iv4. L8V4. „Auasburger Postzeilung". Dinstag, ven 25. Dezember Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Drillt und Verlag des Literarilcheu Instituts von Haas k. Grabhcrr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Map Huttler). Erwartung. Weihnachtszeit, Weihnachtsbaum, Fest der Kleinen, der Großen Traum, Kommet, kommt doch balde! Stille, ganz stille, noch dunkelt das Zimmer, Bald aber leuchtet ein Glanz und ein Schimmer, Daß die Augen übergeh'n. Selber in unser trauriges Dunkel Dringet ein Strahl dann vom Weihnachtsgefunkel, Und das Herz fühlt himmlisches Weh'n. Weihnachtsbaum, den nie wir geschaut, Bist wie ein Freund uns bekannt und vertraut. Hört ihr der Tanne heimliches Beben? Waldcsdüfte die Räume durchschweben, Hände, betastet, was Liebe gebaut! O du fröhliche, selige Zeit, Weckest die Liebe, linderst das Leid. Ach wir ahnen, was nimmer wir sehen. Weihnachtszeit, Weihnachtsbaum, Fest der Kleinen, der Großen Traum! Stündlein, mußt hurtiger gehen! (A. d. Melodram „Weihnachtsabend unter Blinden", ged. v. Adolph Müller, comp. v. Hitzelberge.) - ---S-88MS-- Aes atterr Toni Weihnachts-Aeschichte. Nacherzählt von Jos. Elm. Grunau. (Nachdruck verboten.) Wer der alte Toni war? Im Gebiet des Laubahnthales, driunen im Tirolerland, brauchte man nicht lange Umfrage nach ihm zu halten, die Kinder auf der Landstraße, welche das enge Thal durchzieht, konnten den Fragesteller zu dem Försterhüuschen weisen, das etwas den Berg hinauf den Eingang zu dem mit aller Romantik umgebenen Herrenschloß Steinkron bewachte. In dem schmucken, kleinen Gebäude, wo Toni West- holter regierte, konnte es einem schon gefallen, denn alles machte den Eindruck einer gewissen Wohlhabenheit, die von sorgsamer Pflege wohlthuend unterstützt wurde. Vorn im Wohnzimmer, wo ein kleiner Erker nach dem zum Schlosse führenden Hauptweg ausgebaut war, stand der bequeme Lehnstuhl des alten Toni, den er stets innehatte, wenn er daheim war. Von dort aus hatte er das große, kunstvoll geschmiedete Gitterthor und die Hauptwege, welche in den rings das Schloß umgebenden Forst führten, vor Augen. Besonders am Abend, wenn es keine Amtspflicht mehr gab, verließ er das liebgewonnene Plätzchen kaum, sondern erzählte von dem etwas erhöhten Sitze aus gern seiner Familie und den vielen Freunden aus dem naheliegenden Dorfe Steinort von seinen Erlebnissen, zumal von der schönen Kaiserstadt Wien, wohin ihn vor Jahren der alte Freiherr zur Begleitung seines Sohnes Bruno geschickt hatte. Schon damals war er, der seit Kindesbeinen im Dienste der Familie Steinkron gestanden, in gereiftercn Jahren, eine ehrliche, verständige Haut, wenn ihr auch vielleicht der großstädtische Schliff abging. Heute, wo wir bei dem guten Toni Einkehr halten, haben sein Haar schon die silbernen Ehrenfüden durchzogen, und neben seiner im gleichen Alter stehenden Gattin Gertrud ist schon ein schmuckes Dirnderl, die Nest, ihm aufgeblüht, mit der Mutter in edlem Wettstreit, dem Vater das Leben nach Möglichkeit angenehm zu gestalten. Vor einem Jahr stark, in den Herbstferien, war ich auf meinen Wanderfahrten zum ersten Mal zu diesem reizenden Lhälchen gekommen und fand in dem Försterhause, obwohl ein Fremdling, gastliche Aufnahme. Manche herrliche Partie, wahre Gotteswunder der Natur, hatte mein Stift dem Skizzenbuche einverleiben können. Doch das schönste Bildchen malte ich mir in's Herz hinein, und das war die schwarzlockige Rest, des Försters munteres Töchterlein, das mir nicht aus dem Sinne mehr wollte, auch als ich längst von ihr Abschied genommen. Ach, es war ein schwerer Abschied für uns beide, und dem immer fröhlichen Försterstöchterlein standen ein paar glitzernde Diamantperlen in den schönen großen Augen, als sie mir sagte: „Gelt, Franz, Du schreibst und kommst wieder?" „Ja, Rest, ich schreib' und komm' wieder, und ein Ringlein bring' ich mit/' Nun war ich wiedergekommen kurz vor der heiligen Weihnacht, nachdem ich meine Studien an der Maler- Akademie beendet und an der Schwelle des praktischen Lebens stand. Im Föisterhause traf ich Alles zum Besten; der alte Toni empfing mich mit offenen Armen und seine gute Frau Gertrud nicht minder — und die Resi? 810 O, um den Hals wär' sie mir am liebsten gefallen, wenn nicht Vater und Mutter dabei gewesen wären, aber auch so sagten mir die leuchtenden Augensterne und der warme Druck der Hand, daß ihr kleines Herzchen in Liebe und Treue unverändert für ihren Franz schlug. Was der frohe Willkomm versprochen, die folgenden glücklichen Tage haben es treulich gehalten. * * Der heilige Abend war gekommen mit all' seinem beseligenden Zauber, mit der hoffnungsfrohen Erwartung, was wohl für neue Rosen der Engel der Liebe an dem Dornenstrauche des Lebens erblühen lassen werde. Seit mehreren Tagen waren die Schneeflocken in lustigem Durcheinander zur Erde niedergefallen, gleich als ob sie den Weg bereiten wollten für den gabenschweren Schlitten des lieben Christkindleins. Um die scharfen Felskanten hatte sich ein reicher Hermelin gewunden, von leuchtender Seide umsponnen ragten an den Bergen empor die Nadelhölzer, die kleinen in einen völligen Mantel eingehüllt, die großen mit schweren weißen Rosen überfüllt. Und in all den feenhaften Winterzauber entsandte der Mond seine zitternden Strahlen und ließen die lieben kleinenSternlein ihr glitzerndes, funkelndes Demantgeschmeide wiederspiegeln. Auf Steinkron herrschte noch die alte patriarchalische Sitte der Christbescheerung, die sich nicht allein auf die freiherrliche Familie und deren Dienerschaft beschränkte, sondern das ganze Dorf Steinort zu Gast lud in den großen Saal, wo nach einem kleinen Imbiß die Lichter an dem mächtigen Tanncnbaum angezündet wurden. Gab's da einen Jubel, als die liebe Jugend auf ein gegebenes Zeichen an die langen Gabentische heran- stürmte; von jeder Familie durfte ein Kind an dieser keineswegs fruchtlosen Jagd nach dem Glück theilnehmen, und jedes fand seinen Theil, entsprechend seinen Verhältnissen. Mitten unter der Kinderschaar schwebte neben dem sie unterstützenden ehrwürdigen Pfarrherrn wie ein ordnender Engel die schöne Freifrau Lucie von Steinkron einher und schöpfte aus den dankbaren Augen der reichlich Beschenkten den süßen Lohn ihrer arbeitsamen Mildthätigkeit. In eine Fensternische zurückgelehnt, stand der Schloßherr Bruno und verfolgte mit einem stolzen, glücklichen Blick seine geschäftige Gemahlin, und mochte bei sich wohl denken: wie schön ist's, so viele glückliche Menschen unter seinem Dache beherbergen zu dürfen. Langsam brannten am Christbaum die Lichter hernieder, noch einmal stimmte die frohe Menge eines der herzergreifenden innigen Weihnachtslieder an, dann schied Jeder, glücklichen Frieden im Herzen, von der Stätte solch christlicher Gastlichkeit, einen heißen Segenswunsch für die gute Herrschaft von Steinkron auf den Lippen. Mich trieb's am heiligen Abend noch nicht so schnell aus dem Bereiche des Schlosses; der alte Toni lud noch mehrere seiner Bekannten auf ein Stündchen zu einem Glase Punsch ein, das die saubere Rest mit gewinnendem Lächeln kredenzte. „Aber Vater, Toni, wo habt denn Ihr Euer Geschenk gelassen; ganz leer wird Euch der Herr, der so große Stücke auf Euch hält, doch nicht haben ausgehen lassen?" Das Gesicht des Alten, der seinen Thron in dem kleinen erhöhten Erkerchen wieder eingenommen hatte, verzog sich zu einem freundlichen Schmunzeln, er hatte offenbar nur auf diese Anregung gewartet, denn alsbald zog er aus der weiten Seitentasche seines Rockes eine kleine Schachtel und sagte dann mit anscheinend gleichgiltiger Stimme: „Es werden halt wieder einige Nüsse sein, der gnädige Herr weiß, daß ich sie liebe." Die schmucke Rest lächelte verschmitzt zu mir herüber, und ich verstand, daß es mit den Nüssen doch eine besondere Bewandtniß haben müsse. „Nun, Toni, mir scheint, für^Eure alten Zähne seien Nüsse keine rechte Arbeit mehr, laßt sehen, das Christkind hat Euch gewiß einen besseren Kern hineingelegt." „Glaub's schon, schaut her, Ihr Neugierigen." Krack, krack, leicht platzten die Schalen auseinander, und in die vor ihm aufgehaltene Schürze der Nest rollte aus jeder Nuß ein blinkender Golddukaten hervor, welche das flinke Mädchen mit lautem Juchhei auffing und der Mutter klingend in den Schooß warf. Der gutmüthige Alte lachte aus vollem Halse und schob vor Freude das kleine Sammtkäppchen auf dem Kopfe hin und her, während wir Zuschauer verwundert dreinschauten. „Ja, das sind die Nüsse vom lieben Christkind, ich kenne sie schon manches Jährlein, denn immer kommen sie wieder auf's Neue und rufen dem alten Toni eine Geschichte in's Gedächtniß zurück, bei der auch er so eine kleine Rolle mitgespielt hat." „Erzählen, Vater Toni, erzählen," klangs von den Lippen aller Freunde zugleich. „Nun ja denn, komm, Nest, noch einen guten kleinen Punsch, damit die Zunge bester die ungewohnte Arbeit deS Erzählens verrichten kann." Der alte Toni erzählte: „In Wien war's, wohin mich der selige Freiherr damals mit unserm gnädigen Herrn beordert hatte, damit er dort in der feinen Gesellschaft das Leben kennen lerne und an der Hochschule studire. Nun, ich hab' immer so meine eigenen Gedanken gehabt' und so dacht' ich auch damals, daß bei den feinen, jungen Herrchens wenig Gutes zu lernen sei. Ja, wenn dort unser gnädiger Herr in Allem ein eifriger Student gewesen wäre, der alte Toni hätte es nicht bis zum Schluß ausgehalten und süß' heute nicht als Förster auf Steinkron. Gott Dank, hielt der Freiherr etwas auf der guten alten Freifrau Wort, das sie ihm auf die Reise mitgegeben und oft in Briefen eindringlich wiederholt hatte. So ging's fchon eine Zeit lang recht gut, wenn auch mancher tolle Streich, der nun einmal zur Jugend gehört, mit in den Kauf genommen wurde. Der alte Toni wußte schon nachher die Sache wieder ins Reine zu bringen. Im Frühjahr waren wir nach der Kaiserstadt gekommen, und nun schrieben wir schon Dezember, ohne daß die schlechte Wiener Luft den Herrn besonders angekränkelt hätte. Da zog mit einem Mal ein neuer Cirkus, mit allem Raffinement ausgestattet, die Aufmerksamkeit der lebe- lustigen Welt auf sich. Selbstredend mußten unsere jungen Cavaliere hin, und zwar vorne hin in die ersten Plätze. Vor Allem war's da eine-junge Kunstreiterin, eine kecke, herausfordernde Schönheit, die die Augen auf sich zog. Allabendlich flogen ihr von der jungen Welt die prächtigsten Bouquets und Kränze zu, aber gleichgültig schien 81l sie all die Spenden der Verehrer entgegenzunehmen, nur ^ irgend einem Geschenk und einem duftenden Bricfchen an den Blumen meines Herrn zeigte sie besonderes Wohl- j den Weg zu der Reiterin antreten. Zuweilen, wenn mir gefallen, obwohl sie bei Weitem nicht die schönsten waren. ^ so ein Auftrag zu Theil wurde, wagte ich wohl einen Dafür allerdings war, nun, ihr wißt's ja alle nock, vorwurfsvollen Blick dem Freiherrn zuzuwerfen, aber Freiherr Bruno bei weitem der stattlichste junge Mensch, ^ dann klopfte er mir lächelnd auf die Schulter und sagte: der im Land zu finden. Anfangs schlug's bei dem ! „Geh', Toni, das kennst Du nicht." Bet dem Dämchen Weihnacht: Steige nieder, Nacht der Wonnen, Freudenvolle Weihenacht! Die dereinst der Welt den Frieden, Den Erlöser uns gebracht. Sei gegrüßt, Geheimnißreiche I Die du gießest Licht und Lust Aus des HimmelsGnadenbronnen Sanft in jedes Menschen Brust! Holde Engel, steigt hernieder Vom gestirnten Himmelszelt, Frieden bringet, Segen wieder Uns'rer kampfdurchtobten Welt. Flammet licht, ihr trauten Kerzen, Denn ein Friedensfest bist Du, Heil'geNacht! Auch meinemHerzen Spende süße Himmelsruh'. Ja, an Heilands Krippe kniecnd Sei die Bitte dargebracht: „Gib o Herr, daß ich einst fei're Mit den Engeln Weihenacht!" Herrn nicht sonderlich an, aber die schöne Reiterin ließ nicht ab mit ihren glühenden Blicken. Was Wunder, daß es endlich auch einmal Feuer fing bei einem frohen, die Welt noch nicht kennenden, jungen Manne? Erst begann ein leichtfertiges Necken und Scherzen, wie es so das fahrende Volk liebt und zu seinem Vortheil meisterhaft auszunützen weiß. Manchmal mußte ich nun mit gabs allerdings immer ein gutes Trinkgeld; ein halber Gulden und auch wohl ein Gulden war gerade keine Seltenheit, aber mir war's immer, als ob mir das Geld in der Hand brannte, und ich suchte mir bald eine arme Frau, wo ich es los wurde, obwohl ich's selbst schon gut hätte verwenden können. Die Liebelei wurde immer schlimmer, unser Herr 812 schien ganz in dem Cirkusfräulein aufzugehen, und selbst die Spöttereien seiner weniger begünstigten Freunde brachten ihn nicht zur Besinnung. Die Dame selbst blieb die alte herausfordernde Kokette, von tieferer Neigung war keine Spur vorhanden, und wer als Unbe- theiligter die Sache ansah, mußte den Eindruck gewinnen, daß die Reiterin ihren Anbeter einfach geschickt an der Nase herumführte. Aber die Liebe macht blind, sagt's Sprichwort, und so war's mit dem Freiherrn Bruno; er sah nicht die Wirklichkeit, sondern nur die vor ihm hingaukelnde Fata Morgana, die sich seine erhitzte Phantasie vorwalte. Es kam die Weihnachtszeit und der heilige Abend. Der reichlich gefallene Schnee war in den verkehrreicheu Straßen der alten Kaiserstadt Wien zu einer schmutzigen Masse umgewandelt worden. „Toni," rief mich gegen 6 Uhr Abends der junge Herr in sein Studirzimmer, wo allerdings mehr der Kurzweil als des Studiums gepflogen wurde. „Toni, hier bring' diese Schachtel zu Fräulein Elwire, spute Dich, es setzt gewiß ein gutes Trinkgeld für Dich ab." „Ach, Herr, das Trinkgeld wollt' ich gern missen, wenn wir beide daheim in Steinkron die heilige Weihnacht feiern könnten." „Geh', alter Junge, wirst Doch kein Heimweh haben, doch mache v^ran, vielleicht bringts Christkind uns beiden etwas aus der Heimath, ich glaube, der Postmann war eben hier, doch lauf' nun." Zum Laufen war's mir nun gar nicht zu Muth an dem schönen Abend, wo alles mich hier an Steinkron gemahnte, und da Alles, was hier vorging, so ganz anders war als dort. Langsam das kleine Packet- chen unter dem Arm, den Sinn voll mißmuthiger und wehmüthiger Gedanken, schlenderte ich meinen Weg dahin, der ein ziemliches Ende betrug. Die Reise führte mich auch über den großen Weihnachtsmarkt. War's da ein frvhes Leben und Treiben. Auf allen Gesichtern konnte man die Vorahnung der kommenden Freude lesen. Arm und Reich drängten sich durch die erleuchteten Verkaufsstände, suchend, was wohl den Liebsten Freude bereiten könnte und dem Geldbeutel dabei angepaßt sei. Junges Volk durchwogte die Reihen und ließ sehnsuchtsvoll den Blick an all' den schönen buntbemalten Gegenständen haften; und wie mag das kleine Herzchen geklopft haben bei der Hoffnung, ob am Morgen auch das Christkind an all die Dinge gedacht habe, die man ihm sorgsam zu Papier gebracht und mit der Adresse „an das liebe Christkind im Himmel" hübsch couvertirt in den Briefkasten geworfen hatte! Gott, mir wurd's auch grad' wie einem Kinde zu Muthe, und überall mußte ich stehen bleiben und das bunte Tausenderlei anstaunen, das sich den Augen bot. Die trüben Bilder, mit denen ich vom Hause wegging, waren bald entschwunden und damit auch freilich die Mahnung des jungen Herrn zur Eile. Ueberall stockte der Fuß, nnd schon war eine geraume Zeit seit meinem Weggang verstrichen. Der Schlag der Thurmuhr von St. Stephan, die schon 8 Uhr verkündete, weckte mich aus all' den schönen Träumereien und gemahnte der Pflicht. Eilig winde ich mich durch das immer dichter werdende Gedränge. Endlich bin ich dort, wo die kleinen Buden stehen, aus dem ärgsten Menschenknäuel heraus und kann den> Schritt etwas eiliger nehmen. Aber, o weh, da renn' ich gerade wieder einen etwas im Wege stehenden Korb an, und so lang er gewachsen, fliegt euer Toni gottlob nicht in den schmutzigen Schnee, aber einer guten Hökerin in den Kram, wo's zum Glück nichts zu zerbrechen gab. Schlimmer als mir selbst erging's dem sorglich unter dem Arm bewahrten Packetchen. In weitem Bogen fiel's zur Erde. Auf der luftigen Reise löste sich das Umschlagpapier, und bei der unzarten Berührung mit der schmutzgepolstertcn Erde sprang der Deckel auf und davon mit ihm der Inhalt, eine Anzahl vergoldeter Nüsse. Die Besitzerin des Krams hatte mit meinem Ungeschick Mitleid, trotz der seltsamen und unliebsamen Begegnung, die ich mit ihren aufgestapelten Schätzen gemacht hatte. Mit Hilfe ihrer Laterne gelang es, die Schätze zu sammeln, aber in welcher Verfassung! Von den Nüssen war der Glanz weg, und daS gelbbraune Unterröckchen schaute stellenweise ganz unverschämt heraus. War mein Erstaunen über das seltsame Geschenk meines Herrn schon groß, so war es doch für mich gleich ausgemacht, daß ich so schadhafte Nüsse nicht ans Ziel bringen dürfe. Die gute Hökerin half mir mit einem Vorschlage indessen bald über die Schmerzen hinweg, indem sie sich erbot, gegen ein kleines Entgelt mir die beschmutzten Nüsse gegen tadellos vergoldete einzutauschen. Nun hatte es keine Noth mehr, denn das zierliche Schächtelchen war glücklicher Weise auf das Einwickelpapier gefallen. Froh, so leichten Kaufs aus der Geschichte herauszukommen, trabte ich nun, um ferneren Abenteuern zu entgehen, dem Bestimmungsorte zu, wo meine Botschaft schnell bestellt war, denn das Fräulein war ausgegangen. Auch zu Hause fand ich den jungen Herrn nicht mehr und entging so einem weiteren Examen über meine Sendung und konnte mich ungetheilt den Genüssen hingeben, welche der heilige Christ von Steinkron für mich herübergebracht hatte. (Schluß folgt.) Ein Weihnachtsabend unter den Palmen Algiers. Erinnerung eines Veteranen des XIX. französischen Armeecorps. Von Theodor Habicher. (Nachdruck verboten ) Es war während des letzten Araber-Aufstandes des Jnsurgentenführers Bou-Amema, hart an der marokkanischen Oase Figig, die auch schon der kühne deutsche Forscher Gerhard Rohlfs, zur Zeit in Nüngsdorf bei Godesberg lebend, im Jahre 1862 auf einer Forschungsreise gleichfalls besuchte. — Die dritte Compagnie des dritten Bataillons vom ersten Fremdenregiment marschirte in glühender Sonnenhitze dem großen Atlasgebirge zu. Heute noch mußte sie dasselbe erreichen. Es galt mit äußerster Vorsicht vorzugehen, denn die Araber, die jeden Weg und Steg, jede Klippe und Höhle kannten, hielten gewiß die unzugänglichsten und gefährlichsten Stellen besetzt. Die in Sidi Bel Abbes stationirte Compagnie war, etwa zweihundert Mann stark, abmarschirt, während etwa dreihundert Mann, die den Strapazen wohl kaum gewachsen waren, in Sidi Bel Abbes zurückblicken. Aber V X ^ ^ >!«^<7»0 ' - , ^ -.x^- W M M .K LF^M-KÄ ^ !^MMl § or eine Krippe führt uns Heut' Deine Mutterhand, Wo einstens Gott der Menschheit In Liebe sich verband. kamen fromme Hirten Auf eines Engels Wort, Die Könige aus Osten Sie knieten opfernd dort. Jahrhundert um Jahrhundert Schickt seine Söhne her — Der Strom der Völker fluthet Und fluthet immer mehr! Ein Tropfen dieses Stromes, Der zu der Grotte lenkt, Möcht' ich der Mutter danken, Die uns den Sohn geschenkt. 814 auch diese kleine Zahl war bis nach A'in-Sefra bei Tiout im Süden der 1,000,000 Einwohner zählenden Provinz Oran auf nur hundert Mann zusammengeschmolzen. Und nun marschirte man schon seit zwei Tagen, ohne einen Tropfen Wasser. Was nutzten die Lebensmittel, die man bei sich führte, wenn man nicht kochen konnte. Alles war zusammengetrocknet und ausgedörrt. Doch das Essen war das Wenigste. Niemand dachte daran, Niemand hatte Hunger. Durst, brennender Durst, das war der Dämon, der Alle quälte. Schon um 4 Uhr war man von der letzten Haltestelle aufgebrochen, um womöglich noch vor der größten Sonnenhitze das rettende Gebirge zu erreichen. „Halteplatz mit Holz ohne Wasser," lautete auf der Karte die Bezeichnung des letzten Bivouaks. Das Vorletzte war ebenso gewesen, und dabei hatte man am vorletzten Tage zwei Tagemärsche von je fünfunddreißig Kilometer gemacht, um so schnell wie möglich die wasserarme Gegend zu verlassen und in das Gebirge zu gelangen. Und nun marschirte man schon seit vier Stunden. Müde und matt schleppten sich die Soldaten dahin, mit dem hohen Tornister auf dem Rücken, der in der Hitze doppelt fühlbar war. So weit man sehen konnte, nichts als Himmel und Sand und Sand und Himmel. Die Sonne war erst seit zwei Stunden aufgegangen und stand schon hoch am Himmel; sie sandte sengend ihre Strahlen hernieder. Der Himmel hatte eine aschgraue Farbe, und die Luft zitterte förmlich in wellenförmigen Bewegungen, während der glühend heiße feine Staub durch alle Kleider bis auf die Haut drang und ein entsetzlich prickelndes Gefühl verursachte. Es war kaum noch möglich, vorwärts zu kommen. Und gerade jetzt, jetzt galt es wachsam zu sein, denn die Araber kannten nur zu gut die gefahrvollen Märsche. Endlich war das Gebirge erreicht, und entschlossen marschirte man vorwärts. Aber glaubte man Schatten oder doch wenigstens etwas Kühle zu finden, so hatte man sich arg getäuscht. Der Sand und Staub wurde durch das fortwährende Steigen und Bergabgehen nur um so heftiger aufgewirbelt: nicht nur die Sonne brannte von oben und der Sand von unten, nein, auch die Berge glichen riesigen Neflectoren, von denen die Sonnenstrahlen mit aller Macht zurückgeworfen wurden. Wie im Gluthofen marschirten die Soldaten vorwärts, fast erstickt von dem aufgewirbelten Staub, der die Kehle austrocknete und halb verbrannte. Man marschirte wohl bald wieder zwei Stunden in den Bergen. Es galt mit äußerster Vorsicht vorzugehen, denn jeden Augenblick war ein Ueberfall der Araber zu befürchten. Die Berge wurden immer gefahrdrohender, die Klippen immer gefährlicher. Es wird Halt gemacht. „Gott sei Dank!" murmelten die bärtigen Krieger. „Gott sei Dank! Dschenien-Bu-Rezk, die so lang ersehnte Quelle ist erreicht, und nun in's Bivouak!" Munter ging der Vortrab zurück auf das Hauptcorps; nach kurzer Zeit war das Soldaten-Quarticr im Freien aufgeschlagen; die Gewehr-Pyramiden wurden zusammengesetzt, und aus den Kochlöchern, die in Eile angelegt wurden, zog der qualmende Rauch gegen Himmel. Wachen zogen auf, um die ruhenden Kameraden gegen einen Ueberfall der räuberischen Tuarcgs während der Nacht zu beschirmen. Nach eingenommener karger Mahlzeit suchten sich die Mannschaften unter den Palmen ein schattiges Plätzchen, um die müden Glieder auszuruhen; andere hingegen reinigten das staubige Gewehr. „Hollah, deutscher Bruder, warum so traurig?" sagte bei dieser Beschäftigung ein alter Legionär mit wetterhartem, kühnem Gesicht, dem man an seinen rauhen Kehltönen sofort den Schweizer anhörte, zu einem jungen Mann, der neben ihm stand und mechanisch sein Gewehr nachsah. „Hast Recht, schon 18 Tage unterwegs und noch keine Patrone verschossen! Doch, Bruderherz, vertreib' Dir die Grillen." . Mit diesen Worten holte er aus seinem Brodbeutel eine ziemlich umfangreiche Absinthflasche heraus, that einen herzhaften Zug und bot sie seinem Kameraden an; dieser nippte kaum und gab das Getränk mit kurzem Dank zurück. — „Was ist Dir denn?" fuhr er fort, indem er seinen Waffengefährten etwas aufmerksamer ansah; „bist doch sonst kein Kopfhänger. Wenn Du etwa das Fieber kriegen willst, dann geh' zum Pflasterschmierer und laß Dir Pillen geben, die der Schitan (T .... l), aber kein ehrlicher Legionär verschlucken mag. Oder hast Du vielleicht einen Brief bekommen, und ist Dir daheim die Braut untreu geworden? Laß sie laufen, das Weibsbild, kriegst sie doch nicht mehr zu sehen Der Kuckuck mag alle Leute holen, die das unnütze Geschreibsel, die Briefe fabriciren; ich hab' mein Lebtag noch keinen erhalten; das Geld sollte mir leid thun, das ich dem Postillon zu verdienen gebe. Allerdings schreiben kann ich nicht viel, und mit dem Lesen geht es auch verdammt holprig. Pah! bist noch ein junger Bursche und hast mehr von den Schreibereien gelernt, wie ich; alle Tage kann Dir das Glück blühen, kannst noch General werden! Deine Gesundheit!" Wieder holte er die Flasche hervor und reichte sie dem Kameraden, der kaum auf diese Worte gelauscht hatte, die Flasche aber dennoch, um den gutmüthigen Schweizer nicht zu verletzen, mit trübem Lächeln ansetzte. „Weißt', Junge," nahm dieser nach einer Pause das Gespräch wieder auf, „weißt', häng' Dich nur nicht an ein Frauenzimmer. Das macht Dir den Kopf schwer und das Herz traurig, und nachher hast Du keine Courage, wenn's gilt. Ich hab' manch braven Burschen gekannt, der es weit hätte bringen können, aber da war oft ein Schürzenband schuld, daß er nicht vorwärts konnte. Verlaß Dich drauf, es ist so, wie ich Dir sage!" „Sprich nicht davon, Schweizer, das verstehst Du nicht; übrigens ist das auch nicht der Grund meiner Traurigkeit, wenn ich überhaupt traurig bin." „Was? das versteh' ich nicht?" fragte der Alte, „Du meinst wohl, weil ich jetzt ein Gesicht habe, wie eine alte Patrontasche, daß man keinem Mädel gefallen hat. Ich war früher ein so schmuckes junges Kerlchen, gerad' wie Du mit Deinem Milchgesicht, und des Großbauern Liesel lächelte mir so freundlich zu, als ich noch Holzknecht war in unseren Bergen. Es sind freilich an die zwanzig Jahre her, und ich hab' in der Zeit ein großes Stück unseres Herrgotts schöner Welt gesehen. Ich habe zwölf Jahre den Holländern in Indien gedient und manches Abenteuer bestanden, das einen tödtlichen Ausgang zu nehmen versprach; und mehrere Jahre diene ich schon der QäAion Ltran^äre hier in Algier und habe meine Orden wahrhaftig nicht in Unehren verdient, aber noch heute thut mir das Herz weh, wenn ich an des Großbauern Liefet denket Ja, Freund," sagte er, und über sein gefurchtes sehniges Gesicht zog ein Schatten bitteren Schmerzes, „ja, Freund, es war ein herziges, liebes Ding, das kleine L'esel. Was soll ich Dir viel erzählen? Es war dieselbe traurige Geschichte, wie sie nicht allein in unsern Thälern passirt. Der Großbauer war der reichste Mann in der ganzen Runde, und ich besaß nichts als meine Axt und meinen starken Arm. Und als ich des Sonntags nach der Kirche auf den Hof ging, um um mein Liesel anzuhalten, da jagte er mich mit Hohnlachen hinaus, und ich ging blutenden Herzens von bannen. Für kein Geld wäre ich in mein Dorf zurückgekehrt, ich dacht' bei mir, machst's wie dein Vater selig, der ist auch hinausgezogen und hat dem großen Kaiser gedient und ist als Stelzfuß zurückgekehrt und hat nachher geheirathet. Trink' noch einmal, Bruder; ich werde mein Dorf wohl nimmer sehen, und das Liesel hat mich längst vergessen. Sag' aber nicht, daß ich nichts davon verstehe; ich hab' mein Weh' mit mir herumgetragen viele Jahre lang, und oft wenn die Kugeln gepfiffen haben, hab' ich an mein Liesel gedacht, ja heute noch. Doch, was geht's Dich an? Legionäre, die sich für einen Sou täglich todtschießen lassen, haben kein Herz im Leib!" Der alte Söldner tegte die Arme auf die Mündung seines Gewehres, stützte sein Kinn darauf und schaute wehmüthigen Blickes in die Ferne. Doch gleich darauf richtete er sich auf, als schäme er sich der Regung und sagte scherzend zu seinem jungen Geführten: „Jst's nicht so, Kamerad, uns drückt der Schuh an derselben Stelle?" „Es ist möglich," sagte dieser verlegen, „aber es ist doch etwas Anderes, was mich gerade heute niederdrückt. Sage, Alter, seit wie lange hast Du kein Weihnachten gefeiert?" „Weihnachten?" entgegnete der Schweizer rauh. „Weihnachten? Was kümmert's mich? Es ist lange her, daß ich mich um solche Sachen bekümmert habe. Ich glaube auch nicht, daß unser Herrgott nicht lange mit einem alten Soldaten rechten wird, ob er die Festtage, die die gelehrten Herren in den Kalender gesetzt haben, richtig gehalten hat, und wenn er's thut, nun, unsereiner hat es nicht besser gesehen und gelernt." Er wischte sich über die Augen, in denen ein ver- rätherischer Glanz schimmerte, und meinte dann: „Ja, wenn's denn wirklich so ist, daß sie heute daheim in meinem Dörfchen die Tannenbäume anzünden, dann hätte ich auch eine Bitte an das Christkind: ich wollte, daß unser Herrgott mir ein selig Ende geben möcht', eine Kugel gerad' in das Herz hinein, damit es frei würde von allem Schmerz und aller Qual, ja — dann wär's ruhig da drinnen!" Mächtig schlug er mit der flachen Hand sich vor die Brust und wandte sich ab, als fürchtete er, zu viel gesagt zu haben. Es wurde immer später. Die Legionäre trugen Holz zusammen für das große Feuer, damit man nachts gegen die Anfälle wilder Thiere geschützt sei. Die Nacht war kühl, und aus den Sümpfen stieg der feuchte, fieberbringende Nebel. Der Schein des Feuers erleuchtete einen ziemlich weiten Umkreis und gab der buntbewegten Scenerie ein wildes, seltsames Aussehen. Mehrere Soldaten hatten Trommeln in den Lichtschein gerückt und spielten mit ihren schmierigen, fetten Karten; andere lagen und saßen in allen Stellungen um die Spieler und machten nach jeder Partie ihre Bemerkungen. Alles leidenschaftliche, abenteuerliche Gesichter, denen man es ansah, daß sie mehr Schlachten mitgemacht, als Frankenstücke in den Taschen hatten. Nicht umsonst ist diese Legion das tapferste Regiment Frankreichs. Nicht umsonst hat sie sich in fast allen Theilen der Welt: bei Magenta und Sebastopol, in Algier und Mexiko, Tunesien und Tonkin blutige Lorbeeren errungen. Nicht umsonst besitzt sie die höchsten Auszeichnungen, die meisten Orden und Ehrenzeichen, wie sie kein zweites Regiment in Frankreich auszuweisen vermag. Sagte doch einst General Negricr bei einer Gelegenheit in Tonkin: „Gebt mir ein französisches Regiment Infanterie, so wage ich mich nicht zwei Meilen vor die Stadt; gebt mir aber eine Compagnie der Legion, so mache ich die Tour durch ganz Tonkin." Der junge Deutsche saß auf einem Baumstamm in der Nähe des Feuers und schaute trüben, finsteren Blicks in die Flammen. An seiner Seite lag der alte Schweizer; er hatte den Kopf auf den Ellbogen gestützt und rauchte schweigend aus seinem kurzen Thonstummel. Beide waren in tiefe Träumereien versunken, beide schienen ähnlichen Gedanken nachzuhängen. Der Alte dachte an seine Liesel, und grimmig ballte er die nervige Faust, als er an den hohnlachenden Großbauer dachte, der seiner Armuth gespottet und sein treues Herz voll Liebe verlacht hatte. Ueber des jungen Fremdenlegionärs Gesicht zog wehmüthig der Schatten eines still verzehrenden Schmerzes, einer so tiefen unheilbaren Schwermuth, die nur der Tod zu erlösen im Stande ist. Ja, jetzt um diese Stunde läuteten zu Hause die Glocken in dem nahen Städtchen, jetzt zog die Schaar der Andächtigen nach dem Kirchlein, wo der greise Priester ihnen verkündete, daß heut' der Gnadentag der ganzen Menschheit sei, an dem vor so viel hundert Jahren in jener Herberge zu Bethlehem die Gottheck zu dem armen Menschengeschlechte herabgestiegen sei, um es zu erlösen. Und er dachte an sein Mütterchen, wie sie gebückt und schneeweiß geworden war vor Aerger und Gram, in ihrer Ecke saß hinter dem großen Pfeiler, und wie sie jetzt das schwere Gebetbuch mit dem Messingschloß wohl kaum noch in ihren zitternden Fingern halten konnte, und daß ihre trüben Augen, vom Weinen und Nachtwachen geröthet, die großen Buchstaben nicht mehr erkannten. Da wurde ihm so weh um's Herz, mit so gewaltiger Bitterkeit übermannte ihn das Gefühl, daß er laut aufschluchzte, sein Gesicht in die Hände verbarg und seinen Thränen freien Lauf ließ. Erschreckt fuhr er auf und sah um sich, ob einer seiner rohen Kameraden vielleicht ihn bemerkt hätte; doch nur der Schweizer beobachtete ihn ernsten, traurigen Blicks. »Ja, ja, junger Bursche," tröstete er in seiner rauhen Soldatenart, „es thut weh, ich glaub' Dir's, aber halt' nur aus! Wenn Du noch drei- oder viermal an Deinen Lichterglanz zu Hause gedacht haben wirst, dann brennt's nicht mehr so, wenigstens nicht so schlimm." Der junge Mann schüttelte heftig mit dem Kopf und machte eine abwehrende Handbewegung. Hier waren auch die bestgemeinten Trostworte nicht angebracht. Er verfiel wieder in seine Träumereien. Jetzt heulte gewiß zu Hause der schaife Nord-Ost 816 und klapperte mit den Straßenlaternen und den alten rostigen Wetterfahnen, der tiefe Schnee knirschte unter den Tritten, und Alles drängte und eilte in den Straßen, um die letzten Vorbereitungen für den festlichen Abend zu treffen. In den Häusern herrschte überall wichtige Geheimthuerei; die Kinder waren alle in ein Zimmer gesperrt und harrten voll Ungeduld des erlösenden Augenblicks, die großen beschwichtigten die kleinen und hörten ihnen noch einmal die Weihnachtsgebete ab. Auch für ihn hatte es einst solche Zeit gegeben, auch seine Mutter hatte gesorgt und geschafft für ihn, und sie war glücklich und reich belohnt, wenn in seinem wilden Knabenauge eine Thräne der Freude und Ueberraschung blitzte. Wie schön war's im kleinen traulichen Stübchen der Mutter, wenn eS im Glanz der Kerzen und der goldenen Aepfel erstrahlte, und es ward ihm, als umwehte ihn der süß berauschende Waldesduft des Tannenbaums aus der Heimath, als sagte sie zu ihm mit ihrer sanften Stimme: „Das Alles ist Dein!" Ob sie heute wohl seiner gedachte? Ein Schauer überlief ihn kalt. Mochte der Unglückliche wohl ahnen, daß man sie bereits hinausgetragen an den stillen Ort, der Niemanden zurückgibt, und daß sie nun unter der starren eisigen Decke an der Seite des Mannes ruhte, der ihn einst auf seinen Knieen geschaukelt und ihn seine einzige Freude und seinen Stolz genannt hatte? Und als sein Mütterchen auf dem Sterbebette lag, da war Niemand, der ihr die müden matt- geweinten Augen hätte zudrücken können, und schon glaubte die alte Frau, allein und von aller Welt verlassen sterben zu müssen, da kam eine hohe edle Frauengestalt und warf sich schluchzend über das Bert, weinte lange und krampfhaft und konnte nur das eine Wort aussprechen: „Verzeihung!" Da legte das alte Mütterchen die kalte erstarrende Rechte wie segnend auf das weiche blonde Haar der Büßenden; ihr brechender Blick suchte den Himmel, mechanisch bewegten sich ihre Lippen; sie hatte vor dem Tode das große Unrecht verziehen. Als man dann den Sarg hinaustrug, da folgte ihm ein hohes blondes Mädchen im einfachen Trauerweide, und die Altersgenossen wiesen mit Fingern auf sie und sagten: „Da geht sie, die des Lehrers Fritz in's Unglück getrieben, der es nicht gefiel im kleinen Städtchen bei uns; sie mußte in die Residenz, und dort wurde sie leichtsinnig!" So war es in der That. Sie waren Nachbarsleute, der junge Soldat in Algier und das schöne blonde Mädchen hier hinter dem Sarge. Schon von Jugend auf waren sie für einander bestimmt gewesen, und sie liebten einander so treulich, bis der Verführer die elternlose Waise verlockte, in die große Stadt zu kommen und zum Theater überzugehen. Was half da alles Bitten und Rathen und Flehen? Sie ging, verblendet von dem Flitterglanz — und dann kam die alte Geschichte, die ewig neu bleibt. Sie fuhr in stolzer Equipage und trug seidene Kleider. Als die Kunde davon nach dem Städtchen drang, machte sich Fritz nach der Residenz auf, um sich Gewißheit zu verschaffen. Und als er vor dem hohen Hause stand, das sie jetzt bewohnte, und sie mit einem fremden Herrn die breite Marmortreppe herabkam und ihn, der sich bescheiden in eine Ecke drückte, mit kaltem, fremdem Blick musterte, als kenne sie ihn nicht, da ging er weg mit seinem bleichen Antlitz, und er ging soweit wie ihn seine Füße trugen, immer weiter in fremde Länder, — es hörte Niemand mehr etwas von ihm. — Der Herbst kam, die Blätter fielen von den Bäumen. Da fing das blonde Mädchen an zu hüsteln, ganz trocken und leicht. Sie hatte keine Schmerzen, und immer noch hoffte sie, er werde einst wiederkehren und ihr verzeihen, wie die Mutter ihr verziehen hatte. Als der Frühling kam und mit warmem Sonnenstrahl die Veilchen und die Rosenknospen hervorlockte, da trug auch sie zwei Rosen auf den Wangen, still und ohne Klagen, aber sie wurde blässer und blässer. Noch immer hoffte sie, er werde wiederkehren, und sie träumte von fernen Zeiten und von einer schönen Zukunft. Die Blätter fielen wieder von den Bäumen, da trug man auch sie hinaus im engen Sarge, und die Leute steckten die Köpfe zusammen und sagten diesmal: „Sie hat's gebüßt!" Ahnte das Alles der junge Soldat? Immer wilder tobte der Schmerz in seinem Innern, immer banger bemächtigte sich der Zweifel seines Herzens. Lebte sein Mütterchen noch, und gedachte sie seiner? Er hatte nie geschrieben, nie ein Lebenszeichen von sich gegeben, sie mochte denken, er wäre todt, immer noch besser, als daß sie wußte, daß er in Algier Soldat und täglich von tausend Gefahren umgeben sei, daß sie täglich und stündlich sich um ihn ängstigte. Was machte die treulose Braut? War sie tiefer gesunken oder auf den Pfad der Tugend zurückgekehrt? Es war gleichgiltig. War sie doch für ihn auf ewig verloren! — und doch, doch! — warum mußte er immer wieder an sie denken, warum schloß er sie wider seinen Willen Abends in sein Gebet ein? Es wurde später und später, das große Feuer glimmte nur noch. Die Spieler hatten sich längst zur Ruhe begeben, man hörte nur noch die regelmäßigen Schritte der Schildwachen und den Ruf der Ablösung. Die Beiden saßen noch immer am Feuer und schauten in die glühenden Kohlen, sie waren der Außenwelt entrückt, tief in Gedanken versunken. (Schluß folgt.) -—«-«Nr-»-— Allerlei. Jnstitutsfrüchte. Backfisch: Weißt Du, Großmama, wie man ein Ei verspeist? Man nimmt ein Ei, perforirt dasselbe auf der Aversseite, bringt in der korre- spondirenden Basis eine Oeffnung an, setzt das Ei an die Lippen, inhalirt mit ganzer Kraft den Athem, und das Ei ist seines ganzen Inhaltes entleert. — Großmutter: Nein, was es jetzt doch für merkwürdige Erfindungen gibt, früher hat man zwei Löcher hineingemacht und das Ei ausgelutscht. „Auf dem Rittergut Neuhaus bei Delitzsch" — so steht in Nr. 29 des „Pferdefreunds" zu lesen — „besichtigte bei Herrn Amtmann Schirmer Herr Oberlandstallmeister Graf Lehndorff am 6. Oktober zehn Hengste und kief davon mehrere für die Landgestüte." Falsch! Es heißt nicht „kief" sondern „kuf". * Auch ein Glück. A.: „Ich weiß mir gar keinen Rath mehr, so schrecklich viele Ratten habe ich, fressen mir alles auf." — B.: „Sie Glücklicher!" — A.: „Was sagen Sie?" — B.: „Bei mir verhungert sogar das Ungeziefer." Auflösung des Bilder-Räthstls in Nr. 102: Spanische Wand. - 1 » 4 -