ZL9L. Areitag, den 9. November Für die Redaction verantwortlich: Philipp Flick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). DermvrrrÄ rwrr ZiLdesheim. Erzählung aus dein zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) IX. Der Einzug in Hildesheim. Von allen Wegen müudci's Wie Büchlein in den Strom, Ihm das Gefolge schwellend. Und feierlich leuchtend blicket der HimmclSdom. Ew.ilie NingScis. Ein Gesalbter des Herrn, ein Gerüsteter zur geistlichen Wehr, so zog Bernward im Geleite gar mancher Getreuen seinem Stifte Hildesheim zu. Ein Theil der Hildesheimer Gesandtschaft, fürnchm- lich der Dccan Thangmar und der Graf Altman von Olesburg, war vorausgeeilt, sobald VernwardS Annahme des Bischofsstabes und des Kaisers Einwilligung erfolgt waren. Die Herren konnten die Zeit kaum abwarten, ehe sie dem Hildesheimer Stifte die frohe Botschaft überbrachten, und im ganzen Lande rüsteten sie darvb freudig zur Feier des Einzuges. Es war an einem sonnig klaren Wiutertage, als Bernward mit seiner stattlichen Gefolgschaft gen Gan- dersheim kam, so an der Grenze seines Sprengels lag. Welch ein Leben herrschte in dem sonst so stillen Grenzorte! Allhier holte Graf Altman von Olesburg mit dem ganzen Hildesheim'schen Adel den Bischof ein. Das wogte heran in allen Farben. Vorauf flatterte roth und gelb das Hildesheimer Banner mit dem Stists- wappen und dem Vischosshut darüber, gar stattlich zu schauen. Ueber das Glockengeläute der Klosterkirche hinweg klang lauter noch der festliche Schall von Trompeten und Pauken und das helle Jubclrufen der Menge. Alsbald hatten die adeligen Herren den Bischof wie mit einem Kranze umritten, und Graf Altman von Olesburg entbot herzensfreudig dem geweihten Sohne des Landes den ersten WMommengruß auf der Heimaiherde im Namen des Stiftes Hildesheim. Als nach der frohen Begrüßung sich der Festzng mit dem Bischof an der Spitze in Bewegung setzte, zeigte sich den Ankommenden ein gar freundliches Bild. Die Nonnen des Klosters Gandersheim mit ihren Zöglingen hatten sich vor dem Portale aufgestellt und winkten mit Schleiern und Tüchlein dem Oberhirten entgegen. „Inst dasselbe Bild, wie wir da vor fünfzehn Jahren erschauten, als wir unsern Herrn Othwin begleiteten", sprach Altman und fügte hinzu: „Die dazumal so stattliche Herrin Gerberga liegt heut siech in ihrem Lehnstuhl, und die Kaiserstochtcr Sophia, so die Stelle der verehrungswürdigsten Mntter vertritt, ist auf Reisen, um Verwaltungs-Angelcgenheiten des Klosters zu regeln." Bernward beschattete das Auge mit der Hand und spähte hinüber. „Da gewahre ich aber inmitten der Klosterfrauen eine hohe Gestalt, welche den Krummstab trägt; der Schleier verhüllt ihr Angesicht. Wer ist diese?" Altman's Stimme bebte in freudiger Bewegung, als er zur Antwort gab: „Deine fromme, edle Schwester Judith, die erlauchte Aebtissin von Ningelheim, ist auf den Ruf der Schwestern hierher geeilt, um an der Spitze des Konventes Dich, den Oberhirten, zu begrüßen. Dort erblickest Du auch Dein in Gandersheim zur lieblichen Jungfrau erblühtes Schwesterlein Thietburg. Die wonnesame Maid wird die Huldigung im Namen der Zöglinge Dir darbringen." Graf Tammo aber, der gleich hinter dem Bischöfe ritt, hob ein freudiges Rufen an: „Da ist ja auch weine liebe Hausfrau Hildeswitha! Ja wirklich, das ist die Holde! Und das sind meine beiden Kinderlein! O, die Lieben alle konnten nicht warten, sie mußten Dir hierher entgegeneilen." Das wurde ein freudiges, ein weihevolles Grüßen hinüber und herüber. Mit tiefer Bewegung, mit innig empfundenem Glück nahm der Bischof die vielen Liebcsbcweise entgegen. Ja, er konnte nicht umhin, der dringenden Einladung Judiths Folge zu leisten und im Kloster eine kurze Rast zu halten, auf das; auch Frau Gerberga den Segen des Oberhirten empfange. Seit Thangmars Freudcnkuude herrschte Heller Jubel und frohe Schaffenslust in der Bisthumshanplstadt Hildesheim. Alle wetteiferten, Bernward von Sommer- schenburg, dem Sohne des Landes, dem erwählten Bischöfe, einen würdigen Einzug zu bereiten. Auf allen Wegen strömten die Völker des Sprengels in dichten Schaaren nach der Hauptstadt, um den Bischof zu sehen, zu empfangen. — 706 '' Als vom Moritzberge herab der Ruf ertönte: „Er naht!" und als dann die Glocken deS Domes mit vollem feierlichem Geläute kündeten: „Er kommt im Namen des Herrn!" da schaute der Thnrmwüchter auf ein mächtiges Volksgetümmcl hinab, da erblickte er flatternde Wimpel, buntfarbige Teppiche, duftiges Tannengrün allenthalben, wie bei dem Einzüge eines Königs. Hil- desia hatte ein prangendes Festgewand angelegt. Bei dem Geläute der Glocken verließ der stattliche Zug der Domherren im priesterlichen Ornate unter Vor- tragung des Kreuzes das Münster. Sie führten die harrenden Gläubigen in Procession dem Bischöfe entgegen. Am Eingänge der Stadt erhob sich ein aus Tannen- bäumen errichteter, mit grünen Tannengewinden und mit farbigen Wimpeln geschmückter Triumphbogen. Hier erwartete der Domdccan Thangmar, umringt von der Geistlichkeit und einem Theil der Bürgerschaft, die herannahenden Oberhirtcn. Thangmar, der Vorsteher der Domschule, der ur- kräftige Sachse, hatte das Wort in seiner Gewalt, doch bet der großen überwältigenden Freude, seinen geliebten Schüler mit der Bischofswürde bekleidet in die Hauptstadt einziehen zu sehen, da stockte ihm die Nede vor Bewegung und Glück. Seine schöne, wohl ansgedachte Ansprache hatte er vergebens ersonnen. Er brachte nur wenige, feurig empfundene Herzensworte des Willkommens dem gottgesandten Oberhirten dar. Gerührt dankte der Oberhirte für den liebevollen Empfang und sprach, von Gottes Gnade gestärkt, wolle er mit Demuth und in Kraft seines Amtes walten und den Hirtenstab tragen und der treuen Anhänglichkeit Hildesheims würdig werden. Unter brausenden Jubelrufen des Volkes hielt der Bischof Bermvard seinen Einzug in die Stadt. Die Pfarrgcistlichkeit der Diöcese und die Domherren, alle im Festornate, schritten voraus. Der Bischof ritt auf schlohweißem Roß, und vier Grafen: Tammo von Som- merschenbnrg, Altmau von Olesburg, Lindolf von Gud- dingo und Jppo vom Harzgau, alle auf weißen Rossen, trugen den Baldachin über des Kirchenfesten Haupt. Die männlichen, edclgeformtcn Züge Bernwards waren starr vor innerer Ergriffenheit, sie hoben sich wie aus Marmor gemeißelt von dem reichen Bischofsgewande ab. An den Ansspruch des heiligen Angustinus dachte er: „Das Wort Bischof ist der Name einer Last, nicht einer Ehre." Er segnete die Schaaren, so entblößten Hauptes in ehrfurchtsvollem Schweigen vor ihm auf die Kniee sanken. Feierlich stille war es ringsumher. Man vernahm nur in der Ferne das volle Läuten der Kirchen- glocken. Die Adelsherren des Stiftes alle zu Pferde folgten dem Bischöfe; wahrlich ein erlesener Hofstaat! Und dahinter wogte ein weites, wachsendes Mcnschen- rueer. So nahm der Zug seinen Weg nach dem Mittelpunkte der Stadt, nach Sanct Mariens Dom. Auf dem Freihofe stiegen alle Berittenen vom Pferde. Die Domherren geleiteten ihren Bischof zum hohen Chöre. Vor dem Hochaltare wurde Bermvard das bischöfliche Festornat angelegt und die Jnful ihm auf'S Haupt gesetzt. Alsdann führte Thangmar, der Domdechant, mit seinen Assistenten den also würdig Geschmückten zu seinem vor den Stufen des Altars errichteten Bischofsthron. Thangmar überreichte ihm den Hirtenstab der Diöcese. Es traten nun alle anwesenden Priester je zwei und zwei hinzu; sie huldigten knieend dem nengewählten Oberhirten, sie küßten seinen Ring und erflehten seinen Segen. Nach diesem feierlich geschehenen Huldigungsacte kehrten sie mit dem Hochgefeierten zum Altare Zurück. Eiuem altehrwürdigen Brauche geniäß gab der Vorsteher des Domkapitels anjetzo dem neuen Bischöfe die iiipwanotlieoa, nruriana. „Unserer lieben Frauen Heilig- thum" in die Hände. Ein Wunder durch jenes Ncliquien- Eefäß hatte ja einst Ludwig den Frommen zur Erbauung des Mariendomcs und der Stadt Hildesheim veranlaßt. Bernward küßte das heilige Behältniß und hielt es vor sich, während die Gläubigen in mächtiger Begeisterung sangen: „Großer Gott, wir loben Dich!" Als das Tedeum verklungen war, sang ein Priesterchor die Antiphon: „Gestärkt werde Deine Hand und erhöht Deine Rechte. Gerechtigkeit und Gericht sei Deines Stuhles Schmuck und Rüstung! Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem heiligen Gerste. Wie es war im Anfange, jetzt und in Ewigkeit, Amen." Thangmar aber sprach mit lauter Stimme: „Lasset uns beten! Gott, Du Hirt und Führer aller Gläubigen, sieh auf diesen Deinen Diener, den Du zum Vorsteher Deiner Kirche eingesetzt hast, gnädig herab; laß ihn seinen Untergebenen durch Lehre und Beispiel nützlich werden, damit er einstens mit der Hcerde, die Du ihm anvertraut hast, zum ewigen Leben eingehe, durch Christum unsern Herrn. Amen." Der Bischof trat mit der Jnful auf dem Haupte und dem Hirtenstab in der Hand vor die Mitte des Altars und wendete dann nach kurzem Gebet sich zu seinem Volke. Er schritt vor bis an die Stufen des Chors — eine ungemein majestätische, ehrfurchtgebietends Erscheinung. Es schien, als ob sein Angesicht leuchte, als ob sein ganzes Wesen hellen Schein ausstrahle. Mit klarer, voller Stimme hub er also an: „Ehrwürdige Brüder, Volk Gottes, mein Volk! Der Friede sei mit Euch! Im Namen des Herrn, der mich gesendet hat, rufe ich Euch zu: l?ax voloisannr! Der wahre, innere, ächte Seelensriede, den die Welt nicht geben kann, den allein Christus der Herr uns erworben und verliehen hat, der sei mit Euch! Im Namen Jesu, so seine von ihm gegründete Kirche als makellose Braut dem Felsenmanne Petrus angetraut hat, stehe ich in Eurer Mitte. Ich kam zu Euch, die Ihr mich gerufen habt, im Bewußtsein meiner Schwäche, aber auch im Vertrauen auf den Herrn, dessen Werkzeug ich bin und dessen Lehre ich Euch verkünden werde. Euch, meinem Volke, gehöre ich an, von heute bis zn meinem Tode. Die Hildesheimer Diöcese wurde mir bei meiner Weihe als Braut verlobt. Ich nehme die Braut an, welche mir vertraut wurde. An sie bin ich gefesselt für immerdar, gekettet durch Bande, welche stärker sind, als jedes irdische Band, durch die Fesseln der Liebe Gottes. Das Heiligthnm, welches ein deutscher Kaiser, der fromme Ludwig, einst Eurem ersten Bischöfe Gunthar in die Hand gab, um es seiner uengegründeten Hildesheim'- schen Kirche zu schenken, dasselbe Heiligthnm überreichten heute mir, dem zwölften Nachfolger Gunthars auf dem Hildesheimer Bischofsstuhl, geweihte Priesterhände. Dasselbe Heiligthnm wurde mir anvertraut, welches dem 707 heiligen Bischof Altfried, welches meinen großen Vorgängern, die ich von Angesicht kannte, den erhabenen Herren Othwin, Osdag und Gerdag, bei ihrer Thronbesteigung in die Hand gegeben wurde. Ich trete das Erbe an und nehme den kostbaren Schatz meiner Braut in Obhut. Als Gegengabe bringe ich, zu Enerer hohen Freude sei es verkündet, eine werthvolle Reliquie, welche Kaiser Otto uns schenkte, ein Stück vom wahren Kreuzcsholz unseres Herrn Jesu Christi. Dieser Theil vom Kreuze soll uns allen eine stete Mahnung sein, daß der Heiland uns nur durch sein Leiden den Himmel vermittelt hat, und daß eS für uns keinen andern Weg zur Seligkeit giebt, als den Weg des Kreuzes. Möge jede Stunde der Trübsal uns den Ruf entlocken: 0 erux avs gpas unreal O Kreuz, unsere einzige Hoffnung, sei gegrüßt'. In aller Demuth und gestärkt durch die Hoffnung auf Euer Gebet beginne ich mein Amt. Mein Bestreben sei, diese mir angetraute Diöcese, meine Braut, rein und makellos vor Gottes Thron zu führen, damit sie dort glücklich sei in alle Ewigkeit. Amen!" „Amen!" klang es wieder aus Aller Munde, klang es wieder von den hohen Wänden. Dann gab Bischof Bernward seinem auf die Knie gesunkenen Volke den ersten feierlichen Segen, indem er dreimal über dasselbe das heilige Krcuzzeichen machte. So war Bernward seiner Diöcese, die ihn als den Würdigsten berufen, in aller Form vermählt, so hatte er von seinem Bischofsstuhl Besitz genommen. Nicht Thangmar allein, der ihm so nahe stand, auch die andern Priester und das ganze Volk, sie alle ahnten und fühlten, daß mit Bernwards Einzug die Morgenröthe einer neuen, einer großen Zeit für Stadt und Stift Hildcshcim angebrochen sei. Ende des ersten Theiles. * II. Theil. I. In der Kaiserpfalz zu Aachen. Da saß cr, als ob er tickte, Angethan im völl'gcn Schmuck; In der rechten Hand deö Kaisers Lag daS Evcmgclienbuch. Nückert. Man schrieb das Jahr Eintausend nach Christi, unseres Herrn, Geburt. Die Welt war aufgeregt. Voll banger Erwartung harrten die Völker des bevorstehenden Untergangs der Dinge. Die Weissagung der Apokalypse bezog die Menschheit auf das baldige Weitende: „Wann vollendet sein werden die tausend Jahre, wird der Satan gelöst werden aus seinem Kerker; und cr wird ausgehen und verführen die Völker an den vier Enden der Erde, den Gog und den Magog, und wird sie versammeln zum Gefecht, deren Zahl ist wie der Sand am Meere." Also lautete die Prophezeiung dcS hl. Johannes. Sie wurde nachdrücklicher gemacht durch ausfallende Zeichen am Himmel und auf der Erde. Ein großer Komet stieg am Himmel empor: auch geschah es- daß zu derselben Zeit ein furchtbares Erdbeben durch ganz Europa ging. Eine Sonnenfinsternis; schreckte die Seelen, ein Nordlicht zag herauf und machte die Nacht zürn Tage. Das hatte auf die erregten Gemüther schreckhaften Eindruck gemacht, hatte die Einbildungskraft der Völker krankhaft gesteigert. Da war Keiner, der dem Verlauf des Jahres Eintausend mit Gleichgiltigkeit entgegensah. Auf dem deutschen Kaiserthron saß ein schwärmerischer Jüngling von zwanzig Jahren, ein phantastischer Träumer, jedoch erfüllt von dem Bewußtsein der hohen Aufgabe, die ihm zu Theil geworden war. In Ottos III. für alles Ideale glühender Seele stritten stolze Wcltherrschlust und ascetische Weltenlsagung um die Oberhand. Mit fünfzehn Jahren schon hatte er sclbstständig die volle Negieruugsgewalt übernommen. In Nom hatte Papst Gregor V. am Himmelfahrtstage 996 dem sechzehnjährigen Otto die Kaiserkrone auf's Haupt gesetzt. Ein Wendenanfstand an den Ufern der Elbe rief den ganz von den Eindrücken der alten Cäsarcnstadt, von den Erinnerungen an die alte Nömerherrlichkeit erfüllten Kaiser nach seinem Deutschland zurück, um den Räubern eine Niederlage beizubringen. > Bald aber zog Otto von Neuem mit großer Hceres- macht nach der ewigen Noma, nach dem Mittelpunkte des kirchlichen Reiches und der abendländischen Cultur. Nichts Geringeres als die Wiederherstellung des antiken Kaisertums in einer neuen Weltmonarchir erstrebte er. So wollte er das deutsche Kaiserthum auf den Gipfel der Vollendung führen. Das war sein weltliches Ziel. Als nun sein tiefblickender Lehrer Gerbert, der vormalige Erzbischaf von Navenna, am zweiten April 999 als Papst Sylvester II. den Stuhl Petri bestieg, da wetteiferte der junge Kaiser mit dcm Papste in der Wiederbelebung des christlichen Sinnes und in der Sorge um die Kirche, in deren Blüthe er, wie die Besten dc Karolinger, das Gedeihen der christlichen Reiche sah. Ja, die engste, werktätigste Verbindung der geistlichen und weltlichen Macht erstrebte er, damit das Reich GotteS auf Erden begründet und die Wünsche Aller zu dem einen hohen Ziel gelenkt würden. So nahm er seinen Herrschersitz in der alten Kaiserstadt, die, glorreicher als je, Gebieterin der Welt werden sollte. Doch mitten in den größten Erfolgen, auf der Höhe des Ansehens war er von dem Gefühle der Nichtigkeit aller irdischen Macht vor Gott auf daS lebhafteste erfüllt. Zu Ende des Christmonats 999 entschloß Otto sich die Alpen zu übersteigen und eine Wallfahrt zu unternehmen, um Trost und Halt zu suchen am Grabe seines Freundes, des mit der Martyrerkrone geschmückten heiligen Ndalbert in Gnesen. Hier begründete er als dauerndes Denkmal seiner Anwesenheit das Erzbisthum für Polen. Dann zog cr nach seiner deutschen Heimath. In Magdeburg feuerte er Palmensonntag und in Quedlinburg das Osterfest. Darauf fuhr er mit großem Ehrengelcitc aus allen deutschen Gauen über Mainz und Köln nach Aachen, der zweiten Hauptstadt des Reiches. Aachen war ihm wegen der Erinnerung an Karl den Großen der liebste Aufenthalt. Dort in dcm Palaste, in den glänzenden Hallen Karls hielt er Hos; dort feierte er das liebliche Pfingstfesi. - Während der drei Wochen seines Aufenthaltes gewahrte man in dcm bunten, heitern Leben, welches sich in der fränkischen Kaiscrstadt entfaltete, nichts von der ! düstern Stimmung jener Zeit. Bunt war das bewegte — 708 Treiben auf den Gassen. Alle Sprachen schwirrten durcheinander; denn aus aller Herren Ländern waren Völker hier zusammengekommen. Lustig und lebhaft ging es allerorten zu, und nicht am wenigsten laut war es am Abende des Pfingstsonntags, am neunzehnten des Wonnemonats, in der großen Säulenhalle der Kaiserpfalz, allwo Höflinge, Kämmerer, Domschüler, Pagen und KriegSleute am Bautet theilnehmen durften, während der Kaiser mit wenig Auserlesenen droben im hohen Saale beim Festmahle sah. Die fackclbelenchtete, säulendnrchtheilte Halle bot dem Auge ein buntphantastisches Bild dar. Verwandte Geister finden sich überall, das sah man an den lebhaft bewegten Gruppenbildungen. 11m das obere Ende einer langen Tafel schaarte sich eine Zahl von jungen Männern: langlockige Kunstjünger, blonde Sachscnsprossen, wie sie dem gelehrten, kunstsinnigen Bischof Bernward von Hildeshcim, so auf dringenden Wunsch des Kaisers mit hierher gekommen war, aus Wegen und Stegen zu folgen Pflegten, waffen- kundige Krieger aus allen Ländern, geschmeidige Höflinge italienischer Herkunft und fröhliche Rheinländer, die der Kunst hold waren. Sie alle lauschten aufmerksam dem begeisterten Vortrage eines schlanken Jünglings, dessen feingeschnittenes Antlitz von langen blonden Locken umrahmt war. Ein Aachener Patriciersohn, dessen gediegene Naths- herrnkette gar wunderlich zu seinem frischen jungen Gesichte stand, rief dem Redner halb bewundernd, halb eifersüchtig zu: „Wenn Ihr Hildcsheimer Herren nicht mit Worten prunkt und dem so ist, wie Ihr sagt, so wird die Kunstschule Eueres Bischofs an Ruf gar bald dem Eucrer berühmten Domschule gleichkommen und Euere Stadt die hervorragendste Kulturstätte Deutschlands werden." Ein Magdeburger Edclkuappe im Kriegskleide bestätigte eifrig: „Es wird so sein, wie Herr Heribert aus Hildcs- heim uns berichtet. Bischof Bernward leuchtet Allen voran durch Kenntnisse und Leistungen. Er ist selbst ausübender Künstler. Da ist fürwahr keine Kunst, so er nicht mit Geist und Geschick versucht. Bei meinem Aufenthalt in Hildeshcim sah ich ihn mit dem Schurzfell bekleidet, mit Hammer und Meißel in der Hand den Kunstjüngern Unterricht ertheilen. Ich sah ihn, wie er alle Werkstätten, die der Stcinmctze, der Bildhauer, der Erzgießer, der Goldschmiede durchwanderte, hier belehrte, dort Rath ertheilte, da ermnthigte und überall schöpferische Begeisterung weckte." Des blonden Heribert Augen leuchteten. Er sprach mit Bewegung: „Erkennet, Ihr Herren, daran, wie sehr unser bischöflicher Fürst für die Hebung seiner heimischen Kunstschule sorgt, daß er immer etwelche seiner Schüler mitnimmt auf Reisen an den Hof oder zu Reichstagen, auf daß Jedem in seinem Fache Gelegenheit werde zur möglichst vollkommenen Ausbildung. Dabei mahnet er immerdar, uns in allem zu üben, was in irgend einer Kunst als das Würdigste sich darbietet." „Mit Verlaub, Herr Heribert," also rief ein schwarzlockiger Mainzer, der im Neustem sich kaum von den dunkeläugigen gebrannten Römern unterschied, vorlaut dazwischen, „verrathet uns doch, welche dex ehrsamen Künste Ihr als Euer Fach anseht." ! Da schüttelte der ernste Sachse mit lustigem Lachen ! die blonden Mähnen zurück. „Darin geht's mir just, wie unserm gelehrten Meister. In rastlosem Eifer strebe ich nach der Kunst, edle Steine in Gold zu fassen, Metalle zu schmieden, Erz bildnerisch zu gießen. Ich möchte die Gesetze der Architektur gründlich kennen lernen, die Malerei mit Feinheit üben und mir die Bildhauerkunst zu eigen machen. Ja, in allem dem möchte ich es dem Meister nachthun; und das gelingt mir vielleicht später unter dem Einfluß seines herrlichen Geistes. In einem freilich wird Keiner ihn annähernd erreichen, in seiner tiefen Gelehrtheit und Bücherweisheit." Der Aachener Magistratsherr wiegte bedenklich den rothwangigen Kopf, er hatte ein Häkchen gefunden: „So wird Euer die Wissenschaften und Künste also pflegender und fördernder, ja sich ganz denen hingebender Landesherr nicht viel zum heute so nöthigen Schutze und zur Grenzvcrtheidignng seines Sprengels zu thun vermögen." „Oho, Herr Nathsherr, da habt Ihr gründlich fehlgeschossen!" rief in ehrlicher Entrüstung ein keck dreinschauender Kricgsmann mit spitz cmporgedrehtem Schnurr- bart. — „In mir seht Ihr Graf Bardo, der als Befehlshaber auf der Beste Mundburg in bischöflichen Diensten steht. Solche Beste hat der Gelehrte mit großem Geschick am Zusammenfluß der Ocker und der Aller erbaut und noch eine zweite, durch Gräben gesicherte, sehr feste Burg bei Wirinholt errichtet zum Schutz gegen die heidnischen Normannen und Slavcuvölker, so unsere Gauen verwüsteten. Auf die Kriegskunst versteht sich der Bischof so gut, wie auf die Bildnern und die Baukunst, und das Schwert weiß er ebenso geschickt zu führen, wie die Rohrfcder und den Malerpinsel. Den hättet Ihr sehen sollen, wie er an der Spitze seiner Mannen gegen die Feinde zog, selber befehligte und dabei drcinschlug, daß die Funken stoben. Nun haben wir Ruhe vor den nordischen Räubern." Der junge Mainzer Edclhcrr suchte au dem dunklen Flaum über seiner Lippe zu drehen und warf neckisch hin: „Bei so bcwandten weltmännischen Eigenschaften würde Euer hochgepricscner Kirchcnfürst auch lieber als Reichskanzler den Kaiser begleiten, als im Hildesheimer Lande Bischof sein." „Schweigt, Gelbschnabel! Ihr könnt's freilich nicht wissen, denn dazumal lagt Ihr noch fast in den Windeln. Als vor sieben Jahren die Hildesheimer Domgeistlichkeit und der Hildeshcimische Adel just nach Eurer Stadt kam, um dem hochverdienten Lehrmeister des Kaisers den Bischofsstuhl anzubieten, da hatte Herr Bernward schon dir Würde und das Amt eines Reichskanzlers inne. Der Kaiser versprach ihm weltliche Macht und Herrlichkeit ohne Maß und bat ihn unter Thränen, am Hofe zu bleiben. Der Priester aber verschmähte die weltlichen Ehren und folgte dem Rufe seines Volkes, worin er die Stimme Gottes erkannte." „Herr Graf, für einen Kriegsmann wißt Ihr erbaulich genug die Worte zu setzen," meinte her Aachener Nathsherr lächelnd, fügte aber ernst hinzu: „Wahrlich, es gelüstet mich nun, die nähere Bekanntschaft Eueres Bischofes zu machen. Er schaut just so erhaben und liebreich drein, wie der Apostel Johannes über dem Altare unserer Kirche." 709 Feurig rief Heribert: „Da sprecht Ihr wahr! Ein Jünger der Liede ist der Herrliche auch. Tag für Tag, sobald er Gott in Andachtscifer gedient hat, hört er die Klagen der Preßlüften und Bedrückten, schirmt er mit Klugheit und Nachdruck deren Rechte. Darauf sucht er die Hütten der Armen auf und giebt täglich über hundert Dürftigen Speise und Trank. Allen Unterthanen, so von Noth heimgesucht sind, verschafft er durch Geld und Unterstützungen Hilfe und Erleichterung. So versieht er in uneigennütziger Liebe das Hirtenamt seines Sprengels. Das hindert ihn nicht, als Fürst des Reiches eine Stütze des Kaisers und der deutschen Lande zu sein und besonders dem jungen Kaiser kraftvoll mit Rath und That zur Seite zu stehen." „Dem kaiserlichen Herrn thut guter Rath und Hilfe Noth", äußerte ein dunkellockiger Edelpage lombardischer Herkunft. „Herr Otto hat heute Großes im Sinn; denn angezogen vom Ueberirdischen, hat er, das weiß ich, drei Tage und drei Nächte lang gefastet und gewacht." Der Mainzer unterbrach ihn lachend: „Um heute nach der prachtvollen kirchlichen Feier auch weltlich mit um so größerem Prunk das Pfingstfest, die Herabkunft des heiligen Geistes zu feiern! Mir war ein Blick in den Fcstsaal vergönnt, da sah ich genug." Der lombardische Page ließ sich nicht beirren. „Mein kaiserlicher Herr hat sich durch dreitägiges Fasten zu Großem vorbereitet. Er hat, das weiß ich, Ernstwichtigcs vor." „Seht, seht," so raunte Heribert rasch dem Aachener Nathsherrn zu, der stattliche Ritter, welcher so selbstbewußt, mit edler Haltung die Halle durchschreitet, ist der kaiserliche Trnchfeß, Graf Tammo von Sommer- schenburg, der Bruder unseres Bischofs. Wen mag er hier unten suchen?" Des Kmistjüngers Frage wurde sogleich durch den Grafen selber beantwortet. „Lieber Heribert," also redete er den Jüngling an, „der Kaiser hat von Euerer Saugeskuust vernommen und will ein Lied von Such hören. Nehmt das Saiten- spiel und folget mir." Jung Heribert suchte schweigend seine Harfe und beeilte sich, der Weisung nachzukommen. (Fortsetzung folgt.) - -«—> - Bilder M!Z Stcr'ern-.ark, Körnten und dem KiisirnlMde Kram. Bon C. Mayer. (Fortsetzung.) V. Adclsbcrg und die Tropfstein-Höhlen. Adclsbcrg! ein Ruf, der viclrerhcißcnd unserm Ohr erklingt; eine neue Welt, mysteriös und märchenhaft, — die Resultate eines neuen Wissensgebietes — die Wunder des Erdiuncrn — die grotesken Höhlcn- bildungen des Karstes, — dies alles tritt mit diesem Rufe vor die Seele. Voll freudigen Ahnend ob eines noch nie gesehenen Naturschauspiels betreten wir den gcheimkiiß- reichen Boden; unsere Vorstellungen und Erwartungen sollten aber noch übertreffen werden. Die Adclsbcrger Tropfstein-Höhlen, schon im Mittelalter bekannt, sind zwar schon seit Anfang dieses Jahrhunderts, seit 1818, neu entdeckt und vielfach besucht und bewundert; die alpine Forschung indeß wendete sich seit noch kaum einem Jahrzehnt neuerdings diesen hochinteressanten Entdeckungsfahrten zu, brachte ihnen das regste Interesse mit Ueberwindung hoher Gefährlichkeit entgegen und lenkte die Aufmerksamkeit des touristischen Publikums, dem heute dieses Höhlengcöict durch ausgezeichnet sichere Weg-Aulagen zugänglich gemacht ist, auf diese einzig dastehende Eigenart des Karstgebirges hin. Adelsberg, so hochinteressant durch seine Grottenwelt, ist ein wohlgebauter, freundlicher Ort und fesselt durch seine landschaftlichen Reize; es verlohnt sich wohl, dort für ein paar Tage Absteigequartier zu nehmen. Im Gasthose „Zur ungarischen Krone" von Donat fanden wir aufmerksame, in jeder Hinsicht zufriedenstellende und cmpfchlenSwerthe Bedienung. Da fast jedes Jahr, wie jetzt schon seit Wochen, inanovrirende Truppen dort sind, fehlt cs dem Orte auch nicht an Lebhaftigkeit und Kurzweil mannigfacher Art. Ein Spaziergang auf den den Markt überragenden, 672 m hohen Schloßberg — Sovic — sollte mir den Blick über die Landschaft eröffnen. In steiler Seitengasse, zwischen ärmlichen Häusern, auf deren Thürpfosten blasse Kinder spielen, gelangt man zu einem schön angelegten, von Linden und Akazien beschatteten Promenade- weg, der bald einen prächtigen Ucbwblick gewährt. Ein üppig grünes Wicsengcsilde, von der Poik lieblich durchschlängelt, liegt ausgebreitet vor dem befriedigten Blick. An den dicht bewaldeten Bcrglegel schmiegt sich der freundliche Ort mit der doppelthürmigen Kirche und mehreren ansehnlichen Gebäuden; von ihm zieht die weiße Neichs- ftraße, von hohen Baumkronen umdunkelt, nach dem nahen Dorfe Otok, mit spitzem Kirchthnnne, freundlich an das unwirthliche Gestein des Karstes gebettet. Auf der Spitze des Soviü taucht altes Gemäuer aus hellen: Grün, die kleinen, aber malerischen Neste der einstigen festen Burg Adclsbcrg, die weite Gegend beherrschend und zu ungestört einsamer Rast ladend. In der Ferne haftet der Blick an den weichen Linien der Gebirgskette; im Süd- westen strahlt der NanoS, ein gewaltiger Bergrücken, im Sonnenschein. Der Weg wird zum schmalen Fußpfad; zwischen jungen Föhren- und Wachholdersträuchcrn leuchtet die glänzende Sonnendistcl im Verein mit einer dem Karste eigenen, hochgcstielten Distclart mit großen, intensiv blauen Sternen; Vogelbeeren glühen zwischen Hellem Birken- und Ataz-engnin; die Grille zirpt im hohen Grase, und dicht neben all dem falten Leben dieser üppigen Vegetation — die Ocde des Karstes, der dem von Laibach kommenden Reisenden hier zum ersten Male entgegentritt, — starr, umvirthbar, mit zahllosen unregelmäßig verstreuten Fclsblöckcu und Steinschliffcn zwischen dem grauen, kurzen Grasboden. Spicllcnte üben hier ihre Fcldruse und schmettern und trommeln lustig Signale inmitten der Skcinlrnmmcr; vom Wicsengrnnd herauf tönen Commandornse und Salvengcknattcr der Felddienstübungen. Trunken vom schönen Bilde in sommerabend- lichcr Stimmung kehrte ich von meinem Rnndgang zum Markte zurück. Der Grotten besuch ist vollkommen geregelt. Eine eigene Grottenverwaltnng ist in entgegenkommendster Weise bemüht, den Besuch der bcwnndcrnswcrthcn Tropsstcin- Höhlcn zn vermitteln. Täglich zu bestimmten Stunden, 710 meist nach Ankunft der Vormittagszüge, versammeln sich die Grottenbesucher auf dem geräumigen, kühl beschatteten Plateau über der Felshvhle, in welcher die Poik bei ihrem Eintritt in die Unterwelt verschwindet. Da wir mit dem Nachmiltagszuge von Laibach gekommen und noch gut an der Zeit waren, folgten wir dem vorerst eingeholten Rathe des Herrn Or. Bock, AlpeiivercinSvorstaudS der Scction Küstenland in Laibach, welchem wir dafür außerordentlich zu Dank verpflichtet sind, und besichtigten noch am selben Abend durch freundliche Vermittlung und in Gesellschaft des Grottenkassicrs Herrn Jnrza in AdelSb.rg die nahegelegene Otoker Grotte, den Besuch der größeren AdclSbergcr Höhlen auf nächsten Morgen »ersparend. Der angenehme, ungefähr ^ Stunden weite Gang zu diesen Höhlen, nächst dem Dorfe Großotok, ist wunderschön und interessant, dort, wo unter der erstarrten Natur eines felsübcrsäetcn Bergrückens die Thore zur Unterwelt sich öffnen. Eine Ahnung von dem Vorhandensein der OtoKr Grotte war in den Forschern durch den unterirdischen Laus der Poik in unzugängliche Abzweigungen des AdclSbergcr Höhlcngebictcs schon aufgedämmert; und groß war die Freude der ärmlichen Gemeinde von Großotok, als am 18. August 1889 der Eingang zu den auf ihrem Grunde liegenden Grotten vorn Tageslicht aus gesunden wurde. Ein Inwohner Großotoks, welcher aufmerksam das Terrain, hauptsächlich bei Ablauf von Regen- und Schncewasser, beobachtete, hatte den Eingang gesunden. Eingeweiht und eröffnet wurde dieser Grotten- complex am 12. März 1890, und es ist dieser strebsamen Gemeinde, die zur Erschließung der Grotten und Herstellung von angenehmen, sicheren Wegen rc. rc. ihre Opfer brachte, so recht von Herzen zu gönnen, daß durch vermehrten Frcmdcnbcsuch ihre Mittel zur Wciterforschung gehoben würden, was ja jedem einzelnen Besucher selbst zu Gute käme. Sie bieten ein entzückendes Cabinet von außerordentlichen Naturraritäkcn. Wunderbar schön in ihrer Jungfräulichkeit, zart, unangetastet, wie weißer Filigran erglänzend — genießt die Otoker Grotte den Vorzug der Reinheit und lir- sprünglichkeit dieser Natur-Erscheinungen. Welch eine Fülle von Pracht und Anmuth ist ausgegosscn in den herrlichen Gebilden vorn größtcnthcilS zartesten, durchsichtigsten Weiß bis in das tiefste Braun, vorn Blaßros» bis zur dunkeln Nostsarbe. Dome, labhrinlische Gänge, wundersam geformte Stalagmiten und Stalaktiten, durchsichtig sein wie Vorhänge. Draperien von dahinter gehaltener Fackel matt durchleuchte, reizend in ihrem vollständig iiitactcn Snnlcnbau — begeistern, bezairberri sie den ahnungslosen Beschauer. Wird einst, wie projectirt, der mitcrirdischc Zusammenhang zwischen der Adclsbcrgcr und Otolcr Grotte gefunden und hergestellt sein, so bin ich überzeugt, deß letztere, trotz der sie an imposanten Räumlichkeiten und Ausdehnung weit übertreffenden AdclSbwger Grotten, ein in Zartheit, Reinheit und Jungfräulichkeit prangendes Schmuck'ästlcin im ganzen Grottencomplexe bleiben wird. l?ro1ou8 angrriuous, Grottenolche heißen molch- artigc, blinde Thiere, dir sich in den dort befindlichen Wasserreservoirs hcrnmschlängclü. Merkwürdig, wie der Schöpfer solche ini Finstern der Erde entstehen und Nahrung finden läßt; sie sehen ganz weiß aus, bei Tageslicht durchsichtig rosa und sind in ihrer Gestaltung äußerst seltsam und interessant. Eine Stunde freudigen Bewnuderns war rasch entschwunden, und ungern trennten wir uns von dem krystallenen Märchentempcl. Es war inzwischen Nacht geworden; der Mond leuchtete feenhaft vorn dunkelblauen Firmament und erhellte die Spur für den vorsichtig tastenden Fuß. Aus den Zeltlagern längs des Poik- flusscs tönten die Gesänge der bivouakirenden Mannschaft. Eine gehobene Stimmung und freudiger Dank für unseren trefflichen Führer beseelte unsere Gespräche und begleitete uns zur nun nothwendigen Ruhe. Nach wohlgepflegter Rast begaben wir uns andern Morgens zur Besichtigung der Adelsbergcr Grotten. Eine Anzahl Personen, ich schätze 30—40, darunter viele Geistliche, vorn Laibachcr Katholikentag kommend, trafen sich auf dem eine gute Viertelstunde vom Markte entfernten Sammelplätze, 19 in über der Schlundhöhle des Poikflusscs. Alles harrt in fast ungeduldiger Aufregung der Eröffnung des eisernen Gitterportals, das den Eingang durch das gothische Naturfclsenthor abschließt; der herrliche Ausbau desselben, die geheimniß- volle Höhle, in die an der Thalsohle das dunkle Gewässer der Poik eindringt, reizt die Neugierde der Versammelten. Schon haben sich Händler ctablirt, die Photographien und Broschüren, glänzende Tropfsteine, zum Theil als Nadeln und Broschen gefaßt, jedoch ohne Aufdringlichkeit, feilbieten. Die Grottcnsührcr, die bereits durch die kleine eiserne Thüre nebenan eingetreten sind und die Vorbereitungen zur Erleuchtung der Grotten getroffen haben, fordern nun zum Eintritt auf. Nach kurzem Gang im erweiterten Höhlenranme befinden wir uns im großen Dom» 22m hoch und 48 m breit, einer weiten, hohen Halle. Elektrische Bogenlampen beleuchten mit magischem Effect die imposanten Wölbungen und zahlreichen Seitcngnllerien, ohne das Geheimniß der unzugänglichen Vertiefungen und Verzweigungen des hehren Raumes ganz zu lüften. Künstliche und Naturbrücken geleiten uns über den Höhlcnfluß, dessen dunkles Gewässer die zahlreichen Lampen widerspiegelt, die seinen Laus im unterirdischen Fclsenbctt erhellen, bis ewige Nacht in einem tunnekartigen Grottcngang ihn dem Blick entzieht. Wir steigen nun empor zur Kaiser Ferdinand- Grotte. Wie nuten eine Marmortafcl, so bezeichnet hier ein Monument den einstigen Kaiserbrsnch. Hier beginnt auch eine Nolleiscnbahn, die 1600 m in das Bcrgimrcre dringt und die wohlgcpslcgtcn Wege eine große Strecke begleitet. Bequemen oder nervösen Personen oder solchen, die schlecht zu Fuß sind, ist sie sehr zu empfehlen, während nur einigermaßen rüstige Fußgänger die Znrück- lcgung der Strecke aus den reinlichen, trockenen, wohl- gcsicherten Wegen vorziehen werden. Die Kaiser Ferdinand-Grotte, 13 m hoch und 148 m lang, besteht aus einer Reihe von Hallen. Hohe luftige Dome wechseln mit niederen Gangen, deren gothische Spitzbogcnwölbungcn durchaus mit formcnrcichen Stalaktiten decorirt sind. Eine Reihe absonderlicher und merkwürdiger Tropssteinbildnngcn sind mit Namen belegt, je nach Ähnlichkeiten in der Außenwelt, die sich dem Beschauer aufdrängen oder welche die Phantasie ausklügelt — wie das Grab, der kleine Calvaricnberg, die gothische Säule, der schiefe Thnrm von Pisa, die Mariensänle und ungezählte andere Gebilde. Die Herrlichkeit, die Mannigfaltigkeit, die Großartigkeit der Adelsbergcr Höhlcnränme und Trvpsstciiihänsungen, von den feinsten Bildungen bis zum massigen, hochaufstrcbendcn Snnlcnbau, zu schil- 711 dern und im Detail darzustellen, bedürfte es vieler Seiten. Jede auffallende Formation ist entsprechend beleuchtet, nnd wirken besonders solch feine Gebilde am schönsten, die durch eine dahinter angebrachte Lampe durchleuchtet sind und die zartesten Gewebe imitiren. Berühmt sind in dieser Hinsicht das Nordlicht, der Mondschein, die Wäschehänge nnd vor allem der Vorhang, ein prächtiges Stalaltitengcbilde, das an Merkwürdigkeit seines Gleichen vergeblich suchen wird: zartes, weißes Gewebe, den schönsten Faltenwurf imitirend, mit einer Bordüre oder Franse in Noth, Gelb und Braungrün — wirklich wunderbar und einzig! — Bcmcrleuswerth ist auch eine große, weite Grotte, der Tanzsaal, in welchem zu Pfingsten bei Orchester- klängen und großartiger Beleuchtung Ball gehalten wird,, der von 3—4000 Personen aus Nah und Fern srcquen- tirt wird. Wir treten nun in einen hochinteressanten Grottcngang, die Kaiser Franz Joseph- und Elisabeth-Grotte, deren imposantester Theil das Belvedere ist, ein erhöhtes Plateau, das auch ein Denkmal trägt zur Erinnerung an die Anwesenheit der kaiserlichen Majestäten Franz Joseph I. und Elisabeth. Von hier genießt man einen sehr esscctvollen Blick in verschiedene Höhlcnweilungen, theils beleuchtet, theils irr schwarzer Nacht gähnend, die 34 m in der Höhe, 203 m in der Breite und 195 m in der Länge sich ausdehnen sollen. Nun kommt noch die Maria Anna-Grotte, reich an schönen Formationen und Farbcnwcchsel, durch welche wir an den höchsten und interessantesten Pmüt gelangen, an den großen Calvaricnberg, ein Schaustück, wie die allgewaltige Natur in ungestörtem Walten von Jahrtausenden und Abertausenden kaum zum zweiten Male hervorgezaubert haben wird. Derselbe trägt eine Unzahl größerer und kleinerer der bizarrsten Stalagmiten, die gleich wallendem Äolk im Aufstieg zur Höhe des 40 irr hohen Steinberges erstarrt in den verschiedensten Grnppenbildnngen sich darstellen. In allen Farben schillern sie; kaum umfaßt der überraschte Blick die Menge der Herrlichkeit, und geblendet erklimmen auch wir auf Scrpcntinenpfaden die Höhe. Von da genießt man einen prächtigen Ueberblick über die märchenhaften, grotesken Gebilde, über den erhabenen Raum nnd die feenhafte Scenerie — ein herrliches Miltclstück in der durchwanderten Traumwelt, ein gewaltiges, großartiges Naturschauspiel. Auch beim ziemlich steilen Abstiege vorn Calvarimbcrg und beim Rückwege durch einen neuen Grottcngang begegnen wir noch vielen auffallend gebildeten Tropfsteinen, wie der zierliche Papagei, dann eine 10 m hohe prächtige Säule, der eine Säulcn-Allce folgt. — die über 4 m dicke umgestürzte Säule, welcher eine zweite 2 m dicke entwachsen ist, der obengeuannte berühmte Vorhang, die Cyprcsse rc. rc. Wir sind am Ende unserer Grottensahrt und befinden uns bereits in bekannten Hallen. Wie ein Märchen aus Tausend und einer Nacht entschwanden uns die paar Stunden unterirdischen Wandcrns, und unwillkürlich drängt sich mir der Gedanke auf, es kann nur die Kenntniß der Alten von solchen Grottenräumen gewesen sein, der die Entstehung all der wunderbaren Erzählungen und Sagen aus der Vorzeit zu danken ist — Räume, deren unterirdische Feentempel und Brillantschlösser mit den wundersam verzauberten Menschen- und Thiergestalren der Phantasie reichen Spielraum zu märchenhaften Erfindungen bieten. Die Wirkung, welche der Grollen- besuch anf den Einzelnen übte, war eine sichtlich verschiedene, je nach Stimmung und Gcmülhsverfassung; um von uns beiden zu reden, konnte ich mich kaum trennen von all dem Außerordentlichen, Wundersamen; die Erste beim Eintritt, wurde ich beim AuStritt die Allerletzte der Nachzügler, und wich nicht eher, als bis der letzte der Führer die Lichter hinter mir verlöschte, — indeß mein Gefährte vorwärts stürmte, als peitschten ihn lebendig gewordene, gnomenhafte Gestalten; sein ganzes Fühlen war: „Außi möcht' i!" — auch eine Wirkung der grandiosen Erscheinungen, der ungewöhnlichen Lust und Umgebung, die den einen fesselt, den andern drückt. Um nun zur Chciraltcrisirung der Grotten von Otok, Adelsberg und der später, besuchten St. EanzianSgrotten bei Divaca zu gelangen, glaube ich sagen zu dürfen, daß die Otoker Grotte die Lieblichkeit, Zartheit, Jungfräulichkeit vertritt — ein Krhstallpalast, weiß angethan und mit Brillanten geschmückt, — die Adelsbergcr Grotte durch den Eindruck der Erhabenheit und Vielseitigkeit bannt; die St. Canziansgrotten aber, tragen die Gesetze des Ueberwülügenden, Schauerlichen an sich, und sie würden, wenn nicht die unleugbar sicheren Weg-Anlagen und Schutzvorrichtungen die Nähe des MenschengcistcS fühlbar machten, zuweilen ein grauenhaftes Entsetzen hervorrufen. Niemand aber wird es gereuen, die Wunder der Unterwelt im Karste beschaut zu haben, die ihm n'.ibcr- gcßliche Eindrücke sür'S Leben gewähren. VI. Die St. CanzianS-Grottcn an der Neka. Als Ausgangspunkt für den Besuch der St. CanzianS- Grottcn wird die Station Divaca gewählt. Der Weg von hier führt auf der Landstraße, dir von Feldern, Wiesen, kleinen Bäumen begrenzt ist, nach dem Dorfe Lesece. Sofort bemerken wir die rothe Markirnng des Weges seitens der AlpenvercinSfcction, die uns bis Matavun begleitet. Das frugale Mittagsmahl in Divaca theilten wir mit einem Marincbeamten aus Pola, einem geborenen Opfcrpfälzrr, und seiner kleinen dicken Frau, einer Slovcnin, die in gleicher Absicht wie wir hichcr gekommen waren nnd in deren Gesellschaft wir die Partie unternahmen. Lesece ist ein kleines Dorf; man geht an der freistehenden, von Bäumen beschatteten, niederen Kirche vorbei, dann kommt rechts noch ein Gehöft, hinter dem der Fußweg beginnt, und damit auch verändertes Terrain: wildes Brombeergestrüpp mit großen, überreifen, süßen Beeren zwischen dem überall hervortretenden Gestein des Karstes; rechts und links große Dolincn, deren Sohle mit Mais und Buchweizen bebaut ist. Nach einiger Zeit schmiegt sich der Weg rechts an größere Felspartien, während links ein jäh abfallender Abgrund sich öffnet, eine weite Doline, von schroffen Felswänden umgeben; über der gegenüberliegenden Wand sehen wir den schlanken Kirchthurm von St. Canzian und das die Kirche umgebende Dorf. Der Weg zieht sich nun leicht abwärts zwischen jungem Wald, und bald sehen wir über dem hellgrünen Laubwerk lustig ein paar roth-weiße Fähnlein flattern. Froh begrüßen wir nach ^ Stunden raschen Ganges das ersehnte Ziel. Wir stehen auf der Stefanien-Warte. Ueber eine Mauerbrüstnng gelehnt, sehen wir hinab in den 712 grausen Trichter; den Eingang in denselben, durch eine verschlossene Thüre, bezeichnen wieder ein paar bunt flatternde Fähnchen. Meinem ersten Ausruf des Erstaunens folgte bald der zweite: „Da gehe ich nicht hinunter" — als ich die schmalen Steige und Brücken bemerkte, die au den Felswänden klebten und von einem finster gähnenden Felscnthore zum andern führten. Doch sollte ich mich mit dieser Aeußerung in kürzester Zeit Lügen strafen. Das Dorf Matavnn war schnell erreicht; im Wirthshaus Gombac bekamen wir den Führer Jozs Cerkvcnik, der mit Fackel und Kerzen ausgerüstet uns geleiten sollte; alles überflüssige Gepäck wurde zurückgelassen, wie Schirme, Neisetäschchen, Plaids rc., denn in den Grotten ist es nicht kalt und herrscht fast durchweg eine gleichmäßige Temperatur; sogar die großen Damen- hüte, die an engen Wegstellen und beim Ausblick an die Dcckeuwölbungcn nur genirt hätten, wurden abgelegt. Als AlpenvcrcinsmitglicLcr hatten wir freien Eintritt; nur der Führer mußte ä, Person mit 10 kr. per Stunde entlohnt und die Beleuchtung eigens beschafft werden. Für die Zeitdauer, die wir verwendeten, berechneten sie eine halbe Fackel und 4 Lichter mit 1 fl. 20 kr. Gleich außerhalb dcS Gehöftes bei Gombac biegt der Weg um die Ecke und führt au die verschlossene Thüre, hinter welcher die Mysterien der Unterwelt uns erwarteten. Innerhalb derselben windet sich der Steig in einem kleinen Wäldchen mit prächtig duftenden Alpenveilchen abwärts und übersteigt die Kaute des Grates, welcher eine Natur-brücke zwischen der großen und der kleinen Dvliue bildet; Marinitsch-Warte und Lugeck bieten schöne Blicke in die Tiefe des Trichters, in welchem die Reka aus hohem Felsspalt in einem Wasserfall sich in ein kleines Sccbcckcn stürzt, um nach kurzem Laufe in einer gegenüberliegenden Höhle zu verschwinden. Ein schmales Felsband, über einen kleinen Vorsprung leitend, beide mit Geländern versehen, führt auf die Tomasini- brücke, welche einen sehr schönen Einblick in die Nicscn- thorklamm gewährt und deren steile Felswände verbindet. 40 irr über dem tosenden Kessel stehend, beeilten wir uns unwillkürlich, die grausige überbrückte Kluft Zu passiren, nur schüchterne Blicke zur Tiefe sendend. Der nun wieder gewonnene sichere Weg führte nach kurzem Abstiege an die Oesfnung des Naturstolleus. Das ist ein Loch in der Felswand, durch Sprengung so hoch erweitert, daß man hindurch kommen kaun; obwohl es anfangs dunkel wird, ist es doch unnöthig, ein Licht zu entzünden, da sehr bald das jenseitige Tageslicht einbricht; stark abwärts geneigt, führt dieser 40m lange Felsentunnel auf die Oblasser Warte — ein kleines, vom Wasser ausgespültes Felsenplatcau, das uns einen Einblick gewährt in das grause Getriebe der Reka, in ihrem Toben und Sprudeln, und uns unvermittelt den Wasserfällen der Nicsciithorklamm gegenüberstellt. Unter dem niedern, vom Sprühregen und Sonnenschein schillernden Dcckengcwölbe hindurch sehen wir in die kleine Doline. (Fortsetzung folgt.) --- GoLöüöxrrex. Gill's Werk der Liebe lind Gottes Ehr', " Für Frauenhände ist nichts zu schwer. Neuier. — > »»-- Bischof H'ancratitts v. Zinket. Am 21. November 1858 war „zur hohen Feier der Consecration und Inthronisation S. Bischof!. Gnaden des hochw. H. Or. Pancratius Dinkel, Bischof von Augsburg" folgendes Gedicht in der damaligen Zeitschrift „Sion" (Nr. 139) abgedruckt: Wrunkvcll sind des Domes hcil'ge Hallen; r Alle Glocken hehren Jubel schallen — Nieder in des Tages Feier-Ruh'. Ohristenschaaren, fromme, seh' ich wallen, ILingsuin lächelt nur daö Wohlgefallen, Alles eilt dem hohen Dorne zu. Tausende durchbebt ein Hochentzücken; Fa, es spricht aus den verklärten Blicken: Visier ward ein Kleinod edel-groß! Ktolz Augusts! birg'S in Deinem Schooßl Nich, Pancraiius, hat Go!t aesandt- — Ibm ist klar der Menschen Werth bekannt; Nur die Demuth liebt er — sie, die wabre! ZLircheisiürst! Dich grüßet Kirch' und Schul'. LndloS Heil Dir! auf St. Ulrichs Stuhl — Laut wir flehen All': Auf viele Jahre! Viele Jahre hat Ihm der liebe Gott beschicken, nun ist Er von uns geschieden, und wir möchten jetzt sagen: VrunlloS sind dcS Domes heil'ge Hallen; Alle Glocken hehre Trauer schallen — Nieder in des Tages Feier-Ruh'. vhristenschaaren, fromme, sah ich wallen, Weich und Arm. doch Thränen fast bei Allen — Alles eilt dem hohen Dome zu! treues Hirtcnhcrz, nun ruh' in Frieden .Setzt, nach langem Kampf hicnieden! - VnS warst Du ein Kleinod edel-groß! 8tolz Augusts! birgst'S in Deinem Schooß! Vu, PaucratiuS, warst von Gott gesandt; Ihm ward Deiner Seele Werth bekannt! Nun bist Dn von unö hinweggenommeu! ZLatholikcn Augsburgs! Mög' uns wieder werten Win treuer Hirte seiner Heerden! Laßt beten uns: Ein FriedenSfürst mög' kommen! -- § ch K ch a rr f 8 K b e. Schwarz. Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt. .'WW M W MW) 5 EH Auflösung des Bildcr-Räthsels in Nr. 88: Aus Noth und Zwang, das hält nicht lang. -r