j«r rr ^L87. Areitag, den 26. October ve?v Kür die Redaction verantwortlich: Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L hilipp Frick in Augsburg, rabherr in Augsburg tVorbesttzer vr. Max Huttlcr), BernmarÄ von Httdesheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) Die Kaiserin hatte einen Wunsch auf dem Herzen, den die Prinzessin Sophia, welche zugegen war, theilte. Auch Theophano duldete, nicht, daß der Priester seinen Dank für die reichen Geschenke aussprach. Nasch leitete sie also ein: „Herr Bernward, Eurer Weisheit habe ich rückhaltlos die Erziehung und den Unterricht des jungen Kaisers anvertraut; und darum, mein viclgelehrter Herr, folge ich, das wißt Ihr, in allen Stücken, die Ottos Wohl und Wehe betreffen, Eurem Rathe. Heute handelt es sich um eine Freude, die ich meinem Sohne gewähren möchte. Von allen Seiten drängt man mich, den jungen Kaiser nach seinem Wunsche an den Jagden theilnehmen zu lassen, so für die kommenden Tage vorbereitet sind. Nicht am wenigsten bittet um die Gegenwart des kaiserlichen Bruders meine Tochter Sophia. Sie hat am edlen Waidwerk Freude und möchte selber mitreiten." Der Hofkaplan schaute eine Weile bedenklich vor sich hin. „Hohe Herrin, mir thut es leid, mich Euerm Wunsche widersetzen zu müssen," sprach er alsdann. „Es freut mich, wenn mein Otto auf dem Burghofe im Waffenhandwerk sich übt, doch weiß ich auch, daß er zu jung ist, um Genuß am Vergnügen der Männer zu finden; und ich weiß auch, daß solche Zerstreuung ein großes Hemmnis; wäre in seinen Studien, denen er mit Eifer sich hingibt. Darum laßt ihn ungestört unter meiner Obhut," also bat er flehentlich. „Otto möchte so gerne an der Jagd tlMnehmen," wendete die Kaiserin ein. Bernward neigte das Haupt? „Es ist gut und nothwendig für den zukünftigen Weltbeherrscher, daß ihm schon in der Jugend einige Hemmnisse entgegentreten. Das Leben hier auf Erden ist ein steter Kampf. Wer als Herrscher auf einem Throne sitzen soll, muß vor allen Dingen lernen, sich selbst zu überwinden." Theophano nickte unwillkürlich beistimmend. „Aber, Herr Bernward. wie soll Sophias Wunsch erfüllt werden?" so fragte sie alsdann bekümmert. Ehe der Hofkaplan etwelche Antwort bereit hatte, rief die erzürnte Prinzessin: „Schweigt nur. Ich weiß es, gestrenger Mann, Ihr haltet es für unschicklich, daß die Kaisers-Tochter und -Schwester sich an weltlichen Freuden erlustige, zumal da sie, wie Euch bekannt, in nächster Zeit der Welt Lebewohl sagen und ins Kloster eintreten soll." Ein seines Lächeln flog über des jungen Priesters Züge. „Da Ihr es also genau zu wissen scheint, Herrin Sophia, daß züchtige Jungfrauen sich still in ihrer Kemenate halten, und daß es bei denen nicht Sitte ist, mehr, als nöthig, sich öffentlich zu zeigen, so brauche ich darüber kein Wort zu verlieren. Freilich würde ich es für geziemender erachten, wenn Ihr zur Vorbereitung auf Euern künftigen heiligen Stand bemüht wäret, im geistlichen Leben voranzuschreiten, anstatt weltliche Zerstreuungen zu suchen." Die Prinzessin entgegnete heftig: „Soll es mir denn nicht gestattet sein, erlaubte weltliche Freuden zu genießen, weil ich mein Leben in klösterlicher Zurückgezogenheit beschließen will!" Bernward richtete sein seelenvolles Auge auf die Kaiserstochier. „Junge Herrin, Ihr wißt nicht, was Euch frommt," sagte er. „Seit einem halben Jahre ist es mir vergönnt, in Eurer Nähe zu leben, Euch täglich zusehen; inzwischen aber — ich fühle mich verpflichtet, es endlich auszu- sprechen — ist es mir auch klar geworden, daß Ihr mit Euerm hohen und ehrbegierigen Sinn besser auf einen Thron, als in die Dienstbarkeit des Ordenslebens taugt. O, folget meinem Rath, bleibt in der Welt! Für Euch ist das heilsamer. Bedenket wohl, daß Ihr als Ordensfrau allen Würden und Ehren, aller Anerkennung entsagen müßt, nichts besitzen dürft und in aller Unterwürfigkeit Euern geistlichen Obern dienen sollt. Welche Versuchungen, welche Unruhen würden Euch daraus erwachsen, wenn Ihr Demuth und vollkommenen Gehorsam gelobt hättet! In den Orden tritt man ein, um zu dienen, nicht um zu herrschen, und im Kloster kann Niemand bestehen, der nicht von ganzem Herzen sich demüthigen will. Ueberleget meine Mahnung wohl." Sophia war bald roth, bald bleich geworden, während der freimüthige Priester überzeugungsvoll zu ihr sprach. Jetzt entgegnete sie: „Wie könnt Ihr glauben, die deutsche Kaiserstochter werde lange in demüthiger Unterwerfung dienen müssen!" Sie warf den Kopf zurück. „Der Aebtissinnenstab ist 674 ist mir aufbewahrt. Ich werde gebieten freier, unumschränkter, als wenn ich eines Herrschers angetrautes Weib wäre." Bernward rief schmerzlich erregt: „Mit solchen Gesinnungen wollt Ihr in den Orden eintreten! Ich sage Euch, wer sich im Klosterleben nicht bestrebt, der Geringste und Dcmüthigste zu sein, wird sich und den anderen den Frieden nicht bewahren können." Heftig erwiderte die Prinzessin: „Da scheint Euere Schwester Judith andere Meinung zu hegen; denn nach kaum einem Jahre seit ihrem Eintritt in den Orden nahm sie die Würde einer Aebtissin zu Ningelheim an." 4 Bernward chrtgeguete erlistn „Nur Engern und nur mu Gehorsam gegen ihre Mllschwestern übernahm Judith Eas^ Amtj zu dem diese' sie gewählt "hatten." Er unterdrückte die Bemerkung, daß Judith ihrer heldenmüthigen Tugenden, ihres heiligmüßigen Lebenswandels halber so bald schon zu dieser Stelle auserkoren worden sei, denn er wollte die Aufgebrachte nicht erzürnen. In Sophias stolzes Herz aber hatte er einen Stachel gesenkt. Seine wohlgemeinte Warnung vergaß und vergab diese ihm nie und nimmer. V. Das Waffenspiel zu Quedlinburg. Es hält der Kaiser ein großes Turney, D'rum zogen die Ritter all' herbei, Wohlansgerüstet nach Nittcrbrauch Mit Lanzen und blanken Schwertern auch. Griebel. Glückliche Tage für Bernward brachte das schöne Ostei fest zu Quedlinburg. Da konnte er endlich, wie er es längst ersehnt, mit seinem heimgekehrten Bruder Tammo plaudern, da empfing ihn mit herzlicher Liebe sein Oheim, der Bischof Volkmar von Utrecht, da begrüßte ihn der kluge Bischof Osdag von Htldesheim; sein getreuer Freund, Graf Altman von Olesburg, trat ihm entgegen, sein junger Mitschüler von der Hildesheimer Domschule, Heinrich von Bayern, war beglückt, ihn wiederzufinden. Der junge Hofkaplan und kaiserliche Lehrmeister hätte sich vervielfältigen müssen, um allen genügen zu können, die Ansprüche an ihn erhoben. Die Großen des Reiches suchten den gelehrten, den arbeitsfreudigen Erzieher des Kaisers kennen zu lernen. Diesen bescheidenen Priester zierten ja die edelsten Gaben — Heiligkeit und Wissenschaft — welche Hochachtung und Bewunderung herausforderten. Am ersten Tage nach dem Osterfeste wurde draußen auf dem weiten Wiesenplan ein großes Kampfspiel gehalten, wobei die Blüthe der Ritterschaft Proben ihrer Kraft und Wafsengewandtheit ablegen sollte. Die mit bunten Teppichen geschmückten Tribünen belebten sich mit erlesenen Zuschauern der vornehmsten Stände. Unter dem Purpur-Baldachin nahm Bernward neben seinem kaiserlichen Zögling Platz. Sein kunstsinniges, für alles Schöne empfängliches Auge schweifte heute über das weite glänzende Rundbild. Gerade gegenüber erhob sich der goldbefranste Altan der Kaiserin. Die schöne Frau saß in der Mitte ihrer Töchter und war umringt von einem Kranze edler Hofdamen. Ein heiteres, ein farbenprächtiges Bild. Prinzessin Sophia hatte das Ehrenamt übernommen, die Sieger mit dem Preise zu krönen. Die Kaiserstochter sah entzückend aus in ihrem silberglitzernden, blaßrosigen Gewände, das schwarze Lockenhaar mit thau- flimmernden Heckcnröschen geschmückt. Doch ebenso wohlgefällig als auf ihr hafteten die Blicke mancher Ritter auf der blonden Hofdame, welche nicht weit von ihr saß. Hildeswitha in einem zarten Gewände von wasserblauem silberdurchwirktem Stoff, das rings mit Schneeglöckchen geziert war, sah selber aus wie ein lieblich frisches Schneeglöckchen. Die Herren, so in der Nähe des Wendenprinzen saßen, glaubten wohl nicht mit Unrecht, daß dessen Blicke nach dem Frauen-Altan, sowie dessen Bewunderung ausdrückende Flüsterworte: „O, wie ist sie holdselig!" der anmuthsvollen Hildeswitha galten. , Eine kleine Bewegung ^ ging ljurch die Reihen der jungen Edeldamen, ^als ein schlanker Page sich geschmeidig hindurchwand und dem Hoffrüuletn Hildeswitha von Olcs- burg mit leisen Flüsterworten einen Strauß herrlicher Rosen überreichte. „Rosen im Ostermonat! Der Spender muß ein reicher Fürst sein," äußerte die Griechin Helena bewundernd. „Soll ich Euch den Geber verrathen?" fragte lächelnd eine blonde Schöne. „Sprich, Gisela. Geschwind sag' uns, wer ist er?" klang es auffordernd von allen Seiten. Die also Bestürmte erzählte leise: „Draußen vor den Schranken sah ich jenen Edelknaben in vertraulicher Zwiesprache mit dem Sohne des Wendenkönigs, der drüben sitzt und unverwandt herüber- schaut. Er wird dem Pagen den Auftrag zu der Huldigung gegeben haben. Seht, wie seine schwarzen Augen blitzen. Ihm wäre es auch lieber, sich dort unten auf feurigem Streitroß zu tummeln, als betrübt den Zuschauer zu spielen." „Nun, allzu betrübt schaut er nicht drein," lachte Helena. „Warum sollte er das auch," entgegnete die Andere. „Seine Gefangenschaft wird ihm zum ersten nicht gar so schwer gemacht und wird zweitens auch nicht von beträchtlicher Dauer sein. Der reiche und mächtige König Mistut mag schon bald das Lösegeld für den Sohn aufbringen und mit der Einsendung nicht zögern." Helena meinte lächelnd: „Da wird unsere Herrin Theophano am Ende wohl gar genöthigt sein, neben der Geisel eine ihrer Hofdamen freizugeben. Doch seht, wie sie auf dem Wahlplatze gegeneinander rennen. Hört, wie die Rüstungen dröhnen, die Schilde klirren von gewaltigen Streichen! Das Spiel wird ernst, es erfordert unsere ungetheilte Aufmerksamkeit. Schaut, keiner der Helden ist sieghafter, als Tammo von Sommerschenburg!" Den Edelfräulein ringsumher mochte wohl dasselbe dünken, denn keine äußerte andere Meinung. Mit größerem Antheil noch, als von der Frauen- Altane, wurden von deS Kaisers Tribüne aus die Wechselfälle des Kampsspiels verfolgt. Voll freudiger Spannung beobachtete Bernward, mit welcher Geschicklichkeit der junge Heinrich von Bayern schon die Waffen handhabte, sah er, wie Freund Altman von Olesburg sich mächtig auszeichnete, gewahrte er mit Hochgefühl, wie sein Bruder Tammo, ohne selber ein einziges Mal zu wanken oder den Speer fehlzustoßen, alle, die ihm nahten, in den Sand warf und gar manchem die Waffen nahm. 675 Nun hatte Tammo dem Letzten die Lanze zerbrochen und blieb von allen Rittern, so zuerst auf dem Kampfplatz erschienen, als einzig Unüberwindlicher, als Held aller Helden auf der Wahlstatt zurück. Pauken und Trompeten feierten den Ruhm des Siegers. Graf Hoiko, des jungen Kaisers Waffenmeister, verkündete, daß er als Kampfrichter dem edlen Grasen Tammo von Sommerschenburg den Preis der Tapferkeit zuerkenne. Otto erhob sich von seinem Throne und rief: „Sophia, meine Schwester, schmücke den Helm des Siegers mit dem goldenen Lorbeer!" Endloser Jubel folgte der kaiserlichen Entscheidung. Unter dem Beifall der Menge tummelte der Sieger seinen feurigen Renner und zwang ihn zu langsamem Schritt, während er mit zum Gruß gesenktem Speer dem Frauen-Altan sich näherte. Der Kranzspenderin dunkle Augen flammten dem Helden begeistert entgegen. Tief neigte der sein Haupt vor der Kaisertochter. Erröthend bog Sophia sich vor und legte mit zarter Hand den goldenen Lorbeerkranz um den Helm des Siegers. Er dankte mit stummer ehrerbietiger Verneigung. Trompetengeschmetter und jauchzendes Rufen: „Heil dem Helden!" begrüßte den Gekrönten. Der begann nun der Sitte gemäß einen Ruudritt um die Schranken. Da fiel sein Blick auf die holde Hildeswitha. Er stutzte, zügelte sein Roß und wandte sich ihr zu. Beider Augensterne tauchten bewundernd ineinander. „Seid mir gegrüßt, edle Jungfrau Hildeswitha, Schwester meines Freundes und Freundin meiner Schwester! In Gandersheim sah ich Euch zuletzt als sonnig holdes Kind, an Euerm Goldhaar erkenne ich Euch wieder," also sprach er. Hingerissen von ihrer Lieblichkeit beugte er sich vor und flüsterte: „O gebt mir den schönsten Siegespreis, schenkt mir eine Rose aus Euerer Hand." Verwirrt und mit Purpurgluth übergössen bot die holde Maid dem Helden die schönste Rose ihres Straußes dar und wußte selber kaum, daß sie es that. „Die minnige Rose gilt mir höher, als der stolze Lorbeer," also sprach er beglückt und steckte die Rose als Helmzier über den Lorbeerkranz. So geschmückt ritt er unter lautem Beifallrufen langsam um den weiten Turnierplan. Die Sachsenherren alle freuten sich über die Auszeichnung, welche der Held des Tages einer Tochter des Landes hatte zu Theil werden lassen. Bernward aber wiegte leise das Haupt. „Welche Unbesonnenheit!" sprach er bei sich. Gegenüber sah er die Kaisertochter tief erblaßt mit funkelnden Augen und festgeschlossenen Lippen, ein Bild beleidigter Hoheit. Sie preßte die Rechte auf's Herz. Die Huldigung, so Tammo, der von ihr Gekrönte, dem untergebenen Edelfräulein zugewendet hatte, mußte der Stolzen eine Niederlage, ja eine Verspottung dünken. Eine solche Geringschätzung hatte man der eiteln Prinzessin Sophia noch nicht geboten. So waren die Waffenspiele zu Ende. Mit gemischten Gefühlen verließen alle den Schauplatz. Die Männer ruhten bei festlichem Gelage von den Kämpfen aus und feierten beim Becherklang fröhlich und einträchtig den Sieger. Die Frauen zogen sich derweil in die Kemenate zurück, allwo köstliche Erfrischungen ihrer harrten. Hier- selbst besprachen deren flinke Zünglein lebhafter und erregter, als die. Männer beim Trinkgelage das thaten, die Ereignisse des Tages. Eine der Hofdamen fehlte. Das war Hildeswitha. Die Kaiserin hatte der Jungfrau ein Stelldichein mit dem von Hildesheim gekommenen Bruder zugesichert. Die Maid hatte den Grafen Altman während der Feiertage nur aus der Ferne gesehen. An der Südseite der Kaiserpfalz auf einem Felsen- vorsprunge lag ein gar lieblich moosbewachsen Plätzlein. Das war von Epheu und Immergrün.umrankt, so^daß es auch jetzt im Vorfrühling schon so grün ausschaute, wie mitten im-Sommer. Darüber lächelte der blauU Himmel mit seinem Strahlenauge, der Sonne. Wie weit schweifte hier der Blick über zartgrüne Fluren bis zu den hoch und höher thürmenden dunklen Felsen und Wäldern des Harzgebirges. Eine Moosbank in epheu- umschatteter Grotte lud zum Niedersitzen und stillen Genießen von Gottes freier Welt verführerisch ein. Zu diesem Felsengärtlein hatte die Herrin Theophano den Schlüssel in Hildeswithas Hand gelegt. Die Jungfrau ließ sich auf die Moosbank nieder und erwartete dort träumend, von lieblichen Bildern um- gaukclt, den Bruder. Da nahten schnelle Männertritte. Das Burgpförtlein flog auf, und — der kecke Wendenprinz stand strahlend vor Hildeswitha. „Welch ein Ueberfall!" rief sie erschrocken und sprang empor. Der schwarzäugige Prinz aber nahm eine so demüthig zerknirschte Haltung, so beweglich bittende Miene an, daß die Zürnende fast lächeln mußte. „Ein Unstern führt Euch hierher," grollte sie dennoch. „Kein Unstern, sondern ein treuer Page, der mir auch verrieth, daß ich Euch hier finden würde, geleitete mich," versicherte Slavomir. Er trat näher und schaute mit gluthvoller Begeisterung in ihre Augen. „O Hildeswitha, der Waldvogel zieht ja willenlos der Sonne nach und verläßt die Heimath, um ihr zu folgen. Winter ist es dort für mich, wo ich Eueren Anblick entbehre. Die Zeit dünkt mir eine Ewigkeit, seit ich Euch zum ersten und zum letzten Male in Hildesheim sah. Glaubt Ihr, daß ich mich selber freiwillig als Geisel gestellt, daß ich nicht einen meiner jüngern Brüder oder die Edelsten meines Stammes gesandt hätte, wenn nicht die Sehnsucht mich an den deutschen Kaiserhof gezogen? Durch Kundschafter kannte ich ja Euer» Aufenthalt. Edle Jungfrau, da habt Ihr mein Bekenntniß." „In Mondesfrist löst mein Vater mich aus, und ein freier Königssohn wirbt um Eure Hand. O, vertrauet dem Manne, der Euch schützen wird, wie ein schwer errungenes Kleinod, der jede Frcudenblume des Lebens für Euch suchen, der seinen Thron mit Euch theilen wird. Entziehet mir den Blick nicht und leset aus meinem Auge Wahrheit und Liebe, daß Ihr erkennt, wie ich es meine." Die Jungfrau, tief erbleicht, fassungslos ob der stürmischen Werbung, die sie nicht ohne Bewegung anhörte, trat zurück und stammelte leise, wie bittend: „Ich kann nicht. Prinz Slavomir, ich kann nicht 676 Euer Weib werden. Seid mir nicht böse. Ihr findet eine Jungfrau Eures Stammes als Königin." Der Prinz taumelte. Sein einzig Wort war: „Verschmäht l — Wie soll ich daS ertragen?" Ernst und bleich wandte er sich zum Gehen. In der Pforte trat ihm Altman entgegen. Der stutzte. Slavomir ging mit stummem Gruß an ihm vorüber. Ein strenger Blick des jungen Grafen traf die wie schuldbewußt dastehende Maid. „Was ist das, meine Schwester?" fragte er gemessen. Da flog sie an seine Brust, schmiegte ihr Haupt weinend an seine Schulter und flüsterte: „O, Du Lieber, zürne mir nicht. Er drang hier ein ohne meine Zustimmung, und, mein Bruder" — sie stockte — „er warb um mich." Der Graf, rasch besänftigt, strich liebevoll über ihr Goldhaar. „Du wiesest ihn ab?" Sie nickte. „Kind, Du verschmähtest eine Königskrone," sprach er gewichtig. Sie schaute in die Ferne. Dem Sonnenschein gleich flog es über ihre Züge, während sie sprach: „Was ist weltliche Herrschaft und Größe gegenüber dem stillen Glück im friedlichen Daheim!" Bewegt blickte er auf sie nieder. „Schwestcrlein, Du warst in Deinem Recht, Dich ihm zu versagen, wenn Du ihn nicht liebst. Und ich gestehe, ungern hätte ich Dich als die Gattin eines uns feindlichen Königssohns in die Fremde entlassen." „So zürnst Du nicht, daß ich hier bleibe?" „Nein, wie dürfte ich!" Er nahm ihre Hand und zog Hildcswitha neben sich auf die Ruhebank. „Eines losse mich fragen: Wie lange willst Du noch zögern, Dich Zu vermählen? Ist kein Bewerber Dir werth genug?" Da lächelte sie fast schalkhaft. „Bis heute nicht, mein Altman." „Und ich glaubte einst, der fremde Köuigssohn sei Dir nicht gleichgiltig," sagte er nachdenklich. Sie schüttelte den Kopf. „Ach, Altman, ein Kind ist jedem freundlich gesinnt, der ihm Güte erweist. Was wußte ich dazumal von Liebe!" Er schaute ihr tief und eindringlich in's Auge. „Und heute, Hildcswitha, heute kennst Du dieses beherrschende Gefühl? Heute ist Dein Herz gefesselt an einen Anderen?" Sie erglühte schämig und gab ausweichende Antwort: „Ehe der Winter in's Land kommt, nimmt meine Prinzessin Sophia zu Gandersheim den Schleier. Ich habe gelobt, in Treue bei ihr zu bleiben, bis sie der Welt entsagt, und darf anderen Gedanken keinen Raum geben. Wenn die Blätter fallen, kehre ich frei nach Hildesheim zur Mutter zurück. O Altman, erzähle mir von der Guten." Das that der Graf gerne. Er berichtete, wie glücklich die Mutter sich im Burghause zu Hildesheim in der Nähe des Domes fühle, und wie sie nicht zu bewegen sei, nach der einsamen Olesburg Zurückzukehren. Wie er selber daher beständig auf der Wanderschaft sei von der Stammburg nach dem Stadthause und von dort zurück nach der Olesburg. Er erzählte von seiner Ueber- wachnng des Landfriedens, von der Hegung des Gerichts, und in diesem ruhigen Gespräche, das sich zwischen beiden entsponnen, vergaß er zu der Jungfrau nicht geringen Freude alle weiteren unliebsamen Fragen. (Fortsetzung folgt.) ---SSWSS-- Bilder auS Steierinark, Körnten und dem Küstenlande Kram. Von C. Mayer. — - (Nachdruck vrrdolen.! I. Von Salzburg nach Klagenfurt und Villach. Stciermark, Körnten und das Küstenland Krain sollte für den diesjährigen Urlaub die Losung werden. Unsere Zeit war sehr bemessen; ein großer Theil des Urlaubs wurde der nothwendigen Nutze halber nach angestrengter Berufsthätigkeit gemeinsam mit der Familie in einem uns seit Jahren liebgewordenen oberbaherischen Gebirgsdörfchen zugebracht, und wir mußten uns deßhalb darauf beschränken, nur einige besondere Punkte für mehr eingehende Besuche auszuwählen. In Salzburg, der reizenden alten Bischofsstadt, die stets fesselt, ließen wir uns ein entsprechendes Rundreisebillet zusammenstellen, das, von dem betreffenden österreichischen Beamten entworfen, sehr zu unserer Zufriedenheit ausfiel; nur hat er. wahrscheinlich um uns auf k. k. Bahnlinien zu halten, die prachtvolle Partie vom obern Kanalthale nach Görz, zu unserm Bedauern, nicht eingeslochten, da sie eine italienische Bahnstrecke benöthigte. Die Tour Salzburg—Bischofshosen—Selzthal ist wohl hinlänglich bekannt, und kann deren Beschreibung umgangen werden; dagegen dürfte jene zwischen Selzthal und Klagenfurt einiger Streiflichter werth sein. Dieselbe geht zunächst durch das Palten-, das Licsing- und das Murihal, welch letzteres nördlich von den Seckauer-Alpen mit dem Zinken und Reichert, südlich von dem Glein- und Seethaler Alpcnzug umschlossen ist Unweit der Station Schanerfeld tritt sie in das Flußgebiet der Drau, in welchem sie die Thäler der Olsa, der Mcttnitz, der Gurk und der Glan berührt. Das Ganze ist eine sehr interessante Fahrt; fast jede Station lohnt die Besichtigung; entweder sieht man hübsch gelegene Orte mit alten Kirchen, großen Gewerkschaften, oder Klöstern, oder auch schöne Vergformationen mit lieblichen Seitenthälern; hauptsächlich aber fesselt die Scenerie durch die wcchsel- reichen Bauwerke, die monumentalen Denksteine aus alter und neuer Zeit. Es ist dies die Gegend der Schlösser und Burgen; fast jeder hervorragende Bcrgkcgel ist mit einer hübschen Ruine, einem Herren-Schloß, grün um- rankter Villa oder freundlicher Kirche geziert. Besonders hervorragende Punkte sind: auf der Höhe gegen die Wasserscheide der Drau, oberhalb der Station Scheifling, ein ausnehmend schöner Blick in die Thäler von Ober- und Niederwölz mit Burgen, die malerisch dem Grün der Gehänge entsteigen, sowie in die Thalmünbung gegen Murau auf die Dörfer und Kirchen von Lind, Scheifling, St. Lorenzen, den reizenden Calvarieuberg, das vier- thürmige Schloß Schrattenberg, und bald darauf, nach Uebcrsteigung der Wasserscheide von Mur und Drau bei Station St. Lamprecht, hastet das Auge aus der hochgelegenen Kirche Mariahof und Schloß Forchtenstein mit dem Hintergrund der ganzen Seethaler Alvenkette. Die Fahrt abwärts führt durch das enge, romantische Olsathal; beim Austritt aus der pittoresken Felsenschlucht die Burg Neudeck, welche die Thalrundung von Station und Bad Einöde beherrscht, im Schutze der mächtigen Ruinen von Dürnstein, der alten Grenzwacht zwischen Steiermark und Kärnten. Die Bahn tritt nun hart an die Mcttmtz, und ein prachtvolles Landschaftsbild entrollt sich dem entzückten Auge: Friesach, die alte, mit Mauern und Gräben umzogene Stadt, trägt das Gepräge hoher Romantik; in reizvoller Gruppirung umstehen sie die Burgminen Geyersberg, Petersberg und Rothenthurm nebst der verfallenen Propstei Virgilienberg. Am Einflüsse der Mettnitz in die Gurk liegt Zwischen- wässern mit dem ansehnlichen, im Viereck erbauten Schlosse Pöckstein, der Sommerresidcnz des Fürstbischofs von Gurk, dessen Lage durch malerisch gruppirte Ruinen von drei Burgen verschönert wird. Bei Station Launsdorf verläßt die Bahn die Gurk, um bei Station Glandorf an die Glan zu treten. In Mitte dieser beiden Flußgebiete ist die Perle der an Schlössern und Burgen reichen Gegend — Hochosterwitz, die stolze Beste, die auf einem freistehenden, von einem Mauergürtel spiralförmig umwundenen, grün umwobenen Felskegel von 150 Meter Höhe thront und weithin die Gegend beherrscht — ein fesselndes Bild, welches sich von seinem Hintergründe, dem waldigen, mit einer Kirche gekrönten Magdalenenberge, farbenreich abhebt. Station Glandorf ist der Knotenpunkt zweier sich abzweigenden Bahnlinien; während die eine über St. Veit sich dem Ossiacher See und Villach zuwendet, führt uns die andere über das historische Zollfeld mit dem Herzogsstuhl, an Schloß Tanzcnberg vorbei, nach Maria-Saal mit hohem, doppclthürmigcm Dome, an dessen Außenseite viele Nömersteine angebracht sind, und mit Blick über eine hohe, schlanke Thurmruine auf die hochgelegene alte Kirche Maria am Saalberg. Nach Ueberschreitung des Glanflusses befinden wir uns in KärntenS Hauptstadt, in Klagen fürt. Dieselbe wurde nun alsogleich besichtigt. Wir durchkreuzen eine Menge meist geradliniger Straßen, welche die weiten, von nicht sehr hohen Häusern umgebenen Plätze verbinden, besehen uns die Kathedrale, die alte Pfarrkirche St. Egidicn, das von zwei Thürmen überragte StändchauS, den Hauptplatz mit dem Lindwurm- brunnen, — ein Herkules den Drachen erschlagend, — der Maria Theresia-Statue und einer Marien-Säulr, — den Fischmarkt mit alter Bronzefigur und noch mehrere hervorragende Bauwerke; allein, war es die heiße Mittagssonne, war es, weil die vielen Bildungs-Anstalten der Ferien halber geschlossen waren, ich empfand den Eindruck von Langweile, sehr wahrscheinlich gesteigert durch das Gcsühl eines zügellosen Appetites, der sich in einer Weise geltend machte, daß mir die schönsten Kunstbauten und Kunstwerke der Welt nebensächlich gewesen wären; es war 2 Uhr nachmittags, und außer einem Delicatesse-B'ödchen, dem eisernen Bestand des Ruck- sacks entnommen, hatten wir seit 4 Uhr früh noch nichts im Magen, der ob seiner Vernachlässigung bedenklich knurrte. Im ersten besten Gasthofe wurde eingefallen. Ein schöner, grün umrcmkter Glaspavillon empfing uns mit einer Menge fein gedeckter, aber — leerer Tische, zwischen welchen Kellner ordnend hin- und Herschlichen. — Nein! das war unsere Sache nicht; eine Neige vom längst angesteckten Faß schwebte als Gespenst unserm guten Durst entgegen; in einem zweiten Gastlocale erschien es uns nicht besser; da, bei einer Straßenbiegung, sahen wir einen Wächter der Sicherheit, sanft geröthet, unter einem Thorbogen lehnen, — ein Sohn des Mars stolzirte schmunzelnd und selbstbewußt heraus, gefolgt von ein paar Heben in weißer Schürze, den inhaltsvollen Steinkrug schaumüberfließend in der Rechten, — darüber ein Schild „Zum Schwaben". Ei, wie heimathlich das klingt; kein Zweifel, Schicksalsfügung wies uns hieher. Sehr primitiv zwar; eine Ecke des weiten Hofes, von dunklen Kastanien überschattet, war der Wirthschaft als Biergartcn überlassen; das ist wohl auch heimathlich; denn ob unterm Nußbaum oder Kastauiculaubdach wir campiren, das ist eins. Eine freundlich flinke Hebe stach schnell ein frisches Faß trefflich mundenden Gösener Bieres an, eine tellergroße, dicke Cotelette war bald duftend zur Stelle, und der Mensch begann wieder fröhlich zu werden und Interesse an der Außenwelt zu nehmen. Zur Unterhaltung dienten im Haupthofraum aufgestellte Militär- pferde, welche der Revue durch den diensthabenden Osfi- cier harrten. Welch leichte ungarische Nace, fein gefesselt und nervig gebaut, die intelligenten Köpfe auf dem schlanken Hals zwanglos wiegend, und die hübschen geschmeidigen Gestalten der Pscrde-Wärter, die freundlich manches Interessante über Militärwesen und Pferdehaltung zu erzählen wußten! Doch, wir hatten uns fast zu gütlich gethan; schleunigst wurde der Rückzug zum ziemlich weit entfernten Bahnhof angetreten, um die Bahnstrecke bis Villach noch vor beginnender Dunkelheit zurücklegen zu können. Im Südosten von Klagenfurt zieht sich eine weite Ebene hin, die südlich von einem Mittelgebirge, der grünen Sattnitz, überragt wird; über demselben erblicken wir zum ersten Male die formenreichen Felsenkämme der Karawanken. Westlich begrenzt der Kreuzberg mit den Franz Joseph-Anlagen die Stadt; an seinem Fuße verbindet der Lendkanal dieselbe mit dem lieblichen, hellblauen, langgestreckten Wörihcr See. Die Bahn, den Kanal überbrückend, zieht sich am nördlichen Ufer des See's hin und befördert den regen Verkehr der vielbesuchten, angenehmen Sommerfrisch- und Badeorte, wie Krumpcndorf, Pritschnitz, Leonstein rc., die ihrerseits wieder durch einen Kranz schöner, parkmnschatteter Villen verbunden sind. Am südlichen Ufer bespült das lichte Gewässer einen schmalen, in den See als Landzunge vorspringenden Fellen, auf welchem dunkel beschattet die 1000 Jahre alte, wohlerhaltene Wallfahrtskirche Maria- Werd dem See den Namen gibt. Durch einfaches Hügelland tritt die Bahn au die Drau, welche als mächtiger Fluß an einer Stelle eine so intensive Biegung macht, daß die beiden Brücken, die sie überschreiten und mittelst eines Dammes zusammenhängen. als einziger colossal langer Brückenbau erscheinen. Wir hatten dort eine unheimliche Fahrt: langsam glitt der Zug von Pfeiler zu Pfeiler, indeß unter der Brücke auf Balkcngcrüstcn Ncparaturarbeiten vorgenommen wurden ; erleichtert athmete die ganze Reisegesellschaft aus, als die Locomotive den letzten Bogcnpfeiler ohne Unfall Pas- sirt hatte und mit gewöhnlicher Fahrgeschwindigkeit in Station Sccbach einfuhr. Hier erhebt sich an der Mündung des Ossiacher Thales die Burgruine Landskron, großartig in ihrem Umfang und Aufbau. Das Ganze — der burggckrönte Berg, das stürmische, breite Wasser, die niedriger gelegene, kleinere Burg Wernberg — war ein sehr schönes Landschaftsbild. Bald darauf kamen wir im Thal der Dran nach Villach, mit seiner vielgepriesenen herrlichen Lage, dem Knotenpunkt von zwei Hauptbahnen Oesterreichs und dem Endziel unserer heutigen Fahrt. II. Villach, Tarvis und Umgebung. Vom Bahnhöfe Villach aus überschreitet man die Draubrücke und gelangt an den Gcwerbefleiß und Handel verrathenden Hauptplatz, welchen die Pfarrkirche mit ihrem hohen, gothischen Thurm und schlanken Spitzbogensenstern malerisch abschließt. Aus alter Anhänglichkeit logirten wir uns im Gasthofe zur Post ein, ein altes Gebäude, das, besonders von dem theilweise zum freundlichen Wirth- schaftsgarten umgewandelten Hofe aus betrachtet, architektonisch interessant ist; mit seinen gewölbten Corridorcn und Gallerten, von doppelten, grün umrankten und durch Säulen verzierten Nundbogcnscnstern erhellt, macht es einen italienischen Eindruck und erinnert gleich manchen Häusern daran, daß Villach in alter Zeit seine Entstehung und seinen Aufschwung dem regen Verkehr mit Italien verdankt. Ein Abendspazicrgang belehrte uns, daß die Neuzeit — hauptsächlich vertreten durch das neue Realgymnasium, vor welchem die Statue des einheimischen Bildhauers Hans Gsesser steht, und durch ein großes, den modernen Anforderungen entsprechendes Hotel — hinter der alten Zeit nicht zurückbleiben will; auf der Draubrücke genießt man einen schönen Blick über das weite, fruchtbare, vom Silberband des Flusses durchströmte Land und auf den mächtigen Dobratsch, den Nigi Kärntens, sowie die vielgestaltige Kette der Kara- wanken. Wer nicht lange in Villach sich aufhält, sollte die Partie an den Faakersee nicht versäumen. Auf dem Wege dahin traten wir in die Hl. Kreuzkirche, einen Kuppelbau in italienischem Stile; in der kleinen, reich in Nococo ausgestatteten Nebenkapelle ist die Geschichte von deren Entstehung in Freskobildern mit erlärrkerndem Text an den Wänden abzulesen. Es war Sonntag, die Küche gedrängt voll Landleuten, unter denen besonders die hübschen Gailthalerinnen in ihrer eigenthümlichen Tracht auffielen. Die schlanke Taille wird vom blumigen Leibchen umschlossen, über welches sich ein feingesälteltes oder spitzenbesetztes weißes Brusttuch legt; die weiten Hemdärmel, ebenfalls mit Fältchenbesatz, reichen bis an's Handgelenk; das ovale frische Gesicht umhüllt ein eigenartig umgeschlungencs buntes Seidcntuch; doch entstellend wirkt die Tracht durch die sonderbare Fußbekleidung. Der sehr kurze dunkle Faltenrock, mit grellem Besatz und Heller Schürze überbunden, läßt die Wade bis an's Knie frei; dieselbe steckt nun in einer dicken, weißwollenen Gamasche und sitzt säulenartig auf dem kleinen Vorfnß auf, der in einem mit Goldfransen besetzten zierlichen Schuh steckt. In dem eine Stunde entfernten Dorfe Proschkowitz bietet die einfache, auf einer Anhöhe gelegene Restauration mit ihren hölzernen, vom Laubdach der alten Bäume beschatteten Bänken kühlende Ruhe und den schönsten Ueber- blick über den zu Füßen liegenden lieblichen See mit seiner pittoresken Umrahmung, aus welcher als herrlichste Staffage die hohe Pyramide des Mittagskofel den Mittelpunkt des reizenden Bildes einnimmt. An der südlichen, Wechselreichen Bergkette blinkt ein hochgelegenes Kirch- thürmchen; unter demselben erhebt sich die graue Ruine Finkenstein, träumerisch vom Sonneuduft umwoben; in der Ferne schweift das Auge über das reich mit Ortschaften besetzte Hügel- und Bergland, im Norden von der braunen Görlitzen, im Osten von der Villacher Alpe — Dobratsch — überragt, an welche sich südlich die Karawanken mit ihren steinernen Häuptern und trotzigen Felsgipfeln und die stolzen Gestalten der Julischen Alpen anschließen. Zu unsern Füßen, mitten im hellblauen Wasserbecken, schwimmt eine dunkelgrüne Insel, zu deren Besuch ein Fährmann einlud. Versunken im Genuß eines schönen Naturbildes, stört jede Annäherung von Menschen, von denen man annimmt, daß nur Beutelust sie dazu bestimmt, daher der Bootsmann ziemlich rauh abgewiesen wurde; doch mit Unrecht! Wir eilten an das steile User hinab und mußten bald einsehen, daß ein langweiliger Fußpfad, durch Wald vom See abgeschnitten, uns längs desselben hinführte und wir die reizvolle Fahrt nach dem lieblichen Eilande und dem freundlichen Dorfe Faak versäumt hatten. Der einzige Mensch, dessen wir ansichtig wurden, war die Begleiterin einer Kuh, ein etwa zehnjähriges Mädchen, das auf alle unsere mit der größten Geduld gestellten Fragen nur mit scheuem Grinsen antwortete. Endlich waren wir an einer hochgelegenen Kirche angelangt; Bänke, im Kreise um alte Bäume gezogen, luden zur wohlverdienten Rast; genügende Auskunft erhielten wir im nahen, grün umsponnenen Häuschen. Wir waren in Faak und ließen noch einmal den ganzen Reiz des lieblichen Seebildes, das ausgebreitet sich unserm Blick entrollte, in der feierlich stillen Sonntagsruhe auf uns einwirken. Der Rückweg nach Villach vollzog sich schneller. An einer rindenüberdachten Waldkapelle vorüber, kamen wir auf kürzerem Waldpfade nach Maria Gait, auf einer Felsenterrasse über dem Gailflusse gelegen, und nachdem wir um eine scharfe Ecke gebogen, erreichten wir auf der Landstraße unsern vorherigen Weg. Inzwischen war es Mittag geworden; die Sonne sendete glühende Strahlen. Von einem weitem Ausflug auf die Villacher Alpe wurde abgesehen und dagegen die Bahnfahrt gegen Tarvis angetreten. Die Bahn bleibt nun im Thals der Gail zwischen den Ausläufern der Karawanken und dem Bergstöcke des Dobratsch, und bietet schöne Blicke auf die Gailthaler Alpen. Der Glanzpunkt dieser Fahrt ist die große Schloßruine Arnold stein, auf niederm, langgestrecktem Felsenstock malerisch hingebaut, welchem die von Mauern umschlossene Stadt sich anschmiegt; es ist ein interessantes, freundliches Bild, während rechts die gewaltigen Felsabstürze des Dobratsch den großartigsten Blick gewähren. — Eine hohe Eisenbrücke führt über das Kiesbett des Gailitzbaches und nun durch Schlucht und Wald, den mächtigen Felsbergen entlang, zur Station Thörl- Magiern. In breiten Windungen zieht sich von hier der interessante kühne Bau von Bahn und Straße im Felsengraben der Gailitz durch Felseinschnitte, Tunnels und Dammbauten hoch über dem hellblauen, schäumenden und den Fuß weißer Kalkfelsen netzenden Schlitzabach hin, zum Hauptorte des Kanallhales, zur Station Tarvis. Der große Bahnhof von Untertarvis hat eine unvergleichlich schöne Lage. Die herrliche Gruppe des Man« gart und der Fünfspitzen, der zackige Wischberg, die imposante Pyramide des Königsberges vereinigen sich zum schönsten Nahmen um das tief eingeschnittene Thal mit seinen saftgrünen, sammetweichen Wiesengeländen, welche die hellblaue, weißschäumende Schlitzn munter durchbraust, um zwischen den hohen Felspyramiden, welche die Laibacher Bahn kühn und zierlich überbrückt, in einer Schlucht zu verschwinden. Der hübsche Ort zieht sich langgestreckt den Berg hinan und besteht aus Untertarvis mit schmalen Straßen, alten Häusern und Gewerkschaften an der Schlitz« und aus Obertarvis, welches in seiner reizenden, an Wald angelehnten Höhenlage ein sehr besuchter und beliebter Sommerfrischort ist. Zwischen beiden erhebt sich auf einem Hügel die Kirche mit dem Friedhof; alte Fcstungsmauern mit dicken, niederen Thürmen, die als Beinhaus und zur Aufbewahrung verschiedener Requisiten verwendet sind, geben dem Platze ein feudales Aussehen. Die Kirche, an deren Außenseite alte Grabsteine eingemauert sind, ist interessant durch ihren Doppelbau. Das Presbyterium ist die erste, uralte kleine Kirche mit gothischem Steinportale und Gewölbe und einem Altare mit alten Schnitzereien, die Krönung Mariens vorstellend; der größere Theil der Kirche ist ein neuerer Bau mit Netzgewölbe. Unmittelbar hinter der Häuserreihe von Obertarvis, nächst dem früher Taxis'schcn Palais, jetzt Forsthaus, beginnt ein schön angelegter, wechselvollcr Waldspaziergang voll der herrlichsten Ausblicke auf die großartig ernste Hochgebirgsnatur, der geeignet ist, den Standgästen von Tarvis den Aufenthalt dortselbst äußerst genußreich zu machen. Ueber Wiesenplateau und kühlen Waldesschattcn zieht er sich gegen das obere Kanalthal und gewährt die schönsten Ausblicke auf die majestätisch aufsteigenden kahlen Kalkgipfel und das lachende Thal; jede der zahlreichen, zur Ruhe ladenden Bänke hat eine besondere Benennung je nach der Aussicht, die man auf ihr genießt. Wir wählten als Ziel den Luschari blick. Eine Merkwürdigkeit der Gegend ist nämlich der Luschari oder hl. Berg, eine von Jung und Alt aus der weiten Umgebung vielbesuchte Wallfahrt; unweit der Kapelle ist der Gipfel des Berges, der allerdings die Hauptanstrcngnng erfordert, aber die viclgerühmte Aussicht noch bei weitem übertrifft. In drei Stunden gelangt man zur Kirche und kann sich dann mittelst Schlitten in einer Viertelstunde über die steilen, glatten Grasflächen wieder herabbcsördern lassen: eine pfeilschnelle, ungefährliche Fahrt, da die Lenker der Schlitten, rüstige Slovenen, äußerst gewandt und zuverlässig sind. Wir genossen den Anblick der Kirche und der sie umgebenden Häuser, die im reinen, vom Abendgold durchhanchten Acther den Gipfel des Berges krönen, von unten — ein äußerst liebliches, anziehendes Bild, vom tiefsten Frieden umweht und unwillkürlich zu Andacht stimmend. Heimwärts ging es einen schlüpfrig steilen Weg gerade an die Bahn hinab, der uns an das oberste Ende des Dorfes führte und uns zeigte, daß in Tarvis Natur und Knust sich vereinen, um dem Geschmacke eines jeden Spaziergängers Rechnung zu tragen. Der Gras Karl-Steig erschließt unweit Untcr- tarviS eine wild erhabene Felscnklamm am Thalschlusse, eine Hanptzierde der Gegend. Er ist mühsam in die Felsen über der brausenden, sich in wildem Getöse überstürzenden Schlitz« eingesprengt und durch Balkenstcge verbunden, wo die Felsenbildung keinen Raum dem Pfad gewährt. Am Eingänge, hoch über unserem Haupte, übersetzt sie die Eisenbahnbrücke und verbindet die beiden mächtigsten, hoch aufstrebenden, sich am nächsten gegenüber liegenden Felsenpfeiler. (Fortsetzung folgt.) -- Für den Andern. Von Reinhold Herrmann. lNachdru« vttbotkii.l Lautlose Stille. Auf die Ebene hernieder flammt die Mittagsgluth der indischen Sonne, und die erhitzte Luft macht die dorrenden langen Grasbüschel wie im Fieberdurste zittern. Das zerschossene Antlitz gen Himmel gekehrt, die zerfetzte Uniform mit geronnenem Blut übergössen, die Fäuste noch vom letzten Todeskampf krampfhaft in das Erdreich gekrallt, liegt inmitten die Leiche Eines aus jener bunt zusammengewürfelten Schaar Söldlinge, mit denen Holland seine Besitztheile in Indien gegen die kriegerischen eingeborenen Volksstämme vertheidigt. Er ist nicht der einzige Todte. Doch in seiner unmittelbaren Nähe dehnt sich die lange Reihe der Lebenden hin, welche gegen den verborgenen Feind anschleichen. Sie liegen in flüchtiger Rast hingestreckt, wie die äußerste Erschöpfung sie hinwarf, der sie doch nicht Herr werden können in dieser engen Gemeinschaft mit der brennenden Sonne und den für ewig Verstummten. Von den drei Vordersten, alle in fast gleich zerlumptem Zustande wie der Todte, unterhalten sich zwei in halbleisem, mehr gebrummtem Gespräch über den Dritten, der ihr Nachbar ist, eine feine, schlanke Gestalt, der selbst in dieser Tracht noch etwas von dem ehemaligen Offizier innewohnt, der den Rock seines Königs nicht ganz so freiwillig mit den armseligen Lappen der holländischen Colonialarmee vertauscht hat, wie die zwei braunen, harten Gesellen, die seine Kameraden sind. Aus Passion ist der auch nicht hierhergekommen. Nein, wahrlich nicht! Doch es gibt im heimischen Deutschland so viele Thore, welche auf die Straße der Verzweiflung hinausführen — Mancher ist unter ihnen hin- weggeschritten, meinend, Edelmuth und Güte seien denselben Weg gegangen. Draußen weht Wcltluft, nicht scharf gemacht durch die Ecken der Stadt und nicht verdumpft vom Athem der Menschen, sondern frei, göttlich, verwandt mit dem Himmel, in den sie verschweln, hier wie dort erlösend. Den jungen zusammengesunkenen Menschen dort mit den vergehenden Zügen und dem verfehlten Leben hatte sie auch erlösen sollen ..... „Wasser!" stöhnte er mit brennenden Lippen und streckte den Arm aus in der Richtung, wo seine beiden Landsleute lagen. Der Eine hob nachlässig den Kopf. „Wasser?" lachte er heiser. „Hat sich waS bei Wasser! Da — sauf' Branntwein! Es sind, glaub' ick, noch ein paar Tropfen in der Flasche. Man soll nicht sagen, daß ich einen Kameraden verdursten lasse, wenn auch Deinesgleichen — —" Das Uebrige brummte er mürrisch in sich hinein. ' Der Andere griff gierig nach dem dargebotenen Gefäß und schüttete die ganze Menge des ekel lauwarmen Trankes auf einmal in sich hinein. Wenn es nicht erquickte, so stärkte es doch und half, die bleierne Mattigkeit für den Augenblick besiegen. 680 „Ich danke Dir, Kamerad!" Und hinzu setzte er, während sein grober Gefährte kopfschüttelnd die feinen Finger des Dankenden betrachtete: „Wenn man jetzt ein Stückchen Brod hätte!" „Hast auch das nicht mehr im Sacke?" sagte der Zweite mit gutmüthigem Spott. „Ja, so 'n feiner Herr und haushalten! Hat's Dich auch aus der Heimath gejagt — das Glück, das die Andern haben, während unsereins gleich ein Schubbiak heißt? Freilich: Dul!" Es sprach ein gewisses Nichiverstehen der Lage des Andern aus diesem „Freilich: Dul" und — unfreiwillig wohl — eine Achterklärnug, schärfer, ach! millionenmal verdammender, denn die, welche ihn einst in die Welt hinausgetrieben .... Noch eine Weile lagen sie so: er mit sich ringend, ob er ihnen sein Schicksal erzählen sollte; sie wie im Warten darauf. Dann kam das Kommando zum Aufbrnch. * * * Am Ostrande der glühenden Savanne bewegen sich die Grasbüschel, als gleite etwas Lebendes behutsam zwischen hin. Einen Augenblick taucht ein dunkles Gesicht mit glühenden, rachedurstigen Augen über den Halmen empor. Dann gleitet der Körper des indischen Spähers wie der Blitz wieder hinter sich, wo ein gurgelnder Strom die Ebene durchschneidet, während drüben, am anderen Ufer, ein Wald sich dehnt; die Wasser rauschen auf und ein hochgeschwungener Büchsenlauf blinkt in der funkelnden Sonne — eine kurze Minute, dann ist Alles wie ein gleißender, triefender Schatten im Urwalddickicht verschwunden. Nur schimmernde Tropfen aus dem silbernen Strome dort unten fallen wie Perlen von Blatt zu Blatt... » * Langsam, glatt auf der Erde, kriechen sie heran, zur Deckung vor dem spähenden Feinde nur das mannshohe Ried. Weiter hinten liegt das Gros des Zuges. Die drei Vordersten sind ausgesandt, den Feind zu recognosciren. Keiner hat ein Wort gesprochen seit dem Aufbruch. Sie wissen Alle, daß hinter jedem unvorsichtigen Laut der Tod kauert. Und die Gefahr übt eine so eiserne Disciplin . Nur der Fluß singt im Vorübergleiten leise sein ewiges Lied. Sie machen Halt und heben sich sachte aus den Halmen. Rings bleibt Alles still. „Die Hunde sind weiter gezogen," brummt der Eine. Dann sieht er den Wald am jenseitigen Ufer und ein bedenkliches Pfeifen schlüpft zwischen seinen Zähnen hindurch. — Ach! da ist Wasser! Der Andere taumelt; auch er hat es bemerkt. Die Augen treten ihm fast aus den Höhlen; er will vorwärts stürzen. Die eiserne Faust des Groben hat ihn rechtzeitig ergriffen und hält ihn zurück. Sie hat leichtes Spiel, denn wie vom Blitz gefällt schlägt der tödtlich Erschöpfte, Durstgefolterte in das schirmende Gras zurück. „Wasser!" flüstern seine brennenden Lippen. Armer Teufel! Wenn man ihm helfen könnte! Wieder bleibt es minutenlang still. Nur das lockende Plätschern des unfernen Stromes tönt wie gurgelndes Lachen herauf und vermischt sich mit dem Röcheln des Verschmachtenden.... „Ich will es versuchen." —'„Was?" — „Zum Ufer hinabznkommen." — »Willst Du Dein Leben ris- kiren um einen Trunk Wasser? Ich wette meine Monatslöhnung, die Schufte stecken drüben im Wald." — „Sie werden mich nicht gleich treffen. Bin ja kein Kind mehr," brummte der Grobe zurück. Und den Schaft seiner Büchse fester fassend, begann er vorwärts zu kriechen. „Streicht mit Euren Eisen heraus, daß ich gedeckt bin. Und wenn Ihr etwas Verdächtiges seht, knallt d'rauf los. Ich hole das Wasser." Dann schlugen die Halme hinter ihm zusammen, und nur das sich langsam entfernende Geräusch, mit dem er sich über den Boden hinschob, blieb hörbar. Dann verstummte auch das. Am Strom aber bogen sich die Grasbüschel auseinander und das Antlitz des Groben spähte vorsichtig hinüber in den schweigenden, taglosen Wald. Wieder kommt der pfeifende Ton von seinen Lippen; diesmal aber ist es ein Pfeifen des Vefriedigtseins. Er hält sich nach der letzten sorgfältigen Umschau für sicher. Ein Stück Erdreich hat sich unter seinen Händen gelockert und plumpste vor ihm in den Flnß. Noch einmal horcht er Minutenlang nach drüben hinüber. Dann schiebt er sich lautlos weiter vor und klimmt das Ufer hinab.... Ach, das ist Wasser! So hat ihm nie ein Trunk daheim geschmeckt, und wäre er auch vom rarsten Stoff gewesen, wie dieses köstliche, quellfrische, langentbehrte Naß, das er jetzt in sich hineinsog. Dann ließ er es glucksend in die bereitgehaltenen Flaschen laufen, seine und die seiner beiden Kameraden. Ja, auch der Andere blieb sein Kamerad, sein Mitmensch, wenn er auch was Feineres war — oder gewesen war — als er selbst .... Er drückt die Stöpsel in die vollgelaufenen Behälter und hebt sich sachte rückwärts. Da knallt es drüben scharf auf... ein einziges Mal nur — und mit zerschmetterter Stirn sinkt der Brave zurück — für den Andern. — Hiiiimelsschau im Monat Nopember. —1. Merkur 8 ist in der zweiten Hälfte des Monates als Morgenstern von 6 U. bis 7 U. morgs. sichtbar. Venus tz verschwindet am Morgenhimmel. Mars L ist sehr hell, die ganze Nacht am Himmel und bleibt bis zum 23. rückläufig in den Fischen. Am 10. links vom Mond. Jupiter erreicht seine größte Tageshöhe zwischen 3 U. 51 M. früh und 1 U. 51 M., übertrifft Mars an Helligkeit und bleibt die ganze Nacht sichtbar. Am 15. links vom Mond. Am 13. kann man den Sternschnuppenschwarm der Leoniden im Löwen am Osthimmel beobachten. Diese Sternschnuppen waren bisher sehr selten, nehmen aber jetzt an Anzahl zu und erreichen i. 1.1899 ihr Maximum. -- Auslösung des Bilder-Räthsels in Nr. 84: Schauspieldichter. Auslösung des Bilder-Rathsels in Nr. 86: Schneidergeselle.