jM «Augsburger PostMung". 89. Zreitag, den 2. November 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag der Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttler). Feievnbend.*) Geliebte Todte, euch hat sie geschlagen. Die Feierstunde, die unS alle ruft. Wir trugen euch zu Grabe unter Klagen Und pflanzten Immergrün um eure Gruft. Ihr aber lächelt jetzt auf uns hernieder, Die Stürme schweigen und der Kampf ist aus, Und euer Ohr umrauschen süße Lieder, Wir wallen fremde und ihr seid zu Haus. So oft ein neuer Hügel sich erhebet, Ein müder Pilger wieder Ruhe fand, Aus engen Fesseln ist er gern entschwebet Jn's unermeßlich weite Geisterland. Der Abendstern steht über'« Grabgefilde, Die Winde seufzen leis durch Baum und Strauch, Schlaft wohl, Geliebte, unter'm Kreuzesbilde, Wie lange noch, dann schlafe ich wohl auch. ---SS888SS-- Am Allerseelerrlag! -^— (Nachdruck »«rvolru.l Nicht zu fröhlichem Wandern fordern uns heute die verschiedenen Stimmen der Religion und Natur auf, sondern zu ernstem Gange, in das stille Gräberfeld, wo unsere „lieben Todten" ruhen. Es kann sich dieser Stimme Ruf nicht leicht Jemand erwehren, und mag er noch so sehr im Taumel der Welten- lust alle Mahnungen des Jenseits zu überrauschen suchen. Nichts hilft es; — die eine oder andere Geisterstimme, sei es, daß sie den Ton alter Anhänglichkeit und Liebe als Echo in dem Herzen wachrufe, sei es, daß der Mahn- und Nacheruf ungesühnter Schuld ihr innewohne, einer dieser Laute dringt an diesem Tage in eines jeden Sterblichen Seele, soweit die christliche Taufe ihm ihr unaus- löschbares Merkmal aufgedrückt hat. So ist es ein ganz eigenartiges Schauspiel, das man beim Betreten des Friedhofes einer großen Stadt beobachtet. Da wandern nicht nur hinaus diejenigen, welche *) Aus „Um Allerseelen. Trost und Mahnung von Ad. Müller, Stadtkaplan bei St. Ulrich und Afra, Verlag von Michael Seitz, Augsburg". sich den Glauben lebendig in der Brust bewahrt haben, sondern es gehen des gleichen Weges, gebeugten Hauptes, auch diejenigen, die sonst vor lauter gottloser Wissenschaft nicht hoch genug den Kopf zu tragen wissen. Wozu sollten sie Hinauspilgern zu den elenden, traurigen Resten der Leiber, wenn es wirklich wahr wäre, was ihre Wissenschaft lehrt, wenn dieser armselige Plunder, halb Staub, halb morsches Gebein, Alles wäre, was von dem einst so stolzen, durch glänzende Gaben des Verstandes ausgezeichneten Menschen übrig ist? Unbewußt getrieben und durch den Widerspruch mit der eigenen Lehre sich selbst verurtheilend, finden wir bei den Gräbern der auf ewig Entschlafenen die Jünger einer, sei es in der Lehre, sei es in der Praxis, gottlosen Geistesrichtung. Man sagt, daß am Sterbelager eines Nahestehenden und vorzüglich auf dem eigenen Todtenbette Manchem, der längst geglaubt hat, Gott als einen überwundenen Standpunkt betrachten zu können, wieder der Gedanke an ein Jenseits mit ewiger Vergeltung zum siegreichen Durchbruch gekommen sei. Nicht minder glauben wir, daß solch' ein Augenblick mahnender göttlicher Gnade für viele kommt, wenn sie die stumme Reihe der doch so stark beredten Grabhügel durchschreiten und allüberall das Kreuz erblicken, wie es nach unten deutet mit dem einen Ende, auf Tod und Vergänglichkeit, wie es aufwärts weist mit mahnendem Finger und wie es endlich beide Arme liebreich ausbreitet, um alle in seinem beseligenden Bereich der ewigen Liebe willkommen zu heißen. Wem es vergönnt wäre, in die Herzen aller dieser Kirchhofpilger einen Blick zu werfen, der würde gewiß mehr denn einmal Zeuge sein des inneren Kampfes, bei dem der Mensch gegen sich selbst und seine Leidenschaft anstrebt. Wohl dem, der den Funken der unversiegbaren göttlichen Liebe in sich zünden ließ, dem der gute Kampf gelang! Das Herz in ernsten andächtigen Gedanken gesammelt, so betritt der gläubige Christ die Stätte der Todten. Seine Hand legt bei dem Grabhügel nicht nur den blumen- geschmückten Kranz als äußeres Zeichen der das Grab überdauernden Liebe nieder, sein Herz naht sich den lieben Todten vor Allem mit dem unverwelkbaren Rosenkränze theilnahmvollen Gebetes. Die reine, geheiligte christliche Liebe ruft uns mit tausend Stimmen am Allerseelentage zum Friedhof. Es ist die treue anhängliche Liebe, welche uns die Er- — 690 — fnnerung an die Abgestorbenen nnauslöschbar macht; es ist die dankbare Liebe, welche mit dem Almosen des Gebetes jetzt manche Wohlthat vergelten will, die früher oft kaum erkannt oder deren Ausgleich bei Lebzeiten nicht möglich war; eS ist die edle christliche Liebe vor Allem, welche das strenge Gebot hat, den Bedrängten, die sich selbst nicht helfen können, beizustehen, die christliche Liebe, die zu beten gebietet selbst für die, welche im Leben feindselig unS begegnet sind. Eine Stätte der gnadenreichen göttlichen Liebe ist aber auch der Friedhof für uns, die wir den Schritt zu ihm lenken. Eine ganze Fülle heilsamer Gedanken stürmt auf unser Herz ein, von dem sich langsam die irdische Schale löst und das dadurch empfänglicher wird dem Sonnenstrahl, der ewiges Leben hervorruft. Hier, so im Angesichte des Todes gleichsam, da wird uns die erste und einzigeNothwendtgkeit klar, nicht nur auf das Zeitliche das Auge zu richten, sondern Sorge zu haben, daß die arme Seele nicht allein den Weg in'S Jenseits antritt, sonder» geleitet von dem Engel, der unsere erworbenen ewigen Schätze dem Herrn über Leben und Tod darbringt zum schwachen Entgelt für seine Herrlichkeiten. Wohin daS Auge schaut, grüßt uns dar erlösende Kreuz, verheißend, daß auch der schlimmsten Schuld durch den, der an ihm gehangen. Genüge gethan worden ist für Alle, welche es reumüthig umfassen. Hoffnungsvoll sodann zugleich ist dies geheiligte Zeichen für den, der mühsam den so dornenvollen Weg dcS Lebens wandelt, denn unter diesem Grabkreuz, da hört der Erden Kreuz und Leid auf, und so es mit Christo ist getragen, erblühen an den Erdendornen die kostbarsten Himmelsrosen. Es geht durch unsere Zeit allgemein ein gewiß berechtigtes Seufzen über schweres Leid der mannigfachsten Art. Möge der Weg zum Frtedhof alle stärken mit frohem, gottergebenem Glaubensmuth, der allein befähigt ist, den Frieden zu geben in diesen Tagen und einst die stille Grab es ruh, mit ewigem, seligem Frieden uns zu segnen! -.-Sr-A-es—- SermwrrrÄ von HilÄesheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) Gerhard, der freie Inhaber des Hofes Sommcrwerk, der nur aus Freundschaft für Tammos Eltern das Amt deS Burgvogtes übernommen hatte, durfte ein kühnes Wort sich schon erlauben; darum fügte er lächelnd hinzu: „Und im Namen Deiner edlen Frau Mutter bitte ich Dich, lieber Tammo, suche Dir eine sanfte, fromme Hausfrau, die Deines Herdes und Hofes fürsorglich waltet, und die Dich von Herzen lieb hat. Das wird Deiner rastlosen Seele Nutze geben und Deinen allzu kriegerischen Sinn friedlich gestalten. Du stehst jetzt im besten Mannesalter. Wann denkst Du an den Ehestand ?" Graf Tammo verzog zwar ob dieser Rede das Gesicht, als böte man ihm Wermuth dar; doch Herr Gerhard kannte seinen Liebling schon allzulange; er wußte, daß der Erbgraf verwundet sei, und zwar an schlimmer Stelle. — „Hier kann nur Eine helfen," so dachte er nicht ohne Grund. Herr Tammo schaute träumerisch in die Ferne. Auch er dachte an Eine voll Huld und Güte. Ja ein holdes Bild stand vor seiner Seele. Tief im Herzen hallte ihr Name wieder. Da horch — Hörnerklang, Hufschlags Was ist das? Da dringt fröhlich hervor aus der Waldesdämmerung ein farbenreicher Reiterzug mit flatternden Fähnlein, schimmernden Rüstungen und — wehenden Frauen- schleiern. Tammo beschattete das Auge mit der Hand und schaute schier verwundert dem rasch nahenden Zuge entgegen. „Alle guten Geister!" rief Herr Gerhard in halbem Entsetzen, „glaube gar, der Kaiser sammt seinem Gefolge beehrt die Sommerschenburg mit einem Besuche." Der Graf richtete sich straff empor. „Fürwahr. Hoch weht das kaiserliche Banner. Das sind die hohen Herrschaften. Jetzo heißt eS, Sorge treffen, daß die Gäste wohl bewirthet und wohl beherbergt werden." Sprach's und eilte in großer Erregung hinaus, um Anordnungen zu treffen. Gerhard folgte in gleicher Absicht. Auf sein Geheiß tummelte sich eilfertig das Ingesinde hin und her. Die Zugbrücke fiel, das Thor that sich auf vor den willkommenen Gästen. Die hielten fröhlich ihren Einzug. Das ward ein lebhaft Treiben auf dem lange so verödeten Burghof. Tammo nahte ehrerbietig dem weißen Zelter der Kaiserin, kniete nieder und hielt den Steigbügel. Die hohe Frau begrüßte den Grasen anmuthig lächelnd und sprach: „Solch ungerufene Gäste, solch einen Ueberfall habt Ihr gewißlich nicht erwartet." Der Graf hatte sich vorher auf eine geziemende Rede besonnen, doch da er anheben wollte, traf sein Blick eine goldblonde Begleiterin Thcophanos, das machte sein Herz erbeben, machte ihn stocken, und seine Rede wandelte sich in einen kurzen Spruch zum Willkommen um. Neues Leben zog in die so lang verlassene große Halle der Sommerschenburg. Neben den klirrenden Rüstungen rauschten seidene Frauengewänder, und der zierlich geschmückte Fuß der Hofleute schritt über die Bärenfelle, welche die Sleinfliesen der Halle bedeckten. Durch die Umsicht Herrn Gerhards war der schöne Raum gar eilig zum Empfang der hohen Gäste hergerichtet; eine rasch gedeckte Tafel lud zum Imbiß ein. Nachdem die Bruder Tammo und Bernward sich umarmt und freudige Grüße getauscht hatten, sprach der junge Kaiser lächelnd: „Unser getreuer Lehrmeister wollte uns verlassen; er heischte Urlaub, um den geliebten Bruder und die väterliche Burg wiederzusehen. Wir aber vermochten es nicht, uns von ihm zu trennen, und so gaben wir ihm allesammt das Geleite hierher. Da sind wir. Sehet zu, wie Ihr mit uns fertig werdet." Auch Tammo lächelte. „Einen bescheidenen Unterschlupf wird dieSommer- fchenburg den hohen Herrschaften sammt deren Gefolge schon bieten. Und sollte die Burg zur Herberge nicht ausreichen, so findet sich im Hofe Sommerwerk ein Unterkommen. Was die Verpflegung betrifft" — er lachte 6S1 freudig — „Nehziemer, Eberkenlen, Bärenlenden, Arrer- bahnbraten, für dergleichen sorgte mein Jagdgeschoß. Mein einziger Kummer, wie ich die Beute verwerthen könnte, ist anjetzo von mir genommen." Theophano, welche sich von dem Burgherrn zur Tafel hatte geleiten lassen, deutete auf Hildeswitha, so gegenüber saß: „Sehet, die junge Gräfin von OleZburg wollte mir von Gandersheim aus entfliehen nach Hildcseim zu ihrer Mutier. Ich aber hielt sie fest und bat sie, mit mir kurze Zeit an den Hof zurückzukehren. Es war mir gar so schwer, der holden Freundin meiner Sophia Lebewohl zu sagen in dem Augenblicke, da mein Kind den Schleier nahm. Das Loslösen muß allmälig geschehen." Tammo wandte das Auge nach der lieblichen Jungfrau. Es war ein langer Blick, der auf ihren sinnig b-wegten Zügen, auf dem blonden Köpfchen ruhen blieb. Er seufzte leise und nickte verstündnißvoll. Allzugut begriff er, daß die Kaiserin sich von dem anmurhigen Mägdelein schwer nur zu trennen vermochte. i Der Imbiß mundete den Gästen. Als sie sich ge- ^ uugsam gestärkt hatten, gebot die Kaiserin freundlich dem Burgherrn: „Zeiget uns Euer Anwesen." Der Aufforderung entsprach Tammo gerne. Zuerst geleitete er seine Gäste zur Burgkapclle, wo alle ein kurzes Gebet verrichteten. Nach solch andächtigem Be- ' gnlnen führte er die Fremden die Treppen auf und ab in woh'ausgestattete Säle und Gemächer, deren Bestimmung er bereitwillig erklärte. Allgemach aber verringerte sich seine Gefolgschaft. Die Hofleute suchten Bequemlichkeit, und wo einer ein anmulhig Platzlein fand, da blieb er zur Rast. Selbst der Kaiserin erschien das achteckige Frauenstüblein im Untergeschoß des Thurmes so behaglich, daß sie allbier zu ruhen beschloß. Der junge Kaiser, dem Bernward in diesem Raum das verdeckte Thürlein zu einem unterirdischen Gange gezeigt hatte, fand so viel Wohlgefallen an der seinen abenteuerlichen Sinn reizenden Wendeltreppe, daß er, ohne lange zu fragen, hinabstieg, um sich weiter umzuschauen; sein Lehrmeister mußte, wohl oder übel, ihm folgen. So geschah es, daß nur Tammo und Hildeswitha selbander ein traulich Gemach betraten, das mit sonder- ltcher Sorgfalt hergerichtet war. Decke und Wände des Gemaches waren mit Holz bekleidet, und die Sonnenstrahlen huschten freundlich über das alte braune Schnitzwerk und über die prächtigen buutgestickten Kiffen hin, welche die Truhen bedeckten. Der schönste Schmuck des eigenartigen Raumes aber war daS wilde Epheugeranke, welches von der äußeren Thurmmauer, an der es üppig emporkletterte, seinen Weg hier hinein gefunden hatte durch die säulengetheilten Nundbogenfenster, allwo es sich laubartig um die tiefen Nischen zog. An einem der umrankten Fenster stand auch ein Webstuhl, und an der Wand hing eine Laute, die war von blauem Band umschlungen. „Der Lieblingsaufenthalt meiner seligen Mutter!" erklärte Tammo bewegt. „Hier saß die milde Frau gar oft im Sommer und im Winter, ließ geschäftig die Spule tanzen und lugte dazwischen hinaus nach der heitern Fernsicht über Thäler und Hügel. Wenn die Dämmerung kam, so nahm sie die Laute und hob leise an mit ihrer vollen weichen Stimme schöne, meist gottselige Weisen zu singen." Auch Hildeswitha war bewegt, ihr dünkte es, als ob sie an geheiligter Stätte eingedrungen sei. Zaghaft bot sie dem Burgherrn die Haud: „Ebre den Manen jener Frau, die solche Söhne erzog! O, daß ich die Edle gekannt hätte!" so sprach sie leffe und innig. Des ritterlichen Mannes Auge leuchtete auf. Er umschloß die zarte Reckte der Jungfrau mit beiden Händen und sagte mit tiefer bebender Stimme: „Die Mutter hätte Euch willkommen geheißen, Hildeswitha," er beugle sich nieder und schaute der erglühenden Maid tief in die blauen, Augensterne, „mir ist, als ob der verklärte Geist der Mutter mir zuhaucve: „„Diese ist es, welche ich von Gott für Dick erbeten."" Hildeswitha, täuscht mich meine Einbildungskraft, oder seid Ihr, die ich liebe seit dem Augenblicke, da ich Euch in Quedlinburg sah, mir wirklich von Gott beichicdcn?" Ein wundersames Leuchten ging über der Jungfrau Antlitz. „Es muß wohl so sein, denn niemals hat ein Mann solchen Eindruck auf mich gemacht," sprach sie einfach. Er breitete die Arme aus. „Hildeswitha, willst Du mein sein?" Sie flüchtete an des Mannes Brust und nickte glückselig: „Ja!" Die Verlobten hielten sich umschlungen, als die kaiserlichen Herrschaften mit Bernward eintraten. „Hier sehet die zukünftige Herrin der Sommerichen» bürg I" rief der Graf mit Augen, die von Wonne strahlten. „Die Traute hat eingewilligt, meine Hausfrau zu werden, sie liebt mich, wie ich sie." Da war bei Allen große Freude ob des frohen Ereignisses; keiner wunderte sich, wie das so rasch gekommen. Es war so natürlich, daß diese Herzen sich gefunden hatten. „Ich selber werde Euch in der Pfalz zu Quedlinburg die Hochzeitsfeier rüsten," sagte die Kaiserin. „Ich entlasse Dich, wein liebes Kind, nicht eher aus dem Hofdienst, bis ich an Deinem Ehrentage Dich mit dem Brautkranze schmücken durfte. Nein — wende nichts ein. Deine vielliebe Mutter, Frau Frederunde, muß mir die Freude gestatten, sie muß selber als Gast zu dem Feste kommen." Es geschah alsdann nach dem Wunsche TheophanoS. Ehe der Winter seine weiße Decke über das Land gebreitet hatte, legte im Dom zu Quedlinburg der Hof- kaplan Bernward die Hände TammoS und HildeswithaS zum Lebensbunde in einander. Er sprach über die Worte des Apostels Paulus: „Die Ehe ist ein großes Geheimniß, ich sage aber in Christo und in der Kirche." Die Herzensfreude Bernwards an diesem Hochzeitstage war kaum geringer, als die des stattlichen Bräutigams und der wonnesamen, bräutlich mit Myrte geschmückten HildeSwitha. Das Hochzeitsgefolge war nicht klein, der ganze sächsische Adel hatte die Brautleute zum Traualtar geleitet. An der Hochzeitstafel aber, so in der Kaiserpfalz gar prunkvoll bereitet war, begann ein rechtes hohes Frohlocken, als der Bruder HildeswithaS, Graf Altmau von OleSburg, den Gästen kündete, daß er sich just eben mit der Jungfrau Hedwig von Stederburg zum Ehebund« versprochen habe. 692 Die Brautmutter, Frau Frederunde, war beglückt, daß ihres Sohnes Herz sich der ernstsinnigen Hedwig zugewendet hatte. Nachdem die Jungfrau, welcher Alt- mans erste schwärmerische Neigung geweiht war, Judith von Sommcrschenburg, des himmlischen Bräutigams Minne dessen irdischer Liebe vorgezogen, da hatte die würdige Frau Frederunde nicht ohne Grund befürchtet, der Stammherr auf Olesburg werde unvermählt bleiben. Um so größer war heute das Glück und die tief empfundene Freude ihres mütterlichen Herzens. „Mit Gott!" sprach sie und gab den Segen. Da erscholl der Jubel der frohen Hochzcitsgäste, und Pauken- und Trompetenschall verherrlichte lauter noch das Fest. VIII. Die Bischofsweihe. Einmüjhig ward er da erkoren Und ihm die Nachricht vorgelegt. Deß ward sein Herz gar tief bewegt Von Demutb und Bescheidenheit. Er sprach: „ES wär' mir bitter Leid, So all des ÄmteS schwere Bürde Mir Schwachem übertragen würde; Denn meiner Ohnmacht war es g'mig An dem. was ich biöheran trug." AuS Philipp des KaithLuscrs Marienleben. Während der Dauer von sieben Jahren hatte die Kaiserin Theophano das Reich mit Ruhm verwaltet und sich als eine Herrscherin von festem adeligen Charakter und großer Umsicht erwiesen. Ueberall, wo das Wohl des Reiches ihre Gegenwart erheischte, begab sie sich persönlich hin. In Italien zwang sie die Aufrührer zur Unterwerfung und brachte das kaiserliche Ansehen zur Geltung. Nach Deutschland zurückgekehrt, feierte sie im Jahre 991 noch einmal das Osterfest zu Quedlinburg in großem Glänze, umgeben von vielen deutschen und fremden Fürsten. Alsdann begab sich die thatkräftige Herrin nach Nymwegen zu einer neuen Neichs- versammlung. Hier ereilte sie der Tod in der Blüthe ihrer Jahre. Die Ncgentenlast war den zarten Schultern der edlen Frau zu schwer. Zu Köln in der Kirche Sankt Pantaleon wurde sie ihrem Wunsche gemäß beigesetzt. Nach Theophanos Tode schloß sich der frühverwaiste Otto noch inniger an seinen treuen Lehrmeister Bernward. Ihn zog er allein zu Rath, um zu prüfen, was andere durch Schmcichclworte ihm einreden wollten; denn bei seiner hohen Begabung durchschaute Otto die Verstellung der Hofleute, erkannte er die unbestechliche Ehrenhaftigkeit des väterlichen Freundes. Ja, Bernward mit seiner hohen Bildung, mit seinem für alles Edle und Schöne aufgeschlossenen Sinn war für den geistig regsamen Kaiser-Knaben der rechte Lehrer. Und dieser übertrug der sorglichen Leitung des geschützten Lehrmeisters die wichtigsten Staatsgeschäfte. So ordnete Otto durch seinen Lehrer und dieser durch seinen Kaiser die Angelegenheiten des ganzen deutschen Reiches. Trotz solcher Machtstellung durfte Bernward sich rühmen, keine Neider zu haben. Inmitten der Reichen und Hohen, der Armen und Niedrigen ging der besonnene Priester mit Ehrfurcht erweckender Bescheidenheit einher. Ueberall wußte er das rechte Maß zu finden, den Schüchternen liebreich zugänglich, den Uebermüthigcn achtunggebietend zu begegnen. Den Sinn seines Zöglings weckte er für das Große und Ideale. Der kaiserliche Knabe machte wunderbare Fortschritte in den Wissenschaften, und sein Geist wurde durch die freisinnige Weise des Unterrichtes früh zur Uebernahme aller Neichsgeschäfte gezeitigt, so daß man Otto bald „rnirusiilia mrmäi, das Wunder der Welt" nannte. Selbst in's Feld zum Kampf gegen die aufständischen Wenden und Slaven begleitete der waffenknndige Lehrmeister Bernward mehrmals den siegreichen Kaiserknaben. Das Weihnachtsfest des Jahres 992 feierte Otto und sein Hof in der Pfalz zu Mainz, in jener vornehmen und reichen Stadt, deren Erzbischof die Erb- Würde deS Neichs-Erzkanzlers bekleidete. Am majestätischen Nheinstrom erhob sich der Königshof nicht weit von der erzbischöflichen Burg. Vom Königshofe aus fiel der Blick auf den großartigen noch unvollendeten Dom, dessen Bau Willegis im Jahre 978 begonnen hatte. Mit regster Theilnahme verfolgten der so kunstgelehrte Bernward und sein begeisterter Schüler die Fortschritte dieses Werkes. Am Neujahrsmorgen 993 finden wir die Beiden in einem freundlichen Gemache der Königsburg in gelehrtem Zwiegespräch. Der dreizehnjährige Otto ist mit allen Gaben des Geistes und des Körpers reich ausgestattet; die Vorzüge des Vaters und der Mutter sind auf ihn übergegangen. Er ist von frischer, lebhafter Sinnesart und von schwungvoller Einbildungskraft, was seinem Lehrmeister nicht wenig zu schaffen macht. An ritterlichen Uebungen hat es dem Knaben nicht gefehlt, und in den Wendenkriegen wurde er an Kampf gewöhnt. Begreiflich ist es daher, daß der junge Kaiser seinem Lehrmeister schon kühne weltumgestaltende Pläne vorträgt. Ja, der dreizehnjährige Knabe phantasirt bereits von einem neuen großen Weltreich: Nach altrömischem und byzantinischem Vorbild sollen alle Völker des Nordens wie des Südens vereinigt werden. Bernward hört staunend zu und schüttelt lächelnd den Kopf. Aber noch ehe der Lehrmeister etwas ent- gegnet, wird des jugendlichen Kaisers Sinn abgelenkt durch einen Troß Gewappneter, der am jenseitigen Ufer des Rheins erscheint und rasch über die schon von den Römern errichtete Pfahlbrücke der Stadt zureitet. „Sehet doch nur, hohe geistliche Würdenträger in Violett gekleidet, von Gewappneten umgeben! Der Trupp begehrt Einlaß am Königshof. Was mag das bedeuten?" fragt Otto. Bernward schaute hinüber. „Das ist ja Thangmar, mein Lehrmeister, das ist ja die ganze Hildesheim'sche Domgeistlichkeit, das ist mein Bruder Tammo und der ganze vereinigte Hildesheim'sche Adel!" ruft er und eilt freudig hinunter. „Willkommen, Ihr Herren!" also ruft er in das Getümmel hinein. Welche Ucberraschung! Kein lautes Gegenrufen umher. Entblößten Hauptes in ehrfurchtsvollem Schweigen beugen alle huldigend die Knie vor dem jungen Priester, der mit unbeschreiblicher Würde und Anmuth soeben hervorgetreten ist. Aller Augen ruhen voll Liebe und Stolz auf der hohen vornehmen Gestalt mit den durchgeistigten Zügen, mit dem edlen Anstand in allen Bewegungen. Der weiß nicht, wie ihm geschieht, als nun sein Freund und Lehrer, der Decan Thangmar, gemessenen Schrittes vor ihn tritt, nochmals das Knie beugt und mit kräftiger, weithin schallender Stimme spricht: 693 „Heil und Gruß dem erwählten Bischof von Hildesheim l" Bernward steht ob dieses Grußes unbeweglich da, bleich und stumm. Er kann den Sinn nicht fassen. Da richtet Herr Thangmar sich stramm empor und erläutert: „Ja, mein erlauchter Herr, die Geistlichkeit, der Adel und das Volk unseres Sprengels haben in seltener Ein- müthigkeit Dich, mein Bernward, zum Nachfolger unseres dahingeschiedenen Oberhirten gewählt. Wir aber kommen, um Deine Einwilligung und die Zustimmung des kaiserlichen Herrn zu erbitten." Bernward wird bleicher, seine Augen schließen sich fast, ja seine Hand tastet, wie um dort Halt zu suchen, nach dem Pfeiler des Eingangs. Der thatkräftige Thangmar drängt: „Nimmst Du die kanonisch vollzogene, auf Dich gefallene Wahl als Oberhirt der Hildesheim'schen Kirche an?" Da fliegt mit einemmale helle Nöthe über des Gefragten ernstes Antlitz. Er richtet den Blick gen Himmel und spricht nach kurzem Gebet die Entscheidung: „Ich bin nicht würdig, das Hohepriesteramt zu übernehmen, doch in Eurem Ruf erkenne ich Gottes Stimme." Er breitet die Arme aus; „Nehmt mich hin, meine Treuen, wie ich bin, mit allen menschlichen Gebrechen. Ich gehöre zu Euch! Ja, ich fühle es, dem geistigen Hirtenamt, der Seelsorge für mein heimisches Sachsenvolk vermag ich besser vorzustehen, als des weltlichen Herrscherthums zu walten über das ganze weit verzweigte deutsche Reich, wie es der Kaiser wünscht. Keine andere Ruhmbegierde trage ich im Herzen, als die, meinem Schöpfer Seelen zu gewinnen. Wenn Otto mich entläßt, so folge ich Euch in die Heimath und übernehme dankbar das bischöfliche Hirtennmt." Die Begeisterung und der Jubel der Getreuen war beispiellos. Sie umringten stürmisch ihren zukünftigen Bischof. Die Freude der Abgesandten wurde freilich gar bald gedämpft, als sie den Schmerz und die Bestürzung des jungen Kaisers gewahrten. Der wollte seinen Treufreund, seinen heißgeliebten Lehrer und Nathgeber nimmer Missen; nein, er wollte ihm die höchsten weltlichen Ehren- stellen, wollte ihm Macht und Reichthum geben. Nicht gleich in den ersten Tagen und nicht ohne große Ueberredimgskunst gelang es den Hildesheimern endlich, den Kaiser Zum schweren Verzicht zu bewegen. Am nächsten Sonntage ertheilte Otto dem zum Bischöfe Gewühlten in Gegenwart des Hofes und vieler Fürsten die feierliche Bestätigung und übergab ihm den von der Hildesheimrr Gesandtschaft mitgebrachten Hirtenstab. Die kirchliche Weihe vollzog acht Tage später, am Sonntage, den 15. Januar 993, der Erzbischof Willegis feierlich in der Hauptkirche Sanct Martin zu Mainz. Zu diesem Feste kamen nicht allein die benachbarten Bischöfe, die Geistlichkeit und der Adel zusammen, auch das Volk strömte in hellen Schaaren nach dem Metropolitansitz, welcher der Schauplatz einer so glänzenden FeieOsein sollte. Dichte Mcnscheumassen füllten die mächtige, prachtvoll geschmückte Sanct Martinskirche. Sie harrten mit freudiger Ungeduld auf den Beginn der heiligen Handlung. Da ertönte volles Glockengeläute, und ehrerbietig machte die Menge der Procession festlich gekleideter Priester und Prälaten Platz, welche den hohen geistlichen Oberhirten, den Bischöfen von Mainz, Trier und Worms, voranschritten. Der Anblick der drei so würdevollen Kirchenfesten in reichen bischöflichen Gewändern mit der Jnful und dem Hirtenstab wirkte überwältigend. In deren Mitte schritt ernst und bleich mit demüthig gesenktem Haupte Bernward. Nach dem vor dem Hochaltare gemeinsam verrichteten Gebet bestieg Willegis den Thron. Zu seiner Rechten nahm der majestätische Erzbischof Egbert von Trier, zu seiner Linken der Bischof Hildewald von Worms den bereitgestellten Sessel ein. Die beiden Kirchenfesten assistirten dem Mainzer Oberhirten bei der Weihe, denn: „Es ziemt sich, daß der Bischof von allen Bischöfen der Provinz geweiht werde; im Falle aber dieses zu schwierig wäre wegen bestehender Hindernisse oder der Weite der Reise, so geschehe die Weihe wenigstens von drei Bischöfen," also befahl der vierte Canon des Kirchenraths von Nicäa. Bernward'in langem weißem Gewand, mit der Stola und dem Chormantel bekleidet, wurde vor den Erzbischof Willegis geführt. Er neigte sich in tiefer Ehrbezeigung. Auf einea Wink des Consecrators Willegis verlas der bischöfliche Notarius die apostolische Bestätignngsurkunde zur Weihe. Der Neugeweihte kniete nieder vor dem Erzbischof und gelobte feierlich mit lauter Stimme Ergebenheit und heilige Treue dem Nachfolger des heiligen Petrus, dem Oberhaupte der Kirche, und betheuerte, seiner Gemeinde ein wahrer apostolischer Bischof sein zu wollen. (Fortsetzung folgt.) - » -» Bilder aus Steieriuark, Kärnteu und dem Küstenlande Kram. Von C. Mayer. III. Der Predil-Paß. Tarvis bietet Gelegenheit zu einer Menge schöner Ausflüge. Einer der genußreichsten ist die Partie über den Predilpaß. Der frühe Morgen, in zartem, bläulichem Grau anbrechend und ständig gutes Weiter verheißend, trieb uns schon sehr bald aus den Federn; noch herrschte vollständige Ruhe im Hause. Als wir uns anschickten, dasselbe zu verlassen, fanden wir uns eingeschlossen; indeß Mühe und Schläue half uns den schweren Riegel b. festigen, und das Thor nach unserm Weggange mit Wucht wieder in's knarrende Schloß fallen lassend, kümmerte es uns wenig, welcher Bettpfosten erzitternd dabei den säumigen Schläfer weckte. Ein Bäckerknabe, frische, knisternde Brödchcn im hohen Tragkorbe, trat uns in den' Weg, und es wurde sofort etwas von seiner warmduftenden Bürde ihm abgekauft. Fröhlich ob des glücklichen Besitzes stärkender Brödchen, wanderten wir in den thaufrischen Morgen hinaus. Ein Gang voll hehren Genusses! — Die Reichs- straße dringt mitten in das Herz der Julischen Alpen und folgt dem r'auf der Schlitza, die als echtes Gebirgskind in ihrem gerölligen, vielfach mit großen Felstücken durchsetzten Bette cinherstürmt. Nach halbstündigem Marsch erreichen wir das einsame Dorf Fl itschl, dessen Häufer- gruppe in der Eigenart des slovenischen Baues, mit den dicken Mauern und den kleinen, durch starke Eisenstäbe gesicherten Fcnftcrchen, einen weltverlassenen Eindruck macht. Der schönste Blick ist zunächst dem Kirchlein auf das dunkle Thal mit seinem wilden Wasser, den weit »»«einander liegenden, ärmlichen Gehöften und dem düster- ernsten Hintergrund der sich erhebenden Felsgebirge. Die Romantik der Gegend steigert sich. Wild und zerklüftet schauen die zerrissenen Gipfel der steil aufstrebenden Berge in das enge Thal. Wir sind in Kalt- wasser, einem großen Bleipoäwerke mit freundlichen Wohngebäuden, am Zusammenfluß des Schlitz«- und Kaltwasscrbaches. — Die Straße steigt und gewäbrt zwischen tiefgrüncm Nadelholz freien Blick auf die Hochöfen und Bleiwerke in der Thalsohle. Zahlreiche Fuhrwerke, welche mit schwerer Ladung von Zink, Blei und Galmei den Betrieb der Pochwerke und Schmelzöfen vermitteln, beleben die stark bergan ziehende Straße. Ein einfaches Wirthshaus trägt über dem steinernen, romanisch geformten Thorbogen eine Einladung zur küblcn Rast vor dem ermüdenden Aufliege; die kunstlosen Verse — in drei Sprachen, deutsch, italienisch und slovenisch, abgefaßt — zeigen, wie enge diese drei Volksstämme sich hier berühren, oftmals ohne gegenseitig ihre Sprache zu verstehen. — Bist der Steigung erweitert sich das schluchtarkige Tbal, aber es n mmt nicht ab an Wildheit und Sterilität. Ein weites, weißes GrriMeld, unter welchem man das Wasser nur von Ferne rauschen hört, bedeckt als Raibler Gries den Thalbodm; dicke Rauchwolken, die schwer über der Häuscrgruppe lag rn, verkünden, daß wir uns Naibl, einem der größten Berg- und Schmelzwerke Kärnlens, nähern. Ohne die herrliche Bergumrahmung näher zu beschauen, treten wir, von Hunger und Durst nach zweistündigem Marsche getrieben, in das erste sich öffnende Wirths- häuSchen. Qualm und Dunst füllt die Stube; eine Menge zechender Arbeiter und verschiedenes Volk sitzt auf den Bänken; die Wirthsleute begriffen nach einem einzigen Blick auf uns, daß uns diese Gesellschaft nicht zusaote, und öffneten eine Thüre zu einem nebenanstchcnden Gemach; aber diese Atmosphäre von Wirths-, Wohn- und Schlafstube, dieses undefimrbare Chaos von Möbeln und herumliegenden Gegenständen, ungemachten Betten flößte noch weniger Vertrauen ein; dazu eine unheimliche, uwmicnartige Alte, die aus einem zerschlissenen Leinffttchl aufkrabbelte, und kein anderer Ausgang aus dem mit Eisenstäben an den Fcnsterchen verwahrten Nuim, als durch die lärmende Menge, von deren slovenisch klingendem Idiom man noch dazu nichts verstand. Neini lieber im frischen, kalten Morgen vor dem Hause, als in dieser Mäusefalle. Doch das Göscner Bier und der Wein schmeckten vorzüglich, und die Unheimlichkcit schwand mit dem leeren Magen. Von Naibl klimmen zwei Straßen zur Höhe deS Predilpasses hinan, die Sommer- und die Winter straße. Letztere führt an dir Ufer des Raibler See's und wird in der schlimmen Jahreszeit, solange Lawinengefahr herrscht, stets benutzt. Erstere, für den Sommer gebaut, führt rascher zur Höhe und gewährt einen wundervollen Blick auf das Raibler Thal, in dessen Bild voll Anmuth und Majestät man sich stundenlang in trunkener Vergessenheit versenken könnte. In der Tiefe der lichtgrüne, sonnen- durchleuchtete, grünumsponncne See mit seinem Jnselchcn, wo zwischen Föhrenschatten ein Nindcndach schimmert, — in mäßiger Ferne das rauchgeschwärzte Städtchen, das sich an den Königsberg lehnt, an dessen Flanke die schmalen Wege der Knappen und die Schlundlöcher der Einqangsstollen bis zur halben Bergesböhe binanzichen. Rund im Kranze, herrliche Contourcn im blauen Äeiher zeichnend, die großartigen Felsengeb rge: der Seckopf. die Caningnippe, die mächtige Wischberggruppe und das Kalt- wassergcbwqe, der Albcikopf, die Zinne des Königsbcrges, die vielzackigen Lahn- und Fünsspitzcn, der grüne Prcdil, theils wild zerrissen und von Geröllhaldcn durchzogen, theils von dunklem Wald und üppiger Alpenflora bedeckt. Wir sieben die mit Alpenrosen besäumte Predilstraße weiter. Eine Menge Arbeiter, meist Slovenen, begegnen unserm Weg. Sie geben zum Bergwerke liinob, wo »äst die ganze umliegende Bevölkerung als Knavpcn Beschäftigung findet. Jeder bringt in einem eigenartigen, gefällig geformten, hölzernen Gefäße die Milch zur Po'enta mit, der hauptsächlichsten Nabruug der armen Bergbewohner. Nun präsent!« sich die prächtige Mangartgruppe mit ihrem massigen Fclsenhaupt; entzückt ihrer weitem Entfaltung zustrebend, erreichen wir die Paßhöhe, eine Stunde von Raibl, ein prächtiger Uebcrgoug, der durch das Jsonzolhal den Verkehr mit Italien vermittelt. DaS kleine Wirthshaus am Predil mit seinen paar benachbarten ärml chen Häusern, bat trotz seiner Unansthii- lichkcit einen regen V rlehr von Fuhrwerken und Neisr- wagen aller Art. Einen hochinteressanten Back genießt man nach Süden von der Höhe aus in das grün um- wobene, von grauen Felieumassen durchzogene Tnal. — Wunderschön gruppstt sich der Mangart, der Jaluz. Die steil abfallende Straße verfolgend, kommen w r an das kleine Fort Predil. Warnungstafeln besagen, daß es jedem Fremven verboten ist, sich in der Nähe der Fortlfikation aufzuhalten oder gar eine Z ichmng davon zu entwerfen. Hart an der Straße, an die Fe,,ungs- mauer angeleimt, ist das schöne Denkmal: „Zur Erinnerung an den Heldentod des k. k. Jngcmcurbaiiptmamis Johann Herman v. He mans- dorf am 18. Mai 1809 und der mit ihm gefallenen Kampfgenossen. Kaiser Ferdinand I." eine Steinpyramide mit sterbendem Löwen aus Metallguß, dem Luzerner Löwendenkmal nachgebildet. An einer Slwßcnwindung, die weit in die Furche zwischen Man» gart und Jaluz cin'ch- eidct, kommen wir an die Cori- tenza, die, zwischen Geröll hervorbrechend, sich unter der Straße in einen tie'cn, von gerade aufstrebenden Felsen- mauern gebildeten Kessel in brausen!'em Falle stürzt und im tiefen Felsenbctt sich den Weg nach der bwühmten Flrtscher Klause bahnt. Bis zu einer Entfernung von zwei Stunden beherrscht hier das entzückte Auge tue Gegend. Die im Sonnenbrand weiß schimmernde Straße windet sich, den Einschnitten der Berge folgend, in großen Krümmungen zur Tiefe; an ihren Saum sind die langgestreckten Dörfer Ober-, Mittel- und Unterpreth mit ihrer kleinen Kirche malerisch gebettet; zu den schon genannten Bergkuppen treten die Confinspitzc, der prächtige Nombon. Aus dem satten Grün der Wiesen und Wälder leuchten die weißgrauen Fclsenhäuptcr und braunen Runsen, überspannt vom glänzenden Blau des südlich angehauchten Himmelszeltes; im tiefen Felsenrinnsal streckenweise verschwindend, perlt der eilige Bach. Nachdem wir im tiefen Schatten des Berge- wohlthuende Rast bei frischem Qneüwaffer und unsern mitgebrachten Speiseresten gepflogen, wanderten wir, um uoch länger des Anblickes 695 froh zu sein, bis Oberpreth; allein in Anbetracht der sengenden Hitze, die uns auf der stark ansteigenden Straße zu sehr bedrückt haben würde, entschlossen wir uns, um« zukehren. Im mäßigsten Tempo erreichten wir die Paßhöhe. Die dienstthuende Wache des Forts verfolgte lange vom sonncnbeschienenen Dach aus unsere Schritte, wahrscheinlich nur aus Mangel interessanterer Abwechslung in ihrem monotonen Dienste. Nach Raibl zurückgekehrt, suchten wir dieses Mal das beste Gasthaus auf, welches nichts zu wünschen übrig ließ und auch ein Touristenhaus zur Aufnahme von Alpenvereinsmitgliedern besitzt. Ein Netourwagen noch TarviS wurde freudigst begrüßt, da der Rückweg doch recht ermüdend geworden wäre. IV. Die Weißenfelser Seen und der VeldeS-See. Laibach. Die Kronprinz Rudolf-Bahn brachte uns zunächst an Station Ratschach. Das Thal von Ratschach ist einfach, aber mit schönem, weitem Blick auf die Berge: den Mangart, Ponca Delika, Duina, Fiinfspitzen und Kaltwassergebirge, den Luschariberg, den Brachnik, sowie auf die schluchtartige Einsenkung, in welcher die Ortschaft Wcißenfels mit ihren Gewerkschaften liegt. Ueber Wiesen wenden wir uns dem hohen Fichtenwalde zu; ein ziemlich steiniger, mäßig ansteigender Weg führt uns dem Seebach entlang, der sprudelnd, lichtblau in zahlreichen CaScaden zu Thale hüpft. Nach drei Viertelstunden stehen wir am ersten See und wenden uns, an dessen östlichem Ufer einen schattigen Weg verfolgend, dem Rudolfsfelsen zu, einem Felsenriff, das beide Seen trennt und den besten Ueberblick über den zweiten, kleineren See bietet — ein düsteres, einsames Wasserbecken von Fichten, Lärchen und dürftigen Alpcriwicsen umsäumt. Die Wände des Mangart mit dessen imposant geformten Felsenmassen, um den Scespiegcl ein kolossales Amphitheater bildend, senden riesige Geröllhalden an seine Ufer. Ein schwindelnder, gefährlicher Steg führt vom See aus auf die senkrecht emporstrebenden Gipfel. Der melancholische Ernst dieser Natur findet auch einen Widerhall in unserm Gemüthe, und gern wenden wir uns dem ersten, freundlicheren Seebilde zu. Unvergeßlich bleibt mir dort die Rast auf der kleinen Halbinsel, in der einfachen, rohgezimmerten, von Slovenen gut und billig bewirthschafteten Ncstaurationshalle; bei gemüthlicher, herzlicher Plauderei mit Neisegenosscn überließen wir uns ganz der scelenvollen Wirkung, die der Reiz des lieblichen, anziehenden Laudschastsbildes ausübte: der dunkelgrüne, leicht gekräuselte Seespiegel mit reizenden Fels- und Waldbädern in seinen Fluthen, darüber die herrliche Mangartgrnppr, deren wilde, steil zum zweiten See abfallende Geröll- und Schutthalden durch sanfte Waldunnanmung verdeckt sind, Ungern schieden wir von der trauten, vom Hauch einer erhabenen, jungfräulichen Natur beseelten Stelle, um zum nächsten Zuge wieder in Natschach einzutreffen. Die Fahrt geht weiter', vorüber an Krön au, an der Mündung des wilden Pisenza-Thales, und an Moistrana, dem Eingang des als großartig geschilderten Urata-Thales, mit prächtigem Blick auf den Triglav, den drcigipfcligcn Vergriffen Oberkrains. Bei Station Lees vertauschen wir das rauchige Bahncoups mit dem offenen, luftigen Postwagen, der uns westlich über die Save in einer halben Stunde nach VeldeS bringt, das als die Perle, das Paradies Oberkrains bezeichnet wird. In der That ein wunderliebliches See- bild: groß, tier, leise bewegt, in wunderbaren Tinten spielend, die wcchselvollen Usergelände im klarsten Spiegel» b-ld aufnehmend. Eine Kahnfahrt auf den krystallenen Fluthen bringt uns auf die reizende, kleine Jnel, einen mitten im See aufragenden bewaldeten Bcrgkegel; gekrönt durch die Wallfahrt Maria im See. Ein schattiger Weg, vorüber an einer Lourdeskapelle, die zu frommer Erinnerung an eine Prinzessin Windisch-Grätz, geb. Oct- tingen-Spielberg, erbaut ist, führt einerseits zur Kirche hinauf, während an der andern Seite unmittelbar aus dem See eine-breite, 98 Stufen hohe Steintrepve zum Kirchenplateau aufsteigt. Dieselbe zeigt uns in einer an der Mitte derselben seitwärts angebrachten Inschrift den Namen und die Widmung des Erbauers, nebst Jahreszahl. Die Kirche selbst besitzt einen reich vergoldeten Altar mit Marmormosaik; neben der Kirche ist der dicke, viereckige Thurm mit dem Wunschglöcklein, dessen Heller Silberklang die Erfüllung der mannigfachen Wünsche der armen Erdenkinder vom Himmel gewähren soll. Schade, daß ich im rechten Augenblicke mit der Legende nicht betraut war und erst später davon erfuhr, als die unregelmäßigen, hellen Glockenschläge, die bei unserer Rückfahrt über den See zitterten, mir auffielen. Mein Herz hätte wohl auch Ursache gefunden, das Wunderglöcklein zu erproben. Die Aussicht von der Höhe des lieblichen Eilandes ist fesselnd. Im Osten erhebt sich auf einer höchst malerisch gestalteten, 120 m hohen, senkrecht dem See entsteigenden Felswand das alte, aber wohlerbaltene, nun einem Wiener Bankier gehörige Schloß Veldes; lieblich bewaldete Ufer bergen den Ort mit der höher gelegenen Kirche; im Anschluß ein Kranz von Villen, eleganten Bade-EtablissementS und parkartigen Gärten — das Louisenbad, die Espla- nade Mallner rc. Darüber erhebt sich ruhig und ernst in mäßiger Ferne das kahle Gebirge, nordöstlich der prächtige Stou; in der westlichen Senkung zeigt sich der weiße Scheitel des felsengezackten Triglav; südlich bezeichnet ein jäher Absturz der Berg- und Hügelkette die Mündung des Wocheiner Thales. Unser kleiner Slovcne, der die Zeit im sonnen« beschienenen Kahn verschlief, brachte uns ungefährdet an seines Vaters Häuschen zurück, an dessen Außenseite ein uraltes, in Stein gemeißeltes Marie: bild eingefügt ist und dasselbe als das Heim einer alten Bildhauerfamilie kennzeichnet. Im Schatten hochgewötb'er Baumkronen verfolgen wir noch lange die den See umkreisende Straße, bis Hunger und Müdigkeit uns zurück in's Louisenbad führen. Die Abendsonne in ihrem verglimmenden Roth malt den Scheitel der Berge, Friede athmet der duftige See; stimmungsvoll erzittern fernhaltende Klänge einer Kur- musik, dazu das Geplätscher der am Kiel des Tschinagl (Kahn) sich brechenden Wellen. Selbst das rege, sajhio- nable Badeleben und das stillgeschäitige Treiben in der nahen, äußerst reinlichen und schmucken Musterküche des Hotels sind nicht im Stande, diese Poesie zu stören. Die Abendvost bringt uns wieder zurück nach Lees, wo wir bei stockfinsterer Nacht noch in das Dorf wandern, um im Touristenhause des sehr empsehlenswerthcn Gast- hofeS von Wucherer nach des Tages Mühen und Genuß gute Verpflegung, vortreffliche Weine und angenehme Ruhe zu finden. Leider nicht zu lange, da der erste Frühzug 696 zur Weiterreise nach dem Süden benutzt werden mußte. — Morgengrauen und dichter Nebel verhüllt die Landschaft und begünstigt eine kleine Huldigung, die wir dem zu früh entronnenen Gotte Morpheus nachzubringen hatten. Das mächtige Rauschen der Save dringt in unsere Träume, und wir bemerken, daß dieselbe eng gebettet zwischen den Karawanken und Julifchen Alpen neben der Bahn dahin- stürzt. Enge Thalspalten zwischen den Ausläufern der Tcrglougruppe gestatten prächtige Blicke auf den sie beherrschenden Berg. Wir kommen nach Krainburg, der frühern Herzogsstadt, die, bespült von zwei Flüssen, der Save und der sich in erstere ergießenden Kanter, auf freundlich bewachsenem Felsvorsprung, recht hübsch erscheint. Den Hintergrund deckt ein Kranz von Bergen, während südlich die sich öffnende weite Ebene freien Ausblick gestattet. — Das Wetter klärt sich; schon in Bisch oflack zeichnen sich, trotz der in der Tiefe liegenden Nebel, die Contourcn der Gebirge am reinen Morgenhimmel; bei Zwischen wässern sehen wir hell und freundlich die hohe Wallfahrtskirche am waldigen Smar- nagera (Smarrcnberg) über die weite Landschaft erglänzen. Die aufsteigende Sonne erdrückt das Nebelmcer; in reinstes Sonnengold getaucht, erscheint Feld und Flur und die zerstreuten Ortschaften und Kirchen, während Nosa- duft die starren Gebilde der Karawanken milde um- leuchtet. Wir sind in Laib ach, der lebhaften Hauptstadt Krams; weitläufig, in großartigem Maßstabe angelegt, gruppirt sie sich um den die Stadt hoch überragenden Schloßberg. Derselbe, ein langgestreckter Bergrücken mit hübschen Promenadewegen, trägt an seinem der Stadt zugewendeten, jäh abfallenden Ausläufer das ehemalige Schloß, nunmehr Staatsgesängniß. Eine breite, von hohen alten Bäumen beschattete Fahrstraße führt hinaus; gerne wird Touristen die Erlaubniß zum Eintritt bewilligt, und wir erfreuten uns hier der prächtigsten Fernsicht. Auf der weiten Fläche, nördlich das Laibacher Feld, südlich das Laibacher Moos genannt, lagern zarte Nebelschleier, vom Sonnenduft goldig durchwoben; gleich freundlichen Oasen entsteigen demselben die Ortschaften, die blinkenden Thürme, die noch weit Verfolgbare Trace der Eisenbahn; ein vielfach geschlungener Gürtel stets höher emporstrebender, oftmals durch weithin sichtbare Kirchen gezierter Bergspitzcn, überragt von den feinen Linien des Kosciutagcbirgcs und der Steiner Alpen mit dem Grin- touz, begrenzen den Horizont; märchenhaft, ein bleicher Geist, entsteigt in fernem Nordwest der mächtige Triglav dem Dunst-, Wald- und Hügclmecre. Belebend sind die hübschen Einblicke in die Straßen und Plätze der Stadt und in ihr buntes Getriebe, das heute durch Abhaltung eines Katholikentages, welcher 2—3000 Gläubige, großen- thcils slovenische Geistliche, vereinigte, noch erhöht wurde. Da wir schon um 6 Uhr angekommen und bis Mittag blieben, hatten wir Zeit genug, uns die vorzüglichsten Merkwürdigkeiten der Stadt anzusehen, unter denen der Valvasor-Platz mit der Statue des Vodnik, der Dom, ein Nundgewölbe mit hoher Lichtkuppel, die schattige Stern-Allee mit der colossalen, 2 m hohen Büste Nadetzkh's, aus Bronze auf einem Stein-Sockel, die Deutschordenskirche mit der Gedenktafel von Anasta- sius Grün besonders ausfielen; längs des Quai an der rauschenden Laibach reihen sich die zahlreichen, reinlichen Derkaufsstände mit reichhaltig und auserlesen angehäuften Dictualien aller Art. Durch die Lattermanns-Allce gingen wir noch nach Tivoli an das Nadetzky-HauS. Auf der breiten Schloßterrasse, umgeben von hübschen Garten- und Park-Anlagen, prangt die vergoldete Statue Radetzky's auf weißem Marmorsockel mit der Inschrift: „Soldaten, der Kampf wird kurz sein — Nochmal folgt Euerm greisen Führer zum Sieg — Armeebefehl vom 12. März 1849." Seitwärts liegt recht hübsch die für großen Besuch berechnete Restauration „Schweizerhaus"; ein herrlicher Park führt zur Höhe, zum Rosenbichl, mit weiter Aussicht, dem Schloßberge gegenüber. Nur slovenische Laute umtönen das Ohr, mit denen sich unsere Zunge umsonst abquält, wie: lekriria, — Apotheke, vrtuarija — Gärtnerei, tr§ kriseovinski — deutscher Platz, ^xäokovatslja. — BcfcncrZeuger, — N-chtraucherconpv rc. rc. Man konnte sich nur an gebildete Leute wenden, von denen man sicher war, deutsch verstanden zu werden, wenn man eine Auskunft wollte. Sehr liebenswürdige und zuvorkommende Winke ertheilte uns der Vorstand des dortigen Alpenvereines, Herr Or. Bock, besonders was die Besichtigung der Grottenwelt des Küstenlandes betrifft. Durch seinen eindringenden Rath aufgemuntert, versäumten wir nicht, die neu erschlossene Grotte von Otok, sowie die St. Kanzians-Höhlen bei Divaoa, trotz alles Schauerlichen, das uns von letzteren bekannt war, dem Besuche der Märchenwelt von Adelsberg hinzuzufügen. Noch am selben Nachmittage entführte uns die Bahn über die mächtigen Viaducte in doppelter Bogenstellung, die bei Franzdorf das Laibacher Moor überbrücken — 25 Bogen, 38 in hoch und 569 m lang — nach der Höhe des Gebirges; in großen Windungen mit schönen Rückblicken auf die Laibacher Gegend bis zum Grindouz, erreicht sie bei Planina-Nakek den Scheitel der Berge; hohe Fichtenbestände, mit breiten aus der Erde wachsenden Felsstücken vielfach durchsetzt, umsäumen die Bahnstraße; üppige Waldvegetation, von graublühcn- der, wilderClcmatis und andern Schlinggewächsen durch- wuchcrt, sichert dem Auge einen wohlthuenden Nuhepunkt. Wir sind in Adelsberg, unserm heutigen Reiseziel. (Fortsetzung folgt.) -—8-WWS-"-- Schachaufgabe. Schwarz. 4 L e o L d' (- L LL- M Weiß. Weiß zieht an und setzt in 3 Zügen matt. --EZS--