101 . Ireitag, den 14. Dezember 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Ueltev Zlngo. Nach dem Englischen erzählt von Alice Salzbrunn. lNachdruck verbeten.) 1. Kapitel. Chprian Hays Hetrath war gewiß eine romantische, obschon in ruhiger Weise. Wenigstens war dieselbe mit ungewöhnlichen Vorfällen verknüpft, weßhalb sie den Hauptpersonen romantisch vorkam, was auch die Zuschauer denken mochten. Die Letzteren sahen nur, daß ein vierzigjähriger Hagestolz mit an den Schläfen ergrauendem Haar eine Frau nahm, welche weder in der ersten Jugend war, noch eL zu sein schien. Hierin lag die Romantik. Schon zwölf Jahre vor ihrer Verheiratung hatten sich die hübsche Margarethe Grimthorpe und Chprian Hay in einander verliebt. Er war ein schöner junger Mann, in dem reichen Kauf- mannshause seines Onkels beschäftigt; sie war ein reizendes zwanzigjähriges Mädchen, so wohlerzogen und einnehmend, daß es wenig in Betracht kam, sie sei nur die Tochter eines Knabenschuldirectors und besitze nichts als ihr liebliches Gesicht. Der junge Hay würde bald für sie beide genug haben. Gleichen galt unbestritten als die Schönste in ihrem Kreise. Sie waren ein prächtiges Paar. Von allen Seiten kamen Glückwünsche, und die Leute sagten, die Hochzeit werde bald stattfinden. Aber als alle Leute den Verstand des jungen Hay und^Gretchens Schönheit priesen, vergaßen sie zwei bedeutende Steine des Anstoßes aus dem scheinbar ebenen Wege zum ehelichen Glück. Man sagt, Eifersucht sei ein verhängnißvolles Zeichen wahrer Liebe, und Chprian Hay war eifersüchtig. Gleichen hatte eine stolze, leicht erregbare Gemüthsart; manche nannten sie zu unabhängig. Drei Monate nach der Verlobung ereignete sich Folgendes: In einer Gesellschaft machte ein von Reisen zurückgekehrter junger Seeoffizier der reizenden Braut in auffallender Weise den Hof, so daß Chprian Hay diese Aufmerksamkeiten für einen Eingriff in seine Rechte ansah. Ex sagte ihr das, als er sie am nächsten Tage besuchte, und ihr Blick voll kühner Schelmerei bei seinen Vorwürfen goß Oel in das Feuer seines Zornes. Aufgeregt sprach er die unglücklichen Worte aus: „Sie treiben gefallsüchtig ein abscheulich loses Spiel mit dem Manne. Margarethe, bedenken Sie in Zukunft, daß ich so etwas nicht erlaube." Der schalkhafte Blick entwich aus Gretchens braunen Augen. Ihre rosigen Wangen — sie hatte damals sehr schöne Farben — erbleichten, und das Grübchen neben ihrem linken Mundwinkel verschwand blitzschnell. Sie richtete ihre schlanke Gestalt stolz auf bei den Worten: „Chprian, ich lasse mich von keinem Manne beschuldigen, ein loses Spiel zu treiben. Und ich sage Ihnen, daß Sie in Bezug auf meine Handlungsweise nichts zu erlauben oder zu verbieten haben." Darauf antwortete er ruhig: „Es scheint mir, Fräulein Grimthorpe, Ihre Selbstachtung, ohne die Achtung vor meiner Wenigkeit zu erwähnen, hätte Sie veranlassen sollen, den Bengel gestern Abend in anständigen Schranken zu halten, anstatt ihn zu ermuthigen." Sie entgegnete tieserröthend: „Erinnern Sie sich gefälligst, Herr Hay, daß „der Vengel" mein Vetter und Jugendgespiele ist. Ich kann nicht dulden, daß beleidigend von ihm gesprochen wird." Er fragte wüthend: „Erwarten Sie vielleicht, daß ich Ihr Vergnügen über seine Aufmerksamkeiten theile?" Sie sagte spöttisch: „Ich sehe wirklich nicht ein, warum Sie das nicht thun sollen." „Soll ich neben ihm herlaufen? Soll ich ihn wie einen Pudel um Sie herumtanzen lassen?" „Ein gutes Einvernehmen wäre für uns alle angenehm." „O, sehr angenehm! Ganz reizend! Entzückend! Jedoch ist es mir nicht angenehm, Margarethe! Ich kann solche Anmaßung nicht ertragen. Wenn unser Bündniß nicht gestört werden soll, so müssen Sie mir versprechen, daß Sie jedes Zusammenkommen mit diesem Manne in Zukunft vermeiden. Wollen Sie es versprechen?" „Nein", sagte sie entschieden, „ich will nicht, denn" — sie athmete zitternd tief auf — „auch ich kann solche Anmaßung nicht ertragen." „Es scheint keine Aussicht auf unser Einverstänbniß da zu sein, Fräulein Grimthorpe, also wäre es vielleicht besser, daß wir uns trennen." „O, viel besser, Herr Hay! Es ist Zeit für mich, zur Vesperandacht zu gehen" (dieser hübsche Streit fand am Sonntag statt), „also ich wünsche Ihnen guten Abend," schloß sie mit einer anmnthigen Verneigung. Er verbeugte sich so höflich, als ob der Zorn nicht in ihm koche; dann ging er aus dem Hause und mit hochgetrageuem Kopf die Straße hinunter. Sie beobachtete ihn am Fenster verstohlen und mit Thränen 786 kämpfend. Er suchte seinen Zorn an jenem Abend im Grog zu ertränken (seine erste und letzte Ausschreitung dieser Art) und bekam schrecklichen Katzenjammer. Als sie sah, daß er nicht zurückkehrte, eilte sie weg — jedoch nicht in die Kirche, sondern in ihre Schlafstube; dort verbarg sie ihr Gesicht in die Kopfkissen und schluchzte wie ein Kind; dann lag sie stundenlang nachdenkend, ob sie morgen zuerst an ihn schreiben müsse oder er an sie. Er ging am nächsten Morgen sehr elend, aber unbeugsam in das Comptoir. Dort fand er seinen Onkel entrüstet über Nachrichten aus Ceylon, wo der Geschäftsagent Unterschlagungen gemacht hatte. Ein Vertrauensmann der Firma mußte die Angelegenheiten des Zweiggeschäftes ordnen und deshalb nach Indien geschickt werden. Noch rasend eifersüchtig bot Cyprian sich zu der Reise an. Niemand bedürfte seiner in England, wenigstens sie nicht; die übrige Welt zählte nicht mit. Gretchen lieble ihn nicht und würde ihn vergessen. Nach zwölf Stunden trat er die Reise an, gerade als Margarethe sich durch das lange Warten auf sein Klopfen an der Thüre schwach fühlte, ihren Stolz aufgab und über den besten und schnellsten Ausgleich nachdachte. Jedoch sollte das arme Mädchen keine Gelegenheit dazu haben und noch mehr Unglück erfahren. Bevor es allgemein bekannt geworden war, daß Margarethe Grimthorpe ihren Bräutigam verloren hatte, verbreitete sich die Trauernachricht, daß sie ihren Vater verloren hatte. Mit dem Ableben des Schuldirectors hörte das Einkommen auf. Jedem seiner Kinder blieben nur fünf Pfund zehn Schillinge jährlich. Die einzige Zuflucht, welche Margarethe aus der Bettelarmuth sah, war das Heim einer alten kränklichen Verwandten. Die Letztere beeilte sich zu erklären, daß sie von einer bei ihrem Tode aufhörenden Rente lebe, weßhalb die Tochter des Direc- tors Grimthorpe weder Luxus noch ein Vermächtntß erwarten dürfe, wenn sie ihre Pflegerin und Gesellschafterin werden wolle. Es war ein herber Wechsel, aber sie konnte wenigstens ihren Unterhalt verdienen. So wurde das Jugendleben des Mädchens in dem Landstädtchen, wo die alte kranke Dame wohnte, begraben. Die Rosen ihrer Wangen verschwanden mit der Zeit; sie vergoß viele Thränen in vielem Kummer; Cyprian hatte sie vergessen oder sie nie geliebt! Zwölf lange Jahre verlebte sie arbeitsam, ruhig, freudenlos. Dann — Ein Herr stand eines Abends an der Thüre eines Gesellschaftssaales, in welchem getanzt wurde. Er betrachtete den Wechsel der Kleidermoden, seit er England vor langer Zeit verlassen hatte. Sie gefielen ihm gar nicht. Hals und Arme der Mädchen waren jetzt mehr entblößt als früher, und ihr Benehmen zeigte sich keineswegs verfeinert. Er sagte das zu seiner Wirthin, als sie zu ihm kam und ihm einen Vorwurf machte, weil er den Walzer nicht tanzte. „Man kann mit den jungen Damen keine Unterhaltung führen," murrte er weiter, „sie scheinen heutzutage nur geziert lächeln oder kichern zu können." „Kommen Sie," sagte seine Freundin, „ich will Sie einer Tame aus einer andern Schule vorstellen. Sie ist in der Schule des Unglücks gewesen, könnte man sagen," erzählte die Dame, als sie durch das Zimmer gingen, „sie hat Mißgeschick erlebt und ein trübes Leben geführt bei der Pflege einer gebrechlichen alten Verwandten, deren Tod sie kürzlich von diesem Mühseligen Werke befreite. Erst nach langer Ueberredung bewegte ich sie, heute Abend zu uns zu kommen; ich bin dem Mädchen herzlich gut und möchte sie gern erheitern. Sie wird weder albern lächeln, noch kichern, dafür bürge ich Ihnen. Erlauben Sie mir, Ihnen Herrn Hay vorzustellen — Fräulein Grimthorpe." Eine noch sehr anmuthige Gestalt wendete sich zu ihm. Ein ihm wohlbekanntes Gesicht mit der schönen goldbraunen Flechtenkrone erhob sich überrascht fragend. Waren es die Lichter im Saal, oder was schien die Beiden zu blenden? Nur eine Secunde sahen sie einander in die Augen, aber in dem einen Blick lasen sie, daß sie Beide wahr geliebt und nicht vergessen hatten. Fünf Minuten in einer halbverhangenen Fensternische genügten zur Erklärung für die Beiden; Margarethe hörte, daß Cyprian ihr einmal, ein Jahr nach ihrer Abreise, geschrieben und den Brief mit „unbekannt" auf der Adresse zurückbekommen hatte. Sie erzählten einander, daß sie in einer beständig trüben Stimmung, einsam und elend gewesen waren und niemals eine andere Herzensneigung empfunden hatten. Gretchens rosige Farbe kehrte in ihr bleiches Gesicht zurück, ihre Augen waren sanfter, strahlender, zärtlicher als je. Sehr einfach gekleidet, mit ein paar Rosen an ihrem schönen weißen Hals, erschien sie dem gereiften Liebenden unvergleichlich gegen jede andere Dame im Saal. Obschon sie sich thöricht und sündhaft zornig getrennt hatten, war die Freude der Wiedervereinigung so innig, daß sie fast volle Genugthuung bot. Ehe er sie aus der Fensternische führte, hörte er mit großer Befriedigung, daß sie jetzt alleinstehend und wieder heimathlos sei. „Also hindert uns nichts, miteinander glücklich zu sein, so schnell wir können," sagte er. Hier hatte er vollkommen Recht, der Hochzeitstag wurde sogleich bestimmt. Nach drei Wochen feierten sie im Hause derselben älteren Freundin ihre Vermählung. Den Honigmonat brachten sie an den Schweizer Seen zu und fühlten sich dort stündlich verjüngt. Sie versprachen einander daheim in dem Berghause, welches Gretchens Vater in der Londoner Vorstadt bewohnt hatte, stets glücklich zu sein. Anfänglich schien sich ihr Versprechen schön zu erfüllen. Jedoch nach einjähriger Ehe wurden ihre friedlichen Tage bedroht. Es war so sehr seltsam l (Fortsetzung folgt.) -»-IWI-—-— DermwrrrH von MÄSLheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Schluß.) Bernward begann: „Liebe Brüder, ich habe noch eine Bitte. Behänget und bedecket meinen todten Leichnam nicht nach dem Weltbrauch mit kostbaren Gewändern, sondern mit Asche und einem härenen Bußkleide, auf daß meine Seele nicht um ein hochmüthigeS, unverdient prächtiges Begräbniß im Jenseits gepeinigt werde. Wenn^Jhr meinen Wünschen nachkommen werdet, so verhoffe ich, in Anbetracht einer demüthigen Bestattung bei dem Herrn Barmherzigkeit zu finden. Auch soll mein Volk hier auf der Welt durch mein Beispiel nicht zur Hoffart und zur Wollust, sondern zur Bescheidenheit und zur Entsagung veranlasset werden." Als er dies gesagt hatte, machte er eine kraftlose Anstrengung, sich zu erheben. Ein Lächeln glitt über seine abgezehrten Züge: „Ich sehe, es geht nicht mehr aus eigener Kraft. Meine Auflösung steht bevor. So bitte ich Euch, mich nach der Kapelle meines erlesenen Schutzpatrons, des hl. Martinus, zu geleiten." Mit freudigem Ausdruck richtete er die Augen gen Himmel. „Welch heilige Stunde verbrachte ich einst an seinem Grabe! Ja, die frommen Vorsätze, so ich zu Tours im Hause des Gottesstreiters faßte, sind bestimmend gewesen für den Nest meines Lebens. Meinem Schutzheiligen Martinus verdanke ich Ermuthigung und Kraft in den irdischen Kämpfen. Führt mich vor den ihm geweihten Altar. Es ist angemessen, daß ich allda das Ende meines Lebens erwarte, wo ich zuvor das Kleid der Weltentsagung, das Ordenskleid, empfangen habe." In stummer Ergriffenheit schickten die Mönchs sich an, den Todmatten emporzuheben.. Da wichen die Umstehenden ehrerbietig zur Seite, denn die fromme Schwester Nothgardis, des Bischofs Nichte, des Grafen Tammo Tochter, trat leise in die Zelle. Still kniete die Klosterfrau nieder. Ihre Lippen berührten den Saum von Bernwards Gewand. Dann hob sie die thränenerfüllten Augen zu ihm empor und sprach: „Mein Oheim, im Kloster Gandcrsheim wurde uns die Kunde, wie eS um Euch stehe. Unsere Aebtissin Sophia sendet mich hierher. Sie fleht reuig um Verzeihung für all den Kummer, für all die Unbilden, so Ihr durch sie erfahren habt, und bittet durch mich um Eueren Segen, um den Segen des rechtmäßigen Oberhirten für uns Alle." Ein Aufleuchten ging über des Bischofs Züge. „So wird mir vor meinem Ende noch eine große Freude zu Theil," sprach er. „Mein Kind, sage Deiner Aebtissin, daß ich ihr längst Verzeihung gewährte; denn ich weiß, sie handelte als Herrin in guter Absicht; sie wollte ihr Kloster uuter einen mächtigeren Schutzherrn stellen. Ich freilich mußte gegen sie die Rechte Hildcs- heims wahren. — Es segne der allmächtige Gott Dich, mein liebes Kind, die Aebtissin Sophia und alle Angehörigen des Stiftes Gandersheiml" Mühsam machte der Bischof das Zeichen des Kreuzes über die Knieende. Dann bat er mit fast verlöschender Stimme: „Und nun zu Sanct Martinus!" Still trugen die Benedictiner ihn hinüber. Mit Hilfe seines Bruders Tammo und des Bischofs Ekkehard legte er sich vor dem Altare zur Erde nieder und verrichtete ein brünstiges Gebet. Währenddessen hatte der Sacristan die Kerzen angezündet und der Abt Goderam alles vorbereitet, um dem Sterbenden die heilige Wegzehrung zu reichen. Mit brennendem Verlangen empfing Bernward zum letzten Male auf Erden seinen Heiland in Brodsgestalt. Er hob seine Hände empor und sprach mit lauter Stimme: „O, wie große Freuden haben die Heiligen Gottes im Himmel!" Darauf sah er voll Rührung die weinenden Brüder an und betete also: „Heiliger Erzengel Michael, der Du ein Heerführer der himmlischen Geister und der aufgelösten Seelen bist, ich bitte Dich demüthigst aus dem Grunde meines Herzens, Du wollest uns mit den heiligen Engeln gnädig besuchen und diesen Ort erleuchten, in welchem wir jetzt mit Andacht beten." Sobald er das gesprochen,, entstand ein heftiger Sturmwind und ein großes Getöse. Allen, so zugegen waren, kam Furcht und Bangen an. Der Sterbende aber tröstete die Umstehenden mit gebrochener Stimme: „Liebe Brüder, fürchtet Euch nicht. Ich bin der. jenige, der hier gerufen wird. Sehet Ihr nicht, wie die heiligen Engel zu uns hereinkommen, mich abzuholend" Dann kehrte er nochmals seine matter werdenden Augen gen Himmel und rief: «Vater, in Deine Hände empfehle ich meinen Geist!" Mit diesen Worten sank der bis zum letzten Augenblicke Willenskräftige sterbend in die Arme seines Bruders Tammo zurück. Das geschah am zwanzigsten Tag des Windmonats im Eintausend zwei und zwanzigsten Jahr nach der Gebuxt des Erlösers der Welt. Es war aber zur selben Stunde, da trat in Köln der neugeweihte Erzbischof, Herr Pilgrim, vor den Hochaltar, um seine erste heilige Messe als Bischof feierlich zu begehen. Aber zu aller Staunen celebrirte er dieselbe wider jeglichen Brauch für die Abgestorbenen, und in dem Memento nannte er Bernwards Namen. Die Domherren befragten nach vollbrachter Feier den Erzbischof befremdet, was das zu bedeuten habe. Der aber sprach mit ernster Ruhe: „Ich konnte nicht anders. Hört zu: Als armer Schüler stand ich einst vor der Bischofsburg zu Htldes- heim. Ich hielt um eine Beisteuer an. Ein Diener meldete das dem Herrn Bernward. Dieser befahl allsogleich, man möge den draußen stehenden Bischof hereinführen. Da kam eine Zahl von Dienern zu mir herausgelaufen, die kehrten aber geschwind wieder um bei dem Anblick, so ich ihnen bot. Es wäre draußen Niemand vorhanden außer einem armen Schüler, berichteten sie ihrem Herrn. Da antwortete Herr Bernward: „Selbiger ist der Bischof, den Ihr zu mir führen solltet." Er erhob sich sogleich von der Mittagstafel, ging mir entgegen und empfing mich mit einer Ehrerbietung, daß ich schamroth wurde. Er setzte mich mit Dringlichkeit sogar oben an die Tafel 'und bewies mir vor allen übrigen Gästen eine vorzügliche Höflichkeit. Beschämt und wider meinen Willen mußte ich diese Ehrenbezeigung annehmen. Herr Bernward aber sagte mir nach geendigter Tafel die Erzbischofswürde zu Köln voraus. Er bat auch demüthig, ich möchte in der ersten hl. Messe, so ich als Bischof dortselbst lesen werde, seiner eingedenk sein. Die Zusage gab ich heilig und theuer, und Herr Bernward entließ mich mit seinem Segen und vielen Geschenken. Da nun eingetroffen ist, was der fromme erleuchtete Mann mir vorhersagte^ so habe ich heute, der Zusage eingedenk, meine erste heilige Messe als Bischof für ihn gelesen. Als ich an die Stufe des Altars trat, ward mir auf wunderbare Weise kund, der Bischof Bernward sei soeben verschieden, er weile nicht mehr unter den Lebenden. Da mußte ich die erste heil. Messe für einen Abgestorbenen halten. Nun ist Euch der Grund meines befremdlichen Thuns klar." Pilgrim that auch dem Volke das wunderbare Er- eigniß kund und schickte eilends Boten nach Hildesheim, um seine Theilnahme und seine Trauer zu vermelden. In Hildesheim hatte der Abt Goderam alle, so beim gottseligen Heimgang des edlen Bischofs zugegen waren, in die Gruft von St. Michael geführt. Da erblickten sie vor dem Altare der hl. Maria eine offene ausgemauerte Grube und davor einen Sarkophag aus Stein gemeißelt. Goderam wies ernst darauf hin und sprach also: „Sehet das Grab, welches der zu Gott Gegangene sich selber hergerichtet hat! Als die schweren Leiden ihm 788 das Nahen seiner Auflösung kündeten, da ergriff der Willenskräfttge nochmals Hammer und Meißel. Er schuf mit eigenen Händen diesen Sarkophag, auch meißelte er kunstvoll seinen Grabstein. Das geschah freilich in seiner Werkstätte. Außer Herrn Thangmar und mir hatte Keiner Kenntniß davon." Mit Rührung umstanden Alle den Sarkophag. In dessen Tiefe lasen sie am Kopfende die lateinischen Worte: „Bernward, Bischof, Knecht der Knechte Christi." Der Sargdeckel aber, der daneben lehnte, war im Innern mit dem Lamm-Gottes-Bilde und mit einem einfachen Kreuze geschmückt. Auf der Oberfläche, so mit neun Engelsköpfen und vierzehn Rauchwolken geziert war, hatte Bernward die Worte eingegraben: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und ich werde am jüngsten Tage auferstehen und wieder mit meiner Haut umgeben werden und in meinem Fleische meinen Gott schauen." Schweigend, denn er konnte nicht reden vor innerer Ergriffenheit, deutete der Abt zur Seite. Da lehnte auch vollendet und ausgemeißelt die Deckplatte des Grabes. Auf dieser Platte sahen sie einen Baum, dessen Stamm in ein einfaches, aber sinnig und schön gearbeitetes Kreuz überging. Die vier Enden des Kreuzes waren verziert mit den Zeichen der vier Evangelisten. Da, wo die Balken sich schnitten, erblickten sie daS Lamm Gottes, geschmückt mit dem Zeichen des Kreuzes. Die Fläche aber über und neben dem Kreuze war ausgefüllt mit einer lateinischen Inschrift, in der die ganze Einfachheit, die Demuth und der Adel von Bernward's Gesinnung sich aussprach. Sie lautete in deutscher Sprache: „Bernward's Körper war ick dereinst; jetzt bin ich umschlossen Hier vom Dunkel der Gruft. Asche nur bin ich und Staub. Ach, des erhabenen Amtes hab' ich nicht würdig gewaltet I Herr, laß in Frieden mich ruh'nl Betet das Amen für mich." „Das ist die künftige Grabstätte eines Heiligen," sprach Goderam mit bebender Stimme. Der greise Thangmar trat vor und rief: „Was ist lobenswürdiger, als diese Erniedrigung des frommen Bischofs! Je tiefer er sich in Demuth herab- drückt, um so höher glänzt er als Leuchte der Kirche. Ich bin der Ansicht, daß wir trotz seiner Bitte um demüthige Bestattung die Leichenfeier unseres gottgeliebten Herrn nach kirchlichem Brauche würdig und erhaben gestalten, denn sein hohes Verdienst erscheint uns leuchtender als der Tag, obgleich er selber sich in seiner Herzensdemuth ganz anders beurtheilt hat." Thangmars Meinung stimmten Alle bei. Und so wurde des heiligen Bischofs Leiche mit großem Gepränge und mit unsäglicher Andacht der Gläubigen in der von ihm selber erbauten Gruft dem Schooße der Erde übergeben. Das ganze Bisthum war durch diesen Hin- tritt in tiefe Trauer versetzt. Die Hildesheimische Kirche wurde zur Wittwe, die Stadt beweinte den Verlust ihres Erbauers, das Vaterland seinen Vertheidiger und weisen Lenker, besonders aber beklagten die Armen, Wittwen und Waisen den Verlust ihres theuren Vaters. Hohe und Niedrige, Reiche und Arme wurden durch den Heimgang dessen schmerzlich betrübet, der Allen Alles gewesen war. Klagen und Weinen, untröstlicher Schmerz um den Hingeschiedenen wurde laut. Die Gruft der Michaelskirche, worin man ihn gebettet, wurde nimmer leer von Weinenden und Trauernden. Da schritt eines Tages der noch immer stattliche Herr Thangmar durch die Reihen der Wehklagenden. Einen mitfühlenden Blick warf er auf die schmerzlich Trauernden, dann redete er sie an: „Geliebte, wir wollen uns nicht unvernünftig betrüben nach der Weise derjenigen, so ohne Hoffnung sind. Wenn wir trauern müssen, den Tröster auf Erden verloren zu haben, so wollen wir uns freuen, einen Helfer im Himmel zu besitzen. Versicherte unser Herr Bernward doch selber vor seinem Ende, daß er dem Geiste nach stets bei uns sein werde. An dieser heiligen Stätte umwehet uns sein Geist. Neben der mit dem wunderbaren Rosenstrauch ausgezeichneten Gruft des Dommünsters wollte uns der gütige Gott einen zweiten Gnadenort geben in dieser Gruft, die den heiligen Leib unseres Herrn Bernward umschließt." Noch sprach er, da brachten die Domschüler eine Tafel mit gemeißelter lateinischer Inschrift und befestigten selbige an der Säule zur rechten Seite des Grabmals. Benno hatte die Worte verfaßt, sie lauteten: „Siehe, die Gruft, sie umschließt das Gebein Bernwardens, deS Bischofs, Jenes erhabenen Mannes, der uns ein Wunder erschien, Der wie ein leuchtender Stern in der Heimath Krone geglänzt hat, Würdig erfunden von Gott, hoch von den Menschen geliebt; Denn stets ist er der Kirche der trefflichste Bischof gewesen, Lohn' es Emanuel ihm, lohn' es ihm Michaels Huld! Endlich am zwanzigsten Tag in dem elften der Monate tauscht' er Für dies irdische Sein glücklich den Himmel sich ein." Diese Worte Bennos mögen das Lebensbild unseres großen Bernward vollenden. Ende! Die letzten Ellen Dich. Erzählung frei nach dem Französischen. Von Otto LandSmann (Nachdruck »erboten.) I. Durch eine ununterbrochene Arbeit von einem halben Jahrhundert war es dem alten Tuchhändler Kornelius Splenger aus der Schlossergasse in Straßburg gelungen, sich das runde Sümmchen von einer viertel Million zusammenzuscharren. Eines schönen Tages nun saß er, die Hände über seinem Schmerbauch gekreuzt, hinter seinem Zahltisch, und indem er einen tiefen Seufzer inneren Behagens ausstieß, sprach er nach zehn langen Minuten inneren Jubels: „Endlich, endlich bin ich am Ziele meines Strebens angekommen! Freilich ist es nicht ohne Mühe gegangen, aber schon mein seliger Großvater mit seiner bewährten Menschen- und Sachkenntniß hat gesagt: „„In diesem Jammerthale kommt man zu nichts ohne viel Müh' und Plage."" Ich habe also eigentlich nur meine Pflicht gethan." Nach diesen Worten, die er mit halblauter Stimme in die Morgenstille des Kaufladens gesprochen, stand er auf, trat hinter seinem Arbeitstisch hervor, und sich der Ladenthüre nähernd, verschloß er dieselbe mit einem kräftigen Ruck. „So, jetzt ist's gar," sagte er, indem er sich vergnügt die Hände rieb und das linke Auge zudrückte, — was bei ihm stets der Ausdruck höchster Zu- 789 friedenheit war, — „jetzt ist's gar und ich verkaufe auch nicht eine Elle Tuch mehr, selbst wenn der Herr Bürgermeister käme, würde ich ihm versetzen, sich anderswo hinzuwenden, denn das Kaufhaus Kornelius Splenger existirt jetzt nur noch in der Erinnerung der alten Straß- bürger Bürger." Und in der Mitte des noch mit ganzen Bergen von Tuchballen angefüllten Ladens stehen bleibend, stellte er tiefe Betrachtungen an über seine fünfzigjährige Arbeit, die jetzt ein bloßes Umdrehen des Schlüssels zum Abschluß brachte. Noch sah er im Geiste seinen Großvater Martin mit dem gutmüthigen Gesichte, der weißen Perücke und der großen, messingenen Brille hinter dem Pulte sitzen, während er sich selbst sah, wie er als kleiner Junge lustig durch den Laden hüpfte und ihm sein Vater Anton und seine treffliche Mutter mit wohlgefälligen Blicken lächelnd nachsahen. Angesichts dieser langen, während eines halben Jahrhunderts mit Ehre und Ehrlichkeit erfüllten Pflicht sagte er sich im Gefühle gerechten Stolzes: „Nein, Kornelius, Du hast Dich so edler Vorfahren nicht unwerth gemacht, das ist schön, und Du Alter kannst Dich nun getrost der Ruhe hingeben." II. Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als sich die Glasthüre des Hinterladens öffnete und ein ungeheurer Strauß von Feldblumen zum Vorschein kam, den ihm eine unsichtbare Hand darbot. Er war so groß, dieser Strauß, daß es Kornelius nie gelungen wäre, herauszufinden, wer die räthselhafte Person sei, welche diese Blumen seinen Blicken entzogen, wenn nicht plötzlich ein schelmisches Lachen den Schleier des Geheimnisses gelüftet hätte. Im selben Augenblick tauchte auch ein blonder Lockenkopf hinter dem Strauße auf, während sich zwei Arme zärtlich um den Hals des alten Kaufmanns schlangen und eine helle Stimme ihm sagte: „Ich wünsche Dir alles erdenkliche Gute zu Deinem Namenstag, Papa, denn heute ist Kornelius." Es war seine Tochter Margarctha Splenger, die einzige Erbin des Herrn Kornelius, welche sich so plötzlich in die Arme des Vaters geworfen, höchlich erfreut über die angenehme Ucberraschnng, die sie dem braven Manne bereitet hatte. Und hinter ihr, halb versteckt von der Thüre, bemerkte Kornelius seine alte Haushälterin Katharina, die schon seit fünfnndfünfzig Jahren im Dienste bei Splenger stand, unter Vater und Sohn, und deren runzeliges Angesicht, eingerahmt von silberweißem Haar, im Glänze innerer Zufriedenheit erstrahlte. „Wie," rief Kornelius, „heute soll mein Namenstag sein? Wo bin ich denn mit meinen Gedanken, daß ich ein so wichtiges Datum vergessen konnte?" Indem er dann wonnigen Gefühles in vollen Zügen den süßen Duft der Blumen, in denen seine Nase völlig verschwand, einathmete, sprach er zu sich selbst: „Das fängt schön an, Kornelius, das sängt schön an, wenn Du jetzt schon, gleich am ersten Tage, Dinge von solcher Bedeutung vergessen kannst." Die alte Katharina war indessen in den Laden getreten und darauf entsann sich Kornelius plötzlich, daß er noch nie verfehlte, ihr bei solcher Gelegenheit für ihre guten Wünsche, welche dem Herzen entsprangen, zu danken, indem er sie da ganz einfach in seine Arme schloß und küßte. . . Während sie weinte wie ein Kind und ihrem Herrn noch den Wunsch ausdrückte, ihm noch wenigstens zwanzig Jahre zum Namenstag gratulieren zu können, gingen alle drei in den Hinterladen. Kornelius hatte heute einen doppelten Grund, sich großmüthig zu zeigen. Darum holte er auch aus dem finstersten Kellerwinkel eine Flasche „Staubigen" aus dem Jahre 45, „Kitterle" genannt. Und die drei feierten angemessen den Namenstag und zugleich den ersten Tag des Rücktrittes des alten Tuchhändlers, der mit Kennermiene und in kleinen Zügen den süßen Nektar schlürfte. III. Plötzlich ließen sich im Hausgnnge Tritte hören, und eine Hand rüttelte heftig die Ladenthüre, welche Kornelius für immer geschlossen hatte. „Donner und Doria, das fehlte gerade noch!" brummte der alte Tuchhändler; „wenn es Käufer sind, wie ich vermuthe, können sie unverrichteter Dinge wieder gehen, dafür garantire ich." Als der Besucher, der augenscheinlich nicht mit all- zugroßer Geduld gewappnet war, festgestellt hatte, daß die Thüre fest verschlossen sei, begann er mit beiden Fäusten an der Thür zu trommeln, was Kornelius noch vollends um seine gute Laune brachte. „Nur ein klein wenig Geduld," brummte er, indem er den Laden durchschritt, „man kommt, meine Herren, nur eine Minute wenigstens, zum Athemholenl" Eine Drehung des Schlüssels, diesmal in der entgegengesetzten Richtung, die Thüre öffnete sich und Kornelius befand sich einem jungen Manne von etwa zwanzig Jahren und elegantem Aeußeren gegenüber, denselben sofort als Ludwig von Huntheim, den Sohn des Bürgermeisters, erkennend. . . „Guten Morgen, Herr Splenger," redete ihn der Besucher an, indem er seinen Hut lüftete und sich tief verneigte. „Sie feiern heute wohl Namenstag, weil Ihr Laden jetzt um zehn Uhr noch nicht offen ist." Kornelius, den diese plötzliche Erscheinung etwas aus der Fassung gebracht hatte, um so mehr noch, als auch der alte „Kitterle" nicht dazu angethan war, ihm den Kopf zu klären, stockte und wußte nicht, was er thun sollte. Hatte er nicht bei Stein und Bein geschworen, daß er auch nicht eine Elle wehr verkaufen wollte, selbst nicht einmal dem Bürgermeister? Endlich, nach einigen Augenblicken schneller Ueber- legung, siegte doch der Kaufmann in ihm, Dank dem unumstößlichen Vernunftschluß, daß eine Viertelmillion zwar ein sehr respektables Sümmchen sei, daß aber fünfzig oder hundert Thaler mehr noch besser ist. „Bitte, bemühen Sie sich herein, mein Herr, ich stehe ganz zu Ihre» Diensten," sprach er unter einem Bückling, dem es an der gebührlichen Eleganz nicht mangelte. Wirklich verkaufte Kornelius Splenger trotz seines Schwures an den Sohn des Bürgermeisters von Straßburg fünfzehn Ellen Tuch von kastanienbrauner Farbe im Preise von neun Thaler pro Elle zu einem Rock mit langen Flügeln, nach der neuesten Pariser Mode, und zu einem großen Mantel, wie man sie damals trug. „Es ist einerlei," meinte Kornelius, nachdem er das Tuch auSgemessen, „doch ich glaube, daß ich nichts- destoweniger wohl daran thue, mich von den Geschäften zurückzuziehen, ich bin kaum mit dem Ausmcsscn der verdammten fünfzehn Ellen fertig geworden. . ." Der alte „Kitterle" war dem guten Alten in den Kopf gestiegen. . . IV. Zwei Tage später saß KorneliuZ Morgens zehn Uhr in dem kleinen Speisezimmer in der Schlossergasse und rauchte gemüthlich seine Pfeife, als mit einem Male die alte Katharina wie ein Sturmwind hereinstürmte. Ihre Haube saß auf dem Ohr, ihr Blick war verstört. „Jesus, Maria und Josef," stöhnte sie, „was für ein Unglück I Was hab' ich in der Stadt Neues erfahren — mit unserem guten Rufe ist's ausl" Sie sank auf einen Stuhl nieder und begann laut aufzujammern, dabei ihre dürren Fäuste ballend und nach allen Richtungen hin drohend. „Elendes Halunkenpack," rief sie, „das haben wir nun für unsere ehrliche Arbeit während so langer Zeit, in der wir Niemand um einen Pfennig betrogen. Das Sprichwort „Zu gut ist ein Stück der Liederlichkeit" hat recht, und wenn wir noch einmal anzufangen hätten, müßte die Sache aus einer anderen Tonart gehen." „Aber was gibt es denn eigentlich, Katharinas" unterbrach sie Kornelins mit der ihm eigenen Gemüthsruhe. „Was ist denn das für eine schlimme Neuigkeit, die Ihr in der Stadt aufgefischt habt?" Die alte Magd erhob sich, ihre Augen blitzten, und die Fäuste nach hinten gerichtet, rief sie: „Aber, Herr Kornelius, wissen Sie denn noch nicht, daß in der ganzen Stadt Straßburg seit gestern das Gerücht geht, Kornelius Splenger, der alte Tuchhändler in der Schlossergasse, ist ein Dieb, ein Betrüger, der den Kerker und die Galeeren verdient? Und von dem allem wissen Sie noch nichts s . . . Nun gut, morgen pfeifen es die Spatzen auf dem Dache, und überall wird man davon sprechen." Bei dieser unerwarteten Enthüllung wurde Kornelius bleich wie ein Todter und stammelte: „Was sagtJhr mir da? Hab' ich recht verstanden, Katharina? Schnell, heraus mit der Sprache!" Jetzt begann Katharina zu erzählen, Thomas, der Schneider des Herrn von Huntheim, habe gestern Abend beim Messen des Tuches gefunden, daß es nicht fünfzehn, sondern nur elf Ellen waren und da das Packet nirgends geöffnet worden sei, so könne kein Anderer als dieser Schelm von Kornelius aus der Schloffergasse den Betrug begangen haben. Das gab nun dem Schneider Thomas, der dem biederen Tuchhändler schon lange nicht mehr grün war, weil er ihm keine höhere Provision gewähren wollte, Gelegenheit, sein Müthchen zu kühlen, indem er allen, die es wissen wollten, wiederholte, daß Kornelius Splenger dieses Spiel schon seit fünfundzwanzig Jahren treibe und es so nicht schwer sei, ein Vermögen von einer Viertelmillion zusammenzuraffen. Und von Neuem begann die alte Katharina zu lamentieren und gegen den lumpigen Schneider zu wettern, dem sie am liebsten gleich den Hals umgedreht hätte wegen seiner grenzenlosen Frechheit, ihren ehrenwerthen Herrn so bodenlos zu verleumden. V. Das Kinn in die Hand gestützt, stand Kornelius da, versunken in ein Gewühl von ernsten und tiefen I Gedanken, und von Zeit zu Zeit den Kopf schüttelnd wie ein Mann, der vergebens die Lösung eines schwierigen Problems sucht. „Ich, Kornelius Splenger, der Sohn und Enkel der rechtschaffensten Kaufmannsfamilie der Stadt, deren guter Ruf sich bis hinüber zum Schwarzwald verbreitet hatte, ich soll meine Ehre verloren haben! . . . Nein, das ist nicht möglich, man hält mich zum Besten, und sicher haben sie mir einen bösen Streich spielen wollen." Während er so mit sich selbst sprach, ging er mit kleinen Schritten hin und her, hielt aber zuweilen inne wie um besser nachdenken zu können. „Wenn Du indeß Dich doch geirrt hättest, Kornelius?" setzte er sein Selbstgespräch fort. „Möglich wäre es ja gewesen, denn die Sehkraft läßt nach, und mit dem Gedächtniß ist es auch nicht weit her." Plötzlich schlug sich der alte Tuchhändler vor die Stirn, die ängstliche Beklommenheit war gewichen, neuer Muth belebte sein Herz und mit einem kräftigen Faust- schlag auf den Tisch rief er: „Gott sei Dank, jetzt bin ich mir klar in der Sache." Weiter kam er nicht, denn die Thüre öffnete sich, und herein trat Katharina in höchster Aufregung, weil die Nachbarin Walter, diese Gans und Winkelbäckerin, gesagt habe, der Schneider Thomas hätte nicht so ganz unrecht gehabt. . . Und hinter ihr kam mit rothgeweinten Augen Fräulein Margaretha und setzte sich schluchzend in eine Ecke. Was Kornelius anbetrifft, der jetzt ruhiger war als vordem, so nahm er Hut und Mantel vom Haken, kleidete sich langsam an und ging ohne eine Wort zu sagen fort, die beiden Frauen in ihrem Erstaunen zurücklassend. VI. Er blieb lange aus, und während seiner ganzen Abwesenheit hörte das Jammern im Hinterlader: in der Schloffergasse nicht auf. „Ehre und Ruf verloren! Mein Gott, womit haben wir solche Schmach verdient, was haben wir denn gethan?" klagte Fräulein Margaretha mit von Thränen erstickter Stimme. „Das wird die Gesundheit meines Vaters untergraben und meine Zukunft vernichten, denn wer wird mich jetzt noch ansehen mögen? Man wird die Augen von mir abwenden, wenn man mir begegnet, mit den Fingern auf mich deuten und hinter mir flüstern: „Das ist die Tochter des Betrügers Splenger aus der Schloffergasse."" Da öffnet sich die Thür, und herein tritt Kornelius, ein triumphirendes Lächeln auf den Lippen und gefolgt von einer in einen kastanienbraunen Mantel gehüllten Person, deren Gesichtszüge jedoch in Folge der eintretenden Dunkelheit nicht mehr zu erkennen waren. „Hinweg mit den Thränen und den Lamentationen!" rief Kornelius, ohne lange Umstände zu machen. „Hier stelle ich Euch den Herrn von Huntheim vor, der aus keinem geringeren Grunde kommt, als dem, um die Hand Margaretha's anzuhalten. Er wird sich zu den Glücklichsten der Männer zählen, wenn er Erhörung findet." Und während Kornelius seiner zitternden Tochter den unerwarteten Freier entgegenführte, sagte er zu Katharina, die stumm und starr vor Staunen war: „So, meine gute Katharina, und nicht anders ordnet KorneliusSplenger verwickelte Geschichten. Die vier Ellen Tuch, welche fehlten, sind auf Rechnung 791 des eilten „Kitterle" gesetzt worden, und da Herr von Huntheim die Güte hatte, dem Schneider Thomas eine derbe Abfertigung zu ertheilen, glaubte ich, den liebenswürdigen Herrn angemessen belohnen zu müssen." Und sich an seine Tochter wendend, die ihre Thränen schon getrocknet hatte, schloß er lachend: „Uebrigens, meine Kinder, habe ich schon längst gemerkt, daß eins dem anderen gern in's Auge sah, und die vier Ellen Tuch sind gerade zu gelegener Zeit auf der Bildfläche erschienen, um die Schlichtung einer Angelegenheit zu beschleunigen, welche zwei sich liebende Herzen betrifft." Nach diesen Worten hatte Kornelins noch einmal die Kühnheit, eine Flasche „Kitterle" aus dem Jahre 45 aus dem Keller zu holen. . . Allerdings hatte er nicht mehr fünfzehn Ellen Tuch auszumessen, es hatten die anderen zu viele Glückliche gemacht, als daß er nochmal versucht hatte, feine Viertelmillion zu vermehren. ---SS8Ü88S»- Unsere Pflanzenwelt im Winter. Sonnenwende des Winters, ersehnte Zeit, Ringsum Berge und Hügel so tief verschneit, Reifschauer an allen Wegen; ES knistert der Schnee» cö klirret das Eis, — Wie machst du das Herz doch pochen so heiß Dem weidenden Venz entgegen. Unter den Füßen knistert der Schnee, und die geschäftigen Menschen eilen hastiger als sonst durch die nebelerfüllten Straßen. Auf den sangverlassenen Fluren leuchtet des Winters Decke, und die Blumenpracht des Sommers ist den eherner Gesetzen der Weltordnung erlegen. Nur wenige Spätherbstblüthen vermochten eine längere Spanne Zeit den Launen unseres Klimas zu widerstehen. Die Günstlinge der Menschen aus der Pflanzenwelt sind in dieser Zeit auf warme, lauschige Orte angewiesen, wohin des Winters eisiger Hauch nicht dringen kann. Hier an Feusterbrettchen, nahe dem Eise und Schnee, und in Blumentischen, geküßt vorn matten Sonnenstrahl, entfalten sichanch zur Winterszeit Hyacinthen, Cyklamen, Camellien, Alpenrosen und Veilchen, indeß draußen Todesschauer die Natur durchzittern. Und doch spielen auch im Winter seit uralten Zeiten bis auf die Gegenwart Blumen und Bäume eine bedeutende Rolle im Leben unseres Volkes. Es waren zur Zeit des Götterthums namentlich die Tage um die Sonnenwende, welche mit dem spärlichen Pflanzenleben in mannigfacher Beziehung standen. Die Germanen feierten bekanntlich in den letzten, lichtarmen Dezembertagen, wo sie mit frommer Scheu das oberste Götterpaar erwarteten, das Julfest zu Ehren der wiederkehrenden Sonne und allmählig erwachenden Mutter Erde. Hiebei versammelten sich im tannengeschmückten Stammhause alle Familienangehörigen zu Schmaus und frohem Liederklang. In England wurde noch in späteren Zeiten alljährlich um die Wintersonnenwende ein großer Baumstumpf, der Juelblock, auf dem Herde angezündet, um den sich die ganze Familie in heiterer Stimmung schaarte, solange die „Wihinächte" währten. Die meisten Pflanzen, denen sich das Interesse unserer heidnischen Vorfahren zuwandte, wurden zu abergläubischen Gebräuchen verwendet, von denen sich jetzt noch da und dort Spuren zeigen. Gewöhnlich holte man schon am Barbaratage (4. Dez.) in vielen Orten Zweige von Kirschbäumen, um sie zuhaust in das Wasser zu stecken und das Entfalten von Blättern und Blüthen zu erwarten. Ließ das nicht lange auf sich warten, so bedeutete es ein fruchtbares Jahr. In der Thomasnacht wurden die Zwetschgeu- bäume geschüttelt, damit sie reichlich Früchte bringen sollten. Die Rauchnächte, nämlich die Nacht vor dem Thomastage und die drei Nächte vor Weihnachten, Neujahr und Dreikönig, waren voll Schauder und Geheimniß. Die Tage sind noch nicht so ferne, daß manches Groß- mütterchen den lauschenden Enkeln von all dem Geisterspuk erzählte, der in diesen Nächten los sein sollte. Es wäre wirklich ein Wunder, wenn man in dieser geheimnißvollen Zeit gewisse Kräuter vergessen Hütte, die sonst als heilkräftig und bedeutsam galten. In den Nauchnächten wurden in der That auch neunerlei Kräuter benützt, mit Wachholder und Weihrauch gewürzt und in Betten und Viehtröge gelegt. Man ließ sie mitunter auch in eine Gluthpfanne werfen, womit das ganze HauS durchräuchert wurde, um böse Geister, Druden und Hexen abzuhalten, Thiere und Früchte dagegen kräftig zu schützen. Das schönste Fest in winterlicher, trüber Zeit ist seit Einführung des Christenthums das Weihnachsfest geworden. Die außerordentliche Heiligkeit desselben mußte sich selbstverständlich nach frommem Glauben auch auf die Pflanzenwelt erstrecken. So soll sich in manchen Gegenden in der Christnacht eine Rose, herrlich duftend und weithin leuchtend, mitten im Schnee entfaltet haben; in anderen erschlossen Safran, Silken und Nelken ihre Kelche. Von hoher Bedeutung war namentlich die Rose von Jericho, unsere „Auferstehungsblume", die ebenfalls in der heiligsten Nacht des Jahres erblühte und köstlichen Wohlgeruch verbreitete, während sie sonst dürr und todt erschien. Unter den Bäumen ist es in erster Linie die Tanne, dieser altdeutsche Nadelbaum, zu dem sich das sinnige deutsche Gemüth von jeher gezogen fühlte. Tanuenreisig schmückte das Haus zum festlichen Empfange der Götter und Gäste, und das Brausen und Sausen in ihrem Gezweige war den Germanen der vieltausendstimmige Gesang der Geister in Wodans Heere. Unter allen deutschen Sitten jedoch, die mit dem Tannenbaume zusammenhängen, ist die lieblichste die Schmückung desselben und das Anzünden darauf befestigter Kerzen am Weihnachtsabende. Dieselbe entstand ungefähr im 13. Jahrhundert und verbreitete sich nach und nach in allen deutschen Ländern, während es ihr nicht gelang, bei anderen Volksstämmen sich einzubürgern. Kein Fest auf dem weiten Erdenrund vermag die kleine Welt mehr zu beglücken, als die fröhliche, selige Weihnachtszeit mit ihrem gabenbehangenen Tannenbaume. Der Gnadenstrahl von oben, der sich in die Herzen aller senkt, die eines guten Willens sind, läßt auch großen Menschen Herzeleid und Wintcrgram vergessen, sie wieder in die sorglos wonnige, längst entschwundene Kinderzeit versetzend. — Besonders merkwürdig ist, daß in der Mitternachtsstunde der Christnacht, wie man glaubte, Apfelbäume blühen und Früchte tragen. In der Hofbibliothek zu Wien befindet sich ein Schreiben des Bischofs von Bamberg aus dem Jahre 1426, in dem von zwei Apfelbänmen gesprochen wird, die in der Weihnacht Blüthen und Früchte trugen. Ein gewisser Andr. von Weitra be- 792 stätigte die Sache und beschreibt genau die Farbe dieser Achsel, die er selbst in der Hand gehabt haben will. Ein ähnlicher Apfelbaum soll in Tribur am Nheine und in einem Würzburger Garten gestanden sein. In der Christnacht wurden auch nasse Strohbünder um die Apfelbänme gebunden, um sie fruchtbar zu machen, und es mag das wohl manchmal auch gelungen sein, wenn diese Bänder den Reif abhielten, der die zarten Knospen zerstörte. Aehnliches geschah in der Nenjahrs- nacht, und in der Altmark wurde vor dem Aufgehen der Neujahrssonne geschossen, um ein recht gesegnetes Jahr zu erzielen. In der Umgebung von Hildesheim soll es heute noch Sitte sein, daß die Knechte in der Sylvesternacht um die Obstbäume tanzen und sie zu reichem Ertrage auffordern. — Pflanzen, die auch zur Winterszeit im Freien blühen und grünen, obwohl „ringsum Berge und Hügel so tief verschneit," besitzen wir in unseren heimathlichen Gauen nicht gar viele. Wo der Sturm ein Plätzchen freiweht und die Mittagssonnenstrahlen die schwarze Krume schwach erwärmen, erscheint vielleicht der weiße Blüthenstern der Nießwurz—unsere„Schneerose," „Weihnachtsrose" oder „Christblume." Diese zeitlose, „schöne, stille" Blume, über deren Blättern der Tannenbaum seine traumdurch- wobenen Aeste wiegt, ist die „Wendewurz" der Germanen, mit deren Safte die Gallier ihre Spieße und Speere bestrichen, um das Fleisch des erlegten Wildes mürbe zu machen. Vorn Tannenbaume abgesehen, ziehen den Blick des Naturfreundes noch die Stechpalme, die Mistel, Epheu, Sinngrün und der Lsbensbaum mit seinem rostfarbigen Winterkleids auf sich. j DieStechpalme, deren glänzende Blattfüllc die reifenden Früchte schmückt, findet sich bei uns nicht häufig, ! während sie im nördlichen Deutschland sich oft zu einem Hag ! vereinigt. In England werden zur Weihnachtszeit Läden und Thüren mit den glänzend grünen Blättern und ! scharlachrothen Beeren geschmückt. Das sonderbare Pflanzengebilde, das in grünen Büscheln auf den kahlen Bäumen prangt, die heilige Mistel, nimmt schon in der nordischen Mythologie eine hervorragende Stelle ein. Sie war jenes Reis, mit dem der falsche Loki den Lichtgott Baldur tödtete. Den keltischen Völkern war sie das Symbol der wiedererwachenden erloschenen Sonnenkraft und genoß eine ganz außergewöhnliche Verehrung, da man sie vom Himmel auf die Bäume gefallen wähnte. Sie fehlte auch nicht bei dem germanischen Julfest unter dem grünen Schmuck der Räume. Ihre Zweige gaben das Vorbild zur goldenen Zauber- oder Wünschelruthe, die in späteren Sagen auftritt und meist von der Haselstaude geschnitten wurde. Die Mistel hat das ganze Mittelalter hindurch sich die Achtung bewahrt und wird wahrscheinlich heutzutage noch in österreichischen Gegenden in die Wiesen und Getreidefelder gesteckt und um die Obstbäume gebunden, um sie vor Raupenfraß und Hagelschlag zu bewahren. Epheu und Sinngrün, ihrer winterlichen Ausdauer wegen Sinnbilder des ewigen Lebens, wurden früher vielfach zu Kränzen gewunden und zur Erforschung der Zukunft benützt. Die ersten Christen betteten ihre lieben Todten auf Epheuranken, um anzudeuten, daß sie zur Ewigkeit eingegangen. Im Mittelalter hielt man Epheublätter für wunderkräftig. Noch heute ist dieser liebe Hausgenosse aus der grünen Welt, „der verschönernde Rost der Jahrhunderte," ein Sinnbild treuer Anhänglichkeit, weil er die Bäume umrankt, bis sie verdorren oder von der Hand des Menschen fallen. Das Sinngrün war vorzüglich den Jungfrauen geweiht, und diese zierten sich damit, wenn es zum Tanze ging. Im Oberbergischen und Hannoverschen wanden die Mädchen im Winter an bestimmten Tagen zweierlei Kränze, die einen aus Epheu und Sinngrün, die anderen aus Stroh. Dort trugen sie dieselben singend bei düsterem Fackelscheine zu einer Quelle, näherten sich ihnen rückwärts und suchten einen zu erhäschen. Hier legten sie die Kränze mit einer Hand voll Erde in ein Gefäß mit Wasser, tanzten dreimal mit verbundenen Augen herum und griffen dann nach einem Kranze. Mit dem grünen erfaßten sie ihr Glück — den Brautkranz, den Tod mit dem andern aus Stroh. — Diese wenigen Gewächse, deren zähes Leben, Sturm und Wetter, Eis und Schnee nicht zerstört, abgerechnet, schlummert in dieser Zeit das ganze Pflanzenleben, wohl verwahrt in Wurzeln, Samen, Keimen und Knospen. An milden Wintertagen entdecken wir zuweilen vielleicht auch noch andere vereinzelt blühende Kinder Floras, Maßliebchen, Sternmieren, Ehrenpreis, Taubnessel, Hirtentäschel, Hungerblümchen, meist lästiges, jämmerlich zerzaustes Unkraut, das nicht verdirbt. In der Regel erwacht aber unser Pflanzenleben erst mit den zurückkehrenden Sängern, wenn der Osterruf in alle Tiefen und Schluchten dringt und der lachende Frühlingshimmel Glanz und Wärme zur Erde strahlt. Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 4. Zuge matt. Auflösung des Bilder-Räthsels in Nr. 100: Halte Maß in allen Dingen. --HZWS--