchtige Herrschaft über zahlreiches Gesinde in Küche und Haus. Jctzo geleitete die Aebtissin ihre Gäste ins Nefec- torium. Der Saal war weitschicht'g angelegt, Säulen theilten ihn ab. Eine lange Tafel mit schneeweißem Linnen und silbernem Geräth lud zum Niedersitzen ein. Die jungen Edelfräulein, so dem Kloster zur Erziehung übergeben waren, hatten das Amt, die hohen Gäste zu bedienen; sie sollten sich üben, als zukünftige Hausfrauen. Das thaten sie auch mit vieler Anmuth. Die Brüder von Sommerschenburg und Altman von Olesburg hatten bei Beginn des Mahles Gelegenheit, sich des Anblickes ihrer Schwestern zu freuen, ja hin und wieder ein Wörtlein mit ihnen zu tauschen. Später jedoch waren die Mägdlein verschwunden. Als nach beendetem Mahle das Dankgebet gesprochen war, da erschien im Thürbogen leise wie ein Bild im Rahmen eine hoheitsvolle Klosterfrau. Von dieser edlen Stirn leuchtete ein Geist, der Großes zu gestalten und zu schildern wußte. Das war ein Auge, so in der Menschen Seelen zu lesen verstand und die innersten Gedanken mit raschem Blicke zu erkennen vermochte. Die hochbegabte Dichterin Roswitha — Gandersheims Hellstimme — stand vor den Gästen in Lieblichkeit und Milde. Trotz ihrer fast vierzig Jahre war ihrem Wesen eine Anmuth, eine Frische, ja ein schier muthwilligcr Frohsinn verblieben, so daß es begreiflich war, wenn die Schülerinnen alle in Begeisterung an der holden Frau hingen. Sie führte ein etwa zwölfjähriges, klug ausschauendes Mägdlein, Hedwig von Stederburg, an der Hand. Das Kind trat näher, während Roswitha sich sittig zurückzog, es verneigte sich tief vor dem Kirchen- fürsten und hub also in der Klosterfrau Namen an: „Euch, den Hochgelehrten, in allem Guten wohl Bewährten, die Ihr nicht anderer Erfolg neidet, sondern, wie es wahren Weisen ziemt, mit frohen Wünschen begleitet, Euch entbietet Roswitha, die unwissende Frau, zu allem Guten ohn' Geschick viel zeitliches Glück und ewige Freude. „Bislang hab' ich nur gewagt, mein ungelenk Geschreibsel eng Befreundeten zu zeigen. Doch da selbige mich ermunterten, in meiner Schreibart fortzufahren, so hab' ich Selbstvertrauen und Kraft gefunden, mein Dichten der Prüfung weiser Männer zu unterbreiten. So bitt' ich Euch um Euerer Freundschaft willen, ein geistlich Schauspiel, so ich in bester Absicht, Gott zu loben, verfaßte, jedoch ob seines allzu geringen Werthes bislang verborgen hielt, allhier anzuhören und Euer Urtheil dar- 656 über zu sprechen, auf daß ich aus Euerer Weisheit erlerne, worinnen ich am meisten fehlte. „Viele unter uns Christen geben, des Zaubers der gebildeteren Sprache wegen, der Eitelkeit heidnischer Bücher den Vorzug vor unsern heiligen Schriften, die doch solchen Segen stiften. Mancher, der festhält an Gottes Wort, liest dennoch gern und eifrig des Tcrenz dichterische Gebilde; dcch während der Sprache Anmuth sein Wohlgefallen weckt, wird das Herz ihm vom gottlosen Inhalt befleckt. Darum hat sich Gandersheims Heller Mund bemüht, jenes Dichters Schreibart nachzuahmen. Und wenn andere ihn ehren durch das Lesen seiner Dramen, so will ick in der Art, wie er das Lieben leichtfertiger Evastöchter beschrieben, von der Preiswerthen Keuschheit gottseliger Jungfrauen singen, so weit das meiner schwachen Kraft mag gelingen. „Was ich anstreb' ist dies allein: Gott schenkte meines Herzens Demuth die Gabe des. Gesanges: unwürdig, wie ich bin, will ich dennoch dem Geber seine Gabe wieder weihen. In dieser Absicht habe ich meine Spiele geschrieben, und dies ausschließlich ist der Grund für all' mein Mühen. „So es Euch gefiele, die Bekehrung des Feldherrn Gallikan von meinen Schül-rinnen Euch vorspielen zu lassen, wird es mir nie gelingen, für Euere Preiswerthe Herablassung ein würdiges Entgelt an Dank Euch darzubringen." Herr Othwin war durch das Ansinnen Roswithas aufs angenehmste überrascht. Er erwiderte in huldreicher Weise: „Wir werden dem freundlichen Begehren zur Stelle Folge leisten, zumal da wir gespannt sind, die fromme Dichtung, sowie die Darstellung der jungen Zöglinge kennen zu lernen. Geleite uns zu dem Ort der Aufführung. " Mit diesen in heiterm Ton gesprochenen Worten erhob er sich. Die Kleine verneigte sich geziemend voller Anmuth und schritt durch dre Gänge des Klosters voraus in den großen Saal, der für die Schulprüfungen und auch für sonstige feierliche Anlässe erbaut war. Der Bischof folgte, und sein ganzes Geleite schloß sich in froher Erwartung ihm an. Im großen Saale, welcher durch ein weites Halbrund geschlossen war, harrten die Klosterfrauen bereits der Gäste. Der etwas erhöhte Halbkreis war zur Aufführung des Spieles bestimmt. Er war durch kleine Tannen- bäume geziert und mit frischem Grün bestreut. Sobald der Bischof und seine Gefolgschaft ihre Sitze eingenommen hatten, ertönte von frischen Kinderstimmen gesungen ein geistlich Lied, und dann begann das Spiel: Der glorreiche römische Kaiser Konstantin tritt auf, befiehlt seinem tapfern Feldherrn Gallikan, dem gefährlichen Vordringen der Skythen Einhalt zu thun. Gallikan erklärt sich bereit, aber nur, wenn ihm Constantia, die Kaiserstochter, zur Gemahlin gegeben werde. Constantin geräth durch Gallikans Werbung in die ärgste Bedrängniß: Der Feldherr ist Heide, Constantia Christin; noch mehr, sie hat im Geheimen, wiewohl mit Zustimmung ihres Vaters, das Gelübde ewiger Jungfräulichkeit abgelegt. In seiner Rathlosigkeit wendet der Kaiser sich an seine Tochter selber. Ein Bild voll hohen weiblichen Adels, ja die verkörperte Frömmigkeit und Würde, so trat Constantin vor. Ueber die weiße Gewandung, so ihre schlanken Formen umhüllte, flössen langwellig, wie ein gesponnenes Gold, die röthlichen Locken. Sie umgaben ein wunder- liebliches Antlitz. „Das ist ja Judith, unsere Schwester," raunte Bernward erstaunt seinem Bruder Tammo zu. Die edle Jungfrau weiß dem Kaiser einen Ausweg zu zeigen. Klug erbittet sie sich die erlauchten Töchter des Feldherrn aus erster Ehe zu schwesterlichen Freundinnen in ihren Palast, während deren Vater frohen Muthes zur Kriegsfahrt gegen die Barbaren auszieht. Auch sendet sie ihre christlichen Kämmerer Johannes und Paulus dem Kriegsmanne mit ins Feld. Die sollen auf seine Bekehrung wirken. Inzwischen aber fleht die Kaiserstochter den himmlischen Vater an, er möge Gallikans Sinn wenden, daß er auf ihre Hand verzichte. Die lieblichen Töchter des Feldherrn Artemia und Attika weiß Constantia derweil zum Christenglauben zu bekehren und für das hohe Ziel, das sie selber sich gesteckt, für die Jungfräulichkeit, zu begeistern. In den thracischeu Ebenen trifft Gallikan alsbald auf dcn Feind. Der Kampf entbrennt. Die Römer werden zurückgeschlagen. Schon wenden sich die Legionen zur Flucht. Die Schlacht scheint rettungslos verloren. Da fordern Constantinas Freunde Johannes und Paulus den rathlosen Feldherrn auf, den Christengott um Hilfe anzuflehen. Er folgt ihrem Rath. Siehe da, aus dunkler Wolke bricht leuchtend Heller Glanz, und himmlische Heerschaaren eilen gewappnet zu seiner Hilfe herbei. Die Skythen werden geschlagen und erkennen die Oberherrschaft der Römer an. Gallikan, durch das Wunder zur Erkenntniß gebracht, weiht sein Leben ganz dem Herrn; ja er verzichtet freiwillig auf Constantias Hand. Er segnet die Heißgeliebte und seine Töchter, die gleich ihm das höchste Ziel erkoren haben. Bewundernswürdig spielten die Edelfräulein. Die Zuschauer erlebten den Zwiespalt mit, in den Constantia mit sich selber gerieth, als sie, eine Braut des Himmels, sich dem heidnischen Feldherrn verlobte. Sie empfanden die Kämpfe in Gallikans Brust, ehe er den verhaßten Nazarener um Hilfe anrief, und den Widerstreit seiner Gefühle, da er sich mit der Liebe zu Constantia im Herzen entschloß, der Welt zu entsagen. Es erfüllte aber auch mit Staunen, ein wie anschaulich Bild die Dichterin in ihren kurzen, schnellwechselnden Scenen von dem Getriebe im kaiserlichen Palast, dem Soldatenleben, dem Gewirr der Schlacht zu zeichnen verstand. In wenig Worten wußte Noswitha ein gewaltiges Spiel der Leidenschaften auszudrücken. Die Handlungen drängten sich; ein fröhlicher Geist, ein frisches Naturgefühl, ein gesundes Erfassen der Wirklichkeit sprach sich in den Versformen der alten Poesie aus. Die Zuschauer waren ergriffen, waren hingerissen. Lautlos verharrten sie noch eine Weile, als das Stück zu Ende war. Dann aber gaben sie begeistert ihren Beifall kund. Bernward alhmete tief. „Das war wunderschön," sprach er. „Roswithas Kunst hat die Verherrlichung Gottes zum Ziel. Sie gewährt uns außer dem Genusse an der Schönheit künstlerischen Schaffens auch Nutzen für die Ewigkeit. So 656 will auch ich später zum Lobe des Allerhöchsten wirken." — Tammo nickte. „Bedünkte es nicht auch Dich, als ob die ehrwürdige Dichterin die Rolle Constantias just für unsere Judith geschrieben habe?" „Wohl wahr. Unsere Schwester spielte die Christo verlobte Kaiserstochter mit ganzer seelenvoller Hingabe," bestätigte Bernward. Graf Altman aber gab wehmüthig seinem zwiespältigen Empfinden Ausdruck. „Ich hoffe," sagte er, „daß Judith von Sommer- schenburg nicht darum die jungfräuliche Constantia mit solcher Meisterschaft wiedergab, weil sie selber von ähnlichen Gefühlen beseelt ist und der Welt entsagen will. Es wäre schade um so viel Jugend und Anmuth, wenn sie hinter Klostermauern vergraben würde." „Was redest Du!" rief jung Bernward. „Das höchste Ziel ist jeden Opfers Werth. Und ist denn nicht das Schönste das Würdigste vor Gott?" Altman seufzte. „Junger Freund, es ist so menschlich, daß wir begehren, solche, die uns viel theuer, denen wir Minne weihen wollten, in unserer Nähe zu behalten." Bernward sagte leise: „Das Erdenleben heißt Wirken, Kämpfen und Entsagen." „Wir sind wohl zufrieden," sprach der Bischof. „Die Kinder haben brav gespielt. Roswitha's geistlich Schauspiel soll als ein ehrwürdig Denkmal deutscher Dichtkunst der Nachwelt erhalten werden. Der Gallikan ist trotz feines römischen Gewandes ein echt deutscher Recke. Ich werde das schöne Werk in unsern Klöstern vielfach abschreiben und weit umher verbreiten lassen," also versicherte er voller Anerkennung, bevor er den Saal verließ und von dannen schritt nach dem ansehnlichen Gebäude, so in Gandersheim zur Beherbergung hoher Gäste erbauet war. Ehe aber Herr Othwin sich zur Heimreise rüstete, mußte Bernward ihm den Plan vorlegen, den er inzwischen in der stillen Bücherei des Klosters sauber und zierlich auf Pergament gemalt. Der Bischof prüfte lange, dann nickte er befriedigt und sagte: „Ich danke Dir, mein Sohn. Ich gedenke, nach diesem Bauriß das Gotteshaus auszuführen." (Fortsetzung folgt.) Zu unseren Bildern Sinai. Sinai, vielgipfeliger Gebirgsstock im südlichen Theil der sinaitischen Halbinsel zwischen dem Meerbusen von Suez und dem von Akaba, auf welchem Moses die zehn Gebote empfing. Das ganze Gebirge ist wild und felsig. In einer Thalschlucht liegt das St. Katharinenkloster; 3 üm höher liegt die Kapelle des Elias. Von hier aus erreicht man in drei Viertelstunden den Gipfel des Berges, wo eine kleine Kirche steht, das Hauptziel der Pilger. _ Das Scherflrin ver Wittwe. Gewiß ist Dir, lieber Leser, aus dem hl. Evangelium der Ausspruch unseres Heilandes bekannt, den derselbe im Tempel zu seinen Jüngern gethan über das Scherflein der Wittwe und die Opfergabe der Pharisäer War es auch nur eine kleine Gabe, welche die Wittwe gespendet, so hat Gott doch mehr Wohlgefallen daran, als an jener der Pharisäer- Christliche Nächstenliebe gibt nicht, um von den Leuten gesehen zu werden und die Gabe, der Armuth ist dem Herrn doppelt wohlgefällig. Der Segen Gottes ruht auf der kleinsten Gabe, die Du Deinem armen Mitmenschen spendest. Wie dankbar blickt doch das greise Mütter- lein auf unserem Bilde empor zu der Frau mit den beidcn Kleinen! Gewiß würde die Spenderin mehr geben; doch die Armuth drückt sie selbst. Ist ihr Almosen auch nur ein Scherflein, Gott wird es ihr zehn- und hundertfach lohnen! -—«888-t'—- Kerbstgedankeu. Ein Weh durchzuckt des Herzens zarte Saiten, Wenn schleichend sich der Herbst genaht, Denn nah und fern ertönt's: „Ich muß jetzt scheiden, Ade, mein theurer Kamerad!" Wie traurig klingt von einem Ort zum andern Dies Lebewohl als Losungswort Von Mensch und Thier und Pflanze! — alle wandern, Sie alle wollen von uns fort. Vom Freunde reißt mit thränenfeuchtem Blicke Im Herbst der Busenfreund sich los, Ihn ruft nach schnellenteiltem Ferienglücke Die Pflicht zur Arbeit ernstem Loos. Die munt'ren Vöglein prüfen ihre Schwingen, Sie sind zur Wand'rung wohlbereit; Und hörst du hie und da ein Lied erklingen, So denk', dem Abschied ist's geweiht. Geschäftig geht der flinken Schwalbe Zunge, Zu plaudern hätte sie noch mehr, Doch ahnungsvoll mit mächt'gem Flügelschwunge Durchsegelt sie der Lüfte Meer. Als Zierde steht im baldverwaisten Garten Ein Röschen oft noch ganz allein; Sein Köpfchen senkt's und sagt: „Nicht darf ich warten, Der Winter wird gar schnell da sein." Ein jeglich Blatt am fruchtentleerten Baume Gibt traurig flüsternd zu versteh'n: „Auch ich muß sort vom liebgewonn'nen Raume Und werde spurlos untergeh'n." Des Lebens Mai umsäumt von tausend Wonnen Wird Beute der Vergänglichkeit — Im Dienste Gottes was der Mensch begonnen, Erstrahlt im Lenz der Ewigkeit. Lbilomkls, 8. -8S8WS- Zzilder-KäLhsek. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 83: Weiß. Schwarz. 1. D. 86-8i f K. 8t-05 2. D. 8i-88 D. 87-87 3 D. 88—83 f K. beliebig. 4. D. 83 - 86 (03) L.. 2. B. 66-85: 3. D. 88-85:j- K. 05-84 4. D. 85-85ch Es hittt Schwarz nichts, wenn auch der König etwa im 2. Zug nacb 84 acht; er kann nicht verhindern, daß die weiße Dame auf 85 zieht, ihn auf X3 drängt und durch einen Zug nach 82 matt setzt.