99 . Ireitag, den 7. Dezember 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg lBorbesttzer Dr. Max Huttler). HermvarL rsorr Hildesheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) Die Domglocken läuteten. Herr Klans im Feiertags- kleide schritt rasch durch den Garten und erspähte die Maid, wie sie leise zu den Blümlein sprach. Gefesselt von dem wunderlieblichen Bilde blieb er stehen. Dann aber nahte er mit schnellem Entschluß. „Jungfrau Klothild, schenkt mir das Sträußlein, zu dem Ihr so freundlich niederschaut," bat er, und seine tiefe Stimme bebte. Sie blickte zu ihm auf, und er empfand nicht zum ersten Male, welch schöne Innigkeit aus ihren blauen Augen sprach. „Das Sträußlein war für Euch bestimmt," sagte sie einfach und heftete die Frühlingsblüthen an sein Gewand. Währenddessen schaute er zu ihr nieder, blickte er thr tief und tiefer in die blauen Augen und auch auf die rothen Lippen, die ihm holder als die duftigsten Blumen erschienen. Und er selber wußte nicht, wie es geschah — er drückte einen Kuß auf die weichen Lippen der Jungfrau und flehte: „Sei mein, sei mein. Du Herzliebe, wonnesame Maid." Sie schmiegte sich an die Brust des heißgeliebten Mannes, und alle Seligkeit der Liebe leuchtete aus ihren Augen, als sie die beiden Wörtlein sprach: „Ja Dein!" Wie war mit einem Male die Welt so schön geworden! Der kleine, dem Lenz entgcgenknospende Garten dünkte den beiden glücklichen Menschen ein Paradies. Sie hörten kein Glockenläuten mehr und hatten den Einzug des Kaisers vergessen unter zärtlichen Liebesworten. Inzwischen schritten die Hildesheimer in feierlicher Procession dem nahenden Kaiser entgegen. Voran trug ein Kirchendiener das hochragende Kreuz und ein Herold die Fahne mit dem HildesHeimischen Wappen. Dann folgten die Bürger der Stadt, die Dom- und Kunstschiller in Festkleidern; diesen schlössen sich die würdigen Domherren an in reichgestickten Prachtgewändern — ein ehr- furchtgebietender Anblick. Dahinter wogte auf hohen Rossen der ganze Adel des Stiftes in allen Farben mit wallendem Federschmuck und glänzender Rüstung, gar stattlich zu schauen. Nicht weit vor dem Hagenthore hielt der Zug. Hier erhob sich die von einem Baldachin aus Gold und Purpur überragte Ehrenpforte. Darunter stand ein kaum dem Kindesalter entwachsenes Jungfräulein. Ueber ihr flimmerndes Kleid von blendend weißer Seide fiel wie ein goldener Schleier ihr sonniges blondes Lockenhaar. Zarte Nöthe lag auf dem blüthenhasten Weiß des lieblichen Kindergesichtes. Ein Widerschein des blauen Himmels leuchtete aus den großen Augen. So stand Hathumod von Sommerschenburg da, um im Namen der Stadt den Kaiser zu begrüßen. „Ist sie nicht ein verkörperter Sonnenstrahl?" flüsterte jung Heribert entzückt seinem Nachbarn Dedi zu. Der Kunstschüler nickte nur und schaute in stummer Bewunderung nach dem jungen Edelfräulein Hathumod. Schmetternde Trompetenklänge ertönten. Brausender unbegrenzter Jubel ward laut; denn schon zeigte sich der Herrscher des Deutschen Reiches in seiner glänzenden Umgebung von Fürsten und Edelleuten. Kaiser Heinrich II., eine jugendkräftige Gestalt voll Würde und ungesuchter Hoheit, fern von jeder Spur eitler Selbstgefälligkeit, ließ den klugen Blick mit frohem Staunen über das durch Mauern und Zinnen zur Festung verwandelte Hildesheim schweifen. „Welch' günstige Umgestaltung hat die geliebte Stadt erfahren, seit ich vor mehr denn zwanzig Jahren als Domschüler hier weilte," äußerte er zu dem wackeren Edelmann an seiner Seite, zu dem rheinischen Grafen Hans von der Jsenburg. Sein Auge glitt dann freundlich über die ihm zujubelnde, vieltausendköpfige Menge des Volkes und blieb schier bewundernd auf der künstlerisch schön erbauten Ehrenpforte haften. Die liebliche Jungfrau Hathumod trat alsbald in kindlicher Unbefangenheit vor, neigte sich tief vor dem hohen Herrn und sprach mit Heller, klangvoller Stimme eine Begrüßung in classischem Latein. Es war eine Heldendichtung der edlen Roswitha, worin die Thaten des sächsischen Kaisergeschlechtes, der Vorfahren Heinrichs, vom Urahnen Heinrich I. an verherrlicht wurden. Was Roswitha vor ihrem Heimgänge nicht vollendete, das hatte deren Schülerin, das hatte jung Hathumods kluge Mutter, Frau Hildeswitha, ergänzt und vornehmlich den Schluß gar schön auf den guten und treuen Kaiser Heinrich II. abgerundet. Der Kaiser war tief bewegt. In so sinniger gemüth- voller Weise war ihm noch kein Empfang zu Theil ge- 770 worden. Er beugte sich nieder und drückte einen Kuß auf die reine Stirn der Maid. Dann sprach er mit weithin schallender Stimme begeistert seinen Dank aus. Huldigend umritten die Herren vom Hildeshcimischen Adel den Kaiser. Darauf bewegte der Festzug sich unter Trompetenschall in die innere Stadt, dem Dommünster zu. Der fromme Kaiser hatte in seinem Schreiben gebeten, daß man ihn zunächst an diese heilige Stätte leiten möge, auf daß er sogleich beim Einzug in den ehrwürdigen Ort seine Andacht in Sanct Mariens Dom verrichten dürfe. Vor dem Portale harrte ehrfurchtgebietend, mit allen Abzeichen bischöflicher Würde geschmückt, der hohe Fürst des Stiftes, Bischof Bernward, um seinen Kaiser zu emvfangen. Bei diesem Anblick stieg Kaiser Heinrich vom Pferde und beugte sich demüthig vor dem Bischof, um seinen Segen zu erbitten. Tiefe Rührung, warme Liebe spiegelten sich in den cdelgeformten Zügen Bernwards wieder, als er den ehemaligen Mitschüler in Hildesheim als Kaiser einziehen sah. Er segnete Heinrich und sein Gefolge mit dem Zeichen des Kreuzes; dann breitete ex stumm die Arme aus, und Kaiser Heinrich, von gleichen Gefühlen beseelt, sank, von Bewegung übermannt, wortlos an des Treuen Brust. Alsdann richtete Bernward sich auf und hielt eine herzliche Begrüßungsrede an den Kaiser. Während der Kirchenfürst sprach, hafteten Heinrichs Augen mit steigender Bewunderung auf den erzgegossenen Flügelthüren,*) so die Vorhalle von dem Innern des Domes trennten. Sinnreiche Darstellungen aus dem alten und neuen Testamente in hocherhabener Arbeit schmückten selbige. Kaum hatte Bischof Bernward seine feierliche Anrede beendet und der Kaiser geziemend seinen Dank ausgesprochen, da rief Herr Heinrich lebhaft und deutete auf die ehernen Thorflügcl: „Welch' großartige Schöpfung! Sie entstammt offenbar Eurem Geiste und ist aus Eurer Kunstschule hervorgegangen." Bernward sprach ernst: „Den Plan zu dieser plastischen Bußpredigt faßte ich in Nom vor den Thüren von Sancta Sabina. Ich wollte das Drama von Eden und Golgatha in einer Reihe bildlich ausgeführter Gedanken meinen armen Büßern vorführen, so in der Vorhalle harren müssen und an der Feier des heiligen Meßopfers noch nicht wieder theilnehmen dürfen. Durch die Bilder von der Sünde und von der Erlösung sollen die Harrenden erschüttert, aber auch wieder getröstet werden." Er hatte nicht nöthig, dem fromm-gelehrten Kaiser den tiefen Gedankeninhalt der Bilder, den Sinn und Zusammenhang eingehend zu erklären. Heinrich verstand ohne Worte die Gedanken des großen Meisters. „Fürwahr, da habt Ihr eine Bußpredigt für ewige Veiten in Erz gegossen. Zu späten Geschlechtern noch wird Euere Mahnung vernehmlich reden," sprach er bewegt. „Sehet dort die Meister, die mich in der Ausführung unterstützten, ja mit gewandter Kunstfertigkeit mir dieselbe nur ermöglichten," erklärte Bernward und deutete auf Diethelm und Heribert. Er winkte den Künstlern, nahe zu kommen. *) Wahrscheinlich fällt die Vollendung der Thürflügel erst in das Jahr 10 5. Den vielleicht begangenen Anachronismus wollte man der dichterischen Freiheit zu gute halten. Der Kaiser reichte den beiden, so sich tief verneigten, die Hand. — „Ich danke Euch!" sprach er. So traten sie wohl vorbereitet zur Andacht in das erhabene Domwünster ein. Der Kaiser staunte aufs Neue: Wand- und Deckengemälde in prächtiger und doch zart empfundener Ausführung zierten das Gotteshaus. Wie ernst und einfach hatte Herr Heinrich aus seinem Knabenalter her das Münster in Erinnerung! Vor dem der Himmelskönigin geweihten Hochaltare kniete er mit seiner ganzen Gefolgschaft und mit allen Theilnehmern des Festzuges nieder. Nach inbrünstigem Gebet erhob Bischof Bernward die goldstrahlende Monstranz und ertheilte den göttlichen Segen mit dem Allerheiligsten. Das war der Empfang, worauf nach also verrichteter Andacht die hohen Gäste Bernwards sich in die Bischofsburg begaben. Während sie beim Mahle saßen, sprach der Kaiser: „An den Gemälden des hohen Domes, so mir ausnehmend gefallen haben, will ich, ehe denn ich andere Stätten besuche, mich nochmals erbauen. Wer ist der Meister?" Es antwortete der Bischof: „Mein junger Schüler, Klaus vom Rhein genannt, Ihr sollt ihn sehen, und er mag selber Euch bei Eurer genauen Besichtigung seine Gemälde erklären. Befremdlich war's mir fast, den lebhaften, begeisterten Jüngling nicht beim Festzug zu erblicken." Er ertheilte einem Diener die Weisung, den Kunstschüler Klaus unverzüglich hierher zu entbieten. „Erlaubet," sprach Meister Diethelm rasch — als Hildesheimischer Rathsherr saß auch er an der Kaiscrtafel — „erlaubet, daß ich selber gehe; ich möchte sehen, was es in meinem Haufe gebe. Ich sorge, daß absonderliches dort vorgefallen sei, sintemalen ich weder Klaus, noch Jemanden von den Meinen gesehen habe." Er ging. „Herr Graf, Ihr schaut ja so nachdenklich drein, als ob Ihr ein verzweifelt Problema lösen müßtet," also wendete Kaiser Heinrich sich lächelnd an den derben Degen, den Ritter von der Jsenburg, so mit ihm gekommen war und an seiner Seite saß. „Weiß Zott, gnädigster Herr, nachdenklich bin ich worden. Hab', meiner Treu, heute einen andern Begriff von Kunst gekriegt. Alle Achtung vor der Kunst, so ich hier gesehen, vor der Kunst, so im Dienste Gottes steht und vor allem dessen Verherrlichung bezweckt!" „Gut!" sprach der Kaiser. „Doch warum sagt Ihr das wehmüthig und mit sichtlicher Kümmerniß auf Eurer Stirn?" „Weil die Erkenntniß mir nichts mehr frommt, hoher Herr, und weil ich meinen einzigen Sohn und Erben, der durchaus ein Farbenklexer werden wollte und keinen Sinn für ritterliche Waffenübungen bezeigte, zornig verstieß, auf daß er meinem Namen keine Schande mache. Ja, wenn der Bube solches hätte malen können, wie wir es hier im Münster sahen!" „Das glaube ich wohl, Herr Graf; dann hättet Ihr Euch mit seiner Kunstliebe ausgesöhnt, wenn er als Meister zur Welt gekommen wäre", meinte der Kaiser und fügte sehr ernst hinzu: „Aber schlimm war's von Euch, Jsenburger, daß Ihr den einzigen Sohn verstießet, der doch kein anderes Unrecht that, als daß er dem inneren Dränge folgte und sich ganz der Kunst hingab, statt das Kriegshandwerk zu erlernen". 771 Der tapfere Ritter, der sonst niemals um's Wort verlegen war und ein Mundwerk hatte, just so scharf, wie sein weithin gefürchtetes Schlachtschwert, schwieg traurig und schaute vor sich nieder. Das dauerte beträchtliche Weile, ehe Meister Diethelm wiederkehrte. Als er endlich erschien, leuchtete sein gutes Antlitz vor Glück. «Der Grund des Ausbleibens war ein freudiger," berichtete er. «Der junge Künstler Klaus hat sich, währenddem wir den Kaiserlichen Herrn einholten, mit meiner Tochter Klothild zur Ehe versprochen, und ich mußte meinen Segen dazu geben. Nietn zukünftiger Tochter- mann wird alsogleich hier sein," schloß er bewegt. Alle wünschten ihm von Herzen Glück. Es wurde aber spät; der Kaiser hatte eben die Tafel aufgehoben, als freudigen Gemüthes zwar, doch schüchtern und bescheiden der Künstler eintrat. Sowie der Bischof ihn erblickte, ging er auf ihn zu und führte den Zaghaften vor den Kaiser mit den Worten: «Hier ist der Schöpfer unserer Domgemälde." Heinrich blickte wohlwollend auf den Jüngling, der mit gesenkten Lidern vor ihm stand. „Junger Freund," also redete er ihn an, „Euere Schöpfungen haben unsern vollen Beifall, wir möchten selbige nochmals eingehend beschauen. Wollt Ihr unser Eeleitsmann sein?" «Mit tausend Freuden, hoher Herr," sprach Klaus leise mit verklärtem Angesicht und schlug voll die dunklen Augen zum Kaiser auf. Dabei traf sein Blick auf den Grafen von der Jsenburg, so neben Heinrich stand. Jäh erbleichte er und wich zurück. Der tapfere Ritter hatte währenddessen schon wiederholt die Augen gerieben und erkleckliche Zeichen maßlosen Staunens und unterdrückter Freude wahrnehmen lassen. Jetzt platzte er los: „Bei der Lanze des Herrn und beim heiligen Erzengel Michael! Klaus, mein Junge, das bist Du ja! Brauchst nicht zurückzuweichen, wie vor einem Schreckgespenst. Komm an mein Herz, Bursche, Alles ist vergeben!" Mit derber Hand griff er nach dem jungen Künstler und preßte ihn derart stürmisch an seine Brust» daß dem fast der Athem verging. „Hätte, weiß Gott, heute nicht an solche Freude gedacht l" Er ließ den Gefangenen los und fuhr heftig mit der Hand über die Augen. «Ist mir wahrhaftig schon eine Fliege ins Auge gekommen!" Und dann flüsterte er, freilich so laut, daß es Alle hören konnten: „Junge, verzeih Deinem alten Vater, daß er Dich damals so rauh in die Welt hinausstieß, als Du Deinen Arm bei Ausübung der Dir verbotenen Farbenklexerei verloren hattest und zum Ritter untauglich wurdest; es war freilich abscheulich von Dir. — Junge, sprich ein Wort, verzeihest Du?" Da umschlang Klaus innig den Hals des Ritters und lehnte sein Haupt an dessen Brust. „Mein Vater, wie glücklich wacht Ihr mich," sagte er. „Wie wird die Mutter sich freuen! Sie weinte sich fast die Augen aus", rief der Graf von der Jsenburg und konnte vor Freude sich kaum fassen. Mit Rührung waren alle Zeugen des unerwarteten Auftritts. Dem machte Graf Hans von der Jsenburg selber ein Ende, indem er rief: «Gnädigster Herr, laßt uns nicht länger zögern, vorwärts zum Dom zu schreiten. Auch ich möchte bedachtsam die Malereien meines Sprossen anschauen und sie von ihm selber gedeihlich erklären hören." Es geschah, wie er bat. Klaus, der wohlverständ- licherweise nicht ganz bei der Sache war, wußte dennoch den dankbaren Zuhörern seine Schöpfungen in anziehender Rede zu erklären, so daß alle erbaut waren. Am Ausgange des Domes bat Herr Hans vov der Jsenburg: „Kaiserlicher Herr, entlaßt uns auf kurze Zeit. Außer meinem wiedergewonnenen Sohne soll ich hier ja eine Tochter finden." Die Bitte war leicht begreiflich, und Herr Heinrich gewährte sie lächelnd. Der Kaiser schritt alsdann mit Bernward über den Dowhof. Da stand vor der Werkstatt, aus der es hervorgegangen war, ein prächtiges Kunstwerk und erregte Heinrichs Bewunderung. Es war eine vom Bilde des göttlichen Siegers, von Christus am Kreuze, gekrönte metallene Triumphsäule. Ihr Schaft war achtmal von einem Bande mit kunstvollen Reliefs umwunden. Die Bilder stellten den geistigen Kriegs- und Siegeszug Christi dar. Der Kaiser rief aus: „Da habt Ihr fürwahr eine eherne Predigt geschaffen, die den Gläubigen sagt, daß der Weg deS Kreuzes der einzige Weg zum geistigen Siege ist. Das ist wahrlich eine Triumphsäule des Gottmenschen l" Bernward erklärte: «Ich habe diese Säule dazu bestimmt, ein anderes Werk zieren zu helfen, ein Werk, das ich vor Kurzem erst begonnen habe, das ich aber, wenn Gott mir ein langes Leben giebt, zu seiner Ehre vollenden werde. Kommt, daß ich Euch dorthin geleite." Sie schritten fürbaß. «Wir gehen jetzt einen Weg, den ich Tag für Tag mehrmals zurücklege", sprach Bernward und leitete den Kaiser auf einen umbuschten Hügel. Hier gewahrte dieser einen Bauplatz vom mächtigem Umfang und Grundmauern von gewaltiger Dicke. „Vor zwei Jahren legte ich hier den ersten Stein zu einem Gotteshause, das sich in nicht allzu ferner Zeit mit großer Pracht zu Ehren des heiligen Erzengels Michael erheben soll." Bernward sprach's und zog ein Pergament hervor. „Sehet, so habe ich den Plan zu einer dreischiffigen Basilika entworfen. Den Grundriß in doppelter Kreuzform, im Osten, gleichwie im Westen ein Chorabschluß, so daß die Krcuzarme sich im Osten und Westen je vor dem Chöre an das Langhaus anlegen. Ich habe dem Bau zu Ehren der neun Chöre der Engel neun Quadrate im Grundriß gegeben; im Ausbau sollen zu Ehren der heiligen Apostel zwölf Säulen die Decke tragen." „Hieran erkenne ich meinen geübten, geistreichen Mathematiker wieder, wie ich ihn schon auf der Dom- schule bewunderte," rief Heinrich aus. Bernward fuhr fort: „Neben dieser Basilika, deren Aeußeres ich durch sechs Thürme majestätisch gestalten will, werde ich den Söhnen des heiligen Benedictus eine Heimstätte erbauen. Damit soll auch nach meinem Tode auf lange Zeit hinaus mein Hildesheim ein sicherer Zufluchtsort der Künste und Wissenschaften und eine Pflanzschule apostolisch gesinnter Männer bleiben." „Ich bewundere Euere Umsicht und Euere väterliche > Fürsorge," sprach Heinrich. Von des Bischofs väterlicher Sorge für seinen Sprengel sollte der Kaiser noch mehr erfahren. Gar manche verdrießliche Angelegenheit des Stiftes und der Unterthanen trug Bernward Herrn Heinrich vor. Dieser versprach Abhilfe zu schaffen, wo er könne, die Stadt Hildeshrim zu ehren, und zumal alles zu thun, um Hildesheims Rechte auf Gandersheim zu schirmen. So waren sie in eifriger Zwiesprache weiter geschritten. Da deutete Bernward auf ein stattlich Wohngebäude: „Glaubt mir, daß dieses Haus die glücklichsten Menschen in Hildesheim umschließt," sagte er lächelnd. „So ist eS Meister Dtethelms Heim," rief der Kaiser rasch. „Laßt uns eintreten." Das war in der That eine Glückseligkeit schier ohne Maß und ohne Grenzen in dem kleinen Familienkreis l Der Ritter von der Jsenburg saß in der Mitte seiner Kinder und hielt deren Hände so fest wie in einem Schraubstock, und die Eltern Kloihilds labten sich mit glückstrahlenden Augen an dem Bild. „Nein, Kinder, ich lasse Euch nicht hier zurück," rief Graf Hans so laut, daß es im Hausflur vernehmlich war. „Ihr geht mit auf die Jsenburg. Da bringe ich meiner Hausfrau gleich eine Tochter mit dem verlorenen Sohn. Die wird Augen machen! Und Du, Klaus, bleibst als mein Erbe auf der Burg. Habe längst gewünscht, daß einer da sei, der nach dem Rechten schaut, wenn ich mit dem Kaiserlichen Herrn auf Reisen gehe oder ins Feld ziehe. Malen kannst Du ja auch auf der Burg." „Hoffe, Graf Hans, Ihr überlaßt uns den Sohn auch einige Zeit, auf daß er unsern Dom, den wir in Bamberg zu errichten gedenken, so schön ausmale, wie den Hildesheimer," so mischte sich Plötzlich der Kaiser in die Rede und trat mit Bernward vollends ein. Der Jsenburger ließ sich nicht verblüffen. „Darüber können wir ja später noch reden," gab er zur Antwort. Kaiser Heinrich reichte der tief erröthenden, vor Glück und Ehre ganz verwirrten Klothild die Hand. „Unsern Glückwunsch, Jungfrau Braut! Euern Verlobten haben wir als tüchtigen Künstler kennen gelernt." Und zu Diethelm, der kaum wußte, wie ihm geschah, wendete er sich lachend mit den Worten: „Sorget für einen guten Trunk, Meister. Wir wollen auf das Wohl Eueres Hauses und auf das der Jsenburger die Pocale aneinander klingen lassen." (Fortsetzung folgt.) --—S-NA-S-- Reiseerlebnisse auf einer Tour durch Deutschland, Ku-eemburg, Frankreich, Delgien, England und Holland. „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt", so sagt ein Volkslied. Von diesem Gedanken geleitet, läßt sich Schreiber dieser Zeilen es nicht nehmen, alljährlich zur Zeit, „wenn die Schwalben heimwärts ziehen", Gottes schöne Welt zu besichtigen, von der Meinung getragen, es sei auch eine Art Gottesverehrung, die Werke Gottes sich anzuschauen; dem gläubigen Reisenden stärkt jede neue Reise den Gottesglauben und das Gottvertrauen. Nachdem das Jahr 1893 mir das herrliche Italien und Nom (ILEgiger Aufenthalt) zum zweiten Male gezeigt, beschloß ich Heuer einmal Frankreich, Belgien, England und Holland, Länder, die ich früher, mit Ausnahme Englands, kurz berührt hatte, genauer anzuschauen. Also wurde im Vertrauen auf Gott, in Begleitung von 3 Studenten, bestimmt für ein Missionshaus in Belgien, die Reise angetreten, die uns aus dem grünen Steigerwalde über Würzburg, Aschaffenburg und Frankfurt nach dem schönen Wiesbaden brachte. In Wiesbaden wurde die in Restauration begriffene kath. Pfarrkirche, die eine Zeit lang ungerechter Weise der Handvoll Altkatholiken überwiesen war, besichtigt nebst dem herrlichen Kurgarten; das Museum der Alterthümer ist sehenswerth. Von Wiesbaden brachte uns die Eisenbahn bis Nüdesheim. Nach Besichtigung des National- denkmals auf dem Niederwalde wurde nach Bingen übergesetzt und daselbst im Gasthaus zum „goldenen Pflug" Nachtherberge genommen. Daß dem guten Rheinweine zugesprochen wurde, versteht sich von selbst; Bingen ist der äußerste Punkt vom Großherzogthum Hessen; den Besuch der Nochuskopelle sollte Niemand versäumen. Den Weg von Bingen bis Koblenz macht man, da diese Strecke die schönste des Rheines ist, am lüften mit einem Rheindampfer; ich habe schon viele schöne Gegenden aus Gottes weiter Erde gesehen, mußte aber gestehen, keine gleicht der herrlichen Weingegend. Koblenz gegenüber liegt Ehrenbreitstein; diese Stadt besitzt ein Missionshaus der Pallottiner-Missionäre (pia Looistas Llissiouuw), Vorstand ist Herr P. Walter, ein geborener Würzburger; auch in Limburg a. d. 8. befindet sich eine Ar.stalt derselben Missionare; junge Leute, die Beruf zum Missionsleben haben, finden in beiden Anstalten gerne Aufnahme als Studenten und Laien- brüder; Vorstand in Limburg ist Herr P. M. Kugelmann. Schreiber dieser Zeilen ist gerne bereit, über die genannten Anstalten, sowie über alle Missions- und klösterliche Anstalten, die in gegenwärtiger Beschreibung erwähnt werden, Auskunft zu ertheilen. Möchten auch in Bayern bald ähnliche Missionsanstalten entstehen! Zur Zeit bestehen in Bayern nur 2 ähnliche Anstalten, nämlich in St. Ottilien bei Türkenfeld (Benediktiner- Missions-Gesellschaft für Deutsch-Ost-Asrika) und in Gars (Klosterschule der Nedemptoristen), und dazu eine Privat- anstalt des hochw. Hrn. Joh. E. Wickel in München (Vorbildung für die apostolische Lehrgesellschaft in Bonn). Das herrliche Moselthal hinab über Kochem (Koche- mer Tunnel 4226 na lang) gelangten wir zum altehrwürdigen Trier; neben den Hauptsehenswürdigkeiten TrierS wurde die Anstalt der barmherzigen Brüder besichtigt; junge, gesunde Leute, die Beruf zur Krankenpflege haben, finden daselbst bereitwilligst Aufnahme, auch wenn sie kein Vermögen haben; in Trier (Barbara-Ufer) befindet sich auch seit einigen Monaten eine Niederlassung der „weißen Vater", Missionäre für Nord- und Mittel-Afrika; unter den Zöglingen befinden sich einige Bayern; Vorstand ist der hochw. S. Pfeffer- mann. Daselbst verkosteten wir den trefflichen Wein von Maison Carröe, einer Pflanzung des hochseligen Kardinals Laviqerie. Der nächste Punkt unserer Reise war Luxemburg, wo z. Z. eine hübsche Landesausstellung abgehalten wird. Da bei uns in Bayern die Fraucnklöster so stark besetzt sind, daß Candidatinnen kaum Aufnahme finden können, bemerkt man, daß in Luxemburg im Kloster der barm- herzigen Schwestern brave gesunde Jungfrauen Aufnahme finden; Anfrage ist zu stellen an Hochw. Hrn. Domkapitular Schmitt daselbst. Bon Luxemburg aus begaben wir uns nach Arlon (Belgien). Arlon hat eine große Erziehungsanstalt der Jesuiten, sowie eine Anstalt der Maristcnschulbrüder „mindern Bruder Marias"; die Pension für die Ausbildung beträgt nur 400 Frs. — 320 Mk., und sind Nachfragen zu richten „an den Bruder Sigisbert, Direktor des Noviziates Arlon — Belgien." Bon Arlon aus erreicht man leicht Mariathal, Anstalt „der weißen Bäter" sowie Clairfontaine, eine große Anstalt der Vater vom hl. Herzen Jesu zur Ausbildung von Weltpriestern für Süd-Amerika, ferner Differt mit einer über 160 Zöglinge zählenden Missionsanstalt der Maristen, darunter viele Bayern. Im benachbarten Longwy (Frankreich) — Festung, 1870 von den Deutschen eingenommen — wurde ein kurzer Besuch abgestattet und hiebe! die auch sonst in Frankreich gemachte Wahrnehmung wiederum bemerkt, daß die „kiusoiens" sehr verhaßt, die „Lavurois" aber ganz gut in Frankreich angesehen sind. Von Longwy ging es über Arlon nach Brüssel; »ie Eisenbahn fährt über Ham-sur-Lesse, bekannt durch seine herrlichen Grotten, die es zu einer „fränkischen Schweiz" gestalten, Poix, Samt Hubert mit herrlicher Kirche, die die Reliquien des hl. Hubertus, Patrons der Jäger, birgt, dem in einem Walde nahe bei Brüssel ein Hirsch mit einem Kreuze zwischen dem Geweih erschien und so seine Bekehrung veranlaßte. Der zweitägige Aufenthalt in Brüssel gefiel außerordentlich; Brüssel hat bezüglich der Großartigkeit der Anlage viele Aehnlichkeit mit Paris; mein guter Führer durch Brüssel ist Woerl's „Brüssel", wie überhaupt Woerl's Neisebücher und Städtesührer, L 50 Pf., die trefflichsten Dienste leisten. Von Brüssel weg führte der Weg nach Loewen mit freier katholischer Universität und dem großartigen „6o1!s- Arum ^.mörioauum", wo begabte Jünglinge auf Kosten der amerikanischen Bischöfe zu Priestern herangebildet werden; unter den derzeitigen Zöglingen befinden sich auch einige Bayern. Von da aus wurde Antwerpen besticht und der großartigen Weltausstellung zwei Tage gewidmet; in Antwerpen befindet sich eine Anstalt der „Missionäre vom hl. Herzen IM", bekannt durch die sogenannten „Monat- hefte"; brave Knaben aus Deutschland finden Aufnahme im Missionshaus? des genannten Ordens in Freilassing bei Salzburg. Wenn man auf der Weltausstellung die Vertreter der verschiedensten heidnischen Nationen in allen Gesichtsfarben antrifft, so sieht man ein, daß es ganz gerechtfertigt ist, wenn die ganze civilisirte Welt ihre Aufmerksamkeit dem Missionswesen zuwendet. Von Antwerpen aus wurde mit dem sog. „Harwich- Boote" ein Ausflug nach England unternommen und London besucht, woselbst 2 Tage Aufenthalt genommen wurde; die sechsmillionenstadt mit ihrem regen Geschäfts- lcben, der großartigen Centrale, der „City", dem Tdwer, Morus usw. ihr Leben Hingaben für den katholischen Glauben, woselbst sich auch der Kronschatz befindet, der großen Paülskirche, der neuen London-Brücke, der unterirdischen Eisenbahn, dem großartigen britischen Museum und anderen Sehenswürdigkeiten bietet bei einem Besuche von nur zwei Tagen Stoff genug zur Beschäftigung. — Das katholische Leben in London entw ckelt sich in der erfreulichsten Weise. Die verschiedenen klösterlichen Genossenschaften wirken in recht segensvoller Weise; für die Seelsorge der Italiener wirken in London und Höflings die Pallottiner, an letzterem Orten auch ein Bayer, Namens k. Stefan Weber aus Böttigheim, ein Zögling des Berichterstatters. Der hochw. Hr. Dr. Verres, Vertrauensmann des St. Raphaelsvereins, wohnhaft Whitechapel, Union Street, nimmt sich eines jeden Deutschen liebevoll an; übrigens sei an dieser Stelle jedem, der nach Amerika auswandern will, der St. Naphaelsverein dringendst empfohlen; die Redaktion des Kilians-Blattes gibt gerne hierüber Auskunft. Deutschen sei empfohlen: „Private Hotel C. Merrit, 14 Upper Woburn Place, London 0." Nach sehr angenehmer Seefahrt wurde Antwerpen wiederum erreicht, der Nest der Ausstellung besichtigt und der Weg nach Rotterdam angetreten. Bei der Besichtigung von Rotterdam leisteten, wie in Antwerpen, Herr Plog und Herr Zöller, Vertrauensmänner des St. Raphaelsvereins, die trefflichsten Dienste, ebenso in Amsterdam Herr Huf und dessen liebenswürdiger Neffe Leo. Nicht genug kann der Eifer der holländischen Katho- liken beim Besuch des Gottesdienstes und in Ausschmückung und Neubauung ihrer Kirchen anerkannt werden; mögen auch die Jansenisten, deren Gottesdienst ganz dem katholischen ähnlich ist, wie wir bei einem Hochamte bemerkten, recht bald sich mit der katholischen Kirche wieder vereinigen; wie wir erfuhren, befindet sich z. Z. einer der 2 janse- nistischen Pfarrer Rotterdams in Rom. Bezüglich Rotterdams, Haags, des Seebads Schcven- ingen, Amsterdams und Utrechts, das wir ferner noch besichtigten, geben die betreffenden Woerl'schen Städtesührer die beste Auskunft. Bezüglich Englands sei noch nachgeholt, daß sich in der Nähe von London, in Mill-Hill, eine große Missionsanstalt der von Sr. Eminenz dem hochwürdigsten Herrn Kardinal Baughan von Wcstminster gegründeten St. Josephs-Genossenschaft befindet; die vierte Anstalt dieser Genossenschaft wurde in jüngster Zeit in Brixen (Tirol) gegründet, und sei hiemit jungen Leuten, die Beruf zum Missionsleben haben oder die in der Erreichung ihrer Absicht, Priester zu werden, durch irgend welche Hindernisse in ihrem Vaterlande abgehalten sind, bestens empfohlen. Auch die Missionäre vom hl. Geiste, die sogenannten „schwarzen Vater", wirken in England sehr segensreich; das Mutterhaus derselben befindet sich in Paris, rue äs Lomonä. Auf der Rückreise wurde von Venlo aus dem Missionshause Steyl, woselbst mein Freund, der hochw. Herr apostol. Provikar k. Schäfer von Deutsch Togo (West-Afrika), sich zur Wiederherstellung seiner Gesundheit befindet, ein Besuch abgestattet; eine große Anzahl Bayern befinden sich daselbst, Studenten und Laienbrüder; es wurden daselbst eben Exercitien für die Priester der Diözesen Münster und Köln abgehalten. Die Exercitien hielt der hochw. Hr. Jesuitenpater Hucklenbroich aus Exaetcn in Holland, dem Noviziate des Jesuitenordens in Holland. Dieser gänzlich erblindete Herr dürfte allen Thcilnehmern an den Exercitien in Fulda, Sept. 93, bekannt sein. Ueber Venlo, München-Gladbach und Düsseldorf wurde der Karthause Hain bei Nieder-Rad ein Besuch abgestattet. Zwei hochw. Püttes des Karmeliterklosters Würzburg traten im vorigen Jahre in Hain ein, auch finden Studenten, die Neigung zu diesem strengen Orden haben, gerne Aufnahme; einen mächtigen Eindruck macht der Nachtchor der Karthäu'er-Mönche von Nachts 12 bis 2 Uhr. Ich habe am andern Tage der Vesper im Kölner Dome beigewohnt, aber die Mette der Kalthäuser» Mönche entschieden erhebender gefunden. In Köln existiert auch eine Niederlassung der „Alexianer - Krankenbrüder" mit großartigem Spitale; berusssreudige, gesunde junge Leute finden daselbst, wie im gleichen Kloster in Aachen, gerne Aufnahme. Von Köln gings über Bonn, Koblenz, Mainz wieder in die Heimath zurück. Mögen vorstehende Z-ilen dazu beitragen, die genannten klösterlichen und Missionsanstalten in geneigte Erinnerung zu bringen! Gewünschte unentgeltliche Auskunft ertheilt der Berichterstatter durch Vermittlung der Redaktion des „Kilians-Blattes" in Würzburg. -—SSMVk-- Aus dem Leben Antonio's van Dyck. Wiedererzählt von O. Landsmann. (Schluß.) In dem Atelier Rubens angekommen, ging dieser gerade auf das Gemälde der Magdalena zu, und das Werk mit dem Finger bezeichnend, welches er gemacht zu haben glaubte, rief er: „Da ist nichts daran, das mir weniger gelungen wäre! Nun wohl, besehen Sie es!« Aber mit einem Male änderte sich der Ausdruck seines Gesichtes — er stutzte und trat näher an die Leinwand, dann aber stand er plötzlich zornbebend unter den entsetzten Schülern. Dieser Augenblick war schrecklich; man hätte jedem der jungen Leute zur Ader lassen können, ohne daß ein Tropfen Blut geflossen wäre. „Wer hat es gewagt, unerlaubt in mein Atelier zu dringen?" Keiner wagte eine Antwort. „Ihr macht mir mit Eurem Schweigen die Galle kochen . . . Antwort! Wer von Euch hat sich erlaubt, mein Gemälde zu beschädigen und dann zu verbessern? Nun, keiner spricht ein Wort? . . . Warum nennt der Schuldige sich nicht? . . . Was fürchtet er? . . . Daß ich ihm grolle? ... Ich werde ihn vielmehr umarmen, denn was er da gemacht hat, das ist erhaben, ich er» kläre ihn von heute an als meinen Nachfolger, er wird unser Aller Meister werden, das sage ich, der ich Rubens heiße! Wohlan sein Name?" „Van Dyck!" riefen alle Schüler, indem sie auseinander traten, um Antonio freien Platz zu machen. „Van Dyck!" wiederholte Rubens, indem er seinen Schüler bei der Hand ergriff. „Bravo, mein junger Freund! So wahr Gott lebt, Du kannst mich heute verlassen — ich habe Dich nichts mehr zu lehren . . . nichts . . . nichts mehr. Du mußt nach Italien reisen, mußt dort die großen Meister studiren, in Rom, in Florenz, in Venedig. Ich habe Dir nur mehr einen Rath zu ertheilen, und das wird der letzte sein . . . Es gibt Leute, welche sich einbilden, daß das Porträt den Pinsel deS Künstlers entehre. Das ist unwahr, ein wohlgelungenes Porträt hat sein Verdienst und dieses Verdienst wird daS Deine sein. Ich erkläre Dich schon jetzt als den Meister deS Porträts. . ." Als der alte Nuys Alle so zufrieden aus dem Atelier des Meisters gehen und den Meister selbst sich vertraulich auf die Schulter van Dyck'S stützen sah, sagte er für sich: „Meine Mahnungen von gestern haben Wirkung gehabt; der Patron macht ihnen Komplimente über ihre Artigkeit. . . Die guten jungen Leute! Ich werde ihnen niemals wieder den Schlüssel verweigern . . , gewiß nicht!" Van Dyck zählte damals siebzehn Jahre und ward geboren im Jahre 1599. Sein Vater, ein Glasmaler, gab ihm den ersten Unterricht im Zeichnen und verbrachte ihn dann zu dem bekannten Meister Heinrich van Palen, der ihn infolge der großen Fortschritte, die er machte, in die Schule Rubens' schickte. Bevor van Dyck Rubens verließ, um sich nach Italien zu begeben, wollte er ihm seine Dankbarkeit beweisen und verfertigte deßhalb drei historische Gemälde, die er ihm schenkte. Rubens schmückte damit die besten Gemächer seiner Wohnung, und es freute ihn, sie als die schönsten Stücke seiner Sammlung bezeichnen zu können. Obschon würdig, zu den größten Malern gezählt zu werden, ließ van Dyck keineswegs den Gedanken fallen, die großen Koloristen in Venedig zu studiren und die Werke Tizian's und Paul Veronese's zu kopiren; er arbeitete auch in Rom und Genua, worauf er wieder in sein Vaterland zurückkehrte, wo er durch ein großes Gemälde, den heiligen Augustin in Extase vorstellend, Bewunderung erregte. Dieselben Erfolge begleiteten ihn in England, wohin ihn Karl I., ein fürstlicher Freund der Kunst, berufen hatte. Mit Aufträgen überhäuft, sah er sich wider seinen Willen genöthigt, sich auf das Porträt zu beschränken; er erhielt Alles, was er wollte. Indessen bereicherte er sich nicht, denn er hielt offene Tafel, hatte eine zahlreiche Dienerschaft und öffnete seine Börse seinen Freunden und denen, welche sich für solche ausgaben; auch hatte er eine eigene Kapelle, welche ihm Tafelmusik machte. Er heirathete die Tochter eines Lords, aber sie brachte ihm keine andere Mitgift in's Haus, als eine hohe Abkunft und eine große Schönheit. Karl I. sagte einmal zu ihm, er wünsche ihm alles Gute, aber es wäre besser, der Künstler in ihm vergäße etwas, die Rolle des Prinzen zu spielen. Van Dyck gab ihm Recht und versprach ihm, sich zu bemühen, seinen weisen Rath zu befolgen Aber van Dyck vergaß diesen Rath und setzte sein verschwenderisches Leben nach wie vor fort. Wenige Jahre später starb er an der Schwindsucht, und zwar im Jahre 1641, im Silier von 43 Jahren. Seine Wittwe rettete eine beträchtliche Summe aus den Trümmern seiner Habe. ---SNWS"- Zaren-Hochzeiten. I» Altrußland waren, so entnehmen wir einer Schilderung der „Neuen Freien Presse", die Zaren-Hoch- zeiten von prunkvollen Feierlichkeiten. Ceremonien und seltsamen Gebräuchen begleitet. Die Wahl der Braut traf der Zar selbst aus einer großen Anzahl von Mädchen, die zu diesem Zwecke aus den Städten und Dörfern in das Zarenschloß zu Moskau versammelt wurden. Eine derartige Brautwahl für den Zar beruhte auf einem byzantinischen Brauche, den die russischen Zaren im 16. und 17. Jahrhundert nachahmten. Abgesandte dcs ZarS bereisten alle Städte des Reiches, wo sie sämmtliche Mäd» 775 — chen besichtigen mußten. Die auf den Gütern ihrer Vater lebenden Mädchen mußten in die benachbarte Stadt gebracht werden, um sich dort der Besichtigung durch die Zarendiener, die Okoljnitschi und Djaken, zu unterziehen. Nach der Besichtigung trug man die Namen der ersten Schönheiten einer jeden Gegend in ein Buch ein und ertheilte ihnen den Befehl, zu einem festgesetzten Zeitpunkte in Moskau einzutreffen. Dort wurden die Gewählten einer neuen Besichtigung durch die dem Zar am nächsten stehenden Personen unterzogen; die Auserkorenen aus der Zahl der Gewählten wurden dann dem kaiserlichen Bräutigam vorgeführt, der „nach vielen Proben", wie die Chronik besagt, eine Braut für sich aussuchte. Besonders zahlreich waren die angekommenen Bräute unter Iwan dem Grausamen. Bei der Wahl der dritten Frau für diesen Zar waren in der Alexander-Sloboda, dem damaligen Wohnsitze Iwans, mehr als zweitausend Mädchen, versammelt. Jedes Mädchen wurde ihm vorgeführt; anfangs wählte er vierundzwanzig Mädchen, später redu- cirte er diese Zahl auf zwölf, endlich hielt er um die Hand der Marfa Sabakina, Tochter eines Kaufmannes aus Nowgorod, an. Die in Moskau versammelten Zaren- Lräute wurden in einem großen, kasernenartigen Hause untergebracht; in einem jeden Zimmer standen zwölf Letten und ein Thron. Der Zar, in Begleitung eines Greises, erschien in jedem Gemach und bestieg den Thron; jedes Mädchen im Festgewande trat an die Stufen des Thrones und kniete nieder. Der Zar besichtigte sie genau; jene, dieser anserkor'en, erhielt von ihm einen Ring und ein goldgesticktes, mit Perlen besetztes Sacktuch. Dem Zar Alexei Michailowitsch wurden zweihundert Mädchen vorgeführt, von denen er anfangs nur sechs wählte. Nach der getroffenen Wahl wurden sämmtliche versammelten Mädchen reich beschenkt und entlassen. Die gewählte Zaren- Braut wurde unter feierlichem Zeremoniell in die Gemächer der Zaritza im Zarenschlosse geführt, wo ihre Erhebung zur Zarenwürde stattfand. Unter feierlichen Gebeten der Geistlichkeit setzte man hier auf ihr Haupt die kaiserliche Mädchenkrone, legte ihr den Namen Zarewna bei und gab ihr einen neuen Taufnamen. Hierauf legten die Hofchargen den Eid der Treue für die neue Zarin ab. — Die Brautwahl am Zarenhofe in Alt-Rußland entfesselte jedoch unter den höfischen Parteien fast immer die niedrigsten Leidenschaften, und selten verging eine Zaren-Hochzeit ohne beunruhigende Ereignisse am Hofe. Die dritte Gattin Iwan des Grausamen, Marfa Soba- kina, starb zwei Wochen nach ihrer Vermählung eines qualvollen Todes; noch als Braut wurde sie mit vergifteten Getränken von ihren Gegnern am Hofe bewirthet, so daß sie zur Zeit ihrer Vermählung bereits dem Tode verfallen war. Aus dem siebzehnten Jahrhundert ist die erschütternde Geschichte der ersten Braut des Zars Michail Feodorowilsch, Maria Chlopowa, bekannt. Die zur Zarenwürde bereits erhobene Zarenbraut lebte in den Gemächern im Kaiserschlosse; plötzlich erkrankte sie unter merkwürdigen Symptomen. Der Zar befahl den Aerzten, seine Braut zu retten. Der Gegner der Zarenbraut, der Höfling Saltykow, meldete jedoch seinem Herrscher, daß die Aerzte die Krankheit der Braut für unheilbar hielten. Der einberufene KirLenrath enthob den Zar seines Eheversprechens und Maria Chlopowa wurde ihrer Würde entkleidet und nach Tobolsk in Sibirien verschickt. Der Zar erfuhr aber später, daß die Krankheit seiner Braut durch schädliche Getränke hervorgerufen worden war, die ihr Saltykow reichte. Die entkrönte Zarewna wurde aus der Verbau« nung zurückgerufen und Saltykow entlassen. Aber auch die erste Gattin dieses Zars, Fürstin Dolgorukaja, starb am Tage ihrer Hochzeit eines plötzlichen Todes. Ein ebensolches Schicksal ereilte die erste Braut des Zars Alexet Michailowitsch. Aus den zur Brautschau versammelten zweihundert Mädchen wählte er die berühmte Schönheit Jenfimija Wsewoloschskaja. Der Allmächtige am Zarenhofe, Bojar Morosow, wollte aber den Zar mit der Tochter seines Freundes MiloslawSkij verheirathen. Er gab deßhalb den Kammermädchen der erwählten Braut den Befehl, die Haarflechten der Zarewna möglichst fest um den Kopf zu schnüren. Sie thaten dies noch übereifrig, und als Wsewoloschskaja in den Zarenkleidern und mit der Zareukrone vor ihrem Bräutigam erschienen war, fiel sie in der Nähe des Thrones in Ohnmacht. Morosow bezeichnete diesen Ohnmachtsanfall als Epilepsie; die Zarenbraut, ihr Vater sammt Familie wurden in Folge dieser Beschuldigung nach Tjumen verbannt. Die zweite Heirath dieses Zars wurde deßhalb in aller Stille gefeiert. Die Zarenbraut, Natalja Kirrilowna, wurde zur frühen Morgenstunde aus dem Elternhause unter starker Militär-Bedeckung geholt, in das Kaiserschloß gebracht und direct zum Traualtar geführt. Die zweite Heirath oder die „frohe Freude", wie die Altrussen sie nennen, des Czars Michail Feodorowitsch fand mit allen in Alt-Nußland üblichen Ceremonien statt. Michail Feodorowitsch und seine künftige Gattin, Jrwdokija Strjeschnewa, legten am Hochzeitstage prunkvolle Kleider an. Der Zar trug emen goldgestickten Sammetpelz und einen ebensolchen Zobelpelz, dessen Ränder umgeschlagen waren, eine Mütze aus kostbarem Pelz und einen auS Gold geschmiedeten Gurt. Der Zar verließ zuerst seine Gemächer und begab sich in die Goldkammer; die kaiserliche Braut wurde hierauf durch einen Herold geholt. Sie begab sich in Begleitung vieler Bojarinnen zu ihrem Bräutigam; den Zug eröffneten Schnelläufer, die Kerzen, Laternen und Brodschnitte trugen. Die Kerzen waren sehr massiv: beim Bräutigam hatte jede Kerze ein Gewicht von drei Pud, bei der Braut von zwei Pud. Die Kerzen waren mit Silberreifen, mit Sammt- und Atlastäschchen behängt und wurden vor der Braut getragen. Die Brodschnitte waren ebenfalls von colossalem Umfange; sie wurden auf Stöcken getragen, die mit kostbarem Stoffe überzogen waren. Auf den Brodschnitten lagen Goldmünzen verschiedenen Werthes. Dem Kerzenträger folgte ein Kranzelherr, der eine fächerförmige Schüssel aus Silber trug, in welcher Hopfen, Zobel- und Eichhornpelz, goldgestickte Sacktücher, Ducatcn und andere Münzen lagen. Dem Schnsselträger folgte nun die kaiserliche Braut im Schleier, gefolgt von zwei sogenannten Ehestisterinnen. Hinter der Braut gingen die Bojarinnen; zwei von ihnen trugen je eine Schüssel; auf einer lag der Kopsputz für verheirathete Frauen (Kika), auf der andern reichgestickte Handtücher, die zum Verschenken bestimmt waren. Den Zug schloß ein Geistlicher, der Weihwasser trug und den für die Zarenbraut bestimmten Sitz besprengte. Auf diesem Sitze lagen vierzig Zobelfelle; welche beim Herannahen der Braut weggeräumt wurden. In der Nähe der Kaiser- Braut nahm der angesehenste Bojarin im Reiche Platz; nachdem die Braut ihren Sitz erreicht hatte, sendete der Bojarin einen Herold an den Zar mit folgender Ansprache: „Herr, Zar und Großfürst aller Neußen! Der Bojarin läßt dir sagen: erbitte Gottes Gnade und gehe, deine 776 Sciche zu verrichten; es ist schon die höchste Zeit." Der Zar verließ seinen Sitz, nahm den Segen des Metropoliten entgegen und begab sich mit Gefolge in das alte Zarenschlotz. Den Zug eröffneten zwei Priester, die massive Kreuze trugen; ihnen folgte die gesummte Geistlichkeit der Kremlstadt, die den Weg mit Weihwasser besprengte. Der Zar ging, gestützt von einem General, langsamen Schrittes; ihm folgten die Hof- und Militär- Würdenträger. Als der Zar das Gemach betrat, wo die Braut sich befand, hob ein Diener den neben ihr sitzenden Bojarin auf, und der Bräutigam ließ sich auf diesen Sitz nieder. Die Anwesenden nahmen ihre Plätze ein, und das „Voxhochzeitsmahl" wurde servirt. Während die Gäste aßen, wurde die Braut frisirt. Zwischen der Braut und dem Bräutigam wurde eine Art Vorhang gehalten, um sie vor ihm zu verbergen. Die Brautwerberin nahm der Braut den Schleier und den Kranz ab, eine Bojarina hielt die Schüssel mit dem Kopfputze für verheirathete Frauen. Die Brautwerberin tauchte den Kamm in Meth ein und kämmte der Braut das Haar auseinander, um es nachher zu einem einfachen Knoten zusammenzudrehen. Hierauf legte man der Braut eine Perrücke an und bedeckte sie mit einem Vorhänge. Sodann trat der Schüssel- träger mit dem Hopfen vor; die Brautwerberin beschüttete Braut und Bräutigam mit Hopfen und fächelte ihnen mit den Zobelpelzen Luft zu. Zur selben Zeit näherte sich dem Brautpaare eine Bojarin in einem Pelze und drückte den Wunsch aus, Gott möge den künftigen Ehegatten so viel Kinder beschecren, als Haare in dem Pelze sind. Hierauf wurden die Handtücher, Sacktücher und Münzen an die Gäste vertheilt. Nachher verließen alle Anwesenden das Gemach, um den Zug zur Kirche zu formiren. Die Sitze des Zars und der Zarewna wurden mit vierzig j Zobelfellen bedeckt, das Tischtuch zusammengerollt, versiegelt und dem Hofmeister übergeben. Der Weg bis zur Kirche war mit Teppichen belegt, und zwanzig Bojarenkinder hielten Wache, um Niemanden den Weg überschreiten zu lassen. Von dem Kirchenthore bis zum Trau- Altar waren Seidenstoffe ausgebreitet, der Raum um den Altar selbst war mit Zobel belegt. Auf einem asiatischen ! Pferde aus der Kabardei ritt der Zar zur Trauung; ein Kutscher schritt voran, zwei Bojaren seitwärts, ihnen folgten sämmtliche Anwesenden im Zarenschlosse. Die Braut folgte dem Zar im Schlitten, der mit goldgesticktem Atlas gepolstert war. In der Kathedrale nahm der Zar rechts vom Altar Platz, die Braut links. Die Trauung vollzog der Metropolit, begleitet von einem Sängerchor. Nach der Trauung ließ sich das neuvermählte Zarenpaar auf eine Kirchenbank nieder, um einer Predigt des Metropoliten zuzuhören. Hierauf nahm das Paar die Glückwünsche der Chargen und des Volkes entgegen und kehrte alsbald in das alte Kaiserschloß zurück. Nach einem kurzen Frühstück trat der Zar eine Rundreise durch sämmtliche Kirchen und Klöster Moskaus an, welche bis Abends währte, und erst nach seiner Rückkehr wurde das große Hochzeitsmahl servirt. Es wurden mehr als 50 Speisegattungen aufgetragen, die mit eingemachten Hühnern ihren Abschluß fanden. Zwei Hühner wurden von einem Kranzelherrn in das Brautgemach getragen und der Bettmeisterin zur Aufbewahrung übergeben. Nach dieser Ceremonie begaben sich der Zar und die Zarin in das Schlafgemach. Sämmtliche anwesenden Gäste begleiteten sie bis in die inneren Gemächer. Im Schlafgemache wurde das Zarenpaar neuerdings mit Hopfen beschüttet und mit einem der Hühner gespeist. Das Ehebett bestand aus neunnnddreißig Korngarben, mit Teppichen und Leintüchern bedeckt. Die Polster auf dem Bette waren zusammengenäht; hinter ihnen standen zwei mit Roggen gefüllte Fässer und in jedem derselben steckte eine brennende Wachskerze. Eine Marderdecke und ein Zobelpelz lagen am Fußende des Bettes. Das Schlafgemach selbst war von berittenen Kriegern bewacht, um, wie die Chronik bemerkt, die Neuvermählten vor Hexerei zu schützen. Nachdem das Zarenpaar allein war, mußte die Braut dem Bräutigam die Stiefel ausziehen; in einem der Stiefel lag eine kleine Knute, mit welcher der Zar seine Gattin dreimal berührte um dadurch seine Macht über sie zu documentiren. Am folgenden Tage wurde das Zarenpaar mit dem übriggebliebenen Huhn, mit Grütze und mit Kwas gespeist; die Neuvermählten nahmen diese Speisen zu sich, während sie noch im Bette lagen. Hierauf begaben sie sich in's Bad, wo Musik spielte und ein Kirchenchor sang. Diese letzte Ceremonie wurde vom Zar Alexei Michailo- witsch aufgehoben; er befahl, statt der Musik im Kaiserschlosse Kirchenlieder vorzutragen. Die letzte Zarenhochzeit mit allrussischen Ceremonien war auf Befehl der Negentin Sophia jene des Zars Iwan Alexejewitsch mit Praskowja Saliykowa. Am Vorabende der Vermählung fand beim Zar ein Bankett für die Bojaren, Bojarinnen und für die Anverwandten der künftigen Zarin statt. Zar Iwan und Praskowja saßen an einem Extratische. Der Beichtvater des Zars ertheilte dem Brautpaare den Segen und befahl ihnen, Küsse mit einander zu tauschen. Die Anwesenden brachten ihnen hieraus ihre Glückwünsche dar und verließen das Gemach. Am Frühmorgen des folgenden Tages besuchte der Zar sämmtliche Kirchen seiner Residenz, wohnte einigen Gottesdiensten bei, ließ am Grabe seiner Eltern eine Seelenmesse abhalten und nahm den Segen des Patriarchen entgegen. Die Hochzeit selbst fand unter allen oben geschilderten Ceremonien statt. Am Tage nach der Hochzeit wurden großartige Festgelage veranstaltet, Scheiterhaufen angezündet und dem Volke verschiedene Getränke verabreicht. Bis zum Beginne des 18. Jahrhunderts wählten sich die Zaren Ehegefährtinnen aus der Mitte ihrer Unterthanen. Dieser Brauch bot jedoch für den Staat viele Unzukömmlichkeiten. Denn mit der neuen Zarin gelangten ihre zahlreichen Anverwandten zur Macht, die um den Zar ein Netz von Intriguen spannten. Peter der Große schaffte diesen Brauch ab, indem er für seinen Sohn, den Zarewitsch Alexet, eine ausländische Prinzessin, Sophie Charlotte von Braunschweig, zur Frau wählte. Die Hochzeitsfeierlichkeiten unter diesem Zar trugen nicht mehr den Charakter des moskowitischen Rußland. Die Abfahrt des Zarewitsch Alexei und seiner Braut Sophie in die Kirche vollzog sich nicht unter den früheren Ceremonien; ebenso wurden die Errichtung der Ehebette aus Korngarben und die Beschüttung mit Hopfen abgeschafft. ---SL8NS--- Delphischer Spruch. Immerdar hastdu's; bekommst du's, dich ärgert'«; mit anderem Kopfe Wildpret, Lustart und Gefäß ist'«, und mit dtr auch verwandt. Auflösung des Anagramm-Ghasels in Nr. 97: Labe, Abel- Elba, Albe.