HZ 95. „Augsburger PostMung". Ireitag, den 23. November 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Dermvarü von Mdesheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) In der Nacht, die jenem Abende folgte, trug sich's zu, daß Clothild sich weinend an Frau Giselas Brust warf mit dem Rufe: „O Mutter, Mutter, wie soll ich's ertragen?" Frau Gisela aber verstand nicht gleich, was das blonde Töchterlein wollte. Dann aber durchzuckte und schüttelte es sie wie ein Frost. „Du armes Kind!" sprach sie traurig. „Wie kannst Du Dein Herz an einen Krüppel hängen?" Clothild lächelte in unsäglichem Leid. „Für mich ist er der Schönste, Herrlichste, den die Welt trägt. Mutter, ich liebe seine Seele." Thränen erstickten ihre Stimme. Frau Gisela wurde milder. „So sei stark und verwinde die Trennung. Er kehrt ja wieder," suchte sie zu trösten. Clothild sprang auf. „Du hast recht, er kehrt wieder. Aber," sie rang die Hände, „er geht in's Wälschland, Mutter; und die Frauen sind dort so schön und voller Tücken." „Bete, mein Kind, bete, daß die Engel ihn geleiten," sprach die Mutter. Als dann am zweiten Tage des Windmonats Herr Bernward aufbrach und in großer Gefolgschaft das Münster verließ zum herzlichen Leid des Domcapitels und des Volkes, und als Alle ihm eine Strecke Weges gen Süden das Geleite gaben, da vermochte Clothild, dem Scheine nach gefaßt, Herrn Klaus vom Nheine ein freundliches „Gott behütet" mit auf den Weg zu geben. Der Bruder des Bischofs, Tammo von Sommer- schenburg, ritt an der Spitze des Zuges, der Domdecan, Herr Thangmar, an der Seite des Bischofs. Graf Bardo von der Mundburg, so Bischof BernwardS Schwester Thietburg angetraut war, Graf Altmann von Olesburg und viele Edle des Sachsenlandes mit ihren Kriegsknechten folgten. IV. In der ewigen Stadt. Das Jahr Eintausend, von den Menschen mit Furcht und Bangen durchlebt, war vorüber. Die Welt bestand noch, die Völker athmeten auf. Am vierten Tage des Wintcrmonats Eintausend und eins näherte sich Bischof Bernward mit seinen Begleitern der ewigen Noma. Von Gottes Gnade geführet, waren sie hoch zu Roß unter vielen Abenteuern und Schwierigkeien über den Brenner und durch das Thal von Trient gezogen und kamen so, daß Alles nach Wunsch ging, zu der Hauptstadt der Christenheit. In zart röthlichem Dust verschwamm die weite Cam- pagna und die weichen Linien des schönen Albaner- Gebirges ; schärfer aber hoben sich vom Abendpurpur ab die kriegerischen Mauern und Thürme, die glänzenden Kuppeln und Zinnen der befestigten uralten Kaiserstadt. Wie schlug Allen das Herz in freudiger Rührung beim ersehnten Anblick der heiligen Noma! Bald ritten sie über die Tiberbrücke und dann durch ein festes bethürmtes Thor in die ewige Stadt hinein. Säulenhallen, Marmorgebilde von Pracht und Schönheit umgaben sie. Majestätisch stieg vor ihren bewundernden Blicken die Niesenbasilika auf, zu deren Errichtung Kaiser Constantin einst selber den ersten Spatenstich gethan hatte. Ihr Dach strahlte in goldenem Schimmer. „Sehet die Ruhestätte des heiligen Apostelfürsten Petrus!" sprach der Bischof. Sein mildes Auge leuchtete in begeistertem Glänze. „Wir wollen eintreten und an dieser erhabenen Stätte uns Kraft und Muth zu allem Guten erflehen." Sie stiegen von den Rossen. Noch aber hatten sie die Vorhalle des Gotteshauses nicht erreicht, siehe, da nahte gar eilig ein prachtvoller Zug. Der jugendschöne Mann, so an der Spitze des Zuges auf goldenem Prunkwagen selber das Viergespann der weißen Rosse lenkte, war in altrömische Gewandung, in eine sternenbesäete Tunika und eine purpurfarbene mit goldenen Adlern, mit Edelsteinen und Perlen gezierte Toga gekleidet. Sein mit goldenem Stirnreif geschmücktes blondes Lockenhaar flatterte bei der Schnelle, mit der er fuhr, im Winde. „Mein Otto!" rief Bernward freudig. Der Kaiser, er war's, sprang vom Wagen, umarmte stürmisch den geliebten Freund und Lehrer und rief mit Freudenthränen: „Willkommen, o tausendmal willkommen in Rom, mein theurer Vater! Ich brannte vor Verlangen, Euch wiederzusehen, und mußte Euch aus meinem Palaste entgegeneilen, sobald ich die Nähe Euerer Ankunft erfuhr. Mein Vater, wie glücklich bin ich!" 738 Der Bischof erwiderte die stürmische Zärtlichkeit des jungen Kaisers mit ruhiger inniger Herzensfreude. „Heil Bischof Bernward!" riefen die erkorenen Begleiter Otto's zum Gruße. Bernward neigte sich dankend. Die Sachsenhelden aber, so sich um ihn schaarten, riefen nun, fast beschämt, daß sie es versäumt, ihr „Heil dem Kaiser Otto!" „Mein Vater, ich sah es, Ihr wolltet den Eintritt in die ewige Stadt mit einer Andacht am Grabe des ersten Bischofs von Nom in Sanct Peters Dom feierlich begehen. Folget Eurem Herzen, ich begleite Euch," sprach Otto, der vor Glück sich kaum zn fassen vermochte. Gemeinsam stiegen sie die Stufen zum säulenum- grenzten, mit rauschendem Springbrunnen geschmückten Vorhofe empor. Weihevolle Stimmung empfing sie allsogleich beim Eintritt in das wunderbare Gotteshaus, zu dessen Ausstattung Päpste, Kaiser und Könige in Freigebigkeit ge- wetteifert hatten, und welches Denksteine fast aller wichtigen Ereignisse aus dem Leben der Kirche und aus der Weltgeschichte hatte. Vier mächtige Säulenreihen theilten das Langhaus in fünf Schiffe. Ja sechsundneunzig Säulen trugen die flache Decke. Sie alle waren aus kostbaren Steinen geschnitten und waren aus altrömi- schen Göttertempeln zum Schmucke der Grabkirche Petri herbeigeschafft. Mosaikbilder und Fresken überkleideten die hohen Oberwände deS Mittelschiffes, so durch rund- bogige Fenster durchbrochen wurden. Am oberen Ende der riesenhaften Basilika führte ein Triumphbogen, von zwei mächtigen Säulen gestützt, in das Heiligste des Tempels ein. Allhier über dem Grabe des Apostels erhob sich auf sieben Stufen der Hauptaltar; er war ganz mit Goldblech bekleidet. Ein Baldachin aus reinem Silber und Gold wölbte sich darüber hin. Die Wände rings umher strahlten im Schmuck leuchtender Mosaik, und eine Inschrift verkündete: „Dir, dessen Hand im Triumphe die Welt zu den Sternen emporhob, Hat den erhabenen Tempel geweiht Constantinus der Sieger." Ein Strahl der Abendsonne verklärte das gold- schimmernde Kreuz über dem Grabe des am Kreuze gestorbenen Apostelfürsten. Ein heiliger Glanz füllte die heilige Stille. Tief ergriffen, überwältigt von ihren Empfindungen sanken Alle auf die Knie, küßten alle die Stufen des Grabaltars. O, mit welcher Inbrunst beteten sie an dieser Ruhestätte l Der Erste, welcher sich der weihevollen Andacht entriß, war Bischof Bernward. Er wußte, daß er den kaiserlichen Gastherrn nicht harren lassen durfte. In der That, der feurige junge Kaiser konnte die Zeit kaum erwarten, bis er dem geliebten Gast den Ehrenplatz auf seinem Prunkwagen anbieten, bis er Bernward in die auf das sorgfältigste für ihn hergerichtete Gastwohnung in einem der herrlichen Kaiser- paläste geleiten durfte. Es war rührend, wie der Kaiser für den Unterhalt des theuren Freundes und dessen Begleitung gesorgt hatte. Mit Zartsinn hatte er sogar die Speisen, von denen er wußte, daß der Bischof sie daheim genoß, herbeischaffen, hatte er als gütiger Wirth die deutschen Getränke Meth und Bier zu der Ankunft des geliebten Gastes bereiten lassen und ihn mit glänzendem Tafelgeschirr und Wachslichtern für den Tisch versorgt. Lange, lange, bis tief in die Nacht saßen Otto und Bernward an diesem ersten Abend in vertraulicher Zwiesprache beisammen, und Bernward that einen tiefen Blick in das Herz seines Lieblings. „Q, mein Vater, begreift Ihr nicht, schon nachdem Ihr aus der Ferne auf allen Höhen die alte Herrlichkeit erschaut, begreift Ihr nicht, daß ich im ewigen Nom nach Thaten ringen muß! Hier sehen mich die Tempel, das Kolosseum, das Capital, die Triumphbogen vorwurfsvoll an, sie drängen und erheben mich. Die Geister der Märtyrer, der Helden, der alten Cäsaren gehen mir nach und fragen: Wer bist Du, was hast Du bis heute gewirkt? — Mir ist es nicht genug, mit Verwunderung um die Zeugen der alten Thaten herumzuschleichen. Nehmt hier mein festes Wort und schließt es in Eure Brust: Meine Thaten sollen mächtig wirken, daß mein weites Land blühe, mein Heer triumphire und die Macht des heiligen römischen Reiches deutscher Nation ausgebreitet werde, auf daß ich ruhmvoll in dieser Welt leben, ruhmvoller aus den Banden dieses Fleisches mich zum Himmel aufschwingen und im höchsten Ruhme einst jenseits mit dem Herrn herrschen könne!" Der Kaiser hatte in Begeisterung mit erhöhter Stimme gesprochen. Bernward aber wiegte ernst das Haupt. „Mein Otto", so sprach er bedächtig, „vertraue Dich nicht sorglos Deinen schwärmerischen Gedanken und Vorstellungen von irdischer Größe an. Du möchtest von der schwindelnden Höhe, auf die sie Dich verlocken, jählings hinabstürzen und Alles verlieren, weil Du zu viel begehrst." Auf diese Worte hin bemächtigte sich des leichtbeweglichen, zartbesaiteten kaiserlichen Jünglings ein tiefes Gefühl von der Eitelkeit aller weltlichen Macht. Just so überschwänglich, wie er eben seine irdische Hoheit aufgefaßt hatte, ergriff Otto auch rückhaltlos den Gedanken, der Welt zu entfliehen. Bischof Bernward hatte wahrlich Mühe, den Kaiser wieder zum Bewußtsein seines Werthesund seiner Pflichten als Herrscher emporzuheben. So trennte Otto sich spät in der Nacht von dem väterlichen Freunde mit den Worten: „Auf Wiedersehen in der Morgenfrühe auf dem Aventinl" Nach der ersten in Nom durchlebten Nacht folgte Bernward der Einladung in die Kaiserburg. Er stieg mit wenigen Begleitern unter hohen Pinien zwischen dunklem Lorbeer, weißblühenden Myrten- und Orangen- büschen den aventinischen Hügel hinan. Da dehnte sich zu seinen Füßen aus die wunderbare Siebenhügelstadt mit ihren Tempeln, Palästen und Säulenhallen, mit ihren holden Gärten, dunklen Lorbeerhainen und rauschenden Springbrunnen. Von Hang zu Hang zog sie sich in reizvoller Pracht. Wer zählte ihre Thürme und Kuppeln! Gerade gegenüber erheben sich auf dem Palatin kühn und stolz die mächtigen uralten Kaiserzinnen. Die ewige Stadt war vom Glanz italischen Aethers übergössen, und die Schatten der Vergangenheit schwebten vor Bernwards Geist darüber hin. Weiter schweifte sein Blick durch die stille Campagna. Dort funkelte in vielfachen Windungen, einer gelben Riesenschlange gleich, der Tiber. Goldenes Licht floß von den Höhen von Tuskulum und von Tivoli in die weite grünende Ebene. „Das ist groß," sprach Bernward aufathmend; sein Auge schimmerte in feuchtem Glänze. 739 Welche Überraschung wurde dem Demüthigen zu Theil, als er gleich darauf den Pforten der Kaiserburg nahte! Da trat an der Seite des Kaisers ihm der Mann entgegen, vor dem der christliche Erdkreis sich neigte, dessen Haupt die dreifache Krone schmückte, Papst Sylvester II. Der eilte auf ihn zu, umarmte und küßte ihn. Der Statthalter Christi war eine hohe schlanke Gestalt mit scharfen geistreichen Zügen und Hellem durchdringendem Adlerblick. Er verrieth schon in seiner äußern Erscheinung den Träger großer Eigenschaften. Barg seine hohe bleiche Stirn doch weltgestaltende Pläne: Nom sollte die Hauptstadt der Welt werden, das ganze Abendland mit Ausschwung des geistigen Lebens und der gesummten Cultur unter kirchlicher Oberhoheit stehen und die Kraft des geeinigten Europas gegen den Islam sich richten. Ja, Sylvester II. rief zuerst die Christenheit zur Befreiung Jerusalems aus den Händen der Ungläubigen auf und regte den Gedanken eines Kreuzzuges an. Bischof Bernward, diesem Nachfolger Petri so geistesverwandt, hatte denselben einst als Prälaten Gerbert gekannt und hochgeschätzt, ja ihn als den hervorragendsten Geist des Jahrhunderts dem jungen Otto zum Lehrer anempfohlen. Heute stand der Bescheidene erglühend in Demuth ob der unverhofften Ehre vor dem Oberhaupte der Christenheit. Der Papst Sylvester aber verfuhr mit ihm wie mit dem vertrautesten Freunde. Von Papst und Kaiser ehrenvoll geleitet, hielt Bernward von Hildesheim seinen Einzug in die kaiserliche Burg auf dem Aventin. Dieser Prunkpalast mit seiner mächtigen Ausdehnung und seiner zauberischen Pracht hätte dem Schönheitsfreunde Bernward ungeteilte freudige Bewunderung abgerungen, wenn sein Geist nicht so ganz von den Angelegenheiten deS Reiches und denen seines eigenen Sprengels erfüllt gewesen wäre. Briefe aller Bischöfe Deutschlands trug er mit sich. So besprachen die drei hervorragenden Geister in zündender Unterredung alle Zustände und Bedürfnisse des Reiches. Ueber die Unordnung in Gandersheim hatte Bischof Bernward nicht nöthig, die Einzelheiten auseinanderzusetzen, das Gerücht war ihm vorausgeeilt. So gab er auf Fragen nur kurz und bündig dem Papste und dem Kaiser Aufklärung. Die beiden hohen Herren beschlossen, in nächster Zeit über die Streitsache eine Synode in Rom zu halten. Sie versicherten alles zu thun, um die Hildcs- heimer Rechte auf Gandersheim zu schirmen. Der Kaiser duldete nicht, daß der geliebte Bischof Bernward wieder in seine erste Gastwohnung zurückkehre. Er ließ ihn nicht mehr von seiner Seite und gab ihm neben seinen eigenen Gemächern im Palaste das glänzendste Unterkommen. Das ward eine Zeit voll anregendsten Wechselverkehrs; das waren Stunden und Tage gemeinschaftlichen Nachdenkens, gemeinsamen Strebens. Bald in der Wohnung des Kaisers, bald in den Gemächern Bernwards tauschten sie ihre Gedanken aus, besprachen sie die Angelegenheiten des Reiches. Otto war glücklich, bei dem väterlichen Freunde Rath und Belehrung für alles zu finden, was noch unklar in seiner Seele lag. Wie manchmal weilten sie mit einander in den schattigen Laubgängen des Aventin, zu ihren Füßen den Schauplatz, auf dem sich das retch bewegte Leben der alten Völker abgespielt hatte, mit den gewaltigen Ucber- resten geschwundener Größe. Und neben den mächtigen Trümmern aus der heidnischen Zeit erhoben sich die hehren Tempel, welche die Christenheit über den Gräbern der Märtyrer errichtet hatte. An Stelle der alten römischen Weltherrschaft regierte eine neue christliche Geistesherrschaft. Aber Otto wurde nicht müde, seinem Lehrer in schwärmerischer Begeisterung von seiner Aufgabe zu sprechen, wie er auch das Weltkaiscrihum in Nom erneuern wolle. — „Lieber Sohn, die Römer von heute sind wanke! müthig und charakterlos: ich fürchte, daß Du Dein phantastisches Gebäude auf schwankendem Grunde errichtest," warnte Bernward. Der Kaiser neigte schwermüthtg das Haupt. Er wußte selber allzu gut, daß seine Macht in Italien aus thönernen Füßen stand. Hatten doch unlängst die Tibur- tiner im nahen Tivoli seinen Freund, den Herzog Matho- liuus, den er als Statthalter dorthin gesetzt, erschlagen. Und gerade in diesen Tagen, die ihm durch die Anwesenheit Bernwards trostreich wurden, hielt er durch seine Soldaten jene aufrührerische Stadt belagert und enge eingeschlossen. Trotzdem er zahlreiche Bclagerungswerk- zcuge in Bereitschaft hatte setzen und Gräben von ungeheuerer Größe ziehen lassen, um den Bürgern das Wasser abzuleiten, wollte die so heftig bedrängte Stadt sich nicht ergeben. Die sächsischen Ritter, so als Begleiter des Bischofs gekommen waren, wie Tammo von Sommerschenburg, Altmann von Olesburg, Bardo von der Mundburg, hatten sich auf die erste Kunde von der Belagerung den kaiserlichen Mannen vor Tivoli zugesellt. Die jungen Kunstschüler aber waren auf Bernwards Wunsch in seiner Nähe geblieben. Sie sollten, gleich ihm, der in der Blüthe seiner künstlerischen Schaffensfreudigkeit stand, sollten unter seiner Leitung die classischen Meisterwerke Roms kennen lernen, auf daß sie zu neuem Wirken angeregt würden. Die beiden Jünglinge Heribert und Klaus waren namentlich zum Entzücken des letzteren in den nahen Palast des Grafen Otto von Lomello untergebracht worden. „Hier ist's wirthlicher, als auf unseren ranheu deutschen Burgen. So fühlt Unsereiner sich endlich in standesgemäßer Umgebung, scherzte Klaus übermüthig. Er schaute sich zufrieden in der von schlanken Marmorsäulen getragenen, von edlen Bildsäulen belebten Halle um, so den jungen Deutschen zum Aufenthalt dienen sollte." Als Klans vorn Nheine dann aber bei der gemeinsamen Mittagstafel im Palaste Lomello der erlauchten Tochter des Grafen, der schwarzäugigen Julia, gegenüber saß, da gab es für ihn mehr zu bewundern als Marmorbilder und kalte Steine. Die stille Jungfrau Cloihild hatte nicht mit Unrecht in dem feurigen Sohne des Rheiulandes ein leicht entzündbares Herz geahnt. An freundlichen Blicken aus den dunklen Augen ließ die römische Grafentochter es wahrlich nicht fehlen. Der schöne schwarzlockige Künstler aus der Fremde erregte ihre Theilnahme in hohem Maße. Klaus war nicht unempfindlich für solcheAusmerksamkeit. 740 Wie eS kam, daß Julia und Klans einige Stunden später gemeinsam in dem von Myrthen und Lorbeer umgebenen Garten lustwandelten, das wußte Keiner von Beiden zu sagen. Am Abende aber, als Heribert und Klaus ihr Lager aufsuchten, sprach Letzterer: „Ich habe sie gefunden, die mir von Anfang an bestimmt war. Ich habe Julia gefunden, von der ich seit meinem Knabenalter träumte." Heribert erwiderte nichts. Er schlief einen festen gesunden Schlaf und träumte nicht. Als aber Klaus in seiner Herzensfreude ihn aufrüttelte, um den Freund mit dem ihm widerfahrenen Glück bekannt zu machen, da schüttelte der Erwachende unmuthig den Kopf. „Wie kannst Du, ein einfacher Kunstschüler, Dich um die Hand einer römischen Grafentochter bewerben!" Klaus lachte leise: „Nun, was den Grafentitel und den Grafenrang betrifft, so kann ich" — es schien ihm plötzlich etwas in die Kehle gekommen zu sein, er räusperte sich und schwieg. Nach einer Weile begann er wieder: „Glaubst Du nicht auch, liebster Heribert. daß meine Künstlergabe eine Grafenkrone aufwiegt? Die Maid, welche mein wird, soll um meiner selbst willen und nicht um meines Ranges halber mich lieben." „Ja", sagte Heribert und schlief wiederum ein. Wenige Tage später standen die Schüler mit ihrem Meister vor dem Portale der St. Sabinakirche auf dem Aventtn. Bewundernd erschauten sie hier ein Meisterwerk altchristlicher Plastik. In hoher Schönheit der Formen und in feinem Geschmack zeigten die aus Cy- pressenholz geschnitzten Sculpturen der Thüre wunderbar vollendete Darstellungen aus dem alten und neuen Testamente, erstere als Vorbilder der Thatsachen des neuen Testamentes. Der Bischof konnte sich von dem Anblicke nicht trennen. „So oft mein Gang mich zur Stadt führt, weile ich ergriffen vor diesem tief durchdachten Kunstwerk. O Heribert, wir wollen das Weltdrama der Sünde und der Erlösung in Erz darstellen. Wir wollen eine eherne Bußpredigt auf den Thüren unserer Domvorhalle schaffen!" rief er begeistert aus. In ernstem Nachdenken ging er weiter. Sie schritten in der langgestreckten Thalsenkung hin durch die Ruinen des Circus Maximus, bewunderten die Prachtvollen Kaiserburgeu auf dem Palatin und schauten hier vom Hügel mit Künstleraugen nieder auf die Prachtstadt mit ihren Tempeln und Säulenhallen, mit ihren Gärten und Seen. In diesem heitern Nnndbilde fesselte ein Riesenbau von düsterer Majestät ihre Blicke. Zu ihren Füßen lag das Flavische Amphitheater, das Kolosseum. Seine mächtige Mauerkrone umschloß fast unversehrt den heiligen vom Mürtyrerblut getränkten Boden. Eine Zanbergewalt zog sie an. Unter dem Triumphbogen des ersten christlichen Kaisers Konstantin hindurch gelangten sie dorthin. Mit heiligen Schauern betraten sie die stille, von den unermeßlichen immer kühner geschweiften Bogen des gewaltigen Mauerringes umgürtete Arena. Ueberwältigt von ihren Gefühlen sanken sie nieder, küßten sie die geweihte Erde. Das heilige Heer glaubensstarker Männer und begeisterter Frauen, welche von hoher Liebe entflammt im heißen Kampfe hier die Palme errungen, wurde lebendig und schwebte in seliger Verklärung vor ihrem Geiste. Der lebhaft empfindende Heribert rief außer sich in Beschämung: „Mein hoher Herr, hier rede« die Geister der Heiligen, der Märtyrer zu mir und fragen eindringlich: WaS hast Du bisher gethan auf dieser Erde? Was bist Du vor Gott?" Der Bischof lächelte mild: „Mein Sohn, diese Frage, so Du Dir selber stellest gilt viel vor Gott. Ich weiß, Du hast Kräfte zu Manchem und bist Dir deren auch bewußt. Nun gibt es edele Naturen, die sind halb zum thätigen, halb zum idealen Streben ausgerüstet — auch unser Kaiser empfindet wie Du — Und ich weiß, Ihr fühlt alles Schöne und Große gewaltig und wollt es aus Euch wieder erschaffen, aber es gelingt Euch nicht so, wie Euer brennender Ehrgeiz es verlangt. Darum macht Euch zunächst alles Große, welches Ihr seht, entzückt, weil Ihr eS nachzuschaffen gedenkt, dann aber traurig, weil Ihr es doch nicht vermögt. Lernet Euern Ehrgeiz beschränken und wollet weiter nichts sein, als ein Werkzeug in Gottes Hand. So werdet Ihr auf Erden schon so glücklich werden, wie es hienieden möglich ist." Sie erstiegen den Berg des Capitols mit seinen Palästen und Tempeln und sahen nieder auf die nahen mit Bildwerken und Säulen geschmückten Foren. Besonders fesselte die sinnigen Hildesheimer das Forum Trojans, von halbzerfallenen Prachtbauten umgeben, das einst nicht mit Unrecht ein Wunder an Schönheit genannt wurde. In dessen Mitte erhob sich noch die Triumphsäule, welche im Jahre Einhundertunddreizehn von den Römern dem siegreichen Kaiser geweiht wurde. Ein um den Säulenschaft sich schlingendes Spiralband aus Marmor schilderte in fortlaufenden Hochbildern die siegreichen Feldzüge und Großthaten des Kaisers. Lange und aufmerksam beschauten die Hildesheimer Künstler diese eigenthümliche Schöpfung, deren Bildersprache in Marmor den Ruhm eines großen Cäsaren verewigte. Der Bischof stand sinnend da. Jetzt leuchtete sein Auge auf; freudig rief er: „Meine Söhne, wir wollen in unserm Vaterlande, wo noch vor Kurzem Götzenbilder auf Marmorsäulen verehrt wurden, dem höchsten Sieger der Welt, dem Erlöser, eine Triumphsäule aus Erz errichten. Gleichwie diese Säule mit figurenreichen Bildern aus den Kriegszügen eines heidnischen Kaisers umwunden ist. so wollen wir den Schaft unserer Säule mit einer Reihe von Bildern aus den Wunderthaten des Königs Christus zieren und auf ihrer Höhe das siegreiche Zeichen der Erlösung, das Kreuz, aufpflanzen." „Fürwahr, ein herrlicher Gedanke: „Sehet das Kreuz des Herrn! Fliehet, feindliche Mächte! Christus siegt, Christus herrscht!"" rief Heribert feurig. Zögernd nur trennten sie sich von der Ehrensäule, die eine classische Form für den Ausdruck von Bischof Bernwards erhabenen christlichen Gedanken geboten hatte. (Fortsetzung folgt.) -»-«i » > » »< I- -r > - Goldköruer. Ein Charakter ist ein Felsen, an dem gestrandete Schiffer landen und anstürmende scheitern. Jean Paul. Wer durch Thränen die Welt betrachtet, findet sie bewetnenS« werth. 741 Bilder aus Steiermark, Körnten nnd dem Küstenlande Kram. Von C. Mayer. (Schluß.) VIII. Römerbad—Graz—Prebichl. Nömerbad, in dem wir an diesem angestrengtesten Tag unserer Tour Erquickung und Ruhe fanden —wir hatten an einem Tage die Bahnfahrt von Trieft bis hierher gemacht mit Einschluß des mehrstündigen Besuches von Divaca und den St. Canzians-Höhlen —, verdient in mancher Beziehung Beachtung. Die stattlichen Gebäude der Kuranstalt heben sich von ihrem Hintergründe, dem reich bewaldeten, vielzackigen Senoschegg, malerisch ab; rechts auf der Höhe, einem Ausläufer des Berges Cosiza, sehen wir das reizende Dorf St. Margarethen mit dem spitzen Thurm über dem niedlichen Kirchlein; die rauschende Sann mit ihren Windungen und Stromschnellen belebt das Bild. Die Slovenen deS Sannthales, wohlgebildet, schlank, mitunter schwächlicher Gestalt, sind fast durchgehends blond und von blasser Gesichtsfarbe. Gegen geringes Entgelt, in Form eines Brückenzolls, ist eS Jedem gestattet, im Curgarten und unter dem schattigen Laubdache des Parkes auf den reinlichen Kieswegen sich zu ergehen; südliche Vegetation — echte Kastanien, Manna, Esche, Maulbeerbaum — findet sich zwischen dem einheimischen Baumwuchs; reicher Ozongehalt würzt die balsamische Luft. — Das vielbesuchte Bad, dessen Thermen fchon den Römern bekannt waren, erfreute sich schon damals großer Berühmtheit, wie alte Denksteine aus jener Zeit bekunden. Dankerfüllte Worte auf denselben, wie: „den hohen Nymphen gewidmet 0 Ladinus Vsranus" — „den erhabenen Nymphen geheiligt Natino §initus" — „das Gelübde ist gelöst freudigen Herzens Oajng Voxonius", verewigen in schlichter Einfachheit die große Heilkraft des Bades. Römischen Ursprungs ist auch die Grundlage des großen, marmorausgclegten Badebassins, dessen hellblaue dampfende F-luth in reichem Strahl aus Löwenrachen fließt, und in dem sich die Heilung suchenden Gäste zu gewissen Stunden einfinden; eben so hübsch und gut ist bei Schwerkranken für Separatbäder gesorgt. Doch die Zeit drängte nun, und rasch legten wir die Fahrt durch das poesieumwobene Steirerland zurück, das Heim eines frisch-fröhlichen, liederreichen Völkchens, und lachend wie deren Angesicht ist auch ihr Ländchen, unmuthig in frischen Farben erblühend. Ob unser Auge die großartige Alpennatur mit ihrer in allen Reizen prangenden Pflanzenwelt streift, ob es in fruchtbare Ebenen, blumenreiche Thäler und weinumgürtete Gelände taucht, ob es die gewerkschaftsreichen Städte und Ortschaften umfaßt oder zu den Malerisch gelegenen Burgfesten und Schlössern hinangleitet, allüberall Freude und Fröhlichkeit, Gedeihen und Wachsthum. Wir erreichen Graz, die reizende, Villen- und park- umkränzte Hauptstadt, deren Häuserreihen, überragt vom stattlichen Schloßberg mit seinem Uhr- und Glockenthurm, zu beiden Seiten der Mur sich freundlich gruppiren. Die nähere Beschreibung von Graz umgehe ich, sie als hinlänglich bekannt voraussetzend, und erwähne nur, daß Niemand versäumen soll, auf schattigem Wege hinauszuwollen zum bewaldeten Plateau des Schloßberges, um die wundervolle und berühmte Aussicht zu genießen über die lebensvolle Stadt und die liebliche Umgebung, welche duftig umlagert ist von üppigen, leuchtenden Villen und mit blinkenden Kirchlein geschmückten Hügeln. Unter den Sehenswürdigkeiten ist als Unicum das LandeszeughaiE hervorzuheben, in welchem eine äußerst interessante und reichhaltige Sammlung aller denkbaren Waffen und Vertheidigungsmittel vorhergehender Jahrhunderte zu sehen ist — von der kostbaren, edelsteinverzierten und elfen- beinausgelegten Wehr der Turnierritter und Jagd- liebhaber bis zum plump und schwer gearbeiteten Rüstzeug der Landsknechte und Söldner. Der Juristentag war wegen der in Hamburg aus- gebrochenen Choleraepidemie abgesagt, was wir in Laibach einer Zeitung entnahmen; allein voraussetzend, es möchte mehreren Juristentagbesuchern gleich uns ergangen sein und dieselben ihre Neisedispositionen schon getroffen und zum Theil ausgeführt haben, verfügten wir uns in den als Versammlungslokal bestimmten Saal des Hotel Adler; es war allerdings nur ein kleines Häufchen der Männer des Rechts und der Wissenschaft, die sich dort zusammenfanden, aber desto vergnügter war die größtenteils auserlesene kleine Schaar. ^ Noch sei auf der Heimfahrt einer kurzen Strecke, als einer Perle des steirischen Landes, Erwähnung gethan. St. Peter - Freyenstein, wunderhübsch auf hohem Felsen thronend, an dessen Fuß das hübsche Dorf mit dem schäumenden Wehr des Baches — in der Ferne von Neuschnee bedeckte Häupter, leitet die romantische Bahnfahrt ein. Sie geleitet uns vorüber an Trafoiach mit dem Schlößchen auf der Höhe und dem Blick über grüne Matten nach dem prächtigen Hintergrund der Thäler, — vorüber an Fridauwerk mit dem dicken, rauchenden Hochofen, dem Vorwerke der größten österreichischen Eisen-Industrie. In steter Steigung erreicht die Bahn das rauchgeschwärzte Vordernberg, dessen Bewohner fast durchweg in den Eisenwerken beschäftigt sind oder der Knappschaft des Erzbergeö angehören; wir befinden uns gleichzeitig am Fuße des massigen Gebirgs- stockes, dessen nacktes Gerippe im Glänze spärlicher Abend- sonnenstrahlen vielgestaltig gegen Himmel ragt; der grüne Polsterberg, der Hochthurm, der dunkelgefärbte Neichen- stein, die bleichen Kalkzinnen der Gries-, der Vordern- berger-, der Leoner- und Frauenmauern entfalten nach und nach das herrlichste Bergpanorama, dessen Hoch- gebirgsnatur noch erhöht wird durch den in den letzten Tagen stark gefallenen Neuschnee. Hier beginnt die hochinteressante Bergbahn, eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges im steirischen Lande, in gleichem Maße hervorragend durch die Gestaltung der Landschaft, die sie durchzieht, wie durch ihre technische Anlage, indem hier das Abt'sche System — Adhäsions- und Zahnradbahn — wie wir belehrt wurden, eine eigenartige Anpassung an die örtlichen Verhältnisse erfahren hat. Wir bestiegen den bequemen Wagen, dessen Construction, reich an Glasfenstern, die Aussicht in keiner Weise behindert. Ueber Viaducte, tiefe Einschnitte und hohe Anschüttungen keucht der Zug den Prebichl hinan; an jeder Faltung und Biegung der starken Steige gewinnt man neue Einblicke in reizende Waldlichtungen und moosweiche Bergwiesen mit wunder- netter Vertheilung der Häuser um die eingefriedete Kirche, sowie auf die in nächste Nähe sich senkenden, herrlichen Bergspitzen. An der Straße, kaum hundert Schritte von Station Prebichl, umfängt uns die neuerbaute gast- und touristenfreundliche Alpenherberge „Zum Reichenstein" von Heinrich Spitäler, ein sowohl durch zuvorkommende Ausnahme und Bedienung als durch die allen Ansprüchen genügende Bewirthnng sehr zu empfehlendes Gasthaus. Im Schweizerstil erbaut, mit bequem und elegant eingerichteten Zimmern, geräumigem Glaspavillon und Veranda, ist es zu längerm Aufenthalte in der reinen, würzigen und gesunden Bergluft, als auch zu Touren auf die nahen, aussichtsreichen Gipfel und eventuell zur Ausübung edlen Waidwerks äußerst günstig gelegen. Wir vertieften uns in die Einsamkeit der nahen Tannen, wo grüne Waldesnacht das grelle Licht des Sonnenhimmels dämpft, wo das Summen des Blätterrauschens und Quellengemurmels in melancholischem Ton die Friedenssehnsucht, das ungestillte Nuheverlangen im Sinnen und Sehnen des Menschen besänftigt und in holde Träume wiegt. Der Besuch des nahen, 1543 rn hohen Erzbergcs mittelst Förderbahn auf offenen Hunden und die Besichtigung des frei zu Tage liegenden Betriebes desselben ist wohl eine einzig dastehende, höchst lohnende Partie, die wir am nächsten Morgen zu unternehmen vorhatten, die leider aber durch abermalige Ungunst der Witterung vereitelt wurde. Keinen letzten Scheidegruß sendeten uns beim Erwachen die verhüllten Felshäupter; dichte, tief- dunkle Wolkengehänge senkten in langen düsterblauen Streifen ihren Inhalt auf das Tiefland. An der 1227 m hoch gelegenen Station Prebichl zeigte das Thermometer Null Grad; bedenklich blickten Gast und Gastgeber in das Unwetter; letzterer in der Hoffnung, es möge der kurze, wonnige Sommer mit seinen frisch gesunden Lüftchen und Harzduft doch jetzt noch nicht dem hier oben fast drei Vierteljahre dauernden Winter mit den Stürmen, bet welchen man sich kaum zu halten vermag, und der bis zu 6 m tiefen Schneeschicht weichen müssen. Ungern schieden wir mit dem ersten thalabwärts gehenden Zug von der tränten, zierlichen Herberge und den biedern treuherzigen Wirthen. ^ Trug die jenseitige Bergfahrt mehr den Charakter einer sanften Idylle, so war die Thalfahrt gegen Eisenerz im Gegensatz zu ersterer wilder, das Gebirge unnahbarer. In langgeschwungenen Serpentinen klettert die Bahn die schotterdurchfurchten Felslehnen hinab — Gräben und Bäche überbrückend, Bergrücken durchbohrend, jede halbweg günstige Stelle dem schwierigen Terrain abringend und von zahlreichen Futter- und Stützmauern begleitet. Der Regen läßt nach; durch die von einzelnen Sounenblitzen getheilten Nebelschleier erscheint die Landschaft, in engem Rahmen gedrängt, in stets wechselnder Beleuchtung und Färbung; bet Station Erzberg bewundern wir das volle Bild des Erzbcrges und das rege Treiben an den mächtigen Abbau-Etagert. In hohem, brausendem Falle, von der Bahn überbrückt, stürzt sich der Erzbach in die Tiefe und verschlingt in seinen braunen Fluthen eine Anzahl weiß-blau schäumender Quellen und Bäche. Die Wände rücken etwas auseinander, Platz lassend für die langen Holzgebäude — die Ausladehallen für das Erz. Ein großer Felsblock an der Thalsohle in Mitte grüner Matten trägt ein Kirchlein und weiset zum Eingang von Ort Eisenerz, wo wir in Gesellschaft von gleichfalls aus Graz kommenden Juristen die anderthalb Stunden bis zum Zugwechsel bei gutem Imbiß und in eifrigem Austausch der jüngsten Erlebnisse und Wahrnehmungen verbrachten. Der fertig gestellte Zug führt uns weiter; wir kommen vorüber an Leopoldstein, dem Schlosse des Prinzen Arnulph von Bayern, mit feudalen Thürmen und Mauereinfassung in herrlich romantischer Lage, und gelangen an ungeheure Felsenmauern und hochabstürzende schwarze Steilwände, an den großartigen Bergkesscl bei Hieflau, dem merkwürdigen Eingänge in das berühmte Eesänse. Der Erzbach, inzwischen zum reißenden jungen Bergstrom gewachsen, stürzt über ein hohes Wehr und vermählt bald darauf seine dunkeln Wasser den grünen Wellen der Enns. Dieser, die aus den vielzackigen, zerrissenen und zerklüfteten Felsenmaffen hervorbricht, eilt das Dampfroß auf schmaler, vielfach dem Felsen abgerungener Spur entgegen. Dichte Wolkenballen hatten sich abermals zusammengezogen, nur hie und da den Schleier lüftend über den finstern, von Schneestreifen durchfurchten Wänden; der Wind peitschte die zahllosen Stromschnellen der sich überstürzenden, brausenden Enns; nadelscharfe Schneeflocken begannen in dichter Fülle hernieder zu wirbeln. Wir passirten das großartige Niesenthor, das aus dem nackten Geklüft der Steinmassen des Gesäuses in die breiten, grünen Auen des von stattlichen Thürmen überragten Klosters Admont führt. Doch auch hier, obwohl daS Schneegestöber mit dem Austritt aus dem Gesäuse sich verlor, hatte der rauhe Winter sich neben den Reichthum des Sommers gebettet: Schnee auf den grünen Fluren, auf den rothglühenden Vogelbeer-Alleen, auf den auf- gethürmten Kornmandcln, die der Laudmann gesenkten Hauptes und thrünenumflorten Blickes erschaute; Schnee über den gesegneten Gefilden von Schladming, Nadstadt und Eben, Schnee bis hinan zu den aus Nebclgardincn blinkenden Tauernspitzen. Dumpfe Trauer über den plötzlich eingetretenen Frost hatte sich auf Gemüth und Angesicht der Bevölkerung gelegt, — hoffentlich nur von kurzer Dauer, wie die Eintagsfliege; hoffentlich küßt der nächste Tag in sonniger Wärme die Spuren des Winter- kindes hinweg. * * Herbst war's geworden, als wir in Salzburg anlangten, und der Kontrast zwischen der Einwirkung der höhern Berg- und wärmern Thalluft fast unvermittelt und scharf; schon entführt der Wind das zarte Gewebe der Wolfsspinne. Doch wonnig schöne Herbsttage sind's, die auf Berg und Flur liegen; prangen Baum und Strauch auch nicht mehr im satten Grün, so berührt der bräunliche Bronzeton, der auf ihnen lagert, nicht minder angenehm; — keine sengenden Sonnenstrahlen, sondern sanfte Wärme, die den Aufenthalt im Freien gar wonnig macht, durchstießt die Glieder; Freude und Wehmuth umfloren den Blick; sehnsüchtiges Verlangen schwellt das Herz, die Natur, die man nie auskosten kann, in der kurzen, vom Urlaub übrig gebliebenen Zeit noch zu genießen, und so erfreuten wir uns denn so lange als möglich der schönen, reizvollen alten Bischofs- und Herzogsstadt und traten so manchen kleinen Streifzug an den Ufern der Salzach an. — Es liegt etwas wunderbar Kräftigendes in schönen Herbsttagen; man fühlt sich mit erhöhtem Lebensmuthe begabt, wie zur Zeit deS knospenden Frühlings, — und berührt auch der Herbst der Jahre unsern Scheitel — dies Gefühl, es zieht in unsere Herzen ein, unbekümmert um den Wechsel der Monde, um Sturm oder Windstille, um glühenden Sonnenbrand oder eisige Winterstarre, wie es des Lebens Wechselfülle streut. Ob auch von Tag zu Tag mehr der gelben Blätter zu Boden rascheln, ob der Wind den lieblichen 743 Kindern Flora's die Blüthenkrone zerstäubt, — im Herzen blüht der Abglanz des Lenzes mit allen Wonnen ungeschmälert fort, und ihm, der mir diese Lebensfreudigkeit, diese Leidvergessenheit im reinen, erhabenen Naturgenusse bis dahin erhalten hals, ihm gilt mein Schlußgedanke: „Ich danke Dir mein Wohl, mein Glück in diesem Leben; Ich war wohl klug, als ich Dich fand. Doch ich fand nicht, — Gott hat Dich mir gegeben, ,, So segnet keine andere Hand!" Nasch fliegen die wechselvollcn Bilder des Chiem- gau's, die Thürme der Hauptstadt, die fruchtreichen Landstriche der Hollertau an unserm gesättigten Auge vorüber; wir kehren wieder zurück an den Strand der blauen Donau, zum altgewohnten, längst vertraut und lieb gewordenen Berufsleben. — ^ - — Hochzeiten am Zirreuhose einst und jetzt. Die allrussischen Hochzeitsgebräuche, die bei Hose herrschten, wenn der russische Zar eine Tochter, einen Sohn öder eine nahe Anverwandte verheirathete, nahmen unter Peter dem Großen ein ganz anderes Gepräge an. Die Hochzeitsfeier Anna Joanuownas mit dem Herzog von Kurland war die erste, bei der diese Abweichung von den alten Formen zur Geltung kam. Diese Feier bestand in einer ganzen Reihe der glänzendsten Festlichkeiten zu Wasser und zu Lande. Eine große Menge Pulver wurde dabei verbraucht, denn nach jedem Toaste erdröhnten Kanonenschüsse. Einige Tage vor der Hochzeit ward das Ereigniß auf die feierlichste Art dem ganzen Lande kundgethan. Und am Hose selbst hatte man wochenlang nach jeder Richtung hin die großartigsten Vorbereitungen getroffen. Am Hochzeitstage begab sich um 10 Uhr Morgens der Herrscher persönlich als Obermarschall der Hochzeit, welchen Titel er sich selbst beigelegt hatte, zur Brautmutter, der Zarin Praskowja. So suchte der große Reformator verschiedene Titel und Abzeichen, die er den Sitten und Gebräuchen westeuropäischer Staaten entlehnte, auch hierbei einzuführen. Den Zaren begleiteten die vornehmsten Magnaten des Landes, und die ganze Gesellschaft fuhr in Schaluppen zum Hause der Braut, voran ein MufikkorpZ, das fast nur aus deutschen Musikern bestand. Im mittleren Boote saß Peter in einem purpurnen Rock, mit einem silbernen Porteepe und mit dem Orden deS heiligen Andreas. Er trug keinen Hut, sondern nur eine Perrücke und in der Hand einen großen Marschallsstab, der in einem Quast aus bunten, mit Gold und Silber verzierten Bändern endete. Unter den Hochrufen der zuschauenden Volksmassen setzte sich der Zug in Bewegung. Im Hause der Zarin erwartete man bereits den kaiserl. Marschall. Alle Hofdamen trugen Kostüme nach westeuropäischer Mode. Nach verschiedenen Be- grüßungszercmonien begaben sich alle Anwesenden in einem großen Zuge zu den Schaluppen, worin sie nach einer festgesetzten Ordnung Platz nahmen, und erwarteten so die Ankunft des Bräutigams und seines Gefolges. Als dieselbe erfolgte, setzte sich die ganze Flottille nach dem Hause des Fürsten Mentschikow auf Wassili Ostrow in Bewegung, was nach einem feierlichen Zeremoniell vor sich ging, ebenso wie das Heraussteigen aus den Schaluppen. Die Braut trug ein weißes Sammetklcid mit Goldbesatz und einen langen Mantel aus rothem Sammet mit Hermelinbesatz, auf dem Kopfe eine reiche Königskrone. Der Bräutigam hatte einen weißen golddurch- wirkten Rock an. An der Einfahrt des Hauses Mentschikow war eine Ehrenwache vorn Preobraschenskischen Regiment aufgestellt, die die Ankommenden militärisch begrüßte. Nachdem alle ins Haus getreten waren, ordnete sich der Zug nach Vorschrift und begab sich in die Feldkirche des Fürsten Mentschikow, die in einem Saale seines Hauses errichtet war. Die Trauung vollzog der Archi« mandrit Feodosst JanowSki. Er erklärte dem Bräutigam in lateinischer Sprache die Bedeutung der Feier und sprach den Segen über das Brautpaar unter Fortlassung der sonst bei Personen der kaiserl. Familie üblichen Gebräuche. Gleich nach der Trauung begab sich die ganze Gesellschaft zur Tafel, die in zwei aneinander stoßenden Sälen gedeckt war. Ueber den Häuptern der Neuvermählten hingen während des Essens Lorbeerkränze. Die Damen saßen von den Herren getrennt, und das ganze Essen leitete der kaiserliche Hochzeitsmarschall. Als letzterer endlich die Tafel aufhob, begann der Ball, der erst um 3 Uhr Morgens sein Ende erreichte. Bis zur Thür des Schlafgemachs wurden die Neuvermählten vom Zaren selbst und von der Zarin Praskowja geleitet. Am nächsten Tage fand wieder ein feierliches Essen statt, dem Abends ein Ball folgte. Während des Essens riß der Herrscher eigenhändig den Kranz herunter, der über dem Haupte des Bräutigams hing, und das Gleiche mußte der Herzog thun mit dem Kranze seiner Braut. Letzterer war aber so befestigt, daß es ihm nur mit Hilfe eines Messers gelang. Dieses Essen verging nicht ohne Ueberraschnngen. U. A. erhoben sich auf den zwei Haupttischen ungeheure Torten; als daS Mahl zu Ende und das Geschirr abgeräumt war, zerschnitt der Kaiser die Torten und zum allgemeinen Erstaunen und Entzücken sprangen heraus zwei geputzte Zwerginnen, die auf Befehl des Kaisers ein Menuett tanzten. Ein etwas anderes Bild stellt die Hochzcitsfeier dar, die die Kaiserin Elisabeth Pctrowna für ihren Thronfolger Peter Feodorowitsch und Katharina Alesejewua (die spätere Katharina II.) veranstaltete. Bei derselben wurden vor allem die kirchlichen Gebräuche aufs Strengste innegehalten. Eine Woche vor der Hochzeit mußten Braut und Bräutigam fasten und dann daS heil. Abendmahl in der Kasanskischen 'Kathedrale einnehmen. Am Vorabend zur Hochzeit siedelte das Brautpaar in geschlossenem Wagen von dem Sommerpalais ins Winterpalais über. Nach ihrer Ankunft erhielt die Braut Befehl, sofort ein Bad Zu nehmen und allein in ihrem Zimmer zu Abend zu speisen. Der zukünftige Herrscher mußte ein gleiches thun. Für die Nacht wurden eine große Anzahl von Wachen aufgeboten, die jegliches Geräusch von der Umgebung des Palastes fern zu halten hatten. Am Morgen stellte man dann militärische Wachen vom Palaste bis zur Kasanskischen Kathedrale auf, zwischen denen sich der Hochzeitszug bewegte. An der Spitze ritten Gardisten und ein Musikkorps. Dahinter folgte eine endlose Reihe von Wagen, die nach Würden und Aemtern der Insassen geordnet waren. Es waren 21 Hof- und eine Menge Privatwagen. Haiducken, Schnellläufer, Mohren, Pagen und Husaren umringten dieselben, und das Ganze bot einen in Rußland noch nie gesehenen Anblick. Der kaiserl. Wagen mit dem Brautpaar war mit 8 Pferden bespannt. Vor ihnen fuhren der Oberzeremonienmeister und der Oberhofmarschall mit ihren Stäben in offenen Wagen, die von berittenen Hofbeamten in großer Anzahl umgeben waren. — 744 Der geschlossene Wagen, in der» die Kaiserin fuhr, soll ein wahres Kunstwerk gewesen sein. In der Kirche nahm die Kaiserin unter einem Baldachin aus golddurchwirktem Sammet Platz. Rechts davon, ein wenig mehr zurück, befand sich eine Erhöhung für das Brautpaar. Als die Hochzeitsgesellschaft in der Kirche Platz genommen hatte, wurde ein feierlicher Mittagsgottesdienst gehalten. Nach Beendigung desselben näherte sich der Erzbischof der Kaiserin, um den Befehl zum Beginn der Traufeier entgegen zu nehmen. Die Herrscherin verließ ihren Thronsesscl, nahm den Bräutigam und die Braut am Arm, führte sie zu der Erhöhung vor dem Altar und stellte sich selbst zur rechten Seite des Bräutigams auf. Darauf trat aus dem Raum hinter dem Altar der Erzbischof Simon mit zwei Bischöfen, die während der Verlesung des Evangeliums goldene Kronen über die Häupter des Brautpaars halten muhten. Dem Erzbischof wurden die Trauringe übergeben, und dieser überreichte sie der Kaiserin. Letztere steckte dem Brautpaar die Ringe an und segnete es. Nach dieser Trauung fanden 10 Tage lang Bälle, Maskeraden, Feierlichkeiten und Volksbelustigungen in reicher Abwechslung statt. Interessant ist es, mit diesen Hochzeiten diejenige der Großfürstin Lenia Alexandrowna mit dem Großfürsten Alexander Michailowitsch, die am 25. Juli dieses Jahres stattfand, zu vergleichen. Es war am Montag um acht Uhr, als in Petersburg und Peterhof Kanonenschüsse erdröhnten, die den Hochzeitstag der kaiserl. Hoheiten ankündigten. Gegen ^3 Uhr begann die Auffahrt am Peterhof'schen Palast, wo die Hochzeitsfeier vor sich gehen sollte. Die Paradezimmer dieses Palastes befinden sich im 2. Stockwerk, und der Eingang dazu ist im mittleren Theile gelegen. Die große, massive Eichenholztreppe war reich mit den prächtigsten Pflanzen bestellt, und der ganze Vorraum glich einem Tropengarten. Die Wachposten waren aus den Palastgrenadieren gewählt und die Leibgarden vom berittenen Grenadierregiment. Als die ganze Gesellschaft beisammen und die Mitglieder der kaiserl. Familie erschienen waren, brachte der Zeremonienmeister des Hofes die Trauringe zum Altar. Darauf erhielten Staatsdamen den Befehl, sich nach dem sogenannten „goldenen Empfangszimmer" zu begeben zur Schmückuug der Braut. Dieses Zimmer, dessen Wände mit golddurchwirktem Stoff bekleidet sind, war für diesen Zweck schon geordnet. Auf einem mit golddurchwirkter Seide bedeckten Tisch stand der große, historische, in goldenem Nahmen befindliche Toilettenspiegel Anna Joannownas, vor dem alle Bräute der russischen Großfürsten zur Hochzeit geschmückt werden. Die Großfürstin Xenia war mit einem hermelinbesetzten Mantel und einer kleinen Brillantkrone geschmückt. Der Eintritt der kais. Familie in die Kirche erfolgte aus dem sog. „Himbeersalon" (der an den „goldenen" stößt und in dem das Brautpaar vorher mit einem Heiligenbilde gesegnet worden war) durch eine aus rothem Luch errichtete zeltartige Pforte. Zur einen Seite standen die Hofdamen, alle in russischem Ssarafan (ein langes Ueberkleid ohne Aermel) und mit golddurchwirkten, sammtnen Hofschleppen. Die Frauen unter ihnen trugen den Kokoschnik (russischen National- kopfputz) mit kostbaren Edelsteinen, die Jungfrauen sammtne Hofbinden. Auf der anderen Seite bildeten Spalier die höchsten Hof- und Würdenträger, Senatoren und Staatssekretäre in ihren glänzenden Uniformen. Die höchsten Militärchargen und das Gefolge begaben sich nach der Kirche durch das Parketzimmer, in den Petrowskischen, den weißen und den ersten chinesischen Saal, in welch' letzterem die Stabs- und Oberofstziere sich ihnen anschlössen. Darauf schritten sie durch den Porträtsaal, wo die Stadtoberhäupter und Vertreter der Kaufmannschaft sie erwarteten, um ihnen zu folgen. Im Standart-, im Kavallerie- und im blauen Saal befanden sich die hoffähigen Damen, sämmtlich in russischen Trachten. Der Metropolit Paladin, gefolgt von den Mitgliedern des heiligen Synods und der ganzen Hofgeistlichkeit, trat aus dem Raume hinter dem Altar heraus, schritt dem Kaiserpaar entgegen und empfing sie am Eingang der Kirche mit Kreuz und Weihwasser. Als die Hochzeitsgäste sich in der Kirche versammelt hatten, führte der Zar, Alexander III., das Brautpaar auf eine mit himbeerfarbenem Sammt bedeckte Erhöhung. Die Trauung vollzog der Hofoberpriester Janüischew mit anderen Geistlichen. Nach einem Wechselgesange brachten zwei Hofpriester in Bischofsmützen auf goldenen Schalen die Trauringe, die der Oberpriester dem Brautpaar dreimal ansteckte. Daraus traten die Brautmarschälle, der Großfürst-Thronfolger Nikolaus und die übrigen Großfürsten heran, um während der Trauung die Kronen über die Häupter des jungen Paares zu halten. Nach Beendigung der Feier begab sich der Zug in derselben Ordnung zurück. Um 6 Uhr fand daS Paradeessen statt, um 9 Uhr begann ein Konzert im Petrowski'schen Saale, und gegen 11 Uhr reisten die Neuvermählten ab. -I-v-i—- Rösselsprung. nach giebt sals trau ^ es dem er doch die schick le in wohl her und schlä ne dir jähr stürm gram je son ben es gen auch ben re nach re wohl lacht de und > sten in gar gen freu blüht giebt ^ tröst ^ die dem gen ^wch! I schön ^ schau ge dir Auflösung des Akrostichons in Nr. SS: Reis, Ostern, Bengel, Jlias, Nabel, Sau, Ozelot, Namen.' Nobiusou. Auflösung des Bilder-Räthsels in Nr. 94: Zeit HM alle Wundm.