88 . »m „Augsburger Postzritung". Dinstag, den 30. October 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Mar Huttler). Kermvard von Hilüesheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) VI. Die Bräute Christi. Ich bin eine Dienerin Chiisti und zeige mich als eine ihm dienstpflichtige Magd. Antiphone. „Und so laden wir Euch ein, ehrwürdiger und geliebter Amtsbruder, Euch am Feste des heiligen Evangelisten Lucas im Stifte Gandersheim einzu- finden, allwo wir am genannten Tage der gottge- weihten Kaiserstochter Sophia und anderen Mägden des Herrn den Schleier geben werden." Also lautete der Schluss eines Briefes, den der mächtige Mainzer Erzbischof Willegis an Herrn Osdag, den Bischof von Hildesheim, gesandt hatte. Herr Osdag hatte dazu verwundert den Kopf geschüttelt, war aber der Einladung nachgekommen, und zwar im Geleite seines Dekans Thangmar. Er war schon am Tage vor dem Feste nach Gandersheim geritten; nicht weil ihn die Einladung absonderlich freute, sondern weil er, der Bischof von Hildesheim, gewillt war, sich seine Rechte nicht verkümmern zu lassen, nämlich die im dortigen Kloster der Welt entsagenden Jungfrauen selber einzukleiden, wie das von alten Zeiten her Brauch war. Als er vom Saumthier abgestiegen war, wandte der fromme und bedächtige Herr sich der Kirche zu, um daselbst ein Gebet zum Gelingen alles Guten zu verrichten. Sein Dekan Thangmar aber schritt inzwischen sporen- klirrend dem Gemach der Aebtissin zu. „Gott zum Gruß, ehrwürdige Frau!" sprach er und neigte sich geziemend. „Was ist das?" Frau Gerberga reichte ihm verständnißvoll vom Sessel aus die Rechte und sagte mild: „Eine Prüfung, Herr Decan. Seid willkommen!" Frau Gerberga hatte nicht mehr die Kraft, so hoheitsvoll da zu stehen, wie vor zwölf Jahren. Ein inneres Leiden zehrte an ihrem Lebensmark: es hatte sie namhaft verändert. Herr Thangmar gewahrte das mit Betrübniß. Darum bemerkte er sanfter, als es vor dem seine Absicht war: „Eine Prüfung sagt Ihr, Frau Aebtissin; wir aber sind nicht gewillt, eine Demüthigung über uns ergehen zu lassen. Wisset, den Rechten unseres bischöflichen Herrn soll durch keinerlei Anmaßung irgend welcher Eintrag geschehen!" „Gewiß nicht Herr Thangmar," sprach die Aebtissin ernst und richtete sich empor. „Wie aber kommt es, daß Herr Willegis unsern Herrn als Zuschauer einladet zu einer Amtshandlung, die Herrn Osdag selber obgelegen Hütte?" Frau Gerberga zuckte wehmüthig die Achseln. „Der Kaiserstochtcr Sophia wurde es eingeredet, daß der mächtigste Kirchcnfürst Deutschlands, der Erzbischof von Mainz, besser dazu geeignet sei, unser Frauen- klostcr, das hart an der Mainzer Grenze liegt, zu beschirmen, als es dem Herrn Bischof von Hildesheim gelänge. Darum wandte sie sich an den Herrn Erzbischof Willegis mit der Bitte, ihr den heiligen Schleier zu geben. Dieser, der Rechte auf das Stift zu haben glaubt, sagte bereitwillig zu, sie, sowie ihre Mitschwestern zu weihen. Wenn ich meine gewohnten Geisteskräfte hätte, oder wenn meine vielliebe Freundin und Stellvertreterin Noswitha wir nicht durch den Tod entrissen wäre, so hätten wir Frauen ein Wörtlein dreingeredet von der alten Gerechtsamkeit. Eine Kranke aber," sie schaute muthlos drein, „muß von den hohen Herrschaften gar manches geschehen lassen, was nicht nach ihrem Sinne ist." Da trat der kräftige Herr Thangmar ein klein wenig mit dem Fuße auf und sprach: „Wir werden allen Gewalten gegenüber unser gutes Recht festen Willens vertheidigen." Während dieser Versicherung war leise und bescheiden der Herr Bischof von Hildesheim eingetreten. Mit freundlicher Würde begrüßte er die Aebtissin; dann sagte er schlicht: „Als ich just eben im Gebete vor dem Allerheilig- sten kniete, kam mir der Gedanke, den bischöflichen Stuhl hinter die Rückseite des Altars stellen zu lassen, aus daß zunächst keiner den kirchlichen Vorrang unrechtmäßig behaupten könne. Das ist nach meiner Verordnung schon geschehen. Frau Gerberga, wie viele Bischöfe haben sich angekündigt, um dem feierlichen Acte der Einkleidung beizuwohnen?" Gerberga antwortete ehrerbietig: „Die Herren Rethar von Paderborn und Milo von Minden sind bereits zur Feier eingetroffen; Herrn Hildewald von Worms erwarten wir zugleich mit Herrn Willegis von Mainz. Der König Otto, die Kaiserin 682 Theophano und viele Fürsten mit zahlreichem Gefolge, sie alle dürften von nun ab jeden Augenblick zu begrüßen sein." Hierauf sprach drr Hildesheimer Decan trocken: „So laßt uns unsere Gemächer anweisen, auf daß wir den Reisestaub abschütteln und dem hohen Hofe würdevoll entgegentreten können." Diesem Wunsche gemäß geschah es. Herr Thangmar aber dachte nicht daran, sich geziemend aufzuputzen. Unruhig ging er in der hochgewölbten Stube hin und her. „Möchte nur wissen, ob mein vielgeliebter Schüler Bernward, den wir mit dem Hofe zu erwarten haben, sich auch in seinen Gesinnungen also geändert hat, daß er auf Seite des Erzbischofs steht." Auf dem Klosterhofe wurde es lebendig. „Der Lärm geht schon an," sagte er und trat an's Fenster. „Wahrhaftig, ein Reisezug von mehr denn hundert Personen nähert sich dem Stifte, und zugleich gehen in feierlichem Zuge die Nonnen langsam den Ankömmlingen zum Empfang entgegen," also berichtete er. Dann flog helle Freudenröthe über Thangmars Antlitz. Er neigte sich und winkte lebhaft grüßend mit der Hand nach dem Klosterhofe. „Bernward, o mein Bernward, Gott segne Deinen Einzug I" sprach er dabei fast unbewußt. „O, wie würdevoll und mannhaft ist die Erscheinung meines ehemaligen Schülers," fügte er glücklich hinzu. Das war das erste Wiedersehen. Im nächsten Augenblicke breitete Herr Thangmar wortlos die Arme aus. Lehrer und Schüler hielten sich umschlungen. „Laßt Euch willkommen heißenI" sprach Herr Osdag und trat hinzu. So saßen die drei alsbald in eifrigem Gespräch beisammen. Bernward war unbefangen: „Verzeihet," sagte er, „mir dünkt es kein Eingriff in die Hildesheimer Rechte, wenn der Mainzer Erzbischof ausnahmsweise der Kaiserstochter und den Jungfrauen, so zugleich mit ihr das Gelübde ablegen, den Schleier giebt." „Eine Ausnahme dürfen wir nicht gestatten, die- weilen sie allzuleicht zur Regel würde," gab Herr Osdag in ruhiger Bestimmtheit zurück. „Bedenket, Ganders- heim liegt hart an der Grenze, und die Mainzer haben lange schon geglaubt, Rechte auf das Stift zu haben." „„Glücklich, wer der Dinge geheimste Ursache erkannt hat,"" singt Virgilius. So steht die SacheI" rief Bernward erstaunt. „Werde allsogleich ein Wort mit der Herrin Theophano reden und auch mit Herrn Willegis," fügte er hinzu, als er den genannten Herrn just mit großem Gefolge in den Klosterhof einleiten sah. Er eilte hinweg. Herr Thangmar trat an's Fenster und murrte grollend: „Das Geleite des Erzbischofs ist wahrlich noch größer, als das des Kaisers. Was Bernward wohl bei dem Stolzen ausrichten mag?" Der junge Priester blieb lange aus. Endlich kam er. „Es ist schlecht Wetter bei Willegis. Er behauptet im Recht zu sein und will nicht nachgebe»," also berichtete er, fügte aber freudig hinzu: „Bei der Kaiserin habe ich erreicht, daß Ihr zugleich mit Willegis die Einkleidung der Herrin Sophia vornehmt, während für die übrigen Jungfrauen Ihr, Herr Osdag, alles allein besorgt. Durch Vermittlung der andern Bischöfe und durch seine eigenen flehentlichen Bitten erlangte Willegis, daß er am morgigen Tage die Hochmesse halten darf. Doch das hat keinerlei Einfluß auf Euere Gerechtsamkeit." „Ich danke Euch, Herr Bernward, für Euere Bemühung," also sprach der Hildesheimer Bischof; dann verstummte er nachdenklich. Er wußte, was er wollte. Thangmars ehemaliger Lieblingsschüler bemächtigte sich hierauf ganz des verehrten Lehrers. Arm in Arm sah man die Beiden allsogleich im Klosterhofe auf und nieder schreiten. In altgewohnter Weise redeten sie über gelehrte Gegenstände. Hierbei machte Herr Thangmar zu seiner uneigennützigen Freude die Wahrnehmung, daß sein Schüler an Geist und Wissen weit über ihn hinausgewachsen war. Im Umherwandeln geriethen die Herren auf eine Baustätte. „Das ist sie zukünftige Kirche, so Herr Othwin nach Deinem Plane aufzubauen bestimmt hat," erklärte Thangmar. „Laß sehen!" Bernward sprachs freudig und kletterte sogleich mitten zwischen den Bauleuten prüfend in dem begonnenen Werke umher. Hier lobte, dort tadelte er, da ordnete er an, ermunterte er, und zuletzt ergriff er in Hellem Schaffenseifer Hammer und Kelle und fügte Stein auf Stein. „Dem Gotteshause, welches so ganz nach meinem eigenen jugendlichen Entwurf aufgebaut wird, muß ich doch selber einige Steine einverleiben," rief der Kunstbeflissene lachend in schier kindlicher Freude seinem Lehrer zu. Thangmar nickte verständnißvoll und dachte: „In dem finden wir alles vereinigt, was einen Künstler zur Schöpfung großer Werke fähig macht. Herz und Verstand, Liebe und Begeisterung für die edleren Ziele der Menschheit treffen bei ihm harmonisch zusammen." Noch nie hatte das Stift Gandersheim so viel Macht und Hoheit, so viel Glanz und Pracht in seinen Mauern umschlossen, als am Tage, da die Kaiserstochter Sophia den Schleier empfangen sollte. Die festlich geschmückte Stiftskirche vermochte kaum die erlesene Versammlung zu fassen, welche hier erschienen war. Kopf an Kopf harrten die Edelen der Feier. Malerischen Eindruck machte es, daß zwischen den kostbaren verbrämten Gewändern der Edelleute und dem kunstvollen seidenen Ornate der hohen Geistlichkeit sich auch schimmernde Rüstungen zeigten. Prinz Philipp von Orleans. 683 Im Hintergründe auf erhöhter Tribüne, dem Chor der Schwestern gegenüber, erglänzte der Hofstaat der Kaiserin, ein farbenfrischer Kranz holder Frauen und Jungfrauen. Auf dem Throne unter dem goldenen Baldachin saßen der junge Kaiser und Theophano, die Kaiserin- Mutter. In deren Nähe hatten die Bischöfe von Paderborn, Minden und Worms ihre Plätze auf goldenen Sesseln eingenommen. Wider allen Brauch und in Gandersheim noch nie gesehen war, daß zwei Bischöfe mit hohenpriesterlichem Schmuck festlich bekleidet gleicherweise zu beiden Seiten des Altares saßen, der stattliche Herr Willegis von Mainz und der schlichte Herr Osdag von Hildesheim. Worüber alle staunten, war, daß es dem einfach bescheidenen Hildesheimer Bischof gelungen, seine Ander Prinzessin sodann an die Kaiserin und an die Vormünder richtete. Wie von gemeinsamem Willen bewegt, gaben alle ihm ihre Zustimmung. Betroffen schwieg Willegis. Mit derselben ruhigen Demuth wendete der Hildesheimer Kirchenfürst sich an Sophia mit den weihevollen Worten: „Siehe, meine Tochter, schaue auf, Jungfrau! Vergiß Dein Volk und das Haus Deines Vaters, und der König wird Deine Schönheit lieben; denn er ist der Herr, Dein Gott!" Dann fragte er: „Schwörst Du Unterwürfigkeit und Gehorsam dem Hildesheimer Bischofsstuhl?" Und das Wunderbare geschah: Voll Staunen vernahmen alle, wie die Kaisers- -.MW- lEZWWWW U-WW Photographie und Verlag von Franz^Hanfstaengl, München. Kannst du lesen? Nach dem Gemalte von Herm. Kaulbach. sprüche geltend zu machen, und daß selbigem gleiches Recht wie dem gewaltigen Mainzer Kirchenfürsten eingeräumt war. Herr Willegis feierte dann in großer bischöflicher Pracht das Pontificalamt. Aber als er den Segen spendete, und er zur Weihe Sophias schreiten wollte, geschah es, daß jener schlichte Mann, von dem Alle schon geglaubt hatten, er sei seiner bischöflichen Rechte auf Gandersheim verloren gegangen, der demüthige Herr Osdag. plötzlich emporgerichtet dastand, stark und frei, wie ihn noch keiner gesehen hatte; sein leuchtendes Auge, die Würde seiner Haltung, die Ueberlegenheit, die sich in jeder seiner Bewegungen ausdrückte, wirkten überwältigend. Mit steigender Theilnahme hörte die Versammlung, wie Herr Osdag in edler Einfachheit und Ruhe, jener Einfalt, welche in wahrer Größe ihren Ursprung hat, zuerst an den Kaiser die Frage stellte, ob er in die Einkleidung seiner Schwester willige, dieselbe Frage betreffs tochter mit Heller Stimme folgendes Gelöbniß ablegte: „Ich, Sophia, Tochter des Kaisers Otto, verspreche vor Gott und Seinen Heiligen und vor dieser feierlichen Versammlung Treue, gebührende Unterwerfung, Gehorsam und Ehrfurcht meiner Mutter der heiligen Kirche zu Hildesheim und Dir Herrn Osdag, dem Herrn und Bischöfe dieser Kirche, und Deinen Nachfolgern gemäß den Anordnungep der kirchlichen Satzungen, und wie es das unverletzliche Ansehen der römischen Päpste befiehlt." Herr Osdag hielt ihr das offene Evangelienbuch vor. Sie legte beide Hände darauf uud sprach feierlich: „So wahr mir Gott helfe und diese heiligen Evangelien Gottes!" Dem Willensstärken Wesen des schlichten Bischofs konnte selbst die Stolze nicht widerstehen. Nach Sophias Beispiel gelobten alle Jungfrauen, so den Schleier nehmen wollten, Beobachtung der Klosterregel und Gehorsam. 684 Das einfache Hildesheim hatte die Prüfung gut bestanden; denn Herr Osdag hatte seine Ansprüche muthig und pflichtgetreu zu wahren gewußt. Willegis war mißmuthig, daß er seine vermeitnlichen Rechte gekränkt sah. Er wollte aber als würdiger Priester an heiliger Stätte seinen Groll an sich halten und jeden Streit vermeiden. So konnte Herr Thangmar nach kurzer Verständigung mit dem Erzbtschofe voll heiliger Freude den Anwesenden verkünden, daß der Herr Erzbischof von Mainz kein Recht auf die Gandersheimer Kirche für sich in Anspruch nehme, es sei denn mit Bestimmung und Erlaubniß des Hildesheimer Stuhls. Herr Osdag segnete hierauf den Schleier Sophias, sehte sich nieder mit der Jnful geschmückt und breitete den zarten Stoff über das gesenkte Haupt und die Schultern der Kaiserstochter, wobei er die Worte sprach: „Nimm hin den heiligen Schleier und erkenne dadurch, daß Du entsagt hast der Welt und als eine Braut Dich wahrhaft und in Demuth und mit Zustimmung Deines ganzen Herzens Jesu Christo geweiht hast. Er bewahre Dich vor allem Bösen und führe Dich zum ewigen Leben." Frau Gerberga, welche das Amt hatte, die Jungfrauen ihrem Bischöfe vorzuführen, vermochte die'er Verpflichtung zu ihrem Schmerze nicht nachzukommen. Eine Lähmung bannte sie an ihren Thronsessel. Statt ihrer waltete eine würdige Vertreterin. Judith, ihre so geliebte Schülerin, die heiligmäßige Aebtissin von Ringelheim, war auf Gerbergas Wunsch in letzter Stunde eingetroffen und versah willig das Amt der geistigen Brautführerin. Je zwei und zwei knieten die zu weihenden Jungfrauen, von Bernwards edler Schwester Judith geführt, vor ihrem Bischöfe nieder und empfingen von seiner Hand ihre Schleier. Dann sangen sie lieblich die Worte der hl. Agnes: „Er hat ein Zeichen in mein Angesicht geschrieben, daß ich außer ihm keinen Bräutigam annehme!" Hierauf wurden sie von Judith an ihre Plätze zurückgeleitet. Herr Osdag begann allsogleich den sinnreichen biblischen Gesang: „Geliebte! Komme zu Deiner Vermählung. Der Winter ist vergangen, die Turteltaube girrt, die blühenden Rebstöcke duften lieblichen Wohlgeruch!" Dann wurden die Jungfrauea wieder in derselben Ordnung dem Bischöfe vorgestellt. Dieser steckte Jeder den geweihten Ring an den Finger und sprach feierlich die Worte: „Ich vermähle Dich Jesu Christo, dem Sohne des höchsten Vaters, welcher Dich unbefleckt bewahren möge! Empfange nun den Ring der Treue, das Wahrzeichen des heiligen Geistes, damit Du genannt werdest eine Braut Gottes. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes." Er segnete mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes. Alle sanken nieder und sangen freudig: „Ich bin Dem vermählt, in Dessen Dienst die Engel stehen. Dessen Herrlichkeit Sonne und Mond bewundern! Jesus Christus hat Sich mir mit diesem Ringe verlobt und mich wie Seine Braut mit einer Krone geschmückt." Seliger Friede, stille Verklärung ruhte auf den Gottgeweihten, strahlte wieder von deren jungfräulichen Zügen. Es war, als ob die Opferkerzen Heller leuchteten, als ob die Blüthen am Altare stärker dufteten. Sophia kniete tief andächtig mit heiliger Begeisterung vor des Altares Stufen. Was sie nach schweren Kämpfen in dieser Stunde gelobt, kam aus warmem, aufrichtigem Herzen. Ihre Lippen flüsterten Dankgebete. Nachdem alle nachfolgenden heiligen Ceremonien und Gebete vollzogen waren, wie es sich gebührte, und wie es der Kirche Vorschrift heischte, ertheilte Herr Osdag den gottgeweihten Jungfrauen und allen Anwesenden den Segen. Dann blieb der kaiserliche Hof sammt allen Gästen in größtem Frieden und in schönster Eintracht kurze Weile noch beim Imbiß im Fremdenhause des Klosters beisammen, worauf alle in ebensolchem Einverständniß auseinandergingen. Frau Gerberga dankte Gott ob der glücklichtn Wendung der Dinge. VII. Auf der Stammburg. Sei mir gegrüßt, Du Holde, Du aller Frauen Zier, Du Stern vom lichten Golde, Zu eigen bin ich Dir, Zu eigen und zu Solde Nur einz g Dir allein; Sei mir gegrüßt, Du Holde, Dir eignet all mein Sein. Jakobus Bälde. Weit über waldiges Hügelland schaute die Sommer- schenburg. Gar stattlich und wohlbefestigt thronte sie auf felsiger Höhe. Bau an Bau, pferdekopfgezierte Giebel, buntbemalte Erker, einen gewaltigen Thurm umfriedeten feste Mauern und Zinnen. Zu den Füßen der Burg auf «halber Höhe des Hügels lag der gleichfalls befestigte Freihof Sommerwerk, so alt wie die Burg selber, und tief unten schmiegte sich gar malerisch daran ein schutzbedürftig Dörflein, deß Name Sommerdorf war. Als Herr Tammo vor sechs Monden endlich zurückgekehrt war von seinen Kriegsfahrten, da hatte er sein Heimwesen verödet und unhold gefunden. In den Gemächern wob die Spinne ungestört ihr Netz, und in der Halle hausten Fledermäuse und Eulen. Auf sein Machtwort aber wurden die schlimmen Gäste vertrieben, ward emsig gemauert und gezimmert. Nun da alles vor dem Winter fertig geworden war und wieder heimathlich, wohlig und gastlich ausschaute, stand der Graf da und fragte: „Was nun? — Soll ich jagen, fischen, für die Heerden sorgen und friedlich die Scholle bebauen, oder soll ich auf's Neue zum Kriege ausziehen gegen die räuberischen Slaven?" Gerhard von Sommerwerk, der greise Burgvogt, schien die Gedanken des jungen Grafen zu errathen. „Tammo, ich weiß, worüber Du grübelst," also sprach der würdige Herr und trat näher. „Ich rathe Dir, wie es mein vielwerther Herr und Freund, Dein Vater, selber gethan hätte: Mein Sohn, gieb das theuere Erbe, das Deine Ahnen einst mit Blut vertheidigt haben, nicht preis. Bleibe hier bei Deinem Volke; das ist an die Scholle gebunden und sucht seinen Schutz bei Dir." (Fortsetzung folgt.) . .. WW '-'MF MW HWW MM ALMZ AMWM -^E^ZMtz-KW SME .^s-' Ä»Ä ULZ WM .'ÄÄ! MW W-KM E? WZU ODO 686 Das 150jährige Jubiläum -es kgl. bayer. 4. ChevaulegerHeginieuls „Lönig".') Uniform des kgl. bayrr. 4. Chevanleger-Uegiments (1894). Im Jahre 1742 hatte Kurfürst Karl Theodor aus > der Linie Pfalz-Neuburg die Erbschaft der gesammten kur- ! pfälzischen Lande angetreten. Der junge Fürst widmete sich mit Eifer der Reorganisation seines Heeres. Am 1. September 1744 erschien eine kurfürstliche Ordre, welche die Bildung eines Graf-Elliot-Regiments aus den Kara- biniers der Taxis-Reiter und Elliot - Dragoner und der oberrheinischen Kreis-Eskadron anordnete. Der diesjährige 1. September ist somit der 150. Geburtstag des nunmehrigen kgl. bayer. 4. Chevauleger-Regiments „König". Wir möchten schon seinen ersten Namen als eine glückliche Vorbedeutung seiner stolzen, kriegerischen Zukunft betrachten. Die Elliot de Mohrange waren ein normannisches Geschlecht, dessen Mitglieder, der Sitte des damaligen Adels folgend, sich verschiedenen Herren widmeten, und das wohl auch seinen berühmtesten Vertreter in Georg August, dem späteren Lord Heathfield, gefunden hat. Dieser *) Nachstellende Schilderung sammt den beigegebencn Bildern entnehmen wir einem in der trefflichen Wochenschrift „Das Bayer- , land" (Verlag von R. Oldenbonrg in München, Redaction H, Leher) erschienenen längeren Aufsätze „Z»m 150jährigen Jubiläum usw." von A. Element!, Die Redaction. hatte seine militärische Bildung an der französischen Ingenieurschule zu Laföre erhalten, nahm sodann englische Kriegsdienste, wohnte als Adjutant den Feldzügen in Deutschland 1740 — 1748 bei. Zum Adjutanten König Georgs II. ernannt, führte er in der englischen Armee die Chevaulegers ein, welche damals in keinem Heere fehlten. Er bildete das erste englische Chevauleger-Regi-ment im Jahre 1759. Er hat sich für immerdar einen Namen in der Weltgeschichte erobert durch seine unvergleichliche Vertheidigung der Festung Gibraltar, in welcher er drei Jahre lang der Uebermacht der vereinigten spanischen und französischen Armeen trotzte. Die Erhebung in den Peersstand Großbritanniens war die Belohnung, welche ihm sein neues Vaterland reichte. Ueber die damalige^Uni- formirung des Regiments findet man keinen genü- gendenAufschluß. Sie fügte sich eben an die damals herrschende allgemeine Type. Die ersten Garnisonen des Regiments waren im pfalz-neuburgifchen Gebiete, und erst 1785 tritt als erste größere Garnison Düsseldorf hervor. Es währte 12 Jahre, bis das Regiment zum ersten Wasfengange ausreiten sollte. Im 7jährigen Kriege nämlich waren seine Reiter an der Schlacht von Noßbach be- theiligt, kämpften bei Leipzig, in der Schlacht von Torgau, bei Meißen, Dippoltswalde, bei Strehlen und Wittenberg, 1761 bei Weida. Mit besonderer Auszeichnung werden die kriegerischen Leistungen hervorgehoben, welche das Regiment im Jahre 1762 in Sachsen verrichtete. Im Jahre 1777 starb Kurfürst Max Joseph III., und Karl Theodor, sein Erbe, vereinte nunmehr unter seinem Scepter nach vielhundertjähriger Trennung die Lande von Kurpfalz und Kurbayern. Bei der Verschmelzung der kurpfälzischen und kurbayerischen Armee wurden die Elliot-Reiter zu Kürassieren umgewandelt. Sie erhielten die Nummer und den Titel „zweites Kürassierregiment"; als solches nahmen sie im Jahre 1790 an dem Rcichsexecutionszug nach Lüttich theil, welcher gegen die Lütticher unternommen wurde, weil sie sich empört und den Fürstbischof Konstantin Franz vertrieben hatten. 687 Was den Titel „König" anbelangt, den das Regiment heute führt, ist zu bemerken: Karl Theodor hatte das Regiment schon im vierten Jahre seines Bestandes seinen Vettern von der Linie Birkenfeld-Zweibrücken, der heutigen königlichen Linie, verliehen. Pfalzgraf Friedrich Michael Karl August und Maximilian, Pfalzgraf Ludwig Karl August, der spätere König Ludwig I., waren nacheinander Inhaber des Regiments, und es war nur die naturgemäße Folge, daß ihm Kurfürst Max Joseph bei der Uebernahme der Regierung im Jahre 1799 seinen Gefechten vonWöskirch (5. Mai), Biberach (9. Mai) und Memmingen (10. Mai). Am 3. Dezember 1800 vernichtete Moreau in der Schlacht von Hohenlinden die vereinigte bayerisch-österreichische Armee. In der Schlacht von Hohenlinden selbst stand Dorth mit seinen Chevaulegers auf der rechten Seite der Straße, in der Nähe von Maitenbeth, um der gesammten, von Haag herbeireitenden österreichischen Kavallerie den Aufmarsch zu erleichtern, und wurde hierbei von einem Theil der französischen Division Richepanse und deren Geschützen Die Uniformen des kgl. bayer. 4. Chevauleger-Uegimenls (1777—1783). eigenen Namen gab, ihm vom 2. Mai ab den Titel „Kur- fürst-Chevaulegers" verlieh, der im Jahre 1806, bei der Erhebung Bayerns zum Königreiche, in den Titel „Königs- Chevaulegers" umgewandelt und durch Armeebefehl vom 18. Oktober 1835 für immer bestätigt wurde. Die Reihe der großen, blutigen FeldzugSjahre beginnt für das Regiment mit dem Jahre 1800, in welchem es bereits unter der Führung des tapfern Wrede mit den Oesterreichern zog, um das Vordringen Moreau's zu hindern. Das Regiment kämpfte unter seinem Kommandeur, Oberstlieutenant v. Dorth, mit großer Bravour in den ^ angegriffen. Unerwartet stürzten nun die Chevaulegers gegen die Franzosen, drangen sogar in ihr Treffen und entführten ihnen zwei Kanonen und eine Haubitze. General Richepanse ließ nun ein Regiment Chasseurs gegen die Chevaulegers ansprengen, um sie zurückzuwerfen; doch dieser Angriff mißlang so gänzlich, daß die Franzosen nach bedeutendem Verluste davon ablassen mußten und sich nun ohne weiteren Zeitverlust links in die Waldungen, auf die darin festgedrängten Oesterreich« warfen. Beim Angriff auf die Batterie wurde Oberstlieutenant von Neffelrode-Hugenpoät schwer verwundet und stürzte vom Pferde. Er war bereits von feindlichen Reitern umringt, da sprengte der Gefreite Fleischmann mit mehreren Kameraden, darunter die Chevaulegers Pecht, Beck, Hoff- mann und Walldorf, herbei und stürmten auf die plündernden Chasseurs los; letztere nahmen den Angriff sogleich wahr, sprangen auf ihre Pferde und riefen höhnisch dem Oberstlieutenant zu: „Da kommen Eure Leute und wollen Euch holen, aber wir werden ihnen heimleuchten!" Dann ritten sie mit wildem Geschrei den anrückenden Chevaulegers entgegen. Um den Oberstlieutenant, der mit zerschlagenem Schenkel am Boden lag, entspann sich nun ein heftiger und hartnäckiger Kampf; endlich siegten die wackeren Chevaulegers, deren kräftige Säbelhiebe die Chasseurs zur Flucht zwangen. Noch während des Gefechtes hatte Fleischmann einigen Kameraden zugerufen: „Nun bringt den Oberstlieutenant den Unsrigen wieder, indeß wir andern den Feind aufhalten." Sogleich sprangen die Chevaulegers Walldorf und Beck vom Pferde, legten unter dem heftigsten Gewehrfeuer dem Chevauleger Pecht den verwundeten Oberlieutenant quer über den Sattelknopf und brachten ihn auf diese Weise gleichzeitig mit dem ebenfalls verwundeten Hoffmann nach einem Bauernhof zurück. Hier nun nahmen sie einen Schlitten, spannten sich mit ihren Fouragierstricken vor denselben, zogen so ihren Offizier über eine Stunde fort und befreiten ihn auf diese Weise vor der Gefahr einer nochmaligen Gefangenschaft. Solche Züge todesmuthiger Aufopferung der Soldaten für ihre Offiziere wiederholten sich beim Negimente in den Feldzügen, die nun folgten, zu often Malen. Die bayerischen Regimenter bewährten auch in dieser Schlacht ihre alte Tapferkeit, und unser Regiment hatte sogar das Glück, die einzigen Hiebei erbeuteten feindlichen Geschütze zu erobern. (Fortsetzung folgt.) -^-1-^-,—- Zu unseren Bildern. Prinz Philipp von Grienn». Der älteste Sohn des verstorbenen Prinzen Philipp von Orleans, Grafen von Paris, Prinz Philipp. Herzog von Orleans, geboren am 6. Februar 1869, welcher gleich nach dem Tode seines Vaters die orleanistische Partei zu reorgani- stren versuchte, hat bereits zweimal von sich reden gemacht: das erste Mal, als seine „Liebe für Frankreich" ihn das Verban- nungsdekret übertreten ließ und er sich in Paris bei der Militärbehörde meldete, um kategorisch seine Einstellung in die französische Armee als Rekrut zu fordern. Die jugendliche Unbesonnenheit wurde mit einigen Monaten leichter Festungshaft geahndet. Zum zweiten Mal brachte den jungen Prinzen seine Verehrung für die Opernsängerin Melba in den Mund der Leute. Man wird abwarten müssen, ob diese beiden Episoden aus dem Leben des Herzogs von Orleans nur in das Kapitel der Jugendthorheiten gehören, oder ob sich sein Charakter in der von ihnen angedeuteten Richtung Wetter entwickelt. Kannst du lesen? „Kannst du lesen?" frägt klein Lieschen seinen Spielgefährten, das Häslein, das sich gar zutraulich an die Kleine schmiegt. Die schönen Bilder in dem großen Buche haben das Kind schon oft entzückt; doch die schwarzen Buchstaben, welche Zeile für Zeile füllen, sind ihm noch ein Räthsel geblieben. Erst wenn Lieschen in die Schule geht, wird die Kleine auch diese Zeichen zu enträthseln vermögen. Ob Häschen lesen kann? Fast möchte man es glauben, so klug blickt das Thier auf die Schriftzeichen. Doch Lieschen meint es nicht ernst — Thiere können ja nicht denken — und es gilt bloß, mit dem Spielgefährten einen Scherz zu treiben. _ Halierfrldlrelben. Unter HaberfeldtrUben versteht man Une Art Vvlksjustiz, welche in Oberbayern, namentlich in der Gegend von Tegern- see, Miesbach, Tölz und Rosenheim, an solchen Personen ausgeübt wird, deren Vergeben und Laster dem Arm der Rechtspflege oft unerreichbar sind. Man will darin Reste der einst von Karl dem Großen in den Grafschaften eingesetzten Rügengerichte sehen. Das Verfahren ist gewöhnlich dieses: Wenn das mißliebige Individuum trotz wiederholter brieflicher Verwarnungen keine Besserung zeigt, sammeln sich Plötzlich, gewöhnlich in einer recht dunkeln Nacht, um das Gehöft des Missethäters hundert und mehr vermummte, geschwärzte, zum Theil bewaffnete Personen und rufen den Schuldigen an's Fenster oder unter die Thüre, die er aber bet Leibes- und Lebensstrafe nicht überschreien darf. Darauf werden „im Namen Kaiser Karls des Großen im Untersberg" die Treiber verlesen, und zwar unter fingirten Namen und Würden, wie: „Herr Landrichter von Tegernsee" rc., und antworten mit einem lauten „Hierl" Sodann tritt einer der Meister in die Mitte des Vierecks und verliest ein in Knit- telreimen abgefaßtes Register der Sünden des Delinquenten, wobei nach jeder Strophe die ganze Schaar ein von der schrecklichsten Katzenmusik begleitetes Geheul und Gelächter anstimmt. Ist die Verlesung zu Ende, erlöschen die Laternen und die Schaar verschwindet auf einen Pfiff des Anführers eben so schnell wieder, wie sie erschienen war. Die Haberfeldtreiber werden aus einer dem Orte ihrer Thätigkeit entfernten Gegend gewählt, um etwaigen Erkennungen vorzubeugen. Dem Schuldigen wird, außer daß er die Verlesung mit anhören muß, kein weiteres Leid angethan. Das Haberfeldtreiben ist trotz des energischen Einschreitens der Behörden — wir erinnern an das erst vor wenigen Wochen stattgehabte Treiben in Nicklasreuth — noch nicht völlig beseitigt. -- Allerlei. Der Gymnasialdirektor St. in N. besuchte täglich das dortige Hotel du Nord. Mit der ihm eigenen Konsequenz bestellte der alte Herr regelmäßig einen Schnitt Echtes und die Zeitung. Dann vertiefte er sich in die Tagesneuigkeiten und kümmerte sich herzlich wenig um seine Umgebung. N. ist Garnisonstadt, und längst hatten die in dem Hotel viel verkehrenden Jünger des Mars den Gelehrten zur Zielscheibe ihres Witzes und Spottes gemacht. Eines Tages, als der Direktor eben wieder das Gastzimmer betrat, rief ein Leutnant im Ueber- muth: „Kellner, einen Schnitt Echtes, die Zeitung und 'nen Zahnstocher — so ist der Philister fertig!" — Der Gelehrte legte ruhig seinen Mantel ab, setzte sich würdevoll an den Nachbartisch und rief mit sehr lauter und näselnder Stimme: „Kellner, eine Havanna, — eine Flasche Sekt — beides anschreiben, dann ist auch der Leutnant fertig!" Mißverständniß. Beamter: „Also Sie heißen Caroline Stoppelhuber — Ihr Alter?" — Bäuerin: „Ach Gott, der is schon lange todt!" -SWN-S- ZLilder-Uäthsel. EIS