AntkMltimg zsr „Augsburger PostMung". 94. Dinstag, den 20. November 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas >ür Grabherr in Augsburg Weber. ^ In der weitläufigen Dom-Bücherei sah es am Früh- . morgen deS vierzehnten Tages im Herbstmonate gar be- j haglich aus. Ein großes Feuer loderte im Kamin, und Kienfackeln beleuchteten die mächtigen in Schweinsleder gebundenen Folianten, so zwischen den Säulen auf hohen Gestellen sich aneinander reihten. j Drinnen waltete ruhig und umsichtig Herr Ekkehard. ^ Der war ein Sachsensproß aus dem nahen Harsum. Er hatte einstmals mit Bischof Bernward zugleich zu Thang- mars Füßen gesessen, so damals Vorsteher der Domschule und heute Domdecan war. Herr Ekkehard aber war inzwischen Bischof von Schleswig geworden. Die Wenden jedoch hatten ihn von seinem Bischofssitz vertrieben. Da hatte alsdann der Flüchtling offene Arme gefunden in Hildesheim bei seinem Mitschüler, dem Bischof, und bei seinem Lehrmeister, dem Decan. Nach besten Kräften waltete er hier und dorten und nahm insbesondere sich mit Liebe und Geschick der Dom-Bücherei an. „Unser heiliger Bischof Altfried möge Euch droben , den Dienst gedenken, den Ihr seinem Stift mit dem ^ Ordnen der Wissenschaften leistet," sprach eine tiefe Stimme vom Eingang her, und die kraftvolle Gestalt Herrn Thangmars erschien auf der Schwelle. Selbiger trat näher und erzählte nicht ohne Ingrimm: j „Vernehmt nur, der Mainzer Erzbischof sendet eben ein Pergament mit der Botschaft, daß er aus eigener Machtvollkommenheit die Kirchweihe zu Gandersheim auf das Matthäusfest verlegt habe, und daß unser bischöflicher Herr ihm ungesäumt an besagtem Tage entgegenkommen solle." „Wäre es möglich?" rief Ekkehard erregt. „Es ist so," bestätigte Thangmar und fügte hinzu: „Der Mainzer Bote aber ist schon mit einem Schreiben unseres Herrn auf dem Heimweg, worin Herr Bernward der Wahrheit gemäß dem Erzbischof meldet, er sei durch kaiserliche Aufträge in Anspruch genommen, mit wichtigen Dingen beschäftigt und könne nicht, wie befohlen, am Matthäustage ihm entgegenkommen. Und so reisen . wir heute nach Gandersheim, die Einweihung zu vollziehen, wie die Aebtissin Gerberga ursprünglich bestimmt hat." „Recht sol" sprach Ekkehard. „Und Gottes Segen geleite Euch!" „Dank für den guten Wunsch I Eine leichte Sache ist es nicht, die uns bevorsteht. Gehabt Euch wohl!" sagte Herr Thangmar und ging mit entschiedenen Schritten von dannen. Das war am Feste Kreuzeserhöhung. , Sechs Wochen später finden wir den fremden Schüler Klaus vom Rhein gar traulich im Hause Diethelms. Auf der Kunstschule arbeitet der Strebsame tagsüber mit Feuereifer und Geschick; seine Kräfte wuchsen. Die schöne Rast aber, die ihm sein Beruf des Abends freiließ, durfte er nutzen zu herzerquickendem Thun. Manch lehrreich Gespräch mit seinem Gastherrn Diethelm konnt, er führen, manch traulich Stündlein mit Frau Gisela und Jungfrau Clothild verplaudern. So saßen sie stets beschaulich des Abends beisammen, sahen dem Sonnenuntergang zu, hörten die letzten Lieder der Amsel. Dann nahm Clothild ihr Saitenspiel und stimmte fromme Weisen an, zuerst den englischen Gruß. Sie schaute fromm gegen den Abendhimmel und sang mit ihrer tiefen Altstimme: „Gegrüßt seist Du, Maria!" und die Andern fielen ein in ihren Gruß, und das Aveglöckchen des Marien- domes läutete sein Amen. Bei diesem frommen Lied ließ Clothild es nicht bewenden, und Herr Klaus, der manchen neuen Sang und manche alte Mär, wie das Waltharilied und den Sang von Hildebrand und Hadubrand zu singen wußte und selber Ton und Weise dazu finden konnte, gab der Jungfrau an, wie sie das Saitenspiel handhaben mußte, um das, was er singen und sagen wollte, so wie es ihm um's Herz war, nach seinen Gedanken zu begleiten. Er fand eine verständige Freundin, eine Geistesgenosstn. Und die Musik redete von Herz zu Herzen. Zuweilen auch sang Klaus ohne Begleitung im Sprechtone: „Uns ist in alten Mären Wunders viel gesagt von ruhmes- werthen Helden, von großer Kühnheit, von Freuden und von Festen, von Weinen und von Klagen — von kühner Recken Streiten möget ihr nun Wunder hören sagen." Dann lauschten Alle athemlos der Nibelungen Noth, bis der Sänger geendet. Herr Klaus vom Rheine war wohlig zufrieden. Die Zeit verstrich ihm gleichmäßig ruhig und arbeit- bringend. Dankbar gab er sich Mühe, alles nach den Wünschen feiner Gastleute zu machen. So war in Meister Diethelms stillen Haushalt seit der Einkehr des rheinischen Gastes ein neuer froher Geist gezogen; nicht laute Lustigkeit, die paßte in das Haus ebensowenig, wie in die Kirche, aber vollkommenere stille Freude an den Künsten und verdoppelte Fröhlichkeit der Herzen im gegenseitigen Ermuntern zum Guten und Edeln. Das Aussprechen mit einander, die Wechselreden über Kunst gaben neuen Stoff zu ernstem Nachdenken, zu fruchtbarem Schaffen. Herrn Klaus schien es auch eine rechte Freude, zu sehen, wie wirthlich und gewandt die anmuthige Clo- thilde alles zu ordnen wußte. Ein schlimmerer Punkt aber war der: Wenn auch der Maler Klaus sehr wortreich vow rheinischen Leben zu berichten wußte, so wurde er redekarg, wenn er von sich selber, von seiner Vergangenheit, von seinen Verwandten erzählen sollte. Er sprach nur gerne von dem, was er heute zu schaffen vorhatte und zu leisten vermochte. Aber das Unausgesprochene war ein Hemmniß im unbefangenen Verkehr. Das fühlten Alle. Gegen Ende des Weinmonats, der freilich seinem Namen im nordischen Hildesheim gar wenig Ehre machte, saßen sie wie jeden Abend traulich in Meister Diethelms Wohnstube beisammen. Draußen gingen die Herbststürme, und drinnen sprühte das Kaminfeuer. Um das warme, hellaufsprühende schaarte sich die Familie. Es war ein gar freundliches Bild. Wie ist doch die Welt so schön, so reich, wenn Freunde sich aneinander schließen! Was der belebende Sonnenstrahl der Erde, das ist die herzliche Freundschaft 731 dem Menschen. So wenig reicht aus, um glücklich zu sein. Nur der ist arm, der im großen Welttreiben auf dem Erdenrund kein friedsam Plätzchen gefunden hat, um sich niederzusetzen. Sie sangen vierstimmig zur Clothildens Spiel die wunderliebliche Melodie: „Es ist ein Reis entsprungen aus einer Wurzel zart." Das Lied gab ihnen ein Vorgefühl vom nicht allzufernen Christfest. Und die vier glücklichen Menschen dachten an der Engel Sang: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden allen, die guten Willens sind." Sie hatten nur den einen Wunsch: „Daß es lange so bleibe!" „Hier ist es gut sein," sprach Heribert, der unver° merkt in das nicht verschlossene Haus eingetreten war. Freudig hießen Alle den späten Gast willkommen. Kunstschätze Italiens, Roms sehen und kennen zu lernen, das war mehr, als Klaus jemals erhofft und erträumt hatte. Er war außer sich vor stolz-demüthtger Glückseligkeit. Sein Gastherr Diethelm trat vor, bot ihm die Hand und sprach freudig: ^ „So nimm meinen Segenswunsch, Du beglücktes Menschenkind! Unser heiliger Altfried behüte und schirme Dich auf der Reise." „Dank Euch für den guten Wunsch," sagte Klaus. Da kam quch die milde Hausfrau auf ihn zu, Wehmuth im Blicke. k „Ich habe niemals einen Sohn gehabt," also sprach > Frau Gisela. „Doch heute ist es mir, lieber Klaus, als ob ich einen Sohn in die weite Welt entlassen sollte. Mein Segen geleite Dich!" MM WAW AM '.PUU Die Dosen der heil. Ttisadelh. Der strahlte vor Glück und platzte sogleich mit seiner Botschaft hervor: „Lieber Klaus, ich soll Dir vermelden. Du darfst gleich mir unsern bischöflichen Herrn nach Wälschland, nach Rom begleiten. Schnüre Dein Bündel. In wenig Tagen reiten wir." Die Wirkung dieser Worte war außerordentlich. Fassungslos starrte Klaus den Freudenboten an: er vermochte kaum zu glauben, daß ihm solches Heil widerfahren solle. Dann plötzlich aber sprang er in wahrem Taumel auf, warf sich jubelnd an des Freundes Brust und umhalste ihn stürmisch. Ja, er Hütte die ganze Welt umarmen, alle Menschen glücklich sehen mögen. Erlesen zu sein, unter des gelehrten Bischofs Führung, unter der Leitung Herrn Bernwards, den er schwärmerisch verehrte, wie keinen anderen Menschen, die Klaus vom Nheine dankte herzlich und schaute sich um nach der stillen Clothild. Die war bleich und stumm geworden wie ein Marmorbild, und ebenso unbewegt. Er schritt auf sie zu und beugte sich zu ihr nieder. „Habt Ihr allein keinen Segensspruch, keinen Wunsch für mich?" fragte er bewegt. Die Maid schaute traurig empor, und Klaus sah ihre großen blauen Augen in Thränen. „Mir geht's wie der Mutter," sprach sie einfach. „Ich habe keinen Bruder gehabt, und doch habe ich die Empfindung, als ob ein Bruder mir in das Wälschland zöge. O möge der liebe Gott Euch beschützen!" Klaus aber hatte kein Verständniß für ihre gefühlvolle Trauer. „Das wird er, Jungfrau Clothild; ganz gewiß wird 732 der liebe Herrgott das, denn er hat mich berufen," sagte er freudig und zuversichtlich. Heribert stand beiseite, wischte verhohlen mit der Hand über die Augen und dachte: „Wohl dem, der ein solches Heimathhaus gefun- ^ den hat!" ! Meister Dieihelm entriß ihn seiner Betrachtung. „Heribert, Ihr wart dazumal mit unserm Herrn nach Gandersheim geritten, erzählt, wie war's mit der Unbild, so ihm daselbst geschah." Der Aufforderung entsprach Heribert nicht ungern. Es wurmte ihn noch grimmig, wenn er an das Erleb- niß dachte. j „Das war folgendermaßen: Wir kamen des Mor- > gens früh nach Gandersheim und fanden dort statt feier- > lichen Empfanges und rechtmäßiger Ehrenbezeigungen vor der Kirchcnthüre eine erkleckliche Menschenmenge, so bereit war, mit Stangen und Waffen auf unseren hochwürdigen Herrn einzudringen, falls er sich herausnehmen würde, die Einweihung der Kirche zu vollziehen. Dazu war er doch auf altes Recht hin von der Aebtissin Ger- berga berufen. „Das Stift gehört zu Mainz, wir haben eine neue Grenze gefunden I schrie der Anführer und schwang seinen rostigen Spieß. Unser Herr aber ließ sich nicht beirren. Trotz der Schmähungen, trotz der Unbilden von allen Seiten trat er ein, hielt er — es war ergreifend — das feierliche Hochamt. „Viel treues Volk war bei der Kunde von der Ankunft seines Bischofs wie zu einem Feste zusammengekommen, und ein Fest war es auch. „Die Schwestern aber hatten ihren Sinn auf Mainz gestellt und zeigten sich entrüstet. Als Herr Bischof Bernward sie, wie gebräuchlich, zur Opfergabe ermähnte, warfen einige die Gaben mit Zorn unserem Herrn vor dio Füße. Der aber, durch einen so unerhörten Aufruhr auf's Tiefste bewegt, brach in Thränen aus, nicht weil er sich selber, sondern weil er Gott beleidigt sah. Er kehrte indessen zum Altare zurück und vollendete mit großer Inbrunst die heilige Messe. Dann wandte er sich zum Gandersheimischen Volk mit väterlicher Anrede, tröstete dasselbe und segnete es. Darauf kehrte er, von selbigem ehrenvoll auf den Weg geleitet, dorthin zurück, woher er gekommen war." „Welche Demuth und welche Mäßigung des hohen Herrn!" rief Diethelm aus. „Wer möchte glauben, daß ein Mann von so hoher geistlicher Würde, von solch' edelem Geschlecht und von so vielen Dienstmannen umgeben, den Kränkungen lieber mit Geduld, als mit Gewalt begegnen wollte!" Er fuhr mit der Hand über die Stirn. „Ja, ja, ich weiß, der gestrenge Herr Willegis glaubt ein Recht auf Gandersheim zu haben, wenn schon unser gelehrter Herr Thangmar durch Pergamente nachgewiesen hat, daß das Kloster immer zum Stifte Hildesheim gehörte. Meines Erachtens liegt die Sache so: „Der Sachsenherzog Liudolf baute das Kloster zuerst auf dem rechten Ufer der Gande, auf Hildesheimi- schem Gebiet, und unser heiliger Bischof Altfried weihte es ein. Etliche Jahre später baute Liudolf nun auf dem linken Ufer der Gande, so zu Mainz gerechnet ward. Und weil das ganze Gebiet dem Liudolf gehörte, verblieb alles bei Hildesheim und wurde auch später immer ! zum Hildeshcimer Stift gerechnet. Die Mainzer achte- ! ten nicht darauf, der Landstrich war ihnen zu entlegen. Heute, da das Gandersheimer Stift mächtig geworden ist und der Sophia viel daran liegt, daß das Kloster unter die Obsorge von Mainz komme, da wollen sie Ansprüche geltend machen und finden Leute, die bezeugen, daß es ursprünglich auf Mainzer Gebiet erbaut sei. Wir aber sind im Besitz. Die Mainzer hätten vermeintliche Rechte vor zwei und einem halben Jahrhundert geltend machen sollen. Unser bischöflicher Herr muß als Landesfürst seine Ansprüche vertreten." „Das thut er", versicherte Heribert. „Wie gings denn zu am Matthäustage?" forschte Diethelm. Heribert lächelte. „Das berichtete mir unser Herr Thangmar Ich selber war nicht dabei. Herr Willegis stellte sich in der Absicht, die Kirche zu weihen, am Tage vor Matthäi ein mit den Bischöfen Rethar von Paderborn und Be- rengar von Werden, auch mit dem Herzog Bernhard und großer Gefolgschaft. Statt unseres Herrn aber trat ihm entgegen Herr Bischof Ekkehard von ^Schleswig mit unserm Herrn Thangmar und den Angesehensten des Hildcsheimer Capitels. Ekkehard vertheidigte mit großer Festigkeit und mit kräftigem Nachdruck die Ansprüche und Rechte Hildesheims. Er setzte es also mannhaft durch, daß Herr Willegis von der Kirchweihe abstand. Darauf gingen Alle in Zwiespalt auseinander. Das Zerwürfniß bekümmert unsern Herrn Bernward ungemein." „Das glaube ich," sprach Diethelm. „So ist dieser unselige Streit auch die Ursache, daß unser Herr zur Wiederherstellung des Friedens nach Rom zu dem Oberhaupte der Christenheit und zu dem deutschen Kaiser pilgert." Heribert schüttelte den Kopf. „Darin geht Ihr zu weit, Meister Diethelm. Unser Herr brennt schon seit Monden vor Verlangen, dem Rufe des Kaisers zu folgen und den hohen Jüngling, den er zum Guten erzogen hat, daselbst in seiner ganzen Würde zu sehen. Er liebt den jungen Otto wie den eigenen Sohn. Wahrscheinlich wird er beim Wiedersehen den Gandersheimer Streit nicht vergessen und eine Schlichtung der Sache herbeiführen. Doch ist diese ärgerliche Angelegenheit keineswegs die Veranlassung zur Fahrt nach Rom. Die Liebe zu seinem kaiserlichen Zögling allein bestimmt unsern Herrn zur weiten Reise, so ihm mitten im kalten Winter schlecht zusagt. Freilich auch seine große Liebe für die Kunstbestrebungen unserer Zeit treiben ihn an zu einer Wanderung nach Rom, dem Mittelpunkt aller geistigen Bildung. Und mit ihm ziehen auch wir fort in's Weite," vollendete Heribert freudig. „Sankt Altfried behüte und schirme Euch alle!" sagte Diethelm. „Wir wollen für Euch beten. Fahret wohl!" Sie schüttelten sich die Hände. (Fortsetzung folgt.) -- Goldkörner. And're Natur wird Uebung; was jung du einst in den Künsten Hast gelernt, wird nie rauben das Aller hinweg. Owen. 733 Das 150jährige Jubiläum des kgl. bayer. 4. Chevauleger-Kegiments „König". (Schluß.) Eisige Nordwinde sausten über die unwirthltchen Steppen, immer tiefer sinkt die Quecksilbersäule des Thermometers, das Blut erstarrt in den Adern, aber weiter, weiter gegen den Westen, wo die Rettung winkt, ziehen auf der Brücke, und mit gezogenem Degen hüten Mar- schälle von Frankreich den Zugang zu der schmalen Holzbahn, die hinüber nach dem rettenden Ufer führt. Immer furchtbarer ist das Drängen, denn schon !l AM die Trümmer, die so traurigen Neste der noch vor kurzem so herrlichen Reitertruppe. Am 27. November war es, da erreichten die traurigen Trümmer der vor kurzem noch so herrlichen und stolzen Regimenter die Unglücksbrücke die über den Unglücksstrom führt. Grauenhaft ist das Gewühl vor und fährt die russische Artillerie auf, und ihre Feuerschlünde schleudern von nahen Höhen Tod und Verderben in den in qualvoller Enge eingeengten Knäuel von Menschenleibern. General Graf Preysing bittet, ja er fleht, es möge ihm vergönnt sein, seine Chevaulegers, die sich für den Imperator geopfert, die Pferde am Zügel führend, 731 die Brücke passiren zu lassen. Es wurde ihm gewährt, aber nur wenige Unglücksgefährten sind ihm geblieben, darunter Major Bieber und Rittmeister Fuchs von den Königs-Chevaulegers. Weiter geht nun der Zug der Handvoll Bayern, die sich sogar in dem Schnee verirren und gezwungen sind, den Uebergang auf der Eisdecke eines Teiches zu versuchen. Wie gewöhnlich, ritt der Major v. Bieber unseres Regimentes an der Spitze seiner Schicksalsgenossen, während der General Preysing den kleinen Zug beschloß. Da berstet mit markerschüterndem Krachen die Eisdecke, und der General, sowie einige Chevaulegers brechen ein und kämpfen mit den Fluthen einen furchtbaren Kampf auf Tod und Leben, bis es dem Geueralstäbler F-lotow im Verein mit dem Rittmeister Fuchs von den Köuigs-Che- vaulegers gelingt, die Unglücklichen unter unsäglichen Schwierigkeiten und unter persönlicher Gefahr zu retten. Zwar hatten in Poloczk die bayerischen Truppen Verstärkung erhalten, die aus der Heimath nachgesandt worden war, aber trotzdem war es nur möglich, aus je zwei Chevaulegers-Regimentern je eine Eskadron zu formiren, und zwar bildeten die Königs-Chevaulegers mit Leiningen zusammen die 3. Eskadron des kombinirten Regiments, welches unter Kommando des Majors Baron Hertling unseres Regimentes stand und bei der Musterung am 2. Jänner 1813 zu Poloczk 9 Offiziere und 355 Pferde musterte. Von unserem Regimente war nichts geblieben, als sein leuchtender Name, vernichtet war die Heldenschaar. In der Stärke von 521 Mann war das Regiment ausgelitten; nur 39 kehrten im Laufe des Frühlings all- mälig wieder nach Augsburg zurück. Die Fortdauer des Krieges gestattete keine Trauer. Die letzten Kräfte des Landes mußten aufgeboten werden, um eine neue Armee an Stelle des untergegangenen Heeres zu stellen, und schon am 20. März 1813 zog eine neu formirte Eskadron nach Bamberg, um sich dort mit den Eskadronen anderer Regimenter zu einem Regimente zu verbinden, welches nach Sachsen dirigirt und dem Befehle des Marschalls Oudinot unterstellt wurde. Das Regiment kämpfte mit großer Bravour bei Bautzen, Luppenau, Wittenberg und Jüterbogk, allerdings mit blutigen Verlusten. Nach dem Vertrage von Ried, schied es aus der Verbindung mit den Franzosen und kehrte in die Heimath zurück. Auch Bayern hatte sich der Erhebung Europa's gegen den korsischen Unterdrücker angeschlossen. Im Januar des Jahres 1814 zog unser Regiment über die Vogesen, um in das Herz Frankreichs einzudringen, wo ihm kurz darauf Gelegenheit geboten werden sollte, seiner Geschichte einen der stolzesten Nuhmestage, den Tag der Schlacht von Brienne, einzuverleiben. Auch in den Schlachten von Bar sur Aube, in dem Reitergefecht von Malmaison, in der Schlacht von Ars sur Aube empfanden die Franzosen die scharfen Säbel der Vierer, und es war eine wohlverdiente Auszeichnung, daß das Regiment an dem Einmarsch der Verbündeten in Paris, 1. April 1814, sich betheiligen durfte. Hierauf bildete es kurze Zeit einen Theil der Garnison von Aney und kehrte am 23. Juni wieder in seine liebe Garnison Augsburg zurück. Die Rückkehr Napoleons von Elba rief die Welt neuerdings unter Waffen. Auch das 4. Regiment zog abermals über den Rhein; das Schicksal dieses Feldzuges wurde jedoch im Norden, in Belgien, auf dem Schlachtfelde von Waterloo entschieden, und die Theilnahme des Regimentes an den Kämpfen beschränkte sich auf einige unbedeutende Engagements. Am 10. Dezember kehrte das Regiment wieder nach Augsburg zurück. AIS im Jahre 1832 dem bayerischen Königssohne Otto, der den Thron von Griechenland bestiegen hatte, ein bayerisches Trup- pencorps zur Verfügung gestellt wurde, gab auch oas 4. Chevaulegers-Regiment hierzu eine Eskadron ab, welche am 3. Februar 1833 in Nauplia landete. Sie verblieb ein Jahr in Griechenland, ohne irgendwelche nennenswerte Thätigkeit auszuüben, und kehrte im November wieder zurück, um allerdings bei der Rückreise den Schrecken eines furchtbaren Seesturmes kennen zu lernen. Als frohes Ereigniß in der Geschichte des Regiments ist der Eintritt Sr. K. Hoheit des Herzogs Ludwig zu verzeichnen. Se. K. Hoheit stand von 1863—1864 als Oberst an der Spitze des Regiments. Es waren nun lange Friedensjahre, bis im Jahre 1866 jener unselige Krieg entzündet wurde, welcher leider die Söhne deutscher Bruderstämme im blutigen Kriege gegen einander führte. Das Regiment zeichnete sich hier besonders in der Schlacht von Kissingen aus, wobei sich Rittmeister Frhr. v. Egloff- stein den Max-Joseph-Orden erkämpfte. Bei der brillanten Attaque der bayerischen Kavallerie in der Schlacht von Hettstädt ward dem Regiment leider nur die Aufgabe der Reserve zugewiesen. Am 8. September rückte es wieder in seine Garnison Augsburg ein. 1870 zog das Regiment zum dritten Male über den Rhein, Frankreichs Feldern zu I In dem großen Feldzuge finden wir nur ganz wenige Schlachten, in welchen die Reiterei mit jener Bedeutung eintritt, die ihr ehemals zukam; z. B. in dem Todesritt der Brigade Bredow; in dem großen Kürassierangriff von Reichshofen; im Todesritt der Division Marguerite bei Sedan. Unser Regiment war der zweiten Division als Divisionsregiment beigegeben , verließ am 30. Juli seine Garnison und überschritt den Rhein bei Germersheim. Es war dem Regiment nicht gegönnt, an den Schlachten von Weißenburg und Wörth theilzunehmen. Als Avantgarde der zweiten Division war der Dienst ein äußerst anstrengender, insbesondere bei der großen Abschweifung gegen die belgische Grenze, als es galt, Fühlung mit den Franzosen zu gewinnen, welche unter Mac Mahon von Norden her den in Metz eingeschlossenen Bazaine entsetzen wollten. Am 30. August stieß das Regiment bei Beaumont auf feindliche Biwaks und kam hierbei zum ersten Male in's Feuer. Das Regiment attakirte eine Mitrailleusenbatterie, welche sich jedoch noch zeitig retten konnte. An der Schlacht von Sedan nahm das Regiment keinen aktiven Antheil und wurde sodann zur Bewachung der französischen Gefangenen kommandirt. Am 22. September traf das Regiment vor Paris ein, wurde aber sehr bald an die Loire gesendet und kämpfte dort unter von der Tann mit großer Auszeichnung in den Schlachten von Beaugency und Bazoches les Hautes. Nach den Kämpfen von Orleans wurde es wieder nach Paris zurückbeordert, wo es bis zum 30. Januar 1871 blieb. Hier ward dem Regiment das schauerlich-schöne Schauspiel gegeben, den Brand von Paris und die Vernichtung der Kommune durch die Ver- sailler als unmittelbare Zuschauer zu beobachten. Dem Friedensvertrage gemäß blieb ein ansehnlicher Theil deutscher Truppen auf französischem Boden zurück, bis zur völligen Zahlung der Kriegskontribution. Auch das 4. Chevaulegers-Regiment gehörte zu den Occupations- W 736 Truppen und garnisonirte zwei Jahre lang in Sedan. Erst am 4. August 1873 kehrte es wieder in seine Garnison Augsburg zurück, in welcher es bis jetzt seit dem Jahre 1808 verweilt. Die Geschichte des tapferen Regimentes ist somit erzählt; es wären nur einige kleine Einzelheiten nachzutragen, welche aber in den Rahmen einer größeren Regimentsgeschichte gehören, welche, wie wir vernehmen, soeben abgefaßt wird. Wir haben die Uniformstypen in Zeichnungen vorgeführt; sie sind keine Phantasiebilder, sondern bis in's kleinste Detail genau und gewissenhaft nach dem vorhandenen Aktenmateriale gefertigt. Die erste Vignette zeigt das Regiment in seiner gegenwärtigen Ausrüstung. Als zweites Bild folgt das Regiment in der Uniform, in welcher es im siebenjährigen Kriege kämpfte. Im dritten Bilde hat die äußere Erscheinung vollständig gewechselt: der Reiter zieht im Typus der Rumford'schen Uniforms-Ver- änderung einher. Dennoch finden wir auf dem vierten Bilde abermals das Kaskett verschwunden, das Regiment „Churfürst-Chevaulegers" erscheint noch einmal mit feder- buschgeschmückten Hüten. An dieses Bild reiht sich die Uniform des Regimentes zur Zeit der napoleonischen Kriege, und unser Auge weilt vor allem befremdet auf den riesengroßen Helmen. Das Uniformirungsbild von 1870 schließt die Reihe unserer bildlichen Darstellungen. Das Regiment wird im Frühjahr in festlicher Weise die Feier seines 150jährigen Jubiläums begehen. Der Ehrentag ist wohl verdient. Das Regiment ist nicht nur der Uniform nach eines der schmucksten und schönsten des deutschen Heeres; seine Kriegsgeschichte steht, wie wir soeben vernommen haben, der Geschichte jedes anderen Regimentes würdig zur Seite. --- Zu unseren Bildern. Die Rosen der hl. Elisabeth. Am 19. November feiert die katholische Kirche das Fest der heiligen Elisabeth, Landgräfin von Thüringen. Die heilige Dienerin Gottes verwandte nach dem Tode ihres Gemahls, der 1227 auf einem Kreuzige in Otranto starb, alle ihre Einkünfte auf die Pflege der Armen und Kranken, für die sie in Marburg ein Hwpital stiftete; was sie selbst brauchte, erwarb sie sich durch ihrer Hände Arbeit. Sie starb am 19. November 123t. Wie die Legende schon von Wundern bei ihren Lebzeiten erzählte, so sollen einst, als ihr Gemahl den Korb, in dem sie den Eisenacher Armen Lebensmittel zutrug, öffnete, diese sich in Rosen verwandelt haben. Johann Tscrklaes, Graf von Tilly. Unter den berühmten Heerführern des dreißigjährigen Krieges glänzt Tilly als ein Stern erster Größe; nickt nur durck die Scklackten, die er gewann, sondern durch die Lauterkeit seines Charakters, die Reinheit seiner Sitten und das stete Bestreben, in diesem furchtbaren Verwüstungskriege strenge Manneszucht zu erhalten und so menschlich zu sein, als nur immer möglich; freilich scheiterten fline darauf gerichteten Bemühungen allzu bäustg an der Rohheit der damaligen Kriegsgebräuche, welche zu ändern er außer Stande war, nicht selten auch am bösen Willen seiner Untergebenen. Einem freiherrlichen Geschlechte in Brabant entsprossen, holte er sich auf dem Scklacht- felde bei Stadtlohn im Müniterschen, woselbst er den Herzog von Braunsckweig auf's Haupt schlug, den Grafentitel. Seine bekannteste That ist die Eroberung von Magdeburg, die seinem Namen Jahrhunderte hindurch das Schandmal eines Mordbrenners aufdrückte, bis erst in verhältnißmäßig neuer Zeit eine unbefangenere Geschichtsforschung zu Tage krackte, daß der Brand von Magdeburg nicht das Werk seiner Hände, sondern das der fanatisirten Bürger selbst war, und daß er mit Aufbietung aller verfügbaren Mittel dem Feuer Einhalt zu gebieten suchte. — Wie Tilly auf dem Schlachtfelde gelebt, so, kann man auch wohl sagen, starb er auf demselben. Im Alter von 73 Jahren vertheidigte er am 5. April 1632 bei Rain den Ueber- gang über den Lech, und es wurde ihm dabei durch eine Fal- conetkugel der reckte Oberschenkel zerschmettert. Tilly wurde zunächst aus der Schußlinie gebracht, und hier wurde ihm die erste Hilfe zu Theil. Das ist der Augenblick, den unsere Abbildung darstellt. Man führte ihn dann nach Jngolstadt, und dort starb er am 20. April in Folge seiner Wunde. Heute steht sein Bild rein und unbefleckt von dem Schmutze da, welcher sein Andenken länger als zwei Jahrhunderte hindurch getrübt hat. --S-X88SS- Allerlei. Hereingefallen. Herr sim Cigarrenladenj: „Führen Sie die Sorte Formoso?" — Händler: „Gewiß, mein Herr." — Herr: „Ist sie empfehlenswerth?" — Händler: „Außerordentlich! Namentlich die letzte Sendung ist ausgezeichnet." — Herr: „Danke! Sie schrieben mir aber, sie sei ganz schlecht ausgefallen. Ich freue mich, daß Sie jetzt anderer Meinung sind. Ich bin nämlich der Fabrikant. Guten Morgen!" * Kann stimmen. Im Vorsaal des Palais Bourbon in Paris begegnen sich zwei Abgeordnete; der Eine stellt dem Anderen einen Bekannten vor: „Erlauben Sie, lieber Kollege, daß ich Ihnen einen Herrn vorstelle, der die meisten Dummheiten der Welt in seinem Leben geschrieben hat." — „Sie sind wohl Journalist?" fragt der Andere. — „Nein, Kammerstenographl" * Schwere Wahl. Der Michel trägt in der rechten Rocktasche sein Frühstück, weich gekochte Eier, und seinen Rauchtabak. Unterwegs merkt er, daß der Tabakbeutel zerrissen und die Eier zerdrückt sind. „Soll ich jetzt," überlegt er, den Mischmasch betrübt betrachtend, „die G'schicht' essen oder rauchen?" X KindlicheFrage. Lehrerin sin der Naturgeschichts- stundej: „. . . . Der Maulwurf frißt täglich so viel als er wiegt . . . ." — Dorchen: „Fräulein, woher weiß denn aber der Maulwurf, wieviel er wiegt?" * Aus eigener Erfahrung. Professor: „Können Sie mir aus der Klasse der Kaltblütler noch eine andere Gattung nennen, welche eine solche staunenswerthe Vermehrungsfähigkeit besitzt?" — Kandidat: „Die Gläubiger!" -- Ailder-Fläthsek.