85 . IreiLag, den 19. October 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabhcrr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttier), BemrnmrÄ von HiLdesheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) III. Auf der Pfalzgrnfenburg. Warum kommt er nicht, Um meinen letzten Segen zu empfangen? Ich fühle, daß es schleunig mit mir endet. Schiller. Das war zehn Jahre später. Auf der Burg des Pfalzgrafen Athelbero im Sachsenlande war lange schon ein guter Engel eingekehrt. Der half dem greisen Herrn über Altersschwäche und Krankheitsbeschwerden hinweg, half ihm das Leben wieder liebgewinnen, half ihm, selber wieder thatkräftig eingreifen in den Gang der Weltereignisse, wenn auch Athelbero dieses Recht mehr aus Pflichtgefühl, als aus Neigung ausübte. Der Engel aber war sein Tochtersohn Bern- ward von Sommerscheuburg. Es war am Allerseelenabend. Um die Burg im Weserwalde tosten die Wetter. Die Waldeswipfel bogen sich im Stnrmesbrausen. Hochanf spritzten die Weserwellen. Das zum Theil noch am heidnischen Aberglauben hängende Sachsenvolk raunte sich zu: „Wodans WildesHeer reitet auf der SturmcZstraße, auf Wolken gebilden, auf Luftgespinnsten einher. Der Weltgcwaltige auf achtfüßigem Rosse sprengt dem wüsten, wilden Gesinde! voran." Das tobte und heulte und zischte und pfiff, als sei wahrhaftig die Hölle entfesselt. Im stillen Kämmerlein ruhte der ehrwürdige Pfalzgraf, todmatt zurückgelehnt im Sessel. Er athmete schwer. Sein müdes, halberloschenes Auge glitt vom flackernden, sturmdurchtosten Kaminfeuer auf das ruhige, fast verglimmende kleine Flämmlein der Ocllampe. „Ein Bild meiner selbst," so hauchte er. Da legte sich leise ein stützender Arm um seine Schulter, eine warme, schlanke Hand auf die kühle Stirn des Greises, und zwei blaue Augensterne schauten innig in die seinen. „Mein Vater, Ihr schlaft nicht, wie ich hoffte, aber Ihr gebt Euch trüben Träumen hin bei wachem Auge. Laßt uns plaudern." Noch einmal leuchtete es auf in des Greises Auge, als sein väterlicher Blick wohlwollend und voll Dank über des jungen Priesters hohe, schlanke Gestalt glitt, die sich so liebevoll zu ihm niederbeugte. Zart und doch fest, wie aus edlem Stein geschnitten, waren dessen liebliche Züge; sein Auge war blau wie der Frühlingshimmel. Blondes Haar umwallte in spielendem Gelock ihm Stirne und Schulter. So schlank und zart wie seine Hände, so zart und leise war seine Berührung; und dennoch, das wußte der Greis, war der Arm des Jünglings so stark wie federndes Metall, galt es, den Schlaffen zu tragen und zu heben. Ja, die Muskeln dieses Armes waren so stark wie die Willenskraft, welche die Seele dieses Jünglings belebte. „Wie soll ich Dir danken, mein Tochtersohn, daß Du mir, dem schwachen Greise, so treu und unermüdet Tag und Nacht Deinen tröstlichen Beistand leihest, mehr als meine eigenen Söhne es wollen und vermögen," sagte der Pfalzgraf, und deutlicher als aus den Worten sprach aus dem rührend hilflosen Blicke des Leidenden unendliche Dankbarkeit. Hellrosiger Schimmer, die Nöthe der Beschämung flog über des Jünglings Züge. „Redet nicht so, theurer Vater. Ich that, was jeder andere an meiner Stelle gethan hätte. Eure eigenen Söhne, die Kriegskundigen, müssen sorgen, wie sie das Land vor dem Feinde vertheidigen und schützen, mir aber, dem Priester, liegt es ob, friedlich für das Gedeihen und die Wohlfahrt der Seelen zu sorgen und mich nicht minder um Euer leibliches Heil zu kümmern. Vater und Mutter sind mir dahingegangen. Wer steht meinem Herzen näher, als Ihr!" Der alte Herr neigte wehmüthig lächelnd das Haupt. „Recht so, mein Bernward, wir beide gehören zusammen, so lange ich lebe. Das war kurz, nachdem Du von dem Preiswerthen großen Mainzer Erzbischof Willegis, dem heutigen Reichskanzler, die Priesterweihe erhalten hattest, als ich Dich bat, die Tage meines, wie ich dazumal vermeinte, aunoch kurzen Lebens bei mir zu verbringen. Hätte ich geahnt, daß die Vorsehung mir noch so viele Tage beschicken, so hätte ich das Versprechen nicht von Dir gefordert." Bernward kniete nieder. Sein treues Auge schaute warm und ehrerbietig zu dem Greise auf. „Aber ich, mein Vater, hätte solche Gunst inbrünstig von Euch erheischt," sprach er in herzlicher Liebe. Pfalzgraf Athelbero nickte vor sich hin und strich leicht die blonden Locken des Enkels. „Wahrlich, der alte Gott weiß den Rechten an die 658 rechte Stelle zu setzen. Seit Jahren bestelltest Du nicht allein mein ganzes Hauswesen, ja auch seit Jahren übernahmst Du uneigennützig alle Verwaltungs- und Regentensorgen der Grafschaft an meiner Stelle und an Stelle meiner Söhne." Seine Hand glitt über die eigene gefurchte Stirn. „Ah, wie ist mir doch? . . . Mich dünkt, als Du kamst, da lebte und kämpfte noch unser jugendlicher Kaiser Otto II. in Italien für seinen großen Gedanken, das römische Reich wieder herzustellen und mit Deutschland zu einem gewaltigen Ganzen zu verschmelzen." Und lebhafter fuhr Athelbero fort: „Ja so war es. O, hätte Otto gefolgt, als der edle Abt Majolus von Clugny zu Verona ihm zurief: „„Kehre dahin zurück, von wo Du gekommen bist! Sei versichert, wenn Du nach Rom gehst, so wirst Du Dein heimathliches Reich nicht mehr schauen, sondern in Rom Dein Grab finden!"" Hätte er sich also warnen lassen l — Ja ja, dahier an der Nordgrenze des Deutschen Reiches fielen die Slaven und Wenden ein; sie waren allgemach kühn geworden durch die Abwesenheit des höchsten Wächters, des obersten Kriegsherrn. Meine Söhne reiben ihre Kräfte auf in fortwährender Abwehr dieser wilden Horden. Und den reichbegabten, von Ehrgeiz und von Thatkraft glühenden Kaiser raffte die dauernde Anstrengung, die fieberhafte Aufregung in der Blüthe seiner Jahre hinweg. Er fand in Rom sein frühes Grab, wie der Abt vorhergesagt." Bernward neigte zustimmend das Haupt. „Euer Erinnern, mein Vater, ist heute wunderbar klar und frisch. Gar tiefen Eindruck muß dazumal des Majolus Prophezeiung auf den kaiserlichen Herrn gemacht haben, daß er in Verona von den deutschen Fürsten heischte, sie sollten sein dreijähriges Söhnlein Otto's als seinen Nachfolger anerkennen, worauf auch Erzbtschof Willegis selbigen zu Aachen krönte." Der Greis ergänzte: „Und das war gut; denn der Tod kam allzubald an des Kaisers Lagerstätte." Dann fügte er noch hinzu: „Du sagst es, und ich nehme es zu meinem Staunen selber wahr, mein Gedächtniß ist heute so frisch, wie es seit Jahren nimmer sich zeigte, und dennoch weiß ich nicht mehr, was seit dem Tode des jungen Kaisers in der Welt vorging. Ich muß geschlafen haben seit jener Zeit." Bernward erzählte bereitwillig: „Da beanspruchte zunächst der Bayernherzog Heinrich, des dahingeschiedenen Kaisers Vetter, als nächster Schwertmage das Recht der Vormundschaft über den kleinen Kaiser, während des letztern edle Mutter, die geistvolle Griechin Theophano, den ersten Anspruch hatte. Aber auch der französische König Lothar ein Vetter Otto II. von Schwesterseite her, verlangte dasselbe Recht. Welche herrschsüchtige Nebenpläne die beiden Herren ausspannen, das wurde nicht nur Gott, sondern auch manchem nachdenkenden Menschen offenbar. Der umsichtige Mainzer Erzbischof Willegis aber wußte die Zänker zu trennen, wußte sie zufrieden zu stellen und das VormundschaftsRecht der Kaiserin-Mutter zu wahren. Ein Glück ist es für die edle Theophano, daß der weise und welter- fahrene Willegis ihr als Kanzler so treu zur Seite steht. Eine kraftvolle Persönlichkeit erfordert es, um den stolzen Bau unseres Kaiserreiches aufrecht zu halten. Nach Innen und nach Außen die Würde des Reiches zu wahren, das hat die ganze Kraft der letzten beiden Kaiser in Anspruch genommen. Anjetzo liegt die Bürde auf den Schultern einer Frau, so man im Reiche vielfach als eine Fremde betrachtet." Athelbero richtete sich empor und sprach feierlich mit ausgebreiteten Händen: „Gott segne die jugendliche Kaiserin-Mutter und verleihe ihr Weisheit, das Volk mit Sanftmuth und im Frieden zu regieren, auf daß dasselbe an Kräften zunehme und im Frieden sein Glück finden möge I" Ein schier überirdischer Glanz schien bei diesem Segensspruch von dem hehren Greise auszugehen. Voll Ehrerbietung schaute Bernward zu ihm empor Ihm dünkte, als ob der Vater höher und höher wachse. Der sprach weiter: „Mein Ende ist nahe. Das fühle ich. Niemals, mein Enkel, war ich so frei und leicht, so schmerzlos, wie in diesem Augenblicke. Das ist schon das Vorgefühl der ewigen Ruhe. Den irdischen Sonnenstrahl werde ich nimmer begrüßen. O, daß wenigstens mein Sohn Volkmar noch an mein Sterbelager käme, um für sich und seine Bruder meinen letzten Segen zu empfangen!" „Vater, mich bedünkt, der hochwürdigste Herr Oheim kann in jeder Stunde allhier eintreffen. Der Bote, so ich nach Utrecht sandte, brachte Bescheid, daß der Herr Bischof ihm auf dem Fuße folge," also wußte ^Bernward zu trösten. „Habe Dank, mein Bernward! Nimm heißen Dank auch noch einmal für alles, was Du an mir, an meiner ganzen Sippe gethan! Deiner Vermittlung danken wir die erfreuliche Eintracht und Versöhnlichkeit, so nunmehr unter meinen ehedem nicht allzu friedfertigen Söhnen herrschet. Dir, der mir so oft die heiligen Sacramente spendete, danke ich es vor allem, daß ich in so schönem Frieden mit Gott hinübergehen kann. Und nun thue mir den letzten Liebesdienst, — bete mit mir die Sterbegebete." „Ich kann's nicht fassen, daß Ihr so bald von uns gehen sollt; doch ich willfahre Euerm Verlangen," sprach der Jüngling tief bewegt. Er kniete abermals an der Seite des Greises nieder und sprach voller Inbrunst die Gebete. Derweil saßen in der fernen Kemenate zwei liebliche Jungfrauen. Sie nähten und stickten mit Gold und Seide ein prächtiges Meßgewand. So fleißig waren sie bei der kunstvollen Arbeit, daß sie schier das wilde Toben des Unwetters draußen überhörten. In der größeren, zu voller Lebensfülle erblühten Maid, deren rothblondes Lockenhaar ein schönes, ernstes Antlitz umgiebt, erkennt man sogleich Judith, jene Darstellerin der römischen Kaiserstochter Constantia wieder. Gereifter und schöner nur ist die Jungfrau heute, als damals in noch halb kindlichem Lebensalter. Ihre Gefährtin ist ein sonnig holdes Wesen mit goldenen Ringellocken und blitzenden Blauaugen. Sie schaut nachdenklich und lustig zugleich in die Welt; und die Grübchen in den rosigen Wangen werden nicht selten sichtbar, da der rothe Mund sich gar gerne zu holdem Lächeln verzieht. Die junge Maid ist Hildeswitha von Olesburg, so als Kind einst den Bischof Othwin gar wacker mit lateinischer Rede begrüßte. Wohlgefällig neigte sie das Köpfchen zur Seite, und bewundernd glitt ihr Blick über das goldig schillernde Prachtgewand. „Noch ein paar Stiche, und meine letzte Aehre ist 659 fertig. Mich verlangt's, die Augen des ernsten Herrn Bernward zu schauen, wenn Du das kostbare Meßgewand vor ihm ausbreitest", sagte sie strahlend. Nun lächelte auch Judith. „Er wird sich freuen. Doch des Bruders Freude beim Empfangen kann nicht größer sein, als die meine beim Geben. Wie lange schon sann ich darauf, dem so ganz uneigennützigen, ja fast bedürfnißlosen Priester eine Freude zu machen. Wie lange schon fügte ich Stich an Stich zu dem Gewände, das nun seiner Vollendung so nahe ist, und das ihm ein bleibendes Angedenken an mich sein soll, wenn ich der Welt Lebewohl gesagt habe." Hildeswithas kindlich frohes Gesichtchen wurde ernst. „So steht Dein Entschluß unabänderlich fest, uns zu verlassen, fragte sie wehmüthig. „Ach Judith, als Dein Bote mir das Schriftstück nach Hildesheim brachte, worin Du mich dringend hierher nach der Burg des Pfalzgrafen entbotest, weil Du Deine Freundin noch einmal sehen wolltest, bevor Du einen gewichtigen Entschluß ausführtest, ach Liebste — da habe ich anderes erhofft. Sie bog sich vor und schaute der Freundin eindringlich in die Augen. „Ich hegte die Hoffnung, daß unsere Freundschaft durch engere Bande noch mehr gefestigt werde; daß Du die innige Neigung, welche mein Bruder Altman Dir entgegenbringt, endlich erwiderst und Dich entschlossen habest, seine Hausfrau zu werden." Judiths schlanke Hand glitt liebevoll über die goldenen Locken der also Plaudernden. „Du liebe Kleine, ich möchte kein neues Band knüpfen, so mich an die Welt und an die Geschöpfe fester kettete. Ich möchte weine Minne, die Gott gehört, nicht theilen. Ja, mein Kind, Du wußtest nicht, daß ich, schon als wir im Stifte Gandersheim weilten, kein höheres Ziel kannte, als Gott zu dienen im heiligen Ordensstande. Meiner hochsinnigen Lehrerin Noswitha erschloß ich damals alles, was mein Inneres durchwagte. Sie kannte alle Gefühle, die mich bewegten und drängten. Ich wollte allsogleich im Kloster verbleiben. Die Edle rieth mir, ehe ich den Schleier nähme, mich in langjährigem Umgang mit den Menschen und der Welt zu festigen und zu prüfen und mich so für den hohen Beruf vorzubereiten, den ich erwählt. Das leuchtete mir nicht ein. So stellte ich mich trotz Nos- withas Rath der hohen Aebtissin Gerberga zur unverzüglichen Aufnahme in den Benedictinerinnen-Orden. Diese aber befahl mir, obschon gütig, so doch mit großer Bestimmtheit genau dasselbe, was mir Noswitha gerathen hatte." „Ich habe derweil gründlich mein Herz geprüft, und ich weiß, der Orden Hütte längst mich aufgenommen. Die Kindesliebe hielt mich zurück. Du weißt, am kalten, verödeten Herd unseres Stammhauses, der Sommer- schenburg, war eines Mägdleins Bleiben nicht. Tammo, der Burgherr, schlug sich, wie es sich gebührt, heute hier, morgen dort mit den Feinden unseres Landes. Jetzt kämpft er, Gott sei ihm gnädig, mit den Wenden. Mein Großvater Athelbero aber rief die elternlosen Töchter seiner Tochter auf die Pfalzgrafenburg. Meine kleine Schwester Thietburg hat freilich seit Jahren schon dort ein Heim gefunden, wohin es mich schon lange zieht, in Gandersheim. Ich selber aber fühlte die Pflicht, dem alten Manne, der mir so väterlich eine Zuflucht geboten, die Hausfrau und die Tochter zu ersetzen, so lange, bis er Heimberufen wird. Der traurige Augenblick wird schwerlich mehr allzuferne sein, darum entbot ich Dich hierher, um von Dir, der liebsten Freundin, Abschied zu nehmen. „Bringe auch Deinem Bruder meinen Dank für seine freundliche Gesinnung und vermittle ihm meine letzten Grüße. „Ob ich die Rückkehr meines lieben kriegerischen Bruders Tammo aus dem Felde noch abwarte, bleibt dahingestellt. Ich möchte jetzt schon des Helden Obsorge unser Schwesterlein Thietburg recht warm empfehlen. Die unselbständige kleine Maid wird dereinst in der Welt eine rechte Stütze nöthig haben." Hildeswitha sagte lächelnd: „Sei unbesorgt. Die rechte Erziehung wird Thiet- burg in Gandersheim schon zu Theil, und für die thatkräftige Stütze im weltlichen Leben sorgt später der liebe Gott. Es ist doch verwunderlich," fügte sie dann hinzu, „daß ich Deinen so oft von Dir genannten ritterlichen Bruder Tammo noch nicht gesehen habe." „Aber Kind," sagte Judith vorwurfsvoll, „er kam doch mit Bischof Othwin von Hildesheim, als wir in Gandersheim den Gallikan aufführten." Die Goldblonde lachte herzerquicklich. „Ja damals war ich zunächst nichts anderes als Noswithas Zunge und sah nur den lebenskräftigen Bischof, dem ich die Dichtung vortrug; dann aber wurde ich mit Leib und Seele Artemia, des Gallikan Tochter. Was kümmerten mich die Zuschauer, so ich keines Blickes würdigte! Wenn ich auch selber nicht der Welt entsagen wollte, so konnte ich mich doch in meiner Artemia Gefühle hineindenken." Judith schwieg. Nach einer Weile sprach sie ernst: „Hildeswitha, ich sorge um Dein Schicksal. Manches liebe Mal habe ich schon darüber nachgedacht, ob der schwarzlockige Wendenprinz, ich glaube, Slavomir war sein Name, so damals als Unterhändler zum Hildes- heimer Bischof kam und sich um Deine Gunst bewarb. Dein Herz als Geisel mit sich nahm." Die Kleine lachte. „Weiß ich's selber? Ich sehe ihn, wie er auf seinem kleinen rauhhaarigen Rosse in den Burgfrieden einreitet. Da springt er ab. Da steht er vor mir mit seinen seidigen rabenschwarzen Locken und langem Spitzbart, mit seinen glänzend schwarzen Augen im braunen Gesicht. Eine hohe Pelzmütze mit Ketten und Münzen verziert thront auf seinem Kopf. Ein langes Gewand, von goldenem Gürtel gehalten, umschließt eng die schlanke Gestalt. Der blitzende Dolch steckt im Gürtel, das Schwert hängt an seiner Seite. Seine braunen muskel- starken Arme sind unbedeckt, doch mit goldenen Ringen geschmückt. Ja, da steht er auf seinen Schild gelehnt, schaut sicher und siegesbewußt mich an und fragt nach dem Wege zur Bischofsburg. Den zeige ich ihm. Später besucht er zum Dank die Mutter und mich und spricht ein gar so spaßiges Deutsch, wobei er, so glaube ich, etliche Huldigungen anbringen will. Es gelingt aber nicht so leicht. Von dem Besuche bei Herrn Othwin sagt er nichts. Daß die Sendung nicht nach Wunsch ausgefallen, beweist der langjährige Krieg." Judith nickte. „Tammo kämpft jetzt gegen Mistui, jenes Slavomir königlichen Vater. Ich kann die Zeit nicht erwarten, die uns Kunde . . . 660 Da fliegt jach die Thüre auf. Luitgard, die Obermagd, stürzt schreckensbleich mit fliegenden Zöpfen in's Gemach, ihr nach eine entsetzte Mädchenschaar. „O Herrin, wir halten's nimmer aus in der Gesindehalle," ruft'die Maid. „Es kommt heran. Zwischen dem Heulen der Windsbraut und dem Stöhnen der Eichen, da tönt's grausig wie Pferdegetrappel, wie heiseres Wiehern. Ja, schauerlich vernimmt man Menschentöne, Meutekläffen." „Und Herrin," so berichtet mit versagendem Athem die beherzteste der Mägde, die stämmige Brunhild, „mich gelüstete es, einen Blick durch den Nitz des Fensterladens zu thun. Was ich sah? . . . ." Sie bekreuzte sich. „Hundert feurige Augen! So kommt es aus der Teufelsschlucht heraufgeschnoben und wird alsogleich an unserer Burg vorübcrsireichen." Judith richtete sich hoch auf, ihre Brauen zogen sich zusammen. „Seid Ihr Heiden, daß Ihr an den Spuk der wilden Wodansjagd glaubt?" fragte sie zürnend. „Schämt Euch, Christenmädchen l Was Ihr hörtet mitten aus dem nächtlichen Sturm — das Nahen eines Neitertrupps — wird, Gott sei gelobt, die ersehnte Ankunft meines Herrn Oheims, des hochwürdigsten Bischofs von Utrecht, bedeuten. Die feurigen Augen, so Du, Brunhild, zu erblicken vermeintest, werden ebensoviele Fackeln sein. — Horcht, da stößt der Wächter in's Horn. Hurtig hinaus mit Euch und alle Fremdenstnben zur Ausnahme der Gäste hergerichtet!" Das stob jetzund halb beschämt, halb ängstlich noch und verlegen kichernd nach allen Richtungen. Da gab's mit einem Male mehr zu thun, als einander mit heidnischen Sagen und Märchen bange zu machen. Voll jungfräulicher Würde trat Judith bald darauf ihrem bischöflichen Oheim und dessen Gefolge zum Empfang entgegen. Herr Volkmar segnete sie und fragte nach der ersten Begrüßung: „Kind, wie geht es meinem Vater? Komme ich nicht zu spät?" „Noch lebt er", entgegnete Judith und konnte, zu ihrem Schmerze, dem Oheim nicht verhehlen, daß er just noch zur rechten Zeit gekommen, um den Altersschwachen noch lebend anzutreffen. „So weit ist's schon," flüsterte Herr Volkmar bestürzt; er wollte alsogleich nach dem ihm bekannten Gemache des Vaters eilen. Judith aber hielt ihn sanft zurück. „Nicht so, mein Oheim; ich möchte Eure Ankunft erst melden." Sie glitt unhörbar hinein und kehrte nach einer Weile mit thrünenersüllten Augen zurück. „Bernward betet mit einem Sterbenden. Der Edle wird bald ausgerungen haben," sprach sie erschüttert. So leise Volkmar auch eintrat, der Verscheidende empfand dessen Nähe. Er hob noch einmal den Kopf und schaute den Sohn mit einem letzten liebevollen Blicke an. Der kniete nieder. Athelbero legte noch segnend die Hand auf den Scheitel des Sohnes. Dann athmete er schwer. Sein Haupt sank in die Kissen zurück. „Er steht am Throne GotteS," flüsterte Bernward und drückte dem Verschiedenen die Augen zu. Jene lieblichen Spätherbsttage, welche der Volks- mnnd „Allerheiligensommer" getauft hat, folgten ihren verderbenbringenden stürmischen Vorgängern. Die Herbstsonne mit ihrem milden wehmüthigen Schein verklärte wieder die alte Pfalzgrafenburg. Das farbige Laub, welches der Sturmwind noch übrig gelassen hatte, umkränzte so bunt und mannigfaltig den zinnengekrönten Bau, daß die alte Beste ordentlich verjüngt und freundlich über das Westerland hinauslugte. Der Stammherr Athelbero aber sah nichts mehr von der Schönheit des friedvollen herbstlichen Bildes. Er schlief in der Gruft seiner Ahnen. Droben in des Heimgegangenen Lieblingsgemach saßen dessen Sohn und dessen Enkel in ernster vertraulicher Zwiesprache. Bernward mußte dem Bischof hundert kleine Züge aus dem Leben des edlen Verblichenen berichten. Volkmar sprach weich: „Nun segne ich Deinen kindlichen Edelmuth und Deine hohe Willenskraft, die Dich den Abtsstab von Deventer und alle damit verbundenen Ehren, so ich Dir vor Jahren anbot, zurückweisen ließ. Das Verlangen, Dich in meiner Nähe zu haben, Dich wie einen Sohn mit Ansehen und Ehren zu überhäufen, war eigennützig, das sehe ich anjetzo ein, wenn schon Deine beharrliche Weigerung wich dazumal beträchtlich kränkte. Sei still. Jetzt danke ich Deiner edlen Selbstaufopferung, so Dich die Prülaturwürde verschmähen ließ, um dem kranken, altersschwachen Vater eine solch' herrliche Stütze zu sein. „Nun Dich keine Liebespflicht mehr hier im Verborgenen fesselt, so ergeht ein anderer Ruf an Dich. Ich thue Dir eine Bitte kund, welche mir die hohe Kaiserin Theophano schon an Dich auftrug, als Du zum erstenmal als Botschafter Deines Großvaters zu mir nach Untrecht gekommen warst und sie Dich allorten kennen gelernt hatte. „Die Herrin entbietet Dich an den kaiserlichen Hof. Du sollst die Stelle eines PalastkaplanS bekleiden. Ja, die hohe Frau möchte Deiner Führung die Erziehung und den Unterricht des siebenjährigen Kaisers anvertrauen. " Bernward sprang heftig auf; es schien fast, als wollte er fliehen. „Mein Oheim, wie könnte ich eine derart verantwortliche Stellung würdig ausfüllen!" Herr Volkmar versetzte kopfschüttelnd: „Du bist zu bescheiden. Die kaiserliche Herrin beharr! auf ihrem Wunsche. Sie wurde darin noch bestärkt durch Herrn Osdag, den jetzigen Bischof von Hildesheim; der empfahl Dich als den geeignetsten für das Lehramt. Dem Gereiften mußt Du ein rechtes Urtheil über Deine Fähigkeiten schon zutrauen. Und bedenke, mein Sohn, welch' eine herrliche Aufgabe wird Dir mit der Erziehung des jungen Kaisers zu Theil. In Deiner Macht steht es hinfüro, den Willen des kaiserlichen Herrn und mit ihm den des deutschen Volkes zum Guten Zu lenken." Das machte Eindruck auf den jungen Priester. Er wurde nachdenklich. „Hierin habt Ihr nicht ganz Unrecht," sagte er leise. Er stützie den Kopf in die Hand und starrte vor sich nieder. Endlich schaute er empor und reichte dem erfreuten Bischof die Hand. „Mein Oheim, ich wage es. Gott möge mir in Gnaden beistehen, daß ich die große Aufgabe nach seinem Willen vollende." (Fortsetzung folgt.) -—sr-B-ss---- Zm Traume. Wie lag im Reich der Träume Die Welt mir einst so schön. Voll «Schimmer, Dust und Blüthen, Im Thal und auf den HZH'n. Wie festliches Geläute, Wie Orgelklang und Sang, In wundersamen Tönen Mir in die Seel' es drang. Von Sonnengold umwoben Da trat in meine Näh' So engelschön und lieblich, Lichtstrahlend eine Fee. Sie neigt zu mir sich freundlich Und küßt die Stirne mein, In süßem Wonneschauer Erbebt mein ganzes Sein. Doch „sachte, sachte" flüstert Jbr Mund voll Innigkeit, „O, bald genug dich wecket Die rauhe Wirklichk.it." Friärun. --- Der Oktober in Nom. —«Nachdruck verboten.) Dieser Monat, der nicht nur in den Ländern jenseits der Alpen, sondern auch schon in Oberitalien den herben Vorgeschmack des Winters zu geben Pflegt, ist in Rom der unmuthigste des ganzen Jahres. Die Sommerdürre dauert im Durchschnitt drei Monate ohne Unterbrechung, und indessen steigt die Hitze täglich über 30, mitunter gar bis 35 oder 36 "0. im Schatten. Darauf aber folgen im September immer einige Negeütage. Alsbald sproßt allenthalben frisches Grün hervor, und die noch kurz vorher ausgedörrte Campagna verwandelt sich in Zeit von einigen Wochen wieder in einen unabsehbaren, saftigen Naturpark, bei einer Temperatur von höchstens 23 bis 25°. Deßhalb ziehen auch heute noch, wie schon vor 2000 Jahren, Alt und Jung, Männlein und Weiblein vom römischen Arbeiterstaud an schönen Oktobertagen, vorzugsweise am Sonntag oder am Donnerstag, in's Freie hinaus zu den ländlichen Weinschänken, wo sie sich an Wein und Braten gütlich thun. In ordentlichen Familien wird das ganze Jahr lang von jedem Wochen- verdienste ein Theil in die «Sparbüchse gelegt, und wo diese nicht reicht, da muß schließlich das Pfandhaus helfen, damit die „Ottobruta," (das Oktoberfest) gefeiert werden kann. Da sieht man denn schon mitten im Vormittag die einzelnen Verwandt- und Freundschaftssippen unter Spiel und Gesang wegfahren aus den engen, dumpfigen Gassen des Trastevere und älterer Stadttheile, voran die weiblichen Mitglieder in einem geräumigen, zweispännigen Landauer, dessen Kutscher ebenso corrcct in schwarzem Leibrock mit weißer Halsbinde und Cylinderhnt gekleidet und dessen Pferde ebenso glänzend geschirrt sein müssen, wie wenn sie im Winter die reichsten Fremden zu, fahren haben. Aber wie viele Passagiere befördert heute ein solcher Wagen? In seinem wcitbauchigcn Innern quetschen sich Mütter und Tanten, stets fünf bis sechs, deren Gewicht schon allein hinreicht, die Dehnbarkeit der Wagen- I federn auf eine harte Probe zu stellen; denn so eine I römische Matrone ist in Wahrheit eine gewichtige Person. Von den jungen Mädchen klettern drei auf den Haupisitz hinter die Mütter und richten sich auf der zurückgeschlagenen Wagendecke zum Sitzen ein, während das vierte sich auf den Bock schwingt, um neben dem Kutscher Platz zu nehmen. Einige kleinere Kinder, die zwischen den älteren Personen eingezwängt stehen und von diesen ab und zu auf den Schoß genommen werden, vervollständigen die Ladung des Landauers. Das auf dem Bock sitzende Mädchen stimmt die Volkslieder an, welche seine Genossinnen mit ihren Tamburins begleiten und deren Schlußverse von der ganzen Gesellschaft mitgesungen werden. Ein ähnlicher Wagen oder auch ein gewöhnlich zu gewerblichen Verrichtungen verwendeter leichter Karren folgt eben so vollgepfropft mit dem männlichen Theil der Gesellschaft, der auch am Gesang theilnimmt. Früher bekam man bet dieser Gelegenheit auch die malerischen Volkstrachten beider Geschlechter zu sehen, die jedoch schon in den letzten Jahren der päpstlichen Regierung allmälig abnahmen und jetzt kaum noch hie und da zum Vorschein kommen. Die ver- heiratheten Frauen trugen Kleider von schwerer Seide oder Brokat in grellen Farben, die kaum drei- oder viermal im Jahr aus dem Kasten hervorgeholt wurden und bereits seit mehreren Generationen sich von Mutter auf Tochter vererbten, nachdem sie neu als Festgewändsr von Edeldamen in fürstlichen Prunksälcn geglänzt hatten. Ein am Halse durch zwei massive «Silberkrampen zusammengehaltenes Leibchen von schwarzem Sammt ließ vorne das braunseidene Mieder hervorschauen. Das reiche schwarze Haar war in der Mitte gescheitelt und in Flechten um die Ohrmuschel herum zum Hinterkopf geführt, wo es zu einer Art Körbchen gewunden, welches ein hoher, fein- durchbrochener Kamm nebst einer silbernen Rose mit zitternden Blättern überragte. Das Kleid reichte nur bis auf die Knöchel herab, den kurzen, aber kräftigen Fuß im weißen gestickten Linnenstrumpf mit kleinen Schnallenschuhen frei lassend. Den originellsten Theil der Toilette aber bildeten die Ohrgehänge, bestehend aus einer Anzahl dicker Goldbeeren mit Perlen, die bei jeder Kopfbewegung an einander klangen und, um recht ansehnlich zu sein, bis auf die Schultern herabhängen wußten. Diese Art Geschmeide findet man heute nur noch bei Altkrämern Schwere Goldketten, in acht bis zehn Gewinden vom Hals über die Brust herabreichend, und eine Unzahl dicker Goldringe, wodurch die Finger steif gehalten wurden, vervollständigten den Schmuck, der als heiliges Familicn- erbgut galt. Aehnlich wie die Frauen waren auch die Mädchen in grelle Farben, aber in einfachere Stoffe gekleidet. Keck auf dem linken Ohr trugen sie ein rundes Hütchen von schwarzem oder grauem Filz, das sie mit einer künstlichen Rose und mit kleinen, glänzenden Geschenken ihrer Liebhaber schmückten, worunter dann als Zeichen des Brautstandes das von einem Pfeil durchbohrte silberne Herz nie fehlen durfte. Die Männer und Jünglinge trugen enge Kniehosen mit Silberschnallen, buntgestreifte Strümpfe, scharlachrothe Weste, worunter eine bunte Seiden- schärpe mit laugen Fransen hervorlugte, und nachlässig über die linke Schulter hingeworfen ein Wams von schwarzem Sammt. Den Kopf bedeckte ein schwarzer, spitz zulaufender Filz mit breitem Rand. An dem bestimmten Vergnügnngsort angelangt, sorgt man zunächst für die Kräftigung des materiellen Menschen. Als Hauptgerichte des Festschmauses sind Maccaroui 662 und Lammbraten unentbehrlich; jedoch nimmt man auch gerne Schinken, Brathuhn und Salat obendrein, und dazu wird eine ansehnliche Menge Wein getrunken. Nach dem Mahle wird zum Tamburin getanzt, der reizende Sal- tarello, bei dem jedesmal ein Paar der ganzen Gesellschaft zum Schauspiel dient. Bet der Heimfahrt geht es laut her, ein Zeichen, daß der Schelm Bacchus mit dabei ist. -- Zwei Todte. Erzählung von Ch. Jlosa. (Nachdruck verbotrug Ich faß im Zwielichte in meinem Zimmer. Es war den Tag über sehr heiß gewesen. In der Hauptstraße hatte man nur Leute gesehen, welche schmachtend in drangvoller Enge auf der Pferdebahn zu den Bädern der Vorstadt fuhren. Selbst am Abende noch strahlte das Pflaster den Sonnenbrand aus trotz der angestrengten Arbeit der Straßensprcnger. Solch einen Septembertag wollte man noch nie erlebt haben. Und dabei schon die beginnende Melancholie des Herbstes im Garten vor meinem Hause, die Todesahnung bereits in Wald und Feld. Es schien fast, als sollte Heuer die Natur verzehrt werden von ihrem eigenen Lebensfeuer, von der inneren Gluth einer todes- frcudigen Energie, wie so manches ruhelose Mcnschenherz. Ich dachte unwillkürlich an meinen Freund Eid — das war einst sein „Kneipuame" in der Verbindung —, voller Befürchtungen durch die Zeitungsnachricht von einem neuen Araberaufstande, in dessen Bereiche die Missionsstation des Braven gelegen war. Es litt mich nicht länger zu Hause, und ich verließ meine Wohnung, um noch einen Spazicrgang im nahen Parke zu machen. Eine wunderbare Nacht war herniedergestiegen auf die Erde. Laue Luft und sternbesäeter Himmel, aus fernen Gürten Musikklünge, durch die dämmerige Wiesenmatte das silberne Band des Wassers, darüber ein zarter Nebelschleier, leises Schauern in den dunkeln Baumkronen und vom bleichen Mondlichte umflossen wie verzaubert in klassischer Ruhe ein antiker Tempel: ganz die Stimmung wie ein Nachtlied Eichendorffs. Während ich in Beschallung versunken stehen blieb, näherten sich auf einmal mir hinterrücks rasche Schritte, und mit den Worten: „Hab' ich Dich endlich!" klopfte mir mein Freund, der Nechtsanwalt, auf die Schulter. „Sie sind geschlagen auf der ganzen Linie," rief er fröhlich. „Die Araber?" entgegnete ich aufathmcud, noch unter dem Banne jener Zeitnngsmeldung. Er lachte hell auf. „Nein, bedauere, bloß meine Prozeßgcgner. Doch immerhin auch ein Triumph der Kultur und Intelligenz über Barbarei und Finsterniß!" Und scherzhaft in parodierendem Pathos schob er seine Rechte zwischen Brust und Rockkragen. — „Aber höre, da wollen wir nicht stehen bleiben. Ich habe Dich soeben auf Deiner „Bude" gesucht und bin nun eigens Dir nachgegangen. Mein Sieg muß selbstredend gefeiert werden und Du allein sollst dabei sein!" Er hatte mich damit bereits unter'm Arme gefaßt, wir kehrten um, und er begann nun in unversieglichem Redeströme mit einem gewissen Humor und einer leisen, burschikosen Ironie für die eigenen Schwächen nicht minder als für die des Nächsten den ganzen Kampf und Sieg seines Prozesses mir auseinanderzusetzen. Man konnte ihm nicht böse werden oder etwas ab» schlagen. Und ich finde es begreiflich, daß der Kreis seiner Klientel täglich wuchs, wie er mir mit freudiger Genugthuung erzählte. Er war ja für seinen Beruf wie geschaffen. Die Rednergabe ward bei ihm durch eine gewinnende Erscheinung unterstützt: eine stolze Figur, ein freundliches, offen blickendes Auge, ein wohlklingendes, deutliches Organ und eine gewisse edle Nachlässigkeit in Haltung und Bewegung. Es gab mal eine Zeit, da wollte mein Freund Künstler werden, wofür ihn sein gewählter Geschmack und freier Sinn auch berufen hätten. Wir hielten unentwegt in Ernst und Scherz gute Kameradschaft und freuten uns ebenmäßig, als ich nach längerem Aufenthalte im Auslande nach Z. zurückkehrte und wir wieder unserer alten Gewohnheit gemeinsamer Lektüre und gemeinsamer Kunstgenüsse leben durften. Allwöchentlich kamen wir Mittwoch Abends zu einer kleinen „Tafelrunde" zusammen, wir beide und noch fünf gleich- gesinnte Freunde, darunter zwei Künstler. Hatten er oder ich aber etwas Besonderes auf dem Herzen, so trieb es uns zu einander zur Aussprache, wie heute ihn zu mir. Wir waren auf unserer Umkehr längst im Innern der Stadt angelangt. An den Kaffeehäusern und Restaurants standen Thüren und Fenster offen, um das bischen Nachtkühle in die erhitzten Räume einziehen zu lassen. Sie schienen schwach besetzt, denn alles hatte sich in die Keller und Gürten geflüchtet. Vereinzelt aus den Fenstern oberer Stockwerke der Häuser vernahm man Klavierspiel. Nur wenige Leute begegneten uns. Hie und da tauchte im Dunkel eines Thores ein Schutzmann auf. In der Ferne rollten Pferdebahnwagen, bei den Haltestellen ertönten ihre Signalglocken. Einige Radfahrer huschten gespenstisch an uns vorüber, gerade als wir um eine Ecke bogen und vor den Nathhauskeller kamen, dessen farbige Laterne einen bunten Zauberkreis auf dem Trottoir schlang. Wir standen mitten in diesem Zirkel d'rin, da hielt mein Begleiter plötzlich an, und gravitätisch mit seinem Stocke um uns den leuchtenden Regenbogen nachbeschreibend, deklamirte er schalkhaft-geheimnißvoll: „Mir scheint es. daß er magisch leise Schlingen Zu künst'gem Band um unsere Füße zieht!" „Wie wär's da drunten mit einer vierhändigen Kumpanei, um meinen Sieg zu „begießen"? Komm'!" Und wir schritten auch schon die Steinstufen hinab. Die Doppelflügel der Thüre rumpelten ächzend hinter uns zusammen und unsere Tritte hallten auf dem Estriche. Der weite gewölbte Raum schien ziemlich leer, denn das Publikum, das ihm die charakteristische Physiognomie zu verleihen pflegt, kam erst später. Ein diskreter Zigaretten- geruch durchzog die etwas weinduftige Atmosphäre. Die Kellnerinnen standen oder saßen noch in Gruppen beisammen, gähnend oder in müßigem Geplauder. Einige Stammtische erst waren besetzt oder durch umgelehme Stühle belegt. An ein paar Tischen machten es sich kleine animirte Gesellschaften gemüthlich, die auch wie wir ein „Ereigniß" feiern wollten und die lebhaft aufsteigende Skala ihrer Festesfreude durch die Zahl der bereits überwunden auf dem Tische stehenden Flaschen drastisch veranschaulichten. Wir ließen uns in einer lauschigen Nische nieder, eine dienstfertige Kellnerin zündete uns den Lüster an, der Wirth begrüßte uns, mein Freund bestellte einen Jngelheimer, „als Minnetrank für Karl den Großen und Konzession an Deine Fakultät", wie er mich belehrte, und bald klangen unsere Gläser festlich zusammen zu Ehren des 663 „Sieges über die Barbarei". Mit gespitztem Munde in bedächtigem Schlurfe wie ein Epikureer sog mein Freund an seinem Glase und setzte es dann mit leichtem Schmatzen nieder. „Apropos" — sagte er leise, sich über den Tisch zu mir herüberbeugend und die Hände an dessen Kante spreizend — „aä vooam Barbarei: weißt Du's schon, der Rittmeister A. ist heute im Duell erschossen worden?" „Was?!" erwiderte ich bestürzt und faßte wie nach einem Halte nach den Händen meines Gegenüber. „Der alte Herr?! Und Frau und Tochter?" „Ja, ja. Es ist schauerlich. Du weißt also noch gar nichts? Ein Kollega, der bei dem sogenannten Ehrenhandel Sekundant gewesen ist und dem ich zuvor auf der Straße begegnet bin, hat mir alles erzählt. Er sagte mir auch, daß die kränkliche Gattin von dem heute früh im Morgengrauen stattgehabten Duell erst durch einen hinterlassenen Brief ihres Mannes erfahren habe und, als man ihr kurz darauf auch schon die Leiche des Gatten brachte, bei deren Anblicke von einem Herzschlage ereilt worhen sei, so daß sie im Verlaufe des Nachmittags ihrem Manne in die Ewigkeit bereits nachfolgte. Ist nun dieses entsetzliche Duell nicht eine Barbarei, eine unmenschliche? Eine Gewissenlosigkeit, eine vermessene, pflichtvergessene?" Seine Stimme war zuletzt ziemlich erregt geworden. Er leerte sein Glas auf einen Zug und stellte es auf den Tisch, daß es klirrte. Dann zündete er sich nervös eine Zigarette au, blies eine dichte Rauchwolke in den Gang hinein und lehnte sich zurück. Es entstand eine Pause. Wir sahen einander zerstreut an, jeder befangen von dem Eindrucke des Erzählten. „Aber wie ist denn alles soweit gekommen?" unterbrach ich zuerst das Schweigen. „So höre!" Und mit gedämpfter Stimme erzählte er mir kurz, wie der Rittmeister mit seiner Tochter in einem Gartenkonzerte gewesen sei, dort habe ein junger Amtsrichter das Fräulein auffällig fixirt, der Vater habe den Herrn zur Rede gestellt, man sei in Rede und Gegenrede immer heftiger geworden, zuletzt habe in der Hitze der alte Herr dem Gegner eine Ohrfeige angeboten und so weiter. „Schlußeffekt: Pistolenforderung, Tod des Beleidigten, Tod seiner Frau, die Tochter eine Waise! Und all das Entsetzliche, weil ein Beamter, der als Korpsstudent ein Provokateur und Mensurheld gewesen war, von den Dreistigkeiten und den fossilen Ehrbegriffen seiner Fuchsenzeit selbst als Diener der heiligen Justitia sich noch nicht hat freimachen können und immer noch das Beleidigen für edler hält als das Abbitten. Und weil ein Familienvater die Seinen des Ernährers berauben, die Gattin zur Wittwe und die Tochter zur Waise machen läßt, bloß weil er die „Schande" fürchtet, seine Uniform Mit dem bürgerlichen Rocke vertauschen zu müssen, wenn er die ewigen, natürlichen, sittlichen Pflichten höher stelle, als den vergänglichen, gekünstelten „Komment" seines Standes! — Es ist zu toll!" Seine Zigarette hatte er im Verlaufe seiner Rede so oft in Brand gesteckt, erkalten lassen, ihre Asche abgetupft, daß ein ganzer Stapel Schwedischer vor ihm lag und das weiße Tischtuch von den Flocken verkohlten Papiers und zerstobener Asche ganz berußt war. Er goß den Nest der Flasche schweigend in unsere Gläser, schien aber noch keine Lust zum Heimgänge zu verspüren, denn er zündete sich abermals eine Zigarette an, stand auf, holte sich vom benachbarten Tische eine Zeitung, die er schon im Gehen anfing zu lesen, fetzte sich und zog einen Stuhl herbei, um seitwärts sich bequem anlehnen zu können. Ich sah ihm stumm zu. Auf mich hatte die Duellgeschichte einen ergreifenden Eindruck gemacht. Die Erinnerung an Eid war dadurch von Neuem in mir aufgestiegen. (Schluß folgt.) -- Lohn einer edlen That. Es war im November des Jahres 1876. Ein entsetzlicher Orkan wüthete im Canal zwischen Frankreich und England, und deutlich bemerkte man an der Küste von Jersey die Nothsignale eines Fahrzeuges, das die tobenden, schaumgekrönten Wogen gegen die schrecklichen Pater Noster-Felsen trieben, ein Name, der an den letzten Angstschrei der Seele in der Stunde der Gefahr erinnert. Der Versuch, durch den rasenden Sturm hindurch den Unglücklichen Hilfe zu bringen, wäre Wahnsinn gewesen, ein fruchtloses Opfer des eigenen Lebens; und so sahen denn auch die Fischer, welche die Alarmzeichen der bedrängten Mannschaft aus ihrer Behausung gelockt, mit ohnmächtigem Schmerz und Grimm dem langsamen, verzweifelten Todeskampfe des Fahrzeuges gegen die Wucht der Elemente zu; schaurig tönte durch das Brausen des Sturmes das Hilfegeschrei der Strandenden, düster zuckte es über die wetterharten Gesichter der Fischer von Lecq. Endlich tritt einer von ihnen vor, er hat einen heroischen Entschluß gefaßt; es ist ein alter Mann, dessen Haare zwar weiß, dessen Muskeln aber von Stahl sind. Er läßt ein Rettungsboot ins Meer, um den gierigen Fluthen wenigstens eines oder das andere ihrer Opfer streitig zu machen. Und kann er sie nicht retten, so hat er es doch versucht, und sollte er mit untergehen, so befiehlt er Gott seine Seele. Aber allein kann er das Rettungswerk nicht unternehmen. Er ruft einen Freiwilligen auf, um es mit ihm zu theilen, jedoch es meldet sich keiner. Nicht, daß es den am Strande versammelten Männern an Muth fehlte, aber man brauchte mehr als Muth, man brauchte Heroismus, um diesen Kampf mit den entfesselten Elementen zu wagen; vor dem sicheren Tode, der ihrer wartet, weichen auch die Tapfersten zurück. Da löst sich aus den Reihen der Männer ein Jüngling, der Sohn eines Fischers und von Kindheit auf mit Wind und Wogen vertraut. Er trägt sich dem Alten als Gehilfen an, ehe er aber in das Boot springt, umschlingt er mit seinen Armen eine Frau in Trauerkleidung, die ihm zur Seite gestanden, und bittet mit fester Stimme: „Mutter, laß mich gehen!" Die-arme Frau war seit sechs Monaten Wittwe. Ihr Gatte, ein wackerer Fischer, war eines Morgens in's Meer hinausgefahren, um seine Netze auszuwerfen. Als er abfuhr, war die See ruhig und unbewegt wie ein Spiegel, aber plötzlich erhob sich der Sturm, und nächsten Tages fanden die Fischer die Trümmer seines in Stücke gegangenen Bootes. Von ihm entdeckte man keine Spur, nicht einmal den Leichnam spülte die See ans Land. Und von dieser unglücklichen Frau erbat sich der einzige Sohn in diesem Augenblicke die Erlaubniß, der Wuth des Meeres, das vor kurzem das Grab seines Vaters geworden, trotzen zu dürfen. Ihre von Thränen erstickte Stimme murmelte eine Weigerung; aber lauter 664 klangen die Hilferufe der untergehenden Mannschaft herüber, schneller folgten die Nothschüsse aufeinander. Sie dachte daran, daß dort auch Gatten, Vater, Söhne seien, die dem Tode ins Auge schauen mußten, und ihrem eigenen Schmerze Schweigen gebietend, drückte die helden- müthige Frau-ihren Sohn an sich und sagte: „Geh', Du mein Einziger, nnd sei gesegnet! Gott möge Dich heil und gesund in die Arme Deiner unglücklichen Mutter zurückführen!" Von den Wogen hin- und hergeschlendert, entfernte sich das Boot rasch vom Lande; wacker arbeiteten die braven Seeleute gegen den Sturm. Aber die arme Mutter sah es nicht mehr, sie war ohnmächtig am Strande zusammengebrochen, und mitleidige Nachbarn trugen sie in ihre Hütte. Bald hörte mau einen entsetzlichen Krach. Das stolze Fahrzeug war auf ein vom Wasser bedecktes Riff gefahren und barst entzwei. Man sah es in die Tiefe sinken, man sah noch eine Zeit lang die Unglücklichen, die an dem Tauwcrk über dem nassen Grabe hingen, dann unterschied man nur noch die Naaen, an denen sich einige Matrosen festgeklammert hatten, um dort den unvermeidlichen Tod zu erwarten. Nur das Brüllen des Sturmes, das Toben der Fluth dauerte fort. Nach und nach verloren sich die Fischer, die noch harrend und hoffend dagestanden. Retter und Schiffbrüchige schliefen ohne Zweifel in demselben weiten Grabe. Als der Tag heraufdämmerte, hatte der Sturm aufgehört, das Meer war wieder ruhig, und man sah das Rettungsboot mit den beiden hochherzigen Männern, die es geführt, in die kleine Bucht von Lccq einlaufen. Die ganze Nacht haben sie gegen die Strömung gekämpft, und es scheint wie ein Wunder, daß es ihnen gelungen ist, in der Dunkelheit die Klippen zu vermeiden. Sie haben ihre Pflicht gethan und den Lohn dafür gefunden, denn neben ihnen im Boote sitzen zwei Männer, die sie dem gewissen Tode entrissen haben. Warum aber zögert der junge Fischer, nachdem sie gelandet, nach der Hütteseiner Mutter zu eilen? Warum bebt er, der Tapferste der Tapferen, vor dem Wiedersehen, das ihn erwartet? Ihm zur Seite schreitet ein Fremder von hohem Wuchs, dessen Leben er dem zürnenden Meere abgerungen und dessen Augen dafür voll inniger Dankbarkeit auf dem Jüngling ruhen. Als sie den Damm erreicht hatten, kamen ihnen die Fischer entgegen, um ihren Kameraden herzlich die schwielige Hand zu drücken. Beim Anblicke des Fremden, des Geretteten, stutzen sie zuerst und drängen sich dann voll Staunen um ihn. Sie kennen ihn alle. „Aber wer," sagten sie, „soll ihr denn die Botschaft mittheilen? Man sagt, daß auch die Freude, wenn sie zu Plötzlich kommt, manchmal den Tod bringt." „Wer anders, als ihr Sohn?" sagte der Fischer, seine Hand auf des Jünglings Haupt legend. Noch ein paar Minuten, und der Sohn liegt am Herzen der Mutter. „Mutter," flüsterte er, als das erste stumme Entzücken vorüber war, — „ich will Dir nun erzählen, was sich heute Nacht zugetragen. Zwei der Schiffbrüchigen haben wir mit Gottes Hilfe gerettet, und der eine von ihnen — war ein Fischer von Lecq. Vor einigen Monaten hatte ihn der Sturm auf der See überrascht, fein Boot zerschellte an den Pater Noster-Felfen, aber er wurde gerettet. Ein vorüberfahrendes fremdes Schiff nahm ihn auf, und der Fischer mußte wider Willen mit demselben nach fernen Ländern fahren, fort von seinem Hause, seinem Weibe, seinem Kinde. Alle hielten ihn für todt, sein Weib und sein Sohn beweinten ihn. Als das Schiff in den Hafen eingelaufen war, schiffte man den Fischer aus; mit einem andern Fahrzeuge, auf dem er sich als Matrose verdingte, kehrte er in die Heimath zurück. Gestern kam er in England an, er war in der Nähe seines Hauses, in der Nähe der Seinigen, als wiederum ein furchtbarer Sturm ihn dem Untergänge nahe brachte. Aber Gott hat denselben gnädig abgewendet." Die Stimme des Jünglings war immer schwächer geworden, die Thränen liefen ihm über die Wangen herab, ängstlich blickte er auf die Mutter, die, vornübergebeugt, mit erblaßten Wangen und weitgeöffneten Augen ihm die Worte von den Lippen zu lesen schien. Er kniete vor ihr nieder und drückte krampfhaft ihre kalten Hände zwischen den seinen. „Geliebte Mutter," fuhr er fort, — „vernimm die ganze Wahrheit. Als Du mich in der letzten Nacht den Nothleidenden auf dem strandenden Schiffe zu Hilfe schicktest, ahntest Du nicht, daß Du mich aussandtest, um meinem theuren Vater das Leben zu retten." Ein Freudenschrei entfuhr den Lippen der Frau; sie sank vom Sitze herab und wurde von den Armen ihres Sohnes aufgefangen. Sie kniete neben ihm und erhob die gefalteten Hände mit glühendem, wortlosem Dankgebet gen Himmel. Draußen wurden Schritte laut, ihr Gatte erschien auf der Schwelle der Hütte, sie flog empor und umfaßte ihn mit ihren Armen, als wollte sie ihn nie mehr von sich lassen, und weinte in einem unaufhaltsamen Thränenstrom Schmerz und Freude zugleich an dem treuen, starken Herzen aus. Erst als der Sohn, dem sie das Glück dieser Wiedervereinigung verdankten, hinzutrat, versiegten ihre Thränen, um einem Lächeln freudigen Stolzes Platz zu machen über den wackeren jungen Fischer von Lecq. --8-WWS-- An den seligen Maria Alphons Aatisöonne. „vii'Upist! vlueula, moa: 1!bi saork« „üeado liostlLvi lauäis!" «Du hast »gelost meine Bande: Dir will ich opfern »des Dankes Opfer!" Pfalm 11ö. Das Licht, das jäh durchkreuzte Deine Fährte Und iür den Tand Dich dieser Welt geblendet, Das Israel zur Erleuchtung war gesendet, Es glänzt Dir ewig jetzt: die Unversehrte! Die Nacht, die früh die Seele mir beschwerte, Dein Wunder hat zum Tag sie einst gelichtet; Es bleibt mein Aug' auf diesen Stern gerichtet: Die Jungfrau, die durch Dich auch mich bekehrte! Dein armes Volk! Wie muß ich es beklagen: Die gleiche Härte zeigt es seinem Sohne Wie in des Jcremias Traucrtagen! Die wiederum mein Herz zum Glauben rührte, Maria schau' mit Dir ich einst zum Lohne, So hoff' ich, für des Priesterthumes Bürde! Tra unstetn, im Oktober 1894. H. Mas neu, Bst. -«HZWW*-