^L92. 1894 „Augsburger Post;eitung". Vivstag, den 13. November Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarü'chen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Mar Huttler). Hernwarü von Hildesheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) Breite, mit Teppichen belegte und mit Pflanzen geschmückte Marmorstufcn führten ihn zu dem kuppel- bekrönten achteckigen Prunksaal, wo der Kaiser und seine erlesenen Gäste den Sänger erwarteten. Karl dem Großen hatten bei der Errichtung des Palastes in seiner Lieblingsstadt Aachen die dazumal noch erhaltenen Kaiserpaläste in Rom als Vorbild gedient. Seine majestätischen Hallen vereinigten in sich alles, was dem Mächtigen an technischem Geschick, an Pracht des Materials und an Reichthum der Ausstattung zu Gebote stand. Otto III. nun gar, der für die Pracht der späten römischen Kaiserzeit schwärmte, hatte sich bestrebt, seinen Aufenthaltsort so glanzvoll wie möglich zu gestalten. Wer beschreibt die Pracht, den märchenhaften Reiz, so Heriberts fast geblendete Augen im Kuppelsaal erschauten! Kostbare babylonische Gewebe bedeckten in heiterer Farbengluth Wände und Fußboden. Marmorbilder hoben sich von den tiefen goldschimmernden Nischen der Wände ab. Von Säule zu Säule zogen sich silber- und goldglitzernde Gewinde hin über die halbmondförmige Tafel, so mit silbernem und goldenem Geräth von ausgezeichneter Schönheit bedeckt war. Diese Tafelrunde vereinigte neun Gäste, ganz nach Art der römischen Festmahle. Ottos jugendschöne Gestalt war mit großer Pracht in altrömische Gewandung gekleidet. Ueber sein faltiges Unterkleid von feinstem weißem Byssus mit breiter Goldborte fiel eine rosenfarbene Chlamys, eine silberschim- mernde, reich mit Edelsteinen und Perlen gezierte Tunika und eine goldene Toga, auf welcher mit Edelsteinen die drei Welttheile Asien, Afrika und Europa abgebildet waren, zum Zeichen, daß der Kaiser Herr des Erdkreises sei. „Der Kaiser aller Kaiser," wie er sich nannte, hatte seinen Sitz höher, als die Uebrigen, allein an halbkreisförmigem Tische, der sich jedoch der großen Tafelrunde anschloß, so daß die Bischöfe von Mainz und Hildesheim, Willegis und Bernward, zu seiner Rechten und zu seiner Linken saßen. Auf die blonden Locken hatte der junge Kaiser phantastisch einen Kranz frischer Rosen gelegt, und die Gäste mit Ausnahme der beiden Bischöfe, hatten's dem kaiserlichen Herrn nachgethan und nach Ottos Wunsch ihre fürstlichen und gräflichen Häupter mit Rosen geschmückt. Desgleichen hatten Alle duftige Rosenblätter in ihre mit goldenem Rheinwein gefüllten kostbaren Trinkschalen gestreut. Das war ein Bild, um es mit Stift und Pinsel zu verewigen. Heribert dachte an das Gastmahl des Lucull. Seine Künstleraugen leuchteten. Er hatte nie so Schönes und Strahlendes erschaut und konnte vor Bewunderung sich kaum fassen. Der Truchseß, Graf Tammo, mußte ihn durch ein Flüsterwort an das erinnern, wozu er gekommen war. Als er dann sich tief vor dem schönen Kniserjüng- ling neigte, redete dieser ihn freundlich an: „Herr Bernward von Hildesheim sagte wir, daß Ihr einen ergreifenden Sang vom jüngsten Tag, vom Weltgericht, vorzutragen wißt. Ich möchte die Dichtung hören." Heribert sah staunend um sich. Den Sang vom Weltende in diesem Festgelage, in dieser prunkvollen Umgebung? Der Kaiser verstand fein Befremden. „Ihr höret recht. Ich begehre hier im heitern Festsaal den ernsten Sang zu hören, der ein Zeugniß für die Stimmung unserer Zeit ist. Beginnt also." Eine Weile bedurfte Heribert der Sammlung. Dann griff er in die Saiten und begann mit starker, tönender Stimme: „Horch' auf, o Erde, höre, hört ihr großen Meere! Horch' auf, o Mensch! denn es gilt allen, Die unter der Sonne wallen. Es kommt, es naht der Tag des Zorns, des schweren, Der grause Tag. der bittre Tag, An dem der Himmel weicht, Die Sonn' wird roth, der Mond erbleicht; Der Tag wird Nacht, Zur Erde stürzt der Sterne Pracht. Elende weh! Elende weh! Was rennst Du, Mensch, den Freuden nach!" So erscholl der furchtbare Mahnruf erschütternd von seinen Lippen. Er weckte mächtigen Wiederhol! in den Herzen derer, die mit athemlosem Schweigen ihm lauschten. Da war kein Hörer, dessen Antlitz bei Hcri- berts großartigem Vortrug nicht bleicher geworden wäre. Wie Geisterhauch, wie ein Schatten aus dem Jenseits, ging es durch den Saal. Brannten die Wachskerzen plötzlich dunkler, oder wirkte der düstere Sang mit solcher Macht auf die Einbildung, daß alles in trübe Schatten verschwamm? — Es blieb still, wie in der Kirche, lange nachdem der Sänger geendet. Der Kaiser erhob sich. „Wir sind in der rechten Stimmung zu meinem Beginnen", sprach er ernst. „Heribert, ich danke Euch! Nehmt die Fackel und leuchtet uns voran. Ihr seid Steinmetz; es könnte in dieser Nacht noch Arbeit für Euch geben. Ihr Herren, so Ihr Muth habt, folget uns." Die Geladenen sahen einander betroffen an. Was mochte Otto im Schilde führen? Mehr als einer blieb schweigend zurück oder verlor sich unterwegs verstohlen in einem Seitengang der Vorhalle. Nach dem Dommünster, auf dessen Riesenformen der Mond sein bleiches Licht goß, mußte Heribert, der Weisung des Kaisers gemäß, mit seiner Fackel voran- schreiten. Dem Kaiser folgten nur mehr die Bischöfe Bern- ward und Willegis, sowie die Grafen Tammo von Sommerschenburg und Otto von Lomello. Auf Ottos leises Pochen wurde die eiserne Pforte geöffnet. „Ist alles bereit?" fragte der Kaiser gedämpft. „Ganz nachWunsch, kaiserlicher Herr!" lautete die im Flüstertöne gegebene Antwort. Alle traten ein und bekreuzten sich mit Weihwasser. TiefeNacht,Grabesstille herrschte an der heiligen Stätte. Heriberts Fackel beleuchtete hier und dort einen Pfeiler, einen Gewölbebogen mit flackerndem Licht. Da im Hintergründe aber warfen rothglühende Fackeln den zuckenden Schein auf einen Halbkreis ernster Männer, die, mit mächtigen Leder-Schurzfellen bekleidet , mit Grabscheiten und Hacken schweigend und regungslos wie Bildsäulen eine offene Gruft umstanden. Eine Grabplatte Mit verwischter Inschrift, gewaltige Quadersteine lagen weggewälzt zur Seite. Dorthin richtete der Kaiser seinen Schritt. Steinstufen wurden sichtbar. Schon setzte der hochgemuthe Jüngling mit raschem Entschluß seinen Fuß auf die Marmortreppe, da trat Bischof Bernward, sein ehemaliger Erzieher und innigster Vertrauter, vor und sprach die warnenden Worte: „Mein Otto, es ist gefährlich, die heilige Ruhe des Todes zu stören. Wer nach dem Schatten hascht, dem löscht er gar leicht das eigene Licht aus." Otto winkte abwehrend. „O laßt mich! Ich muß den großen Todten sehen, muß in des Geistesgewaltigen Gruft mir die rechte Weihe, Kraft und Muth zum Herrscherthum erflehen!" Zu Heribert gewandt, fügte er ungeduldig hinzu: „Habt Ihr das Herz, uns in die Gruft des größten deutschen Helden voranzuleuchten, so steigt hier hinab. Zagt Ihr, so gebt die Fackel her. Ich selber werde sie tragen." Kaiser Nikolaus II. von Rußland. Heribert aber begann unverzüglich, fast hastig niederzusteigen. Moderluft schlug ihm entgegen. Das hemmte seinen eiligen Schritt nicht. Er wußte ja, daß er in ein Grabgewölbe stieg. Nun war er, waren Alle unten. Marmorsäulen beleuchtete seine Fackel. Dort zwischen den Säulen gewahrte er einen mächtigen Thronhimmel, und auf dem Marmorthrone — es fuhr erschütternd ihm durch Mark und Bein- Auf dem Throne saß aufrecht in hehrer, gewaltiger Majestät, in der starren Majestät des Todes, umwallt von verblichenen Prachtgewändern, die irdische Hülle Kaiser Karls des Großen. Vor fast zwei Jahrhunderten schon hatte die Seele sich von dieser Hülle getrennt. Nieder aus die Knie zog es den Jüngling mit ergreifender Macht. „O Herr, sei meiner Seele gnädig I O großer Kaiser Karl, Verzeihung für den Einbruch in Deine geheiligte Ruhestätte!" rang es sich halb unbewußt aus seiner Brust hervor. Das flackernde Licht der seiner zitternden Hand fast entgleitenden Fackel beleuchtete grell den majestätischen Todten. Da saß Karl der Große, wie er lebte, auf dem Haupte die goldene Kaiserkrone, das Scepter in der knöchernen Hand, das Evangelienbuch aufdem Schooße. Sein weißer Bart wallte bis zu dem Buche nieder, langes weißes Haar umgab sein farbloses Antlitz. Es war, als ob er die todten Augen aufschlagen müsse, um mit einem Blick den Eindringlingen zu wehren. Welche Gefühle durchschauerten den jungen Otto bei diesem Anblick! Er sank in den Staub vor der im Tode mit so geheimnißvoller Majestät umgebenen irdischen Hülle seines Vorgängers. Zugleich mit ihm kniete sein Gefolge tief ergriffen und von Ehrfurcht überwältigt vor der hoheitsvollen Leiche nieder. Lange, lange lag der Kaiser zu Füßen des Todten weltentrückt in wortlosem Gebet für die Seelenruhe des längst Dahingegangenen, in heißem Flehen um die Kraft, ihm ähnlich zu werden. Mit begeistertem Ausdruck erhob er sich dann, trat ehrerbietig näher und legte seine Hände zu denen des Todten auf das Evangelienbuch: „Großer Karl, hier bei diesen heiligen Evangelien Gottes schwöre ich, daß ich, Dein würdiger Nachfolger, Dein Volk in Güte regieren und immer den Willen des Herrn nach Kräften erfüllen will. Möge die Erinnerung an Deine Größe mir steten Muth in trüben Stunden verleihen!" Mit Schaudern und Ergriffenheit sahen die Andern, wie der Jüngling eine Kette mit goldenem Kreuz vom Halse der Leiche nahm und sich selber umhing. Wehmüthige Ahnungen beschlichen unwillkürlich ihre Seelen. Otto sprach: 715 „Dieses Kreuz will ich tragen zum immerwährenden Gedächtniß an diese weihevolle Stunde und zur Erinnerung an das Leiden unseres Gottes, unter dessen schweres Kreuz ich mein eigenes leichtes Kreuz stellen will. „Großer Kaiser Karl, ich möchte würdig werden, dereinst an Deiner Seite zu ruhen." Mit einem letzten langen Blick nahm er Abschied von dem Todten und winkte schweigend den Andern, ihm zu folgen. Draußen stand Heribert noch betäubt von der Wucht der auf ihn hereingestürmten Empfindungen, als Kaiser Otto auf ihn zutrat: „Junger Schüler des vortrefflichsten Meisters, ich will der Hülle des großen Kaisers ein Ruhelager geben. Jünger Bernwards, getraut Ihr Euch in edler Arbeit einen Sarkophag zu vollenden, der geeignet wäre, des Kaisers Leichnam zu umschließen?" „Dazu fühle ich Kraft und Begeisterung in mir," versicherte Heribert in stolzem Glück. Eingangs. In diesem Raume haben früher Höhlenmenschen gehaust. Ein großer Haufen verschiedenartiger Thierknochen, zu welchen man auf ein paar Stufen hinansteigt, sorwc vor demselben eine Menge gesammelter Scherben von Thongefäßen und andern Gerathen, auch an der Wand Schichten von Aschenresten zeugen von den einstigen Bewohnern. Ob sie seinerzeit durch das eindringende Hocbwasser von der Außenwelt abgeschnitten wurden — ob sie in einer nach rückwärts gelegenen Seitenkammer der Grotte ihre Todten bestatteten — wer ann das sagen? Genug, man fand fünf vollständige menschliche Skelette, die im Museum von Trieft aufbewahrt werden. Während wir nun, soweit die Tageshelle es erlaubte, uns die Merkwürdigkeiten unweit des Eingangs der Höhle betrachteten, zündete der Führer die Fackel an, um un^ in die rückwärts gelegenen Räume der 600 in tiefen Grotte zu geleiten und deren verschiedene Theile, sowie die zahlreich von der Decke herabhängenden Stalaktiten zu beleuchten; ein großes Tropf- UM UD MAE Das Stammschloß der Sprach Otto: „So sei Euch der Auftrag dazu ertheilt. Auf die Hildesheimer Kunstschule setze ich Vertrauen." (Fortsetzung folgt.) -. Bilder aus Steiermark, Körnten und dem Küstenlande Krain. Von C. Mayer. (Fortsetzung.) Nun wieder durch den Stollen aufwärts und über die Tomasinibrücke zurück. Ein dem Felsen abgerungener Weg führt uns dstect an die Tominz-Grotte, die erste der großen Felsenhallen, die wir zu sehen bekamen. Unter dem Eingänge, 10 m hoch und 20 irr breit, hcUgt ein großer Stalaktit, von welchem das tropfenweis abfallende Wasser in einem schalenartigen Becken als Trinkwasser gesammelt wird, welches zu kosten ein angebrachter Becher auffordert. Der Brunnen ist zugleich eine Zierde des Domanosf in Moskau. steingebilde in der Mitte der sich nun in zwei Gänge theilenden Höhle hieß er den Löwen. Nachdem er uns noch das Ende des einen langen Ganges mit seinen Auswaschungen und Tropfsteinbildungen beleuchtet hatte, kehrten wir zum Eingang zurück. Staunen erregten die dort angebrachten Erinnerungszeichen an Wasserhöhen, nach welchen die Reka noch über den Eingang der Höhle hinweg die weite Doline 70 rn über dem Grund derselben in kaum glaublicher Höhe ausfüllte. Wir betreten den 80 m langen Plenkersteig. Derselbe ist in eine senkrechte Felswand unterhalb der Stefanien-Warte eingesprengt und zieht zuerst über Stufen, dann horizontal an der glatten Felswand hin; tief unten blinkt der See, gegenüber braust der Wafserfall unter der Tomasinibrücke. Während wir, vorsichtig uns an die Drahtseile haltend, dahinschreiten, erläutert uns der Führer die Veranlassung zu einer angebrachten Warnungstafel, nach welcher die zuständige Behörde das Baden im See untersagt, weil ein junger Mensch, des Führers eigener Sohn, der unvorsichtig badete, vor ein paar Jahren dort ertrunken ist. 716 Nun durch das kleine Pazzcwäldchen, in wel chem uns wieder Alpenveilchen erfreuten, in einigen Win« düngen aufwärts, und wir biegen in die 80 in lange, 30 na hohe und in ihrer Mitte 25 na breite Schmidl- Grotte ein. Reizend hübsch hängt von der Decke des Eingangs gleich einer Ampel, zwischen einer Spalte der Tropfsteine Wurzel fassend, ein üppig grünendes Schlinggewächs, Epkeu oder etwas ähnliches, von oben nach unten wachsend, herab, we ches mit dem von außen einlugenden Gesträuch und den heitern Sonnenstrahlen eine freundliche Decoration des grauen Gewölbes bildet. Nachdem wir die ganze Höhle durchschritten und den Tropfsteinschmuck bewundert hatten, biegen wir unter Fackelschein seitwärts ab. Dem erstaunten Auge öffnet sich eine hohe, nach oben ähnlich den gothischen Spitzbogen zulaufende Halle, der Rudolfs-Dom. An seinem Eingänge kommt die Reka breit und schwarz neben einem Abgrunde und unter einem Felsriegel hervor und dringt in die Tiefe des dunkeln, hohen Gewölbes. Ehe wir den hehren Raum betreten, geleitet uns der Führer noch seitwärts über diese Naturbrücke hinweg auf ein breiteres, ziemlich steil ansteigendes Felsenplateau, das Belvedere. Hier heißt er uns vor der Hand bleiben, indeß er auf ungebahntem, theilweise gefährlichem Pfade vorwä'ts eilt, das Innere der grausen Höhle zu erhellen. Ein beängstigendes Gefühl erfaßt die Sinne hier oben auf schauerlicher Warte! — Unter uns die schwarzgraue Fluth, flimmernd von Streifen bläulichen Lichtes — vor uns der gähnende Schlund der Felsenhöhle, die sich über unsern Häuptern mächtig und allmälig in Nacht versinkend aufbaut. Mit bangem Blick des im fernen Grottenraum entschwundenen Führers harrend, sehen wir ihn endlich viele Meter entfernt auftauchen. Ein schauerliches Bild: die dunkeln Umrisse des Mannes mit der schwingenden Fackel, an verschiedenen Stellen der Felsmauern roth aufglühende Lichter des abgestoßenen Brandes, im schwarzen Gewässer sich widerspiegelnd und gigantische Schatten, sowie magische Beleuchtungseffccte an den Grottenwöl- bungen weckend. Bezeichnender für das Ganze könnte nichts sein, als der Ausruf meines Mannes: „Nun werde ich zu Hause erzählen, ich war beim Teufel und habe seiner Großmutter Behausung gesehen!" Der Rudolfs-Dom ist 70 rn hoch, 130 ru lang und hat eine Breite von 50 ru und darüber. Obwohl uns die ganze Scenerie mit unheimlichem Grauen erfüllte und wir die Rückkehr des Führers ersehnten, waren wir doch erfreut, zu vernehmen, daß wir nun selbst in die Tiefen des überschauten Gewölbes eindringen sollten. Ein schmaler Steig, rechts und links vem Drahtseil begleitet, führte uns viele, in die Steilwand eingehauene Stufen empor, dann eine Zeit lang derselben entlang, von einem Balkensteg, der Teufelsbrücke, unterbrochen, welcher den einen Felsvorsprung mit dem anderen verbindet. Die Wölbung der Decke senkt sich, daß wir, um ihr auszuweichen, uns leise überneigen zu müssen veimeinen, steigt dann aber bald wieder auf 70 m empor, indeß unser Weg mittelst Stufen bis an das Ufer der Reka hinabführt. Wir haben die Cerberus-Grotte passirt; wieder aufwärts klimmend, blicken wir in die hohe Wölbung des sich anschließenden Svetina-Doms, in welch m die Reka im unterirdischen Flußthale, von Felscnufern begleitet und vom Felsendome überwölbt, in Nacht und Grauen dahinfließt. Wasserfällc, der Tiefe des finstern Schachtes zuströmend, entziehen dem Auge ihren Western Lauf. Kaum hätte es das phantastisch Schauerliche der Scene erhöht, wenn als einzig denkbare Staffage dieses unheimlichen Raumes auf den dunkeln Fluthen ein Kahn erschienen wäre mit schwarzen Gestalten, die mit lautlosen Ruderschlägen eine bleiche Seele in den finstern Hades überfüh-en — die Vergegenwärtigung des Styx, wie man ihn sich nicht besser ausmalen kann. Nun wurde auf einem seitwärts hinankletternden Pfade der Brunnen-Grotte ein Besuch abgestattet. Durch eine schön geformte Grotte mit einer Menge sich berührender Stalaktiten und Stalagmiten, die unseren Mitbesuchern laute Bewunderung abdrängten,*) gelangten wir in einen niederen, feuchten Gang, an dessen Ende eine kleine Grotte sich öffnet, in welcher die sogenannten Brunnen sich aufbauen. Alan denke sich eine Anzahl größerer und kleinerer schön geformter, muschelartiger Wasserbecken bis zu 1 m Tiefe, aneinander gereiht und gleich einer grotesken Schalenpyramide aufgethürmt, in so weichen Formen, daß ich einen Augenblick zögerte, daran hinaufzuklettern, aus Angst, die genagelten Bergschuhe könnten die zart erscheinenden Ränder der Schalen beschädigen — bis ich schnell die Ueberzeugung gewann, daß der feste Stein, von Jahrtausenden erzeugt, durch keine flüchtigen Fußtritte leidet. In den Becken, vom Facke schein erleuchtet, zeigte sich theilweise Wasser. Diese Brunnen-Grotte ist ein außerordentlich interessanter Theil der unterirdischen Nachtwanderung. Wie wir indessen auf labyrinthischen Pfaden von einer der vielen Grotten in die andere gelangten, einmal hoch oben, wo die Decke sich über unsern Häuptern zu wölben begann, später auf einem untern Wege nahe dem Wasser zurückkehrend — diese Jrrgänge und Windungen klar zu erkennen und genau auseinander zu halten, ist meinem Gedächtnisse, in Ermangelung eines Planes, nicht gelungen. Es waren zu viel der Eindrücke des Imposanten und Schauerlichen, man hatte zu viel mit Achtung auf die schmalen Wege und steilen Steintreppen zu thun; aufmerksamst suchte das Auge die dicke Finsterniß zu durchdringen, in der jedes sich den Schritt und die nächste Umgebung mittelst eines Kerzenlichtes in der Hand erhellte und bei den rothen Lichtblitzcn der Fackel die Gewölbebildungen und den Wasserlauf zu erhäschen trachtete. Der Gedanke, wie wir herauskämen, wenn Plötzlich die Lichter verlöschten oder dem Führer etwas zustoßen würde, bewirkte ein unheimliches Erbeben. Der Anblick der Tageshelle und der grünende Eingang der Schmidl-Grotte, die wir nun wieder erreichten, wurde erleichterten Herzens begrüßt. Nun zurück über den Plenkersteig, zum Eingang der Tominz Grotte, wo wir die durstigen Lippen mit Tstopf- steinwasser benetzten. Die Hauptgrotten der großen Doline waren besichtigt; nun sollten wir noch einige Merkwürdigkeiten der kleinen Doline zu Gesicht bekommen. Wir gingen über die Tomasini-Brücke, durch die Guttenberg-Halle in die Schröder-Grotte; von da über den Parendini- Sreig zur Radonetz-Naturwarte. Wir sind bereits in der kleinen Doline; zu unsern Häuptern sehen wir die Häuser des Dörfchens Bethanien den Felsrand begrenzen; ebenso wurden uns in schwindelnder Höhe ein paar andere Warten, ähnlich der Stefanien-Warte, gezeigt. Radonetz-Naturwarte ist eine etwas erweiterte *) Wir waren in dieser Beziehung durch den vorhergehenden Besuch der Adelsberger Grotten an diesen Anblick gewöhnt 717 Ausbuchtung des Steiges; gegen den Absturz des Trichters ist dieselbe von einem Felsen geschützt, in welchem man durch ein Loch tief unten das Wasser im Grunde der Doline fließen sieht. Wir kommen nun in die Brichta-Grotte, eine kleinere Höhle mit hübschen Verzweigungen und Tropfsteinen, 30 m über dem Ausfluß der Reka in die kleine Doline. Von ihr steigen wir hinab zur Concordia-Brücke, ein seit Kurzem fertiggestellter, ganz neuer Brettersteg, wenig über dem Wasser erhaben; jenseits ruht derselbe auf einem mächtigen Felsblock, der den Eingang in die Marinitsch-Höhle vermittelt. Schon seit einiger Zeit hörten wir Steinschläge, die von den Arbeitern herrühren, die eben noch damit umgehen, die Mariritsch-Höhle und die sich anreihenden Grotten dem Publikum zugänglich zu machen. Ueber dem Anfang des schmalen Steiges steht in großen Lettern: „Eröffnet 1892." Stolz und freudig betreten wir somit unter den ersten Besuchern den kühnen Steig. Derselbe, in dem Gewölbe auf- und abkletternd, ist in dessen Steilwand eingehalten, ein tüchtiges Stück Arbeit; obwohl derselbe noch rauh ist und die sonst überall vorhandenen Versicherungsanlagen, wie Drahtseile, aufgestellte Bodenbretter nach der Seite gegen den Abgrund, den die Neka ausfüllt, noch nicht vollständig fertig sind, ist der Pfad doch sehr sicher und gut gangbar. Anfangs zwar zögerte ich und wollte gleich unserm Gefährten aus Pola, dem die noch nicht beendeten Arbeiten Unbehagen einflößten, umkehren. Allein ein Zuruf meines Mannes und das gute Be spiel der behenden kleinen Frau, die trotz ihrer Dicke mehr sprang als ging, stählten meinen Muth, und tapfer vorwärts schreitend, war bald jede Furcht überwunden. Wir drangen bis zu der Stelle, von wo man durch eine aufwärts führende Kluft die Kirche von St. Canzian hoch oben im schmalen Felsspalt erblicken kann; ein Steig führt hinauf. Der Führer beleuchtete die herrliche, hochgewölbte Halle, sowie die daranstoßenden hohen, weiten und imposanten Grotten, und aufhorchend lauschten wir seinen Erzählungen. Er war bei der Erforschung dieser unterirdischen Räume selbstthätig zugegen; mit Begeisterung und Feuer schilderte er die Unglücksstunden, die Herr Marinitsch, als Vorkämpfer dieser Grottenerforschung, auf einem uns vom Führer bezeichneten Fclsstück mitten in Nacht und Wassergetöse zubringen mußte. Der Strick, an welchem Marinitsch's Kahn befestigt war, riß durch die Gewalt des Wasser los, und letzterer wurde über ein paar Wafferfälle hinweg gegen das breite Felsstück geschleudert, das seinem Insassen Rettung bot und auf welchem derselbe nach 12 Stunden bangen Harrens von den Mitarbeitern entdeckt und aus seiner gefährlichen Lage befreit wurde. So mächtig wirkte die Rückerinnerung in dem braven Manne, daß er, obwohl der deutschen Sprache ziemlich mächtig, derselben vergaß und unserer Gefährtin, der gebornen Slovcnin, in seiner Muttersprache mit Begeisterung die damalige Situation schilderte, die, selbst von Erstaunen und Grauen hingerissen, uns die lange Erzählung kurz gefaßt verdolmetschte. Jetzt, nach 3 Stunden steten Umherwanderns, waren wir mit der Grottenbesichtigung zu Ende und kletterten wieder in der großen Doline zu dem Ausgange empor. Der Himmel hatte sich indessen mit schweren Regenwolken umzogen, und kaum waren wir bei Gombac angelangt, prasselte der Regen schleußenartig hernieder. Wir aber, vollauf befriedigt und noch ganz begeistert von all den Wundern der Unterwelt, ruhten gerne ein Stündchen, plauderten von den hohen Genüssen des Tages und labten uns an dem lobenswerthen Imbiß und Ge'ränke. Jozö Cerkvenik wurde mit Vergnügen bei seiner Entlohnung das Zeugniß einer trefflichen und sorgsamen Führung ausgestellt; denn er machte fleißig auf alle beachtens- werthen Schönheiten aufmerksam, fortwährend zur Achtsamkeit auf gefährliche Stellen und zur Benützung der Sicherheitsvorrichtungen mahnend. Dann dictirte er noch auf meine Veranlassung bereitwilligst die einzelnen Namen aller Grotten, Warten und Wege, die wir besucht hotten und die außerdem wohl meinem Gedächtnisse entschwunden wären. Sehr anerkennenswerth sind die Bestrebungen der „Alpenvereinssection Küstenland", die sich außerordentlich darum verdient gemacht hat, durch sichere und bequeme Weganlagen und Anbringung von Drahtseilen an jeder allenfalls Gefahr bergenden Stelle auch ungeübten Steigern den Besuch der äußerst interessanten Grotten zu ermöglichen. Ich bringe ihr unsern Dank und den der ganzen touristischen Reisewclt für ihre opferwilligen Bestrebungen dadurch entgegen, daß ich durch Veröffentlichung unserer genußreichen Erlebnisse ihrem Wunsche entgegenkomme und die Aufmerksamkeit des Publikums darauf hinzulenken suche. Möchten nur alle Naturfreunde Weg und Zeit nicht scheuen, die unterirdischen Wunder des Karstes aufzusuchen; es wird sicher ein jeder hohen Genuß und Befricdiaung darin finden. Schon brach die Dämmerung herein; der Regen hatte aufgehört, und trotz des noch vollständig nassen Terrains suchten wir so schnell als möglich Divaca zu erreichen. Nach einem Stündchen blitzten uns die Lichter des Bahnhofes aus der Dunkelheit entgegen, und nachdem gleichzeitig mit uns die aus den Manövern heimkehrenden Truppen einparkirt waren und wir uns von unsern nach Pola zurückreisenden Gefährten herzlich verabschiedet hatten, entführte uns das Dampfroß diesen Tag noch via Laibach—Steinbrück bis Römerbad mit Station gleichen Namens, wo wir — ich todmüde, indeß sich mein Mann durch derartige Strapazen nicht leicht anfech'en ließ — mit nassen Kleidern morgens */z3 Uhr endlich Ruhe fanden. (Fortsetzung folgt.) — ---— Wandererlied. Wie ist es schön zu wandern Im lichten Sonnenschein, Da grüßen frei die Berge Jn's weite Land herein. Und filberklar die Flüsse Zieh'n sie das Thal entlang, Manch' Kirchlein winket freundlich Vom grünen BergeShang. Und ziehst du durch die Wälder, Wie fluihet da herein Durch Neste und Gezweige Der gold'ne Sonnenschein. Und streckst du müd' dich nieder Im schatt'gen Tann zur Ruh', Waldvögleins trauten Weisen Entzückt mutzt lauschen du. O Wand'rer, zieh' nur weiter, In Gottes Welt hinein, Latz einmal dir zu Muthe Recht wanderselig s in. lsriürun. - Das 150jährige Jubiläum des kgl. bayer. 4. Chevauleger-Negiments „König". Wir wollen uns damit begnügen, zu erinnern, daß allein in der kurzen Frist vom Juli bis Mitte August unser Regiment immer dabei war, wo es Blutarbeit zu verrichten gab, und daß die Königs-Chevaulegers immer den Russen auf den Fersen saßen, als sich diese von einem Vertheidigungsabschnitt nach dem anderen zogen und die Rochade von der Düna nach dem Dnjeper vollzogen ward. Schon bei dem ersten bedeutenden Engagement, dem von Witebsk, war unser Regiment, geführt von seinem wackeren General Graf Preysing, bei der Flußpassage. Noch bevor der Vicekönig von Italien sich anschickte, Brücken zu schlagen, hatten bereits die Königs-Chevau- leger das jenseitige Ufer erreicht. Schon Tags darauf gab es bei Masajedo ein Gefecht, wobei die Chevaulegers durch mörderisches Feuer stark gelichtet wurden. Und wieder zwei Tage später führten unsere Chevaulegers einen Handstreich gegen Wily, welcher Wintzin- gerode eine hübsche Portion seines Proviants und Muni- ttonsvorrathes kostete. Der August war schon fast zu Ende gegangen, als die napoleonische Jnvasionsarmee in die durch die Verhältnisse geschaffene Operationszone einrückte. Wie Schnee in der Sonne war bereits die gewaltige Masse von Streitern, die über den Riemen gezogen, zusammengeschmolzen, und obzwar erst eine kurze Frist seit Eröffnung des Feldzuges verstrichen war, zählte die Infanterie bloß 156,800, die Kavallerie gar nur 36,700 Mann. Es waren also ziemlich schwache Stände, mit welchen die Truppen und auch unsere bayerische Reiterei gegen die russischen Heersäulen anrückten, die immer zurückwichen und eine Taktik verriethen, aus welcher nicht unschwer die Absicht zu entnehmen war, den Gegner immer tiefer hinein in die unwirthliche Steppe zu locken. Solch einen Charakter trug auch das Reitergefecht bei Gjat, welches die Kavallerie-Division Preysing den Russen lieferte. Die Königs-Chevaulegers bildeten mit den Regimentern Leiningen, Bubenhofen und Kronprinz den Vortrab der Armee des Marschalls Fürsten Porüatowsky. Mit Entschlossenheit und richtiger Beurtheilung der taktischen Verhältnisse führte unser Oberst, unterstützt von den Majoren Zandt und Bieber, sowie Rittmeister Hertling, die nicht unschwierige Aufgabe durch, und seine Anstrengungen wurden mit Erfolg gekrönt. Außerdem zeichneten sich die Lieutenants v. Hell- brunner, Gullmann, Baron Eßbeck und Korporal Zipperer aus. Doch war das Engagement nur das Vorspiel des blutigen Tages von Polozk, welcher schier noch heute unvergessene Wunden unserem Heere geschlagen hat. Am 17. August hatte sich ein Detachement unseres Regimentes unter Oberstlieutenant Graf Fugger ausgezeichnet, ebenso Wachtmeister Hermann und der Korporal Neisser, der sich schon im vorjährigen Frühling bei Abensberg hervorgethan hatte. Schon am 21. August war das Regiment in Smolensk eingerückt, und von hier aus zogen die Regimenter der Division Preysing an die Ufer des Borodino. Am 7. September kam es zur berühmten Schlacht von Borodino oder an der Moskwa. Die bayerischen Chevaulegers standen unter dem Kommando des Vicekönigs von Neapel. Sie erwarben sich unsterblichen Ruhm bei der Vertheidigung von Borodino, welches von den Heuschreckenschwärmen der Kosaken so lange bedrängt wurde, bis jene endlich die Uebermacht überwältigte; aber selbst dann nur wichen sie schrittweise zurück, Zoll um Zoll vertheidigend und gleich wieder bereit, vorzubrechen, sobald ein halbwegs genügender Kräfte- ausgleich stattgefunden. Es war diese Schlacht wohl die blutigste des Jahrhunderts. Ueberall thürmten sich vor den durch die Tapferkeit unserer Regimenter gewonnenen Schanzen die Leichen- hügel auf. 30,000 Russen deckten das Leichenfeld, aber auch 40,000 Mann Todte und Verwundete hatten die Franzosen auf den Feldern von Borodino gelassen. Nicht weniger als 30 Generale hatte Napoleon in dieser Schlacht verloren. Nacht war's, als Kutusow zum Rückzüge blasen ließ, und als auf der blutgetränkten Wahlstatt die Sieger lagerten, hungernd, dürstend, frierend. Wieder vergingen fünf Tage, verbracht in langsamen Vormärschen, hin über das wellige und von der Moskwa durchflossene Terrain. Da ging's auf einmal, einem elektrischen Schlage gleich, durch die unübersehbaren Heersäulen, die sich in langgewundenen Linien und Krümmungen, einer Riesenschlange vergleichbar, vorwärts bewegten. Und immer größer wurde die Erregung; alles drängte nach vorn. Dort, wo von der Höhe der Sperlingsberge die Augen Ausblick finden, da pflanzte sich nun der Ruf fort: „Moskau, MoskauI" Wie ein Lauffeuer scholl er von Regiment zu Regiment, von Kolonne zu Kolonne. Vergessen schien alles Leid, vergessen all die zahllosen Strapazen und Entbehrungen, die sie bis dahin gelitten; denn reiche Winterquartiere schien ihnen die Stadt zu versprechen, welche, geschmückt ^ wie in Gold und Purpur, vor ihnen lag. Angesichts Moskau's wurde biwakirt. Unsere Königs-Chevaulegers lagerten auf der Nordwestseite des Dorfes Koszelschewa, wohin sie nach einem nicht unblutigen Kampfe mit den Kosaken gelangt waren. Der Brand von Moskau vernichtete die Hoffnung des Heeres. Nicht bloß die Quartiere waren vernichtet, auch alle aufgespeicherten Vorräthe, von welchen die Armee über Winter hätte zehren sollen, waren ein Raub der Flammen geworden, und das Gespenst der gräßlichen Hungersnoth hielt seinen Einzug im Lager der Franzosen. Dazu die entsetzliche Kälte des frühen Winters, die Unmöglichkeit, die Communication längs der dritthalbtausend Kilo- meter langen Operationslinie freizuhalten, dieses alles be- 1 wog Napoleon, den Rückzug aus Rußland anzutreten. Um die Riesenbrandstätte herum schwärmten gleich Heuschrecken die Kosaken, die wenige Tage vorher Reißaus genommen, und machten sich in der unangenehmsten Weise bemerkbar. So entschloß sich der Kaiser, da die Position von Moskau gänzlich unhaltbar geworden, die unglückliche Stadt zu verlassen und den Weg zurückzumessen, den er so stolz vor wenigen Monden dahingezogen war. Bei Malo-Jaroslawetz drohten die Russen unter Doktoroff dem Corps Eugens von Savoyen den Rückzug zu verlegen. Ohne Unterlaß ward um den Besitz dieses Ortes gekämpft; endlich verblieb er den Franzosen, aber es war ein Pyrrhussieg, den Napoleon erfochten. Am 3. November war man bis zu den Wäldern von Wiazma gelangt. Voran als äußerste Vorhut ritt die Brigade Preysings. Noch hatte die Täte nicht das Dorf Misau- dowo erreicht, als Kosakenschwürme den Train überfielen, ihn aber im Stiche ließen, als Oberst Graf Seyssel d'Aix mit den Königs-Chevaulegers den Russen zu Leibe ging. 719 Nun durchzog unser Regiment auf beschneiten Waldwegen den Forst von Misaudowo, als der Anmarsch zweier russischer Regimenter gemeldet wurde. Die Chcvaulegers Fall war. Nach der Schlacht bei Duchowszszina, wo sich unsere Chcvaulegers besonders auszeichneten, zählten sämmtliche vier Chevaulegers-Regimenter der Divistosi Preysing s>, FMW zögerten nicht, die zehnfach überlegenen russischen Dragoner anzugreifen, worauf der Feind langsam zurückwich, da er vermuthete, daß große, geschlossene Reiterabtheilungen dem Häuflein Königs-Chevaulegers folgten, was aber nicht der zusammen nur mehr zwanzig Berittene. Bereits in den ersten vier Wochen des Rückzuges lösten sich unsere Reiter- Regimenter eines nach dem andern auf, am Tage nach Beresina hatte auch das Königs-Chevaulegers-Regiment Die Uniformen des iiünigl. baycr. 4. Chevauteger-Ncgimenls (1804—1812) 720 aufgehört, zu existiren. Hügel von erstarrten Menschen, ganze Reihen von Thierkadavern bildeten die Marksteine dieser Heerstraße des Todes. Schritt für Schritt fechtend zog man sich zurück. Auf eigene Kraft war unser Regiment gestellt, denn „Leiningen- Chevaulegers" existirten bloß mehr auf dem Papier. Unser Regiment bildete die Arriöregarde, und von unseren Säbeln hing das Heil der anderen Tapferen ab; denn immer ärger wird das Drängen der Kosaken, Pulk auf Pulk, Sotnie um Sotnie braust heran, mordgierig die Pike einzubohren in die Leiber der Unseren. Da schmetterten in die Winterluft so hell, so sieges- freudig, wie einst in fröhlicheren, glücklicheren Tagen, die Trompeten der „Königs-Chevaulegers", und mit hochgeschwungenem Säbel in der Faust stürzt sich Graf von Seyssel d'Aix selbst an der Spitze seiner heldenhaften Grünröcke blindlings hinein in Tod und Verderben, in den vorgehaltenen Lanzenrechen, hinein in den dichtesten Schwärm der Russen, die in wilder Flucht auseinander- stieben und einen General sowie zahlreiche Offiziere in den Händen der Unseren lassen. Nie war ein Lob gerechter als das, welches der Vizekönig Italiens, Prinz Eugen, unseren Königs-Chevaulegers spendete; aber der Bluttag hatte die Schwingen gelähmt, erschöpft waren die Kräfte, total ausgepumpt bis zum letzten Rest von Odem waren Roß und Reiter. Zum letzten Male erscheint die Division Preysing unter dem so glorreich geführten Namen. Schon die folgende Nacht bringt die Auflösung, es gibt keine Feuerung mehr für die Biwaks, keine Handvoll Hafer für die Pferde, nicht eine Krume Brodes mehr — der Nest hieß Schweigen und Tod! (Schluß folgt.) --» - Zu unseren Bildern. Kaiser Nikolaus Aiexandrowitsch. Rußlands neuer Zar wurde am 18. Mai 1868 in Petersburg geboren. Im Hinblick aus seine dereinstige hohe Stellung erhielt de> selbe unter Oberleitung des General-Adjutanten Damelowitscb, eines hochgebildeten Mannes, eine eben so gründliche wie vielseitige Erziehung und wissenschaftliche Bildung. Die kaiserlichen Eltern legten einen beioiweren Werth darauf, daß ihr Sohn seinen Gesichtskreis durch größere Reisen in das Ausland erweitere. Zn diesem Zweck trat der Zarewitsch >m Jahre 1890 eine längere Reise nach dem Orient und nach Asien an, auf welcher er, wie bekannt, einst in Lebensgefahr gebieth. Es war im Frühjahr 1891, als Großfürst Nikolaus auf seiner Rückkehr von Batavia über Saigon sich nach Hongkong und sodann nach Japan begab. In das russische Heer trat der jetzige Kaiser mit 18 Jahren, und zwar der Tradition gemäß in das Preo- brascbenSkcsche Garde-Infanterieregiment, ein. Daran schlössen sich Dienstleistungen bei den anderen Waffen, in denen er den Grund zu einer soliden Kenntniß des Dienstbetriebes und der Ausbildung der Kavallerie und Artillerie legte. Bei seinen Wiederholten Besuchen am deutschen Kaiserhofe hat sich der Großfürst Nikolaus Aiexandrowitsch die Sympathien der Kreise erworben, mit denen er in nähere periönltche Berührung gekommen. Allgemein werden die Urbanität seines Wesens, die Feinheit seiner Umgangsformen im gesellschaftlichen Verkehr und die Unbefangenheit seiner Anschauungsweise gerühmt. Zu dem preuß. Heere steht derselbe dadurch in persönlicher Beziehung, daß er Chef des 1. Westfäl. Husarenregimcnts Nr. 8 ist, und daß er L I» »uits des Kaiser Acexander-Garde-Grenadier-Regiments Nr. 1 geführt wird. Zar Nckoiaus II. ist im Begriff, einer Prinzessin aus einem deutschen Herrscherhause, welches seit Jahrzehnten durch Familienbandc mit der russischen Herrscherfamilie verknüpft ist, der Prinzessin Alix von Hessen (deren Bild wir in Nr. 41 h. I. des Unterhaliungsblattes brachten), die Hand zur Vermählung zu reichen. Möge auf dieser Verbindung der Segen deS Himmels in reichstem Maße ruhen! Nas Ktammschlotz der Nomanosf in Moskau, die Wiege der heutigen russischen Dynastie, stand Jahrhunderte lang vergessen auf der Warwarka in Moskau, bis es im Jahre 1856 aus Befehl des Kaisers Alexander II. restaurirt ward. Unser Bild stellt die Rückseite und Hauptfaxade des restaurirten Gebäudes dar. Man genießt von den Höher gelegenen Zimmern aus eine herrliche Aussicht über die Stadt. Im Erdgeschoß befinden sich Keller und Küche, darüber Waffen- und Vorraths- kümmern. In dem niedrigen Aufbau unter dem Dache wohnte die Bojarin mit den Kindern, die Zimmer find der Mode älterer Zeit entsprechend niedrig und haben wenig Licht. Unter der Regierung von Boris Godunoff (1589-1605) tritt zuerst die Familie der Romanoffs auf; der erste Zar aus dem Hause Romanoff ward 1613 erwählt. -—i-^-1—- Allerlei. Bayerische Drohung. Ein Bauer besteigt in angeheitertem Zustande den Dampfer auf dem Starn- berger See. Da er durch seine schwankenden Bewegungen allerlei Gegenstände und auch Personen anrempelt, so ruft ihm der Kapitän zu: „Jetzt setzen Sie sich nieder und verhalten sich ruhig, sonst werfe ich Sie sofort in den See!" — „So?" sagte der Bauer zornbebend, „baldst mir das nochmal sagst, sauf i die ganze Lachen aus, und nacha kannst mit Dei'm Schlitten auf'm Sand ham fahren!" Kasernhofblüthe. Unteroffizier szu einem recht mageren Rekrutenj: „Mensch, Sie sehen ja aus wie ein Abreißkalender am 31. Dezember!" - » s> -»- Goldkörner. Wer nichts zu verzapfen hat, hänge kein Schild aus. K. Viele Menschen sehen die Tugend mehr im Bereuen der Fehler, als im Vermeiden derselben. Christoph Lichtcnberg. Mikder-Iiäthsek. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 89: Weiß. Schwarz. 1. S. 84—85 K. 84—85 : (^ oder 8) 2. D. 66—85 : -st beliebig. 3. L. 84-05 resp. D. 85—05 Matt. L.. s. 06—85: 2. D. 66-87 K. 84-84 3 D 87-84 Matt. 8 . 1. 06-05 2. S. 85-86 : -i- K. 86 84 3. D 66 6t Matt. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 91: Weiß. Schwarz. 1. T. 64-65 -j- K. 85 65: 2. S. 88-87 K. 65—85 3. 62-64 Matt. --WRR--