Unterhaltungsblatt zur „Augsburger Poſtzeitung“. № 1. Freitag, den 8. Januar 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literariſchen Inſtituts von Haas & Grabherr in Augsburg Vorbeſitzer Dr. Max Huttler). Neujahr 1896. Wie die Stunden ſchnell verrinnen, Gleich den Wellen in dem Bach! Horch — ein Schlag — Und es gilt ein neu Beginnen Mit des Jahres erſtem Tag! Laßt das Leid, das nun entſchwunden, Auch für's Herz begraben ſein; Groß und Klein Trägt im Kampfe ſeine Wunden Bis uns deckt der Leichenſtein! Ewig ſtrömet nicht der Regen, Sonnenſchein folgt bald ihm nach; Oft ein Tag Wandelt Schmerz in reichen Segen, Wenn der Herr:„Nicht weiter!“ ſprach. Laßt uns drum von Neuem hoffen, Ueber uns ein Vater wacht, Deſſen Macht Stets auch Wege ſtehen offen, Die der Menſch nie ausgedacht! Keiner ſah ſich je betrogen, Der ſein Haus auf Fels gebaut Und vertraut, Daß auch in den Sturmeswogen Gott auf ihn herniederſchaut. Alſo vorwärls — hin zum Glücke Lenkt den Kahn durch's Zeitenmeer! Nimmermehr Strahlt Zufriedenheit im Blicke Dem, der glaubt und hofft nicht mehr! Zum neuen Jahre. Ein ernſter Mahnruf an die Ewigkeit. „Faſt bei allen Völkern“, ſo eröffnete der hochwürdigſte Kardinal Rauſcher von Wien ſein ſchönes Hirtenſchreiben vom 16. Dezember 1866,„und in allen Zungen wird von dem Strome der Ewigkeit geſprochen; denn es iſt ein Sinnbild, welches ſich gleichſam von ſelbſt darbietet. Wie die Fluthen des Stromes ununterbrochen dahin eilen, und die Welle, bevor das Auge auf ihr zu ruhen vermag, der ihr folgenden ſchon Raum gegeben hat, ſo ziehen die Augenblicke unaufhaltſam dahin; bevor wir das Jetzt als ſolches uns zu vergegenwärtigen im Stande ſind, iſt es ſchon zum Vergangenen geworden, und was noch nicht war, iſt da, um ſogleich nicht mehr zu ſein. Aus dieſen unfaßbaren Augenblicken werden Stunden, aus den Stunden werden Tage, und aus den Tagen Jahre. Das iſt unſer Leben. Der Augenblick der Gegenwart iſt der uns zugewieſene Antheil. So verſchwindend klein er iſt, er hat Raum genug für die Selbſtbeſtimmung, von welcher unſer Werth und die Erfüllung unſerer Lebensaufgabe abhängt: er drückt der Vergangenheit ſein Siegel auf, durch ihn und von ihm aus beherrſchen wir die Weiten der Ewigkeit..“ O Ewigkeit! Wem ſollte nicht die erſchütternde Wahrheit der herannahenden Ewigkeit mit Ernſt entgegentreten, beſonders beim Jahreswechſel. O Ewigkeit! wie biſt du lang, wie biſt du tief! wie biſt du unermeßlich und unendlich in deinem Wohl und deinem Wehe! Dieſe Königin aller Jahrhunderte, dieſe endloſe und ewig lebende Ewigkeit! Ich zähle 1000 Jahre, hundertmal 1000 Jahre, hundert millionenmal 1000 Jahre, ich zähle ſoviel millionenmal 1000 Jahre als es Blätter auf allen Bäumen, Halme der Kräuter auf den Wieſen, Sandkörner an den Ufern, Waſſertropfen im Ocean, Atome in der Luft, Sterne am Firmament gibt, und ich habe noch nicht angefangen zu ſagen, was du biſt. Es wird ein Tag kommen, an dem die Sonne erlöſchen, die Welt zu Grunde gehen und das Menſchengeſchlecht aufhören wird; die Lebendigen und die Todten werden gerichtet und die Jahrhunderte zuſammengehäuft werden. Dann wird es Abgründe geben und Abgründe der Fortdauer vom Tage des ſo ſchnell verfloſſenen Lebens an. Das Leben wird dann nur wie in einer ungeheuren Entfernung erſcheinen, ſowie die nicht wahrnehmbaren Sterne, welche das Auge nur durch Anſtrengung entdeckt, wie ein entſchwundener Traum... und das wird der Anfang ſein der Ewigkeit. Werde ich ewig im Himmel leben, welch' ein u ermeßliches Glück! Immer die Wahrheit und Tugend, immer Leben und Freuden, immer die Seligen und die Engel. Immer Gott! Ihn immer zu ſchauen, zu lieben, zu beſitzen und zu lobpreiſen, und keine Thränen, keine Schmerzen, kein Tod mehr! Ewiglkeit! Wenn du aber für mich eine Ewigkeit — 2 — wäreſt in der Hölle, welch' ein entſetzliches Unglück! Immer die Sünde, welche befleckt, immer Finſterniſſe, welche drücken, immer den Wurm welcher nagt, immer das Feuer, immer die drückenden Ketten, immer fließende Thraͤnen, immer das Zähneknirſchen, immer in Geſell⸗ ſchaft der Verworfenen, welche Gott läſtern, und die Teufel, welche quälen, immer den Fluch Gottes, welcher zermalmt! Die Aſtrologen. Hiſtoriſcher Roman aus der Zeit des dreißigiährigen Krieges. Von Max Benno. 1. „Genug jetzt, Onkel! Schweig' von der heilloſen Geſchichte! Unſer Aerger beſſert ſie nicht. Der Teufel hat die Launen der Weiber gemacht.“ Dieſe Worte ſtieß ein etwa dreißigjähriger, miitel⸗ großer Mann unter ſeinem hellrothen Vollbart hervor, ergriff das volle Weinglas, welches vor ihm auf dem Tiſche ſtand, und führte es haſtig zum Munde. Dann ſprang er auf und durchmaß mit langen Schritten den Raum. Er trug ein ledernes Koller, weite Beinkleider und hohe Stiefel; an der breiten Kuppel hing ein mächtiger Stoßdegen mit vergoldetem Griff. Der weiße Spitzen⸗ kragen, welcher den Hals umrahmte, ſtach grell ab gegen das dunkle Haupthaar und die wettergebräunte Hautfarbe des Mannes. Seinen Zügen verlieh der zornige Blick aus gelbgeränderten Augen einen faſt unheimlichen Ausdruck. Sein Gefährte, ein hagerer Mann in vorgerücktern Jahren, war ruhig hinter dem Tiſche ſitzen geblieben. Finſter ſtarrte er vor ſich hin. Endlich hoben ſich die buſchigen Brauen, und er wandte ſich an den auf und ab Wandelnden mit einem Tone, in welchem unverkennbar Aerger ſich ausſprach. „Wenn Du die Sache ſo leicht aufgibſt, Fritz, liegt auch mir am Ende nichts mehr daran, obgleich dann das Opfer eines halben Lebens umſonſt gebracht iſt. Du begreifſt die Wichtigkeit und Tragweite meiner Pläne gar nicht. Wären ſie gelungen, ſo dürfteſt Du dereinſt das Haupt ſo hoch tragen, wie irgend ein Großer im Reich. Und ich glaubte meiner Sache ſo ſicher zu ſein! Wer nur dem Mädchen den Kopf verdreht haben mag?“ „Der Satan! ich ſagte es Dir ja“, fiel ihm der Jüngere mit rohem Lachen ins Wort;„der böſe Feind, welcher mich auf allen Wegen und Stegen wie ein brüllender Löwe verfolgt. Doch ſo wahr ich Fritz Donald heiße und Wachtmeiſter des großen Friedländers bin, es ficht mich nicht an.“ Er nahm den einförmigen Gang wieder auf; der Alte blickte ſtumm in das Glas. „Ganz gebe ich die Partie noch nicht verloren“, ergriff der Letztere nach einer Weile wieder das Wort; „am Ende ſetze ich meinen Willen trotz allem noch durch. Ging es im Guten nicht, dann hilft vielleicht bie Gewalt. Der Preis iſt ſo hoch, daß man vor keinem Mittel zurückſcheuen darf.“ „Thue, was Du willſt“, erwiderte Donald, mit den Fingern ſchnippend;„um ſo beſſer, wenn die Sache ſich ſchließlich noch macht. Mich findeſt Du ſtets zum Nachdrud verboten. ————— z Zugreifen bereit. Doch ich hoffe nichts mehr. Ich habe nun einmal kein Glück. Jedenfalls bringſt Du mich mit keinen zehn Pferden mehr zu der langweiligen Sippſchaft hinauf.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre, und der Wirth, ſein kleines Sammtkäppchen zwiſchen den Fingern drehend, trat in das Zimmer. „Wie Euer Gnaden der Herr Hauptmann befohlen“, wandte er ſich mit einer tiefen Verbeugung an den älteren Mann,„habe ich den Braunen geſattelt; er ſteht im Hof.“ „Gut, gut, Clemens“, bemerkte dieſer ungeduldig, „ich reite gleich weg. Führe den Gaul noch eine Zeit lang umher, damit er ſich nachher nicht zu ſchnell erhitzt.“ Der Wirth verließ das Gemach und entſprach dem Befehl, welcher mehr der Abſicht, den läſtigen Zeugen zu enifernen, als der Sorge für das Reitpferd entſprang. Der Hauptmann erxhob ſich. Er reichte dem Neffen die Hand.„Lebe wohl, Fritz“, ſagle er,„und entſchließe Dich vorerſt zu nichts. Nach Verlauf einiger Tage be⸗ kommſt Du von mir endgültigen Beſcheid. Ich hoffe, den Trotz der eigenſinnigen Dirne zu brechen, wenn mir nicht von irgend einer Seite abermals ein Strich durch die Rechnung gemacht wird. Dann dankſt Du es mir ſicherlich, daß ich das vielverſprechende Ziel mit mehr Ausdauer verfolgte, als Du.“ Der junge Mann erwiderte nichts. Mit einer Miene, die kein allzu großes Vertrauen in die Zuverſicht des Onkels zeigte, folgte er langſam, als jener in den Hof hinausſchritt. Letzterer zog ſich in ziemlicher Breite am Wirthſchaftsgebäude und einigen Ställen entlang bis zu dem Fahrweg. Das Anweſen ſchien vor nicht allzu langer Zeit neu erbaut worden zu ſein. Die Ziegel ſchimmerten unverwittert vom Dache, und zwiſchen den flüchtig beworfenen Steinen lugte überall das friſche Holzwerk herbor. An einer über der Eingangspforte in die Mauer eingefügten eiſernen Stange baumelte als Schild ein aus Blech geſchnittener ſpringender Hirſch, der den Vorübergehenden die Beſtimmung des Hauſes verrieth. Der Mann, von dem dieſer Platz zur Herſtellung einer Schenke erwählt worden war, hatte trotz der ein⸗ ſamen Lage derſelben nicht ſchlecht ſpeculirt. Die Straße bildete einen Zweig des Hauptverbindungsweges zwiſchen Böhmen, Sachſen und Bayern und war in Folge der fortwährenden Truppendurchzüge ungewöhnlich belebt. Ueberdies lag weiter oben im Walde das Schloß Groß⸗ meſeriiſch, in welchem der aus Nah und Fern viel be— ſuchte und viel umworbene Herzog von Friedland faſt jedes Jahr während mehrerer Wochen ſeinen Wohnſitz aufſchlug. Der Wirth führte, als die Herren im Freien er⸗ ſchienen, das Pferd vor. Der Schloßhauptmann ſprang mit einer Leichtigkeit in den Sattel, die man ſeiner an⸗ ſcheinend ſo ſteifen und unbeholfenen Geſtalt nicht zu⸗ getraut hätte. Er reichte dem Neffen nochmals die Hand.„Rur Geduld“, mahnte er,„hoffentlich wird alles gut.“ Dann gab er ſeinem Braunen die Sporen und ſprengte davon. Der Waͤchtnieiſter ſtand im Begriff, ebenfalls die Anſtalten zum Aufbruch zu treffen, da wurde ſeine Aufmerkſamkeit durch ſchwerfälligen Hufſchlag nach der entgegengeſetzten Richtung der Straße abgelenkt. In langſamem Schritt kam ein einzelner Reiter daher. Er — 3 — mußte ſchon einen weiten Weg zurückgelegt haben. Das Pferd ließ den Kopf hängen und hinkte auf einem Fuß. Auch auf dem jugendlichen Antlitz des Reiters drückte ſich Müdigkeit aus, die jedoch den günſtigen Eindruck, welchen die Erſcheinung des jungen Mannes machte, durchaus nicht verwiſchte. Der kräftige Körperbau und das Ebenmaß der Glieder deuteten an, daß er den Degen, welcher in vergoldeter Scheide auf ſeiner linken Seite herunter hing, nicht bloß zur Zierde trug. Um den von einem blonden Barte überſchatteten Mund ſpielte ein Zug, der eine gewiſſe Neigung zu jugendlichem Uebermuth verrieth. Aber augenblicklich ſchien er in tiefe Gedanken verſunken zu ſein und machte keinen Verſuch, das Pferd in eine raſchere Gangart zu bringen. Beim Erkennen des Wirthshauszeichens vor dem einſamen Gebäude richtete er ſich im Sattel empor, und eine freudige Ueberraſchung malte ſich auf ſeinem Geſicht. Er lenkte das Pferd von der Straße ab und hielt im Hofe. Hier ſtieg er ab und ſchritt auf die Hausthüre zu. Donald hatte ſich auf die Seite geſtellt und betrachtete aufmerkſam das hinkende Thier, welches offenbar bei jedem Schritt heftige Schmerzen empfand. „Zum Donner“, rief er, „was iſt denn Euerer Mähre paſſiert?“ Gleichzeitig machte er ſich, ohne auf eine Antwort zu warten, mit dem Gaul zu ſchaffen. Während der Reiter ſich an den Wirth wandte, hob Donald mit ungewöhnlicher Kraft das rechte Hinterbein des Pferdes in die Höhe und richtete einige Sekunden lang die Augen darauf. Dann zog er ein Taſchenmeſſer hervor, hantirte an dem Hufe herum und gab den Fuß mit einem Lächeln der Befriedigung frei. „Nun, Herr, iſt Euer Gaul wieder flott“, wandte er ſich vortretend an den Fremden, klappte das Meſſer zu und ſchob es in ſeine Taſche; „er hatte ſich einen ſpitzen Kieſel unter das Eiſen getreten, der ziemlich tief in das Fleiſch eingedrückt war. Der Stein iſt entfernt; doch dürfte Euerm Pferde ein wenig Ruhe nichts ſchaden, es iſt ganz herunter!“ Der Reiter maß den Wachimeiſter, dem er bis jetzt keine Beachtung geſchenkt hatte, vom Kopf bis zum Fuße und ſchien über die Art und Weiſe, wie er ihm begegnen ſolle, nicht ſofort mit ſich im Reinen zu ſein. „Wie“, fragte er endlich, als er deſſen Feldzeichen gewahrte,„Ihr habt meine Bella curirt; wer ſeid Ihr denn?“ Fritz lachte.„Wenn mich nicht alles täuſcht“, erwiderte er, „ſo ziehen wir beide am gleichen Strang. Im Allgemeinen bin ich als der Wachtmeiſter Fritz Donald⸗ Deveroux bei den Terzky'ſchen Dragonern bekannt, zuweilen jedoch auch, wie Ihr ſeht, Roßdoctor zu meinem beſondern Plaiſir. Und Ihr? Ein Friedländer doch auch? Oder nicht?“ „Gewiß: Georg Selkow, Leibjäger in des Herzogs perſönlichem Dienſt.“ „Ah, da gratulire ich!“ rief Donald; „ein prächtiges Plätzchen, wenn man es zu benutzen verſteht. Schon maucher hat es darauf, ehe er ein graues Haar im Bart fand, zum Oberſt und noch weiter gebracht. Doch kommt“, fuhr er fort und zog den jungen Mann in das Haus,„während der alte Fuchs von einem Wirth für Euer Pferd ſorgt, leeren wir auf gute Kameradſchaft ein Glas. Ich wollte eben wegreiten, doch Euch zu lieb kommt es mir auf eine Stunde nicht an.“ Sie traten in das Zimmer, nahmen Platz, und bald kam die Unterhaltung in Fluß. Die Geſichtsmuskeln des Wachtmeiſters wurden durch ein eigenthümliches Zucken in Bewegung geſetzt, als er das Ziel der Reiſe Georg Selkow's vernahm. „Nach Großmeſeritſch wollt Ihr“, bemerkte er mit einer Stimme, durch die halb Aerger, halb Bedauern klang.„In dieſes abſcheuliche Neſt?“ „Abſcheulich?“ fragte Georg erſtaunt.„Ich verſtehe Euch nicht. Großmeſeritſch, das als eine der ſtolzeſten Burgen des Böhmerwaldes gilt!“ „Meinethalben“, hielt Donald immer noch hitzig entgegen, „ich nehme mein Wort nicht zurück. Doch was geht uns Großmeſeritſch an? Mag es der Satan holen mit allem, was drum und dran hängt! Sagt mir lieber, wie es in Sagan beim Herzog ausſieht. Marſchiren wir bald? Ihr wißt doch ſicher Beſcheid.“ Der Widerſchein einer unangenehmen Empfindung ſpiegelte ſich auf Georg's Angeſicht ab. Ihm gefiel die wilde Art des Wachtmeiſters nicht. „Die verſprochene Armee ſteht ſchlagfertig da“, antwortete er ausweichend, „doch fehlt ihr bis jetzt noch das Haupt, benn der Herzog will, wie man glaubwürdig verſichert, ſich nach Löſung ſeiner Aufgabe wieder in das Privatleben zurückziehen. Freilich hört man auch ſagen, es ſei von Wien aus eine an den Herrn geſandte Commifſion unterwegs, um ihm den Oberbefehl und zugleich die ausgedehnteſte Vollmacht zu bringen. Doch iſt dies vorerſt nur ein Gerücht und etwas Beſtimmtes Niemandem bekannt.“ Der Wachtmeiſter ſchüttelte ungläubig den Kopf. „Bleibt mir mit Euern Flauſen vom Hals“, fiel er ſeinem Nachbar ins Wort; „ich kenne das Zeug. Wie es ſcheint, ſeid Ihr nicht vergeblich bei den großen Herren in die Schule gegangen. Etwas von den diplomatiſchen Kniffen habt Ihr gelernt! Doch mir gegenüber hilft Euch das Heimlichthun nichts. Ich weiß, wonach Wallenſtein ſtrebt, und glaube auch, daß er's erreicht. Wer anders ſoll das Heer führen, als er? Allerdings wird er einen hohen Preis fordern; aber daß man ihm jeden gewährt, dafür haben die proteſtantiſchen Fürſten und Guſtav Adolf mit ſeinen Schweden geſorgt. Was braucht man daraus ein Geheimniß zu machen? Pfeifen es doch allenthalben die Spatzen vom Dach, daß der Herzog allen Ernſtes daran denkt, auch ein wenig Kaiſer zu ſpielen. Er hat fürwahr Recht. Soll er ſein ſchönes Geld hinauswerfen, um abermals für Andere die Kaſtanien aus dem Feuer zu holen und nachher mit ſchnödem Undank abgelohnt zu werden, wenn er ſich die Finger verbrannt hat? Er wird diesmal klüger ſein und Bürgſchaften verlangen, an denen er nöthiger Weiſe feſthalten kann. Er wird ſich eine Stellung verſchaffen, die ihm genügende Sicherheit gegen das wankelmüthige Herz des Kaiſers gewährt.“ Georg hörte die Auslaſſungen Donald's an, ohne eine Bemerkung daran zu knüpfen. Beipflichten konnte er nicht, und ein Widerſpruch hätte den aufgeregten Mann vorausſichtlich nur noch mehr in Harniſch gebracht. Ueberdies vertrug ſich ein weiteres Eingehen auf dieſes Thema mit ſeiner Pflicht als Courier des Herzogs nicht. Um dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben, fragte er, als der Wachtmeiſter ſchwieg: „Ihr waret in Großmeſeritſch? Wie es ſcheint, gefiel es Euch nicht. Habt Ihr Bekannte im Schloß?“ — 4 — Donald maß den Leibjäger mit einem ſtechenden Blick. „Hört, junger Freund“, ſagte er,„Ihr ſeid mir ein ſchnurriger Kauz und gäbet einen Diplomaten ab, der ſein Handwerk verſteht. Es iſt wirklich ſchade, wenn Ihr nicht das Schwert mit der Feder vertauſcht. Das Fragen geht Euch ſo glatt wie ein geölter Faden vom Mund; wenn Ihr aber antworten ſollt, dann ſeid Ihr ſo ſtumm wie ein Fiſch. Ich könnte Gleiches mit Gleichem vergelten; in der Vorausſetzung aber, daß es Euch doch nicht unbekannt bliebe, und um zu zeigen, daß ich ein aufrichtiger Kerl bin, will ich geſtehen, daß ich mich in der That drei volle Tage lang in Großmeſeritſch aufhielt, das von Euch der Ausbund eines Edelſitzes genannt wird. Ich habe nämlich die Ehre, ein leiblicher Neffe des Schloßhauptmanns Leßlie zu ſein.“ Um jede weitere Frage abzuſchneiden, erhob er ſich raſch und eilte hinaus. Georg hörte, wie er den Wirth ſein Pferd vorführen hieß und dann durch die Hinterthüre, welche er ſchallend ins Schloß warf, für einige Minuten verſchwand. Als Donald wieder ins Zimmer zurückkam, war ſein Geſicht ruhiger. Nur ein boshaftes Grinſen zuckte um ſeinen Mund. Er reichte dem Leibjäger die Hand. „Lebt wohl, Kamerad“, ſagte er ,„ich muß fort. Auch Ihr dürft nicht mehr lange ſäumen, wenn Ihr die Perle des Böhmerwaldes noch bei Tage ſehen wollt. Einen Gruß dahin habe ich nicht; dagegen ſoll es mich freuen, wenn die Zukunft zur Erneuerung unſerer flüchtigen Bekanntſchaft eine Gelegenheit gibt. Vielleicht habt Ihr dann mehr Vertrauen zu mir.“ Er ging hinaus, und Georg begleitete ihn. Nachdem der Wachtmeiſter ſich in den Sattel geſchwungen, grüßte er noch ein Mal und ritt fort. Der Leibjäger empfand eine Art Erleichterung, als er von dieſem Gefährten befreit war. Das Weſen des rohen Mannes hatte ihn peinlich berührt, um ſo mehr, als dadurch ſein Dankgefühl mit der Abneigung in Widerſpruch kam. That dieſer Donald doch, als ob er in die tiefſten Geheimniſſe des Herzogs eingeweiht ſei. Er ſchien eben auch unter die vielen Hunderte zu zählen, welchen die kriegeriſche Zeit eine erwünſchte Gelegenheit zu einem abenteuerlichen Leben darbot, denen an dem eigenen Vortheil und Gewinn alles, an dem großen Ziele aber nichts lag, und die ihre Ergebenheit und Geſinnung eben ſo oft wechſelten, wie das Gewand. Er begab ſich in den Stall, um nach ſeiner Bella zu ſehen. Das Pferd, welches ſich den reichlich vorgeſtreuten Hafer und das aufgeſteckte Heu ſchmecken ließ, begrüßte ihn mit einem fröhlichen Wiehern. Es ſchien wieder ganz munter zu ſein. Er beſchloß aufzubrechen, um womöglich noch vor dem Einbruch der Nacht in Großmeſeritſch zu ſein. Nachdem er ſeine Zeche berichtigt hatte, ſtieg er zu Pferd. Bella machte anfangs zwar einige falſche Tritte; die Angſt vor dem Schmerz ſteckte noch immer in ihr. Nach Zurücklegung einer kurzen Sirecke jedoch trat ſie feſt auf und ſchritt tapfer die ſchmale Landſtraße gegen die bewaldeten Höhen hinan. Georg, der durch den Zuſtand ſeines Pferdes, obgleich nahe am Ziel, mit wachſender Beſorgniß erfüllt worden war, hatte alle Urſache, dem Wachtmeiſter dankbar zu ſein. Der Schaden war gründlich curirt. Gleichwohl rief die Erinnerung an den Mann kein angenehmes Gefühl in dem Gemüthe des Leibjägers hervor. Wodurch mochte Jener nur gegen Großmeſeritſch uund deſſen Bewohner ſo erboſt worden ſein? Ein Zwiſt mit dem Onkel lag ſicher nicht vor. Sonſt hätte dieſer ihn ſchwerlich bis zur Schenke begleitet und ſo freundlichen Abſchied genommen, wie er aus der Ferne bemerkt hatte. Daran aber, daß der Reiter, welcher kurz vor ſeiner Ankunft die Richtung nach dem Schloſſe eingeſchlagen, der Hauptmann Leßlie geweſen, zweifelte Georg nicht, obgleich die Anweſenheit desſelben in dem Wirthshauſe von dem Neffen mit keiner Silbe berührt worden war. Dem Wachtmeiſter ſchien etwas nicht nach Wunſch gegangen zu ſein; worin aber dieſes Etwas beſtehen könnte, darüber zerbrach Selkow ſich vergeblich den Kopf. Doch was brauchte er ſich um die Angelegenheiten dieſes Mannes zu kümmern? Ein Zufall hatte ihn mit demſelben zuſammengeführt, und er ſah ihn vielleicht in ſeinem ganzen Leben nicht mehr. Freundlichere Bilder ſtiegen, als er nach und nach die Anhöhe erreichte, vor ſeinem Geiſte empor und verwoben ſich mit Erinnerungen aus verklungener Zeit. Als der die Straße auf beiden Seiten ſäumende Wald ſich zu lichten begann und in der mittlerweile hereingebrochenen Dämmerung auf weiter Hochebene die Umriſſe eines alterthümlichen Schloſſes ſichtbar wurden, gab er ſeiner Bella die Sporen, und in kurzem Galopp legte dieſe den ſteinigen Weg zurück. * * * Um die gleiche Zeit befanden ſich zwei Frauen in einem Zimmer des Erdgeſchoſſes auf Schloß Großmeſeritſch. Ein zuſammengeſchrumpftes Mütterchen, deſſen urſprünglich ſchwarze Haare das Alter gebleicht hatte, ſaß ſchweigend am Ofen und wärmte die mageren Hände, während ihre jugendliche Geſellſchafterin, die etwa zwanzig Jahre zählte, mit Spinnen beſchäftigt war. Ohne aufzublicken, arbeitete das blühende Mädchen, deſſen volle Wangen von blondemn Haarſchmuck umrahmt waren, mit raſtloſem Fleiß und erhob ſich nur von Zeit zu Zeit, um friſches Holz auf das Feuer zu legen. Es herrſchte eine faſt lautloſe Stille in dem weiten Gemach, das, durch eine einfache Talglampe und das flackernde Kaminfeuer ſpärlich genug erhellt, in einem geheimnißvollen Halbdunkel lag. Nur das Spinnrad ſchnurrte, und dann und wann tönte vom Kamin her ein dumpfer Knall, wenn die Flamme das dürre Holz zu verzehren begann. Plötzlich wandte die Alte den Kopf. „Haſt Du nichts gehört, Leue?“ fragte ſie, und ihre erloſchenen Augen ſchienen die Geſtalt des Mädchens zu ſuchen; „ich glaube, wir bekommen Beſuch!“ Die Gefragte hielt mit dem Spinnen ein und lauſchte geſpannt.„Du träumſt, Baſe“, erwiderte ſie und ſebte ihre Beſchäftigung fort; „es iſt nur der Wind, der draußen im Park durch die BaumKronen fährt.“ „Ja, ja, es mag ſein“, murmelte die Frau vor ſich hin.„Ich träumte ja ſchon ſo oft und immer wieder von jener furchtbaren Stunde, als er, durch Regen und Schneeſchauer einherreitend, auf ſchweißbedecktem Roſſe vor dem Burgthor ankam, da ſie gerade ihren letzten Seufzer aushauchte, der faſt wie ein Fluch über den Treuloſen flang — ſie, die er zur Verzweiflung getrieben, die ihn ſo unſäglich geliebt und gehaßt hat.“ In dieſem Augenblick vernahm man Hufſchlag ganz in der Nähe und einige Minuten ſpäter im Hof. „Hatte ich nicht Recht, Lene!“ rief die Alte. „Ja, ja, man träumt manchmal etwas, das ſich nachher erfüllt. — 5 — Das Mädchen war aufgeſprungen. Horchend ſtand ſie mitten im Zimmer. Jetzt ging die Thüre auf, und der junge Mann, welchen wir ſchon auf ſeinem Ritt nach dem Schloſſe geſehen, trat in das Gemach. Ein glühendes Roth ergoß ſich über Magdalenens ſchönes Geſicht, als ſie dem Gaſt ins Auge ſah. „Georg!“ rief ſie freudig und ging ihm ein paar Schritte entgegen. Der junge Mann ſchien in hohem Grade erſtaunt; einige Sccunden lang ſtand er unſchlüſſig und ſtumm, dann aber ſchritt er auf ſie zu und reichte ihr mit leuchtenden Augen die Hand. „Magdalene“, ſagte er, „Du biſt's! Faſt hätte ich Dich nicht mehr erkannt. Wie groß biſt Du geworden in den wenigen Jahren, welche der Dienſt mich von der Heimath fern hielt. Haſt Du auch manchmal an mich gedacht?“ Durch das Dazwiſchentreten der Alten, welche die Kinder in dem Glück des Wiederſehens ganz überſehen hatten, wurde dem Mädchen die Antwort erſpart. „Mein kleiner Georg, nicht wahr?“ fragte die Greiſin, nach der Seite wankend, woher ſie die Stimme vernahm. „Ja, Baſe“, erwiderte Selkow und ergriff die Hände der Frau;„Euer Georg iſt für einige Zeit nach Hauſe gekommen. Doch ſo gar klein iſt er nicht mehr. Mit ſeinen ſechs Fuß ſtellt er ſchon einen ordentlichen Mann vor. „Wenn Du da biſt, ſo kommt wohl auch Dein Herr?“ fragte die Alte, welche nach der Begrüßung des jungen Mannes ſich wieder an den Kamin geſetzt hatte. „Gewiß“, erklärte Georg; „Euch darf ich ſchon den Zweck meiner Sendung verrathen. Der Herzog kommt wahrſcheinlich ſchon im Lauf der nächſten Tage mit ſeiner ganzen Familie und großem Gefolge hierher. Es wird eine Zeit lang in dem ſonſt ſo ſtillen Großmeſerltſch recht unruhig werden. Ueber die Dauer des Aufenthaltes weiß man noch nichts. Sie hängt lediglich von den Umſtänden ab!“ „So, ſo, Herzog iſt er geworden“, murmelte die Frau und ſchüttelte den Kopf. „Wenn ſie das erlebt hätte, würde ſte ihn noch mehr geliebt oder — gehaßt haben. Sie ſagte zwar immer, daß ein Mal noch etwas Großes aus ihm werde, im Guten oder im Böſen; die Zeit wird lehren, welches von Beiden zutrifft.“ „Was meint die Baſe?“ fragte der Leibjäger Magdalene, die wieder an ihrem Spinnrade ſaß. „Sie ſpricht von der ſeligen Gräfin“, erklärte leiſe das Mädchen, ſo daß die in ſtarres Hinbrüten verſunkene Alte es nicht hören konnte. „Es war die erſte Gemahlin des Herzogs, Lucretia von Landeck, die längſt im Grab ruht. Obgleich ſchon bei Jahren, ſoll ſie eine glühende Neigung für den damaligen Grafen Wallenſtein gefaßt haben, als ſte ihm die Hand reichte. Bald jedoch zeigte es ſich, daß der Graf lediglich den Zweck verfolgt hatte, mit Hülfe ihrer großen Reichthümer ſeinen Ehrgeiz zu befriedigen, was ihm auch gelang. Der leidenſchaftlichen Gemahlin blieb die wahre Geſinnung ihres Gatten nicht lange verborgen, und in Folge deſſen verwandelte ſich, wie ich von der Baſe zum öftern vernahm, ihre Liebe in glühenden Haß. Dieſen ſoll ſie namentlich bei ihrem Tode dadurch an den Tag gelegt haben, daß ſie dem Grafen einen aroßen Theil ihres Vernögens teſtamentariſch entzog. „Als beſonders zärllichen Gatten“, fiel Georg bem Mädchen lächelnd ins Wort, „habe ich meinen Herrn freilich nicht kennen gelernt. So aufmerkſam er ſich auch gegen ſeine jetzige Gemahlin erweiſt, ſo kann doch nur Berechnung ihn zu der Gräfin Iſabella von Harrach, der Tochter des Geheimraths, Kämmerers und Lieblings des Kaiſers, geführt haben. Wie bei der erſten Heirath der Reichthum in die Waagſchale fiel, ſo wollte er ſich durch die zweite Einfluß am Wiener Hofe verſchaffen. Ich bin nun ſchon lange um des Herzogs Perſon, aber ich ſah ihn ſtets nur die gebotenen Formen des Herkommens gegen ſeine Gemahlin beobachten. Dagegen äußert er eine ungemeine Zuneigung und Herzlichkeit für ſein einziges Töchterchen, deſſen Liebreiz freilich auch kein Menſch widerſteht. Ich habe den ſonſt ſo ernſten Mann wiederholt bei harmloſer Tändelei mit dem herzigen Kind überraſcht. Da waren die Runzeln der Stirne geglättet; die Augen blickten nicht düſter, wie dann, wenn er nachdenklich in ſeinem Gemach auf und ab geht, und auch der Ton ſeiner Stimme klang ganz anders wie ſonſt.“ „Du haſt von einem Teſtamente der erſten Gemahlin geſprochen; ſollte dies etwa mit den Papieren im Zuſammenhang ſtehen, welchen der Herr, ohne bis jetzt eine Spur von ihnen finden zu können, ſchon ſo lange nachforſcht? Das Verlangen, in den Beſitz dieſer Documente zu kommen, hat ihn zu einem guten Theil beſtimmt, hier auf einige Zeit ſeinen Wohnſitz zu nehmen; denn in dieſem Schloſſe ſollen dieſelben bis zu ihrem räthſelhaften Verſchwinden verwahrt worden ſein.“ „Darüber vermag ich Dir keine Auskunft zu geben“, erwiderte Magdalene;„die Baſe hat zwar ſchon verſchiedene Male in geheimnißvoller Weiſe von „Papieren“ geſprochen, ich wurde aber aus der Sache nicht klug. Ihr Geiſt iſt eben ſchwach, und wenn ſie auch manchmal vergangener Zeiten gedenkt, ſo ſind ihre Reden darüber ſo verworren, daß man nicht weiß, was ſie will. Hoffen wir, daß der Wunſch des Herzogs ſich erfüllt. Ich kann mich nur noch wie im Traume auf ihn entſinnen und wünſchte, den Mann wohl auch einmal zu ſehen, von deſſen Kriegsruhm die ganze Welt ſpricht. Leider wird dies ſchwerlich der Fall ſein, denn wir verlaſſen vorausſichtlich noch vor ſeiner Ankunft das Schloß. „Wie“, fragte Georg, „Ihr wolltet die Burg verlaſſen, wo Du eine ſo ſchöne Heimath gefunden und die Baſe ihr ganzes Leben zugebracht hat? Einen beſſern Aufenthalt findet Ihr nicht.“ Die Alte war aufmerkſau geworden und wandte den Beiden ihr Angeſicht zu. „Du haſt Recht, Georg“, nahm ſie das Wort. „Das ſage ich immer; was ſollen wir in der Fremde? Niemand kennt, Niemand will uns! Diejenigen, mit welchen ich einſt draußen verkehrte, ſind alle läugſt todt. Hier iſt es ſo heimlich und ſtill. Wohl habe ich in dieſen Räumen als Leibdienerin der ſeligen Gräfin manches Bittere erlebt, aber ſie ſind mir dennoch theuer; und ich meine, wenn ich nicht mehr unter dem Wappen der Familie Landeck wandele, wenn ich nicht wmehr das Rauſchen der Oslawa höre, müſſe ich ſterben.“ Ihre Stimme war zum Flüſtern herabgeſunken, und traurig ſenkte ſie den Kopf auf die magere Hand. (Fortſetzung folgt.) — 6 — Sylbeſterabend in Oberammergau. So ein Wintertag im Gebirge dauert eine gar kurze Spanne Zeit, noch viel kürzer als im Flachlande, und die Zeit, da die Sonne auf das weite Schneefeld herabſcheint, bemißt ſich auf nur wenige Stunden. Schon gegen Nachmittag 2 Uhr geht in Oberammergau die Sonne hinter dem Wahrzeichen des Paſſionsortes, dem Kofel, hinab, jenem grotesken Berggipfel, der faſt über die Häuſer hereinzuhängen ſcheint, und dann iſt es in den niederen, aber behaglichen Stuben der Schnitzer nicht viel mehr als Dämmerung. Heute am Sylbveſterabend thut das nichts. Freilich vor Weihnachten mußte man bis ſpät nachts am Schnitzſtuhl ſitzen, um die hübſchen Krippenfigürchen, die Kameele und Lämnmichen u. ſ. w. zu ſchnitzen oder ſchöne Chriſtkindlein in Holz auszuhauen, und die Faßmaler haiten alle Hände voll zu thun; die Verleger, welche die Beſtellungen annehmen und beſorgen und in deren Auftrag die Schnitzer ihre Beſchäftigung und damit ihr ſicheres Brod haben, drängen und treiben, denn am heiligen Abend muß alles an Ort und Stelle ſein, und zwar weit draußen in der Welt. Jetzt tritt eine kleine Ruhepauſe ein, dann kommen die Kreuzwege und „heiligen Gräber“ daran. Mein Gott, wie würde es den Ammergauer Schnitzern ergehen, wenn heute die Socialdemokraten und Nihiliſten Recht erhielten und mit allem religiöſen Cultus aufräumten; dann dürften ſie gleich auf und davon gehen, und das Paſſionsſpiel, das dürften ſie erſt recht ſein laſſen. Aber das weiß der Oberammergauer ganz gut, und wenn er auch ſich in frohen Zeiten freut und vergnügt, nicht mehr und auch nicht weniger als es anderortens geſchieht, höchſtens mit etwas künſtleriſcherem Hintergrunde, ſo iſt er in den heiligen Zeiten ein fleißiger und vom Herzen andächtiger Kirchenbeſucher und hängt treu am angeſtammten Glauben, an Kirche und althergeſtammtem Gebrauch. Wie ſchön und feierlich ſind doch die„Engelämter“ gehalten worden und in den Weihnachtstagen die Feſtgottesdienſte; gegen 40 Perſonen haben am Chor mitgewirkt, daß ſich keine Stadt ſolcher Muſik zu ſchämen bräuchte. Erſt heute am Sylveſterabend haben ſie eine große Kempter⸗Meſſe aufgeführt, und die ganze volle Kirche hat beim Schalle der prächtigen neuen Orgel das Tedeum mitgeſungen. Damit iſt aber der Verrichtungen der Muſiker noch kein Ende. Heute gehen ja die „Sternſänger“. Was ſind denn die „Sternſäuger“? Der Verfaſſer des dermaligen Paſſionstertes, der im beſten Andenken ſtehende geiſtliche Rath Daiſenberger, ſchreibt in ſeiner Chronik von Oberammergau: „Für die erwachſenen Jünglinge iſt das Wettlaufen bei den Hochzeiten und das Sternſingen in der Neujahrsnacht, wobei der Weihnachtsſtern unter Ab ſingung von Neujahrslieder von einer Schaar junger Leute, den „Stearabueba“, im Dorf herumgetragen wird.“ Daraus geht hervor, daß das Sternſingen ein Privilegium der ledigen Burſchen des Ortes war, und in der That wurde auch bis in die achtziger Jahre der Stern von den Ledigen im Dorfe herumgeleitet und die Muſiker nur zum Spielen gegen Bezahlung engagirt. Jedes Haus wurde beſucht und jeder einzelnen Perſon ein Gratulationslied geſungen. Darüber verging die ganze Nacht. Jetzt iſt dieſes Privilegium auf die Muſiker, gleichviel ob ledig oder verheirathet, übergegangen, doch der Sternträger muß immerhin noch ein Lediger ſein. Auch wird nur mehr an den „beſſeren“ Häuſern geſungen und an den andern ein flotter Marſch vorbeigeblaſen; da wird man doch früher fertig; am Ende iſt es auch kein Spaß, in der Kälte auf offener Straße herumzuſtehen, daß einem die Inſtrumente und Naſen und Ohren zugleich eingefrieren. Gegen ½5 Uhr kommen die Muſiker im Gaſthaus „um Stern“ zuſammen, eine ſtatlliche Zahl, gegen 35 Mann, und alle Inſtrumente ſind vertreten, vom Bombardon bis zum Piccolo und von der großen Trommel bis zur Clarinette; es iſt eine rechte ſog. türliſche Muſik. Die ganze Dorfjugend paßt ſchon, bis der „Stearabua“ herauskommt. Halloh, da iſt er ja ſchon. In der Hand hält er auf hoher Stange den mächtigen Stern; er glänzt mit ſeinen acht Strahlen in allen Farben und iſt von innen noch dazu transparent beleuchtet; die Strahlen ſind beweglich und rotiren um ein liebliches, transparent gemaltes Jeſukindchenbild. Wenn ſich die Strahlen ſo ſchnell im Kreiſe drehen, dann entſteht eine zauberhafte Farbenwirkung, wie bei den beweglichen Sternen einer Laterna magica. Nun macht man ſich auf den Weg. Luſtig erklingen die ſchneidigen Weiſen eines Militärmarſches, unter welchem man beim erſten Hauſe ankommt. Nur ein paar Poſaunen, Hörner und Clarinetten ſetzen jetzt ein, und die übrigen ſingen zu dieſer Begleitung ein einfaches, altes, lebliches Weihnachtslied. Kopf an Kopf ſteht alles vor dem Hauſe, und die Hausbewohner treten an die Schwelle des Hauſes und lauſchen in andächtiger Freude. Dann tritt der Muſikmeiſter vor und wünſcht dem Hausherrn mit kräftigem Handſchlag ein gutes neues Jahr; alles ruft den gleichen Ruf, und der Stern ſchwingt ſich luſtig im Kreiſe. Dann geht es zum nächſten Hauſe, während die große Trommel eingeſchlagen und wieder ein Marſch geblaſen wird. Die Texte der Lieder ſtammen noch zum Theil vom erſten Paſſionsdichter Pater Ottmar Weiß und zum Theil vom geiſtlichen Rath Daiſenberger; ſie ſind einfach und paſſen ſo recht in eine kindlichfrohe Weihnachtsſtimmung. Alles freut ſich damit, und kein Oberammergauer würde ſeinen Stern hergeben. Der ganze Gang dauert immerhin mehrere Stunden, und es iſt fchon gegen 10 Uhr, da kommen die Muſiker wieder in ihrer Wirthsherberge „zum Stern“ an. Da braucht es gut aufwärmen. Man ſitzt fröhlich beiſammen, während die Muſik ein würdiges Programm abſpielt. Die Stunde der Mitternacht naht. Dreiviertel zwölf Uhr wird zuſammengepackt, und möglichſt leiſe wird zum Dorfe hinausgezogen mit verhülltem Stern. An der Ammerbrücke warten ſchon dunkle Geſtalten. Es wird Minute um Minute gezählt. Jetzt tönt der erſte Schlag der Uhr und verkündet die Stunde des neuen Jahres; im ſelben Augenblick erhebt ſich der Stern, „bumm, tſchin“ ſchlägt die ganze, 35 Mann ſtarke, volle Muſik ein, und nun geht's mit Trompetengeſchmetter, Flöten- und Clarinettenklang, Trommelwirbel und Tſchinellenſchlag durch das ganze Dorf. Alt und Jung geht mit; alles, was auf der Straße iſt, folgt dem Zuge. Die Fenſter erhellen und öffnen ſich, da wird heruntergerufen und hinaufgerufen, es iſt ein unbeſchreibliches Jubeln und Jauchzen, bengaliſche Flammen leuchten auf, es iſt wirklich eine Feſtſtimmung ohne Gleichen. Und wie iſt es erſt, wenn die Uhr den Aufang eines neuen Paſſionsjahres verkündet! Wie mag es erſt ſein, wenn ſie mit 1900 ein neues Jahrhundert und Paſſionsjahr zugleich verkündet? Iſt das entgegengeſetzte Ende des Ortes erreicht, ſo marſchirt der Zug zurück zum Gaſthaus. Da gibt es ein Händeſchülteln und Lachen und Weinen zugleich; — 7 — die Oberammergauer ſind Geſühlsmenſchen durch und durch und laſſen ihr Hexz ſprechen in Freud und Leid. Manches herbe Wort des alten Jahres, mancher Streit wird mit dem Händedruck der Mitternachtsſtunde vergeſſen und vergeben, und in Liebe und Friede beginnt man das neue Jahr. Möge es allzeit ſo bleiben! Ferd. Feldigl. Theodor Billroth über den ärztlichen Veruf. In der Hahn'ſchen Buchhandlung in Hannover und Leipzig erſchien ſoeben eine von Dr. G. Fiſcher herausgegebene Sammlung von 420 Briefen, die Theodor Billroth an meiſt noch lebende Profeſſoren der Medizin und Chirurgie, ſowie an intime Freunde wie Johannes Brahms gerichtet hat.Sie umfaſſen die Zeit von den Studentenjahren bis kurz vor dem Tode des großen Chirurgen. Geiſtreich im beſten Sinne, anregend, vielſeitig und jederzeit großmenſchlich, iſt dieſe Correſpondenz beſonders dort, wo ſie Billroth's Anſichten über ſeinen Beruf wiedergiebt, von tiefem Intereſſe. Ein Vetter des Gelehrten, Rittergutsbeſitzer Toppius, der ſeinen Sohn Medizin ſtudieren laſſen will, erhält von dem Gefeiertſten der Aerzte das folgende reſignierte Schreiben: „Spärlich ſind die Freuden des Arztes: hier und da treue Anhänglichkeit der Patienten; zuweilen, doch nicht oft, auch mit materiellem Nachdruck; Dankbarkeit für die größte Pflichttreue, ja ſelbſt für Opfer ſelten. Freude an einer gelungenen Kur, Bewußtſein der Pflichterfüllung, das iſt meiſt das Höchſte, was der Arzt erreichen kann. Du meinſt vielleſcht, ich male zu ſehr in Schwarz; doch wenn Dein Robert einmal nach 20 Jahren dieſe Zeilen in die Hände bekommen ſollte, ſo wird er mir vielleicht Recht geben. Hat er einmal eine entſchiedene Neigung Arzt zu werden, ſo darf ihn das Alles nicht ſtören. Du wünſcheſt, daß ich Dir offen und ausführlich darüber ſchreibe. Fürchte nicht, daß es ſo weiter geht; das Schlimmſte iſt geſagt, und am Ende iſt es auch nicht viel ſchlimmer, wie mit manchem anderen Lebeusberuf. Was iſt die Haupteigenſchaft, um ein guter Arzt zu ſein? Mein hieſiger College Nothnagel, deſſen Buch über Nervenkrankheiten Dein Robert ſpäter ſchätzen lernen wird, ſagte in ſeiner Antrittsrede als hieſiger Profeſſor der inneren Klinik unter Anderem: „Nur ein guter Menſch kann ein guter Arzt ſein.“ Dies iſt auch meine Meinung; es iſt die Grundbedingung für den inneren, ja meiſt auch für den äußeren Erfolg der ärztlichen Thätigkeit. Ich möchte zu dem „guten Menſchen“ noch hinzugefügt wiſſen: und „gut erzogen“, d. h. in einer Familie, in der ein wohlwollender Geiſt gegen alle Menſchen lebt. Das trifft ja Alles bei Deinem Robert zu. Er muß einen unwiderſtehlichen Drang zum Helfen anderer unglücklicher Menſchen haben, zunächſt angeboren und anerzogen; dann kommt er ſpäter auch auf dem Wege geläuterter Empfindung und Lebenserfahrung durch Reflexion zu der Ueberzeugung, daß, ſoviel der ſittlich erzogene Menſch auch nach Glück jagen mag, er doch ſchließlich das Glück weſentlich darin findet, Andere nach Kräften glücklich zu machen. Nur in dieſen Punkte darf er egoiſtiſch ſein, ich meine ſich ſelbſt glücklich machen, und zwar ſo viel als er kann. So wie dies aus der ſittlichen Erziehung entſpringt, ſo wird es auch immer wieder neue Quelle innerer Läuterung, Stärkung des Pflichtgefühls, Befeſtigung eigener Sittlichkeit. Trifft ihn ein Unglück, ſo wird er in der Hilfe Anderer, die noch unglücklicher ſind als er, Troſt und Stärkung zu neuem Aufſchwung nehmen.“ Im April 1885 klagt er ſeinem Vetter: „Mein Ehrgeiz iſt überſättigt, an Anerkennung und Auszeichnungen habe ich mehr, als ich brauche; ich trachte, ſür meine Kinder Geld zu erwerben und mich ſo zu ſituiren, daß ich mit dem Jahre 1890 meine Stelle niederlegen kann.“ Dieſelben Töne klingen noch ergreifender in einem Schreiben nach Frankfurt vom 28. Oktober desſelben Jahres wieder: „Was mich betrifft, ſo iſt die Leidenſchaft, die mich am mächtigſten beherrſchte, der Ehrgeiz, völlig befriedigt und erſchöpft. Ich leide nur unter dem Vorwurf, den ich mir machen muß, daß ich immer intereſſeloſer meiner Wiſſenſchaft und meinem Beruf gegenüber bin. Die Ohnmacht unſeres Wiſſens und Könnens drückt mich oft ſchwer darnieder; dazu daß mein Schaffen, meine Produktionskraft zu Ende iſt. Dreiviertheil der Kranken, welche bei mir Hilfe ſuchen, bei meiner internationalen Praxis, ſind unheilbar. Ich habe das Unglück gehabt — Andere nennen es Glück und Verdienſt — Talente raſch zu erkennen und die Talentvollſten längere Zeit an mich zu feſſeln. Nun arbeite ich mit hunderten von Schülern in allen Ländern und Welttheilen und war ſo dumm, ihnen immer das Beſte zu ſagen, was ich wußte. Was iſt die Folge? Ich habe mich völlig überflüſſig gemacht. Die Tradition an meiner Klinik iſt ſo mächtig, daß der jüngſte Aſſiſtent jede größte Operation ebenſo gut macht wie ich. Darauf hin bin ich ſtolz. Doch Stolz iſt eine ſehr unfruchtbare Eigenſchaft. Nun habe ich mich auf manche humanitäre Gebiete geſtürzt; doch da geht es mir wie dem Zauberlehrling, ich kann die Waſſerſtröme nicht mehr beſchwören, denn die Zauberformel: ich will nicht mehr mitthun! ich hab' es ſatt! darf ich nicht ausſprechen. So wird nun meine Zeit wieder in anderer Weiſe zerpflückt, und müde und matt von allen Ausſchuß, Kommiſſionsſitzungen und Präſidien da und dort frage ich mich: was bleibt für mich? und meine Familie fragt: was bleibt für uns?.. Drei Töchter ſind mir von 6 Kindern geblieben...“ An ſeinen Freund Czerny in Heidelberg ſchreibt Billroth am 30. Oktober 1889: „Ich habe hier noch einige Aufgaben zu löſen: die Vollendung des Rudolfinerhauſes, den Neubau einer chirurgiſchen Muſterklinik im erſten Hof des Allgemeinen Krankenhauſes, und wenn möglich auch den Bau eines anſtändigen Hauſes für die k. k. Geſellſchaft der Aerzte. Ich muß überall meine Perſönlichkeit feſt und wiederholt einſetzen, um dieſe Dinge langſam, langſam weiter zu ſchieben. Niemand hilft mir die vielen paſſiben und altiven Widerſtände zu überwinden. Manchmal bin ich ganz verzweifelt über die Indolenz und Trägheit der Menſchen. Dann gibt es wieder einen kleinen Stoß vorwärts, und ich faſſe wieder Muth. Sollte es mir gelingen, dieſe Werke für Muſterkrankenpflege, für den kliniſchen Unterricht, für das kollegiale wiſſenſchaftliche Leben zu Stande zu bringen, dann, denke ich, wird man es mir nicht verübeln, wenn ich mich zur Ruhe begebe. Doch ich habe mich zu ſehr überzeugt, daß in dieſen Dingen nur durch perſönlichen Einfluß etwas durchzuſetzen iſt: drum muß ich vorläufig noch aushalten, wenn ich auch des Schulmeiſterns oft recht müde bin und mich ſelbſt krampfhaft dazu anregen muß.“ — 8 — Im Herbſt 1891 berichtet er einem anderen Freunde Dr. v. Mundhy, wie folgt:„Was meinen körperlichen Zuſtand betrifft, ſo habe ich die Empfindung, daß Nothnagel mir ungefähr dasſelbe ſagen würde, wie Ihnen einſt Bamberger, wenn ich die leiſeſte Spur einer Pneumonie oder einer kapillaren Bronchitis attrapiren würde:„Adieu, lieber Billroth! leb' recht wohll!“ Ich pulvre mich mit Strophantus und Cognac auf, und wer mich in dieſen Tagen in der Klinik hörte, oder operieren ſah, wird ſich vielleicht denken: der Menſch iſt nicht umzubringen! Und doch habe ich bei den ſonderbaren Kapriolen, welche mein Herz macht, die Empfindung, daß es ſich auch einmal den Spaß machen könnte, ganz ſtill zu ſtehen! Denken Sie den Jubel unter den jungen Chirurgen. Da man meine Stelle nicht mit einem Privatdocenten beſetzen wird..., ſo wird es eine Reihe von Verſchiebungen und Verbeſſerungen für viele meiner jungen Freunde geben, und ſo wirke ich noch nach meinem Tode erfreulich und erwerbe mir wahrhafte, perſönliche Dankbarkeit. Es iſt eigentlich ſchändlich, daß ich, den die Schüler ſo auf den Händen tragen, ſo daher ſchwätze; doch der Galgenhumor bringt Allerlei. Die größte Dampffpritze der Welt, und gleichzeitig die erſte, die auch mit Dampf fährt, beſitzt ſeit einiger Zeit die Stadt Hartford (Conn.) in den Vereinigten Staaten von Amerika. Dieſe leiſtungsfähigſte aller bis jetzt erbauten Dampfſpritzen iſt 10 Fuß hoch und 17 Fuß lang und kann in der Minute 6130 Liter Waſſer geben. Bei ihrer Probirung ſchleuderte ſie durch einen 50 Fuß langen Schlauch von 3½ Zoll Durchmeſſer einen Strahl 360 Fuß weit und 2 Ströme von gewöhnlicher Stärke auf eine Entfernung von 300 Fuß, Die Heizeinrichtung iſt ganz die einer Locomotive. Die Fortbewegung der Dampffſpritze geſchieht, wie ſchon erwähnt, ebenfalls durch Dampfkraft. Innerhalb weniger Minuten iſt ſie zum Abfahren fertig und fährt alsdann außerordentlich ſchnell. Die Uebertragung der Kraft auf die Achſe der Hinterräder erfolgt nach einer Mittheilung des Patent⸗ und techniſchen Bureaus von Richard Lüders in Görlitz durch eine endloſe Kette. Trotz der großen Geſchwindigleit kann die Maſchine auch an den ſchärfſten Kurven leicht gelenkt und ziemlich raſch zum Stehen gebracht werden. * Ein Tiſch im Werthe von 20,000 Mark, ein wahres Prachtſtück des deutſchen Kunſthandwerkes, iſt gegenwärtig in einer Berliner Hof⸗Möbelfabrik fertiggeſtellt worden. Dieſer für den Speiſeſaal eines reichen Bürgers nach eigenen Angaben entworfene und gefertigte Schautiſch zeigt eine Platte in reicher venetianiſcher Moſaikarbeit mit Valuten und Blattwerk in herrlicher Farbenharmonie. Die ſchwere Platte wird von Säulen aus numidiſchen Marmor getragen. Die Haupttheile dieſes herrlichen Kunſſwerkes, das ſtaunenswerthe Schnitzereien aufweiſt, ſind aus italieniſchem Nußbaumholz gefertigt. Dieſer Tiſch, an dem eine große Anzahl Arbeiter faſt 2 Jahre gearbeitet haben, bildet nach Mittheilung des Patent⸗ und techniſchen Bureaus von Richard Lüders in Görlitz nur ein Stück einer einzigen ZimmerEinrichtung im Werthe von einer halben Million Mark. * Zarte Familienbande. Der Großvater des Bauern liegt im Sterben. Die Familie umringt das Bett] des Todkranken und kann ſich vor Weinen und Schluchzen nicht faſſen. Da trilt der Hofbeſitzer zum Arzt und ſagt:„Erhalten Sie ihn uns, lieber Herr Doktor! Wenigſtens acht Tage noch — dann können wir ruhig das Heu einbringen.“ * Mißtrauiſch. Herr [zum Kellner, bei dem er Haſenbraten beſtellt hat]; Haben Sie auch Katzen im Hauſe? — Kellner: Nur eine, aber die iſt ſeit vorgeſtern abgängig — das Vieh muß ſich verlaufen haben. — Herr: Wiſſen Sie was, bringen Sie mir doch lieber Schweinebraten! Der kleine Gärtner. „O ihr blumenfrohen Herzen! Braucht ihr keinen Gärtner mehr? Gerne möcht' ich mich verdingen, Lohn und Handgeld ſind nicht ſchwer.“ Singend zog der Gärtnerknabe Durch die Wintereinſamkeit, Daß ich froh ihn hab' gedungen, Für die ſchöne Blüthenzeit. Und es grub und hackt' im Herzen Mir ſo ganz erbarmungslos, Daß ich ſelbſt mit meinen Thränen Seine friſche Saat begoß. Lieblich ſproßten bald die Blüthen, Weiß und roth und himmelblau! Und es ſtand der kleine Gärtner Betend in der bunten Au. Seine Arbeit zu vollenden Legt er in die Blumenpracht Mir das holde Gotteskindlein Zu des Herzens Gartenwacht. W. Kreiten Röſſelſprung. durch hül gel bolu nur ter tönt kei vo men ſil grün ſang ne ſchwirrt win ber blickt len blüh'n und das girrt mit nur kein klei die ter eis um ſter nen win das ach ner weiß fro aus fen len wei auf nur fut fen mernd ter meid ſter je chen die blüht hem fül ſe blüm ſe ge klang flim am Unterhaltungsblatt zur „Augsburger Poſtzeitung“. № 2. Dienstag, den 7. Januar 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literariſchen Inſtituts von Haas & Grabherr in Augsburg Vorbeſitzer Dr. Max Huttler). Der Jakobs-Stern. Es wird ein Stern aus Jakob aufgeh'n, und ein Scepter aus Israel kommen. Als uns die Jungfrau hold den Herrn In Bethlehem zur Welt gebracht, In jener Zeit erſchien ein Stern Und ſtrahlte leuchtend durch die Nacht. Zu ihm empor flog mancher Blick, Und manche Frage ſtieg hinauf; Doch keine Antwort kam zurück, Der Stern zog ſeinen ſtillen Lauf. — In fernen Landen aber ahnten Drei Weiſe dieſes Sternes Kunde, Sie hofften auf den Gottgeſandten Und wußten nahe nun die Stunde, Und folgten gläubig aus der Ferne Dem wunderbaren Jakobs⸗Sterne. Den Arberfürſten trägt ſein Roß Voran der Diener ſtolzem Troß, — Dem weitausſchreitenden Kameele Fliegt ſehnſuchtsvoll voraus die Seele Des jungen Aethiopen⸗​König; Ihm deucht des Adlers Flug zu wenig. Und Balthaſar ſogar, der greiſe, Beſchleunt voll Ungeduld die Reiſe. Doch ſiehe, nah' bei Salems Thoren, Da haben ſie den Stern verloren; Der Tempelzinnen gold'ne Pracht, Der Königsveſte ſtolze Macht Hat ihren Blick auf ſich gebannt Und ihn vom Sterne abgewandt. „Dort muß der neue König ſein!“ So denken ſie nach Menſchenart Und zieh'n in Salems Thoren ein Und glauben ſich am Ziel der Fahrt. Sie fragen nach dem Königsſohn, Erregen Furcht und ernten Hohn; Und ihre Seele iſt verwirrt, Dem Wand'rer gleich, der ſich verirrt. — Doch ſieh, kaum haben ſie verlaſſen Jeruſalems entweihte Gaſſen, Da leuchtet hell und freundlich wieder Der wunderbare Stern hernieder Er führt ſie hin durch Bethels Auen Bis zu der ſtillen Gnadengrotte, Läßt ſie im Kind die Gottheit ſchauen — Und gläubig opfern ſie dem Gotte! — O folg' auch Du dem Gnadenzuge Stets unentwegt in raſchem Fluge! Laß von der Welt Dich nicht verblenden, Den Blick vom Sterne abzuwenden. Nicht wo der Staub in Goldesſchein Sich gleißend hüllt und lockt und täuſcht; Nein, wo vom Kreuz ein Splitterlein Entſagung oder Demuth heiſcht, — Dorthin führt dich der Jakobs⸗Stern O folg' und opfere dem Herrn! — Gerhauſer. Die Aſtrologen. Hiſtoriſcher Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Benno. (Fortſetzung.) „Aber dann verſtehe ich nicht“, entgegnete Georg, „was Euch veranlaßt den Wohnſitz zu wechſeln. Durch das kleine Jahrgehalt iſt das Auskommen für Euch Beide geſichert; Ihr genießt freie Wohnung und auch ſonſt iſt Euch noch mancher Vortheil gewährt...“ „Nur noch kurze Zeit“, fiel Magdalene ein; „der Schloßhauptmann hat uns erklärt, daß wir ausziehen müſſen!“ „Müſſen!“ eiferte Georg. „Leßlie will die Pflegetochter des Mannes, durch deſſen Vermittelung und Fürſprache er ſeine Stelle bekam, und die alte blinde Leibdienerin ſeiner ehemaligen Herrin aus dem Hauſe treiben? Das darf nicht ſein! Ich trage die Sache dem Herzoge vor und bin überzeugt, daß er den harten Befehl des Schloßhauptmanns rückgängig macht!“ „Nein, mein Kind, thue das nicht“, bat ängſtlich die Alte. „Leßlie iſt wohl nicht ſo böſe, wie Du meinſt; er hat auch nicht gerade davon geſprochen, daß wir das Haus räumen müſſen, wenigſtens habe ich nichts davon gehört. Magdalene allerdings behauptet, ſie habe es deutlich verſtanden. Sie hat ihn eben etwas verdrießlich 10 gemacht, weil ſie immer ſo abſtoßend gegen ihn iſt, ob— gleich er es gut mit ihr meint.“ „Ich bitte Dich, Vetter“, unterbrach das Mädchen in unverkennbarer Verwirrrung die Alte,„ſprich nicht mehr davon! Wir haben ſchon eine Wohnung gemiethet und ziehen die nächſte Woche ins Städtchen hinab.“ „Aber ſo ſagt mir doch ums Himmels willen“, drängte Georg ungeduldig,„was Leßlie gegen Euch hat.“ „Heirathen möchte er die Lene“, ſagte die Alte, „und ſie will nicht, das iſt Alles!“ „Was?“ entgegnete Georg, vom Seſſel aufſpringend. „Leßlie, der fünfzigjährige, trübſelige, unausſtehliche Menſch, Dich heirathen? Daraus wird nichts!. Welche Zumuthung“, fügte er mit einem Blick in die Augen des Mädchens hinzu, der mehr als das wohl— wollende Intereſſe des Jugendgeſpielen verrieth,„Dein junges, blühendes Leben an ſein düſteres Daſein zu ketten! Iſt der Kerl denn verrückt?“ „Gerade darum“, erklärte Magdalene mit ſanftem Exröthen,„weil ich auf die Anträge des Schloßhaupt— manns niemals eingehen kann, müſſen wir die Burg räumen.“ „Freilich“, fing die Alte wieder an,„wir müſſen fort, und zwar ganz allein deswegen, weil Lene ſich in der letzten Zeit gegen Leßlie wirklich unartig benahm. Denke Dir nur, Georg, er hatte Beſuch von einem feinen, vornehmen Herrn, wie mir der Schloßvogt ſagte, einem Officier im Wallenſteiniſchen Heer. Mit dieſem wollte er der Lene ſeine Aufwartung machen, aber das ein— fältige Ding wies ihn ab. Man könnte faſt meinen, die Lene ſei eine Prinzeſſin, ſo ſtolz thut ſie!“ Georg, deſſen Mienenſpiel bei den eifrigen Worten der Alten eine augenſcheinliche Genugthuung ausdrückte, wollte antworten, da ging die Thüre auf, und ein alter ehrwürdiger Herr im Prieſterrock trat in das Gemach. Ein freudiges Erglühen flog über des jungen Mannes Geſicht. Er eilte auf den Greis zu und führte deſſen Hand ehrfurchtsvoll an ſeine Lippen. „Pater Vincenz“, bat er,„verzeiht, daß ich Euch nicht zuerſt begrüßt habe. Ihr wißt ja, daß dieſes Zim— mer von jeher mein Lieblingsplatz war. Auch heute konnte ich dem Drange nicht widerſtehen, ſofort nach meiner Ankunft hierher zu eilen.“ Der alte Herr lächelte gütig.„Gott ſegne Deinen Eingang in dieſes Haus. Was führt Dich zu uns?“ „IIch bin vom Herzog geſandt, um für ihn und großes Gefolge Quartier zu beſtellen.“ „Der Herzog kommt!“ rief Pater Vincenz überraſcht; „es freut mich, den Herrn vor meinem Ende noch ein— mal zu ſehen. Auch Euch“, wandte er ſich an die Alte und Magdalene,„habe ich eine gute Nachricht zu bringen: aus dem Umzuge in's Städtchen wird nichts. Ihr habt die Worte und, wie es mir faſt ſcheinen will, auch die Abſicht des Schloßhauptmannes falſch aufgefaßt. Er bereut ſeine Heftigkeit und gab mir den Auftrag, Euch um Entſchuldigung zu bitten.“ „Gott ſei Dank“, murmelte die Alte und faltete die Hände,„nun darf ich doch hier mein letztes Stündlein erwarten. Ich hatte alſo doch Recht.“ „Wie iſt denn das möglich!“ rief Magdalene.„Wir wurden doch heute abermals auf's ſchärfſte von ihm bedroht.“ „Allerdings“, erwiderte der Pater.„Dies ſcheint der letzte Trumpf geweſen zu ſein, den er zur Erreichung —*8— ſeiner Abſichten ausgeſpielt hat. Ich redete ihm jedoch, meinem Verſprechen gemäß, mit allem Ernſt in's Ge— wiſſen, ſo daß er in ſich ging und ſchließlich nachgab.“ „Habt Ihr aber auch nichts vergeſſen, Hochwürden?“ fragte ängſtlich das Mädchen. „Sei ohne Sorge“, beruhigte ſie der alte Herr lächelnd,„es iſt alles in Ordnung. Nachdem Leßlie exrkannt, daß Du von ſeinem Plane ſo ganz und gar nichts wiſſen willſt, tritt er zurück.“ „Das wollt' ich ihm auch gerathen haben!“ rief Georg hitzig.„Wie der alte Patron, der ſliets ein Geſicht macht, als hätte er Gift und Galle im Mund, überhaupt nur den Gedanken faſſen konnte, um Magdalene zu freien? Schon die Abſicht verdient eine Strafe, die ihm auch bei der exſten Gelegenheit zu Theil werden ſoll. Ich will ſchon dafür ſorgen, daß dem grauen Sünder die Luſt zum Scharmutziren vergeht.“ „Pfui, Georg,“ verwies der Pater mit ernſtem Ton,„Du wollteſt Dich rächen? Ach, er mag wohl der Liebe bedürfen! Leßlie ſteht allein in der Welt; er ſieht, mit welcher Sorgfalt und Opferfreudigkeit Frau Anna von Magdalene gepflegt wird, und iſt überzeugt, daß dieſe gegen ihren Gatten ſich ebenſo zeigen würde. Er iſt reich, ſie ohne Vermögen. Niemand kann ihm ſeine Neigung verübeln, wenn es ſich je um eine ſolche handelt, was noch nicht einmal beſtimmt ausgemacht iſt; denn Magdalene hat ſeinen Antrag gar nicht gehört.“ Den jungen Mann ſchien dieſe Eröffnung ſtutzig zu machen; gleichwohl gab er ſein Vorurtheil noch nicht auf. „War das ein Grund“, fiel er dem Prieſter heftig in's Wort,„ſie und die Baſe ohne weiteres aus dem Hauſe zu werfen? Ihr ſeid viel zu gut, Hochwürden; Ihr entſchuldigt alles und ſeht alles in beſſerm Licht!“ „Ja, ich liebe die Menſchen“, ſagte der Greis, „und dieſer Mann iſt nicht ſo ſchlimm, wie Du meinſt. Körperliche Leiden, mit einem unverkennbaren Zwieſpalt der Seele vereinigt, mögen eine fortwährende Mißſtim— mung in ihm erzeugen, die eine liebende Frauenfürſorge vielleicht zu verſcheuchen vermocht hätte!“ „Und dieſen Dienſt ſollte dem ſchlauen Patron Magdalene erweiſen!“ fuhr Georg fort;„er meint es wirklich vortrefflich mit ihr. Ich bleibe dabei, Hoch— würden, Ihr ſeid für dieſe Welt viel zu nachſichtig und gut. Ich glaube, ſelbſt den Ketzern würdet Ihr das Wort reden, obgleich aus dem heilloſen Unfug dieſer Querköpfe alles Elend im Lande entſprang.“ „Warum denn nicht?“ entgegnete der Pater;„ſind ſie doch Ebenbilder Gottes und zur ewigen Freude be— rufene Geſchöpfe, wie wir.“ Die ernſten Worte des Prieſters verfehlten ihre Wirkung nicht. Selbſt Georg wagte keinen Widerſpruch mehr, obgleich die milde Nachgiebigkeit des alten Herrn in ſeinem feurigen, von dem Geiſt der Zeit beherrſchten Gemüthe nuur einen ſchwachen Wiederhall fand. Er lenkte das Geſpräch ab. „Iſt Leßlie immer noch—?“ fragte er mit einer Pantomime, welcher Pater Vincenz ſofort verſtand. „Derſelbe wie früher“, erwiderte er,„mißmuthig, düſter, und ſein altes Uebel, bei Nacht im Schlafe zu wandeln, hat ſich eher noch verſchärft, als vermindert.“ Der Leibjäger dachte ſchon nicht mehr an die Rüge, welche ihm durch den geiſtlichen Herrn ertheilt worden war.„Und ein ſolcher Menſch will heirathen!“ brach —sw*—F — 11 — er los. „Am Tage ſchneidet er Geſichter und rollt die Augen, daß man die kleinen Kinder vor ihm verbirgt, bei Nacht aber, wenn andere ehrliche Leute in ihren Betten liegen, ſpaziert er umher!“ „Ich ſehe“, ſagte Pater Vincenz kopfſchüttelnd, „daß Wohin nun? Originalzeichnung von E. Tetzner. Du Deinen Erbfehler, die Neigung zu Neckereien und Spott, trotz all' meinen ernſten Ermahnungen noch immer nicht abgelegt haſt. Gebe Gott, daß Dir aus dieſer Untugend nicht einmal Verdruß oder am Ende noch Schlimmeres erwächſt!“ Auf dem Vorplatze dröhnten ſchwere Schritte, und bald darauf trat ein hagerer, großer Mann in das Zimmer. Unter den dunkeln Brauen blitzen ein Paar ſtechende Augen hervor, die im Verein mit der gerunzelten Stirne und den ſchmalen, zuſammengekniffenen Lippen dem ganzen Geſichte etwas Unheimliches und Abſtoßendes gaben. Der Mode jener Zeit gemäß trug er ſich in ſchwarzem, ſammtbeſetztem Tuch nach ſpaniſchem Schnitt. Ueber Bruſt und Schulter fiel ein ausgezackter Spitzenkragen, an der Hüfte glänzte ein Degen mit ſilbernem — 12 — Griff. In der Hand hielt er die großen Stulphandſchuhe und einen breiten, mit rother Hahnenfeder geſchmückten Hut. An letzterm blieb Georg's Auge bei der Muſterung des Mannes hängen. Er hatte ſich nicht getäuſcht: es war der Kopfſchmuck des Reiters, welcher kurz vor ſeinem Eintreffen in der einſamen Waldſchenke auf dem Wege nach Großmeſeritſch davongeſprengt war — der Onkel des Wachtmeiſters Donald, Schloßhauptmann Leßlie. Der Eintretende ſtellte ſich an der Thüre auf und maß die Anweſenden mit lauerndem Blick. „Wie ich höre“, ſagte er mit dumpfer Stimme ,„iſt einer der Reiſigen Seiner Gnaden...“ „Einer der fürſtlichen Leibjäger mit Befehlen des Herzogs an Euch angekommen“, vollendete Georg mit feſtem Tone den Satz, indem er ein Schreiben aus ſeinem Koller zog und es dem Schloßhauptmann gab. „Mit Verlaub, Jungfer Lene,“ entſchuldigte ſich Leßlie und nahm auf einem Stuhl Platz. Er öffnete das Schreiben und fing an zu leſen. Dabei wurde ſein Geſicht noch düſterer als vorher. Der Inhalt des Briefes ſchien für ihn in hohem Grade unangenehm zu ſein. „Seine Gnaden werden mehrere Tage hier verweilen“, wandte er ſich endlich an Georg; „wie ich vernehme, begleiten den Herrn auch die fürſtliche Gemahlin und einiges Gefolge...?“ „Ja einiges“, wiederholte Georg, der ſeine Schadenfreude über die Verſtimmung des Schloßhauptmanns nicht zu verbergen ſuchte, das zweite Wort ſcharf betonend; „es kommen außer dem Herrn, deſſen Gemahlin und Tochter vier Cavaliere, drei Ehrenfräulein, zehn Leibjäger, ſechs Stallmeiſter, ungefähr ebenſoviele Staffettenreiter, dreißig Diener und Hatſchiere, ſodann noch die Bedienung der Hatſchiere, Kutſcher, Sänftenträger und Reitknechte, deren Zahl jedoch höchſtens vierzig ausmachen wird. Dagegen dürften die erwarteten Gäſte ſchon einen etwas größeren Raum beanſpruchen.“ „Was?“ fiel der Schloßhauptmann dem Leibjäger in's Wort, und eine unverkennbare Beſtürzung drückte ſich auf ſeinem Angeſicht aus, „auch Gäſte kommen?“ „Freilich“, lachte Georg, „und zwar recht viele. Von Graf Piccolomini, Don Balthaſar Maradas und Herrn Arnim iſt es gewiß; auch der kaiſerliche Kämmerer Fürſt Eggenberg wird erwartet; ob Graf Pappenheim, die Oberſten Heyburn, Hinnerſam, Collalto, Buttler und Graf Iſolani auch eintreffen werden, iſt noch nicht ausgemacht, doch ſehr wahrſcheinlich.“ „Das iſt mein Tod“, ſtöhnte der Schloßhauptmann, auf deſſen Stirne dicke Schweißtropfen perlten; „kaum der Dritte hat in den Schloßräumen Platz.“ „Thut nichts“, meinte Georg gemüthlich; „Ihr bringt die Gäſte in der Stadt unter und habt bloß für die Einrichtung Sorge zu tragen. Doch dieſe muß nach des Herrn ausdrücklichem Befehl würdig und anſtändig ſein; namentlich iſt darauf zu ſehen, daß der Herzog in ſeinen Meditationen und Berechnungen nicht geſtört wird, wofür er Euch perſönlich verantwortlich macht. Wenn man ihn bei dem geheimnißvollen Verkehr mit den Geſtirnen beſchreit, iſt der ganze Glaube dahin, und Ihr, Hauptmann, tragt dann die Schuld. Ich möchte wahrlich nicht in Eurer Haut ſtecken, wenn Ihr Euch gegen dieſen Artikel verfehlt; ſeht Euch wohl vor! Einige Mühe und Anſtrengung zwar“, ſchloß der Leibjäger, ſich an der Verlegenheit des Schloßhauptmanns weidend, „wird es Euch koſten; doch wenn Ihr klug ſeid, iſt Euch keine Arbeit zu ſchwer und kein Opfer zu groß. Der Herzog weiß zu belohnen, wenn man ſeiner Erwartung entſpricht; dagegen wird aber auch jede Pflichtvernachläſſigung unnachſichtlich beſtraft. Vor allem iſt der Anblick von Unreinlichkeit und Aermlichkeit ihm in der Seele zuwider, worauf ich Euch ganz beſonders aufmerkſam gemacht haben will!“ Mit forſchendem Blick fixirte Leßlie den jungen Mann unter ſeinen buſchigen Brauen hervor. Es mochte die Ahnung in ihm aufdämmern, daß dieſer das bevorſtehende Unheil mit einer Farbe ausmale, die der Wirklichkeit nicht ganz entſprach. Dennoch machte er keine Bemerkung. „Da Ihr mit den Eigenthümlichkeiten und Gewohnheiten des Herrn ſo ſehr vertraut zu ſein ſcheint“, ſagte er nach einer kleinen Pauſe ärgerlich,„ſo gebt mir wenigſtens einen Rath, was ich thun ſoll.“ „Mancherlei“, erwiderte Georg und zuckte die Achſeln. „In erſter Linie müſſen nothwendig alle Häuſer im Städtchen friſch verputzt werden, damit ſie einen freundlichen Anblick gewähren; ſodann ſind die Düngerhaufen vor den Bauernhöfen zu entfernen und die Straßen ſauber zu kehren. Haben Eure Diener kleine Kinder, ſo ſind ſie anderweitig unterzubringen. Auch Pfauen und Eſel, falls ſolche vorhanden ſind, müſſen fort; vor allem aber ſorgt dafür, daß allen Hähnen weit und breit die Hälſe umgedreht werden, denn das Geſchrei dieſer Burſchen verſetzt den Herzog jedesmal in unbeſchreiblichen Zorn.“ Während der letzten Auseinanderſetzungen Georg's hatte ſich das finſtere Geſicht des Schloßhauptmanns ein wenig geklärt.„Sonſt wißt Ihr nichts mehr?“ fragte er am Schluß halb grollend, halb ſpöttiſch. „Iſt es noch nicht genug?“ meinte der Leibjäger höhniſch. „Doch, doch,“ brummte Leßlie, „mehr als hinreichend, um einen treuen Diener zur Verzweiflung zu bringen. Ich danke Euch für die Belehrung und werde mein Möglichſtes thun.“ Damit erhob er ſich und verließ nach einer ſteifen Verbeugung das Zimmer. (Fortſetzung folgt.) Vor fünfundzwanzig Jahren. Von Friedrich Koch⸗​Breuberg. (Fortſetzung.) Die ſchwerſten Tage für das J. Corps. Nicht lange hatte der Aufenthalt in Ormes gewährt, und nur einmal war es mir möglich geweſen, nach Orléans zu reiten. Ach, wie ſah die ſchöne Stadt aus! Die Kathedrale war zur Bergung der Gefangenen benützt, und die Straßen glichen einem Heerlager. Ein rauher Wind wehte über die Gegend, und ich gedachte mit Wehmuth der ſchönen Herbſttage, welche ich hier verlebt hatte. Zum zweiten Male über die Loire geworfen, ſo dachte ich, muß der Friede kommen. Aber der einäugige Götze des modernen Frankreichs, des Staates, der einſt einen hl. Ludwig beſeſſen, hetzte fort, hetzte fanatiſirte Maſſen in den Tod, nur um dem eigenen Ehrgeiz zu genügen. Wo iſt das Große, das dieſer Mann — das Volk verſöhnend — ſpäter geſchaffen hat? Napoleon I. hat doch die Geſellſchaft gerettet, hat gute Geſetze, die ſich heute noch bewähren, Die Anbetung der heiligen drei Könige. Es ſtieg ein Stern am Himmel auf, Die Weiſen folgten ſeinem Lauf; Zum Lichte führt das Licht ſie ein, Dem ſie als Gott ihr Opfer weih'n. 14 * ⸗ gegeben! Was hat Gambetta gethan? Sein Holofernes— Ende war noch viel zu mild als Strafe für die Heka— tomben ſeiner Ehrſucht. Nie und nimmer erkennen die Völker ihre Verführer, deren eiſernen Klauen ſie verfallen, wenn ſie das vielleicht ſanft drückende, aber Ordnung und Wohlſtand verbürgende Joch der allein ſich bewährenden Monarchie leichtſinnig und vorſchnell abſchütteln. Zornig dachte ich es und ritt heim. Statt einer Friedenstaube begegnete mir der Adjutant, deſſen Brief— taſche ſchon wieder den Operationsbefehl für den 6. Dez. barg. Prinz Friedrich Karl behielt nur das X. Corps in Orlséans, während das III. ſtromaufwärts ſich ausdehnte, das IX. ſchon ſüdlich an den Loiret vorgerückt war und wir unter dem Großherzog, dem noch die 25. Diviſton zugetheilt wurde, ſüdweſtwärts vorzugehen hatten. Schon am heutigen Tage, dem 6. Dezember, waren die beiden Cavallerie-Diviſionen vorausgeeilt, und morgen ſollten wir brigadeweiſe in den neuen Rayon einrücken. Nie— mand ahnte, daß er für Tauſende ein frühes Grab werden ſollte. Das 3. Bataillon unſerer Zwölfer war mit der 2. Cavallerie-Divſion und unſeren Küraſſteren bis Meung gelangt. Obwohl der Feind vertrieben worden war, konnte man nicht bleiben, da ein Bataillon ſich als un— genügend für die ausgedehnte Stadt erwies. Bedeutende Kräfte ſollten auch in der Nähe ſtehen, und deßhalb zog man ſich zurück, ganz ähnlich, wie weiter nördlich die andere Cavallerie-Diviſion verfuhr. Am 7. Dezember ließ Graf zu Stolberg ſeine beiden Cavallerie⸗-Brigaden gegen Chateau Préfort vorgehen und wies unſeren Küraſſieren und den Zwölfern die große Straße nach Beaugench an. Da ſchon vor Meung der Feind, welcher Ueberfluß an Munition zu haben ſchien, ſogar Patrouillen mit Granaten bewarf, verblieben unſere Küraſſiere bei St. Ay und erwarteten unſere 1. und die mecklenburgiſche Diviſion. Es rückten nämlich die Bayern in zwei Colonnen vor. Die 2. Diviſion über Huiſſeau, die 1. über La Chapelle. Sie waren recht klein geworden, dieſe Divi— ſtonen, denn Erſatz-Mannſchaften hatten wir ſeither nicht mehr erhalten. Betrug doch die Geſammtſtärke des Corps am 7. Dez. nur 9994 Feuergewehrel Das 4. Jäger— Bataillon war in eine, mehrere andere Bataillone waren in 2 Compagnien formirt worden, und wir Oberlieutenants ritten alle, denn daß wir Compagnien führten, war ſelbſt— verſtändlich, aber manche hatten ſogar ſchon Bataillone vor dem Feinde zu commandiren. Auf der großen Straße— auch General v. d. Tann hatte ſie gewählt, um nach Meung zu reiten war eine jener lieblichen Stockungen eingetreten, die Niemand verſchuldet haben will, die im Felde aber ſehr unange— nehm, ja gefährlich ſind. Da ſtoßen große Truppen— körper zuſammen, und bis gehalten wird, bis die Sache in Ordnung kommt, vergehen Stunden. Heute aber waren gar die Trains der Diviſion Stolberg, welche, wie erwähnt, nicht vorwärts konnte, ſtehen geblieben, und nun ſteckte alles ineinander. Wie Helbig anführt, fehlte im Befehl die Abmarſchſtunde für die Mecklen— burger. Der Großherzog gab nun dem General v. Dietl perſönlich den Befehl, mit der Diviſion nach rechts über La Challerie abzubiegen und rechts von den Mecklen— — ⏑—— 14— burgern auf den feindlichen linken Flügel zu drücken. Eben um 194, Uhr traf die Avantgarde bei genanntem Orte ein, und man vernahm von Süden her das Knat—⸗ tern der Gewehre. Die Mecklenburger waren alſo ſchon engagirt, und Oberſt v. Täuffenbach ließ trotz der ſchlechten Wege den Marſch gegen Les Monts und Le Bardon beſchleunigt fortſetzen. Hier machte man Halt und erwartete das Gros. Auf dem Rand der gegen— überliegenden Terrain⸗Anſteigung war eine Batterie auf— gefahren und bewarf den letzteren Ort mit Granaten, während feindliche Infanterie langſam anrückte. Das Geknatter bei den Mecklenburgern wurde immer heftiger, und die Feinde überragten ja ſchon ihren rechten Flügel — alſo raſch drauf los! Von Le Bardon nach Meſſas führt ein Sträßchen — leider durch Weinberge, die im Winter nicht gang⸗ barer geworden waren— und an dem entwickelte ſich das 2. Jäger-Bataillon unter Major Wirthmann. Die Batterien Gruithuſen, Hutten und Schleich nahmen ſüd— lich von Le Bardon Stellung und eröffneten das Feuer nach 4 Uhr. Nun knallte es auch aus den Rohren der Jäger, und das Bataillon Eckart des Leib-Regiments verlängerte nach rechts die Linie. Dieſe wurde mehr und mehr durch Abtheilungen genannten Regiments ver— ſtärkt und drang dann gegen den Hof La Bourie ganz ſüdlich vor. Der Feind wich feuernd zurück, und jetzt erſt ſah man, daß weſtlich ein neuer, ſtärkerer Feind auftauchte. Schon gegen 4 Uhr hatte der Großherzog befehlen laſſen, es ſollte nach Meſſas vorgegangen werden. Das ging jetzt gar nicht. Alles, was geſchehen konnte, beſtand darin, weiter offenſiv vorzugehen und hiedurch die Lage der Mecklenburger zu erleichtern. General v. Dietl be— fahl deßhalb der 2. Brigade vorzurücken und ließ die fechtenden Truppen nach und nach rechtsſchwenken, alſo eine weſtliche Richtung nehmen. Man ſchoß nicht viel und ging flott mit Hurrah vor. Die Schwenkung war noch nicht vollſtändig vollzogen, als es plötzlich im Rücken aufblitzte und feindliche Granaten beim linken Flügel einſchlugen. Dieſer gerieth für einen Augenblick ins Stocken, aber da brüllt es ja bei der franzöſiſchen Artillerie drüben aus bayeriſchen Kehlen Hurrah! Die Bedrohten ſahen ſich um und gewahrten, wie Jäger und Leute vom Leibregiment in die Batterie einſtürmten. Es waren die Mannſchaften des Hauptmanns Golch und des Oberlieute— nants Alfred Mayer, welche 8 Geſchütze und 2 Mitrail— leuſen erobert hatten. General Chanzy faſelt zwar von einer Vertheidigung, aber unſere Leute ſahen doch die franzöſiſche Bedienungsmannſchaft laufen, ſie richteten ſich doch ſelbſt zur Vertheidigung bei der Beute ein und gaben ſie erſt wieder auf, als ſie einer weit überlegenen Uebermacht weichen mußten. Und noch einmal wurde eine franzöſiſche Batterie attakirt, das geſteht General Chanzy auch zu, und hier läßt er einige 20 Mann gefangen nehmen. Ganz richtig — aber er verſchweigt, daß ein tapferer Chevauleger— Corporal, den Namen weiß ich leider nicht, mit vierzehn Mann ſie wieder herausgehauen hat. (Fortſetzung folgt.) ——— e ennn · grnnc err3 1b Oberjoch (Mit Bild.) ——>Nachd!U nommen. Das völlig farblose, durchsichtige Steinsalzstück ^ enthält nämlich inwendig einen Hohlraum, welcher zum j Theil mit Wasser angefüllt ist, welches sich beim Neigen ^ des Minerals hin und her bewegt. Die Wassermenge dürfte also seit der Bildung des Steinsalzes in ihrem l Gefängniß eingeschlossen und so vom Kreislauf in der ! Natur ausgeschlossen worden sein; obgleich man ja im Bernstein z. B. öfters Wassertropfen eingeschlossen findet, ! so ist das Vorkommen von Wasser in einem löslichen ^ Mineral jedenfalls doch ein merkwürdiges Spiel der Natur. (Mitgetheilt vom Internationalen Patent-Bureau von Carl Fr. Reichelt, Berlin N.^V. 6.) * Wer braut dasmeisteBier? Nach der Brauerund Hopfenzeitung „Gambrinus" wurden 1894 in 44,531 Brauereien der Welt nicht weniger als 207,361,258 Hektoliter erzeugt gegen 204,600,390 Hektoliter im Jahre 1893. Dafür mußte die hübsche Summe von 616,178,165 Mark Malzaufschlag, bezw. Biersteuer bezahlt werden. An Malz wurde verbraucht 64,471,058 Kilo, an Hopfen 2,205,510 Kilo. Kolossal ist die Biererzeugung in Bayern: 6622 Brauereien mit 15,019,297 Hektolitern Bier. Von österreichischen Brauereien steht Böhmen mit 723 Brauereien und 7,605,855 Hektolitern Bier obenan. Dann Nieder- Oesterreich mit 72 Brauereien und 3,484,181 Hektolitern. Anton Dreher steht in erster Reihe. In Schwechat wurden im Jahre 1894 699,640 Hektoliter erzeugt, in St. Marx 476,820, in Liesing 338,400 , in Ottakring 196,140 Hektoliter usw. Die jüngste Brauerei nächst Wien, die in Groß-Jedlersdorf, hat es bereits auf 140,130 Hektoliter gebracht. Das Bürgerliche Brauhaus in Pilsen weist aus 582,140 Hektoliter, die Pilsener Actien-Gesellschaft 250,300 und Pilsenetz 72,075 Hektoliter. In Steinbruch nächst Budapest erzeugt Anton Dreher 410,238 Hektoliter. Die Brauerei „Zum Schultheiß" in Berlin weist eine Produktionsziffer von 433,435 Hektolitern auf. In Ungarn bestehen 99 Brauereien, die 1,585,044 Hektoliter produ- zirten. Die mäßigsten Biertrinker sind in — Indien, wo auf den Kopf bloß 0,029 Liter Bier kommen. Bayern wird in der Bierproduktion nur von Großbritannien und Irland übertroffen. Dort stehen 9240 Brauereien in Betrieb mit einer Erzeugung von 52,774,323 Hektolitern, von denen der größte Theil im Auslande vertrunken wird. --» -- Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt. Auflösung des Rösselsprungs in Nr. 1: Keine Blumen blüh'n, Nur das Wintergrün Blickt durch Silberhüllen; Nur das Fenster füllen Blümchen flimmernd weiß, Aufgeblüht aus Eis. Ach, kein Vogelfang Tönt mit frohem Klang, Nur die Winterweise Jener kleinen Meise, Die am Fenster schwirrt Und um Futter girrt.... --EZS-- (Hölty.) « 3 . Ireilag, den 10. Januar 188 «. Kür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Are Astrologen. Historischer Neman aus der Zeit des dreißigjährigen KriegeS. Von Max Benno. (Fortsetzung.) „Ein sonderbarer Kauz," murmelte Georg, als die Schritte des Schloßhauptmanns verhallt waren. „Man wird aus feinem finstern Wesen nicht klug. Fast will mir scheinen, als ob eS um sein Gewissen nicht sehr gut bestellt sei." ^ „ES ist ihm schon viel Böses nachgesagt worden", nahm Pater Vincenz daS Wort, „denn durch seinen abstoßenden Charakter hat er sich viele Feinde gemacht. So soll er namentlich einen großen Theil der Schuld an dem traurigen Zerwürfniß des Herzogs mit seiner ersten Frau tragen. / Sie war eine schon ziemlich betagte Wittwe, als der damalige Graf sie heimführte. Das Glück hatte seinen Sitz in dieser Ehe nicht aufgeschlagen, denn der Herr dachte damals schon mehr an Kriegsrnhm, als an seine Frau. Die Gräfin, welche ihren Albrecht mit Leidenschaft liebte, fühlte sich durch die Zurücksetzung allmälig verletzt. Allein ihre Neigung erkaltete nicht, sie schien vielmehr trotz aller Vernachlässigung noch zu wachsen. Der Himmel mag wissen, wer ihr weiß gemacht hatte, daß die Kälte des Gemahls nur durch Geheimmittel besiegt werden könne; kurz, sie kam auf den Gedanken, ihm einen Liebestrank beibringen zu lassen. Wer diesen bereitete, blieb unbekannt; nur so viel ist sicher, daß er dem Herrn in einer Morgensuppe gereicht wurde und daß dieser in Folge davon heftig erkrankte, ja dem Tod nahe kam. Die weitere Folge war, daß er sich von dieser Zeit an noch geflissentlicher von seiner Gemahlin fern hielt. So verwandelte sich denn deren Liebe schließlich in das Gegentheil, in tiefsten Haß. Sie ging darin so weit, daß sie eine Menge der wichtigsten Döcumcnte, die Besitztitel für den größten Theil ihres Vermögens, vor ihrem Tode auf die Seite schaffte, wie man sagt, da das Testament selbst nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte. Sowohl mit dem Liebestrank, als der Beseitigung der Papiere hat man damals den Namen Leßlie's in Verbindung zu bringen versucht, ohne daß aber irgend ein Beweis für die Anschuldigungen erbracht worden ist. Ich bin überzeugt, daß ihm Unrecht geschah, und auch der Herr selbst hat offenbar nicht an eine Schuld des Schloßhauptmanns geglaubt; denn schon auf einen halbwegs gegründeten Verdacht hin hätte er ihn mit Schimpf und Schande aus dem Dienste gejagt." „Ich traue dem unheimlichen Menschen trotz allem nur halb", sagte Georg, doch nicht so laut, daß der Pater, den er nicht abermals gegen sich aufbringen wollte, es vernahm; „ich werde ein scharfes Auge auf ihn haben, und zeigt sich nur eine Spur, dann spreche ich ein ernstes Wörtlein mit ihm!" Der Priester hatte sich abgewandt. Mit freundlichem Gutenachtgruß reichte er Anna und den jungen Leuten die Hand. Dann ging er. Georg setzte sich neben Magdalene und schaute ihr treuherzig ins Gesicht. „Höre", begann er, „die Heiraths- geschichte ist mir noch nicht recht klar. Sei so gut und sage mir, wie es sich eigentlich damit verhält." Das Mädchen erröthete bis an die Stirne. „Du hörtest ja",' erwiderte sie ausweichend, „daß nichts daraus wird." „Ganz Recht", drängte Georg, „so weit bin ich im Reinen; aber den Zusammenhang verstehe ich nicht. Ich bitte Dich, verhehle mir nichts." „Nun ja", hub Lenchen in sichtbarer Verlegenheit an, „Du sollst Alles wissen. Es ist in der That nicht ganz unmöglich, daß Pater Vincenz mit seiner Vermuthung Recht hat; denn es wurde mir von Leßlie kein Antrag gemacht. Nur begreife ich dann nicht, auf welches Endziel sein auffallendes Benehmen hinauslief. Schon seit einiger Zeit wurde ich von der Frau des Schloßvogts mit dem Hauptmann geneckt. Ich nahm von dem Geschwätz kaum eine Notiz, bis die Frau mir vor acht Tagen ganz unverblümt sagte, der Hauptmann gehe mit dem Plane um, mir einen Heirathsantrag zu machen. Das Gleiche wiederholte sie der Base gegenüber mit allem Ernst. Ich merkte auch wirklich an dem veränderten Benehmen Leßlie's gegen mich, daß er etwas im Schild führte. Ich wich ihm aber überall aus, so daß er zur Ausführung seines Vorhabens keine Gelegenheit fand. Da kam der fremde Herr. Jetzt fing der Hauptmann an, zudringlich zu werden. Ja, es kam so wett, daß er mich um eine Unterredung in einer wichtigen Angelegenheit bat. Nun glaubte ich, nicht mehr zweifeln zu dürfen, um so weniger, als er meinen Bescheid gar nicht abwartete, -sondern dem Boten auf dem Fuße nachfolgte. Ich beschloß, der Sache ein rasches Ende zu machen und zog mich in eine Kammer zurück, die ich verschloß. Der Herr Hauptmann mußte sich mit der Base begnügen, durch deren Vermittelung er meine Antwort erhielt. Ich hatte ihr hiczu die bestimmteste Anweisung gegeben und bin fest überzeugt, daß Leßlie von der alten Frau, die in Folge meiner entschiedenen Weigerung in sehr schlechter Laune sich befand, nicht viel Angenehmes zu hören bekam; wenigstens verließ er das Gemach in voller Wuth, und fast hätte die Zurückweisung, wie Du ja weißt, für uns recht schlimme Folgen gehabt." Schon vorher — bei den Andeutungen des Pater Viucenz — war in Georg eine Vermuthung erwacht; diese wurde durch Magdalenens Mittheilung bestärkt. Er dachte an die Verstimmung des Wachtmeisters Donald und dessen Umgehen aller Personen und Verhältnisse, die mit seinem Besuch auf Großmeseritsch in Beziehung standen. Was lag näher, als die Annahme, daß dessen fast ängstliches Ausweichen dem Aerger über getäuschte Hoffnungen entsprang, und daß der Schloßhauptmann nicht für sich selbst, sondern für seinen Neffen den Frei- werber gemacht hatte? Wit diesem Schluß war das Räthsel auf die einfachste Weise gelöst. Der junge Mann zweifelte an der Richtigkeit dieser Vermuthung nicht, hütete sich aber wohl, etwas davon zu verrathen und dankte im Stille» dem Zufall, durch welchen die Angelegenheit zu einem so beruhigenden Ende geführt worden war. „Du hast Deine Sache klug gemacht", lobte er, als Lene schwieg, und drückte die Hand des Mädchens. „Der Alte ist für seine Frechheit bestraft, und Du hast fürderhin Ruhe vor ihm." Die hölzerne Wanduhr verkündete die zehnte Stunde Die Base erhob sich und tastete nach dem Wandschrank, der ihr Gebetbuch enthielt. „Es ist spät", wandte Lenchen sich, ebenfalls aufstehend, an Georg, dessen Blicke deutlich erkennen ließen, daß er gern noch etwas gesagt hätte; „die Base ist müde und gibt mir das Zeichen, daß sie die Vorlesung des Nachtgebets wünscht." Der junge Mann folgte dem Wink. Er verabschiedete sich und schritt dem ihm angewiesenen Schlafgewach zu. 2 . Trotz dem weiten Ritte fühlte Georg Selkow noch keinen Schlaf. Die anregende Unterhaltung hatte Müdigkeit und Abspannung verscheucht. Er öffnete ein Fenster und schaute, ehe er sich ins Bett legte, wohl eine Stunde lang gedankenvoll in das Thal, wo die Umrisse der Häuser des Städtchens gespensterhaft von dem dunkeln Nachthimmel sich abhoben. Nach siebenjähriger Abwesenheit war er heute zum ersten Mal wieder in die Heimath gekommen, wo er die goldenen Tage der Kindheit verlebt hatte. Mit stiller Wonne dachte er an jene Zeit, obgleich das Glück, seine Eltern zu kennen, ihm versagt worden war. Die Mutter starb bei seiner Geburt, und der Vater, ein kaiserlicher Rittmeister, fiel ein halbes Jahr später in der Schlacht. Ein Verwandter der Mutter, Schloßhauptmann Lobau, nahm den verwaisten Knaben zu sich. So wuchs derselbe bis zu seinem zwölften Jahre unter der strengen aber liebevollen Zucht des Paters Vincenz mit Magdalenen, der Pflegetochter seines Wohlthäters, welche dieser einige Jahre später ebenfalls in seinen Schutz genommen, auf Schloß Groß- mxseritsch heran. Schon damals hatte der kleine Georg für das zutrauliche Kind eine herzliche Neigung empfunden und bet den harmlosen Spielen stets dessen aufmerksamen Ritter gemacht. Das Bild der Kleinen hatte ihn in die Ferne begleitet und die Erinnerung daran ihn vor mancher 18 — jugendlichen Thorheit bewahrt — kein Wunder, wenn nun bei dem Wiedersehen die lieblich heraugeblühte Jungfrau fast im Fluge einen hervorragenden Platz in seinem Herzen gewann. Zum Besuch der hohem Schulen kam Georg nach Prag. Im zweiten Jahre seines dortigen Aufenthalts erlitt er einen schweren Verlust: sein Wohlthäter hatte sich durch einen Sturz vom Pferdr eine schwere Erkrankung zugezogen, welcher er nach Verlauf einiger Wochen erlag. Auf Georg's Lebensgang übte der Trauerfall vorerst keinen Einfluß. Die unbedeutenden Erziehungskosten in der Klosterschule wurden von den Ersparnissen des Paters Vincenz bestritten, so daß das jugendliche Gemüth des aufgeweckten Studenten die Wirkungen der veränderten Verhältnisse nur wenig empfand. Dem Pater gelang es auch, die Aufmerksamkeit Wallen- steins auf seinen talentvollen Schützling zu lenken. Nach Absolvirung seiner Studien wurde der kräftig herangewachsene Jüngling, ohne vorher die üblichen Pagen- dienste gethan zu haben, sofort in daS Leibjäger-Corps eingereiht. Bei dieser Gelegenheit hatte er, achtzehn Jahre alt, zum letzten Male die Heimath gesehen, obgleich er sich im unmittelbaren Gefolge des nachmaligen Herzogs befand, der wiederholt auf längere oder kürzere Zeit nach Großmeseritsch kam. So oft dies jedoch geschah, hatte der Zufall den jungen Leibjäger nach einer andern Richtung geführt. Um so größer war seine Freude gewesen, als er dies Mal den hochwillkommenen Dienst eines Boten des Gebieters erhielt. Der schon seit mehr als einem Jahrzehnt Deutschland verheerende Krieg war damals an einem seiner Hauptwendepunkte angekommen. Am 24. Juni 1630 war der schwedische König Gustav Adolph, ohne eine Kriegserklärung vorausgeschickt zu haben, in Pommern gelandet und hatte sich rasch durch die in Deutschland für ihn geworbenen Schaaren verstärkt, welche, vom Kaiser entlassen, in ganzen Haufen den geheimen Werbe- Bureaux zugeströmt waren. Bald zeigte es sich, daß er den Truppen des Kaisers weit überlegen war. Er errang von Tag zu Tag größere Erfolge und forderte auch die entmuthigten Feinde des Kaisers in Deutschland zu erneutem Widerstand auf. Er predigte keinen tauben Ohren. So kam es, daß Kaiser Ferdinand schon nach kurzer Zeit fast in der gleichen Lage wie bei seinem Regierungsantritt sich befand, und den Herzog von Friedland, der ihn schon ein Mal gerettet hatte, als seine letzte Hoffnung betrachtete. Er sandte den Fürsten Eggenberg nach Znaim, wo der Herzog sich befand, und ließ ihn ausforschen, ob er nicht geneigt wäre, abermals ein Heer aufzustellen und als General-Commandant an dessen Spitze zu treten. Mit berechnetem Zögern sagte der Herzog seine Dienste zu, aber nur theilweise, um sie desto theuerer verkaufen zu können. Bis künftigen März, erklärte er dem Fürsten, werde ein schlagfertiges Heer dastehen; die Befehlshaberstelle aber verbitte er sich. Zum Erstaunen von ganz Europa war in der That bis zu der bestimmten Zeit ein Heer von vierzigiausend Mann auf die Beine gebracht. Gustav Adolf selbst hatte gelächelt, als er von Wallenstein's Versprechungen hörte. Als er jedoch das Versprechen erfüllt sah, rief der König voll Verwunderung aus: „Das kann nur Oesterreich und Meilenstein l" Der Name des Herzogs und sein bei den Soldaten 19 erworbenes Zutrauen bewirkten, daß Osficiere und Gemeine, die bereits unter ihm gedient hatten, in Schaaren sich wieder einfande», als die Werbetrommel für den fast vergötterten Feldherrn erscholl. Die von ihm ausschließlich ernannten Obersten, Rittmeister und Hauptleute schössen sogar gegen Anweisung auf gewisse Quartier- bezirke noch Gelder vor. Von Gemeinen war der Zulauf um so größer, als jedem Mann täglich zwei Pfund Brod, zwei Maß Bier oder eine Maß Wein, dazu dem Fußgänger vier Gulden monatlich, dem Reiter neun Gulden nebst dem Futter für die Pferde gereicht werden mußten. Wie viele Bauern geriethen da nicht in Versuchung, lieber von ihren Nachbarn sich auf diese Art verpflegen zu lassen, als selbst einen Soldaten zur vorgeschriebenen Bedienung im Hause zu haben! Am Hofe sah man recht gut ein, daß ein solches Heer nur von seinem Schöpfer regiert werden konnte, und hatte von Anfang an keinen Andern, als den Herzog als Commandanten im Auge gehabt. Kaiser Ferdinand zweifelte auch nicht, den Widerstand desselben durch weitgehende Zugeständnisse hesiegen zu können. Er erklärte sich bereit, zu den bezüglichen Verhandlungen Bevollmächtigte an den Herzog zu schicken, und dieser schlug als Zusammenkuuftsort das böhmische Schloß Groß- meseritsch vor. Am Tage nach der Ankunft Georg Selkow's in der Heimath war in Stadt und Burg Großmeseritsch alles in der größten Bewegung. Ueberall wurde geweißt, gekehrt und gescheuert und namentlich Jagd auf die Hähne gemacht, die man insgesammt ohne Gnade umbrachte. Die Mütter ermähnten ihre Kinder, in der Nähe des Schlosses ja nicht zu schreien, und die Säuglinge wurden in die abgelegensten Kammern versteckt. Die Furcht blickte aus allen Gesichtern. Selbst der Schloßhauptmann schien seiner Sache nichts weniger als sicher zu sein. Wiederholt fragte er bei Georg an, welche Zimmer er für den Herzog, welche für dessen Gemahlin, besonders aber, welchen Raum er für den Astrologen Scni und dessen Zauberapparat bereit halten sollte. Der junge Mann ging Leßlie zwar bereitwillig mit Rath und That an die Hand, konnte sich jedoch nicht versagen, jede dieser Gelegenheiten für seinen übermüthigen Spott auszunutzen. Alles ging drunter und drüber. Man schien mehr auf einen gefürchteten feindlichen Heerführer, als auf den Herrn des Hauses zu warten. Der dritte Tag, an welchem der Herzog auf dem Schloß eintreffen sollte, kam endlich heran. An der Grenze des Weichbildes, im Hof und am Burgthore waren Ehrenpforten errichtet mit Inschriften, welche die Verdienste und Heldenthaten Wallenstein's priesen. Der Weg war bis zum Städtchen hinunter mit frisch gemähtem Gras und theilweise sogar mit Blumen bestreut. Eine Menge Packpferde und Saumthiere waren schon seit frühem Morgen gekommen, und immer noch rückten neue Colonnen heran. Ein paar Stunden vor der Ankunft des Fürsten hatten sich die Geistlichen, die Schuljugend, sowie die Einwohnerschaft der Stadt festlich gekleidet im Hof angefunden und in einer langen Doppelreihe vom Burgthor bis zum Eingang in das Schloß aufgestellt. Leßlie und Pater Vincenz befanden sich an der Spitze des Zuges. Die Thurmuhr des Städtchens verkündete die erste Nachmtttagsstunde, als zwei Staffettenreiter mit ihren blitzenden Sternen an blausetdener Schleife auf schaumbedeckten Rossen in den Burghof sprengten. Sofort begann die Glocke der Schloßkapelle zu läuten. „Der Herr! Der Herzog!" ging es in der versammelten Menge von Mund zu Mund. Die Hüte und Mützen flogen von den Köpfen, und Alles blickte erwartungsvoll nach dem Thore. Endlich erschien der Zug. Zwölf Trompeter und sechs Pauker eröffneten ihn, ohne jedoch ihr Spiel ertönen zu lassen. Ihnen folgten paarweise vier Stallmeister und sechs Leibjäger. Hinter diesen erschien hoch zu Pferd ein mittelgroßer Mann mit braunem Haar und durchdringenden Augen, dessen strenge Miene kund that, daß er in der Schule des Lebens manch ernste Erfahrung gemacht hatte. Dennoch konnte man den GestchtsauSdruck, welchem der starke Schurr- und Knebelbart einen kriegerischen Zug verliehen, nicht unangenehm nennen, und die ganze Erscheinung rief unwillkürlich das Gefühl einer mit Scheu verbundenen Ehrfurcht hervor. Ein großer Spitzenkragen umrahmte den Hals, und ein Büffelkoller, über welches eine rothe Schärpe herabhing, war durch eine breite Schwertkoppel zusammengehalten, während man die von ungeheuern Lederstiefeln fast verdeckten Unterkleider kaum zu sehen bekam. DaS war Albrecht Eusebius Wenzel von Wallenstetn, der Herzog von Friedland. (Fortsetzung folgt.) ^ > l >> - - - Vor fnlisuit-Mnzig Jahren. Von Friedrich Koch-Breuberg. (Fortsetzung.) Während dieser Vorkommnisse hatte das Gros der 1. Brigade das Vorrücken fortgesetzt und erreichte, obwohl mehrfach in der Flanke belästigt, den Rand deS Plateaus, auf welchem die Gehöfte Grande- und Petit- Chartre liegen. Ein dichter Nebel hatte das Eintreten der Dunkelheit beschleunigt, und Freund und Feind geriethen sich unfreiwillig nahe. Das 1. Bataillon des Regiments „König" war zuletzt noch in die erste Linie am rechten Flügel der Zweierjäger vorgezogen worden und war auf ein französisches Bataillon geprallt, das so in Unordnung gerathen war, daß man glaubte, es wolle sich ergeben. Unterlieutenant Krieger vom Leibregiment, der sich hier befand, war mit nur einem Mann in die rathlosen Reihen eingedrungen und machte allein 17 Gefangene. Aber auch die beherzteren Franzosen glaubten, die Bayern zum- Niederlegen der Waffen auffordern zu müssen. Es. wurde hin- und hergeschrteen, dann krachte eine Salve — die Franzosen hatten sie abgegeben und zogen sich zurück. Leider war der Commandeur Hofmann des Bataillons tödtlich verwundet worden. Um 5 Uhr war auch die Brigade Orff am linken Flügel angelangt, aber es war zu dunkel, um mit Erfolg noch einzugreifen. Die 2. Division war von General v. d. Tann bet Baccon zur allenfallsigen Unterstützung der Division Wittich zurückgehalten worden. Patrouillen der Königs- Chevaulegers hatten dann gemeldet, Poisioux und Schloß Le Coudray seien besetzt. Von Norden her hörte man nicht mehr schießen, und so wurde die 3. Brigade gegen Villccry, wo sich ebenfalls der Feind gezeigt hatte, gesendet. Um 3 Uhr war die Avantgarde dort eingetroffen und hatte die Batterie Neu das Feuer eröffnet- LO das von den Franzosen erwidert wurde. Das 1. Jäger- Bataillon und die Zwölfer waren noch nicht in's Gefecht getreten, als der Befehl eintraf, das Feuer einzustellen und nördlich zu marschiren. Bald darauf zurückgeholt — war es auch hier Nacht geworden. Dieser 7. Dez. ist meinen Erinnerungen nach einer der unsympathischsten Tage des ganzen Feldzuges. Wir hatten die Haupt- kräfte der Franzosen vor uns, und obwohl sie geschwächt schienen, waren wir doch selbst zu sehr in der Minderzahl, um ihnen gehörig auf den Leib zu rücken. Die deutschen Hecresihcile waren aber auf Meilen ausetnander- gezogen; hätten sie zusammenwirken können, so wäre der folgende Tag nicht mehr so blutig geworden. Wir Bayern verloren an diesem Tage 8 Officiere und 94 Mann. Müde und frierend bezog man engste Quartiere, die keine Erholung gewährten. Das Armee-Corps v. d. Tann concentrirte sich am 6. Dezember bei Grande-Chartre und stand nach 10 Uhr in Bereitschaft. Schon während des Anmarsches hatte man von Villermain her Kanonendonner vernommen, auch war von unseren Chevaulegers-Patrouillen gemeldet worden, daß der Feind in ziemlicher Stärke in südwestlicher Richtung stehe. Der Großherzog war persönlich anwesend und beabsichtigte auf der ganzen Linie offensiv vorzugehen. Wir Bayern bildeten das Centrum, die Division Wittich war rechter Flügel, jetzt aber bei Villermain engagiert, und die Mecklenburger hatten sich gar bei dem langen Dorfe La Bruöre verschanzt. Hielt der Feind den Flügel-Divisionen gegenüber gehörig Stand, konnte es Abend werden — kurz, wir Bayern waren heute vorderhand auf uns selbst angewiesen. Als Nachricht über die Fortschritte der 22. Division eintraf, wurde die 2. Division R. v. d. Tann — General Schumacher war in die Heimath zurückgekehrt — in eine Gefechtsstellung nördlich von Beaumont befohlen. Die ganze Stärke der Division betrug nur 4400 Feuer- ewehre. Es war mühselig zu marschiren auf dem hartgefrorenen Boden, den eine dünne Schneedecke noch ungangbarer machte. Vor uns lag Beaumont, ein Dorf aus schönen Bauernhöfen bestehend. Zur Linken in dem Gelände gegen die Loire hin war alles mit Weinbergen übersät, die rothbräunlich aus dem monotonen Weiß sich abhoben. Von Nordwesten kommend, zog sich endlos eine Chaussee dahin. Bald lag sie höher, dann verschwand sie wieder und machte südlich zwei Kniee. Jenseits der Straße eine kahle Anhöhe mit langgestrecktem Mücken, und die gehörte jedenfalls dem Feind. Das Generalstabswerk spricht sich über diesen schwersten Tag der Bayern, dessen Erinnerung die .Söhne der Bavaria mit höchstem Stolz erfüllen muß, leider recht kurz aus. Es hätte die aufopfernde Thätigkeit von Hunderten unbedeutender Unterführer erwähnen Müssen, und das kann man nicht fordern. Auch der genaue Helvig, der mir vorliegt, vermag kein übersichtliches Bild des blutigen Ringens zu geben. So will ich es denn versuchen, an der Hand des Letzteren als Augenzeuge zu sprechen. Wir waren aufmarschtrt, und vorwärts unseres rechten Flügels hatten die Batterien Kriebel, Zöhnle und Barth Stellung genommen. Jetzt sah «an, wie an der jenseitigen Höhe feindliche Plänkler herabeilten. Schon hatten sie die Straße überschritten und näherten sich Beaumont. Rasch wurde das Bataillon Endreß der Dreizehn» im Dorfe vertheilt, und es gelang, den Franzosen Halt zu gebieten. Beaumont war ausgedehnt, wrßhalb noch das Bataillon Schönhueb dahin entsendet wurde. Bisher hatte man keine feindliche Artillerie gesehen, aber am Höhenrand stiegen die Dampfwolken auf, und hinter demselben stand sie gegen unser Infanterie- Feuer wohlgedeckt. Die Brigade Roth war anfänglich südöstlich mar- schirt, hatte dann geschwenkt und rückte jetzt auch in die Gefechtslinie ein. Ihre Batterie Neu war aufgefahren und hatte das Feuer eröffnet. Das 1. Jäger-Bataillon und das Bataillon Schleich deS 3. Regiments gingen gegen die Straße vor, während daS 3. Bataillon Veith sich Le Mae näherte und sich dort festsetzte. Unterdessen hatte das Feuer der Dreizehner die Franzosen veranlaßt, an die Straße zurückzugehen und dann auch diese zu verlassen. Von nun bildet die 4. Brigade den rechten, die 3. Brigade den linken Flügel der Stellung der Bayern an der Straße, denn es waren die Bataillone Schönhueb und Leythäuser durch den Ort entsendet worden, um sie zu besetzen. Auch die 11. und 10. Compagnie der Zehner waren an den linken Flügel der 4. Brigade vorgeschickt worden. Als ich die Letztere zum Orte hinausführte, schlug eine Granate mitten in sie hinein. Trotzdem kamen wir geschlossen bis an das erste Haus von Beaumont, von wo ich den Lieutenant List! mit 2 Zügen in den Chaussse- graben schickte. Lieutenant Erber lag schon im freien Felde hinter seinen Leuten, und dessen Compagnie-Führer Daser stand mit mir am Ausgange des Dorfes. Wir ließen nicht schießen, denn die Franzosen verschwanden nach und nach auf der Höhe. Vor uns war der Hang ganz freies Ackerland, nach rechts und links aber war er mit Weinbergen bewachsen. Die Straße hatte gegen Beaumont hin eine dichtere Besatzung aus Zehnern und Dreizehnern, wir dagegen konnten die ziemlich lange Strecke bis zur Brigade Noth nicht ausfüllen, sahen überhaupt Niemand von ihr, weil die Chaussee hier sich senkte. Wir schickten eben Patrouillen und hofften, daß die Franzosen die Lücke gar nicht bemerkten. Hatte doch die 3. Brigade an ihrem linken Flügel eine noch viel längere Lücke, denn jetzt um Mittag begannen die Mecklenburger erst die Vorbewegung gegen Beaugency. Das feindliche Artillerie-Feuer, welches wir unthätig auszuhalten hatten, war unglaublich heftig und richtete sich sogar gegen unsere dünne Plänklerlinie. So schlugen hart an den Füßen des Lieutenants Erber mehrere Granaten in dasselbe Loch ein. Mit 5 schwachen Bataillonen hatten die Bayern eine 2000 Schritte lange Stellung genommen, aus der einzelne Abtheilungen sogar gegen die Weinberge vordrangen und sich dort mit den Franzosen herumschössen. Es war sehr fraglich, ob wir uns gegen einen Angriff halten konnten, zumal das ganz wahnsinnige Feuer des Gegners auf Uebermacht schließen ließ. Deßhalb wurde um ^1 Uhr die Brigade Orff gegen Beaumont vorgeholt und es machte sich recht gut, daß sie in dem Granatenhagel mit klingendem Spiel ausmarschirte. Im Uebereifer hatte man versucht, von der Straße aus Vorzugelangen. Wir auf freiem Feld gaben es bald auf, denn jeder Schritt war sicherer Tod, aber wir hatten uns doch schon vor 1 Uhr in eine solche Schießerei eingelassen, daß es, wie auf der ganzen Linie, viele leere Patrontaschen gab. Zu allem Ueberfluß verdichteten sich gerade jetzt die feindlichen Plänklerkctten, Colonnen er» schienen und die rothett Hosen karüen in Menge die Höhe herab. Lieutenant Lüftl zerrte Leute nach links gegen die Lücke, Feldwebel Eckenweber und Tambour Unger rissen anderen die Brodsäcke herunter und liefen nach Beauwont, um Patronen zu holen. Jeder in der schwachen Compagnie that in hervorragender Weise seine Pflicht und die Franzosen kamen nicht bis an die gefährliche Lücke heran. Von Unterstützung keine Spur und auch Helvig bezeichnet diesen Moment für die ganze Linie als sehr kritisch. In diesem Augenblick griff am rechten Flügel die Brigade Orff ein. Zuerst fuhren die Batterien Prinz Leopold, Grundherr, Söldner auf und die Neunerjäger gingen gegen Cravant, wo die Diviston Wittich eintreffen mußte. Die Elfer unter Oberstlieutenant v. Schmidt nahmen mit den Viererjägern südlich an der Straße Stellung, und das Regiment Kronprinz, das die Brigade Roth verstärken sollte, wurde vorn General v. d. Tann persönlich unter die Dreizehner und Zehner geworfen, weil man hier weichen mußte. So kam es, daß für den linken Flügel nichts übrig blieb, daß nicht einmal die Lücke zwischen meiner Compagnie und der 3. Brigade ausgefüllt wurde. Allerdings hatten die Zwölfer und die Batterie Stadelmann Befehl, gegen Le Mae zu rücken, aber sie waren noch nicht da, und als sie kamen, verstärkten sie die Feuerlinie des 3. Regiments, das in dem tiefer liegenden Gelände focht. Um die gefährliche Lage der Infanterie zu erleichtern, ließ General v. d. Tann die Artillerie-Reserve eingreifen. Durch das Auftreten weiterer fünf Batterien entwickeltste sich nun auch auf unserer Seite eine mächtige Geschützlinie und auf dem schmalen Fleck Erde, auf dem der Kampf fortwährend hin- und herwogte, vermehrte sich der Höllenlärm. Das Auffahren der Batterien geschah im heftigsten Feuer. Menschengebrüll, Nädergerassel, stürzende Pferde, fallende Menschen, dazwischen platzende oder in Ricochete-Sprüngen einhertanzende Granaten, die schon durch den Luftdruck umwerfen — das war das Bild, wenn man umsah. Und vor uns — eine Höhe ununterbrochen in Pulverdampf gehüllt. Auf den Ackerfurchen des Abhanges liegen da- hingestreckte Franzosen, deren Gltedmaßen Todtenstarre und Winterkälte verzerrt haben. Im Straßengraben bet meiner Compagnie gab es, Dank der dünnen Linie, vorderhand nur wenig Todte, aber wenn man nach rechts zu den Dreizehnern hinüberblickte, sah man sie in Menge liegen. An die Stämme der laublosen Chansseebäume prasselt fortwährend das Blei der ChassepotS oder es spritzt uns von den Steinhaufen entgegen. Nun kommt unsere nenaufgefahrene Artillerie zum Schuß — aber sie sieht ja heute ihre Gegnerin nicht einmal — und richtig saust die erste Granate zwischen meine Plänkler hinein. Eine zweite folgt nicht mehr, und aus den Bleimänteln, obwohl sie auch nicht angenehm sind, machen wir uns nichts. Das brave Eingreifen der Batterien hatte hauptsächlich den Franzosen die Lust zu weiterem Vordringen genommen. Es war aber auch jetzt die 22. Division eingetroffen und die Regimenter Nr. 83 und 94 waren gleichzeitig mit dem Feinde in Cravant eingedrungen. Rasch wurden die Franzosen zum Dorfe hinausgedrängt und nun stand es besser um unseren rechten Flügel. Der Großherzog, welcher einen Offensivstoß plante, hatte die Division Stolberg und unsere Kürassier-Brigade an den linken Flügel entsendet, weil Messas noch immer 21 — * von den Franzosen besetzt wär, die 3. Brigade sohin den Feind in der Flanke hatte. Die Mecklenburger waren aber noch immer nicht da, denn auch sie hatten eine» starken Gegner zu vertreiben. Um ^3 Uhr war unsere Brigade Täuffenbach zur Verstärkung der Feuerlinte vor- gesandt worden. Dann sollte der Angriff beginnen. DaS Bataillon Nuösch und das Jäger-Bataillon Wirthmann traten bet der 3. Brigade in'L Gefecht, die anderen Bataillone verstärkten die Plänklerlinte der 2. und 4. Brigade. Hinter meiner Compagnie war das Bataillon Bauer des Leib-Regiments erschienen, hatte, im Eifer in das Gefecht einzutreten, uns gänzlich übersehen und das Feuer eröffnet. Da unser Winken nicht bemerkt wurde, mußte ich zurücklaufen, worauf es sich rechts wandte. Die Lücke zwischen der 3. Brigade war zwar noch nicht ausgefüllt, aber daran lag uns jetzt nichts, denn es wurde ja angegriffen. Vom Straßenknie heraufkommend, hatte sich ein Jägeroffizier — ich glaube Baumgärtner — mit einigen Leuten der 3. Brigade zu uns gesellt, und das hatten wir freudigst begrüßt. Man darf sich überhaupt die Plänklerlinte — ein zweites Treffen gab es gar nicht — nicht geordnet denken. Was vor mußte, hatte im heftigsten Feuer und total ungedeckt den Weg zu machen. Da gab eS nicht viel Kommando mehr, da packte jeder Offizier die Leute, die er erwischte, und stellte sie unter seinen Befehl. Später im Frieden haben wir das oft eingeübt; da ging eS immer recht gut, aber es fiel mir stets der Nachmittag von Beaumont ein. Der eisgraue Oberst Graf Isenburg war unermüdlich und war die Seele des Centrums. Wie oft hat der kleine, tapfere Herr die lauge Plänklerlinie ungedeckt abgegangen und wie oft hat er den Leuten „Muth, Muth!" zugerufen. Dreimal war er auch bei uns und ich zeigte ihm jedesmal die Lücke und sagte! „Bis da hinunter steht kein Mann!" Man hatte eben keinen mehr, denn zwei Compagnien bildeten jetzt die Reserve des ganzen Armee-Corps. Gegen 3 Uhr griffen die Franzosen von Cernah her Cravant an. Sie gingen flott vor und kamen nahe an die Straße heran. Unsere Artillerie am rechten Flügel mußte weichen. Beinahe wäre ein Geschütz verloren gegangen. Drei Kanoniere stehen bei ihm und Oberlieutenant v. Lamezan liegt mit zerschmettertem Bein daneben. Schon hat er befohlen, das Rohr unbrauchbar zu machen, da eilt der Batterie-Chef Key! mit einer fremden Reserve- Protze herbei und rettet das Geschütz. Was im Augenblick Patronen hat, feuert in der Plänklerlinie, und wieder wird der Angriff abgeschlagen. Nun aber rückten am rechten Flügel die Batterien wieder vor und nun begann dort die Infanterie den Angriff. Er war nicht commandirt, er ergab sich von selbst. Das Bataillon Zech der Elfer eröffnete ihn und dann riß es die Andern fort. Auch wir stürmten den freien Hang hinauf und geriethen in ein furchtbares Feuer. Die Franzosen zogen sich über Villechaumont gegen Ville- vert zurück, also standen sie in Massen vor uns. Daß der Angriff auf der ganzen Linie gelinge, das ahnten wir nicht. Das Nächste, was uns jetzt passiren konnte, war das Gefangenwerden. Am Bauch rutschten wir von Scholle zu Scholle außer Gesichtsweite und schließlich gelang es, mit wenig Verlusten die Straße wieder zu erreichen. Unsere Leute hatten keine Patrone mehr und athemlos und auf's Höchste erregt standen wir an der alten Stellung. Da hörten wir das Schnellfeuer, mit dem die Franzosen zurückgetrieben wurden. Jetzt war die Schlacht entschieden, UNS brauchte man nicht mehr, und ich führte die überangestrengte Compagnie an eine Hecke bei Beaumont. Das Häuflein wurde mit neuer Munition versehen und ich beredete mit Lieutenant Liftl, wie wir die Leute recht ausruhen lassen wollten, denn einen solchen Tag hatten wir im ganzen Feldzug noch nicht erlebt. Die Bayern waren wirklich gegen Villechaumont vorgedrungen und die Front ihrer Stellung hatte sich verändert. Sie reichte jetzt vom genannten Orte bis Le Mse. Aber gerade dort brachten die Franzosen neue Batterien gegen die 3. Brigade tn'S Gefecht und auch neue Massen Infanterie rückten an. Was sich da hinaufgearbeitet hatte, mutzte nochmals weichen und nochmals begann der Höllenlärm. Schon waren am linken Flügel die Batterien Stadelmann, Kriebel, Malaisö, Olivier bedroht, schon näherten sich die Franzosen Le Mae und die Mecklenburger waren noch nicht da. Obwohl sie gerade Messas nahmen, konnte Le Mse aus Patronenmangel nicht mehr behauptet werden. Nur am rechten Flügel gelang eS einem Häuflein Elfer, sich in der Nähe von Villechaumont zu halten, alles Andere mußte an die Straße zurück. Während sich dies ereignete, war auch mein Häuflein nochmals in's Feuer gekommen. Als wir die paar Mann geordnet hatten, ritt Oberlieutenant Weinig zu uns. „Könnten Sie nicht noch einmal vorgehen?" — „Unmöglich!" entgegnete ich. — „ProbirenSie es dennoch. Es soll Ihnen nicht vergessen werden. Es ist kein Befehl, es ist eine Bitte." Da commandirten wir wieder „Vorwärts" und überschritten die Straße. Langausgestreckt lagen Major Endreß Hauptmann Römer und andere Bekannte unter einer Menge Todter. Wir hatten nicht Zeit, sie anzusehen, wir eilten den Hang hinauf. Es war dunkel geworden. Andere hatten sich angeschlossen und nun erreichte ich mit den Lieutenants Schollwöck und Karl Mühlbaur einen Weinberg, der leider dem heftigsten Feuer ausgesetzt war. Wir konnten nur erkennen, daß es nicht vorwärts ging. Das Aufblitzen der großen und kleinen Rohre deutete die Linien an. Es war eine ernste, ernste Nachtübung. „Wir sind zu weit vorgekommen", meinte Lieutenant Schollwöck. — „Ach, ich bin getroffen", rief Lieutenant Mühlbaur. — „Wohin?" frugen wir, was nicht gerade genial war, aber das gleiche Schicksal stand uns jede Minute bevor. „In den Kopf", wimmerte er leise, dann war diese Menschenstimme für ewig verstummt. Das war nun der zweite Mühlbaur, der an meiner Seite fiel. Drei Söhne hatte aber der vor Paris stehende Vater im Dienste seines Königs verloren. Plötzlich ließ das Feuer nach. Die Franzosen rückten nicht mehr vor. Sicher waren am linken Flügel die Mecklenburger eingetroffen. So war die bayerische Stellung gerettet und kein Feind war mehr über die Straße gekommen. General v. d. Tann wünschte, daß die Orte Le Möe und Villechaumont gewissermaßen als Siegeszeichen noch besetzt würden. Nach Le Möe ging Oberstlieutenant von Lichtenstern mit einer combinirten Abtheilung der 3. Brigade, nach Villechaumont hatte Oberst Uenburg eine Patrouille der Dreizehner entsendet, und als es unbesetzt befunden war, hatten wir Zehner dahin abzurücken. 3n der Dunkelheit mühselig geordnet kamen wir auf der Höhe an. „Suche doch den Richard Nehlingen! Er muß vor dem Dorfe liegen!" rief mir Lieutenant v. Baldinger zu. Als dies erledigt, betrat ich daS Quartier — einen großen Bauernhof, der daS ganze Bataillon aufgenommen hatte. Wir Offiziere — es waren nicht viele — richteten uns in der großen Stube ein. Milch und saure Gurken — war alles, was die Franzosen übrig gelassen. I« großen Himmelbett mit blauen Vorhängen durften die beiden ältesten Offiziere des Bataillons von den Mühen des Tages ausruhen, also Oberlieutenant Daser und ich. Sehr viele Bataillone wurden an den folgenden Tagen von Ober-, ja Unterlieutenants vor den Feind geführt. Ehe man die Ruhestätte aufsuchte, schmiedete man die Gefechtsrelation auf einem Bogen Papier zusammen, und ich hatte heute eine lange Liste für Auszeichnungen beizulegen. Bald erlebte ich die Freude, daß die von mir Vorgeschlagenen geschmückt erschienen — mich hatte man vergessen, doch daS geht eben so im Kriege, und trotzdem bildete der 8. Dezember den stolzesten Tag in meinem (Fortsetzung folgt.) -—-8WW8'»«—-- Aus der TodLenliste 1895. I. Fürstliche Persönlichkeiten: Januar: 31. Prinz Wolfgang von Bayern, jüngster Sohn des Prinzen Ludwig von Bayern, in München. — Februar: 14. Fürstin Hedwig de Ligne, geb. Prinzessin Lubomirska, Wittwe des ehem. belgischen Gesandten in Paris, daselbst; 18. Erzherzog Albrecht von Oesterreich, Feldmarschall und Generalinspcctor der österr. - ungar. Armee, preuß. und russ. Gencralfeldmarschall, Sieger von Custozza, in Arco. — März: 1. Fürst Richard Metternich, ehem. österr. Botschafter in Paris, ältester Sohn des Ministers der Reaktionszeit, in Wien; 2. Großfürst Alex. Michailowitsch, Sohn des Großfürsten Michael und Enkel des Zaren Nikolaus I., in Sän Nemo; Ismail Pascha, der frühere Khedive von Aegypten, in Konstantinopel; 20. Fürst Woldcmar zu Lippe-Detmold, in Detmold. — April: 22. Jcs. Fürst Colloredo-Manns- feld, erbliches Mitglied des österr. Herrenhauses, wirk!. Geheimrath, ehem. Landmarschall von Niederösterreich, in Wien. — Mai: 9. Erbprinz Franz v. Oettiugen-Spiel» berg, in München. — Juli: 28. Marie Prinzessin von Anhalt, geb. Prinzessin von Hessen-Kassel, Mutter der Großherzogin von Luxemburg und Schwester der Königin von Dänemark, auf Schloß Hohenburg (bei Tölz). — August: 9. Prinz Edmund Radziwill, Benedikttnerpater und päpstlicher Hausprälat, früh. NeichstagSabg. (Centr.), im Kloster Beuron; 17. Prinzessin Viktoria Johanna von Thurn und Taxis, Wittwe des Prinzen Egon von Taxis, auf Schloß Baltavar (Ungarn); 28. Erbgroß- herzogin Elisabeth Anna von Oldenburg, Tochter des Prinzen Friedrich Karl von Preußen, auf Schloß Adolfseck (bei Fulda). - September: 7. Erzherzog Ladislaus von Oesterreich, Sohn des Erzherzogs Joseph, in Budapest, in Folge einer auf der Jagd in Kis-Jenö erhaltenen Wunde. — Dezember: 7. Prinz von Thurn und Taxis, der zweite und jüngste Sohn des Fürsten Albert von Taxis, in Negensburg. II. Geistliche Würdenträger: Januar: 2. Cölestin Brader, Abt des Cisterzienser- stists Stams im Oberinnthal, langjähr. NeichsrathSabg., in Stams; 21. Julien Florien Desprez, Cardinal und Erzbischof von Toulouse, das.; 24. Monsignor Carini, 23 1. Präfect der Vaticanischen Bibliothek, in Nom. —- Februar: 16. Anton Abt, Domkapitular und geistlicher Rath in Limburg, unter dem Pseudonym Wnlther v. Müunich als Schriftsteller bekannt, in Limburg. — März: 11. Domdecau Gg. v. Freund in Passau, das.; 12. Dompropst Andr. Lauscher in Speyer, daselbst. — April: 10. Joh. Gg. Schopper, Bischof in Nosenau, in Budapest. — Mai: 29. Cardinal Fürst Ruffo-Scilla, der frühere Nuntius in München, in Rom. — Juni: 22. Amilcare Malagola, Cardinal und Erzbischof von Fermo, daselbst; 23. Lagranges, Bischof von Chartres, Dupanloup's Schüler, in Chartres. — Juli: 1. Consi- storialrath Schrader, ehem. Hofprediger in Berlin, das. — August: 7. Kirchenrath Lyncker, Dekan iu Speyer, Hanptförderer des Baues der Protestationskirche in Speyer, daselbst. — November: 1. Benito Sanz y Forez, Erzbischof von Sevilla und Cardinal, in Sevilla; 19. Cardinal Lucieu Bonaparte, in Rom; 28. Fürstabt Basilius, in Einsiedeln. — Dezember: 7. Cardinal Jgnacio Perstco, in Nom; 15. Cardinal Paul Mclchers, früher Erzbischof von Köln, in Nom. III. Militärs: Januar: 5. Marschall M. Pavia, Generalkapitän der spanischen Armee, einer der bedeutendsten Generale Spaniens, besonders bekannt durch den 1874 gegen den Präsidenten der Republik Castelar ausgeführten Staatsstreich, der den Anlaß zur Wiederherstellung der Monarchie gab, in Madrid; 23. Alb. v. Grimm, bayer. General- audiieur a. D., hochangesehener Militärbeamter, in München; 25. Karl v. Muralt, österreich. Generalmajor a. D., der älteste General der österr.-ungar. Armee, in Wien; 28. Frankois de Canrobert, Marschall von Frankreich, der sich im Krimkrieg und im österr.-italienischen Feldzuge 1859 ausgezeichnet, in Paris; 31. Karl v. Orsf, bayer. General der Infanterie z. D., Inhaber des 17. Jnf.-Regts., früher Commandeur des II. Armeecorps, in Wnrzburg. — Februar: 26. Ritter v. Heinleth, bayer. General der Jnf. z. D., früher Kriegsminister, in München; 28. Leopold Frhr. v. Los, preutz. General der Jnf. z. D. und Generaladjutant Kaiser Wilhelms I., auf Haus Morsbroich (b. Schlebusch); März: 13. General Horpatovitch, früh. serbischer Kriegsminister, in Belgrad; 17. Sefer Pascha (Graf Ladislaus Koszielski), türkischer Divisionsgeneral, auf Schloß Pertlstein (Steiermark). — April: 2. Admiral Lord Alcester (Lord Frederic Bcau- champ Seymour), Leiter des Bombardements von Alexandria, in London; 6. Baron Leo v. d. Osten-Sackcn, preuß. Generallteutenant, bis 1875 Commandant von Stettin, in Dresden. — Mai: 7. Generaloberst v. Pape, früher Commandeur des Gardecorps und in den Marken, in Berlin. — Juni: 17. Baron Bandersmissen, belg. General, einer der hervorragendsten belg. Truppenführer, in Brüssel; Julius Bog!, österr. Feldmarschalllteutenant und Präsident des technischen Militärcomiiös, in Wien; 28. Max Limbach, bayer. Generallieutenant a. D., früher Commandant von Jngolstadt und Germersheim, in München. — Juli: 18. Max Graf O'Donnell, österr. Generalmajor a. D., einst Generaladjutant Kaiser Franz Joseph's, in Salzburg. — August: 26. Heinrich Frhr. v. Pittel, österr. Feldmarschalllieutenant a. D., der sich bei der Niederwerfung des Aufstandes in Süddalmatien und bei der Occupation Bosniens ausgezeichnet, in Weißenbach; 28. v. Osten, württemb. Generallieutenant z. D., früher Commandeur der 27. (württ.) Division, in Berlin. — Oktober: 24. v. Bülow, dänischer General, im Jahre 1864 Oberst und Vertheidiger von Düppel, in Kopenhagen. — November: 13. Heinrich v. Wirth- mann, bayer. General der Jnf. z. D., von 1884—91 Commandant von München, daselbst. — Dezember: 26. v. Meerscheidt-Hüllesew, General der Jnf., früher Commandeur des Gardccorps, in Berlin. IV. Diplomaten, Parlamentarier, Beamte: Januar: 1. Präsident v. Rüdiger, Ministerialdirektor des Innern, in Stuttgart; 6. Eduard Müller, geistl. Rath, lange Jahre Missionsvicar und Gymnastal-Religions- lehrer in Berlin, von 1871—93 Neichstagsabg. (Centr.), in Neiße; 17. I)r. Kutschers, Mitglied des böhmischen Landesausschnsscs, langjähriger Führer der Jungzchechen, in Prag; 19. Friedr. Bötticher, geh. Negierungsraih, Oberbürgermeister von Magdeburg un5 2. Vicepräsident des preuß. Herrenhauses, in Berlin; 24. Lord Nandolph Churchill, bedeutender engl. Staatsmann, früher Staatssekretär für Indien, Schatzkanzler und Führer des Unterhauses, heftiger Gegner der Homerule-Bill Gladstone's, in London; 26. Nikolai Karlowitsch v. Giers, russ. Minister des Aeußern seit 1682, seit 1875 Gehilfe des Reichskanzlers Fürsten Gortschakoff, in St. Petersburg; 28. Graf Donville Maillefeu, franz. radikaler Deputirter, in Paris; Gutsbesitzer Ferd. Kersting, früh. Reichstags- und preuß. Landtagsabg. (Centr.), in Bölkenförde (bet Lippstadt); 31. Karl Schnorr v. Carolsfeld, Geueral- director der bayer. Staaiseisenbahnen, in München. — Februar: 1. Max Graf v. Holnstein aus Bayern, langjähriger königl. bayerischer Oberststallmeistcr, köntgl. Kämmerer, erbl. Neichsrath, Generalmajor L 1a snits der Armee, auf Schloß Schwarzenfeld (Oberpf.); 2. Georg Graf v. Werihern-Beichlingcn, wirk!. Geheimrath, bis 1888 preuß. Gesandter in München, vorher in Athen, Konstantinopel und Madrid, auf Schloß Weichlingen; 12. Ludwig Heine, Appellationsrath a. D., einer der ältesten bayerischen Staatsdiener, in Nürnberg; Julius Hans v. Thümmel, kgl. sächsischer Finanzminister und Vorsitzender des GesammtministeriumS, in Dresden; 18. Barthe! Haaueu, Kaufmann in Köln, früh. Reichstags- und preutz. Landtagsabg. (Centr.), in Köln; 25. Or. Rud. Schleiden, bekannter Politiker und Schriftsteller, 1846 Vertreter der provisorischen Regierung von Schleswig-Holstein in Berlin, später Ministerresident der Hansastädte in Washington und London, von 1867—73 Neichstagsabg., in Freiburg i. Br. — März: 5. v. Neumayr, bayer. Staatsrath im ao. Dienste, früher Präsident des Obersten Laudesgerichts, in München; 9. Dr. Stübel, langjähriger Oberbürgermeister von Dresden, Mitglied der sächs. 1. Kammer und ehem. Neichstagsabg., in Dresden; 17. Frhr. v. Schorlemer- Alst, Mitglied des preuß. StaatSraths und Herrenhauses, früh. Reichstags- und Landtagsabg., einer der bedeutendsten Führer dcS Centrums, in Münster i. W.; Pfarrer Ad. Haus, Reichstags- und bayer. Landtagsabg. (Centr.), in Wörth a. M.; 18. v. Schalscha, von 1877—93 Reichstags- und preuß. Landtagsabg. (Centr.), in Berlin; 20. Baron v. Ungern-Sternberg, wirk!. Geheimrath, Chef des geh. Cabinets deS Großherzogs von Baden, in Karlsruhe; 23. Panse, früh. Neichstagsabg. (freist), in Halle a. S.; 24. vr. Ludwig v. Müller, bayer. Cultusminister und Staatsrath im o. Dienste, in München. — April: 9. Karl v. Heim, früh. Oberbürgermeister von Ulm und Neichstagsabg. (Neichspartei), in Ulm; 13. Emi! Beruh. Jacobi, Senatspräsident am Oberverwaltungsgericht in Berlin, einer der Herausgeber der Entscheidungen dieses Gerichtshofes, in Berlin; 24. Graf Tauff- kirchen, außerord. bayer. Gesandter und bevollmächtigter Minister in Stuttgart, daselbst. — Mai: 1. Hofrath Th. Mürcker, Bürgermeister von Zweibrücken und langjähriger bayer. Landtagsabg., in Zweibrücken; 28. Peter Hauptmann, Verleger der „Deutschen Reichsztg." und preuß. Landtagsabg. (Centr.), in Bonn; 29. Commercien- rath Nosenberger, ehem. Reichstags- und bayer. Landtagsabg. (Centr.), in Passau; 31. Frhr. v. Linden, württ. Minister deS Innern a. D., Mitglied der Kammer der Standesherren, in Stuttgart. — Juni: 2. vr. Heinr. v. Friedberg, früh. preuß. Justizminister, in Berlin; 4. Sigmund Schott, Justtzprocurator tu Stuttgart, früh. Reichstags- und württ. Landtagsabg. (Dem.), in Stuttgart; 6. Beruh. Frhr. v. Richthofen, Polizeipräsident von Berlin, in Bonn; 10. Graf Luigi Ferrari, ital. radtraler Abg., früh. UnterstaatSfckretär im Ministerium Giolitti, in Folge Attentats, in Nimtni; Kaspar v. Ruppert, Nechtsrath a. D., früh. Reichstags- und bayer. Landtagsabgeordneter (Centr.), in München; 13. Zorrilla, Führer der span. Republikaner, früher verschiedentlich Minister, Präsident der Cortes, Ministerpräsident, wegen Theilnahme an einer Militärrevolte in aontuMULiam zum Tode verurtheilt, in BurgoS; 15. Conrad, Reichstags- und preuß. Landtagsabg. (Centr.), in Buchwald. — Juli: 1. Emil Frhr. v. Richthofen, früh. Gesandter in Stockholm, Hamburg und Mexico, Verfasser eines bedeutsamen Werkes über Mexico, in Baden-Baden; 6. Otto v. Koenen, wirk!, geh. preuß. Obcrregierungs- rath und Präsident des kaiserl. Patentamts, in Berlin; 16. Dr. Aug. Neichensperger, Appell.-Nath a. D., langjähriges hervorragendes Mitglied des Reichstags und preuß. Landtags (Centr.), Mitbegründer des Kölner Dombauvereins, Verfasser zahlreicher Schriften auf dem Gebiete der Kunst, in Köln; 18. Or. Karl Schenk, hervorragender schweiz. Staatsmann, seit 1863 Mitglied des Bundesraths und 6 Mal Bundespräsideut, Leiter der Abtheilung des Innern, in Bern; Stephan Stam- buloff, der bedeutendste Staatsmann Bulgariens, zuerst Kammerpräsident, dann nach der Abdankung des Fürsten Alexander Mitglied der Regentschaft und später 7 Jahre lang Ministerpräsident, in Sofia, in Folge eines Attentats. — August: 7. Graf Chamara, früh. Neichstags- abg. (Centr.), in Salzburg; 19. Dr. Ed. Graf, geh. Sanitätsrath in Elberfeld, 2. Vicepräsident des preuß. Landtags, langjähr. Präsident des Deutschen Acrztevereins, in Konstanz. — September: 3. Friedr. Kiefer, Land- gerichtspräsident in Freiburg i. B., langjähr. Neichstags- und bad. Landtagsabg., Führer der Nationalliberalen Badens, in Freiburg i. B.; 4. Karl v. Wallmenich, Oberlandesger.-Präsident a. D. in Bamberg, daselbst; 26. Dr. Oechsner, pens. Oberbürgermeister von Mainz, ehem. Reichstags- und Hess. Landtagsabg. — Oktober: 22. Nuggiero Bonghi, hervorragender italienischer Gelehrter, Schriftsteller und Politiker, früherer Unterrichtsmtnister, in Torre del Grcco. — November: 20. Rustem Pascha, seit 1885 türk. Botschafter in London, früher in Rom und St. Petersburg, in London; 21. Dr. I. Wernz, ehem. Senatspräsident am Reichsgericht, in Heidelberg; 24. Barthelemy-Satnt-Hilaire, bedeutender franz. Gelehrter und Staatsmann, Senator und ehem. Minister des Aenßern, in Paris; 25. Dr. Busch, wirkl. prenß. Ee- heimrath, deutscher Gesandter in Bern, das.; 26. Graf Laaffe, früh. langjähr. österr. Ministerpräsident, in Ellischau (Mähren). — Dezember: 1. Oberreichsauwalt Tessendorf, in Leipzig; 4. Magistratsrath Biehl, ehem. langjühr. Reichstags- und bayer. Landtagsabg. (Centr.), Führer der Handwerkerbewegung, in München; 5. Challe- mel-Lacour, Präsident des franz. Senats, früher Botschafter in London, in Paris; 8. Ostermann, ehem. bayer. Landtagsabg. (Centr.), in Freising; 22. Ritter und Edler v. Lößl, Rath am Obersten Landesgericht, in München. V. Dichter, Schriftsteller, Journalisten: April: 30. Gustav Freytag, einer der bedeutendsten Romandichter und Dramatiker, in Wiesbaden. — Juni: 1. L. Lawpson, engl. Dichter, besonders bekannt geworden durch seine „I^onäon Lz-rio3", in London. — Juli: 5. Or. jur. Herm. Eberhard, langjähr. Chefredakteur des „Frank. Kur.", in Nürnberg; 21. Hcktor Pessard, Theaterkritiker deS „Ganlois" und früherer Director des Preßbureau's im franz. Ministerium des Innern, geschätzter Piiblicist, in Paris. — Oktober: 31. Franz Hedrich, dessen Enthüllungen über seine Mitarbeiterschaft an Alfred Meißner's Romanen s. Z. sehr großes Aufsehen erregten, in Edinburgh. — November: 1. Ferd. Schifkorn, geschätzter österr. Romanschriftsteller, in Graz; 27. Alex. Dumas der Jüngere, Romancier, in Marly (bei Paris). ALAKVkST- Ein Zukunftsbild. Schauplatz: Eine Schul- stube anno 1900. Lehrer szn einem neu angemeldeten Schülers: „Hans, hast Du einen Impfschein für Pocken?" — «Ja, Herr Lehrer!" — „Bist Du gegen Croup inokulirt?" — Ja, Herr Lehrer!" — „Bist Du mit Cholerabacillus geimpft?" — „Ja, Herr Lehrer!" — „Hast Du eine schriftliche Garantie, daß Du gegen Keuchhusten, Masern und Scharlach immnnisirt bist?" — «Ja, Herr Lehrer!" — „Hast Du Dein eigenes Trinkgefäß?" — „Ja, Herr Lehrer!" — „Gelobst Du, keine Schwämme mit Deinem Nachbar auszutauschen und niemals einen anderen Griffel zu benutzen als Deinen eigenen?" — „Ja, Herr Lehrer!" — „Bist Du damit einverstanden, daß wöchentlich einmal Deine Bücher mit Schwefel ausgeräuchert und Deine Kleider mit Chlorkalk besprengt werden?" — „Ja, Herr Lehrer!" — „Hans, Du besitzest Alles, was die moderne Hygiene verlangt. Jetzt kannst Du über jenen Draht steigen, einen isolirten Alumininmsitz einnehmen und anfangen. Deine Nechenexempel zn machen." Für die Nachwelt. Lieutenant: Donnerwetter, mir ist so thatendurstig zn Muthe, ich muß etwas Großes vollbringen-Photographiren werde ich mich lassen. Auflösung der Schach-Aufgabe in Nr. 2: Weiß. 1. D. Lo-VZ-j- 2. T. 68-67-i- 3. T. 07-I17j- und Matt. L. 1. 2. D. VZ-tM-i- 3. D. W-66-i- Matt. Schwarz. S. L6-V8 : K. L7-V6 K. §7-§7 K. §7-6? (M 1896 . „Augsburger Postzritung". 4 . Dinstag, den 14. Januar Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Gradherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Mar Huttler). Die Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Benno. (Fortsetzung.) Unmittelbar hinter dem Fürsten kam ein schmächtiges Männchen, in einen mit Pelz verbrämten, weitärmeligen Mantel gehüllt. Das noch frische, scharf markirte Gesicht, aus welchem ein verschmitztes Augenpaar blitzte, und das dunkle Haupthaar ließen ihn jünger erscheinen, als er in Wirklichkeit sein mochte. ES war der bevorzugte und in alle Geheimnisse und Pläne des Herrn eingeweihte Astrologe Wallenstein's, „der Schwarzkünstler" Seni, über welchen das Gerücht allerlei wunderliche Märchen in Umlauf gesetzt hatte. An der Schloßpforte angelangt, stieg der Herzog vom Pferde, wobei Georg Selkow, dem er einen herablassenden Gruß zugenickt hatte, den Steigbügel hielt. Der Schloßhauptmann trat zur Begrüßung heran; er sprach einige Worte, allein der Herzog warf nur einen kalten, flüchtigen Blick auf ihn. Rasch wandte er sich zu Pater Vtncenz, der ihm mit einem ehrfurchtsvollen Segensspruch das Weihwasser bot. „Wie wohl und jugendlich ich Euch wiederfinde!" sagte der Herzog, nachdem er sich besprengt und bekreuzt hatte, mit freundlicher Stimme und fügte wie im Selbstgespräch fast traurig hinzu: „Es ist doch etwas Schönes um Herzensruhe und Seelenfrieden; wann mag dieses Glück mir endlich zu Theil werden?" „Möge der liebe Gott es Euch nach den Tagen rühmlichen Wirkens in reichstem Maße gewähren", sprach der Priester. „Amen, hochwürdiger Herr, Amen", erwiderte Wallenstein trübe lächelnd; „auch ich möchte so gern einstimmen in 'diesen Wunsch, aber leider sind jene Tage noch fernl" Damit schritt er, ohne der zu seiner Begrüßung gekommenen Volksmenge Beachtung zu schenken, von Leßlie und den Dienern gefolgt, in das Schloß. In diesem Augenblick polterten mehrere Wagen über den gepflasterten Hof, an der Spitze derselben eine reich vergoldete Carosse, welche überdacht, an den Seiten aber nur durch dunkle Ledervorhänge gegen Wind und Wetter geschützt war. Die Gemahlin des Herzogs, eine noch junge Frau, deren liebliches Antlitz von Milde und Anmuth verklärt, stieg heraus und wurde von der herbei- geeilten Magdalene begrüßt. Die hohe Frau warf einen forschenden Blick auf das Mädchen. Dann reichte sie ihm mit einem freundlichen Lächeln die Hand. „Ei, sieh da", rief sie, „bist Du nicht Magdalene, die Pflegetochter unseres treuen Lobau? Ja, ja. Du mußt es sein", fügte sie hinzu, als das Mädchen der vornehmen Dame nicht sofort zu antworten wußte. „Ich hätte Dich kaum mehr erkannt, so groß und kräftig bist Dul Nun, wir werden wohl bald bekannter sein. Du mußt mir den Dienst einer Kammerzofe versehen, so lange ich in Großmeseritsch bin." Eine der Damen führte ein etwa achtjähriges Mädchen herbei, das die Herzogin zärtlich umarmte und dann Magdalenen vorstellte. „Meine süße, kleine Maria Elisabeth", sagte sie mit strahlenden Augen, während das Kind zutraulich die Jungfrau anschaute; „ich will sie in Deine Obhut geben. Behüte und bewahre sie wohl; denn sie ist mein theuerstes Gut!" Die Herzogin gewann sich durch da und dort gespendete freundliche Worte sofort die Herzen ihrer Unterthanen und begab sich mit ihrem Töchterchen, Magdalenen und den Damen ins Schloß. Nun verlief sich das Volk in unverkennbarer Hast. Es war den Leuten offenbar innerhalb der Burgmauern nicht wohl. Die Triumphbogen und Ehrenpforten wurden auf ausdrücklichen Befehl des Herzogs gleich wieder abgebrochen, das verdorrte Gras von dem Wege entfernt, und bald herrschte die gewöhnliche Stille in dem geräumigen Schloßhof. Nur das bunte Durcheinander der Wagen, Carrossen, Sänften und anderer Beförderungsmittel verrieth das Ereigniß des Tages. * * * Eine Stunde später durchmaß der Herzog von Friedland mit finster zusammengezogenen Brauen, die Hände auf den Rücken gelegt, das weite Gemach, welches er sich zum Arbeitszimmer ausgewählt hatte. Alterthümliche Möbel mit schadhafter Vergoldung standen umher; die Farben der rothseidenen Fenster-Vorhänge, sowie des Sammets an den schweren Lehnstühlen waren abgebleicht und verschossen. Leßlie hatte ursprünglich einen andern Raum für den Herrn in Bereitschaft gesetzt und nicht ohne Besorgniß die Wahrnehmung gemacht, daß dem Herzog die Lage gerade dieses Zimmers am besten gefiel. Er war auf eine ernstliche Zurechtweisung gefaßt gewesen; doch Wallenstein hatte der fast ärmlichen Ausstattung, ganz im Gegensatz zu seiner sonstigen Gepflogenheit, gar keine Beachtung geschenkt. An einem der Tische saß, mit Schreiben beschäftigt, des Herzogs Geheimsecretär, Cornet Neumann; Seni lehnte am Fenster, ein Staffettreiter und Georg Selkow standen wartend an der Thüre. Letzterer hielt seine Augen mit unverkennbarer Ueber- raschung auf Neumann gerichtet. Was er während seines langen Aufenthaltes in der unmittelbaren Umgebung des Herzogs noch nie entdeckt hatte, das fiel ihm heute auf: nicht nur die Gestalt, sondern auch die Haltung und die Gestchtszüge des Geheimsecretärs glichen den seinigen fast auf ein Haar. Er konnte kaum begreifen, daß dieses sonderbare Spiel der Natur nicht schon früher von ihm bemerkt worden war. Uebrigens hatte der Cornet, wie Georg sah, im Haar und Bartschmuck gegen früher eine auffallende Aenderung bewirkt — an und für sich eine Laune, aus der jedoch in der Folge, wie so oft aus kleinen Ursachen, eine verhängnißvolle Wirkung für den Träger entsprang. Nachdem ein längeres Schweigen im Zimmer geherrscht hatte, wandte Wallenstein sich an den Schloß- hauptmann, ohne diesen jedoch anzusehen: „Hat Euch Euer Vetter Gordon, der Comandant von Friedland, in der letzten Zeit keine Nachricht gegeben?" „Nein," erwiderte Leßlie, ob der Zwischenfrage, deren Zweck er nicht zu errathen schien, sichtlich betroffen. „So wißt Ihr auch nicht," fuhr der Herzog fort und maß den Schloßhauptmann mit einem mißtrauischen Blick, „daß der waghalsige Schelm Christoph von Redern in der dortigen Gegend herumreitet und das Landvolk verführt? Das kann nur im Einverständniß mit Gordon geschehen. Wenn dieser seine Pflicht erfüllte, dann hätte der Unfug schon längst aufgehört. Schreibt deshalb," befahl er Neumann, „an den Schloßhauptmann, er sei von heute ab seines Dienstes entlassen. Im ganzen reichenbergischen und frtedländischen Gebiet aber soll bekannt gemacht werden, daß, wer die geringste Gemeinschaft mit Redern unterhält, dem Galgen verfällt; wer ihn mir aber todt oder lebendig in die Hand liefert, der soll fünftausend Thaler erhalten." Der Geheimsecretär schrieb, und der Herzog setzte seine Wanderung fort. Als Neumann das Schriftstück ausgefertigt hatte, winkte Wallenstein dem harrenden Reiter, übergab ihm den Brief, und dieser verließ das Gemach. Der Herzog ging noch eine Weile auf und ab; dann blieb er abermals vor dem Schloß-Hauptmann stehen und schaute ihm fest in's Gesicht. „Die fehlenden Papiere haben sich noch nicht gefunden?" fragte er mit einem Tone, in welchem fast etwas Drohendes lag. Ein unverkennbarer Schrecken drückte sich auf Leßlie's Angesicht aus. Gleichwohl wußte er sich zu beherrschen und antwortete mit fester Stimme, wenn auch ängstlichem Blick: „Nirgends, Euer Gnaden; man suchte bis jetzt vergeblich danach I" Ein zorniger Blick zuckte aus den Augen des Herzogs hervor. „An dem Tage vor dem Tode der Gräfin waren sie noch vorhanden, das ist ausgemacht," erklärte er, „am folgenden Morgen aber hat man sie vermißt. Ich bin fest überzeugt, daß sie auf Grund eines böswilligen Complots entfernt und versteckt worden sind. Georg," fuhr er zu diesem gewandt fort, „du bist mir treu! Du kennst alle Räumlichkeiten dieses Hauses genau. Nimm einige Knechte und durchsuche das ganze Schloß vom Dachstuhl bis zum Grundstein, die Zimmer meiner Gemahlin allein ausgenommen. Eine Kiste mit Documenten ist verloren gegangen. Spüre überall nach und laß, wo du es für nöthig findest, Thüren und Wände einschlagen und alle Schränke und Kästen aufbrechen. Findest du jene Papiere, so sei meiner fürstlichen Gnade und eines reichen Lohnes gewiß. Ihr, Leßlie, werdet den Leibjäger begleiten und Euch nicht eher entfernen, bis die Untersuchung zu Ende geführt ist." „Euer Gnaden glauben doch nicht . . .," wagte der Schloßhauptmann mit merklich zitternder Stimme einzuwenden. „Ich glaube gar nichts," entgegnete der Herzog rauh, „denn sonst läget Ihr längst in Ketten und Banden! Doch fort jetzt an's Werkl" Leßlie und Georg verließen das Zimmer; auch Neumann entfernte sich auf einen Wink seines Herrn. Wallenstein und Seni blieben allein. Wieder schritt der Herzog eine Zeit lang schweigend an den Fenstern des Zimmers entlang. „Habt Ihr den Brief noch, den Kepler vor seinem Tode Euch geschrieben?" fragte der Herzog den Astrologen. „Ja, mein hoher Herr", erwiderte der Alte, „er ist gut verwahrt." „Ich will ihn sehen", sagte Wallenstein. Seni entfernte sich. „Ich hatte mir zwar", murmelte der Herzog, als er sich allein sah, „damals das Geschriebene genau ins Gedächtniß geprägt, aber ganz kann ich mich doch nicht mehr auf den Wortlaut besinnen, der, wie ich mich erinnere, eine Warnung von ungeheuerer Tragweite enthält. Kepler war ein merkwürdiger Mann. Man hat seinen Geist, sein Wissen und seine Kraft unterschätzt. Ich bin fest überzeugt, daß ihm von den Gestirnen mehr vertraut worden ist, als die Welt ahnt!" Der Astrologe kam zurück und übergab Wallenstein ein halbvergilbtes Papier. Dieser las langsam folgende Stelle: „Der Herzog wird sich an Unternehmungen wagen, durch welche er entweder auf den höchsten Gipfel des Ruhmes geführt oder in den tiefsten Abgrund gestürzt wird. Er mag sich vor einem geheimen Feinde wohl in Acht nehmen, der unsichtbar, aber beharrlich in seine Fußstapfen tritt. Wenn die Hand gegen den Herrn zum Schlage sich erhebt, erfüllt sich in Finsterniß und Nacht sein Geschick." Der Herzog ließ seine Augen längere Zeit auf dem Schreiben haften. Dann legte er es weg und blickte zum Fenster hinaus. „Kepler spricht von einer Gefahr", sagte er nach einer Pause, „die allerdings noch an Bedingungen geknüpft ist; aber eine Gefahr bleibt doch. Auch meine eigenen Berechnungen deuten nichts Gutes. Daß es Warnungszeichen gibt, und daß diese den Geschicken der Menschen vorangehen, welche dazu erkoren sind, auf die Ereignisse ihrer Zeit mächtig zu wirken, dessen haben wir Beispiele genug!" „Kepler war ein großer Gelehrter", bemerkte Seni, der das Selbstgespräch des Gebieters mit wachsendem Interesse verfolgt hatte, als Wallenstein schwieg, „allein er kann sich doch geirrt haben. Oder er hat Euch", fügte er mit zweideutigem Lächeln hinzu, „absichtlich getäuscht, um Euch schwankend zu machen. 27 Er stand ja auf der Seite unserer Feinde. Das von ihm gegebene Horoskop klingt so unbestimmt und verworren, daß es mir fast wie das wohlfeile Machwerk eines listigen Traumdeuters erscheint. Jedenfalls ist die ihm von Euch unterbreitete Angelegenheit nicht mit jener Gewissenhaftigkeit und jenem Ernste behandelt worden, welche eine so wichtige Sache verlangt. . . . Meine Constellation verkündet Euerm Beginnen Ruhm und Glück, vorausgesetzt, daß Sonne und Mars nicht in Opposition sind. Da jedoch die Sonne das Zeichen des aller- durchlauchtigsten Erzhauses ist und der Krieg, für den Ihr das Heer zusammengebracht habt, zur Befestigung der Macht desselben geführt werden soll, so fällt jene Gefahr von selbst weg!" Wallenstein schaute den Astrologen mit einem Blicke an, als wollte er die geheimsten Gedanken in dessen Seele ergründen. Dann sagte er: „Ihr traut Kepler nicht, Ihr habt es niemals gethan. Ihr meint, er habe mich absichtlich getäuscht? Das glaube ich nicht. Ich denke besser von ihm. Kepler war nicht nur ein großer Meister unserer himmlischen Kunst, er war auch ein hervorragender, ein guter Mensch. Und wie hat die undankbare Welt ihm gelohnt?" fügte er bei. „Wie fast Jedem, der sich nicht mit kühner Rücksichtslosigkeit einen Griff in den Glückshafen der Günstlinge des Schicksals erzwingt: sie nahm den Schatz aus der Hand des bescheidenen Mannes und gab ihm dafür nicht ein Mal Brod. Doch", fuhr er fort, und seine Stimme sank zum Flüstertöne herab, „habe ich ein Recht, die Welt anzuklagen? War ich besser als sie? Ich verdankte dem edlen Forscher so viel; er hat mir manches Geheimniß im Zauberreiche der Gestirne erschlossen, und was that ich für ihn? Nichts, oder doch nicht viel mehr als nichts! Denn der Lehrstuhl in Rostock war — ein Amt ohne Brod!" Wallenstein fuhr sich mit der Hand über die Stirne, als wolle er die Spuren dieser Selbstanklage verwischen. Dann wandte er sich an Seni: „Wie geht es der Familie des Meisters? Wißt Ihr Näheres von ihr?" „Keplers Wittwe soll in Regensburg leben", erklärte der Astrologe, „und in nicht ungünstigen Verhältnissen sein, nachdem die Verdienste ihres verstorbenen Gatten vom Reichstag anerkannt und belohnt worden sind." „Sind sie es wirklich?" rief der Herzog. „Das freut mich, wenn diese Belohnung für den geprüften Mann selbst auch zu spät kam. Ich werde ihrer gleichfalls gedenken — mahnt mich daran. Doch geht jetzt, Meister, und stellt im astronomischen Zimmer alles bereit; die hochwichtige Nacht rückt heran." Der Herzog machte eine leichte Handbewegung, und der Alte schritt langsam hinaus. 3 . Die Sonne stand kaum am Himmel, als Magdalene am folgenden Tage das Zimmer der Base betrat. „Guten Morgen, liebe Base", rief sie fröhlich und stellte eine Flasche Wein auf den Tisch; „seht nur, wie freundlich und gut die Herzogin ist! Dies schickt sie, damit Ihr Euch gütlich thut." „Die Herzogin?" fragte die Alte; „sie kennt mich ja nicht!" „Um so mehr beweist die Gabe ihre Herzensgüte und Mildthätigkeit", erwiderte das Mädchen. „Die hohe Frau hat mich über alle Bewohner des Schlosses gefragt, und als sie hörte, daß Ihr schon vierundachtzig Jahre alt seid, sprach sie sofort die Absicht aus, Euch eine kleine Freude zu bereiten. Sie ließ diesen Labetrank holen und gab mir den Auftrag, ihn Euch zu bringen. In den nächsten Tagen wird sie bei der Base in höchsteigener Person einen Besuch machen. Ihr glaubt gar nicht", schilderte Magdalene weiter, als Frau Anna die Nachricht von der ihr zugedachten Ehre kaum anhörte, „wie herablassend sie ist. Ich war gestern Abend lange um sie; eine der Damen mußte ihr Töchterlein holen, das wohl eine Stunde lang in der zutraulichsten Weise mit mir geplaudert und gespielt hat. Der kleine Engel war in Sagan so krank, daß man bereits für sein Leben fürchtete; nun ist er wieder frisch und gesund!" „Ja, ja", bemerkte die Alte in ihrer gewohnten eigenthümlichen Weise, „ich glaube es Dir. Sie war auch einst glücklich und gut; ihr fröhliches Lachen und Scherzen durchklang oft diese Räume, wo es nicht so trübe und still war wie jetzt; und doch..." Es klopfte, und Georg Selkow trai ein. Mißmuthtg ließ er sich nach kurzem Gruß auf einen Stuhl nieder. Die Base war bei seinem Erscheinen Plötzlich verstummt. „Nichts und wieder nichts!" rief der Leibjäger ärgerlich; „nun habe ich das ganze Schloß von oben bis unten durchsucht und fand von dem verwünschten Kasten auch nicht eine Spur. Da hat mir der Herr eine schöne Gnade bescheert! Und vollends noch den boshaften Hauptwann dazu, der vor geheimer Schadenfreude über meine vergebliche Arbeit und Mühe fast platzt. Es ist mir ganz miserabel zu Muth!" „Von welchem Kasten sprichst Du da?" fragte die Alte, aufmerksam werdend. „Von einem kleinen, silberbeschlagenenEbenholzktstchen, welches der verstorbenen Gräfin gehörte und bei dem Tode derselben oder ganz kurz vorher auf eine unerklärliche Weise verschwand. Es soll wichtige Documente enthalten, an deren Auffindung dem Herzog sehr viel liegt. Allem Anscheine nach suchen wir jedoch am unrechten Platz. Der Himmel mag wissen, wo das Ding steckt. Ohne Zweifel hatte die eifersüchtige Gräfin, um dem Herrn einen Streich zu spielen, die Documente schon lange vor ihrem Tode bei Seite geschafft."^ „Nein", widersprach die Alte bestimmt, „Du täuschest Dich; ich selbst habe das schwarze Kästchen wenige Stunden vor ihrem Hinscheiden neben dem Bette gesehen." „Wie, Ihr wißt?" rief Georg aufspringend. „Ich weiß weiter nichts", erklärte diese, „als daß das Kästchen da war. Was nachher damit geschah, ist mir unbekannt. Vielleicht könnte Leßlie Dir Bescheid geben. Er war ja der einzige Vertraute der Gräfin." „Also habe ich mich mit meinem Verdachte gegen diesen Menschen doch nicht getäuscht!" frohlockte Georg. „Ging er doch anfangs neben mir her, wie das böse Gewissen, während nachher, als ich nichts fand, der Hohn aus seinen Fuchsaugen sprach. Aber, warte nur, Halunke, ich werde dir die Zunge schon lösen! Sofort eile ich zum Herzog und erstatte über die Entdeckung Bericht!" „Um Gottes willen, Georg", bat die Alte erschrocken, „thue das nicht! Du könntest einen Unschuldigen und uns Alle unglücklich machen. Es ist Dir ja bekannt, wie argwöhnisch, heftig und unnachsichtlich der Herr ist. Leßlie's Verkehr mit der Gräfin ist noch lange kein Beweis dafür, daß er die Kiste auf die Seite geschafft hat." „Allerdings", lenkte Georg ein, der die Richtigkeit dieser Schlußfolgerung anerkennen mußte, und nahm wieder Platz. „Aber was soll ich thun? Gutwillig, daS weiß ich zum voraus, gesteht Leßlie mir nichts. Wenn ich aber die Kiste auffinde, ist mein Glück gemacht. Der Herzog hat mir für diesen Fall die Hauptmannsstelle auf einem seiner Schlösser versprochen. Wie Ihr seht, ist die Sache sehr wichtig für mich; denn mit einem gelungenen Griff bin ich ein selbstständiger Mann." Bei diesen Worten ließ er seine Augen mit so innigem Ausdruck auf Magdalenen ruhen, daß ein glühendes Noth über deren Antlitz sich ergoß. Als die Base der Frage des jungen Mannes keine Beachtung schenkte, nahm Magdalene stockend und nicht fähig, ihre Verwirrung niederzukämpfen, das Wort. „Beobachte ihn", rieth sie; „vielleicht findest Du doch noch Anhaltspunkte, durch welche ein entschiedenes Vorgehen gegen den Hauptmann gerechtfertigt wird; ein vorschnelles Handeln dagegen könnte alles verderben!" „Du hast Recht, Lenchen", stimmte Georg nach einigem Besinnen bei, „ich will Dir folgen. Wer weiß, ob nicht ein glücklicher Zufall meinen Wünschen günstig ist. Doppelt jedoch soll es mich freuen, wenn meine Vermuthung sich bestätigt, daß Leßlie der Documenten- dieb ist. Wir Beide sind ohnehin noch nicht quitt. Dann läßt auf die beste Art und Weise der Denkzettel sich anbringen, welchen er für alle Fälle erhält." Das weithin tönende Hornsignal der Thürmer, auf welches als Antwort eine Trompetenfanfare vom Thal heraufscholl, unterbrach das Gespräch und verhinderte Magdalenen, dem Unwillen Ausdruck zu geben, welchen sie über die Unverbesserlichkeit des jungen Mannes empfand. Georg eilte ans Fenster. „Sie kommen!" rief er, nachdem er einen raschen Blick ins Freie geworfen. „Schon fliegen die Vorreiter den Schloßberg herauf." Er drückte dem Mädchen flüchtig die Hand und eilte hinaus. Lenchen stellte sich an daS Fenster und schaute über die Burgmauer weg. Hinter derselben sah sie eine mächtige Staubwolke aufwirbeln, durch welche blinkende Waffen und Helme im Sonnenlicht glänzten. Auf dem Hofe begann es lebendig zu werden. Soldaten und Diener rannten geschäftig hin und her. Die Zugbrücke fiel mit dumpfem Rasseln über den weiten Graben, und einige Minuten später sprengte ein Reitertrupp in den Hof. An der Spitze- desselben befand sich ein Herr, der über seinem schwarzsammtencn Rock ein goldenes Kreuz an schwerer Kette trug. Er sprang vom Pferde, warf die Zügel einem Reitknecht zu und ging mit leichterm Schritt, als man seinen grauen Haaren zugetraut hätte, dem Herzog von Friedland entgegen, der in diesem Augenblick zur Begrüßung der Gäste unter der Eingangspforte des Schlosses erschien. „Ah, Fürst Eggenberg!" rief Wallenstein, dessen Mienenspiel eine stolze Freude ausdrückte, und streckte dem Ankommenden beide Hände entgegen. „Willkommen auf GroßmescritschI" „Seine Majestät, unser erhabener Kaiser", sagte der Fürst mit einer Verbeugung, „läßt Euch, Herr Herzog, durch mich seinen hohen Gruß entbieten und Euch in Anerkennung der raschen Erfüllung Eueres gegebenen Versprechens seiner vollkommensten Gewogenheit und Gnade versichern." „Ich that nur Mcine Pflicht", entgegnete der Herzog I mit stolzem Selbstbewußtsein; „denn diese war es, nachdem ich einmal mein Wort verpfändet. Die Armee steht schlagfertig da und ist vom besten Geiste beseelt, so daß man jeden Augenblick mit ihr gegen den Feind aufbrechen kann." „Ich weiß es", entgegnete der Fürst mit verbindlichem Lächeln, „und bin überzeugt, daß sie von Euch nur zum Siege geführt werden wird. Doch", fuhr er fort, ohne dem Achselzucken des Herzogs, das er sehr gut bemerkt hatte, eine Beachtung zu schenken, „darf ich um die sofortige Erledigung unserer Angelegenheit bitten? Ich bin beauftragt, Seiner Majestät heute noch Nachricht zu senden!" „Euer Liebden werden von dem weiten Ritt müde und abgespannt sein", meinte der Herzog geschmeidig; „dürfte nicht vorher ein kleiner Imbiß. - .?" „Nein", erklärte der Fürst, „die Wohlfahrt und das Interesse meines kaiserlichen Herrn gehen allem voran!" „Gut denn", sagte Wallenstein, „auch mir ist der Wunsch des erhabenen Gebieters Befehl; in einer Viertelstunde werde ich mit meinen Officieren im großen Saale erscheinen und hoffe, daß unsere Berathung zu einem allseitig befriedigenden Abschlüsse kommt." Der Herzog gab dem Schloßhauptmann einen Wink. Sofort standen mehrere Diener zur Empfangnahme der Wünsche des hohen Gastes bereit. Wallenstein zog sich zurück. Der Gesandte des Kaisers wurde nach der für ihn und sein Gefolge vorbehaltenen Abtheilung des Schlosses geführt; er ließ sich Brod und ein Glas Wein reichen und begab sich genau zu der festgesetzten Minute in die Verhandlung, von der so vieles für den Kaiser abhing. Indessen hatte sich der Herzog von Friedland mit seiner Gemahlin, dem Geheimsekretär Neumann und dem Astrologen Seni, sowie einer großen Anzahl von Obersten und Hauptleuten schon im Versammlungssaale eingefunden. Nach einer ceremoniellen Begrüßung nahm man Platz, und die Verhandlung begann. Sie wurde von dem Fürsten Eggenberg eingeleitet mit der Anerkennung der Verdienste, die Wallenstein um daS kaiserliche Haus und ganz Deutschland sich erworben, und dem Ausdruck des Bedauerns, daß in Folge unliebsamer Mißverständnisse eine Zurücksetzung ihm widerfahren sei. Daran knüpfte der Gesandte die Bittender Herzog möge die Bedingungen nennen, unter welchen er geneigt sei, den Oberbefehl über das von ihm geschaffene Heer zu übernehmen. „Haben Euer Liebden", fragte Wallenstein mit einer Stimme, in welcher seine Spannung durchklang, „unumschränkte Vollmacht vom Kaiser empfangen?" „Ich verstehe nicht, wie Ihr das meint", entgegnete ausweichend der Fürst, „indeß glaube ich, allen billigen Anforderungen entsprechen zu können!" Wallenstetns Augen blitzten. Er gab dem Geheimsekretär einen Wink. Dieser erhob sich, entfaltete ein Schriftstück und fing an zu lesen. Der Herzog beklagte sich darin in längerer Ausführung über die ihm bei seinem ersten Auftreten widerfahrene Behandlung und erklärte, um nicht abermals nach vollbrachter Arbeit auf die Seite geschoben zu werden, nachstehende Bedingungen stellen zu müssen: 1. Der Sohn des Kaisers, König Ferdinand, darf niemals persönlich beim Heere erscheinen. 29 -M in lieblich Bild! In. ernsthaft frommem Thun Entfaltet sich des heiligen Josephs Fleiß I Nur seine Blicke selig leuchtend ruh'n Auf holdem Knaben, aller Söhne Preis. Ein Menschensohn? — Still, sinkt auf's Knie vor Ihm, Dem schlichten Werkgesell, dem Zimmermann! Es knieen ungesehen die Seraphim Um ihn und huldigen und beten an. —-—' 30 2. Dem Herzog von Friedland steht ausschließlich die Entscheidung über Güter-Einziehungen zu. 3. Das Begnadigungsrecht des Kaisers beschränkt fich auf Lebens- und Ehren-Strafen, darf jedoch niemals auf Güter-Etnziehung ausgedehnt werden. Unterjoch und Umgebung. (Mit Illustrationen.) Nachdruck verboten. U. Vor nicht gar langer Zeit brachte unsere tllustrirte Beilage die Notiz, daß viele Touristen von W 8 MW Unterjoch 4. Neben dem Kaiser steht auch dem Herzog von Friedland das Begnadigungsrecht und damit in der Armee die Gewalt über Leben und Tod zu. 5. Als ordentliche Belohnung erhält der Herzog ein österreichisches Erbland, und als außerordentliche wird ihm die Ober-Lehensherrschaft in allen zu erobernden Gebietstheilen verliehen. 6. Er wird als Herzog von Mecklenburg in den künftigen Friedensschluß aufgenommen. 7. Der Rückzug lande frei. Uehbach bei Unterjoch. steht ihm in alle kaiserlichen Erb- (Fortsetzung folgt.) Sonihofen durch das herrlich gelegene Ost- rachthal nach Hinde- lang wandern. Viele Touristen aber ersteigen auch noch die steile Höhe des Jochberges,umnachSchatt- wald(Bild davon nebst Beschreibung brachten wir bereits in unserer illustrirten Beilage) oder über Unterjoch nach Wertach (Neu- Wertach) oder Pfron- ten zu gelangen. Unterjoch, 1012 m, in einem schönen, von der Wertach jsdurch- flossenen Gebirgsthals, ist ein weit zerstreutes Dorf im Umfang von 2^ Stdn., dessen schindelgedeckte Häuser von dem sanften Grün der umliegenden schönen Matten und Wälder reizend sich abheben. Unterjoch umfaßt in seiner Flurmarkung 1204 Im und 4 a mit 40 ständig bewohnten und 3 in Alphütten umgewandelten, folglich^nurlm Sommer bewohnten Häusern mit ca. 250 Einwohnern. Ehemals gehörte das Gebirgs- dorf zur großen Pfarrei und politischen Gemeinde Hinde- lang, wurde jedoch im Jahre 1713 eine eigene Seelsorg- stelle, was bei einer Entfernung von 1 */z—2 Stunden von der Mutterkirche und der Schwierigkeit des Weges über den 300 m hohen, im Winter arg verschneiten Jochberg wohl unabweisbares Bedürfniß war. Unterjoch bildete von nun an eine Manualkaplanei von Hindelang, wie jetzt noch Hinterstein (von dem wir seinerzeit ebenfalls Abbildung und Beschreibung brachten). Der erste Kaplan in Unterjoch war Herr Jakob Zwingberger bis 1731, in welchem Jahre er starb und in Hindelang begraben wurde.JmJahre 1750 erhielt der dort- weilige Kaplan Herr Johann März, gebürtig von Augsburg, Seitens des hochwürdigsten bischöfl. Ordinariates die Erlaubniß, in der Filialkapelle das heil. Sakrament der Taufe auszuspenden, falls ein Kind ohne Beschwerde und Gefahr nicht zur Mutterkirche könne gebracht werden.JmJahre 1755 erhielt er die Erlaubniß, das Sanctis- simum im Tabernakel der Kapelle aufzubewahren, und wurde im Jahre 1855 das 100- jährige Jubiläum der Aufbewahrung des Allerheiligsten feierlichst begangen. Im Jahre 1791 wurde Unterjoch ein Kurat-Benefizium unter Herrn Matthäus Stechele von Moosbach. Unter Herrn Be- nefiziaten Franz Laver Hacker wurde die Kirche feierlich consecrirt im Jahre 1845 von Sr. bischöfl. Gnaden dem hochwürdigsten Herrn Bischöfe Peter von Richarz, bei welcher Feier fünfzehn Geistliche anwesend waren. Dem genannten Herrn Bencfiziaten verdankt die Gemeinde Unterjoch auch die Errichtung eines eigenen Gottesackers, in welchem er aber leider schon wenige Tage nach der Einweihung seine Ruhestätte fand. Auf ihn folgte Herr Gebhard Wucher, hernach Pfarrer von Maria-Thann. Am 20. Juni 1850 kam nach Unterjoch als Kuratbencfiziat Herr Max Alois Heim, vorher Kaplan in Seifriedsberg, von welchem die Führung der Matrikelbücher begonnen wurde. Derselbe kam am 9. November 1854 als Pfarrer nach Fischen, wo er als Dekan des Kapitels Sticfenhofen und Landrath am 1. Juli 1888 starb. Er ist in Unterjoch noch jm besten Andenken. Nach ihm wirkle als Vikar bis zum 13. Mai 1855 Herr Johann Evang. Lautenbacher von Hausen, Pfarrei Honsolgen, gegenwärtig Pfarrer und kgl. geistl. Rath in dem Unterjoch benachbarten Wertach. Nach genanntem Herrn wirkte längere Zeit (von 1855 bis 1862) Herr Lorenz Wolf von Kempten; starb im Jahre 1862 und liegt in Unterjoch begraben. Am l 2. November 1862 kam als Vikar nach Unterjoch Herr Peter Paul Martin, welcher im Jahre 1869 die Kuratie zur eigenen Pfarrei erhob, somit der erste Pfarrer Unterjochs war. Nahezu 25 Jahre lang weidete er die Schäflein Unterjochs mit treuer Hutenliebe bis zuseinem am 12 .August 1887 in Unterjoch erfolgten seligen Tode. Ihm verdankt dicPfarr- gcmeinde Unterjoch sehr Vieles: die bereits erwähnte Erhebung der Kuratie zur eigenen Pfarrei, die Erbauung des prächtigen Helmthurmes, die Anschaffung eines neuen Geläutes, sowie schöner Kirchenparamente und große Opfer für Schule und Arme. Aus den Renten der Pfarrer Peter Paul Marttn'- fchen Schulsttftung wird das Schulgeld für alle Schulkinder bezahlt,^ ärmeren Kindern das Schulmaterial angekauft und alle Jahre ein sog. Kinderfest gehalten. Sein Andenken bleibt im Segen. — Wie von Hindelang her, so wird Unterjoch auch von Schattwald aus ( 2/4 Stdn.) viel besucht und gilt als ruhige, milde Sommerfrische. Das Gasthaus „zur Krone„ daselbst wird von den Touristen sehr empfohlen. Nicht weit vom Orte (20 Min.) befindet sich der stark frequentirte österreichische Weiler Reh- bach (s. Bild) in einsam idyllischer Lage mit zwei Häusern (das Haus bct der Kapelle mit einer Wein-Wirthschaft). Fünf Minuten hievon die sehenswerthe „Tuffgrotte" (s. Bild). — Nordöstlich von Unterjoch liegt das österreichische Pfarrdorf Jungholz (ehem. Filiale von Wertach) Dortselbst wirkt Herr Pfarrer Peter Paul Steinacher bereits ein halbes Jahrhundert (44 Jahre). „Dieser" — so würde Goethe sagen — „kennet das Leben und kennet der Menschen Bedürfniß". Von den Bewohnern Unterjochs dürfte wohl besonders gelten, was Herr Pfarrer Hopp in seiner Pfründcstatistik den Allgäuec Gebirglern nachrühmt: sie zeichnen sich aus durch freien, offenen Charakter und tiefe Religiosität. Kchleierfalt und Tropfhöhle bei Nrhbach. M - > -USA (Unsere Bilder zu vorstehendem Aufsätze sind nach Original-Aufnahmen von Gustav Baader, Photograph in Krumbach, in Autotypie hergestellt.) -- Altert ei. Ein deutscher Prinz macht seine Hochzeitsreise. Am herrlichsten Frühltngsnachmittage fitzt er mit seiner reizenden jungen Frau da droben im bayerischen Hochgebirge in der lauschigen Einsamkeit eines Tannenwaldes. „Ob'S wohl auf Erden zwei andere Sterbliche gibt, die so selig sind, wie ich und Du!" ruft er, nach oben blickend. Ein Wort gibt das andere. Man ergeht sich in theoretischen Betrachtungen aller Art und kommt zu dem Schlüsse, daß es für die Möglichkeit des Glückes gleich- giltig sei, ob man in der Hütte oder im Palaste wohne. Wie das Paar eben im besten Plaudern ist, kommt ein junger Bauer lustig singend des Weges daher. „Geliebter", raunt die Prinzessin ihrem Gatten in's Ohr, „laß uns den Landmann fragen, ob c" auch das Glück kennt wie wirl" Er winkt den Landmann heran. „Sagt, mein Freund," beginnt er, nachdem er den Menschen durch einige Vorfragen vertraulich gemacht, „seid Ihr eigentlich glücklich?" — „Wie meint der Herr das?" — „Nun, ob Ihr mit Eurem Schicksal zufrieden seid?" — „Freilich", versetzte der Bauer, „i wüßt not, was mir abging. I hab' mei gutes Auskommen, Frau und Kind sind, Gott sei Dank, gesund, Essen und Trinken schmeckt mir, und von Sorgen und Aerger weiß i halt nix." — „So", sagte der junge Prinz behutsam, „aber besinnt Euch einmal, habt Ihr im Ernste gar keine Sorgen? Erwächst Euch nie und nirgens einmal ein Verdruß?" — „Daß i nöt wüßt' l Höchstens, nun ja, das steht richtig. Manchmal — ja. . ." Die Prinzessin horchte auf. „Nun", ermunterte der Prinz, „sprecht ungenirt. Was habt Ihr zu klagen?" — „Ja", sagte der Bauer, sich hinter dem Ohr kratzend, „manchmal hab' ich halt was mit mei'm Weib! Schauen's, so am Sonntag. Unter der Woch' gang i halt nöt viel in's Wirthshaus; oder wenn i gang', trink i halt ein oder zwei Glas. Des Sonn tags aber, — Ihr wißt halt, wie's da geht. Da sitzt man bei einem guten Freund, und da kommt zu zwei Gläsern das dritte — und wenn der Förster kommt, trinkt wer auch a viertes oder a fünftes, und dann kommt der Herr Lehrer, der gar a lustiger Herr ist, und da trinkt mer a sechstes und a siebtes, und zuletzt kommt der Feldgendarm, der hat an Durscht, über den geht gar nir, und da trinkt mer a acht's und a neunt's und mach- mal auch a zehnt's und elft's . . . Und wann i nun gar a zwölfts trinke und komme heim und bin a bisse! fidel, dann fängt mei Weib an zu keifen und zu räson- nirenl" — „Was", unterbricht ihn die Prinzessin entrüstet, „Ihr wollt Eure arme Frau noch anklagen, wenn sie über Euch schändlichen Trunkenbold in Verzweiflung geräth? Ihr seid ja auf ganz abscheulichem Wege! Zwölf Glas? Und das erzählt Ihr mir mit lachendem Munde? Bedenkt Ihr denn gar nicht, daß bei solchem Lebenswandel schließlich der ganze Hausstand rückwärts geht, daß die Kinder mißrathen, wenn der Vater ihnen dieses schändliche Beispiel gibt? Könnt Ihr denn nicht vergnügt sein, ohne diese gräßlichen Ausschweifungen?" Da stößt der Bauer den Prinzen augenzwinkernd mit dem Ellbogen in die Seite und sagt mit verständniß- vollem Blick auf die erglühende Prinzessin: „Accurat die nämliche Hex', wie mei' Marie!" Spricht's und verläßt mit einem Jodler den Schauplatz. Die Erfindung des Weines. Unsere Zeit hat wahrlich große Erfindungen auszuweisen, nur schade, daß etwas zuviel in „Kunst" gearbeitet wird; es gibt Kunstwein, Kunsttabak, Kunstbutter, Kunstthee und mehrere andere Kunstprodukte, die zwar ihre Abnehmer, aber gewöhnlich nur bei Täuschung und Betrug finden. Je weniger man, wie Spötter behaupten, vom echten Wein zu sehen bekommt, desto interessanter mag es sein, von ihm zu hören; wir verweisen auf ein Büchlein des Dr. Georg Thudichum: „Traube und Wein in der Culturgeschichte", in dem u. A. erzählt wird, daß die Erfindung des Weines in Persien dem mythischen König Dschemschid zugeschrieben wird, der zwölf Jahre vor Salomo geboren ward und siebenhundert Jahre regierte. Zu Dschemschid's Zeit wurde auch der Purpursaft der Traube bekannt, der ein Stärkungsmittel der Lebensgeister und — so erzählt Mirchond — die beste Verschönerungstinktur der menschlichen Gesichtsfarbe ist. Man berichtet folgendermaßen über die Entdeckung des Weines. Die Traube, die lieblichste Frucht, hält sich nicht bei veränderter Jahreszeit, bei eintretender Kälte. Aber vielen gelüstete, auch im Winter und Frühling sie zu genießen. Also befahl Dschemschid, den Saft von den Häuten und Körnern abzupressen und ihn täglich vor sein Angesicht zu bringen, damit er auf dem Probestein des Gcschmackcs die Natur desselben versuche. Dieses that er, bis der Saft bitter wurde. Da bildete der König sich ein, jetzt sei er Gift, und befahl, das Gefäß zu verschließen. Nach diesem litt eine schöne und geliebte Sklavin an Kopfschmerz; sie beschloß zu sterben; hierzu wählte sie das wohlverschlossene tödtliche Gift. Da sie ein wenig davon getrunken, fühlte sie sich ermuntert und heiter, das Kopfweh ließ nach. Mehr trank sie, da schlief sie ein; sie hatte mehrere Tage nicht geschlafen. Einen Tag und eine Nacht schlief sie fort und erwachte gesund. Dies kam vor die Ohren Dschem- schids; seine Seele erfreute sich, er machte den Wein zu seinem gewöhnlichen Getränke. Weil viele Kranke davon gesund wurden, erhielt er den Namen Königs-Arznei. Ein schlecht rentabler Beruf. Bettler: Ich bitt', gnädiger Herr, geben Sie mir Arbeit! — Herr: Was ist Er denn von Profession?" — Bettler: Thurm- spitzen-Vergolder. Nitder-Uathsel. M 5. Areitag» den 17. Januar 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer vr. Max Huttler). Ire Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Bcnno. (Fortsetzung.) Das tiefe Stillschweigen, welches während des Vortrags in dem Saale geherrscht hatte, dauerte auch nach dem Schlüsse desselben noch einige Secunden lang fort. Aller Augen ruhten erwartungsvoll auf Eggenberg, der bei jedem neuen Paragraphen eine wachsende Unruhe verrieth. Er mochte sich auf hohe Forderungen gefaßt gemacht haben, aber solche Ansprüche, die für den Kaiser nicht nur demüthigend, sondern sogar in hohem Grade gefährlich erschienen, hatte er schwerlich erwartet. „Herr Herzog", nahm er endlich mit nicht ganz sicherer Stimme das Wort, „ich meine, Ihr verlanget zu viel!" „Zu viel?" unterbrach ihn Wallenstein rauh. „Nein, ich will nicht mehr und nicht weniger, als ich für meine Sicherheit beanspruchen muß. Dafür verspreche ich aber auch, das Banner mit dem Doppeladler siegreich vom Böhmerwald bis an die Grenzen des Reiches zu tragen." Auf Eggenbergs Angesicht spiegelte sich eine peinliche Verlegenheit ab. „Euer fürstlichen Gnaden", wandte er mit fast flehendem Ton ein, „werden mir Zeit lassen, nach Wien ...?" „Nicht einen Tag, nicht eine Stunde", fiel ihm der Herzog heftig ins Wort; „nicht einen Grad darf die Sonne sich senken, ehe ich ein Ja oder Nein aus Euerm Munde vernahm. Jetzt, sogleich müßt Ihr Euch entscheiden! Das Schicksal Deutschlands, ja des Erzhauses selbst liegt in Euerer Hand! Ich bin", fügte er düster hinzu, „des Hin- und Herzerrens müde. Die Häupter meines Heeres sind um mich versammelt, und der Stern, welcher meinen Pfad erleuchten soll, steht im Zenith!" „Wohlan denn. Herzog", antwortete Eggenberg, „es sei. Im Namen des Kaisers erkläre ich, daß alle gestellten Bedingungen erfüllt werden sollen. Nur eine Bitte möchte ich damit noch verbinden: zieht so bald als möglich und mit allem Nachdruck gegen den Feind! Es ist keine Zeit zu verlieren; jede Minute kann für die ganze Christenheit verhüngnißvoll sein." Wallensteins Augen funkelten vor Freude, und auch die anwesenden Obersten und Hauptleute vermochten ihren Jubel nicht zu verbergen, — sahen sie doch ihre kühnsten Wünsche erfüllt. „Hoch unser General! Vivat der Herzog und seine Armada!" riefen sie tobend durcheinander. „Nicht also, ihr Herren", unterbrach sie Wallenstein mit tönender Stimme; „wo ich bin, darf niemals ein anderer Ruf erklingen, als: Vivat Ferdinandus!" „Vivat Ferdinandus!" stimmten nun auch die Ofsiciere in dieses Losungswort ein mit einer Begeisterung, daß der Schall an den Ecken des großen Saales sich brach. „Zur Tafel jetzt, meine Herren", mahnte Wallen- stetn; „ich folge bald nach." Eine Minute später befanden sich der Herzog und dessen Gemahlin allein. „Endlich, endlich am Ziel!" triumphierte Wallenstein, als die Schritte der Abgehenden verhallt waren, mit leuchtendem Blick. „Ich hatte einen größer» Widerstand gegen meine Forderungen gefürchtet. Doch man braucht mich und macht deshalb gute Miene zum bösen Spiel. Fast reut es mich, daß ich den Preis nicht noch hoher gestellt. Der Kaiser hätte in seiner Verlegenheit jeden meiner Wünsche gewährt, wenn auch der Hof vor Eifersucht und Neid fast erstickt. Sahst du nicht Jsabella, mit welchem Widerwillen der alte Fuchs Eggenberg gegen den Stachel leckte? Er zählt unter «eine Freunde, und doch traue ich ihm nicht. Die Ergebenheit dieser Herren ist wie eine Wetterfahne: sie richtet sich nach dem Wind. Dürften sie ihren wahren Gesinnungen Ausdruck geben, dann sprächen sie ohne Zweifel in einem ganz andern Tone mit mir. Ich schere mich nichts mehr darum! Ob Freund oder Feind, nun trotze ich Allen. Irdische Hindernisse schrecken mich nicht. . . . Wer aber," fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu, „bürgt mir für den Beistand jener Gewalten, welche aus einer andern, unsichtbaren Welt in die unselige herüberragen? Ihr wohlwollendes Wirken muß, soll der Erfolg erzielt werden, mit dem unseligen verbunden sein. Ich glaube fest an diesen Zusammenhang der unsichtbaren mit der sichtbaren Welt, sowie an den Stern, ohne dessen erleuchtende Kraft und freundliche Hülfe auch der zu Höherem Berufene sein Ziel nicht erreicht." „Noch eines gibt es, Albrecht," sagte die Herzogin sanft, als Wallenstein schwieg, „das ich dir an's Herz legen möchte: folge immerhin deinem Stern am hehren Nachthimmel, doch mehr noch jenem göttlichen Strahl, der vom Schöpfer in dein Herz gelegt ist: der goldenen Sonne des Guten und der Wahrheit." „Was ist Wahrheit?" entgegnets Wollenstem mit düsterer Miene, „nnd wer vermag in dem Drängen und Wogen deS Lebens immer Gutes vom Bösen zu unterscheiden? Was heute als ein Verbrechen erscheint, wäre nach' hundert Jahren vielleicht eine Heldenthat, und den von der Mitwelt Gepriesenen schlagen die Nachkommen oft mit grausamem Hohn an's Kreuz. Der Kaiser hat mich an die Spitze eines Heeres gestellt, daS meinem Winke gehorcht, und mein fester Wille ist es, mit dieser Macht seine Feinde niederzuwerfen und ihn größer zu machen, als je einer seiner Vorfahren war! Ob dies Deutschland zum Wohl gereicht? Glaubst du, die Welt würde sich etwa schlechter befinden, wenn es mir nach Vernichtung der Gegner einfallen sollte, daß eine Herzogs- nnd eine Königs-Krone nicht sehr verschieden sind, und daß der goldene Reif der Libussa auch dem Haupt meines Kindes passend st chanschließen würde?" „Um Gottes willen, Albrecht," unterbrach ihn die Herzogin erbleichend, „wo denkst du hin?" „Sei ruhig," beschwichtigte Wallenstein, „es war nur ein Traum, der mir für einen Augenblick die Zukunft vorgaukelte. „Wenn du mich liebst, wenn dein Herz für die Ruhe und das Glück der Deinigen schlägt, wenn dein Seelenheil dir mehr gilt als irdischer Tand," mahnte Jsabella dringend, „so verbanne ein Gedankenspiel wie dieses! Nicht die That allein, sondern der Hochsinn, welcher selbstlos das Beste anstrebt, sichert die Bewunderung und Anerkennung der Nachkommen. Auch von dir soll man nicht allein sagen, daß du den Kaiser und das ganze Erzhaus gerettet, mau soll auch rühmend hervorheben, daß du es ohne Eigennutz und Selbstsucht gethan." „Und wenn man mich dann trotz aller Versprechungen und Verträge abermals wegwerfen wollte, wie ein schartiges Schwert, würdest du den gegebenen Rath nicht bereuen?" „Nie," bekräftigte die Herzogin warm; „was immer für die Zukunft von der Vorsehung beschicken sein mag, ich trage es muthig und ohne Murren mit dir. Nur weiche von dem Wegs der Wahrheit und des Nschts nicht ab, auch wenn die Waagschale deines Glückes abermals sinkt. Mögen Bosheit und Neid triumphireu, ihre Pfeile treffen uns nicht!" Der Herzog schwieg. Nach und nach heiterte sein Gesicht sich auf, und wie um den Nest der düstern Gedanken wegzuscheuchen, strich er wiederholt über die Stirne. „Mir ist nicht wohl in diesen Räumen," begann er nach einer Weile, „und ich gedenke nicht lange hier zu bleiben. Alles erinnert mich an Dinge aus vergangener Zeit. Es ist mir, als stände ich in diesem Schloß unter dem Einfluß eines bösen Dämons, der es sich zur Aufgabe macht, meine Wege zu kreuzen. Hätte nicht die Hoffnung auf Entdeckung der vermißten Papiere mich bewogen, ich würde keinen Fuß mehr in die unheimliche Burg gesetzt haben. Doch es ist Zeit zur Tafel. Sei heiter, Jsabella, und recht vorsichtig im Gespräch mit Eggenberg!" Sie verließen den Raum und schritten dem Speisesaale zu. Bei der Tafel herrschte fürstlicher Aufwand, und Alle sprachen mit sichtbarem Wohlbehagen dem Gebotenen zu. Nur Wallenstein und Eggenberg blieben mäßig und beobachteten eine auffallende Zurückhaltung. Nur schwach wurde in das von Wallenstein auf den Kaiser ausgebrachte Hoch eingestimmt, so daß der Gesandte desselben sich verletzt fühlen mußte, um so mehr, als bei Pappenheim's Trinkspruch auf den Herzog von Friedland, als die Seele der Armada, lauter Jubel aus- brach. Wallenstein hatte Mühe, die Begeisterung, welche ihm von allen Seiten entgegengebracht wurde, uiederzu halten. Er hob endlich, als Aeußerungen zu fallen anfingen, die nicht für Eggenberg's Ohr bestimmt waren, die Tafel auf. 4 . Georg war, um seinem speciellen Auftrag, der Aufspürung des vermißten Kästchens, alle Zeit widmen zu können, vom Dienst beim Herzog dispensirt, und ärgerte sich nicht wenig, daß er in Folge dessen das wichtige Ereigniß des Tages nicht Mitfeiern durfte. Um seinen Un- muth zu vertreiben, entfaltete er einen um so größeren Eifer in dem vertraulichen Amt. Er sah jedoch nachgerade ein, daß er auf dem bis jetzt eingeschlagenen Wege zu keinem Ergebniß kam. Wenn man das Kästchen absichtlich entfernt hatte, so mußte das offenkundige Vorgehen den oder die Diebe nur noch vorsichtiger machen. Er beschloß, in mehr versteckter Weise auf Kundschaft sich zu legen, um mit List das zu erreichen, was ihm durch Gewalt nicht gelang. Aus den Mittheilungen Lenchens über die HeirathS- angelegenheit hatte er den Schluß gezogen, daß Leßlie mit der Familie des Schloßvogts Ambrosius Kamatsch in vertrautem Verkehr stehe. Diese Spur schien ihm für seinen Plan nicht ohne Bedeutung zu sein. Vielleicht erhielt er durch Ausforschung der geschwätzigen Vögtin einen Wink. Da er den ihm stets wohlwollenden Leuten ohnehin einen Besuch schuldig war, machte er sich sofort auf den Weg. Als er vor dem Eingang in das Wohnzimmer ankam, hörte er eine männliche Stimme, die ihm bekannt schien. Er blieb nicht lange im Zweifel. Die Thüre ging auf, und mit strahlendem Antlitz zeigte sich die Frau des Schloßvogts. Die Augen der wohlgenährten Matrone bekamen bet dem Anblick des jungen Mannes einen noch Hellern Glanz. „Ei, du meine Güte," rief sie und schlug'die Hände zusammen, „daist ja der Junker Georg. Denkt nur, mein Martin ist auch von Sagan gekommen l Er bleibt ganze zwei Wochen oder am Ende noch länger bei nns. Spaziert nur hinein; ich gehe, um einen Trunk und Imbiß zu holen." Georg betrat das Zimmer und stand einem Manne gegenüber, der ungefähr in der Mitte der dreißiger Jahre sich befand. Er trug, gleich dem Leibjäger, die Abzeichen eines kaiserlichen Lieutenants, nur statt des Degens einen schweren Schleppsäbel. Der untere Theil deS Gesichtes war von einem dichten schwarzen Barte bedeckt. „Es freut mich, Georg," sagte Martin, „dich wieder zu sehen; du kamst ohne Zweifel mit dem Herzog hierher?" „Ja," erklärte dieser, „um wieder mit ihm zuziehen und zwar voraussichtlich sehr bald. Wie man hört, geht der Tanz in den nächsten Tagen schon los!" Ein Schatten flog über Martin's Gesicht. „Es ist eine verwünschte Geschichte," brummte er, „daß ich an euerm Siegeszug nicht Theil nehmen darf. Ich muß unthätig zuschauen, wie ihr euch mit Ruhm und Ehre bedeckt; denn ob die Herzogin hier bleibt oder ob sie nach Sagan zurückkehrt — ich bin vom Herrn bis auf weiteres ausschließlich zu ihrem Dienst comuiandirtl" Die Vögtin kehrte zurück. Sie brachte einen Humpen Wein mit drei Bechern und einen Teller mit kaltem Fleische. „So, jetzt nehmt Platz und laßt es euch schmecken," mahnte sie, als die Becher vollgeschenkt waren, „und dann erzählt! Mein Ambrostus ist leider nicht da," fügte sie hinzu; „ich habe ihn seit heute früh mit keinem Auge mehr gesehen; er weiß vor Geschäften nicht, wo ihm der Kopf steht! Nun, nun," schloß sie mit einem zärtlichen Blick auf den Sohn, „er thut alles gern, wenn eS seinen alten Beinen auch häufig schwer fällt; weiß er doch, daß er sich nicht umsonst plagen muß, und auch für wen!" Um Martin's Mund spielte bei dieser Andeutung ein zufriedenes Lächeln. Auch Georg befand sich über deren Sinn nicht im Zweifel. Es galt ja seit vielen Jahren schon in Großmeseritsch als eine ausgemachte Sache, daß der Sohn des Schloßvogts znm Nachfolger Leßlie's bestimmt sei. Man stieß an und trank. An Stoff zur Unterhaltung fehlte es nicht. Georg sah jedoch bald ein, daß er zur Erreichung des eigentlichen Zweckes seines Besuchs die Zeit nicht gut gewählt hatte. Es wollte sich keine Gelegenheit zeigen, die ihm zu einer Zwischenfrage Veranlassung bot. Gleichwohl benutzte er eine vorübergehende Entfernung Martin's aus dem Zimmer und ging direct auf sein Ziel loS. Das Manöver half ihm nicht viel. „Du meine Güte," hielt ihm die dicke Vögtin entgegen, „es würde mir in der That große Freude machen, Euch helfen zu können; aber von derartigen Sachen erfährt unsereins nichts. Man ist auch Tag und Nacht viel zu sehr mit Arbeit in Anspruch genommen. Ihr wißt ja, Junker, wie mein Alter so streng auf Ordnung und Pünktlichkeit sieht. So macht er's im Dienst und fast noch ärger daheim! Er ist nicht, wie ein Anderer, in seinen vier Pfählen Ehemann und Vater, sondern vom Fuß bis znm Scheitel nur Vogt. Es thut mir oft weh, daß er mich nicht wie seine beste Freundin, die ich ja doch ganz gewiß bin, sondern wie einen neugierigen Recrnten behandelt; allein er wird dadurch nicht besser gemacht. Doch", fuhr sie eifrig fort und trat einen Schritt näher, „vielleicht ist Euch mit einem guten Rathe gedient. Ich war heute früh auf dem Markt im Städtchen; da geht es zu, wie am jüngsten Tag. Da sind allerlei Gautler und Künstler, und von einer Wahrsagerin spricht man, die alles Vergangene und Zukünftige nur so an den Fingern herzählt. Der Wirth zum Rothen Hahn schwört bei seinem Namenspatron, daß es im ganzen Reich keine zweite so kluge und hübsche Person gebe als Marion, die Seherin vom heiligen Berg. Zu dieser geht; sie sagt Euch wo der Schatz versteckt ist!" Durch den Wiedereintritt Martin's wurde die gute Frau in ihrem Redeflüsse gestört. Sie schwieg, aber nur um Athem zu schöpfen und ihrem Mundwerk eine kleine Erholung zu gönnen. Sie fing gleich wieder an und ließ sich auch durch die Wahrnehmung nicht stören, daß Georg durchaus kein Interesse für ihren Wortschwall verrieth. Bei Martin brachten die Anpreisungen der Marktherrlichkeiten eine größere Wirkung hervor. Er äußerte sofort die Absicht, einen Besuch tM Städtchen zu machen. Georg, der augenblicklich nichts Besseres zu thun wußte, entschloß sich, ihn zu begleiten. Die Beiden sprachen noch eine Zeit lang dem Wein und dem saftigen Fleisch zu und verließen dann miteinander das Schloß. Sie schlenderten gemüthlich plaudernd den breiten Allee-Weg entlang, an dem der Lenz die mächtigsten Pappeln und wilden Kastanienbäume bereits mit üppigem Grün zu schmücken begann. Nach kurzer Wanderung erreichten sie die Stadt und befanden sich bald mitten in dem Wogen und Treiben, über das die Mutter Martin's nicht zu viel gesagt hatte. (Fortsetzung folgt.) --SL-M-LZ-«- Bor fmrfrmdMAzig Zähren. Von Friedrich Koch-Breuberg. (Fortsetzung.) Der 9. Dezember brach an, und obwohl man erwartet hatte, daß der Tag ein feiudeleeres Gelände erleuchten werde, sollte es bald an allen Stellen wieder donnern. Uns Bayern, so hatte der Grobherzog bestimmt, sollte die 22. Division ablösen, aber dazu kam es nicht. Es hatte nämlich bei Tavers an der Loire General Camü eine Division herangezogen, und Plänklerschwärme, gegen die Mecklenburger vorgehend, hätten diese Bewegung verschleiern sollen. Auch Le Mäs, in dem Truppen unserer 3. Brigade standen, wurde angegriffen. Nach Villechaumont war Befehl gelangt, sich sogleich zur Vertheidigung einzurichten. Mir lag vor allem daran, den Transport des Kameraden Rohlingen zu bewerkstelligen, der mit Hilfe des Arztes auch gelang. Von Villechaumont and fällt das Terrain gegen die Straße hin ab, aber nach allen anderen Seiten hin liegt Flachland vor. Rechts draußen befand sich eine Windmühle und vor der nunmehrigen Front in einiger Entfernung ein Waldsauw. Die gut gebauten Bauernhöfe ließen sich herrlich zur Vertheidigung einrichten, und ich erinnere mich einer Art Scheune mit Gallerie, von der aus man ein ausgezeichnetes Schußfeld hatte. Was im Frieden der Bauer dort aufbewahrte, blieb mir ein Räthsel. Neben mir vertheilte unser tapferer Max Josephs-Nitter Kraft die Leute des 2. Bataillons, und als sich unsere Vorposten vom Walde her zurückzogen, wurden auch schon die Nothhosen sichtbar. Links draußen stand im freien Feld ein französischer Munitionswagen, und eine Patrouille von der 11. Compagnie, welche nicht mehr ungesehen zurückgelangte, benützte ihn als Deckung. Wir ließen die Franzosen recht nahe herankommen und empfingen sie dann mit einem tüchtigen Schnellfeuer, so daß sie vorderhand alle Lust auf Villechaumont verloren. Nicht so mit dem Mnnitionsmagen, den sie vom Walde her wiederholt zu erobern suchten. Ein furchtbarer Knall machte dem Hin- und Herschkßen ein Ende—der Wagen war in die Luft geflogen und hatte natürlich unsere drei Mann getödtet. Nun eilte aber auch die Artillerie unserer Brigade von Beaumont her, und die Batterien Kriebel und Oel- hafen eröffneten das Feuer. Dann kamen die Dreizchner herbei und verstärkten die Stellung. Links draußen drang das Bataillon Schönhueb in den Weinbergen vor, so gut es ging. Erinnert man sich, daß die Bataillone fast ohne Offiziere waren, daß die Artillerie gestern ebenfalls enorme.Verluste an Material und Mannschaft erlitten — 36 — harte, so findet man erklärlich, daß unsere Lage nicht rosig war, zumal die Franzosen eine Ueberfülle an Munition und Menschen geradezu verschwendeten. Sie spickten die Bauernhöfe wieder mit Granaten. Uns gedeckt stehenden Infanteristen schadete das weniger, aber die bei der Windmühle frei dastehende Batterie Krickel wurde einfach kampfunfähig geschossen. Da kamen die Zweiund- dreißiger herbei und brachten Hilfe. Auch die Fünfund- ncunziger und zwei Batterien wurden von Oberstlieutenant v. Henduck vorgeführt, und gegen 10 Uhr drangen die Preußen bei der Windmühle, unsere Dreizehner links von Billechaumont vor. Es ist erwähnt, daß auch Le Möe morgens angegriffen wurde. Weil keine Artillerie zur Stelle war, schickten die Mecklenburger zwei Batterien zur Unterstützung unserer 3. Brigade. Unser 3. Regiment war dann hier vorgeeilt und hatte im Verein mit Abtheilungen der 17. Division die Franzosen zurückgewiesen. Als diese gegen Villorccau zurückwichen, folgten ihnen unsere Zwölfer, konnten aber vorderhand nicht weiter vordringen, weil die eigene Artillerie jetzt den Ort beschoß. Sowie aber das Feuer schwieg, führte Oberlieutenant Eugen v. Tausch sein Bataillon vor und vertrieb gegen ^ll Uhr den Feind, dem er an 100 Gefangene abnahm. Das 1. Jäger- Bataillon wandte sich dann gegen Villevert, wodurch es jene Franzosen bedrängte, welche den Dreizehnern gegenüberstanden, fand jedoch Mittags den Ort schon vom Feinde geräumt. Die Brigade Noth hatte aber ihre Stellung bei Villorccau später nochmals gegen einen Angriff der Franzosen zu vertheidigen. Die Batterien Neu und Carl, ähnlich mitgenommen wie jene der 4. Brigade, feuerten mit letzter Anstrengung, und die im Kirchhof postirten Zwölfer empfingen ebenfalls den Feind, daß er nicht Lust zeigte, wiederzukehren. Hiedurch war nach Mittag die Linie Villechanmont—Villevert—Vill- orceau durch die 2. bayerische Division erobert. — Das Gefechtsfeld, auf welchem die 1. Division focht, lag viel nördlicher. Ursprünglich trennte die Division Wittich die Bayern, da General v. Dietl mit seinen Brigaden bei Montigny stand. Den Dienst, welchen uns die Preußen bei Villechanmont leisteten, konnten hier die Bayern augenblicklich zurückerstatten. Das Füsilier-Bataillon vom Regiment Nr. 83 hatte irr- thümlich die Orte Layes und Beauvert verlassen, war nach Beaumont marschirt, und General v. Wittich, der von letzterem Orte aus. uns gerade Hilfe zukommen ließ, gab sogleich Befehl zurückzueilen, aber es war schon zu spät, da die Franzosen sich der Positionen bemächtigt hatten. Nun sollte das arme Bataillon zurückerobern, was es irrthümlich aufgegeben hatte. Glücklicherweise war General v. Orff in der Nähe, welcher sogleich eine Colonne unter Oberst Otto v. Schmidt gegen Launay entsandte. Zuerst fuhr die beigegebene Batterie Grundherr auf und bewarf die Orte mit Granaten, dann schwärmten die Nennerjäger aus, ein Bataillon Elfer folgte, und nun ging es einmal gegen Beauvert loZ. Ohne zu schießen liefen die Bayern an und nahmen das Gehöft. Aehnlich eroberte Major Böhe vom 11. Regiment Layes. Man richtete sich nun zur Vertheidigung ein, die Batterie suchte sich eine neue Stellung, und unterdessen marfchirte der Nest der Brigade herbei. Als nun gegen 11 Uhr der Feind heftiger zu drängen begann und Patrouillen zugleich meldeten, das nördlich gelegene Villermain sei auch wieder von Franzosen besetzt, ließ General v. Orff die Neunerjäger, welche sich verschossen hatten, durch das schwache Regiment Kronprinz ablösen. Gegen Villemain, das in der rechten Flanke lag, trat Artillerie in Action und waren außerdem von der Brigade Tüuffenbach zwei Bataillone des Leib-Regiments nebst den Zweierjägern nach Montigny gerückt. Da die Mecklenburger vom Großherzog Befehl erhalten hatten, dem Feinde in die rechts Flanke zu fallen, und da außerdem von Orleans her eine Division im Anmärsche war, schien es nur geboten, den eigenen rechten Flügel zu behaupten. Genera! v. Dietl, durch den Großherzog in dieser Hinsicht informirt, ordnete daher für den Nachmittag ein Vertheidigungsgefecht an. Die Brigade Orff wies durch wohlgezieltes Feuer jeden An- griffsverfuch der Franzosen zurück, und der ausgezeichneten Wirkung unserer Artillerie war es zu danken, daß die geplanten Umgehungen des Feindes immer im Beginne schon vereitelt werden konnten. Während also hier das Feuergefecht mehr oder weniger lebhaft geführt wurde, hatte die 17. Division unter bedeutenden Verlusten den befohlenen Vorstoß gegen den feindlichen rechten Flügel ausgeführt. Großen- theils mit dem Bajonnet war die Linie Villemarceau, Les Grottes bis Feruie de Feulard von dieser braven Abtheilung genommen worden. 3 Bataillone der Division Wittich unter Oberstlieutenant v. Heuduk waren um 4 Uhr ebenfalls in Villejouan und Origny eingedrungen. ' Es begann zu dunkeln und auf der ganzen Gefechts- linie verstummte allmählich das Feuer. Der Tag war für uns Bayern nicht so blutig wie der vorhergehende Schlachtentag gewesen, aber unsere schwachen Bataillone hatten doch wieder stundenlang im Feuer aushalten müssen. Die bayerische „Schuaid" war immer noch vorhanden, galt es, an den Feind zu rücken, aber wurde dann gesammelt und in die Quartiere gerückt, dann klappte alles zusammen wie die Taschenmesser. Hungrig, zerlumpt und halberfroren sammelte man, um an den Bestimmungsort zu rücken. Das Quartier bestand in Häusern, die mit Verwundeten überfüllt waren. (Fortsetzung folgt.) -----SAWSk- ALLerLer. Etn GlaSkünstler. In Hosterwitz bei Dresden starb vor einigen Tagen im hohen Alter ein eigenartiger Künstler, Herr Louis Blaschka. Die künstlerische Specialität, welche der Verstorbene ausübte, war die Nachbildung der zartesten Blumen- und Pflanzengebilde aus Glasmasse in den feinsten Farbennüanzierungen und so, daß durch den Augenschein eine Unterscheidung vom lebenden Original absolut nicht möglich war. Seine Schöpfungen in den letzten Jahren gingen als Unterrichtsmittel an das Unterrichtsministerium in Japan, sowie an das Museum der Universität Cambridge, für welche Blaschka in der letzten Lebenszeit ganz ausschließlich arbeitete. Der einzige Schüler des Verstorbenen, der einzige auch, der in die technischen Geheimnisse der Kunst eingeweiht ist, ist der Sohn Blaschkas, der sich zur Zeit auf einer Studienreise in Mexiko befindet. « k. 1896 . „Augsburger PostMung". Dinstag, den 21. Januar Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des i'iterarischen Instituts von Haas L Ärabderr in Augsburg lVorbesttzer vr. Mar Huttler). Die Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Benno. (Fortsetzung.) Der Frühjahrsmaikt war sonst für Großmeseritsch nicht von großer Bedeutung, dies Mal aber hatte das Hoflager des Herzogs mit seinen bunten militärischen Bildern eine große Menschenmenge selbst aus weiter Entfernung herbeigelockt. Auch auf die zahlreichen Vertreter der „freien Künste," die man hier noch nie in so großer Manigfaltigkeit gesehen, hatte die gleiche Thatsache eine besondere Anziehungskraft geübt. Namentlich eine in der Nähe des Stadtthores, in welches der Burgweg einmündete, aufgeschlagene Bude zog die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Sie zeichnete sich vor den übrigen durch unverkennbare Feinheit des zur Herstellung verwendeten Materials und hauptsächlich dadurch aus, daß über dem mittlern Vereinigungspunkt der spitz zulaufenden Leinwanddecken eine mächtige Fahne in den österreichischen und friedländischen Farben aufgehißt war. Eine gewaltige Tafel längs einer breiten Estrade war in grellen Farben mit Proben der verheißenen Leistungen von Schwertschluckern, Feuerspeiern, Ringkämpfern, Schlangenbändi- gern und dergleichen Kunstbeflissenen bemalt. Darüber aber prangte das Bild eines jungen Mädchens welches einen versilberten Schild in die Höhe hob, auf welchem in glänzender Goldschrift zu lesen war: „Marion, die begnadete Seherin vom heiligen Berg I" Außerdem versprach der Akrobat Leferrier aus Paris dem Publikum in Anschlagzetteln mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung einen Cyklus von Vorstellungen in der Magie und höheren Gymnastik, wie man sie in Großmeseritsch noch nie zu bewundern Gelegenheit gehabt habe. Georg und Martin waren vor dieser Bude stehen geblieben, weil sie durch das Gewühl der gaffenden Menge keinen Ausweg zu bahnen vermocht hatten. Ali und Jung ließ sich rings um sie her mit bewunderungswürdiger Selbstverleugnung durch eine Clarinette, zwei Trompeten, einen Dudelsack und eine riesige Trommel die Ohren zerreißen. Georg gedachte des Rathes, welchen die Mutter seines Gefährten ihm ertheilt hatte, und unwillkürlich regte sich in ihm die Lust, die Kunst der Prophetin auf eine Probe zu stellen. Er theilte Martin seinen Entschluß mit. Dieser schüttelte mit abweisendem Lächeln den Kopf, erklärte sich aber doch zum Mitgehen bereit. Sie traten ein. Ein kleines viereckiges Gemach nahm sie auf. Augenblicklich befand sich außer ihnen Niemand darin. Ein blauseidener Vorhang schloß im Hintergrund einen etwas erhöhten Raum ab. Eine Minute ungefähr war vergangen, da vernahmen die Beiden den hellen Ton eines Glöckchens; der Vorhang wurde zurückgestreift und vor ihren Augen erschien ein fesselndes Bild: unter einer Art Thronhimmel ruhte malerisch hingegossen auf schwellendem Divan ein jugendliches weibliches Wesen, dessen ungewöhnliche Schönheit durch die Pracht des phantastischen Costumes noch mehr hervorgehoben wurde. Ein Korallenhalsband schlang sich um den Nacken; die Arme waren von einem Kranz reich- gefaßter Türkise und Amethyste umspannt, und auf dem wie ein dunkler Schleier herabfallenden, glänzend schwarzen Haare, das zu den elwas bleichen Wangen im reizendsten Gegensatz stand, funkelte ein goldener Reif. Gleich Sternen blitzten unter kühngeschwungenen Brauen die dunkelglühenden Augen hervor. Georg und Martin standen wie gebannt und wurden erst durch die freundliche Aufforderung der Seherin, näher zu kommen, aus ihrer Ueberraschung gerissen. Martin trat vor. Das Mädchen ergriff seine Hand, betrachtete sie aufmerksam und schrieb dann eine Anzahl Worte auf ein Blättchen Papier, das sie mit einem anmulhigen Neigen des Kopfes dem jungen Mann übergab. Georg hatte dem Vorgang kaum Beachtung geschenkt; er war noch ganz in das Anschauen des reizenden Mädchens versunken. Erst als Martin ihm einen Wink gab, trat auch er vorwärts. Er war im höchsten Grade verwirrt und dachte gar nicht mehr an den Zweck, der ihn in die Bude geführt hatte. Mechanisch reichte er dem Mädchen die Hand, und fast unbewußt nahm er den Zettel; er wandte kein Auge von ihr! Als die Seherin auf ein Glockenzeichen plötzlich wieder hinter dem wie durch Zauberkraft sich schließenden Vorhang verschwand, fuhr er wie aus einem Traume empor. Martin zog ihn fort. Er sah sich wieder mitten in dem Gewühl, wußte jedoch kaum, wie er aus der Bude gekommen war. Die schallende Stimme eines kleinen, beweglichen Mannes, der in Harlekinstracht den Beginn einer Vorstellung verkündete, brachte ihn endlich zu sich. Beide bekamen einen Platz in der vordersten Reihe, unmittelbar 38 an der Arena, welche nur durch ein dünnes Seil von dem Zuschauerraum abgesperrt war. Die Vorstellung begann. Sie vermochte jedoch das Interesse des jungen Leibjägers wenig zu fesseln, obgleich die Leistungen der verschiedenen Künstler mit reichem Beifall belohnt wurden. Er wurde den überwältigenden Eindruck, welchen die schöne Wahrsagerin auf ihn gemacht hatte, nicht los. Vergeblich hoffte er von Scene zu Scene auf deren Erscheinen; die Vorstellung ging bereits ihrem Ende entgegen und immer zeigte sich Marion nicht. Da entstand eine Bewegung hinter dem Vorhänge, welcher die Künstler vor den Blicken der Zuschauer verbarg. Die Musikanten stellten sich in Positur; eine schmetternde Fanfare ertönte, und auf dem durch die Arena in ziemlicher Höhe gespannten Seile kam Marion in reicher Pagenkleidung, ein silbernes Stäbchen balan- cirend, mit zierlichen Schritten, selbstbewußt und sicher daher. Ein unmuthiges Lächeln spielte um den rosigen Mund und aus den tiefen Augen glühte ein berückender Strahl. Georg verschlang fast mit den Augen die holde Gestalt. Da, gerade als sie in die Nähe des Platzes kam, auf dem er sich befand, begann sie zu schwanken und siel mit einem schwachen Aufschrei herab — in die ausgebreiteten Arme Georg Selkow's, der sie gerade im richtigen Augenblicke auffing. Das Beifallsrufen der Menge übertönte die leise geflüsterten Dankesworte der schnell wieder sich fassenden Marion, die nach einer flüchtigen Verbeugung hinter dem Vorhang verschwand. Die Vorstellung war vorüber. Die Zuschauer drängten sich aus der Bude und verzogen sich rascb nach allen Richtungen. Ein großer Theil nahm den Weg nach einem massiv gebauten, alterthümlichen Hause, aus dessen obern Gelassen lustige Musik erscholl. An der Kante dieses Gebäudes hing an einem eisernen Krahnen ein mächtiger Kranz, in welchem die Gestalt eines Hahns sich breit machte. Er mochte vor Zeiten vergoldet gewesen sein, wenigstens bemerkte man noch einige, wenn auch stark verwitterte Spuren davon. Aber der der- malige Besitzer, Petrus Schwenkborn, hatte das ganze Gehänge roih anstreichen lassen und dadurch bewirkt, daß sein Gasthaus vom ehcmaligeu „Goldenen" zum „Rothen Hahn" herabgestiegen war. Georg und Martin waren ohne bestimmten Plan ebenfalls in die Nähe dieses Wirthshauses gekommen. Vor der breiten Pforte hielt Letzterer den Gefährten, der ohne weiteres eintreten wollte, zurück. „Höre, Georg," sagte er in einem Tone, der etwas boshaft klang, „was geht denn mit dir vor? Ich glaube, die hübsche Kleine hat dich verhext! Ich redete dich schon drei Mal an, bekam aber bis jetzt keine Antwort. Wärest du mir nicht als ein verständiger Bursche bekannt, so hätte ich dich stark im Verdacht, du seiest auf dem besten Wege, tolle Streiche zu machen." Georg erröthete. Er blieb stehen, erwiderte aber nichts. „Da du ein gelehrter Mann bist," fuhr Martin fort und holte den Zettel, welchen er in der Wahrsagerbude bekommen, aus der Tasche hervor, „kannst du mir vielleicht sagen, was dieses Geschreibsel bedeutet, ich werde nicht klug daraus. Die Hexe hat uns offenbar zum Besten gehabt, und ich opferte meinen Zehner umsonst!" Georg nahm den Zettel und erkannte sofort, daß es ein in französischer Sprache geschriebener Satz war. Den Sinn verstand er jedoch nicht. Denn, hatte er seiner Zeit auch an der Klosterschule als ein annehmbarer Lateiner gegolten, mit den welschen Sprachen kam er niemals zurecht. Er musterte nun seinen eigenen Zettel und fand, daß er demjenigen Martin's vollkommen glich. Erstaunt war er über die zierliche Handschrift. In der That mußte es in hohem Grade auffallen, daß ein junges Mädchen in so eigenthümlichen Verhältnissen, wie Marion, so zu schreiben verstand. Ein neuer Schwärm Menschen drängte in diesem Augenblick gegen das Gasthaus heran. In dessen Mitte erblickte Georg Marion, welche noch das kleidsame Pagengewand trug. Sie hatte einen Degen umgeschnallt. Ungeduldig forderte er Martin, als er die Kleine durch die Wirthshausthüre verschwinden sah, ebenfalls zum Eintreten auf, und mit einem spöttischen Lächeln entsprach der Lieutenant dem Wunsch. Sie traten in die untere Stube, fanden sie aber fast vollständig von Gästen besetzt. Nur ganz in der Ecke, neben dem nach dem Hofraum hinaus gehenden Fenster, sahen sie an einem einzeln stehenden Tischchen einen Mann, an dessen Seite sie kurz vorher Marion bemerkt hatten; es war der Harlekin aus der Akrobatenbude. Martin nahm neben ihm Platz, Georg dagegen ging unter einem Vorwande wieder hinaus, obgleich der Künstler bei ihrer Annäherung auch für ihn einen Stuhl zurecht gestellt hatte. „He, he, Monsieur!" rief dieser eifrig dem Davonschreitenden nach und wollte ihn festhalten, was ihm aber in dem zum Erdrücken vollen Raum nicht gelang. „Hier ist noch Platz, hier, hier!" Der Leibjäger hörte ihn in dem lauten Stimmengesumme nicht mehr. „Ein wackerer Herr, Euer Freund," wandte sich der Harlekin nunmehr zutraulich zu Martin. „Hat heute durch seine Bravour mick und die kleine Marion vor großem Schaden bewahrt. Er kommt doch wieder, nicht wahr?" Mit diesen Worten versteckte er den unbesetzten Stuhl geschickt so hinter dem Tischchen, daß keiner der übrigen Gäste ihn wahrnahm. Martin erklärte, daß sein Gefährte sich voraussichtlich nur auf einige Minuten entfernt habe, um eine kleine Umschau zu halten. Ein wohlgefälliges Lächeln spielte um des Harlekins Mund. .Ein prächtiger Herr," wiederholte er. „Trinken wir auf seine Gesundheit, er verdient meinen innigsten Dank! . . . Ihr seid wohl auch ein Offizier imFried- ländischen Dienst?" fuhr er fort, nachdem er mit Martin angestoßen und einen bescheidenen Schluck aus seinem Glase genommen hatte, und musterte lauernd des Lieutenants Gestalt. „Ein großer Mann, dieser Herzog; er hat sein Versprechen gehalten und zu Stande gebracht, was ihm so bald Keiner nachmacht!" Da Martin, ohne etwas zu sagen, nur mit einem flüchtigen Nicken seine Zustimmung gab, trug der mund- fertige Mann auch sürder die Kosten der Unterhalung allein. „Ist hoher Besuch von Wien im Schloß, nicht wahr? Wird wohl jetzt bald wieder losgehen? Es wurde ja, wie man hört, das beste Einvernehmen zwischen dem Wiener Gesandten und dem Herzog erzielt? . . . Nun, das ist recht! Der kaiserliche Mantel bekam in der letzten Zeit manches Loch, und es ist Zeit, daß Einer kommt, der ihn flickt!" Er lachte laut über seinen Witz und spähte unter den halb geschlossenen Lidern hervor nach Martin's Gesicht; aber der Lieutenant, welcher überhaupt nicht viel Worte zu machen gewohnt war, blieb abermals stumm. „Euer Freund," nahm der unermüdliche Mann nach einer kleinen Pause das Gespräch wieder auf, „gilt, wie es scheint, bei dem Herzog sehr viel. Habe den Einzug des großen Feldherrn gesehen und dabei reckt gut bemerkt, wie herablassend und freundlich der junge Leibjäger von dem Gewaltigen gegrüßt worden ist. Glaubt mir, Mann, der bringt es noch weit! Es bedeutet immer etwas, wenn ein großer Herr so gar gnädig und zutraulich ist!" Georg kam soeben mit ärgerlichem Gesicht zur Thüre herein. Er sah Martin bei dem Kleinen, den er, wie das plötzliche Aufleuchten seiner Aug?n anzeigte, nun auch erkannte, und schritt rasch auf die Beiden zu. Mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit dankte er für den Gruß des Harlekins und machte von der Einladung desselben, auf dem schnell wieder zum Vorschein gebrachten Stuhl Platz zu nehmen, mit sichtlicher Genugthuung Gebrauch. Geschickt wußte Jener das Thema über den Herzog und die bevorstehenden Actionen weiterzuspinnen, und Georg theilte ihm ohne Rückhalt mit, was er wußte. Einerseits siel es diesem gar nicht ein, bei dem Acrobaten für den Gegenstand ein besonderes Interesse zu suchen, anderseits ging seine Bereitwilligkeit zur Auskunftertheilung aus dem Bestreben hervor, auch Jenen zur Beantwortung von Fragen geneigter zu machen. Anfangs suchte er vergeblich nach einer passenden Einleitung, bis ihm Martin zu Hülfe kam. „Ei, guter Herr," sagte dieser und zog seinen Zettel hervor, „Ihr könnt mir ganz gewiß sagen, was dieses Papierchen enthält, das ich von der hübschen Seherin in Euerer Bude bekam; ich denke, daß Ihr doch auch so eine Art Schwarzkünstler seid I" Der Harlekin, welcher sich den Beiden nunmehr als Louis Leferrier, Director der Akrobaten-Gescllschaft, vorstellte, lachte vergnügt. Es schien fast, als habe er auf diese Frage gewartet. Er nahm das Papier in die Hand. „Gewiß," erwiderte er, „es ist ein französischer Vers und heißt: „Hoch steigen willst du, Freund, Es sei dir auch bescheert. Doch denk': die Hohen sind Oft nicht bcneidensnerth." „Bravo!" rief Leferrier und gab dem Lieutenant das Orakel wieder zurück; „das ist eine Aussicht, mit der man trotz dem versteckten Aber zufrieden sein kann." Auch Georg ließ sich sein Zettelchen übersetzen. Der Inhalt lautete ebenfalls in gebundener Form: „Durch Blut und Thränen führt dein Pfad In Sturm und Kampf hinein; Doch wanke nicht; die Liebe wird DeinJreuer Schutzgeist sein!" Cardinal Dr. Johannes Halter, Fürst-Erzbischof von Salzburg. Ein banges Gefühl, das selbst durch das Lachen des Akrobaten und Martin's boshaften Wink nicht sofort verwischt wurde, beschlich Georg's Herz bei diesen Worten, obgleich er der Spielerei keine Bedeutung zumaß. Doch hielt die ernste Stimmung nicht lange Stand, um so weniger, als der Künstler nunmehr ohne Weiteres das Thema berührte, welches so ganz seinem Wunsche entsprach. „Ja, ja," sagte er schmunzelnd, „die Marion ist ein Teufelsmädchen, ein wahrer Schatz, der Goldes werth ist! Wo sie nur in der Geschwindigkeit die hübschen Verschen hergebracht hat? Denn," fügte er mit einem Augenblinzeln hinzu, „nicht jedem geht's so gut wie Euch! Mit den meisten ihrer Kunden macht sie kurzen Proceß." Als Georg seine Verwunderung über die Kunstfertigkeit des Mädchens im Schreiben aussprach, antwortete der Franzose nicht ohne Stolz: „Aha, das hättet Ihr nicht in meiner Bude gesucht! Meine Nichte ist aber auch keine gewöhnliche Gauklerin, sondern ein Wunderkind, in dessen Familie die geheimnißvolle Gabe sich vererbt; und daß ist sie," fügte er mit einem Seitenblick auf Georg hinzu, „sittsam und brav. Der Mann ist wahrlich zu beneiden, den sie einst mit ihrer Hand und ihrem Herzen beglückt." Die Musikanten, welche bis jetzt in den obern Räumen gespielt hatten, drängten sich zur Thüre herein und machten einen Lärm, daß man sein eigenes Wort nicht mehr vernahm. Martin erhob sich. Es fing an zu dämmern, und er hielt es an der Zeit, nach Hause zu gehen. Georg konnte, obgleich er gern noch manche Frage gestellt hätte, nicht wohl zurückbleiben. Er reichte dem Akrobaten zum Abschied die Hand. Die Augen Lcfcrrier's ruhten mit dem Ausdruck eines ungewöhnlichen Interesses auf ihm. „Auf Wiedersehen," sagte er; „ich hoffe, daß die Herren mich bald wieder mit ihrer Einkehr beehren. Ich bleibe voraussichtlich auch nach dem Schluß des Marktes noch einige Tage lang hier. Vielleicht macht es Euch Freude, meine seltene Waffensammlung zu sehen, oder kann ich mit sonst etwas dienen? Von Herzen gern bin ich zu jeder Erkenntlichkeit für die mir erwiesene Freundschaft bereit!" Während Martin die Einladung mit einem stummen Kopfnicken zu beantworten sich begnügte, versprach Georg bestimmt, am folgenden Tage wieder zu kommen. Dann entfernte er sich. Die Beiden bemerkten beim Verlassen des Wirthshauses nicht, wie Marion vorsichtig und leise vom Fenster weghuschte und sich unter den tief herabhängenden Zweigen eines seitwärts stehenden Lindenbauwes verbarg. Sie besaßen auch keine Ahnung davon, daß das Mädchen ihr Gespräch mit dem Akrobaten belauscht hatte und nun mit glühenden Augen die Gestalt Georg's verfolgte, bis dieser an der Biegung des Weges ihren Blicken entschwand. 40 Georg trat den Heimweg an mit dem festen Entschlüsse, dem Künstler sein Wort zu halten. Sicher erreichte er dann seine Absicht, das seltsame Wesen naher kennen zu lernen, durch welches seine Einbildungskraft jn einen so stürmischen Aufruhr versetzt worden war. Trotzdem war er nicht um die Ruhe seines Herzens besorgt. Was er unter dem Zauber ihrer Erscheinung empfand, hatte nichts mit dem wonnigen Gefühl erwachender Liebe gemein; es war mehr eine Art berückender Scheu, etwas wie die Ahnung einer unbestimmten Gefahr. Und doch zog es ihn mit Macht zu ihr hin. Durch den Anruf des Thorwächters wurde er aus seinem Sinnen geschreckt. Fast unbewußt hatte er an der Seite Martin's, von dem er auch nicht durch ein Wort in seinen Träumereien gestört worden war, die in das Schloß führende Zugbrücke erreicht. Der Lieutenant gab die Losung, und sie passierten das Thor. Während Letzterer der Wohnung seiner Eltern zuschritt, begab Georg sich nach dem westlichen Flügel, wo der Herzog von Friedland sein Hoflager hielt. 5 . Eine sternenhelle Nacht folgte dem Abend, der über Großmcserilsch das Füllhorn des Glückes und der Freude in so reichem Maße ausgegasten. Es war schon ziemlich spät, und die meisten der angeheiterten Zecher hatten sich zur Ruhe begeben. Der Herzog fühlte noch keinen Schlaf. Einsam stand er an einem geöffneten Fenster des Vorzimmers zu seinen Gemächern und blickte zu dem sternenbesäeten Himmel hinauf. Tiefe Stille herrschte ringsum. Selbst die beiden wachthabenden Arkebusiere hatten ihren einförmigen Gang auf dem Pflaster des Schloßhofes unterbrochen und in ihren Häuschen Schutz gegen die empfindliche Nachtluft gesucht. Nur von Zeit zu Zeit hörte man das leise Picken des die Fensterbrüstung zernagenden Holzwurmes. Lange war der Herzog unbeweglich auf seinem Platze gestanden, da tönte aus dem anstoßenden Zimmer der Schlag einer Uhr. „Endlich," sagte er halblaut zu sich und blickte durch das Fernrohr, welches in der Fensternische befestigt war. „Kcpler hat Recht, die Konstellation ist genau so, wie sein Brief sie andeutet," murmelte er und trat mit gefurchter Stirne in's Zimmer zurück. „Ein geheimer Feind steht mir gegenüber; drohend erhebt sich ein mächtiger Arm gegen mich. Dies ist die Hand, vor deren Schlag er mich gewarnt hat. Mein Stern steht im Zenith, wagte ich heute zu sagen; es war nur Ver- messcnheit, ein Frevel, für den vielleicht nur zu bald die verdiente Strafe mich ereilt I" Er schwieg und starrte gedankenvoll vor sich hin. „Ein Gegner schleicht auf unsichtbaren Wegen heran," fuhr er dann wieder fort. „Ich bezweifle es nicht. Aber wer, wer sollte sich erkühnen, in diesem Augenblick, da die ganze Welt auf mich schaut, da das Schicksal ganzer Nationen in meine Hand gelegt ist, ein Hinderniß meiner Pläne zu sein? Ich habe Feinde in Wien, das weiß ich wohl; aber gleichwohl brauche ich nichts von dorther zu fürchten; sie können mich jn nicht entbehren. Ein Unglück droht mir, das ahne ich; aber woher, woher soll es kommen?" Der Herzog war wieder an's Fenster getreten und richtete seine Augen wie fragend auf die schimmernde Pracht am Sterncnhimmel. Da erhielt er einen so heftigen Schlag auf den Rücken, daß er fast in die Kniee sank. Einen Augenblick war er wie betäubt. Dann aber schnellte er mit dem Rufe: „Was ist das!" empor und drehte sich um. Doch nirgends zeigte sich eine Spur von einem lebenden Wesen. Das Zimmer war leer. Todten- stille herrschte im ganzen Schloß. Wallenstein hatte sich wieder an's Fenster gestellt. Er athmete schwer; kalter Schweiß perlte auf seiner Stirne, und die Gesichtszüge waren unheimlich verzerrt. „Ihr ewigen Mächte," stöhnte er, „ich bin verloren. Das war die verhängnißvolle Hand, deren Schlag den Anfang des Endes kund that!" Noch eine geraume Zeit blieb er in dumpfes Brüten versunken, dann wankte er nach der nächsten Thüre, durch die er verschwand. Am folgenden Tage befand sich auf Großmeseritsch alles in der größten Bestürzung. Der Herzog, hieß es, sei plötzlich erkrankt. Es war ein erschütternder Rückschlag nach der allgemeinen Lust. Wunderlich widersprechende Gerüchte verbreiteten sich. Die Einen sprachen von einem Schlaganfall, der ihn getroffen, Andere wollten ihn am frühen Morgen noch an seinem Fenster auf und ab wandelnd erblickt haben, und wieder Andere meinten, da von der Beiziehung eines Arztes nichts verlautete, er sei überhaupt nicht krank, sondern habe über Nacht eine unangenehme Nachricht erhalten. Auf alle Fälle stand die Thatsache fest, daß der Herzog seine Zimmer auch nicht auf eine M^irte verließ und weder Speise noch Trank zu sich nahm. Nur seine Gemahlin, der Astrologe Seni, Pater Vincenz und Georg Selkow hatten Zutritt zu ihm. Auf diese Weise gingen drei Tage vorüber. Es waren mehrere Courriere mit Depeschen gekommen; sie erhielten aber weder Abfertigung noch Antwort und harrten unverrichteter Dinge im Städtchen auf Bescheid. Rings um das Schloß herrschte eine unheimliche Stille. Wer nicht aus- und eingehen mußte, hielt sich fern. Um neugierige Besucher abzuhalten, wären die Schildwachen nicht nöthig gewesen. Der unerwartete Zwischenfall hatte Georg einen Strich durch die Rechnung gemacht. Von einem Besuch bei dem Akrobaten konnte keine Rede mehr sein. Ueber- dies glaubte er bezüglich der verschwundenen Documente eine neue Spur gefunden zu haben, die ganz seiner geheimen Erwartung entsprach. So kam es, daß das Bild Marion's allmählig in den Hintergrund trat. (Fortsetzung folgt.) - tE-I—- „Im Löllingsiraben." Lustiges aus dem Jäger leben. „Der Jager hat g'schoff'u, Hat aber 's Schiaß'n nöt kennt, Und hat bei der G'legenheit Sein Schnauzer verbrennt." Wenn bei uns daheim, im Kärntnerlandl, der Hirsch den letzten Schrei thut, liegt auf der Schattseiten schon recht viel Schnee. Wo die Sonne noch hin kann, da geht's noch an, aber auf der Schattseiten mag man schon fast erfrieren. 8»!» Iirrsl^! ccr::'.ar.:jü?cr LNavcn. Iiach dem Gen'.cildc vcr. R. Ccgghr. Vorn breiten Bergesrücken treibt der Sturmwind den feinkörnigen Schnee weg, daß es nur so tobt. Wo er ihn nicht mehr weiter tragen mag, läßt er ihn liegen, und so gibt es oft an Stellen meterhohe „Schneewahden", wo sonst im Juni der Schildhahn noch sein „G spusi" treibt. Um diese Zeit ist dann das Wild in einem Rudel beisammen, Hirsch und Thier und das „kloane Gschmoaß". Vielleicht, daß es ihnen wärmer ist, wenn sie beisammen sind. — Da stehen oft in einem Wald- schachterl, wo es hübsch windruhig und schneefrei ist, und wo also auch eine Aesung vorhanden ist, gegen hundert Stück beisammen. Wenn man es nun schön still und vorsichtig angeht, so kann man leicht ein schönes Jagdl ohne viel Umständ machen. Zwei, drei Schützen auf der Höh' und ein Treiber richten es leicht, und wenn man auch heute das Wild da austrcibt, in ein paar Tagen steht es wieder auf demselben Fleck. Es wird so Anfangs Dezember gewesen sein, kommt in der Früh in einem Saus der Oberförster mit seinem Gehilfen zu mir und sagt: „Du Hans, wir brauchen zwei Stück Wild, und das heute noch." „Das paßt mir ganz gut", sag' ich, „im Löllinggraben, im Tannwald hab' ich heute Früh so etliche sechzig Stück gezählt, die kommen uns nicht aus; wenn Sie nur einen anderen Gehilfen mitgebracht hätten, aber der Franzl da trifft ja nichts und zum Treiben ist er z'dumm." „Ja, weißt," sagt der Oberförster, „heute ist es gar so schnell hergegangen, und zum Rucksacktragen ist der Franzl auch gut. Schießen werde schon ich, der Franzl soll nur unten den Ausbruch versperren; ich gehe auf die Höh', und wenn Du mich dann oben siehst, so geh' in den Graben und mache das Wild „reglich". Also gehen wir!" „Schon recht, so machen wir's", sagte ich, „ja, aber was haben denn Sie da für einen Hund mit? Das ist ja Ihr Waldl nicht!" „Der Waldl ist krank und ist z'Haus," sagte er, „und da hab' ich beim Hergehen den Hirschenwirth seinen Philax mitgenommen. Er lobt ihn gar so viel, das große, rothe Luder, und hat mich gebeten, wir möchten ihn öfters mitnehmen, er „verbellet" nämlich jeden Hirsch, und weil es mir eben gerade paßte, so habe ich ihm den Gefallen gethan." „Aber den lassen Sie nur beim Franzl", sagte ich, „und wenn ?ie etwas abschießen, dann rufen Sie ihm nur zu. Also, Adjes — Pfiat Gott!" Wie sie nun eine Weile fort waren, zog ich meine ledernen Schneestrümpfe an, stopfte mein Pfeifchen und machte mich auf den Weg. Die haben weiter zu gehen, und da kann ich mir schon Zeit lassen, dachte ich, sonst wird's mir kalt, weil ich in die Schattseiten hinein mnß. Auf einem Baumstock bleib' ich sitzen und schaue mir die Lage an. Der Oberförster ist eben schon auf seinem Stand, der Franzl mit dem Hund, das rothe Naben- vieh leuchtet wie eine Eiscnbahnlaterne, hockt auch schon auf dem rechten Platz. Ich fang nun an, das Wild „reglich" zn machen, und bald sehe ich dasselbe schön vertraut zum Oberförster seinen Stand sich hinziehen. Auf einmal kracht's, ein Thier purzelt den steilen Abhang herab in den Bach hinein, ein guter Schütz, der Oberförster! Wiederum Rauch — und ein angeschossenes Stück rennt gerade auf den Franzl zu, der übrige Rudel aber in wilder Flucht auf und davon. Der Franzl, — hat er g'schlafen oder, wer weiß, ivas er gemacht, erschrickt, will schießen und kommt nicht „z'samm". Derweil reißt der Hund aus und mit einer Mordslanten dem angeschweißten Stück nach. Ich seh' noch, wie Alles abwärts in den Wald hineinjagt, Thier und Hund und der Franzl nach in großen Sätzen, — auf einmal verschwindet Alles, und ich sehe nichts mehr. Zwei Stunden später sitzt der Hirschenwirth in seiner Wirthsstuben drinnen. Ein großer, fetter Mann, wie es sich ziemt für einen Wirth. Zur Winterszeit ist er jedesmal seine beste Kundschaft selbst gewesen. Heute hat er eine Halbe Wein auf dem Tische und simulirt. Was er gedacht hat, das kann ich nicht genau sagen, aber wahrscheinlich ist's, daß er nichts gedacht hat. Auf einmal geht die Thür auf und in einem Sprung kommt der Franzl herein, hängt das Geweih und des Oberförsters Rucksack in ein End der Stube auf das Hirschgeweih auf, geht zum Tisch, wo der Wirth gesessen ist und sagt ganz herrisch: „Wirthshaus! a Halbi Wein!" „Schaut's, der Herr Franzl!" sagt der Wirth und bringt den Wein. „Schon dahoam von der Jagd? Js denn schon gar?" „I waß nöt", sagt der Franzl und trinkt die Hälfte Wein aus. „Ja, bist Du denn nöt dabei g'west, Herr Franzl", meinte der Wirth und richtete sein grünes Kappel, welches sich beim Simuliren etwas verschoben hatte, zurecht." „Ja", sagt der Franzl, „i bin dabei g'west." „Und da waßt nöt, ob's gar is? Wo sind denn die Andern blieb'n?" „I waß nöt", sagt der Franzl, „i bin früher fort, bin nix zn se kemma." „Dös is aber kurios", sagt da der Wirth, „is wos passirt?" „Mir is wos passirt", entgegnete der Franzl. „No, wos denn?" fragt neugierig der Wirth. „I hab' was trosf'n", sagt der Franzl, „noch nia hab' i sunst wos trosf'n, heunt aber hab' i wos trosf'n!" — „Gratalir", sagt da der Wirth, „na, döß is g'scheidt! Da muaß i do glei a Halbi vom „Bessern" aufitrag'n. Mäaß'n ja G'sundheit trinken! Gratalir! Dö Halbi kommt nöt auf die Thür wird nöt auskleidet; Herrn Franzl sein Ehrentag als Hundschaft muaßj^man ja feiern!" Der Hirschenwirth bringt den Wein, schenkt ein, und der Franzl trinkt aus. „Hiatzt wird's schon besser geh'n, wirst a mehr Anseh'n hab'n bei de Jaga, weil'st a doch Mal was g'schoss'n^ hast. Na — und was hast denn da- schoss'n?" „An Hund!" sagt ganz ruhig der Franzl. „O Du himmelblaues Dunnawetter", schreit der Wirth und sauft g'schwind den Rest vom „Bessern" selbst aus. „Und was denn für welchen?" „Den „Dein"", sagt' da der Franzl. - -- —- 43 Zu unseren Bildern. Cardinal I)i . Johannes HaUer, Fiirft-Erzbischos von Salzburg. Das im Jahre 582 vom hl. Rupert gestiftete Bisthum Satzburg, 789 zum Erzbisthum erhoben, nahm von alters- her den ersten Rang unter den geistlichen Fürstenthroncn Deutschlands ein. Seit 1088 bekleidet der Erzbischof von Salzburg die Würde eines Legaten (IkZatus natus) des Heiligen Stuhls und des Primas des Deutschen Reiches. Er konnte in den Adelstand erheben und hatte mit den Herzogen von Bayern das Turectorium im bayrischen Kreise, führte abwechselnd mit Oesterreich das Dircctorinm im Der von .Papst Leo XIII. im November v. I. zum Cardinal erhobene Fürstcrzbisckwf von Salzburg ist ein engerer Landsmann des tiroliscben Volksbelden Andreas Hofcr. Als Sohn einfacher Landlente am 30. April 1825 zu St. Martin im Passcirthal geboren, absolvirte er die theologischen Studien in Trient, wirkte lange als Coopcrator und Kaplan in mehreren Dorfgemeinden, dann als Pfarrer in der ansehnlichen Gemeinde Lasen bei Klausen, deren innige Verehrung er sich erwarb. Er war es, der zuerst auf den Vogclweiderhos im Lajcncr Ried hinwies und so der Heimath- fragc Walther's von der Vogelwcide ganz neue Bahnen wies. Im Jahre 1871 zum Domherrn in Trient und Provicar der U1sS Äk-W .> -- s Schwere Aufgabe. Nach Rcichsfürstencollegium und hatte auf den Reichstagen die erste Stelle auf der geistlichen Bank im Fürstenrath innc. Seit dem westfälischen Frieden war Salzburg, außer den drei Kurfürstenthümern, daS einzige Erzbisthum in Deutschland. Im Jahre 1802 erfolgte seine Säcnlarisirung. Den historischen Ehrentitel des Primas von Deutschland, mit dem heutzutage keine besondern Vorrechte mehr verbunden sind, haben die Erzbischöfe von Salzburg bis zum heutigen Tage beibehalten. Außer ihnen führen den Primastitel die Erzbischöfc von Toledo, Canterburv, Bork, Gran, Tarragona, Bahia, Neuen, Mccheln, Venedig, Prag, Armagh (Jrlanvl und Posen. Die cffectiven Machtbefugnisse des Oberhauptes einer National- kirche übt nur der Primas von Ungarn aus. dem Gemälde von.E. Rau. Trienter Diöcese ernannt, übernahm er die" Leitung des deutschen Antheils dieser Diöcese und 1874, nachdem er zum Bischof von Adra in xartidiw präconisirt worden war, als Dompropst die Leitung dieser Kirchenprovinz an Stelle des an schwerer Krankheit dahinsiechenden Bischofs Ricabvna. Die Regierung versagte ihm die Ernennung znm EoadMor mit dem Rechte der Nachfolge, da er in der Schulfrage und in der Frage der tirolischen Glaubenseinheit auf dem st>engkirchlichen Standpunkt beharrte. Kurz nach der Inthronisation des neuen Fürstbischofs Dellabona ernannte ihn 1890 der Papst zum Dompropst und Weihbischof von Salzburg, auf dessen erzbischöflichen Thron er im Jahre 1890 durch die Wahl des Metropolitankapitels berufen wurde. Die Verleihung 44 des Cardinalpurpurs an den Fürst-Erzbisclwf Haller ist eine Auszeichnung, die der Person des Erwählten zuthnl ward, denn keiner, der sonst bei Erwählung zu dieser hohen Winde Einfluß nehmenden weltlichen Factoren hat dabei mitgcwittt. Eardinal Haller ist keine Kampfnatur, aber seine Ueberzeugung zwang ihn zur Wahrung der Rechte der Kirche. Es hat gewiß Niemand schmerzlicher empfunden als er, daß ihm der Kampf gegen den modernen Staat aufgenöthigt wurde. Um so hingebungsvoller widmet er sich seinem geistlichen Hirtenberuf, in dem er mit apostolischem Eifer wirkt. Er ist der achte Eardinal auf dem Stuhle deS hl. Rupert. 8«1t» (Verkauf germanischer Sklaven.) Die La8ta oder Stoßlanze war bei den Römern 8^mbolum imxsrii, Zeichen der Staatsgewalt, und wurde nicht nur da, wo die Magistrate und Centumvirn zu Gericht sahen, sondern auch da, wo sie Versteigerungen und öffentliche Verkäufe vollziehen ließen, aufgestellt. Die Erinnerung an diesen Brauch hat sich bis auf den heutigen Tag in dem auch in der? deutschen Spracbe eingebürgerten Fremdwoite „Sub- hastation" erhalten. Bei den Verkäufen von Kriegsgefangenen winde aus drei zusammengebundenen Lanzen ein galgen- ähnliches Gestell hergestellt, unter welchem die Gefangenen zum Zeichen, daß sie fortan Sklaven seien, hindurchgehen mußten. Das Sklavenwesen war bei den Römern unter allen antiken Völkern am conseqncntcsten ausgebildet und mit Sitte, Staatswirthschaft und Politik aufs Innigste verwachsen. Schon in der ältern Zeit häufle sick mit den Eroberungen die Zahl der Sklaven; nach den Punischcn Kriegen war Rom mit einer Unmenge von Sklaven erfüllt, die noch fort lind fort durch die zahlreichen Kriege und auf dem Wege des Handels vermehrt wuiden. Auch daS von chcn Römern unterworfene Deutschland mußte eine Menge Sklaven nach Rom liefern. Der römische Sklave der älleren Zeit war rechtlos und besitzlos, das völlige Eigenthum seines Herrn, der eine unbeschränkte Gewalt über Leben und Tod ausübte. Unter der Kaiserzeit begann das Loos der Sklaven milder zu werden, aber erst durch das Christenthum wurde das Sklavcnwesen vollständig aus dem staatlichen Leben ausgeschieden. Schwere Aufgabe. Mit dem Tage deS ersten Schulbesuches beginnt schon für das Kind der Ernst des Lebens sich bemerkbar zu machen. Sorglos und heiter, noch unbekannt mit jeder'Pflicht, und unbekümmert um daS Morgen unter liebevoller Obhut der Mutter in den Tag hineinlebend, hat es bisher im elterlichen Hause die Tage verbracht. Durch den Schulbesuch wird eine bedeutsame Veränderung in der Lebensweise des Kindes hervorgerufen. Es muß fortan einen großen Theil seiner Zeit außerhalb des Elternhauses in enger Schulstube zubringen und sich dem Willen des Lehrers fügen lernen; an Stelle des ungebundenen Daseins tritt eine nach dem Stundenplan streng geregelte Thätigkeit, der Geist, der sich bisher nur mit Spielen viugnügte, muß sich bei ernster Arbeit in die Geheimnisse des Abc und des Einmaleins vertiefen, kurzum, es bekommt den ersten Vorgeschmack des später beginnenden KampfeS nmS Dasein zu verkosten. Daß dieser Gcscbmack nicht zu den angenehmsten gehört, das kann man auf unserem Bilde dem nachdenklichen Antlitze des kleinen MädcbenS ansehen, das gewiß viel lieber mit seiner Puppe spielen möchte, anstatt sich den blonden Kopf über einer § complicirtcn Rechenaufgabe zu zerbrechen. Allerlei. Der Mann mit der eisernen Haut. So heißt ein junger Singhalese, der sich z. Z. in Wien produciert. Er verblüfft durch vollständige llnempfind- ltchkeit der Haut. Die Bühne, auf welcher er sich produciert, gleicht einer Folterkammer. Man sieht eine Letter, deren Sprossen scharfgeschliffene Säbelklingen bilden, ein Brett, mit spitzen Nägeln besät, einen Reif, in dem scharfe Dolche stecken, eine Walze, die mit eisernen Stacheln besetzt ist, eine mit spitzen Nägeln gefütterte Tonne. Der „Mann mit der eisernen Haut" erscheint mit bloßen Füßen und Armen und nacktem Oberleibe und beginnt seine Produktionen. Er stellt sich auf das mit Nägeln beschlagene Brett, und drei Männer hängen sich an ihn; er geht mit verbundenen Augen und auf der Stirne eine Lampe balancierend über die Schwertleiter, springt durch den Reifen mit den scharf geschliffenen Dolchen, kriecht durch die mit spitzen Nägeln beschlagene Tonne, die er im Kreise herumwälzen läßt — alles, ohne den mindesten Ausdruck des Schmerzes, ohne ein Merkmal einer Verwundung. Der Mann scheint in der That eine eiserne Haut zu besitzen. Aerztliche Autoritäten sprachen die Ansicht aus, daß theils Abhärtung und die Gewohnheit, von Jugend auf bloß umherzugehen, theils Präparation die abnorme Emfindungslosigkeit der Haut bewirkt habe. * Napoleon III. ging, von einem Adjutanten begleitet, an dem Teiche des Bois de Boulogne spazieren. Der Ball eines in der Nähe spielenden Kindes rollte dicht an den Kaiser heran und wäre in das Wasser gefallen, wenn dieser ihn nicht aufgehalten hätte. Der kleine Eigenthümer des Balles, ein blonder Knabe in eleganter Tracht, kam herbeigesprungen und nahm sichtlich erfreut sein Spielzeug aus den Händen des ihm unbekannten Herrn entgegen. „Kennst Du mich?" fragte der Kaiser, indem er dem Kinde einen Kuß gab. — „Nein." — „Nun, so sag' Deinem Vater, der Kaiser habe am Wasser Deinen Ball aufgehalten und Dir obendrein einen Kuß gegeben." — „Das werde ich Papa nicht sagen." — „Warum nicht?" — „Papa würde mich schelten, daß ich die Bekanntschaft des Kaisers gemacht. Der schimpft den ganzen Tag auf ihn und hat ihn gar nicht lieb." — Der Kaiser lächelte, und der Adjutant fragte weiter: „Was macht denn Dein Papa, mein Kleiner?" Ganz stolz erwiederte der Knabe: „Papa macht gar nichts ... er ist Senator!" Mit gutmüthigem Lächeln sagte hierauf der Kaiser zu seinem Begleiter: „Genug jetzt und gehen wir weiter, — Sie wissen, in Frankreich ist die Erforschung der Vaterschaft untersagt." * Zarte Aufmerksamkeit. Fahrende Musikanten spielen vor einem Landhause den „Schunkclwalzer" und „Die kleine Fischerin". Als beide Stücke glücklich überstanden sind, kommt der Bediente heraus: „Hier schickt Euch mein Herr drei Mark — Ihr könnt nun gehen, er ist nämlich krank!" — Kapellmeister: Kinder, das ist ein ganz feiner Kerl — dem spielen wir jetzt noch extra „Siegfried's Trauermarsch". Räthsel. So lang die Welt besteht, ist's drinn zu finden, Vom Himmel lacht's hernieder auf die Flur, Erst wenn daS Chaos kommt, wird es verschwinden, Auch in der Nacht verliert sich seine Spur. In jedem Menschenantlitz kannst du's lesen. Ein jeder Vogel trägt es mit sich fort. Und doch besitzt es nie ein ird'sches Wesen, Nur leise tönt's in jedem Liebeswort. Kurt Kerflen. Auflösung des Bilder-Räthsels in Nr. 4: Mutterliebe ist ein Felsen, den nichts erschütttert. --EZS-- Areilag, den 24. Januar 189k. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarilchen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbeützer Vr. Max Huttler). Are Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen KriegeS. Von Max Benno. (Fortsetzung.) Am Abend des dritten Tages erschien Georg in dem Zimmer der Base, wo außer dieser und Magdalenen noch Pater Vincenz sich befand. „Du kommst vom Herzog", fragte Letzterer den jungen Mann; „wie fandest Du ihn?" „Furchtbar verändert", erwiderte Georg. „Man möchte weinen bei dem Gedanken, wie kräftig und frisch der Herr vor wenigen Tagen noch war. Als ich in's Zimmer trat, saß er am Tisch mit Sortiren und Zerreißen von Papieren beschäftigt und hörte nicht auf die Trostesworte seiner Gemahlin, die mir roth geweinten Augen ihm gegenüber saß. Er scheint um viele Jahre gealtert zu sein. Das blasse Antlitz gleicht dem eines Todten. Wie dies alles nur so schnell kommen konnte! Ich möchte behaupten, daß das Leiden nicht so fast den Körper, als die Seele berührt; denn als er mir heute Mittag einen Auftrag ertheilte, war seine Stimme fest und klangvoll wie immer. Ob nicht am Ende die verlorene Kiste mit den Docnmenten eine Rolle bei seinem seltsamen Zustand spielt?" „Ich glaube nicht", entgegnete der Pater; „ohne Zweifel hat der Herzog das Auffinden derselben bereits aufgegeben." „Aber ich nicht", erklärte Georg entschieden; „vielmehr bin ich fest überzeugt, daß ich diesmal näher am Ziel bin, als je. Hängen lasse ich mich, wenn der Schloßhanptmann nicht weiß, wo fie steckt!" «Du thust dem Manne Unrecht", meinte Lene. „Es ist einmal ein Gedanke, von dem ich mich nicht losmachen kann", widersprach Georg lebhaft, „und ich beobachte deßhalb alle seine Schritte genau. Dabei habe ich herausgefunden, daß sein Nachtwandeln nichts weniger als eine Krankheit, sondern eine schlau angelegte Spitzbüberei ist!" „Du täuschest Dich", hielt ihm Magdalene entgegen. „Man hat ihn, wie ich von der Base schon ein Dutzend Mal gehört habe, nie anders gekannt; doch soll seine Krankheit sich gegenwärtig seltener als sonst und nur in hellen Vollmondsnächten zeigen." „Laß es gut sein, Lenchen", fiel Georg ein; „ich weiß es besser: der Schlaukopf gibt sich den Schein des Nachtwandelns in keiner andern Absicht, als um zu spioniren; dafür lebe und sterbe ich und kann nöthigen- falls den Beweis liefern. Hat man jemals gehört, daß die Nachtwandler im Schlaf herumlaufen, wenn der Mond nicht am Himmel steht?" „Und das hätte Leßlie gethan?" fragte ungläubig der Pater. „Ja", versicherte Georg, „ich selbst habe ihn auf seinem Schleichwege ertappt; doch ich versalzte dem Pfifficus den Braten in einer Weise, daß ihm die Lust zum Naschen vielleicht für eine Zeit lang vergeht!" „Gewiß wieder einer von Deinen unbesonnenen Streichen", tadelte kopfschüttelnd der Greis. „Der Schloßhanptmann ist ohnehin nicht gut gelaunt. Wenn Du ihn noch mehr erbitterst, bekommen wir Alle seine Rache zu fühlen. Was hast Du gethan?" „Vor drei Tagen", begann Georg mit einem etwas verlegenen Seitenblick auf Lenchen, die ihre Augen in unverkennbarer Besorgniß auf ihm ruhen ließ, „legte ich mich in einiger Aufregung in's Bett. Ich konnte nicht schlafen. Da hörte ich ungefähr um 11 Uhr leise Fußtritte. Eine geheime Ahnung trieb mich auf, um nach dem nächtlichen Wanderer zu sehen. Als ich in des HerzogS Vorzimmer trat, war alles still, aber am Fenster stand horchend Leßlie. Es war zwar eine sternenhelle Nacht, der Mond aber ließ sich nicht sehen. Mit dem Nachtwandeln des saubern Patrons war es also nichts. Ich beobachtete ihn eine Weile, er aber rührte sich nicht. Schließlich wurde mir die Sache zu langweilig. Nun weiß ich, daß der Schloßhauptmann gegenüber allem, was nach Gespenstern oder derartigem riecht, ein Hasenfuß ist. Diese Thatsache weckte einen Gedanken in mir. Warte, sagte ich bei mir selbst, ich will Dir das Spioniren entleiben, schlich mich leise hinter ihn und gab ihm einen Puff, daß man wahrscheinlich die Spuren heute noch sieht. Eine Minute später lag ich schon wieder im Bett." Mit einem lustigen Lachen schloß der Leibjäger seinen Bericht. Das Antlitz des Paters Vincenz war bei der Erzählung Georg's immer ernster geworden. „Wie", rief er, als jener schwieg, „das geschah vor drei Tagen, in der Nacht vor der Erkrankung des Herrn?" „Ganz recht", bestätigte der junge Mann. Pater Vincenz sank auf einen Stuhl, weiß wie die Wand. Georg und Magdalene, nicht wenig erschreckt, wollten dem alten Manne beistehen; doch dieser wies ihre Hilfe — 4V — U mit einem trüben Lächeln zurück. Er erholte sich schnell wieder, stand auf und durchmaß einige Male, wie mit einem Entschluß kämpfend, schweigend den Raum. „Georg, Georg", mahnte er dann mit aufgehobenem Finger, „wie oft habe ich Dich schon vor übermüthigen Streichen gewarnt! Gebe Gott, daß Du die Folgen dieser Handlung nicht in sehr bitterer Weise zu fühlen bekommst!" Damit erhob er sich und verließ, ohne eine weitere Erklärung zu geben, das Zimmer. Der Leibjäger schaute ihm etwas verblüfft nach. „Was der gute Pater nur hat?" sagte er. „Leßlie stirbt an dem kleinen Denkzettel nicht, und zudem weiß er ja nicht einmal, durch wen er ihm angehängt worden ist." Ganz wohl war es ihm aber bei der Sache doch nicht. Er stellte sich an's Fenster und schaute verstimmt hinaus; der Jugend-Uebermuth schlug jedoch seine Scrupel wieder bald aus dem Feld. Er begann die Melodie eines Liebchens zu pfeifen und wandte sich dann mit schelmischer Miene an Lenchen. „Höre, ich möchte Dich schon lange etwas fragen; allein es wollte mir bis jetzt nicht über die Zunge. Wenn ich die verlorene Kiste auffinde, was vielleicht schon in den nächsten Tagen geschieht, ist mir eine SchloßhauptmannS - Stelle gewiß; möchtest Du nicht meine Haupmünnin werden?" „Geh' mir doch, Du leichtsinniger Mensch", wies ihn das Mädchen erröthend zurück; „aus Dir wird in Ewigkeit nichts." Dabei spielte aber doch ein Lächeln um ihren Mund, das mit dem harten Urtheil in Widerspruch stand. Georg nahm auch keinen Anstand, es in seinem Sinne zu deuten. „Gut, Schatz", sagte er wohlgefällig, „ich verstehe Dich schon: erst etwas werden, dann spricht man das entscheidende Wort. Du hast Recht und sollst sehen, daß mir's Ernst ist; denn leichtsinnig bin ich nicht", versicherte er mit einem treuherzigen Blick in die Augen Magdalenens, „wenn ich auch zugeben muß, daß mein Hang zu Schelmereien und — zu romantischen Abenteuern", fügte er halblaut hinzu, „mich zuweilen mehr hinreißt, als gerade nothwendig ist." Er drückte ihr die Hand und eilte, da der Dienst rief, davon. » «! „Hier ist wein letzter Wille!" sagte ungefähr zu gleicher Zeit der Herzog von Friedland und überreichte seiner weinenden Gemahlin ein versiegeltes Schreiben. „Wenn ich todt bin, sendest Du diese Papiere an Deinen Vater nach Wien; ich habe ihn zum Vollstrecker meines Testamentes bestimmt. Mein Leichnam soll nach Gitschin gebracht und dort in aller Stille beigesetzt werden. Du wirst jedoch dafür sorgen, daß das Trauergeleite meinem Range entspricht." Ein tiefer Schmerz prägte sich auf dem Antlitz der Herzogin aus. Sie stellte sich mit gerungenen Händen vor den Gemahl. „Ich bitte, ich beschwöre Dich, Albrecht", flehte sie, „weise doch endlich diese entsetzlichen Todesgedanken, welche Deine Gesundheit vernichten, von Dir! Du hast nun seit drei Tagen keinen Bissen Nahrung zu Dir genommen und keine Minute mehr geschlafen. Wenn Du diese Lebensweise noch länger fortsetzest, befürchte ich das Schlimmste für Dich. Dann könnten die von Dir soeben getroffenen Anordnungen allerdings nothwendig werden." „Sie sind es schon jetzt", siel Wallenstein mit dumpfem Ton ein, „die Hand des Todes hat mich berührt." „Barmherziger Gott", rief Jsabctta voll Entsetzen und ergriff seine Hand, „was soll ich anfangen, um Dich von Deinem unseligen Wahn abzubringen? Führe doch nur einen einzigen vernünftigen Grund an, warum der Schlag ein Zeichen des Todes sein soll? Einer der halbbetrunkenen Osficiere oder sonst Jemand . . „Glaubst Du, Weib", fiel der Herzog seiner Gemahlin mit funkelnden Augen in's Wort, „daß irgend ein Mensch die Kühnheit besitzt, den Herzog von Friedland auf die Art, wie es geschah, mit der Faust zu berühren?" Die geängstigt« Frau wußte hierauf keine Antwort zu geben. Sie schwieg, verwirrt und entmuthigt. „Ich fühle es", fuhr Wallenstein fort, „daß ich dem Tode geweiht bin! Sterben, sterben — ein häßliches Wort, und doch für Alle, für den Fürsten wie für den Bettler gemacht. Es liegt auch weiter nicht viel daran; aber sterben in dem Augenblick, wo man im Begriff steht, die Sonnenhöhe des Ruhmes und der Macht zu erklimmen, wo die Augen einer Welt den Sieger auf dem Kampfplatz erwarten, — das ist hart, das ist schmerzlich!" „Ich muß noch einmal sagen, Albrecht", unterbrach ihn die Herzogin, „Du täuschest Dich, Du täuschest Dich sicher. O zürne mir nicht", fuhr sie fort, als Wallenstein die Stirne runzelte, „ich muß reden, und schwebte ein gezücktes Schwert über mir. Es gilt Deine Ehre und Deinen Ruhm. Nehmen wir sogar an, jener Vorfall sei wirklich etwas Uebernatürliches, ein Vorzeichen Deines Todes gewesen, — soll dieser den kühnen Feldherrn, der ihm schon so oft mit kaltem Blute in's Auge geschaut, in seiner Kammer mehr schrecken, als in der blutigen Schlacht? Soll man sagen, Albrecht von Wallenstein habe je einmal vor dem Tode gebebt? Niemand, .selbst Dein Weib nicht, soll behaupten, daß der Herzog von Friedland sich schwach gezeigt hat!" Wallenstein's blasses Antlitz röthete sich bei diesen Worten; ob aus Zorn oder aus Scham, verrieth sein Mienenspiel nicht. Dann sagte er mit mühsam errungener Fassung: „Ich danke Dir, Zsabella, nun weiß ich, daß Du mich liebst, und es freut mich, zu sehen, daß auch Deine Seele die Ueberzeugung von meiner Liebe erfüllt. Nur wahrer Liebe konnte der Muth entspringen, mir das zu sagen, was Du gesagt hast. Du thatest, was kein Mann gewagt haben würde." Der Eintritt eines Dieners unterbrach das Gespräch. „Pater Vincenz", meldete dieser, „bittet Euere Herzoglichen Gnaden in einer dringenden Angelegenheit um hochgeneigtes Gehör!" „Heute nicht, morgen", versetzte Wallenstein kurz. Der Diener ging, kam jedoch bald wieder zurück. „Der Pater erklärt", berichtete er Zögernd, „die Sache sei höchst dringlich." „So soll er kommen", rief der Herzog, und sein? Augen funkelten. „Ihr bringt etwas, das keinen Aufschub bis morgen erleidet?" fragte er den eintretenden Ordensmann rauh. „Ja", bestätigte der Greis, ohne sich an Wallenstein's finstere Miene zu kehren, „und zwar etwas, das Euer Gnaden persönlich betrifft. Ihr habt mit mir über den seltsamen Vorgang gesprochen, in welchem Ihr den Vorboten eines nahen Todes erblicket und mich für diesen -unglücklichen Fall, den der liebe Gott noch recht lange fernhalten wolle, mit Euern Aufträgen beehrt. Der ganze Vorgang hat sich nun auf die natürlichste Weiss erklärt!" »Was", rief der Herzog mit einer Stimme, die im ganzen Gemach widerhallte, und heftete die Augen durchdringend auf den Geistlichen, der ruhig vor dem Gewaltigen stand, „auf eine natürliche Weise?" „Die Sache ist einfach der übermüthige Streich eines unbesonnenen Menschen, der jedoch nicht Euch, sondern einem Andern galt!" „Sagte ich es nicht", jubelte die Herzogin, „o Gott sei gelobt!" „Eines unbesonnenen Menschen", nahm der Pater seine Rede wieder auf, „der bis heute nicht weiß, welches Unheil er angestiftet, und für welchen ich um eine mildere Strafe bitten möchte, als er verdient!" „Wie mögt Ihr daran zweifeln?" rief Jsabella, der eine Centnerlast vom Herzen genommen war. „Erzählet, damit mein Gemahl von seinem unglücklichen Wahn befreit wird!" Der Pater berichtete, waS wir schon wissen. „Als Georg", schloß er, „die Geschichte mit lachendem Munde erzählt hatte, erschrak ich entsetzlich. Im ersten Augenblick befand ich mich im Zweifel, ob ich den Verwegenen aufklären und veranlassen solle, zu den Füßen Euerer Hoheit um Gnade zu flehen, oder ob es nicht besser sei, daß derselbe von den unheilvollen Folgen seiner Handlungsweise gar nichts erfahre. Nach kurzer Erwägung entschloß ich mich, die ganze Angelegenheit der Weisheit Euerer Hoheit zu unterbreiten. Jedenfalls hat Georg nicht aus Bosheit, sondern nur aus Unbesonnenheit einen Fehler begangen, der an und für sich zwar sträflich, aber eigentlich nur die Folge eines Mißverständnisses und jugendlichen Uebermuthes ist!" Der Herzog hatte immer noch keine Silbe gesprochen; mit finster zusammengezogenen Brauen durchmaß er den Raum. Seine Brust arbeitete mächtig, wie von einem Strom wilder Gedanken durchtobt. Pater Vincenz und Jsabella blickten, um das Schicksal Georg's besorgt, mit ängstlicher Spannung auf ihn. Nach einer Welle blieb er vor dem alten Herrn stehen. „Also den Schloßhauptmann", fragte er mit eigenthümlich zitternder Stimme, „glaubte der junge Mensch vor sich zu haben?" „Ja", erwiderte der Pater kleinlaut, „den Schloßhauptmann Leßlie, gegen welchen er schon seit seiner Hieherkunft einen geheimen Groll hegt." „Gut", bemerkte Wollenstem, und seine Augen erweiterten sich drohend; „sie sollen Beide ihre angemessene Strafe bekommen: Georg Selkow für seinen Frevel, und Leßlie, den ich bei seinem Kopfe für meine Ruhe in Großmeseritsch verantwortlich machte, weil er in so nachlässiger und pflichtvergessener Weise die Sorge für meine Person vernachlässigt!" Der Herzog winkte mit der Hand, und Pater Vincenz ging mit kummervoller Miene hinaus. (Fortsetzung folgt.) Sor fmlsundMnzig Zahm». Von Friedrich Koch-Breuberg. (Fortsetzung.) Wir Zehner marschiren nach Beaumont. 24 Ossi» eiere theilten mit mir die kahle Wirthsstube eines Gasthauses. Kamen unsere Diener, begann ein sofortiges Untersuchen der Handtasche. Mein Diener — Kleemann geheißen — war eine Art Wunderding. Er hatte sich einst für mein zweites Pferd ein stehen gebliebenes Wägelchen angespannt. Wo er während des heißen Ringens herumfuhr, blieb mir ein Räthsel, aber war die Sache zu Ende, war es Zeit, seinen Dienst anzutreten, dann fuhr er plötzlich hinter dem Bataillon einher, und nie hat er einen leeren Eßkorb ausgepackt. Deshalb erfreute er sich aber auch nicht allein meiner, sondern der allgemeinen Gunst. Wir Officiere waren damals sehr übermüdet und' konnten doch nicht schlafen. Innerhalb 8 Tagen machten wir die größten Schlachten mit und hatten so viel zu erzählen, dann ging die Thüre bis zum Morgen auf und zu, denn es gab ein fortwährendes Suchen nach Aerzten. In vielen Fällen wußte der Jünger AescnlapS auch nicht mehr zu helfen, aber das ist nun wie iw Frieden — der Arzt wird mit Sehnsucht erwartet. Endlich ward Ruhe im Zimmer, und man streckte sich auf dem raschelnden Lager aus. Als es durch die schmutzigen, meist zertrümmerten Scheiben hereindämmerte, drang mit dem Morgenlicht frohe Kunde zu uns. Der Tag sollte Rasttag sein! Die Freude währte nicht lange, denn schon wieder vernahm man den altgewohnten Kanonendonner. I« das benachbarte Cravant flogen Granaten und an allen Ecken und Enden geht eS auch am 10. Dezember los. Oben bei Villechaumont hatten die Franzosen Abtheilungen der Division Wittich zurückgedrängt. Obwohl sich die Zweiunddreißiger muthtg vertheidigten, mußten sie weichen und 150 Mann in Gefangenschaft gerathen lassen. Gambetta war in ToSnes, in einem Dorfe hart vor unserer Linie, eingetroffen und hatte angeordnet, daß der französische rechte Flügel vorzudringen habe. Also deshalb war der Kampf von Neuem entbrannt. Hatte der ehrsüchtige Einäugige die eisernen, von Pflichtgefühl erfüllten Schädel der Deutschen noch nicht kennen gelernt? Wieder marschirte die 4. Brigade nach Villechau- mont hinauf, und heute besetzten die Dreizehner das. Dorf, während wir Zehner die Reserve bildeten. General v. Orff führte seine Brigade nach Beauvert und LayeS. Ach Gott, man kannte jeden blutbespritzten Stein dieses Geländes, das an die 100,000 Franzosen seit drei Tagen einer Hand voll Deutschen nicht zu entreißen vermochten!^ Auch im Norden bei Villermain hatte sich der Feind wieder angesammelt. Als General v. Orff die Neunerjäger nach Montigny schickte, fanden sie dort das 2. Jäger-Bataillon und die Batterie Gruithuisen vor. Die Brigade Täuffenbach war nämlich nach Orleans ab« marschirt und hatte diese Abtheilung zum Schutze der Artillerie beim Beginne des Kampfes hier gelassen. Nach Orleans? so tönte es in den Reihen der übermüdeten Bayern fragend hin und her, denn es hatte sich die Kunde verbreitet, daß der Großherzog beabsichtige, daS fast kampfunfähige Corps v. d. Tann als Besatzung der Stadt zu verwenden. Aus Orleans aber winkte uns die jetzt heiß ersehnte Ruhe. Doch augenblicklich sausten Granaten hin und her, und auf der ganzen Linie 48 knatterte es, wenn heute auch die Infanterie nur weniger ins directe Feuer kam. Das sah nicht nach Ruhe aus. Die 3. Brigade, welche nördlich von Beaumont in Bereiischaftsstelluug aufmarschirt war, wurde durch General v. d. Tann um 10 Uhr ebenfalls gegen den rechten Flügel geschickt. Während nun gegen den von Villermain anrückenden Feind die Nachts eingetroffenen Ersatztruppen der 1. Division ein lebhaftes Feuergefecht führten, ging Hauptmann v. Schleich mit dem 1. Bataillon des 3. Regiments nach Schloß Coudray vor und ließ es zur Vertheidigung einrichten. So war der rechte Flügel geschützt, zn dem auf Befehl deS Generals v. d. Tann hier eine stattliche Reihe von Batterien wirkten. Aber auch am heutigen Tage wurde eine Batterie gefechts- uufähig und mußte Hauptmann Stadelmann seine Geschütze zurücknehmen. Die Anforderungen an unsere Artillerie waren in diesen Tagen eben ganz unglaubliche. Während wir Bayern also nur bestrebt waren, die Stellung zu halten, führte die 17. Division den eigentlichen Kampf bei Origny durch. General Chanzy sah übrigens jetzt auch ein, daß heute das nicht mehr mit ermüdeten Truppen zu erkämpfen war, was er seit drei Tagen mit großer Uebermacht nicht erreicht habe. Vielleicht wußte er, daß eben eine ausgeruhte deutsche Truppe, die 19. preußische Division, angerückt sei. Zu viel wußte er allerdings nie, aber er gab gegen Abend den Gedanken an weiteren Widerstand auf und befahl den Rückzug. Als es dunkel geworden war, rückten wir Zehner zur Ablösung der Brigade Orff nordwärts an der Straße vor. In der Höhe von Beauvert bezogen wir Vorposten, was bekanntlich im Dezember nicht sehr erfreulich ist. Nacht und Nebel lagerten über den Aeckern, und ich stolperte beim Aussetzen der Vedetten fortwährend über gefrorene kleine Hügel, die sich am andern Morgen als zusammengetragene Gefallene entpuppten. Die Nacht war entsetzlich kalt, Feuer zu wachen war verboten, und so suchten wir uns durch Cognac zu erwärmen, was bekanntlich nur für kurze Zeit hilft, und worauf man dann noch mehr friert. Die eisige Nacht verging nicht ohne Trost, denn wieder erschien Kleemann mit seinem Wägelchen, in dem sich die wollenen Decken Mehrerer Officiere befanden. Als die matte Wintersonne des 11. Dezember ihr Licht verbreitete, sammelte das I. Armee-Corps bei Nilly. Wir hatten Befehl stehen zu bleiben und nicht mehr schießen zu lassen. Man sah auch nur in der Entfernung einrge Spahis herumreiten, was sich auf den Schneefeldern recht interessant ausuahm. Ah — nun kam die Nachricht vom Abzug des Feindes! Nun werden wir die Thürme von Orleans wiedersehen! Und wirklich erblicken wir bayerische Kolonnen, welche nordostwärts ziehen. Aber wir — was ist's mit ^uns? Kommen wir denn gar nicht daran? Nein, wir kamen nicht daran, sondern wir sammelten und marschirten — es thaute plötzlich — auf grundlosen Wegen nach Josnes, nach dem Neste, in dem der Einäugige vor Kurzem seine Generale angefeuert hatte. Es war nämlich die 4. Brigade Menburg nebst den Batterien Neu, Carl und Gruithnisen — ein Häuflein von 1700 Mann — dem Großherzog zugetheilt geblieben. Der hohe Herr hatte ursprünglich eine 3. Division aus Bayern zu bilden beabsichtigt, aber General v. d. Tann widersetzte sich dem und legte dar, daß er Orleans, zumal ja die Straße von BonrgeS her noch unsicher war, mit dem kleinen Nest des Corps nicht vertheidigen könne. Hatten doch die Bayern in den letzten Tagen 88 Officiere und 1986 Mann eingebüßt und seit 1. Dezember überhaupt 245 Officiere und 5506 Mann als kampfunfähig verloren! — So blieb es der 4. Brigade vorbehalten, auf offenem Felde nochmals vor den Feind zu kommen. Am 14. Dez. waren die Mecklenburger auf hartnäckigen Widerstand gestoßen. Die 17. Division hatte zwar Frsteval behauptet, sah sich aber dann genöthigt, nachts den Ort aufzugeben. General von Rauch war mit einem De- tachement bis Morse gekommen und hatte sich zwischen dieser Stadt und La Nuelle am 15. Dezember gehalten. Am 16. gedachte der Großherzog den Uebergang über den Loir-Bach zu forciren und befahl zn diesem Zwecke das Heranrücken aller seiner Abtheilungen. Schon während des Anmarsches wurde Major v. Schönhueb mit seinem Bataillon nach Moisy entsendet. Es war nicht ausgeschlossen, daß der Uebergang mißlinge, und von diesem Dorfe aus konnte dann der Rückzug gedeckt werden. Die Brigade selbst stand um 9 Uhr in einer Terrainmulde bei La Guiconniöre. Später führte Hauptmann v. Kraft das 2. Bataillon der Zehner nach rechts hinaus und besetzte einige Höfe, welche ungünstig in der Flanke lagen. Der ganze Vormittag verging mit Zuwarten. Wir sahen den preußischen Ulanen zu, wie sie vor dem Waldsaum Achter ritten, wir horchten nach der Richtung hin, in der es knallte, die Stunden wurden uns entsetzlich lange. Ich unterhielt mich dann mit einem Lieutenant des 10. preußischen Ulanen-Negiments über das Walzertanzsn, und wir erörterten die Frage, ob Sechsschritt auf vornehmen Bällen erlaubt sei. Er hatte aufgesprungene Stiefel an, und ich war von oben bis unten voll Schmutz — beide also nicht im Mindesten ballfähig. So um 1 Uhr traf dann der Befehl des Groß- herzogs ein, das Detachement Rauch bei Morse abzulösen. Den Vormarsch begann das Bataillon Heeg der Zehner. Das Feuer, welches bisher dumpf und vereinzelnt aus dem Thalgrunde heraufgeschallt hatte, verwandelte sich jetzt in ein heftiges Geknatter. Das waren die Truppen des Generals Chanzy, der seine Armee auf der Linie Vendöme—Cloyes vereinigt hatte, und sie waren augenblicklich daran, Morse zurückzuerobern. Auf der Straße konnte man nicht marschiren, denn sie wurde vom jenseitigen Ufer aus durch Geschütze beherrscht. Major v. Heeg führte nun fein Bataillon in einer mit Gras bewachsenen Mulde vor und stellte es bei La Ruelle als Unterstützung der Preußen auf. Bald erschienen aber auch nördlich bei La Bliniöre und an der Südlisiöre des Waldes von St. Claude die Franzosen mit Infanterie und Geschützen. Da sollte nun Haupt- mann Meier mit dem 3. Bataillon der Zehner rechts der Straße Stellung nehmen. Es war ein Plateau, das nach rechts der Wald begrenzte, das gegen die Stadt hin tief an den Bach abfiel, und das aus dem lehmigsten Ackerboden bestand, den ich je gesehen habe. „Ja, was ist denn das?" rufen wir Officiere aus, aber da steckt auch schon der eine unserer Stiefel im Boden. Vielen Leuten wurde das ewige Stiefelanziehen und -Verlieren zu langweilig, und sie wateten in Socken einher. Die Strumpfschlacht haben wir später das Gefecht bei Morse getauft. Endlich haben wir die Stellung erreicht und bilden gegen den Wald hin eine lange, dünne Plänklerlinie. Ich hatte Glück, denn gerade bei 49 — meiner Compagnie befand sich der einzige TannenLaum auf weitem Gefilde, und unter ihm befand sich ein trockenes GraSfleckcken. Links drüben lagen mehrere Gebäude, zu deren Besetzung nun das 1. Bataillon der Dreizehner anrückte. Auch diese Mannschaften haben die Stiefelnoth, und der tapfere Oberst Isenburg, der im heftigsten Feuer seinen Schimmel nicht verließ, war heute genöthigt, zu Fuße einherzuwandern, weil die Pferde zu tief einsanken. Unter diesen Verhältnissen konnte unsere Artillerie nicht verwendet werden. Während wir ein hinhaltendes Feuergefecht führen, hören wir, wie t« Thale um die Stadt lebhaft und lebhafter gekämpft wird. Oberlieutenant Daser eilte mit zwei Compagnien des Bataillons nach links an die Straße und dann inS Thal nach der Stadt. Auch ein Halbbataillon Dreizehner nahm den gleichen Weg und brachte den Neunundachtzigern Unterstützung. Die Franzosen waren schon bis an die ersten Häuser herangekommen, nun gelang es, sie gehörig heimzuschicken. Unterdessen wurde am Plateau das Feuer schwächer, und ich beobachtete, wie sich eine Art militärischen Wunders vor weinen Augen vollzog. Unsere brave Artillerie hatte fortwährend das Auffahren versucht, und jetzt war es nach nicht beschreibbaren Mühen auf einem ganz schmalen Raine endlich gelungen, jetzt blitzte es — direct hinter mir — aus 14 Geschützen auf. „O Tannen- bauml" kam's von meinen Lippen, denn augenblicklich erwiderte die feindliche Artillerie das Feuer, und ihre erste Lage ging gerade auf meinen Tannenbaum zu. Das wechselte dann ab. So und so viele Granaten an den arg zugerichteten Baum — die anderen immer in den Lehmboden vor unsern Batterien, und ich sah, nachdem ich mich vor den Baum gelegt hatte, gemüthlich zu, wie die eisernen Kegel unschädlich im Koth stecken blieben. Es war dunkel geworden, und wir sammelten an der Straße, um nach der Stadt zu marschiren, die General Rousseau nicht hatte erobern können. Die Quartiere waren sehr gut, aber man fand auch in der ganzen Stadt nichts zu essen. Durch die Fenster eines hübschen Salons sah ich auf den moudbeschienenen Marktplatz hinab. 10 Uhr Nachts, und ich hatte mich noch nicht entschließen können, in die saueren Aepfel zu beißen, welche mein Hauswirth als einzig Genießbares herbeigebracht hatte. „Wäre der Kleemanu da!" dachte ich und da vernahm ich Wageugerassel und erkannte im Mondschein meinen Schimmel. Ja, man mußte sich stärken, denn es hieß, daß die die Stadt beherrschende Höhe mit 100 Kanonen besetzt sei, und daß am Morgen eine fürchterliche Schlacht entbrenne. Zudem sollte ich am Morgen mit der Compagnie eine Stellung am Loir- bach vor der Stadt beziehen. So brach der 17. Dezember an, und dichter Nebel lagerte über dem Thal. Mit der Karte in der Hand eilte ich herum und zeigte den Unterosficieren ihre Stellungen. „No", sagte einer hinter mir zu seinem Kameraden, »jetzt sind mir so lang dnrchkomma, aber heut sän mir alle hin." Als ich dann in der Stadt Meldung erstattete, brach sich gerade die Sonne Bahn, und man sah von der Straße in das reizende Thal hinaus. Krachte es denn noch nicht aus hundert Schlnnden? Da fährt der grüne Landauer des Generals N. v. d. Tann einher, und schmunzelnd begrüßt uns der Brigade-Anditeur. «Ja, da sind doch die Franzosen sicher abgezogen!" riefen wir aus und es war so. Bald überschritten wir den Loir und zogen die steile Halde hinan. Friedlich lag das Städtchen im Wtntersonnenglanze hinter uns. Ich sah zurück, und mein Blick flog bachaufwärts, dahin, wo eine meiner Wachen hätte stehen sollen. Dort befand sich ein kleines Haus, das im gestrigen Kampfe die französischen Granaten arg zugerichtet hatten. Eine Granate hatte sich mit den eisernen Warzen gerade ober der Thüre in den Mörtel gegraben und hing nun als gefährlicher Hausschild so lange fest, bis eine kundige Hand sie entfernen konnte. Machte man einige Schritte bachaufwärts, dann gelangte man an eine im Gebüsch versteckte Kapelle. Entlaubte Sträucher, mit rothen Beerendolden behängen, umgaben sie, hinter ihr murmelten die Wellen des klaren Baches. Die Thüre war heute morgens halb geöffnet gewesen, und es hatte mich gedrängt, das kleine Gotteshaus für einen Augenblick zu betreten. Vor Allem fiel mein Blick auf einen Feind, der an den Stufen des Altars, die Rechte wie Rettung suchend und nach dem Heiland greifend, noch erhoben, kauerte. Nun gewahrte ich, daß er todt war. Unbeschreibbarer Friede lagerte über den wachsbleichen Zügen und ich ging sinnend von bannen. — Nach einigen Tagen führte Oberst Graf Menburg die 4. Brigade nordwärts der ersehnten Ruhe entgegen. Der Kronprinz von Preußen begrüßte durch einen Tagesbefehl das I. bayerische Corps bei feinem Wiedereintritt in den Verband der III. Armee und General v. d. Tann erhielt den im Kriege 1870 nur selten verliehenen Orden xonr 1s msrits. Wir hatten gehofft, daß an Weihnachten auch die Menschen „Friede auf Erden I" singen würden, wir hatten uns getäuscht. Auch am Sylvesterabend ließen wir in Arpajon die Punschgläser mit dem Wunsche „Baldige Heimkehr!" erklingen. Es war umsonst. Noch sollten wir das Bild der großartigsten Belagerung in diesem Jahrhundert schauen — doch davon das nächste Mal. (Fortsetzung folgt.) Sonne und Mond. Die beiden Hauptgestirne des Himmels, die Sonne, der wir das Bestehen allen organischen Lebens auf der Erde verdanken, und der Mond, dessen Erscheinen besonders die Bewohner der Polarzonen der Erde in den monatelangen Polarnächten mit neuer Lebensfreude erfüllt, haben zu allen Zeiten, in denen Menschen die Erde bewohnen, den Forschnngstrieb angeregt, und sehr mannigfaltige Ansichten über ihre Natur haben die Geister in den verschiedenen Jahrhunderten beherrscht. Wenn man die Geschichte der verschiedenen Sonnen- und Mondtheorien verfolgt, so erkennt man wieder die auf den verschiedenen Gebieten der Naturwissenschaft auftretende Erscheinung, welche darthnt, daß die Fortschritte, welche viele Jahrhunderte in der Erforschung der Naturerscheinungen gezeitigt haben, minimal sind im Vergleiche zu jenen, welche uns besonders die letzten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts gebracht haben. Und weiter hak gerade die jüngste Vergangenheit so durchgreifende neue Anschauungen über das Wesen der beiden Hauptgestirne gezeigt, daß man sie der allgemeinen Antheilnahs» versichert halten darf. Die Sonne. Drs Anwendung des Fernrohrs auf die Himmelskörper seit dem ersten Viertel des 17. Jahrhunderts und der Spektralanalyse seit der Mitte unseres Jahrhunderts haben zuerst einen so wesentlichen Einfluß auf die Anschauungen über die Natur der Himmelskörper und ganz besonders der Sonne ausgeübt, daß man die ersten grundlegenden Anschauungen über das Wesen der Himmelskörper, den mehr philosophisch begründeten der früheren Jahrhunderte gegenüber, erst von diesen beiden Epochen an rechnen kann. Während die Sonne im Alterthum von Anaxagoras für einen glühenden Eisenklnmpen, von Euripides aber für einen Goldklumpen gehalten wurde, erklärte sie in neuerer Zeit der KönigSberger Philosoph Kant für ein flammendes Feuer, einen wirklich flammenden Körper, der sich nicht erschöpfe, sondern durch sich selbst mehr Stärke und Heftigkeit bekomme. Der große Himmelsforscher W. Herschel stellte die Ansicht auf, daß der Sonnenkörper an sich dunkel sei, ähnlich den Planeten. Diesen dunklen Körper umgiebt aber eine dreifache Schicht gasartiger Umhüllungen. Die dem Sonnenkörper am nächsten liegende Schicht ist durchsichtig und elastisch, ähnlich unserer Atmosphäre, und ebenso von großer Höhe. Sie ist bis in sehr große Höhen durchsichtig, klar und farblos und hat keine Wolkenbildnng. Die zweite, hierüber lagernde Schicht besteht aus einer Wolkendecke, deren Theile nahe, wie in unserer Atmosphäre, neben einander lagern. Diese Schicht ist ebenfalls elastisch und durchscheinend. Die dritte äußerste Schicht, ist von anderer Beschaffenheit als die beiden innern; sie besteht aus leuchtenden Wolken, ein Lichtmantel, der uns die Durchsicht nach dem eigentlichen Sonnenkörper verhüllt. Wenn aber zuweilen Nisse in diesem Lichtmantel entstehen oder größere Trennungsgebiete, so erscheint uns dadurch die untere, zweite Schicht graulicher Wolken fleckenweise sichtbar, und wenn auch diese sich zeitweilig spaltet, so wird uns durch diese der eigentliche dunkle Sonnenkörper sichtbar, und wir sehen durch die in der Lichtsphäre und der Wolkensphäre entstandenen trichterförmigen Oeffnungen die dunkelgefärbten Landschaften, Berge, Gebirge des eigentlichen Sonnenkörpers. Es sind dies die großen, schwarzen Flecken, welche bald vereinzelt, bald in zahlreichen Gruppen auf der Sonnenscheibe erscheinen und wieder verschwinden, die sogen. Sonnenflecken. Herschel war aus religiösen Gründen zu der Ueberzeuguug gelangt, daß die Sonne von organischen Wesen bewohnbar sei, und zwar sollte die dunkle Oberfläche des eigentlichen Sonnenkörpers die Wohnstätte der Sonuenbewohner sein. Diese im Anfange dieses Jahrhunderts von W. Herschel aufgestellte Sonnentheorie hat sich fast ein halbes Jahrhundert in der Wissenschaft unangefochten erhalten. Man hatte eben durch sie eine ebenso gute und vollständige Erklärung der auf der Sonne beobachteten Erscheinungen, wie sie nur eine der bis dahin aufgestellten Theorien leistete. Aber diese und jede andere auf die Annahme eines festen Sonnenkerns gegründete Sonnentheorie — so jene von Lalande, der die Sonnenflecken für die Gipfel von Sonnenbergen hielt, welche sich, wie Inseln im Feuermeere, über die leuchtende Oberfläche erheben — mußte fallen, als die neuere Physik darthat, daß bei der hohen Temperatur der äußeren Sonnenschicht daS Innere der Sonne gasförmig sein müsse. Jetzt trat nun es war im Jahre 1868 — eine neue, auf diese Errungenschaft der Physik gegründete Theorie auf, welche der Franzose so — Fähe uno ver Italiener Secchk inaugurirten, und die in der That so einfach uns bestechend erschien, daß sie die dominirende Stellung unter den Sonnentheorien einzunehmen begann» als die inzwischen herangereiften Früchte der Spektralanalyse der Gestirne auch ihr den Boden entzogen. Nach ihr sollten die Sonnenflecken Oeffnungen in der die zentralen Theile der Sonnenkörper umgebenden Schicht, der Photosphäre, sein, durch welche Gasmassen aus dem Innern hervorbrechen. Man nimmt gegenwärtig mit gutem Grunde an, daß der zentrale Theil der Sonne hauptsächlich aus einer Gaswaffe von ungeheuer hoher Temperatur besteht, während der sichtbare Theil der Sonne, um jenen gelagert, die Photosphäre heißt; dicht über dieser leuchtenden Oberfläche zeigt sich noch eine roseufarbige Schicht gasförmiger Materie, die Chromosphüre, die sich hier und da über das allgemeine Niveau erhebt und die Proiuberauzen, jeue bei totalen Sonnenfinsternissen hell hervortretenden farbigen Lichierscheinungen, bildet. Es müßten nun die Kerntheile der Sonneuflecke deshalb dunkler erscheinen, weil die aus dem Innern hervorbrechenden Gaswaffen ein geringeres Strahlungsvermögen besitzen, als jene leuchtenden Theile, aus denen die Wolken der Photosphäre bestehen. In diesem Falle müßte aber das Spektralbild der Sonnenflecken aus hellen Linien bestehen. Da nun die Spektralöeobachtnng aber im Gegentheil ergab, daß das Spektrum der Kernflecken aus dunklen Absorptkons- bändrrn besteht, so können es auch nicht glühende gasförmige Massen sein, die aus dem Innern hervorbrechen, sondern es muß herabsinkende, kühlere und weniger leuchtende Materie aus den oberen Schichten der Sonneu- atmosphäre sein, welche die Fleckenerscheinung hervorruft. Es haben dann Fähe und Secchi zwei verschiedene Theorien über die Sonnenflecken aufgestellt, welche beide auf verschiedenen Seiten Anklang fanden. Nach Faye sind die Sonnenflecken durch Stürme auf der Sonne erzeugt. Die Photosphäre wird aus den Niederschlügen der aus dem Innern der Sonne aufsteigenden Dampf- massen gebildet. Sie kommen also aus Schichten der Sonnenkörper, die eine sehr verschiedene Entfernung von der Umdrehungsachse der Sonne haben. Dadurch entstehen dem Aequator parallel gerichtete Strömungen, so daß die verschiedenen Theile der Photosphäre verschiedene relative Geschwindigkeiten haben. Diese in den mittleren Zonen am stärksten auftretenden verschiedenen Geschwindigkeiten bewirken nun eine Wirbelbewegung, die zu Cyklonen oder trichterförmigen Strudeln führt, wie bei den irdischen Tornados, die ebenso wie auf der Sonne oben beginnen sollen und auf die feste Oberfläche heruntersteigen. Diese Theorie erklärt die Verthetlnng der Sonnenflecken in zwei zum Aequator parallelen Zonen, und sie findet in der thatsächlich verschiedenen relativen Geschwindigkeit benachbarter Theile der Photosphäre eine starke Stütze. Auch die vielfach auf der Sonne beobachteten Theilungen der Flecken und die Weise, in der diese geschieht, wird durch Fayes Theorie gut erklärt. Dagegen widersprechen die Thatsachen, daß nur wenige Flecken der Sonne jene Wirbelbewegung zeigen, und die mangelnde Regelmäßigkeit in der Rotationsrichtung der Flecken der Theorie vollständig. Scechi nahm dagegen zuletzt an, daß durch Eruptionen metallische Dämpfe aus dem Innern die Photosphüre vielfach durchbrechen und an die Oberfläche gelangen. Nachdem sie einen großen Theil ihrer Wärme an den 51 kalten Weltenraum verloren haben, sinken sie wieder auf die Photosphäre herab und bilden Vertiefungen in ihr, welche von den dunkleren, absorbirenden Gasen angefüllt werden. Indessen auch diese Theorie, nach welcher man ein viel zerstreuteres Auftreten der Fleckenerscheinungen erwarten müßte, und einige weitere neuere mit Umsicht und Scharfsinn aufgestellte Theorien über das Wesen der Sonne und die Entstehung der auf ihr beobachteten Erscheinungen waren noch nicht im Stande, alle Vorgänge auf der Sonne so befriedigend zu erklären, daß man das Problem als wirklich gelöst betrachten konnte. Immerhin konnte man annehmen, mit den neuesten Sonnen- iheorien sich der Wahrheit wenigstens soweit genähert zu haben, daß der Bau des Sonnenkörpers in großen Zügen einwurfsfrei skizzirt erschien, und daß die auf der Sonne beobachteten wcchselvollenErscheinungen inUeberetnstimmung mit den Beobachtungen auf die äußere Sonnenoberfläche zu verlegen seien. Um so größer war die Überraschung, als die Astronomen jüngst durch eine neue, von Herrn Gymnasial- professor Schmidt herrührende Sonnenthcorie beschenkt wurden, welche die auf der Sonne beobachteten Erscheinungen unter einem ganz neuen Gesichtspunkte erklärte. Schmidt suchte durch mathematisch strenge Beobachtungen und unter der Annahme, daß die Sonne ein Gasball fei, dessen Dichte vom Mittelpunkte nach dem Rande zu abnimmt, zu beweisen, daß die Strahlenbrechung auf der Sonne in ganz anderer Weise wirksam ist, als man bisher für die Himmelskörper annahm, und daß demzufolge die zum Theil verwickelten Erscheinungen, welche wir an der Sonnenoberfläche beobachten, sich gar nicht dort abspielen, vielmehr durch eine eigenthümliche Strahlenbrechung als Boten aus den tieferen Schichten des Sonnenkörpers an die Sonnenoberfläche gespiegelt werden. So werden die Sonnenflekken als Gleichgewichtsstörungen im Innern der Sonne, die bekannten Auszackungen am Sonnenrande auf Nefraktionserscheinungen zurückgeführt. Die prachtvollen Lichterscheinungen am verdunkelten Sonnenrande (bet totalen Sonnenfinsternissen) sollen ihren Ursprung lediglich in außerordentlichen Refraktionen haben, während man doch allgemein diese hoch über den Sonnenkörper emporschießenden farbig leuchtenden Wolken als eine reale Erscheinung ansah und sie dahin versetzte, wo man sie sah. Schmidt dagegen verlegt das Licht, das die Protuberanzen schafft, in ein Gebiet der Sonne, welches unter ihrer scheinbaren Grenze liegt. Auch die Sonnenfackeln, intensiver glänzende Stellen der Sonne, erklärt Schmidt als Produkte unregelmäßiger Strahlenbrechung. So wie er nun ferner den Sonnenball als durchaus gasartig ansteht und also eine Grenze zwischen einem Sonnenkörper und einer Sonnenatmosphüre verneint, so erklärt er auch die scharfe äußere Grenze, den Sonnenrand, für das Produkt regelmäßiger Strahlenbrechung in einer Atmosphäre, deren Dichtigkeit an der scheinbaren Grenze viel geringer ist, als die Dichtigkeit der Luft an der Oberfläche der Erde. Es hat einige Zeit gedauert, bis von fachmännischer Seite kritische Aeußerungen über diese neue, umstürzlerische Sonnenthcorie erfolgten. Auf der einen Seite erschienen die streng exakten Betrachtungen und mathematischen Begründungen der Neuen Anschauungen, deren Grundlagen sich noch an den Namen des berühmten Mathematikers Kummer knüpften, nicht geeignet, kurzer Hand widerlegt zu werden; auf der anderen sträubte sich das wissenschaftliche Denken gegenüber der Zumuthung, lange Jahrzehnte regelmäßig auf der Sonne beobachtete reale Erscheinungen plötzlich als Gesichtstäuschungen, hervorgerufen durch Vorgänge im inneren Sonnenkörper, erklären zu sollen, um so mehr, als dem naturwissenschaftlichen Denken eine Vorstellung, wonach Bildungen durch Lichtstrahlen durch die Masse eines Himmelskörpers hindurch an seine Oberfläche reflektirt werden können, ganz fremd war. Diese Forderung der Schmidtschen Sonnenthcorie ist es nun hauptsächlich, daß, trotzdem ihr inzwischen in sehr eingehenden mathematischen Abhandlungen neue Begründungen von anderer Seite erwachsen sind, sie in den Kreisen der Fachleute nur wenige Anhänger findet. Man widerlegt die entwickelten Anschauungen und die Möglichkeit der Existenz von Himmelskörpern, welche sich in den Nahmen der Schmidtschen Folgerungen einfügen, nicht Prinzipe!!, aber man hält es für sehr unwahrscheinlich, wenn nicht für ausgeschlossen, daß gerade bei unserer Sonne jene Voraussetzungen zutreffen. Erscheinungen wie die periodischen Sonnenflekken, die anhaltenden Sonnenfackeln, die Protuberanzen als Reflexe von gewissen Spannungsflächen im Sonneninnern anzusehen, scheint bei der leichten Beweglichkeit der Sonnenmaterie so unwahrscheinlich wie die ungehinderten Durchgänge der Lichtstrahlen durch den Sonnenkörper an seine Oberfläche. Eine größere Aussicht, die an der Sonne beobachteten Vorgänge und Erscheinungen in einer den wahren Verhältnissen auf der Sonne entsprechenden Weise ausreichend zu erklären, bietet nun aber eine jüngst von E. v. Oppolzer in Wien ausgestellte Theorie. Sie hat das mit den zuletzt genannten neueren Anschauungen über den Sonnenkörper gemein, daß sie die Dichtigkeit der Gase des Sonnenkörpers vom Mittelpunkte nach den Nandschichten zu in starker Abnahme voraussetzt, und sie nimmt für die äußersten Schichten, von der Photosphäre nach außen, eine ganz enorm dünne Sonnenatmosphüre an. Unter dieser Annahme behandelt nun Oppolzer die Bewegnngsvorgänge auf der Sonne nach den Gesetzen der mechanischen Würmetheorie und versucht die an unserer Erdatmosphäre studirten Bewegungserscheinungen auf die Vorgänge in der Sonnenatmosphüre zu übertragen. Ss ist es ihm in der That gelungen, die Entstehung und alle Erscheinungen der Sonnenflekken als Vorgänge in der Sonnenatmosphüre nach allgemeinen Bewegungsgesetzen der Atmosphären zu erklären. Wie die in unserer Erdatmosphäre nachgewiesenen absteigenden Luftströmungen, die in aufsteigenden und umlaufenden Strömungen zunächst begründet sind, müssen solche auch auf der Sonnen» atmosphäre auftreten, und sie erzeugen dann an einer bestimmten Stelle oberhalb der Photosphäre eine Temperaturerhöhung — Oppolzer nimmt die Temperatur der Photosphäre nach älteren Strahlungsbeobachtungen zwischen 20,000 bis 100,000 Grad an; es ist aber nach dem Verhalten gewisser Spektrallinien nach neueren Potsdamer Messungen anzunehmen, daß die Temperatur der äußeren Photosphärenschicht unter 20,000 Grad liegt und wahrscheinlich nicht 10,000 Grad übersteigt — wodurch die verdichteten Stellen der Photosphäre aufgelöst werden und so eine starke Aufklärung entsteht, die als eine Einsenkung in die Atmosphäre der Sonne erscheint; die Stelle, an der nun eine stärkere Ausstrahlung aus den unteren Theilen und Abkühlung stattfindet, erscheint als dunklere Stelle, als Sonnenfleck. Während aber der absteigende Strom eine Erwärmung hervorruft, findet 52 — in Folge dieser ein Auftrieb statt, so daß diese beiden im Flecken einander entgegengesehen Strömungen eine Drucksteigerung bewirken; dasselbe Phänomen, das wir im Winter häufig über dem europäischen Kontinent in den Anticyklonen zu beobachten Gelegenheit haben. Letztere treten ebenfalls bei Drucksteigerung, also hohem Barometerstand, auf, bringen klares, kaltes Wetter und erzeugen von ihm fortströmende Winde. Man wird von dem von Oppolzer eingeschlagenen Wege, die Erscheinungen an der Sonnenoberfläche zu erklären, viel früher eine Lösung des Problems erwarten können, als unsere irdische Meteorologie durchgreifende Gesetze für die atmosphärischen Erscheinungen der Erde zu liefern verspricht. Denn die Verhältnisse auf der Sonne, wo die Wärmezufuhr wesentlich aus dem Innern kommt, müssen schon deshalb viel einfachere sein als auf der Erde, wo mindestens die überwiegende Wärmequelle außerhalb ihren Sitz hat und daher in viel verwickelterer Weise die Atmosphäre beeinflußt, als jene radiale Leitung die Sonnenatmosphäre bewegt. (Schluß folgt.) --WBiWS-- A k k SV A §L» Das Telephon der Zukunft. „PestiNaplo* meldet: Drei in Siebenbürgen seßhafte Techniker, Viktor Brandt, Anton Hamm und Gregor Blank, demonstrierten im Budapester Schriftsteller- und Journalistenvekein „Othon" einen kleinen Apparat, den man füglich daS Telephon der Zukunft nennen darf. Dieser Apparat, welcher sich äußerlich durch nichts von dem bisher im Gebrauch stehenden Telephon unterscheidet, besitzt nämlich das Geheimniß, die aufgefangenen Schallwellen auf eine große Entfernung zu leiten, so zwar, daß es keiner Ohrmuschel bedarf, um das in den Apparat hineingesprochene Wort im letzten Winkel eines großen Raumes laut und ausgezeichnet vernehmbar zu hören. Die im „Othon" angestellten Versuche ergaben ein glänzendes Resultat, Das Klublokal besteht aus fünf langgestreckten Sälen. Der eine der Erfinder brachte nun den Apparat im ersten Saale an und recitirte in das Sprachrohr einen Vers. Im letzten Salon, in welchem sich zahlreiche Mitglieder aufhielten, hörte man nun mit ganz außerordentlicher Deutlichkeit den Vers. Dann sang ein anwesender Opernsänger eine Arie in das Sprachrohr hinein, die man im letzten Salon so genau hörte, als säße man im Theater vor der Rampe. Unter den anwesenden Gästen wurde nur das eine Bedenken rege, ob nicht durch diese Telephonform die Möglichkeit benommen werde, das Telephon für diskrete Gespräche zu benutzen. Allein auch diesen Fall haben die Erfinder vorgesehen. Will man nämlich nicht, daß das Gespräch auch von anderen gehört werde, so nimmt man einfach die Ohrmuscheln zur Hand, und es hört nur derjenige, der die Muscheln anS Ohr legt. Die Erfinder, welche ihren Apparat bereits patentieren ließen, werden demnächst an die cisleithanische Telegraphen- und Telephon- verwaltung herantreten, um ihrer Erfindung auch in Oesterreich Eingang zu verschaffen. * Es gibt Menschen, die auf Aeußerlichkeiten kein Gewicht legen und behaupten, auch ohne dieselben könnte sich das Familienleben schön gestalten; doch irren sie mit dieser Ansicht sehr. Das Leben besteht aus Kleinigkeiten, und werden diese außer Acht gelassen, so entwickelt sich ein unschönes, unerfreuliches Zusammensein. Welche Aufmerksamkeiten haben Brautleute für einander; sie würden eS z. B. für eine Unmöglichkeit ansehen, ohne zärtlichen Abschied sich zu trennen. Wie oft aber kommt es vor, daß junge Eheleute von einander gehen, ohne daß der Mann seinen Hut lüftet und die Frau es nicht für nöthig erachtet, bei ihrem Ausgange sich von dem Gatten zu verabschieden! Das schleicht sich so ganz langsam ein, mit der Zeit führt es zu gegenseitiger Gleichgültigkeit, und später gewöhnen es die Kinder, beim Kommen und Gehen sich weder an- noch abzumelden, so daß in einem solchen Haus sehr bald ein ungebildeter Ton herrscht. Oft hört man sagen: „Wenn nur gut gekocht ist» die Art des Auftragens ist Aeußerlichkeit!" Das ist nun eine falsche Auffassung. Das einfachste Gericht schmeckt entschieden besser, wenn es in nicht schadhaftem Geschirr, auf einem reinlich gedeckten Tisch schön serviert wird. So soll auch den Kindern frühe angelernt werden, hübsch zu essen, Messer und Gabel richtig zu gebrauchen, überhaupt sich bei Tische anständig zu benehmen, denn an der Art, wie der Mensch ißt, kann man seine Bildung bemessen, und wenn es nicht in der Jugend geübt ist, später erlernt man es schwer, immer wird das sichere Benehmen dabei fehlen. — Man versäume nicht, Kinder daran zu gewöhnen, der Gebnrts- oder Namenstage zu gedenken und solche Tage durch Aufmerksamkeiten zu feiern. Es erinnert die Kinder, den Eltern den schuldigen Dank und die denselben zukommende Ehrerbietung zu erzeigen. Gerade durch diese Aeußerlichkeiten wird das Gemüth des Kindes geschult, und später wird es seinen alternden Eltern liebenswürdig begegnen. Das Alter ist ja wieder wie die Kindheit, es ist liebebedürftig auf seine Angehörigen angewiesen. Gut dann, wenn in der Jugend auf Aeußerlichkeiten gesehen worden, in den alten Tagen wird man die Früchte davon genießen. Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt. Auflösung des Räthsels in Nr. 6: Der Buchstabe L. « 8 , 1896. „Augsburger PostMung". Dinstag, den 28. Januar Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbesttzer Dr. Max Huttler). Die Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Bcnno. (Fortsetzung.) 6 . Einige Stunden später schritt Georg, ein Lied leise vor sich hinsummend, über den Hof und die breite Treppe nach seinem Zimmer hinauf. In der besten Stimmung lehnte er sich über die Brüstung des offenen Fensters und blickte in den Burgpark hinunter, wo der Lenz bereits die lieblichsten Bilder zu entfalten begann. Es war so warm und sonnig wie in den schönsten Tagen des Mai. Zuversicht schwellte heute das Herz des jungen Mannes. Magdalene hatte bet seiner Werbung so verheißend ausgesehen, sie hatte trotz ihrer scheinbaren Weigerung nicht „nein" gesagt, das war ihm vorerst genug. Die beängstigende Wallung, welche die schöne Seherin in seinem Gemüth bewirkt hatte, war überwunden. Er mußte selbst lächeln, wenn er daran dachte, wie dieses fremdartige Geschöpf, dem er vielleicht nie mehr begegnete, auf seine Einbildungskraft und seinen Willen einen solchen Zauber hatte ausüben können. Aus seinen Träumereien wurde er durch schwere Tritte und ein geräuschvolles Oeffnen der Thüre geschreckt. Er wandte den Kopf rückwärts und blickte in das ernste Antlitz des Schloßvogts, welcher sich mit zwei Hellebardieren und dem Schließer an der Thüre aufgestellt hatte. „Im Namen des Herzogs," begann Ersterer und trat näher, „verhafte ich Euch, Georg Selkowl" Dieser schaute dem alten Manne einen Augenblick sprachlos in's Gesicht, dann aber tönte ein lustiges Lachen von seinem Mund. „Wahrhaftig, Schloßvogt," sagte er, „ich habe nicht gewußt, daß Ihr ein solcher Spaßvogel seid! Bleibt mir nur mit derartigen Flausen vom Leibei" Dem alten Manne, der Georg immer gern gehabt hatte, that die Ausübung seiner Pflicht wehe. „Ich scherze nicht'" entgegnete er traurig, aber entschieden; „noch ein Mal: Ihr seid verhaftet, gebt sofort Euern Degen ab!" Nun stutzte Georg. „Ich bin mir keines Vergehens bewußt," vertheidigte er sich, „und gebe Euch die Versicherung, daß die Sache auf einem Mißverständniß oder einer Verwechselung beruht." Gleichzeitig wandte er sich ab und schaute wieder zum Fenster hinaus. Da verlor der Vogt die Geduld. „Schließer," gebot er, „nehmet dem Gefangenen die Waffen ab und legt ihn in Ketten I" Der Kerkermeister trat vor. Ehe es ihm jedoch gelang, Hand an Georg zu legen, drehte dieser sich um. Er riß den Degen aus der Scheide und hielt ihn drohend gegen den Angreifer gezückt. „Wagt es," donnerte er; „vom Herzog kommt dieser Befehl nicht!" Die. Häscher standen unschlüssig. „Georg," mahnte der Vogt, „Du weißt, daß ich es allezeit gut mit Dir meinte; dies ist auch heute der Fall. Gleichwohl muß ich Dich auf des Herrn ausdrückliches Gebot gefesselt in's Gefängniß abführen. Das ist mir wahrhaftig unlieb genug; weil jedoch den Schloßhauptmann das gleiche Loos getroffen, wie Dich, und weil ich, wie Du weißt, dessen Stellvertreter bin, konnte ich mich der traurigen Pflicht nicht entziehen!" „Auch Leßlie verhaftet?" fragte Georg. „So sagt mir doch um Gottes willen, was geht denn vor? „Ich sollte es Dir zwar nicht sagen," erwiderte mitleidig der Vogt; „allein Du dauerst mich, und ich will Dich über Deine Lage nicht länger im Unklaren lassen. Du glaubtest vor einigen Tagen in übermüthiger Laune dem Schloßhauptmann einen Schlag zu versetzen — Unglücklicher! Du hast Dich schrecklich geirrt; der Mann, welchen Du trafst, war nicht Leßlie, sondern der Herzog!" „Der Herzog!" stöhnte Georg erbleichend. „Ich beschwöre Euch, Burgvogt, sprecht Ihr die Wahrheit? „Es ist leider so," sagte dieser; „Du hast Dich an der geheiligten Person des Herzogs von Friedland vergriffen, ein Verbrechen, das Du vielleicht mit dem Tode büßen mußt. Deine That hat den Herrn in die furchtbarste Aufregung versetzt und dadurch an den Rand des Grabes gebracht — das war die Krankheit, die so plötzlich kam und alles in Staunen und Angst versetzt hat. Auch auf Leßlie, den er für die Sicherheit seiner Person verantwortlich machte, ist der Herzog maßlos erbittert. Fast fürchte ich, daß das gleiche Loos für euch Beide bestimmt ist." Georg sagte nichts mehr. Das Bewußtsein seiner unseligen That hatte ihn der Sprache beraubt. Der Zustand des Herzogs war ihm nur zu gut bekannt, und er trug die Schuld. Nun wurde es ihm auf ein Mal klar, warum Pater Vincenz bei der Erzählung seines muth- 54 willigen Streiches in so furchtbaren Schrecken versetzt worden war. Mechanisch schnallte er seinen Degen ab und ließ sich fesseln. Schon stand er im Begriffe, den Häschern zu folgen, als die Thüre aufging und Magda- lene mit verstörtem Antlitz hereinstürzte. „Barmherziger Gott," jammerte sie und rang die Hände, „ist es denn wahr, Georg, daß Du zum Tode geführt wirst?" „So weit ist es noch nicht," tröstete sie der Burgvogt. Georg, dessen Antlitz trotz seinem Unglück von hoher Freude über die Theilnahme des Mädchens verklärt war, reichte ihr die gefesselte Hand. „Ich habe mich schwer gegen den Herzog versündigt," sagte er, „und ich ist mit Ergebung tragen, was mir bestimmt ist, wär's > , ^dcr Tod l Nur um^Eines bitte ich Dich, Magdalene: sorge dafür, daß der Herzog meinen Irrthum erfährt. Sage ihm, daß ich wissentlich es niemals gewagt hätte, gegen seine hohe Person mich in einer Weise zu vergehen, wie es geschah." Das Mädchen vermochte sich nicht so ruhig in das Furchtbare zu finden. Vor dem drohenden Verluste brachen die schlummernden Gefühle mit Macht hervor. Sie umschlang den jungen Mann mit den Armen und rief in leidenschaftlichem Schmerz: „Nein, nein, Du darfst nicht fort, Du darfst nicht sterben; es wäre mein Todl" Georg's Augen wurden feucht. Er preßte die Geliebte mit wehmüthiger Freude an's Herz und machte sich dann sanft von ihr los. „Sei wüthig," flüsterte er; „es muß sein! Vielleicht wird es auch nicht so schlimm, wie wir fürchten; hoffe und bete!" Er warf noch einen Blick voll Liebe auf sie, dann führten die Häscher ihn fort. Weinend unr rathlos blieb Magdalene im Zimmer. Der Schlag war zu schnell gekommen. Allmählig aber kehrte die Fassung ihr zurück. Sie trocknete das thränen- gebadete Antlitz und eilte den Gemächern der Herzogin zu. Ihr Herz schlug leichter, als sie diese allein fand. Sie warf sich der hohen Frau zu Füßen und flehte um Gnade und Erbarmen für Georg. Die Herzogin schien von den letzten Vorgängen noch gar nichts zu wissen. Ueberrascht blickte sie auf das weinende Mädchen. „Was ist geschehen?" fragte sie endlich. „Er liegt in Ketten," schluchzte Lene, „und man sagt, er werde zum Tode verurtheilt werden!" Jsabella erschrak, doch faßte sie sich sofort wieder. Sie hob die Knieende auf und suchte dieselbe liebreich zu trösten. „Beruhige Dich," sprach sie, „so weit kann, so weit darf es nicht kommen. Mein Gemahl hat sicher auch nicht die Absicht, den jungen Mann für seine Unbesonnenheit so hart zu strafen. Die Maßregel soll gewiß nur eine wohlgemeinte Lehre und eine Warnung sein, um ihn für die Zulunft von seinem Leichtsinn zu heilen. Für alle Fälle zähle auf mich." Magdalene athmete auf. Voll Hoffnung kehrte sie zu der Base zurück. Einige Minuten nach der Entfernung des Mädchens erschien Wallenstein. Seine Gestalt, welche in den letzten Tagen gebeugt gewesen, war wieder emporgerichtet, und die Augen glühten im alten Feuer. Die Herzogin ging ihm mit freundlicher Miene entgegen und ergriff seine Hand. „Du ließest Georg Sel- kow verhaften," begann sie, „und wie ich höre, hast Du eine schwere Strafe für ihn bestimmt. Wäre es denn denkbar, daß Du den jungen Menschen, der Dir schon so viele Dienste geleistet, der Dir mit seltener Treue anhängt, einer jugendlichen Unbesonnenheit wegen zum Tode verurtheilen könntest? Muß ich wirklich das Un- ' erhörte befürchten?" „Unerhört, sagst Du," rief Wallenstein; „es sind Andere um geringerer Dinge willen bestraft worden, und der Frevel dieses Knaben sollte ungesühnt bleiben? Sie sollen Beide so behaudelt werden, wie es ihr Verbrechen erheischt: Georg sowohl als Leßlie, welcher in Folge seiner unverzeihlichen Nachlässigkeit als Mitschuldiger der gleichen Strafe wie der Thäter verfällt!" Der hohen Frau lag das Schicksal Georg's so sehr am Herzen, daß ihr des Herzogs Aeußerung bezüglich des Hauptmanns entging. Schmerzlich bewegt schaute sie auf ihren Gemahl, dessen unbeugsamen Starrsinn sie kannte. Da ging die Thüre auf, und Pater Vincenz trat langsam und traurig herein. Mit düsterer Miene schritt Wallenstein auf ihn zu: Habts Ihr die Beichte des Jüngern gehört und auch Leßlie zum Tode vorbereitet, wie ich befohlen?" fragte er. „Ja," entgegnete fast tonlos der Greis. Wie um eine Mildere Regung zu suchen, forschte er in den Zügen des gewaltigen Mannes, aber enttäuscht senkte er den Blick. Plötzlich jedoch ermannte er sich und rief: „Verzeihen Euer Herzogliche Gnaden, wenn ich, der schwache Greis, der arme, mit keiner hohen kirchlichen Würde bekleidete Priester, in diesem Augenblick Worte an Euch richte, welche ich mir unter andern Verhältnissen niemals erlaubt hätte. Ich rede als der verordnete Diener eines Hähern Herrn, vor dessen Angesicht der Fürst und der Bettler, der Gewaltige und der Schwache gleich sind. Herzog von Friedland! Ihr steht im Begriff, eine furchtbare Schuld auf Euch zu laden, die dereinst in der Sterbstunde Euer Gewissen schwer drücken wird: Ihr habt ein ungerechtes, ein grausames Urtheil über den Schloßhauptmann und Georg Selkow gesprochen; ihre Hinrichtung wäre ein Mord!" „Ha, was wagt Ihr?" brauste Wallenstein auf. „Es ist so, und bei Gott, vor dessen Thron ich vielleicht bald stehen werde, will ich diese Behauptung vertreten," beharrte der Greis mit Würde. „Was haben die Beiden gethan? Der Eine verfehlte sich, ohne es zu ^ wissen, gegen Eure Person, und der Andere hat ihn daran nicht gehindert, weil er ihn nicht hindern konnte; denn Georg hatte ja stets freien Zutritt zu Euch. Sind das Verbrechen, die man mit dem Tode bestraft? Die Erbitterung, nicht Euer Herz hat dieses Urtheil gefällt! Nehmt es zurück! Denkt an jenen großen Meister der Liebe, der Gnade und des Erbarmens, zu dem Ihr täglich betet: Vergib mir meine Schuld, wie auch ich vergebe! Uebt Gnade, damit er auch Euch gnädig sei! ! Er, von dem allein Eure Zukunft abhängt, auf dessen ! Wink die Gestirne des Himmels sich bewegen, der Euch , Ruhm, Ehre und Erfolg schenken kann. Von ihm singt i der Psalmist aber auch: Da wehte sein Hauch, es deckte ! sie das Meer, und sie sanken wie Blei in den gewaltigen ! Wassern. Ihr könnet sie hinrichten lassen, die Gewalt liegt in Eurer Hand; ein Wink von Euch verlöscht das Leben der Beiden, und das Bewußtsein, Diejenigen vernichtet zu haben, welche Veranlassung gaben, daß Ihr 55 einen Augenblick die Schwäche anderer Menschen getheilt habt, mag Euch jetzt vielleicht eine Genugthuung sein. Aber aus diesem unschuldig vergossenen Blut wird ein Rache-Engel aufsteigen, der drohend sein Schwert bis zu dem letzten Athemzuge über Eurem Haupte schwingt!" Wallenstein war mit verschränkten Armen vor den Pater getreten. Der Blick des gewaltigen Mannes war fest auf ihn gerichtet. Das blaue Auge desselben blickte jedoch ruhig zu ihm auf. (Fortsetzung folgt.) --i—*—- Bor fünfundzwanzig Jahren. Von Friedrich K o ch - B r c n b c rg. (Fortsetzung.) Während wir vom Corps v. d. Tann an der Loire uns in offener Feldschlacht herumschlugen, hatten die Offiziere und Mannschaften des II. bayerischen Armeecorps vor Paris nicht minder beschwerliche Tage zu bestehen. Vom 19. September an war die Capitale derart eingeschlossen, daß sie höchstens vermittelst Luftballons verlassen werden konnte. Natürlich kamen jetzt auch die Brieftauben sehr zu Ehren; der Vorschlag eines schlauen KopfeS aber, die wilden Thier des furcüu äe8 xlantss gegen uns loszulassen, datirt erst aus späteren Tagen. Die Civilisation war, wenn sie auch bald durch die Commune eine heftige Quetschung erfahren sollte, doch im Jahre 1870 schon so weit vorgeschritten, daß man die Bestien, um sie auf den Feind zu dressiren, nicht einstweilen mit gefangenen Preußen oder Bayern fütterte. Das „?a.ri8 ns 86 rsnäsra zumahl" ertönte allüberall, und inner- und außerhalb der Stadt war jeder Franzose überzeugt, daß die Deutschen unter der Enceinte ihr Leben aushauchen mußten. Ja, diese Deutschen standen nun in einem Zeitraum von kaum 60 Jahren zum dritten Male vor der Seinestadt. Diesmal waren sie allein gekommen und wurden nicht wie 1814 von den Damen des Adels mit offenen Armen empfangen; diesmal war kein süßlicher Alexander, kein lustiger Regent von England, kein gutmüthiger Friedrich Wilhelm mit einer Unzahl Diplomaten erschienen, es gab keine Bälle, keine Soiräen, keinen Pudding ü 1a Nesselrode, es herrschte auf beiden Seiten bitterer Ernst, der sich nur innerhalb der Mauern manchmal etwas excentrisch äußerte. Man sollte sich auf deutscher Seite in der Annahme, daß die verwöhnten Pariser in kurzer Zeit ausgehungert seien, doch etwas gründlich täuschen. Warum war man am 19. September auch nicht einfach zwischen den Forts durch in die Stadt marschtrt! Paris bildete damals wohl die größte Befestigung Europas. Die Stadt war mit einem Hauptwall, der allenfalls ein Siebeneck bildete und aus 94 Bastionen bestand, umgeben. Diese Walllinie, welcher jedoch alle forti- fikatorischen Verstärkungen fehlten, war in 9 Abschnitte während der Vertheidigung eingetheilt worden. Der 45 Fuß breite Graben vor dem Wall hatte 18 Fuß Tiefe und die Brustwehr besaß eine Stärke von 21 Fuß. 7 Stunden betrug aber der volle Umfang der Umwallung, vor welcher 16 größere Forts lagen, deren aneinandergereihte Umfassungslinie wieder 12^ Wegstunden ausmachte. Das sind recht anständige Zahlen, wenn man bedenkt, daß zur Vertheidigung der Enceinte und der Forts mehr als 2500 Geschütze zur Verfügung standen. Es ist hier nicht Raum, aller Armeccorps zu gedenken, welche den anstrengenden Dienst vor Paris versahen, denn die Beschreibung der Belagerung würde, selbst kurz gefaßt, ein Buch füllen. So muß ich mich darauf beschränken, die Thätigkeit der Bayern zu erwähnen, von welcher dann leicht auf das Uebrige zu schließen ist. Die Stellung der Bayern war durch das eroberte Plateau von Chutillon eine wichtige geworden. Anfänglich gab es Ansichten, welche dahin gingen, die Bayernschanze einzuebnen und die Vertheidigungslinie mehr rückwärts an die Straße nach Versailles zu verlegen. Im Corps-Quartier war man dagegen, und äußerte der Feld-Geniedirector, Oberstlieutenant Fogt, der vielen Lesern noch als mannhafter Magtstratsrath von München in anderer, schwerer Zeit bekannt sein wird, daß er ein vollständiges Einebnen nicht vor drei Monaten verbürgen könne. Der allzeit im Herzen schwarze Fogt, der aber blond und bleich war, leistete überhaupt als Feld-Geniedirector die vorzüglichsten Dienste und ist wie vielleicht kein anderer der Beweis dafür, was felsenfeste Katholiken als deutsche Soldaten 1870 geleistet haben. Noch sehe ich den Mann in seiner schwarzen Uniform mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse geschmückt bei der Fronleichnamsprozession zu einer Zeit, da hinter dem Allerheiligsten öde Leere herrschte. Ehre dem Andenken eines Mannes, der nicht allein Muth als Krieger — der den Muth der Ueberzeugung besaß! Das Plateau von Chutillon, da? an die 80 Meter höher als die gegenüberliegenden Forts liegt, bot Einsicht in das Vorterrain bis an die Enceinte hin. Hätte man es frei gelassen, man hätte die umliegenden Orte auch nicht besetzen können. Außerdem waren seine Hänge so beschaffen, daß es sich leicht vertheidigen ließ. Es lag also vor allem daran, die Schanze gewissermaßen umzudrehen, dann mußten Jägergräben hergestellt, Straßen verbarrikadirt und Häuser und Mauern zur Vertheidigung eingerichtet werden. Einen großen Theil der Thätigkeit nahm auch das Sichern der Oertlichkeiten, an welchen Feldwachen, Pikets und Replis aufgestellt waren, in Anspruch. Wer Glück hatte, den traf ein Standpunkt, an welchem ein Haus oder ein festgemauertes Gebäude vorhanden war, oft aber mußte sich die Compagnie in einem Erdloch oder Steinbruch aufhalten und trotz des impro- visirten Bretterdachs durch Nässe und Kälte leiden. Die Stellung des II. Cmps erstreckte sich von der Bisvre bis südlich von Meudon, und hatte die Division Walther das ganze Plateau, die Division Bothmer das Gelände östlich desselben zu besetzen. Bei Meudon schloß das V. preußische Corps, bei l'Hay das VI. an die Bayern an. Bei der ersteren Division versahen die Brigaden im Wechsel den Vorpostendienst und gaben jedesmal 6 Compagnien für Feldwachen und Pikets, ebenso viele als Unterstützungen und Replis und 2 Compagnien zur Besatzung der Schanze, in welcher einer der Negi- ments-Commandanten als Vorposten-Commandant seinen Sitz zu nehmen hatte. Die dienstfreien Truppen der Division waren in Plessis-Piquet, Malabiy, Biävre und Jgny untergebracht, wo man sich natürlich behaglicher einzurichten suchte. Die Stellung der Division Bothmer war durch die im Halbkreis liegenden Orte Bourg la Reine, Bagnenx und Chutillon, in deren jeden sie ein Bataillon auf Vorposten entsendete, von selbst bestimmt. Die UnterstützungsBataillone lagen in Bourg la Reine, das sich an der Orläanser Straße weit nach Süden erstreckt, Croix de 56 Bernis und Fontenay. Die cantonnirendcn Truppen lagen in Sceaux, Antony, Pont d'Antony, Verriöres, Massy und Chatenay, wo General v. Hartmann sein Quartier hatte. Die Belagerer hatten in erster Linie zu arbeiten, d. h. ihre Stellung vertheidigungsfähig zu gestalten. Alle Provocationen waren strengstens untersagt. So hatten die Pariser Ruhe, und sie benützten sie, indem sie fleißig exercierten, Revuen hielten und nach der Scheibe schössen, wobei natürlich der Feind gleich den Kugelfang bildete. Es fiel ihnen nicht ein herauszurufen: „Bitte, gehen Sie jetzt da weg, sonst werden Sie hinausgeschossen!" Es ist weltbekannt, daß die Umgebung von Paris reizend ist. Eine Unzahl Schlösser, Villen und Dörfer umgibt die von hügeligem Gelände umgebene Capitale. Man findet großartige Schlösser mit ihren Kunstschätzen, mit ihren ausgedehnten Parks, und Dörfer, in denen mehr Vergnügungslocale als eigentliche Bauernhäuser anzutreffen sind. Der Pariser Bürger arbeitet bis zu seinem 50. oder 60. Jahre, dann will er es aber zu einer Rente gebracht haben, damit er sich da draußen eine Villa bauen kann. O diese Architekten ä 20,000 Francs! Eine dieser kleinen Villen schaut wie die andere aus. Durch die Hausthüre betritt man einen Flur, so eng, daß sich ein robuster Deutscher nicht umdrehen kann. Rechts liegt der Salon, links das Speisezimmer mit Klapptisch, Holztapeten und dem unvermeidlichen Sodawasserbereiter. Im ersten Stockwerk schläft links Monsieur, rechts Madame. Bäbö gibt es nicht, denn der verkauft in Paris Oel, Sardinen, Zucker, Lebkuchen und Fruchtgelee, um dereinst in eben so dünnwandiger Villa zu enden. Aber am Sonntag bei schönem Wetter, wenn die weniger Bemittelten am Rasen tanzen und trinken oder im Gasthause Friture essen, dann kommt er mit Kind und Kegel zu Grand'maman, und man sitzt im ummauerten Park, der ganze drei Bäume zählt und durch den ein auscementtrter Bach mit gestautem See fließt, den ein Enkel, wenn er hineinfällt, um sich zu retten, bequem mit wenigen Zügen austrinken kann. Alles hat Mauern — der Riesenpark eines Duc, und der Lili- putpark des Epicier auch. Legte sie nicht der erste Zuckerhut aus oen Riesengeschützen von Montrouge oder aus der Judenschanze nieder, so wurden sie für die Vorposten oder zur Vertheidigung verwendet. Es wurde Tag und Nacht und bei jedem Wetter gearbeitet, und dieser Dienst strengte die Leute mehr an, forderte indirect mehr Opfer, als das Beziehen der Vorpostenlinie. Die Genietruppen waren ja gewissermaßen nur die Vorarbeiter, und die Infanteristen hatten dann die Schanzarbeit zu besorgen. Die Verpflegung konnte auch erst nach und nach geregelt werden, so daß sie den Anstrengungen entsprach. Wie also beim Armeecorps v. d. Tann sich die Reihen der Bataillone in offener Feldschlacht lichteten, so geschah es hier durch massenhafte Erkrankungen. Die ewige Unruhe, das stete Jnbereitschaftsein ruinirte das Nervensystem und schwächte die Widerstandsfähigkeit gegen Krankheitseinflüsse. (Schluß folgt.) -«8WLS- Oberelchingen und sein ehemaliges Kloster. "Mit Illustrationen. —- Nachdruck verboten.! Das Dorf Elchingen verdankt seine Existenz dem alten Reichsstift auf dem herrrlichen Berge, den heute noch das prächtige Reichsgotteshaus krönt. Die Wahl dieses Punktes zum Klostcrbau macht dem guten Geschmack der Stifter alle Ehre; denn kaum gibt es in unserem Schwabenlande eine herrlichere Höhe, als den Berg von Elchingen. Das entzückte Auge fällt auf ein wundervolles Panorama, aus dem 10 Städte und mindestens 100 Dörfer Heraufleuchten und dessen Horizont westwärts vom Bussen und ostwärts vom Schellenberg, südwärts von den Burgen Neuburg a. d. Kammel und Osterberg begrenzt wird. Wie erscheint hier oben die Welt so schön, wenn die Erde ihren Frühlingsschmuck trägt! Was Wunder, daß dieser wunderschöne Erdenfleck vor 400 Jahren wie heute die Besucher zu überschwänglichen Ausdrücken der Bewunderung begeistert hat. So kam schon im Jahre 1489 dem Ulmer Dominikanermönch Felix Fabri die Welt auf dem Berg von Elchtngen um so viel schöner vor als anderswo, daß er Wunderdinge von der Fruchtbarkeit des quellenreichen, „mit aromatischen und heilkräftigen Kräutern bedeckten Berges" erzählte, wo „die Luft viel milder, das Wasser viel reiner sei, das Feuer viel Heller scheine". Das ist freilich etwas überschwäng- lich, aber nicht ein bloßes Gedicht, wie Herr v. Raiser meint (Elchingen S. 2). Die Quellen des Berges treiben sogar eine Mühle im Dorfe, und selbst am Bergabhang wächst Getreide aller Art so üppig, wie weithin nirgends in der Runde. Das wußten die Benediktiner schon vor bald 800 Jahren, als sie sich um die Zeit 1128 — 1142 auf dem Berge ansiedelten. Lange Jahre, ehe sie kamen, hauste auf dem Berge das Rittergeschlecht von Aelchingen in einem festen Thurm, welcher wegen der raubritterlichen Unthaten dieser Ritter der „Thurm Babel" genannt worden sein soll. In jener Zeit gehörte fast die ganze Gegend um Ulm, also auch der Berg von Elchingen, dem Kloster Reichenau, das diese Güter den damals mächtigen Grafen von Kirchberg zu Lehen gab, deren Lehcnsmänner die Ritter von Aelchingen waren. Im Jahre 1104 erscheint Ritter Adilbrecht von Aelchingen in einer bischöfl. Urkunde, und auch als die Burg längst dem Kloster gewichen war, besaßen die Ritter von Aelchingen noch Güter im heutigen Dorfe Unterelchingen. So schenkte im Jahre 1295 Ritter Conrad von Aelchingen einen Hof mit Sölden in Unterelchingen als Gottesgaben an's Kloster Salmans- wetl, das um jene Zeit das ganze Dorf von Reichenau erwarb. Im Kriege der Hohenstaufen Conrad und Friedrich gegen Kaiser Lothar und seine Verbündeten Herzog Heinrich von Bayern und Conrad von Wettin, später Markgrafen von Meißen, im Jahre 1125, fiel die Burg Elchingen in die Hände Conrads von Meißen, welcher Luitgarde, die Schwester des Hohenstaufen Conrad III., zur Gemahlin hatte. Diese stiftete zur Danksagung für die endliche Aussöhnung zwischen Bruder und Gemahl an Stelle der Burg Elchingen das Kloster und übergab es um die Zeit zwischen 1128—1142 den Benediktiner-Mönchen. So erzählen die Chronisten und die Ueberlieferung. Ob diese Stiftungsgeschichte richtig ist, läßt sich nicht bestimmen, da mehrmalige Feuersbrünste die alten Urkunden des Klosters vernichtet haben. Im Jahre 1150 brannte das Kloster, welches Kaiser Conrad III. auf Bitten seiner Schwester Luitgarde in den Schutz des Reiches genommen hatte, vollständig nieder. Ritter Albert von Ravenstein, wahrscheinlich dem edlen Hause von Berg angehörig, soll es wieder aufgebaut haben und wurde vom Kloster stets als zweiter Stifter gefeiert. Er schenkte dem Kloster seine Besitzungen in Tommertingen Gefährlicher Abstieg. Nach einem Gemälde von Karl Reichert 58 und Westerstetten, während die von Luitgarde vermachten Stiftungsgüter in der Schweiz ans Kloster St. Blasien ausgetauscht wurden gegen dessen Güter in Ochsenbrunn, Leibt, Fahlheim und Departshofen. Im Namen des Reiches übten die Ritter v. Reisens- burg und später die Markgrafen von Burgau die Schirm- vogtci über das Kloster Elchingen, jedoch nur über dessen Besitzungen rechts der Donau, aus; links waren die Grafen von Helfenstein Schirmvögte. Da mit der Schirmvogtei bedeutende Rechte und Gefälle verbunden waren, verpfändeten namentlich die drei österreichischen Herzoge als Markgrafen von Burgau die Vogtes Elchingen nacheinander an verschiedene Herren, was zu häufigen Händeln führte, bis endlich das Kloster im Jahre 1420 die Schirmvogtei am rechten Ufer um 3100 Gulden für sich auslöste, also die schlimmen Schutzvögte vom Halse kaufte, da sie als Schutzvögte für das Kloster genau das waren, was der Bock als Gärtner ist. — Die Schutzvogtei über von dieser Bescheerung der neuen Lehre, nichts von der Reformation wissen und entflohen mit ihrem Abte Andreas. Das Kloster wurde nun geplündert und vollständig niedergebrannt im Jahre 1546. Nach dem Siege des Kaisers im Jahre 1547 mußte freilich die Stadt Ulm ihren Raub wieder herausgeben und dem Kloster 17,000 fl. Schadenersatz zahlen; — wenig genug, da der Schaden des Reichsstifts auf 100,000 Gulden geschätzt wurde und das zerstörte Kloster neu erbaut werden mußte. Nachdem das Kloster wieder all- mälig aus den Ruinen erstanden war, begab sich das Reichsstift in österreichischen Schutz, um der bösen Ulmer Schutzvogtet einen festen Riegel zu schieben. War auch das Kloster durch diese Schicksalsschläge sehr herabgekommen, so hatte doch der damalige Abt Andreas (1541—1547) die Freude, vom Papst das Privilegium zu erhalten, Jnful, Ring und Stab zu trogen und seinen Unterthanen selbst das hl. Sakrament «summ Dber-Elchingen. die Güter des linken Donau-Ufers kam um das Jahr 1487 von den Grafen von Helfenstein an die Reichsstadt Ulm, welche kraft dessen das Kloster oft hart chicanirte und bedrängte. Das Kloster protestirte fortwährend beim Kaiser gegen die Ulmer Schutzherrschaft und berief sich auf sein altes Recht, auf den Schutz des Reiches. Vergebens. Obwohl der schwache Kaiser Friedrich III. bei seinem Besuch in Elchingen 1485 dem Abt Paul alles versprach, erklärte er doch zwei Jahre später wieder die Ulmer als Schutzherren von Elchingen. Das Kloster protestirte fort und klagte bei Kaiser Karl V., der 1539 ihm seine Privilegien der Reichsunu ittelbarkeit bestätigte. Die Ulmer überfuhren fort, nicht nur alsSchutzherren,sondern alsOber- herren von Elchingen zu schalten. Im schmalkaldischen Krieg nuuo 1546 eroberten sie das von den spanischen Truppen des Kaisers vertheidigte Kloster. Den Mönchen trugen die Ulmer Weiber an. Diese aber wollten nichts der Firmung ertheilen zu dürfen, was Cardinal-Bischof Otto im Jahre 1543 bestätigte. Zwanzig Jahre vor der Zerstörung des Klosters Elchingen im schmalkaldischen Kriege war ein anderer gewaltiger Sturm über das Reichsstift hingefahren — der Bauernkrieg. Er nahm das Kloster hart mit. Vor der Bauernschlacht bei Leipheim (am 4. April) überfielen die Bauernhaufen von Leipheim und Langenau das Kloster und plünderten es rein aus. Nachdem die Bauern im Kloster alles zerschlagen hatten, zogen sie raubbeladen aus dem Kloster. Es war am 1. April, da brach das Strafgericht über sie herein. Der Feldherr des schwäbischen Bundes, Georg Truchseß von Waldburg, rückte von Ulm her gegen das Hauptheer der Bauern bei Leipheim und schickte 200 Mann Hessen mit einigen Reitern am linken Donau-Ufer gegen die 2000 Bauern, die im Kloster Elchingen lagen. Als diese das Schießen von 59 Bühl und Leipheim her Hünen, verließen sie das Kloster, um gegen Langenau zu fliehen. Kaum hatten sie mit ihrem Raub das Kloster verlassen, da fielen die Hessen über sie her, erstachen einige Hundert und jagten die anderen gegen die Donau, während gerade am rechten Ufer bei Leipheim das Gemetzel unter den geschlagenen Bauern begonnen hatte. „Was nun bei Elchingen den Hessen entrann, floh auf Leipheim zu, und was zu Leipheim über die Donau schwamm, kam den Hessen in die Hand, und wurden in die 4000 Bauern erstochen und ertränkt." So schreibt der Schreiber des Truchseß in seinem Bericht. (Baumann, Bauernkrieg, S. 552.) Wie vandalisch die Bauern im Kloster gehaust, schildert der damalige Abt Hieronymus (1519—!546) in seinem Jammerbrief vom Samstag nach Ostern 1525 an Bischof Christoph. Er erzählt, wie die Bauern mit gezückten Schwertern, stets mit dem Tode drohend, Geld erpreßten und alles ausraubten, wie dann die Klosterspaltung" Schuld sei. Dieser Heimsuchung folgten bald dicBe- drängungen, mit welchen die Stadt Ulm, gestützt auf ihre angemaßte Schutzvogtei, dem Kloster hart zusetzte, und im Jahre 1546 die schon erwähnte vollständige Nicder- brennung und Zerstörung des Klosters. Und nicht genug all dieser Drangsale, kam im folgenden Jahre 1547 auch noch die Pest und wüthete im Gebiete des Stifts. Da das Kloster in Asche lag, wohnten die Mönche in Günz- burg und wählten dort am 5. Oktober 1547 Thomas Klauß von Weissenhorn zum Abt. Schon nach 16 Tagen starb er an der Pest, und die Mönche wählten am 19. November den erst 26jährigen Sylvester Gottfried von Weissenhorn zum Abt. Er begann den Wiederaufbau des Klosters und vollendete ihn, restgnirte aber schon i. I. 1553. Seine Nachfolger Leonhard Mayer (1553—1555), Sebastian Eberlin (1555—1565), Erhard Wassermann (1565 -1581), Gallus Keppeler (1581 — 1602), Thomas Hall (1602—1619) hatten so ziemlich ruhige Jahre, so » » Kloster Glchingen. Herren sämmtlich über Thalfingen nach Ulm flohen und dort 11 Tage lang, bis Charsamstag, blieben. Ein Bauer wollte das hl. Sakrament in einer silbernen Kapsel rauben, aber L. Leonhard trat ihm unerschrocken entgegen und sagte: „Und wenn Du mich tausendmal tödtest, ich weiche nicht von der Stelle." Der Bauer ließ es, und das hl. Sakrament blieb unverletzt. Leider war es später zum Schmerze des Prälaten uud seiner Mönche doch verschwunden. Der Abt schildert weiter, wie die Bauern im ganzen Hause alles raubten, zerschlugen oder vernichteten, das Getreide auf acht Wägen luden und fortführten. Im Kloster war kein Winkel unverletzt. Das Dorwitorium (der Schlafsaal) war so übel zugerichtet, daß es einer Räuberhöhle gleichsah. Der Prälat schließt: „Nun sind wir wahrhaft Mönche, die in Armuth leben", und spricht die Ueberzeugung aus, daß an diesem verderblichen Aufstand nichts als die „lutherische Faction", die Glaubens- datz das Kloster sich erholen und Abt Thomas im Jahre 1607 den Markt Waldstetten und Häufelsburg und mehrere Güter in Dornstadt und Etlishofen kaufen konnte. 70 Jahre dauerte die Friedenszeit, da kam der schreckliche Schwedenkrieg, dessen ärgste Drangsale Abt Johannes Spegelin (1619—1638) schwer empfinden mußte. Noch zeigt man in Elchingen das blutbefleckte Meßgewand, das er bei einer schweren Mißhandlung durch die Schweden getragen haben soll. Das Andenken dieses trefflichen Abtes verewigt das Denkmal mit seinem in Marmor ausgeführten Bilde an der Südwand der Klosterkirche. Was Elchingen im Schwedenkrieg gelitten, das schildert der Conventual ?. Johannes Botzenhard in seinem Tagebuch von 1629—1646 (Histor. Verein, Heft von 1876, Seite 157). Nachdem das Kloster und sein Gebiet Jahre lang viel von den Durchmärschen der Kaiser- 60 M» Friedrich tznase. lichen gelitten, ging das Elend tru Frühling des Jahres 1632 erst recht an. Die Schweden kamen, und dadurch ermuthigt, begann der protestantische Ulmer Rath seine Gewaltthätigkeiten wieder gegen das Kloster. Der Abt entzog sich im Jahre 1632 durch wiederholte Flucht nach Günzburg der Vorladung nach Ulm, um der erzwungenen Huldigung zu entgehen. Indeß wurde das Kloster stark von den Schweden gebrandschatzt, die Dörfer geplündert, die Pfarrer verjagt. Das Elchingen'sche Dorf Dornstadt wurde schon im Jahre 1631 vollständig von den Kroaten niedergebrannt. Entsetzliches brachte das Schreckensjahr 1633 über Elchingen. Am 13. Januar legte sich der schwedische Oberst Berghofer mit seinem Regiment in's Kloster und führte sich schändlich auf. Der Prälat Spegelin wurde beschimpft und mißhandelt; alle Mägde wurden herbeigeschleppt und durch die Nacht das Kloster von Berghofer und seinen Leuten durch schauerliche Orgien geschändet. (Schluß folgt.) Zu unseren Bildern Gefährlicher Abstieg. Die Hausthüre ist zufällig offen geblieben, und weil draußen die Sonne so herrlich scheint, wollen unsere fünf jungen Kätzchen, schon frühzeitig der mütterlichen Obhut sich entwöhnend, ihren ersten Morgenspazicrgaug in's Freie unternehmen, um doch auch zu ersahreu, wie die Welt außerhalb der vier Wände eines Hauses aussieht. Der Entschluß ist freilich leichter gefaßt als ausgeführt, denn gleich zu Beginn ihres Unternehmens stellt sich den Kätzchen ein schier unüberwindliches Hinderniß entgegen, die zwei Treppenstufen nämlich, die von der Hausthüre in den Hof hinabführen. Da geht es denn zuerst an ein Ueberlegen und ängstliches Hin- und Herlaufen, bis Butzi, das verwegenste unter den fünf Geschwistern, das Wagniß unternimmt und mit einem ungeschickten Purzelbaum gleich über beide Stufen hinabrollt. Dem kühnen Beispiele Butzis folgen allsogleich Mimi und Mizi, die aber hübsch vorsichtig von einer Stufe auf die andere klettern, und auch Büß ist schon bereit, sich ihnen anzuschließen. Nur Schnuß, daS jüngste Kätzchen, kann sich zu dem Wagniß noch nicht entschließen und bringt seine Herzensangst durch ein klägliches Miauen zum Ausdruck. C. Reichert hat diesen possirlichen Vorgang belauscht und auf dem allerliebsten Bilde, das wir heute unseren Lesern bieten, festgehalten. _ Friedrich Hanse. Fünfzig Jahre sind vergangen, daß sich einer der beliebtesten und bedeutendsten deutschen Schauspieler dem Dienste der Kunst geweiht: Friedrich Haase, der, noch nicht 20 Jahre alt, am 14. Januar 1846 zum ersten Male die Bühne betrat und sich nunmehr als Siebenzigjähriger für immer von der künstlerischen Thätigkeit zurückzuziehen gedenkt. Am 16. Nov. 1826 zu Berlin als Sohn eines königlichen Kammerdieners geboren, hatte Friedrich Haase sich von jeher der Gunst König Friedrich Wilhelms IV. zu erfreuen gehabt und war von diesem, nachdem er sein Abiturientenexamen gemacht, Ludwig Tieck zur schauspielerischen Ausbildung überwiesen worden. Sein erstes Auftreten fand am Hoftheater in Weimar statt, zwei Jahre später wandte er sich, nachdem er einige Zeit in Potsdam gespielt und auch ein Gastspiel am Berliner Hoftheater absolvirt hatte, nach Prag, wo damals das deutsche Theater in hoher Blüthe stand. Hier begründete der inzwischen zu vollkommener Beherrschung der Technik gelangte junge Darsteller seinen eigentlichen schauspielerischen Ruf; er blieb daselbst von 1849—1851 und begab sich sodann nach Karlsruhe (1851-1852), München (1652—1855) und Frankfurt am Main (1855—1858). In Frankfurt ging Haase auch feine erste Ehe mit der Sängerin Anschütz-Capitain ein. Von 1860 bis 1865 finden wir Haase in Petersburg als glänzendsten Stern des dortigen deutschen Theaters. In der russischen Hauptstadt vermählte Haase sich in zweiter Ehe mit der dortigen Hofschauspielerin Elise Schönhoff. Nach Lösung seines Petersburger Vertrages verlegte der Künstler sich hauptsächlich auf's Gastiren und kam auch zu wiederholten Malen als Gast nach Augsburg, wo er durch sein künstlerisches Auftreten die dcnköar günstigste Erinnerung hinterließ. Vorübergehend (1867—1868) übernahm er die Leitung des Hofthearers von Coburg-Gotha und machte dann (1869) seine erste große Gastspielreise nach Amerika, eine der erfolgreichsten, die je von einem deutschen Künstler nach dem Lande der Dollars unternommen worden sind. Nach seiner Rückkehr trat er noch im gleichen Jahre in den Verband des kgl. Schauspielhauses in Berlin ein, und er würde wohl schwerlich aus dieser Stelle wieder geschieden sein, wenn er nicht bereits im folgenden Jahre (1870) zur Direction des Leipziger Stadttheatcrs, als Nachfolger Laubes, berufen worden wäre. Nach Ablauf des Leipziger Kontraktes kehrte der Künstler vorübergehend noch einmal an das Berliner Schauspielhaus zurück, widmete sich in der Folge jedoch ausschließlich Kunstreisen, die ihn weit und breit in der Welt herumführten. Wenn Haase seinen Entschluß ausführt und hinfort sich wirklich von der Bühne zurückzieht, verliert das deutsche Theater einen Schauspieler von seltener Eigenart, wie in den letzten 25 Jahren sich ja ein besonderer Typus von Rollen ausgebildet hat, die als „Haasesche" bezeichnet werden. Die Grundlage dieser Eigenart bildeten die umfassende Bildung des Künstlers und die ihm eigene Verstandesschärfe, die ihm auch in seinen geschäftlichen Unternehmungen so große Dienste leisteten. Originelle Auffassung und geistvolle Durcharbeitung zeichneten schon seine ersten Rollen aus, aber sein Können hielt mit seinem Wollen nur gleichen Schritt, wo er in seinen künstlerischen Darbietungen seine persönliche Eigenart zur Geltung bringen konnte; am vortrefflichsten geriethen ihm daher Gestalten aus dem Kreise feiner Welt- und Lebemänner, wie der Graf Thorane im „Königslientenant", der ältere „Klingsberg", der Chevalier Rocheferrier in der „Partie Piquct" und eine ganze Reihe ähnlicher; wer ihn in früheren Jahren gesehen, wird sich aber auch noch des tiefen, ja überwältigenden Eindruckes erinnern, den sein Heinrich in „Lorbeerbaum und Bettelstab" und vor allem sein Lord Harleigh in „Sie ist wahnsinnig" hervorriefen. Ireltag, den 1. Februar 18 SS. O s. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. - Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Die Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Benno. (Fortsetzung.) Eine minutenlange Pause entstand. Man hörte in dem Zimmer nichts als das langsame Ticken der an der Wand hängenden Uhr. Dann sagte Wallenstetn kalt: „Ich danke Euch, hochwürdiger Herr, für die Besorgniß, welche Ihr für mein Seelenheil und die Erhaltung meines NufeS empfindet, und freue mich, daß Ihr gewagt habt, Eure Meinung frei auszusprechen. Unter tausend Andern hätte es vielleicht Keiner gethan. Uebri- gens steht mein Entschluß fest, und nichts kann ihn ändern; wie daS Vergehen, so die Strafe!" Bei den letzten Worten ergriff der Herzog ein silbernes Pfeifchen, das auf dem nebenstehenden Tisch lag; er setzte es an den Mund und rief durch dessen Ton einen Diener herbei. „Man führe die Verbrecher in den Saal," gebot er kurz, als dieser erschien. Bei diesem Befehl hielt die Herzogin, welche der vnrausgegangenen Scene, ohne ein Wort zu sprechen, beigewohnt hatte, nicht länger an sich. „Albrecht, mein Albrecht," flehte sie und sank vor ihrem Gemahl auf die Kniee, „ich bitte, ich beschwöre Dich, geh' nicht zu weit; Du Möchtest es bitter bereuen!" Wallenstein hob sie auf. „Du kennst mich, scheint es, weniger, als ich geglaubt," sagte er mit eigenthümlichem Lächeln. „Beruhige Dich, Jsabrlla!" „O mein Gott," rief die angstgequälte Frau, „darf ich Deine Worte deuten, wie meine Seele es wünscht?" Der Herzog antwortete nicht. „Begleitet mich," wandte er sich an Pater Vincenz; „Ihr sollt Zeuge sein." Wallenstein ging, und weinend folgte der Greis. Ueber den Boden des großen Saales war ein rother Teppich gebreitet. In der Mitte desselben standen zwei eichene Blöcke, von einem Sandhaufen umgeben, während im Hintergrund eine große Tragbahre, mit weißen und schwarzen Tüchern verhängt, aufgestellt war. In dem Augenblick, als Wallenstein und der Pater im Saale erschienen, öffnete sich eine Seitenthüre, und eine hohe Mannesgestalt in rothem Mantel trat ein. Ein breites Schwert blickte unter den weiten Falten hervor. Dann wurden Georg und der Schloßhauptmann auf den Richt- Platz geführt. Während Leßlie mit todtblassem Antlitz da stand, das unheimlich glühende Auge drohend auf Wallenstein gerichtet, sank Georg beim Anblick des Herzogs in die Kniee, ohne jedoch einen Laut hervorbringen zu können. „Führt sie zu« Tode!" befahl der Herzog; „zuerst den Leibjager Selkow, dann den Schloßhauptmann Leßlie." Georg erhob sich und ging schwankenden Schrittes dem Scharfrichter voran; als er vor dem ersten Block angelangt war, wurde er aufgefordert, seine langen Locken unter das Sammetbarett zu stecken, damit der Hals frei werde. Der junge Mann that es mit zitternden Händen. Dann richtete er die Augen flehend auf den Herzog und sprach: „Gnädigster Herr, ich bitte nicht um Gnade, denn ich habe meine Strafe verdient; der Schloßhanptmanu aber hat nichts verbrochen und wurde nur durch meinen Leichtsinn in's Unglück gestürzt. O, erhört die Bitte eines Sterbenden, dem daS Bewußtsein dieser Schuld die letzte Stunde erschwert: schont sein Leben und schickt mich allein in den Tod! Ich werde beten," schloß er, mit traurigem Blick zum Henker gewandt, als Wallenstetn nicht ein Mal durch das Zucken einer Wimper die Geneigtheit zur Erfüllung seines Wunsches bekundete, „wenn meine Hände herabstuken, dann . . ." Er kniete nieder. Einige Minuten lang bewegten sich seine Lippen in leisem Gebet, während dessen der Scharfrichter langsam daS breite Schwert emporhob. Die Augen des furchtbaren Mannes streiften jedoch nur flüchtig das bleiche Antlitz des Opfers und hingen dann in gespannter Erwartung an Wallenstein's Mund. Todtenstille herrschte in dem Gemach, die entsetzten Zuschauer athmeten kaum. Da zuckte ein greller Blitzstrahl vom Himmel herab, und unter das Rollen des Donners mischte sich ein Poltern und Krachen, als sei das Schloß in Trümmer gestürzt. Mit bleichem Antlitz stürmte Seni aus dem anstoßenden Raum hervor. „Hoheit," rief er, „die Decke des Observatoriums fiel auf den großen Quadranten,' den sie in tausend Stücke zerschlug. Nur eine Minute früher, und auch mich hätte das Schicksal ereilt!" Der Herzog stand da, wie eine Bildsäule; auf ein-, mal jedoch kam Leben in sein starres Gcstcht. Er gab dem Henker einen Wink und eilte nach dem astrologischen Zimmer, durch dessen Thüre er mit dem rasch nachfolgenden Seni verschwand. In Folge der für diese Jahreszeit ganz ungewöhn- 62 liche Hitze hatte sich ein schweres Gewitter zusammengezogen, das nun in strömendem Regen unter Blitz und Donner sich entlud. Wie später sich herausstellte, hatte der Blitz, ohne zu zünden, in einen der Thürme geschlagen und den Einsturz eines Theiles der Zimmerdecke in dem Arbeitscabinet des Astrologen bewirkt. Wollenstem blieb ziemlich lange aus; nach Verfluß einer Viertelstunde erschien er ohne den Astrologen wieder im Saal. Sein Gesicht war noch bleicher als sonst, die Miene jedoch nicht finster und hart. Er heftete seinen Blick auf den noch immer knieenden Georg, hinter welchem Leßlie stand, der trotzig zu Boden sah, während der Scharfrichter ein paar Schritte weit zurückgewichen war und das Schwert auf den Boden gestellt hatte. „Wißt Ihr jetzt, was Todesangst ist?" rief er dann aus. „Ich habe, wie es scheint, meine Absicht erreicht. Die gleiche Pein mußte ich durch Eure Schuld kosten und beschloß, dafür zu sorgen, daß auch Ihr empfindet, wie es schmeckt. Eine härtere Buße war von Anfang an nicht bestimmt — wie das Verbrechen, so die Strafe — mein bewährter Grundsatz, dem soeben eine augenscheinliche Anerkennung durch höhere Macht gezollt worden ist. Die Cassette, nach welcher so lange vergeblich gesucht wurde, hat sich jetzt gefunden; sie war hinter der Zimmerdecke versteckt und ist mit dieser zu Boden gestürzt. Euer Vergehen sei vergessen, doch zieht eine Lehre daraus." Ein stürmischer Jubelruf schallte durch den Saal, in welchem kurz vorher noch der Schrecken geherrscht hatte. Nur über Leßlie's Lippen kam kein Dankeswort. Wie in heftigem Schmerz hielt er sie Zusammengepreßt. Georg blickte anfangs wie träumend empor. Er schien nicht zu begreifen, waS um ihn vorging. Erst als Pater Vincenz ihn mit strahlenden Augen an die Brust zog, begann ihm seine Rettung zum Bewußtsein zu kommen. Er suchte den Herzog, um ihm zu danken; doch dieser hatte sich schon entfernt. Der erste Gang des dem Leben Wiedergeschenkten galt Magdalenen, von welcher er sich trotz seiner flehend- lichen Bitte nicht mehr hatte verabschieden dürfen; sie sollte sofort durch ihn selbst die freudige Botschaft erfahren. Mit dem Jubelrufe: „Georg, mein Georg!" flog das Mädchen beim Anblick des schon als todt betrauerten Geliebten an seine Brust. Vor Freude weinend, hielt Georg sie umschlungen. In einem innigen Kusse vermählten sich die Seelen der zwei glücklichen Menschen. Pater Vincenz kam auf sie zu, aber sie sahen und hörten ihn nicht. Der Greis betrachtete das schöne Paar eine Zeit lang mit mildem Lächeln. Dann breitete er segnend seine Hände über sie aus: „Seid glücklich," sagte er mit vor Rührnng zitternder Stimme, „so glücklich wie Jhr's verdient. Die Liebe wohne in Euch, der Glaube stärke Euch, und die Hoffnung sei Eure ! Begleiterin auf jeglichem Pfad!" Gemeinsam eilten sie zu der Herzogin, um ihr aus Herzensgrund für ihre Fürsprbche zu danken. Zu gleicher Zeit befand sich der Herzog mit Seni in seinem Observatorium. Der ganze Boden war mit Mauerstücken von der eingestürzten Decke besät. Auf dem Tisch stand eine kleine Kiste, neben welcher ein großer Stoß Papiere lag. Der Astrologe prüfte aufmerk- i sam die Trümmer des vernichteten Quadranten, die er zum Theil aus dem Schutt hervorgraben mußte. „Nun glaube ich, Meister," nahm der Herzog das Wort, „daß Kepler mich getäuscht hat, und vertraue Euerer Konstellation. Der böse Geist, welcher mich in letzter Zeit verfolgt hat, ist versöhnt. Die Wolken verziehen sich, und ein heiterer Himmel lacht mir. Selbst die Documente, an deren Wiedergewinnung ich kaum noch gedacht hatte, find in meinem Besitz und erschließen mir eine neue Quelle des Reichthums. Mein Stern, den ich schon dem Untergang ganz nahe wähnte, strahlt in glückverheißendem Glanz! Auf denn, an's Werk! Es muß, es wird gelingen." Während der nächsten Tage herrschte wieder große Unruhe im Schloß. Boten kamen und gingen, und einzelne neu angeworbene Truppentheile wurden vom Herzog gemustert. Am zweiten Tage der folgenden Woche hieß es plötzlich: der Herzog reist ab und stößt zum Heere; es geht mit aller Mgcht gegen den Feind. Georg verlebte indessen glückliche Stunden. Er erkannte mit jedem Tage mehr, welch' köstlichen Schatz er an Magdalenens Liebe besaß. Gleichwohl hatte er, als ihn Geschäfte nach dem Städtchen geführt, es sich nicht versagen können, nach dem Akrobaten Leferrier und dessen Nichte zu forschen. Die schöne Wahrsagerin war nicht mehr gefährlich für ihn. Schon am Tage nach der Erkrankung des Herzogs hatte der Franzose plötzlich seine Bude abgebrochen und war mit auffallender Hast abgereist. Mit dem Vormarsch des Friedländers wurde es Ernst. Schon standen Reitpferde, Wagen und Sänften im Hof, als die Herzogin Georg und Magdalene in ihre Gemächer beschied. Mit einem Blumenstrauß und einem geöffneten Schmuckkästchen kam die hohe Frau dem Mädchen entgegen. „Pater Vincenz," sagte sie gütig lächelnd, „hat mir Euer Geheimniß vertraut. Ich begrüße Dich als Braut und wünsche Dir Glück zu der trefflichen Wahl. Da Du auch schon den Schmerz kennen gelernt hast, so nimm diese Perlen als Andenken an die vergossenen Thränen, diese Blumen aber als Symbol der Freude. Für Euch, Georg," wandte sie sich an diesen, „habe ich einen besonderen Auftrag vom Herrn, der Euer Glücksgefühl vielleicht etwas herabsttmmen wird. Leßlie hat seine Stelle niedergelegt, und Ihr seid von meinem Gemahl zu dessen Nachfolger bestimmt. Erst dann aber sollt Ihr die neue Stelle antreten und die Braut zum Altare führen, wenn Deutschland und dem Kaiser der Friede durch den Herzog wieder geschenkt worden ist. Ihr müßt ihn zum Heere begleiten, während der alte Schloßvogt bis zu Euerer Rückkehr die Pflichten des Hauptmanns ausübt. Seid Ihr zufrieden?" Magdalene küßte der hohen Gebieterin, vor Freude weinend, die Hände, und Georg sagte seinen innigsten Dank. Als er die hohe Gönnerin mit Magdalenen verließ, schritt Martin, der Sohn des Schloßvogts, welcher aus den Gemächern des Herzogs kam, an ihm vorüber. Georg hemmte seinen Schritt und stand im Begriff, den Freund anzureden. Da traf ihn aus Martin's Augen ein so feindseliger Blick, daß ihm daS Wort auf der Zunge erstarb. Ehe er seine Fassung zurückerlangt hatte, war dieser verschwunden. Teorg's Ernennung 63 zum Schloßhauptmann von Großmessritsch hatte Martin, der diesen Posten schon als den seinigen betrachtet, zum unversöhnlichen Feinde des bisherigen Freundes gewacht. (Fortsetzung folgt.) -- Borr einem gcheimnißtiolten Holzkästchen ist in den Blättern seit einigen Tagen viel die Rede. Auch die „Augsburger Postzeitung" hat dessen an anderer Stelle bereits wiederholt Erwähnung gethan. Es geht nämlich die Rebe von den Geheimnissen einer Holzkassette, deren Inhalt photographiert wurde, ohne daß man die Kassette öffnete; von dem Knochenskelette einer lebenden Hand, welches sozusagen durch Haut und Knochen hindurch abgebildet wurde. Sind das Witze, die der Galgenhumor des Zeitgeistes ausheckt? Sind es Träume aus der nimmermüden, unerschöpflichen Fantasie Flammarions? Hat ein gelehrter Unruhstifter die Rolle Asmodis angenommen, der es in der Macht hatte, den spanischen Studenten durch die Dächer der Häuser von Madrid schauen zu lassen? Leichtgläubigkeit, Mangel an zurückhaltendem Urtheil hat die Menschen schon oft genarrt. Der Zweifel muß aber selbstverständlich vor Thatsachen die Segel streichen, und dies wird auch der Fall sein müssen vor der Entdeckung, die nunmehr in dem Laboratorium des physikalischen Instituts in Würzburg gemacht worden ist. Die Originalarbeit Professor Nönt- gens liegt vor, die photographtschen Bilder sprechen eine unwiderlegliche Sprache — es handelt sich nicht um eine Täuschung, sondern um eine in ihren Folgen, theoretischen und praktischen, noch gar nicht zu übersehende ernste Wahrheit. Wir wollen versuchen, ein möglichst verständliches Bild der ganzen, ihrem Wesen nach nicht gerade einfachen Sache zu geben. Zunächst einen Vorbegriff. Eine Glasröhre, in deren beide Enden je ein Platindraht zur eventuellen Verbindung mit den beiden Drähten einer Elektrizitätsquelle (Batterie, Rumkorff) efngeschmolzen ist und welche sehr verdünnte Luft enthält, beginnt farbig zu leuchten, sobald der elektrische Strom in sie eintritt. Diese Röhren sind bekanntlich nach dem Glastechniker Geißler benannt. Wenn man nun die Luft in solchen Röhren sehr stark verdünnt, etwa bis zu dem millionsten Theil einer Atmosphäre, so hört die Lichterscheinung trotz des elektrischen Stromes auf, und die Glasröhre wird dunkel. Diese Thatsache war dem Deutschen Hittorf schon vor drei Dccennien bekannt. Nun sollte man wohl glauben, daß damit alles erledigt sei; denn wenn auch in der Glasröhre nicht vollständige Finsterniß herrscht, so ist doch nichts anderes da, als ein fast bis zur Dunkelheit schwaches Glimmlicht. Da kommt aber Professor Röntgen in Würzburg mit folgender Idee: Er schickt wiederum einen Jnduktionsstrom in eine solche Hittorf'sche Röhre und umgibt die letztere mit einem schwarzen Karton, welcher weder die gewöhnlichen Lichtstrahlen, noch die chemischen, noch die des elektrischen Bogenlichts durchläßt. Hierauf bringt er in die Nähe dieser Vorrichtung einen Papierschirm, der, übrigens nicht nothwendiger Weise, auf einer Seite mit einer metallischen Substanz bestrichen ist, und endlich schließt er die Fensterläden, um das Zimmer vollständig zu verdunkeln. Was ist die Folge? Der Papierschirm, auch wenn man ihn zwei Meter weit von der unter dem schwarzen Karton verborgenen Glasröhre aufstellt, beginnt hell aufzuleuchten, zu fluorcscieren. Unter „Fluo- rescieren" versteht man eben das Aufleuchten eines vorher belichteten Körpers im dunklen Raume. Diese Erscheinung trat pünktlich bet jeder Entladung des Stromes ein. Worin besteht nun das Auffallende bei diesem Vorgänge? Offenbar darin, daß irgend ein geheimnißvolles Etwas — welches keiner der bekannten Lichtarten entsprechen konnte durch den schwarzen Pappendeckel gedrungen war und den Papierschirm zum Leuchten gebracht hatte. Was war das? Nehmen wir einmal, sagte sich Professor Röntgen, etwas anderes als Karton, zum Beispiel Papier. Nichtig, statt des Pappendeckels stellte er zwischen Glasröhre und Papierschirm ein 1000 Seiten starkes gebundenes Buch — das räthselhafte Etwas schlüpfte auch da hindurch, denn der Schirm begann zu leuchten; dasselbe erfolgte, wenn man als Scheidemauer ein doppeltes Whistspiel benützte. Jetzt schien dir Sache schon etwas unheimlich zu werden. War da wirklich der Geist Asmodi gefunden, für den es keine Schranken gibt, der, nachdem er aus dem Glase entzaubert, durch alle Wände dringt und alle Geheimnisse ausschließt? Bretter, zwei bis drei Ccntimeter dick, werden vergeblich aufgestellt, Asmodi dringt durch. Er dringt durch Hartgummischeiben, durch nicht zu dicke Mctallplatten, aber — jetzt kommt die Achillesferse — sobald man ihm eine Bleiplatte, anderthalb Millimeter dick, vor die Nase schiebt, ist es aus mit seiner Herrlichkeit. Da steht er vor der Thür und kann nicht weiter. Mache ich andere Metallplatten etwas dicker, so gelingt es ihm auch nicht mehr. Hält man statt der genannten Dinge die Hand zwischen die Glasröhre und den Schirm, so sieht man auf dem letzteren den Schatten, aber nicht der ganzen Hand, sondern nur des Knochengerüstes derselben; die Weichtheile find nur schwach angedeutet. Folglich werden Haut und Fleisch an den meisten Stellen passiert, aber an den Knochen muß unser Geist Asmodi stillhalten, daher werfen sie Schatten. Eine reine Glasscheibe wirft keinen odeic fast keinen Schatten, weil sie alles Licht durchläßt. Licht? Schatten? Haben wir es denn wirklich mit Lichtstrahlen zu thun ? Die Glasröhre ist ja dunkel. Richtig. Aber wenn etwas Schatten wirft, wie unsere Hand, dann muß sie irgendwie von Licht getroffen worden sein. Aber ist dunkles Licht nicht ein Widerspruch in sich selbst? Dies eigentlich wohl; aber kein Widerspruch ist es, von dunklen „Strahlen" zu sprechen. Wenn ich mich dem warmen Ofen nähere, so fühlt es meine erfrorene Nase sehr deutlich, daß es unsichtbare Strahlen gibt. Wenn dem aber so ist, wenn tn der luftleer gemachten Glasröhre im Dunkel ein Geist haust, der Strahlen aussendet, welche, obschon nicht mit dem Auge wahrnehmbar, doch mit dem sichtbaren Lichte das Schattenerzeugen gemeinsam haben, so wollen wir doch einmal an Stelle des Papierschirmes eine phoiographische Platte einschicken, vielleicht zeichnet unö ASmodi auch mittels seines dunkeln Lichtes darauf die Bilder, die auf dem Papier- schirm ja rasch verschwinden, und wir könnten uns die Sachen dann aufheben so wie gewöhnliche Photographie». Dabei brauchen wir nicht einmal einen Photographenapparat. Denn da unsere Strahlen Holz durchdrungen. 64 als wäre es Luft, benutzen wir einfach einen Holzkasten als dunkle Kammer und stellen eine empfindliche Platte hinein. Wir machen es also folgendermaßen: Da ist die in den Strom eingeschaltete Hittorf'sche Röhre mit ihrem dunkeln Geheimnisse. In der Nähe steht das Holzkästchen mit dem Photographischen Papier (Platte). Ich lege nun meine Hand an das Kästchen. Was geschieht? Die dunklen Strahlen dringen aus der Glasröhre heraus, durch die Weichtheile der Hand, müssen aber vor den für sie undurchdringlichen Knochen Halt machen. Neben den Knochen aber schießen überall Strahlen vorbei, welche die Wand des.Holzkästchens passieren, auf die in dessen Innern befindliche lichtempfindliche Platte treffen und daselbst durch Contour- ierung das Bild des Handskeletts fixieren. Auf einer solchen von Professor Röntgen verfertigten Photographie sieht «an sogar einen Ring um ein Fingerglied in schwebender Lage, schwebend, weil ja die Weichtheile des Fingers auf dem Bilde nicht zum Ausdrucke kommen. Ein anderes Photogramm zeigt die Bilder von Messing- gewichten, welche, während sie in einer Cassette eingeschlossen waren, „aufgenommen" wurden; ein anderes die Profile einer zwei Zimmer trennenden Thüre, wobei in dem einen Zimmer der Strom mit der Glasröhre, in dem anderen die photographische Platte aufgestellt war. Vorderhand gilt es, die Tragweite dieser Entdeckung namentlich nach der medicinischen Seite hin nicht zu überschätzen, denn vorläufig haben wir eS erst mit Schattenbildern zu thun, nicht mit im einzelnen deutlichen Photographien. Das Schattenbild einer Hand kann wohl scharfe Umrisse ausweisen und durchgehende Oeffnungen, aber keine halbtief reichenden Veränderungen. Der Bruch eines Schläfenbeines wird allerdings sichtbar; wenn eine Klaffung vorhanden, so lange aber die Kontinuität des Knochens noch besteht, kann oer Schatten darüber nichts aussagen. Vielleicht führt aber die Sache einmal zum Studium solcher Schattenbilder selbst, um aus überaus feinen Schattierungen derselben Rückschlüsse zu machen. Gröbere Knochenverschiebungen werden freilich auf dem Wege der Röntgen'schen Photographie ermittelt und hiednrch manchmal schmerzliche Untersuchungen vermieden werden können. Solche Erwägungen zeigen eben nur, daß wir es einerseits mit einer zwar ganz unausgebauten, aber anderseits mit einer schon jetzt auf bedeutsame Möglichkeiten hinweisenden neuen Erkenntniß zu thun haben. Sollte es wirklich gelingen, die Sache, gleich anderen Objekten, dem vollkommen photographi- schen Verfahren zu unterwerfen, das heißt mittels unserer dunkeln Strahlen auf dem Wege der Silbersalzzersetzung ebenso deutlich an Los- und Profilbilder zu entwerfen, dann wäre die Tragweite der Röntgen'schen Entdeckung in der That auch in dieser Hinsicht ohne Zweifel eine außerordentliche. Wie überraschend und unglaublich aber den meisten Leuten die Entdeckung des Würzburger Professors auch vorkommen mag, so bewahrheitet sich an ihr doch abermals der alte Erfahrungssatz Ben Akibas, daß es nichts Neues unter der Sonne giebt. Kaum war die Entdeckung bekannt geworden, als der Straßburger Dr. Heinrich Kraft es unternahm, nachzuweisen, daß die Röntgen'schen Strahlen mit dem ehemals so viel besprochenen, jetzt aber ganz vergessenen geheimnißvollen Ob des Naturforschers Frhrn. Carl v. Reichenbach, des Entdeckers des CreosotS und des Paraffins, identisch seien. Wer kennt heutzutage die Odlehre noch? Von der jüngeren Generation gewiß nur verschwindend wenige, und auch den älteren Leuten wird eS bet der Nennung der Odlehre nur langsam dämmern und nur ganz all- mälig die Erinnerung kommen, daß in den 50er und 60er Jahren viel von einem österreichischen Physiker die Rede war, der eine ganz neue geheimnißvolle Kraft, eben das Od, entdeckt haben wollte. Man sprach damals viel davon, aber durch die Meinungsäußerung gelehrter Physiker, wie Dubois-Reymond, wurde die ganze Geschichte als Hirngespinst eines über dem Studium physikalischer und physiologischer Probleme in mystische Grübeleien versunkenen Sonderlings erklärt und wieder vergessen. In dem nordischen Wortstamm „Od" mit dem Begriff deS Alldurchdringenden fand Reichenbach das Lautzeichen für ein von ihm entdecktes, Alles in der ge- sammten Natur mit unaufhaltsamer Kraft rasch durchdringendes und durchströmendes Dynamid, das er scharf von Licht, Wärme, Magnetismus, Elektrizität unterschied. Es begleitete wohl diese Kräfte, stammte wohl auch aus gleicher Quelle, aber es war eine andere, eben nur zu schwer faßbare Kraft. Er fand kein Odometer, kein Odoskop, sie jedem nach Maß und sichtbar vorzuführen; seine Lehre gründete sich nur auf die von ihm gebuchten und verglichenen Aussagen seiner „Sensitiven"; so nannte er die Personen, deren Nervensystem — Gefühl und Gesicht — auf jene Kraft in besonderer Weise reagirte, indem für sie durch dieselbe bestimmte Gefühlseindrücke und in absoluter Dunkelheit bestimmte wunderbare Gesichtseindrücke ausgelöst wurden. Aber auch die Nichtfensitiven wollten sehen, und da sie es nicht konnten, sie, die doch weitaus die Mehrzahl waren, so glaubten sie nicht. Die Männer der Wissenschaft, die da nicht sahen, thaten Alles, Reichenbach bei Lebzeiten todt zu machen. Berzelius war einer der Wenigen, die zu ihm standen, und Fechner war eine seiner letzten Hoffnungen. Fast 30 Jahre nach seinem Tode kommt dann ein Mann, der keine Sensitiven mehr braucht, um eine erstaunlich ähnliche Kraft sichtbar für Alle in die Erscheinung treten zu lassen, und vielleicht wird auch er die Sensitiven doch noch zu gebrauchen suchen. Jedenfalls hat er, Röntgen, das Nöthige gethan, um Reichenbach's Lehre jetzt selbst einem Dubois- Reymond nicht so sehr „als einen abgeschmackten Roman", als „krausen Zauberkram", wie vielmehr als eine durch Jahrzehnte begrabene, erst neu zu machende weitreichende Entdeckung erscheinen zu lassen. Röntgen zeigt uns auf seiner Bariumplatincyanür- fläche, daß seine X-Strahlen Papier, Karten, Staniol, Holz durchdrungen. Was notirt Reichenbach von seinen Sensitiven, deren Netzhaut in der Dunkelkammer ihre besondere Empfindlichkeit gewonnen hat? Man lese in seinem Buch „Der sensitive Mensch" etwa Z 2386, worin er die Beobachtungen an Blechtafeln schildert, die in den lichtdichten Fensterladen der Kammer eingelassen waren: „Johann Klaiber fand zu verschiedenen Zeiten das vom Monde außen beschienene Eisenblech in der Dunkelkammer so außerordentlich helle, daß er behauptete, es sei durchsichtig." „Friedrich Weidlich war erstaunt, in dieser Finsterniß ein Loch im Laden zu finden, während es doch so finster im Zimmer war. Er fand nämlich das Eisenblech so klar und durchsichtig, daß er eS im ersten Augenblick für eine Oeffnung hielt, bis er sich mit den Händen überzeugte, daß da weder ein Loch noch ein Glasfenster war. Auch er versicherte, Bäume, Berge, die Donau, die Brücken darüber, den Mond zu sehen." Herr Anfchütz (8 2392) fängt die Helle, die durch das Metallblech eindringt, auf einem weißen Schilde auf. Von Frl. Reiche! berichtet Reichenbach § 2384: „Ich brachte verschiedene Gegenstände außerhalb der Dunkelkammern hinter das vom Mond beschienene Kupferblech, machte allerlei Bewegungen mit meiner dahintergesteckten Hand, Frl. Reiche! gab sie mir alle so genau an, als ob das Kupferblech durch die Mondstrahlen in Glas verwandelt wäre. Ich ersetzte das Kupfer durch Eisenblech, Zinkblech, Messingblech, durch alle schaute sie hindurch, ganz ebenso wie durch das Kupferblech. Trüber fand sie sie, wenn sie stärker mit Metallkalk belegt waren; am trübsten fand sie Bleiblech." Stimmt Letzteres nicht ganz frappant zu Rönt- gen's Angabe, daß Blei schon bei 1,5 wirr Dicke für seine X-Strahlen fast undurchlässig werde? Aber nicht blos Metalle findet Reichenbach „diodan", d. h. für Odstrahlen durchlässig, sowie „oddiaphan", d. h. für sensitive Augen durchscheinend, ja durchsichtig, während sie in Odgluth stehen; auch Holz (man denke an Nöntgen's Photographie der durchleuchteten Thüre!), Pappe und mehrfache Papierlagen (vgl. Nöntgen's Kartenspiel, Umhüllung der Hiltorf'schen Vakuumröhre) kommt die Durch! euchtbarkeit für die im Sonnenlicht enthaltenen OdsiraUen zu, wie in §8 2462 und 2566 nachgewiesen ist. Ein Analogon jedoch zu Nöntgen's Photographie deS Gcwichtsatzes fehlt doch wohl? Auch das nicht! Man lese 882463 und 64. Hier findet „Frl. Zinke! eine Conductorkugsl, aus Messingblech bestehend, vollständig durchsichtig, als sie elektristrt war. Ungefragt gab sie an, daß eine Stange horizontal mitten durchlaufe. Dies waren in der That Zugröhren, mittelst deren ich kleinere Kugeln auf einige Entfernung von der Hauptkugel ausziehen konnte. Frl. Atzmannsdorfer und Friedrich Weidlich gewahrten auf solche Weise einen messingenen Stift, welcher in einer anderen Conductor- kugel steckte und der außen unsichtbar war." Exner hat bei seinem Wiener Vortrag über Nöntgen's Entdeckung auf die Tragweite derselben für die Diagnostik der Medizin hingewiesen (okr. „Franks. Ztg." vom 13. Januar). Was Exner wohl sagen wird, wenn er folgende Stelle aus 8 2252 liest: „Frau K. fand ein Vergnügen darin, den Rücken ihrer Finger so nahe an den Conductor zu bringen, daß die Nügelspitzen Elektrizität saugten. Dadurch wurden ihre Finger in Odgluth schön transparent, so deutlich, daß sie darin Adern, Nerven, Sehnen, Bänderfasern zu unterscheiden vermochte . . . Dies", fährt Neichenbach 40 Jahre vor Herrn Exner's Ausblick fort, „kann ein Gegenstand von unberechenbarer Wichtigkeit für die Heilkunde, insbesondere für die Diagnose werden. Es wird gelingen, jeden kranken Leib für Hochsensitive vollkommen durchscheinend zu machen, und man wird im Stande sein, zu sehen, welche innere Organe krankhaft angegriffen sind und welche Fortschritte vor- und rückwärts das Leiden macht. Aber auch die Hergänge im gesunden Leibe wird man so prüfen." So viel über Neichenbachs Beobachtungen. Was nun die wissenschaftliche Beantwortung der Frage nach der Beschaffenheit der Röntgen'schen Strahlen angeht, so hat Professor Röntgen vorläufig ausdrücklich constatirt, daß es nicht die gewöhnlichen Kathoden- strahlen sind, denn diese haben andere Eigenschaften. Im Uebrigen ist die Theorie der neuen Erscheinung noch völlig unklar, und ihr Entdecker nennt sie daher auch die„X". Strahlen. Möglich ist es, daß es sich, wie auch Professor Röntgen ausgesprochen hat, um long itud in aleAet Herwellen handelt. Bisher konnte man nämlich nur transversale Aetherwellen beobachten. Die Bedeutung der Entdeckung für die Aerzte besteht darin, daß ein Agens gefunden ist, das in den menschlichen Körper eindringen kann. Was wir bisher aus dem Innern des Körpers erfahren können, gewinnen wir durch die elastischen Schwingungen der imponderabilen Moleküle, denn darauf beruhen ja Perkutiren und Auskultiren. Nun haben wir Strahlen, die geradlinig in daS Innere des Körpers eindringen, und können uns der Hoffnung hingeben, daß wir in der Lage sein werden, diese Strahlen einmal in unserem und der Kranken Interesse zu benützen. Mit Bezug auf die Entdeckung NöntgenS theilt der Pester Lloyd mit, daß der ungarische Physiker Lenard schon im Jahre 1894 am physikalischen Institut in Bonn durch Körper, die für das Auge undurchsichtig erscheinen, wie Kartonpapier, mittelst Kathodenstrahlen photographirte. Ueber seine Entdeckung hat Lenard im 51. Bande der „Annalen für Physik und Chemie" auf Seite 225 mit Abbildungen berichtet, und zwar heißt es dort: „Die Kathodenstrahlen sind photographisch wirksam- Die Photographische Schicht kann bei langer Exposition auch eine sonst unbemerkbare Wirkung zum Vorschein bringen. So zeigte sich zum Beispiel ziemlich kräftige Schwärzung hinter einem Kartonblatt. Das Kartonblatt bedeckte die empfindliche Schicht, und zwischen beiden waren Streifen verschiedener Metallblätter eingelegt. Diese Streifen bildeten sich ganz nach Maßgabe ihrer Durchlässigkeit Heller (im Negativ auf dunklerem Grunde) ab, und ganz hell blieb die Schicht nur dort, wo ein dicker Metallrahmen um das Ganze gelegt war. Es waren also wirklich Kathodenstrahlen durch den dicken Karton gedrungen." Professor Lenard ist in Preßburg geboren, studierte in Budapest und an mehreren deutschen Universitäten und war längere Zeit als Assistent des Physikers Hertz thätig. Röntgen selbst hat übrigens erklärt, daß ihm von den früheren Versuchen Lenards nichts bekannt war. Vielen unserer Leser dürste eS willkommen sein, auch einige biographische Notizen von dem über Nacht hoch- berühmt gewordenen Gelehrten zu erfahren: Professor vr. Konrad Röntgen ist in Lennep, Negiernngs-Bezirk Düsseldorf, am 27. März 1845 geboren. Er promovierte in Zürich am 12. Juli 1869, wurde am 22. Dezember 1870 Assistent am physikalischen Institut zu Würzburg und am 11. Mai 1872 als Assistent an das physikalische Institut Straßbnrg berufen. Dort habilitierte er sich als Privatdozent im März 1874, wurde im Frühjahr 1875 als ordentlicher Professor an die Akademie Hohen» heim berufen und am 17. April 1875 als außerordentlicher Professor an die Universität Straßburg. Im Frühjahr 1879 folgte er einem Rufe als ordentlicher Professor und Direktor des Physikalischen Institutes in Gießen und kam von dort im August 1883 in Nachfolge - 66 Kohlrauschs als Professor und Direktor des physikalischen Institutes nach Würzburg. Wie sehr die neue Entdeckung Nöntgeus schon in die weitesten Kreise gedrungen ist, beweisen die nachstehenden Verse, welche Julius Bauer den Nöntgen'schen „X"-Strahlen widmet: Das neue Lichtl Daß doch die Menschen das neue Licht So freudig begrüßen, verstehe ich nicht! Denn der Mensch begehre nimmer zu schauen, Was die Götter bedecken mit Nachthemd und Grauen. , Die Strahlen verrathen — o Jammer und Graus — Wie dieser und jener sieht inwendig aus. Mit banger Scheu die Enthüllungen seh' icb, Wie mancher im Innern zum Aeußersten fähig. Durch alle Wcichtheile dringt das Licht, Die bleiben im Bilde haften nicht. Genug, wenn in Zukunft beim Photographieren Die Menschen sich bis auf die Knochen blamieren! » >> Sonne und Mond. (Schluß.) Der Mond. Unser Weltnachbar, der uns wenigstens hundertmal näher steht, als irgend ein anderer Himmelskörper, ist uns in Bezug auf seine physische Beschaffenheit noch ver- hültnißmäßig unbekannt. Während wir von den anderen selbstleuchtrnden Himmelskörpern, besonders von der Sonne, sehr genau angeben können, aus welchen im gasförmigen Zustande befindlichen Elementarstoffen sie zusammengesetzt find, versagt beim Monde, da er uns nur Sonnenlicht reflektirt, die spektroskopische Forschung gänzlich, wir sehen in seinem Spektrum nur die Linien des Sonnen- spektrums. Nur aus der gemessenen Stärke, mit der das Sonnenlicht vom Monde zu uns zurückgestrahlt wird, kann man schließen, daß die Mondoberfläche von ziemlich dunkler Beschaffenheit sein muß, und daß sie etwa dieselbe Lichtmenge zurückwirft, wie unsere Thonerde. Man hat schon seit einiger Zeit Andeutungen gesammelt, wonach die Oberflächenbeschaffenhett des Mondes eine größere Aehnlichkeit mit der der Erde hat, als man früher annahm, immerhin aber bestehen in Betreff der Fruchtbarkeit ganz wesentliche Unterschiede. Wir müssen als sicher annehmen, daß Wasser in flüssiger Form auf dem Monde nicht vorkommen kann, wohl aber als Eis. Die scharfen und schwarzen Schatten der Mondberge, das momentan stattfindende Verschwinden der Sterne am Mondrande und das Fehlen jeder Strahlenbrechung zeigen nämlich, daß der Mond keine Atmosphäre besitzt, oder doch höchstens nur eine solche von der Dichte unserer Erdatmosphäre. Da man also auf dem Monde eine Meeresfläche oder eine andere Niveauebene nicht hat, so kann man die Höhen der Gebirge, die sich je nach dem Sonnenstände aus den scharf abgegrenzten Schattengrenzen sehr genau bestimmen lassen, auch nur auf die benachbarten Ebenen beziehen; die höchsten Berge auf dem Monde überragen die nächsten Ebenen um über 8000 Meter, solche von 6000 Meter finden sich in verschiedenen Ge- birgszügen vor. Die Ränder der Ninggebirge des Mondes erheben sich seltener über 4000 Meter über die Innenfläche, und einzelne Berge haben in der Regel noch geringere Höhen. Mau hat in neuerer Zeit vielfach darüber gestritten, ob gewisse neu entdeckte Abweichungen des Aussehens gewisser Mondlandschaften von den älteren Darstellungen auf Mondkarten reale Aenderungen anf der Mondoberfläche in kürzeren Zeiten beweisen. M an wird die Wahrscheinlichkeit solcher Aenderungen ohne weiteres zugestehen können, wenn man sich der enormen Temperaturdifferenzen erinnert, denen der Mond zwischen voller Bestrahlung durch die Sonne und Mondnacht ausgesetzt ist; sie erhebt sich wohl über 300 Grad Celsius. Ferner muß auch die ungeheure Temperaturdifferenz zwischen den polaren Theilen der Mondoberfläche und den der vollen Bestrahlung ausgesetzten äquatorialen Gegenden, die wohl von — 270 Grad bis zur Temperatur des siedenden Wassers reicht, abbröckelnd auf Oberflüchentheile des Mondes wirken, und es fragt sich nur, ob diese Veränderungen groß genug fein werden, um auf der Erde wahrgenommen werden zu können. Und da ist es denn wichtig, daran zu erinnern, daß in der Entfernung des Mondes eine so Minimale Größe wie eine Bogensekunde schon einer linealen Ausdehnung von nahe 2 Kilometer entspricht; daß also Formationsänderungen schon 1 bis 2 Kilometer groß sein müssen, um mit Sicherheit als solche wahrgenommen zu werden; daß aber allein durch Temperaturdiffercnzen derartige Aenderungen hervorgerufen werden, mag doch erst in längeren Zeiträumen annehmbar erscheinen. Im Ucbrigen bietet der Mond, auch abgesehen von der Frage nach seiner chemischen Beschaffenheit, auch in seinem voller- lcuchteteu Aussehen noch manches Räthsel dar. So sind die zahlreichen glänzenden Streifeusysteme, die sich von den Mächtigsten Ninggebirgen, CoppernicuS, Kcpler und Tycho .Hunderte von Kilometern weit über die Mondkugel erstrecken und damit dem plastischen Mondbilde im Fernrohr ein eigenthümliches Gepräge verleihen, ihrem Wesen nach uns noch gänzlich unbekannt. In der Pariser Akademie haben nun die Herren Loewy und Pnisseux von der Pariser Sternwarte einen Bericht über neue Forschungen über die physische Beschaffenheit des Mondes und die Erklärung verschiedener Theile seiner Oberfläche auf Grund photographischer Aufnahmen der Mondtage! gebracht, die manches Neue über die allgemein interessireuben Fragen nach den physischen Verhältnissen des Mondes bringen. Als Grundlage der Untersuchungen dienten auf Glas hergestellte starke Vergrößerungen von Mondausnahmen, die an der Pariser Sternwarte erhalten waren. Diese Photographischen Vergrößerungen gestatten fast alle Details zu erkennen, die die Originalanfnahme unter dem Mikroskop zeigte. Sie bieten aber den großen Vortheil, dennoch einen Ueber- blick über die großen ausgedehnten Regionen zu ermöglichen, ein Vortheil, welchen sie nicht nur den Astronomen, die mit starken Vergrößerungen die einzelnen Theile der Mondoberfläche nach einander zu studieren gezwungen sind, voraushaben, sondern auch den Geographen und Geologen bei ihren Studien über die Gebirge der Erde. Auf den ersten Blick zeigen die verschiedenen Ober» flächentheile des Mondes, verglichen mit denen der Erde, eine weniger große Verschiedenheit der Grundbildnngen. Die Form der Ninggebirge ist die durchaus vorherrschende. Daneben erscheinen zahlreiche, relativ schwache, gradlinige Strecken, Thäler, Fluren oder Felder. Diese Einförmigkeit des Anblicks ist ohne Zweifel das Kennzeichen einer sehr gleichartigen Materie. Es ist bekannt, daß die mittlere Dichtigkeit des Mondes kaum jene der oberen Erdschichten übertrifft, so daß sie also geringer ist, als die mittlere Dichtigkeit unserer Planeten. Andererseits scheint die Art, in welcher der Mond das Sonnenlicht reflectirt, anzuzeigen, daß seine Oberfläche aus soliden Bestandtheilen sich zusammensetzt, ähnlich denen, welche wir auf der Erde beobachten, und theilweise aus vulkanischen Gesteinen. Diese Ergebnisse befinden sich in guter Uebereinstimmung mit der Kant-Laplaceschen Theorie, welche den Mond als einen abgelösten Theil der Erde annimmt; abgelöst zn einer Epoche, als sie noch ein stark ausgedehnter Nebel war. Nun erfordert die Mechanik, daß die Dichtigkeit einer solchen Masse vom Centrum nach der Oberfläche hin abnimmt; da die Massen des Mondes aber ausschließlich von den inneren Schichten herrühren, so mußten sie auch im Allgemeinen eine geringere Dichte als die Erde und eine einfache chemische Zusammensetzung haben. Auf Grund dieser Bedingungen lassen sich nun verschiedene Hypothesen über die weitere Entwickelungsgeschichte unseres Satelliten, von der Epoche an, wo er als selbstständiger Himmelskörper auftritt, aufstellen; aber sie beruhen auf zu schwacher Grundlage. Die großen Ninggebirge, die kesselförmigen Thäler, welche hauptsächlich den Gegenstand der Untersuchungen der Mondforscher ausmachen, deuten durch ihr enormes Relief, ihre imposante Regelmäßigkeit auf die frühe Existenz einer soliden Oberfläche hin. Zwischen den beiden Perioden, der des nebelartigen Zustandes und der der Festigkeit, breitet sich nothwendig eine Epoche des Ueber- ganges von einer ungeheuren Dauer aus. Der Durchgang des Mondes vom flüssigen zum soliden Zustande begann mit der fortschreitenden Vereinigung der durch Schlacken allmälig auf der Oberfläche gebildeten Bänke oder kleinen Inseln. Diese Verbindungen waren mit Ueberwindung zahlreicher Schwierigkeiten verschiedenen Ursprungs verknüpft und nur sehr langsam möglich. Sie haben sich dokumenürt in Zügen, die in den gradlinigen Thälern und Furchen bei einer sorgfältigen Beobachtung der Moudoberfläche beinahe immer bemerkt werden. Diese verschiedenen Liniensysteme, welche auf den Photogrammen besser hervortreten als auf den Karten des Mondes, können mit wenig Worten charakterisirt werden, als die großen Thäler, welche über die Bergmassen ziehen, ohne ihr Relief zu verändern. Die tieferen von ihnen sind die Thaler der Alpen, westlich von Plato, die sich südwestlich von Nheita erstreckenden, endlich jene, welche man zwischen Herschel und Hipparch, sowie zwischen Bode und Ukert findet. Diese Moudthäler unterscheiden sich nach dem Ausweis der Photogramme aber wesentlich von den irdischen Thälern. Die letzteren pflegen sich auf ihrem Laufe zu verbreitern und an den Ständern vielfach Zu verzweigen. Die Mondthülcr verzweigen sich nicht, halten auf ihrer ganzen Länge eine nahezu konstante Breite ein, zeigen einen sehr klaren Verlauf und liegen von einem Ende zum andern nahezu gleichstes unterm allgemeinen Niveau. Gewisse Theile der Mondoberfläche sind besonders reich an diesen Thälern, die unter sich ein paralleles Gefügt vorstellen. Eine aufmerksame Prüfung zeigt sogar die Ueber- einanderlagerung von Zwei oder drei Systemen, die Unterabtheilungen eines vielseitigen Netzes bildend. Wenn man dem Ursprung dieser Formationen nachsinnt, muß man schließen, daß sie sich gebildet haben, als die Masse des Mondes noch flüssig war. Sie sind nämlich — in der Aequaiorialregion wenigstens — hauptsächlich nach den Parallelkreisen der Mondkugel orientirt. Auch andere Richtungen, wie sie durch die Zirkulation des Wassers und der irdischen Atmosphäre bestimmt werden, treten hervor und zeigen eine reiche Verschiedenheit der Figuren. Auf Grund dieser anziehenden Mondbetrachtungen haben die genannten Pariser Astronomen weitere hypothetische Schlüsse über die verschiedenen entwicklungsgeschichtlichcn Bildungsweisen der bewunderungswürdigen Linienformationen gebaut. Dieselben werden sich noch besser begründen und prüfen lassen, sobald die Genannten ihren Plan zur Ausführung bringen, die Herstellung einer Photographischen Karte der Mond- Oberfläche in einem Maßstab von 1 Millimeter Karte für 1800 Meter Mondlandschaft, daS ist 1 Millimeter auf eine Bogensecunde Winkelmaß. Land und Leute in Transvaal. Transvaal, das schöne, südafrikanische Goldlanb, welches die jüngsten Ereignisse in den Vordergrund des Jnleresses gerückt haben und welches zu erobern James- son ausgezogen ist, liegt, trotz aller modernen Verkehrsmittel, noch immer in weiter Ferne: erst die langwierige Seereise auf Vasco da Gamas Spuren bis Ccipstadt, dann von hier ca. 2000 Kilometer Eisenbahnfahrt, bis man Johannesburg, das Centrum der afrikanischen Minenindustrie, erreicht hat. Der echt englische Comsort des dahinsausenden Ciscnbahnznges, die vortrefflichen Einrichtungen auf den kleinen Stationen mitten in der Wüstenei machen die achtundvierzigstündige Reise erträglich. Ist man um 8 Uhr abends von der Hauptstadt der Capkolonie abgedampft, dann erwacht man am anderen Morgen mitten in der „Karoo", die Freiligrath besungen. Es ist durchaus nicht die traurige, stäche, sandige Wüste, wie sie sonst in unserer Vorstellung erscheint: von allen Seiten tauchen die Hügel auf, seltsame, fast geometrisch geformte Würfel, Pyramiden, Kegel, dazwischen breite Thäler, durch die ein Wasserlauf träge dahinkriecht. Die Luft ist seltsam trocken, die gesündeste der Welt, wie einige versichern, von wunderbarer Klarheit, die alles Ferne mit scharfen Kontouren in die Nähe zu rücken scheint. Eine nicht reiche, aber kräftige Begedation, Eichen und Mimosen begleiten die Wasserlänse. In Hunderten von Details sieht man die Mischung von Civilisation und Barbarei. Hier ein englisches Collage mit eleganten Erkerfenstern und einem ,Mannis xronnä", daneben eine Kafsernhütte — ein in der Sonne getrockneter Hansen Koth. Korrekte englische Eisenbahnbeamte, Gruppen von phantastisch kostnm- irten Negern, alte Holländerinnen mit Kopfschmuck, wie man ihn auf den niederländischen Bildern sieht, sitzen beim Büffet der Stationen, aber längs des Zuges laufen schlanke, schwarzglänzende Tauagrasigürchen in farbigen Röcken mit krausem Haar aus und ab, den Passagieren Früchte und Blumen anbietend . . . Am zweiten Morgen wechselt die Dekoration. Der Gesichtskreis ist weiter, die Berge laufen in sanften Wellen aus, man ist im „Vcldt", im endlosen Feld, das sich durch die beiden Bauernrepublikcn Oranje und Transvaal hinzieht. Man hat auf der Reise Zeit, sich in Vloemfoillein, der Hauptstadt der Oraujerrepublik, umzusehen. Ein bescheidener, netter, holländischer Marktflecken, diese „Nesideuz" mit ihren zweitausend Einwohnern, mit den kleinen, netten Häusern, deren jedes den dekorirtcn niederländischen Giebel zeigt, mit breiten Straßen, reichen Blumen- und Obstgärten. Blonde Niesen mit Nem- brandt'schcn Filzhüten rauchen bedächtig ihre Pfeifen und zeigen den Fremden mit Stolz das „Palais" des Präsidenten, den „Nolksraad", die Bank, die Post und das „schönste Museum von ganz Afrika". Die größte Merkwürdigkeit darin ist ein großer Steil» mit seltsamen Hieroglyphen; zur Zeit, da Bloemfontein noch nicht epistirte, war dieser Stein das — Standesregister der „Trekkers", der ersten Boers, welche mit ihrem Ochsengespann jenseits des Oranjeflnsses dahinzogen. Um diesen Stein sammelten sich die Auswanderer, wenn eine Hochzeit gefeiert wurde, und die Zeugen schnitten mit dem Meißel ihre Namen in den Block. An patriarchalische Zeiten erinnert auch die Festung: eine Nedoute, welche die ganze Artillerie des Staates, sechs Kruppgeschütze und zwei Maxim-Mitraillensen beherbergt. Die „Garnison" — 60 Mann! — erhält den Artillerie- Park in echt holländischer Blankhcit und Nettigkeit, genau so wie ihre der preußischen nachgemodelte Uniform. Schon eine Stunde, bevor man Parkstation, den Bahnhof von Johannesburg, erreicht, fährt der Zug unaufhörlich zwischen zwei Reihen von Fabriken; im Morgenzwielicht ragen die Schornsteine gleich Gespenstern in die Luft, dazu ein Gewirr von Gebäuden und Gerüsten, Schupfen aus Wellenblech, Telegraphen und Telephon- drähte, ungeheure Hansen von Schutt, Rauch, Lärm und Stampfender Goldmühlen, Negertrupps, die zur Arbeit ziehen — das ist die Staffage der „Königin von Wit- watersrand," des Landes, „wo die weißen Wasser fließen," der Hauptstadt des Goldlaudes. Hat man mit großer Mühe ein halbwegs erträgliches Hotel gefunden — die gewöhnlichen Reisenden, vom Goldfieber verzehrt, fragen nicht viel nach Bequemlichkeit — so ist die Stadt sehr bald besichtigt. Banale Häuser, breite Avenuen mit häßlichen Gebäuden, die Straßen »»gepflastert, beinahe noch in jenem Zustande, wie sie vor sechs Jahren, als die Stadt entstand, in der Prairie abgesteckt wurden, und nur hie und da sieht man Neger, welche auf der Straße Quarzschutt abladen, für den Macadam der Zukunft. Doch wozu sich über solche Kleinigkeiten aufhalten, wo sonst diese Stadt in Afrika ganz — amerikanisch ist! Sie ist wie ein Pilz aus dem „Veldt" gewachsen vor nicht mehr als 6 Jahren; heute zählt sie über 70,000 Einwohner. Und sie entstand Hunderte Kilometer fern von jeder Civilisation, jeder Stein, jede Eisentraverse der Häuser, jedes Möbel und auch das Miuengeräth, alles, alles bis auf die Lebensmittel mußte von außen kommen und das obendrein mit Ochsengespannen, da es noch keine Eisenbahn gab. Johannesburg ist ein Wunderwerk menschlicher Geduld und Energie, oder hat nur „auri sasra kam so", der von Ovid verpönte Golddurst, die Stadt gebaut? Als ein französ. Reisender mit einem Freunde über den Johauuesburger Marktplatz ging, stampfte der Begleiter des Franzosen aus den Boden. „Sie staunen", rief er, „über den Reichthum von Johannesburg? Hier, hier unten ist Gold. Diese Stadt ist auf Gold gebaut!" Diese Idee des Goldes verfolgt einen unaufhörlich, auf der Straße, im Hotel, im Restaurant, überall hört man nur von Gold, von Minenaktien, von ihrem Kurs in London und Paris, von Leuten, die in den Minen reich geworden. Da hört man von „olaims" (viaim" ist die Einheit, nach welcher die Goldfelder gezählt werden), welche vor drei Wochen vier Pfund Sterling kosteten und heute 80; dieser kleine Schneider hat vor dem „boom", vor dem Goldficber, eine verlassene Farm gekauft, für die er neulich 150,000 Pfund bekam, und der Mann bleibt Schneider aus Passion. Die Vermögen wachsen wirklich so rasch, wie die Stadt; ein Mann, der vor einem Jahre nach Johannesburg kam erzählte einem französischen Schriftsteller, er habe 40,000 Pfund durch Spekulation gewonnen; dann besitze er vlaims in Nicdfontein, für welche er ein Angebot von 30,000 Pfund ausgeschlagen. Aber an den „olaims", die er auf „ Llaolc-rssl" besitze, hoffe er Vermögen zu machen. Und als der Franzose rief: „Vermögen? Sind denn 40,000 Pfund nichts?" da sagte der Mann lächelnd und überzeugt: „Das ist kein Vermögen. Wer bei uns keine 80,000 Pfund „wert" ist, der ist nicht reich." Niemand kann dieser ewigen Vision des Goldes entgehen und nur ein alter Löwenjäger und die Heilsarmee sind in Johannesburg frei davon, sonst hängt alles am Gold, die Armen wie die Reichen. (Schluß folgt.) -»GrWES--- Himmelsschan im Monat Februar. —X. Merkur 8 kommt am 8. in die untere Sorrnenconj. und diesseits der Sonne und steht morgs. niedrig in SO. Venus tz geht im Schützen und Steinbock vorwärts, ist am 9. nördlich von MarS und geht 5 U. 80 M- früh auf. Mars kommt nach 6 U. morgs. über den östlichen Horizont herauf, ist aber noch sehr lichtschwach. Jupiter A ist sehr hell, erreicht um Mitternacht die größte Höhe und ist die ganze Nacht im Krebs sichtbar. Saturn H in der Waage geht nach 1 N. nachts auf und erreicht zwischen 6 U. und 5 U. früh den Meridian. In Mondnahe befinden sich Saturn am 6., MarS und Venus am 10., Merkur am 12., Jupiter am 26 Vom Monde bedeckt wird Antares am 7. nachm. 4 Uhr», Regulus am 28. früh 3 Uhr. Vom 2. bis 4. Februar läßt sich das Zodiakallicht am westlichen Himmel zwischen 7 U. und 9 U. abds. beobachten. Am 28. Februar findet eine sichtbare Mondfinsterniß statt. Sie beginnt 7 U. 16 M. abds. am Ostrand und endet 10 U> 16 M. am Nordwestrand. Die größte Verfinsterung, bei der 0'875 des Mond-Durchmessers bedeckt wird, tritt ein 8 U. 46 M. abds. Scherzräthsel. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 7: Weiß. Schwarz. 1. K. L4-L5 . beliebig. 2. D. oder S. Matt. M 1v. „Augsburger PostMung". Dinstag, den 4. Februar 1896. Für die Redaction verantwortlich: Or. Theodor Müller in Augsburg. Drua und Berlag deS litterarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler). Die Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Benno. (Fortsetzung.) 7. Ende April 1632 hielt Wallenstein über 214 Schwadronen Reiterei, 120 Fahnen Fußvolk, 44 Kanonen und 2000 Wagen eine Heerschau, und acht Tage später erschien er mit dieser Armee am weißen Berge bei Prag. Der Kurfürst von Sachsen und dessen Fcldmarschall Arnim hatten bereits die böhmische Hauptstadt verlassen, und die zurückgebliebene schwache Besatzung hegte nur geringe Hoffnung, den Platz zu behaupten. Schon am 4. Mai eröffneten die Kaiserlichen vom weißen Berge aus das Feuer, und Tags darauf stürmten die Regt menter Grana, Wallenstein und Terzky — bei letzterm befand sich Georg Selkow — die Stadt und drangen durch die gebrochenen Mauern. Die sächsische Besatzung zog sich in den Hradschin zurück und streckte zwei Tage später die Waffen. Wenige Tage nachher war der Herzog von Friedland Herr von ganz Böhmen. In Eger vereinigte er sein Heer mit den Truppen des Kurfürsten Maximilian von Bayern, welcher nachgedrungen sich der Forderung Wallenftetns's fügte, daß',bei allen gemeinschaftlichen Operationen der Oberbefehl ausschließlich durch diesen geführt wurde. Nunmehr stand der kaiserlichen Sache ein Heer von mehr als sechzigtausend Mann zur Verfügung, eine Macht, mit welcher Gustav Adolph's Streitkräfte sich kaum messen konnten. Er verschanzte sich bei Nürnberg, und Wallen- stetn bezog der Stadt gegenüber ebenfalls ein befestigtes Lager. Nachdem ein Sturm der Schweden auf letzteres mißlungen war, beschloß der König, weil bei der Ansammlung so vieler Menschen auf engem Raum all- mählig die Lebensmittel auszugehen drohten, die Stadt zu verlassen. Mit klingendem Spiel zog er am 8. September 1632 an dem friedländischen Heere vorüber, ohne daß Wallenstein ihn zu verhindern versuchte. Vier Tage lang blieb der Friedländer ruhig in seinem Lager, dann zog er, vom Kurfürsten sich trennend, durch das Bam- bergische und Coburgische nach Sachsen. Der größte Theil der Wallenstein'schen Streitmacht hatte sich in und um Lützen gelagert. Der Abzug des Heeres in die Winter-Quartiere stand bevor. Marketender, Händler, Gaukler, Juden, Musikanten und andere derartige Leute, welche geneigt waren, den Soldaten das Geld abzunehmen, fanden sich massenhaft ein und begannen ihre Thätigkeit zu entfalten. Auf einer weit ausgedehnten Wiese ganz in der Nähe Lützen's stand ein Marketenderzelt, das sich eines zahlreichen Zuspruchs erfreute. Alan brauchte sich darüber nicht zu verwundern; war doch der Eigenthümer, Monsieur Leferrier, ein gar freundlicher Mann, der einen Spaß zu machen verstand, und Marion vollends, die flinke Aufwärterin, hatte es mit ihren schwärmerischen Augen schon mehr als einem der leichtlebigen Herren im bunten Rock angethan. Zu den Gästen gehörte auch ein Mann, dessen tiefschwarzes Haupthaar zu dem hellrothen Bart einen auffallenden Gegensatz bildete. Er trug Offiziers-Kleidung und am Hut einen silbernen Stern mit blauseidener Schleife, zum Zeichen, daß er sich im Staffetten-Dienst des Herzogs von Friedland befand. Man konnte nicht sagen, daß er sich einer besonderen Aufmerksamkeit von Seiten Marion's erfreut hätte; im Gegentheil, daS Mädchen wich ihm so viel als möglich aus; dagegen stand er offenbar bei Leferrier in besonderer Gunst. Die Beiden saßen beim Zwielicht des November- Abens in vertraulichen Gespräche beisammen. Marion befand sich in einiger Entfernung an einem kleinen Tischchen und kam nur ab und zu in die Nähe der Männer, um einen ausgesprochenen Wunsch zu erfüllen. „Trinkt, Freund," mahnte Leferrier und schenkte aus einer großen Flasche das vor dem Nachbar stehende Glas voll, „trinkt, mein lieber Donald oder Devereux, wie Ihr Euch nennt! Wozu führt Ihr denn eigentlich zwei Namen? Weiß der Henker, mir ist es oft an dem einen zu viel!" Der Rothbart nahm einen tüchtigen Schluck. Dann erwiderte er: „Das will ich Euch sagen, Herr. Es ist nur eine kurze Geschichte, aber doch traurig genug. Meine Mutter, eine geborene Donald, hatte von ihren schnell hintereinander gestorbenen Eltern nicht nur ein hübsches Gesicht und fleißige Hände, sondern auch einen wohl- gefüllten Tuchladen geerbt. Dies stach meinem Vater, dem auf Halbsold gesetzten Lieutenant Devereux in die Augen, und er heirathete sie. Eine Zeit lang ging die Sache ganz gut. Bald aber wurde dem verwöhnten Offisier das Hantiren mit Ellenmaß und Scheere zu langweilig, und er suchte die lustigen Gesellschaften von- — 70 - früher wieder auf. Die Mutter machte Vorstellungen; es half nichts. Im Gegentheil: der Durst des Herrn Papa nahm mit jedem Tage zu. Im gleichen Maße ging die Wirthschaft zurück. Bei dieser Wahrnehmung zog die Mutter ernste Saiten auf, wozu sie um so mehr ein Recht hatte, als indessen meine Wenigkeit angerückt war — olles umsonst. Es gab häufig sehr böse Auftritte, wobei mein betrunkener Vater sich einmal thatsächlich an der Mutter vergriff, und zwar in einer Weise, daß sie von der Stunde an kränkelte und schließlich den Folgen erlag. Damit verlor der Vater den letzten Halt und kam schon ein Jahr später in einem Raufhandel um. Wie Ihr seht, habe ich keinen Grund, besonders stolz auf ihn zu sein, und Jedermann wird es begreiflich finden, daß mir der Name meiner Mutter besser gefällt. Ich führe denselben auch aus Anhänglichkeit für meinen Onkel Lcßlie, der Vaterstelle an mir vertrat und der sich zuweilen auch Donald schreibt. Ohne die Hilfe dieses braven Mannes wäre ich wahrscheinlich zu Grunde gegangen. Er hat mich gleich nach dem Tode der Mutter nach Deutschland geholt; er sorgte für meine Erziehung und machte mich zu dem, was ich jetzt bin. Deshalb ergreift wich auch jedesmal eine maßlose Wuth, wenn ich daran denke, wie dieser Herzog von Friedlano mit dem Onkel verfuhr. Jahre lang hat Leßlie ihm mit seltener Treue gedient; aber statt Anerkennung wurde ihm von dem stolzen Herzog der schwärzeste Undank zu Theil." „Das alte Lied", sagte der Franzose mit einem verächtlichen Lächeln; „es ist einmal so: Jeder sorgt nur für sich. Wir Beide und viele tausend Andere ändern das nicht. Wozu auch? Es ist am vernünftigsten, man schwimmt mit dem Strom und nimmt die Menschen so, wie sie sind. Ihr könnt zufrieden sein: die Zukunft liegt verheißend vor Euch I" „Die Zukunft und immer die Zukunft", brummte Donald unmuthig; „wann wird es endlich einmal die Gegenwart sein?" „Nicht so ungeduldig", mahnte Leferrier leise; „sei es noch ein bis zwei Jahre, dann sind wir am Ziel! Nur Augen und Ohren hübsch offen halten, damit man den richtigen Augenblick nicht verpaßt. Es spinnt sich etwas zusammen, wie aus einem mir vom Cardinal zugekommenen Wink hervorgeht!" Ein heiseres Lachen drang zwischen den bärtigen Lippen Donald's hervor. „Allen Respect vor Eurem Cardinal", sagte er dann; Paul Krüger, Präsident der südafrikan. Republik. „Nichelieu's Angelegenheiten ,'gehen mich zwar selbstver- ttändlich . nichts an, aber meine Verwunderung darf ich über seine Manöver doch äußern. Er verfolgt die Ketzer in Frankreich und steht in Verbindung mit den Fein- , den des Kaisers, der doch die Sache des Papstes und ! des katholischen Glaubens verficht." j „Wundert Euch das?" entgcgnete Leferrier. Richelieu ist in erster Linie Franzose und dann erst Cardinal. ^ Frankreichs Interesse aber verlangt die Ausrottung der Hugenotten ebenso wie die Schwächung der Habsburgischen Macht. In den Mitteln zum Zweck darf ein Diplomat nicht wählerisch sein, und daß Richelieu den Namen eines solchen verdient, ist genugsam bekannt. Die Größe seines Vaterlandes ist für ihn Lebenszweck. Es ist ihm augenblicklich sehr viel daran gelegen, ein Zusammenwirken Maximilian's mit dem Herzog von Friedlaud zu hintertreiben; überhaupt soll Letzterer für den Kaiser keine allzu großen Vortheile erringen, damit das Gleichgewicht der Parteien gewahrt bleibt. Das sind diplomatische Kunstgriffe, Freund, die unser Staatsmann wie kein Anderer versteht. Ihr seht übrigens, wie Aehnliches auch inDeutsch- land geschieht. Haben nicht auch protestantische Fürsten zu Wallenstein'sHeerContingente gestellt? Warum? Sie sahen für sich einen größeren Vortheil dabei. Mein lieber Donald, Ueberzeugungstreue ist ein sehr schönes Wort. Man braucht es auch vielfach, aber nur mit der Zunge oder allenfalls auf dem Papier. Zur That wird es nie! Daher kommt es, daß das Wörtchen sich nicht abnutzt. Doch lassen wir derartige Betrachtungen denen, derenHandwerksie sind, und ziehen wir für uns einfach eine Lehre daraus. Wir dürfen beim Cardinal auf reichlichen Dank und Erkenntlichkeit rechnen, das sei uns genug. Alles Weitere hängt von unserer eigenen Klugheit abl" „Ihr habt Recht", schmunzelte Donald; „seien wir. wie die großen Herren, auch — diplomatisch! Mir gilt es wenigstens vollständig gleich, ob wein Arm der Bibel oder dem Rosenkranz dient, wenn ich nur dem übermüthigen Herzog ein Bein stellen kann und die Belohnung der Arbeit entspricht." „Diese soll Euch werden", versicherte der Franzose, „in vollem Maße und bald! Setzt mich nur, wie seither, von allem, was bet dem Friedländer 'vorgeht, in Kenntniß, auch wenn es Euch als nicht besonders wichtig erscheint; und solltet Ihr je einmal in die Lage 71 kommen, durch unmittelbares Eingreifen einen entscheidenden Schlag führen zu können, so säumt nicht. Das Ziel ist Euch bekannt; je eher wir es erreichen, desto besser für Euch. Daß Ihr der vollkommensten Verschwiegenheit versichert sein dürft und im Nothfall an uns einen Hinterhalt findet, versteht sich von selbst." „Hoffentlich!" stieß Donald heftig hervor. „Ich riskire ohnehin meinen Kopf, der mir keine vierundzwanzig Stunden mehr zwischen den Schultern sitzt, wenn ein unbefugtes Ohr etwas von unserem Handel erlauscht. Doch Marion's Augen haben es mir einmal angethan! Für diesen Preis schlösse ich mit dem Teufel selbst einen Pact!" Ein zufriedenes Lächeln spielte um Leferrier's Mund. „Ich gebe Euch die Versicherung", sagte er und drückte Donald die Hand, „wenn wir klug und vorsichtig sind, läuft die Sache zu unser Aller Zufriedenheit ab. Was den letzten Punkt anbetrifft, so habt Ihr mein Wort! Leferrier rief Marion an den Tisch. „Setz' Dich", befahl er, „und plaudere ein wenig; Du mußt Dich ohnehin allmälig an die Gesellschaft des Herrn Wachtmeisters gewöhnen, der Dir durch seine Werbung eine große Ehre erweist." Das Mädchen theilte diese Anschauung offenbar nicht. Sie warf dem Onkel einen Blick zu, der wenig Neigung für dessen Wünsche verrieth. Sie bezwäng sich jedoch und schwieg. Marion war noch immer die blendend schöne Erscheinung wie bei ihrem ersten Auftreten in Großmese- ritsch, nur lag jetzt in den großen Augen statt des herausfordernden Selbstbewußtseins ein zurückhaltender Ernst. Donald brachte ihr sein Glas entgegen. Sie setzte es an den Mund und nippte ein wenig; dann zog sie sich, trotz der Aufforderung Leferrier's zum Bleiben, wieder an ihr Tischchen zurück. Ein Schatten flog über das Gesicht des Wachtmeisters, der seinen Zorn nur mit Mühe bezwäng. „Geduld", flüsterte der Franzose, „wir machen das Täubchen schon kirre, wenn es sich auch zu sträuben versucht. Mademoiselle muß sich fügen, sie ist in meiner Gewalt!" Die Ankunft neuer Gäste unterbrach das Gespräch. Leferrier erhob sich, um seiner Pflicht als Wirth nachzukommen, und Donald lehnte sich, Marion's Bewegungen folgend, mit halbgeschlossenen Augen in seinen Sessel. Da sah er, wie eine hohe Gluth über das Antlitz des Mädchens sich ergoß. Sie hatte einem jungen Manne, der das Gewand des herzoglichen Leibjägers trug, ein Glas vollgeschenkt. Gleichzeitig vernahm er Leferrier's Stimme, der dem neuen Gaste zurief: „Ah, ah, Monsieur, hier treffen wir uns? Das ist recht schön! Ich dachte unterdessen oftmals an Euch, wenn Ihr mir schon in Großmese- ritsch, Eurem Versprechen entgegen, nicht die Ehre eines Besuches geschenkt habt." Donald sprang ungeduldig empor. Er stieß durch seine hastige Bewegung den Stuhl um, so daß ihm in Folge des dadurch verursachten Gepolters die Antwort des Leibjägers entging. Dagegen bemerkte er, wie Marion mit glühenden Wangen und strahlendem Blick vor dem jungen Mann stand, der ihre Hand in der seintgen hielt. Rasch trat er vor. Er drängte das Mädchen unsanft zur Seite und schaute in Georg Sel- kow's Gesicht. „Alle Teufel", rief er und suchte seine eifersüchtige Wallung unter der Maske freudigen Erstaunens zu verbergen, „Ihr seid es, Herr? Euch hätte ich hier in der That nicht gesucht!" Auch Georg erkannte den Wachtmeister wieder. Mit herzlichem Gruße reichte er ihm die Hand. Da Donald jedoch im gleichen Augenblick der sich abwendenden Marion folgte und sich dadurch einer weiteren Ansprache entzog, setzte er die begonnene Unterhaltung mit Leferrier fort. „Fast hätte ich Euch in dieser neuen Verwandlung nicht mehr erkannt", sagte er. „Warum habt Ihr denn das schimmernde Harlekinskleid mit der Aufwärterschürze vertauscht?" Leferrier lachte. „Ich biv ein unruhiger Kopf, müßt Ihr wissen", entgegnete er; „auch gefiel mir die angeworbene Gesellschaft nicht mehr. Um sie mir mit Anstand vom Halse zu schaffen, zog ich mich von der Künstlerlaufbahn zurück. Ganz ohne Beschäftigung mochte ich nicht sein; deshalb habe ich die Gelegenheit zum Ankauf dieser'Bude benutzt." Ein Streit, der zwischen zwei Gästen im Hintergründe des Zeltes ausbrach, lenkte die Aufmerksamkeit des Franzosen dahin. Er eilte fort, und der wieder herantretende Wachtmeister nahm seinen Platz ein. „Ihr wäret wohl indessen in Großmeseritsch nicht mehr auf Besuch?" fragte Georg diosen in übermüthigem Ton. Donald fühlte recht gut den Spott. Sein Antlitz verfinsterte sich, und aus den halbverschleiertcn Augen traf den jungen Mann ein feindseliger Blick. Dennoch sagte er möglichst gleichgültig: „Wie kommt Ihr zu dieser Frage? Soviel ich mich erinnere, sprach ich eine derartige Absicht Euch gegenüber nicht aus, eher das Gegentheil ! „Ja, ja, Ihr habt Recht", fiel Georg ihm lachend in's Wort. „Eure Wuth auf Großmeseritsch und dessen Bewohner hat mich damals nicht wenig in Erstaunen versetzt. Nachher erfuhr ich freilich so manches, das mir über Euere Verstimmung Aufklärung gab. Es ist eben ein schlechter Spaß, wenn ein zuversichtlicher Freier mit einem Korbe abziehen muß." Der Zorn trieb Donald das Blut bis an die Schläfen hinauf, und seine Hand hatte unwillkürlich den Griff des Degens erfaßt. „Nehmt Euere Zunge in Acht, Herr", sagte er mit heiserer Stimme; „Ihr möchtet sonst Euern Vorwitz bereuen. Spott ertrage ich nicht und am allerwenigsten von Euch. Ihr wißt wohl warum! Nicht Jeder darf ernten, wo ein Anderer gesäet hat!" Damit wandte er sich ab und kehrte zu seiner Flasche zurück. Georg war über die Antwort verblüfft und zum Theil auch beschämt. Er sah ein, daß er den Mann ohne Grund gereizt hatte. Ueberdieß begann er zu ahnen, daß der Wachtmeister bezüglich der letzten Ereignisse in Großmeseritsch auf dem Laufenden war oder doch wenigstens genug wußte, um ein unangenehmer Gegner zu sein. Einlenkend suchte er die Unterhaltung mit Donald wieder aufzunehmen, doch dieser wich ihm geflissentlich aus. In seiner Verstimmung wandte der Leibjäger sich wieder an Marion, die ihm in ihrer einfachen Kleidung fast noch reizender als in dem frühern gleißenden Prunke erschien. Vor den freundlichen Augen des Mädchens hielt sein Aerger nicht Stand. Mit großer Befriedigung machte er dabei gleichzeitig eine Entdeckung, deren kluges Ausnutzen ihn für die durch den Wachtmeister erlittene Niederlage zu entschädigen versprach. Die begehrlichen Blicke, mit welchen jener Marion verfolgte, entgingen ihm eben so wenig, als dessen eifersüchtiger Grimm, wenn das Mädchen ihn zu bevorzugen schien. Georg fand den Zusammenhang sofort heraus und leitete seinen Angriff gegen den Wachtmeister auf dieser Grundlage ein. Er wußte dem Gespräch, auf welches das Mädchen mit unverkennbarer Freude einging, unter geschickter Benutzung der flüchtigen Bekanntschaft in Großmeseritsch eine so anzügliche Wendung zu geben, daß ein hoffnungsvoller Freier die Fassung verlieren mußte. In der That kam Donald durch das bos- hafteManöver auSRand und Band. Er wurde bald roth, bald blaß und schien nur auf eine Gelegenheit zum Losbrechen zu warten. Marion nahm von dieser Stimmung ihres angehenden Bräutigams anfangs gar keine Notiz, und Georg hatte seine helle Freude daran. Er war wiederganz in seiner übermülhigenLaune und dachte nicht mehr an jene furchtbare Lehre, die ihm vor dem Block des Scharfrichters ertheilt worden war. Da donnerte ein Kanonenschuß, das Zeichen für die Offiziere, welche die Nachtwache antreten mußten. Georg verabschiedete sich von Marion, rief dem Wachtmeister lachend einen kurzen Gruß zu und verließ das Gemach. Donald schaute ihm mit drohendem Blicke nach. Dann forderte er Leferrier auf, an seiner Seite Platz zu nehmen, und sprach längere Zeit leise, aber aufgeregt und eindringlich mit ihm. Nach einer Weile trank er seine Flasche leer und schritt, ohne von Marion Abschied zu nehmen, ebenfalls in's Freie hinaus. Es war indessen vollständig dunkel geworden. In weitem Umkreise beleuchteten zahllose Wachtfeuer die Landschaft, über welche wie eine schimmernde Kuppel das sternenbesäete Firmament gespannt war. Ein trockenkalter Wind blies von Norden her und trieb die Rauchwolken, welche riesigen Gespenstern gleich durch die Luft schwebten, gegen die Stadt. Donald schritt langsam über den Plan. Rachsüchtige Gedanken kreuzten sich in seinem Gehirn. „Habe ich darum", grollte er, „mich selbst, meine Ruhe, meine Zukunft und vielleicht noch mehr geopfert, damit mir ein Lasse den Preis streitig macht? Es ist ein gewagtes Spiel, zu dem ich die Hand bot, und bis zu dieser Stunde hatte ich davon nur Aerger und Zorn. Aber es soll und muß ein Ende nehmen; die, fortwährende Aufregung ertrage ich nicht länger. Zum zweiten Male tritt dieser Selkow mir nun in den Weg. Der junge Herr kennt mich noch nicht! Er glaubt meiner spotten zu dürfen; denn daß keine ernstliche Absicht hinter dem Schönthun mit Marion steckt, begriff ich sofort. Aber ärgern lasse ich mich von einem solchen Gelbschnabel nicht. Er mag sich in Acht nehmen, denn Donald- Devereux ist nicht der Mann, den man ungestraft reizt!" Er hatte das Absteigquartier des Herzogs von Friedland in Lützen erreicht und begab sich in das Zimmer, welches für dieStaffet- tenreiter bestimmt war. Dort traf er einen Kameraden, der in der schlechtesten Stimmung auf und ab ging. „Ist das eine Heidenwirthschaft I "tobte jener, als er Donald erkannte; „reite ich heute mit etnerDepesche vonMerse- burg her meinen Gaul fast zu Schanden, und wie ich in Schweiß gebadet ankomme, läßt man mich zwei svolle StundeiHnicht vor. Ich solle aufLescheid warten, hieß es dann, und ja dasHausnicht verlassen; nun warte ich wieder seit mehr als drei Stunden umsonst. Ohne Zweifel steckt wieder der Schwarzkünstler Seni dahinter, der uns mit seinen Teufeleien sicher noch einen schlimmen Streich spielt. Es geht etwas vor; inMerseburg hörte ich, der Schwede sei uns auf den Fersen. Das wäre eine schöne Bescheerung, nachdem Pappenheim und die Bayern fort sindl Geheuer ist es nicht; ich glaube sogar, daß meine Depesche mit diesem Gerüchte in Zusammenhang steht. Und hier schaut man, statt zu handeln, zu Mond und Sternen hinauf." < In diesem Augenblicke kam ein größerer Reitertrupp vor das Haus angesprengt. Sporen klirrten und schwere Tritte dröhnten die Treppe herauf. Wenige Minuten später erschien ein Page, der sämmtliche verfügbare Staffettenreiter und Leibjäger, zu dem Herzog befahl. 8 . Die Vermuthung des Staffettenreiters, daß der Astrologe Seni und dessen Kunst die^, Schuld ^'an der Vernachlässigung seiner Depesche trügen, traf wirklich 'zu. In dem Observatorium Wallenstein's Professor Itr. W> Röntgen. 73 herrschte seit der verwichenen Nacht eine Aufregung und Spannung, wie man sie dort schon lange nicht mehr gekannt hatte. Sent legte sich erst bet Tagesanbruch für einige Stunden zur Ruhe. Wallenstein dachte an keinen Schliff; seine fieberhafte Aufregung lieh eS nicht zu. Ein Ereigntß, das mit allen seitherigen Prognosen, Constellationen und Systemen in Widerspruch stand, hatte die beiden Astrologen am vergangenen Abend in tiefe Bestürzung versetzt: das plötzliche Auftauchen eines ganz neuen, bis jetzt noch nicht beobachteten^SterneZEim Bilde des Mars. Sowohl der Herzog selbst als auch Seni hatten das Phänomen ganz deutlich erkannt, welches bis nach elf Uhr zuerst in stark röthlicher Färbung und von da an mit abnehmenderStärke am Himmel strahlte, wo es plötzlich verschwand. Seni hatte im Laufe des TageS die Aufzeichnungen und Werke des Pto- lemäus,Copernicus, Cardanus, Tycho de Brahe, Galilei und Kepler nach allen Richtungen durchstöbert, um über den unbegreiflichen Fall eine Auskunft zu finden. Seine Mühe war lange vergeblich gewesen, bis er endlich beiCardanus die Notiz fand, daß manchmal planeten- artige Himmelskörper plötzlich erscheinen, kürzere oder längere Zeit sichtbar bleiben und wieder verschwinden, ohne daß trotz der umfassendsten Forschungen das Räthsel ihrer Existenz und ihres Wesens durch dieGe- lehrten gelöst worden sei. Diese Auskunft genügte Seni um so mehr, als er durch die unbestimmte und allgemeine Haltung des Verdicts, seinen eigenen Wünschen und Interessen entsprechend, zu den weitestgehenden Hypothesen und Folgerungen freien Spielraum bekam. Wallenstein war in die wichtige Sache so sehr verliest, daß alles Andere bei ihm in den Hintergrund trat. Der Abend brach herein, und immer noch war er mit Seni in dem Observatorium beschäftigt. Er hatte sich den Tag über kaum etwas Speise nnd Trank vergönnt. Es wurden großartige Vorrichtungen für eine genaue Beobachtung des wieder erwarteten Sternes getroffen, dessen Bedeutung zu ergründen der Astrologe sich den scharfsinnigsten Voraussetzungen hingab. Die Depesche, welche der Staffettenreiter gebracht, hatte in der That von dem Herannahen der Schweden gehandelt; da sie aber nur eine Vermuthung und keine bestimmte Nachricht enthielt, war sie auf die Seite gelegt worden. Endlich^,schien Seni zu einem Resultat grkommen zu sein. Mit feierlicher Miene trat er zu seinem Herrn. „Hoheit", begann er, „preist dasSchick- sal, welches Euch zu seinem Liebling erkor. Dieser Stern ist das Symbol einer Wendung, die mit großartigem Erfolge beginnt. Sein röthlicher Schimmer bedeutet, daß dieszwar durch StrömeBlutes geschieht, sein herrlicher Glanz aber weist auf den unsterblichen Ruhm hin, der als Lohn für das Geopferte winkt." Mit leuchtenden Augen nahm der Herzog diese Verheißung entgegen. Seine anfängliche Bestürzung war all- mältg geschwunden, und ähnliche Gedanken hatten bereits seine Phantasie aufgeregt. „MögetJhrRecht haben, Meister", sagte er und drückte den Astrologen mit überwallenden Gefühlen anseineBrust „möge dieser Stern ein Glückszeichen, sein; dann werdet Ihr erfahren, was dcrHerzogvonFried- land der Welt zu bieten vermag!" Er nahm das Papier mit den Aufzeichnungen Sent's an sich und las sie aufmerksam durch, da wurde er durch ein ungewöhnliches Geräusch in dem Vorzimmer gestört. Der Page, welcher beauftragt war, nur ganz dringende Angelegenheiten zu melden, trat ein und berichtete, daß mehrere Reisige den Feldherrn augenblicklich zu sprechen verlangten. „Warten", gab Wallenstein kurz zur Antwort und fuhr in seiner Beschäftigung fort. (Fortsetzung folgt.) —— gZ Damenhand, mit Hilfe USnIgenscher Strahlen photographtrt. Oberelchingen und sein ehemaliges Kloster. "Mit Illustrationen. (Schluß.) Fortan litt das Kloster unter fortwährenden Einquartierungen und Brandschatzungcn, daß großer Mangel eintrat. Den Unterthanen gings noch viel schlimmer. Bei Tag und Nacht kündeten Feuersäulen die schwedische Mordbrennerei. Schon im Frühling des Jahres 1633 war fast alles Vieh in den Dörfern weggeraubt, daß die Bauersleute bei ver Habersaat den Pflug selbst ziehen mußten. Die Geistlichen konnten sich vor dem Haß der Schweden nur als „Handwerksleute verkleidet" halten. Im Juli kam zum Kriegselend noch eine Viehseuche, welche dem Kloster 150 Stück Klostervieh hinraffte. Im Jahre 1634 blieb das Kloster fast keine Woche ohne schwedische Einquartierung, welche den Konvent vollständig ausfraß. Und da auch den Unterthanen im's' Dorf und in der Umgebung alles geraubt öderes ruinirt war, dieselben weder säen noch ernten konnten, belagerten sie täglich die Klosterpforte, um Mmosen flehend. Der Jammer war grenzenlos. EinGlückwar es, bei aller Ueberlast der täglichen Quartiere, daß im März, April, Mai und Juni ds. Jahres der schwedische OberstWrangel (der nachmal.Feldherr) ab und zu inElchingen wohnte. Er war dem Kloster und seinem Abte ziemlich freundlich gesinnt, wenn er nicht gerade besoffen war, was freilich sehr häufig vorkam. Das Kriegselend erreichte in Ellingen und Umgebung den höchsten Grad, als im August 1634 die Heere Gustav Horn's und Bernhard's von Weimar in der Gegend von Elchingen sich vereinigten und ihre wilden Horden das arme Volk nicht nur vollends ausplünderten, sondern es auszumorden begannen. Der entsetzliche „Schwedenirunk" war jetzt an der Tagesordnung. Selbst eine „Ulmer Chronik" gesteht, daß die schwedischen Soldaten die Leute dermaßen mit dem Schwedenirunk plagten, daß manchem der Tod lieber gewesen wäre. Die meisten starben daran. „Man hat," so schreibt jene Chronik, „die armen Leut in Hölzern und Wäldern nackend an die Bäum' gebunden und teuflischen Muthwillen an ihnen verübt und andere Unthaten mehr gethan, welches vor keuschen Ohren nicht zu schreiben ist." Am 18. August Abends, als man eben die Winterfrucht gut eingeheimst hatte, überfielen die Weinmarischen Mordbrenner das Kloster. Sie schlugen die Thore ein und begannen die allgemeine Plünderung. Alle Pferde und alles Vieh wurde weggenommen. „Die ganze Nacht," so erzählt^. Botzenhard, „war ein erschreckliches Hämmern, Heulen und Jammern. Abt und Convent versammelten sich in der Abtei und machten einen Fußfall vor den Plünderern, um Gnade zu erlangen, aber je mehr sie baten, desto grimmiger wurden die Horden. „Dem Prälaten schnitten sie das rechte Ohr ab und versetzten ihm mehrere Stiche und 5 wuchtige Streiche mit Beil, Wehr und Prügel, bis er endlich den k. Botzenhard ersuchte, den Soldaten ein Gewölbe zu zeigen, und dann erschöpft von Blutverlust ohnmächtig hinsank. ?. Botzenhard zeigte nun den Soldaten in der,Custerest ein Gewölbe, wo sie sofort zu graben und zu suchen begannen. Als sie nichts fanden, schlugen sie den ?. Botzenhard, wie er selbst erzählt, halb todt, und wollten ihn endlich in die gemachte Grube werfen und lebendig begraben. Zwei Soldaten dachten menschlicher und verhinderten das Vorhaben." Alle Truhen, Kisten und Kasten in der Kirche und in der Abtei waren zerschlagen und ausgeraubt, das Ciborium war sammt den hl. Hostien abhanden gekommen, 7 Kelche, silberne Löffel und Messer, alles was Silber nur ähnlich sah, war weggenommen, so daß man am Morgen nicht mehr um 3 Kreuzer Silberwerthim Klosterfinden konnte. Alle Bühnen- und Fruchtkammern waren geleert, in der Küche alles verdorben, im Keller aller Wein „ausgelassen," dermaßen, daß man im Keller „im Wein bis über die Knoten gewaten." Am 10. August früh 9 Uhr kam ein Wachtmeister und blies Alarm. Nun brachen die Soldaten auf und verließen das Kloster. Kaum waren sie fort, „ist wieder alles schwarz hereinkommen" und haben mit sich genommen, was ihnen beliebte. Als auch dieser Trupp fort war, kamen bei 1000 Marodeurs haufenweis S Kirche in Vber-Elchingcn. -MW herein und nahmen Quaiiicr im Convent und in der Kirche. Am^6. September hörte man in Elchingen ein „erschreckliches Schießen," (Schlacht bei Nördlingen!) Nachts kam „gehling das Geschrei": es solle alles fliehen, da eine große Zahl der aus der Schlacht entronnenen Soldaten im Anzug sei. Der Konvent floh über die Donaubrücke nach Leibt in das Haus des Martin Spegelin, Bruders des Prälaten und dann nach Ulm. Hier verweigerte der protestantische Rath den Mönchen Einlaß und Aufnahme, was sie wenig verdroß, weil die Stadt mit Flüchtlingen überfüllt war. Sie kehrten hungrtg- nach Leibi in ihr altes Quartier zurück und stillten auf dem Wege mit Erbsen und Wicken auf dem Felde den Hunger. Am 10. September kehrten alle wieder in's Kloster zurück. Aber schon nach zwei Tagen kam von Günzburg die Aufforderung, der ganze Convent möge nach Günzburg kommen, da die ganze Macht des römischen Königs Ferdinand die Donau herauf gegen Elchingen ziehe. Am 13. September packten die Mönche ihren „kleinen Plunder auf ein Schiffte" und fuhren nach Günzburg, wo auch das „Schiffte" noch ausgeplündert wurde. Während des Vorbeimarsches der kaiserlichen Haupt-Armee blieben sie in Günzburg. Am 16. Scpt. kehrten vier wieder nach Elchingen zurück. Der Abt und die übrigen kamen 8 Tage später. ^Schweden ».Kaiserliche waren in's Württembergische gezogen, dafür chicanirte und brandschatzte aber nun die schwedische Besatzung in Ulm unter Oberst V.Schlammers- dorf das Kloster monatelang. Im Oktober kamen auch noch kaiserlicheTruppen und schlugen sich mit der Ulmer Besatzung herum, um Ulm zur Uebergabe zu zwingen, so daß das Kloster bald von den Ulmern, bald von den Kaiserlichen bedrängt und ge- brandschatzt wurde. Als sei es des Jammers noch nicht genug, brach im November auch noch die — Pest aus. „Ein erschrecklicher Hunger und Sterbend grassirt in dieser Gegend herum," jammert Botzenhard. Der Hunger wüthete entsetzlich in der Gegend. Ein Mann kaufte um 5 Batzen eine Roßhaut, hängte sie wochenlang auf und schnitt „partikelweis" Streifen ab, kochte sie und aß sie wie „Kuttlen." Am Pfingstfest den 27. Mai gab es im Kloster nichts mehr zu essen, als Sauerkraut, dürre Hutzeln und „armes Haberbier." Fleisch war nicht zu bekommen, und auch kein Gemüse, da fast den ganzen Mai mehr Winter- als Sommerwetter herrschte. Schädliche Reifen zerstörten die Obstblüthen, und bis zum 9. Juni mußten täglich alle Oefen geheizt werden. Am 3. Juni kam der Propst von Wettenhausen abermals in's Kloster und bettelte um Sauerkraut und dürre Hutzeln, was ihm nach Vermögen gereicht wurde. Den 17. Juni überfielen kaiserliche Reiter das Kloster und plünderten es vollständig aus. In einer halben Stunde war alles, auch was andere Leute in's Kloster geflüchtet und was mit Mühe und Gefahr durch den Winter gebracht wurde — Roß, Kühe, Hühner, Schweine rc. rc. — verschwunden. Die Mönche versteckten sich in allen Winkeln, der Abt aber wurde von den Soldaten hinter dem Apostelaltar ergriffen und rein ausgeplündert. In den Tagen vom 7. bis 23. Juli raffte die Pest im Kloster 3 Conventualen dahin, so daß nur mehr 7 Mönche im Kloster waren. Aller Gottesdienst war eingestellt, nur die hl. Messe las man noch. Endlich kapitulirte Ulm Anfang August, und das Kriegsvolk minderte sich und damit auch das Elend. Der Herbst war erträglich; man konnte wieder etwas aufaihmen und das wenige Getreide, soweit es die Soldaten nicht im Sommer abgemäht oder verdorben hatten, einbringen, was freilich im November von durchziehenden kaiserlichen Truppen wieder theilweise geraubt wurde. Das Jahr 1636 brachte eine Brand- schatzung um die andere. Dazu kam im Mai noch große Dürre und Ende des Monats verderblicherNeif — es hatte 8 Wochen lang nicht mehr geregnet, somit blühte noch ein vollständiges Mißjahr. Die Hungersnoth wuchs. Als im Juni den Soldaten ein Pferd cre- pirte, fielen die wenigen Leute im Dorf über das Aas her, zerschnitten und kochten es und aßen es mit großem Heißhunger. Da der Abt den Kaiser in Donauwörth persönlich angefleht hatte, wurde das Kloster in der zweiten Hälfte des Jahres 1636 erheblich erleichtert. Auch das Jahr 1637 war für Elchingen offenbar leidlich, da Botzenhard nur wenig aufzeichnete. Im Februar 1638 kamen Jso- lani's Croaten und hausten gewohnheitsmäßig so übel, daß Botzenhard schreibt, „wenn sie nicht bald abziehen, so müssen wir und die Bauern stamppen," d. h. laufen. Am 19. bis 22. März 1639 huldigten die Unterthanen des Neichsstifts dem neuen Abt Johann. Es waren in der ganzen Herrschaft noch 400, „für diese Zeit noch viel." Vor dem Krieg waren es 5000. Wie schrecklich haben Pest, Hunger und Krieg aufgeräumt l Das Jahr 1640 verlief ziemlich ruhig. Man hielt im Kloster am 30. September „ziemlich stattliche Kirch- weih" und konnte sogar Gäste von Ulm und Günzburg einladen. In den folgenden Jahren 1641 bis 1643 gab es wieder viel Quartier. Im Jahre 1643 allein mußte das Kloster 8830 fl. Contribution zahlen. In den letzten Jahren des Krieges 1644 bis 1648 litt das pfarrhof in Gder-Elchtngen --MUHE' -77 ^> > 76 Kloster unter fortwährenden Durchmärschen und war am Ende des Krieges vollständig erschöpft und verschuldet, daß es Waldstetten mit Häufelsburg und Oxenbrunn, Balmertshofen und Rammingen, also fast ein Drittheil seines Herrschaftsgebietes verkaufen mußte, um die drängendsten Gläubiger zu befriedigen. In der nun folgenden Friedenszeit erholte sich das Kloster allmählich, brachte es aber nie^mehr zum Wohlstände mancher anderen Reichsstifte, so daß die Zahl der Conventualen die Zahl 25 niemals überstieg. Schwere Drangsale brachten die französischen Kriege am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts über Kloster und Flecken, namentlich der 14. Okt. 1805 —die Schlacht von Elchingen, in welcher Napoleon I. hier die österreichische Armee des Generals Mack vollständig schlug und 3 Tage später zur Kapitulation zwang. Napoleon uahm sein Hauptquartier im Kloster bis zum 21. Oktober, an welchem Tage er aufbrach. Zwei Jahre zuvor hatte die letzte Stunde des Reichs- sttftes Elchingen geschlagen. Es wurde 1803 aufgehoben, Abt Robert II. und seine Conventualen pensionirt und Elchingen und sein Gebiet dem neugebildeten bayerischen Landgerichte Elchingen einverleibt. Nach? Jahren wurde jedoch das Landgericht Elchingen aufgehoben und die Dörfer Elchingen, Thalfingen, Fahlheim, Straß und Nerstngen dem Landgerichte Günzburg zugetheilt und die Orte auf der Alb an Württemberg abgetreten. Noch lange krönte das herrliche Klostergebäude den schönen Berg und verkündete weithin des Reichsstifts alte Herrlichkeit. Am 25. Juli 1840 stürzte ein Theil der ehemaligen Klostergebäude zusammen und da auch die als Pfarr- Wohnung benützten Prälaturgebäude sich als baufällig erwiesen, so wurde das Kloster zum Abbruch verkauft und über die Ruinen im Jahre 1845 ein neuer Pfarr- hof erbaut, welcher durch seine Bauart, sowie durch seine herrliche Lage einen Vergleich mit den schönsten Pfarr- höfen der Diöccse aushält. Die Kirche, welche nach dem letzten Klosterbrande 1774 erbaut wurde, blieb erhalten als ein Denkmal früherer Zeit und gibt Zeugniß von dem frommen Eifer der Mönche für Gottes Ehre. Gegenwärtig wird sie auf Staatskosten restaurierend verspricht nach ihrer Vollendung ein herrliches Gotteshaus zu werden, welches die frommen Wallfahrer, die zur schmerzhaften Muttergottes herangezogen kommen, in die weihevollste Stimmung zu versetzen vermag. Außer der Kirche haben sich von den Klosterbaulichkeiten nur mehr erhalten dasBräuhaus, ein beliebter Ausflugspunkt der Ulmer, und das Wohnhaus des Lehrers mit einem zierlichen Thürmchen. Dasselbe bildete die ehemalige Thorkapelle zu Ehren des hl. Martinus. Alle anderen Gebäude auf dem Klosterberge stammen aus späterer Zeit. -—- Zu unseren Bildern Paul Krüger. Der seit einer langen Reihe von Jahren an der Spitze der südafrikanischen Republik Transvaal stehende Präsident Krüger ist, wie seine sofortige Niederwerfung der von den Uitlanders unter Anführung des Engländers Dr. Jameson versuchten, aufrührerischen Bewegung gezeigt hat, ein Mann von großer, staats- männischer Umsicht und thatkräftiger Entschlossenheit. In seinem persönlichen Auftreten trägt „Onkel Paul", wie er von den Boeren allgemein genannt wird, eine an Nachlässigkeit grenzende Einfachheit und eine gewinnende Freundlichkeit zur Schau, und erfreut sich darum auch im ganzen Lande einer überaus großen Popularität, die jetzt, nachdem er solch rascher Hand den englischen Eroberungsplan vereitelt, wenn möglich noch höher gestiegen ist. Dank der verständigen Regierung des autokratischen, aber patriotischen und Land und Leute genau kennenden Präsidenten Krüger hat sich die südafrikanische Republik innerhalb der letzten 10 Jahre von einem friedlich dahinlebenden Ackerbaustaat zu einem in raschestem Aufblühen begriffenen Culturstaat emporgeschwungen. Aus allen Theilen der bewohnten Erde strömt es heute nacv Transvaal, Menschen und Güter aller Nationen im Wettbewerb um die Segnungen des Goldstromes, den die ergiebige Erde nun schon seit 10 Jahren unersctöpflich ausgießt über ganz Südafrika und alle anderen Welttheile. In kurzer Zeit hat sich das Land mit Eisenbahnen von Ost nach West, von Süd nach Nord durchzogen, Telegraphenlinien durchkreuzen es in allen Richtungen. Täglich entladen an allen Stationen endlose Züge die rasch Herbeieilenden, die noch von dem Segen, ehe es zu spät ist, etwas erhäschen wollen; die Güterzüge aus drei Hauptrichtungen, von Westen, Süden und Osten, können den Bedarf an Materialien, Maschinen, Baustoffen, Lebensbedürfnissen nicht heranschleppen. Wie kräftig gesund der Kern der alten Bevölkerung, wie urstaatsmännisch die Begabung des ungelehrten, aber genialen Präsidenten Paul Krüger ist, ergibt schon die einfache Thatsache, daß diese große materielle Umwälzung sich ohne Störung in den politischen Einrichtungen vollziehen konnte, bis vor etwa zwei Jahren eine planmäßig angelegte Beunrubigung von außen in das Land getragen wurde, die jetzt durch das erfolgreiche Eingreifen des Präsidenten voraussichtlich auf längere Zeit unterdrückt ist. Professor I»r. W. Königen. Wir bringen heute das Porträt des berühmten Mannes, dessen aufsehenerregende Entdeckung wir in einem vorhergehenden Artikel (vgl. Nr. 9 des Unterhaltungsblattes 1896) bereits eingehend besprochen haben. Professor Röntgen ist von Geburt Holländer. Seine wissenschaftliche Ausbildung aber erhielt er an Hochschulen des deutschen Sprachgebietes. 1870 veröffentlichte er noch vor seiner Promotion von dem physikalischen Laboratorium der Universität Zürich aus eine Untersuchung „über die Bestimmung des Verhältnisses der spezifischen Wärmen der Luft". Die Arheit entstand auf die Anregung Aug. Kundts, der vornehmlich Röntgens physikalische Studien geleitet hat. Als Kundt 1870 vpn Zürich nach Würzburg ging, folgte ihm Röntgen dorthin, und später, als Kundt den Lchrstuhl der Physik an der neu gegründeten Universität Straßburg übernahm, wurde auch dort Röntgen, der zuvor zum Doctor promovirt hatte, sein Assistent. In Straßburg begann Röntgen als Privatdozent sür Experimentalphysik und physikalische Chemie 1873 seine Lehrthäiigkeit. Zwei Jahre später wurde er als ordentlicher Professor für Mathematik und Physik an die landwirthschaft- liche Akademie zu Hoheuheim in Württemberg berufen. Aber schon 1876 kehrte er nach L-traßburg zurück, wo er eine außerordentliche Professur übernahm. 1879 wurde er ordentlicher Professor und Director des physikalischen Instituts in Gießen. Seit 1888 wirkt er in gleicher Eigenschaft als Nachfolger Fr. Kohlrauschs, des jetzigen Directors der physikalisch-technischen Reichsanstalt, an der Universität Würzburg. — Unser zweites Bild zeigt eine Damenhand, die nach dem bereits ausführlich beschriebenen Verfahren mit Hilfe der Röntgen'schen X-Strahlen photograpbirt wurde. Die für die X-Strahlen undurchdringlichen Knochen und der Ring erscheinen auf der Photographie als dunkle Schattenbilder, während die Fleischtheile durch hellere Schatten angedeutet sind. Das Bild gibt bereits einen Begriff davon, von welch weittragender Bedeutung für die ärztliche Wissenschaft die noch in ihrem Anfangsstadium stehende Entdeckung dereinst werden kann. Krgänzimgsrälsisel. . . r g . . ck . .. ch . . t, d . . . . t . . ch g . ., D.. .e.g. ..f j..e. Sch . . t . . . ch; . e . n . . r . . f E . . e . B. s . . . h . ., T . . g s . . n . S . . a . e . . t s . ch. (B . . e . s . . d .) Auflösung des Scherzräthscls in Nr. 9: Erdreich. -EZS-- 011. Areitag, den 7. Februar 1896. Kür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbefitzer vr, Max Huttler). Die Astrotogen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Benno. (Fortsetzung.) Kaum waren einige Secunden vergangen, da kam der Page schon wieder. „Die Herren geben keine Ruhe", meldete er; „sie behaupten, eS sei die höchste Gefahr im Verzug." Gleichzeitig drang durch die halb offen gebliebene Thüre ein verworrenes Stimmengesumm in das astrologische Zimmer herein. „Gustav Adolf", „die Schweden", unterschied man deutlich zwischen andern unverständlichen Worten. Wallenstein hob betroffen das Haupt. Er legte das Papier weg und trat einen Schritt vor. „So sollen sie kommen", befahl er. Der Page verschwand, und drei Offiziere, von denen zwei der Piccolominischen Abtheilung und einer dem Terzky'schen Corps angehörten, traten herein. Ihre erhitzten Wangen und die bestaubten Kleider thaten kund, daß sie einen scharfen Ritt gemacht hatten. „Hoheit", nahm einer derselben das Wort, „die Schweden ziehen in hellen Haufen an der Saale herauf. Ihre Vorhut hat Nanmburg schon heute Mittag passirt und dürfte jetzt in WeißenfelS sein. Bis morgen früh steht Gustav Adolf vor uns!" Wallenstein erschien über diese Nachricht im ersten Moment ernstlich verblüfft, sofort aber kehrte seine Fassung zurück. Er stand im Begriff, den Offizieren Befehle zu geben, da wandte sich Seni, der längere Zeit aufmerksam durch ein Fernrohr geschaut hatte, in augenfälliger Hast an ihn. „Der Stern, Herr, der Stern", jubelte er und drängte den Herzog an'S Fenster, „er ist wieder da und strahlt wie gestern in majestätischer Pracht l" Wallenstein bewaffnete sein Auge mit einem Instrument und blickte in fieberhafter Spannung zum Himmel hinauf. Nach einer Weile drehte er sich um, und ein tiefer Athemzug rang sich aus seiner Brust. Das sonst immer so ernste Antlitz strahlte, wie von einem überirdischen Entzücken verklärt. „Ja, es ist der Stern, «ein Stern!" rief er begeistert. „Die himmlischen Mächte selbst haben mir dieses Zeichen gesandt, nun bin ich gefeit! Mag der Schwede kommen, er rennt in sein Verderben l" Schnell traf der Herzog nun die umfassendsten Anstalten, um zum Empfang des heranziehenden Feindes gerüstet zu fein. Courriere, Staffelten und Leibjäger flogen mit dem Befehl, sich bei Lützen zu sammeln, nach allen Richtungen zu den Commandanten der verschiedenen Abtheilungen fort. Pappenheim, der sich auf dem Wege nach Westfalen befand, um daselbst die Winterquartiere zu beziehen, wurde durch den Obsrfeldherrn schriftlich von dem unerwarteten Zwischenfall in Kenntniß gesetzt und aufgefordert, sofort umzukehren und mit seiner ganzen Mannschaft zum Hauptheer zu stoßen. Mit der Ueberbring- ung dieser wichtigen Botschaft wurde der Wachtmeister Donald betraut. „Schont Euch und Euern Gaul nicht", schärfte Wallenstein diesem ein, „damit Pappenheim, den Ihr in Halle einholen werdet, noch rechtzeitg zu dem bevorstehenden Kampfe erscheint. Ich mache Euch mit Euerm Kopfe verantwortlich dafür!" Donald nahm den Brief in Empfang und machte sich auf den Weg. Er sprengte mit verhängtem Zügel zum Thore hinaus. Bald jedoch ließ er sein Pferd im Trab gehen, und nach einer Weile ritt er bloß noch im Schritt. Ohne Rücksicht auf die Dringlichkeit des ihm ertheilten Auftrags hing er seinen Gedanken nach und fand wachsendes Wohlgefallen an den verführerischen Bildern, welche seine Phantasie ihm so verlockend vorgaukelte. Die kurz vorher mit Leferrier gepflogene Unterhaltung und alles, was sich daran knüpfte, stellte sich lebhaft vor ihn. „Wenn sich dir eine Gelegenheit zum selbst- ständigen Handeln darbietet, dann greife zu", hatte der Franzose gesagt — hielt er diese Gelegenheit nicht in der Hand? Eine große Schlacht stand bevor. Wallenstein, der, mit den Bayern und der Pappenheim'schen Abtheilung verstärkt, den Schwedenkönig nicht anzugreifen gewagt hatte, konnte nach dem Wegzug dieser Truppen noch viel weniger auf einen Erfolg hoffen, der seinen Wünschen entsprach. Wie, wenn Pappenheim zu spät kam und der Herzog eine tüchtige Schlappe erlitt? Dann war ja Nichelieu's Absicht erreicht. In Donald'S Hand lag das Mittel dazu! Er brauchte nur den erhaltenen Auftrag nicht zu besorgen, und er hatte den Preis seiner geheimen Verbindung mit dem Agenten verdient! Aber was dann? Der Gedanke an die möglichen Folgen und seine eigene furchtbare Verantwortlichkeit ängstigte ihn doch. Er war aber schon zu weit gegangen; sollte er jetzt noch zurück s Dieser eine Schachzug brachte ihn vielleicht an das Ziel, während anderseits ein Zufall sein Treiben an's Tageslicht bringen konnte und er dann mit einem Schlag alles verlor! — Unschlüssig schaute er zu dem gestirnten Himmel hinauf, als erwarte auch er eine Auskunft von dort. Dann zog er den Brief aus dem Koller und betrachtete ihn. Es war ein unschein- bares Stück Papier, und doch hing so viel davon ab. Ein plötzlich daherbrausender Windstoß riß es ihm aus der Hand. Bestürzt griff Donald danach, aber er kam zu spät. Doch vernahm sein scharfes Ohr den knisternden Ton, mit dem es im Grase auffiel. Er stieg vorn Pferde und suchte das Verlorene. Der Vollmondschein begünstigte ihn. Dabei sprach er halblaut vor sich hin, und ein spöttisches Lächeln spielte um seinen Mund. „Der Herzog thut nichts ohne die Winke einer höhern Macht; ich will mein Glück auch versuchen. Der Zufall mag entscheiden, was ich thun soll. Liegt die Adresse nach oben, so wird das Schreiben bestellt, im umgekehrten Fall aber kämpft Pnppenheim schwerlich in der morgigen Schlacht." Am Straßeurain schimmerte das weiße Papier. Er oückte sich und sah, wie der Brief mit der Kopfseite aufrecht zwischen schmalblättrigen Wallgräsern lag. Verblüfft hob er ihn auf. „Da haben wir's", brummte er; „selbst auf den Zufall hat, wie es scheint, ein armer Teufel kein Recht. Nun bin ich so klug wie zuvor! Doch", fügte er nach einigem Besinnen hinzu, „ich vergesse, daß es auch einen Mittelweg gibt, der bei geringerer Gefahr ebenfalls die Erreichung des Zieles verspricht." Er schwang sich wieder in den Sattel und ritt im gemüthlichsten Tempo davon. In Merseburg sah er in einem Gasthause noch Licht. Ohne Bedenken stieg er vom Pferde, trank in Ruhe eine Kanne Wein und setzte erst dann den Weg wieder fort. Der Morgen graute, als er in Halle vor dem Hause ankam, in welchem, wie er von dem Thorwart erfuhr, der General Pappeuheim sich einquartiert hatte. Er gab den Brief ab und machte sofort die Wahrnehmung, daß dessen Inhalt in der friedlichen Stadt ungefähr die gleiche Wirkung hervorbrachte, wie der zündende Funke, wenn er in ein Pulverfaß füllt. Die vorher stillen Straßen wurden plötzlich belebt. Trommeln wirbelten, Trompetensignale schmetterten und das Pflaster erdröhnte von dem Hufschlag der galoppirenden Pferde. Donald hatte sich nach Ablieferung des Schreibens in eine Schenke begeben und schaute von da in keineswegs behaglicher Stimmung zum Fenster hinaus. Es war ihm bei der Sache doch nicht ganz wohl. Da erfuhr er, daß von einem großen Theil der Offiziere, welche an die Möglichkeit eines nochmaligen ernstlichen Zusammenstoßes mit dem Feinde nicht gedacht hatten, ein Ausflug nach Landsberg gemacht worden sei. Erleichtert athmete er auf. Dieser Zufall war geeignet, seinem Schurkenstreich als Deckung zu dienen, wenn man ihn je wegen des verspäteten Eintreffens der zu Hilfe gerufenen Truppen zur Verantwortung zog. Pappeuheim, der die Größe der Gefahr, in welcher Wallenstein dem kühnen Schwedenkönig gegenüber schwebte, nur zu gut begriff, wartete die Rückkehr der abwesenden Offiziere nicht ab. Er gab den Befehl, daß daS Fußvolk so schnell als möglich nachkommen solle, und jagte Mit seinen Reitern auf dem Wege nach Lützen davon. Dem Nachtrab schloß sich der Wachtmeister an, der trotz seiner Keckheit der vollendeten Thatsache gegenüber bezüglich seines fernern Verhaltens in nicht geringer Verlegenheit war. Er beschloß in erster Linie, ein Zusammentreffen mit dem Oberfeldherrn zu vermeiden und sich so schnell als möglich jenes Hinterhaltes zu versichern, der ihm durch Leferrier bei einer drohenden Gefahr in Aussicht gestellt worden war. In der Nähe von Merseburg vernahm man schon deutlich den Donner der weiter südwärts tobenden Schlacht. Es dauerte nicht mehr lange, da kamen den Pappenheimern versprengte Theile des friedländischen Heeres entgegen. Sie befanden sich in wilder Flucht. „Alles sei verloren", berichteten sie, „der Schwedenkönig habe gesiegt." Pappeuheim verlor den Muth nicht. Er zwang die Feiglinge zur Umkehr und stürmte mit seinen Getreuen nur noch ungestümer gegen den Feind. Der Abend brach herein, als er endlich auf dem Schlachtfelds ankam. Es war die höchste Zeit. Die Herzoglichen hielten fast nirgends «ehr Stand. Eine allgemeine Panik hatte um sich gegriffen — da brausten die Pappenheimer wie der Sturmwind heran. Sie warfen die siegestrunkenen Schweden zurück und verliehen auf's neue den Verzagenden Muth. Wild tobte die Schlacht. Hin und her schwankte der Sieg — bis endlich das hereinbrechende Dunkel die Ringenden schied. Donald hatte beim ersten Anprall einen Streifschuß bekommen. Er zog sich hinter die Gefcchtslinie zurück, wo er im Pulver dampf und dem aufsteigenden Nebel verschwand. Der blutige Kampf war vorüber. Die Schweden behaupteten die Wahlstatt, Wallenstein zog sich nach Leipzig zurück. Tausende und Abertausende hatten die zweifelhaften Lorbeeren des heißen Tages mit dem Leben bezahlt. Ueberdieß war hüben und drüben durch den Fall hervorragender Männer eine Lücke gerissen worden, die sich nicht mehr ausfüllen ließ. General Pappenheim, dem Wallenstein die Rettung aus der schweren Bedrängnis; verdankte, fand im wildesten Handgemenge an der Spitze seiner Reiter den Tod. Mit ihm ging der tapferste Offizier, der ehrlichste und gewissenhafteste Streiter für Glauben und Ueberzeugung im kaiserlichen Heere dahin! Durch einen noch härteren Verlust sahen die Schweden sich in Trauer und Schrecken versetzt. Das Schicksal hatte Gustav Adolph, ihren König und Feldherrn, mitten in seiner Siegeslaufbahn ereilt! DaS Donnern der Kanonen auf dem Lützener Schlachtfelde wurde zum Grabgeläute für ihn und seine hochfligenden Pläne, deren Verwirklichung ihm nach den großartigen Erfolgen bereits in verheißungsvoller Nähe vorgeschwebt hatte. Der Herzog von Friedland beschloß, um seine zerstreuten Regimenter zu sammeln, eine Zeit lang in Leipzig zu bleiben. Für die Winterquartiere hatte er Böhmen bestimmt. In Folge dessen war die ganze Stadt mit Soldaten gefüllt. Hoch und Nieder war in mehr als unangenehmer Weise mit den unruhigen Gästen bedacht. In einem kleinen Zimmer des Capuziuerklosters saßen zwei verwundete Offiziere bei einer Flasche Wein, die der ihnen befreundete Bruder Kellermeister über die gewöhnliche Nation aus der unter strenger Clausur gehaltenen Separat-Abtheilung des gestrengen Herrn Abtes herbeigebracht hatte: Hauptmann Leßlie und Georg Sel- kow. Der Erstere trug eine Binde um den Kopf und Georg den Arm in der Schlinge. Im Uebrigen nahm man an den Beiden keine auffallende Veränderung wahr. Leßlie blickte noch eben so ernst und finster wie früher um sich, und dos Antlitz des Leibjägers war stark gebräunt, hatte aber an seiner Frische und Offenheit nichts eingebüßt. Nachdem dem köstlichen Nektar sein Recht angethan war, nahm der Hauptmann das Wort. „Also morgen geht's los! Wahrlich ein lustiges Schauspiel für unsere Officiere, von denen keiner auch nur einen Tag sicher ist, ob es ihm nicht ebenso geht!" „Wie, morgen schon?" fragte Georg, und seine heitere Miene wurde sofort durch einen düstern Schatten verdrängt. „Ja, morgen", bejahte Leßlie, „so hat der unversöhnliche Zorn des Herzogs bestimmt. Oberstlieutenant von Hagen und von Hofkirchen, die Hauptleute von Burg und Kleeblatt, der Kapitän-Lieutenant Graf von Gandendom, der Rittmeister von Wornstein, die Lieutenants Walden- burg und Tortel, sowie der Cornet Kaschering werden enthauptet und etwa hundert gemeine Soldaten gehenkt. Mit den Namen der entwichenen Offiziere wird der Galgen verziert. ES ist unerhört, aber ebenso unwiderruflich beschlossen; denn der Herzog nimmt bekanntlich sein Wort niemals zurück. Ich bin jedoch fest überzeugt, daß die grausame Maßregel ihm mehr schaden wird, als die verlorene Schlacht. Es befinden sich zahlreiche Verwandte und Freunde der Verurtheilten im Heer, welche dadurch tödtlich verletzt werden. Zudem weiß Jedermann, daß die nicht geflohenen Offiziere an dem Mißerfolg bei Lätzen unschuldig sind. Wer vermöchte auch bei dem theilweise aus der Hefe des Volkes zusammengewürfelten Heere die Massen in Ordnung zu halten, wenn einmal der Schrecken sie ergreift. Das persönliche Interesse und die Furcht vor dem Stock des Profoßen reichen nicht hin, um tüchtige Soldaten zu schaffen; allein dem Stolze des Herzogs wurde eine tiefe Wunde geschlagen, das ist ein Verbrechen, welches natürlich nicht streng genug bestraft werden kann. Wallenstein ist sich recht gut bewußt, daß er eine schwere Niederlage erlitt, wenn er es auch nicht gesteht. Nur der Erschöpfung der Schweden hat er eS zu danken, daß das Mißgeschick nicht einen noch größer» Umfang bekam. In seiner Wuth darüber läßt er nun die armen Offiziere dafür entgelten, ganz einerlei, ob er Schuldige oder Unschuldige trifft. Er zeigt sich auch in diesem Fall wie immer: kaltherzig, grausam, ohne Erbarmen!" Georg hatte, während der Gefährte sprach, sich erhoben und war an'S Fenster getreten. Er war durch das harte Urtheil Leßlie's über den Oberfeldherrn sichtlich verletzt. „Ihr seid unverbesserlich", rügte er, als jener schwieg, „und ungerecht. Gerade Ihr habt am wenigsten Ursache, den Herzog grausam zu nennen! Denkt an jene schwere Stunde in Großmeseritsch!" (Fortsetzung folgt.) -- Ein noch wenig bekanntes Holbein-Vild.*) L?r 3n dem Häuserverzeichniffe der Stadt Augsburg vom Jahre 1801 sind die Häuser L 7—9 unter der Bezeichnung „Kaysersheimer Hof" eingetragen. Dieser Häufer- Complex, in welchem sich jetzt die Eisenhaudlung des Hrn. *) Skizze aus einem Vertrag deS Herrn Stadtvfarrcrs Fricsencggcr im kathcl. kaufmännischen Verein „Lätitia" in Augsburg. Stumpf (vormals Gastcigrr) befindet, war damals im Besitz des berühmten Klosters Kaisheim, nach dessen Säkularisation er in den Besitz der Bnchhändlersamtlie Wolfs und später in Cotta'sches Eigenthum zum Betrieb der „Allgemeinen Zeitung" überging. In den Chroniken Kais- hcims wird schon sehr frühe dieses „Kastenhanses" gedacht. Im Jahre 1488 baute Abt Georg das Haus von Grund aus wieder neu auf und verschönerte die St. Elisabethen-Kapelle, welche noch steht. Bei dieser Gelegenheit wohl ward auch der herrliche Flügelaltar erbaut, der bei der Uebersiedelung der „Allgemeinen Zeitung" nach München vom Bildhauer Gedon an ein Kölner Museum verkauft worden sein soll. Die Altarflügel waren schon vorher entfernt und durch Sägschnitt in 4 Theile: zwei Werktags- und zwei Feiertagsbilder, getrennt worden. Die letzteren stellten den Tod Mariens und die Krönung Mariens dar, während die ersteren, wenn der Altar geschloffen wurde, gemeinsam nur eine Darstellung, „das Begräbniß der hl. Afra", bildeten. Der Tod Mariens ist im Baseler Museum^ die Krönung Mariens im Besitz des hochwürdigsten Herrn Bischofs Leonrod von Eichstütt, der auch einen Flügel der Werktagsseite besaß, während der andere im Besitz der Frau Amalia Finsterlin in München sich befand. Schon im Jahre 1886 in der schwäbischen Kreisairsstellung dahier (Kat.-Nr. 15, 16) vorübergehend vereinigt, sind sie seit kurzer Zeit durch die erfolgreichen Bemühungen des hochwürdigsten Herrn Bischofs von Eichstäit für immer zu einem einzigen Bilde verbunden worden. Unser Mitbürger, Herr Gemälde- Restaurateur Sesar, dem diese nicht leichte Aufgabe zugefallen war, hat sie so vortrefflich gelöst, daß es selbst dem Kennerauge kaum möglich sein wird, die Stelle zu erkennen, wo die Flügel zusammengefügt wurden, ja nicht einmal, wo früher Abgesägtes ergänzt werden mußte. Das Altargemäloe ist ein Werk unseres großen Augsburger Meisters Holbein des Aelteren (14 65—1524); auf dem Weihwasserkesscl steht die Inschrift: Holbain. I^eo. 0. Da es einen Leo Holbein nicht gibt, auch die Nachstellung des Taufnameus zu jener Zeit gänzlich ungebräuchlich war, es damals auch keinen Augsburger Bildschnitzer mit dem Namen Leo gab, wie Woltmann meinte, so dürfte es wahrscheinlich sein, daß I-eo. 0. den Anfang eines Psalmverses bedeutet, der um den Weihwasser- Kessel herumlaufend gedacht ist; auch am oberen Rande des Leuchters stehen die Worte Xvö Llaria und sind auf der Rückseite fortlaufend gedacht. WaS die Darstellung selbst betrifft, so ist sie echt holbeinisch und meisterhaft durchgeführt: Während die hl. Afra im offenen Sarkophag liegt, steht zu ihren Füßen ihre Mutter Hilaria mit einer der Mägde (Digna, Eunomia, Eutropia), während auf der Kopfseite der hl. Bischof Dionysius, Afra's Oheim, sich betend niedergelassen hat an der Seite einer andern Magd. Oben erscheinen bereits die Schergen des römischen Statthalters Gajus, Feuer anzulegen an das Grab, das die Angehörigen der hl. Martyrin trotz des Verbotes betend umstehen. Auf der rechten Seite des Sarkophags, steht eine später hinzugefügte Inschrift in drei Distichen, welche besagt, daß eine von einem schwedischen Soldaten beabsichtigte Zerstörung des Bildes wunderbarerweise verhindert wurde; aus dieser Inschrift geht auch hervor, daß man damals die Darstellung für den Tod Mariens hielt, es müßte denn sein, daß der Inhalt der Verse sich auf die Rückseite des Bildes bezog, die ja den Tod Mariens darstellt. Herr Hofphotograph Höfle von hier, der bekanntlich keine Mühe und keine Opfer scheute, die bedeutendsten Kunstschätze der Augsburger Gemäldegallerie, sowie des Germanischen Museums in Nürnberg durch prächtig gelungene Photographieen dem kunstliebenden Publikum zugänglich zu machen, hat auch dieses Bild in ganz vorzüglicher Weise wiedergegeben. - —- Vor fünfundzwanzig Zähren. Von Friedrich Koch-Breuberg. (Fortsetzung statt Schluß.) Es ist nur zu natürlich, daß die beiderseitigen Patrouillen zusammenstießen, sich herumschössen, daß resultat- lose Alarmirungen und dergleichen vorkamen. Die meisten kleinen Zusammenstöße gab es anfangs in dem wetnkeller- reichen Clamart, das zuerst unbesetzt geblieben war. Das war ein Krieg für sich um Weinflaschen. Später war der Ort in den Kreis der Vorposten bezogen worden, und als am 7. Januar 1871 Oberst v. Treuberg sein Quartier m der Mairie nahm, fand er noch die ganze Bibliothek, wie auch in der Kirche die Paramente vor. Um dergleichen hatte sich Niemand gestritten, aber sämmtliche Weinkeller und Speisekammern waren leer und verwüstet. Schon am 30. September 1870 machten die Pariser einen Ausfall in der Richtung Chevilly. Es ist erwähnt, daß das preußische VI. Corps rechts von den Bayern stand, also hatten diese Truppen die Vordringenden aufzuhalten. Bei l'Hay stand aber unter Oberlieutenant v. Baur-Breitenfeld vom 5. Regiment ein Piket, in dessen Schußbereich der französische rechte Flügel gerieth. Vor Allem ließ der umsichtige Offizier zwei feindliche Feld- Geschütze beschießen und zwang sie zum Abfahren, wodurch den Preußen ein guter Dienst geleistet wurde. Der erste wirkliche Ausfall gegen die Bayern fand am 13. Oktober statt und hatte den Zweck, die Geheimnisse des Plateaus von CHLtillon zu erforschen. Der „Ganlois" schrieb: »Ostis stautsur ävvait: norm äirs sou ssorab." Die am 19. September verlorene Höhe reizte die Neugierde der Pariser sehr und trotz Luftballons, trotz elektrischer Beleuchtung vermochten sie es nicht, Einsicht zu gewinnen. Also versuchte man es mit Gewalt. Auf Vorposten stand das 15. Regiment mit seinen 3 Bataillons, und zwei Compagnien des 14. Regiments hatten die Bayernschanze besetzt. Bei der Division Bothmer befanden sich das 3. Bataillon des Regiments „König" in CHLlillon, das 5. Jäger-Bataillon in Bagneux, das 3. Bataillon des 5. Regiments auf Neplis in Fontenay und das 9. Regiment in Bourg la Reine. Gegen 8 Uhr meldeten die Vorposten der Division Bothmer, daß sich am rechten Biövre-Ufer hinter den Verschanzungen Truppen ansammelten. Die hierauf entsendeten Patrouillen brachten auch Nachricht über stärkere Abtheilungen bei Maison Ptchon. Schon nach einer Stunde begann der Tanz, indem die gegenüberliegenden Forts unsere Deckungen mit Granaten überschütteten und auch theil- weise zerstörten. Gegen Bagneux und Chatillon traten aber zwei Feld-Batterien auf. Am Bahndamm an der Straße nach Orlsans hatten sich französische Infanteristen eingenistet, führten mit unseren Vortruppen ein Feuergefecht und wurden darin von den Geschützen der Judenschanze unterstützt. Gegen Bagneux gingen aber drei Bataillone direct vor, während ein viertes den Ort von Südosten her anzugreifen suchte. Rückwärts bei La Grange Ory entwickelte sich zugleich das 35. Regiment der Brigade Mariouse. Als die Franzosen vorzurücken begannen, waren natürlich die Unterstützungstruppen der Division in die Vertheidigungslinie geeilt. Unterdessen war auch der linke Flügel der Division von Abtheilungen der Brigade Sus- bielle angegriffen worden. Zwei Marsch-Bataillone mit einer Jäger-Compagnie in der Mitte hatten sich Chütillon genähert und Besitz von den nördlich vor dem Dorfe liegenden Häusern genommen. Das 3. Bataillon des Regiments „König", welches den Nordrand des Dorfes besetzt hielt, wurde sohin in ein lebhaftes Vertheidtgnngs- gefecht verwickelt. Eine Compagnie Fünfer eilte herbei und unterstützte das Bataillon. Das war der Beginn des Ausfalls am rechten Flügel. Drüben vor der Division Walther waren zwei Bataillone des 13. Marsch-Regiments nach Clamart gerückt und suchten von hier aus den nördlichen Hang des Plateau's zu gewinnen. Obwohl die Forts Jssy, Vanves und Montrouge den Angriff durch einen Hagel von Granaten unterstützten, gelang es nur, sich vor der Stellung der Fünfzehner einzunisten. Zwei Bataillone dieses Regiments hielten die Höhe besetzt, und hatte Hauptmann Sigl mit seiner Compagnie, welche einen Jägergraben an der Nordostecke zu vertheidigen hatte, drei Angriffe des Feindes zurückgewiesen. Das 3. Bataillon hatte Oberst v. Treuberg an den Verhau in das Bois de Meudon entsendet. Später verstärkten weitere Bataillone des 7. Regiments die wichtige Stellung am Plateau, auf welchem sich dann auch das Gros der 6. Brigade und die Ulanen einfanden. Gleich beim Anrücken der Franzosen war die Batterie Weigand durch den Major Celsus Girl vom Generalstab in der Weise an den Höhenrand dirigirt worden, daß ihre getrennt auftretenden Züge hauptsächlich gegen die anstürmende Infanterie wirken konnte. Der 1. Zug veranlaßte auch eine feindliche Batterie zum Abfahren und ein Bataillon zur Umkehr. In Bagneux waren die Franzosen unterdessen bis in's Innere des Ortes vorgedrungen. Nur mühsam konnten sich hier die Bayern behaupten, und als um 11 Uhr das 35. Regiment ebenfalls in den Kampf eingriff, mußten sie das Dorf verlassen. Es hatte jedoch ein Bataillon unseres 14. Regiments eine Aufnahmestellung zu beiden Seiten der Straße nach Fontenay genommen, nach welcher sich die Zurückgehenden wendeten. Mit weiters einge- troffener Hilfe vom 10. Jäger-Bataillon gelang es hier, dem Feinde Halt zu gebieten, der sich jedoch gleich in Bagneux, hinter welchem noch die Brigaden Dumoulin und Charriere auftauchten, zur Vertheidigung einrichtete. Auch in CHLttllon waren die Bayern zurückgeworfen worden. Bei der Kirche hatte Oberst v. Mühlbaur die zersprengten Abtheilungen gesammelt und behauptete sich, bis Unterstützungen eintrafen. Dann entbrannte der Kampf von Neuem, und mit großer Bravour eroberten die Bayern das Verlorene zurück. Man hatte unterdessen auch Anstalten zur Wieder- bssetzung von Bagneux getroffen. So hatte General v. Bothmer um l'/z Uhr ein Bataillon des 5. Regiments an den Bahnhof von Sceaux entsendet, das im Verein mit dem 2. Bataillon von Südosten her den Ort angreifen sollte. Während einige Compagnien sich längs des Bahndammes vorarbeiteten und die Brigade Charriöre beschossen, erstieg das 1. Bataillon die Höhe und begann den Angriff. An der Straße Fontenay-Bagneux brach aber jetzt Oberstlieutenant v. Hecke! gegen das Dorf vor und — von Haus zu Haus kämpfend — wurde es zurückerobert. Um 8 Uhr gab General Vinoh, der einsehen mutzte, daß ihm die Bayern überall mit genügenden Kräften entgegenzutreten vermochten, den Befehl zum Rückzug. Noch einmal brüllten die schweren Geschütze der Forts, um den Abzug der Franzosen zu decken, dann mit Einbruch der Dunkelheit nahmen auch die Bayern wieder die alten Stellungen ein. Die Letzteren hatten Oberlieutenant Prand, die Unterlieutenants Thanner, Noth und Wild und 356 Mann verloren. Die französischen Berichte erwähnten, daß von den 59 gefangenen Bayern absolut nichts zu erfahren sei — ein großes Lob für unsere Leute, die nur leider in Paris etwas hungern mußten. Am folgenden Tage begehrten die Franzosen einen Waffenstillstand zur Beerdigung ihrer Gefallenen, welche die Zahl 400 betragen haben mögen. Der Ausfall vom 30. November richtete sich hauptsächlich gegen das VI. preußische Corps. Da das eigentliche Gefechtsfeld bei l'Hay war, alarmirte unsere Division Bothmer. Das am bayerischen rechten Flügel im Biövre- grund stehende Piket unter Lieutenant Mörschell vom 9. Regiment hatte Gelegenheit, in das Gefecht einzugreifen und ließ sich trotz feindlicher Uebermacht nicht vertreiben. Einer erfolgreichen Thätigkeit begegnen wir auch bei unserer Artillerie. Auf der Straße von Sceaux nach Bourg la Reine befand sich die Batterie Ebner in guten EmplacementS, und sie beschoß Arceuil und feindliche Co- lonneu. Als sie um 9 Uhr aus der Schanze am Aquä- duct selbst Fcuer erhielt, unterstützten sie die Batterien Herold und Jamin. Die Thätigkeit unserer Artillerie kam hauptsächlich den bet l'Hay fechtenden Preußen zu gut, indem sie das Frner von der Infanterie ab und auf sich lenkte. Gegen 10 Uhr waren die Franzosen schon wieder in ihre Verschauzungen zurückgeworfen. Der Verlust der Division Bothmer betrug 11 Mann und 5 Pferde.- (Schluß folgt.) Dem Meere lierschrieven. —— lNaHdruü «erröten., Eine Pause war eingetreten in der animirten Unterhaltung unseres kleinen Kreises. Der erste Officier, unser liebenswürdiger Wirth, hatte soeben seine farbenprächtigen Schitdernngen, die wie ein Hymnus auf die See-Fahrt klangen, mit langsamer werdender Stimme geendet, gleichsam, um deren nachhaltige Wirkung zu erhöben. Während er die grünen Gläser von neuem füllte und die zuletzt geleerte Flasche in kühnem Bogen durch das runde Fenster der Kajüte fliegen ließ, betrachtete er mit Befriedigung und Nengier den Eindruck, den seine Worte auf meinen ihm gegenübersitzenden Freund H. zu machen schienen. Dieser, ein geborener Binnenländer, war auf seiner ersten See-Neise begriffen und seit deren Beginn von einem wahrhaft fieberhaften Enthusiasmus für das See-Leben ergriffen worden. Nn» hatte in den Worten des interessanten Erzählers ein in scinemJnnern glimmender Funke eines gewissen phantastischen Zuges vollends das richtige Material gefunden, um in hellen Flammen aufzulodern. Mit einer Art Ehrfurcht beobachtete auch ich diese mächtige Erregung meines Freundes, zumal sie sich in so, ich möchte sagen, edler und jedenfalls in sehr vom Gewöhnlichen abstehender Weise kundgab. Während Andere in solcher Exkase gleich mit überschwenglichen Worten losbrechen, war H. verstummt und saß unbeweglich da; aber der lächelnde und wie entrückte Ausdruck seines dem Meere zugewandten Gesichtes — er erinnerte mich an den Blick, den der fromme Pilger zu seinem Heiligthum erhebt —, der Glanz seiner Augen, die all' das Erhabene und Reizvolle bis zur Neige schlürfen und auch den intimsten der zuströmenden Eindrücke genießen zu wollen schienen, ließ uns die Tiefe seiner Ergriffenheit erkennen. Ich wußte, wie unangenehm meln Freund werben konnte, wenn man ihn in solchem Versunkensein störte, und wagte deßhalb in Rücksicht auf unseren Wirth nicht, die Unterhaltung fortzuführen. Dieser mochte ähnlich denken und lehnte sich behaglich in seinem Feldstuhle zurück. Während dieses Schweigens bemerkten wir erst den feierlichen Zauber, der uns umsponnen hatte. Ohne daß wir uns eigentlich dessen in der lebhaften Conversation bewußt geworden waren, hatte sich die Juli-Nacht mit ihrem sammetweichen, dunkelvioletten Schleier hernicder- gesenkt. Der laue, angenehm abkühlende See-Wind strömte durch die geöffneten Fenster des Steamers herein und verband sich mit dein etwas muffigen Gerüche des rothen Plüsch-Cophas und den Ausdünstungen des dunklen Getäfels der Wände zu einem eigenthümlich berauschenden Dufte. Dazu mischte sich das von Zeit zu Zeit durch ein keckes Lüftchen aufgewirbelte Aroma der Orangen, die, ihres dereinstigen Heimganges als Punsch-Ingredienzien harrend, die Mitte des Klapptisches einnahmen und sich prächtig von dessen dunkel polirter Fläche abhoben. Die große Moderateur-Lampe verbreitete durch ihren auf rothem, transparentem Seidenpapier gestickten Schirm — wahrscheinlich das Geschenk einer hübschen Passagierin — ein gedämpftes Licht, eine zartfarbige, blaßrothe Dämmerung auf die Umgebung. Die grünen Gläser, die blanken Messing-Schrauben am Tische bekamen dadurch einen seltsam weichen Schimmer, die Orangen, direct unter der Lampe geschaart, erglühten in sattstem Purpur — kurz, es umwebte uns in der kleinen, anheimelnden Kajüte eine beinahe exotische Stimmung. Ich trat an's Fenster und sah bald in's Zimmer, bald anf's Meer. In der Ferne tauchten die Lichter an der englischen Küste bei Dover aus und projicirten schmale, zitternde Silberstrcifchen auf die Flnthen. Die See ging ruhig; das Leben auf Deck des Steamers klang nur gedämpft herunter. Aus einer Passagier-Kajüte ertönte leise in abgebrochenen Sätzen Flötenspiel. Bei einem Crescendo erkannte ich bald Melodien aus der herrlichen „Traviata", Germonts: I7u äi, gnanclo lcr vonsri terupo avrä. kuAackv —, dann das ergreifende Adagio der Oboe aus der nennten Scene, das er fortwährend mit wachsendem Gefühl wiederholte. Der Spieler besaß keine sonderliche Fertigkeit, aber ich mußte seinen Geschmack loben. Denn diese Klänge verschmolzen sich wunderbar mit der fremdartigen Stimmung, die uns gefangen hielt. Sie strömten uvie aus den Wogen heraus, herb und doch so berauschend duftend — gleich einem lockenden Sirenengesang. Mein Freund trat ebenfalls an's Fenster und lauschte. 84 kommen des Goldes im Transvaal selbst weiter als vier Jahrzehnte zurückreicht. Die Regierung der Boers erließ sogar in den Fünfziger-Jahren ein Verbot der Eoldschürfung, aus Furcht, die übergroße Einwanderung könne die Unabhängigkeit gefährden. Obwohl die Furcht vor dem Fluch des Goldes heute, allerdings in anderer Gestalt, sich als begründet zu zeigen erscheint, waren die späteren Regierungen anderer Ansicht, und als der Oesterreicher Karl Manch 1867 am Limpopo- und am Tatiflusse im Matabcleland reiche Goldlager entdeckte, bildete sich in London die erste Minenkompagnie für Südafrika. Die Unternehmung scheiterte, aber nun schlug Präsident Pretorius eine andere Politik ein, setzte Belohnungen für die Entdeckung von Goldlagern aus und jetzt mehrten sich die Funde und damit begann auch das schon so oft beobachtete Zusammenströmen von Einwanderern. Aber — Bergrath Schmeisser hebt das hervor — der typische, einfache, rohe Goldgräber fand keinen geeigneten Boden. Gesellschaften mit größerem Betriebskapital mußten gebildet werden, um das verhält- nißmäßig arme, fleißigste und kunstvollste Bearbeitung erfordernde Erz nutzbringend zu machen. Nur mit Hilfe tüchtiger Techniker konnte Ersprießliches geleistet werden und erst als diese Einsicht errungen war, begann jener Aufschwung, dank welchem Bocren im Witwatersrand, deren Farmen früher 7000 bis 15,000 Mark werth waren, ihren Besitz um 140,000 bis zu 1,400,000 Mark verkaufen konnten. Aber die ächten Goldgrübergeschichten von Leuten, die den großen „Nugget" finden, kommen im Transvaal nicht vor. Ein Maschineningenieur hat einmal die Sache demoustrirt. Er legte zwei Steine auf den Tisch, einen weißen Quarz mit goldfahlem Geflimmer, durchzogen von einem förmlichen Golbbalken mit einem haselnnßgroßcn „Nugget", einem Klümpchen reinen Goldes daran; daneben einen zweiten, schmutzigen, unansehnlichen Stein, den die Boeren „dankst", Kuchen, die Gelehrten Conglomerat nennen. Der bescheidene „Kuchen" — das ist der wahre Reichthum des Landes. Der Goldquarz hat zwar größeren Gehalt, aber er ist launenhaft, seine Schichten verschwinden plötzlich, und die Mine ist erschöpft, man wird an Goldquarzminen entweder Millionär oder geht daran zu Grunde, wenn nicht ein Zufall die verloren gegangene Goldader bald wieder finden läßt. Die Minen des „Rand" niit ihren geologisch genau konstatirten Schichtungen schließen so unangenehme Ueberraschungen aus; freilich niuß das Erz erst auf alle mögliche Art behandelt werden, aber dafür ist die Gewißheit eines rentablen Fortbestandes des Bergbaues durch Jahrzehnte vorhanden. Bor fünf Jahren, zur Zeit des großen „Ooorrr", glaubte mau, Transvaal werde die Eoldproduktion der Erde verdoppeln; die Enttäuschung ist nicht ausgeblieben, aber der südafrikanische Goldbergbau, der heute ganz wissenschaftlich, mit allen Behelfen der Technik und der Chemie betrieben wird, hat den Minenkrach, den falsche Vorstellungen über die Ergiebigkeit der Goldfelder verschuldeten, überdauert. Dank dem steten Bestreben der Minenkompagnien nach wirklich wissenschaftlichem Bergbaubetriebe nimmt der Ertrag der Transvaal-Minen von Jahr zu Jahr zu. Es herrscht harte Arbeit auf dem Witwatersrand, eine Arbeit, welcher physisch nur die Eingeborenen gewachsen sind, und thatsächlich beschäftigen die Gesellschaften ausschließlich Neger zur Förderung des Erzes. Die Arbeitskraft ist billig und die Ingenieure sind bestrebt, immer neue Verbesserungen einzuführen; von ca. 19 Gulden per Tonne im Jahre 1882 sind die Gewinnungskosten auf ca. 12 Gulden im Jahre 1895 gesunken, die Gesammtproduktion hat sich von 230,000 Unzen im Jahre 1888 auf 2,024,163 Unzen im Jahre 1894 gehoben. Aber der Gewinn ist infolge der stetig abnehmenden Betriebskosten und der technischen Verbesserungen proceutucll noch stärker gehoben, als die Ausbeute an Gold. Bergrath Schmeisser hat eingehende Berechnungen über den voraussichtlichen Ertrag der südafrikanischen Minen angestellt und gefunden, daß — soweit die jetzigen Kenntnisse vom Vorkommen des Goldes im Transvaal reichen — die Erschöpfung der Lagerstätten in Witwatersrand etwa nach Ablauf von 25 Jahren stattfinden dürfte; wird aber eine Tiefe von 1200 statt 800 Metern erreicht, dann ist goldführendes Erz für eine Förderung von 40 Jahren vorhanden. Das Hauptergebnis; aber bleibt, daß die Bergwerke von zwei Lagerstätten in 10 Jahren bei Erreichung von 800 Metern Tiefe für mindestens 4289 Mill. Mark, bei Erreichung von 1200 Meiern für 7187 Mill. Mark Gold liefern werden. Nach Eintritt günstigerer Prodnktionsbedi'ngungen werben auch die übrigen Goldfelder Transvaals aus längere Zeit hinaus zur Erhöhung der Produktionszifsern beitragen, doch ist nach dieser Richtung hin vorläufig eine Berechnung noch nicht möglich. In diesen Ziffern liegt die Bürgschaft der Prosperität für Johannesburg, ob es nun unter englische Herrschaft kommt oder nicht, und es ist begreiflich, daß eine solche Stadt mit allen ihren Lcbeusäußeruugen vornehmlich einem Ziele zustrebt, das für alle Schichten der Bevölkerung das gleiche ist: Gold. Das ist der Saft, dem die Stadt rasches Wachsthum und rasches Altern verdankt. Schkchttufgade. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt. Auflösung des Ergänznngsräthsels in Nr. 10: Wer glücklich ist, der ist auch gut, Das zeigt auf jedem Schritt sich; Denn wer auf Erden Böses thut, Trägt seine Strafe mit sich. (Bodensiedt.) --- « 12 1896. „Augsburger PostMung". Dinstag, den 11. Februar Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Berlag des üiterarii'chen Instituts von Haas L Grabderr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Die Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Venno. (Fortsetzung.) Wie von einer Viper gebissen, sprang Leßlie empor. Seine Augen funkelten gleich denen eines gereizten Raubthieres, und der Gefichtsausdruck wurde so wild und drohend, daß Georg erschrak. „Glaubt Ihr", rief er mit dröhnender Stimme, „ich habe sie jemals vergessen? Vergessen, als unschuldiges Opfer der Eitelkeit eines Menschen wie ein gemeiner Verbrecher in Ketten gelegt uno von Henkershand zur Richtstätte geführt zu werden? Tausend Jahre vermöchten den Eindruck jener entsetzlichen Pein in meiner Seele nicht zu verwischen, doch . . ." Er brach plötzlich ab, wie aus Furcht, etwas zu verrathen, was nicht für eines Andern Ohr bestimmt war. „Ich begreife Euere Unversöhniichkeit nicht", ent- gegnete Georg. Er drängte das beängstigende Gefühl, welches Leßlie's maßlose Heftigkeit in ihm geweckt hatte, gewaltsam zuruück. „Der Herzog beabsichtigte ja, wie er selbst sagte, von Anfang an unsere Hinrichtung keineswegs, sondern wollte uns nur eine heilsame Lehre geben, die wir wahrlich genugsam verdient hatten." „Das könnt Ihr glauben, ich nicht", fiel ihm der Hauptmann bitter lachend in's Wort; „ich kenne den Herzog von Friedland besser als Ihr! Ich sage Euch, unsere Häupter wären gefallen, hätte nicht der Blitzschlag seine abergläubische Seele erschreckt." Georg's Mtenenspiel drückte deutlich sein peinliches Empfinden ob dieser Wendung des Gespräches aus. Er suchte dasselbe auf einen andern Gegenstand abzulenken. „Eigenthümlich war es", sagte er mit einem scharfen Blick in Leßlie's Gesicht, „daß gerade in jenem Augenblick die Documenten-Kiste zum Vorschein kam, nach der wir so lange vergeblich gesucht hatten." Wieder brach der Hauptmann in ein grimmiges Lachen aus. „Eigenthümlich, meint Ihr", grollte er; „warum denn? Die Großmuth mußte ja durch eine höhere Macht belohnt werden und wurde belohnt! Oder nicht? Ihr scheint an des Herzogs Worte wie an das Evangelium zu glauben und werdet Euch erinnern, daß er auch das gesagt hat. Daß dadurch eine arme, verstoßene Waise um ihr Erbtheil gebracht wurde, fiel bei dieser „Schickung" nicht in's Gewicht!" Den Argwohn, welchen Georg niemals ganz zu verdrängen vermocht hatte, stieg auf's neue in seinem Gemüthe empor, „hört, Leßlie", nahm er das Wort, „ich will nur gestehen, daß ich Euch damals ollen Ernstes für den Documentendieb hielt. Auch heute nock kommt es mir vor, als ob Ihr die beste Auskunft darüber geben könntet, wer das Kästchen hinter die Wand versteckt hatte. Seid so gut und schenkt mir reinen Wein ein. Ich verrathe Euch nicht!" Der Hauptmann gab nicht sofort eine Antwort. In unverkennbarer Aufregung durchmaß er eine Zeit lang den Raum. Dann blieb er vor Georg stehen, und ein nicht zu erklärendes Lächeln spielte um seinen Mund. „Euere Offenheit", sagte er, „ist der meinigen werth. Ihr wäret mir von Anfang an ein Dorn im Auge, und wenn ich zugebe, daß ich Euch wohl hundertmal in's Pfefferland oder an ein ähnliches hübsches Plätzchen gewünscht habe, so wird es nicht weit gefehlt sein. Es geschah nicht ohne Grund, denn Ihr triebet, mit Verlaub, Euern Muthwillen mit mir etwas zu stark. — Das ist jetzt anders geworden. Ihr hieltet den Schwedenhieb, der mich unfehlbar zu einem todten Mann gemacht hätte, mit eigener Lebensgefahr auf und habt dadurch ein Herz gezeigt, dem man nicht zürnen kann. Damit Ihr nun seht, daß ich auch kein schlechter Kerl bin und wohl zu ermessen weiß, was ich Euch schulde, sollt Ihr eine Erzählung hören, die Euch gewiß inzer- essirt. Vorher aber müßt Ihr mir bei Euerer Solda- ten-Ehre geloben, von dem, was ich Euch sage, an keinen Menschen auch nur ein Wort zu verrathen, bis von mir selbst Euch hierzu die Erlaubniß ertheilt wird." Georg gab das verlangte Versprechen, und der Hauptmann begann: „Die traurige Geschichte des Herzogs mit seiner ersten Gemahlin ist Euch bekannt. Eines aber wußtet Ihr und Alle außer mir auf Großmeseritsch nicht: daß die Gräfin ein Töchterchen aus erster Ehe besaß. Der Herzog hatte eine unüberwindliche Abneigung gegen das unschuldige Wesen gefaßt. Er verhehlte sie der Mutter nicht und machte die Entfernung des Kindes zur Bedingung seiner Verbindung mit ihr. Die verblendete, leidenschaftlich liebende Frau brachte das furchtbare Opfer. Die Kleine wurde unter die Obhut fremder Leute gebracht. Ja noch mehr: auf Betreiben des ehrgeizigen Gemahls errichtete die Gräfin ein Testament, welches ihr ungeheures Vermögen dem Herzog völlig preisgab. Nach ihrem Tode sollte er die Besitztitel erhalten. Für ihr Kind, die rechtmäßige Erbin, 86 wurde nur eine Summe von ungefähr hunderttausend Thaler hinterlegt mit der Bestimmung, sie dem Mädchen auszubezahlen, wenn es sich verheirathe oder in das zweiundzwanzigste Lebensjahr trete. Trotz alledem hatte die Gräfin sich vergebliche Hoffnung auf Erfüllung ihrer Wünsche gemacht. Die Liebe des Herzogs hielt nur so lange an, bis sein Zweck erreicht war. Mit jedem Tage wurde er dann kälter und rücksichtsloser gegen die Gemahlin und änderte sein Benehmen auch dann nicht, als er diese aus Gram dem frühen Grabe zuweilen sah. In ihrer Verlassenheit empfand die arme Frau das am eigenen Fleisch und Blut begangene Unrecht doppelt bitter, und eine heiße Sehnsucht nach dem verstoßenen Kinde erwachte in ihrem Gemüth. Von dem Anblick desselben, und konnte sie ihn auch nur heimlicherweise genießen, versprach sie sich für die grausame Enttäuschung einigen Ersatz. Unter erborgtem Namen brachte ich das Mädchen aus dem Hause meiner Schwester, welcher man dessen Erziehung anvertraut hatte, nach Großmese- ritsch zu dem damaligen Schloßhauptmann Lobau, der von da an Vaterstelle an der armen Waise vertrat. — Er allein, die Gräfin und ich wußten, daß Magdalene die Stieftochter Wallenstein's ist!" Der Hauptmann hatte die letzten Worte langsam und mit Nachdruck gesprochen; nun machte er eine Pause und beobachtete den Eindruck seiner Worte auf Georg's erglühtem Gesichte. Dieser war beim Schluß der überraschenden Enthüllung in die Höhe gesprungen. Eine ungeheuere Aufregung arbeitete in seiner Brust. „Was sagt Ihr, Hauptmann", rief er, „Magdalene, meine Braut, die Tochter des Herrn?" „Ich bin noch nicht zu Ende", unterbrach Leßlie den Aufgeregten und drängte ihn wieder auf seinen Platz. „Das Mädchen wuchs heran. Es wußte nichts über den Ursprung seines Daseins und von seinen Rechten für die Zukunft. Aber auch Wollenstem hatte keine Ahnung von seinen Beziehungen zu der Pflegetochter Lobau's. Die Gräfin wollte, daß man ihr Kind über seine hohe Abkunft so lange als möglich vollständig in Unkenntniß lasse. Nicht Glanz und Reichthum, welche der schwer geprüften Frau die bittersten Lebenserfahrungen nicht erspart hatten, sollten einst im entscheidenden Augenblick das Schicksal Magdalenens bestimmen, sondern ihr Herz. -— Lobau starb, und ich wurde an seine Stelle gesetzt. Unter meinen Augen erweiterte sich die Kluft zwischen dem Herzog und dessen Gemahlin in einer Weise, daß ein vollständiger Bruch unvermeidlich erschien. Ohne Zweifel wäre es auch so weit gekommen, hätte nicht das herannahende Ende die Gräfin zu wettern Schritten unfähig gemacht. Wenige Tage vor ihrer Auflösung rief sie mich an ihr Bett. Sie sprach mit mir von ihren Hoffnungen, von ihren Enttäuschungen und Leiden und übergab mir ein Ebenholzkästchen, in dem sie ein Codicill, welches das erste Testament umstieß, und die Bcsitztitel ihres Vermögens aufbewahrt hielt, mit dem Auftrag, dasselbe sofort nach ihrem Hinscheiden an einen sichern Ort zu verstecken, und zwar so lange, bis ihre großjährige Tochter mit Erfolg ihre Rechte gegen den Herzog geltend machen könne. Ich mußte eidlich geloben, alles genau so zu besorgen, wie es von ihr bestimmt worden war. Ich leistete den Schwur und vollzog den Befehl in einer Weise, daß eine vorzeitige Entdeckung mir geradezu unmöglich schien. Doch es kam anders. Wie Ihr wißt, wurde all' meine Vorsicht und Mühe durch höhere Gewalt zu nichte gemacht I" Leßlie schwieg und bekümmerte sich nicht weiter darum, wie Georg mit dem durch das Vernommene in seinem Innern heraufbeschworenen Sturm sich zureicht fand. Diesem war es in der That seltsam genug um das Herz. Er, der arme Kriegsmann, Eidam des mächtigen Herrn! Ob nicht Magdalene, wenn sie ihren wahren Namen und ihre Herkunft erfuhr, das Jawort bereute? Ob sie nicht das Verlöbniß rückgängig machte, welches unter ganz andern Voraussetzungen und Verhältnissen entstanden? Dieser Gedanke hielt jedoch nur einen Augenblick Stand. Dann trat das Bild der Geliebten vor seine Seele mit ihrem unschuldigen, frommen und demüthigen Sinn, und jeder Zweifel wurde durch die feste Ueberzeugung, durch das glückliche Bewußtsein verscheucht, daß das edle Herz seiner Braut um schnöden Mammons willen eines Verrathes nicht fähig war. Die Wogen seines Wonnegefühles gingen so hoch, daß er gedankenlos zu dem so oft gerügten Muthwillen gegen den Hauptmann sich abermals hinreißen ließ. „Ihr seid ein Schlau- kopf", rief er, „der seinen Vortheil versteht! Das alles wußtet Ihr? Nun wundert's mich nicht mehr, daß Ihr Euch um den Besitz Magdalenens oder vielmehr deren gute Thaler so abgeplagt habt!" Leßlie maß den jungen Mann mit einem finstern Blick. „Euch mag dieser schlecht angebrachte Spott hingehen", entgegnete er rauh, „ein Anderer möchte sich hüten! Was ich gewollt und gethan habe, kann ich vor Jedermann verantworten, da es in der besten Absicht geschah. Ich achtete und liebte das Mädchen I Warum auch nicht? Sie hatte es nicht nur als Tochter meiner Herrin, sondern auch wegen ihrer Häuslichkeit und Tugend verdient. Gleichwohl befindet Ihr euch Alle in großem Irrthum, wenn ihr meint, ich sei willens gewesen, für mich alten Mann um die liebliche Magdalene zu freien. Das fiel mir nicht ein. Dagegen wollte ich ihr eine Zukunft verschaffen, die mit ihren Anschauungen, ihrer Erziehung und ihrem ganzen Wesen in nicht allzu großem Widerspruch gestanden und sie doch in eine bevorzugte Stellung gebracht hätte. Zugleich wäre dadurch meine Schwester für die vielen Mühen und Sorgen belohnt worden, die man ihr durch die Erziehung des Mädchens auferlegt hatte. Ihr einziger Sohn, Fritz Donald, mein Neffe, war von mir zum Gemahl Magdalenens bestimmt. Er ist ein wackerer Bursche", fuhr Leßlie fort, und seine Stimme wurde fast weich, „die einzige Freude, welche mir das Geschick übrig ließ, der Stolz meines Alters und einstens der Erbe meiner kleinen Ersparnisse, wenn ich von dieser Welt scheiden werde. Durch die Verbindung mit dem mir anvertrauten braven Mädchen hätte ich ihm einen neuen Beweis meiner Liebe zu geben vermocht — es sollte nicht sein, ich habe mich vergeblich gefreut I" Der Hauptmann machte eine Pause, dann fügte er, in seinen alten trockenen Ton fallend, hinzu: „Ich will nicht in Abrede stellen, daß mein Vorgehen damals etwas hitzig und selbstsüchtig war; doch meinte ich jene Drohung, die Euch so sehr in Harnisch gebracht hat, nicht ernst. Einen Jahre lang verfolgten Plan gibt man nicht gern auf. Ich that, was ich konnte, um mein Ziel zu erreichen, zog mich jedoch, als ich fand, daß das Herz Magdalenens schon einem Andern gehörte, zurück. Fritz, der das Mädchen kaum zu sehen bekam, machte 87 ^rL'-. .. ^ ^ - -/ ^ - 7 . ' sich aus der Abweisung nicht viel, und auch ich habe mich indessen mit der nicht mehr zu ändernden Thatsache versöhnt. Möget Ihr glücklich sein! Ich gönne Euch die liebliche Braut!" Georg hatte mit halb abgewandtem Gesicht zugehört. Sein Mtenensptel drückte unverkennbare Verlegenheit aus. Die boshafte Bemerkung von vorhin that ihm aufrichtig leid. „Nehmt mir meine Unart nicht übel", wandte er sich an Leßlie und bot diesem die Hand; „ich meinte es nicht so böse, und ..." „Ich zürne Euch nicht", fiel ihm der Hauptmann in's Wort. „Ihr seid eben ein Schalk! Doch nehmt Euch in Acht! Ihr wißt wohl, Eure Scherze laufen nicht immer gut ab I Und noch einmal: seid Eueres Gelöbnisses eingedenk und saget von dem, was ich Euch anvertraute, zu keinem Menschen, auch nicht zu Magda- lenen, ein Wort!" Damit wandte er sich ab und verließ das Gemach. Georg blieb in einer seltsamen Stimmung zurück. Er zweifelte an der Richtigkeit des Vernommenen nicht, und doch kam ihm alles vor wie ein Traum. Welch' schweres Unrecht hatte er dem ehemaligen Schloßhauptmann, der nur dem gegebenen Worte gemäß und im guten Glauben an das Recht seiner verstorbenen Herrin gehandelt, mit seiner Verfolgungssucht und seinem Argwohn gethan! Wie hatte er sich in dem Charakter dieses Mannes geirrt! Die Erklärung des Hauptmannes bezüglich des Heiraths-Projectes dagegen war für ihn keine Ueberraschung gewesen; er hatte längst die Ueberzeugung gewonnen, daß er durch seine eigene Combinationsgabe auf die richtige Fährte gelenkt worden war. Bei dem Gedanken an die innige Zuneigung und Opferwilligkeit, welche sich in den Worten Leßlie's gegen seinen Neffen aussprach, wollte fast ein Gefühl des Mitleids ihn be- schleichen. Der Wachtmeister Donald sah nicht danach aus, als ob er tm Stande wäre, viel Freude und Glück auf den Weg Derer zu streuen, die ihn liebten und von denen er Gutes empfing. Noch eine andere peinliche Empfindung drängte sich, trotz aller Bemühungen, sie zu verscheuchen, stets wieder in Georg's Seele hervor. Nach der Darstellung Leßlie's mußte der Herzog in der Documentenkiste das Codicill entdeckt haben, durch welches das erste Testament ungültig gemacht worden war. Und doch hatte er, wie allbekannt, gleich sämmtliche Güter seiner verstorbenen Gemahlin, die bis zu diesem Zeitpunkt unter gerichtlicher Verwaltung gestanden, in vollen Besitz genommen. Georg konnte unmöglich glauben, daß Leßlie's Mittheilung auch in dieser Hinsicht der Wahrheit entsprach; denn dann hätte Wallen- stein eine große Ungerechtigkeit, ja geradezu ein Verbrechen begangen, und die Fähigkeit zur Verübung eines solchen traute der junge Mann dem Herzog von Friedland nicht zu. Während er noch diesen Gedanken nachhing, ertönte ein Signal vom Hofraum herauf, und er eilte hinab. Heinrich Hansjakod Auf dem freien, ringsum von hohen Gebäulichkeiten eingeschlossenen Platz gewahrte er den größten Theil der Offiziere des Terzky'schen Regiments, welches man in dem Capucinerkloster einquartiert hatte. Auch Haupt- mann Leßlie befand sich unter denselben und kam auf ihn zu. „Gut, daß Ihr kommt", sagte er mit hämischem Lachen, „die Komödie beginnt! Heute seht Ihr seine fürstliche Hoheit Ehren und Gnaden austheilen, und morgen wird geköpft und gehängt. Der Herzog weiß in der That, wie man in die Langeweile des Lebens eine hübsche Abwechselung bringt. Folgt mir an jene Mauer hinüber, wo Ihr die großen Plakate erblickt; dort könnt Ihr die Namen der Opfer des fürstlichen Zornes selbst lesen, sie wurden soeben durch öffentlichen Anschlag zur allgemeinen Kenntniß gebracht." Damit wandte er sich nach der bezeichneten Seite, und auch Georg lenkte seine Schritte dahin. Leßlie blieb vor dem improvisirten Pranger stehen und las anfangs ohne besonderes Interesse. War ihm doch, was er durch die entehrende Maßregel erfuhr, in der Hauptsache schon vorher bekannt. Auf einmal aber wich alles Blut aus seinem Gesicht, die Kniee wankten, und er mußte sich auf den Degen stützen, damit er den Halt nicht verlor. Diese Schwäcke- Anwandlung ging jedoch fast eben so schnell vorüber, wie sie sich eingestellt hatte. In jähem Wechsel erschien das Antlitz des Hauptmanns von einer unnatürlichen Nöthe gefärbt. Die Augen sprühten Flammen, die Zähne knirschten, und drohend hielt er die geballte Faust gegen die Mauer empor. Dann verließ er, mit einem gräßlichen Fluche sich abwendend, den Platz. Georg hatte die ungeheuere Aufregung Leßlie's, ohne sich dieselbe erklären zu können, bemerkt. Er trat ebenfalls vor das Placat. Da fand er das Räthsel nach einem kurzen Blick auf das Schriftstück gelöst: als Letzter in der Reihe derjenigen, welche man zum Brandmarken am Galgen bestimmt hatte, war — Fritz Donald genannt. Bei dieser Entdeckung füblte der junge Mann sein Gemüth durch eine Fluth der verschiedenartigsten Gedanken und Empfindungen in Aufruhr versetzt. Zum Anstellen von wettern Betrachtungen über diesen traurigen Zwffchenfall blieb ihm jedoch keine Zeit, da im gleichen Augenblick ein Trupp Reiter mit dem Herzog von Friedland an der Spitze im Hofe erschien. Der gewaltige Mann, dessen Angesicht deutlich die Spuren heftiger Aufregung trug, stieg vom Pferde und schritt die Reihen der Offiziere entlang, welche sich in einem weiten Halbkreis aufgestellt halten. Nach einer Weile blieb er stehen und begann mit volltönender Stimme: „Dem Verdienste den Lohn! Dem Verrath und der Feigheit die Strafe! Das ist der Grundsatz, durch welchen ich von jeher als Feldherr zu meinem Thun und Lassen bestimmt worden bin! Auch heute handele ich wieder nacb ihm. Die letzte Schlacht wurde zwar nickt verloren, aber trotzdem wurde in Folge der Pflichtvergessen- 88 hett einzelner Offiziere nicht erreicht, was hätte erreicht werden können. Durch die Böswilligkeit elender Schurken ist die Gunst der ewigen Mächte gekreuzt worden und einer der schönsten Erfolge verscherzt. Doch die Gefahr ging vorüber, und in ungetrübtem Glänze leuchtet auf's neue mein Stern! — Ihr habt euch Alle brav und wacker gehalten; ich danke Euch und hoffe, daß Ihr auch hinfüro eure Schuldigkeit Ihut!" Darauf verlieh Wallenstein verschiedenen Offizieren höhere Chargen. Leßlie wurde zum Oberstwachtmeister und Georg Selkow zum Hauptmann ernannt. Vor seinem Abgang schritt der Feldherr noch einmal auf Letzteren zu und sagte freundlich zu ihm: „Dich habe ich zu einem besondern Geschäfte bestimmt; komme morgen in der Frühe zu mir." Dann schwang er sich auf das Pferd und sprengte mit seiner Begleitung davon. 9 . Ein dichter Nebel hüllte die Häuser und Straßen Leipzig's in einen blaugrauen Schleier, als der neuernannte Hauptmann Georg Selkow dem Absteigquartier des Herzogs von Friedland zuschritt. Er trug den Arm wieder frei. Die unbedeutende Wunde hemmte dessen Bewegung nicht mehr. Trotz der frühen Morgenstunde und der recht empfindlichen Kälte war alles bereits auf den Beinen. Nicht nur die Einwohner der Stadt, sondern auch zahlreiche Schaaren von Landleuten aus den benachbarten Dörfern durchzogen in ihren charakteristischen Trachten die Straßen und Plätze. Die ungewöhnliche Aufregung war nicht ohne Grund; diesen Tag hatte man für die Hinrichtung der verurteilten Offiziere und Soldaten bestimmt — ein Schauspiel, das ungeachtet seiner Widerlichkeit eine Menge Zuschauer aus nah und fern nach dem geräuschvollen Lager des Friedländers zog. Georg beachtete das Gedränge nicht, sondern eilte seinem Ziele entgegen; dem Magistratsgebäude, welches Wallenstein für sich und seine Familie zur Wohnung erwählt hatte. Sofort nach seinem Eintritt tn's Haus führte ihn ein Leibjäger zum Herzog. Wallenstein stand am Fenster und dictirte seinem zum Rittmeister beförderten Geheimsccretär Neumann, der emsig schrieb. Beim Anblick Georg's hörte er auf. „Du bist pünktlich", sagte er zu diesem, „fast mehr als mir angenehm ist; denn für Deine Abfertigung geschah bis jetzt nichts. Später also! Meine Gemahlin hat ohnehin einen Auftrag für Dich. Folge dem Leibjäger zu ihr! — Du wirst erwartet, vorwärts", fügte er ungeduldig hinzu, als Georg in Anbetracht der frühen Tageszeit zu zögern schien; und dieser gehorchte. Die Herzogin befand sich schon in voller Toilette, als Georg bei ihr eintrat. Sie bot ihm einen Sessel an und setzte sich neben ihn. „Wie mein hoher Gemahl mir gesagt hat", begann sie, „werdet Ihr mit einem Schreiben an den sächsischen Oberfeldherrn Arnim geschickt. Dabei wird man Euch die Erlaubniß zu einem Umweg ertheilen, der über Großmeseritsch führt und Euch zum Besuch Euerer Braut die schwerlich unerwünschte Gelegenheit gibt. Diese Vergünstigung ist von mir ausgewirkt. Ich gedenke nämlich bei dieser Gelegenheit einen geheimen Plan einzuleiten, zu dessen Ausführung Ihr mir die Hand reichen müßt. Ihr seid doch damit einverstanden, nicht wahr, und verrathet mich nicht?" „Euer Wunsch ist mir Befehl", entgegnete Georg bescheiden, dessen Antlitz vor freudiger Ueberraschung erglühte, und die Heizogin fuhr fort: „Ich bitte Euch, Magdalenen und all' den lieben Menschen dort, namentlich Pater Vincenz und der alten Anna, meine Grüße zu bringen. Es hat mir in jener Burg gar sehr gefallen, und ich wünsche, später in ihr meinen bleibenden Wohnsitz zu nehmen. Das kann natürlich nur geschehen, wenn auch mein hoher Gemahl nach Großmeseritsch zieht. Der Herzog wäre jedoch schwerlich für diesen Schritt zu gewinnen, denn er hat einen unerklärlichen Widerwillen gegen den Aufenthalt in jenem Schlosse gefaßt. Das rührt jedoch, wie mir scheinen will, nur daher, daß die Einrichtung und Ausstattung desselben mit seinen Anforderungen im Widerspruch steht. Ihr werdet deshalb als künftiger Schloßhauptmann dafür sorgen, daß das ganze Haus nach innen und außen restaurirt werde. Die Zimmer sind neu auszumalen; die Dächer müssen frisch gedeckt, die alten Möbel und Keräthschaften entfernt und durch neue ersetzt werden, kurz: das ganze Gebäude soll ein Aussehen bekommen, daß mein Gemahl es kaum wieder erkennt. Da Ihr voraussichtlich nicht lange ausbleiben dürfet, so übertraget Ihr die Leitung des Bauwesens und aller übrigen Arbeiten dem Burgvogt mit der Weisung, keine Mühen und Kosten zu scheuen und das Werk sofort in Angriff zu nehmen, damit man längstens über's Jahr einziehen kann." Georg's Herz pochte fast hörbar vor Freude und Glück. Er gab die Versicherung, daß Alles auf's pünktlichste ausgeführt werden solle, wie die hohe Frau es befahl. Diese ertheilte ihm noch einige Anweisungen und Winke, da erschien der Leibjäger wieder und rief den Hauptmann zum Herzog. Wallenstein befand sich allein in seinem Gemach. Der Geheimsecretär hatte sich beim Eintritt Georg's entfernt. „Meine Gemahlin", begann jener und übergab letz- term ein versiegeltes Schreiben, „hat wahrscheinlich bereits von diesem Briefe gesprochen, zu dessen Beförderung und Uebergabe ich Dich erkor. Es ist Line wichtige Sendung, und Du magst es meiner besondern Gunst und Gnade danken, daß sie Dir anvertraut wird. Höre nun, was ich Dir sage, und beachte es wohl. Du reitest allein, ohne jegliche Deckung, in dieser Stunde noch fort, und zwar vorerst nach Großmeseritsch. Dort wirst Du vier Tage rasten. Dann brichst Du nach Reichender« auf. In dieser Stadt wartet im Gasthof Zu den zwölf Aposteln ein Page auf Dich. Er wird Dich empfangen und zu dem Adressaten des Briefes führen, den ich Dir eben gab. Bewahre und hüte ihn wie ein kostbares Gut. Du haftest mit Leib und Leben dafür, daß er an seine richtige Bestimmung gelangt. Mehr zu sagen brauche ich nicht. Du bist klug und einsichtig genug, um zu begreifen, was man von Dir will. Glück auf den Weg!" Der Herzog winkte, und Georg zog sich zurück. Er eilte nach Hause, sattelte selbst seinen Braunen und hatte sich schon in den Bügel geschwungen, als in größter Eile ein Leibjäger herbeistürmte und ihm befahl, nochmals vor dem Herzog zu erscheinen. Nicht wenig erstaunt, folgte Georg dem Ruf. Er traf den Herrn wieder allein. Dieser verlangte mit der kurzen Erklärung, „er habe sich eines Andern besonnen", das anvertraute Schreiben zurück und entledigte den Hnuptmann des ertheilten Auftrages. Der Ausdruck schmerzlicher Enttäuschung, welcher bei dieser unerwarteten Wendung auf Georg's Antlitz erschien, entging Wallenstein nicht. Der junge Mann hatte sich W Die Sibirische Eisenbahn. so innig auf das Wiedersehen der Geliebten gefreut und sah sich nun mit einem Schlag aus all seinen Himmeln gestürzt. Der Herzog betrachtete ihn schweigend. Der Ernst auf seinem Angesicht wurde durch ein mildes Lächeln verdrängt. Er reichte ihm gütig die Hand. „Nur Geduld", tröstete der hohe Herr, „aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Ich glaube Dir die feste Zusage geben zu dürfen, daß Du die erwünschte Reise bald antreten kannst." (Fortsetzung folgt.) --- Zu unseren Bildern Sladtpfarrer Nr. Heinrich Hansjakod. Hansjakob gehört zu den originellsten Schriftstellern, deren wir Katholiken uns rühmen können; er ist ein literarischer Charakterkopf, wie sie in unserer Zeit nur selten aus dem und Philologie. Im Jahre 1863 wurde er zum Priester geweiht und machte im selben Jahre das philologische Staats- Examen. Von 1863-1874 war er Lehrer am Gymnasium zu Donaueschingen, von 1864—1869 Vorstand der Realschule zu Waldshut. Im letzten Jahre beging er das todeswürdige Verbrechen, eine öffentliche Rede gegen das badische Ministerium zu halten — schnell folgte die Nemesis: er ward abgesetzt und auf einer Festung für einige Zeit unschädlich gemacht. Von 1870—1884 fnngirte er als Pfarrer in Hagnau am Äodensee, dem schönst gelegenen Pfarrdörfchen in Baden; von 1871 bis 1881 wurde er in die badische Kammer der Abgeordneten gesandt und 1873 wiederum wegen einer dem Ministerium wenig gefallenden Volksrede eingesperrt. Seit 1884 ist Hansjakob Stadtpfarrer in Freiburg. Die Sibirische Eisenbahn. Schon in den^Jahren 1857—1869 tauchten verschiedene Projecte auf, um die ungeheuren Gebiete Sibiriens durch eine ÄW LML «MW W-MWWMA WWP Schloß Kchönbrunn bei Wien. Tintenmeere deutscher Schriftsteller auftauchen. Seine Schilderungen aus dem Kleinleben seiner engeren Heimath, dem Kinzig- thal in Baden, sowie aus seiner Jugend- und Studienzeit haben ihm Beifall und warme Anerkennung nicht allein in kathol. Kreisen und nicht allein in badischen Landen gebracht. Eine solche Naturwüchsigkeit, wie in seinen schon aus eine stattliche Anzahl von Bänden angewachsenen Skizzen, Schilderungen und Erzählungen findet sich nur noch bei Sebastian Brunner und in den Schriften se nes verewigten Lai.dsmanncs Alban Stolz. Zu den vorzüglichsten Werken Hansjakobs, die allen Anspruch darauf haben, in die Litteraturgeschichte eingetragen zu werden, gehören die „Wilden Kirschen" und „Schneebällen", ferner „Dürre Blätter", „Aus meiner Jugendzeit" und „Aus meiner Studienzeit". Daran reihen sich eine Anzahl Reiseschilderungen sowie historische Abhandlungen, und endlich zahlreiche, vortreffliche Predigten. — Hansjakob wurde geboren im Jahre 1837 zu Haslach im Kinzigthal in Baden als Sohn eines Bäckermeisters und Bauernwirths. Er studirte auf dem Gymnasium zu Rastatt und später an der Universität Freiburg Theologie das Land bis znm Stillen Ocean durchziehende Eisenbahn mit deni europäischen Rußland unmittelbar zu verbinden. Diese Projecte behandelten entweder die ganzeiBahn oder Thcilstrecken derselben. Erst in neuerer Zeit wurden diese Pläne verwirklicht. Durch Rescript des Kaisers Alexander III., der sich sür das Riesenwerk sehr interessirte, vom 17. (29.) März 1891 wurde der Bau der Sibirischen Eisenbahn angeordnet und noch im nämlichen Jahre in Angriff genommen. Die S. E. wird eine Gesammtlänge von 7 i 12 Werst erreichen, die Herstellungskosten sind auf 350 Millionen Rubel veranschlagt. Sie bildet die Fortsetzung der noch im europäischen Rußland belegencn Staatsbahn Samara—Ufa—Slatonst—Tscheljabinsk. Von Tscheljabinsk führt die Linie über Kurgan und Petropawlowsk nach Omsk am Jrtysch, wo sie denselben überschreitend in die Barabizische Steppe eintritt, um sodann über Kainsk das Dorf Kriwosch- tschekow am Ob zu erreichen. Hier überschreitet die S. E. den Ob mittelst einer 400 Faden langen Brücke und geht dann über MariinSk, die Stadt Kansk und Nischne-Udinsk nach der Stadt JrkutSk. Von da führt die Linie am Baikalsce entlang 91 ö. 2-r^- rEli^ MW !7LLB>>M iMUrKWU LMWWM «UMedM^ MMM !»WWL MMD -WM Auf dem Markusplatze in Nrnedig 92 bis zur Station Mysowskaja an der Südseite des See's, worauf das Witimplateau übe, schritten wird. Ueber die Distriktsstadt Tschita und dann dem Schilkaflnß folgeud erreicht die S. E. die der Stadt Srjetensk gegenüberliegende Ansiedelung Matakan. Der nächste Abschnitt bis zur Stadt Chabarowka am rechten Ufer des Amur (2000 Werst) ist noch nicht allgemein bearbeitet. Es wird beabsichtigt, die Bahn auf 600 Werst im Thale des Schilka- und Amurflusses zu führen, dann den Amur zur Abkürzung des Weges zn verlassen und erst nach weiteren 1400 Werst an der Mündung des Ussnri auf einer Brücke von 1200 Faden zu überschreiten. Dann geht die Linie 400 Werst am Ussnri entlang, welcher bis zum Cbankasee gleichzeitig die Reichsgrenze gegen China bildet. Unter Ueberschreitnng des Ussuri (6755 We> st) geht die Linie an den Geb rgslehnen des Chankasee's und im Thal des Lefaflüßchens entlang nach der Station Nikolskaja (6982 Werst), von hier aus am Sujfnn- flusse entlang nach Chabarowka, demnächst in der Richtung auf die Stadt Wladiwostok, wo an der Bucht des Solotoj-Rog (goldenes Horn) die Endstation in 7083 Werst liegt. Von der Gesammtstrecke der S. E. waren Ende 1894 gegen 1518 Werst fertig, etwa 100 Werst mehr als der fünfte Theil der ganzen Länge der Hauptlinie. Auf der Ussuri-Eisenbahn war zum 1. (13.) Januar dS. JS. das Schienengeleise bis zn 494 Werst vor Wladiwostok, d. h. bis zum liebe, gang über den Fluß Bikin, einen rechten Nebenfluß des Ussuri, fertiggestellt. Das Legen der Schienen, welches von einer Compagnie des vor Kurzem angekommenen Eisenbahnbataillons ausgeführt wird, wii d im Frühjahr wieder aufgenommen werden; bis zum Herbst des Jahres 1896 soll ChabarowSk erreicht werden, welches von Wladiwostok 785 Werst entfernt ist. In Regierungskreisen ist die Frage neuerdings angeregt, die S. E. mit Turkestan in Verbindung zu bringen, und sind zwei Linien hierfür in Vorschlag gebracht, Tscheljabmsk Turgaj—Turkestan und Petro- pawlowsk—Atbass ar—Turkestan. Schönkrunn. Das berühmte kaiserliche Lustschloß in Wien, im Südosten der Stadt am Wienflüßchen gelegen, wurde unter Kaiser Leopold dem Ersten nach den Plänen von Cisso von Erlach begonnen und unter Maria Theresia 1744-1750 vom Baumeister Val- magini vollendet Das dem Hofe zum theilweisen Sommeraufenthalt dienende Schloß enthält großartige Parkanlagen (mit dem Fasanengarten, der Menagerie usw.), 1441 Zimmer und Gemächer, darunter das blaue Cabinet, ein Lieblingsaufcnthalt der Kaiserin Maria Theresia, das Zimmer, in dem Napoleon der Erste 1809 wohnte und sein Sohn, der Herzog von Reichstadt, 1832 starb, und ein Theater. Zunächst dem Schlosse befindet sich die große Orangerie und andere Gartenanlagen mit Marmorstatuen und Marmorgruppen. Der Park enthält herrliche Alleen, mehrere Bassins, den Kaiserbrunnen oder Schönen Brunnen, welcher dem Schloß den Namen gegeben hat, Fasanerie», Thiergarten, botanischen Garten, auf der Höhe des Schönbrnnner Berges die Gloriette, ein 1775 aufgeführtes Prachtgebäude mit Colonnade, Waldvartieen usw. Auf dem Markusplatz in Nenedig. Mit Ausnahme des von den Kolonnaden umsäumten Platzes vor der Peterskirche in Rom besitzt keine Stadt der Welt einen Platz, der an architektonischer Schönheit dem Markusplatze in Venedig gleichkommen würde. Auf 3 Seiten ist derselbe von Prachtbauten aus Marmor, den sogen. Prokuristen, d. h. Paläste der Prokuratoren von Sän Marco eingeschlossen. An der Ostseiie des Platzes erhebt sich die dem Schutzheiligen der Stadt, dem Evangelisten Markus geweihte Patriarchat oder St. Markuskirche, ein nach byzantinischem Muster aufgeführtes und mit orientalischer Pracht ausgestattetes Bauwerk, in welchem die Gebeine des hl. Markus begraben sind. An den eigentlichen Markusplatz schließt sich die nach der Lagune hin offene Piazzetta an, auf der einen Seite von der ehemaligen Bibliothek, einem der schönsten Gebäude des 16. Jahrhunderis, auf der anderen Seite von dem herrlichen Dogenpaiaste begrenzt. Markusplatz und Piazzetta bilden den Mittelpunkt des Verkehrs von Venedig und gleichzeitig den Sammelplatz aller in der schönen Lagunenstadt sich aufhaltenden Fremden, die sich besonders zu den Stunden, wo die berühmten Tauben von Sän Marco gefüttert werden, in großer Anzahl dort einfinde». Aber auch zu allen andern Tageszeiten bietet der Markusplatz stets eine Fülle von Gelegenheiten zur Beobachtung des venezianischen Volkslebens, zu welchem auch die am unserem Bilde dargestellte hübsche Szene eine vortreffliche Illustration bildet. -- Allerlei. Ausgedient. Student fzu seiner Wäscherin^: „Warum nähen Sie keine Knöpfe mehr an meine Hemden?" — Wäscherin: „Ach, Herr Müller, an Ihre Knöpf' sollt' man Hemden nähen!" -—ssr?««- Äve Maria! Die Brandung schweigt, der rauhe Sturm entwich, Und segnend senkt dcr Hauch des Friedens sich Im Abendschimmer auf das müde Meer. Kein Schmerzensschrei, kein zornig Grollen mehr Steigt aus der Muth; des Tages Glanz verblich, Des Tages Kampf und Wahn, und süß und hehr Breitet sich in milder Pracht Auf das weite, grambcfreite Wogenfeld der See die stille Sternennacht — Ave Maria! Das Schilfrohr bebt wie klagend nur im Wind, Sonst rings kein Laut, — nur leise, leis' und lind Tönt das Geläute an den Meeresstrand Vom Kirchlein her auf jähem Felsenrand Wie Engelsgrnße an ein schuldlos Kind. Und betend zu der Liebe Heimathland Schau' ich auf aus Staub und Schmerz, Und durch Thränen zieht ein Sehnen Zn dem fernen Strand des Lichts mich sternenwärts — Ave Maria! Jetzt zittert übcr's Meer der letzte Klang Des Vcsperglöckleins ernst wie Grabgesang, Nun Stille rings umher! Nur leis und zag, Wie Geisterlant ertönt dcr Wellenschlag; Wie weißer Schaum zerfließt, was sterbensbang Wie eine Schuld mir auf der Seele lag. Und der Geist der Liebe senkt In die Trauer Frühlingsschauer, Wie der Strahl des Lichts die kranke Blume tränkt — Ave Maria! Ein süßes Grau'n schleicht sich in's Herz mir ein. Ich weiß, Gott ist mir nah'; nicht mehr allein Trägt es sein Web, des Lebens schwere Last! D'rum schlag' nicht mehr so laut, so voller Hast! Sieh' doch daS Meer, wie es kann ruhig sein, Wie nach dem Sturm es schläft in sel'ger Rast! — Wie das Meer, so wirst auch du Nach dem bangen Kampf gelangen Durch die Nacht zum Licht und durch den Kampf zur Ruh' — Ave Maria! (R. Ueberly im Luz. Vaterld.) Nilder-Zlathsel. Auflösung der Schach-Aufgabe in Nr. 11: Weiß. Schwarz. 1. T. S6-L5 T. bU beliebig ' WW Thtnestsche Mädchenschule. Nach einer Photographie. zu seinem Schaden erfahren. Und Wallenstein, den er als den Schutzgeist des Kaisers betrachtet, sollte zur Unterstützung eines solch' ruchlosen Spiels fähig sein? Der Franzose hatte den andern Graf und dieser den Herzog Vetter genannt. Es war ohne Zweifel Graf Kinsky, der Schwager Terzky's, des Gemahls der Schwester der zweiten Frau Wallenstein's. Mit Kinsky hatte jedoch der Herzog anscheinend niemals auf dem besten Fuße gelebt. Woher sollte dieser Mann Geheimnisse kennen, die jener, wenn sie je bestanden, ganz gewiß vor jedem unzuverlässigen Ohr auf's strengste verbarg? Aber der unerwartete Waffenstillstand, der freundschaftliche Verkehr friedländischer Offiziere im feindlichen Lager, seine eigene geheimnißvolle Sendung? — schien nicht alles eine Bestätigung dessen zu sein, was er soeben gehört hatte? — Quälende Gedanken durchwagten Georg's Gemüth. die Herren zu treffen, in die Wirthschafisräume hinab. Er täuschte sich nicht. Graf Kinsky war ihm persönlich bekannt, und den Namen des Franzosen erfuhr er durch den Wirth. Es war der französische Gesandte Marquis von Feuquieres. Die Beiden unterhielten sich lebhaft mit einem Dritten in dem Zimmer, das an die Gaststube stieß. Georg beobachtete sie. Was sie sprachen, hörte er nicht. Da wandte der Letztere, welcher ihm den Rücken zukehrte, den Kopf. Vor Ueberraschung fuhr der Hauptmann von seinem Stuhle empor: der Mann, welcher mit den hohen Herren so zwanglos verkehrte, war Leferrter, der Akrobat. (Fortsetzung folgt.) 104 Venezuela unter der Familie Welser. Von Professor Dr. Arthur Kleinschnridt (Heidelberg). (Fortsetzung.) Die furchtbaren Schilderungen, welche Bartolomö de Las Casas von den Mißhandlungen der Indianer durch Ambrosius und die Seinen entworfen hat, sind übertrieben; sie wurden in Venezuela nicht schlechter behandelt als anderwärts. Eine Empörung gegen den Gouverneur Ambrosius mißlang zwar, doch zwangen ihn der Widerstand der Bergvölker und Nahrungsnoth zur Rückkehr nach Coro, wo man nichts mehr von ihm wußte. Sein Stellvertreter in Coro, Luis Sarmiento, hatte sich mißbeliebt gemacht, Unordnung war eingerissen, und die Lage verschlimmerte sich bedenklich, seit Ambrosius' Bruder Georg Ehtnger, ein hochfahrender Abenteurer, mit 150 neuen Kolonisten im März 1530 bei Paraguana gelandet war, um, gestützt auf den Belehnungsvertrag von 1528, die Herrschaft an sich zu reißen; die Spanier, die an Ambrosius übergenug hatten, wollten nicht noch Georg dazu haben, es brachen Tumulte aus, die königlichen Beamten und Stadträthe führten ihre Autorität durch, und Georg mußte Coro verlassen. Da erschienen plötzlich, direkt von Sevilla kommend, am 18. April vor Coro drei Schiffe mit 500 Kolonisten, und der sie befehligende Hans Seißenhofer brachte eine förmliche Bestallung durch die Weiser, die Ambrosius für todt hielten, als Gouverneur von Venezuela mit; er enthob Sarmiento seines Amts, ließ sich huldigen und besetzte die meisten wichtigen Aemter mit Deutschen. Nikolaus Federmann aus Ulm ernannte er zum Vizegouverneur. Und doch warSeißen- hofers Bestallung ungesetzlich, da der Vertrag von 1528 noch galt und die Welser nicht berechtigt waren; nur im Namen Ehinger's und Sailer's wurden ja alle Angelegenheiten in Venezuela betrieben. Die Welser betrachteten aber diese als ihre Untergebenen, die ihre Vollmachten eigenmächtig ausgelegt und überschritten hatten, und wollten darum Ambrosius durch Seißenhofer ablösen. Ambrosius ließ sich nicht so leicht beseitigen; sobald er wn den Zwisten in Coro und von seiner bedrohten Stellung unterrichtet war, eilte er spornstreichs aus der Wildniß herbei; obwohl fieberkrank, hielt er am 3. Mai feierlichen Einzug in Coro und veranlaßte Seißenhofer zum Verzichte auf seinen Posten, während er sich bereit erklärte, selbst nach Sän Domingo zu gehen und die Differenzen mit dem Welser'schen Faktor daselbst, Seb. Rentz, zu begleichen, denn dieser stand über der Regentschaft und hatte wieder über sich den Welser'schen Agenten am spanischen Hofe. Mit den königlichen Beamten gerieth Ambrosius von Neuem in heftigen Hader; er lieferte der Krone ihren Antheil an der nicht eben großen Beute in Maracaibo nicht aus, bereicherte vielmehr sich und einige Genossen und sandte den Rest an die Weiser; im Widersprüche mit dem Vertrage handelte er mit den ein- und abgehenden Waaren, verkaufte Lebensmittel und Sklaven, ohne Zoll zu zahlen, und fand, weil die Welser allein den Schifffahrtsverkehr nach und von Venezuela vermitteln durften, tausend Gelegenheiten, der Krone bedeutende Summen zu hinterziehen; die Beamten führten am spanischen Hofe bittere Klagen gegen Ambrosius, ihre Briefe aber wurden von den Welser'schen Agenten auf den Welser'schen Schiffen gelesen und unterschlagen, und nur eine Anklageschrift gelangte an ihr Ziel. Wirklich ging ging Ambrosius im Juli 1530 nach Sän Domingo, Federmann sollte ihn in Coro vertreten, trat aber trotz ausdrücklichen Verbotes einen völlig zwecklosen Entdeckungszug in's Innere an, von dem er im März 1531 zurückkehrte, ohne N Ooraäo gefunden zu haben; seiner eigenen, höchst gefärbten Schilderung dieser Expedition, die er als „Indianische Historia" (Hagenau 1557) herausgab, ist nicht zu trauen. Ambrosius verständigte sich in Sän Domingo rasch mit Rentz und mag wohl den Welser große Summen zugewiesen haben, denn er konnte, in seiner Autorität bestärkt und mit ansehnlichen Mitteln ausgestattet, beruhigt nach Coro zurückkehren. Hier erfuhr er von Federmann's Expedition, begnügte sich aber mit der Bestrafung dieses Mannes durch kurzen Arrest, und Federmann kehrte 1532 nach Augsburg heim. Ambrosius glaubte, wie er, im Westen der Kolonie, in Maracaibo, liege deren Zukunft, und beschloß einen neuen Zug dahin. Er sammelte ein waffentüchtigcs Corps, nahm die spanischen Beamten mit, damit sie in Coro keinen Unfrieden erregen möchten, übertrug seine Vertretung daselbst dem ihm innig befreundeten Bartoloms de Santillana und verließ Coro am 9. Juni 1531; in Maracaibo fand er Zuzug von Kolonisten. Er zog durch das Gebirgsland der Buburer und Bureder, fand auch bei ihnen kein Gold und stieg im December in das Eupari- Thal nieder, von dessen Wundern die Sage ging; aus dem Thale des Rancheria ging er in das des Zesare, und die reichen Pacabueyer lieferten ihm Gold im Werthe von 20,000 Castellanos aus; nach einem Treffen mit den Arhuacoern schickte er eine Abtheilung unter Vascuna mit 30,000 Goldpesos nach Coro zurück, um das Gold in Sicherheit zu bringen und Nachschub an Mannschaft zu holen, Vascuna aber verunglückte mit fast allen Leuten auf dem Wege, und das Geld war mit ihnen verloren. Mittlerweile rückte Ambrosius am Jiriri-Fluß weiter, wartete vergebens auf Vascunas Rückkehr und schickte schließlich, um ihn aufzusuchen, Leute unter Esteban Martin im Juni 1532 nach Maracaibo ab; er rekognos- cirte die Umgegend und machte reiche Beute bei den Indianern. Da stieß Martin mit 82 Mann Ersatz im Herbste in Zanico zu ihm und brachte schlimme Nachrichten mit; er meldete nicht nur den Untergang der Expedition Vascunas, sondern auch, die Welser hätten alle Rechte der Ehinger und Sailers auf sich übertragen lassen; Ambrosius war somit seiner eigenen Herrschaftsrechte beraubt und vom guten Willen der Welser abhängig; für sie wollte er keine weiteren Opfer bringen und trat darum am 5. Oktober den Rückzug an, obwohl die nach Beute gierenden Theilnehmer des Zuges laut murrten, ja sie tumultuirten und forderten Vertheilung der bisher gemachten Beute und Vorrücken, Ambrosius aber brachte den Tumult zum Schweigen und machte ihnen nur das Zugeständniß, er wolle auf einem neuen Wege nach Coro zurückkehren. Auf diesem begegnete er Entbehrungen ohne Zahl, mußte beständig mit den Eingeborenen kämpfen und verlor viele Leute; er überstieg noch den Kamm der Anden, wurde aber von den Chitarerern überfallen, ein vergifteter Pfeil traf ihn unter der Kehle, und er starb nach viertägigem Leiden in dem verlassenen Dorfe China- cota, wo er begraben ist. Sein Tod erwies sich als ver- hängnißvoll für das ganze Unternehmen in Venezuela; Ambrosius hatte zwar ein rücksichtsloses, hartes und habsüchtiges Regiment geführt und sich viele Feinde gemacht, war aber doch ein kräftiger Herr gewesen, der den deutschen Vortheil im Auge hatte und obwohl meist von Spaniern umgeben, den spanischen Beamten harte Nüsse zu knacken 105 gab. Die des Führers beraubte Expedition wühlte zu« Generalkapitän einen von diesen, Pedro de Sän Martin, und dieser willigte sofort in die Vertheilung der gemachten übrig geblieben und zu einer halben Rolhhaul geworden war, erlangte durch ihn freundliche Aufnahme bei den Pemenern, ja sogar Goldgeschcnke, fand in Mapaure am WU Beute, nur einen Theil hob er den Weiser auf. In leidlicher Ordnung konnte-^er so den Rückzug fortsetzen, wenn auchIunter schweren"Entbehrungen; unterwegs begegnete er dem Einzigen, der von Vascuna's Expedition 29. August 1533 vierzig Landsleute aus Maracaibo und erreichte Coro am 2. November mit etwa hundert Mann. In Coro stieß er auf anarchische Zustände; des Ambrosius Feinde behaupteten, mit seinem Tode sei auch die Voll- GSnseliesrt als Modell. Nach dem Gemälde von Hugo Oehmichen. Photographie und Verlag von Franz Hansstaengl in München. 106 macht seines Stellvertreters, des strengen Santillana, erloschen; man setzte Santillana ab, verhaftete ihn und bedrohte unter wilden Verleumdungen sein Leben. Sän Martin trat in den Besitz der Gewalt, während der Welser'sche Faktor, für seine Schätze bangend, dem in Sän Domingo über die Unordnung berichtete. In Europa hat sich unterdessen die rechtliche Stellung des Unternehmens wesentlich verändert. Im Juni 1530 war Karl V. zum Reichstage nach Augsburg gegangen und bei Fugger abgestiegen; er blieb bis Ende November und traf mancherlei Abmachungen wegen Geld mit Fugger und Weiser, den Banquiers aller Potentaten. Ihm wurde auch ein Gesuch des Heinrich Ehinger und Hteronymus Sailer, der mit Venezuela 1528 Belehnten, die niemals dorthin gegangen waren, unterbreitet; sie erklärten, der Vertrag von 1528 und alle ihre Abmachungen mit der spanischen Regierung seien nur im Auftrage von Bartholmä Weiser und seiner Gesellschaft von ihnen abgeschlossen worden, und baten, diese Rechte auf die Weiser selbst zu übertragen. Der Kaiser willigte gerne ein, forderte Namhaftmachung zweier Personen aus der Weiser-Gesellschaft zum Zwecke der Belehnung, und die Weiser baten, beide Häupter derselben, Bartholmä und Anton, mit den Hoheitsrechten zu belehnen. Am 20. November ertheilte der Kaiser in diesem Sinne Befehl an den bei seiner mit der Regentschaft betrauten Gemahlin tagenden Indien-Rath, und am 17. Februar 1531 erließ die Regentin ein Dokument, wodurch die beiden Weiser in alle Heinrich Ehinger und Sailer verliehenen Rechte, Privilegien und Bestimmungen des Vertrags von 1528 einrückten; Häbler fand eine Abschrift davon im Britischen Museum. Von da an erscheinen in den Urkunden wegen Venezuela Bartholmä und Anton Weiser oder ihr späterer Agent am spanischen Hose, Sebastian Rodriguez; auf ihre Empfehlung hin bestätigte Karl V. Ambrosius Ehinger durch Dekrete vom 17. Februar und 4. April 1531 als Statthalter (Regent) und Feldhauptmann. Auf die Vorstellungen des Ambrosius hin bestimmte die Krone am 10. Mai 1531, vorerst dürfe das Recht der Deutschen, feindselige Indianer zu Sklaven zu machen, nicht verkürzt werden, doch untersagte sie unbedingt die Ausfuhr von Sklaven aus Venezuela; die Jndianerfrage beschäftigte den Indien- Rath sehr, zumal die Indianer in anderen Kolonien an Zahl rasch abnahmen. In Coro wurde ein Bisthum gegründet, Rodrigo de Bastidas im Juli 1532 Bischof, „Beschützer und Vertheidiger der Indianer", über deren Wohl er wachen sollte. Immer wieder beklagten sich die Deutschen über unbefugte Einmischung der Beamten in ihre Angelegenheiten und am 8. Oktober 1529 erließ die spanische Regierung zu ihren Gunsten ein Verbot, wonach Niemand sonst nach Venezuela Handel treiben, Beute und Sklavenzüge unternehmen dürfte; späterhin gestattete sie den Welser'schen Gouverneuren, alle unbefugt nach Venezuela kommenden oder verdächtigen Personen auszuweisen, respektive nicht ins Land zu lassen. Die Weiser, welche daheim das Monopolwesen im gehässigsten Umfange betrieben und als „Großwucherer und Schinder" ihre Truhen füllten, wußten sich auch in Venezuela das Handelsmonopol zu verschaffen; sie ließen öffentlich allen fremden Händlern und Schiffen die Fahrt dorthin untersagen, brachten die Versorgung Venezuelas, die Verbindung dieser Kolonie mit anderen und mit Spanien ausschließlich in ihre Hände, setzten für alle Artikel riesige Preise fest, und die Krone bestätigte diese ganze Monopolwirthschaft am 19. Juli 1534. Am 17. Februar 1531 erlangten sie große Zugeständnisse für den Salzhandel in Venezuela, und am 4. April des gleichen Jahres gestattete ihnen die Regentin alle Erträge aus Venezuela ungehindert unter Zahlung der gesetzlichen Abgaben na.ch allen Theilen der neuen Welt auszuführen, nach Spanien herüberzubringen und zu verwerthen; nur mußten sie dem Indien-Rathe in Sevilla Proben der betreffenden Produkte vorlegen. Natürlich monopolifirten sie auf diese Weise Ein- und Ausfuhr nach Venezuela ; an die Beschränkungen banden sie sich nie, und der Krone waren sie durch ihre Darlehen so unentbehrlich, daß die Regentin am 17. Februar 1531 auf Klagen ihrer Beamten entschied: „Ich halte die Weiser für unsere getreuen Diener und befehle Euch, sie und ihre Vertreter demgemäß zu behandeln und mit ihnen das beste Einvernehmen aufrecht zu erhalten." Welche dauernde Machtstellung konnten sich die Weiser über dem Ocean sichern, wenn sie sich mit dem Gerichtshöfe, der Audiencia in Sän Domingo, der Zwi- scheninstanz zwischen Gouverneur und Indien-Rath, gut stellten! Das aber haben sie von Anfang an nicht gethan; der Gouverneur umging die Audiencia, wo er konnte, verkehrte direkt mit dem Indien-Rathe und suchte der Audiencia jeden Einfluß auf Verwaltung und Justiz in der Kolonie zu nehmen. Sobald der Tod des Ambrosius bekannt worden, erklärte nun die beleidigte Audiencia den Vertrag von 1528 eigenmächtig für erloschen und erlaubte mehreren Spaniern sich Rechte und Erträgnisse in Venezuela anzueignen, worauf die Weiser mit heftigen Klagen antworteten. Der Indien-Rath hatte den neuen Bischof Bastidas von Coro beauftragt, schleunig von Sän Domingo nach Venezuela zu gehen und die nach Ambrosius Tod eingerissene Unordnung zu schlichten; zugleich wurde Bastidas zum Gouverneur ernannt, und im Juni 1534 erschien er in Coro; er trat versöhnlich auf, setzte Santillana in Freiheit, bestrafte einige der tollsten Ruhestörer und ernannte, als er nach Sän Domingo zurückkehrte, Alonso Vasquez de Acuna zu seinem Stellvertreter in-der Regentschaft. Von einer spanischen Regentschaft in ihrem Venezuela wollten die Weiser jedoch nichts wissen. Nikolaus Federmann hatte sie seit 1532, wo er mit Rentz nach Augsburg gekommen war, bearbeitet, den Reichthum Venezuelas und seine Verdienste ihnen gerühmt und durch sein sicheres Auftreten Vorschüsse M einer neuen Expedition erhalten; die Weiser ernannten ihn zum Gouverneur, und der König von Spanien bestätigte ihn am 19. Juli 1533 unter großen Zugeständnissen, worauf er nach Sevilla eilte, um seine Expedition auszurüsten. (Schluß folgt.) -- I l l e r b e r g. Mit Bild.) I Nachdruck «erboten.l Ueber dem westlichen Abhänge des Höhenrückens, der rechts der Jller zum Donauthale hinabzieht, blickt 2 Stunden unterhalb Jllertissens ein Dorf mit einem schlanken Kirchthurm ins schöne Jllerthal. Es ist Jller- berg, dem die Jller und der fruchtbare Berg, auf dem es sich erhebt, den Namen gab. Der Name Jllerberg klingt nicht sehr alterthümlich, 107 und auch die Urkunden lassen uns nicht tief in diej Vergangenheit des Ortes blicken. Der Umstand, daß der Pfarrer des nahen Pfarrdorfes Bähungen von den Pfarr- Aeckern von Jllerberg den Zehnt bezog und dieses niemals ein Widdumgut hatte, möchte uns fast glauben lassen, daß Jllerberg in alter Zeit eine Filiale von Vöhringen war, das schon im Jahre 1239 ein bedeutender Ort gewesen zu sein scheint. (Baumann, Geschichte des Allgäu, S. 595.) Jllerberg war seit dem frühesten Mittelalter eine Zugehörde der Grafschaft Wullenstetten, die auch das Patronatrecht besaß. Der erste Pfarrer von Jllerberg, der uns urkundlich begegnet, ist Heinrich Töpfer. Wie das noch vorhandene Saalbuch von Jllerberg besagt, hat Pfarrer Töpfer i. I. 1463 in einem alten Meßbuchs alles Einkommen der Kirche an liegenden Gütern, Ewigzinsen, Gilten rc. rc. aufgezeichnet und beschrieben. Da aber durch den Namenwechsel der Inhaber dieser Güter diese Beschreibung unklar und mangelhaft geworden war, ließ am 26. Juli 1550 der Pfarrer Joh. Gering von Jllerberg den kais. Notar Balth. Honold kommen, der nun auf Grund der Güterbeschreibung jenes alten Meßbuches mit dem Pfarrer Gering und den Heiltgenpfle- gern Mattheus Schmidt ^und HansWennklin eine neue Beschreibung alles „Heiltgen-Ein- kommens" aufzeichnete. So entstand das Jllerberger Saalbuch vom Jahre 1550. Unter demselben Pfarrer Töpfer, welcher die Kirchen- Einkünfte im Jahre 1463 beschrieben hatte, wurde auch 17 Jahre später das Saalbuch der Grafschaft Kirchberg im Jahre 1480 angefertigt, von dem ein Auszug vorhanden ist. Es ist angefertigt von dem Vogt des Herzogs Georg von Bayern in Kirchberg, Georg Westerna cher, wie er sich selbst in der Einleitung bezeichnet. Es ist darin bereits das Fcühmeßbenefizium von Jllerberg mit seinen Giltbezügen von 9 guten Höfen und Sölden in Grafertshofen erwähnt. Es erhellt daraus, daß die Grafschaft Kirchberg-Wullenstetten schon im Jahre 1480 in bayerischen Händen war, nicht erst uvno 1503, wie mehrere Chronisten glauben. Jllerberg war somit schon im Jahre 1480 bayerisch; da aber die Grafschaften Kirchberg und Weißenhorn nach Herzog Georgs Tod an den Kaiser zurückfielen, verpfändete dieser im Jahre 1507 die Grafschaften an die Fugger. So kam Jllerberg an die nachmaligen Grafen v. Fugger, die heute noch das Patronatrecht besitzen. Zur Zeit des Bauernkrieges im Jahre 1525 war Michael Hold „Vicarius" in Jllerberg. Als Ulm protestantisch wurde, ging er dorthin, wurde lutherisch und nahm ein Weib, wie der Chronist Thomann von Weißenhorn erzählt. Derselbe berichtet, daß im Jahre 1530 den 25. März eine große Feuersbrunst 17 Häuser in Jllerberg in Asche legte. Hold's Nachfolger, Pfarrer Johann Gering, welcher das Saalbuch anfertigen ließ, lebte noch im Jahre 1558. Die ununterbrochene Reihe der ihm folgenden Pfarrer läßt sich erst vom Jahre 1589 feststellen, in welcher Oktavian Fugger den Johann Frei präscntirte. Er war Dechant und versah die Pfarrei bis zum Jahre 1632. Nach seiner Beschreibung der Einkünfte vom Jahre 1623 bezog der Pfarrer den ganzen Groß- und Kleinzehnt von Jllerberg und der Filiale Emershofen, von allen Gärten Heugilt, auch einigen Zehnt zu Hirbishofen bet Pfaffenhofen. Die Lasten waren aber auch nicht gering. Er mußte der Herrschaft jährlich 130 st., dem Ordinariat 20 st. 20 kr. Canon und außer der Kirchweih noch 4 Mahlzeiten für 10 Personen veranstalten und an der Fastnacht allen Pfarrweibern Kücheln, „was das Haus vermag", geben und den Pfarr- hof baulich unterhalten. Als Decan Frei3.nno1632 rcsignirte, präsentste Graf Hans Ernst Fugger seinen Namensvetter I. Frei, der gleichfalls als Pfarrer und Decan durch den ganzen Schwedenkrieg bis zum Jahre 1649 der Pfarreivorstand u. noch Vöhringen pastorirte. Er starb am 15. November 1648. Ihm folgten Georg Würz (1649 bis 1660), Lor. Bader (1660—1680), .Andr. Winkler (1680—1711). Pfarrer Winkler begann im Jahre 1690 den Neubau der dem hl. Martin geweihten Pfarrkirche, welche im Jahre 1692 vollendet wurde. Er ließ in der neuen Kirche, die nicht mehr auf dem alten Grunde erbaut wurde, für sich und seine Nachfolger eine Grabstätte errichten. Winkler's Nachfolger, Carl Böller, war von 1711 bis 1762, also 51 Jahre lang, Pfarrer von Jllerberg, konnte daher hier sein 60jähriges Pfarrjubtläum feiern. Als er am 21. Dezember 1762 starb, präsentirte Graf Joh. Nep. Fugger den Frhrn. Casimir v. Hornstein (1763—1773) und nach dessen Tod am 4. August 1773 den Pfarrer von Buch Frz. Jgn. v. Ktrcher auf die Pfarrei. Die fette Zehntpfründe fand sogar noch vornehmere adelige Liebhaber. Graf Johann Nepomuk Fugger präsentirte nach dem Tode des Pfarrers Frhrn. von Hornstein den 14. Dez. 1773 seinen Sohn Philipp Nerius auf die erledigte Pfarrei Jllerberg. Die Sache r Jllerberg. F ° !> g » scheint aber beim Ordinariat „einen Haken gehabt zu haben". Der Graf präsentirte darum 3 Wochen später, am 5. Januar 1774, auch den Pfarrer Franz Jgnaz v. Kircher, aber nur als Vikar seines Sohnes. Er bemerkte in der Präsentationsurkunde ausdrücklich, daß er „nur aus besonderer Devotion gegen Se. Churfürstliche Durchlaucht" (Clem. Wenceslaus) gestatte, daß Herr von Kircher alle Einkünfte der Pfarrei beziehe; daß er aber alle Rechte seines Sohnes auf die Pfarrei vorbehalten müsse. Pfarrer v. Kircher starb schon nach zwei Jahren, und der Graf Joh. N. Fugger präsentirte am 28. Aug. 1776 den Pfarrer von Buch, Christoph von und zu Zwergern, auf die Pfarrei. Pfarrer v. Zwergern baute im Jahre 1782 den dermaligen Pfarrhof, der 4573 fl. 26 kr. und 4 Hl. kostete. Nachdem geistl. Rath und Decan v. Zwergern 47 Jahre die Pfarrei Jllerberg verwaltet hatte, starb er den 26. Juli 1830. Ihm folgten im Pfarramt Gregor Geiger (1830—1838), Gabriel Barthlme, bischöfl. geistl. Rath und Decan (1838—1872), Matthäus Raffler (1872), Georg Wanger (1891). Bei der Pfarrei besteht ein wahrscheinlich schon von den Graifen v. Ktrchberg-Wullenstetten gestiftetes Früh- meßbenefiztum, dessen Haus im Jahre 1763 um 1566 fl. neu erbaut wurde. Wie wir oben bemerkt haben, erwähnte schon das Saalbuch des Herzogs Georg von Bayern vom Jahre 1460 dieses Frühmeßbenefizium, das im vorigen Jahrhundert mit der Pfarrei Jllerzell unirt wurde. Zur Pfarrei Jllerberg gehören die Filialen Thal (eigentlich der untere Theil des Pfarrdorfes Jllerberg) und das Dorf Emershofen, wo seit neuerer Zeit ein Kurat- und Schulbenefizium errichtet wurde. Emershofen gehörte im Mittelalter dem Ritter Burkhart von Ellerbach, welcher im Jahre 1366 dem Hans Ehinger von Ulm 1 Hof und 4 Sölden in Emershofen verkaufte. Mit den Güten dieser 5 Güter stifteten Hans und Wilhelm Ehinger im Jahre 1410 ein Meßbenefizium im Prediger-Kloster zu Ulm. Der Inhaber dieses Bene- fiziums hatte alle ziemlich starken Güten jener 5 Hofgüter zu beziehen, mußte aber jedes Jahr am Weihnachtstag jedem Armen im Ulmer Spital „ein neues Kübelin kaufen" und zu Ehren der hl. 3 Könige in jedes Kübelin eine halbe Maß „Neggerwein" thun — „nicht vom Besten, aber auch nicht vom Oergisten, sondern also, daß er bei der mitlen weyß bleiben soll", wie es in der Stiftungsurkunde heißt. Als die Ehinger protestantisch wurden und ihre eigene Meßstiftung eingezogen wurde, wurden im Jahre 1617 die 5 Güthöfe und Sölden in Emershofen an die Herren v. Vöhlin in Jllertifsen verkauft. Die Pfarrei Jllerberg zählt heute ohne Emershofen circa 800 Seelen und ist dem Bezirksamt Neu- Ulm zugetheilt. -SÄMLS--- Zu unseren Bildern Chinesische Mädchenschule. Es gibt kaum ein anderes Land, wo besser als in China für den ersten Unterricht der Kinder, selbst der aus den ärmsten und niedrigsten Familien, gesorgt wäre. Daher kommt es auch, daß die Prozentzahl derer, die etwas lesen, schreiben und rechnen können, daselbst sehr groß ist; doch ist die gewaltige Anzahl der Schriftzeichen — für jeden Begriff ist ein besonderes Zeichen vorhanden — ein Hinderniß, und es giebt schwerlich einen, der sie alle innehat. Das Ünterrichtswesen ist in der Weise ausgebildet, daß jede Provinz einen von dem Gouverneur derselben unabhängigen Generalstudienrektor besitzt, unter dessen Ressort alle Lehranstalten der betreffenden Provinz mit ihrem Lehrer- und Sclmlerpersonal gehören. Dieser Lehranstalten hat jede- Bezirks- oder Kreisstadt mindestens eine. Außer den Staatsschulen befinden sich allenthalben, selbst in kleinsten Flecken und Dörfern, entweder von den Gemeinden unterhaltene Volksschulen, oder es wird durch Privatlehrer Elementarunterricht ertheilt. Ueber das Altherkömmliche freilich erstreckt sick der Unterricht kaum. Nach dem Elementarunterricht gehen diejenigen, welche nach einer höheren Geistesbildung und späteren Anstellung im Staatsdienste streben, in die Jedermann ohne Unterschied des Ranges und Reichthums zugänglichen öffentlichen Lehranstalten über. Anspruch auf Staatsdienst erlangt man durch das Bestehen zweier Prüfungen, die in der Provinz am Orte der Lehranstalt abgehalten werden. Einer dritten Hauptprüfung, die alle 3 Jahre einmal in Peking abgehalten wird, unterziehen sich jene Studirenden, welche die Würde eines Tsinschi oder „vorgerückten Gelehrten", in der Bedeutung etwa dem Doktortitel der abendländischen Universitäten entsprechend, erwerben wollen. Enthalten die Prüfungshöfe in den Provinzen mehrere tausend schmale Hütten, in denen die Prüflinge mehrere Tage und Nächte eingesperrt leben müssen, so ist das mit der höchsten Stufe des Uan-lin oder „Pinselwald" anders, da die betreffende Prüfung in der kaiserlichen Hofburg stattfindet. Obwohl die Inhaber dieser Würde theilweise im Uan-Iin-jüon (der Akademie) Verwendung finden, so sind sie doch auch anderwärts in hohen Aemtern anzutreffen. Den höheren und mittleren Schulen widmet sich in China nur die männliche Jugend; für Mädchen läßt man den Besuch der Elementarschule genügen, in welcher übrigens die Trennung der Geschlechter streng durchgeführt ist. Für Mädchen der vornehmeren Stände hat man besondere Privatschulen, wie wir eine solche auf unserem Bilde vor uns sehen. Die Kinder, deren Füßchen in hölzernen, das Wachsthum verhindernden Futteralen stecken — ein unnatürlich kleiner Fuß gilt als die schönste Zierde der chinesischen Frau — sitzen an getrennten Pulten auf hohen Rohrstühlen ohne Lehne, den Rücken der beaufsichtigenden Lehrerin zugewandt. Zum Schreiben bedient man sich, wie im Leben, so auch in der Schule, des Tuschpinsels, mit-welchem die Schriftzüge nicht in Wagerechten, sondern in senkrechten Reihen auf das Papier gemalt werden. Gänjeltelel als Modell. Ein fremder Herr kam durch das Turf gegangen, und als er der Gänseliesel begegnete, die mit ihren schnatternden Schützlingen gerade auf die große Gemeindewiese hinausziehen wollte, da nahm er die Kleine mit dem sonnverbrannten, entschlossenen Gesichtchen, den schwarzen Ringellocken und den schelmischen Gluthaugen bei der Hand und fragte gar freundlich, ob sie nicht ein halbes Stündlein für ihn übrig habe, damit er sie in sein Skizzenbuch einzeichnen könne. Die Gänseliesel verstand nicht recht, was der Herr damit meinte, auch wollte sie ihre Schützlinge, die bereits gackernd die Hälse reckten und die Köpfe verdrehten, auch mit den gelben Schnäbeln an der Hose des Fremden herumzupften, nicht gerne allein lassen. Als aber der freundliche Herr eine große Dute voll Zuckerbonbons in Aussicht stellte, da überwog der zu erwartende Genuß alle anderen Bedenken, sie vertraute ihre stattliche Gänseheerde prcvisorisch der Obhut ihres Schulkameraden, des kleinen Michel, an, der mit dem Finger im Munde neugierig in der Nähe stand, und führte den Herrn Maler nach dem Hause ihrer Großeltern, denn Eltern hatte die Gänseliesel nicht mehr. Dort mußte sie sich an die Bank stellen und ganz still stehen bleiben, während der fremde Herr mit Bleistift und Pinsel in dem großen Buch herumarbeitete, das er auf den Knieen hielt, und nur ab und zu scharf nach ihr herüber schaute. Der gute Großvater uud die liebe Großmutter hatten ihre helle Freude an dem hübschen Bildchen, das unter der geschickten Hand des Malers entstand und dessen vortreffliche Nachbildung wir heute unseren Lesern vorzuführen in der Lage find. Die Liefet aber bekam ihre versprochene große Düte voll Zuckerkram, und sie war großmüthig genug, auch ihre Kameraden davon kosten zu lassen, obwohl dieselben während der „Sitzung" außen am Fenster gestanden und sie ausgelacht hatten. X cd Arger M 15. Areitag» den 21. Februar 1896. Kür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas Ä Grabherr in Augsburg (Vorbesitzcr vr. Max Huttler). FastettzeLt. Sh. v. E. m, so. Kennst Du den höchsten Schmuck im Christenleben? Er glänzet in der Seele tiefem Grund, Nicht jedem Erdenkind ward er gegeben Und auf dem Markte wird er selten kund; Entsagung heißt das herrlichste Geschmeide An unserm schwer erkauften Tugendkleide, Ritzt auch sein Dorn die Seele todeswund. Wo ein Gemüt mit stillem Leid entsaget Und aufwärts das bcthränte Auge hebt. In seinem Grame nur den Nächten klaget. Beim hellen Lichte froh mit Frohen lebt. Da steigt ein Seraph oft vom Himmel nieder Und bringet den verlor'nen Frieden wieder. Daß es in heiligen Schauern weint und bebt. Auf solchem Pfade siehst Du Jesus wallen, Er war der Königsweg in's obere Land Für alle, die jetzt in den ewigen Hallen Die Krone nehmen aus des Heilands Hand. Als unser Herr gen Golgatha geschritten, Und tausendfaches Wehe ihn durchschnitten, Dem Reich des Vaters er am nächsten stand. Der Weltling mag verzweifelnd in sich wüten Und hadern mit des Schicksals strenger Macht, Als Deine Sonnen leise Dir verglühten. Starbst Du entsagend und bist neu erwacht; Die Frucht entkeimt nur dem durchfurchten Boden, Wirft erst die Welt uns hin zu ihren Todten, Grünt uns der Himmelspalmen schön're Pracht. Adolph Müller. --ss^cs--- Die Astrologen. Historischer Neman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Bcnno. (Fortsetzung.) 10 . Am folgenden Morgen ritt Georg mit Sonnenaufgang von Reichenberg weg. Der Himmel hatte sich über Nacht vollständig geklärt und ein frischer Ostwind den aufsteigenden Nebel verscheucht. Der junge Mann fühlte sich, sobald er das Lager und die Stadt hinter sich hatte wie von einem drückenden Banne befreit. Der Weisung Arnim's entsprechend beschleunigte er seinen Ritt. Am zweiten Tage schon hatte er Lissa erreicht. Stadt und Umgebung wimmelten von friedlän- dischen Truppen, meist Reitern Piccolomini's. Der einbrechenden Dunkelheit ungeachtet beschloß Georg, nicht in dem Durcheinander des Lagers zu bleiben, sondern nach einem der zwischen Lissa und Prag liegenden Dörfer zu reiten, auf die Gefahr hin, daß er dort eine mehr als bescheidene Herberge fand. Eine halbe stünde vor Lissa war er auf eine Gruppe piccolominischer Reiter gestoßen, unter denen sich auch der Lieutenant Martin Kametsch befand. Georg wunderte sich, daß dieser ihm so schnell vorausgeeilt war, dachte aber nicht mehr weiter daran. Als der ehemalige Freund aber in Lissa selbst zuerst auf der Straße und dann in seinem Absteigquar- tier in Begleitung mehrerer anderer Offiziere abermals vor ihm auftauchte, schöpfte er Verdacht. Sollte Ma- rion's Warnung doch nicht ohne Grund sein? Da Fritz Donald und mit diesem Martin ohne Zweifel in Le- ferrier's Bude verkehrten, so erschien es gar nicht unmöglich, daß irgend ein schlimmer Anschlag der Beiden von dem Mädchen entdeckt worden war. So schnell als möglich verließ er deshalb die Stadt. Das Pferd schien die Ungeduld des Reiters zu theilen. Wie ein Vogel flog es dahin, laut klang der dumpfe Hufschlag durch die stille Nacht. Nach einer Weile kam es Georg vor, als treffe ein Echo desselben aus der Ferne sein Ohr. Er hielt sein Pferd an, um zu lauschen, und hörte jetzt deutlich den Galopp heransprengender Pferde. In seinem Geiste wurde es mit einem Schlag licht: Marion hatte es nur zu gut gemeint; sein Geheimniß war verrathen, er wurde verfolgt. Noch verzagte er nicht, denn sein Brauner war ein Renner, mit dem es nicht leicht ein anderer aufnahm. „Ich habe mich mit meiner Ehre verbürgt", murmelte er; „ich halte mein Wort und hinge mein Leben daran." Er spornte das Pferd, und eS flog weiter wie eine Windsbraut. Eine halbe Stunde lang dauerte die tolle Jagd. Georg hatte anfangs einen bedeutenden Vorsprung gewonnen, so daß er von seinen Verfolgern nichts mehr vernahm. Allein sein braves Thier begann allmälig zu ermatten. Die Verfolger kamen näher und näher, schon 110 konnte er die Minute berechnen, in der sekn Schicksal sich entscheiden mußte. Da griff er zu dem letzten Mittel. Er holte das Schreiben aus seinem Koller hervor, zerriß es in kleine Stücke und streute diese in die Luft. Sie wurden vom Wind augenblicklich nach allen Richtungen entführt. Es war die höchste Zeit. In der nächsten Secunde strauchelte sein Pferd und sank in die Kniee; ehe er es wieder emporzureißen vermochte, sprengte einer der Reiter heran, und von einem Schwerthieb getroffen stürzte Georg aus dem Sattel neben sein treues Thier. — In tätlicher Ermattung schloß er die Augen. Er fühlte, wie man ihn durchsuchte, und vernahm ihre Flüche, als ihre Mühe sich vergeblich erwies. 3a er mußte sogar mit anhören, wie ein Reiter im Zorn über die getäuschte Hoffnung den Säbel zog und ihm den Rest zu geben drohte; aber ein Anderer legte sich in's Mittel. Allmälig verwirrten sich seine Gedanken, und eine tiefe Ohnmacht machte ihn empfindungslos gegen alles, was weiter um ihn geschah. Als Georg aus seiner Betäubung wieder erwachte, schien die Sonne durch die trüben Fensterscheiben einer kleinen Stube, wo er auf einem schmutzigen Bette lag. Eine alte Frau, mit Ausbessern von Fischernetzen beschäftigt, saß neben ihm. Er richtete sich ein wenig auf und schaute verwundert um sich. Die Frau hielt in ihrer Beschäftigung inne, legte das Garn weg und betrachtete ihn. 3hr Mienenspiel drückte dabei eine unverkennbare Befriedigung aus. „Dacht' ich's doch", sagte sie, „der Herr werde nicht ewig schlafen; es dauerte wahrlich lange genug. ES ist kaum der Mühe werth, von Euerer Wunde zu reden, und doch liegt Ihr schon zwei Tage so da!" '»„Zwei Tage!" rief Georg bestürzt und schnellte empor; „wo bin ich?" „Gut aufgehoben", erwiderte die Alte trocken; „die Fischer-örigitt hat schon manchen halbverhungerten und verwundeten Kriegsmann, wie Zhr seid, aufgelesen, gepflegt und wieder auf die Beine gebracht. An Gelegenheit fehlt eS just nicht. Das entsetzliche Kriegführen, Morden, Sengen und Brennen hört ja nicht auf." Sie machte das Tuch los, welches ein Stück Leinwand über der Stirne Georg's festhielt. Als sie auch letzteres entfernte, kam eine Narbe zum Vorschein, deren Aussehen eine ziemlich weit vorgeschrittene Heilung bewies. „Es ging ja prächtig", meinte die Frau, indem sie mit den nicht allzu zarten Fingern über die heiße Stirne des jungen Mannes hinstrtch. „3hr seid so gut wie geheilt und braucht die Binde nicht mehr." Georg's Erinnerungsvermögen kehrte allmälig zurück. Die verhäugnißvolle Scene, wo er in so augenscheinlicher Lebensgefahr geschwebt hatte, tauchte in lebendigen Farben vor seinem Geiste empor. Es blieb ihm jedoch zum Verfolgen dieser Gedanken keine Zeit. Nach der Andeutung des Weibes hatte er ohnehin schon zwei Tage versäumt — für die Ungeduld des Herzogs, mit welcher er voraussichtlich erwartet wurde, mehr als genug. „Wo ist mein Pferd?" fragte er. Die Alte zögerte ein wenig, dann nahm sie das Wort: „ES thut mir leid, daß ich Euch wehe thun muß; aber eS ist nun einmal so, und alles Klagen hilft nichts. Euer« Braunen ist es nicht so gut ergangen, wie Euch; er liegt draußen auf der Straße und steht nicht mehr auf." „Todt!" rief Georg, „auch das noch! Wie soll ich nun ..." „Seid nur zufrieden", fiel ihm die Frau in's Wort. „Die Reiter, mit welchen Ihr es zu thun hattet, meinten es nicht so gar böse mit Euch; sie haben eines ihrer Pferde als Ersatz zurückgelassen und in den Schuppen gestellt. Ihr braucht nur zu befehlen und eS steht gezäunt und gesattelt vor Euch. Doch meine ich", fügte sie gutmüthig hinzu, „es kommt auf ein paar Minuten jetzt auch nicht mehr anf. Ihr habt lange nichts mehr gegessen, und bis nach Prag ist's noch weit." „Woher wißt Ihr", fragte Georg, über die letztere Bemerkung der Alten ebenso wie über die Freigebigkeit seiner Verfolger erstaunt, „daß ich nach Prag reiten will?" „Die Reisigen sprachen davon", wurde er belehrt; „sie verhandelten noch verschiedenes Andere, wovon ich jedoch nur wenig verstand. So viel merkte ich aber doch, daß Ihr schwerlich so gut davon gekommen wäret, hätte nicht der Vornehmste unter den Reitern Euch geschützt. Zwei derselben waren namentlich ganz wüthend auf Euch, und der Eine, ein schwarzbärtiger Offizier, hat sich sogar unterstanden, mich durch ein Goldstück in Versuchung zu führen; doch die Fischer-Brigitt weiß, was sie zu thun hat, sie ist ein christliches Weib." „WaS sagt Ihr da?" forschte Georg. „Laßt's gut sein", wich ihm das Weib aus; „bestimmt kann ich Euch nicht sagen, was der Herr eigentlich gewollt hat, und Unrecht thun mag ich ihm nicht." Sie entfernte sich und ließ den Hauptmann mit feinen Gedanken allein. Diese waren peinlich genug. So sehr er auch dagegen sich sträubte, er wurde den Verdacht nicht los, daß es Martin Kametsch gewesen, der eine gegen ihn gerichtete schmachvolle Zumuthung an die Frau gestellt hatte. Aber war eS denn möglich, daß der ehemalige Freund und Genosse so weit sich vergaß? Und der Andere? Fritz Donald? Schon dieser Name weckte eine Art Grauen in ihm. Wenn ihn seine Ahnung nicht trog, mußte er auf der Hut sein; denn der Neffe Leßlie'S war ein gefährlicher Mensch, und wenn Martin je ein Schurke geworden, so hatte die Freundschaft mit Donald ihn dazu gewacht. Die Frau kam mit gerösteten Fischen, Brod und einer kleinen Flasche in die Stube zurück und lud Georg ein, zuzugreifen. Dieser schüttelte die unangenehmen Gedanken von sich und setzte sich zu dem Mahl. Geschirr und Besteck hätten reinlicher sein dürfen; jedoch die Noth und das Knurren des Magens halfen dem jungen Manne darüber hinweg. Nachdem er sich gesättigt hatte, eilte er in den Schuppen und musterte das Pferd, zu dessen Besitzer er in so eigenthümlicher Weise gemacht worden war. Das Thier konnte sich zwar mit seinem guten Braunen nicht messen; aber so viel erkannte der Haupt- mann doch auf den ersten Blick, daß es den Anforderungen für den Nest des Rittes entsprach. Eine Viertelstunde später befand sich Georg, nachdem er die Alte für ihren Liebesdienst reich belohnt hatte, auf dem Wege nach Prag. Ohne weitem Unfall kam er in der Moldaustadt an. Ganz seiner Jnstruc- tion gemäß, stieg er vor dem Quartier Wallenstein's ab. Man schien ihn bereits erwartet zu haben. Ohne daß er sich zu melden brauchte, wurde er unverzüglich vor den Herzog geführt. Hier erstattete er über alles, was seine Sendung betraf, pflichtgctren und ausführlich Bericht. Wallenstein gerieth in maßlose Wuth, als er die Mittheilung über den Vorfall bet Lissa vernahm. Er schien es gar nicht glauben zu können, daß es Piccolo- minische Reiter gewesen, durch welche sein Courrier niedergeworfen und etwaiger Papiere zu berauben versucht worden sei. Er ließ sich durch Georg dessen Wahrnhem- ungen vor und in Lissa, sowie bei dem Ueberfall selbst Wort für Wort wiederholen, und klärte sich durch Zwi- schenfragen über jeden Punkt auf; aber überzeugen, das sah der Hauptmann wohl, ließ er sich nicht. Doch sprach er seine Gedanken und Schlüsse in Gegenwart des Boten nicht aus. Dieser wurde nach Verlauf einer halben Stunde des gnädigsten Wohlwollens versichert und aus dem Zimmer geschickt. In ungeheuerer Aufregung dnrchmaß nach Georg's Entfernung der Herzog den Raum. „Es kann nicht sein, es ist unmöglich", sprach er halblaut für sich. „Georg hat sich geirrt, Piccolomini's Leute waren eS nicht. Dieser Selkow ist sonst ein zuverlässiger Bursche, er besitzt ein scharfes Auge und einen hellen Kopf; aber diesmal hat ihn seine lebhafte Einbildungskraft zweifellos zum Besten gehabt." Wallenstein stellte sich an's Fenster und schaute düstern Blickes hinaus. Wohl eine Viertelstunde lang stand er unbeweglich wie eine Statue; nur der Athem, welcher sich schwer aus der Brust Heraufrang, bewies, daß noch Leben in dem Körper pulstrte. Plötzlich wandte er sich hastig ab und nahm den unterbrochenen Gang wieder auf. Anfangs vernahm man nur die gleichförmigen Schritte; nach einer Weile jedoch kleidete er seine Gedanken in Worte, aus denen zuletzt ein lebhaftes Selbstgespräch wurde. „Aber wer hat den niederträchtigen Streich gegen meine Pläne geführt? Er muß einen Urheber gehabt haben, den eine bestimmte Absicht zum Handeln bewog. Georg behauptet, daß er durchsucht worden sei. Der Ersatz des todten Pferdes durch ein anderes ist eine Thatsache, die sich nicht wegleugnen läßt. Diese beiden Punkte führen nothwendig zu dem Schlüsse, daß der Ueberfall nicht der Person Georg's gegolten, und daß von irgend welcher Seite der Zweck seiner Sendung geahnt worden ist. Lissa selbst und seine Umgebung sind fast ausschließlich von Piccolominischen Truppen besetzt — sollte am Ende Octavio doch . . ." Der Herzog hielt inne. Seine Schritts verkürzten sich, und eine mächtige Bewegung drückte sich in seinem unruhigen Mienenspiel aus. Dann fuhr er fort: „Es ist eine heillose Geschichte. Jener Donald soll sich als Lieutenant bei dem Heere befinden; wenn man ihn faßt, ist der Galgen ihm gewiß. Wie ich ihn hasse, diesen Namen! Die Folgen seiner Verrätherei verfolgen mich wie ein Gespenst. Hätte er seine Schuldigkeit gethan, dann würde der Name Lützen unter den vielen Marksteinen an meiner Nuhmesbahn als der schönste eingefügt sein. Octavio's Empfehlung hat dem Menschen die wichtige Stellung verschafft. Ob nicht bei dem schmählichen Vertranensbruch ein unseliger Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung besteht — auf Kosten der Treue eines Freundes, dem jede Falte in meinem Herzen zugänglich ist? — Nein! Donald war ein tüchtiger Soldat; als solcher nur wurde er von Piccolomini gekannt. Nicht die Empfehlung, sondern ein feindlicher > Dämon hat ihn zum Schurken gemacht. Octavio ist treu! Im gleichen Sternbilds wie ich geboren, ist er durch eine höhere Macht unwiderruflich an mein Schicksal gekettet und kann nicht wider mich sein. Gleichwohl beunruhigt mich die Ahnung einer nahen Gefahr! Fast wäre der brave Selkow seinem Pflichtgefühl zum Opfer gefallen. Das ist sicher, wenn auch manches in seiner Erzählung sich schließlich als Täuschung erweisen sollte. ES muß etwas geschehen! Es gilt entweder rasch zu handeln oder einen Schachzug zu wagen, der das wachsende Mißtrauen gegen meine Pläne zerstreut. Garantien wollen sie? Sind der Name und das Wort des Herzogs von Friedland nicht Garantie genug? Arnim wäre sofort bereit, das weiß ich bestimmt. Der schwedische Reichskanzler aber, dieser schlaue Fuchs, zögert uoch immer; und doch können wir gerade ihn nicht entbehren, wenn ein entscheidender Erfolg erzielt werden soll. Der Einmarsch Feria's mit seinem spanischen Heer ist mir im höchsten Grade fatal. Es ist Wasser auf die Mühle meiner Feinde in Wien, denen dieser Machtzuwachs des Kaisers als eine willkommene Waffe gegen mich dienen wird. Ich muß ihnen zuvorkommen und dafür sorgen, daß man in Wien vor einer vollendeten Thatsache steht. Vor allem aber gilt es, den mißtrauischen Schweden den Werth meiner Person und meiner Machtstellung, die er, wie es scheint, immer uoch unterschätzt, fühlen zu lassen; vielleicht kommt er dann eher zu einem Entschluß!" Er blieb wieder stehen und blickte schweigend auf die Häuser der Stadt. Von der gleichen Stelle aus hatten wohl die^böhmischen Könige einst auf das hun« dertthürmige Prag mit seine» Palästen und das schöne Thal der Moldau geschaut. Wie, wenn die alte Herrlichkeit des königlichen Hoflagers wieder erstände — wenn sein Haupt die Krone schmückte und sein Ohr der begeisterte Ruf des Volkes träfe: „Heil Albrecht, Heil unserm König und Herrn!" Der Herzog hob das Haupt; seine hohe Gestalt schien noch zu wachsen, und die Augen flammten. „Ha", rief er, „warum denn immer das „Wenn" ? Warum träumen, wo das Wollen, wo ein einziges Wort die goldene Wirklichkeit schafft? Bei meinem Sterne — ich will! Das Erbe der Libussa sei mein!" „Und ist erst die Krone Böhmens auf meinem Haupte", fügte er nach einer Pause mit stolzem Selbstgefühle hinzu, „wer will es mir wehren, weiter zu gehen? Wer hat es Cäsar und Alexander gewehrt? Sie erreichten ihr Ziel, sie legten sich Welten zu Füßen, ihr Name klingt als leuchtendes Vorbild für alle Ewigkeit fort. Und doch lagen damals die Bedingungen für sie nicht so günstig, wie in diesem Augenblicke für mich. Mein gefährlichster Rivale, Gustav Adolph, ist todt. Ich weiß, mas er gewollt hat. Um den Bestrebungen deutscher Fürstlein den Stempel eines zweifelhaften Rechtes aufzudrücken, griff der große Mann nicht zum Schwert. Sein Niesengetst verfolgte die gleichen Ziele wie ich. Aber er mußte fallen, weil das Schicksal mich zum Träger seines Willens erkor. Es konnten nicht zwei Planeten in der gleichen Bahn kreisen; einer mußte weichen, eine höhere Macht räumte ihn aus dem Weg. Das ist die Bedeutung des neuen Sternes, der mir so verheißungsvoll am Himmel erschien. Ich will dem Rufe folgen! Das Urtheil der Welt? — Pah! Was frage ich danach, wenn man mich eine Zeit lang verflucht; — 112 ein Stürm im Wasserglase, der nach den ersten glücklichen Schlägen verrauscht. Das Glück ist der Zauberstab, unter dessen wunderthätiger Berührung das Urtheil der Menschen sich bewegt! Sie werden bald bekehrt sein. Sie werden, wie immer, das stolze Gebäude anstaunen, den Ruhm des kühnen Baumeisters preisen, und über der Größe des Erfolges vergessen, mit welchen Mitteln er erreicht worden ist." Durch den Eintritt Seni's wurde Wallenstein in seinen Betrachtungen gestört. Der Astrolog theilte mit, daß soeben eine Anzahl neuer, nach der Anweisung des Herzogs gefertigter astronomischer Instrumente von dem beauftragten Techniker überbracht worden sei. Dieser Nachricht gegenüber trat in dem.Gemüthe des Feldherrn alles andere in den Hintergrund. Er verließ sofort das Zimmer und eilte dem Meister voraus nach dem wie überall so auch hier eingerichteten Observatorium. Wochen und Monate gingen vorüber. Die Waffen ruhten allenthalben, und die Truppen hatten ihre Winterquartiere bezogen. Georg Selkow war von Wallenstein noch zweimal mit Depeschen in das Lager Arnim's geschickt worden. Die Bude Leferrier's fand er bei seinen späteren Besuchen nicht mehr. Die vom Herzog ganz im Geheimen wegen der Vorfälle bei Lissa angestellte Untersuchung verlief vollständig ohne Ergebniß. Niemand wollte etwas davon wissen, und ein Lieutenant Donald existirte in der Armeeliste gar nicht. Dagegen gewannen die Gerüchte über Wallenstein's hochverräterische Umtriebe eine immer bedrohlichere Färbung. Der Wiener Hof war in ernstlicher Besorgniß, obgleich der Herzog einen Bericht dahin gesandt hatte des Inhalts: demnächst werde die so sehnlich gewünschte Eintracht mit dem Kurfürsten von Sachsen wiederhergestellt und dadurch der Weg zum Frieden für ganz Deutschland, sowie zur Vertreibung der Schweden gebahnt sein. Die bezüglichen Unterhandlungen hätten bereits so guten Fortgang genommen, daß man an dem glücklichen Abschlüsse gar nicht mehr zweifeln dürfe. Angeblich um hierbei mitzuwirken, schickte der Kaiser zwei seiner Räthe in's Wallenstein'sche Lager. Der Herzog nahm die Herren auf's zuvorkommendste auf und bewirthete sie fürstlich, gestattete ihnen aber keinen Einblick in die Unterhandlungen, so daß sie unverrichteter Dinge wieder abziehen mußten. Eines aber hatten sie erreicht: sie sahen und hörten Vieles, was dem Argwohn gegen Wallenstein neue Nahrung verlieh. Der Herzog, welcher durch seine gut bezahlten Agenten über die in Wien gegen ihn herrschende Stimmung immer auf dem Laufenden war, erfuhr es bald. Er begriff, daß etwas geschehen müsse, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, daß man ihn vor der geeigneten Zeit zum offenen Hervortreten mit seinen Plänen zwang. Sobald die Witterung es erlaubte, verließ er fein Winterquartier und drang surch die Lausitz gegen Sachsen vor, so daß Arnim trotz der immer noch schwebenden Verhandlungen glaubte, der Herzog wolle durch Waffengewalt erzwingen, was derselbe bis jetzt auf dem Wege der Vereinbarung vergeblich angestrebt hatte. Er trennte sich von den Schweden und eilte nach Sachsen, um die Heimath zu schützen. Wallenstein aber hatte nicht ihm, sondern den Schweden eine Lection zugedacht. Ehe man sich'S versah, kehrte er nach Schlesien zurück, überfiel die Schweden bei Steinau und nahm das ganze Corps nebst dem Führer gefangen. Statt jedoch letztem, den alten Grafen Thnrn, der durch den Sturz der böhmischen Statthalter Martinktz und Slowata aus dem Fenster des Präger Schlosses den ersten Anstoß zu dem unselige» Kriege gegeben, nach Wien zu schicken, gab er ihm nach wenigen Tagen schon die Freiheit und brachte den ernstlichen Vorstellungen des Kaisers gegenüber als Entschuldigung vor, daß dieser sinnlose Mann an der Spitze schwedischer Truppen dem Kaiser einen viel besseren Dienst leiste als im Kerker. Das vollständige Unterlassen jeder Entschuldigung hätte ihm ohne Zweifel weniger geschadet, als diese Ausflucht. „Den Schweden", argumentirte man, „sind Wallenstein's verrätherische Pläne bekannt. Der Friedländer fürchtet, der Gefangene könnte in Wien Geständnisse machen, und um dies zu verhindern, ließ er ihn frei." — Ueberhaupt lieferte Wallenstein nachgerade nicht nur seinen Widersachern zu ihren Anklagen reichlichen Stoff, sondern ließ sich Handlungen zu Schulden kommen, in Folge deren er allmälig auch anderswo den Nimbus eines kaiserlichen Paladins wie den Ruf eines Beschützers der katholischen Sache verlor. Die Stadt Negensburg schwebte in Folge des Herannahens Bernhard's von Weimar tn großer Gefahr. Kurfürst Maximilian beschwor den Friedländer, ihm schleunigst Hilfe zu schicken; dieser aber gab die wie Hohn klingende Aeußerung ab: es sei dem Herzog mit seinen Angriffen nicht ernst, und nahm, ohne im Geringsten um den Kurfürsten sich zu kümmern, sein Hauptquartier in Pilsen. Selbst die bestimmtesten Befehle des Kaisers, die verlangte Unterstützung zu gewähren, beachtete er nicht. So kam es, daß nicht nur Regensburg siel, sondern Bernhard von Weimar an der Donau festen Fuß fassen konnte und mit seinen Schaaren über ganz Bayern sich ergoß. Ueber diese unerhörte Rücksichtslosigkeit war Maximilian im höchsten Grade aufgebracht. Er ließ dem Kaiser eine Zusammenstellung aller Beschwerden gegen den Ober-Feldherrn überreichen. Ferdinand nahm die Anklageschrift entgegen, kam aber zu keinem Entschluß. Da wurde er von Wallenstein's Unterhandlungen mit Frankreich und Schweden durch den Herzog vou Savoyen offiziell in Kenntniß gesetzt. Das war die Entscheidung. (Fortsetzung folgt.) -—- Venezuela unter der Familie Welser. Von Professor Dr. Arthur Kleinfchmidt (Heidelberg). (Schluß.) Karl V. verfügte 6.Aug. 1534 dieAnszahlung aller von der Staatskasse an Ambrostns noch schuldigen Emo- lumente an seinen Nachfolger Jedermann. Da aber trafen im Herbst 1534 zwei Abgeordnete aus Venezuela, Luis Gonzalez de Leiva, einst des Ambrostns treuer Freund, und Alonso de la Llana in Madrid ein und brachten zahllose Beschwerden gegen die Amtsführung des Ambrosius und seiner Stellvertreter, auch Federmanns, mit; sie forderten geradezu, die Welser sollten die Herrschaft in Venezuela verlieren oder wenigstens nur noch Spanier dort ins Amt setzen. Mit Federmann's Regentschaft wurde es nichts, die Welser riefen ihn schleunigst von Sevilla zurück. Der Indien-Rath und die Venezolaner Depntirten suchten Karl V. dahin zu bestimmen. 113 daß er den Weisem befehle, nur Spanier an die Spitze der Verwaltung der Kolonie zu stellen; dem aber hätten sich die auf des Kaisers Gunst und auf ihr Geld pochenden Augsburger Kaufherren niemals gefügt. Karl V. brauchte wieder Geld, und so kam es zu einem neuen Vertrage. Die im November 1532 mit ihren Nachkommen geadelten Brüder Bartholmä und Anton erhielten am 1. März 1535 mit Rücksicht auf die für die Colonisation gebrachten Opfer auf Lebenszeit alle einst Ehinger und Sailer zuertheilten Rechte; hiergegen gab die Krone die Schifffahrt nach Venezuela jetzt frei, der Gouverneur sollte sich streng an seine Instruktionen halten und sich der Kontrole der königlichen Beamten fügen u. f. w. Dem Georg Ehinger, der so frech in Venezuela aufgetreten war, wurde verboten, je dorthin zu kommen, hingegen wiederum ein Deutscher, Georg Hohermuth auZ Memmingen, der längere Zeit in Speyer gelebt (Jörge de Spira), am 28. Januar 1535 vom Könige als Gouverneur bestätigt; er erhielt alle Befugnisse, die Ambrosius gehabt. Georg landete mit 600 Mann, darunter Feder- mann, der mit Welser verwandte Hans Vöhlin, der Edelknabe Philipp von Hütten und sein Ulmer Freund Hans Lebzelter, bereits am 6. Februar vor Coro und ließ sich huldigen. Dem allgemeinen Rufe nach Beute Rechnung tragend, trat er im Mai eine Expedition inS Innere an, verlor aber unter Strapazen ohne Gleichen einen großen Theil seiner Leute, ohne El Dorado zu finden, und sah sich, als er in die Nähe des Warane n- Stroms gelangt war, im April 1537 zur Heimkehr genöthigt. Mittlerweile war der unruhige Jedermann ausgezogen, um am Cabo de la Vela eine Kolonie zu gründen, fand aber die Gegend nicht lohnend genug, handelte nun ganz auf eigene Faust, zog nach Neu- Granada, bereicherte sich nach Kräften und reiste dann 1539 nach Antwerpen ab; die Welser strengten einen Prozeß gegen ihn wegen Unterschlagung an, er antwortete mit der Beschuldigung, sie Hütten fortgesetzt den Staatsschatz betrogen, und starb bald darauf in Genf. Am 27. Mai 1538 traf Hohermuth mit den Resten seiner Expedition in Coro ein, seine Beute war gering, er mußte Unterstützung aus Sau Domingo erbitten, und dort wollte man ihm nicht wohl. Die Audiencia hatte der Verwirrung in Venezuela halber Navarro zur Untersuchung abgeschickt und Hohermuth fuspendirt; doch hielt die Bevölkerung unbeirrt zu ihm, er war auch bei den Soldaten beliebt und Navarro, mußte unverrichteter Dinge im August 1538 wieder abziehen. Die Audiencia hob die Untersuchung gegen Hohermnth auf und ernannte den Bischof Bastidas zu seinem Stellvertreter, falls er noch nicht wieder in Coro sei. Bastidas verständigte sich rasch mit ihm, und von Neuem gingen verheißungsvolle Berichte an den Kaiser und die Welser ab. Philipp von Hütten ging mach Bariquicianto, um eine dauernde Ansiedelung zu gründen und Coro zu entlasten, verließ aber jenen Ort, sobald er von dem im November 1540 in Coro erfolgten Tods Hohermuihs hörte, der allgemeine Trauer hervorrief, und wurde vom Bischofs im Dezember zum Generalkapitän ernannt und vom Kaiser 1541 bestätigt; zum Landeshauptmann, Gouverneur machten ihn die Welser aber nicht. Sie waren höchst unzufrieden mit ihren Statthaltern, das amerikanische Unternehmen warf nicht ab, was sie erwarteten, die Faktorei in Sän Domingo kränkelte, das Comptoir in Coro kam nicht in die Höhe, kein Bergbau und keine Perlenfischerei gedieh, kein Gold- land fand sich, aber ihr Gold ging auf Nimmerwiedersehen bei den Expeditionen darauf, die Krone erkaltete in ihrer Freundlichkeit. Um fortan ihre Interessen besser gewahrt zu sehen als bisher, sandten sie Barthol- mäs ältesten Sohn und einstigen Erben ihres Welthauses, Bartholmä Welser, nach Coro, wo er im März 1541 landete und sich dem biederen Hniten warm anschloß. Hütten unternahm gleich darauf „im Namen kaiserlicher Majestät und der Herren Welser" einen Beutezug, der El Dorado suchte, aber völlig scheiterte. Unterdessen jammerten die Welser bei der Audiencia in Sän Domingo, Venezuela trage ihnen bis jetzt gar keine Früchte, und Hütten suchte sich unter tausend Entbehr- angen den Heimweg. Die Audiencia in Sän Domingo griff nun abermals in die ungeordneten Verhältnisse der Kolonie ein und schickte Juan de Carvajal als provisorischen Statthalter dahin, ohne auf Hütten und die Weiser Rücksicht zu nehmen. Carvajal gab Coro ganz preis, gründete im Tokuyo-Thale eine Stadt und lockte Hütten und Welser hinterlistig 1546 hierhin; es kam zum Kampfe mit ihnen, da Hütten seine Bestallung nicht aufgeben wollte, zu einem erlogenen Frieden in Quibor; in einer Schlucht des Carora-Gebirgs jedoch überfiel Carvajal Beide, nahm sie gefangen und brachte sie in Ketten nach Tokuyo, wo in der Charwoche (April 1546) ein Neger sie mit seinem Messer enthauptete; ihre Leute entrannen. Der neue Untersuchungsrichter Juan Pärez de Tolosa gönnte aber dem tyrannischen Carvajal seinen Triumph nicht, ernannte seinen eigenen Bruder Nlonso zum Generalkapitän, überfiel Carvajal in Quibor und ließ ihn an derselben Stelle enthaupten, wo er Hütten und Welser hingerichtet hatte. Mir des jungen Welser tragischem Ende verlor sein Haus die Lust an weiterer Kolonialpolitik, es blieb zwar noch rechtlich im Besitze von Venezuela und ernannte 1550 einen neuen Statthalter, aber 1655 führten neue Streitigkeiten zu^lnem Prozesse mit der spanischen Krone, und diese nahm den Welser das Land weg; ihre und der Deutschen Rolle in Amerika war ausgespielt. SMers Landesherr im Kloster Oberelchüigcn. Von Loren; Werner. (Schluß.) Es ist zu unsern Zwecken unerläßlich gewesen, diese Personalschilderungen zu geben; sie sind der Nahmen, in welchem das kleine Knlturbild, das wir zeichnen wollen, erst zu seiner Geltung kommt. Bloß wenn wir Charakter, Denk- und Eefühlsweise der mithaudelnden Personen kennen, erhallen wir das richtige „Milieu" für unsere Episode, zu deren Schilderung wir zurückkehren. Dr. Herkules hatte also pflichtschuldigst das Ereignis; signalisiert, welches dem Kloster bevorstand und für den Nnf desselben von unabsehbarer Tragweite werden konnte. Lassen wir nun unserm Tagebuchschreiber oder besser Chronisten das Wort: „In welche Bovegung bei uns Alles versetzt wurde, läßt sich leichter denken als schreiben. Man säuberte alle Ocrter, man ranmbte überall auf, die Musikanten — 114 — richteten sich zu schönen Stücken; es wurden Prediger Befielt und für viobualidus Boten ausgeschicket. Um 6 Uhr kam ein Bote von der Wcsterstetier Post mit einem Brief, und da wäre nun förmlich angezeigt, daß der Herzog kommen werde. Er verlange etwelche ganz moralische Reden und, wenn man ihn mit etwas Angenehmen überraschen will (sicrt), so solle man ihm etwelche — Soldaten schenken. Also schrieb Hr. Mylius, Obristleutnant in Stuttgart und Marschkommissarius an unsern gnädigen Herren (den Abt). Jetzt war der Lärm noch ärger, man schrieb abermals nach Ulm, um noch etwas Näheres von dieser Reis' zu erfahren, man machte alle Anstalten zu dem Empfang." Der Verfasser des Tagebuches selbst war es, der als Prior mit der Aufgabe betraut wurde, der herzoglichen Durchlaucht auf eine Strecke entgegenzukommen und Hochdieselbe im Namen „des Herrn Neichsprälaten" zu begrüßen. Früh 6 Uhr fuhr U. Beneditt mit dem Herrn Consulenten vom Stifte in einer Kutsche ab, begleitet von sechs Reitern, deren Pferde dem Herzog aus Wunsch zur Verfügung gestellt werden sollten. Um 10 Uhr traf er auf einen Kavalier des Herzogs, dann auf einen Kurier, welcher Kammerdiener desselben war, beide zu Pferde. Eine Viertelstunde daraus erschien Serenissimus selbst mit Gemahlin, in einer Lspänuigen Eqni- page gefahren. — Die „Gemahlin" war die liebenswürdige Franziska von Hohenheim, geb. von Vernardin, die wir aus der Jugendgeschichte Schillers bereits kennen, und mit welcher der Herzog seit 1776 morganatisch vermählt war. Die Hoheiten stiegen nicht aus dem Magen, nahmen aber die 6 Pferde an („das etwas Ungewöhnliches sein soll, indem er sonst von Niemandt Pferd annimmbt") und ließen sie einspannen. In der Begrüßungsrede empfahl der Prior seinen gnädigen Herrn „Jhro Durchlaucht unterthäuigst zu höchsten Gnaden". Er, der Prior, sei geschickt worden, die höchste Freude Oberclchiugens über den Besuch auszudrücken und zu Dero höchst beglückten Ankunft zu gratulieren. Auch wolle er im Namen des Hauses vorläufig unterthäuigst abgcbeten haben, daß dasselbe die höchste Person nicht nach Würdigkeit empfangen könne, wiewohl alles geschehen werde, um zeigen zu können, „daß wir seyen Jhro herzogliche Durchlaucht unterthänigste Diener und Knecht." Lassen wir den Berichterstatter selbst weiter erzählen : „Mit welchem Schrecken ich diese Worte gesagt, kaun ich nicht genugsam austrücken; das weiß ich noch, daß ich die erste Konstruktion ganz zitternd vorgebracht, das klebrige aber ganz keck solle gesagt haben und zwar so, daß ich niehmahl angestoßen habe. Der Herzog dankte entgegen, fragte verschiedene Sachen und, nachdem er mich 3 mahl hatte (den Hut) aufsetzen heißen, setzte ich aus und diskurierte mit ihm einige Minuten, bis er weiter fuhr. Zu Dornstadt in dem Schosee (Chaussee-) Hans stieg er aus und trank Chokolade. Indessen wurden die Weg von den Bauern zurccht gemacht, nud Herr Mylius kam in Clching um 10 Uhr an, aus welchem man Alles erfragte, was dem Herzog Beliebiges erwiesen werden könne. Um 1 Uhr kam derselbe an; man empfing ihn mit Böllerschüssen, und alle Glocken läuteten zusammen. Der ganze Konvent war bei der Porten in klocois und begleitete ihn und seine Gemahlin (mehr Lenih hatte er nit bei sich) in das obere Zimmer, wo unser L. R. das Complimcut in korma machte." „Bald nach dem Empfang ging man zur Tafel, bei welcher Fleisch und Fastenspeisen aufgetragen wurden, wiewohl es Samstag war. Es wurde auch eine Musik außerhalb des Tafelzimmers produziert, die aber schlechten Beifall fand. Man saß bei der Tafel 2 Stund; Nevereudissimus saß dabei im Mantel, den er, so lauge die Hoheiten anwesend waren, nie ablegte. Aller Discurs, den sowohl der Herzog als die Herzogin (oio) führten, war gelehrt: Von der Physik, von der Medizin, itorn ascetische Diskurse „von dem Gcöott der Liebe der Feinde," von klösterlichen Uebungen n. s. w. Nach der Aufhebung der Tafel ging der Zug in die Kirch, welche Beide höchste Personen sehr belobt haben. Bon der Kirch ging man in die Bibliothec, darinnen sie eine außerordentliche Kenntniß der Bücher zeigten. Sie hielten sich schier eine Stund in der Bibliothec aus, alsdann führte man die Hoheiten in das Refektorium, allwo k. Meinrad — (der Nämliche, dessen fragwürdige schriftstellerische Thätigkeit schon oben Erwähnung fand) eine zierliche Anrede hielt. (Es war sein Lieblingsthema:) „Ueber die wahre und falsche Aufklärung." Besagter Pater übergab auch dem Herzog 2 Büchlein, eine iUiöos von der Aufklärung, die er selbst gemacht. Nach jener Red bestieg ?. Nomanus die Kanzel und hielt eine Rede von der „Liebe Gottes." Die Komposition war aus Lavater; fand nit allen Beifall. (Herzog Karl Eugen war infolge Konversion seines Vaters Katholik.) Ungeachtet dessen hörten doch beide Hoheiten diesen Neben zu, die etwa 1 Stund gedauert. Alsdann besahen sie sich unser nrmarium auf einige Aligenblicke, wo zwei Experimente der Elektrizität exhi- biert wurden. Alsdann setzten sich die Hoheiten iin- msciiabs in die Kutsch und fuhren um 5 Uhr nach Ulm, mit unsern Pferden dahin geführt, dereutwcg der Kutscher 3 Karoliu oder 33 Gulden zum Trinkgeld bekam. Für unsre Dienerschaft war mir ein Paquet verbelschierter 12 Karolin zum Trinkgeld gegeben, wahrhaft königlich. Man übergab auch dem Herzog zwei Soldaten von uns zu einem angenehmen Präsent, die er mit Freuden auf- und annahm." Herzog Karl hat aber in der Folge noch auf andere Weise bekundet, daß er mit seinem Besuche des Benediktinerstifles zufrieden war. Schon von Ulm aus erließ er ein Schreiben, in welchem er seinen Dank für alle in Elchiugen empfangenen Ehren, sowie seine Zufriedenheit mit der genossenen Aufwartung aussprach. Und uni zu zeigen, daß dies nicht eine bloße Formalität war, erfolgte kurz vor Jahresschluß aus der Residenz ein zweiter Bries, in welchem der Ncisemarschall Mylius den Dank Seiner herzoglichen Durchlaucht wiederholte und dem Herrn Prälaten ein in Saffian gebundenes Buch übersandte, welches die für die katholische Hof- kapelle in Stuttgart bestimmten Gebete und Gesänge enthielt. Unzweifelhaft war dies eine Auszeichnung, nachdem man weiß, welch scharfblickender Beobachter und Menschenkenner der Fürst war. Aus ein drittes und viertes Schreiben hin machte Abt Robert im Oktober des nächsten Jahres eine Gegenvisite in Stuttgart, wobei er mit allen Ehren empfangen wurde. Daß man in Elchingen diese Auszeichnung, insbesondere aber die Ehre des herzoglichen Besuches wohl empfand, ist selbstverständlich. Der Prior bemerkt in seinem Diarium unterm 17. Dezember 1785: „Dieser Tag wird für Clching unvergeßlich sein, da es gewis etwas 115 Selleries ist, daß ein so großer Herr einem Prälaten eine Visite macht, oder aber wunderlich ist, wie eben dieser Herr an einen Ort Hinreisen wag, wo so wenig Rechtes zu sehen ist. Die ganze Affaire ist nach Augsburg geschrieben und den Zeitungen einzuverleiben schon Vorsorge getroffen worden." So wenig sich die Elchinger Herren von 1785 erklären konnten, was den Herzog Karl zu der Reise veranlassen mochte, so klar dürfte dies für die jetzigen Leser des Diariums sein. Was ihn hiezu bewog, war, al gesehen von der Zerstreuung, welche eine jede Reise an sich schon mitbringt, wohl das außerordentliche Interesse,- welches der Herzog für alle Erscheinungen des Lebens, seien es auch die zwischen Klostermanern, stets bekundete. Wenn wir auch nicht nach dem urtheilen könnten, was uns aus der Geschichte von ihm bekannt ist, so dürfen wir dies aus der Theilnahme schließen, die er bei feinem Aufenthalte iu Elchingen an den rhetorischen Vortrügen und an den größeren und kleiner n Sehenswürdigkeiten nahm, besonders aber aus der Art der Unterhaltung, die er und seine Gemahlin, nach den Berichten des Priors selbst, mit seinen geistlichen Gast- freunden pflog. Welche Gedanken dem Herzog doch wohl durch den Kopf gegangen sein mögen, als er den Benediktiner im Refektorium über Aufklärung reden hörte? — Karl war zweifelsohne ein aufgeklärter Mann. Ob aber jene Aufklärung, die dort als die wahre bezeichnet wurde, genau die des Gründers der Karlschnle war, wer kann es sagen? Der Herzog hatte zwar dem Dichter der „Räuber" verboten, etwas Anderes als Fachwissenschast- liches zu veröffentlichen, und dadurch sein Landeskind, das damals, im Jahre 1785, gleichsam als Flüchtling in Dresden weilte, aus der Heimath vertrieben. Allein wir dürfen annehmen, daß er eS wenigstens mit Förderung der Wissenschaft ernst meinte und daher ein Freund der Aufklärung in des Wortes bester Bedeutung war; vermuthlich befand sich hiemit auch 1?. Meiurad im Einklang. Im Jahre 1793 konnte Friedrich Schiller es wagen, seine Lieben in der Heimath zu besuchen, und verweilte in der That unangefochten mehrere Monate daselbst. Um die gleiche Zeit, während des Aufenthalts, starb sein Landesherr, Herzog Karl von Württemberg. Zehn Jahre darauf büßte auch das eigenartige Gemeinwesen, das dessen Interesse erregt hatte — und uns Modernen fast fremd geworden ist, in das wir aber durch das Tagebuch des fleißigen und verständigen Chronisten einen Einblick thun konnten, — seine Existenz ein und trat infolge der Säkularisation vom Schauplatz der Geschichte ab. Nur die Kirche thront noch stattlich auf der Höhe und beherrscht in ihrer freundlichen Gestalt weit und breit die Gegend. - «- - Unterrichlsüriefe zum Verständniß meteorologischer Berichte. ^ Nachdruck v-rboieu. Gewiß erinnern Sie sich aus der Studienzeit des bekannten Experimentes mit der Luftpumpe. Verdünnt man die Luft im Recipienten, so haftet derselbe durch den Druck der auslastenden Luft fest am Teller. Das ist zugleich der einfachste und klarste Beweis für die Schwere der atmosphärischen Luft. Gemessen wird nun der Druck der Luft durch die Barometer, sei es das Quecksilber-Barometer oder das Aneroid. Das erstere stellt uns eine communi- cierende Röhre dar, deren einer Schenkel geschlossen und luftleer ist, deren anderer Schenkel aber offen steht. Gleichgewicht herrscht in den Flüsstgkeitssäulen einer kommunicierenden Nähre erst dann, wenn beide Säulen unter demselben Drucke stehen. Die beiden Quecksilbersäulen im Barometer sind aber sehr ungleich hoch. Die in dem geschlossenen Schenkel ist viel höher als die in dem offenen, und dennoch stehen sie im Gleichgewichte; iu dem offenen Schenkel muß somit ein weiterer Faktor wirksam sein, und das ist die Luft. Es entspricht also der Ueberschuß der Quecksilbersäule im geschlossene» Schenkel dem Gewichte nach genau der Luftsäule, welche auf dem Niveau der Quecksilbersäule im offenen Schenkel lastet. Unter Barometerstand versteht man also den Druck der Luft. Beim Aneroid ist dasselbe Agens thätig, nur ist es hier eine luftleere Blechkapsel mit elastischer Wand, wodurch der Druck gemessen wird. Der Druck der Luft ist aber veränderlich erstens nach ihrer Dichte und zweitens nach der absoluten Höhe des Standortes. Die Dichte der Luft ändert sich hauptsächlich in Folge ungleicher Erwärmung und der auf- und absteigenden Strömungen. Tritt an einem Orte eine niedersteigende Luftströmung auf, so wird sich dort die Luft verdichten, sie wird schwerer werden, stärker auf das Quecksilber in dem offenen Schenkel drücken, und daS Barometer wird steigen. Stellt sich hingegen ein aufsteigender Lufistrom ein, so wird das Gegentheil eintreten; die Luft wird verdünnt und leichter, der Druck aus das Quecksilber (resp. auf die Blechkapsel) geringer, und das Barometer wird fallen. Der Barometerstand ändert sich aber auch nach der absoluten Höhe des Standpunktes, denn je höher man steigt, desto kürzer wird die Luftsäule, welche auf das Barometer drückt, je tiefer man aber kommt, desto länger wird die auslastende Luftsäule; daraus ergibt sich folgerichtig, je höher der Standpunkt des Barometers, desto niedriger der Barometerstand und umgekehrt. Mit einem empfindlichen Aneroid kann man sich von diesem Gesetze durch daS Experiment überzeugen, schon wenn man im Hause aus ebener Erde sich in den ersten oder zweiten Stock begibt. Die Höhe oder richtiger die Länge der von der Luft getragenen Quecksilbersäule wurde früher in Zoll angegeben, heute wird sie in Millimeter angegeben. Die Skala am Aneroid ist nur empirisch der Skala am Quecksilber nachgebildet. Zeichnet man daS ganze. Jahr hindurch täglich den zu einer bestimmten Stunde beobachteten Barometerstand auf, addirt dann die erhaltenen Zahlen und theilt die Summe durch die Zahl der Beobachtungen, also durch 365, so erhält man das Jahresmittel des Barometerstandes für den Beobachtungsort. Es gibt auch ein Tagesmittel, Wochenmittel u. s. w. DaS Tagesmittel würde ich z. B. erhalten, wenn ich morgens, mittags und abends beobachte und die Summe der abgelesenen Stände durch 3 dividiere. Wenn jedoch von Mittel schlechtweg gesprochen wird, so versteht man immer das Jahresmittel Das Jahresmittel ist nun für das Meeresniveau 760 mw. Natürlich ändert sich dieses Mittel für verschiedene Höhenlagen. Aus dem eben angegebenen, durch viele Beobachtungen gewonnenen und viel- — 116 fach controllierten Mittel für die Meeresoberfläche läßt sich durch eine einfache Rechnung das Mittel für andere Höhenlagen finden. Die Erfahrung hat nämlich gezeigt, daß bei ungefähr 10 ur Höhenunterschied der Barometerstand um 1 mm differiert; liegt somit ein Ort 10 ur über dem Meere, so ist sein Barometermittel um 1 nun niedriger als am Meere, also 759; liegt ein Ort 100 na über dem Meere, so ist sein Barometermittel 750. Salzburg liegt 400 ur über dem Meere, sein Barometer- mittel ist somit 760—40— 720 nun; das Lechfeld liegt beiläufig in 500 ur absoluter Höhe, das Barometermittel beträgt somit 710 umr; das Todte Meer liegt circa 400 na unter der Meeresoberfläche, sein Barometermittel macht somit 800 mm. Einen Barometerstand über dem Mittel nennt man Hochdruck, einen solchen unter dem Mittel Depression oder Luft Wirbel; der Mittelpunkt des Hochdrucks ist das Barome termaximum und der Mittelpunkt des Lustwirbels das Barometerminimum. II. Nicht vom absoluten Barometerstand hängt die Wetterbeurtheilung ab, sondern vom Stande über oder unter dem Mittel. Soll nun die Angabe der Barometerhöhe für diese Beurtheilung nicht illusorisch sein, so müssen diese Angaben auf ein und dieselbe Höhenlage reduciert sein, d. h. es muß ihnen ein und derselbe Höhenstandpunkt zu Grunde liegen. Nach einem allgemeinen Uebereinkommen werden die für weitere Kreise bestimmten und für öffentlichen Gebrauch ausgegebenen Barometerdaten auf das Meer es niveau reduciert. Daraus erklärt sich die Differenz Ihres Aneroides mit den veröffentlichten dteßfallsigen Daten. Wollen Sie eine beiläufige Uebereinstimmung herstellen, so müssen Sie das Aneroid beim Mittelstände auf 760 stellen, oder Sie müssen sich das Aneroid nach einem guten Quecksilber- barometer nach Ihrer Ortslage einrichten und dann jedesmal so viel urui zuzählen als der zehnte Theil der in in ausgedrückten absoluten Höhe Ihres Ortes betrügt. Nehmen wir an, Sie befinden sich 600 w über dem Meere; das Barometermittel ist in diesem Falle 760—60— 700 mrn. Nun findet sich im Wetterberichte die Angabe: „über Bayern ein Hochdruck von 770 nun«; ist Ihr Aneroid für die angegebene Meeres- höhe richtig eingestellt, so muß es in diesem Falle 710 nun zeigen; lautet hingegen die Angabe für ihren Wohnort im Wetterberichte auf eine Depression von 750 will, so muß das Aneroid 690 wm zeigen. Es bleibt noch die Frage zu beantworten, wie hängt das Wetter mit dem Barometerstands zusammen? Sehr einfach. Wie das Wasser von oben nach unten fließt, so fließt die Luft vom Hochdruck zum Wirbel, und so müssen von der dichteren Luft zur dünneren Strömungen entstehen; denn in Folge der absoluten Verschiebbarkeit der Theilchen sucht die Schwerkraft nach jeder Störung die Gleichgewichtslage wieder herzustellen. Doch ziehen die Luftläufe nicht in der Verbindungslinie der beiden Mittelpunkte, also nicht in der Geraden vom Mittelpunkte des Hochdruckes zum Mittelpunkte des Wirbels, sondern sie gehen vom Rande des Hochdruckes aus, und zwar von jenem Rande, welcher, wenn man sich gegen den Hochdruck wendet, rechts liegt. Dieses Gesetz hängt mit der Drehung der Erde und mit der Entstehung des Hochdruckes zusammen; eine Begründung desselben würde hier zu weit führen. Seine Anwendung hingegen bereitet keine Schwierigkeiten. Gesetzt den Fall, es liegt über Skandinavien ein Hochdruck, über Italien ein Luftwirbel, so muß über Deutschland eine nördliche und nordöstliche Luftströmung herrschen. Im Winter wird eine solche Constellation strenge Kälte mit wenigen Schneefällen, im Sommer warme heitere Tage und kühle Nächte bringen. Unter dem Zeichen dieser Constellation stand zumeist die Kälteperiode im Winter 1894/95. Liegt der Hochdruck im Osten, die Depression im Westen, so werden die trockenen Winde der gewaltigen asiatischen Lander- massen den Witterungscharakter bestimmen; dies war der Fall des so überaus trockenen Sommers 1893; hat der Süden Hochdruck, der Norden Depression, dann tritt im Winter Thauwetter, im Sommer Schwüle mit starker Gewitterneigung ein; steht endlich der Hochdruck über dem atlantischen Ocean, die Depression über Ungarn oder Südrußland, dann gibt es bei uns starken Regen oder Schneefälle. Je größer die Differenz zwischen den beiden Extremen, desto heftiger und stürmischer der Ausgleich, wobei allerdings auch die Bodenbeschaffenheit und der lokale Abstand der Gegensätze in Betracht kommt. Daß diese einfachsten Fälle durch Zwischenstellungen und Unterströmungen kompliciert und modificiert werden, versteht sich von selbst. Aber nicht hierin liegt die Hauptschwierigkeit der Wetterprophrzcinng, sondern in dem Umstände, daß Hochdruck und Wirbel wandern und daß man die Gesetze dieser Wanderschaft bis heute noch nicht zu formulieren im Stande war. In den Wetterberichten kommt auch der Ausdruck „Lufteinsenkung" vor. Es ist das eine Luftauflockerung von geringerem Umfange und untergeordneter, mehr lokaler Bedeutung meist in einem Hochdrucke, welche sich gewöhnlich in ziemlich raschem, aber nicht anhaltendem Barometersturz bemerklich macht. Wollen Sie eingehendere Belehrung über den gegenwärtigen Stand der meteorologischen Kenntnisse, so empfehle ich Ihnen daS Studium deS sehr gediegenen Werkes: Abercromby, das Wetter, aus dem Englischen übersetzt von Professor Pernter in Innsbruck (Verlag: Herder, Freiburg im Breisgau. 7 Mark). Vgl. Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt. ----S-WSS-- « 16 . „Augsburgrr Postzritung". Dinstag, den 25. Februar 1896 . Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburgs Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von HaaS Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Die Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Benno. (Fortsetzung.) 11 . Im Zimmer des Friedländischen Generals Grafen Octavio Piccolomini stand der Hauptmann Georg Selkow. Der General, ein stattlicher Mann mit schon ergrauendem Haar und durchdringendem Blick, ließ seine Augen mit eigenthümlichem Ausdruck auf dem jungen Manne ruhen; dann bot er ihm einen Sessel und nahm ebenfalls Platz. „Ich bin bis jetzt", begann er, „mit Euch noch niemals in nähere Berührung gekommen, und auch Ihr kennt mich blos als General. Ihr seid deshalb wohl einigermaßen erstaunt über die Bestellung zu mir. Ihr werdet gleich erfahren, was mich hierzu bewog. Ich befand mich heute Morgen beim Herzog, und es wurde von Euch gesprochen. Der Name Selkow fiel mir auf; er lenkte meine Gedanken auf Ereignisse und Zeiten zurück, die demselben von meiner Seite ein Andenken sichern, das erst mit meinem Leben erlischt. Daher bestimmte ich auch den Herzog, einen Beschluß rückgängig zu machen, der Euch für den Augenblick vielleicht mit Stolz und Freude erfüllt, später aber ohne Zweifel in unheilvolle Verwickelungen gebracht hätte. Wollenstem sprach nämlich die Absicht aus, Euch mit geheimen Aufträgen nach Paris an den König von Frankreich zu schicken. Ein ehrenvoller Auftrag, nicht wahr? Und doch habe ich den Herzog veranlaßt, für dieses Geschäft einen Andern zu wählen, nachdem ich das Nähere über Euere Herkunft und Euern Charakter erfuhr." Piccolomini schaute dem jungen Mann fest in's Gesicht. „Ja, mein Sohn", fuhr er fort, „um diese Ehre seid Ihr durch mich gebracht worden, obgleich ich Euch von Herzen zngethan bin. Damit Ihr mich verstehet und mir in allem Euer volles Vertrauen schenket, muß ich eine Geschichte erzählen, die sich ereignete, als Ihr das Licht der Welt noch nicht erblickt hattet. Es war einige Tage nach der denkwürdigen Schlacht bei Lepanto, wo Don Juan d'Austria durch seinen glänzenden Sieg den osmanischen Uebermuth brach. Ein ungeheuerer Jubel herrschte unter den Christen; denn die Türken hatten schon seit langer Zeit alle Küstengebiete des Mittelländischen und Adriatischen Meeres in Schrecken versetzt. Nun glaubte man sie für immer verjagt. Einige Offiziere gingen eines Abends mit ihren Familien an der dalmatinischen Küste spazieren. Die Frauen und Kinder schritten voraus. Ein Olivenwäldchen, das man sich als Ziel der Wanderung gesteckt hatte, war fast erreicht, da brach aus demselben plötzlich eine Schaar Türken hervor und stürzte sich auf die Frauen, welche drei Kinder, zwei Knaben und ein Mädchen, an der Hand führten. Ein Theil der Muselmanen schleppte die Unglücklichen fort, der andere aber warf sich den zu Hilfe eilenden Offizieren erygegen. Die Christen waren an Zahl bedeutend in der Minderheit, der Löwenmuth jedoch, mit dem sie fochten, glich den Unterschied aus. Ein Türke um den andern fiel in den Sand, und nach einem nur wenige Minuten dauernden Ringen suchte der Rest der frechen Räuber sein Heil in der Flucht. Sie wurden von den Offizieren verfolgt, denn die Gefangenen mußten um jeden Preis befreit werden. Die Türken hatten sich nach einer kleinen Bucht zurückgezogen und schleppten dort die Beute in den bereitstehenden Kahn. Ohne Bedenken stürzten sich die braven Offiziere auf sie, und die Rettung der vor Angst halb bewußtlosen Frauen und Kinder gelang. Leider hatte den bravsten der Kämpfer ein Türkensäbel durchbohrt. Er besaß noch so viel Kraft, um die Sorge für Weib und Kind den Kameraden anzuempfehlen, dann verschied er. Diese hielten das dem edeln Manne gegebene Wort. Der Knabe wurde auf ihre Kosten erzogen und für die Wittwe eine Pension ausgewirkt. Die beiden Jungen, welchen ein so schreckliches Schicksal gedroht hatte, wuchsen mit einander heran und sind auch im spätern Leben die besten und vertrautesten Freunde geblieben. Hundertmal haben sie auf ihren Kriegsfahrten in einem Zelte geschlafen und aus einem Becher getrunken, bis die Vorsehung ihre Trennung beschloß. Der Eine hat längst den Tod auf dem Felde der Ehre gefunden, der Andere aber steht hier vor Euch; denn ich", fügte Piccolomini mit feierlichem Ernste hinzu, „war jener Knabe, für den der brave Offizier sich geopfert, das Mädchen meine Schwester, und der andere Knabe, der Sohn des Helden, war Euer Vater." „Ich befand mich in Spanien", erzählte der General weiter, „als ich den Tod meines lieben Freundes, Eueres Vaters, erfuhr. In's Reich zurückgekehrt, erkundigte ich mich nach den Seinen und hörte, daß der 118 einzige Sohn einen Beschützer und Gönner in dem Herzog von Friedland gefunden habe und dessen Zukunft gesichert sei. Lange schon hegte ich den Wunsch, den Sohn meines theuren Georg kennen zu lernen. Da hat die Vorsehung in einem Augenblicke, wo ich am wenigsten daran dachte, mir diese Freude gemährt und mir wenigstens einen Theil meiner Schuld zu tilgen vergönnt. Ich weiß aus Wallenstein's eigenem Munde, wie warm Euer Herz für ihn schlägt und wie oft Ihr schon in seinem Dienste das Leben gewagt habt. Ich würde Euch darum nur noch höher schätzen — denn an dieser Treue und selbstlosen Ergebenheit erkenne ich des Vaters würdigen Sohn — aber ich muß befürchten, daß Ihr durch Euern Eifer zu Handlungen und Entschlüssen verleidet werdet, deren Ende nimmermehr ein gutes sein kann. Georg Selkow", schloß Piccolomini mit einer Stimme, durch welche eine mächtige Aufregung klang, „der Herzog von Friedland steht im Begriffe, mit den Feinden des Kaisers gegen Deutschland und den Kaiser zu ziehen und das Unglück Euerer schönen Heimath noch größer zu machen, als es schon ist. Trennung von dem Empörer ist deshalb heilige Pflicht. Was der Herzog auch schon für Euch gethan haben mag, wie sehr Euer Herz für ihn spricht: dieser unselige Schritt hebt jede Rücksicht und Verbindlichkeit auf." Er ergriff die Hand des bestürzten jungen Mannes. „Ich weiß auch", fuhr er freundlich fort, „daß Ihr, ohne etwas Böses zu ahnen, die geheime Correspondenz Wallenstein's mit Arnim besorgtet, und daß Ihr es wäret, dem man bei Lissa so übel mitgespielt hat. Ich kannte Euch damals noch nicht, und Euere Person galt mir bet der Wichtigkeit der Sache nicht viel. Dennoch war ich schmerzlich berührt, als ich erfuhr, daß man Euch ohne allen Erfolg niedergeworfen, und erfreut über die Handlungsweise meines Vertrauten, der Euch den erlittenen Schaden nach Kräften wieder ersetzte. Welch ein Gedanke wäre es heute für mich, wenn Euch damals das Verhängniß ereilt hätte —durch meine Schuld! Denn von mir waren die Dragoner geschickt. Ich wußte um die Abmachungen des Herzogs und ahnte auch deren Zweck. Um ganz sicher zu gehen, mußte ich mir jedoch Gewißheit verschaffen, und diese suchte ich bei dem Boten. Ich habe mich damals verrechnet, erreichte meine Absicht aber wenige Wochen später auf anderem Wege nur um so vollständiger. Von jener Stunde an bin ich dem Herzog Schritt für Schritt auf seinem verbrecherischen Wege gefolgt, und seit gestern stehe ich am Ziele. Seine hochverräterischen Pläne liegen offen zu Tag. Es ist möglich, daß schon das nächste Morgenroth die Aechtung Wallenstein's bringt. Ihr dürft nicht mit ihm untergehen; ich will Euch retten. In dieser Absicht rief ich Euch heute zu mir." Mit Gewalt bezwaug Georg den Sturm in seinem Innern. „Ist es denn wahr!" rief er, „ist es möglich? Ich kann immer noch nicht glauben, daß der Herzog ein falsches Spiel treibt!" „Die untrüglichsten Beweise", erklärte der General, „befinden sich in meiner Hand, und zudem hat Wollenstem mir selbst so deutliche Winke gegeben, daß kein Zweifel mehr aufkommen kann. Uebrigens werdet Ihr heute Abend Gelegenheit finden, Euch selbst von der wirklichen Sachlage zu überzeugen. Sämmtliche in Pilsen anwesende Stabsoffiziere sind von Jllo, der in die geheimsten Pläne des Herzogs eingeweiht ist, zu einem Bankett eingeladen. Dort soll eine Schrift zur Unter- zeichnung vorgelegt werden, worin Alle sich eidlich verpflichten, bis auf den letzten Blutstropfen treu zu'des Herzogs von Friedlnnd Hoheit zu halten. In einem Exemplar dieses Documentes ist der ausdrückliche Vorbehalt eingefügt, daß dies nur geschehen solle, so lange der Herzog in Seiner Kaiserlichen Majestät Diensten verbleibe oder der Kaiser ihn zur Förderung seiner Sache gebrauche; in einem zweiten aber fehlt dieser Zusatz. So lange die Gäste noch nüchtern sind, wird ihnen das erstere vorgelesen und zur Durchsicht gereicht; unmittelbar vor Aufhebung des Gelages aber, wenn die Meisten ihrer Sinne voraussichtlich nicht mehr Herr sind, legt man den Revers ohne den Vorbehalt zur Unterschrift vor. Zu dieser Versammlung will ich Euch Zutritt verschaffen. Bleibt nüchtern, damit die Wahrheit meiner Worte vor Euerrn eigenen Augen sich enthüllt." Georg rang vergeblich nach^Fassung. Er dachte an die Herzogin, ihre Pläne und Hoffnungen für die Zukunft^ an sein eigenes Glück und an Magdalenens schreckliches Traumbild, das in diesem Augenblick auch für ihn eine furchtbare Bedeutung erhielt.j ZDabei konnte er sich eines Gefühls tiefer Bitterkeit gegen den General nicht erwehren. Der Mann, welchen der Herzog für den treuesten Freund hielt, hinterging ihn. Er mußte an sich halten, daß er dem hohen Vorgesetzten gegenüber seinem Unmuth nicht lauten Ausdruck verlieh. Warum denn diese Heimlichkeiten? Warum dem Freunde kein offenes Wort? „Auch der Kaiser", begann der Graf wieder, „ist von allem in Kenntniß gesetzt, und unsere Maßregeln sind zu einem entscheivenden Schlage getroffen, der den verblendeten Mann unschädlich macht. Seine Absetzung ist beschlossene Sache und Gallas zum Höchstcomman- direnden an Wallenstein's Stelle bestimmt. „Herr General", fragte Georg, indem er die bittere Wallung in seinem Innern bezwäng, „wäre es nicht möglich, den Herzog zu retten? Wenn ein wohlmeinender Freund ihm den Abgrund zeigte, vor welchem er steht, hielte er ihn vielleicht doch noch vor dem letzten verderblichen Schritte zurück. Auch Ihr wäret sein Freund", fügte er mit flehendem Tone und feuchten Augen hinzu; „ich weiß es, Ihr habt ihn geliebt! O, ich beschwöre Euch, laßt ihn nicht fallen, nicht so fallen — es wäre sein Tod!" „Ich habe gethan, was ich konnte", entgegnete Piccolomini, das Gesicht abwendend; „ich habe gewarnt, gebeten und beschworen, wie Ihr, aber es war alles umsonst. Meine Worte prallten wirkungslos an den Einflüsterungen seines bösen Geistes, des Astrologen Seni, und Wallenstein's eigenem grenzenlosen Eigensinn ab. Es blieb mir keine andere Wahl, als zuletzt selbst gute Miene zum bösen Spiele zu machen, damit ich nicht verdächtig erschien. Ich sehe das Unwürdige meiner Rolle wohl ein, sie fällt mir auch schwer, aber ich bringe das große Opfer der guten Sache zu lieb. Wo die Wohlfahrt ganzer Völker auf dem Spiel steht, kommen die persönlichen Empfindungen Einzelner nicht in Betracht." „Wenn die Herzogin einen Versuch machte?" be- harrte Georg. „Nein", fiel ihm Piccolomini entschieden in's Wort, „diese halbe Maßregel wäre ein zweischneidiges Schwert. Der Herzog würde, deß bin ich sicher, auch auf die Bitte 119 seiner Gemahlin nicht achten; aber er wäre gewarnt. Er würde losschlagen, ehe sein Arm durch uns gelähmt ist, und im eigenen Lager würde ein Kampf entbrennen, wie die Welt noch keinen erlebt. Tausende würden um des Einen willen geschlachtet. Die Kugel ist im Rollen, und keine menschliche Hand hält sie mehr auf. Ist nachher die große Gefahr glücklich vorüber, dann sind — und an dieser friedlichen Lösung zweifle ich bei dem guten Herzen Ferdtnand's nicht — auch die Worte Vergebung und Gnade am Platz." Georg sah ein, daß all' sein Flehen nichts half. Mit blutendem Herzen gab er das verlangte Ehrenwort, über das Gehörte zu schweigen, und zog sich zurück. In schmerzlicher Bewegung suchte er seine Herberge auf. Hier öffnete er ein Fenster und schaute in den anstoßenden Garten hinaus. Der Frühling hatte bereits seine Vorboten gesandt. Ein warmer Luftzug kam vom Gebirge herüber, und die Sonne entwickelte eine für die herrschende Jahreszeit ganz ungewöhnliche Kraft. So weit das Auge zu blicken vermochte, lag noch Schnee, scharf hoben sich die dunkeln Tannenforste von dem weißen Hintergrund ab. Wie ein breites Stlberband schlängelte sich in geringer Entfernung der Eisspiegel der Beraun durch die majestätische Winterlandschaft. Feierliche Stille herrschte. Nur von Zeit zu Zeit hörte man jenes dumpfe Geräusch, welches entsteht, wenn unter dem Kusse des Tagesgestirns ein Stück des glänzenden Krystallschmuckes von den tief herabhängenden Zweigen der Bäume sich ablöst und auf den weichen Schneeteppich fällt. Nicht so friedlich sah es in Geoag's Gemüth aus. Die bitterste Enttäuschung hatte sein warmfühlendes Herz! mit kaltem Finger berührt. Er vermochte nicht mehr an! der Schuld des Herzogs zu zweifeln; aber ebensowenig wich die Ueberzeugung von ihm, daß auch auf Seiten der Ankläger desselben viel gefehlt worden war. Mit welcher Zuversicht, mit welcher Begeisterung war er zui Felde gezogen, um unter dem Banner der Wahrheit und,^ des Rechts für Ruhm und Ehre zu kämpfen — und^ nun fand er jede Blume an diesem Pfade von dem! Schlangengezücht der Leidenschaften umzischt! Er hatte! so schön von Lorbeeren, von künftiger Größe, von einem! Namen geträumt, von Thaten, deren Erinnerung gleich^ einem Sonnenblick in die späten Tage stiller Ruhe hineinleuchten sollte — mit rauher Hand waren nun durch! die Wirklichkeit all' seine Illusionen zerstört! In ruh- uud rücksichtslosem Jagen nach verführerischen Trugbildern also bestand das Glück und die Herrlichkeit der Welt! Georg fühlte sich von einer mächtigen Sehnsucht, von glühendem Heimweh ergriffen; fort wollte er, wett fort aus diesem Chaos — heim, an die Seite der Geliebten und an das treue Herz seines priesterlichen Lehrers. Aus diesen Gedanken wurde der Hauptmann durch den Boten geweckt, der ihm die Einladung zum Bankett Jllo's brachte. Mit einem bittern Lächeln nahm er sie entgegen. Ein Freudenmahl! Er befand sich wahrklich in einer hierzu wenig passenden Stimmung. Noch eine Zeit lang blieb er im Zimmer, dann wurde es ihm zwischen seinen vier Wänden zu eng. Er ließ sich sein Pferd vorführen und ritt ohne bestimmte Absicht davon. Sein Quartier lag ganz am Ende der Stadt, unmittelbar neben der Umfassungsmauer. Wenige hundert Schritte vom Thore entfernt begann ein üppiger Tannenwald, der sich auf beiden Seiten der Beraun tief in's Land hineinzog. Einen der durch diesen Forst führenden Wege schlug der Hauptmann ein und tummelte, um das Blut abzukühlen, stundenlang ziellos sein Pferd. Er beachtete es gar nicht, daß in Folge der abnormen Wärme ein Unwetter am Horizont heraufstieg. Erst als ihm der Sturm Regen und Schneeschauer in's Gesicht trieb, schaute er sich um und fand den vorher noch so klaren Himmel mit schwarzgrauen Wolken bedeckt. Zugleich erkannte er, daß sein Spazierritt ihn ziemlich weit von der Stadt entfernt hatte. Der Abend brach herein. Er dachte an das bevorstehende Bankett, bei welchem er nicht fehlen durfte. Rasch wandte er sein Pferd und jagte in der Richtung nach Pilsen zurück. Zu gleicher Zeit schlich, nur eine halbe Stunde von Georg entfernt, durch das Unterholz des Waldes tief im Schnee schreitend ein Mann. Ein breitkrämpiger Hut verbarg das Antlitz, das überdies von einer schwarzen Maske verhüllt war. Ein dunkler Mantel von grobem Stoff umschloß die mittelgroße Gestalt, und der Lauf einer Pistole wurde sichtbar, wenn der Sturm die Falten des Mantels zurückschlug. Das Unwetter war mit Macht losgebrochen. Die Bäume zitterten und beugten ächzend ihre Kronen, daß der Schnee in dichten Wolken auf den Boden herabfiel. Aengstlich verbargen sich die Vögel vor den Schloffen, und die übrigen Waldbewohner flohen in ihre Lager. Wild rauschte der Waldbach, welcher die von der Sonne zum Theil geschmolzene Eisdecke durchbrochen hatte und schäumend über die Ufer sich ergoß. „Ein verdammtes Wetter", fluchte der Mann und zog den Mantel fester um sich; „am Ende ließen sie sich schrecken und kommen gar nicht." Er spähte mit verhaltenem Athem zwischen zurückgebogenen Zweigen auf den glatten Fahrweg hinaus, welcher von Pilsen nach Rokytzan führt. Da vernahm er durch das Sturmge- Hbraus ein schwaches Schellengeläute, das immer deutlicher und näher erklang. Aus den Augen des Mannes leuchtete ein wilder Triumph. Er zog sich hinter das ,Strauchwerk zurück und verschwand. Nach Versfuß weniger Minuten jedoch regte es sich wieder in dem Gebüsch. Vorsichtig wanden diesmal drei Männergestalten sich aus dem Dickicht und krochen langsam gegen die Straße heran, wo sie im Graben Deckung fanden. Ein leichter Schlitten, auf welchem hinter dem Fuhrmann aneinandergeschmiegt !zwei Frauen sich befanden, flog auf den Platz zu. Da tönte ein gellender Pfiff. Die drei Vermummten brachen aus ihrem Versteck hervor. Einer fiel dem Pferd in die Zügel, der andere riß den erschrockenen Fuhrmann vom Bock und suchte ihm die Hände zu binden; der dritte aber zerrte die jüngere der Frauen, ehe sie Zeit gefunden hatte, die hemmende Umhüllung von sich zu streifen, aus dem Schlitten und schickte sich an, sie über den Graben nach dem Dickicht zu schleppen, während die andere nach einigen kreischenden Angst- und Hilferufen vor Entsetzen das Bewußtsein verlor. Rascher Hufschlag tönte in diesem Augenblick durch den Wald. Ein Reiter sprengte heran. Ein einziger Blick genügte ihm, um zu erkennen, was vor seinen Augen geschah. Sein Degen blitzte auf dem Kopf eines der Banditen, daß dieser stöhnend in den Schnee sank. Der Räuber, welcher die Frau bereits auf den Grabenwall gezerrt hatte, drückte eine Pistole auf den Angreifer ab, aber die Kugel verfehlte das Ziel. In der nächsten Secunde sah auch dieser sich von der Waffe des 120 Reiters bedroht. Da ließ er seine Beute los und entfloh. Als seine Gefährten, von denen der eine sich von dem empfangenen Hieb sich schnell wieder erholt hatte, dies bemerkten, hielten auch sie nicht mehr Stand. Sie übersprangen den Graben und zogen sich eiligst in das Unterholz des Waldes zurück. Gleich nachher hörte man Pferdegetrab, das sich jedoch alsbald in der Ferne verlor. Georg Selkow — denn dieser war auf seinem Ritt nach Pilsen zur rechten Zeit als Retter des Weges geführt worden — wandte sich, vom Pferde steigend, zu der Frauengestalt und schaute — in Marion's bleiches Gesicht. Während des Ringens waren dem Mädchen Tücher und Pelze entfallen. In den aufgelösten Haaren wühlte der Sturm. Sie stand da wie geistesabwesend. Ihre großen Augen richteten sich glühend nach der Richtung, aus welcher man das Geräusch der fliehenden Räuber vernahm. „Der Schreckliche", murmelte sie, „er wollte mich entführen; ich habe ihn trotz seiner Verkleidung erkannt." Wie aus einem Traume fuhr sie plötzlich empor. Rasch wechselten, als sie den Hauptmann gewahrte, Nöthe und Blässe auf ihrem Antlitz. „Ihr seid es, Ihr", brachte sie endlich stockend hervor, „Ihr wurdet mir abermals vom Himmel als Retter gesandt? O Gott, wodurch habe ich diese Gnade verdient?" „Was soll das heißen?" fragte Georg heftig. „Welcher Schurke hat sich an wehrlosen. Frauen in solcher Weise zu vergreifen gewagt?" Marion hatte sich wieder gefaßt. Sie führte den Hauptmann an den Schlitten, wo ihre Gefährtin, eine ältere Frau, durch den befreiten Kutscher wieder zum Bewußtsein gebracht worden war. „Meine mütterliche Freundin", erzählte sie, „wurde von ihrer Schwester, die im nächsten Dorf wohnt, gebeten, sofort zu kommen, da sie in Folge eines Unglücksfalles schwer verletzt sei und sich ihrem Ende nahe fühle. Wir folgten dem Rufe augenblicklich und befanden uns auf dem Wege dahin. Nach dem so eben Erlebten fürchte ich jedoch, daß wir in böswilliger Absicht getäuscht worden sind, um uns in die Einsamkeit des Waldes zu locken, und die Gefahr der Schwester nur als Vorwand gebraucht wurde von einem Elenden, den Ihr wahrscheinlich nicht erkannt habt. Ich dagegen weiß recht gut, wer mich in den Wald schleppen wollte, wenn das Antlitz des Nichtswürdigen auch durch die Maske verdeckt worden ist. Der freche Wegelagerer war kein Anderer als Fritz Donald mit zwei Helfershelfern." (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Mzubekannt Hat wenig Ehr' und viel Schand'. Wer and're tadelt laut und grob, Leicht geistreich scheinen kann, Doch Geist zu zeigen bei echtem Lob, Gelingt nicht Jedermann. G. Walling. Was ist der hohe Rang? Ein stolzer Bettler, prahlt und bettelt — bei der Menge bettelt Um ein Almosen Huldigung, und oft versagt Die Menge ihre milde Gabe. Eine gefallene Größe. Augsburgische Episode aus dem 16. Jahrhundert. - lNachdruck verboten., D,. Frühzeitig erkannte der Handel die Vortheile des großen Capitals, und er machte sich bald dasselbe zu Nutzen. Allerdings gelang dieses selten einer vereinzelten Thätigkeit, wetzhalb mehrere Männer zu einem gemeinsamen Unternehmen sich verbanden. So entstanden die Handelsgesellschaften. AIs erste und bedeutendste ging aus Lübeck im 13. Jahrhundert der große nordische Städtebund hervor, welcher bis Köln und Erfurt nach dem Süden sich ausdehnte, und der nicht bloß nach politischer Macht strebte, sondern auch die Erweiterung und den Schutz des Handels und der Gewerbe zu seiner Aufgabe machte. Großartige Erfolge durfte die Hansa verzeichnen, und sie verlockten zur Nachahmung. Rasch bildeten sich in den größeren Reichsstädten ähnliche Gesellschaften, wenn auch in kleinerem Stile, und aus dem engen Comptoir eines kühnen Handelsherrn wuchsen die Fangarme weit über die Grenzen des deutschen Reiches hinaus, die heimischen Speicher mit kostbaren Schätzen füllend. Auch in Augsburg schlug das verführerische Wagniß Wurzel. Ulrich Arzt war es, der 1429 zuerst eine Handelsgesellschaft auf breiter Grundlage gründete. Sein Sohn, gleichen Namens, trat in die Fußstapfen des Vaters, und er spann aus dem 1462 auf dem Rindermarkte gekauften stattlichen Hans Hofmaier'schen Hause, 1418 die gastfreundliche Herberge König Sigmunds, goldene Fäden über Italien und entlang den gegen Norden eilenden Strömen, um die Producte des glühenden Orients und der kalten Landstriche Europas für sich in Reichthümer zu verwandeln. Kurz darauf segelten in dem gleichen Fahrwasser die Gossenbrote, Vehlin und Baumgartner, bis die Fugger und die Weiser alle überholten, nachdem in den Handelsbüchern der Gewinn-Conto durch die Ausbeute der Bergwerke in das Ungemessene sich vergrößert hatte. War aber in den Factoreien zu Venedig und Lissabon, zu London und Lübeck von diesen Handelsfürsten die Rede, so blieb auch der Name Ambros Höch- stetter nicht ungenannt. Der schon 1368 bei der Einführung des Zunftregiments zwischen den Kaufleuten und den Krämern gemachte Unterschied, wobei jene an der Spitze der 17 Zünfte erscheinen, erfuhr allmälig nochmals eine Theilung, die bedeutungsvoll in das öffentliche Leben eingriff. Längst erhoben sich einzelne Namen aus der Reihe der Mitbürger, und ihre Träger glänzten nicht bloß durch außerordentlichen Reichthum, erworben durch kluge und glückliche Ausnützung der jeweiligen Verhältnisse, sondern es zierte sie auch Gelehrsamkeit und genaue Kenntniß der Begebenheiten in weiten Kreisen, so daß Könige und Fürsten mit Vorliebe sich ihrer als Räthe bedienten. Dessenungeachtet beurtheilte sie das uralte Patriziat, im Laufe der Zeit auf 8 Familien zusammengeschmolzen, als seiner nicht ebenbürtige Emporkömmlinge und verweigerte ihnen den Eintritt in ihre Gesellschaft. So eifersüchtig hüteten die Geschlechter das Privilegium ihrer bevorzugten Stellung in der Reichsstadt, daß sie sogar 1496 dem Wunsche des Kaisers Maximilian, den angesehenen Kaufmann Philipp Adler in ihrer „Stube" einzuschreiben, nicht entsprachen. Allein dem praktischen Leben widerstand auf die Länge nicht die Schranke des Standesunterschieds. Die ehelichen Verbindungen aus den Häusern der großen Handelsherren mit den Gliedern des.Datriziats gehörten M k«M Im Elappcnquarlicr. Nach dem Gemälde von A. V. Werner. >.Mit Genehmigung der Photographischen Gesellschaft in Berlin.) nimmer zur Seltenheit, und die geschlungenen Bande verknüpften die Geschlechter mit den Männern, „so der gemeinen Kaufmannschaft sich enthielten", so enge, daß aus diesen Heirathen seit 1478 ein dritter Stand, „die Mehrer der Gesellschaft", zwischen dem zünftigen und rittermäßigen Bürger sich gebildet hatte. Mit wenigen Ausnahmen stemmten sich weder die Zunft:' Meister noch die Einwohnerschaft gegen die daS demo- kratischePrincip derVerfassung verletzende Neuerung, denn der blühende Großhandel kam dem gemeinen Wesen und dem einzelnen Bürger zu Gute, und die „Mehrer" blieben nach wie vorMitglieder derKaufmanns- zunft. Zunächst gewann dabei die Stadtkasse. Zahlten noch im Anfange des Jahrhunderts nur 9 Bürger eine Steuer von mehr als 100 fl. (circa 690 Mark), so gab es 1526 deren schon 400, und darunter einen, Jak. Fugger, welcher in dem Steuerbuch mit der „gesezten" d. h. der mit ihm vereinbarten Jahressteuer im Betrage von 1200 Gulden (c. 8280 M.) erscheint. Sodann arbeiteten die Gewerbe auf goldenem Boden. Es entfaltete sich eine außerordentliche, zahlreiche Arbeitskräfte beanspruchende Bauthätigkeit, welche von 1490—1530 den größten Theil noch heute bewundert wird. Und ganz besonders belebte der Handel die durch die Krtegstrubeln noch 1466 verödeten Weberwerkstätten, denn taufende „geschaute" Loden führte er durch ganz Europa und über das Meer. Endlich hatten alle Künstler vollauf zu thun, um den Bei- - Hohrnstaufen und Uechderg. der Stadt um- bezw. neubaute, zwar noch im gothischen Stile, aber mit malerischem Schmucke des Renaissance- Geschmacks. Auch Ambros Höchstetter baute sich auf dem Platze einiger,. am^Kesselmarkte abgebrochenen Häuser ein stattliches Wohnhaus-- i(O 160), dessen^ reizender Erker Sigmaringcn. stellungen der reichen Handelsherren zu genügen. Augsburg, durch seine Pracht sprichwörtlich geworden, bildete jetzt den Mittelpunkt deutscher Kunst und des deutschen Kunstgewerbes. Unter einer Bevölkerung von 20,000 Seelen nahm die Zahl der Künstler — Maler, Bildhauer, Metallgießer, Formenstecher, Holzschnitzer und Goldschmiede —eine hervorragendeStellung ein, und da sie ihr gesellschaftliches Heim (v 163 von 1473 bis 1518)indernächstenNach- barschaft des Ambros Höchstetter hatten, so ist um so mehr anzunehmen, daß derselbe mit den Meistern in regem Verkehr stand, weil der Zeitgenosse Cl. Sender, Benedictiner-Mönch bei St. Ulrich (ch 1537), in seiner Chronik berichtet: „setnWohn- haus war voll mit aller Zier wie ein Fürstenhaus". Und ähnlicher Zierde bedurfte auch der Lustgarten vor dem Oblat- terthor. sDamals huldigte jeder Mann von' Bedeutung der Liebhaberei für seltene Blumen, Gesträuche und Wasserkünste, und wie damit Jakob Hörbrot vor dem Vogclthor, Meuting in der Jakobervorstadt und Jakob Adler am Rothen Thore ihre^Gärten^ schmückten, so füllte Höchstetter den seinigen Mt Bildwerken aus. Marmor und Erz zwischen den zierlich geschnittenen Taxushecken, 123 in deren Schatten nicht selten fröhliche Gäste bei einem Trunke des beliebten Malvasier (Wein von den Inseln des griechischen Archipelagos) sich labten. So sättigte sich gleichsam das ganze Bürgerthum an den opulent gedeckten Tafeln der reichen und kunstlieben- den Handelsherren, und sie kargten mit ihrer Freigebigkeit nicht, wenngleich sie zuweilen sehen mußten, daß der gemeine Mann ihre Thätigkeit und den daraus gezogenen Gewinn argwöhnisch betrachtete. Diese feindselige Stimmung machte sich nicht bloß durch boshafte Reden Luft, indem sie die Benützung der Handels-Monopolien spöttisch „Fuggern" nannte, wie auch der Graf Walrod v. Waldeck höhnte: „die auf den Reichstagen durch Anleihen ihren Schnitt wachen, heißt man Hörbrote", sondern sie artete auch nicht selten in bedrohliche Auftritte aus. Solches war gewöhnlich der Fall bei dem raschen Steigen der Lebensmittelpreise. Ob die Ursache davon kriegerische Vorgänge oder die Verschlechterung der Münze oder ein widriges Natur-Ereigntß sein könnte, untersuchte das Volk nicht, es schob ' rücksichtslos alle Schuld auf den Mgen- nutz der Kaufleute, und der darüber in den Herbergen tobende Lärm verleitete hin und wieder die Zunftmeister auf-dem Rathhause zu Maßregeln, welche Oel in's Feuer gössen. Von derartigen Angriffen blieb auch das Höchstetter'sche Haus nicht verschont, und den ersten Sturm entfesselte ein Bediensteter des eigenen Kontors. Nur in ein paar Generationen zählten zu der Zunft der Kaufleute die Höchstetter, und einer davon bestimmte gegen das Ende des 15. Jahrhunderts seinen Sohn Ambras zum Nachfolger im Geschäft. Ueber dessen Ausbildung ist nichts bekannt, doch wird er sich darin von den übrigen Kaufmannssöhnen nicht unterschieden haben, welche in der Regel daheim sich bestrebten, einen guten Schulsack sich anzueignen, und dann das Ausland bereisten. Das Hauptaugenmerk richteten sie dabei auf die in den fremden Ländern zu befriedigenden Bedürfnisse und welche Producte aus ihnen mit Gewinn zu beziehen seien, was zur Anknüpfung werthvoller Verbindungen führte. Nicht zu umgehen war ein kürzerer oder längerer Aufenthalt in Paris, oder in den Niederlanden, oder ganz besonders in Venedig, dem Emporium des Marktes mit der zur Barchentweberei unentbehrlichen Baumwolle aus Cypern, und mit Erfahrungen bereichert in das elterliche Haus zurückgekehrt, gründeten die jungen Leute gewöhnlich ihren eigenen Herd. Dieser Lebensabschnitt fällt bei Ambras Höchstetter in das Jahr 1493. Nachdem er durch Thatkraft und Ausdauer das väterliche Geschäft aus einem engbegrenzten Kreis in breite Bahnen geleitet hatte, schloß er mit Anna Nehlinger, aus einer der ältesten Geschlechter-Familien stammend, den Ehebund, wodurch er nicht nur als. „Mehrer der Gesellschaft" aus der „gemeinen Kauf-^ mannszunft" sich erhob, sondern auch die Gründung eine« eigenen Gesellschaft erzielte. Mit der 60,000 fl. betragen-f den Mitgift seiner Frau ließ sich der Handel im Großen^ betreiben, an Bergwerksunternehmungen theilnehmen und' manchem in Verlegenheit gerathenen hohen Herrn, nicht zum eigenen Schaden, eine Gefälligkeit erweisen. Höchstetter hatte sich als'vasroutor ampliasiinus, wie ihn Gaffer nennt, in die Reihe der reichen Handelsherren emporgeschwungen, denen er auch in seinem äußern Erscheinen nicht So zeichnet ihn mit wenigen Strichen Clemens Sender: „ein feiner, herrlicher, langer, starker Mann, in ganz Europa berühmt ob seines fürstlichen Ansehens, auch groß Trauens und Glaubens, der mit dem Kaiser, mit hohen Herren und allen männiglich handelt und das von ihnen und von den Bürgern, Bauren, Knechten und Mägden bei ihm gelegte Geld mit fünf Gulden vom Hundert verzinst." Neben diesem Sonnenschein des Lobes leiht jedoch der Chronist seine Feder auch den Schatten der Vorurtheile und des Mißtrauens der Zeitgenossen, indem er in der Schilderung fortfährt: „aber mit seinem Schatz hat er oft den gemeinen Nutz und den armen Mann druckt, denn er kaufte Holz, Wein und Korn auf, trieb die Preiße in die Höh und gab schlechte und kleine Waar ab." (Schluß folgt.) -«««kS- Zu unseren Bildern Im Etappenquartier. Alle jene, die den großen Krieg gegen Frankreich m>: gemacht haben, dessen Wjähriges Jubiläum jetzt bald zu Ende geht, wissen genugsam zu erzählen von den furchtbaren Strapazen, welche die langen Märsche und das Campiren unter freiem Himmel, oftmals unter strömendem Regen oder b.ei bitterster Kälte, für unsere Truppen mit sich brachten. Das armseligste Quartier war noch immer goldig im Vergleiche mit dem Lagern und Uebernachten im Bivoak, und glücklich schätzte sich jeder, der, nachdem er eine Reihe von Nächten hindurch mit dem aufgeweichten oder festgefrorenem Erdboden als Lager sffA nachstand LÄM DMA Hirsau vorlieb nehmen muhte, endlich einmal wieder unter Dach und Fach, wenn auch auf dem lehmgestampstem Fußboden einer Bauernhütte, die müden Glieder zur Ruhe strecken konnte. Groß war darum auch stets der Jubel, 'wenn dann und wann einer kleineren Abtheilung zur Abwechslung ein besseres Quartier zu Theil wurde, etwa eines von den zahlreichen Schlössern und Landhäusern, deren Bewohner unter Zurücklassung der gesummten Wohnungseinricktung vor dem heranrückenden Feinde geflüchtet waren. Und wenn ein solches Quartier sich gar noch auf mehrere Tage ausdehnte, dann wußten unsere deutschen Krieger sich alsbald wohnlich einzurichten und es entwickelte sich ein sorglos fröhliches Treiben in den gar oftmals mit verschwenderischer Pracht ausgestatteten Räumen, welche den deutschen Kriegern zu vorübergehendem Aufenthalte dienten. Ein derartiges Etappenquartier in einem französischen Schlosse hat der berühmte Historienmaler Anton von Werner, dem wir eine ganze Anzahl künstlerischer Erinnerungen an den deutschfranzösischen Feldzug verdanken, auf den: köstlichen Gemälde veranschaulicht, dessen wohlgelungene Nachbildung wir heute unseren Lesern vorführen. Es sind preußische Kavalleristen, Offiziere und Unteroffiziere, die sich in dem vornehmen Salon gemüthlich niedergelassen haben und neben der Annehmlichkeit behaglicher Ruhe sich die Freuden eines musikalischen Genusses gönnen, auf den sie vielleicht lange schon verzichten mußten. Solch harmloser Art ist die Fröhlichkeit der deutschen Soldaten, daß selbst die im Hause Zurückgebliebenen, eine französische Magd und ein kleines Mädchen ihre anfängliche Scheu Vor den ge- fürchteten Prusfiens überwinden und unter der Thüre stehend neugierig dem heiteren Treiben zuschauen. Sigmartngrn. Mitten im schönen Schwaben liegen als eine preußische Enclave die durch Vertrag vom 7. Dezember 1849 dem preuß. Staatsverbande einverleibten Fürstenthümer Hohenzollern- Hechingen und Hohenzollern-Sigmaringen, welche zusammen den jetzigen, unter dem Oberpräsidium der Rheinprovinz stehenden Regierungsbezirk Sigmaringen mit der gleichnamigen Hauptstadt bilden. Die Stadt Sigmaringen ist noch heute Residenz des Fürsten Leopold von Hohenzollern, dessen auf steilem Felsen gelegenes Schloß mit reichen Sammlungen von Gemälden, Skulpturen, Waffen und Alterthümern der Stadt ein malerisches Gepräge gibt. Leider ist ein Theil dieser Sammlungen vor einigen Jahren bei dem großen Brand des Schlosses zu Grunde gegangen. An anderweitigen Sehenswürdigkeiten besitzt Sigmaringen die Denkmäler der Fürsten Karl und Johann von Hohenzollern, eine schöne katholische und eine evangelische Kirche, das Regierungsgebäude, das fürstliche Hoftheater usw. In dem dicht bei der Stadt gelegenen ehemaligen Nonnenkloster Hedingen befindet sich das 1818 vom Fürsten Anton Aloys gegründete Gymnasium, in der dazu gehörigen Kirche die Fürstengruft. In der Nähe der Stadt liegt das große Kriegerdenkmal und das Jagdschloß Josephslust mit großem, an Edelwild reichem Thiergarten. Von den 4307 Einwohnern der Stadt sind ^ katholisch, Vr Protestantisch. Hohenstaufen und Uechberg. Zwei einst mächtige deutsche Adelsgeschlechter, die Fürsten von Hohenstaufen und die Grafen von Rechberg sind es, welche von den beiden Bergkegeln im Württembergischen Donaukreise ihre Namen ableiten. Friedrich der Erste von Schwaben, der Sohn Friedrichs von Büren, erbaute gegen Ende des 11. Jahrhunderts die Burg auf dem Hohenstaufen, nach der von nun an das Geschlecht genannt wurde, das von 1138 bis 1254 den deutschen Kaiserthron innehatte und das 1268 mit dem unglücklichen Konradin im Mannesstamme erlosch. Stammvater der Grafen von Rechberg und Rothenlöwen ist Graf Ulrich von Hohenrechbcrg, welcher 1194 die Stammburg auf dem Rechberg erbaute. Im 13. Jahrhundert theilte sich das Geschlecht in 2 Hauptlinien: Rechberg und Rothenlöwen auf den Bergen (erloschen 1413) und Rechberg und Rothenlöwen unter den Bergen. Letztere theilte sich wieder in Hohenrechbcrg (erloschen 1584), Staufeneck (erloschen 1599) und Jlleraichen (erloschen 1676). Schon 1607 war ein Nebenzweig der Jlleraichen: „Kronburg", in den Reichsgrafenstand erhoben worden, wie auch der andere Nebenzweig „Donzdorf" (erloschen 1732) den Grafentikel 1699 reassumirte. Ein dritter Nehenzweig ist der noch bestehende Kronburg-Osterberg. Von den Stammschlössern der Hohenstaufen und der Rechberg auf den beiden benachbarten Bergen find heute nur noch wenige Ueberreste vorhanden. Hirsau. Im Schwarzwald, im schönen Thale der Nagold liegt malerisch das stattliche Dorf Hirsau, welches seine Entstehung dem ehemaligen Bcnediktinerkloster Hirsau verdankt. Dieses berühmte Kloster, vom Grafen Erlafried von Calw 830 erbaut und durch den Abt von Fnlda, HrabanuS Manrus, im September 838 eingeweiht, zeichnete sich durch hohe wissenschaftliche Bildung und eine im zehnten Jahrhundert berühmte Schule aus. Durch den Grafen Adelbert II. von Calw 1059 hob sich das Kloster noch mehr und nahm unter rein heil. Wilhelm (!069-1091) eine der ersten Stellen unter allen Benediktiner- Congregationen Deutschlands ein. 1534 säcularisirt, wurde es 1556 in eine Klosterschule verwandelt. Herzog Wilhelm von Württemberg baute ein Schloß an das Kloster an, welches aber gleich dem Kloster 1692 durch die Franzosen eingeäschert wurde. Die ausgebrannten Mauern dieses Schlosses üherwölbt die riesige, ven Uhland u. A. besungene Ulme. Die gut erhaltene gothische Kapelle (1509), jetzt Pfarrkirche und 1892 vortrefflich ' estaurirt, birgt in den oberen Räumen den interessanten Kloster- bibliothekfaal. Das heutige Hirsau ist ein beliebter Luftkurort. -—«««es-- Kimmekssckiau im Monat März. —X. Merkur steht morgens sehr niedrig am östlichen Himmel. Venus § morgens im Steinbock und Wassermann nähert sich immer mehr der Sonne. Mars geht gegen 5 U. 30 M. früh, zuletzt um 4 Uhr auf und ist sehr lichtschwach. Jupiter 2s ist sehr hell, die ganze Nacht sichtbar und geht zwischen 6 U. und 4 U. früh unter. Saturn H in der Wage kommt nach 11 U., zuletzt 10 U. nachts über den östlichen Horizont. Sein Ring wird immer deutlicher, da die Längen seiner Achsen beziehungsweise 41 2 und 15 4 Bogensekunden betragen. In der Nähe des Mondes befinden sich Saturn am 4. nachm. 4 U. und am 31. um Mitternacht; Mars am 10. mgs. 8 U. und Jupiter am 24. südwestlich. Vom Monde werden bedeckt Venus am 11. nachm. 3 U.; Merkur am 12. früh 2 U.; Regulus am 26. nchm. 2 U. Vom 2. bis 14. März läßt sich das Zodiakallicht am westlichen Himmel zwischen 7 U. 30 M. und 9 U. 30 M. beobachten. -- Nikd-r-FlStysek. - ^ Auflösung des Kombinationsräthscls in Nr. 13: Andacht (Wand, Brand, Rand, Sand, Land — and; Pracht, Aacht, Schacht, Macht, Acht, acht — acht). Auflösung der Schach-Aufgabe in Nr. 15: Weiß. Schwarz. 1. L. ^4-02 beliebig. 2. D. Matt. -- 17. Ireitag, den 28. Februar 1896. Kür die Redaction verantwortlich: Vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg lVorbefitzer vr. Max Huttler), Ale Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Beuno. (Fortsetzung.) „Fritz Donald Sl" rief Georg. „Dieser Mensch sollte . . „Ich bin meiner Sache gewiß", fiel ihm das Mädchen in's Wort. „Ich war ihm nahe genug, um seine Augen zu sehen. Uebrigens ist diese Schandthat noch lange nicht das Schlimmste, was man ihm zutrauen darf. O, nehmt Euch vor diesem Mann in Acht", fügte sie mit leidenschaftlichem Eifer hinzu; „vor diesem und noch vor vielen Andern, denen Ihr arglos vertraut. Nicht umsonst habe ich Euch damals gewarnt. Ich hörte, wie man im Geheim-Cabinet meines Onkels von Euch sprach, ich erkannte die Stimme Donald's, obgleich er sie zu verstellen suchte und sich seit längerer Zeit nicht mehr vor mir gezeigt hatte. Ich verstand den Zusammenhang nicht; aber ich ahnte, daß es sich um einen Schurkenstreich handelte. Deshalb erschrak ich auch so furchtbar, als ich Euch gleich nachher in die Höhle des Löwen eintreten sah, und deshalb gab ich Euch einen Wink. Die Pflicht der Dankbarkeit zwingt mich, Euch noch vieles mitzutheilen, und ich werde es auch thnn, wenn Ihr mir vertraut. Doch hier ist dazu nicht der geeignete Platz. Kommt morgen oder im Verlauf der nächsten Tage in die Herberge „Zu dem armen Ritter." Wir bleiben voraussichtlich längere Zeit dort. Mein Onkel ist verreist, und wir werden mit meiner alten Freundin allein und ungestört sein. Doch kommt ganz bestimmt! Es wurde wir vergönnt, hinter einen Vorhang zu schauen, wo in einer Weise mit Falschheit, Heuchelei und Verrath gespielt wird, daß Jeder, der sich in dieses fürchterliche Netz ziehen läßt, seinem Schicksal verfällt. Der Kaiser, der Herzog, ja Ihr selbst spielt eine bedeutsame Rolle dabei. Mein Onkel ist nicht, was er scheint. Doch auch er ist nur ein Werkzeug, dessen ein Mächtigerer sich bedient, der die einzelnen Spieler aus der Ferne wie Puppen am Drahtseil lenkt, der, ihre Leidenschaften ausbeutend, den Einen durch den Andern betrügt, und dem zuletzt über den Leichen der sich selbst zerfleischenden Bethörten ein reiches Erbe zufällt." Marion hatte immer erregter gesprochen. Am Schluß ergriff sie Georg's Hand und drückte sie innig an ihre Brust. „Kommt", mahnte sie noch einmal; „ich werde Euch zeigen, an welchem Abgrund Ihr steht." Sie wickelte sich wieder in ihre Pelze, stieg in den Schlitten, und auf ein von ihr gegebenes Zeichen flog dieser, nachdem sie dem Zurückbleibenden nochmals freundlich zugewinkt hatte, davon. Verblüfft schaute Georg dem Gefährte nach, bis es seinen Augen entschwand. Für den Augenblick aber mangelte es ihm an Zeit, länger zu grübeln. Er mußte sein Pferd tüchtig ausgreifen lassen, um zur bestimmten Stunde bei dem Bankett zu sein. Nasch schwang er sich in den Sattel und erreichte, ehe die Nacht völlig hereinbrach, die Stadt. Eine große Anzahl von Offizieren hatte sich in dem Quartier Jllo's versammelt. Da und dort bildeten sich Gruppen, welche die Tages-Ereignisse in eifriger Unterhaltung besprachen. Noch vor Tisch setzte General Terzky in einer längeren Rede auseinander, daß der Herzog ihm gegenüber die Absicht geäußert habe, den Oberbefehl niederzulegen. Der Feldherr sei der ausgestreuten Verleumdungen sowie der rücksichtslosen Behandlung des HeereS von oben müde geworden und wolle nicht länger mehr der Spielball höfischer Ränke sein. Man dürfe den Rücktritt des Herzogs unter keinen Umständen zugeben; denn derselbe würde die sofortige Auflösung des Heeres herbeiführen. Insonderheit wären dann die namhaften Vorschüsse, welche einzelne Obersten und Haupt- leute bei der Aufstellung des Heeres geleistet, verloren. Er habe deshalb ein Schreiben an den Feldherrn verfaßt, worin er ihn der unwandelbaren Treue aller seiner Offiziere versichere und ihn zugleich dringend ersuche, seine Getreuen nicht zu verlassen. Hier überreichte er dem General Jllo einen zur Hälfte beschriebenen Bogen Papier; derselbe las den Text durch und reichte das Schreiben seinem Nachbar. Als dasselbe bei sämmtlichen Anwesenden die Runde gemacht hatte und sich von keiner Seite her ein Widerspruch gegen seine Fassung erhob, steckte Terzky es wieder zu sich. „Die Kameraden könnten ja später unterschreiben", meinte er mit leichtem Scherz, sonst werde am Ende die Suppe kalt. Das Gelage dauerte bis tief in die Nacht. Als der reichlich genossene Wein bereits die Köpfe der meisten Gäste zu erhitzen anfing, benutzte Terzky die Gelegenheit und trat mit der Mahnung, das Document zu unterzeichnen, hervor. Die mehr als angeheiterten Offiziere wollten anfangs in ihrer Weinlaune nichts davon wissen, und meinten, dazu sei am andern Morgen noch Zeit; schließlich aber bequemten sie sich dennoch dazu, 126 und der größte Theil gab, ohne weiter dem Text eine Beachtung zu schenken, die verlangte Unterschrift ab. Auf einmal jedoch entstand ein Tumult: einer der weniger Betrunkenen hatte entdeckt, daß der so wichtige Vorbehalt fehlte, und Terzky wurde von einem entrüsteten Offizier mit scharfen Worten zur Rede gestellt. Auch die Andern mischten sich in den Streit, und es wäre vielleicht zu einem blutigen Auftritt gekommen, hätte nicht Piccolomini sich noch rechizeitig in's Mittel gelegt. Nicht mit den freundschaftlichsten Gefühlen trennte man sich. Am folgenden Vormittag berief Wallenstein sämmtliche Generale in sein Quartier. Er war über die Vorgänge bet dem Bankett und namentlich den Umstand, daß man viele der Unterschriften gar nicht zu enträthseln vermochte, in hohem Grade verstimmt. Als er die Herren um sich versammelt sah, gab er ihnen den unter so verdächtigen Umständen entstandenen Revers zurück und erklärte dabei, daß er den unwiderruflichen Entschluß gefaßt habe, das Oberkommando niederzulegen. Damit waren die Generale entlassen. Sie folgten dem Feldmarschall Jllo, der sie zu einem Frühstück einlud. Hier wurde weiter verhandelt. Es kam dabei zu stürmischen Scenen, und schließlich wurde trotz vielfachen Widerspruchs eine Deputation an den Feldherrn mit dem Ersuchen gesandt: er möge der zweideutigen Vorgänge bei dem Gastmahl vergessen; sämmtliche Generale seien zur Genehmigung des Reverses bereit. Nach Empfang- nahme des bedeutungsvollen Aktenstückes war der Herzog zufrieden und versprach sein Verbleiben beim Heer. Nun glaubte er der Treue all' seiner Offiziere sicher zu sein und für jedes Unternehmen auf deren Unterstützung bauen zu können, selbst für den Fall, daß seine Handlungsweise mit der Pflicht gegen Kaiser und Reich im Widerspruch stand. Georg war nicht in Versuchung geführt worden. Er hatte seinen Platz neben Piccolomini am äußersten Ende der Tafel angewiesen bekommen, und das Dom« ment war, ehe es seinen Kreislauf so weit zurückgelegt, in Folge des Streites durch Jllo entfernt worden. Am folgenden Tage wußte er sich von den weitem Verhandlungen fern zu halten. Einerseits that er dies, um den verabredeten Besuch bei Marion im „Armen Ritter" zu machen, anderseits aber, um nicht entweder heucheln oder einen entscheidenden Schritt wagen zu müssen, den ihm nicht nur das dem General Piccolomini gegebene Ehrenwort, sondern unter den obwaltenden Verhältnissen auch die Klugheit verbot. Er suchte die bezeichnete Herberge auf, erfuhr jedoch von dem Wirthe, daß Marion von ihrem Ausflug noch nicht zurückgekehrt war; auf den Abend, meinte dieser, treffe sie sicherlich ein. Mit diesem Bescheid begab der Hauptmann sich wieder nach Hause. Er befand sich noch keine Stunde in seinem Quartier, als ein Leibjäger erschien und ihn zum Herzog befahl. Von diesem wurde er ohne Verzug in einer wichtigen und vertraulichen Angelegenheit nach Eger geschickt. Als er nach Verlauf von drei Tagen wieder in Pilsen eintraf, ging er sofort aus der herzoglichen Wohnung in die Herberge zum armen Ritter, aber nur um zu vernehmen, daß der indessen von der Reise zurückgekommene Akrobat Leferrier mit seiner Nichte und deren Gefährtin vor vierundzwanzig Stunden nach Empfang einer dringenden Botschaft plötzlich abgereist sei. Wohin, vermochte ihm Niemand zu sagen. So blieben all' die Räthsel, welche seine Phantasie in letzter Zeit so sehr in Spannung erhalten, vorerst ungelöst. Im Laufe der nächsten Tage begannen sich überdies so wichtige Ereignisse zu drängen, daß er zum Nachdenken über Fernerliegendes keine Muße mehr fand. Die Bemühungen Wallenstein's, seine Offiziere an sich zu fesseln, hielten das über ihn hereinbrechende Ver- hüngniß nicht auf. Wenige Tage nach dem denkwürdigen Bankett und der Revers-Ausstellung genehmigte der Kaiser, von den Vorgängen in Pilsen genau unterrichtet, das Absetzungs-Decret. Allen Theilnehmern an der Verschwörung, mit Ausnahme Wallenstein's und der beiden Hauptschuldigen, Jllo und Terzky, wurde Verzeihung gewährt und der General-Lieutenant Graf Gallas vorläufig zum Oberbefehlshaber ernannt. Vorsichtshalber wollte man diese Beschlüsse vorerst noch geheim halten, um sich vor allem der Treue des Heeres zu versichern; im Geheimen aber wurde desto eifriger gearbeitet. Gallas zog mehrere der einflußreichsten Generale, darunter auch Piccolomini, durch dessen Verwendung Georg Selkow zu einem andern Regiment versetzt wurde, an sich, und zugleich erhielten verschiedene Obersten, auf deren Zuverlässigkeit fest gebaut wurde, die Weisung, sich vom Herzog zu trennen und nach Prag zu marschiren. Die Armee sollte nur den Generalen Aldringer, Octavio Piccolomini und Gallns gehorchen. Diese Vorsichtsmaßregeln brachten die erhoffte Wirkung vollkommen hervor. Wallenstein erfuhr längere Zeit weder etwas von dem Absetzungs-Decret, noch von den Vorbereitungen zu dessen Vollzug. Dadurch gelang es den Freunden dcS Kaisers, einen Feldobersten um den andern auf ihre Seite zu bringen. Bei dem Einen wirkten Drohungen, bet dem Andern Versprechungen. Täglich wuchs der kaiserliche Anhang, und es wurde gefährlich, für einen Anhänger des Friedländers zu gelten. Mehrere Generale entschuldigten sich wegen der Vorgänge in Pilsen, andere betheuerten, daran gar keinen Antheil genommen zu haben, und fast allgemein war der Wetteifer, den Befehlen der Grafen Gallas und Piccolomini pünktlich Folge zu leisten. Die nach Prag beorderten Regimenter setzten sich sogleich in Marsch und langten richtig an ihrem Bestimmungsort an. Nun glaubte man ohne Gefahr den Schleier lüften zu dürfen. Das Absetzungs-Decret wurde in Prag öffentlich angeschlagen und sämmtliche Truppentheile davon in Kenntniß gesetzt. Der Herzog befand sich noch immer in Pilsen, als er die Kunde erhielt. Ein Rückwärtsgehen war jetzt unmöglich, das Verhältniß drängte ihn auf dem eingeschlagenen Wege weiter, der allein noch die Erreichung seiner stolzen Ziele versprach. Er beschloß, mit Waffengewalt sich so lange zu halten, bis er von den Schweden oder den Sachsen Hilfe bekäme. Zugleich erließ er einen Befehl an die gesammte kaiserliche Armee, durch welchen er unter Aufhebung aller frühern Vollmachten das General-Kommando an Jllo und Terzky verlieh. Die Gegner hatten jedoch von vornherein all' seine Bemühungen und Schachzüge vereitelt. Gegen eine Unterstützung Wallenstein's von Seiten der Schweden oder der Sachsen waren Vorsichtsmaßregeln getroffen, und zu gleicher Zeit verfolgte Piccolomini den Plan, den Herzog aus Böhmen zu treiben, ehe ihm Hilfe gebracht werden konnte. An dem Gelingen durfte man kaum zweifeln; denn in und um Prag stand, nur eines Winkes zum Aufbruch gewärtig, eine große, zuverlässige Armee. Wallenstein's einzige Hoffnung beruhte auf der baldigen Ankunft der Schweden. Um sich denselben zu nähern und bis zu ihrem Eintreffen einen sichern Stützpunkt zu haben, beschloß er, mit dem Nest seiner Truppen nach der Festung Eger zu ziehen. Der Marsch des kurz vorher noch so gewaltigen Mannes nach der kleinen Grenzfeste glich einer Flucht. Von seinem mächtigen Heere waren ihm noch zehn Compagnien geblieben, und mit diesen zog er am 22. Februar 1634 Vormittags aus Pilsen, das schon am folgenden Tage von kaiserlichen Truppen besetzt wurde. 12 . Der Wanderer, welcher die Heerstraße über das Gebirge von Bayern nach Böhmen verfolgt, erreicht unmittelbar an der Grenze das ansehnliche Städtchen Kladrub. Dort lag damals schon seit längerer Zeit zur Bewachung der Pässe zwischen Böhmen und der Oberpfalz ein Wallenstein'sches Dragoner-Regiment unter dem Oberbefehl des Obersten Walter Butler, eines Jrländers, der sich durch Energie und großen persönlichen Muth vorn gemeinen Soldaten zu der Würde eines höhern Offiziers emporgeschwungen hatte. Der Platz war sehr wichtig und die Mannschaft bei Tag und Nacht fast unaufhörlich in Anspruch genommen. Butler hatte schon von den Gerüchten über die Untreue deS Herzogs gehört, anfangs ohne ihnen Glauben zu schenken, und er war überrascht, als in einer Nacht plötzlich durch Expreß- boten der Befehl des Herzogs eintraf: Oberst Butler habe bei Todesstrafe, angesichts der Ordre, sofort sein ganzes Regiment zusammenzuziehen und mit demselben nach dem weißen Berge bei Vrag zu marschiern. Diese Zumuthung kam Buttler in hohem Grade sonderbar vor; denn die Entblößung der Grenze auf dieser Seite erschien sehr gefährlich. Sein Vertrauen auf die Treue bekam einen bedenklichen Stoß. Er stand mit seinem Feldkaplan Patricius Taaffe aus sehr gutem Fuße und war gewohnt, dessen Rath in jeder wichtigen Sache zu hören. Auch diesmal nahm er seine Zuflucht zu ihm. Der Dringlichkeit wegen ließ er den geistlichen Herrn wecken, und dieser folgte dem Rufe sofort. „Seht doch. Hochwürden", empfing ihn der Oberst, als er dessen Zimmer betrat, „welch' wunderlichen Brief ich soeben vom Herzog bekam. Ohne Ablösung soll ich sofort mit meinem ganzen Regiment nach Prag aufbrechen und die Pässe von der Oberpfalz nach Böhmen preisgeben. Heißt das nicht dem Feinde Thür und Thor öffnen und ihn zur Besitznahme von Böhmen einladen?" Der Feldkaplan war, nachdem er das Schriftstück gelesen, nicht weniger betroffen als Butler. Schweigend gingen die Beiden in der Stille der Nacht eine Zeit lang neben einander einher. Dann nahm der Oberst das Wort: „Das Benehmen Wallenstein's ist mir schon lange aufgefallen, allein in Anbetracht seines unberechenbaren und außergewöhnlichen Wesens habe ich bis jetzt seinen Fürsprecher gemacht; jetzt aber behaupte ich: er führt nichts Gutes im Schild. Trotzdem muß ich marschiren, und zwar sofort. Einem so bestimmten und strengen Befehl darf kein Soldat den Gehorsam verweigern. Wahrscheinlich finde ich am weißen Berge den Tod; denn ich fürchte, daß diesmal mehr Blut fließt, als in der Schlacht gegen den Pfalzgrafen Friedrich." Der Feldkaplan billigte den Entschluß Butler's und ermähnte ihn, seine Western Schritte so einzurichten, wie er eS als braver Soldat vor Gott und seinem Gewissen verantworten könne; dann zog er sich zurück. Butler schickte Eilboten an alle Abtheilungen seines Regiments, durch welche er denselben befahl, augenblicklich aufzusitzen und im Standquartier zu erscheinen. Noch vor Tagesanbruch hatte sich das tausend Mann starke Regiment bereits nach Pilsen in Bewegung gesetzt. Ungefähr auf der Hälfte des Weges stieß dasselbe an der Straße nach Mies auf den ärmlichen Zug deS Herzogs von Friedland. Wallenstein, welcher Frau und Tochter schon vorausgeschickt hatte, saß in einer unansehnlichen Sänfte. Ihm folgten seine Vertrauten: Jllo, Adam Terzky und Neumann. Einer derselben sprengte an Oberst Butler heran und befahl ihm, mit seinem Regiment auf dem Wege nach Mies weiter zu ziehen, den auch Wallenstein mit seinen Begleitern einschlug. Butler gehorchte. Als der Zug tief in der Nacht zu Mies angelangt war, mußte der Oberst mit den Fahnen in der Stadt bleiben, die Soldaten aber wurden außerhalb der Mauern tn's Lager verlegt. 3n dieser Maßregel erblickte Butler ein Zeichen des Mißtrauens gegen seine Person und wurde dadurch nur noch mehr in seinem Argwohn bestärkt. Nachts rief er den Feldkaplan wieder zu sich und fragte ihn um Rath. Taaffe hielt schleunige Flucht und Vereinigung mit der kaiserlichen Armee für das einzige Mittel, der Gefahr zu entgehen. Doch davon wollte Butler nichts wissen und blieb. Am folgenden Morgen ging der Zug weiter nach Plan. Der Oberst erhielt den Befehl, die Aufstellung mit seinen Reitern vor dem Wagen des Herzogs und den übrigen Soldaten zu nehmen. Offenbar fürchtete man, daß er in der Nachhut plötzlich abziehen und die Wallensteinischen im Stich lassen könnte. Auch tn Plan wurde die Vorsicht gebraucht, den Führer mit den Fahnen in die Stadt und seine Soldaten in's Freie zu legen. Nachdem es in der Nacht still geworden, hüllte Butler sich in seinen Mantel und suchte das Quartier seines treuen Feldkaplans auf. Er fand ihn, das Brevier betend, noch wach und bat ihn, so schnell als möglich zu PIccolomini nach Prag zu eilen und diesem Bericht zu erstattten. Patricius machte sich sofort auf den Weg. Ohne von den Wachen behelligt zn werden, kam er aus Plan. In Mies erfuhr er, daß Ptccolomint sich bereits in Pilsen befinde. Der weite Weg nach Prag blieb ihm auf diese Weise erspart. Schon am folgenden Abend traf er im Hauptquartier Octavio's ein. Der General war über die Nachrichten des Feldkaplans in hohem Grade erfreut. Er schloß sich mit dem Geistlichen in sein Gemach ein und verhandelte fast eine halbe Stunde lang mit ihm. Endlich traten Beide auf den Hausflur und schritten, halblaut sprechend, mit einander die Treppe hinab. Piccolomini reichte dem Kaplan die Hand. „Ihr kennt nun", sagte er, jedes Wort betonend, „meinen Willen, welcher auch derjenige Seiner Kaiserlichen Majestät ist. Handelt mit Umsicht und Klugheit, aber, wenn es sein muß, auch ohne Bedenken und Furcht, und vergesset nicht, daß Oberst Butler und Ihr für den Erfolg verantwortlich seid.* * * (Fortsetzung folgt.) - -—SSWVS-«-— 128 Eine gefallene Größe. Augsburgische Episode aus dem 16. Jahrhundert. (Schluß.) Um die große und vielgestaltete Aufgabe des Handlungshauses zu erfüllen, bedurfte es der Arbeitskraft vieler Leute, an deren Spitze als Buchhalter Bartholomäus Nem, ein Augsburger (geb. am 29. Nov. 1480), stand, welcher sich auch bet dem Geschäft selbst betheiliget. Nach einer Urkunde vom 1. April 1511 legte er „zu Gewinn und Verlust" 500 fl. für eine Speculation ein, und auf Grund der darüber im Jahre 1514 gefertigten Abrechnung beanspruchte er an dem Gewinn von 149,770 Mark Silber schwarzen Brand und 52,915 Centner Kupfer als seinen Antheil 33,000 fl. Höchstetter wollte dagegen nur 28,000 fl. anerkennen, weil in der Zwischenzeit Rem für seinen Haushalt ein paar tausend Gulden aus dem Geschäft bezogen hatte, allein der Buchhalter beruhigte sich dabei nicht, und er verließ das Haus. Vielleicht mochte ihn zu diesem auffallenden Schritt auch bestimmt haben die gescheiterte Hoffnung, als förmlicher Gesellschafter aufgenommen zu werden, oder die Besorgniß über die Folgen der Lebensweise der jüngeren Familienangehörigen, denn der Sohn Joachim Höchstetter, vermahlt mit Anna Langen- mantel vom Sparren, und der Schwiegersohn Hans Franz Baumgartner fröhnten unsinnig dem Spiel, dem sie bei einem Bankett nicht selten mehrere Tausend Gulden opferten, und „die Frauen hausten gar übel" — bemerkt Sender. Nem reichte am 7. Oktober 1517 bet dem Stadtvogt die von dem Licentiaten Dr. Christoph Rothan aus Leipzig verfaßte Klagschrist ein, und außerdem versäumte er nicht, die Bürgerschaft für seine Rechtssache zu gewinnen. Dadurch erreichte er, daß die zünftigen Rathsherren 3 Männer zu Schiedsrichtern ausstellten, und diese erkannten auf Bezahlung von 28,000 fl. baar Geld und Ablehnung der Gegenforderung. Höchstetter erhob keinen Widerspruch, aber Nem beharrte auf dem ursprünglichen Anspruch, „und er floh gen St. Ulrich in die Freyung und war da heimlich zwölf Tag, damit ihn der Rath nicht fange, von wegen daß er den Spruch nicht annehmen wollt". Das Nathhaus jedoch mischte sich nimmer in den Streit, weßhalb Nem nach Spanien eilte, um des Kaisers Hilfe anzuflehen. Karl V. zeigte sich für einen friedlichen Ausgleich geneigt, und er ernannte dazu als außerordentlichen Commissär den allgemein geachteten Jakob Fugger in Augsburg. So lange derselbe mit der verwickelten Angelegenheit sich beschäftigte, bestürmte Nem abermals mit Bitten den zu Worms wegen des Reichstags sich aufhaltenden Kaiser, und er scheute sogar vor einer verhäng- nißvollen Gewaltthat nicht zurück. Er erfuhr nämlich, daß in der Stadt zwei mit Höchstetter'schem Gut beladene Wägen zur Abreise bereit stehen, daher er an den Ort eilte, das Geleite angriff und die Stränge der Pferde durchschnitt. Wegen des groben Frevels warf ihn der Fiskal in das Gefängniß, das er erst nach Monaten verließ, nicht für die Freiheit, sondern zur Ablieferung in die Heimath. Dort gestaltete sich für ihn der Empfang nicht erfreulich. Der Rath legte ihn auf das Hl. Kreuzthor zur Strafe wegen seines „Austretens und der wider die Obrigkeit geübten Mißhandlung" — womit das auswärtige Hilfesuchen und die Mißachtung der Schiedsrichter gemeint war —, und als er hartnäckig sich weigerte, dem von Fugger am 21. Juli 1522 abgegebenen Gutachten sich zu unterwerfen, das ihn mit 19,730 fl. in Gold für entschädigt am Hauptgut und an Nutzungen erklärte, so ließ ihn der Rath „nicht ledig". Seine Freundschaft wollte sich nicht für ihn verschreiben, und so blieb Rem bis zu seinem im Jahre 1525 erfolgten Tode ein Gefangener. Mittlerweile fand ein Umschwung der öffentlichen Meinung zu Höchstetters Gunsten statt, und Niemand wollte als Gegner des angesehenen Handelsherrn gelten, was nicht zum Mindesten seine Bereitwilligkeit bewirkte, den ehemaligen Buchhalter nach Recht und Billigkeit zu befriedigen. Ohnehin machte er sich keine Feinde, weil er keinem Menschen hindernd in den Weg trat. Von den Welthändeln hielt er sich, soweit thunlich, ferne, weder an Höfen strebte er nach Würden, noch suchte er in der Vaterstadt ein Amt, und wenngleich er, „ein guter Christ und ganz wider die Lutherei", die Bilderstürmerei von 1523 freimüthig tadelte und ihn der durch die leidenschaftlichen Predigten des Barfüßermönchs Joh. Schilling über die weltliche Obrigkeit und die alte Kirche 1524 entzündete Aufruhr empörte, so rechneten die Anhänger der neuen Lehre ihm dieses nicht hoch an, weil er allen Bürgern gleich freundlich begegnete. Allerdings gefiel vorsichtigen Männern der in seinem Hause an Verschwendung grenzende Luxus nicht, allein die Künstler und die Handwerker vertheidigten solchen Aufwand, durch welchen das Geld durch die ganze Stadt rollte, und da erst kürzlich (1527) der Sohn Ambras mit Katharina Neumann und das Jahr darauf der zur Gesellschaft gehörende Bruderssohn Joseph mit der reichen Benigna Adler sich verheirathet hatten, so erschien das durch das Beibringen der Frauen noch mehr gestärkte Vermögen auf sicherem Boden zu stehen. Man lachte über die ängstlichen Gemüther, welche ihre Spareinlagen zurückzogen, und bei der Wahrnehmung der unverzüglichen Auszahlung der gekündigten Kapitalien drang in die weiteren Kreise der Gläubiger keine Unruhe. Um so überraschender kamen die seltsamen Nachrichten, welche gegen Ende des Jahres 1523 die Stadt durchschwirrten. Unfälle aller Art sollten die Gesellschaft Höchstetters betroffen und erschüttert haben. Die Einen wußten von einer mißglückten Speculation mit Quecksilber, Andere erzählten den Untergang eines mit Schützen beladenen Schiffes auf dem Meere und die Beraubung der aus den Niederlanden erwarteten Frachtwägen, und Dritte wollten von Hiobsposten aus Rußland gehört haben. In dem Kontor selbst aber herrschte Verwunderung über derartige Märchen, cS wickelte die Geschäfte in gewohnter Weise ab, befriedigte ohne Säumen jeden, welcher seine Spareinlage erheben wollte, und die Lebensweise der Hausgenossen zeigte keinerlei Einschränkung. Indessen hatte thatsächlich die Gesellschaft empfindliche Verluste erlitten, welchen alle Opfer, dem völligen Ruin vorzubeugen, nicht gewachsen waren. Der Bankerott ließ sich nicht länger verheimlichen. Vergeblich schrieen jetzt die „Lässigen" nach ihrem Geld, und sie fanden nicht einmal das Amt willig, den älteren Höchstetter zu verhaften, „weil dies wider den alten Brauch und das Stadtbuch wäre". Auch glaubte der Rath mit dessen Eid, nicht aus der Stadt zu weichen, sich begnügen zu dürfen. Bald jedoch mußten die Rathsherren sich überzeugen, daß ein Falliment, wodurch die Ueberschnldung mit mehr als 400,000 fl. eine große Zahl von Vermögen theils schwer schädigte, theils ganz vernichtete, und ein so unerhörter Vertrauensmißbranch 129 gegenüber vielen Mitbürgern eine außerordentliche Maßregel rechtfertige. Ohnehin mußte bei einem milden Nechtsverfahren die Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung besorgt werden, zumal seit der bekannt gewordenen Flucht des Joachim Höchstetter und des Franz Baumgartner und durch das trostlose Ergebniß der In- ventarisation der beschlagnahmten Fahrniß, „daß nichts Richtiges gefunden worden", die aufgeregte Volksmasse immer mehr sich erhitzte. ES wurden deßhalb am 25. Juli 1529 die drei Höchstetter in das Gefängniß abgeführt, ungeachtet sie erklärten, auf ihr ganzes Eigenthum zu verzichten, falls nur ihren Frauen das verschriebene Beibringen erhalten bleibe. Allein gegen diesen Vorschlag stemmten sich die Gläubiger, „denn — sagten sie — auch die Frauen trieben mit unserem Gut Pomp, Hoffarth und Schleckerei, also gehört unS alles, was noch vorhanden ist, und sie mögen selbst zusehen, wie sie ihre Ehemänner wieder losbekommen". Unter solchen Umständen blieb ein langwieriger Prozeß unvermeidlich. Trotz der entzogenen Freiheit fühlten jedoch die Höchstetter dabei nicht gänzlich sich verlassen. Einflußreiche Gönner nahmen sich ihrer an. König Ferdinand schickte ihnen vr. Johann Zott und Herzog Wilhelm von Bayern seinen Kanzler I)r. Augustin Lefch zum Beistand, und diese legten am 15. Juni 1530 den von ihnen ausgearbeiteten Vergleich auf dem Nathhause nieder. Nur die Hälfte der Gläubiger billigte daS Pro- jeci, und weil die andere Hälfte jeden Versuch, sie für das gütliche Uebereinkommen günstig zu stimmen, zurückwies, so baten jene den Kaiser, der wegen des Reichstags seit 15. Juni 1530 in Augsburg verweilte, er möge die Verneinenden zur Annahme des Vergleiches zwingen. Dazu entschloß sich zwar Karl V. nicht, jedoch wünschte auch er die friedliche Beilegung der Streitsache, und er beauftragte seine Räthe in Verbindung mit dem hiesigen Bischof, mit den Parteien für eine allgemeine Verständigung zu verhandeln. Aber auch ihre Bemühungen verliefen fruchtlos, ungeachtet in der Zwischenzeit die Frauen des Joseph Höchstetter und des Franz Baumgartner „vor Unmuth" gestorben waren. Kam bisher die Verlängerung der Schuldhaft hauptsächlich auf Rechnung der Renitenz der Gläubiger, so trugen an derselben von jetzt ab die Gefangenen selbst einige Schuld. Unter Berufung auf ein kaiserliches Privilegium wollten sie nur noch dem NeichSkammergericht Red' und Antwort geben, was den Rath veranlaßte, sie am 28. Juni 1531 in ihre eigene Behausung zurückbringen zu lassen. Dadurch verbesserte sich jedoch ihr Loos keineswegs. Bewacht von 12 Mann, wurden sie zusammen in einer kleinen Stube eingesperrt, welche sie niemals verlassen durften, daher sie vorzogen, aus dem engen, mit verpesteter Luft angefüllten Gemach nach 3 Monaten wieder in die Eisen zu kommen. Dort erhielt der ältere Höchstetter für sich ein Stüble, während sein Sohn und sein Neffe „in einem Gcwölble angekettet" den weiteren Verlauf des Prozesses abzuwarten hatten. Wie lange dieser dauern werde, wußte Niemand, auch der Rath nicht, und um darüber die Verhafteten nicht im Unklaren zu lassen, eröffnete er ihnen am 7. Juli 1534, daß sie „auf ihr Lebtag" in dem Heiltgkrcuzthorthurm eingeschlossen bleiben?) Ambras Höchstetter der Aeltere vermochte aber nimmer die ärmliche Lagerstätte zu verlassen. Ein qnal- AmbroS und Joseph Höchstetter erhielten auf kaiscrl. Befehl nach geleisteter Urfehde 1514 die Freiheit. volles Leiben, ihm selbst und seiner Umgebung zur unerträglichen Last geworden — „er hat den Wolf gehabt", berichtet Sender — endete 1534 der Tod. Daß die Mitbürger dem Mann, der bet seinem tiefen Falle viele der Ihrigen in das Elend stürzte, bitter zürnten, ist verzeihlich, und daß auch spätere Generationen sein Andenken durch kein öffentliches Zeichen erhalten wissen wollen, ist begreiflich; aber ihm, dessen Leben nicht ganz ohne Verdienste war und der seine Schuld durch eine fürchterliche Buße sühnte, das Mitleid nicht zu versagen, dürfte eingedenk der Worte des Dichters: „es irrt der Mensch, so lang er strebt" — keinem Tadel begegnen. ---ss-^ss—-- Quellen und Brunnen in Beziehung zur Kunst und Geschichte.*) Von Max Fürst. ^ tNa-druck verboten.) Glaube man ja nicht, daß ich mir den Anstrich gebe, als vermöchte ich das heute gewählte Thema auch nur annähernd zu erschöpfen. Leichter dürfte ein Brunnen auszuleeren sein, ehe ich den Stoff völlig bewältigte, der nun die Quelle unserer Unterhaltung sein soll. Mich quält zunächst nur die eine Sorge, daß ich nicht den rechten Fluß in meine Darlegungen bringen, daß der Born des nöthigen Humors mir nicht genügend sprudeln, daß ich zu viel trockenes oder seichtes, zu viel wässeriges und verschwommenes Zeug vortragen möchte. Für alle Fälle bitte ich, doch ja keine Wasserwaage bei Prüfung meiner Darlegungen anlegen zu wollen. Daß das Wasser LcbenSelement ist, hat man schon zu allen Zeilen gewußt und auch dankbar anerkannt. Zum Lobe des Wassers noch weiteres sagen zu wollen, hieße wirklich, dasselbe in's Wasser tragen. Ohne dasselbe gibt es ja keine menschliche Existenz, und die Gelehrten haben daher vollkommen Recht, wenn sie sagen, daß „der Mann im Monde" ein Unding sei, weil es eben dort niemals etwas zu trinken geben kann. Wenn völlig materielle Gesichtspunkte schon das flüssige Element so schätzen lernen, so hat speziell die Kunst alle Ursache, dem Wasser ihre Huldigungen nie zu versagen. Entstieg demselben doch die schönste und herrlichst gestaltete aller Göttinnen: Venus Anadyomene. Was war daher naheliegender und begreiflicher, als daß die Verehrer deS Schönen stets mit Vorliebe nach dem Wasser schielten, wie dieses weiland schon der schöngeistige und dennoch sehr praktische Jüngling Narcissus gethan, der bei dieser Gelegenheit den billigsten Spiegel kennen lernte, in dem er sich leider allzu sehr selbst bewunderte, was übrigens viele in Narciß' Jahren stehende Herren und Damen auch ohne Spiegel mühelos zu Stande bringen. Kein Mensch, der Sinn und Verständniß für die Schönheiten der Natur hat, wird den eigenartigen Reiz verkennen, der über dem Spiegel eines frei vor uns liegenden See's oder über dem mooSumrahmten Spiegel einer stillvrrborgencn Quelle gelagert ist. Zunächst haben Quellen immer etwas träumerisch Geheimnißvolles, und sie regen ganz besonders zu poetischem Empfinden an. Quellen spielen daher keine geringe Rolle in den Liedern *) „Car neu als-Plauderei", gehalten am 17. Januar in der Abendversammlnng des historischen Vereins von Ober- bayern. 130 der Dichter. Mit welch' sentimentalen Gefühlen haben wir in unserer Jugend nicht oft citirt: „An der Quelle saß der Knabe." Seit wir älter und nüchterner geworden, sehen wir freilich vielfach von diesem Knaben ab, indem wir wissen, daß auch alte Knaben gerne an den Quellen sitzen. Um kein Mißverständniß aufkommen zu lassen, meine ich hierunter zunächst die Gelehrten, besonders die Historiker, die ja mit Vorliebe an den Quellen sitzen, auch wenn dieselben manchmal sehr trocken sind. Man rühmt uns da vor allem die Herren Waitz und Wattenbach, welche sich namentlich um die Zugänglichkeit deutscher Quellen sehr verdient gemacht haben. Mir obliegt hier die ehrende Pflicht, auch eines anderen Quellenforschers, unseres bayerischen Landsmannes Jos. Beraz, zu gedenken, der, wenn er auch kein Gelehrter war, dennoch die Geheimarchive der Erde kannte und Quellen gefunden hat, wo sie der Verstand des Verständigsten nicht zu suchen gewußt hätte. Bei Nutzbarmachung seiner Funde konnte unserem Beraz allerdings die sonst so viclvermögende Buchdruckerpresse weniger Dienste leisten, als es zumeist die hydraulische Presse zu thun im Stande war. Das höchste Ansehen, sogar den Nimbus des Heiligen, genossen im Alterthume die Quellen größerer Flüsse und Ströme. Bei dem Streben der Alten, alle wichtigen Erscheinungen zu personificiren, war es selbstverständlich, daß Hiebei auch die Quellen nicht zu kurz kamen. Indem aus den Urnen lieblicher Najadcn der Ströme Silber- schaum entsprang, wie uns noch ein späterer Dichter versichert, so hatten die antiken Bildhauer Gelegenheit genug, liebliche Najadcn, Fluß- und Stromgötter in all ihren Rangstufen zur Darstellung zu bringen. In Beziehung auf plastische Personification der Ströme gilt nun merkwürdiger Weise auch das bekannte Wort: Die Ersten werden die Letzten werden. Erst als das alte Heiden- thum mit seinen unzähligen Symbolen und Verkörperungen vom Strome der Zeit hinweggeschwcmmt worden war, fing man an, die Gestalten der vier Paradiescs- ströme, denen früher derartige Aufmerksamkeit versagt geblieben war, in sinniger Weise an den Sockeln christlicher Taufbecken anzubringen. Vor Kurzem ist den erwähnten vier Flüssen abermals eine plastische Ehrung, nämlich an dem Brunnen vor der neuen St. Annakirche in München, zu Theil geworden. Geschmeichelt hat übrigens der Bildhauer den Herren Phison, Gehon, Tigris und Euphrat hier schwerlich; dieselben schauen so bitter und griesgämig aus, als hätten sie in ihrem Leben niemals sonnige Gefilde und heitere Tage gesehen. Wie heidnisch-antike Vorstellungen mehrfach in die christliche Kunst herübergeflosscn, bezeugen am besten die alten Darstellungen der Taufe des Herrn, auf denen nicht selten der Flußgott Jordan gravitätisch in der Ecke sitzt, um mit den seiner Urne entquellenden Wellen die Füße des Täuflings zu umspülen. Die prächtigste Personifikation, die nach meinem Wissen je ein fließendes Wasser erhalten, ist dem mächtigen Strome Aegyptens, dem befruchtenden Nil, geworden. Die im Lraooio unovo des Vaticans befindliche Colossalfigur des genannten Stromes erstellt schon durch die Zuthaten, welche an derselben sich zeigen. Die amorettenartig gestalteten Kinder, die so traulich, ja fast zudringlich an und auf dem wohlwollenden Flußgotte herumkrabbeln, erinnern — modern gedacht — fast ein wenig an die Herren Engländer, die bekanntlich am Nil seit Jahren mehr sich zu schaffen machen, als anderen Verehrern des werthen Stromgebietes lieb und zulässig erscheint. Aehnlichem Liebeswerben ist in früherer Zeit ja auch der Vater Rhein, der ebenfalls schon öfters bildliche Verkörperung gefunden hat, ausgesetzt gewesen. Weil, wie männiglich bekannt, der biedere Alte Wein und Gesang besonders liebt, so haben gallische Sirenen schon öfters in perfider Weise ihn zum Treubruch an seiner rechtmäßig angetrauten Ehefrau Germania verleiten wollen. Das wälsche Gekose hat nun, so Gott will, glücklicherweise für immer ein Ende, seitdem deutsche Hände — allerdings nicht mit weichem Pastellstift — ihren ehrlichen „Sammel- vermerk" aus der linken Nheinseite gar kräftiglich an die Wälle von Metz und Straßburg geschrieben haben. Seit der Nheinstrom für Deutschland keine Grenze mehr bildet, hat bekanntlich auch die früher so viel betonte Mainlinie ihre politischen Ecken und Kanten verloren. Möchte sie doch dafür als Wasserstraße im Gebiete des Handelsverkehrs jene Bedeutung gewinnen, die der mnthige bayerische Kanalvecein unentwegt anzustreben sich müht! Wenn man sieht, wie auf dem von L. Schwanthaler entworfenen herrlichen Kanaldenkmal, welches König Ludwig I. bei Erlangen errichten ließ, Herr Main und Frau Donau so genügsam beisammensitzen und einander so liebhaben, so darf man als guter Bayer trotzdem nicht wünschen, daß es immer so bliebe, denn es ist ja kein Geheimniß mehr, wir sehr die sonst so friedliche Ehe der Genannten häufig schon durch bittere Nahrungssorgcn getrübt worden ist. Nüchterne praktische Leute haben daher ganz Recht, wenn sie sagen, man solle nie Zwei zusammenheirathen lassen, wenn sie nicht das gesicherte nöthige Auskommen haben. Uebrigcns ist bei der Anfang der 40er Jahre herrschenden kgl. bayerischen Negierungsmaxime die Ver- ehelichung von Main und Donau einer der wenigen Fälle gewesen, in denen es zwei Heirathslusligen gelungen ist, ohne den Ausweis genügender Subsisienzmittel den erbetenen EheconscnS zu erhalten. Bei den Wasserläufen und Flüssen geht es häufig ähnlich wie bei den Menschen: am ungezwungensten und am wenigsten belastet sind beide Theile in ihrer Jugend. Jnsoserne haben auch die zwei reizenden marmornen Schwestern Brigach und Breg, welche im lauschigen Schloßgarten zu Donaueschingen die Donauquelle versinnbildlichen, volles Anrecht, ihres schönen jugendlichen Daseins sich zu freuen. Bildhauer Reich, der Schöpfer der prächtigen Quellgestalteu, hat es wohl verstanden, das träumerische Behagen dieser zarten Nymphen zu anziehendem Ausdrucke zu bringen. Man sieht es den beiden Fräulein an, daß sie nicht die leiseste Ahnung haben von all' den zuwider» Dingen, die längs des Donaulauses sich abspielen, wo nicht erst tief unten in der Türkei, sondern oft schon weiter heroben, in Cis- und Transleithanien, die Völker — wenn auch gerade nicht mit Knütteln — doch mit allen parlamentarischen und unparlamentarischcn Mitteln wuchtig aufeinauder- fchlagen. Nicht alle bedeutenden und interessanten Quellen haben ihre künstlerische Personification gefunden. Bei mancher derartigen Aufgabe hätte sich der Bildhauer an sich schwerer gethan, als etwa der Maler, welcher mit seinen Mitteln zum Beispiel den berühmten Blautopf bei Blaubeuren doch sehr leicht zu charakterisiren vermöchte. Im Uebrigen gilt, was von der Jugend gesagt wird, auch von der Quelle: sie schmückt sich selbst am besten. An Heilquellen, in berühmten Bädern und der- 131 gleichen Orten erfährt man am deutlichsten, wie das zuviel Gezicrtsein und Geziertthun nicht dazu beiträgt, den etwa dort nothwendigen Aufenthalt anziehend und gemüthlich zu machen. Mancher Heilsuchende hat nach solch üblen Wahrnehmungen sein Heil thatsächlich wieder in der Flucht gesucht. Allerdings kann darob die eigentliche Nymphe der Quelle ihre Hände in Unschuld waschen; die in ihrer Umgebung sich ergebenden Auswüchse fallen auch nicht so sehr der Kunst, sondern fast ausschließlich der großen Tyraunin „Mode" zur Last. Diese De- spotin aus dem Gebiete der Quellen und Brunnen zu verscheuchen, dürfte kein kalter Wasserstrahl stark genug, keine Therme und kein Sprudel heiß genug erscheinen. Den berühmtesten Sauer- und Bitterbrnnnen der Welt bleibt da nichts anderes übrig, als einfach zum bösen Spiel süße Miene zu machen. Glücklicher Weise zeigt sich an den Heil- und Kurplätzen doch nicht immer ein so böser Stern, als wie er im letzten Sommer in einem untersränkischcn Bade nicht auf- sondern eingegangen ist. Wenn der vielgenannte Amerikaner aus dem Morgenlande, der in Kissingen vom Salzwasser ordentlich gekostet haben soll, einigermaßen der deutschen Sprache mächtig ist, dann wird es ihm vielleicht in seinen Mußestunden gelingen, einen bekannten Spruch etwa mit „sau're Wochen, — Frohn-feste" verständnißinnig zu übersetzen.- Daß die Brunnen vielen Menschen, besonders der ländlichen Jugend, so lieb und werth, erklärt sich, wenn man bedenkt, wie viele Liebschaften gerade an Brunnen .ihre Anknüpfung gefunden haben. Wer kennt nicht die lieblichen Scenen von Jsaak und Nebekka, von Jakob und Rachel, welche uns die Bibel so anziehend schildert. Auch Moses, der, ob seiner wuchtigen Beziehungen zum Wasser, im Mittelalter besonders gerne als Brunnenfigur gewählt worden ist, lernte seine Braut Sephora bekanntlich an einem Brunnen kennen. Fast keines der vielen Schäfcrspiele der Barockzeit kann der Quelle oder des Brunnens entbehren; in Theorie und Praxis, in Kunst und Leben hat Liebenden der Brunnen stets als freundliches Palladium gegolten. Es ist gewiß interessant, daß Tizian in seinem be- rühmten und vielcommcntirtcn Gemälde „Die irdische und die himmlische Liebe" feine herrlichen Gestalten an einen Brunnen gestellt hat. Freilich kommt Hiebei mehr das prachtvolle, reliefgeschmückte Becken als das Wasser zur Geltung, was wohl auch seinen tiefen Grund haben mag. Meistens ist den Liebenden das Wasser ja doch sehr Nebensache, wie wir einem bekannten Volrsliede entnehmen können, in dem es heißt: »Jetzt gang i aus Bränncle, trink aber nrt." Trotz der angedeuteten lieblichen Bedeutung ist es an den Brunnen nicht immer so gar idyllisch und gemüthlich zugegangen. Auch Haß und Groll haben hin und wieder an sprudelnden Wassern ihre Triumphe gefeiert. An einem Brunnen war's, wo Siegfried, der schon trinken wollte, vom grimmen Hagen die tödtliche Wunde empfing. An einem Brunnen — an dem berühmten Löwenbrunnen der Alhambra — war's, wo säst das ganze Geschlecht der vielbesungenen maurischen Abeuccrragcn von den gegnerischen Zegris hingemorbet wurde. Bemerkenswcrlh ist es, daß man hie und da noch Brunnen trifft, die mit der Figur der Gerechtigkeit oder Justitia geziert erscheinen. Unzweifelhaft ist hier in den Meisten Fällen eine Erinnerung an die alten GerichtS- schrannen gegeben, an jene wichtigen Amtshandlungen, die in Mitte des Schranncnplatzes, in Nähe eines Brunnens, sich abgespielt haben. Bon dem Ernste, der Gerichtshandlungen an sich eigen ist, auch abgesehen, muß damals schon die Person des Richters meist einen sehr furcht- erweckenden Eindruck gemacht haben, wenn dieser anders die in einem Ncchtsbuche des 13. Jahrhunderts enthaltene Weisung beherzigte, welche eindringlich besagte: „Der lichter solle sizen als ein gricsgrimmcnder Löw, vnd soll den rechten Fuss schlagen ober den linckhen." Ungleich gefährlicher und nachiheiliger als ein wirklicher griesgrämiger Löwe hauste im Mittelalter mehrmals jener verhängnißvolle Wahn, welcher beim Ausbruche verheerender Seuchen zumeist Brunnenvergiftung witterte, und in der Suche nach den Urhebern solch' eingebildeter Verbrechen nicht selten zu Gräueln führte, die der Cultur-Historiker nur zu gerne mit „Schwamm d'rüber" behandeln möchte. Es würde zu weit führen, wollten wir der vielen, durch Brunnen ausgezeichneten Stätten gedenken, welche im Laufe der Zeiten zu berühmten Zeugen geschichtlicher Ereignisse geworden sind. Nur an einige Vorkommnisse unseres Jahrhunderts möchte ich kurz erinnern: „Im Garten zu Schönbronnen da liegt der König von Nom", so hat man noch lange nach dem Tode des schuldlosen Sohnes eines schuldbeladenen Vaters in Deutschland singen hören. Wir erinnern an all' die wichtigen Verhandlungen und Vorkommnisse, welche die stolzen Brunnen von Fontainebleau geschaut, als der mächtige Corse dort die Unterwerfung Europas Plante und in dem wasscr- umrauschtm Schlosse es sich zur Lieblingsausgabe machte, die Staatsmänner und Diplomaten aller Länder recht gründlich ein- und unterzutauchen. Es war die rächende Nemesis, daß gerade in diesem Fontainebleau schließlich auch dem Gewaltigen das Wasser an den Hals ging, indem er dort am 11. April 1814 seine Abdankungs- urkimde zu unterzeichnen hatte. Allerdings, Elba und das Mittelmccr erwiesen sich als ungenügend, den Gefurchtsten festzuhalten; erst das Nicsenbecken des Atlantischen Oceans, durch welches man den Geächteten nach dem Eiland von St. Helena führte, reichte aus, um darin die kühnen Träume und Pläne des Titanen für immer zu ersäufen. Wie Vieles wüßten uns ferner nicht die Brunnen und springenden Wasser des Versailler Schlosses zu erzählen. — In dem reizenden, ebenfalls an Wasserwerken reichen Parke von Hellbrnnn bei Salzburg, auf welchen der von deutschen Kaisersagen umwobene Untersberg majestätisch nicderschcmt, findet sich u. a. eine Grotte, in der, von kräftigem Wasserstrahl getragen, eine Krone zur Höhe schwebt. — Auch über den Wassern von Versailles hob sich am 18. Januar des Jahres 1871 vor den Angcn der staunenden Welt eine Krone — die herrlich erstrahlende Kaiserkrone des neuen deutschen Reiches. — Die Wendung, die unser Vortrag genommen, hat uns ernst gestimmt. Wir fühlen eben, daß die Weltgeschichte wohl Ironie kennt, niemals aber Spaß versteht. Wenden wir uns von großen geschichtlichen Ereignissen nun wieder niedlicheren Dingen zu. Wie schon erwähnt, haben die berühmtesten Bildhauer aller Zeiten dem Wasser ihren künstlerischen Tribut gezollt und be- sonders in mannigfacher Brunnenzier die Mit- und Nachwelt nicht selten zu Staunen veranlaßt. Schon die griechische Mythe erzählt uns, daß Danaos die ersten Cisternen und Brunnen geschaffen habe. Wie es so oft im Leben geht, haben bereits die Kinder des Danaos zerstreut, was der Vater mühsam gesammelt. Der Keim zum Sprichworts „Wie gewonnen, so zerronnen" wäre somit in der Familie des Danaos aufzusuchen, denn seine vielen Töchter haben bekanntlich unter der Calamität gelitten, kein Wasser behalten zu können. Glücklicherweise hatte unter der fatalen Thätigkeit der danaidischen Damen kein anderes Wesen zu leiden. Wäre dem nicht so gewesen, dann hätte man wohl, analog einem berühmten klassischen Spruche, recht gut auch sagen können: Fürchtet die Danaiden, wenn sie einschenken! — — (Fortsetzung folgt.) Allerlei. Eine Kriegs-Anekdote. Lieutenant B. vom xten Jägerbataillon sieht einen Soldaten seiner Kompagnie aus einem Kramladen Villejuifs kommen und hört, wie dieser über „die Dummheit der Malefiz- Franzosen" raisonnirt. B. fragt den Jäger, was er denn in dem Laden habe kaufen wollen: „a Salz, Herr Leutnant, und segn's, die Kerl habn g'wieß gnua und walln wer nur kanS geben. Ich Habs lOmal g'sagt, — a Salz, a soa Salz zum Salzen möcht i, nit amol verstanden habn sie's, wenn ichs noch so laut g'schrien hab." Lieutenant B. nimmt ein Blatt Papier aus seinem Taschenbuch und schreibt darauf „äu ssl". „So, da stehts drauf, was Salz auf französisch heißt, jetzt werden sie's verstehen." „Ich dank' g'horschamst, Herr Leutnant." Andern Tags fragt B. den Soldaten, ob er sein Salz erhalten. „Net gleich, Herr Leutnant, die haben a nit recht französisch verstanden; ich hab LOmal gsagt, an „Dusel" will ich, und die Lampel haben mich nit verstanden; erst wie ich gsagt hab „Jetzt hau i aber gleich euer ganz Malefizglump z'samm" und hab so a bisse! mit der Faust auf'» Tisch klopft, da derwischt der oan den Zettel — nachher habnS wer gleich a Salz geben." Ein gutes Anlagekapital. „Bei einem Duell zwischen einem Rentier und einem Lieutenant erhält ersterer einen Schuß in die Brust. Der Arzt, der den Getroffenen untersucht, findet zu seinem Erstaunen, daß die Verletzung ganz unbedeutend, da die Kugel an einem in der Westentasche befindlichen Goldstück abgeglitten. Indem er dem Rentier auf die Schulter klopft, ruft er lächelnd aus: „Hören Sie, mein Lieber, Sie verstehen es aber ganz vorzüglich Ihr Geld zu plaziren." » Fatale Wendung. „Meine Frau hat, da wir plötzlich Besuch erhielten, eine kleine häusliche Festlichkeit in Aussicht genommen! Haben Sie für heute Abend schon etwas vor, Herr Kamerad?" — „Nein, Herr Hauptmann! Stehe zu Diensten!" — „Dann sind Sie wohl so gütig und — halten der Kompagnie um 8 Uhx den Vortrug, den eigentlich ich halten sollte!" Ä»>8 seinem Kerzen. Was da kommt aus Seinem Herzen, — Sei cö Leben oder Tod, Bring' eS Freude oder Schmerzen — Ist das Eine, was mir noth l Warum soll' ich denn noch klage»? Kenn' ich doch das Herz des Herrn, Das aus Liebe pflegt zu schlagen, Das in: Leide nie mir fernl Was da kommt auö Seinem Herzen, — Sei es Armuth, sci's Gewinn, Wohlsein oder Krankheitsschmerzen, — Alles nehm' ich willig hin; Weiß Er doch am allerbesten, WaS zu meiner Seele Heil, Denn ihr Glück ist oft am größten, Wenn das Kreuz ihr täglich' Theil! Was da kommt aus Seinem Herzen, — Sei eö Liebe, sei eS Leid, Ruhe oder Scelcnschmcrzen, — Ist mir recht zu jeder Zeit! Niemals will ich selber wählen, WaS Er will, ist meine Wabl, Und an Keinem wird's mir fehlen. Scheint mir Seiner Liebe Strahl! Was da kommt aus Seinem Herzen, — Soll d'runr jederzeit gescheh'n. Müßt' ich auch in bitter'n Schmerzen Einsam durch das Leben gch'n; Wenn das Liebste mich verlassen, Das mir einst zur Seite stand, Will ich um so fester fassen Meines Heilands Herz und Hand! O ich weiß, in Seinem Herzen Wohnt nur Liebe, Lieb' so heiß, Daß sie alle Erdeuschmcrzen Reichlich zu versüßen weiß! Hätt' das Schwerste mich getroffen, Schien' mir aller Trost auch fern, — Dennoch seh' den Himmel offen Ich im Herzen meines Herrn! Und so bleib' in Seinem Herze» Ich bei Tage und bei Nacht, Dieses Lebens Lust und Schmerzen Geb' ich dorten wenig Acht! Was da kommt, ich bin's zufrieden, Wie und wann eö Ihm gefällt, — Wahrlich, so ist mir beschicken Schon der Himmel auf der Welt! Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt. «SA» « 18 . „Augsburger Postzeitung". Vivstag, den 3. März 1896 . Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS >L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Die Astrologen. Historischer Noman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Benno. (Fortsetzung.) Albrecht von Wallenstein war indessen von Plan aufgebrochen. Während des Marsches beschied er Butler an seine Sänfte. „Herr Oberst", wandte er sich an diesen, „ich muß mir den Vorwurf machen, daß ich Euch bisher nicht so belohnt habe, wie Ihr es verdient. An dieser Ungerechtigkeit trage jedoch nicht ich die Schuld, sondern der Kaiser, welcher bezüglich der Dotationen an verdienstvolle Offiziere seine Versprechungen nicht hielt. Es soll anders werden. Damit Ihr sehet, wie sehr ich Euch schätze, sollt Ihr zwei Regimenter erhalten, und zudem werde ich Euch zu neuen Werbungen in England, Schottland und Irland zweimalhunderttausend Thaler durch meinen Gesandten in England anweisen lassen und einen Musterungsplatz in Hamburg verschaffen." „Hoheit", erwiderte Butler, „Dero Gunstbezeigungen erfüllen mich mit dem innigsten Dank. Ich bin kein Unterthan des Kaisers und nur durch die freiwillig übernommene Militärpflicht für die Dauer meiner Dienst- zeit gebunden. Nach Emledigung von dieser Pflicht kann ich dienen, wo mtr's gefällt. Doch die Ehre, das höchste Gut des Soldaten, verbietet mir, aus einer ältern Kapitulation in neue Dienste zu treten, ehe jene erfüllt ist. Ich will bei dem Kaiser um Entlassung aus dem Heere nachsuchen. Ist dies geschehen, so bin ich zum Eintritt in Euere Dienste bereit. Ich weiß ja, daß es keinen größern Feldherrn gibt als Euere fürstliche Gnaden!" Das Mienenspiel Wallenstein's bekundete, daß die ausweichende Antwort nicht seiner Erwartung entsprach. Er behielt jedoch seine Gedanken für sich. „Es ist gut", „darüber sprechen wir später noch mehr." Gleichzeitig reichte er dem Oberst mit einem freundlichen Nicken die Hand, und dieser ritt an die Spitze seiner Dragoner zurück. Gegen Abend wurde Eger erreicht. Wie auf dem ganzen Marsche, mußten die Butler'schen Reiter auch hier wieder auf freiem Felde campiren. Beim Einzug durch das Festungsthor hatte Wallenstein, düster und starr vor sich hinbrütend, in eine Ecke der Sänfte sich gedrückt. Plötzlich kam Leben in sein Gesicht, das für einige Secunden noch bleicher wurde, als es schon war. Er sah ein Antlitz vor sich, das Erinnerungen der unangenehmsten Art in seiner Seele wachrief: Leßlie, der ehemalige Schloßhauptmann auf Großmeseritsch, stand vor dem Thor-Eingang und schaute in Gesellschaft eines andern Offiziers auf den Prunklosen Aufzug des ehemals so stolzen Feldherrn. Gleichwohl faßte sich der Herzog sofort, ließ halten und winkte den nunmehrigen Oberstwachtmeister zu sich. „AHI" rief er und reichte Leßlie durch das Fenster die Hand. „Ihr seid's, Oberstwachtmeister? Wie freut es mich, hier alte Bekannte zu treffen. Commandant der Besatzung, nicht wahr? Ich habe mit Euch zu sprechen. Besuchet mich heute noch, sobald als möglich, in meinem Quartier." Leßlie versprach unterwürfig, den hohen Wunsch zu erfüllen, und der Zug bewegte sich fort. Der Oberstwachtmeister blieb nach der Entfernung des Herzogs noch eine Zeit lang auf seinem Platze. Die sonst so düstern Augen funkelten in wildem Triumph. „Ha, Herzog von Friedland", murmelte er, „nun bist Du in meiner Gewalt! Nun ist der Tag unserer Abrechnung, die Stunde der Vergeltung gekommen, nach welcher meine Seele schon Jahre lang gelechzt." Langsam kehrte er zu seinem Gefährten zurück, welcher, den Hut tief in's Antlitz gedrückt, der Unterredung aus der Ferne zugeschaut hatte. „Hast Du die Herrlichkeit des großen Friedländers gesehen, Fritz?" fragte er höhnisch. „Ich denke, jetzt helfen ihm Sonne, Mond und alle Gestirne am Himmel nichts mehr: jetzt kommt die Reihe an uns." Donald stieß einen Fluch aus. „Er soll mir den Schimpf büßen", knirschte er; „ich will ..." „Du?" fiel Leßlie dem Neffen mit finsterer Miene in's Wort; „Du wirst nichts thun, als Dich vorerst hübsch verborgen halten, damit Wallenstein Dich nicht erkennt. Später thust Du nur, was man Dich heißt. Sonst wehe Dir! Denn noch ist er der Herr, wenn auch nicht mehr . lange. Was Dir geschah, hast Du verdient. Ich habe mit ihm abzurechnen und brauche weder Dich, noch einen Andern dazu!" Leßlie schritt zu der hochgelegenen Citadelle hinauf, Donald neben ihm her. Vor dem Eingang trennten sie sich. Donald verschwand durch das Thor, und Leßlie nahm den Weg nach der Stadt. Die Dämmerung brach schon herein, als er vor der Wohnung des Bürgermeisters Pachhälbl ankam, bei welchem Wallenstein sich einquartiert hatte. Um sein aufgeregtes Blut abzuküh- 134 len, betrat er das Haus nicht sofort, sondern ging, seinen Gedanken nachhängend, langsam im Hof auf und ab. Zur gleichen Zeit befanden sich in einem nach der Westseite dieses Gebäudes gelegenen Zimmer der Herzog van Frtedland und Seni. Letzterer saß anscheinend in eifrigen Berechnungen vertieft an dem Tische, während Wallenstein, nach seiner Gewohnheit die Hände auf dem Rücken kreuzend, das Zimmer durchmaß. Auf dem Tische lag ein beschriebener Bogen Papier, dem ein großes Siegel aufgedrückt war. „Nun, was sagt Ihr dazu, Meister?" fragte der Herzog nach einer Weile, mit der rechten Hand auf das Schreiben deutend, mit finsterm Stirnrunzeln; „glaubt Ihr, daß dieses sinnlose Machwerk auch unter dem Zeichen des Erzhauses entstand?" Ein heiseres Hüsteln kam aus der Brust des Astrologen hervor. Verzeiht, hoher Herr", begann er, „wenn ich etwas vorzubringen wage, das Euch möglicherweise mißfällt. Ihr habt in letzter Zeit viel zu sehr auf fremde Einflüsterungen gehört, statt auf meinen wohlmeinenden Rath, der sich immer auf bestimmte Zeichen und Berechnungen stützt. Auch Kepler's Andeutungen haben, trotz meiner Warnung, in Eucrn Entschlüssen und Handlungen wieder eine sehr bedeutende Rolle gespielt. Habe ich Euch nicht schon früher gesagt, daß jener Mann uns niemals freundlich gesinnt war? Er hat mit seiner unbestimmten Drohung Euere klaren Begriffe verwirrt." „Demnach glaubt Ihr", unterbrach ihn der Herzog, „daß der von mir eingeschlagene Weg nicht zum Licht führen wird?" „Wer kann es sagen?" entgegnete Seni ausweichend; „der Himmel war in den letzten Tagen fortwährend trübe. Ich habe die Gestirne noch nicht befragt. Auch Euer Stern war beharrlich durch Wolken verdeckt." Der Herzog trat dicht an den Alten heran. Seine Augen hefteten sich durchdringend auf ihn. „Nicht den Bescheid des Astrologen möchte ich hören", sagte er, „sondern die Meinung des Mannes, der von mir bis zu dieser Stunde unter die treuesten Freunde gezählt worden ist, dessen Wort ich immer hoch hielt, wenn er auch", fügte Wallenstein bitter hinzu, „im vorliegenden Falle nicht, wie unsere Feinde behaupten, die Schuld an meinem Eigensinn trägt!" Seni erhob sich. Er kreuzte demüthig die Arme auf der Brust und schlug die Augen nieder, in welchen nur für eine Secunde ein fast drohender Blick entflammt war. „Wenn der Herr befiehlt", flüsterte er, „muß der Diener gehorchen. Ich will gestehen, daß es mich geschmerzt hat, als ich die Sonne mit Mars immer mehr in Opposition kommen und Euere Entschließungen meine Berechnung durchkreuzen sah; doch ich hoffe, daß auch das gegenwärtige Beginnen, welches ja aus dem unerschöpflichen Weisheitsborne Euerer Hoheit entsprang, wenn auch auf Umwegen zu einem Ende geführt wird, das Euerer Erwartung entspricht." Wallenstein's Augen funkelten, Der wenig verdeckte Rückzug des verwöhnten Rathgebers erbitterte ihn. „Ich weiß", grollte er, „daß Ihr mein Thun mißbilligt, weil Ihr es im Gegensatze zu dem Wohle des Erzhauscs glaubt. Ich selbst bin mir auch recht wohl bewußt, daß es ein gewagtes Spiel ist, ohne Rücksicht auf das Urtheil der Welt nach einem Ziele zu streben, das den Einen als eine Thorheit, den Andern als ein Frevel erscheint. Doch der Herzog von Friedland weiß, was er will; er weiß, daß Europa ihm zujauchzen wird, wenn er's erreicht. Deshalb wankt er auch nicht, und stünde er allein!" Er wandte sich ab und trat an's Fenster. „Wir bekommen eine mondhelle Nacht", bemerkte er nach einer Pause. „Setzt alles in Bereitschaft, Meister; ein freundlicher Wink der höhern Mächte war mir noch nie so nöthig, wie heute." Der Astrologe verließ das Gemach, und Wallenstein nahm seinen Gang wieder auf. Da wurde ihm der Oberstwachtmeister Leßlie gemeldet. Er befahl, diesen sofort vor ihn zu bescheiden. Der Herzog empfing den ehemaligen Schloßhauptmann mit einer Freundlichkeit, wie dieser sie niemals an dem Herrn beobachtet hatte. „Ein unerwartetes Wiedersehen", sagte Wallenstein mit einem Tone, durch welchen eine bittere Ironie klang. „Ihr habt wohl vorhin auch gefunden, daß das bescheidene Gefolge den Gewohnheiten des Herzogs von Friedland wenig entsprach. Aber wer war der Offizier, welcher sich während unseres Einzugs an Euerer Seite befand? Figur und Haltung erschienen mir bekannt, doch der Name fiel mir nicht ein." Für einen Augenblick wich alle Farbe aus Leßlie's Gesicht. Schnell jedoch faßte er sich. „Capitain-Lieu- tenant Devereux", erklärte er, „ein protestantischer Schotte, ein zuverlässiger und tapferer Mann!" „Devereux?" wiederholte der Herzog, „der Name ist mir nicht unbekannt! Wohl ein Verwandter des Obersten, der am weißen Berg fiel? Zum voraus schon eine Empfehlung für ihn. Er scheint Euch nahe zu stehen. Das freut mich. Damit Ihr seht, wie ich brave Männer zu schätzen weiß, bringt ihm das Hauptmanns-Patem. Erinnert mich gelegentlich wieder an ihn. Es soll sein und Euer Schade nicht sein." Wallenstein hatte in Folge seiner eigenen Aufregung der Verwirrung Leßlie's gar keine Beachtung geschenkt. „Seht, das ist der Lohn eines Kaisers", nahm er wieder das Wort, indem er nach dem auf dem Tische liegenden Papier griff und es dem Oberstwachtmeister darreichte, „eines Kaisers, der mir nun schon zum zweitenmal« seine Krone verdankt! Doch es ist zugleich die Grube für die Herren in Wien, die mich bei Ferdinand angeschwärzt haben und nicht ruhten, bis es zum Aeu- ßersten kam. Ein Trompetenstoß, und der Klang meines Namens ruft Tausende der tapfersten Streiter herbei I Sie wissen, daß der Herzog von Friedland mit seinen Getreuen noch immer seinen Ruhm und die Früchte seiner Siege getheilt hat. Das soll fürder in noch ausgiebigerer Weise geschehen. Alle Diejenigen, welche bei meiner Fahne ausharren, will ich mit Ehren und Gold überschütten. Sie sollen werden, was sie zu sein verdienen: die reichsten und glücklichsten Soldaten der Welt." Er trat nahe an Leßlie heran. „Ich habe Euch einmal in einer bösen Stunde Unrecht gethan", sagte er mit treuherzigem Tone; „denkt nicht mehr daran! Es soll hundertfach wieder gut gemacht werden. Ehe des Mondes Rund sich füllt, marschirt Ihr als General gegen den Feind." Ein Dlener erschien und übergab ein Schreiben, das soeben durch einen Courrier gebracht worden war. Hastig riß Wallenstein dasselbe auf. Diesen Augenblick 135 benutzte Leßlie, den Inhalt des Schriftstückes kennen zu lernen, das er immer noch in der Hand hielt. Es war das Decret der Absetzung des Herzogs von Friedland. Dieser hatte sich mit dem erhaltenen Briefe an das Fenster gestellt. Seine Brust hob und senkte sich mächtig, während er las. „Ha", rief er plötzlich und nahm seinen vorigen Platz wieder ein, „nun gönne ich den Wiener Herren das Vergnügen, ihre wirkungslosen Blitze zu schleudern, nun ist mein Spiel gewonnen!" Leßlie, der lauernd zur Seite stand, warf einen raschen Blick auf das Papier. Seine Augen blitzten. Der Brief kam aus dem schwedischen Lager und trug die Unterschrift Bernhard's von Weimar. Wollenstem gab Leßlie noch verschiedene Verhaltungsmaßregeln. Auf die Terzky'schen, meinte er, könne man unbedingt rechnen. Der Oberst Butler aber scheine an der Gerechtigkeit seiner Sache zu zweifeln. Der Oberstwachtmeister möge dem alten Kameraden das Vortheilhafte seines Verbleibens beim Herzog auseinandersetzen. Damit wurde Leßlie entlassen. Wallenstein blieb in der zuversichtlichsten Stimmung zurück. Die Besatzung von Eger bestand großentheils aus protestantischen Schotten. Daran, daß auch nur einer derselben ihm untreu werden könnte, nachdem er im Begriffe stand, auf die Seite ihrer Glaubensbrüder zu treten, dachte er nicht. Sein Glaube wäre wahrscheinlich wankend geworden, wenn er den haßerfüllten Blick Leßlie's bemerkt hätte, als dieser über die breite Marmortreppe in den Hof hinabschritt. Der Oberstwachtmeister fand bei seiner Ankunft zu Hause ein Billet des Obersten Butler mit einer Einladung in dessen Quartier. Dies kam Leßlie erwünscht. Bis jetzt war er entschlossen gewesen, allein und auf eigene Gefahr seine Rache an dem Herzog zu üben; während des Aufenthalts bei demselben aber hatte ein anderer Plan in ihm Wurzel gefaßt. „Wer sich in Gefahr begibt", überlegte er, „kommt darin um. Unter den nunmehr geschaffenen Verhältnissen läßt sich mein Vorhaben vielleicht auf eine Weise ausführen, daß es, ohne das Ziel zu verfehlen, den Charakter persönlicher Rache verliert. Der Herzog ist abgesetzt, geächtet, ihn unschädlich zu machen — eine verdienstvolle That; wehr brauche ich nicht. Doch will ich vorher noch Butler's Meinung anhören, ich erhalte wahrscheinlich einen Bundesgenossen oder gar ein Werkzeug in ihm." Ohne Verzug machte er sich auf den Weg. Als Leßlie die Wohnung Butler's betrat, fand er daselbst auch den Festungs-Commandanten, seinen Vetter Gordon, den ehemaligen Schloßhauptmnnn von Fried- land, den Wallenstein vor zwei Jahren auf einen bloßen Verdacht hin plötzlich entlassen, später aber wieder zum Offizier im Heere ernannt hatte. Die Beiden saßen in der heitersten Stimmung beim Wein. Auch Leßlie ließ sich nieder und trank. Man sprach anfangs von diesem und jenem, meist Kriegserlebnissen und Erinnerungen aus vergangener Zeit. Als aber der Wein die Herzen zu öffnen begann, fiel auch über die Gegenwart manches Wort, und der Oberstwachtmeister, der nur darauf gewartet hatte, benutzte die erste Gelegenheit, um den entscheidenden Schritt zu thun. Er erzählte, wie er eben beim Herzog gewesen, wie dieser zwar nicht ausdrücklich über den Abfall vom Kaiser gesprochen, aber doch bezüglich seiner Verhältnisse zum obersten Kriegsherrn sich derart geäußert, daß man an einem geplanten Treu- bruch nicht mehr zweifeln könne. Die Beiden zeigten sich über diese Mittheilungen nicht sehr erstaunt; es wurde nur bestätigt, was sie längst geahnt hatten und wofür Butler, wenn er auch seither geschwiegen, schlagende Beweise besaß. Leßlie fuhr fort: „Der Herzog ist abgesetzt und durch den Kaiser die Entbindung aller Offiziere vom Gehorsam gegen seine Befehle verfügt. Wallenstein selbst hat mir das Schriftstück gezeigt. Bet dieser Sachlage verlangt die Pflicht ein entschlossenes Handeln von uns; wir müssen dafür sorgen, daß der Friedländer seine verrätherischen Absichten nicht verwirklichen kann. Wir sind Fremde und besitzen außer unserer Ehre kein Gut. Diese ist in Gefahr. Wenn wir klug und vorsichtig sind, retten wir sie." „Ihr habt Recht, Oberstwachtmeister", fiel ihm Butler in's Wort. „Aber wie? Die Terzky'schen Offiziere und Soldaten sind dem Herzog blindlings ergeben, und meine Reiter dürfen nicht in die Stadt. Wallenstein traut mir nicht. Er hat trotz meinem Bestreben, mich zu verstellen, wahrscheinlich meine wahre Gesinnung erkannt. Ich besinne mich auch schon lange, wie ich dem Auftrag Piccolomini's, den Herzog todt oder lebendig in seine Hände zu liefern, gerecht werden soll; so lange mir die Hände gebunden sind, kann ich nichts thun." Wie ein wildes Thier auf die Beute, so schnellte Leßlie bei der letzten Andeutung Butler's empor. „Was!" rief er, „was sagtet Ihr: todt oder lebendig? Diese Worte hat Piccolomini gebraucht? Seid so gut und berichtet mir alles genau; denn stehen uns solche Waffen zu Gebot, dann wird der Knoten mit einem Schlage gelöst." „Das will ich", erklärte Butler, „und bin begierig, zu hören, was Ihr damit anfangen könnt. Als mir die Sache während unseres Marsches hierher immer bedenklicher vorkam, schickte ich weinen Feldkaplan Patricias Taaffe zu Piccolomini und stellte ihm durch diesen meine Besorgnisse und meine Rathlosigkeit vor. Der General lobte mein seitheriges Verhalten und ließ mich ermähnen, auch fürderhin dem Herzog scheinbar gehorsam zu sein; zugleich aber ertheilte er mir den Befehl, bei der ersten Gelegenheit, die sich biete, mich der Person Wallenstcin's zu versichern und ihn in gutem Gewahrsam zu halten, bis er zur Einleitung weiterer Schritte selbst herbeigeeilt sei und zwar todt oder lebendig! Wie mir Patricius sagte, wurden diese letzten Worte von Piccolomini mehrmals wiederholt." „Nicht weiter!" unterbrach Leßlie den Oberst. „Diese Vollmacht genügt. Der General hat Euch zum Vollstrecker des kaiserlichen Willens erwählt; wir sind auch des Kaisers Freunde und stehen Euch bei. Als Festungscommandant verwahrt Gordon die Schlüssel zur Stadt. Er öffnet morgen Nacht die Thore und läßt Euere Soldaten herein. An ihrer Spitze überfallen wir die Vcrräther und machen sie nieder." „Einverstanden, ganz einverstanden", pflichtete Butler ihm bet, der einen ähnlichen Gedanken wohl schon früher gehabt hatte. Gordon jedoch widersprach. „Der Herzog", brachte er vor, „hat mich einst angehört und angerichtet verdammt. Aber mich an dem Haupte des Feldherrn vergreifen? Nein, so weir geht mein Groll nicht. Hierzu liegt auch gar keine Nothwendigkeit vor. Was kann der Herzog mit seiner Hand- 136 voll Soldaten ausrichten? Seine Festnehmung fällt uns nicht schwer. Ich öffne Euern Reitern die Thore, wir bemächtigen uns seiner und halten ihn fest, bis..." „Bis die vereinigten Sachsen und Schweden", fiel Leßlie dem Vetter ungehalten in's Wort, vor der Festung erscheinen und unsere Saumseligkeit alles verdorben hat. Dann sind wir Gefangene, und der Herzog ist frei! Die Person, der Name Wallenstein's allein ist mehr werth als eine ganze Armee. Das weiß er, das wissen die Schweden. Denk' an Deine Pflicht und die ungeheuere Verantwortung, wenn der Herzog entkommt." Durch Leßlie's Argument wurde schließlich auch Gordon'S Widerspruch gegen die blutige Arbeit besiegt. Ein feierlicher Eid, für die Ausführung des Beschlossenen Leib und Leben, Gut und Blut einzusetzen, besiegelte den schrecklichen Bund. Dann trennte man sich. (Fortsetzung folgt.) -- Quellen und Brunnen in Beziehung zur Kunst und Geschichte. Von Max Fürst. (Fortsetzung.) Nicht zu vergessen ist hier als ausgezeichneter Brunnenschöpfer der Hofbildhauer und Erzgießer des Königs Salomon, Meister Hiram von Tyrus. Die Bibel erzählt ja ausführlich, wie kunstreich er sein „ehernes Meer" für den Tempel zu gestalten wußte. An Hiram mag auch der Schöpfer des neuen Münchener Monumcntalbrunnens ein wenig gedacht haben, als er Hiebei einen Ochsen oder Stier zur Verwendung brachte. Wenn Hiram aber gleich volle zwölf Ochsen zur Schmückung seines ehernen Beckens heranzog, so hat Herr Hildebrand gut gethan, mit einem Stück sich zu begnügen; die Münchener hatten, wie man gar leicht merken konnte, an diesem einen schon genug, obwohl dieser nicht einmal in all' seinen Theilen der Rasse treu zu bleiben vermocht hat, denn im Hinblick auf die Hintere Hälfte unseres Münchener Thieres kann selbst der Kurz- und Nachsichtigste nimmermehr singen und sagen: „Ein Kerl als wie ein Rinde." Eben dieser verdächtigen Doppelnatur wegen gehört unser gehörntes Monumental-Vieh nicht zu jenen Ochsen, die allenfalls auch an einem Sonntag aus den Brunnen gezogen werden dürfen. Trotzdem haben einige wohlwollende Landwirthe gemeint, daß ob der seltenen Aufzucht, welche dem Meister Hildebrand hier geglückt ist, beim jüngsten Oktoberfeste noch ein besonderes Diplom hiefür ausgefertiget werden könnte. Diese frohe Erwartung fiel jedoch aus mehrfachen Gründen leider dorthin, wohin die Hintere Hälfte des fraglichen Thieres zunächst gravitirt — in's Wasser. Vergleichsweise könnte man aber immerhin noch die Frage offen halten, ob nicht in Zukunft der hiesige Metzgersprung vom alten Fischbrunnen nach unserem neuen Brunnen verlegt werden solle, denn angesichts des riesigen, wenn auch marmornen Hornviehes müßte das Vergnügen, im Winter in's Wasser springen zu dürfen, unseren Metzgerlehrlingcu doch noch viel zünftiger und verlockender erscheinen. Lenken wir nach dieser Abschweifung, zu der uns unser jüngstes Brunnenthier verleitet hat, wieder in frühere Zeiten zurück. Am meisten künstlerische Vervollkommnung haben die Brunnen in der Renaissance ganz besonders in Italien gefunden. Wir müßten nicht aus der Fontana di Trevi getrunken haben, um nicht mit besonderer Vorliebe immer wieder nach dem sonnigen Lande auszuschauen, das die Wellen der Adria und des Mittelmcercs kosend umspülen. In der ganzen Welt wird kein Zoll und keine Steuer so freudig entrichtet, als wie der bekannte Saldo am Rande des berühmten römischen Brunnens; aber auch in keinem Zoll- und Steuer-Amt wird mit den Einkäufen täglich so fein säuberlich ausgeräumt, als dieses die römischen Gassenjungen vermögen, wenn sie allabendlich den Boden des weiten Beckens der Fontana Trevi münzensuchend durchstöbern. Ist gut, daß bei den Eingriffen in diese in ihrer, Art einzig dastehende Opferschale keiner dieser Langfinger eine Strafe zu befürchten hat! Von den vielen italienischen Meistern, welche herrliche Brunnenwerke geschaffen haben, ist hier zunächst derjenige zu nennen, der schon von Geburt aus zum Brunnenmacher prädestinirt erschien, nämlich der Bildhauer Domenico Forllana. So sehr dieser nun auch mit dem feuchten Elemente enge verwandt war, so mußte ihm dennoch, als er im Jahre 1589 bei Aufstellung des mächtigen Obelisken am St. Petersplatze in höchst fataler Patsche saß, bekanntlich ein Unberufener mahnend zurufen: „Wasser auf die Stricke!" — Den auszeichnenden Namen, den Fontana von Haus aus besaß, hat sich ein anderer italienischer Meister, Jakob della Qucrcia, erst durch eigene That zu erringen vermocht. Als Quercia im Jahre 1419 den figurenreichen Hauptbrunnen der Stadt Siena zur Aufstellung brachte, war, wie Vasari berichtet, die Freude an dem kunstreichen Werke so groß und allgemein, daß man in ehrender Weise den Meister nur mehr mit dem Beinamen „della Fontana" kennzeichnete. Vielleicht hätte auch der berühmte Nicolo Pisano eine ähnliche Auszeichnung für seinen in Perugia sich befindenden herrlichen Brunnen erhalten, wenn nicht seine Lebenszeit in dem Momente abgelaufen wäre, in dem die Wasser seines Brunnenwerkes zu laufen begannen. Außerordentlich geschickt erwies sich als Brunnenkünstler Giovanni da Bologna. Im kühnen Arrangement seiner Wasserstrahlen und Figuren kommen bereits alle die mannigfachen Güsse vor, welche in unserer Zeit mit besonderer Vorliebe in Wörishvfen zur Anwendung gebracht werden. Der größte Wasserfreund unter den italienischen Künstlern ist übrigens immer der Bildhauer Bernini gewesen, wie man aus den vielen Brunnen ersehen kann, die er für Rom allein schon zur Ausführung gebracht hat. Die dortige Piazza Novana ist mit Brunnen ähnlich gespickt, wie der Münchener Promenadeplatz mit Denkmälern. Da die Brunnen der Piazza Novana kluger Weise keine eigentliche Vorder- und Rückfront haben, sondern nach allen Seiten gleichartig sich ausnehmen, so sind sie ohne Zweifel ein glücklicherer Schmuck, als die trockenen Monumente unseres Promenadeplatzes, die ja auch, künstlerisch betrachtet, nicht ohne bedenkliche Schattenseiten sich erweisen. In Beziehung auf Kunstbrunnen hat außerdem kein Bildhauer so sehr Schule gemacht, wie der Meister Bernini. Sein Geist spukt — wenn man so sagen darf — aus den meisten der größeren Brunnenwerke, welche in den letzteren Jahrhunderten entstanden sind. Auch in der Gegenwart ist Bernini noch nicht auf's Trockene gesetzt. In der imposanten Brunnengruppe, welche erst kürzlich vor der kaiserlichen Hofburg in Wien Aufstellung gesunden hat. Dange Stunde. Bon Ernst Hildebrand. spiegelt sich besonders auffällig das kühne Formcngcwoge des italienischen Meisters. Wüßte man nicht, daß Rudolph Wehr der Schöpfer dieses neuen prächtigen Wiener Brunnens sei, man wäre wahrlich versucht, alle Marmor-Ecken und -Enden abzusuchen, ob nicht irgendwo eingemeißelt zu lesen: Dsrnivr rsäivivuo. (Fortsetzung folgt.) -- Einzug in Paris am 1. März 1871. Nach eigenen Beobachtungen und Erfahrungen von Dr. H. RobolSky. -* -« — - - Quellen und Brunnen in Beziehung zur Kunst und Geschichte. Von Max Fürst. (Fortsetzung.) Da die Quellen, deren Wasser nach München geleitet worden, bekanntlich im Gebiete der gefürchteten Haberfeldtreiber liegen, so haben es wohl diese tückischen Wasser mit sich gebracht, daß auf der Stätte, wo sie in monumentaler Form ihren letzten Ausfluß erhielten, auch dem Schöpfer des Brunnens, Herrn Bildhauer Hildebrand, ein förmliches Haberfeldtreiben erblühen konnte. Offen gestanden, sticht auch mich ein wenig der Haber, dem Brunnen, den wir ja schon einmal kurz gestreift haben, noch einige Aufmerksamkeit zu widmen und speciell die zwei in ihm aufgestellten Kolossalfiguren etwas näher aus's Korn zu nehmen. Ich sage ausdrücklich: „auf's Korn", da es ja selbst von Freunden des Brunnenschöpfers, so u. a. von Dr. Hirth, sehr getadelt worden ist, daß Hildebrand den Untersbergermarmor, den er zu bearbeiten hatte, körnig gelassen und nicht polirt habe, was doch — nach Meinung der Herren Kritiker — zur besseren Gesammtstimmung des Brunnens einen wesentlichen Beitrag geliefert haben würde. Wir geben zu, daß so eine Politur der Brunnendame sicher nicht übel angestanden hätte; ob sie dadurch salonfähig geworden, können wir allerdings erst entscheiden, wenn ihre Abkunft sichergestellt erscheint. Hingegen dürfte sich der männliche Brunneninsaffe gegen das Polircn entschieden verwahrt haben; denn daß dieser — ein geborener Rustikus — als grimmer Feind jedes Schliffes angesehen sein will, das lehrt doch der erste Blick, den wir auf ihn werfen. — Schon in einem vor zwei Jahren gehaltenen Bortrage habe ich Gelegenheit gehabt, über Allegorien in der Plastik mich auszulasten. Wenn ich heute gezwungen bin, nochmal darauf zurückzukommen, so trägt Meister Hildebrand die Verantwortung hicfür, weil er es sich angelegen sein ließ, das weite figurale Räthselgebiet noch mit zwei weiteren Gestalten zu belasten. Wir hätten ihm gerne schon von vornherein mit dem Töchterlein in Schiller's „Taucher" flehend zugerufen: Lass', Vater, genug sein des grausamen Spiels! Wer zählt die Fragen, wer nennt die Zweifel, die am Tage der Enthüllung unseres Brunnens in den Köpfen der Münchener auftauchten! Die beiden harten Steinfiguren müssen darüber selbst ein menschlich Rühren empfunden haben, indem sie ja eines schönen Morgens sich anschickten, Farbe zu bekennen. Aber der Lärm in München war Hiebei so groß, daß sie, wieder eingeschüchtert, ihre Geheimnisse schweigsam in sich vergruben. Da nun leider aus den Figuren weiterhin nichts herauszubringen sein dürfte, bleibt nur der eine Versuch, auf der Basis eines Fragebogens, wie solche bei Berufs- und Volkszählungen gebräuchlich sind, Alter, Religion, Heimath und Beschäftigung der Beiden selbst herauszuklügeln. — MS SUMM In den Nolomilen M?"-L WWWD t,i,S»- -M; 'MLZ -Bs.'-L ,«W /'/7MW MU 154 Wenn mir auch einige rasch urtheilende Leute schon andeuteten, daß unsere zwei Figuren überhaupt keine Heimath hätten, so lasse ich deßhalb doch meine Neugierde nicht so rasch in's Wasser fallen. Was nun die Religion des Mannes und der Frau betrifft, so muß dieselbe wohl weit her sein, denn so sehr auch die beiden immer mit Wasser begossen werden, kann dennoch keine Taufmatrikel über unsere Frage genügend Aufschluß geben. Da die Figuren heidenmäßig viel gekostet, so dürften sie am wahrscheinlichsten mit irgend einer heidnischen Confession in Beziehung stehen. Hierüber Näheres zu sagen, möchte am ehesten dem großen Diagnostiker in dieser Sparte, unserem hochverdienten Mitgliede Herrn Professor I)r. Sepp, gelingen. Wir wären ihm für freundlichen Ausschluß um so dankbarer, als ja damit zugleich die Frage über Geburtsort und Alter der Beiden ihre gründliche Behandlung finden würde. Was und wohin der reckenhafte Mann, der seine Ahnen muthmaß- lich unter den Cyklopen suchen dürfte, will, wäre nach seiner ganzen Charakieranlage niemals gutwillig aus ihm herauszubringen. „Gegen die Seestadt Venedig" reitet dieser Sprößling Hildebrand's sicherlich nicht, dazu hätte er schon zu wenig Reisegepäck bei sich; daß er aber „wuth- entbrannt" ist, das beweist nur zu deutlich der gewaltige Stein, den er drohend erhoben. Das Bewußtsein scheint der muthige Mann jedenfalls zu besitzen, daß er in keinem Glashause wohnt. Da nun derjenige, der mit Steinen wirft, in der Regel nicht aufbaut, sondern zerstört, so wissen wir auf einfach empirischem Wege, daß unser Brunnenheld nur ein Zerstörer sein kann. Weil nun in nächster Nähe unserer Figur Wasser sich ergießt, so ergänzt in zuvorkommender Weise Meister Hildebrand die uns noch fehlende Erkenntniß mit der keineswegs überflüssigen Mittheilung, daß, laut Weisung seiner künstlerischen Einbildungskraft, besagter Brunnenmann „die zerstörende Kraft des Wassers" zu bedeuten habe. Haben wir uns beim Manne schon ehrlich geplagt, ihm halbwegs das nöthige Verständniß entgegenzubringen, so dürfte es uns bei der Brunnendame ungleich schwerer fallen, ihr annähernd auf den Grund zu kommen. Aus d'eser herauszubringen, was sie für Haupt- und Nebenabsichten hat, ist, um volksthümlich mich auszudrücken, gewiß kein Spaß. Daß die Dame mit der Rechten den Stier beim Hörne faßt, ließe allerdings vermuthen, sie sei sich ihres Zweckes klar bewußt. Anderseits ist aber auch anzunehmen, sie finde in ihrer Existenz selbst einen mächtigen Haken, einen Haken, der noch krummer ist, als das Horn eines Rindviehes. — Die Schale, welche die Frauensperson mit der linken Hand uns entgegcnhält, erinnert ausfällig an die Schüsselchen, die in den Stuben der Geldwechsler im Gebrauche sind. Will nun die Dame geben oder nehmen? Da nach einem bekannten Sprichwort Geben seliger ist als Nehmen, so dürfen wir im Hinblicke auf ihre gutmüthige Miene wohl auch annehmen, daß sie nicht nehmen, sondern geben will. Wir würden ihr übrigens auch das Nehmen oder Sammeln nicht verübeln; könnte sie doch bei der bekannten Gutherzigkeit der Münchener mit dem unausbleiblichen Erlös zu Nutz und Frommen ihres Rückenabschlusscs ihr seltsam spanisches Mäntelchen um etliche Zoll verlängern lassen, was im Hinblick auf die Rauheit der Nordseite gewiß kein Luxus wäre. — Da nun aber die Dame in nobler Selbstvergessenheit einmal gewillt scheint, zu schenken, so kennen wir dieses wohl dankbar an, verhehlen uns aber dabei nicht, daß bei der Kleinheit ihres Geschirres die Gabe nur eine sehr bescheidene sein kann. Die homöopathische Dosis, die unsere Brunnenfrau bietet, steht sehr im Gegensatze zu der Gabenfülle, welche sonst Wassergottheiten und Allegorien zu reichen Pflegen. Ich erinnere nur an den berühmten Tafelkessel des verehrten Gottes Acgir, der nach Versicherung eines hochnordisch-mythischen Aichmeisters die respektable Tiefe von einer Meile gehabt hahen soll. Daß es, wenn dieser Kessel geleert wurde, meist sehr voll und toll zuging und die ganze Tafel- gesellschaft aus Rand und Band gerieth, können wir glauben, auch ohne daß die Edda darüber peinliche Details zu erzählen brauchte. Man kann da so recht sehen, was Ueberfluß und Ueppigkeit für Uebel und Unheil anzurichten vermögen. Da nun im Haushalt der Natur doch meistens ein weises, unnützem Verschwenden abholdes Walten sich zeigt, so hat wohl Bildhauer Hildcbrand zunächst diese Thatsache im Auge gehabt, als er unsere Brunnenspenderin mit dem niedlichen, winzigen Gefäße ausstattete. Wahrscheinlich hat er nebenbei auch an den Spruch gedacht: „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister", und um nun allseits als Meister zu erscheinen, hat er nicht nur besagtes Geschirr, sondern gleich die ganze Brunnen-Idee und Auffassung so beschränkt und knapp gehalten, daß wir schließlich auch in Betreff der zweiten Figur an den Meister uns wenden müssen, um die authentische Versicherung zu erhalten, daß dieselbe die belebende und befruchtende Kraft des Wassers bedeute. Bei allem Forscherfleiß ist es mir nun leider doch nicht geglückt, die völlige Erklärung der beiden Hildebrand'- schen Colossalfiguren allein bieten zu können. Man wird mir aber gütigst zugestehen, daß ich doch wenigstens sehr nahe hin gerathen habe. Beunruhigen würde es mich nur, wenn der eine oder der andere meiner verehrten Zuhörer den leisen Vorwurf für mich in xstbo hielte, ich hätte von dem Goethe'schen Rathschlag: Im Auslegen seid frisch und munter. Legt ihr's nicht aus, so legt was unter, einen allzu kühnen, ausgiebigen Gebrauch gemacht. (Schluß folgt.) —SÄMcs- An Maria. O Mutter mit dem Jesukinde, Das jedes Leiden uns versüßt Und uns erlöst von Tod und Sünde: Sei, milde Jungfrau, uns gegrüßt! Sieh aus dem Himmel deiner Freuden Auf uns herab mit Mutterblick, Die wir im Thal der Zähl' und Leiden Uns sehnen nach des Himmels Glück! Bitt', daß nach deinem schönen Bilde Stets heilig unser Wandel sei, « xr Voll Unschuld, Demuth, Sanftmuth, Milde, In allem Gottes Wille treu. Dann zeigest freundlich du einst droben Im Vaterland uns deinen Sohn; Und er, der dich so hoch erhoben, Reicht dann den Kranz auch uns zum Lohn. Die Wallfahrt Steinbach Lei Grönenbach. (Mit Illustration.) (Nachdruck verdorr,..^ Zwischen Memmingen und Kempten, am Rande eines weiten Hochplateaus und fast unmittelbar am linken Ufer der Jller, unweit des schönen Ortes Lautrach und gegenüber dem hochgelegenen, die Gegend beherrschenden Schlosse Kronburg, nahe der württembergischen Grenze liegt das sehr alte Dorf Stcinbach.*) Dasselbe gehörte schon im 12. Jahrhundert mit seiner dem hl. Ulrich geweihten Kirche dem ehemaligen Prämonstratenser-Stifte Roth oder Mönchsroth, Oberamts Leutkirch, im heutigen Königreich Württemberg, und soll der Chronik der Truch- sessen von Waldburg zufolge vorher dem Berchtold von Laupheim, einem Vasallen des Grafen von Hochenberg, zugehörig gewesen sein.**) Abt Konrad von Roth ließ 1510 die Pfarrkirche zu Steinbach neu erbauen, und wurde dieselbe im Jahre 1519 von dem Weihbischofe Melchior von Konstanz zu Ehren des hl. Ulrich und der hl. Verena eingeweiht. Im Jahre 1723 erhielt die Pfarrkirche eine Partikel des hl. Kreuzes von dem Abte Herrmann zum Geschenk, welche an den Freitagen zur öffentlichen Verehrung ausgesetzt wurde. Einige Jahre später wurde ein großes hölzernes Kreuz über dem Hochaltare der Kirche aufgestellt, welchem bald darauf die Statuen der schmerzhaften Gottesmutter und des heiligen Johannes folgten. Die Statue der Mutter Gottes stammte aus der Kloster- kircheMönchsroth, und war es vorzüglich diese Statue, wegen welcher die Pfarrkirche zu Stetnbach von Wallfahrtskirche Ktetnkach. stoß erregenden Andachten und die überschwängltche Verehrung des Gnadenbildes. Das hierwegen erlassene Dekret aus Konstanz vom 4. Dezember 1730 drang auf Entfernung des Marienbildes; das Stift Noth aber ließ diese Sache nicht beruhen, sondern wendete sich an die päpstliche Nuntiatur in Luzern, welche nach durchgeführter Untersuchung und auf Grund der von den in der Nähe Steinbachs angestellten Geistlichen und Beamten eingeholten Zeugnisse am 1. April 1733 zu Gunsten des Stiftes entschied und die Belastung der Muttergottes- Statue in der Kirche zu Steinbach erlaubte. Nunmehr sah sich auch das bischöfliche Ordinariat von Konstanz veranlaßt, die Vorgänge in Stcinbach einer genaueren Untersuchung zu unterziehen, und ernannte hie für eine eigene Kommission, welcher auch zwei Kunstverständige zur Untersuchung des Gnadenbildes, nämlich die Maler Martin Zink von Kempten und JosephFörg vonAichstetten, beigegeben waren. Die Kommission kam am 7. September 1733 in Steinbach an. Nach eidlicher Vernehmung von über hundert Zeugen, deren Name, Stand und Wohnort sich getreu aufgezeichnet finden, erklärte diese Kommission die Wahrheit der geschehenen Wunder als erwiesen. Das auf die Ergebnisse dieser Untersuchung sich gründende ober- hirtliche, von dem Bischöfe Johann Franz von Konstanz, nachmals auchBischof von Augsburg, unterzeichnete eingehende Dekret vom 19. Dezember 1733 findet sich im Sulzbacher Kalender für katholische Christen, Jahrgang 1853 Seite 98, in seinem ganzen Wortlaute abgedruckt. Das Kloster Mönchsroth erbaute nunmehr auch eine einer sich immer mehrenden -Aufnahm. °°n s. B°°der. PH°.°g°°P»Im «rumbach. iB°rMEMguns-r-ch. °°.b-h.l^eue größere Pfarrkirche, Zahl Andächtiger besucht wurde, um so mehr, da auch Erzählungen von wunderbaren Gebetserhörungen und plötzlichen Heilungen körperlicher Gebrechen und Leiden laut wurden. Daß sich hiedurch die Pfarrkirche bald zu einer förmlichen Wallfahrtskirche umwandelte, darf nicht Wunder nehmen; aber gegen dieselbe erhoben sich alsbald Klagen bei dem bischöflichen Ordinariate Konstanz, welchem die Pfarrei Steinbach damals unterstellt war, über die AnDasselbe ist vom Markte Grönenbach aus auf gutem, ausfichts- und abwechslungsreichem Pfade in leicht 2 Stunden zu erreichen. **) Nach Andern gehörte es den Edlen von Wildenberg und ging von diesen an das von denselben im Jahre 1126 gestiftete Kloster Roth über. (Bavaria.) welche im Jahre 1753 vollendet wurde. Diese Kirche, welche mit sehr vielen Fresken geschmückt ist, enthält auch eine bedeutende Arbeit des fürstlichen Hofmalers Franz Georg Hörmann aus Kempten, welcher den Plafond des mittleren Schiffes mit einer großartigen und eigenthümlichen Zusammenstellung des Alten und Neuen Testamentes schmückte. Die Wallfahrt blieb seither immer in Aufnahme. Es werden jährlich etwa 40,000 hl. Kommunionen ausgetheilt und über 12,000 hl. Messen gelesen. Vor Aufhebung des Stiftes Roth waren fünf Geistliche an der Wallfahrtskirche angestellt, jetzt sind es deren noch drei. — 156 — Allerlei. Die größte Entfernung, auf die hin die Menschenstimme je gehört worden ist, beträgt, so wunderbar das klingt, 30 Kilometer (4 geographische Meilen). Das war in dem Grand Canon (Felsenschlucht) von Colorado, wo ein Mann den Namen „Bob" an dem einen Ende laut ausrief und an dem andern deutlich verstanden wurde. — Lieutenant Foster, Theilnehmer an Peary's dritter Nordpolexpedition, fand, daß er mit einem Manne auf der anderen Seite des Hafens Bowen auf eine Entfernung von 2 Kilometern sprechen konnte. Sir John Franklin erklärte ebenfalls, daß er sich bequem auf 1*/z Kilometer weit mit Anderen unterhalten habe. — Doctor Aoung berichtet, daß bei Gibraltar die menschliche Stimme 16 Kilometer weit hörbar gewesen sei. — Der Schall wird vom Wasser besonders kräftig fortgeleitet. Bei Versuchen im Genfer See schätzte Colladon die Vernehmbar- keit einer untergetauchten Klingel auf etwa 100 Kilometer. — Franklin behauptete, das Aneinanderreiben von zwei Steinen im Wasser 800 Meter weit gehört zu haben. Dicht über dem Wasser oder einer Eisfläche wird der Schall mit großer Kraft und Klarheit fortgeleitet. Doctor Hutton erzählt, daß er an einer ruhigen Stelle der Themse bei Chelsea eine Person auf 42 Meter Entfernung deutlich vorlesen hörte, während das auf dem Lande höchstens bis 23 Meter weit möglich ist. — Professor Tyndall beobachtete im Gegentheil auf dem Montblanc, daß ein Pistolenschuß nicht stärker schallte, als ein aus der Flasche springender Champagnerpfropfen. Personen in einer Ballon- Gondel können Leute von der Erde aus noch weit länger hören, als sie sich den Leuten unten vernehmbar machen können. * Der schnellste Eisenbahnzug der Welt ist der Empire State Erpreß der New-Iork Central and Hudson River-Bahn. Er legt die 229 Kilometer betragende Strecke New-Iork-Albany in 2 Stunden 40 Minuten zurück, mithin erreicht er auf dieser Distanz eine Geschwindigkeit von 85,5 Kilometer per Stunde. Auf der darauffolgenden Strecke Albany-Utica, im Ganzen 380,4 Kilometer, erreicht er eine Schnelligkeit von 88,9 Kilometer. Auf der ganzen Strecke New-Aork-Buffalo beträgt seine durchschnittliche Geschwindigkeit 86,72 Kilo- meter per Stunde, den Aufenthalt auf den Stationen abgerechnet. Nur wenig langsamer ist der Nachtzug, der sogenannte Scotch Expreß, der in 7'/z Stunden von King's Croß nach Edinburg fährt. Er erreicht eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 86,56 Kilometer per Stunde. * „Die Liebe gleicht alles aus." Baron: „Elfe, ich liebe Dich." Sie: „Ich begreife nicht, wie Du mich lieben kannst. Du hast einen vornehmen Namen, und ich besitze nur meine Mitgift von einer Million." — Er: „Die Liebe gleicht alles ausl" Treffend. Gast zum Kellner, der ihm ein Glas Bier bringt, welches mehr Schaum als Bier enthält: „Kellner, ich will mich nicht rasieren, ich will Bier trinken." * Boshaft. Herr scher auf sein Flaum - Bärtchen sehr stolz ist): „Liebe Cousine, wie finden Sie meinen Bart?" — Cousine: „Ich finde ihn gar nichtl" Zu unseren Bildern. Vvuli, da kommen stet Zu den ersten Vorboten des herannahenden Frühlings gehört auch die Waldschnepfe, die dann auf ihrem „Strich" vom Süden nach Nordeuropa, wo sie am häufigsten brütet, unsere Gegenden berührt, um im Herbste wieder in die warmen Länder, vorzüglich nach Südeuropa, zurückzukehren. Die Schnepfen ziehen meistens nur Nachts, am liebsten bei Mondschein, und halten sich tagsüber in feuchten, lichten Waldungen, jungen Birkenbeständen u. dgl. auf. Da das Wildpret der Schnepfen sebr fein und wohlschmeckend ist, so wird ihnen eifrig sowohl mit Flinten als mit Schlingen und Netzen nachgestellt. Die Gedärme der Schnepfen enthalten in der Regel große Mengen Eingeweidewürmer, mit denen sie zusammengehackt und mit Gewürzen versetzt auf Brodschnitten gebacken und als Leckerbissen (Schnepfen- dreck) genossen werden. Alle zur Familie der Schnepfen gehörigen Vögel charaktcrisiren sich durch einen auffallend langen Schnabel und haben ein mehr oder weniger braunes, theils licht, theils dunkel gefärbtes, gestocktes oder gebändertes Gefieder. Ihre Nahrung besteht aus Insekten, Mollusken, Würmern, die sie aus sumpfigem und schlammigem Boden hervorholen. Die Schnepfen sind zum Theil nächtliche Thiere, leben paarweise, sind Bodennister und legen vier gelblich- oder grünlich-braune, dunkelgefleckte Eier. _ In den Dolomiten. Von Jahr zu Jahr wächst die Zahl der Bergsteiger von Passion, denen die Dolomiten Südtirols als das gefährlichste und gerade deßhalb erstrebenswertheste Ziel ihres Sportes erscheinen. Dolomit oder Bitterkalk nennt man eine Gesteinsart, die sich vom Kalk nur durch einen höheren Gehalt an Magnesium unterscheidet. In großer Menge treten Gebirge dieses Gesteins, Dolomiten, vielfach in höhlenreichen Felsformen, mit zerrissenen, ruinenähnlichen Contouren in der Gegend von Altenstein und Liebenstein im Thüringischen, dann in der fränkischen Schweiz bei Muggendorf und Streitberg, vor allem aber in den Kolossen Südtirols auf, in dem landschaftlich berühmten Fassa- und Ampezzothal. In vielen der Dolomitablagerungen hat man wohl auch ehemalige Korallenriffe zu erblicken. Das Fassathal, die oberste Stufe des vom Avisto durchflossenen Thals in der tirolischen Bezirkshauptmaunschaft Cavalese, ist von den schroffen Dolomit- und Porphyrgipfeln der Marmolada (3494 w), des Langkofls (3179 m) und des Rosengartens mit dem berühmten Winklerthurm (2780 m) umgeben, während das eigentliche Ampezzothal, etwa 15 Lm lang, sich in südlicher Richtung von der Peutelsteiner Klamm bis zur italienischen Grenze erstreckt. Das Ampezzothal, das eine gute Poststraße, von der Bahnstation Toblach bis Eonegliano, 112 km lang, durchzieht, schließt viele der herrlichsten Bilder ein. welche die Alpen überhaupt auszuweisen haben. Für die Hochtouren auf den Monte Cristallo, den Sorapiß und zu dem unvergleichlichen Misurinasee (1796 mt bildet der im Ampezzothal gelegene Ort Schluderbach (1441 m), der auch als Sommerfrische viel besucht wird, den Ausgangspunkt. Nikd-r-KSthsek. Auflösung des Ergänzungsräthsels in Nr. 19: vorn, Idee, Lris, Teno, Lger, Imst, Irux, vanu, vigi. Die Zeit bringt Rosen. --KZRZS- — -8 21. Irettag, den 13. März 189k. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Die Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit deö dreißigjährigen Krieges. Don Max Benno. (Schluß.) Als er in's Freie trat, wurde auf einer Bahre der Körper Donald-Devereux' fortgetragen. Er trat näher und erkannte den Todten sofort. Eine Ahnung stieg in ihm auf. Er gedachte der grimmigen Eifersucht dieses Mannes, des durch ihn vereitelten Entführungsoersuchs bei Pilsen, und auf einmal war für ihn das Abenteuer erklärt. Leßlie schickte sich eben an, den Unglücksplatz zu verlassen, da gewahrte er Georg. Er schritt auf ihn zu. „Herr Hauptmann", sagte er mit erzwungener Ruhe. „Ihr habt mir einst das Leben gerettet. Ich wurde dadurch Euer Schuldner. Nun sind wir quitt. Mein eigenes Schwert hat mir eine schwerere Wunde geschlagen, als eS je ein Schwedenhieb zu thun vermocht hätte. Der arme Fritz! So rücksichtslos er sonst seinen Weg gehen mochte, für den Onkel trug er ein treues Herz in der Brust. Ich kann mir denken, was ihn zu einem Angriff auf Euch bewog. Ich kannte seine Leidenschaft und seinen Groll; sie rissen ihn fort, und mein Arm mußte es sein, der eine so furchtbare Strafe an dem eigenen Fleische vollzog." Georg maß den Oberstwachtmeister mit einem drohenden Blick. „Der Dienst, welchen ich Euch einst geleistet", ent- gegnete er, „hätte keiner Vergeltung bedurft. Schaut in Euer Gewissen, denkt an die letzten vierundzwanzig Stunden, und Ihr werdet mehr als genug die Ursache dafür finden, daß die Rache des Himmels Euch traf." „DeS Himmels Rache?" wiederholte Leßlie. „Vielleicht habt Ihr Recht. Ich haßte den Friedländer mit allen Fasern meines Herzens, so glühend und grenzenlos, wie nur ein menschliches Gemüth Haffen kann — warum, brauche ich Euch nicht zu sagen; Ihr selbst habt die Qualen jener Stunde gefühlt. Ich konnte nicht offen mit dem Schwert in der Hand vor ihn treten, weil er ein Gewaltiger war und ich ein Knecht; deshalb habe ich es mit andern Waffen versucht. Ich siegte, er unterlag — fast in jedem Stück das ganz gleiche Verhältniß, wie bei dem Spiele, das er mit dem Kaiser, seinem Herrn gewagt hat, nur mit anderm Erfolg. Ihr habt den Herzog gekannt, Hauptmann; legt die Hand auf's Herz und nennt mich einen Lügner, wen« ich behaupte: Wallenstein hätte an meiner Stelle das Gleiche gethan- Ich habe mir viele Feinde gemacht", fuhr Leßlie fort,' als Georg schwieg, „doch ich frage nicht viel danach." Auch Ihr zürnt mir, was ich Euch nicht verdenke. Ihr seid noch jung, Ihr habt die Welt noch nicht auf der häßlichsten Seite geschaut und messet mit einem andern Maße, als ich. Aber tief schmerze» würde es mich, wenn Zhr im Groll von mir ginget. Ich gewann Euch lieb, Haupimann, aufrichtig lieb. Mein schwer geprüftes Herz ist noch der Liebe fähig, wenn es auch für hart und menschenfeindlich gilt. Unsere Wege trennen sich jetzt: vor Euch liegt der Tag mit Glück und Sonnenschein, meiner wartet die Nacht. Reicht mir zum Abschied in Frieden die Hand; eS wird für dieses Leben wohl das letztem«! sein." Ohne die dargebotene Rechte zu ergreifen, starrte Georg vor sich hin. Daß Leßlie's Augen mit flehende« Ausdruck auf ihm ruhten, beachtete er nicht. Aber ein anderes Bild tauchte vor seinem Geiste empor. Er glaubte die edle Gestalt des Pater Vincenz zu sehen, und die Lehren, welche der ehrwürdige Greis ihm eingepflanzt hatte, zogen als Friedensboten in sein grollendes Herz. Eine wohlbekannte Stimme flüsterte ihm zu: „Die Liebe sei Dein höchstes Gebot; mein ist die Rache, spricht der Herr; greife der Hand des Ewigen nicht vor!" Sein gutes, versöhnliches Herz gewann den Steg. „Lebt wohl, Leßlie", rief er, „ich will vergeben und vergessen, und wünsche auch Euch, daß Ihr zu vergessen vermögt." Rasch wandte er sich ab und verschwand im Dunkel der Nacht. In Gedanken über die bedeutungsvollen Ereignisse der letzten Tage vertieft, durchmaß der Hauptmann am folgenden Morgen sein Zimmer. Er fragte sich, ob er bei Marion einen Krankenbesuch machen solle; doch in der Voraussetzung, daß sie ihn zu gelegener Zeit selbst rufen werde, stand er davon ab. Da kam der FestungsCommandant Gordon zu ihm. Derselbe bedauerte die Vorkommnisse des vergangenen Abends, setzte sich aber, als er Georg's Zurückhaltung bet seinen Fragen über die Angelegenheit sah, mit unverkennbarer Befriedigung möglichst schnell über die leidige Sache hinweg, so daß des Hauptmanns Donald-Devereux kaum Erwähnung geschah. Diese Wahrnehmung gereichte Georg zu großer Befriedigung. Er glaubte daraus den Schluß ziehen zu dürfen, daß der Zwischenfall abgethan sei. War doch der Tod Donald's, in dessen Kopf zweifellos der Plan zu dem Attentate entstanden und der den Lieutenant nur als Handlanger benutzt hatte, ohnehin eine schwere Sühne für die aus Leidenschaft und Verblendung entsprungene ,That. Umsomehr mußte es ihn befremden, als er erfuhr, daß der gefangene Genosse des Erster» zum Tode durch den Strang verurtheilt worden sei und der Vollzug dieser Strafe unmittelbar bevorstehe. Man ging dabei mit der größten Heimlichkeit und Eile zu Werk. In weitem Kreisen, aus welchen Georg zufällig die Nachricht geschöpft hatte, war nicht einmal der Name des Opfers bekannt. Georg begriff nicht, warum ihm durch Gordon von alledem gar nichts gesagt worden war. Schnell entschlossen eilte er zu dem Commandanten, um kein Mittel unversucht zu lassen, das die Aufhebung des Urtheils versprach. Mit verlegenem Achselzucken hörte Gordon ihn an. „Ich habe gern bemerkt", erklärte er, „daß Ihr keine Genugthuung für die erlittene Unbill verlangt. Aber es mußte ein Exempel statutrt werden; denn es handelte sich nicht nur um den Angriff auf Euch, vielmehr wurden durch die Hand des Lieutenants Kametsch zwei Soldaten getödtet und einer gefährlich verletzt; ich habe ihn weder zu schonen noch zu retten vermocht, und jetzt ist's zu spät: soeben ging die Ordonnanz von mir, welche die Meldung vom Vollzug des Urtheils brachte. Tief erschüttert kehrte Georg in seine Wohnung zurück. — Georg befand sich noch keine Stunde in seiner Wohnung, als ein Bote von Elsbeth erschien mit der Bitte, Georg möchte ohne Verzug in die Herberge kommen. Er wurde durch die Alte vor der Thüre empfangen. Unter Thränen theilte diese ihm mit, daß der Zustand Marion's fast hoffnungslos sei. Er eilte die Treppe hinauf, und ein einziger Blick in das Antlitz der Kranken gab ihm die Ueberzeugung, daß die Befürchtung gerechtfertigt war. Mit einem matten Lächeln reichte Marion ihm die Hand. „Wie danke ich Euch", flüsterte sie, „daß Ihr kommt! Nun sterbe ich gern." Georg suchte vergeblich die Kranke auf andere Gedanken zu bringen. Sie bewegte in stiller Ergebung das Haupt. „Ich fühle es", sagte sie, „wieder Tod zu meinem Herzen heraufzieht. Doch es ist gut so; ich lasse Euch froh und glücklich zurück!" Sie schaute mit einem Blick voll Liebe auf ihn. „Vernehmet das Bekenntniß einer Sterbenden", fuhr sie dann, sich ein wenig emporrichtend, fort, „der Euere Gegenwart die letzte Stunde versüßt. Was unter andern Verhältnissen wohl nie über meine Lippen gekommen wäre, erfahret Ihr heute: ich liebte Euch fast vom ersten Augenblick an, und dieses Gefühl hat meinem Leben den Stempel eines, wenn auch nur kurzen Glückes aufgedrückt. Ich kann Euch nicht alles so sagen, wie ich gern möchte; die Kraft fehlt mir dazu. Doch das sollt Ihr wissen: durch die Liebe zu Euch bekam mein Dasein erst einen Zweck. Um meinem armen Vater ein hartes Loos zu ersparen, habe ich mich gleichsam in die Gewalt meines Onkels verkauft. Ich war ihm, da er nichts Böses verlangte, anfangs zu Pillen, ohne mich um sein Thun zu bekümmern. Wir hielten uns eine Zeit lang in München und Wien auf, nachher an mehreren protestantischen Höfen und zuletzt in Dresden, von wo wir nach Großmeseritsch kamen. Mein Onkel unterhielt überall einen regen Verkehr. In Großmeseritsch bemerkte ich, daß er Euch für seine Pläne zu gewinnen versuchte. Nun bekamen diese ein Interesse für mich. Ich forschte nach und erfuhr gerade genug, um ihm zu erklären, daß er dabei auf meine Unterstützung nicht zählen dürfe. Er stand davon ab. Später hat er seine Absicht mit einem Andern, den er in die unmittelbare Umgebung des Herzogs zu bringen wußte, erreicht: mit Fritz Donald, welchem eine hervorragende Rolle in den geheimen Umtrieben zugetheilt war. Mein Oheim ist französischer Agent. Er wußte sich einen umfassenden Einblick in die Geheimnisse aller Parteien zu verschaffen und beutete diese, den Einen gegen den Andern benutzend, zu seinem Zweck aus. Kaiserliche Räthe, schwedische und sächsische Befehlshaber, ja der Astrologe Seni selbst haben mit ihm in Verbindung gestanden und in der Akrobatenbude verkehrt. Kein Wunder, wenn man in Paris über die wahre Sachlage in Deutschland stets viel besser unterrichtet war als in München, DreSden und Wien. Dazwischen spielten sich jedoch auch Privatränke ab. Donald erwartete als Lohn für seine Dienste meine Hand, und mein Onkel hatte sie ihm zugesagt, während ich ihn verabscheute. Aus Rücksicht für meinen Vater, dessen Existenz in dem Belieben Leferrier's lag, mußte ich jedoch vorsichtig sein. Ich that das Möglichste, verstand mich aber auf die Verstellungskunst nicht gut genug, um zu verhindern, daß Donald errieth, wie es in meinem Herzen aussah. Deßhalb haßte er Euch. Er verbündete sich mit einem andern Offizier, der ebenfalls einen bittern Groll gegen Euch hegte, zu einem Kampf auf Leben und Tod. Ein Zufall machte mich mit ihren Anschlägen bekannt. Mein Herz gebot mir, über Euch zu wachen. Ich habe es nach Kräften gethan. Ihr solltet aber Euere Feinde auch selbst kennen lernen. Um dies zu bewirken, bat ich Euch in Pilsen zu mir. Ihr kamt nicht, und ich konnte nicht auf Euch warten; denn mein Onkel kehrte plötzlich zurück und führte uns weiter nach Prag. Die Sorge um Euch rieb mich fast auf. Da traf ich Euch hier, und nun ist meine Absicht erreicht: Ihr seid außer Gefahr, und die Ruchlosen hat, wie mir Elsbeth sagte, das Schicksal ereilt!" „Ja", erwiderte er, „sie wurden Beide furchtbar gestraft, und bei dem Einen ist überdies noch die Prophezeiung mit grauenvoller Ironie in Erfüllung gegangen, die er von Euch einst bezüglich seiner Zukunft bekam: vor wenigen Stunden wurde er zum Galgen geführt." „Möge der Unglückliche einen gnädigen Richter finden", flüsterte daS Mädchen und fügte dann mit wehmüthigem Ernste hinzu: „Der Scherz, welchen ich wir damals in Großmeseritsch mit den ohne Wahl und Absicht aus einem französischen Buche entnommenen VerS- chen erlaubte, trug jedenfalls keine Schuld, weder an Euerm Glück noch an des Andern Schmach. Es gibt eine gerechte Vergeltung." Eine fahle Blässe überzog plötzlich ihr Antlitz. Mit einem Seufzer sank sie in die Kissen zurück. Die Aufregung hatte die Katastrophe beschleunigt. Noch einen letzten langen Blick warf sie auf Georg, dann schloffen sich die schönen Augen für immer. Die langsam verglühenden Strahlen der Abendsonne fielen durch die bleigefaßten Scheiben auf Marion'S noch im Tode liebliche Züge. 159 Als der Hauptmann in das Quartier zurückkam, fand er ein Schreiben von Piccolomini, worin dieser ihm mittheilte, daß eine wichtige Angelegenheit ihn schleunigst nach Wien gerufen habe. Er beklagte das erschütternde Drama in Eger, welches, trotz der Absicht es zu verhindern, nun wohl ihm von der Welt zur Last gelegt werde. Gleichzeitig wurde dem jungen Manne ein unbeschränkter Urlaub ertheilt. Die letztere Vergünstigung war Balsam für Georg's wundes Gemüth. Keinen Tag länger mochte er innerhalb der Mauern Eger'S mit ihren blutigen Erinnerungen bleiben. Selbst die bevorstehende Bestattung Marion's hielt ihn nicht auf. „Fort, fort in die Het- math", riefen tausend Stimmen in ihm, und er folgte ihrer Mahnung ohne Verzug, um, wenn auch nicht zu vergessen, so doch vielleicht zu verwinden, was ihm hier so weh gethan. Als er am folgenden Morgen die Thore der Stadt passirt hatte, begegnete ihm ein halb geschlossener Wagen, in dem sich neben dem Akrobaten Leferrier der Astrologe Seni befand. Wenn er je noch an Marion's Mittheilungen gezweifelt, durch diesen Anblick wurde der letzte Nest des Zweifels zerstört. Der Vertraute des Herzogs von Frtedland hatte für seine Kunst schnell einen neuen Wirkungskreis zu finden gewußt. 15. Der Frühling hielt seinen Einzug tn's Land. Schon seit Wochen schallte das tausendstimmige Concert der gefiederten Sänger durch den Buchenwald, der früher als sonst sein Auferstehungsfest feierte und sich über den lustig zu Thal rauschenden Wtldbächen mit duftendem Grün zu schmücken begann. In Stadt und Burg Groß- meseritsch herrschte ein reges Leben. Das vollständig erneuerte Schloß prangte im Festschmuck, und vom Thorweg bis hinunter zur Kirche war die ganze Straße mit Blumen bestreut. Heute, nachdem etwas über ein Jahr seit dem Tode des Herzogs verflossen, gedachte der Schloßhauptmann Georg Selkow die Braut heimzuführen. Jsabella, die Wittwe Wallenstein's, hatte schon seit einiger Zeit Großmeseritsch zum bleibenden Wohnsitz gewählt, den sie jährlich nur einmal zum Besuch ihrer Tochter Maria, die in Wien beim Großvater erzogen wurde, auf einige Wochen verließ. Die alte Leibdienerin war vor einem halben Jahre gestorben, und seitdem befand sich Magdalena bei ihr. Sie hatte auch, als wäre das Mädchen ihre eigene Tochter gewesen, für eine reiche Aussteuer gesorgt. In dem Gemüthe Georg's waren die peinlichen Bilder der Vergangenheit allmülig verblaßt. Auch ein Zusammentreffen mit dem Schloßvogt und dessen Frau blieb ihm erspart. Martin's Vater hatte wenige Tage vor seiner Ankunft in Großmeseritsch das Zeitliche gesegnet und sein Weib bei einer in Prag lebenden Schwester eine Heimath für den Lebensabend gesucht. Nur Eines beunruhigte Georg noch: das Geheimniß, welches ihm von Leßlie bezüglich Magdalenens anvertraut worden war. Mehr als einmal schon hatte er sich gefragt, ob er nicht wenigstens den Pater Vincenz einweihen solle; allein er erinnerte sich des gegebenen Wortes, an dessen Zurücknahme er bei der letzten Begegnung mit dem Oberstwachtmeister in seiner Aufregung nicht gedacht hatte, und schwieg. Ob auch Leßlie den übernommene» Verpflicht ungen nachkam? Er hoffte es, wenn auch der Charakter jenes Mannes keine sichere Gewähr hierfür gab. Am Morgen der Hochzeitstages befanden sich in dem zum prächtigen Gemach umgeschaffenen ehemaligen Zimmer der verstorbenen Base Georg Selkow und dessen Braut, Pater Vincenz und die Herzogin Jsabella. Eine besondere Veranlassung hatte sie zusammengeführt. Es war ein Bote von Wien mit einem versiegelten Schreiben gekommen, das nach einer ausdrücklichen Bestimmung auf dem Couvert vor den genannten Personen geöffnet und allen vollinhaltlich bekannt gemacht werden sollte. In gespannter Erwartung blickte man auf den Pater Vincenz, der es erbrach. Außer Georg, welcher die Bedeutung der Botschaft errieth, besaß Niemand auch nur eine Ahnung von dem Inhalt. Pater Vincenz hatte das Siegel gelöst, und zwei zusammengefaltete Schriftstücke fielen auf den Tisch; das eine war der Taufschein Magdalenens mit einem angehefteten Schreiben der verstorbenen Gräfin, welches den Enthüllungen Leßlie's in Allem die vollste Bestätigung gab; das andere ein Brief des Oberstwachtmeisters, worin Jener mittheilte, daß er seiner Aufgabe nicht mehr in ihrem ganzen Umfange gerecht werden könne; denn der Vertrauensmann, bei welchem Magdalenens Erbe hinterlegt worden sei, habe seitdem fallirt und das Weite gesucht. Diese Einbuße fiel für die Brautleute in ihrer Freude über den wettern Inhalt des Briefes kaum in's Gewicht. Sie fühlten sich so glücklich, daß ihnen daS verlorene Vermögen geradezu als ein willkommenes Opfer erschien. Ueberdies war für ihr Auskommen durch Georg's Stellung und die Güte der Herrin mehr als genügend gesorgt. Die Herzogin wurde durch die unerwartete Enthüllung mit hoher Freude erfüllt. Sie zog das Mädchen zärtlich an die Brust. „Seit ich Dich kenne", sagte sie, „hast Du meinem Herzen nahe gestanden; nun begrüße ich Dich als meine Tochter. Fürderhin sollen meine Liebe und Sorgfalt zwischen Maria und Dtr getheilt sein." Dann führte sie die Jungfrau dem Bräutigam zu. „Die Mittheilung", fuhr sie fort, „welche uns heute zukam, kommt mir vor wie ein Gruß aus dem Jenseits von der Heimgegangenen Mutter, die an dem bedeutungsvollen Feste ihres Kindes gedacht hat. Es ist ihr Segen, und der Segen einer Mutter ist einHochzettsgeschenk, wie ich kein besseres zu nennen vermag. Möge der Himmel Euch jenes Glück schenken, das die unglückliche Frau vergeblich suchte!" Drei Stunden später legte Pater Vincenz die Hände Georg's und Magdalenen's zusammen und flehte die Gnade des Himmels auf ihren Lebensweg herab. Lange schaltete Georg Selkow an der Seite seiner treuen Magdalene als Schloßhauptmann auf Großmeseritsch. Das Glück und der Friede hatten endlich daselbst ihr Heim aufgeschlagen. Geliebt und verehrt bewegte sich die schwergeprüfte Herzogin in ihrer Mitte und setzte sich in den Herzen der Armen und Kranken der ganzen Gegend ein bleibendes Denkmal. Pater Vincenz erlebte noch daS Ende des dreißigjährigen Krieges. Nur wenige Wochen nach Veröffentlichung der FricdenSbestimmungen schloffen sich die Augen des fast neunzigjährigen Greises. Er starb, wie er gelebt hatte, als ein Apostel der Liebe. Ein Lächeln schwebte um den welken Mund, und das bleiche Antlitz war von dem Hauche jenes heiligen Friedens verklärt, den der Herr über Leben und Tod auch den sterblichen Hüllen der Gerechten verleiht. ALLe^Lsr. Was ein Pfund Kohle thut. „Die Zeit ist nicht mehr fern, wo wir Hitze und Arbeitsleistung ohne Hilfe von Feuer erhalten können," sagt der Civil-Jn- genieur Marston Mc. Grath im St. Louis „Globe- Democrat". „Das wird möglich sein, sobald wir Elektricität direkt von der Kohle erzielen können, ohne etwas von der wunderbaren Kraft zu verlieren, welche in derselben steckt. Ich habe den ganzen Werth der Kohle als Krafterzeuger erst dann erkannt, als ich dieselbe auf einer Fahrt über den Ocean auf dem Dampfer „Maje- stic" beobachtete. DaS Schiff führt 2400 Tonnen Kohlen, fast genug um jeder Familie in St. Louis einen halben Bushel zu geben, und eS verbraucht 290 Tonnen täglich, um seine Geschwindigkeit von ungefähr dreiundzwanzig Meilen die Stunde zu erhalten. Das sieht wie ein kolossaler Kohlenverbrauch aus, doch die „Majestic" ist ein großes Schiff, 682 Fuß lang, und es gehören 18 000 Pferdestärken dazu, um es mit Volldampf über die Wellen zu führen. Rechnet man es aber im einzelnen aus, so findet man, daß anderthalb Pfund, also weniger als eine gute Hand voll, eine Pferdestärke für eine Stunde liefert. Eine Pferdestärke ist gleich der Arbeit, mit der man 300 Pfund einen Fuß hoch heben kann, so daß anderthalb Pfund Kohle 300 Pfund einen Fuß hoch eine Stunde laug zu heben im Stande sind. Oder man nehme einen anderen Vergleich. Es würden 100 000 Galeerensklaven Tag und Nacht rudern müssen, um der „Majestic" eine Geschwindigkeit von dreiundzwanzig Meilen zu geben. Dividiert man 18 000 Pferdestärken durch 100 000, so findet man, daß anderthalb Pfund Kohle ungefähr die einstündige Arbeit von sechs Ruderern leisten. Freilich würde man auf der „Majestic" nicht mehr als 480 Ruderer plazieren können und zehn Bushel Kohlen würden dieselbe Arbeit leisten, während 100 000 Galeerensklaven, jeder im Durchschnitte 150 Pfund schwer, fünfmal soviel wiegen würden als die 1740 Tonnen Kohlen, welche die „Majestic" für eine sechstägige Fahrt braucht." Die Macht der Musik. Im Jahre 1809, einige Jahre vor dem Tode des greisen Tonsetzers Haydn, schloß die Dilettantengesellschaft in Wien ihre Winterkonzerte mit einer glänzenden Aufführung der Schöpfung, zu welcher Haydn eingeladen ward. Er erschien, und schon der ausgezeichnete Empfang, der ihm zu theil ward, machte auf den Schwachen, durch die Last der Jahre Gebeugten einen außerordentlichen Eindruck; aber noch tiefer erschütterte ihn sein eigenes Werk, und bei der ergreifenden Stelle: „Es ward Licht," fühlte er sich dergestalt überwältigt von der Gewalt der Harmonieen, die er selbst geschaffen, daß ihm die Thränen über die Wangen rollten und er mit erhobenen Armen ausrief: »Nicht von mir, von dort kommt allesI" Er unterlag den ihn bestürmenden Gefühlen und mußte hinweggetragen werden. --0-48WU-»-- GoLLKSrrrsr. So viele Blüthen des Lebens fallen ab — später so Viele halbreife Früchte. Ist nun der Herbst davon leer? Der Mensch kann, wie der Baum, nicht alle Blüthen zu Früchten vollenden, die er treibt. Jean Paul. Das Gute wird verschwiegen, ?, DaS Böse sieht man von Mund zu Munde fliegen. ' --—«xv-LS--- Iiir die aögevrarmlen Gauvstnunnen in Kohenrvart. Leutla, gell, ihr mächtet frauga Was ma z' Hoahawart iez mach? Baua halt — mit nasse Auga — Baua unt'; Oh und Ach. 's ischt ja gar so grauseg g'wea Was in scll'r Nacht ischt g'scheah. Nv' kan i dös Sturma heara, Fuirjoh schrei» bei d'r Nacht, 's Fuir hat naufg'schla bis an d' Steara, Fürchteg praschtlet, g'schncllt und kracht: Und dös herrlich Institut Ischt v'rbrennt zue Staub und Schutt. Alls, von oben» bis unda: Dachstuehl, Lada, Käschta, Schränk'; Alles hi, in weanig Stunda, Bctschet, Sessel, Tisch und Bank': Alle Bett'r, alles G'wand, WaS s' net g rad am Leib g'het Hand. O ihr druimal arme Kind'r: Taubstumm, arm und hoimathloast Wäg'r reckt zum Daula sind 'r Und uir Elend riesagroatz: Könnet it a mal bettln gau, That ui ja koi Mensch v'rstaul Sott iez i als alt'r Kerle No für ui gcbeitla gau? In de junge Jauhr, ja währle! Han i's oft und freudig thau: Und wenn halt iez Keiner gaut, Woiß i z'letscht koin andra Rauth. Und d'rum iez, ihr Schwäbala, bitt' i recht schea, O theand deane taubstumme Mädala gea! Sie Hand ja koi Hoimath, koi Bettle, koi HäS, Da mach Dn 'n Vett'r, da mach Du a Bäs, Da mach Du da Vat'r, und d' Muett'r mach au. Dau sei Du gnä' Herr und da sei du gnä' Fraul Von Aub'm hear simmr ja alle v'rwandt, D'rum müeß m'r dau helf», sonscht wär es a Schand, Ma ka doch dia Närrla in Noath it v'rlau. Was seitens denn treiba, wohi sottens gau? Sie wäre ja so scho gar jammerle dra, Wöl koiS ebbes heart und au 's Schwätza it ka; Da kommt no dös Fuir aus und nimmt na ihr Haus, Ihr Bettla, ihr Häswerk, o dös ischt a Grans! Iez sott ma dau baua, und 'S Baua dös loscht. Drum schicket iez Thal'r mit Bota und Post, Und Eirichtung schafsa? o Leut I dös loscht viel, Mit drui und vier Tauscd kommscht lang it an'S Ziel; Drum Hand iez Erbarm», ah kommet! ah gand! Und sind m'r recht brave, mitleidige Mandl D'r Stadtpfarr' von Dillinga nähmS in Empfang, Herr Niedcrmair hoißt 'r, dear wartet scho lang: Und wend 'r a Quitting. ear thätS ui scho gea, Ear hat a nett's Schristle, dös liest si so schea» A Anwcising isch oft a guldiga Kroa, O saget's doch Alle, um dös ka ma's thoa! Fr. Keller. Dechiffrir-Aufgabe. Jede Buchstabengruppe ist zu einem sinmnäßigen Worte zu ordnen-, blovsl rastnen euip üimnvnpek, Ibisse«; Iiiuet rlinumerliAi enis, llvret mnrligibres inse Ulrv uisslivvr Viveenv seuiv verstau nepi. Lgulo. Auflösung des Bilder-Näthsels in Nr. 20: Oie Absicht leiht erst einer That Bedeutung. ——- AnWattungsSlatt M „Augsburger PostMung". « 22 . Dinstag, den 17. März 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Truck und Verlag der Rterarischen Instituts von HaaS Ä Grabberr in Augsburg (Vorbesitzer Ilr. Max Huttler). Judas Wakkabäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. INachLkuL v«rb>»r„., 1. Kapitel. Treu bis zum Tode. Herrlich ging die Sonne hinter den Hügeln, welche Jerusalem umgeben, unter, indem sie Ströme goldenen Lichtes über die mit Reben, Granat - und Oliven- bäumen bekleideten Thäler ergoß. Prächtig funkelten die Strahlen in den Wellen des Baches Kidron wider, und ein reicher Gluthschein lag auf den flachen Dächern, Brustwehren und Wällen der Stadt. Der rothgefärbte Himmel bildete einen herrlichen Contrast zu den Zinnen des Tempels, der damals, zu der Zeit meiner Erzählung, die Höhe des Berges Zion krönte. Es war dies nicht der prächtige Tempel, welchen Salomo erbaut hatte, es war aber auch nicht derjenige, welchen König Herodes geschmückt hatte, sondern das Gebäude, wie es dort in seiner einfachen Majestät vor uns steht, ist von den Hebräern bei ihrer Rückkehr von Babylon unter Führung des Serubabel und Josua errichtet worden. Nicht die Macht gewaltiger Fürsten, noch das Gold der Reichen hatten jenen Tempel erbaut, sondern der ernste Eifer eines bedrückten, in den Staub getretenen Volkes; und sein höchster Schmuck war die Verheißung, welche Haggais begeisterte Lippen ausgesprochen hatten: „Da soll dann kommen aller Heiden Trost; unb ich will dies Haus voll Herrlichkeit machen, spricht der Herr Zcbaoth; es soll dieses Hauses Herrlichkeit größer werden, denn des ersten gewesen ist." Die Erfüllung dieser Verheißung war bisher noch Gegenstand des Glaubens, und selten hat der Glaube einem heftigeren Verfolgungssturm die Stirn zu bieten gehabt als dem, welcher zu jener Zeit — ungefähr 167 Jahre vor Entstehung des Christenthums — über das alte Volk Gottes hereinbrach. Der Römer hatte noch nicht als Eroberer den Boden Palästinas betreten. Antiochus Epiphanes, einer der grausamsten Tyrannen, welche je gelebt haben, herrschte in der Stadt Davids. Er hatte die Straßen Jerusalems mit Blut überschwemmt; er hatte den Tempel geplündert und verunreinigt, hatte das unreine Thier auf Gottes heiligem Altar geopfert und das Bild des Jupiter Olywpius an die Stelle gesetzt, die der Anbetung des Herrn Zebaoth geweiht war. An dem bereits geschilderten Abende wanderte ein junger Mann im Schatten grauer Olivenbäume in einem kleinen Thale östlich von Jerusalem. Die rothen Sonnenstrahlen durchdrängen hier und dort die grau verzweigten Stämme und das Laub und schienen voll auf die Gestalt LycidaS', des Atheners. Niemand hätte ihn aber für einen Hebräer halten können, selbst wenn er die Kleidung der Juden anstatt derjenigen der Griechen getragen hätte. Die klassisch schönen Züge des Fremden waren derart, wie sie uns in den Meisterstücken des Alterthums, die in unsern Museen so geschätzt werden, überliefert worden sind. Lycidas hätte wohl dem Phi- dias zu einer Statue des Endymion dienen können. Seine Gestalt war fehlerlos proportionirt und eher merkwürdig durch Ebenmaß und Grazie, als durch Kraft, und sein Gesicht hätte man wohl seiner Schönheit wegen für ein weibliches halten können, wäre ihm nicht ein so entschiedener Zug scharfen Verstandes aufgeprägt gewesen. Diese junge Stirn hatte schon in Olympia beim Wettstreit eigener Dichtung den Lorbeerkranz getragen. Lycidas hatte seine Verse vor den kritischen Ohren der Athener laut vorgetragen. Seine Mitbürger und Tausende aus anderen Theilen Griechenlands hatten ihm Beifall zugerufen. Das war ein schöner Moment für den jugendlichen Athener gewesen, aber sein Ehrgeiz war durch diesen ersten Erfolg noch nicht befriedigt. Lycidas war sein eigener, strengster Kritiker und betrachtete sich eher auf einer Uebergangsstufe stehend, wie am Ziele. Er hatte beschlosien, ein Gedicht zu schaffen, dessen Ruhm mit dem der Jliade wetteifern sollte, und hatte zum Gegenstand seiner Gesänge gewählt: „Der Heldenmuth der Tugend." — Lycidas wollte seine Gemälde aus der Geschichte nehmen und entlehnte dazu seine Modelle den Menschen und nicht den sogenannten Gottheiten, mit denen Aberglaube und Einbildungskraft den Olymp bevölkert hatten. Der jugendliche Dichter hatte eine angeborene Vorliebe für alles Reine und Wahre und verwarf daher alles, was zu dem Gebiete der Fabel gehörte. Um für sein Gedicht „Der Heroismus der Tugend" Stoff zu sammeln, war Lycidas weit und breit umher- gereist. Er hatte Rom, damals eine mächtige Republik, besucht, hatte mit Begeisterung in den Annalen derselben, die an Beispielen hingebender Vaterlandsliebe so reich waren, geforscht. Der Athener hatte dann seinen Weg ostwärts genommen, hatte Alexandria besucht, war 162 den Nil hinaufgefahren und hatte die Pyramiden gesehen, die damals schon durch ihr Aller von 2000 Jahren ehrwürdig waren. Nachdem er die Wunder des Landes der Pharaonen gesehen halle, war Lycidas weiter gereist nach Gaza und Jerusalem, wo er nun lebte. Er war ein gelegentlicher Gast am Hofe des Königs von Syrien, bei dem er sich durch einen Empfehlungsbrief des Königs Perseus von Macedonien eingeführt hatte. Nicht um poetischen Träumereien nachzuhängen, hatte Lycidas an jenem Abend die Abgeschiedenheit des Olivenhaines aufgesucht. Wenn die Richtung des Stromes seiner Gedanken auf seinem Gesichte zu lesen gewesen wäre, so würde man einen Ausdruck von Unwillen, welcher zuweilen in Hellem Zorn aufblitzte, wahrgenommen haben, während seine Lippen sich bewegten, als ob sie Worte starken Mißmuthes oder ernster Klage hervorstoßen wollten. Niemand war in der Nähe, um das Gesicht des jungen Griechen zu beobachten, bis er plötzlich einer reich gekleideten Persönlichkeit in der Tracht, wie sie damals am syrischen Hofe Sitte war, begegnete. Dieselbe kam auf ihn zu an einer Stelle, wo die geringe Breite des Weges den beiden Männern ein Ausweichen unmöglich machte, und so wurde eine Begegnung herbeigeführt, welche, dem letzten Ankömmling wenigstens sehr unwillkommen war. „Ah I — mein Herr Pollux, bist Du es?" rief Lycidas mit höflichem Gruß. „Ich vermißte Dich heute plötzlich an meiner Seite bei jener — soll ich es Tragödie nennen, denn niemals hat eine schrecklichere Scene vor den Augen eines Menschen gespielt." „Ich wurde von einem Schwindel befallen, einem Fieberanfall", antwortete der mit dem Namen Pollux angeredete Höfling. Er sah hager und blaß aur, als er das sagte. „Ich wundere mich nicht, wundere mich gar nicht, wenn Dein Blut, wie das meine, in Fieberhitze kochte!" rief Lycidas. „Kein edler Geist konnte ungerührt bleiben bei dem Anblick der sieben Brüder, die einer nach dem andern in Gegenwart des Antiochus vor den Augen ihrer Mutter zu Tode gequält wurden, weil sie sich weigerten, das Gesetz, welches sie als göttlich betrachteten, zu brechen." „Nun", versetzte Pollux, „ihr Schicksal berührt mich nicht; was kümmert es mich, wenn sie vorzogen, wie Narren ihr Leben wegzuwerfen für einen eitlen Aberglauben!" „Narren? sage lieber Helden!" rief Lycidas, indem er plötzlich stehen blieb; denn er war jetzt dicht an Pollux herangekommen. „Ich wundere mich, daß Du so wenig Sympathie für jene tapferen Jünglinge hast, Du, der Du, nach dem Schnitt Deines Gesichtes zu urtheilen, zu ihrem Volke gehören mußt." Pollux stampfte mit dem Fuße und zog die Augenbrauen zusammen, als ob ihm diese Bemerkung unwillkommen wäre. „Ich habe die olympische Arena gesehen", fuhr Lycidas fort, indem er seinen Gang wieder aufnahm und seine Schritte in dem Maße beschleunigte, wie der Gegenstand ihn erregte, „ich habe die Athleten gesehen, jede ihrer Muskeln verrenkt, jedes Glied durchschnitten, ringend wie Milo und dennoch vorwärts eilend, um die Krone oder Palme zu gewinnen, als ob ihnen das Leben weniger theuer sei als der Sieg. Aber niemals haben meine Augen einen Kampf gesehen, wie heute, wo der Triumph dem Manne über die Furcht vor dem Tode ging, wo Sterbliche mit der Todesangst rangen und sie dennoch überwanden, still, oder Worte äußernd, die sich in das Gedächtniß hineinbrennen, Worte von Sterbenden! — Da war kein Beifallrvfen, um die Athleten anzufeuern, wenigstens keins, das man hören konnte; da war kein Jauchzen, wenn ein Sieger das Ziel erreichte. Aber wenn die Kraft der leidenden Tugend wirklich ein Schauspiel ist, auf welches die Götter bewundernd blicken, dann sei versichert, daß heute die Unsichtbaren auf diese glorreiche Arena niedergeblickt haben, die Krone oder Palme in Bereitschaft haltend. Denn ich kann eher glauben", fuhr der Athener fort, indem er seinen Arm gegen die untergehende Sonne ausstreckte, „daß jener Himmelskörper verloren ist, ausgelöscht, verdunkelt vor dem Universum, weil er dort niedersinkt vor unsern Augen, als daß jene edeln Geister, welche diese gequälten Glieder belebten, mit denselben sterben sollten für immer." Pollux wandte das Gesicht ab, er wollte nicht, daß der Athener den Schmerzenszug sehen sollte, mit dem er seine Unterlippe biß. „Es ist klar", fuhr der Athener fort, „daß die Dulder an ein Fortleben nach dem Tode glaubten; einer der Brüder heftete, als er vortrat um zu leiden, einen ernsten, ruhigen Blick auf Antiochus — ich zweifle nicht, daß dem Könige dieser Blick erscheinen wird, wenn seine Todesstunde kommt — und sagte — ich erinnere mich wohl der Worte —: „Böser Fürst, Du beraubst uns des irdischen Lebens, aber der König des Himmels wird uns, die wir in Vertheidigung seines Gesetzes sterben, dafür eines Tages das ewige Leben geben." Der nächüe Märtyrer streckte seine Hände aus, als ob er die Palme anstatt des Streiches der Scharfrichter empfangen sollte, und sagte mit derselben Ruhe: „Ich erhielt diese Glieder von Gott im Himmel, darum will ich sie gern fahren lassen um seines Gesetzes willen, denn ich hoffe, er werde sie? mir wiedergeben." — — Ist es möglich', daß diese Menschen glaubten, daß nicht nur Seelen, sondern auch Körper wieder auferstehen würden? daß eine gehetmnißvolle Macht sie dem ewigen Leben wiedergeben könnte und wollte? Ist dies der Glaube der Hebräer?" Diese letzte Frage wurde ungeduldig von Lycidas wiederholt, bevor er eine Antwort erhielt. „Einige von ihnen haben diesen kühnen Glauben," sagte Pollux. „Ein erhabener, geheimnißvoller Glaube", bemerkte Lycidas, „ein Glaube, der diejenigen, die daran festhalten, unverwundbar macht, wie den Körper des Achilles, nur ohne den einen schwachen Punkt. Er begeistert Frauen und Kinder mit gleichem Heldenmuth, wie ich heute Zeuge gewesen bin. Der siebente der hebräischen Brüder war noch von zartem Alter und schön, selbst der König bemitleidete seine Jugend und bot ihm Gnade und Ehren an, wenn er das Gesetz seines Gottes verließe. Antiochus schwur, daß er ihn zu Reichthum und Ehren bringen und ihn unter seine bevorzugtesten Höflinge stellen wolle, wenn er sich dem Willen des Königs beuge. Ich beobachtete das Gesicht des Knaben, als das Anerbieten ihm gemacht wurde. Er sah auf der einen Seite die verstümmelten Gestalten seiner Brüder und die grimmigen Gesichter der Scharfrichter, auf der 163 andern allen Glanz und Reichthum der Eide, loch schwankte er keinen Augenblick in seiner Wahl." Pollux konnte kaum einen Seufzer unterdrücken und Hüne mit schlecht verhehlter Ungeduld zu, als der Athener in seiner Erzählung fortfuhr: „Dann ließ der König der Mutter sagen, sie möchte ihren Sohn ermähnen, daß er dem Willen seines Königs gehorche. Sie stand während der ganzen, fürchterlichen Scene nicht wie eine Niobe in Thränen, sondern mit gefalteten Händen und erhobenen Augen, als sähe sie unsichtbare Dinge und höre Worte, die nur ihren Ohren verständlich. Sie hörte den König, näherte sich ihrem Sohne, legte ihre Hand auf seine Schulter und sah ihn mit einem Blick unbeschreiblicher Zärtlichkeit an. Der Glaube hatte die Furcht besiegt und die Liebe noch tiefer gemacht. Sie beschwor ihren Sohn bei allem, was sie für ihn gethan und gelitten, fest zu glauben und sich nicht zu fürchten. „Zeige Dich Deiner Brüder würdig", sagte sie, „damit ich Euch eines Tages durch Gottes Gnade in dem Himmel, welcher uns erwartet, allcsammt empfangen möge." — Und der schöne Knabe lächelte und folgte dem Beispiele seiner Brüder, indem er für sein Vaterland betete und für seinen Glauben starb. Zuletzt wurde die Mutter auch hingerichtet, aber ich konnte nicht bleiben, um jenes Opfer auch noch zu sehen; ich hatte genug gesehen, wehr als genug." „Und ich habe genug gehört, mehr als genug",murmcltePollux, welchem die Beschreibung des Ly- cidas unerträgliche Qual verursacht hatte, die Qual der Gewissensbisse und der Scham. „Du bemitleidest diese Märtyrer?" bemerkte der Athener. „Mitleiden! Ich beneide", war der Gedanke, dem die blassen Lippen eines Abtrünnigen keinen Ausdruck zu geben wag'.en. Pollux schüttelte zur Antwort nur sein Haupt. „Ich möchte wohl mehr von der Religion der Hebräer wissen", sagte Lycidas nach einer Pause. „Ich habe wunderbare Geschichten gekört, erhabenere, als unsere Dichter je besungen haben, von e uer Gottheit, welche dieses Volk aus Aegypten führte, einen Pfad für sie durch die Tiefen des Meeres machte, indem sie seine schäumenden Wellen im Zaume hielt, wie ein Reiter sein weißgcmähntes Roß. Er gab den^ Durstigen Wasser aus dem Felsen, den Hungrigen Brod vom Himmel und zerstreute Israels Feinde vor ihm her, wie Spreu vor dem Winde. Ich habe gehört, daß der feurige Wagen der Sonne stille stand auf die Stimme eines Mannes, dem die Kraft dazu von einer Gottheit gegeben worden war. Sage wir, welches ist der Name dieses mächtigen Gottes der Hebräer? —" Pollux preßte die Lippen zusammen, er wagte nicht, den Namen desjenigen auszusprechen, den er verleugnet hatte. Der Höfling legte seine .Hand auf den mit Juwelen besetzten Griff, welcher seinen Günel zu- > sammenhiclt. Vielleicht war diese Bewegung zufällig vielleicht wünschte er auch die Aufmerksamkeit seines Begleiters auf Herkules und den nemerischen Löwen zu lenken, welche in das Gold eingravirt waren. „Du vergißt", bemerkte Pollux, „daß ich ein Verehrer der olympischen Gottheiten bin, daß ich dem mächtigen Jupiter opfere." „Ich frage nicht nach Deiner Religion", entgcgnete Lycidas, meine Frage betraf diejenige der Hebräer, welche Dir wohl nicht unbekannt sein kann. Welches ist der Name des Gottes, den sie nicht verleugnen wollten, selbst um sich von Marter und Tod zu retten?" „Ich kann hier nicht länger zögern, edler Fremdling", war die etwas eilige Antwort des Pollux, „die Sonne ist untergegangen, und ich muß zur Stadt zurück; Antiochus verlangt meine Gegenwart bet dem Banket heute Abend." „Ich bin auch dazu gebeten, aber ich gehe nicht hin", sagte der junge Athener. „Blutvergießen bei Tage, Feste bei Nacht, Blut an den Händen, Wein an den Lippen; ich hasse, ich verabscheue diese Vereinigung svon Gemetzel und Fröhlichkeit. Gehe Du hin und erfreue Dich an der rauschenden Lustbarkeit im Palast des Königs. Wäre ich dort gegenwärtig, ich würde dann bei jenem Mahle die schattenhaften Gestalten jener herrlichen Matrone und ihrer Söhne sehen. Ich würde durch das Gelächter Stimmen hören, die da sängen von unerschütterlichem Vertrauen auf Gottes Gnade und von einer herrlichen Hoffnung auf Unsterb- blichkeit dort, wo kein Unterdrücker mehr sein wird." Und mit einem etwas erzwungen höflichen Gruß gingen der freie Grieche und der Schmeichler eines Tyrannen ihre verschiedenen Wege. — (Fortsetzung folgt.) —- Elternpstichten. „Es ist ganz unbegreiflich, wie schlimm die Kinder heutzutage sind!" Wer hätte diese Klage nicht schon einmal gehört, und wer hätte, wenn er dieselbe hörte, nicht zustimmend beipflichten müssen: „Ja, viele derselben sind schlimm, und Gott weiß, wie das noch einmal werden soll, wenn das heranwachsende Geschlecht nicht bald wieder in andere Bahnen gelenkt wird!" Wirklich sind viele Kinder heutzutage zum großen Theile gar nicht so, wie Kinder eigentlich sein sollen; aber daß es so ist, ist keineswegs gar so unbegreiflich, als es manchen kurzsichtigen, verblendeten Eltern bisweilen scheinen will. Die Ursache dieser traurigen Erscheinung liegt für Jeden, der sie bemerken will, ganz nahe am Tage, und wenn es dennoch genug Eltern gibt, welche dieselbe durchaus nicht zu entdecken vermögen, so liegt das keineswegs darin, daß sich der Grund des Uebels vor ihnen sorgfältiger verbirgt, als vor anderen Leuten, sondern einzig und Fritjof Uansen. /-M. ^Si -> - - SiW SMS ^ '71 U«s M W M! 1 E --E L'LR:NLT LLML MN IMX lSW M, ?«>->' WWMW MM SL, GNS M»Ä »IW«, MWM! WWtzIWSS LÄ- ML: kW»M M-ic Wiv -SrÄ^'- N Ä EE chUmM K ^r N- MZM ML N- rr L '— MG'WWI WS^MLSZLÄW MN -UM -7— .LE^' ^ZN »»»Mj lVLTNM ! »M 166 allein darin, daß sie den wahren und eigentlichen Grund als solchen nicht anerkennen wollen und lieber die fernst liegenden Umstände verantwortlich machen, ehe sie sich dazu verstehen mögen, mit sich selber zu Gericht zu gehen und sich zu fragen: „Tragen wir an den Unarten und Fehlern unserer Kinder nicht etwa selbst die größte Schuld, und ist die Erziehung und das Beispiel, sind die Lehren und Unterweisungen, die wir der Jugend geben, nicht ganz und gar dazu angethan, dieselbe in eine falsche Richtung hineinzutreiben?" Es gibt Eltern, die es bei jeder Gelegenheit mit einem gewissen Stolze aussprechen, daß die Jungen heute klüger seien als die Alten, daß die Rollen zwischen Kindern und Eltern fast vertauscht seien, und daß diese eigentlich von jenen lernen müßten, anstatt daß die Kinder, wie es sonst Ordnung gewesen, in den Eltern ihren natürliche Lehrer zu erblicken hätten. Wo das so ist — und es kommt häufig genug vor — wo die Kinder wirklich die Lehrmeister der Eltern und in unmittelbarer Folge davon die Tyrannen der ganzen Familie spielen dürfen, da muß mit Recht von einem unnatürlichen Zustande gesprochen werden, der weder für den einen noch für den andern Theil zum Guten ausschlagen kann, der in seinen Folgen eben so verderblich für die Kinder wie für die Eltern werden muß. Wohl ist das richtig, daß im Wechselverkehr zwischen Eltern und Kindern stets für beide Theile eine Gelegenheit zum Lernen geboten ist, und daß auch der vernünftigste Vater und die klügste Mutter erziehend und belehrend immer noch Manches erfahren können, wie ja der Mensch überhaupt niemals auslernt. Wo aber die Jugend mit ihrer frühreifen vorlauten „Weisheit" das ganze Haus in Bewunderung und Entzücken versetzen kann und Vater und Mutter sich freiwillig ihres Lehramtes begeben, weil sie ihrem gescheidten Jüngelchen oder ihrem zungenfertigen Töchterchen „doch nicht bekommen zu können" glauben, da ist das ein gefährlicher und ungesunder Zustand, ein Zustand, der es durchaus nicht mehr unbegreiflich erscheinen läßt, daß so viele Kinder so entsetzlich schlimm sind und Streiche verüben, welche dann die erschrockenen Eltern mit Angst und Be- sorgniß erfüllen. Wenn heuizutoge manche Kinder so frühzeitig schon „was zu sagen" haben, wenn das Geld in ihren Fingern blinkt, wenn sie naschen und für ihre „Bedürfnisse" selbst Diebereien verüben, wenn sie über „die dummen Alten" bald „hinaus" sind, wenn gar ein sechzehnjähriger Junge oder ein fünfzehnjähriges Mädchen sich das Leben nimmt „unglücklicher Liebe halber", was ja in neuester Zeit keineswegs mehr zu den Seltenheiten gehört, und wenn so ein Knirps, der von Rechtswegen der Zuchtruthe noch lange nicht entwachsen sein sollte, aus Eifersucht ins Wasser springt, oder sich eine Schlinge um den Hals legt, oder auch einen blutigen Racheakt an anderen Personen verübt: — Hand aufs Herz, Ihr Eltern, wen trifft denn in einem solchen Falle die größte Schuld, Euer mißrathenes Kind oder Euch selbst? Wahrlich, auf die Frage kann es nur eine Antwort geben, und die Antwort kann nimmermehr zu Gunsten derer ausfallen, die berufen waren, über des Kindes Seele zu wachen wie über seinen Leib und die moralische Gefahr von dem Pfande, welches ihnen der Himmel anvertraute, Ebensowohl und mit größerer Sorgfalt noch fernezuhalten wie die physische Gefahr! Die Eltern müssen sich stets ihrer Pflicht bewußt bleiben, der geistigen Entwickelung ihrer Kinder Schritt für Schritt nachzugehen und das Unkraut überall da, wo es sich einschleichen will, rechtzeitig auszujäten. Das aber wollen viele Eltern nicht, und nur jene sind zum Theile — aber auch sie nur zum Theile — zu entschuldigen, welche durch ihre harte Tagesarbeit von den Kindern meist ferngehalten werden. Aber dann müssen sie sich nach gethaner Arbeit und Sonntags, anstatt stets ins Wirthshaus zu gehen, um dieselben nach Möglichkeit und mit Eifer bekümmern. Viele Eltern aber, denen es ein Leichtes wäre, die falschen Begriffe ihrer Kinder gehörig zu berichtigen, die Irrthümer derselben durch ein näheres Eingehen auf ihre Anschauungen kennen zu lernen, um dieselben abzustellen — viele Eltern, denen dies ein Leichtes wäre, versäumen es in strafwürdiger Verblendung, weil ihnen eben das Wesen des Burschen, welcher so altklug spricht und „Alles am besten weiß" und dreist und spitzig sich überall mit seiner Weisheit hineinmischt, „zum Beweise" dient, daß der Junge ein überaus aufgewecktes Kind ist, dessen „naturgemäßer Entwickelung nicht vorgegriffen" werden dürfe! Und so entwickelt sich dann der Junge „naturgemäß", bis sich auf einmal zum Schrecken der Eltern herausstellt, daß die Entwickelung bei Lichte besehen doch eine sehr naturwidrige war und daß dem Jungen eine Leitung äußerst noth gethan hätte. Andere Eltern freilich können die Fortschritte ihrer Kinder nickt so genau kontrolircn, denn khncn gegenüber mag. der Junge in mancher Beziehung ilüger scheinen als sie selber sind. Aber doch auch nur in mancher Beziehung, denn die Erfahrung haben die Eltern jedenfalls immer voraus, und auch die richtige Erkenntniß, was gut und was böse ist. Wenigstens sollten sie diese voraus haben vor ihren Kindern; wo das nicht der Fall ist, da ist es allerdings sehr schlimm bestellt um den einen Theil sowohl wie um den andern. Jene Erkenntniß befähigt zuletzt jeden Vater und jede Mutter, wenn sie auch zu ihrer Zeit von all den schönen und großen Sachen noch nichts gehört haben, von denen jetzt die Kinder zu erzählen wissen, sich über den moralischen Werth oder Unwerth dieser Dinge ein Urtheil zu bilden und darnach immer noch belehrend und berichtigend einzugreifen, wo es irgend erforderlich und wünschenswerth sein sollte. Dann aber ferner: Wer trägt an den beklagens- werthen Verirrungen der Kinder die Schuld, diese oder die Eltern selbst, sofern letztere die rechte Lehre sparen und das gute Beispiel fehlen lassen und die Zuchtruthe als ein „veraltetes" Erziehungsmittel in den Winkel geworfen haben, dafür aber die Kinder mit- ins Wirthshaus und in den Tanzsaal, ja vielleicht gar in unsaubere Vorstellungen, in die Tingel-Tangel schleppen? Wenn die Kinder dann schließlich in Folge einer solchen Erziehung die Zahl der Verkommenen und Verlorenen mehren, dann mag vielleicht manchen Eltern zum Bewußtsein kommen, was sie an ihren Kindern verschuldet haben, aber dann ist alle Einsicht und jede Reue zu spät. Der Vorwurf der versäumten Pflicht aber wird als dauernder Stachel im Herzen jener Eltern sitzen und dasselbe noch empfindlicher verwunden, als das bittere Gefühl, welches die Lieblosigkeit der eigenen Kinder ihnen verursachen wird. Diese Lieblosigkeit aber ist die erste und unausbleibliche Strafe jeder sorg- und gewissenlosen Erziehung. 167 Der Krieg in Abefsynien. (Mit Illustrationen.) In der Märzschlacht bei Metemneh im Jahre 1889 fand König Johannes, der Negus Negesti (Hauptkönig) des christlichen Abcssyniens, einen ruhmvollen Tod im Kampfe gegen die fanatischen Mahdisten. Von den Nas oder Unterkönigen des Berglandes war Menelik von Schoa Jahres begann die Entscheidung zu nahen, wobei die Italiener eine Reihe ehrenvoller Niederlagen erlitten. Anfang Dezember erhielten die abessynischen SchaarenFühlung mit dem südlichsten Posten der Italiener, einem etwa 1200 Mann starken Bataillon eingeborener Truppen, die von europäischen Offizieren und Unteroffizieren geführt wurden und unter dem Kommando des Majors Pedro Toselli standen. Am 7. Dezember wurde dieses Bataillon auf dem Tafelberge (Amba) Aladschi von 20,000 Abesssyniern unter Führung von Nas Makonnen und Ras Mikael angegriffen. Nach heldenmüthigem Widerstand mußten die Italiener weichen, wobei Major Toselli fiel. Nun rückte das abessynische Heer vor, und es galt, den Feind aufzuhalten, damit der Befehlshaber der Kolonialtruppen, General Baratieri, dieselben sammeln und dem Feinde gegenüber eine günstige Stellung einnehmen konnte. Die Aufgabe fiel dem Major Giuseppe Galliano zu, der mit 1300 Mann Italienern und Eingeborenen, Makalle gegen den andringenden Feind vertheidigen sollte. Makalle ist die Hauptstadt der Landschaft Tigre. Hier ließ sich einst Negus Johannes von dem Piemontesen Naretti einen Palast erbauen, in dem später der von den Italienern vertriebene Ras Mangascha residierte. Beherrscht wird die Stadt durch das Fort Enda Jesu. Negus Menelik erschien vor Makalle an der Spitze von 70,000 Streitern, aber die tapfere Besatzuug hielt daS Fort vom 7. bis 21. Januar d. I. und schlug mit Todesverachtung mehrere Stürme ab. Erst als der letzte Wasservorrath erschöpft war, kapitulierte Galliano unter ehrenvollen Bedingungen. Es wurde ihm freier Abzug mit allem Kriegsmaterial bewilligt, und Ras Makonnen, der König der Landschaft Harrar, übernahm die Bürgschaft für sicheres Geleite der Vertheidiger Makalles bis zu den italienischen Linien. Galliano, der für sein tapferes Verhalten zum Oberstlieutenant ernannt wnrde, erreichte mit seiner Truppe glücklich Adigrat, wo General Major Toselli ch. General Varalieri. Gderstlteul. Galliano der mächtigste und schickte sich nun an die Würde des Hauptkönigs zu erlangen. Klugerweise suchte er die Freundschaft Italiens, das an der Küste des Rothen Meeres seine afrikanische Kolonie Erythräa gegründet hatte und auch Abefsynien unter seine Schutzherrschaft zu stellen trachtete. Wiederholt hatten sich bereits abessynische Waffen mit den italienischen gekreuzt, ohne daß einer der Gegner den entscheidenden Sieg errungen hätte. Menelik schloß Frieden mit Rom und erkannte die Schutzherrschaft Italiens an. Er ließ sich mit allem Pomp krönen, und die Italiener ergriffen Besitz von den nördlichen Ausläufern des abessynischen Berglandes. Sie begannen mit emsiger Rührigkeit an der Civilifirung des Landes zu arbeiten; sie bauten gute Straßen, befestigten die Städte, und italienische Ansiedler kamen nach Erythräa, um auf den Hochebenen Ackerbau und Viehzucht zu treiben. Diese Entwickelung der Kolonie wurde anfangs gar nicht durch einen diplomatischen Zwist berührt, der durch verschiedenartige Auslegung des Schutzvertrages veranlaßt wurde. Da sollte im Jahre 1894 der Friede jäh gestört werden. Ras Mangascha, der Unterkönig der Landschaft Tigre und ein natürlicher Sohn Meneliks, empörte sich gegen die Herrschaft der Italiener. Der Aufstand wurde zwar mit bewaffneter Macht niedergewo^ König Menelik von Abernten. U°- Makonnen von Horror, den Italienern besetzt, aber Ras Mangascha floh ^ ^ « " - ». zu seinem Vater und stachelte ihn sowie die anderen Unterkönige Abcssyniens zum Kriege gegen Italien auf. In der That sammelte Menelik ein starkes Heer und zog, von den Unterkönigen begleitet, gegen die italienischen Kolonialtruppen zu Felde. Die einzelnen Episoden dieses afrikanischen Krieges, dessen Ende noch nicht absehbar ist, erregten die Theilnahme der Welt weit über die Grenzen Italiens hinaus. Gegen Ende des vorigen Baratieri mit der Hauptmacht der Kolonialtruppen Stellung genommen hatte. Dicht auf dem Fuße folgte aber ihnen das große Heer Meneliks, und am 1. März kam es in der Nähe von Adua zu einer Schlacht zwischen den beiden Heeren der Abcffynier und der Italiener, welche mit einer gänzlichen Niederlage für die letzteren endete. Auf italienischer Seite hatten an dem Kampfe 168 15,000 Mann theilgenommen, die unter dem Oberbefehle des Generals Baratteri standen. Der vierfach überlegene Feind zwang die Italiener zu solch vollständiger Deroute, daß diese u. a. ihre gesammten Gebtrgs- batterien mit 60 Kanonen im Stiche lassen mußten. Gleich nachdem diese abermalige italienische Niederlage in Rom bekannt wurde, nahm das Ministerium Crispt seine Entlassung, und am 10. März trat ein neues Ministerium unter dem Vorsitz des Marchese Rudini zusammen. Das Colonialprogramm Rudini's lautet: Aufrechthaltung des afrikanischen Besitzstandes von 1891 und Zurückziehung der Truppen auf das Dreieck Massaua, Keren, Asmara, Anknüpfung guter Beziehungen zu allen abessynischen Häuptlingen, um einen durch den andern in Schach zu halten, Verzicht auf den Vertrag von Utschalli, ehrenvoller Frieden mit Menelik. Da auch die italienische Bevölkerung von einer Fortsetzung des unseligen Kolonialkrieges nichts wissen will, so steht zu hoffen, daß weiterem unnützen Blutvergießen in Afrika ein Ende gemacht wird. Zu unseren Bildern Fritjof Nansen, der Uordlandfahrer. Aus den Eisfeldern Sibiriens kam in den letzten Wochen die Kunde, daß es dem kühnen Norweger Fritjof Nansen gelungen wäre, das Ziel, für das schon so viele Tapfere ihr Leben gelassen, zu erreichen: der Nordpol wäre den Sterblichen nickt mehr unbekannt. Leider ist die Nachricht noch heute ohne Bestätigung, Nansen selbst ist noch fern von jedem Kulturland, aber daß er Botschaft vorausgesandt haben kann von seinem großen Erfolge, das wagt niemand ernstlich zu bestrei- ten. Ist die Meldung richtig, so hat der tapfere Mann in jungen Jahren Höchstes erreicht. Nansen steht heute in der Blüthe seiner Kraft. Er ist am 10. Oktober 1861 in der Nähe von Christian« geboren. Nachdem er in den Jahren 1880 und 1881 seine Universitätsstudien erledigt hatte, machte er im Sommer 1882 auf dem Seehundsfänger Viking seine erste Reise ins Eismeer. Dann übernahm er das Amt des Konservators am zoologischen Museum in Bergen. Aber es duldete den Thatenlustigen nicht bei seiner stillen bürgerlichen Beschäftigung. Er faßte den Plan, zu vollbringen, was noch niemand vor ihm gelang. So zog er im Mai 1888 mit fünf Gefährten aus, Grönland zu durchqueren. Nach mancherlei Irrfahrten an der durch das Eis versperrten Ostküste begann am 15. August vom Gyldenlövefjörd aus die Wanderung mit fünf Schlitten, und am 16. September erreichte sie bei Godthaab an der Westküste ihr Ende. Wohlbehalten hatte man die 490 Kilometer zurückgelegt, dabei Höhen von 3000 Meter überstiegen und Temperaturen von — 50 Grad Celsius beobachtet. Mit einem Schlage stand Nansen in der ersten Reihe der Nordlandfah- er. So wunderte sich niemand, als er einige Jahre später mit einem ganz neuen Plane, an den Nordpol zu gelangen, hervortrat. Er wollte sich von Neusibirien aus nördlich wenden, um den großen Eisstrom zu erreichen, der nach seiner Meinung von dort über den Pol hinweg nach der Ostküste Grönlands treibt. Von diesem wollte er sich einschließen und mitführen lassen, die Naturkräfte klüglich benützend, statt gegen sie anzukämpfen. Am 24. Juni 1893 verließ er auf dem zu diesem Zweck eigens gebauten Schiff „Fram" Christiania in Begleitung von vierzehn Gefährten und mit einer auf fünf Jahre berechneten Ausrüstung an Nahrungsmitteln. Bis Chabarowa an der Jugor'schen Straße, der letzten europäischen Station, wo Nansen eine Anzahl für die Expedition nothwendiger Hunde an Bord nahm, begleitete ihn sein Sekretär Christofersen. Dieser sah ihn am 3. August 1893 in das karische Meer Hinaussegeln, am 20. bat man ihn dort noch erblickt, und seitdem ist keinerlei Nachricht über den weiteren Verlauf und das Schicksal der Expedition nach Europa gelangt. Im August 1893 waren nach den Aussagen von Robbenfängern die Eisverhältnisse Nansens Vorhaben sehr günstig. Was ihm dann weiter zugestoßen ist, kann man allerdings nur vermuthen. Daß Nansen schon jetzt zurückzuerwarten sei, hat er selbst nicht in Aussicht gestellt, vielmehr die Dauer seiner Expedition auf vier bis fünf Jahre bemessen. Allein eS ist wohl denkbar, daß er die Fahrt zum Nordpol in kürzerer Zeit zurückgelegt hat, als er selbst in Aussicht nahm. Andererseits ist es auch möglich, daß er auf Hindernisse gestoßen ist und ein großes, weitausgedehntes Land angetroffen hat, das er nicht umschiffen konnte und das ihn zur Rückkehr zwang. Wer weiß es?I Jedenfalls aber wünscht alle Welt dem unermüdlichen Forscher den schönsten Lohn für seinen stolzen Wagemuth. _ Die größte Drauerei der Weil. Im Bereiche der Pabst'schen Brauerei zu Milwaukee^steht noch das wahrhaft liliputanische Holzhäuschen, in dem Jakob Best, der Begründer des Unternehmens, wohnte. Damals, 1844, zählte Chicago 5000 Einwohner, Milwaukee kaum halb so viele, so daß für's erste 200—300 Barrels Bier jährlich für den totalen Bedarf genügten. Mit der Stadt wuchs auch die Brauerei, und der Inhaber hatte bereits einen Jahresumsatz von 11,000 Barrels erzielt, als er seinen Schwiegersohn Fritz Papst, einen Thüringer von Geburt, als Theilhaber in seine Firma aufnahm. Papst hatte bis dahin als Dampferkapitän den Michigansee befahren, aber, obgleich nicht „vom Fach", griff er doch so zielbewußt ein, daß der Konsum stetig zunahm und die Brauerei öfter erweitert werden mußte. In neuerer Zeit ist sie in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und mit vollem Rechte „Pabst Brewing Company" genannt worden. Heute wird das Pabstbier in ganz Amerika getrunken, aber auch nach Asten, Afrika (Capland) und Australien verschickt. Die Leiter des Unternehmens führen deutsche Namen: Pabst, Schandein, Best, Falk und so weiter. Amerikanisch großartig produzirt es jährlich 1'/, Millionen Barrels — 2 Millionen Hektoliter Bier. Das in dem Hauptcomptoir aufliegende Fremdenbuch weist durchschnittlich 300 Eintragungen pro Tag auf, daher ist's nöthig, daß die Firma drei Leute zum Herumführen der Besucher hält. Zunächst geht's in das Maschinenhaus, wo die Dampfkraft und die kalte Luft für die Lagerräume erzeugt werden. Das Bier wird hier nämlich nur mittelst kalter Luft gekühlt, für die mächtige Eismaschinen sorgen, indem sie täglich ein Kälte-Aequivalent von 750 Tonnen oder 15,000 Zentner Eis hervorbringen. Weiß überfrorene eiserne Röhren absorbiren die in andern Maschinen- häusern oft so lästige Hitze und führen den Kältestrom dahin, wo man feiner benöthigt. Ein größeres Interesse erweckt das eigenartige Leben und Treiben in der Bottlerei, wo Bierflaschen gefüllt und versandtbereit gemacht werden. Auf Rädern, durch eine unsichtbare Kraft vorwärts bewegt, rollen große, mit leeren Flaschen gestillte Körbe heran, flinke Hände nehmen die Flaschen heraus und stellen dieselben unser Röhrenmündungen, aus denen das Bier nur so lange strömt, bis die Flaschen gefüllt sind. Während die gefüllten durch leere ersetzt werden, wandern erstere in beweglichen Flaschengestellen vor eine Maschine mit einer unablässig sich drehenden Scheibe, auf der je fechs Flaschen Platz finden. Nun beginnen die menschlichen Armen vergleichbaren Maschinentheile zu arbeiten, einer setzt den Kork auf, der zweite treibt ihn in den Flaschenhals, der dritte legt den Draht darum, und so geht's weiter, bis die Flaschen vollständig verkorkt, gedrahtet und verkapselt sind. Jede dieser Maschinen macht in einer Minute fünfundzwanzig Flaschen versandtbereit, und da sechs Maschinen beständig arbeiten, ist es der Brauerei möglich, jährlich weit über zwanzig Millionen Flaschen Bier zu versenden. Von der großartigen Ausdehnung der Mälzerei kann man sich ein Bild machen, wenn man hört, daß die Pabst Brewing Company jährlich 1,700,000 Bushels Malz, 10,000 Zentner Hopfen und 30,000 Zentner Reis verarbeitet. Der Reis dient zur Herstellung des sehr beliebten, außerordentlich hellen „böhmischen" Bieres. Mit dem elektrischenAufzug hinauf aufs „Observatorium", d. h. auf die Dachhöhe der Mälzerei, von der man einen herrlichen Blick auf Milwaukee genießt. Wie schön sie doch daliegt, die deutscheste Stadt Amerikas, einem duftenden Waldblumenstrauß vergleichbar, den der Michigansee sich an die Brust steckte. Um das eigentliche Geschäftsviertel schließt sich ein Kranz von Gärten mit hocheleganten Villen und unzähligen hübschen Holzhäusern im Kottrgestil. Die Villa Pabst und Villa Schandein sind die schönsten, und ganz Chicago hat keinen so gefälligen „Wolkenschieber" auszuweisen, wie ihn Milwaukee in seinem zwölfstöckigen „Pabstbau" besitzt. Derselbe enthält ein großes Restaurant, mehrere Kaufläden, eine Bank, sowie einige hundert Comptoii'räume, alles gut vermiethet. Auch das deutsche Stadttheater hat Pabst erbaut, und er verliert daran freiwillig Geld, indem er es einer tüchtigen deutschen Schauspielertruppe, die sonst nicht bestehen könnte, pachtfrei überläßt. Auch das „Künstlerheim", eine prächtige altdeutsche Bierstube, und das reizende Ausflugsziel „Whitefishbay" sind uneigennützige Pabst'fche. Gründungen. Christian Benkard. 23. Ireitag, den 20. März 189k. . ^ ^ ^ Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischsn Instituts von HaaS «c Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Zudas Makkaöäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) 2. Kapitel. Das Mitternächtliche Begräbnis?. Die Scene, welcher Lyctdas beigewohnt, hatte sein Gemüth in einen erregten, fieberhaften Zustand versetzt. Der kühle Abeudwind, welcher durch die Blätter der Olivenbäume säuselte, und die Einsamkeit wirkten erfrischend aus den Geist des jungen Griechen. Er warf sich in das Gras unter einen der Bäume, lehnte sich gegen den Stamm und blickte aufwärts zu den Sternen, welche wie Edelsteins den azurblauen Himmel zierten. „Ob die Geister jener Braven wohl jetzt aus einem dieser Himmelskörper herrschen?" dachte der Poet. „Oder find die Sterne selbst lebende Wesen, Geister, welche, befreit von den Fesseln des Irdischen, für immer dort oben am Firmament leuchten? Ich möchte mehr wissen von der Religion der Hebräer und jemand ausfindig machen, der mich in ihre Geheimnisse einweiht, wenn es einem Fremden überhaupt gestattet ist, sie zu lernen." Die Gedanken des Lycidas kehrten zu seinem Gedicht zurück und versuchten, die Ideen, welche ihm durch das Märtyrerthum, dem er beigewohnt hatte, eingegeben worden waren, in Verse zu bringen, aber er verzweifelte bald an diesem Versuch. „Poetische Ausschmückung würde die großen Umrisse einer solchen Geschichte nur verderben", sagte er zu sich selbst. „Wer würde Blumen graben auf Pyramiden, oder einen Obelisken, der zum Himmel zeigt, mit Gänseblümchen bekränzen?" Nach und nach bemächtigte sich der Schlaf des jungen Griechen, sein Kopf sank auf seinen Arm, seine Augen schlössen sich, und er schlummerte lange und tief. Da wurde Lycidas erweckt durch leise, unterdrückte Laute, den vorsichtigen Tritt vieler Füße, gedämpftes Geflüster und leises Rauschen von Gewändern in seiner Nähe. Der Athener öffnete seine Augen und erblickte von seinem hinter dichtverzweigten Olivenstämmen verborgenen Platze eine seltsame, ergreifende Scene. Der Mond, voll und rund, war eben ausgegangen, aber daS Laub der Bäume verdunkelte bisher noch den größten Theil seines Lichtes, seine Silberlampe hing nahe am Horizont, lange, schwarze Schatten über die Erde werfend. Mehrere Gestalten bewegten sich in dem schwachen Schein umher, wie eS schien, in eine Arbeit vertieft, welche Verborgenheit erheischte; denn keine von ihnen trug eine Fackel. Lycidas, still wie das Grab, beobachtete die Scene vor ihm mit einer Begierde, welche eine Zeit lang sein Gemüth so sehr einnahm, daß er darüber seine eigene, persönliche Gefahr ganz vergaß, obgleich er gewahr wurde, daß das Eindringen eines Fremden in diese ge- heimnißvollen, mitternächtlichen Vorgänge nicht allein sehr unwillkommen, sondern auch für ihn selbst gefährlich werden konnte. Die Gruppe der an jenem Orte versammelten Männer gehörte augenscheinlich dem hebräischen Volke an, und als die Augen des Lycidas sich mehr an die Dunkelheit gewöhnten und der aufsteigende Blond mehr Kraft hatte, sie zu durchdringen, fand er bald einen heraus, der der Führer und das Oberhaupt des Ganzen sein mußte. Nicht, daß seine Tunika und sein Mantel von reicherem Stoffe gewesen wären als der seiner Kameraden. Einfach und staubig von der Arbeit waren die Sandalen an seinen Füßen, und er trug den weißen Turban, den ein Feldarbeiter auch getragen haben würde. Aber niemals hatte ein Turban eine majestätischere Stirn umrahmt, und die in den Mantel gehüllte Gestalt hatte jene majestätische Würde, welche diejenigen auszeichnet, die zum Befehlen geboren sind. Der Tritt seiner Füße erinnerte Lycidas au den des Wüstenkönigs, und aus den dunklen, tiefliegenden Augen blickte die ruhige Seele eines Helden. „Hier sei der Platz, sagte der Anführer, indem er auf die Erde unter den nämlichen Zweigen deutete, gegen deren Stamm Lycidas seine Schläfe preßte und begierig sich vorbog, um zu beobachten und zu hören. Nicht ein Wort wurde geantwortet, aber die Männer gingen, nachdem sie ihre Oberkleider abgelegt hatten, an's Werk, um, wie es schien, ein weites Grab zu graben. Der Führer selbst warf seinen Mantel ab, nahm einen Spaten und arbeitete mit einem Eifer, welcher die ganze Kraft seiner mächtigen Glieder bei dieser niedrigen Arbeit zeigte. Alle arbeiteten in tiefem Schweigen, ohne inne zu halten, nur von Zeit zu Zeit horchten sie auf, wie Menschen, denen Gefahr einige Vorsicht auferlegt. Während sie fortfuhren zu graben, strengte Lycidas seine Augen an, um die Umrisse einer anderen einige Schritte davon entfernten Gruppe zu betrachten, obgleich welche von der ersteren getrennt, zu derselben Gesellschaft zu gehören schien. Zwei Gestalten saßen auf dem Boden. Die eine war in dunkle Gewänder gekleidet, die andere mit einem leinenen weißen Schleier bedeckt. Noch andere Gestalten in Weiß schienen auf dem Boden ausgestreckt zu sein. Lycidas betrachtete lange die Gruppe, und alle blieben regungslos wie Marmor, nur daß dann und wann die dunkle, weibliche Gestalt eine schwankende Bewegung vor- oder rückwärts machte, und daß mehreremale der verschleierte Kopf sich mit einer schnellen Bewegung umwandte, wie in Unruhe, wenn der Wind ein wenig lauter als gewöhnlich in den Blättern rauschte oder Laute aus der Stadt hinübertrug zu den empfindlichen Ohren der Frauen. Indessen ging daS Werk des Grabens stetig vorwärts, und der aufgeworfene Erdhaufen wurde groß; denn die Arme der Arbeiter waren stark und willig, und kein Mann hielt inne, um zu ruhen oder zu sprechen, außer einmal. Es war beinahe eine Erleichterung für Lycidas, endlich den Laut einer menschlichen Stimme zu hören von jenen phantomgleichen nächtlichen Arbeitern. Der, welcher sprach, war der am wildesten aussehende der Männer mit etwas von der Wildheit der Rasse JsmaelS in den Zügen, deren stark markirte Umrisse die hebräische Abstammung im ausgedehntesten Sinne des Wortes kennzeichneten. „Es liegt etwas in der Luft", sagte er, indem er sich auf seinen Spaten stützte und sich an den wendete, dem Lycidas innerlich den Namen „der hebräische Fürst" gegeben hatte, wegen der Vornehmheit und Hoheit seines BenchmcnS und der Ehrerbietung, mit welcher seine Befehle in Empfang genommen wurden. Keine Antwort erfolgte auf die Bemerkung, und der wild aussehende Jude sprach weiter: „Habt Ihr gehört, daß Apelles morgen nach Modin mit einem Auftrage des Tyrannen geht, die dortigen Einwohner zu zwingen, einem seiner verfluchten Abgötter zu opfern?" „Ist das wahr? Dann will ich vor Tagesanbruch nach Modin abreisen", war die Antwort. „Es möchte doch dem ehrwürdigen Mattathias lieber sein, wenn Du hier bliebest", bemerkte der erste Sprecher. „AbischatI wenn der Sturm losbricht, ist des Sohnes Platz bei seinem Vater", entgegnete der hebräische Fürst, und als er dies sagte, warf er einen Spaten voll Erde auf das Loch, welches, wie Lycidas nicht zweifelte, ein Grab werden sollte. Wieder ging die Arbeit stillschweigend vorwärts. Der Mond war über den Bäumen aufgegangen, bevor jenes Stillschweigen noch einmal, und zwar diesmal durch den Führer der Schaar, gebrochen wurde: „Es ist jetzt tief und breit genug, bringt jetzt die verehrten Todten!" Dem Befehle wurde sogleich Folge geleistet. Alle Männer, mit Ausnahme des Führers, welcher in dem Grabe stand, gingen aus die Gruppe zu, deren wir vorher Erwähnung gethan. Lycidas blieb wie angewurzelt an seinem Baume stehen, obgleich die Klugheit ihm rieth, diese günstige Gelegenheit zu benutzen, um sich in aller Stille davonzuschleichen. Der Grieche bemerkte nun, sich im Schatten haltend, wie auf der rohesten aller Todtenbahren, bestehend aus zwei Speeren, die durch Querhölzer aneinander befestigt waren, die eingehüllten Todten einer nach dem andern an den Rand des Grabes getragen wurden. Sie waren gefolgt von den beiden weiblichen Gestalten, welche bet den Todten Wache gehalten hatten, während das Grab gemacht wurde. Die erstere dieser beiden, eine große, stattliche Frau, deren zurückgestrichenes Haar im Mond- licht wie Silber erglänzte, zeigte noch die Spuren einstiger Schönheit in ihrem Gesichte. Ernst und traurig stand die hebräische Matrone an dem Grabe der Märtyrer, keine Thräne in ihren Augen, die wie von prophetischer Eingebung glänzten. So würde die Debora wohl gestanden haben, hätte Sissera den Sieg errungen, um den Todtenschleier über Israels Erschlagene zu breiten, anstatt die Eroberer bei ihrer Rückkehr zu begrüße». Die andere Gestalt, kleiner und außerordentlich anmuthig in ihren Bewegungen, hielt sich etwas zurück und blieb dicht verschleiert. Lycidas bemerkte, daß die Augen deS Führers die verschleierte Gestalt, als sie sich näherte, mit einem weichen, etwas ängstlichen Ausdruck beobachteten. Dies war jedoch nur für einige Augenblicke, dann aber widmete er seine Aufmerksamkeit dem frommen Werke, mit welchem er beschäftigt war. Noch in dem Grabe stehend, empfing der Anführer die todten Körper, einen nach dem andern, von den Männern, welche sie nach dem Beerdigungsplatze getragen hatten. Er nahm jeden Körper in seinen mächtigen Arm und legte ihn ohne Hilfe in die letzte Ruhestätte nieder, so sanft, als ob er einen Schläfer auf sein weiches Kissen legte, welchen er aufzuwecken fürchtete. Lycidas gewann einen Blick in das blasse, ruhige Gesicht einer der verdeckten Gestalten, aber er bedurfte nicht dieses Blickes, um zu fühlen, daß diejenigen, deren Ueberreste so geheimnißvoll von ihren Freunden und Verwandten mit Gefahr ihres eigenen Lebens beerdigt wurden, dieselben waren, deren Märlyrerthnm er mit so tiefem Unwillen beigewohnt hatte. Lycidas wußte genug von dem syrischen Tyrannen, um ermessen zu können, wie gewagt und schwierig es sein mußte, so viele Körper seiner Opfer vor der Schande zu schützen, den Hunden oder Geiern überlassen zu werden. Die Ergebenheit der Lebenden, sowie das Märtyrerthum der Todten gab jenem mitternächtlichen Begräbniß einen Vorzug, den kein irdischer Pomp ihm beigelegt haben würde. Der Geist des jungen Atheners glühte von edlem Mitgefühl, und obgleich er von hoher Abstammung war, würde er es für eine Ehre gehalten haben, das Grab für jene acht Hingerichteten Juden mit helfen graben zu dürfen. Die Bestattung verlief im tiefsten Stillschweigen, außer was die Matrone anbetraf, deren feierliche Worte eine passendere Seelenmesse für die Märtyrer waren, als die lautesten Klagen gemietheter Leichenbegleiter gewesen sein würden. Als der Anführer jeden todten Körper in seinen Armen empfangen hatte, sprach die Matrone einige kurze Worte darüber in einer Sprache, die, vermischt mit dem Chaldäischen, seit ihrer Väter Zeit bei den Juden Sitte war. Ihre Gedanken kleideten sich, als sie denselben Ausdruck gab, in nicht vorher überlegte Poesie. Der Athener konnte weder ihre Worte verstehen, noch ihre Anspielung auf das Vergangene; aber ihre majestätischen Bewegungen und der melodische Ton ihrer Stimme ließen ihn aufhorchen, als ob er den Orakelspruch einer begeisterten Priesterin hörte. „Wir wollen nicht laut um Dich, mein Sohn, wehklagen, noch unsere Kleider zerreißen, nicht uns in Sack und Asche setzen, noch Staub auf unsere Häupter wer- fen. Er, der Dir das Leben nahm, hat auch unsere Thränen hinweggenommen, aber Du ruhest nun in Abrahams Schooß, wo der Tyrann Dich nicht mehr erreichen kann. Du bist vom Bösen hinweggenommen. Du siehst nicht mehr, wie Jerusalem niedergetreten ist von den Heiden, noch die Gräuel der Verwüstung im Heiligthum des Herrn. Wie Jsaak auf den Altar gelegt wurde, so gabst Du Deinen Leib dem Tode, und Dein Opfer ist angenommen worden. Wie das dürre Holz von AaronS Ruthe, welche, abgeschnitten von dem Stamme, auf welchem sie gewachsen war, dennoch grünte und Früchte trug, so wirst auch Du, der Du in der Fülle Deiner Jugend abgeschnitten bist, für immer in unserm Gedächtniß blühen. Die heiligen drei Knaben gingen unversehrt in den feurigen Ofen, der siebenmal geheizt war. Er, der mit ihnen war, ist sicherlich auch mit Dir; und der Engel des Todes hat Dich vom Feuer unverletzt hinweggeholt, ausgenommen diese Bande des Fleisches, die der freie Geist dahinter gelassen hat. Einen todten Körper zu berühren, wird sonst für Befleckung gehalten; den Deinen zu berühren, sehe ich eher als eine Heiligung an. Denn es ist ein heilig Ding, welches Du freiwillig Deinem Gott geopfert hast.« (Fortsetzung folgt.) -« . 4 - * . »,—,- Quellen und Brunnen in Beziehung zur Kunst und Geschichte. Von Max Fürst. (Schluß.) Kaum keimten an den unteren Wasserabläufen des Wittclsbacher-Brunnens die ersten grünen Algen', als ein muthwilliger, bronzcgrüner Junge an einem anderen Brunnen die Gemüther vieler Münchener und Münche- nerinnen in erneute Aufregung versetzte. Wie man früher einmal von Seite der hohen Polizei die leibhaftigen Jungen des bekannten Malers Diefcnbach ob ihrer weitgehenden Vergehen gegen die Klciderordnnug energisch zur Ordnung rief, so wurde in jüngster Zeit auch der Erz- Schlingel des Bildhauers Gasteiger des gleichen Vergehens wegen zur Anzeige gebracht und zur Rechenschaft gezogen. Zur Entschuldigung des letzteren Jungen ließe sich immerhin manch' triftiger Grund ausfindig machen; zunächst sicherlich der, daß man dem Knaben nicht die leiseste Absicht anmerkt, er wolle irgend Jemanden verstimmen. Außerdem ist es ja hinlänglich bekannt, daß Leute, die im und am Wasser sich zu schaffen machen, in der Regel etwas legere sich bewegen. Man kann dieses ganz besonders am Strande von Neapel sehen, von dem wir Münchener allerdings — besonders in der Winterszeit — sehr weit entfernt uns fühlen. Diese thatsächliche Entfernung des so viel gepriesenen Südens glauben nun — und sei es auch nur zum Scheine — viele Bildhauer und Maler dadurch mindern zu müssen, indem sie mit Vorliebe in ihren Werken die fragliche Südlands-Mode des theilweisen oder gänzlichen Kleidermangels zur Verwerthung bringen. Dieser Künstlerbrauch ist jedoch nicht von heute und nicht von gestern. Gerade im benachbarten Augsburg, der altberühmten Stadt, aus welcher die Weiser stammen, zeigen mehrere prächtige Brunnen sehr stark südliche Sitte und Mode. Wir erinnern zunächst an die Gestalten, welche auf dem von Adrian de Erics geschaffenen Herkules-Brunnen Platz genommen haben. Dort macht sich u. a. eine kleidn- scheue Frau damit zu schaffen, die Wasserfeuchten Strähnen ihres Haares auszuwinden — dennoch hat in diesem AugSburger Brunnen bisher noch Niemand ein Haar gefunden. Was den Gasteigerbrunnen anbelangt, so wundert mich in allem Ernste nur das Eine, daß der Name des Künstlers, der das Werk gespendet, nicht einen Fingerzeig geboten hat, den Brunnen dort aufzustellen, wo er sicher am günstigsten gewirkt hätte — in unseren herrlichen Gasteig-Anlagen. Dort würde er, seinem ganzen Wesen entsprechend, einen mehr arkadischen Landschastsrahmen gefunden haben, als im prosaischen Alltagsgetriebe des lärm- erfüllten Karlsplatzes. Genugsam haben wir bisher die engen Bande erörtert, welche die Bildhauerei mit dem Wasser verketten. Viel mehr noch als die bildende Kunst hat sich aber — wie wir dieses schon im Eingänge flüchtig angedeutet — die Dichtkunst mit dem Wasser in Beziehungen gesetzt, so daß es wohl am Platze ist, schließlich das Augenmerk noch etwas näher diesem poetischen Verhältniß zuzuwenden. Die begnadete Schaar derer, die durch einen Trunk vom kastalischen Quell Begabung und nicht selten auch Unsterblichkeit sich geholt, hat wohl vor Allem Ursache, das hohe Lied von der Bedeutung des Wassers anzustimmen. Allerdings ist die Verehrung, welche die Dichter für das Wasser hegen, meistens sehr platonischer Natur. Wenn Pindar singt: „Das Beste ist das Wasser", so wissen wir doch nicht genau, ob er dasselbe Hiebei als Getränke im Ange hatte. Zumeist bietet das Wasser den Dichtern nur die Bilder, um ihre Ideen und Gedankenfluthen zu verkörpern. Die ganze, volle Wasserscala der Welt, vom Tropfen an, der als Thauperle auf der Blume oder als Thräne im Menschenauge glänzt, bis hinauf und hinaus zum unermeßlichen Ocean, ist schon viel hundert- und tausendmal in das Reich der Dichtung hereingezogen worden. Am wenigsten sparsam mit dem Wasser belieben vor Allem die sogenannten Weltschmerzdichter umzugehen. Noch ist der Hydrometer nicht construirt, der die Wassermengen anzugeben vermöchte, welche oft schon ein einzelner Dichter dieser Gruppe verbraucht hat. Kleine und große Geister tummeln sich mit eigenartiger Vorliebe an und über dem Wasser, gleichsam als wie ein Reflex von jenem Geiste, der am Anfange der Dinge über den Wassern schwebte. „Wie die Säule des Lichts auf des Baches Welle sich spiegelt", so glitzern und schimmern thatsächlich die dem Wasser entlehnten zahllosen Bilder. „Fließend Wasser ist der Gedanke", sagt E. Geibel, und der im Erfassen aller Erscheinungen so mächtige Goethe spricht die schönen Worte: Des Menschen Seele Gleicht dem Wasser; Vom Himmel kommt es, Zum Himmel steigt es. Ein anderer Satz: „Alles was oben ist, spiegelt das Wasser", wird sicher von Jedermann als eben so wahr anerkannt. Im Hinblick darauf konnte Johannes Schrott die hochpoetische Aeußerung machen: Das Wasser ist der Sonne Braut, In dem sie liebend sich beschaut! Allerdings gibt es auch Wasserläufe, zu denen kein Sonnenstrahl grüßend hinabdringt, Wasserläufe, von denen man gut thut zu sagen: Begehre nie und niinmer zu schau'n, ' Was die Götter bedecken mit Nacht und mit Grau'nl Wir detiken da nicht bloß an grauenvolle Meeres- tiefeu oder an die geheimnißvoll fließenden Wasser in den Höhlen des Karstes, wir denken da zunächst auch an die riesigen, mit modernem Schwemmsystcm versehenen Kanal- netze, wie sie jetzt unterirdisch fast alle größeren Städte durchziehen. Neidlos überläßt hier der ehrgeizigste und habsüchtigste Mensch den Wassern der Tiefe eine Aufgabe, die eine der gewaltigsten ist, welche geheime Naturkräste zu lösen vermögen. Merkwürdig, was die Herren Gelehrten, was Professor Pettenkofer und seine Schüler in langen, umfassenden Darlegungen über die so überaus verdienstliche Thätigkeit des Wassers hinsichtlich seiner Selbstläuterung uns sagen; das hat der letzterwähnte Dichter I. Schrott schon vor Jahren in ganz wenigen, einfachen Worten zum Lobe des Wassers ausgesprochen: Mag auch die Erde viel an ihm verüben, Sie kann dasselbe niemals lange trüben. Da schon manchmal ein kräftiges Dichterwort ebenso überzeugend gewirkt hat, als die gelehrtesten Thesen, so sei obiges Citat — der Dichter wird es uns wohl verzeihen — zur besonderen Beruhigung isarabwärts gerufen, von wo so Viele noch mißtrauischen Blickes nach jenem dunklen Punkte schauen, der auf Fröttmanings schweigsamen Gefilden die Stelle kündet, wo Münchens Orkus seinen Ausgang nimmt. Wenn somit in der letzt vorgeführten, gar heiklen Angelegenheit eine merkwürdige, erfreuliche Uebereinstimmung des Poeten mit dem Physiker zu constatiren ist, so ist es um so erklärlicher, daß aus der Verwerthung des Wassers von Seite der Dichter auch andere Disciplinen, vor Allem die Pädagogik und Mora- listik, besonderen Gewinn zu ziehen vermocht haben. Abgesehen von der einzigen — überdieß nur von überängstlichen Leuten betonten — üblen Eigenschaft: daß das Wasser „keine Balken" hat, sind die weisen Lehren und Nutzanwendungen, welche aus dem Wasser gezogen werden können, in der That unversiegbar. Daher mag es auch kommen, daß fast alle Wortbezeichnungen, welche auf das Wasser Bezug haben, auf die mannigfachen Erscheinungen des menschlichen Geistes- und Gemüthslebens übertragen werden konnten. Auch bei umfassenden Lehrgedichten, bei literarischen Zeit- und Sittengemälden früherer Zeiten mußte als geeignete Basis zur Entfaltung der Gesammtidec mehr- fach das Wasser herhalten. Erklärt doch Sebastian Brandt in der Vorschrift zu seinem berühmten „Narrenschiff", daß er für den Transport seiner verrückten Schaaren den Wasserweg gewählt habe, weil die Landwege viel zu ungenügend sich erweisen dürften, um alle Narren entsprechend befördern zu können. Ob wohl die Narren im Sinne Seb. Brandt's heute weniger geworden? Ich bezweifle es. — Welche Anerkennung, welch' anspornende Ermuthi- gung für die Thätigkeit aller Kanalvereine ist nicht in der Anschauung Brandt's geboten! Bei solch'ausgiebiger Propaganda für Wasserstraßen, wie sie im besagten „Narrenschiff" zu Tage getreten, dürften wohl noch nachträglich alle Kanalvereine der alten und der neuen Welt den ehrengeachteten Herrn Sebastian Brandt zu ihrem Ehrenmitglieds ernennen. — Auch Schiller hat in einem Vielsagenden Distichon das Wasser gewissermaßen zur Grundlage gewählt, um einen ernsten und wahren Gedanken daraufzustellen: An den Ocean schifft mit tausend Masten der Jüngling, Stm im geretteten Boot treibt in den Hafen der Greis. ^Prägnantster Ausdruck, als er hier geboten, kann dem Riesenkapitel der Enttäuschungen und zerronnenen Hoffnungen wohl nicht mehr geliehen werden. Vielleicht sind meine verehrten Zuhörer heute ebenfalls um eine Enttäuschung reicher geworden, indem sie in dem Glauben hieher gesteuert, ein trautes Eiland behaglicher Unterhaltung hier vorzufinden. Wenn demnach diese oder jene meiner Ausführungen, mancher Erguß meiner Laune Ihnen wenig oder nicht zugesagt, so kann ich trotzdem nicht empfehlen, daß Sie Wasser aus dem Lethestrom darübergießen. Schon aus sanitären Gründen ist es nicht mehr angezeigt, diesem Wasser sich zu nahen, denn es ist schon zu viel — und manchmal recht unappetitliches Zeug — in dasselbe versenkt worden. Ich will daher ein anderes Mittel erproben. Da ja schon einmal ein bedeutender Dichter einige seiner Verse einfach selbst energisch abgewiesen hat, so kann ich um so leichter dessen Worte mir aneignen, indem auch ich meinen Ausführungen zurufe: „Ihr wart ins Wasser eingeschrieben, Eo fließt denn auch mit ihm davon!" -- KLLeNÜetz. Ueber das Wachsthum einzelner Baum- arten sind, der Freis. Ztg. zufolge, im Garten des Hospitals zum Heiligen Geist in Berlin interessante Beobachtungen gemacht worden. Es wurde dort eine größere Zahl von Baumarten in durchweg 4 Centimeter starken Exemplaren vor zehn Jahren in Sandboden eingepflanzt. Das größte Wachsthum zeigten die Pappelarten. Die Balsampappel (?oxu1us lmlrmmikörg.) erreicht eine Höhe von 14 Meter und einen Durchmesser von 33 Centimeter bei 0,50 Meter Höhe, die Silberpappel (k. Äi-ssöutsa) eine Höhe von 11 Meter bei einem Durchmesser von 32 Centimeter. Bei der kanadischen Pappel (k. cmrmäsimio) betrug die Höhe 12 Meter, der Durchmesser 32 Centimeter. Am schnellwüchsigsten neben den Pappeln erwiesen sich die verschiedenen Ahorne und die amerikanische Nüster (Ulmns amsrivLna). Die entsprechenden Maße stellen sich bei der letzteren auf 10 Meter und 25 Centimeter, beim eschenblättrigen Ahorn (Xosr Äe§unäc>) auf 8 Meter 17 Centimeter, auf 10 Meter und 25 Centimeter beim rauhfrüchtigen Ahorn (L. äaszeaarxrim) und Spitzahorn (X. platanoiciss); dieselbe Höhe erreichte der gemeine Ahorn (^.. I'ssuäo- xlntanrm) bei einem Durchmesser von 18 Centimeter. Die Beobachtungen ergaben zugleich lehrreiche Aufschlüsse über den Empfindlichkeitsgrad der verschiedenen Baumarten gegen enge Pflanzung. Linden erreichen im Gebüsch nur acht Centimeter, freistehend dagegen genau den doppelten Durchmesser, die Akaze desgleichen 12 Centimeter bezw. 17 Centimeter, die Roßkastanie 8 Centimeter bezw. 20 Centimeter. Das langsamste Wachsthum zeigten l^inrocrlaäus und Praxirmo (Eiche); diese brachten eS durchweg nicht über einen Durchmesser von 8 Centimeter. Die Gewichtszunahme war bei allen Baumarten eine gleiche; es wurde etwa das Hundertfache des Ursprünge lichen Gewichts erreicht. * Frage: „Was ist für ein Unterschied zwischen einem Reifenspiel und dem Examen?" — Antwort: „Im Reifenspiel fallen die Reifen durch, im Examen die Unreifen." —— -HZUSA--— « 24 . Samstag, den 21. März tt 1896. -kür die Redaction verantwortlich: Vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Zudas MakkaSäus, Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. ColoniuS. (Fortsetzung.) Mit besonderer Zärtlichkeit hauchte die Matrone ihr Requiem über den siebenten Körper, als er zu den übrigen gelegt wurde. „Du Jüngster und am meisten Geliebter Deiner Mutter, Du Blume des Frühlings, Du sollst in Frieden schlummern an ihrer Seite. Ihr liebtet Euch innig im Leben, und im Tode sollt Ihr nicht getrennt werden." So äußerlich ruhig hatte die Matrone, ihren Kummer beherrschend, ihre letzten Worte über die todten Körper der hingeopferten Brüder gesprochen. Aber in ihrer Wehklage über die Mutter der sieben Brüder lag eine Bitterkeit des Schmerzes, welche Lycidas jedes Wort wie Blutstropfen, die sich losrangen von dem Herzen der Sprecherin, erscheinen ließ. „Gesegnet, dreimal gesegnet seist Du, meine Schwester Salame! Sieben Söhne hast Du geboren und unter ihnen nicht einen, der seinen Gott verleugnet hat! Dein Diadem bedarf keines Edelsteines! Gesegnet ist sie, die Mit ihren Söhnen sterbend zu ihrem Gölte sagen konnte: „Siehe, hier bin ich und die Kinder, die Du wir gegeben hast!- Und als die Matrone ihre Klagen beendet hatte, raufte sie ihr Haar, zerriß ihre Kleider und beugte ihr Haupt mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes. Da nun alle Körper in ihr Grab niedergelegt waren, stieg der Anführer heraus und trat zu seinen Gefährten. Da redete Abischai ihn an: „Hadassah hat ihre Wehklage beendet, Sohn des Phinehas, Nachkomme Aarons, deS Hohenpriesters, hast Du kein Wort zu sagen über das Grab derjenigen, die in ihrem Glauben starben?" Der Anführer hob seine rechte Hand zum Himmel und sprach leise jene Verse aus dem Jesaia, welche jenen, die in jener Periode lebten, geheimnißvoll wie auch trostvoll erscheinen mußten. „Aber Deine Todten werden leben und mit dem Leichnam auferstehen. Wachet auf und rühmet, die Ihr lieget unter der Erde; denn Dein Tau ist ein Tau des grünen Feldes, aber das Land der Todten wirst Du stürzen." «— Die Worte jener glorreichen Verheißung schienen Hadassah aus ihrem Kummer zu erheben. Ihr gebeugtes Haupt auflichtend, sah sie ruhig und verklärt aus. Indem sie sich zu dem neben ihr stehenden Mädchen wandte, sagte sie: „Wir können für diese, unsere geliebten Todten kein Näncherwerk brennen, aber Du, Sarah, mein Kind, hast Blumen mitgebracht, deren Wohlgeruch wie Weihrauch aufsteigen wird; wirf sie in daS Grab, bevor wir eS schließen." Gehorsam dem Befehl ihrer alten Verwandten glitt das Mädchen, zu dem Hadassah gesprochen, an den Rand des Grabes und warf einen duftenden Blüthenregen hinein. Da nun bei dieser Bewegung ihr Schleier sich etwas zurückschob, sah Lycidas den Schimmer eines Gesichtes, dessen Lieblichkeit alles, was der Poet jemals in seinen Träumen gesehen, übertraf. Der volle Strahl des Mondes fiel auf das Gesicht der schönsten aller Töchter Zions. Ihre langen, dunklen Augenwimpern gesenkt und von Thränen feucht, vollführte sie gegen ihre todten Verwandten diesen einfachen Akt der Ehrfurcht. Dann erhob Sarah ihre Augen mit einem kummervollen, süßen Ausdruck, der sich aber plötzlich in Schrecken verwandelte. Sie fuhr zurück, und ein leiser Schrei entwand sich ihren Lippen. Das Mädchen hatte den Fremden, der sich in den tiefen Schatten bückte, erblickt ihr Auge war dem seinen begegnet, eine Verborgenheit war nunmehr unmöglich; Lycidas war entdeckt. 3. Kapitel. Leben oder Tod. „Ein Spion! ein Verräther! Werst ihn nieder — haut ihn in Stücke!" Das waren die Rufe, die nicht laut, aber schrecklich, wie Donner auf Blitz dem Aufschrei der Sarah folgten. Kalter Stahl schimmerte im Mondlichte. Lycidas, der bisher kaum an seine eigene persönliche Gefahr gedacht hatte, sah sich nun plötzlich von einer wüthenden Bande umgeben, die Waffen gegen ihn erhoben, um ihm das Leben zu nehmen. Mit dem Instinkt der Selbsterhaltung sprang der junge Athener vorwärts, umfaßte die Kniee des Anführers und rief: „Kein Spion! Kein Syrer! Kein Feind! Wie Du auf Gnade hoffst in Deiner Todesstunde, höre mich an!" Dann beschämt, bei etwas ertappt worden zu sein, was ihm für feige Furcht ausgelegt werden konnte, sprang der Grieche, nach Athem haschend, in die Höhe und erwartete beim nächsten Athemzuge den Dolch in seiner Seite und daS Schwert an seiner Kehle zu fühlen. „Haltet ein — laßt ihn sprechen, bevor er stirbt!" 174 Bei diesem Commandowort führe» die Klinge» in die Höhe, und wie Leoparden auf dem Sprunge umgaben die Hebräer ihren Gefangenen, um die Möglichkeit seiner Flucht zu verhindern. „Was kannst Du zu Deiner Vertheidigung sagen, junger Mann? fragte der Anführer in ruhigem, ernstem Tone. „Kannst Du leugnen, daß Du als ein Spion einer Scene beigewohnt hast, die, wenn Du sie verräthst, für unser Leben gefährlich werden kann?" „Ich bin ein Grieche, ein Athener", erwiderte Lycidas, welcher seine Selbstbeherrschung wiedergewonnen hatte und nun instinktmäßig fühlte, daß er von der Gnade eines Mannes abhing, der wohl ernst und gerecht, aber niemals übermäßig grausam sein würde. „Ich bin hier, aber nicht als Spion, — nicht, um mit Späheraugen Eure feierliche, heilige Handlung anzuschauen. Durch Zufall an diese Stelle geführt, übermannte mich unter diesem Baume der Schlaf. Ich wollte lieber meine rechte Hand, ja, sogar mein Leben hingeben, als daß ich eine so edle Handlung verrathen sollte." — „Willst Du ihn anhören, den heidnischen Hund, den Sohn des Belial, den lügenden Heiden?" rief Abischai, dessen glänzende weiße Zähne und flammende Klugen ihm beinahe eine wolfähnltche Wildheit verliehen, die gut zu seinem Geschrei nach Blut paßte. „Er war gegenwärtig — ich weiß es — als unsere Brüder hingeschlachtet wurden. Er sah ihre schreckliche Marterl — Mißt ihn in Stücke! — Setzt Eure Fersen auf seinen Nacken! — Er hat sich über den Tod der Gerechten gefreut!" "„Nein!" rief Lycidas mit Heftigkeit, „ich rufe zum Heugen den —" „Stopft ihm die Lästerzunge Mit dem Stahl!" j rief Abischai wüthend. „Laßt ihn nicht unsere Ohren mit dem Namen der Götter beleidigen, welche er anbetet! Haut ihn nieder, jenes Grab kann noch einen Körper aufnehmen — das Blut unserer Brüder schreit um Rache!" Mehrere Stimmen wiederholten diese ungestüme Forderung, aber mitten in diesem wilden Nachegeschrei hörten die Ohren des Lycidas und des Anführers den / schwachen Ausruf des Mädchens: „O, Judas, habe Er- i barmen, schone ihn!" Noch hielt die ausgestreckte Hand des Führers ' allein die wüthende Bande zurück, welche ihr wehrloses Opfer niedergehauen haben würde. Aber da lag auf der Stirn des FührerS noch ein banger Zweifel. Nicht, daß er sich von der blutigen Forderung des Abischai beeinflussen ließ, sondern er überlegte für sich und seine Gefährten die Größe der Gefahr, wenn er den Gefangenen frei ließ. Lycidas fühlte, daß sein Schicksal an den Lippen dieses ruhigen, fürchterlichen Mannes hing, und war beinahe von dieser Thatsache befriedigt. Ein Wunsch stieg in dem Innern des Griechen auf: „Wenn ich sterben muß, so sei es durch diese Hand." „Fremdling", begann der Sohn des MattathiaS, ^ und bei dem Ton seiner Stimme schwieg der Tumult, alle standen still, um zu hören. „Ich zweifle nicht an f Deinem Wort, ich dürste nicht nach Deinem Blut. Wäre ^ nur mein eigenes Leben in Gefahr, nicht ein Haar auf Deinem Haupte sollte Dir gekrümmt werden; aber an Deinem Stillschweigen über das, was Du heute gesehen, hängt die Sicherheit aller hier Versammelten, selbst diejenige dieser Töchter Zions; denn der Tyrann schont unsere Frauen nicht. Wir haben nicht die Macht Gefangene festzuhalten — würdest Du angesichts dieses Märtyrergrabes im Stande sein, uns Grausamkeit vorzuwerfen, wenn wir uns für jenen Weg entschieden?" Lycidas begegnete, ohne zurückzufahren, dem ruhigen ernsten Auge des Sprechers, aber er konnte die Frage nicht beantworten. Er wußte, daß unter ähnlichen Umständen weder Grieche noch Syrer vorher gezögert, noch nachher Gewissensbisse bei einer That gefühlt haben würden, die sie als erste Nothwendigkeit erachteten. Die beredten Lippen des Dichters hatten kein Wort, für sein Leben zu bitten. „Warum noch Worte verschwenden?" rief der wilde Abischai aus. „Warum zögerst Du noch, Judas? Man sollte Dich kaum für den Sohn des PhineaS halten, der sich dadurch unsterblichen Ruhm erwarb, daß er Simri und CaSbi mit einem Stoße durchstach. Dein Auge darf nicht bemitleiden. Deine Hand darf nicht schonen, Schuld liegt auf Deinem Haupte, wenn Du diesen gehen läßt. Wurden nicht die Kananiter im Lande ausgerottet? Wer heißt uns die Hand zurückziehen, wenn der Herr selbst die Beute unseren Schwertern überliefert?" „Ich thue es — ich!" rief Hadassah, indem sie an den Rand des Grabes trat, welches sie und ihre Enkelin von den hebräischen Männern und ihrem Gefangenen trennte. „Schäme Dich, Abischai, Mann des Blutes, Du, obgleich der Gemahl meiner verstorbenen Tochter — ich wiederhole, Schande über Dich, daß Du den Namen des Herrn mißbrauchst, um Deinen Rachedurst damit zu beschönigen! Höre mich, Sohn des Matta- thias, Ihr Männer von Juda, höret mich! Der Allbarmherzige heißt mich sprechen, und ich kann Mich nicht enthalten, Euch die Worte zu verkünden, die er mir selbst in den Mund legt.",, Die Matrone stand augenscheinlich bei den Anwesenden in hohem Ansehen. JudaS war mit ihr durch die Bande des BluteS verwandt und Abischai durch Heirath. Zwei der anderen fünf Hebräer waren in glücklichen Tagen ihre Diener gewesen; aber es war hauptsächlich die Hoheit in Hadassahs Charakter, die ihren Worten Gewicht gab. Die verwittwete Frau wurde beinahe als eine Prophetin betrachtet, die mit Weisheit von oben erleuchtet war. Ihre Forderung mochte wohl nicht einleuchten, aber sie wurde mit Respekt angehört. „Der Kananiter wurde aus dem Lande vertrieben," sagte Hadassah; „Seba und Zalmuna wurden erschlagen, Casbi und Simri mit einem Wurf getroffen, aber diese waren Sünder, und ihr Maß des Bösen war voll. Die Schwerter Israels führten nur Gottes gerechten Rachebefehl über sie aus, ebenso wie die Wellen des Meeres den Pharao überwältigten und die Sündfluth eine Welt von Bösewichtern. Aber der Gott der Gerechtigkeit ist auch ein Gott der Gnade, langsam zum Zorn und voller Güte. Er nennt die Rache fein, — sein eigenes Werk. Er hat seinem heiligen Diener zu predigen befohlen: „Freue Dich über den Fall Deines Feindes nicht, und Dein Herz sei nicht froh über seinem Unglück." „Ein Feind, im Hause Israels geboren, nicht ein niedriger Heide", murmelte einer der Männer. „Hat der Herr nur die Juden erschaffen, nicht 175 — auch die Heiden?" rief Hadafsah. „Du sollst einen Fremden nicht bedrücken, sagte der Herr. Lebt nicht Hobab, der Medianiter, unter dem Volke Israel, wurde nicht Achior, der Ammoniter, von den Aeltesten in Bethern begrüßt? Wurde nicht das Blut des Hethiters von der Hand Davids gefordert? und Jthai, der Gethiter, treu erfunden, als die Jsraeliten von ihrem Könige abfielen? Gott sagte von Cyrus dem Perser, er ist mein Hirt, und Alexander von Macedonien durfte dem Herrn und dem Gatte Jakobs opfern. Ja, hat nicht Jesaia, der Prophet, erklärt, daß er, der Heilige, der Messias, auf den wir warten, den Heiden Gerechtigkeit bringen soll? Daß er seine Hand über die Heiden erheben wolle? Ach, die Zeit kommt, — möge sie bald kommen! — Wenn die Abgötter ganz vertilgt werden sollen, wenn des Herrn Haus wieder aufgerichtet wird und alle Völker darin versammelt werden." Die edlen Züge der Matrone flammten vor Begeisterung, und als sie ihre Hand zum Himmel erhob, schien sie den Herrn anzurufen, seine glorreichen Gna- denverheißungen dem Volke, das noch in Finsterniß wandelte, zu bestätigen. (Fortsetzung folgt.) » I I » Arzt und Priester. Von A. Radar. DupUhtren, der berühmte französische Chirurg, arbeitete fast beständig; wenig Menschen haben ein so arbeit- reicheS Leben geführt wie er. Sommers wie Winters war er um 5 Uhr auf, um 7 Uhr war er im Hotel Dieu, in dem berühmten Pariser Spital, das er um 11 Uhr verließ. Dann machte er seine Besuche bet Privatpatienten und ging nach Hause, um Kranke zur Konsultation zu empfangen. Obgleich er sie mit einer fast brutalen Geschwindigkeit beförderte, so waren sie doch jeden Tag so zahlreich, daß die Konsultationen oft bis in die späte Nacht dauerten. Eines Tages, als sich die Untersuchungen noch länger als sonst hinausgezogen hatten, wollte Dupuytren, erschöpft von Müdigkeit, sich ein wenig ausruhen, als ein letzter, verspäteter Besuch an der Thür seines Kabinets erschien. Es war ein Greis von kleinem Wuchs. Man hätte nur schwer sein Alter errathen können. Das Antlitz des Männchens war voll und rosig, hatte etwas Rundliches und Freundliches, obfchon augenscheinlich das Rasiermesser niemals darüber zu gehen brauchte. Unter einem Netz zahlreicher feiner Furchen und Fältchen hatte er einen kleinen Mund, eine kleine, feingezeichnete Adlernase; seine Füße und Hände waren wie alles übrige sn rniniatnro; in seinen blauen Augen, in seiner Physiognomie, in seinen Bewegungen zeigte er eine Schüchternheit, eine Sanftheit, eine Güte, die köstlich waren. Es gibt solche glückliche Physiognomien, auf denen der Blick mit Wohlgefallen verweilt. Wenn man das ruhige, friedliche Gesicht des kleinen Greises betrachtete, war es einem, als wenn man selber besser würde; man wurde unwiderstehlich zu ihm hingezogen; man empfand es wie ein Bedürfniß, ihn zu lieben. In seiner Rechten hielt das Männchen einen Stock mit Schnabelgriff; er trug ein ganz und gar schwarzes Kostüm; wenn er grüßte, zeigte sich eine große Tonsur; es war ein Priester. Dupnytren heftete die Augen auf ihn, streng und eisig. „Was haben Sie?" sagte er hart. „Herr Doktor," erwiderte sanft der Priester, „darf ich mich setzen? — Meine armen Beine sind schon ein wenig alt ... . Vor zwei Jahren bekam ich eine Anschwellung an dem Hals. Der Arzt in meinem Dorfe — ich bin Pfarrer von Belleville bei Nemours — hat mir gesagt, es habe nicht viel zu bedeuten; aber daS Uebel wurde immer schlimmer, und nach fünf Monaten ging die Geschwulst auf. Ich habe lange daS Bett gehütet, ohne daß es besser wurde; dann war ich genöthigt, aufzustehen; denn ich bin allein, habe die Seelsorge in vier Filialen, und ... ." «Zeigen Sie mir Ihren Halst« herrschte ihn der Arzt an. „Die guten Leute," fuhr der Greis unbeirrt fort, „haben mir wohl angeboten, sich alle Sonntage an einem Orte zu versammeln, um dort die hl. Messe zu hören: aber sie haben viel Arbeit während der Woche und nnr den einen Tag, um sich auszuruhen. Ich habe mir gesagt: Es ist doch nicht recht, daß alle diese Leute sich deinetwegen gar so bemühen, und dann, wissen Sie, da ist auch der Erstkommunikanten-Unterricht, der Katechismus. Se. Bischöflichen Gnaden wollten noch warten, bis sie mir einen Geistlichen zur Hülfe schickten. Da haben mir aber meine Pfarrkinder gesagt, ich solle nach Paris gehen, um Sie zu konsultieren. Ich habe einige Zeit nöthig gehabt, bis ich mich entschloß; denn die Reisen kosten viel Geld, und ich habe viel arme Leute in meiner Gemeinde. Ich habe aber nachgeben und thun müssen, was sie wollten; so benutzte ich die Post .... DaS ist also mein Leiden, Herr Doktor!" sprach er, indem er ihm den Hals hinstreckte. Dupuytren untersuchte lange. Der Hals des Kranken zeigte ein Loch von nahezu einem Centimeter Durchmesser. Es war ein Absceß am Unterkiefer, kompliziert durch eine Geschwulst der Blutader. Die Wunde war an mehreren Stellen krebsartig. Der Fall war dermaßen ernst, daß Dupuytren erstaunte, daß der Kranke vor ihm noch auf den Beinen stehen konnte. Er schob die Ränder der Wunde weit zurück und untersuchte die Umgebung durch so schmerzhaftes Drücken, daß man hätte ohnmächtig werden können. Der Geistliche zuckte nicht einmal. Als die Untersuchung beendigt war, drehte Dupuytren plötzlich den Kopf des Patienten in seinen beiden Händen herum, betrachtete ihn fest und sagte ihm ins Gesicht, indem er ihn mit schrecklicher Stimme anfuhr: „Jawohl. Herr Abbs, da ist nichts zu Machen, mit so etwas muß man sterben." Der AbbL nahm sein leinenes Tuch und umwickelte feinen Hals, ohne ein Wort zu sprechen. Dupuytren hatte immer die Augen auf ihn geheftet; als er sich fertig verbunden hatte, zog der Priester ein in Papier gewickeltes Fünffrankenstück aus der Tasche und legte es auf den Schreibtisch. „Ich bin nicht reich, Herr Doktor!" sagte er mit einem ruhigen Lächeln. „Verzeihen Sie mir, daß ich eine Konsultation des Herrn Doktor Dupuytren nicht besser honorieren kann ... Ich bin glücklich, Sie besucht zu haben; wenigstens bin ich vorbereitet auf das, was mir bevorsteht. Vielleicht hätten Sie diese große Entscheidung," sagte er mit unendlicher Sanftmuth, „mir mit etwa- mehr Rücksicht mittheilen können. Ich bin fünfundsechzig 176 Jahre alt, und tn meinem Alter hängt man manchmal doch noch sehr am Leben. Ich bin Ihnen aber doch nicht böse. Sie haben mich auch nicht überrascht; seit langem bin ich auf diesen Augenblick gefaßt. Adieu, Herr Doktor! So will ich denn in meinem Pfarrhaus sterben." Und so ging er weg. Dupuytren blieb in Gedanken versunken. Dieser eiserne Charakter, dieses mächtige Genie zerbrachen wie dünnes Glas gegen ein paar einfache Worte eines armen Greises, den er ganz hinfällig und krank in seinen Händen gehalten und mit dem er spielen zu können geglaubt hatte. Er war in diesem schwachen und leidenden Körper einem Herzen begegnet, das stärker war als seines; einem Willen, der energischer war als seiner: Er hatte seinen Mann gefunden. ^ Dann eilte er rasch aus dem Zimmer. Der kleine Priester stieg eben langsam die Stufen hinab, indem er sich an dem Geländer festhielt. „Herr Abbs!" rief er, „wollen Sie noch einmal heraufkommen?" Der Abbs kam sofort zurück. „Es ist vielleicht eine Möglichkeit, Sie zu retten.« sagte der Arzt, „wenn Sie wollen, daß ich Sie operiere." „Ach, guter Gott, Herr Doktor!" sagte der Abbs, indem er sich mit einiger Lebhaftigkeit seines Stockes und Hutes entledigte, „aber ich bin ;a nur deßhalb nach Paris gekommen. Operieren Sie nur alles, was Sie wollen!" „Aber vielleicht machen wir einen vergeblichen Versuch, uud die Sache wird lang und schmerzhaft sein." „Operieren Sie, operieren Sie, Herr Doktor! Ich werde alles ertragen, was nothwendig ist. Wie würden sich meine armen Pfarrkinder freuen!" „Nun denn gut! Sie begeben sich sogleich in das Hotel Dien, Saal St. Agnes. Sie werden dort vollkommen gut aufgehoben sein; die Schwestern werden es an nichts fehlen lassen. Sie ruhen sich heute Abend gut aus, auch morgen und übermorgen, das andere wird sich finden." „Es ist abgemacht, Herr Doktor! Ich danke Ihnen." Dupuytren warf einige Worte auf ein Papier, das er dem Abbö übergab. Dieser ging direkt nach dem Spital, wo fast die ganze Schwesternschaft herbei kam und ihn in einem kleinen, mit weißen Vorhängen umgebenen Bette unterbrachte. Alle machten sich mit ihm zu thun, brachten Kissen herbei und erfrischende Säfte zum Trinken. Der kleine Priester wußte gar nicht, wie er ihnen danken sollte. Den zweiten Tag darauf waren die fünf- bis sechshundert Schüler, die jeden Tag dem klinischen Vortrag deS Meisters folgten, kaum versammelt, als Dupuytren ankam. Er schritt auf das Bett des Priesters zu. Das imposante Geleite folgte, und die Operation begann. Dupuytren schnitt mit Messer und Scheren darauf los. Seine stählernen Zängelchen sondierten die Tiefe der Wunde und führten Fäden empor, die er drehte und darauf befestigte. Dann entfernte knirschend die Säge kariöse Stücke aus dem Unterkiefer; jeden Augenblick wurden die Schwämme ausgedrückt; das Blut lief in Strömen. Die Operation dauerte 2b Minuten. Der Abbs zuckte nicht mit den Wimpern; nur als die Umgebung mit befreiter Brust aufathmete, und alle vor Erwartung und Furcht beklommen aufstöhnten und Dupuytren sagte: „ES ist fertig", war der Abbs etwas blaß. Dupuytren verband ihn selbst. „Ich glaube, alles geht gut", sagte er freundlich zu ihm. „Haben Sie viel gelitten?" „Ich habe mich bemüht, an etwas anderes zu denken", erwiderte der Priester. Dann wurde er ohnmächtig. Dupuytren beobachtete ihn einen Augenblick in tiefstem Schweigen; dann zog er die weißen Vorhänge des BetteS zu, und die Krankenvisite wurde fortgesetzt. Der Priester war gerettet. Jeden Morgen, wenn Dupuytren kam, übersprang er, sonderbar und ganz gegen seine Gewohnheiten, die ersten Betten und begann seine Visite mit seinem Lieblingskranken. Später, als dieser aufstehen und einige Schritte machen konnte, kam Dupuytren nach Beendigung seiner Klinik auf ihn zu, nahm seinen Arm und machte mit dem Rekonvalescenten einen Gang durch den Saal. Für jeden, der die rücksichtslose Härte kannte, mit der Dupuytren gewöhnlich seine Kranken behandelte, war diese Veränderung der Behandlungsweise unerklärlich. Als der Abbs im Stande war, die Reise aushalten zu können, nahm er von dem Doktor Abschied und kehrte zu'seinen Pfarrkindern zurück.- Einige Monate später sah Dupuytren, als er in das Hotel Dien kam, den Abbs auf sich zukommen, der ihn im Saale St. Agnes erwartet hatte. Der Abbs trug wie immer seinen bescheidenen schwarzen Anzug; aber der war voller Staub, und feine Schnallenschuhs waren ganz weiß, als ob er einen weiten Weg zu Fuß zurückgelegt hätte. Er trug im Arm einen großen Weidenkorb, der mit Stricken befestigt war und aus welchem Strohhalme heraussahen. Dupuytren empfing ihn sehr freundlich, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Operation keinerlei schlimme Folgen gehabt hatte, frug er. was ihn nach Paris geführt habe. „Herr Doktor!" erwiderte der Priester, „es ist heute der Jahrestag meiner Operation, ich wollte den sechsten Mai nicht vorübergehen lassen, ohne Sie zu besuchen und Ihnen ein kleines Geschenk Mitzubringen. Da habe ich denn in meinen Korb zwei schöne Hühner gesteckt auL meinem Hofe, Obst aus meinem Garten, wie Sie solches kaum in PariS bekommen. Sie müssen mir versprechen und mir die Hand darauf geben, von allem diesem auch zu versuchen!" Dupuytren drückte ihm innig die Hand; er wollte den guten Greis veranlassen, mit ihm zu speisen; aber dieser schlug es ab, nicht ohne einen gewissen Kampf mit sich selber. Seine Augenblicke seien gezählt, meinte er; und er müsse wieder den Rückweg antreten.-— Noch zwei Jahre, am sechsten Mai, sah Dupuytren den kleinen Priester mit seinem unvermeidlichen Korb und seinen unvermeidlichen Hühnern wiederkehren. Der Doktor empfing feine Besuche mit einer Art Bewegung. Eine wahre, innige Freundschaft hatte die beiden Männer verbunden. Da fühlte Dupuytren die ersten Anzeichen jener Krankheit, vor welcher sogar seine Wissenschaft, so groß sie sein mochte, zurückweichen mußte. Er reiste nach Italien, aber ohne Hoffnung, daß er durch diese Reise, die zu unternehmen ihn die vereinigte Fakultät veranlaßt hatte, Heilung finden werde. Als er nach Frankreich zurückkehrte, es war im Monat März 1834, schien sich sein Zustand gebessert zu haben; aber diese Besserung war nur scheinbar, und Dupuytren fühlte das wohl. Er sah sich sterben; er hatte die ihm noch gestatteten Augenblicke gezahlt. Sein Charakter wurde noch verschlossener, finsterer in dem Maße, als er sich dem verhängnißvollen Zielpunkte näherte. In diesen letzten und traurige» Stunden der moralischen Einsamkeit und der Vereinsamung, die ihn, Angesicht gegen Angesicht, dem Tode gegenüber stellte, gab dem Sterbenden sein Gewisien eine feierliche Mahnung. Eines Tages erhielt der Abbs in Belleville folgenden Brief: „Mein theurer Abbs! Nun ist die Reihe am Doktor. Er braucht Sie. Komme» Sie schnell! Vielleicht kommen Sie zu spät. Ihr Freund Dupuytren.- . Schon am andern Tage war der kleine Pfarrer zur Stelle. Lange blieb er mit Dupuytren eingeschlossen. Als der Abbs auS dem Zimmer des Sterbenden trat, waren seine Augen feucht, und sein Antlitz strahlte von einer sanften Begeisterung. Tags darauf, es war der achte Februar 1835, war Dupuytren gestorben. Am Tag der Beerdigung war der Himmel vom Morgen an traurig mit grauen Wolken bedeckt. Ein feiner und andauernder Regen, mit Schnee untermischt, durch- drang eisig die ungeheuere und schweigsame Menge, die den Platz Saint-Germain-l'AnxerrotS und den weiten Hof des SterbehcmseS erfüllte. Die Kirche Saint-Eustache faßte kaum das Leichengeleite. Nach dem Gottesdienst trugen die Schüler den Sarg bis zum Friedhof. Der kleine Abbs aus Belleville folgte weinend dem Zuge. (Luz. Vaterland.) Eiue Nigibestelgung. Von Mark Twain. Vorbemerkung der Redaktion. Die Leser unseres Feuilletons sind dem vorgenannten amerikanischen Humoristen an dieser Stelle schon begegnet. Der fröhliche Geselle Humor, um dessen Freundschaft so manche Feder umsonst buhlt, ist Mark Twain ein treuer Begleiter, wie kaum einem zweiten. Seine Eingebungen erfüllen mit heiterer Ruhe und Behagen. Nachstehend ein Beweis hiefür. Wir entnehmen die Probe dem 6. Bande der soeben bei Nob. Lutz in Stuttgart erschienenen Neuausgabe von „Mark Twains ausgewählten humoristischen Schriften." « «- Der Rigi kann per Eisenbahn, zu Pferde oder zu Fuß erstiegen werden, je nach Belieben des Reisenden. Ich und mein Freund warfen uns in Touristenanzüge und fuhren an einem herrlichen Morgen per Dampfboot den See hinauf. In Weggis, einem Dorfe am Fuße des Berges, drei Viertelstunden von Luzern, gingen wir ans Land. Bald ging's behaglich und stetig den schattigen Fußweg hinauf und unsere Zungen waren, wie gewöhnlich, bald in schönster Bewegung. Alles ließ sich herrlich an, und wir versprachen uns nicht wenig, sollten wir doch zum erstenmal den Genuß eines Sonnenaufgangs in dm Alpen erleben; das war ja der Zweck 177 - unserer Tour. Wir hatten akischeküend keinen triftigen Grund, zu eilen, unser Reisehandbuch hatte den Weg von Weggis bis zum Gipfel als nur 3'/^ Stunden weit angegeben. Anscheinend, sage ich, weil uns Bädeker schon einmal angeführt hatte. Als wir etwa eine halbe Stunde gegangen waren, kamen wir in die richtige Stimmung für das Unternehmen und trafen Anstalt zum Steigen, das heißt, wir mietheten einen Burschen zum Tragen der Nlpcnstöcke, Reisetaschen und Ueberzieher, wodurch wir die Hände frei bekamen. Wahrscheinlich haben wir häufiger im schönen, schattigen Gras geruht, um ein paar Züge aus unseren Pfeifen zu thun, als unser Führer gewohnt war, denn plötzlich fuhr er uns mit der Frage an, ob wir ihn nach dem Tarif oder fürs Jahr miethen wollten. Wir sagten, er möge immer vorangehen, wenn er Eile habe. Er erwiderte, Eile habe er eigentlich nicht, doch möchte er den Berg hinauf kommen, so lange er noch jung sei. Wir sagten ihm, er möge nur vorausgehen, das Gepäck im obersten Hotel abgeben und unsere baldige Ankunft melden. Er meinte, Zimmer wolle er für uns schon bestellen; wenn aber alles voll sei, wolle er ein neues Hotel bauen lassen und dafür sorgen, daß Maler- und Gypserarbeit trocken wären, bis wir ankämen. Unter solchen spöttischen Bemerkungen verließ er uns und war bald unsern Augen entschwunden. Um 6 Uhr waren wir schon ein gutes Stück in der Höhe, und die Aussicht hatte an Reiz und Umfang bedeutend zugenommen. Bei einem kleinen Wirthshause machten wir Halt, genossen im Freien Brod, Käse und ein oder zwei Liter frischer Milch, und dazu das großartige Panorama; — dann setzten wir uns wieder in Bewegung. Nach zehn Minuten begegneten wir einem Engländer mit heißem, kupferrothem Gesicht, der in mächtigen Sätzen den Berg herabstürmte, indem er sich an seinem Alpen- stock immer eine tüchtige Strecke vorwärts schwang. Athsmlos und schweißtriefend hielt er bei uns an und fragte, wie weit es bis Weggis drunten am See sei. — „Drei Stunden!" „Was? der See scheint ja so nahe, als ob man einen Kieselstein hineinwerfen könnte. Ist das ein Wirthshaus?" „Ja." „Das ist recht! Ich kann es nicht noch einmal drei Stunden aushalten." Auf meine Frage, ob wir wohl nahe am Gipfel seien, rief er: „Meiner Treu! Ihr habt ja eben erst angefangen zu steigen!" Ich schlug deshalb meinem Neisegenossen Harris vor, auch im besagten Wirthshaus zu bleiben. Wir drehten um, ließen uns ein warmes Nachtessen bereiten und verlebten mit dem Engländer einen lustigen Abend. Die deutsche Wirthin gab uns hübsche Ziminer und gute Betten, und ich und mein Freund legten uns nieder mit dem Entschluß, früh genug aufzustehen, um unsern ersten Sonnenaufgang in den Alpen nicht zu versäumen. Aber wir waren todmüde und schliefen wie Nachtwächter; folglich war es, als wir am Morgen erwachten und ans Fenster stürzten, für den Sonnenaufgang schon zu spät; es war halb 12 Uhr. Das war ein harter Schlag, doch trösteten wir uns mit der Aussicht auf ein gutes Frühstück und beauftragten die Wirthin, den Eng- 178 länder zu rufen; aber sie erzählte uns, daß dieser unter allerlei Verwünschungen schon bei Tagesanbruch auf und davon gegangen sei. Wir konnten nicht auf den Grund seiner Erregung kommen. Er hatte die Wirthin nach der Höhe des Wirthshauses über dem See genau gefragt und sie hatte 1495 Fuß angegeben; diese Zahl mußte ihn ganz außer Rand und Band gebracht haben, denn er habe hinzugefügt: „In einem Lande wie in diesem können Narren und Reisehandbücher einem in 24 Stunden mehr Bären aufbinden, als sonstwo in einem Jahre." Gegen Mittag nahmen wir den Weg wieder unter die Füße und strebten frischen, gewaltigen Schrittes dem Gipfel zu. Als wir etwa 200 Meter marschiert waren und anhielten, um zu rasten, blickte ich beim Anzünden meiner Pfeife von ungefähr nach links und entdeckte in einiger Entfernung eure Rauchsäule, die wie ein langer schwarzer Wurm lässig den Berg hinauskroch. Das konnte nur der Rauch einer Lokomotive sein. Auf unsere Ellbogen gestützt, stierten wir das uns völlig neue Mirakel dieser Bergbahn an. Es erschien unglaublich, daß das Ding schnurgerade aufwärts kriechen konnte, auf einer schiefen Ebene, steil wie ein Dach; es geschah aber vor Unsern Augen: ein leibhaftiges Wunder! — Noch ein paar Stunden, und wir erreichten ein schönes zephymmsäuseltes Hochthal, wo die Dächer der kleinen Sennhütten mit großen Steinen belegt waren, um sie am Grund und Boden festzuhalten, wenn die großen Stürme toben. Weit weg am andern Ufer des Sees konnten wir einige Dörfer erblicken und jetzt zum erstenmal ihre zwerghaftcn Häuser mit den Bergriesen vergleichen, an deren Fuße sie schliefen. Wenn man sich inmitten eines solchen Dorfes befindet, kommt es einem ziemlich ausgedehnt vor, und die Häuser erscheinen stattlich, selbst im Verhältniß zu den hereinragenden Bergen; aber von unserm hohen Platze aus, welch eine Veränderung! Die Berge erschienen massenhafter und großartiger, dagegen waren die Dörfer so klein geworden, beinahe unsichtbar, und lagen so dicht am Boden, daß ich sie nur vergleichen kann mit winzigen Erdarbeiten von Ameisen, überschattet von dem himmelanstrebenden Bau eines Münsters. Die Dampfboote, welche drunten den See durchschnitten, erschienen in der Entfernung nur noch so groß wie Kinderspielzeug und vollends die Segel- und Ruderboote wie winzige Fahrzeuge, bestimmt für die Elfen, die in Lilienkelchen haushalten und auf Brummhummeln zu Hofe reiten. Wir gingen weiter und stießen bald auf ein halbes Dutzend weidender Schafe unter dem Gischt eines Gieß- baches, der wohl hundert Fuß hoch sich am Felsen herabstürzte. Doch horch! Ein melodisches „Lal . . . loil-lahi-o-o-o!" trifft unser Ohr. Wir hören zum erstenmal das berühmte Alpenjodeln inmitten der wilden Gebirgsgegend, in der es heimisch ist. Es ist jenes seltsame Gemisch von Bariton und Falsett, das wir zu Hause Tiroler Triller nennen. Das Gejodel war hübsch und munter anzuhören, und bald erschien der Jodler — ein Sennbub von 16 Jahren. In unserer Freude und Dankbarkeit gaben wir ihm einen Franken, damit er weiter jodle. Er jodelte, und wir lauschten. Beim Weitergehen jodelte er uns großmüthig außer Sicht. Ebenso der zweite, auf den wir eine Viertelstunde später stießen, und dem wir seine Kunst mit einem halben Franken bezahlten. Von nun an begegneten wir alle zehn Minuten einem Jodler, dem ersten gaben wir 8 Cts., dem zweiten 6, dem dritten 4, dem vierten 1 Cts., Nummer 5, 6,7 erhielten gar nichts! Für den Rest des Tages erkauften wir das Stillschweigen der übrigen Jodler mit 1 Fr. per Kopf. Mau bekommt es unter solchen Umständen doch schließlich satt. Zehn Minuten nach 6 Uhr erreichten wir die Kalt- badstation, wo ein geräumiges Hotel mit Veraudas steht, die einen weiten Umblick auf die Berge und Seen gestatten. Wir waren nicht so sehr ermüdet, aber um am andern Morgen ja den Sonnenaufgang nicht zu verschlafen, machten wir unsere Mahlzeit so kurz als möglich und eilten zu Bett. Es war unaussprechlich angenehm, unsere steifen Glieder in den kühlseuchten Betten auszustrecken. Und wie fest wir schliefen! Kein Schlaftrunk wirkt so trefflich, wie eine solche Alpenfußtour. Morgens erwacht, waren wir beide mit einem Sprung aus den Federn; wir zerrten die Vorhänge zurück, erfuhren aber leider eine neue herbe Enttäuschung: es war nämlich schon halb 4 Uhr mittags. In sehr mürrischer Laune kleideten wir uns an, wobei jeder dem andern die Schuld in die Schuhe schob. Harris meinte, wenn ich ihm gefolgt wäre und wir den Reisediencr mitgenommen hätten, wäre uns dieser Sonnenaufgang nicht, entgangen. Ich behauptete dagegen, daß dann einer ^ von uns hätte aufbleiben müssen, um den Diener zu wecken, außerdem hätten wir Mühe genug mit uns selbst aus dieser Klettertour, auch ohne die Sorge für den Reisediencr. Das Frühstück regte unsere Lebensgeister wieder etwas an, besonders auch die beruhigende Versicherung im Bädcker, oben auf dem Nigi brauche der Reisende nicht besorgt zu sein, daß er den Sonnenaufgang verschlafe, er werde vielmehr bei Zeiten von einem Mann geweckt, der mit einem großen Alphorn von Zimmer zu Zimmer gehe und seinem Instrumente Töne entlocke, die Tote zu erwecken im Stande seien; und noch eine andere Bemerkung des Reisehandbuches tröstete uns, die Versicherung nämlich, daß oben in den Nigi-Hotels die Gäste sich morgens nicht ganz anzukleiden brauchen, sondern sich einfach ihrer rothen Bett-Teppiche bemächtigen und mit diesen, wie Indianer drapirt, ins Freie stürmen. O, das muß schön und romantisch sein! — 250 Personen auf dem windigen Gipfel gruppiert, mit fliegenden Haaren und wehenden rothen Bett-Teppichen, in der feierlich ernsten Gegenwart der schneeigen Bergspitzen, beleuchtet von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, das muß ein herrlicher und denkwürdiger Anblick sein! Unter diesen Umständen war es fast ein Glück, kein Unglück, daß wir die frühem Sonnenaufgänge verfehlt hatten. Nach dem Reisehandbuch waren wir nun 3228 Fuß über dem Spiegel des Sees und konnten somit volle Zweidrittel unserer Wanderung als vollendet betrachten. Wir brachen in Kaltbad ^ nach 4 Uhr nachmittags von neuem auf; etwa hundert Schritte über dem Hotel verzweigte sich die Bahnlinie, der eine Arm ging gerade aufwärts den steilen Berg hinan, der andere bog nach rechts ab in ziemlich sanfter Steigung; wir folgten dem letzteren über eine Meile, bogen um eine Felsenecke und kamen in Sicht eines neuen hübschen Hotels. Wären wir gleich weitergegangen, so hätten wir den Gipfel erreicht, aber Harris wollte allerhand Erkundig- 17S ungen einziehen. Er wurde belehrt — und zwar falsch, wie gewöhnlich, — daß. wir umkehren und den andern Weg gehen müßten. Dies kostete uns eine schwere Menge Zeit. Wir kletterten und kletterten; wir kamen wohl über vierzig Hügel, aber immer erschien ein neuer so groß wie die frühern. Es begann zu regnen; wir wurden durch und durch naß, und es war bitterkalt. Dampfende Nebelwolken deckten bald den ganzen Abgrund zu; der Eisenbahndamm, auf welchen wir stießen, war unser einziger Wegweiser! Manchmal krochen wir längs desselben ein Stück weit fort, allein als sich der Nebel etwas zertheilte, bemerkten wir mit Schrecken, daß wir uns mit dem linken Ellbogen über einem bodenlosen Abgrund befanden, weshalb wir eiligst wieder den Bahndamm zu erreichen trachteten. Die Nacht brach ein, rabenschwarz, neblig und kalt. Etwa um 8 Uhr abends hob sich der Nebel etwas und ließ einen ziemlich undeutlichen Pfad erblicken, der links aufwärts führte. Diesen Weg einschlagend, waren wir eben weit genug weg vom Eisenbahndamm, um denselben nicht wieder finden zu können, als auch schon wieder eine Nebelwolke herabschoß und alles in undurchdringliches Dunkel hüllte. Wir befanden uns an einem rauhen, dem Unwetter vollkommen preisgegebenen Ort, und waren genöthigt, auf- und abzugehen, um uns warm zu machen, obgleich wir dadurch Gefahr liefen, gelegentlich in einem Abgrund zu verschwinden. Um 9 Uhr machten wir die wichtige Entdeckung, baß wir jeden Pfad verloren hatten. Wir krochen auf Händen und Knieen umher, konnten ihn aber nicht mehr finden; somit setzten wir uns wieder in das nasse Gras und warteten das weitere ab. Plötzlich jagte uns eine ungeheure dunkle Masse, die vor uns auftauchte, nicht geringen Schrecken ein; sie verschwand aber alsbald wieder im Nebel, es war, wie wir später erfuhren, das längst ersehnte Nigi-Kiflm-Hotel, aber die nebelhafte Vergrößerung ließ es uns als den gähnenden Nachen eines tödtlichen Abgrundes erscheinen. Da saßen wir nun eine lange Stunde mit klappernden Zähnen und zitternden Knieen, den Rücken gegen den vermeintlichen Abgrund gekehrt, weil von dorther etwas Zugluft zu verspüren war. Dabei ereiferten wir uns leidenschaftlich, denn jeder wollte dem andern die Dummheit in die Schuhe schieben, denBahnkörper verlassen zuhaben. Nach und nach wurde der Nebel dünner und als Harris zufällig um sich blickte, stand das große, hell erleuchtete Hotel da, wo vorher der Abgrund gewesen war. Man konnte beinahe Fenster und Kamine zählen. Unser erstes Gefühl war tiefer, unaussprechlicher Dank, unser zweites rasende Wuth, weil das Hotel wahrscheinlich schon seit dreiviertel Stunden sichtbar gewesen war, während wir pudelnaß dasaßen und uns zankten. Ja, es war das Rigi-Kukm-Hotel auf dem Gipfel des Nigi, und wir fanden dort die Zimmer, die unser Bursche für uns bestellt hatte, — allerdings bekamen wir zuvor die hochmüthige Ungefälligkeit des Portiers und des sonstigen Dienstpersonals gründlich zu kosten. Wir verschafften uns trockene Kleider, und während unser Abendbrod bereitet wurde, irrten wir einsam durch eine Anzahl höhlengleicher Wohnräume, von denen einer einen Ofen besaß. Dieser Ofen in einer Ecke des Zimmers war von einer lebendigen WäNd der allerver- schiedensten Menschenkinder umgeben. Da wir nun nicht anS Feuer herankommen konnten, wandelten wir in den arktischen Regionen der weiten Säle umher, unter einer Menge Menschen, die schweigend in sich verloren und wie versteinert das Problem zu ergründen suchten, warum sie wohl solche Narren gewesen waren, hierher zu kommen. Einige davon waren Amerikaner, einige Deutsche, die weitaus überwiegende Anzahl aber waren Engländer. In einem der Räume drängte sich alles um die „Souvenirs äu Liglli", die dort feilgeboten werden. Ich wollte zuerst auch ein geschnitztes Falzbein mit Gemshorngriff mitnehmen; ich sagte mir jedoch, daß mir der Nigi mit seinen Annehmlichkeiten wohl auch ohnedies in guter Erinnerung bleiben würde, — und erstickte deshalb das Gelüste. Das Abendessen erwärmte uns, und wir gingen sofort zu Bette, — d. h. nachdem ich an Bädeker noch einige Zeilen geschrieben hatte. Derselbe ersucht nämlich die Touristen, ihn auf etwaige Irrthümer in feinem Reisehandbuch aufmerksam zu machen. Ich schrieb ihm, daß er sich, indem er den Weg von Weggis bis zum Gipfel nur zu 3^ Stunden angebe, just um drei Tage geirrt habe. Eine Antwort habe ich nie erhalten, auch ist im Buche nichts geändert worden — mein Brief muß also wohl verloren gegangen sein. Wir waren so todmüde, daß wir sofort einschliefen und uns nicht regten noch bewegten, bis die herrlichen Töne des Alphorns uns weckten. Man kann sich denken, daß wir keine Zeit verloren, sondern schnell ein paar Kleidungsstücke überwarfen, uns in die praktischen rothen Teppiche wickelten und unbedeckten Hauptes in den pfeifenden Wind hinausstürzten. Wir erblickten ein großes hölzernes Gerüste, gerade am höchsten Punkte der Spitze. Dorthin lenkten wir unsere Schritte, krochen die Stufen hinauf und standen da, erhaben über der weiten Welt, mit fliegenden Haaren und im Wind flatternden rothen Teppichen. „Mindestens fünfzehn Minuten zu spät!" sagte Harris mit trauriger Stimme, ,die Sonne steht schon über dem Horizont." „Schadet nichts," erwiderte ich, „es ist dennoch ein großartiger Anblick, und wir wollen ihn noch weiter genießen bis die Sonne höher steht." Einige Minuten waren wir tief ergriffen von dem wunderbaren Anblick und für alles andere todt. Die große, klare Sonnenscheibe stand jetzt dicht über einer unendlichen Anzahl weißer Zipfelmützen — bildlich gesprochen. Es war ein wogendes Chaos riesiger Berg- massen, die Spitzen geschmückt mit unvergänglichem Schnee und umfluthet von der goldenen Pracht des zitternden Lichtes, während die glänzenden Sonnenstrahlen durch die Nisse einer der Sonne vorgelagerten schwarzen Wolkenmasse gleich Schwertern und Lanzen aufschössen zum Zenith. Wir konnten nicht sprechen, ja kaum athmen; wir standen in trunkener Verzückung und sogen diese Schönheit ein, als Harris plötzlich schrie: „Der-, sie geht ja unter!" Wahrhaftig, wir hatten das Morgenhornblasen überhört, hatten den ganzen Tag geschlafen und waren erst am Blasen des Abendhorns aufgewacht; das war niederschmetternd. Auf einmal sagte Harris: „Allem Anschein «ach ist nicht die Sonne der Gegenstand der Aufmerksamkeit der unter uns versammelten Menschen, sondern wir, hier oben auf diesem Gerüst, in diesen eselhaften Teppichen. 250 fein gekleidete Herren und Damen starren uns an und kümmern sich kein Haar nm Sonnenauf« oder Niedergang, so lange wir ihnen ein derartiges läckierliches Schauspiel bieten. Die ganze Gesellschaft will ja vor Lachen bersten, und das junge Mädchen dort wird nächstens platzen. In meinem Leben ist mir kein solcher Mensch vorgekommen wie Sie!" „Was habe ich denn gethan?" erwiderte ich erregt. „Sie sind um halb 8 Uhr abends ausgestanden, um den Sonnenaufgang zu sehen, ist das nicht genug!?" „Und haben Sie nicht dasselbe gethan? möchte ich wissen; ich bin immer mit der Lerche aufgestanden, bis ich unter den versteinernden Einfluß Ihres ausgetrockneten Gehirns kam." „Schämen Sie sich nicht, in diesem Aufzug auf einem vierzig Fuß hohen Schaffst auf dem Gipfel der Alpen zu stehen, unter uns eine endlose Zuschauermenge? Ist das der Schauplatz für derartige Expektorationen?!" So ging der Streit in diesem Maskenanzug fort. Als die Sonne untergegangen war, schlichen wir uns ins Hotel zurück und wieder zu Bett. Wir begegneten dem Hornbläser auf dem Wege dahin, und er versprach, uns morgen sicher zu wecken. Er hielt Wort, wir hörten das Alphorn und standen sofort auf; es war finster und kalt. Als ich nach dem Zündhölzchen umhertappmd mit schlotternden Händen eine Anzahl Dinge zerbrach und zu Boden warf, wünschte ich, die Sonne möchte bei Tag aufgehen, wo es hell, warm und angenehm ist. Es gelang uns endlich, uns bei dem zweifelhaften Licht zweier Kerzen anzukleiden; doch konnten wir mit unsern zitternden Händen nichts zuknöpfen; ich überlegte wieviel glückliche Menschen in Europa, Asien, Amerika rc. jetzt friedlich in ihren Betten ruhten und nicht aufzustehen brauchten, um den Rigi - Sonnenaufgang zu sehen. Ja diesem Gedanken versunken, hatte ich etwas zu ausgiebig gegähnt, so daß ich mit einem meiner Zähne an einem Nagel über der Thür hängenblieb. Während ich auf einen Stuhl stieg, um mich loszumachen, zog Harris die Vorhänge zurück und sagte: — „O! welches Glück! wir brauchen ja nicht einmal das Zimmer zu verlassen — da unten liegen die Berge in ihrer ganzen Ausdehnung." Das war erfreulich' in der That, man konnte die großen Alpenmassen sich in unsichern Umrissen gegen das schwarze Firmament abheben und einen oder zwei Sterne durch das Morgengrauen schimmern sehen. Gut angekleidet und warm versorgt in den wollenen Teppichen, stellten wir uns am Fenster auf mit brennenden Pfeifen und in unterhaltendem Geplauder, in behaglicher Erwartung eines Sonnenaufgangs bei Kerzen- bcleuchtung. Nach und nach verbreitete sich ein leichtes ätherisches Licht in unmerklicher Zunahme über die luftigen Spitzen der Schneewüste, — doch auf einmal schien ein Stillstand eingetreten zu sein; ich sagte: „Mit diesem Sonnenaufgang scheint es einen Haken zu haben. Es will nicht recht gehen. Was meinen Sie, daß schuld sei?" „Ich weiß nicht, es macht den Eindruck, wie wenn irgendwo Feuer wäre. Ich sah nie solch einen Sonnenaufgang." „Nun, was mag wohl der Grund sein?" Harris sprang jetzt mit einemmal auf und rief: — „Ich hab's! Ich hab's I wir sehen ja dorthin, wo gestern abend die Sonne unterging!" „Vollkommen richtig! Warum haben Sie daS nicht früher gemerkt? Jetzt haben wir wieder einen verfehlt; und alles durch Ihre Dummheit. Ja! Das sieht nur Ihnen gleich, eine Pfeife anzuzünden und den Sonnenaufgang im Westen zu erwarten." „Es sieht mir auch gleich, den Irrthum entdeckt zu haben; Sie hätten das doch nie gemerkt! Ich muß alle diese Dummheiten entdecken!" „Sie machen sie alle! Aber wir wollen die Zeit nicht mit Streiten verlieren, vielleicht kommen wir doch noch rechtzeitig!" Allein es war zu spät, die Sonne war schon weit oben, als wir auf den Platz kamen. Wir begegneten der heimkehrenden Menge — Herren und Damen in allerlei komischer Bekleidung und mit frierenden Gesichtern. Etwa ein Dutzend waren noch auf dem Platze. Sie suchten mit Reisehandbuch und Panorama jeden Berg zu bestimmen und die verschiedenen Namen und Formen ihrem Gedächtniß einzuprägen. Es war ein betrübender Anblick. Nach meiner Schätzung brauchten wir einen Tag, um zu Fuße nach WeggiS oder Vitznau zu kommen; soviel war aber sicher, daß wir mit der Bahn etwa eine Stunde brauchen würden und deshalb wählte ich das Letztere. Eine herrliche Thalfahrt auf der schwindelnden Bergbahn, die uns eine Wunderwelt geich einer Reliefkarte zu unsern Füßen ausgebreitet sehen ließ, bildete den würdigen Schluß unserer ereignißreichen Rigibesteigung mit ihrem verunglückten Sonnenaufgang. Rösselsprung. che he ein am le auch flieh ruh auch fei stil ruh mal sei al du ru li gen all Sonntags» zur was er stahl nun bath wün die laß les herz schwel den rolle wei um streng be ta sab sche wil du Pflegt die ten chend still den den ruh se den ge dich fchaf po auch frie lei der Auflösung der Dechiffriraufgabe in Nr. 21: Eines andern Pein empfinden Heißet nicht, barmherzig sein; Recht barmherzig sein, will heißen: Wenden eines andern Pein. Logau. --S-KW-S- « 25 . 1896 . „Augsburger PostMung". Dinstag, den 24. März Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttler). Judas Wakkabäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) Ein verworrenes Gemurmel erhob sich unter den Zuhörern. Wenn Hadassah's Forderung auf einige Eindruck gemacht, so hatte sie doch bei anderen eine wilde Eifersucht erregt, welche diese darüber unwillig machte, daß die Heiden Israels Vorrechte theilen sollten. Das Leben des Gefangenen hing an einem seidenen Faden, und er wußte es. „Hadassah", sagte der Anführer, indem er sich mit Ehrfurcht an die Wittwe wandte, „verlangst Du denn, daß wir diesem Fremdling trauen, während, wenn er sich als falsch ausweist, so viele hebräische Leben das Opfer gemißbrauchten Vertrauens sein würden?" „Ich verlange, daß Ihr dem traut, der gesagt hat: „Du sollst nicht todten", der befohlen hat: wer „Menschenblut vergießt, deß Blut soll auch durch Menschen vergossen werden." Wir zeigen wenig Glauben, wenn wir meinen, Sicherheit in der Uebertretung des Gesetzes zu finden." Wieder erhob sich ein wildes, zorniges Gemurmel. Lycidas hörte die Worte: „Narrhett, Tollheit, Gott versuchen", vermischt mit Ausrufen wie „Hunde von Heiden, die Unreinen, Anbeter von Götzenbildern!" Judas ergriff seinen Spieß, den er gegen den Stamm des Olivenbaumes gelehnt hatte, als er die Waffe mit dem Spaten vertauschte. Das Herz des Lycidas schlug schneller, er las in dieser Bewegung sein Todesurtheil, aber er nahm sich zusammen, um muthig zu sterben, wie es einem Landsmann des Miltiades geziemte. Wieder tiefes Schweigen. Alle warteten, was dieser Bewegung des Führers folgen würde. „Die Zeit vergeht, jede Minute, die wir hier noch zögern, bringt Gefahr, unsere Entscheidung muß getroffen werden", sagte Judas und trat zu Hadassah und Sarah, um die Männer, die an der Seite des Grabes nahe an dem Baumstamm standen, zusammentreten zu lassen. Als dies geschehen war, warf der Sohn des Mattathias seinen Spieß wieder auf den Boden. „Alle, die den Gefangenen frei gehen lassen wollen, die seiner Dankbarkeit und seiner Ehre trauen, schreiten über meinen Spieß!" rief Judas. „Wenn die größere Zahl ihn überschreitet, so schonen wir; bleibt sie zurück, so schlagen wir. Seid Ihr zufrieden?" fragte er. Die meisten Anwesenden murmelten ihr: „Zufrieden." Der Anführer wandte sich dann an Lycidas und richtete an ihn dieselben Worte. Der junge Gefangene beugte sein Haupt, kreuzte die Arme über der Brust und antwortete: „Zufrieden." „Die Weiber sollen aber nicht mitstimmenl" rief Abischai. „Sie werden mitstimmen", sagte der Anführer mit Entschiedenheit. „Ihre Gefahr ist der unseren gleich, da soll es ihr Vorrecht auch sein." Mit sonderbaren Empfindungen sah Lycidas eine Wage aufgerichtet, eine Wage, bei der es sich um Freiheit und Leben handelte. Furcht war kaum das vorherrschende Gefühl. Eine Wolke verdunkelte für einige Zeit das Gesicht des Mondes, aber durch den Schatten konnte der Gefangene die stattliche Gestalt der Hadassah sehen, als sie über den Spieß ging, und das Wehen von Sarahs weißem Schleier. Als die Silberkugel wieder hinter den Wolken hervortrat, waren die Frauen, gefolgt von den beiden Männern, die Hadassah's Diener gewesen waren, hinüber. „Vier auf jener Seite, fünf auf dieser!" rief Abischai heftig, - „er stirbt!" Aber als dieser Ausruf noch auf seinen Lippen war, sprang Judas über den Spieß und stand auf Sarah's Seite. „Er lebt, der Allmächtige sei gepriesen!" rief Hadassah. Abischai aber stieß mit einem wilden Fluch sein Schwert in die Scheibe zurück. „Gefangener, gehe in Frieden", sagte der Sohn des Mattathias, „aber ehe Du diese Stelle verläßt, gelobe feierlich über das, was Du hier gesehen, Stillschweigen." Lycidas gehorchte augenblicklich. „Mögen die Qualen der Todten, die in diesem Grabe ruhen, welches ich ohne Deine Gnade mit ihnen theilen würde, über mich kommen, wenn ich jemals meinem Gelübde untreu werde!" rief der Grieche. Der Anführer winkle mit der Hand, er möchte gehen, und die Hebräer das Werk, welches sein Erscheinen unterbrochen hatte, vollenden lassen. Lycidas zeigte jedoch keine Eile, zu entkommen. Er blickte auf Hadassah und Sarah. „Darf ich nicht erst meine Dankbarkeit aussprechen?" begann er, indem er ihnen einen Schritt näher trat; aber die Wittwe verbot ihm durch eine Bewegung mit der Hand die Annäherung. 182 „Beweise Deine Dankbarkeit, Fremdling, sprich sie nicht aus", sagte sie. „Wenn jemals Dein Feind Dir wehrlos gegenübersteht, erinnere Dich dieser Nacht. Und wenn Du vor einem Götzen niederknieen willst und anbeten, wie Dein Volk betet zum tauben Holz oder gefühllosen Stein — dann halte inne und erinnere Dich erst, was Du vom Glauben der Hebräer an dieser heiligen Stätte gelernt hast", — Hadassah deutete, als sie sprach, auf das cffene Grab — „wie er den Schwachen zum Leiden stärkt und den Starken zum Mitleid bewegt." 4. Kapitel. Ein Feind. Als Lycidas den Begräbnißplatz verließ, welchen er kaum lebend zu verlassen erwartet hatte, fühlte er sich wie unter einem Zauberbann. Freude über die kaum gehoffte Rettung von einem schrecklichen Tode war kaum das vorherrschende Gefühl in seinem Innern und wurde es bei jedem Schritt, mit dem der Athener sich aus dem Olivenhain entfernte, immer weniger. Sonderbar, wie es ihm selbst erschien, wünschte der junge Dichter beinahe die ganze Scene noch einmal zu durchleben, trotz der peinlichen und schrecklichen Rolle, die er selbst darin gespielt hatte. Lycidas würde gar nicht unzufrieden gewesen sein, hätte er die schrecklichen Ausrufungen noch einmal hören und die blitzenden Waffen noch einmal um sich her sehen müssen; er würde gern die ganze Begebenheit, die Erwartung des Urtheils- sprucbes vor Augen gehabt haben, nur um noch einmal die sanfte Bitte zu hören: „Habe Erbarmen, schone ihn!" um noch einmal den Anblick von Sarahs Gestalt zu haben, wie sie im Vollmondschein ihren Tribut von frischen Blumen in das Grab streute. „Diese hebräischen Frauen sind nicht wie andere Frauen der Erde, sie gehören einer höheren Sphäre an", dachte Lycidas, als er seinen Weg zur Stadt verfolgte. „Diese Matrone besitzt die ganze Majestät einer Juno, und das Mädchen ist schöner wie — nun, mit welchen Göttern des Olymp könnte ich ein so schönes und reines Geschöpf wohl vergleichen? — Venus? Der bloße Gedanke wäre schon Entweihung — Diana mit ihren erbarmungslosen Pfeilen? Pallas? schrecklich ihren Feinden? — Nein! Sonderbar, hier ist es eine Beschimpfung, eine Frau mit einer Göttin zu vergleichen!" Lycidas blickte zu dem schönen Blau des östlichen Himmels auf. Um ihn her lag die Landschaft mit den schönen Bergen und herrlichen Thälern in ruhigem Schlaf, während der Mond seinen feinen silbernen Schleier über das Ganze gebreitet hatte. Die volle Empfindung dieser Herrlichkeit durchdrang die Seele des Dichters „O, du heilige und wohlthätige Natur", murmelte er, hast Du keine Stimme, den Menschen durch Deine sichtbaren Wunder die Geheimnisse der unsichtbaren zu erklären? Flüsterst Du nicht meiner Seele eben jetzt zu: „Reinheit und Güte des Herzens sind die Attribute der Göttlichkeit, denn sie sind den Werken der Schöpfung aufgeprägt, und so müssen auch auf Erden Reinheit und Güte die Merkmale aller wahren Anbeter der Gottheit sein. Der Geist in meinem Innern sagt mir dasselbe wie die Stimme der Natur: Reinheit und Güte, nicht Macht und Gewalt verleihen dem Sterblichen oder Unsterblichen die höchste Würde! Aber wenn es wirklich so ist, wenn meine Hand den Schleier, welcher die Wahrheit vor dem profanen Blick des Menschen verhüllt, berührt hat, wenn ich einen Schimmer von den heiligen Geheimnissen da über uns habe, wie fern von der Wahrheit, in welch einem Nebel von Irrthum müssen dann alle Völker dahinleben." Lycidas ging unwillkürlich langsam und legte die Hand an seine Stirne. „Vielleicht nicht alle", dachte er, „nach allem, was ich höre, scheint es, daß diese Hebräer, diese Handvoll eines bezwungenen Volkes, sich für den einzigen Hüter eines Glaubens halten, welcher erhaben, seelenveredelnd und rein ist. Sie nennen sich selbst ein Licht auf einem Berge, hochgestellt von Alters her, zu zeigen einer finsteren Welt, daß da noch ein Licht ist, ein Licht, das da überbreiten soll die Welt, wie die Wasser, die das Meer bedecken, so waren die Worte der Hadassah. Und sie sprach auch von einem, nach dem die Juden aussehen, der den Heiden Gerechtigkeit bringen sollte' Hoffen denn die Juden auf die Zukunft einer Gottheit auf Erden, oder nur auf die eines Propheten? Ich wollte, daß ich Hadassah wiedersehen könnte, und ich will sie wiedersehen — ich will nicht aufhören, nach einer, die mich zur Wahrheit führen kann, zu suchen. Komme, was da will, ich muß sie und jenes schöne Mädchen wiedersehen." Es war kein Wunder, daß der Athener, in Gedanken versunken, seinen Weg verfehlte und unwillkürlich eine ganz andere Richtung, als er beabsichtigt hatte, einschlug. Das Mondlicht verließ ihn, Wolken hatten sich erhoben, und nur dann und wann fiel ein schwacher Schein auf seinen Weg. Lycidas wurde über die Gegend, in welcher Jerusalem lag, unsicher. Der junge Athener war müde, weniger von physischer Anstrengung, als von den Folgen der starken Erregung, deren Nachwirkung sein Körper empfand. Zuweilen glaubte er, einen schleichenden Schritt hinter sich zu hören, und stand dann still, um zu lauschen. Dann meinte er, daß seine Sinne sich getäuscht haben wüßten, und ging, durch die Finsterniß hintappend, weiter. Wie sonderbar jene Episode dem Griechen in seinem Leben erschien— kaum eine bloße Episode; denn es war ihm, als ob sie alle Poesie seines vergangenen Lebens verwischt habe und .neue Erwartungen und Hoffnungen für die Zukunft gäbe. Dem Lycidas war die Erinnerung seiner dichterischen Triumphe in der olympischen Arena und das Beifallrufen der Menge, welches damals seine Seele mit Entzücken erfüllt hatte, wenig mehr, als einem Manne die Erinnerung an sein Spielzeug, das ihn in seiner Kindheit belustigt hatte. Der Grieche hatte dem Ernst des Lebens gegenüber gestanden, und was einst seinen Ehrgeiz stark erregt hatte, erschien ihm jetzt wie Schatten, die vorübergehen. „Und doch", dachte der junge Poet, „ich möchte noch einmal den Lorbeerkranz gewinnen, damit ich ihn dann zu Sarahs Füßen legen könnte. Aber was würden solche Trophäen irdischer Auszeichnung für sie sein? Nicht eine der Blumen werth, die durch ihre Berührung geheiligt sind — die sie in das Märtyrergrab warf! Ha I War es mir doch, als ob ich hinter mir das Rauschen von Gewändern hörte! Wie mächtig ist doch die Einbildungskraft, dies Wunder des Gemüths, welches uns Dinge vorspiegelt, die nicht da sind!" Lycidas hatte jetzt eine Stelle des Weges erreicht, die an der linken Seite von einem Abhänge begrenzt war; der Hügel, an dessen Seite der Weg breit erschien, mußte wohl an dieser Stelle abgestochen worden sein. t, 183 l. wahrscheinlich um mehr Raum für etliche weinbekleidete Terrassen da unten zu gewinnen. Lichter erschienen in der Ferne und bezeichneten die Lage der Stadt, in welcher die Gäste des Antiochus, geleitet von Fackelträgern, ihre verschiedenen Quartiere aufsuchten. Töne wilder Lustbarkeit von denen, die taumelnd von dem Gelage heimkehrten, wurden schwach von dem Nachtwinde aus den verschiedenen Straßen herübergetragen. Lycidas jedoch blieb, als er an die Stelle kam, von wo die Lichter sichtbar wurden, weder zu hören, noch zu sehen Zeit. „Hund von einem Heiden! jetzt habe ich Dich!" zischte eine Stimme hinter ihm, und Lycidas wurde augenblicklich mit Abischat, dem Juden, in einen Faustkampf verwickelt, welcher, sobald er gekonnt, sich von seinen Geschäften fortgeschlichen hatte, um den Schritten des Griechen zu folgen. Es war, wie es schien, für den Athener ein hoffnungsloser Kampf. Sein Feind übertraf ihn an Muskelkraft und Schwere des Körpers, trug einen Dolch und war willens, ihn zu gebrauchen, wenngleich ein gewisser Sinn für Ehre den Abischai verhindert hatte, nach dem nichts ahnenden Jüngling zu stechen, ohne ihn, als er heimlich hinterherschlich, zu warnen. Aber die Liebe zum Leben ist stark, und Verzweiflung gibt beinahe übermenschliche Kraft. Lycidas fühlte die Schärfe des Eisens wieder und wieder. Er fühlte, wie das Blut warm aus den Wunden floß. Er hob den zum Schlage erhobenen Arm mit der Kraft der Verzweiflung und bemühte sich, die mörderische Waffe hinwegzuschleudern. Die beiden Männer kamen nun, ringend und kämpfend, sich gegenseitig die Glieder verrenkend, Zoll um Zoll dem steilen Abhang näher. Abischai verlor bei dem Kampfe seinen Dolch und konnte sich in der Finsterniß nicht bücken, um ihn wieder aufzuheben; aber er ergriff den keuchenden Jüngling bei den Locken und schleuderte ihn mit einer riesenhaften Anstrengung über den Rand des Abhanges. Mit hervortretenden Augen und einem Blick voll wildesten Triumphs lehnte sich Abischai über den Rand und suchte in der Finsterniß die leblose Gestalt seines Opfers zu entdecken. „Diesen Heiden habe ich für immer still gemacht", rief der wilde Hebräer zähnefletschend. „Ich sagte nicht „Zufrieden", als die Frage gestellt wurde, aber ich sage es jetzt." Er zog sich von dem Abgrunde zurück, wischte sich den Schweiß von der Stirn und ließ einen rothen Fleck darauf zurück. „Bevor ich zur Ruhe gehe, will ich Hadassah wissen lassen, daß mein Arm jene Sicherheit geschaffen hat, welche ihre Tollkühnheit beinahe geopfert haben würde. Mich wundert nur, daß sich Judas, dieser kühne und weife Mann, durch die thörichten Bitten eines Weibes von seinem Vorhaben abbringen ließ. Aber ich glaube", fügte er mit einem Grinsen hinzu, „daß ein Blick von Sarah mehr über ihn vermochte, als alle Bitten Hadassahs. Es wird unter uns, ihren Verwandten, gesagt, daß jene Beiden ein Paar werden sollen. Aber dies ist keine Zeit zum Freien und Heirathen zu stiften, wenn das unreine Thier auf Gottes heiligem Altar geopfert wird, der Schatten des Abgottes den Tempel verfinstert und den Söhnen Abrahams die Wahl gelassen wird, ob sie abfallen oder sterben wollen. Der Tag der Rache ist da, mögen alle Feinde Juda's umkommen, wie jener arme Bursche umgekommen ist!" Abischai suchte seinen Dolch und fand ihn. Dann verließ er ven Ort, wo er eine so schwarze That vollführt, mit einem weniger beunruhigten Gewissen, als hätte er am Sabbath Korn zwischen den Händen gerieben oder eine der von altersher vorgeschriebenen Waschungen versäumt. (Fortsetzung solgt.) -—«> * . ->- - Die nächtliche Ruhe. Wir begrüßen alle dankbar ihr leises Nahen, abe^ peinvoll die Nächte, in denen sie uns flieht. Schlaflose Nächte sind das unliebsamste Erbtheil der Sorge, der Schmerzen und des zunehmenden Alters. Das Sprichwort sagt zwar sehr schön: „Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen," aber man kann sich auch mit dem besten Gewissen auf dem Lager herum werfen, ohne von dem ersehnten Schlafe in traumlose Vergessenheit gewiegt zu werden. Der Schlaf, d. h. der sanfte, erquickende Schlaf, den keine Traumbilder stören, ist die beste Arzenei, welche die gütige Mutter Natur den Menschen reicht; er erquickt den müden Körper, erfrischt den matten Geist und tilgt auf Stunden alles aus, was uns bedrückt und quält. Im Schlafe wie im Tode, seinem Bruder, sind alle Menschen gleich, der König wie der Bettler, und der glücklichste Moment des Lebens ist der Augenblick des Einschlafens, nur kennen wir ihn nicht. — Eine schlaflose Nacht ist dagegen eine bittere Qual. Man sehnt sich nach Ruhe, ohne sie finden zu können; man wälzt sich auf dem Lager hin und her, die Minuten werden zu qualvollen Stunden, und der lebhafte Geist tritt seine Wanderungen an, springt von einem Ding zum anderen, bald in die Vergangenheit, bald in die Zukunft, und diese Gedankensprünge reihen das Tollste und Widersinnigste aneinander. In der Jugend schläft der Mensch so fest wie ein Murmelthier; weder lautes Gespräch, noch Musik, noch ein anderes Geräusch vermag ihn zu wecken, ja es ist vorgekommen, daß bei Ueber- schwemmungen Kinder in ihren Wiegen davon trieben, ohne zu erwachen. In späteren Jahren dagegen schreckt uns das leiseste Geräusch auf; man schläft so zu sagen wie ein Hase im Kohl mit gespitzten Ohren. Denkträge und gleichgültige Menschen, die sich nicht leicht Sorge machen und Gottes Wasser über Gottes Land lausen lassen, schlafen unzweifelhaft fester als diejenigen Menschen, die einen lebhaften, lebendigen Geist haben, und die selbst von geringfügigen Unebenheiten im Leben recht aufgeregt werden. Das beste Schlafpulver ist die Arbeit; wenn der Körper ermüdet vom Tagewerk aufs Lager sinkt, findet auch der Geist bald Ruhe; nur darf die Ermüdung nicht in Uebermüdung ausarten, denn auch hier ist das Zuviel vom Uebel. Der größte Feind des Schlafes ist ein voller Magen; in solchem Falle rebelliert das körperliche Ungemach gegen die Ruhe. Ein tüchtiger Spazier- gang am Abend ist hundertmal besser als ein sogenannter Schlaftrunk, der statt in Milch meist auch noch in Spiritussen genommen wird, und selbst die Leute, die von der Nervosität, dieser Modekrankheit unseres Jahrhunderts, geplagt sind, werden die Wohlthat einer solchen Bewegung bald empfinden. Eine schlaflose Nacht — wer sollte sie noch nicht kennen gelernt haben! Das Licht des müden Tages ist erloschen, und die Nacht hat ihren dunklen Mantel über Stadt und Land gebreitet. Die Augenlider sind schwer, und in der Hoffnung, bald von Morpheus' Armen umschlungen zu w.rdcn, suchst du die Ruhestätte auf. Das laute Gewühl auf den Stoßen ist verstummt; du hörst nur den einförmigen Ticktack der Uhr an der Wand, das Pochen des eigenen Herzens, und in den Bäumen vor dem Fenster rauscht es leise und einschläfernd. Weshalb will der Schlummer nicht nahen? Stört dich vielleicht das Licht des Mondes, der durch die Spalte des Fensterladens herein ins Zimmer lugt? Eine summende Fliege umkreist dich; ärgerlich rückst du die Kissen hin und her, um so besser ruhen zu können, und allmählich verdämmern deine Gedanken, die unklar zwischen Schlafen und Wachen hinirren, und blasse Traumbilder schwanken vor dir auf und nieder. Da ertönt in der Ferne ein Schrei, — war es Traum oder Wirklichkeit? Wer soll zu dieser späten Stunde einen Schrei ausstoßen? War es ein Vogel, eine Eule, die auf Beute ausgeht, oder ein Mensch in Gefahr? Du fährst empor und lauschest, aber nichts regt sich weiter, nur in deinem Ohr gellt der Schrei nach; die Phantasie spinnt ihn aus zum Roman, und Schreckgestalten huschen durch das Dunkel der Nacht. Hast du nicht in der Jugend gelesen, daß ein einsamer Wanderer im Walde von Unholden erschlagen und beraubt worden? Kann sich das, was früher einmal war, nicht heute wiederholen? Da du nun einmal aber der Jugendzeit gedacht hast, werden tausend Bilder und Gestalten vor deinem geistigen Auge lebendig. Du siehst sie wieder, die Genossen, die mit dir gespielt, die Plätze, wo du den Ball geschlagen, wo du den Drachen steigen ließest, und wo du mit Nachbars Mariechen und Paul lustig herumgesprungen bist. Du siehst sie wieder die alte Mühle mit den schwarzen und moosbewachsenen Rädern und den Bach, auf dem du dein selbstgefertigtes Schifflein treiben ließest.. Dein ganzes Leben zieht im schnellen Fluge an dir vor- über. Wo sind die Gefährten, mit denen du einst gelacht und gesungen, mit denen du fröhlich gewesen bist? Das Schicksal hat sie nach allen Himmelsgegenden zerstreut; von dem einen weißt du, was aus ihm geworden, vom anderen nicht. Und du selbst, bist du glücklich geworden? Bist du zufrieden mit deinem Geschick, hast du nichts zu bereuen, und würdest du alles noch einmal so machen, wie du es gemacht hast? Plötzlich siehst du den schmalen Weg zwischen den hohen Weißdornhecken vor dir, auf dem dir an einem schönen Sonntag Nachmittag die Freundin deiner Schwester begegnete. Der Weg war so schmal, daß ihr nickt an einander vorbei konntet, und so bliebet ihr stehen und plaudertet lange Zeit mit einander. Ueber was, weißt du nicht mehr; du weißt nur noch, daß ihr dann zusammen über die blumigen Wiesen gewandert und auf der schmalen Brücke, die über das Flüßchen führte, stehen geblieben seid, und daß ihr Hand in Hand und wortlos hinabgeschaut habt in das klare, murmelnde Wasser, in welchem die kleinen Fischchen sich tummelten. Wie schön war es damals, wie unvergeßlich jene Stunde, die so viele Hoffnungen in dir weckte, und die auch jetzt wieder mit allen Einzelheiten lebendig vor dir steht. Es war ein schöner Traum deines Lebens, aber mehr nicht! . . . Längst vcrscklossene Gräber öffnen sich; du siehst die Freunde und Verwandte, die in die dunkle Giuft gestiegen, denen du das letzte Geleit gegeben. Sie stehen vor dir, wie damals, als sie noch unter den Lebenden weilten, nicht als ob so viele Jahre dazwischen lägen. Und dort naht dir auch deine gute Mutter, die dich so treu behütet, die so sehr für 134 — dich besorgt war. Du siehst ihr freundliches Lächeln ihre mild-ernsten Züge, du hörst wieder die mahnenden Woite, die sie an dich gerichtet; du vergissest auf einen Augenblick, daß längst der grüne Rasen die Theure deckt. Du springst auf, denn du kannst nicht mehr schlafen. Die Stirn ist heiß, der Kopf brennt, und du öffnest das Fenster. Am stahlblauen Himmel funkeln unzählige Sterne, die Erde schläft, kein Laut stört die Ruhe der Nacht, nur aus weiter Ferne hallt leise der Schritt des Wächters wieder, ein kühler Lufthauch umfächelt deine Stirne, und abermals legst du dich nieder. Du denkst an das wogende Kornfeld, an die auf- und absteigenden Wellen des Meeres, an alles, was dich beruhigen kann, aber der Schlaf flicht dich, eben weil du denkst. Du zählst die trägen Schläge der nahen Thurmuhr und hegst uur noch den einen Wunsch, daß diese schier endlose Nacht ein Ende nehmen möge. Endlich, der Tag dämmert durch eine Spalte, am Fenster glänzt dos Frühroth herein; es weichen die Schatten der Nacht, die Geister verschwinden, und auf die müden Augen senkt sich ein sanfter Schlummer. Wenn du jetzt erwachst, ist es Heller Tag. Die Sonne steht leuchlend am Himmel, das bange Herz hat sich endlich einigermaßen beruhigt, und freundlich lacht dir der Morgen und mit dem Morgen ein neues Leben. Nur traumhaft erinnerst du dich der schlaflosen Nacht, und sprichst du zu anderen davon, dann hörst du allenthalben dieselben Klagen nervöser, denkender, den Tag über viel geistig beschäftigter Menschen. Lautrach. "Mit Illustrationen.) (Nachdruck verboten.) Lautrach, ein Pfarrdorf mit 714 Seelen, im kgl. Beztrksamte Memmingen und am linken Ufer der Aller gelegen, war ursprünglich ein Römerort, wovon noch, außer den sichtbaren Verschanzungen, die an der nördlichen Seite des Kirchthurms eingemauerten gekröpften Quadern Zeugniß geben. Es war wohl vollsret; später wurde es welfisch, da ja die Welsen im Allgäu großen Besitz hatten. Die Ahnen der Ritter von Lautrach sind vermuthlich Edle gewesen. Heinrich von Lutraha (Lutrach, Lautrach) mit seinen Söhnen Herimann und Heinrich war bereits 1164 Zeuge eines Gütertauschcs zwischen den Klöstern Ochsenhausen und Roth. In dem Vergleiche zwischen Kempten und Jsny über das Falllehen, 1239, werden die Brüder Diepold und Heinrich von Lautrach unter den kemptischen Dienstmannen aufgeführt. Dieselben waren bet dem Gütertausche mitthätig, den die Klöster Jsny und Roth gerade auf ihrer Burg Lautrach 1247 abgeschlossen haben. Die Herren von Lautrach zeigten stets große Vorliebe für das Kloster Roth; aber durch ihre Freigebigkeit gegen dasselbe wurde der Glanz ihrer Familie vermindert. Schon lange vor dem Aussterben der Ritterfamtlie von Lautrach (1356) kam die Herrschaft von Lautrach in den Besitz des Heinrich von Schellenberg, 1413 kam es an die Besserer von Ulm, 1417 an die württembergische Nebenlinie der Herren von Landau. Die Wappen der Ritter von Lautrach und der Herren von Landau befinden sich an der östlichen Seite des Kirchthurms, ebenso oben beim Zifferblatts auf der nördlichen Seite das Schellenberg'sche Wappen. Die Herren von Landau be- MW L W '->- * ^L», M-MLL A ^-'ch ü » ÄSÄ T'M MMk MtiÄ^Ä VMM N^WM -?M«s ÄM WWN OKK WWW MM HM? »MSI 8W-M MK -MW WZW 186 saßen Lautrach bis 1609, da sie ausstarben. Durch Erbschaft kam es an die oberpfälzischen Herren vonMuggen- thal, die es 1646 an das Stift Kempten verkauften. Nun wurde für Lautrach vom Stifte Kempten ein eigenes Pflegeamt errichtet und dieses immer an einen Kemptcr Stiftskapitular verliehen, der jedoch nicht den Titel Pfleger führte, sondern Propst benannt wurde. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß es schon 1644 zu Lamrach eine althergebrachte Gewohnheit war, daß die Unterthanen am Aschermittwoch ihren Herrn oder Junker gefangen nahmen und dieser ihnen alsdann einen Trunk bezahlte und selbst mitzechte; dieser Brauch erhielt sich auch, nachdem Lautrach an das Stift Kempten gekommen, worüber es in den ersten Zeiten mit dem stiftischen Pfleger oder Propst zu unruhigen Auftritten kam. ^ Im Frühjahr 1780, zur Zeit einer Fastnachtsgasterei, gerieth das Schloß zu Lautrach in Brand, wobei 5 Personen das Leben verloren; der damalige Propst land. Im Dezember 1860 verkaufte Institutsdirektor Deybach das Schloßgut und die zwei dazu gehörigen, von ihm angekauften Höfe Gotteswald und Vogelfang an den Fürsten von Zeil um 168,000 fl., wetzhalb im August 1861 das weibliche Erziehungsinstitut aufhörte. Im Oktober 1861 wurde jedoch ein weibliches Erziehungs- Jnstitut von Frl. Mathilde Jörres wieder eröffnet, dauerte aber nur bis Juli 1863. Jetziger Besitzer dieses Schlosses ist Herr Alfred Freiherr von Ziegler. Inzwischen hatte Direktor Deybach auf der alten Burgstelle das kleine vorhandene Häuschen erweitert und eröffnete 1845 ein Knabeninstitut für Merkantil-Wissen- schaften. Auch dieses blühte rasch auf, so daß eine bedeutende Erweiterung nothwendig wurde und das jetzige Mittelgebäude entstand. Aber auch dieses genügte bald nicht mehr und nun wurde 1851 das alte Gebäude größtentheils verändert und der Hinterbau, 1862 ein dem M U U M IN Schloß Kautrach. Original-Aufnahme von Gustav Baader, Photograph in Krumbach. (Dervielfältigungsrecht vorbehalten.) in Lautrach, Kapitular von Weiden, ließ das Schloß auf einem anderen Platze, auf dem Schloßfelde, aufbauen. Propst von Weiden starb 1787; nach ihm wurde Castolus Freiherr von Reichlin-Meldegg Propst, der 1793 als Fürstabt gewählt wurde; er war der letzte Fürstabt, mußte die Säcularisation des Stiftes in den Jahren 1802 und 1803, das an Bayern kam, erleben und starb schon am 28. Mai 1804. Das Schloßgut zu Lautrach wurde an den Grafen Firmas-Päries, das Amtshaus, das Bräuhaus usw. an Bürger von Lautrach verkauft. Die Wittwe des Grafen Firmas-Psries verkaufte 1830 das Schloßgut an Frhrn. Gustav von L>päth und dieser im Jahre 1838 an Abbs Jos. Deybach, geb. 3. Juni 1806 zu Colmar, und dessen Frl. Schwester Therese Deybach. Dieses Geschwisterpaar errichtete am 1. Juli 1838 im Schlosse ein Privat- Erziehungsinstitut für Töchter, das schnell aufblühte; Zöglinge kamen aus Deutschland, Frankreich und Eng- Hinterbau vollkommen ähnlicher Vorderbau aufgeführt. — Im Jahre 1866 wurde die Genehmigung ertheilt, daß das neuerbaute Haus auf der alten Burgstelle fortan Schloß Deybach genannt werden dürfe. Auf einer Romfahrt im Juni 1868 erhielt Direktor Deybach die Würde eines päpstlichen Kämmerers und bei der folgenden Romreise im Frühjahre 1870 die Würde eines päpstlichen Hausprälaten und Commandeurs des Ordens vom hl. Grabe. Im Jahre 1887 entschloß sich Prälat Deybach wegen hohen Alters, das Institut zu schließen; er starb 11. April 1889 im Alter von 82 Jahren und ruht nun neben seiner Schwester in der von ihm errichteten Familien- Gruft, einem schönen Kapellenbau auf dem Gottesacker zu Lautrach. L,. I. Sofort wurde Schloß Deybach von der Verwaltung der Regens Wagner'schen Wohlthätigkeitsanstalten angekauft und in dasselbe die bisher zu Glött bestandene 187 Cretinenanstalt verlegt. Den Anforderungen der neuesten Zeit entsprechend mußten im Innern große bauliche Veränderungen vorgenommen werden. Bald wurde auch unter Leitung des Herrn Architekten Müller von München eine schöne Kapelle neben der Anstalt erbaut, mit derselben durch einen Gang verbunden; diese Kapelle wurde vom Hochwürdigsten Bisitofe Pancratius v. Dinkel am 28. August >892 eingeweiht und consekrirt. In der Anstalt sind gegenwärtig mehr als 140 Pfleglinge weiblichen Geschlechtes untergebracht, die in 3 Abtheilungen getheilt sind, in eine Pflegeabtheilung, Beschäftigungsabtheilung und Schulabthetlung. In der Pflegeabtheilung befinden sich die eigentlichen Cretinen, Geschöpfe, welche die menschliche Hilflosigkeit im höchsten Grade darstellen und das innigste Mitleiden Aller erwecken, welche die Anstalt besichtigen dürfen; diese be- Pflege und Unterricht besorgen 6 Frauen und 5 Schwestern vom Orden des hl. Franziskus von Dillingen. Die Oberaufsicht führt die Anstaltsoberin mit mütterlicher Liebe, Sorgfalt und Umsicht. Sämmtliche Pfleglinge genießen eine äußerst liebevolle Behandlung und freundliche Pflege und haben an der Anstalt eine wahre zweite, liebgewonnene Heimath. Das jährliche Kostgeld betrügt 240 M., kann jedoch nur für die wenigsten Pfleglinge geleistet werden; nur durch die gnädige Fürsorge der hohen kgl. Regierung und Unterstützungen edler Wohlthäter ist die Aufnahme so vieler Cretinen ermöglicht. -- si ' ! Cretinrn-Anstalt Deydach bei Kautrach Original-Aufnahme von Gustav Baader, Photograph in Krumbach. fNervletsaUigungSrechr vorbehalten.) U 8 8 5 L ^kkkl iUlI L dürfen der besten Pflege, fortwährender Bedienung und der opferwilligsten Liebe. In der Beschäftigungsabtheilung sind solche Pfleglinge, bei denen sich einige Arbeitsfähigkeit zeigt, auch solche, welche wegen Mangels an besserer Begabung oder wegen vorgerückten Alters für einen regelmäßigen Unterricht nicht fähig sind; sie werden angehalten zum Nähen, Stricken, Putzen, Waschen, Kehren, Holztragen und auch zu Oekonomiearbeiten. In die Schulabthetlung kommen die einigermaßen bildungsfähigen oder dazu Hoffnung gebenden Kinder; der größere Theil der Schülerinnen macht sehr große Fortschritte. Abwechselung in die Einförmigkeit des Anstaltlebcns bringen die Feier des Martinsabends, die Christbaumfeier am Weihnachtsabende, theatralische Aufführungen von Candidatinnen und besseren Pfleglingen, bei günstigem Wetter größere Spaziergänge in der schönen Umgebung. Ein großer Spielplatz ist unmittelbar bet der Anstalt. Allerlei. Ableben der Erde. Ein alter Astronom, Schwitz in Köln, der siebzig Jahre Astronomie studierte, hat ausgerechnet, daß die Erde blos noch 1500 Jahre Menschen ernähren und mit Licht und Wärme der Sonne versorgen könne. Nach ihm bewegt sich nämlich die Erde nicht rund um die Sonne, sondern spiralförmig in immer weiteren Kreisen abwärts, und in 1500 Jahren werde sie sich so weit von der Sonne entfernt haben, daß deren Licht nur noch leuchten und wärmen werde, wie jetzt der Mond. Und dann könne nichts mehr wachsen, kein Mensch, kein Thier mehr leben auf der klein, kalt und eisig gewordenen Erde. Die Erde werde mit der Entfernung von der Sonne fortwährend kleiner und kälter. Schon jetzt habe sich ermittelt, daß die Meilen der Grade unserer Erde um viele hundert Schritte jede einzelne im Vergleich zu denen vor 50 Jahren kürzer geworden seien. Das komme von dem 188 Kleinwerden der Erde, die in 1500 Jahren so eng zu- sammengekrochen sein werde, daß eine jetzige Meile nur noch dreifünftel Meile lang sein könne. Damit hängt zusammen, daß die Tage und Stunden fortwährend kürzer werden. Jeder folgende Tag sei einfünftel Sekunden kürzer als der vorhergehende, folglich werde jedes Jahr um 360 Sekunden, d. h. um 60 Minuten, d. h. um eine Stunde kürzer. Also verlieren wir alle 24 Jahre einen Tag. In hundert Jahren wird das Jahr beinahe 5 Tage kürzer sein, als das jetzige, in tausend Jahren um mehr als 50 Tage, u. s. w. Die Erde wird fortwährend kleiner, kälter und dunkler, endlich ein kleiner Eisklumpen, als welcher sie sich in die Weiten des Himmels verlieren oder allmählich wieder in Aether auflösen und als Aether zur Sonne zurückkehren wird. * Die Familie eines Millionärs. Einer gesundheitlichen Zeitschrift wird geschrieben: Ich hatte kürzlich Gelegenheit, die Familie eines Millionärs kennen zu lernen, bei der ich zu Tisch geladen war. Wie gut muß es denen gehen, dachte ich mir, wie beneidenswerth sind diese Menschen; sie können doch Alles haben, was sie wollen. Bald wurde ich anderer Ansicht und lernte von Neuem, daß das kostbarste Gut, Gesundheit, nicht mit Gold zu erkaufen ist. — Da war zunächst die älteste Tochter, ein Mädchen von 15 Jahren; sie war eben von der Franzensbader Cur zurückgekehrt, aber trotzdem leichenblaß, und jede Bewegung schien ihr schwer zu fallen. Sie war im höchsten Grade blutleer. Neben ihr saß ihr Bruder, ein ziemlich kräftiges Bürschchen; aber leider hatte er so furchtbare Zuckungen in seinem Gesicht, das in einem fort verzerrt wurde, so daß es schauerlich war, ihn anzusehen. Der Mund war alle Augenblicke schief und das ganze Gesicht verzogen. Sein jüngerer Bruder, ein Knabe von acht Jahren, Hütte ganz nett ausgesehen, wenn nicht seine Athmung erschwert gewesen wäre. Er war genöthigt, nur durch den Mund zu athmen, da er sich kürzlich einer Nasenoperation hatte unterziehen müssen und trotz derselben noch immer nasenleidend war. Während der Mahlzeit tranken die beiden Jungen wacker ein Glas Bier und Wein nach dem anderen; als die Erwachsenen in das Rauchzimmer gingen, zündeten sie sich auch ihre Cigaretteu an und schmauchten lustig mit. Ihr Vater belachte den guten Witz und meinte, sie rauchten natürlich nur zum Scherz, aber sie vertrügen das Trinken und Rauchen schon so wie die Erwachsenen. Ich aber konnte nicht lachen. Als ich heim kam und meine rothbackigen Kinder mir entgegen sprangen, da konnte ich jene armen reichen Kinder um ihre Millionen nicht mehr beneiden. * ä. Aus dem Wiener Cavalierleben. In einem der Wiener eleganten Cafäs saßen drei junge Kavaliere. Die Unterhaltung dreht sich um verschiedenes, auch um die Justizpflege. Einer der Cavaliere Graf X, meinte, er wolle arretirt werden ohne was unrechtes gethan zu haben, die zwei anderen bestritten dies. Graf X bot seinen Kameraden eine Wette von 1000 fl. an, was von letzteren angenommen wurde. Graf X ging nach Hause, verschaffte sich einen abgetragenen Anzug, steckte eine 100. fl. Banknote zu sich und verfügte sich in ein feines Wein-Restaurant. Dort begehrte der eingetretene Gast eine Flasche Wein, die ihm der Kellner auch brachte, dann langte der Gast, ängstlich um sich sehend, in die Stiefelröhre, und zog zur Bezahlung den 100 fl. Schein hervor, der Kellner schöpfte Verdacht, schickte zur Wache, der Wachmann kam, und auf die Frage, wer er sei, erfolgte die Antwort: „Graf T", dabei auf seine Freunde im Cafe sich berufend. Dieselben wurden herbeigeholt, die Ueberraschung war groß, aber die Wette von Seite des Grafen X war glänzend gewonnen. Der verstorbene Jesuit Dnter Georg von Rlalilburg-Aeil an ilen abgefallenen Jesuiten Ocrrn Grasen v. Iioensbrocck: Aus Liebe nur, von keiner Macht gezwungen, Hab' ich, o theure Schaar, dich auserseh'n. Im Kampfe sah ich dich, vom Feind umrungen, Und sah dein Banner immer mnthig weh'n. Ich sab, wenn schwerste Arbeit dir gelungen, Zum Himmel dich um neue Arbeit fleh'n: D'rum hab' ich deine Fahne auserkoren, Die laß ich nicht — ich hab' es Gott geschworen. Die laß ich nicht und müßt' ich bettelnd wallen Von Thür zu Thüre in der rauh'sten Zeit; Die laß ich nicht und müßt' ich endlich fallen Nach heißem Kampf in blutgetränktem Kleid. Für dich — mag auch der Welt Gelächter schallen — Bin ich zu Schmach und Ehre gleich bereit. Zur Fahne halt' ich, die ich auserkoren — Die laß ich nicht, ich hab' es Gott geschworen. Du Heiland in des Himmels lichten Höhen, Der Du der Schaar Dein Banner hast verlieh'n, Der Du mich hießest zu dem Kreuze stehen, Ihm nach durch steten Kampf zum Siege zich'u: O wolle gnädig auf mich niedersehen, Daß nie die Kräfte mir im Streite'flieh'n! Denn Deine Fahne hab' ich auserkoren, Die laß ich nicht — ich hab' es Dir geschworen. Und Du, Maria, auf dem Sterncnthroue, In der ich früh' die beste Mutter fand, O flehe Du zum Heiland, Deinem Sohne, Der mich in Schlachten heiß und wild gesandt, Daß noch im Tod' für alle Müh' zum Lohne Sein Banner halte die erstarrte Hand. Denn Seine Fahne hab' ich auserkoren — Die laß ich nicht — ich hab' es Ihm geschworen. sZu unserem Bild Seite 185.) Abendglorken. Von Otto Baisch. Wie sanft beim Abendglockenklang Des Lebens Pulse schlagen, Als würden wir mit Engelsang Gen Westen fortgetragen; Wie Stimmen, die uns goldig klar Zu schönern Fluren locken, So tön: in's Ohr uns wunderbar Der Klang der Abendglocken. Die Alten blicken stumm zurück In jene fernen Stunden, Da sie der Jugend Kraft und Glück Voll frischen Muths empfunden. Nun lebt sich s still bis zu der Zeit, Da ibre Pulse stocken Und sie zur letzten Ruhe weiht Der Klang der Abendglocken. Wie anders fühlt der junge Sinn I O schönes, reiches Leben, Da noch der Seele zum Gewinn Die weite Welt gegeben, Da fröhlich wogt um's Angesicht Die Fluth der gold'nen Locken Und schon vom nächsten Morgen spricht Der Klang der Abendglocken I ---4SÄ88Ü-S- O 2b. Kreitag, den 27. März 189b. Kür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg Ag.); jede dieser iwci Abtheilungen wird von einer anderen Person und in einem anderen Ton gesungen. Uralt ist die Procession dieses Tages, sie fand schon statt, bevor die Benediction der Palme eingeführt war. So berichtet die dem vierten Jahrhundert angehörende „?sr6Ariii3.tio Lrlvias", die Beschreibung der Pilgerfahrt einer vornehmen Dame aus Gallien ins Heilige Land, die sich sehr genau über alle Einzelheiten der jerusalemischen Liturgie verbreitet, nichts von einer Weihe der Palme, wohl aber von der Procession mit der- 198 selben in Jerusalem. Alle Kinder, erzählt Silvio, selbst diejenigen, die ob ihres zarten Alters noch von ihren Müttern getragen werden mußten, trugen Palm- und Oel- zweige in den Händen; der Bischof ritt als Repräsentant des Heilandes, wie dieser, auf einem Esel vom Oelberge zur Auferstehungskirche; die vornehmeren Leute, Männer und Frauen, saßen ebenfalls auf Eseln; das übrige Volk ging zu Fuß einher; der Zug bewegte sich sehr langsam, damit die Leute nicht ermüdet wurden. Die Kirche will in der Procession dem Heilande dieselbe Ehrfurcht bezeigen, die ihm die Einwohner von Jerusalem erwiesen. Diese nahmen nach dem Berichte des Evangeliums Palmzweige, gingen ihm entgegen und riefen: „Hosanna! Gebenedeit sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König Israels!" So nahmen denn auch die Gläubigen schon in der alten Kirche an diesem Tage Palmzweige in die Hand, zogen in Procession einher und huldigten Christo in Gebet und Gesang als ihrem Könige. Nach dem heiligen Bernhard sollen wir in der Procession am Palmsonntage eine Vorbedeutung jenes glorreichen Triumphzuges sehen, in dem wir einst, nach einem guten Leben, mit allen Heiligen und Auserwählten in den Himmel einziehen werden. Bis dahin wird es noch manchen harten Kampf kosten, daran erinnert die Kirche, indem sie bei der alsbald auf die Procession folgenden Messe, wie erwähnt, die Passion lesen oder singen läßt. Es liegt hierin für den Christen die ernste Mahnung: Willst Du einst in das Reich des ewigen Friedens eingehen und Antheil haben an der Glorie Deines Heilandes, so mußt Du mit Ihm in Deinem Leben den königlichen Weg des Kreuzes gehen. In Gegenden, wo keine Palmen zu haben sind, vertreten die Zweige anderer Bäume deren Stelle, wie denn das römische Missale ausdrücklich sagt: „Laosräoz... proesclib nä chansäioslläum ruinös palvauruin sivs olivurnin st uliaruin arkoruin;" also Zweige von Palmen, von Oelbäumen oder von anderen Bäumen können geweiht werden. In Italien ist um diese Jahreszeit die Vegetation schon weiter vorgeschritten, die Zeit der Blumen ist bereits angebrochen, daher der Palmsonntag dort auch gerne xusguu äsi Lori genannt wird. In Spanien wird an diesem Tage der Boden der Kirche mit Blumen bestreut, und als Spanier gerade am Palmsonntag in Nordamerika eine Halbinsel entdeckten, nannten sie diese deshalb Florida, welcher Name dem Lande bis aus den heutigen Tag geblieben ist. Die Palmweihe ist wie gesagt jüngeren Ursprungs als die Palwprocession, reicht aber im Abendlande jedenfalls ins siebente Jahrhundert zurück. Die Weihe der grünenden Zweige bringt den Palmsonntag in Verbindung mit dem wiederkehrenden Frühling und veranlaßt manche Volksgebräuche, die zunächst den Sieg der grünen Vegetation über den unfruchtbaren Winter, im höheren Sinne aber einen geistigen Sieg bedeuten. In manchen Gegenden werden die gesegneten Palmzweige an den Marksteinen in die Felder gesteckt und über den Thüren der Wohnhäuser angebracht: eine Bitte um Gottes Segen. In Niederbayern ziehen die „Pueri-Buben" (eine sonderbare Tautologie!) herum; sie haben den Namen von einer Stelle, die in dem bei der Rückkehr der Procession in die Kirche zu singenden Responsorium vorkommt! Hslirusornin pnsri rssurrsotionsin vitss xronunoiuntss sto. Sie singen bei ihrem Umzug den „Pueri-Gesang", schlichte, volks- thümliche Lieder frommen Inhalts; z. B.: . Jesus in das Haus reitet ein Demüthig auf einem Eselein. Schämt Euch, Ihr stolzen Weltkinder I Ihr richtet Alles auf den Schein; Geprangt, gespitzt muß Alles sein — Das gefällt Gott nicht, o Sünder! Wieder in anderen Gegenden, z. B. am Niederrhein, werden die geweihten Palmen auf die Gräber gesteckt, jedenfalls im Hinblicke auf die Seile in der Apokalypse des heiligen Johannes 7, 9: „Ich sah eine große Schaar, die Niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Völkern und Stämmen und Sprachen; sie standen vor dem Lamme, angethan mit weißen Kleidern, und hatten Palmen in den Händen." Die Palme galt schon in der vorchristlichen Zeit als Sinnbild des Sieges; mit Palmzweigen wurde der heimkehrende Sieger empfangen und begleitet. Wie der Vogel Phönix, soll nach der Ansicht der Alten die Palme wieder aus ihrer Asche erstehen; sie bedeutete darum den Ruhm des Siegers, der sich einen unsterblichen Namen erworben. Darum kommen — in die christliche Symbolik übertragen — auf christlichen Bildern unzählige Male Palmen in den Händen der Engel und Märtyrer vor, um den Sieg über das Irdische auszudrücken. Zwei kreuzweise übereinandergelegte Palmzweige bezeichnen das heilige Kreuz als das große Siegeszeichen Christi und des Christen über Hölle und Welt. Als Sinnbilder auf Grabdenkmälern zeigen die Palmen an, daß der Verstorbene den guten Kampf gekämpft, den Steg errungen und die Krone der Gerechtigkeit erlangt hat. Auf den Grabdenkmälern der Katakomben ist die Palme oft mit dem Phönix verbunden, um anzudeuten, daß die Märtyrer durch das Opfer des zeitlichen Lebens den Sieg über den Tod errungen und das ewige Leben gewonnen haben. Der Palmbaum erscheint auf Katakombenbildern auch als Attribut Christi, und der heilige Augustin nennt den Heiland in einem Hhmus „xulrnu dsllatoruin", die Palme der Streiter, das heißt der Mitglieder der hier auf Erden weilenden streitenden Kirche. Wie der als Homilet berühmte Bischof Eberhard ausführt, paßt die Palme, die dem Palmsonntag den Namen gibt, besonders gut dazu, um das demüthige, ringende und kämpfende Leben des Christen und das siegende und glorreich vollendete Leben der Heiligen zu bezeichnen. Die Palme ist der schönste und edelste Baum des Morgenlandes, die herrlichste Zierde der Pflanzenwelt, die „Fürstin der Bäume", wie Linns sagt. Sie wächst in sandigem, wenig versprechendem Boden. Wo im Flugsande der glühenden Wüste nur ein wenig Wasser sich sammelt und den Boden befruchtet, da steht der Wanderer die Palme gegen Himmel streben. Die Palme ringt sich aus dürrem Erdreich empor; von der Erde bedarf sie wenig, vom Himmel aber Sonnenschein und Wärme. Sie steigt zu einer Höhe hinan, die andere Bäume, welche stärker angelegt zu sein scheinen, nicht erreichen. Ihre Krone welkt nicht, sie grünt im Regenschauer und Sonnenbrand, sie grünt Sommer und Winter und erinnert so trefflich an die unverwelklichen Kronen der Heiligen. Die Palme ist, wie der höchste Schmuck, so die reichste Segenspenderin des Morgenlandes; das Leben ganzer Völkerschaften knüpft sich an das Dasein der Palme. So ist die Palme das von Gott gewählte treue Bild des geistigen Wachsthums und der Vollendung seiner Heiligen, ein Bild der Liebe, die wenig nimmt und viel gibt, mit Allem dient und Alles opfert. Eine solche Palme ist auch das Kreuz Christi, der lebendige, weltüberschattende 199 Baum des Lebens, dessen Betrachtung die mit dem Palmsonntag beginnende stille Woche sich zur Aufgabe stellt. Es sei noch daran erinnert, daß am Aschermittwoch die Palmen, die am vorjährigen Palmsonntag gebraucht wurden, verbrannt werden und der Christ das Zeichen der gesegneten Asche als Erinnerungszeichen an den Tod und als Siegel seiner Verpflichtung zur Buße empfängt. So wird aus dem Symbole des Sieges und der Ehre das Symbol der Buße und der Treue gewannen. --»S-iNS-S- - Judas Wakkabäus. Historischer Roman von A. L. O. E. (Fortsetzung.) Es war im Monat Schcbat, unserem Januar entsprechend, und Palästina prangte schon im ersten Grün des jungen Frühlings. Die purpurfarbene Wolfskirsche stand in Blüthe, die Krokus, Tulpen und Hyacinthen bedeckten die Felder, der blaue Flieder contrastirte mit Tausenden von scharlachrothen Anemonen. Der Mandelbaum stand in Blüthe, und ein duftender Hauch wehte über die Blüthen der Ltmonen und Citronen. Der Winter war in diesem Jahre mild gewesen, und einige Feigen aus dem vergangenen Herbst hingen an den noch unbelaubten Zweigen. Der Wein an den Hügeln bekam schon Laub, und in den Feldern zeigte das aufgehende Korn seine ersten jungen Blüthen. Aber Judas war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um der Landschaft, die ihn umgab, viel Aufmerksamkeit zu schenken. Für Israel war der geistige Winter noch nicht vorüber und lastete schwer auf dem Gemüth des Pilgers. Der Reisende eilte ohne zu rasten weiter, bis er am Nachmittag das Thal von Askalon erreichte. An einem Brunnen, der sich an der Seite der Straße befand, stillte der müde Wanderer feinen Durst und setzte sich für eine Weile unter dem Schatten einiger Dattelpalmen zur Ruhe nieder. Der Hasmonäer zog aus der Tasche, welche er bet sich trug, seine einfache Mahlzeit von getrockneten Feigen, wusch in dem kühlen Wasser Gesicht und Hände und fing an zu essen. Bevor einige Minuten verstrichen waren, kam ein Weib in den Trauerkleidern einer Wittwe, ein ungefähr sechs Jahre altes Kind auf dem Rücken tragend, mit müdem Schritt auf den Brunnen zu, neben welchem der Reisende saß. Sie legte ihren Knaben auf den Boden, trank von dem Wasser und gab ihrem Sohne auch zu trinken. Ihre Erscheinung zeugte von der äußersten Armuth, und das Kind litt augenscheinlich sehr unter der Krankheit. Judas theilte seine geringe Mahlzeit in drei Theile, und mit dem freundlichen Gruß: „Friede sei mit Dir!" bot er einen Theil der Wittwe und einen dem Knaben an. „Der Segen des Gottes Abraham sei mit Dir!" rief das arme Weib, „Deine Magd hat seit Sonnenaufgang keine Speise geschmeckt." Und die Wittwe und ihr Sohn nahmen, nicht weit von Judas auf dem Rasen sitzend, von den getrockneten Feigen mit der Hast solcher, die dem Hungertode nahe sind. „Dein Kind sieht krank aus", bemerkte der Hasmonäer, indem er voll Mitleid auf die verkommene, zusammengesunkene Gestalt des Knaben blickte. „Er wird nicht lange mehr leiden", erwiderte die Wittwe mit der ruhigen Apathie der Verzweiflung, „seines Vaters Haupt legte ich im vergangenen Monat in's Grab, und in diesem Monat werde ich Theras Haupt an seine Seite legen. Das Siegel des Todes ist ihm aufgedrückt; ich werde bald allein sein in der Welt." „Nein, verzweifle nicht. — Gott ist gut, Dein Kind kann ja noch leben", sagte Judas. „Warum sollte ich wünschen, daß es lebe? Sein Vater wurde hinweggcnommen, es wird auch hinwegge- nommen werden. Jerusalem ist beschmutzt und das Land ist in Gefangenschaft, Israel ist ein Raub der Heiden geworden. Der Gläubigen sind wenige im Lande, und die Verfolgung wird auch diese bald hinwegraffen. Es gibt keinen Ruheplatz als unter dem Rasen und keine Freiheit als im Grabe. Der Name Juda's wird bald aus den Völkern getilgt sein." „Niemals!" rief Judas mit Nachdruck, „so lange der Gott der Wahrheit lebt und regiert. Judäa kann niemals untergehen. Der Weinstock, der aus Aegypten gebracht wurde, kann abgebrochen werden, seine Zweige abgerissen, seine Frucht zerstreut, der Bär des Waldes kann ihn verwüsten, das wilde Thier des Feldes ihn verschlingen; aber dennoch wird Israel grünen und blühen und wird den Erdboden mit Früchten füllen. Bliebe nur ein Mensch von dem auserwählten Volke Gottes, so würde von diesem einen Menschen der Erlöser kommen, der den Völkern Frieden verkünden und herrschen wird immerdar." „Könnte ich nur hoffen", stammelte die Wittwe. „Kannst Du nicht glauben?" rief der Hasmonäer. „Sieh hinunter, blicke nach Westen, da ist Gibeon, über welchem die Sonne auf die Stimme Josuas stillstand; über diesem Thale von Askalon stand der Mond still an dem Tage, an welchem die Amoniter vor Israel flohen. Er, der einen Moses, Josua und Gideon erhoben hat, kann durch menschliche Werkzeuge oder ohne dieselben die Wunder aller Zeiten wiederholen und sein Volk wieder erlösen." Und als der Hasmonäer diese Worte gesprochen, erhob er sich, um seine Reise fortzusetzen. Er konnte seinen müden Gliedern nur wenig Ruhe gönnen; denn der Weg, den er vor sich hatte, war noch lang. „Meine Heimath ist nicht mehr weit", sagte die Wittwe, sich ebenfalls erhebend, „und ich habe nun wieder Kraft, vorwärts zu gehen." Sie wollte ihren Knaben aufnehmen, aber Judas kam ihr zuvor. „Ich kann Dir die Last abnehmen", sagte er und nahm das Kind auf seine Schultern. Sie halten ein Stück Weges im Stillschweigen zurückgelegt, und die Wittwe dachte über die Worte des reisenden Mannes nach, als hinter ihnen Pferdegetrappel und Waffengeklirr hörbar wurde. Das Kind, welches der Hasmonäer trug, sah sich um und rief, indem es die Locken seines Beschützers ergriff: „Sieh, Reiter in glänzenden Waffen mit Bannern und Speeren! Flieht, flieht, die Syrer kommen!" Judas wandte sich weder um, noch änderte er seinen Schritt. Er ging nur ein wemg auf die Seite der durch Kaktus begrenzlen Straße, um den Reitern mehr Raum zum Vorbeikommen zu geben. Die Syrer ritten in guter Ordnung weiter, ihr Stahl glänzte im Sonnenschein, und eine dichte Staubwolke umgab die Hufe ihrer Rosse. In der Mitte des Zuges befand sich ein mit Vorhängen bedeckter Karren, zu welchem die Krieger eine Art Eskorte zu bilden schienen. In dem Dache dieses Karrens war eine Oeffuung, augenscheinlich, um eine darin befindliche Figur, welche zu hoch war, besser foit- schaffen zu können; denn oben aus der Oeff- nung sah der weiße Marmorkopf einer griechischen Statue heraus. Judas und seine Begleiterin betrachteten dieselbe mit Abscheu und Schrecken, den alle fromme Juden bei dem Anblick eines Götzen empfanden. Als die Syrer vorbei waren und das Geklirr ihrer Waffen nicht mehr hörbar war, rang die Wittwe ibre Hände und rief: „Da unten reitet Apelles mit seinen Kriegsleuten nach Modin, um die Befehle des grausamen Tyrannen auszuführen, und sie tragen das verfluchte Ding da mit sich, damit es dort aufgestellt und angebetet werde. Ach, sie werden alle Hebräer zu Modin zwingen, vor ihrem steinernen Götzen niederzuknieenl" „Vielleicht nicht", sagte Judas. „Alle sollen gezwungen werden, dem Götzen zu. opfern, da wird es keinen Weg geben, dieser Schande zu entfliehen." „Salome und ihre Söhne fanden einen Weg", bemerkte der Hasmonäer, „und Gott kann wohl für einen andern sorgen." Der Reisende hatte indessen die Thür von der bescheidenen Wohnung der Wittwe erreicht. Judas setzte seine Last nieder, uno die Wittwe bat den gütigen Fremden, indem sie ihm herzlich dankte, hereinzukommen, um ein wenig zu ruhen. „Ich kann nicht bleiben", lehnte Judas ab, „ich habe noch eine lange Reise vor mir, ich muß heut' Abend noch in Modin sein." „In Modin?" rief das Weib, erstaunt auf das ermüdete Gesicht des Sprechers blickend. „Die Reiter werden kaum Modin heut' Abend erreichen, obgleich sicherlich des Königs Auftrag dringend ist!" „Meines Königs Geschäfte sind ebenfalls dringend," entgegnete der Hasmonäer, indem er seinen Gürtel enger schnallte, und mit ernstem, höflichem Gruß setzte er seinen Weg fort. Die Wittwe betrachtete eine Weile stillschweigend seine fürstliche Gestalt, dann rief sie: „Das kann kein anderer als Judas, der Sohn des Mattathias sein, es gibt keinen zweiten Hebräer wie er ist. Ach, mein Thera, das ist ein Mann, den der Syrer nicht erschrecken wird!" „Eher wird er die Syrer erschrecken", äußerte der Knabe. In späteren Tagen wurde so manchesmal diese letzte Aeußerung Theras wiederholt, als Judäa längst vor seinen Feinden Ruhe hatte, und er längst ein alter Mann war. Wenn er unter seinem Wein- und Feigenbaum saß und niemand zu fürchten brauchte, dann konnte er nicht müde werden, jene fürstliche Gestalt, die einen so tiefen Eindruck auf sein kindliches Gemüth gemacht hatte, daß er dieselbe im Gedächtniß behalten hatte, zu beschreiben. Er sprach mit hoher Begeisterung von dem fürstlichen Manne, der ihn auf seine Arme genommen und auf seinen Schultern getragen hatte, der so sanft war gegen ein krankes Kind, wie er später Israels Feinden schrecklich wurde. Die Sonne war eben untergegangen, als der Fuß des Hasmonäers das Thal von Saron betrat. Es war gut, daß von da ab jeder Schritt des Weges dem Judas bekannt war, denn er hatte bald kein Licht mehr, um auf dem richtigen Wege zu bleiben, als das der Sterne. Der Wind erhob sich und schüttelte die blätterreichenKronen der immergrünen Palmen. Er trug zu dem Ohr des erschöpften Reisenden das wilde Geheul des Schakals, das, immer höher steigend, wie die Wehklage eines mit Betrübnitz erfüllten menschlichen Wesens klang. Der Hasmonäer war müde, und die Füße schmerzten ihn, aber dennoch eilte er tapfer vorwärts, bis er zuletzt das willkommene Rauschen des mittelländischen Meeres hörte, welches die Küste, in deren Nähe Modin lag, bespülte. Es war dies ungefähr eine Meile vonJoppe. Dankbar erblickteJudas endlich sein Vaterhaus, wo er seinen Körper nach den heftigen Anstrengungen ruhen lassen konnte. Er schlief den tiefen und süßen Schlaf des Müden nach einer Reise, welche an einem Tage zu Fuß nur von einem Manne, der starke Energie und physische Kraft besaß, zurückgelegt werden konnte. (Fortsetzung folgt.) - Veilchenzauber und Beilchenkultus. Es schlich sich in wonnigster Frühlingsnacht Der blaue Himmel zur Erde sacht Und hat sie glühend umfangen- Da blieben der jungen Erde am Kleid Verräther seiner Zärtlichkeit — Viel blaue Flöckchen hangen. Und immer noch trägt sie als liebstes Geschmeid Die Veilchen in seliger Frühlingszeit. Diese blauen Flöckchen am Brautkleide der Erde, unsere Veilchen, haben durch ihren Zauber und Liebreiz seit Jahrtausenden wie heller^Krühlingssonncnscheiu räch langer, banger Winternacht der Menschen Gemüth und Herz erheitert und begeistert. Auch das deutsche Volk hat sie in seiner seclcnvollcn Innigkeit tief in das Herz geschlossen. Schon die Germanen, welche trotz unbändiger Kraft und wilden Freiheitsdranges in nahester Beziehung zur Welt der zarten Blüthen standen, haben die duftenden „Tyrsviolen" mit ihren Sitten und heiligen Gebräuchen verflochten. In der Veilchenzeit war es ja, wenn vom Glänze des Frühlings die Natur überquellen wollte, wo sie Ostara in rauschenden Festen feie» ten, Ostara, die holde Göttin des Frühlings, des aufsteigenden Lichtes und der Morgenröthe, die ihnen reichste Segcnsfülle gespendet. 202 Veilchen sind die lieblichste Gabe des jungen Lenzes, der sie bald in den grünen Teppich webt, wenn der letzte Schnee zerronnen und die traumumiangene Flur erwacht. Die Bäume haben sich oft noch nicht in ihre grünen Schleier gehüllt, »nd die blauen Augen blicken schon unter schirmendem Blättergrün zum lochenden Frllhlings- himmel hinaus, ringsum die Luft durchwürzend mit köstlichem Aroma. Die ersten Veilchen! Im Mütelalter war es in ganz Deutschland Sitte, daß man die ersten dieser ersehnten Lenzender, die man fand, an eine Stange band, sie aufrichtete und fröhliche Reigen um sie tanzte. Es war die glühende Sehnsucht nach den Tagen, in denen sich „alles, alles wenden muß*, das Jung und Alt beseelte und sich als lauter Jubel der Menschcnbrust entrang. Und die Zuneigung zu den Veilchen hat sich von Geschlecht zu Geschlecht weiter vererbt, um heute noch fortzuleben im Volke wie ein Denkmal einer untergegangenen Weltanschauung. Die frohe Kinderschaar, die ja vorzugsweise unter dem bestwirkenden Vcilchenzauber steht, bricht in freudiges Jauchzen aus, wenn sie im Hag unter schwellenden Büschen und Hecken die ersten Blauveilchen entdeckt. Aber auch wir großen Leute, denen seltener gegönnt ist, nach des Tages Last und Mühen an den Busen der Natur zu flüchten, verschmähen kein duftend Vcilchensträußchen, das ein armes Kind uns zum Kaufe bietet. Worin nur der wundersame Zauber liegt, dem diese doch unscheinbaren Blumen seit uralten Zeiten eine solch hohe Stelle in der Blüthenwclt verdanken! Ist es die Zeit der Brautfeicr der Erde, die sich „in wonnigster Frühlingsnacht" mit dem blauen Himmel vermählte, jene zaubcrreiche Zeit, die erst ausgesungen sein wird, wenn der letzte Dichtermund verstummt? Ist es ihr heimlich verstohlenes Blühen an lausch'gcn Plätzchen, jenes Vcrborgcnscin und jene stille Innerlichkeit, die sie zum Symbole der Demuth und Bescheidenheit erhoben, die sich in sich zurückzieht, wenn die Außenwelt sie nicht vcist'hen will? Oder ihr dunkles, sattes Blau, das dem Auge so wohlthuend entg-gcristrahlt und den Griechen Sinnbild der Trauer und Treue, den Galliern ein Zeichen der Freude und Unschuld war? Oder endlich ihr c Sittliches, seelenvolles Aroma, das holde Kunde in's Gemüth uns wehr, vaß reicher Scgm herniederträufelt und Licht und Liebe ohne Ende sich auf das Haupt der Menschen häufln? — Wann zuerst im grauen Alterthume das sinnende Menschenauge mit Wohlgefallen auf diesen blauen Lenzkindern geruht haben mag, läßt sich natürlich nicht mehr feststellen. Spuren eines gewissen Veilchcnkultus finden wir aber schon bei den alten Indern und Persern, Griechen und Römern. Wie die Schöpfungsgeschichte der Perser erzählt, vollendete Ormvzd in dreißig Tagen die Pslanzenschöpsung, zu deren Hüter er Armodad bestellte. Dieser nahm Hom, den Keim aller Gewächse, und setzte ihn in das Gewässer Taschters an der Quelle Ardoisur, wo bald das Blumenheer der Erde entsprang, darunter mit den heiligen Kräutern „Guli Peigamber", der Rosenprophet — nnscr Blauveilchen. Noch einer anderen orientalischen Sage entstand es aus Adams Freudenthräncn auf dem höchsten Berge Ceylons, wo er hundert Jahre büßend auf den Knieen lag, ehe er Verzeihung vom Schöpfer erlangte. Eine griechische Sage behauptet, daß Jup ter die ersten Veilchen schuf, um seiner geübten Jo süße Nahrung zu bieten, und eine siciüanische Trakntion sagt, daß Proserpina im Thäte von Enva Veilchen pflückte, als Pluto sie raubte, und daß sie erschrocken die Wüthen fallen ließ, die sich von nun an weit und breit zerstreuten, durch ihr dunkles Gewand Tod und Trauer verkündend. Eine andere Mythe dagegen berichtet, daß Apollo, der leuchtende Sonnengott, einst, mit seinen heißen Strahlen eine der schönen Töchter des Atlas verfolgte, jenes Riesen, der zur Strafe für seine Theilnahme am Sturme der Titanen auf den Olymp das Himmelsgewölbe tragen mußte. Um sich vor ihm zu retten und dem Verderben zu entgehen, flehte die Verfolgte in ihrer Angst zum bimmelbeherrschenden Zeus und bat ihn um Schutz und Rettung. Dieser lieh der Bedrängten willig sem Ohr, verwandelte die unmuthige Jungfrau in das Veilchen und führte es in den lichten Halbschatten des Waldes, wo es im Verborgenen w itcr blühte und dem hohen Götter Vater in seinen heiligen Eichenhainen die Rettung lohnt durch dankbare Opferdüfte. Veilchen waren die Lieblingsblumen der Jonier und Athenienser, welche sie, namentlich um Mika, mit großer Sorgfalt cultivirten, weshalb Pindar singt: »Da verbreiten liebliche Veilchendüste sich über das Land, Das Wunderland, und man flicht sich Rosen in's Haar." Und: „O herrliches, veilchenbekränztes, besungenes Griechenland, Burgseste, hochberühmtes Athen, du himmelbegeisterte Stadt!" Die Stadt Athen, in der sie in großen Mengen zum Verkaufe feil geboten wurden, stellten Maler und Bildhauer als majestätische Frau dar, die auf dem Haupte einen Veilchenkran; trägt. Die Bacchantinnen schmückten die in einen Fichtenzapfen auslaufenden, mit Epheu und Weinlaub umwundenen Thyrsosstäbe mit Veilchen, und ebenso wurden die Statuen der Hausgötter damit geziert. Als Symbol der Unschuld bestreute man, wie bei den Galliern, das Lager der Braut und den Sarg der Jungfrauen mit duft nden Veilchenblüthen. Sie waren überhaupt bei den Griechen die gesuchtesten Blumen zu Prunk und Pomp, weswegen man eigene Veilchengärten anlegte, um den Bedarf zu decken. Der Veilchencultus stand auch bei den Römern in Blüthe, und ihre Dichter besangen sie wie die Rosen, unter denen sie sich entfalteten. Sie benutzten dieselben freilich auch zu einem höchst prosaischen Zwecke: sie würzten mit ihnen den Wein, den sie über Rosenfilter gössen. Horaz tadelt sie daher, weil sie über diesem süß duftenden Unkraute die früchtereichen Olivenhaine vergaßen. Die Germanen glaubten, daß die lieblichen Blumen, die ihren Odem auch mit der rauhen, nebelerfüllten Atmosphäre des Nordens vermischten, unter den Tritten der Frühlingsgöttin erschienen. Sie waren Tyr geweiht und wurden, wie eingangs erwähnt, „Tyrsviolen" genannt. In Sachsen gehl die Mähr, daß Zernebogh, der Wendengott, eine herrliche Burg besaß, die bei der Verbreitung des Christenthums mit ihm in Felsen verwandelt wurde, während seine schöne Tochter zu einem Veilchen wurde, das alle hundert Jahre einmal sich erschließt und jedem, der es findet und pflückt, die hübscheste Maid des Landes zuführt. Die Veilchen besaßen übrigens früher noch einen weiteren Vorzug; sie verhalsen wie Schlüsselblumen, Vcr- 203 gißmeinnicht und Schneeglöckchen armen Leuten zu Reichthum und Ansehen, indem sie dem glücklichen Finder die Bergesschluchten öffneten, worin ungeheure Schätze aufgespeichert lagen. General Daldistera. -MH WMM -WHK Wir belächeln heutzutage freilich diese kindliche Naivität, und die Gegenwart hat die Veilchen, wie ja fast alle Blumen, aller mythischen Reize entkleidet. Wir düifcn jedoch nickt vergessen, daß all' diese lieblichen Sagen Zeugnisse einer sinnigen Naturauffassung unserer Vorfahren sind, die ihre ästhetischen Empfindungen und frommen Gefühle in die Natur hineinverlegtcn. Die Bevorzugung vor vielen anderen Blumen ist den Veilchen jedoch bis heute geblieben, und man wird fast versucht, auch jetzt noch von einem Veilchencultus zu sprechen, wenn man erwägt, daß einzelne Gärtner Norddeutschlands oft bis 200,000 Töpfe besitzen, von denen ein großer Theil fortwährend in Blüthe gehalten wird. Man will die Blumen, deren Wohlgcruch nicht berauscht, in keiner Jahreszeit mehr entbehren, und der Kunst ist es thatsächlich gelungen, ihnen das lange, liebe Jahr hindurch üppigen Blülhen- reichthum zu entlocken. In neuerer Zeit haben es die Veilchen zu historischer Berühmtheit gebracht. Sie waren eine Zeit lang die Nationalblumen der Franzosen und, wie in einer früheren Abhandlung dargethan wurde, mit dem Geschicke der Napoleoniden enge verbunden. Sie bildeten die Lieblingsblumen der Kaiserin Josephine, der ersten Gemahlin Napoleon I., der sie alljährlich an der Wiederkehr ihres Vermählungstages mit einem frischen Veilchenstrauße überraschte und beglückte, bis er die österreichische Kaisertochter freite. Sie sollen auch Eugenicns Licblingsblumen gewesen sein — brachten aber auch ihr kein Glück. Daß Kaiscr Wilhelm I., wie sein königlicher Vater, die Veilchen liebte und jeden Tag im Jahre mit frischen Sträußen umgeben sein wollte, dürfte noch in lebhafter Erinnerung haften. Nach persischer Mythe ebnen die Veilchen der königlichen Rose die Bahnen. Sie erschließen und ebnen aber auch oft den Weg zum Herzen und spielen daher im Liebesleben mit seiner verzehrenden Qual, seinem himmelhohen Jauchzen und Zutodebctrüblsein eine wichtige Rolle. Ebu Abrahmt, ein Araber, vergleicht das weinende blaue Auge der Geliebten mit den im Thau gebadeten Veilchen, und ähnlichen Gedanken begegnen wir öfters auch in deutscher Poesie. So warnt bespiclsweise Neinick vor den blauen Frühlingsaugen, die ein heimlich Sehnen erwecken: „Und am Abend, und am Abend, Wenn in Gärten allerwegen Holde Kinder sich ergehe», Und verstohlen nach dir sehen Aus den grünen Laubgchegen: Hüte dich fein In den Lenzen Vor dem Glänzen der Aeugelein!" Goethe, der stets bei seinen Spaziergängen um Weimar Veilchensamen an den Rändern der Wege ausstreute, stellt in seinem stimmungsvollen Gedichte „Das Veilchen" das Loos der bescheidenen Liebe dar, welche selbst in dem Schmerze, den ihr der geliebte Gegenstand bereitet, eine Quelle des Glückes findet: „Es sank und starb und freut' sich noch: Und Verb' ich denn, so sterb' ich doch Durch sie, durch sie Zu ihren Füßen doch." Ein andermal vergleicht er die schüchternen, jungfräulichen Blumen mit dem in stillem Kreise wirkenden Mädchen: „Viele der Veilchen zusammengeknüpft, das Sträußchen erscheinet Erst als Blume; du bist, häusliches Mädchen, gemeint." General Uateriano Weyler q Nicolau, der neue Commandeur der spanischen Sireitträste aus Cuba. Und Chamisso erzählt von Eisblumen, die am Fenster flimmern, und von dem ahnungslosen Jünglinge, der davor betrachtend steht: „Und hinter den Blumen blühet noch gar Ei» blaues, ein lächelndes Augenpaar. Märzveilchen, wie jener noch keine geseh'n, Der Reif wird angehaucht zergeh'». Eisblumen fangen zu schmelzen an — Und Gott sei gnädig dem jungen Mann!" Allerlei. Heubäder. Wer im Sommer so glücklich ist, das herrliche Südtirol bereisen zu können, der wird in den Städten und Dörfern längs der Etsch, also im deutschen Theile des Landes, häufig der öffentlichen Bekanntmachung begegnen, daß da und dort „das Heubad" eröffnet worden sei. Und diese Ankündigung ist nicht etwa ein Scherz, sondern voller Ernst. Das Heubad besteht in Südtirol als Volksheilmethode schon lange, und zwar darin, daß das von den Bergen hereingebrachte, noch feuchte Heu in irgend einer Halle oder einem Schuppen aufgeschichtet und festgetreten wird. Kommt dann der nach einem Heubade Lüsterne, zieht der „Bademeister" eine tiefe Grube in das dampfend heiße, gährende Heu, und in diese Grube muß sich der Badegast hineinlegen. Nun wird er völlig mit Heu bedeckt, so zwar, daß nur sein Kopf aus der duftigen Masse hervorragt. — Bald umfängt ihn eine wohlthätige Wärme, die sich steigert und zur gewaltigen Hitze wird. Der Schweiß dringt dem Badegaste aus allen Poren, und er schwitzt nun so lange er es eben aushält. — Dann wird er genau so wie in einem Dampfbade behandelt, und wenn sein Rheumatismus oder ein ähnliches Gebreste der ebengeschilderten 14 Tage lang fortgesetzten Kurmethode nicht weicht, dann ist dagegen überhaupt kein Kraut gewachsen. — Doch soll, wie behauptet wird, ein Mißerfolg dieser unbekannt von wem ersonnenen Volkskur nur höchst selten zu verzeichnen sein und das Heubad immer wenigstens den Appetit zu einer ungeahnten Höhe steigern. -- Zu unseren Bildern General Daldissrra. Die Hoffnung der durch den schlimmen Tag von Adua schwer geprüften italienischen Nation ruht jetzt auf dem neuen Oberbefehlshaber in der Erytbräischen Kolonie, General Baldissera, der dem unglücklichen Führer Baratieri im Kommando gefolgt ist. Ein eigenartiger Zufall will es, daß beide Feldherren durch ihre Geburt politisch nicht echte Italiener sind. Während Baratieri aus dem österreichischen Welsch-Tirol stammt, wo ihm anläßlich seiner letzten Anwesenheit im Sommer vorigen Jahres von den romanischen Heißspornen allerhand Ovationen bereitet wurden, ist Baldissera ein Friauler, als solcher aber ebenfalls unter österreichischer Herrschaft geboren. Er erblickte im Jahre 1838, zu einer Zeit, als Venetien noch zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörte, zu Udine als Sohn eines Polizeibeamten das Licht der Welt. So konnte er später von der gesetzlichen Erlaubniß, eine Freistelle an der Schule von Cividale anzunehmen, Gebrauch machen. Dann erhielt er durch kaiserliche Verfügung einen Platz im Theresianum, der bekannten Militärakademie in Wiener-Neustadt. Hier zeigte er in allen Fächern eine ganz hervorragende Begabung. Bis zum Jahre 1866 diente er unter dem Doppeladler. Als damals aber Venetien an Italien kam, trat er wie viele andere Offiziere in die italienische Armee über und zwar mit dem Range eines Majors im Generalstab, den er bis dahin bekleidet hatte. Allmählich stieg er von Stufe zu Stufe, ohne jedoch Gelegenheit zu finden, sich im Felde auszuzeichnen. An der Oeffentlichkeit wurde sein Name genannt, als er im Range eines Bersaglieri-Obersten das glänzende fünfzigjährige Jubiläum dieser Truppe anregte und durchführte. Als Oberstlieutenant verheiratete er sich mit der Tochter des ersten StaatSanwstts am Appellhof zu Aquila. Dieser Ehe sind zwei Kinder entsprossen, die heute neun und zwei Jabre zählen. Zum Oberbefehlshaber in Afrika ist er durch Patent vom L. Februar ernannt, die Beförderung wurde aber geheim gehalten, auch die Abreise fand in aller Stille statt. Am 4. März traf er in Massauah ein — wenige Tage vorher war die Armee, die er hatte führen sollen, zersprengt worden. Es ist eine ungemein schwierige Aufgabe, die dem General in den Steinwüsten Abys- stniens cu stellt ist. Um der Uebermacht des Feindes zu begegnen, zieht General Baldissera, unter Preisgabe aller vorgeschobenen Posten, seine Streitkräfte zwischen Massauah, Keren und Asmara zusammen. General Naleriano Weqler y Ntcolau. Aus Cuba telegraphirte General Weyler, daß in den letzten Tagen sieben Gefechte stattfanden, in denen die Aufständischen 16 Todte und 15 Verwundete verloren. Er setzt, seit der Jn- surgentenführer Maceo die doppelte spanische Linie in den Provinzen Pinar del R!o und Habana durchgebrochen hckt, alles daran, den Gegner möglichst rasch aus der Provinz Habana in die Provinz Matanzas und auch aus dieser wieder in östlicher Richtung weiter zu vertreiben, um in dem reichsten und am meisten bevölkerten Theil der Insel bald die Ruhe wiederherzustellen und die Erntearbeiten zu ermöglichen. Die spanischen Eolonnen haben daher den Befehl zu rücksichtsloser Verfolgung des Feindes erhalten, um diesem keine Ruhe zu gönnen und die entsch edene Abspannung und Ermattung der Aufständischen zu erhalten und zu vergrößern. Auf der großen Transport- linie Habana-Jaruco-Colon wurden zahlreiche Truppen nach letzterem Orte geschafft, damit sie i > der Provinz Matanzas mit den Gomez und Maceo verfolgenden Eolonnen concentrisch zusammenwirken können. General Valeriano Weyler y Nicolau, dessen Bildniß wie hier ebenfalls bringen, wird allem Anschein nach entschiedener vorgehen als sein Vorgänger Martine; Campos, der zu sehr mit der autonomist,schen Partei liebäugelte. Er gilt nicht nur als der tüchtigste, sondern auch als der rücksichtsloseste Befehlshaber der spanischen Armee, und man rechnet es ihm als ein besonderes Verdienst an, daß er zwar die Verhältnisse auf Cuba aus eigener langjähriger Erfahrung genau kennt, aber zu dem eiufluß-eichen Theil der Bevölkerung in keinerlei verwandtschaftlicher oder gesellschaftlicher Beziehung steht. Bei dem letzten Aufstand auf Cuba hat seine Cvlonne mehr Aufständische zusammengeschossen als die übrigen zusammengenommen, weshalb er von den Nordamerikanern der „Schlächter genannt wird. General Weyler ist germanischer Abkunft, er wurde am 17. September 1839 zu Palma auf der Insel Mallorca geboren. -—««« 4 -— Goldköruer. Ich begreife nicht, wie ein Mensch, der über sich nachdenkt und doch von Gott nichts weiß oder nichts wissen will, sein Leben vor Verachtung und Langeweile tragen kann. Bismarck. Nikder-Fläthset. Auflösung der L-chach-Aufgabc in Nr. 26: Weiß. Schwarz. 1. D. V1—V2:s- T. L2—V2: 2. T. 63-L3 beliebig. 3. T. oder L. gibt Matt. --8WZS- HL 28. Freitag, den 3. April 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Golgother. Joh. 19 , SS ff. Nach einem stillen Hügel Zieht's heut' die Herzen hin, Auf des Gebetes Flügel Sollst du mit ihnen zieh'n. Er steht in fernen Landen Und ist doch allen nah', Wo Jesu Kreuz gestanden. Der Hügel Golgatha. Dort weinet Magdalene Ob der geheimen Schuld, Es nennt mit frommer Thräne Joseph des Herren Huld, Mit seinem Salbenkruge Ist Nikodewus da Und schließt sich an dem Zuge Zum Hügel Golgatha. Was sie dem edlen Meister Im Leben nicht gethan, Sie thun es um so dreister Auf seiner letzten Bahn, Sie kommen und sie spenden Viel Aromatika Und tragen auf den Händen Ihn dann vom Golgatha. Im nahen Garten bergen Sie d'rauf die theure Last, Bei eines Reichen Särgen Soll ruh'n der stumme Gast. Für seiner Seele Wunden Er niemals Freunde sah. Nun hat er sie gefunden Im Tod auf Golgatha. Was dortmals einst geschehen, Erneut sich immerdar: -Du kannst im Leid vergehen, lFern bleibt der Freunde Schqar. fAm Ende deiner Tage ^Vielleicht sind manche da Und singen dir die Klage, Wie dort auf Golgatha. " " Adolph Müller. —- ... —ch- H Artdas Maklraöäns. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. ColoniuS. (Fortsetzung.) 7. Kapitel. Der erste Kampf. Die Ankunft des Apelles, eines Kundschafters des Antiochns Epiphanes, hatte die Stadt Modin in große Aufregung versetzt. Durch eine Proklamation war am Morgen des folgenden Tages verkündet worden, daß alle Einwohner, Männer, Weiber und Kinder, sich um die Mittagszeit auf dem Marktplatz versammeln sollten, um dem Befehl des Königs zu gehorchen und vor dem Altar des Bacchus, welcher an jener Stelle errichtet worden war, zu beten. Flüche wurden zwar nicht laut, aber heftig in manchem hebräischen Hause ausgestoßen. Viele syrische Krieger waren für die Nacht in Modin einquartiert worden. Das gemästete Kalb mußte geschlachtet und der beste Wein für die heidnischen Gäste ausgegossen werden, deren bloße Gegenwart ein Mahl schon verunreinigte. Die Syrer belohnten die zurückhaltende Gastfreundschaft durch Berichte aller in Jerusalem verübten Verfolgungsschrecken. Sie erzählten von den Grausamkeiten, die an Salome und ihren Söhnen > vollstreckt worden waren. Schaudernde Frauen preßten : ihre Kleinen fester an sich, als sie hörten, wie zwei Mütte j von der Südseite des Tempels gestürzt worden waren,' ihre Kinder fest in ihren Armen haltend, nachdem sie die weinenden Kleinen nach der von Mose vorgeschriebenen Weise Gott geweiht hatten. Solche Beweise von Grausamkeit erfüllten mit Schrecken die Herzen derjenigen, deren Muth noch nicht im Glauben stark war. Es war erwiesen, daß Antiochus fürchterlich war, wenn er Ernst machte, und daß sich, wenn sein Zorn durch Widerstand erregt wurde, die Schrecken von Jerusalem in Modin wiederholen würden. Ein hoher Altar, auf welchem sich das Bildniß des Weingottes befand, war in der Mitte des Marktplatzes errichtet worden. Die Schläfe des Gottes, in dessen sämmtlichen Zügen sich Sinnlichkeit ausprägte, war mit Epheu bekränzt, während die Hand ein Bündel Weintrauben trug. Vor diesem war der Opferaltar, und um diesen versammelte sich, als die Mittagsstunde nahte, eine bunte Menge. ' Da waren die weiß gekleideten Priester des Bacchus 20k M den erwählten Opfern. Krieger zu Fuß und zu Pferde bildeten um den Altar einen Halbkreis, um, wenn eS nöthig werden sollte, mit blanker Waffe dem syrischen Monarchen Gehorsam zu erzwingen. ApelleS selbst, prächtig gekleidet, mit einer Tunika von lyrischem Purpur, und an seinen Füßen Sandalen mit Edelsteinen und goldenen Fransen besetzt, saß auf einem erhöhten Platz zur Rechten des Altars und wartete die festgesetzte Zeit, wenn die Sonne im Zenith stehen würde, ab. Eine zahlreiche Menge beider Geschlechter und jedes Alters füllte den Marktplatz; denn die Soldaten hatten Modin durchstreift und alle Einwohner gezwungen, ihre Wohnungen zu verlassen, um auf dem Altar des Bacchus zu opfern. Gerade dem Altar gegenüber stand eine Gruppe von Hebräern, die alle übrigen überragte und auf welche die Augen des versammelten Volkes gerichtet waren. Da stand Mattathias mit weißem bis auf den Gürtel herabhängendem Bart — ein ehrwürdiger Patriarch, umgeben von seinen fünf Söhnen. "Da stand Jonathan, der Erstgeborene, Simon mit der ruhigen, geistvollen Stirn, Eleazar mit dem schnellen, feurigen Blick, Johannes, Judas, der dritte, aber unter den berühmten Brudern der erste. Mit ernstem Stillschweigen beobachtete die hasmo- näische Familie die Vorbereitungen, die von den Priestern gemacht worden, um ihre feierliche Handlung zu begehen. Nicht ein Wort entschlüpfte den Lippen der Hebräer, nur durch Blicke verriethen sie ihren gerechten Zorn. Mattathias, welcher in gerader Linie durch Phi- neaS von Aaron abstammte und ein Mann von großer Weisheit und fleckenloser Nechtschaffenheit war, besaß in seiner Vaterstadt Modin bedeutenden Einfluß. Streitigkeiten wurden seiner Entscheidung vorgelegt, sein Urtheil in den schwierigsten Fällen erbeten, und sein Beispiel hatte größeres Gewicht, als das irgend eines anderen Mannes in Judäa. ApelleS war mit dieser Thatsache vollkommen vertraut. »Ist Mattathias gewonnen, so ist alles gewonnen", hatte der syrische Höfling zu seinem Könige gesagt, bevor er seine Reise nach Modin antrat. „Die Söhne dieses alten Mannes kennen kein anderes Gesetz, als das seines Willens, und wenn die Hasmonäer ihre Häupter beugen, um Deinen Gott anzubeten, so wird ganz Judäa einstimmen, um demselben zu opfern." „Ehrwürdiger Mattathias", sagte ApelleS, indem er den alten Mann mit stattlicher Höflichkeit begrüßte. „Dein hoher Stand und Dein weit verbreiteter Ruhm berechtigen Dich, den Platz eines obersten LeiterS bet der heiligen Handlung einzunehmen, durch welche Modin zugleich seine Huldigungen unserm mächtigen Monarchen Antiochus Epiphanes darbringt und bei der Anbetung des Bacchus ihre Ehrfurcht bezeigt. Daher komme Du nun zuerst und erfülle den Befehl des Königs, gleich wie es andere vor Dir gethan haben, die Männer von Juda und auch die in Jerusalem wohnen; dann sollst Du und Dein Haus in die Zahl der Freunde des Königs aufgenommen werden, und Du und Deine Kinder sollen mit Silber und Gold geehrt werden." Als der Syrer zu sprechen aufgehört hatte, entstand eine so tiefe Stille, daß man das Rollen der Wogen am Strande und den Schrei des weißgeflügelten Seevogels deutlich unterscheiden konnte. Der alte Mann hatte den Appelles bis zum Ende ernst angehört, dann aber heftete er seine durchdringenden Augen, die unter den überhängenden Brauen wie vulkanisches Feuer unter einem schneebedeckten Berge hervorblttzten, auf ihn und antwortete mit so lauter Stimme, daß jedes Wort über den ganzen Marktplatz schallte: „Und wenn alle Länder dem Antiochus gehorsam wären und jedermann von dem Gesetz seiner Väter abfiele und in des KönigS Gebot willigte, so wollen ich and meine Söhne und Brüder doch nicht von dem Gesetz unserer Väter abfallen. Da sei Gott für! Es wäre uns nicht gut, daß wir von Gottes Wort und GotteS Gesetz abfielen. Wir wollen nicht in das Gebot Antiocht willigen und wollen nicht opfern und von unserem Gesetz abweichen und eine andere Weise annehmen." Kaum waren diese Worte verhallt, als in grellem Contrast zu dieser erhabenen Scene zu Ehren des Bacchus eine Hymne ertönte und ein geputzter, mit Epheu bekränzter Jude sich beeiferte,- des Königs Gunst zu gewinnen, indem er singend an den Altar trat. Alles Blut des PhineaS kochte in den Adern seines Abkömmlings. Hierdurch wurde der Herr der Heerschaaren öffentlich beschimpft und seinem Gesetz öffentlich Trotz geboten. Vorwärts sprang der alte Hasmonäer, als ob er plötzlich Jugendkraft erhalten hätte; einen Augenblick blitzte sein Dolch im Sonnenlichte, und im nächsten hauchte der Abtrünnige am Altar des Bacchus mit dem letzten Athem die Seele aus. Die Ausübung der Justiz in so abgekürzter Weise und vor allem Volk war in der That ein Signal, das Schwert zu ziehen und die Degenscheide fortzuwerfen. Ein wilder Racheschrei entfuhr den syrischen Kriegern, sie umringten Mattathias, aber nicht ihn allein. Nicht eine Minute waren seine Söhne von seiner Seite gewichen, und wie Löwen zum Sprunge bereit, vereinigten sie sich, ihren Vater zu vertheidigen. Sie blieben aber nicht ohne Beistand in ihrem Kampfe. Unter der versammelten Menge befanden sich Hebräer, denen die Stimme des Mattathias gewesen war, was der Trom- petenrnf dem Kriegsroß. Da waren Männer, die ihren heiligen Glauben theurer achteten als ihr Leben. Diese stürzten mit wilden Rufen zur Hilfe herbei, und bald bot der Marktplatz von Modin die Scene eines verzweifelten Kampfes, wo Disziplin und Uebermacht aus der einen Seite, und Ergebung, Heldcnmuth und Vertrauen auf die gute Sache auf der andern einen gefährlichen Kampf unterhielten. Es war ein harter Kampf. Das Gefecht wurde am dichtesten in der Nähe des Altars, um ihn floß das Blut der menschlichen Opfer. Dort legte der mächtige Arm des Judas den ApelleS leblos in den Staub. Dies war der Höhepunkt des Kampfes; denn bei dem Fall ihres Führers wurden die Syrer von panischem Schrecken ergriffen. Die Rosse in ihrem glänzenden Schmuck wurden von ihren Reitern zu rasender Eile angetrieben oder stürzten mit entleerten Satteln durch das Gedränge, um die Kunde von dieser Niederlage weithin zu tragen. Flucht war alles, was den Truppen des Antiochus und den Priestern des Bacchus übrig blieb; nur wenigen gelang es zu entkommen; denn viele Juden, die bisher dem Kampfe fern geblieben waren, schloffen sich den Verfolgern an. Weiber hoben Steine auf und warfen sie auf den fliehenden Feind. Kinder stimmten ein in das Triumphgeschrei. Der Altar des Bacchus wurde mit wildem Geschrei nieder- geworfen, der Götze in Stücke gebrochen «nd auf den im Staube rollenden Stücken herumgetreten. Diejenigen Juden, die vorher noch Furcht gezeigt hatten, suchten jetzt durch wüthenden Eifer die Erinnerung an ihre Unterwerfung aus ihrem und anderer Gedächtniß auszulöschen. Ein Geist schien alle zu beleben, der Geist der Freiheit. Modin war aufgestanden wie Simson, als er daher kam zum Kampf mit der Kraft eines Riesen. Aber diese Aufwallung des Eifers war weit mehr feurig als andauernd. MattathiaS traute jenem Muthe nicht, der nur da sich zeigt, wo Erfolg ist. Der alte Mann wußte, daß der Kampf mit der Macht Syriens erst anfing, daß er wahrscheinlich lange Zeit dauern würde, und daß e§ unpraktisch sei, Modin gegen Schaarcn, welche bald gesandt werden würden, um eS zu unterwerfen, zu vertheidigen. Der Patriarch stand in der Mitte des Marktplatzes mit dem Fuß auf dem zerbrochenen Altar, und noch einmal erschallte seine Stimme weithin! „Wer um daS Gesetz eifert und den Bund halten will, der ziehe mit mir aus der Stabil" Wie viele Einwohner ModinS gehorchten dem Ruf? Viele beschlossen, Stadt und Hcimath- zu verlassen, um mit den Thieren in den Höhlen der Berge zu wohnen. Die Geschichte erzählt, daß nur zehn, einschließlich der Hasmonäer, den Kern der Brüderschaft bildeten, die den syrischen Schaaren einen Sieg nach dem andern abrangen und so jenen fleckenlosen Ruhm erwarben, der nur denen gebührt, die feste Ausdauer und sich selbst verleugnenden Heldenmuth in einer gerechten und heiligen Sache entwickeln. 8. Kapitel. HadassahS Gast. An keinem Orte war die Kunde von dem Aufstande in Modin mit größerem Frohlocken aufgenommen worden, als in der einsamen Wohnung der Hadassah. Sie konnte sich kaum enthalten, die Zimbel von der Wand zu nehmen und wie Mirjam ein Lied anzustimmen: „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er thut Wunder; er sieget mit seiner Rechten und mit feinem heiligen Arm!" Beständige Nachricht über alles, waS vorging, wahr oder falsch, ob Sieg oder Niederlage, wurde der Hadassah von ihrem Schwiegersohn Abischai überbracht, der nicht ahnte, daß jedes seiner Worte von dem verwundeten Athener, welcher nur durch den Vorhang von ihm getrennt war, gehört wurde. Bei einem seiner Besuche in HadassahS Hause erzählte Abischai, daß Judas in den Bergen eine Standarte errichtet hätte mit der Inschrift: „Wer ist Dir gleich unter den Göttern, Jehova?" „Es wird gesagt", bemerkte Abischai, „daß aus den Anfangsbuchstaben dieser Inschrift das Wort „MakkabänS" gebildet worden ist, unv daß Judas allgemein bet diesem benannt wird. ES ist dies ein Name, den der Syrer bald Ursache haben wird, zu fürchten." „Es ist ein gut gewählter Name!" rief Hadassah. „Lasse ihn genannt werden: „Macce baiah", ein Sieger in dem Herrn, denn sicherlich wird der Gott, dem er dient, den Sieg verleihen." Dieser triumphirenden Freude der Hadassah wurde bald Einhalt geboten, als sie einige Zeit darauf durch Abischai von dem schrecklichen Hinschlachten Lausender von gläubigen Hebräern hörte, die nicht weit von Jerusalem in einer Höhle Zuflucht gesucht hatten. Von den Syrern am Sabathtage angegriffen, hatten sich diese Hebräer im wahren Sinne des Wortes hinschlachten lassen, ohne Widerstand zu leisten, und zwar nur, um nicht, wie sie wähnten, daS dritte Gebot zu übertreten. Bekümmert über den Verlust so vieler Menschenleben, war es für Hadassah ein Trost, daß ein solches Opfer irrthümlichen Pflichtgefühls nicht wiederholt werden sollte; denn als die Nachricht davon MattathiaS und seine Söhne erreicht, hatten sie, tief betrübt über das Hinschlachten ihrer Landsleute, zu einander gesagt: „Wenn wir thun, wie unsere Brüder gethan haben, und fechten nicht gegen die Heiden für unser Leben und Gesetz, so werden wir bald von der Erde vertilgt werden." Es wurde daher von dem Lager aus ein Dekret in die Berge gesandt, daß fortan die Selbst- vertheidigung angegriffener Hebräer auch am Sabbathtage gesetzlich recht sei. Mittlerweile heilten unter der Pflege HadassahS die Wunden des LycidaS. Miemals ist einem Menschen Einsamkeit und Leiden mehr versüßt worden. Denn war er nicht in Sarahs Nähe, hörte er nicht die sanfte Musik ihrer Stimme, athmete er nicht dieselbe Lust, sah er nicht ihre leichte Gestalt an seinem Versteckplatz vor- übergleiten, obgleich das Mädchen denselben niemals betrat? Die Nothwendigkeit, die Anwesenheit des LycidaS, namentlich vor dem blutdürstigen Abischai, zu verheimlichen, gebot, die nach dem Hinteren Theile deS HanseS, welcher nach dem kleinen Gärtchen zu lag, führende Thür bei Tag zu schließen. Bauern und Reisende pflegten gelegentlich, wenn auch selten, dorthin zu kommen, um ihre Krüge zu füllen und ihren Durst in der dem Hügel entströmenden Quelle zu stillen. Hätte die Thür zu dem Gemach, welches LycidaS scherzhafter Weise seine kleine Höhle nannte, offen gestanden, so würde nichts die Fremden verhindert haben, einzutreten. Der ganze Zufluß belebender Luft hing daher von der Gemeinschaft mit dem Vorderzimmer ab, welches das öffentliche Gemach genannt werden konnte. In diesem wurden nicht nur Speisen bereitet und eingenommen, und gelegentlich Gäste empfangen, sondern auch von den Frauen die täglichen häuslichen Geschäfte vorgenommen. Hier pflegte Sarah zu spinnen, während Hadassah auf Rollen von Pergament aus dem Gesetz und den Propheten abschrieb. Diese letztere Beschäftigung war mit großer Gefahr verknüpft; denn wäre Hadassah beim Abschreiben der heiligen Schrift betroffen worden, so hätte cs ihr das Leben kosten können. Antiochus hatte mit Eifer alle Abschriften zu zerstören oder durch häßliche, an den Rand gemalte Bilder zu entweihen gesucht. Gottes heiliges Wort zu besitzen oder gar abzuschreiben, wurde als ein Verbrechen angesehen. Aber der Glaube schien Hadassah über alle persönliche Furcht zu erheben. Die mit dieser Arbeit verbundene Gefahr trieb sie um so mehr an, dieselbe zu verfolgen. Die Anwesenheit des jungen Heiden war für die Wittwe eine viel größere Quelle der Unruhe, als irgend eine ihrer Person selbst drohende Gefahr. Wäre Hadassah imstande gewesen, ihren Patienten ganz abzuschließen, so würde sie viel lieber die Pflichten der Gastfreundschaft gegen ihn erfüllt haben, aber solche Abgeschlossenheit würde die beschränkte Räumlichkeit ihrer Wohnung unmöglich gemacht haben, selbst wenn LycidaS in diese Absonderung gewilligt hätte. Dies war jedoch keineswegs der Fall. Er verlangte nicht nur oft, daß der Vorhang zurückgezogen würde, damit er freier athmen L09 könne, sondern er war auch, als seine Kräfte zunahmen, begierig zu sehen und gesehen zu werden, und ebenso gern zu sprechen als zu hören. Auch die ängstlichen Warnungen vor dem plötzlichen Eintritt Abischais konnten den Griechen nicht abhalten, seine müden Glieder auch außerhalb der durch den Vorhang gezogenen Grenzen auszustrecken und in die Unterhaltung einzustimmen. Lycidas schloß absichtlich seine Augen vor der Thatsache, daß seiner Wirthin wenigstens seine Anwesenheit sehr unwillkommen war. Er täuschte sich in dem Glauben, daß er sich für die Freundlichkeiten, welche er empfing, dankbar beweise, wenn er die Eintönigkeit des abgeschlossenen Lebens, welches die hebräischen Frauen führten, durch sein unterhaltendes Wesen belebte. Der junge Athener ließ den reichen Schatz seines Wissens hervorleuchten. Bald erzählte er wunderbare Dinge aus fremden Ländern, bald machte er ihnen lebhafte Beschreibungen seiner eigenen Abenteuer. Poesie floß von seinen Lippen wie ein Strom, der sich durch glänzende Phantasie in feierliche, erhabene, tiefernste Gedanken vertiefte. Lyeidas war in Athen, sowohl seiner geistigen Gaben als auch seiner körperlichen Schönheit wegen, mit Apollo verglichen worden. Sarah lauschte seiner glänzenden Unterhaltung, die so verschieden war von allem, was sie je gehört, mit unschuldigem Vergnügen. Sie war ihrer alten Verwandten stets gehorsam, selbst wenn sie in die oberen Räume des Hauses mit Aufträgen geschickt wurde, die nach ihrer Ansicht nutzlos waren; aber sie erschien immer wieder in dem unteren Gemach, in welches sie stets eine neue, mächtige Anziehungskraft zog. Wenn Hadassah zuweilen dem schönen, jungen Wesen, das sie liebte, reizbar und gebieterisch erschien, so kam dies dadurch, daß ihr Gemüth beunruhigt und ihre Ruhe durch Befürchtungen gestört wurde, die sie niemand mittheilen konnte. Hadassah wußte kaum, welches Uebel sie am meisten fürchtete, die Entdeckung des Lycidas durch Abischai — ein Umstand, der unvermeidlich ihre Schwelle mit Blut beflecken würde, oder den langen Aufenthalt des Fremden unter ihrem Dach, den sie mit Rücksicht auf die damit verbundene Gefahr ungern eingelassen^ und noch weniger gern in ihrem Heim zurückhielt. 9. Kapitel. Der Tod des Mattathias. Mattathias und sein Gefolge führten in den Bergen ein wildes Leben, ein Leben voller Gefahren und Mühseligkeiten. Den Gefahren wurde aber männlich entgegengetreten und die Mühseligkeiten fröhlich ertragen. Inmitten wilder Felsen, die, einst auseinaudergerissen durch irgend eine gewaltige Erschütterung der Natur, mit ihren riesenhaften Bruchstücken tiefe Höhlen und Schluchten bildeten, fand diese kleine Heldcnschaar ihre Heimath. Wo die Hyäne ihren Schlupfwinkel und der Leopard sein Lager hat, wo die Gemse ihre Zuflucht sucht und das Kaninchen in den Steinklüften sich verbirgt, da lauerten die Hebräer in ihrem Versteck und vertheidigten die gewaltigen Festungen, die nicht von Menschenhänden errichtet waren, und aus denen sie zu vertreiben für den Feind eine schwere Aufgabe war. Der kleinen Schaar, die sich um Mattathias bei dem Rückzüge aus Modin gesammelt hatte, hatten sich bald andere kühne und eifrige Söhne Abrahams angeschlossen, und die Berge wurden bald ein Zufluchtsort vieler, welche vor der Verfolgung flohen. Als ihre Zahl anwuchs, vergrößerten sich auch die Schwierigkeiten, Lebensmittel herbeizuschaffen. Die Hasmonäer und ihre Gefährten lebten hauptsächlich von Wurzeln. Die weniger Abgehärteten litten sehr unter der Kälte und der schneidenden, scharfen Bergluft, die über die schneebedeckten Höhen wehte. Häufige Ausfälle wurden in die Ebene gemacht, Götzen-Altäre niedergeworfen, Festungen verbrannt und Abtheilungen von Syrern abgeschickten. Kein Feind im Umkreise einiger Meilen legte sich sicher vor den Ueber- fällen in der Finsterniß zur Ruhe nieder, und oftmals deutete am Morgen ein Haufe von Trümmern an, wo am Abend vorher von den Wällen einer wohlbesetzten Festung das syrische Banner geweht hatte. Der kühne Geist des Makkabäus war wohl mit dieser abenteuerlichen Lebensweise vertraut, obgleich er nicht derjenige war, der ein Banditenlebeu gewählt haben würde. Wie selbst in der harten, felsigen Wüste Stellen sind, wo eine reiche Vegetation die unten verborgene Quelle verräth, und diejenigen, welche tief genug graben, einen Strahl glänzenden, frischen Wassers finden, so tief war in dem Herzen des Haswonäers eine Quelle von Zartheit verborgen, die nicht verhärtet werden konnte durch die ernste Nothwendigkeit des Kriegslebens. Dieser geheime Gemüthszustand macht den Krieger ritterlicher gegen die Frauen, nachsichtiger gegen die Schwachen und mitleidiger gegen alle Leidenden. Wenn er einen Triumph feierte, war der Gedanke, der den Sieg noch süßer machte: „Wird Sarah sich darüber freuen?" War er aus großer Gefahr errettet, meinte er: „Sarah hat für mich gebetet." Und die Errettung war ihm daher doppelt willkommen. Wenn der Abendstern am Himmel glänzte, so erschien ihm dieser reine, schöne Himmelskörper wie ein Sinnbild der Sarah; wenn er ihn erblickte, gab sich der Krieger entzückenden Träumen hin. Dieses Kriegsleben würde doch nicht ewig währen! Wenn der Herr Zebaoth die Waffen seiner Knechte segnete, konnte wohl eine Zeit kommen, da die Schwerter zu Pflugscharen gemacht würden, die Kinder sorglos auf der Weide spielten, die keines Feindes Fuß wieder betreten durfte, und Freude wieder einziehen würde in das Land der Freien. Beseligende Hoffnungen schlichen sich so in die Seele deS Hasmonäers, bis er plötzlich wie eine Schildwache stutzte, die auf ihrem Posten eingeschlafen ist. Wie durfte er, der Führer von Israels verlorenen Hoffnungen, sich Träumereien hingeben, die ihn fühlen ließen, wie köstlich das Leben für ihn durch den Besitz eines Herzens werden könnte, während er dieses Leben dem Dienste Gottes und dem Vaterlands gewidmet hatte! Stand David still, um die Lilien des Feldes zu pflücken, als er sich genöthigt sah, seine Heerden vor den Klauen des Löwen und Bären zu schützen? „Es ist gut," dachte Judas Makkabäus, „daß ich Sarah niemals zu verstehen gegeben habe, was in meinem Herzen vorgeht. Wenn ich falle, wie ich wahrscheinlich auf dem Schlacht- felde fallen werde, möchte ich sie nicht dem Kummer- einer Wittwe preisgeben." Ein Ereigniß nahte heran, das von allen, denen Judas Sache theuer war, als ein schwerer Schlag gefühlt wurde, besonders aber von den hasmonäischen Brüdern, welche seit ihrer Kindheit ihren Vater mit Ehrerbietung und Liebe betrachtet hatten. Mattathias war ein alter Mann, und obwohl sein Geist niemals der Arbeit erlag, so mußte sein Körper doch endlich ihrer Einwirkung zum Opfer fallen. Der Patriarch 209 fühlte, daß seine Tage, ja, seine Stunden gezählt seien, und versammelte daher seine Söhne um sich, damit sie seinen letzten Willen höxen und zum Abschied seinen Segen empfangen möchten. In einer Höhle, nahe am Fuße eines Berges, lag ausgestreckt auf Kissen von Thierfellen der ehrwürdige Mann. Auf seinem Gesicht lag schon die Blässe des Todes, aber sein Antlitz war ruhig. Der alte Pilger sah aus wie einer, der wirklich fühlt, daß er Gottes Stecken und Stab bei seinem Weg durch das Thal des Todes zur Stütze hat. Draußen war es helle Mittagszeit, aber dennoch fiel nur ein matter Schein in die Höhle auf die Gestalt des sterbenden Greises und seiner fünf stattlichen Söhne, welche in stummem Gram um ihren verehrten Vater knieten. Mattathias bat seine Söhne, ihn ein wenig zu erheben, damit er besser sprechen könne. Jonathan und Eleazar hielten ihn kniecnd mit ihren Armen, während die drei übrigen Brüder in derselben ehrfurchtsvollen Stellung schweigend die letzten Worte des Patriarchen hörten. Ich wage nicht, meine eigenen Worte denjenigen hinzuzufügen, welche der Historiker als die sterbenden Aeußerungen dieses edlen, alten Mannes, eines Helden und Vaters von Helden, aufbewahrt hat. Ich gebe sie, wie sie in die Ohren des Judas Makkabäus und seiner Brüder fielen, welche sie empfingen, wie Joseph den Abschiedssegen Israels empfing. „Es ist eine große Tyrannei und Verfolgung und ein großer Grimm und harte Strafe über uns gekommen. Darum, liebe Söhne, eifert um das Gesetz und waget Euer Leben für den Bund unserer Väter; und gedenket, welche Thaten unsere Väter zu ihren Zeiten gethan haben: so werdet Ihr rechte Ehre und einen ewigen Namen erlangen. Abraham ward versucht und blieb fest im Glauben, das ist ihm gerechnet worden zur Gerechtigkeit. Elias eiferte um das Gesetz und ward gen Himmel geführet. Sadrach, Mesach und Abed-Nego glaubten und wurden aus dem Feuer errettet. Daniel ward wegen seiner Unschuld errettet von den Löwen. Also bedenket, was zu jener Zeit geschehen ist, so werdet Ihr finden, daß alle, die auf Gott vertrauen, erhalten werden. Derohalben, liebe Kinder, seid unerschrocken und haltet ob dem Gesetz, so wird Euch Gott wiederum herrlich machen." Der alte Mann hielt, wie um neue Kraft zu sammeln, inne, dann streckte er seine ermattende Hand gegen Simon, seinen zweiten Sohn, aus und fuhr fort: „Euer Bruder Simon ist weise, dem gehorchet als einem Vater." Dann streckte sich die Hand von neuem aus, sie lag diesmal auf dem gebeugten Haupt des Judas: „Judas Makkabäus ist stark und ein Held, der soll Hauptmann sein und den Krieg führen." Da war in dem Auge des edelmüthigen Johannes kein murrender Blick der Eifersucht, wie seine Brüder als erhabener in solchen Eigenschaften, mit denen Führer begabt sein müssen, ihm vorgezogen wurden. Johannes wußte, daß die Weisheit des Simon und die kriegerischen Talente des Judas seine eigenen bei weitem übertrafen; er wollte mit und unter ihnen dienen und sich gern dem Willen seines Gottes und den Rathschlägen seines Vaters unterwerfen. Wir finden nicht den leisesten Zug von eifersüchtiger Nebenbuhlerschaft unter jenen glorreichen fünf Brudern, welche alle den Vorzug theilten, für ihr Vaterland zu leiden. Drei von ihnen starben sogar für dasselbe. Darauf schied Mattathias, nachdem er seine Söhne feierlich gesegnet hatte, dahin wie einer, der einen guten Kampf gekämpft und fest am Glauben gehalten hat bis an sein Ende. Großes Wehklagen erhob sich in Judäa über den Tod dessen, der dem Volke ein Führer war. Die Söhne des Mattathias brachten seinen Leichnam nach Modin und begruben ihn im Grabe seiner Väter. In späteren Friedenszeiten errichtete Simon ein schönes Denkmal von Marmor in Form von sieben hohen Pfeilern, welche weithin von den auf den Fluthen des Mittelländischen Meeres segelnden Schiffen gesehen werden konnten. Der hasmonäische Fürst baute dieses Denkmal zu Ehren seiner Eltern und ihrer fünf Söhne, nachdem Jonathan, Eleazar und Judas Makkabäus das Bekenntniß ihres Glaubens mit dem Tode besiegelt hatten. (Fortsetzung folgt.) -- Richter Lynch. Lynchhinrichtungen, d. h. Fälle, wo zornige, erregte Volksmengen an Stelle dcZ Strafrichtcrs das Gesetz selbst in die Hand nahmen, sind nirgendwo in so großer Zahl wie in den Vereinigten Staaten beobachtet worden. Keine Woche vergeht hier, ohne daß in den Zeitungen eine Lynchhinrichtung besprochen würde. Im 19. Jahrhundert sind innerhalb des Gebietes der Vereinigten Staaten wenigstens 20—25,000 Menschen dem Richter Lynch verfallen. Eine genauere Zahlung hat man für den Zeitraum von 1890 bis Ende 1895, in welchem an nicht weniger als 1118 Personen von der Volksjustiz, aber nur an 723 Personen von den ordentlichen Gerichten die Todesstrafe vollzogen wurde. Die Geschichte des „Richters Lynch" hat noch kein Historiker zu schreiben versucht. Wie lange er schon im Lande haust und wie er zu seinem eigenthümlichen Namen gekommen ist, weiß Niemand recht zu sagen. In Vir- ginien erzählt man, sein Name sei auf denjenigen eines Farmers Lynch zurückzuführen, der zu AnSgang des 17. Jahrhunderts lebte und an allen Ucbelthätcrn, die auf seinen Grundstücken Unfug anstifteten, eigenhändig Justiz ausübte, indem er sie an einen Baum fesselte und gehörig peitschte. Lynchhinrichtungen ereigneten sich während des 17. und 18. Jahrhunderts in den englischen Colo- niecn Nordamerikas nicht eben selten; ganz besonders aber kamen sie um die Mitte dieses Jahrhunderts in Flor, als in Folge der Entdeckung der kalifornischen Goldfelder Schaarcu von Auswanderern und Abenteurern aus allen Theilen der Welt nach dem Westen strömten und jene bis dahin noch fast ganz unbekannten Wildnisse zu besiedeln begannen. Inmitten jener Wildnisse, wo die einsamen Blockhütten der Culturpiouiere häufig viele hundert Meilen von der nächsten größeren Niederlassung entfernt lagen, gab cS natürlich keine Richter und Gerichtshöfe; man kannte nur das eine, in allen Steppen und Einöden gleichlautende Gesetz: „Auge um Auge, Zahn um Zahn!" Besonders zwei Verbrechen wurden stets mit dem Tode bestraft: der Pserdediebstahl und Verbrechen gegen Frauen und Mädchenl^Die Pferde waren der kostbarste Bestandtheil der Habe der Ansiedler, denn nicht nur boten sie die einzige Möglichkeit dar, die endlosen Prärieen und Wildnisse zu durchkreuzen, sondern von ihrem Vorhandensein, von ihrer Schnelligkeit und 210 Ausdauer hing in Fällen der Gefahr, die in Gestalt von Prärie- und Waldbrändcn oder Angriffen seitens der Indianer die Ansiedler stets bedrohten, das Leben ab. Es konnte demnach die Ansiedler kaum ein verhänguiß- vollerer Verlust treffen, als wenn ihnen die Pferde gestohlen wurden, was die Pferdediebe verhältnißmäßig leicht auszuführen vermochten, da man Ställe kaum kannte, sondern die Pferde frei im Walde oder auf den Prärieen umherlaufen ließ. Auch die weiblichen Angehörigen der Ansiedler blieben nicht selten ohne genügenden Schutz, besonders dann, wenn die Männer der Jagd oder den Feldarbeiten oblagen. In solchen Augenblicken war beständig zu befürchten, daß umherstreifende Strolche, an denen im fernen Westen wie im Süden der Union kein Mangel ist, die Gelegenheit sich zunutze machen würden, um die schutzlosen Frauen und Mädchen anzufallen. Dieser Gefahr sind besonders die auf vereinsamten Plantagen und Farmen wohnenden weißen Frauen und Mädchen des Südens ausgesetzt, da die hier vorherrschende Neger- und Mischlingsbevölkerung reich an sinnlichen Elementen ist. Die weißen Südländer behaupten ganz offen, daß diese Leute die weißen Frauen denen ihrer eigenen Rasse vorziehen und ihnen häufig Fallen stellen. Um die Leidenschaften der Schwarzen und Mulatten niederzuhalten, gebe es kein anderes Mittel, als die Strafen für die gegen Frauen und Mädchen begangenen Verbrechen so abschreckend als möglich zu gestalten. In der That bezeigen die Ansiedler des Südens bei der Vornahme derartiger Lynchhinrichtuugen zuweilen eine Grausamkeit, die geradezu barbarisch genannt und nur dadurch erklärt werden kann, daß das Beispiel, wie die in denselben Ländern hausenden Indianer mit ihren Gefangenen verfuhren, nicht ohne Einfluß auf die Anschauungen der Ansiedler blieb. Daß dies thatsächlich der Fall, beweisen mehrere Lynchhinrichtuugen, die während der letzten Jahre im Staate Texas an Negern vollzogen wurden, welche Attentate auf weiße Frauen unternommen hatten. Besonders eine im Jahre 1891 in Texas vollzogene Hinrichtung eines Negers war eine so grauenhafte Handlung, daß, als die That in ihrer ganzen Schrcck- lichkeit bekannt wurde, ein Schrei des Entsetzens die Vereinigten Staaten durchfuhr. Nicht minder schrecklich war die am 30. Oktober 1895 erfolgte Hinrichtung des Negers Henry Hilliard, der die Frau eines Farmers vergewaltigt und ermordet hatte, dafür aber von seinen Vcrsolgem auf offenem Marktplatz des Ortes Tyler in Texas im Beisein einer nach Tausenden zählenden Volksmenge langsam zu Tode geröstet wurde. Die Rechtspflege ist in vielen Theilen der Vereinigten Staaten noch heutzutage äußerst mangelhaft. Gestaltet sich in den wenig besiedelten Gegenden das Zusammenbringen eines geordneten Gerichtshofes vielfach zu einem schwierigen Unternehmen, so ist es fernerhin eine offenkundige Thatsache, daß viele Richter käuflich sind, und daß zahlreiche Verbrecher der verdienten Strafe entgehen, wenn sie Mittel besitzen, die Richter oder die Geschworenen zn bestechen oder sonstwie zu beeinflussen. Diese Fälle ereigneten sich in manchen Gegenden so häufig, daß das Volk alles Vertrauen zu der Rechtspflege verlor und sogenannte „Vigilanz-Comitos" oder „Negulatoren-Ver- bindungen" bildete, deren Streben dahin ging, die bestehenden Zustände zu verbessern, vornehmlich da, wo die Gesetzlosigkeit überhand nahm und die Rechtspflege der Lage nicht gewachsen war. Der Antheil, den diese Regulatoren und UeberwachungsauSschüsse an dem Fortschritt der Civilisation im Westen der Vereinigten Staaten haben, ist nicht gering; ohne sie wäre ein großer Theil des amerikanischen Westens noch heute eine für gesittete Menschen unnahbare Wildniß. Die Ortschaften und Städte, die mit der Zeit an den Stromläufeu und Eisenbahnen entstanden, waren in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens meist Sammelpunkte des verworfensten Gesindels, das nicht die geringste Achtung vor dem Gesetze kannte und Zustände schuf, die jeder Beschreibung spotten. Manche dieser Ortschaften erlangten in Folge der zahllosen Verbrechen und Mordthaten, die sich daselbst ereigneten, eine geradezu traurige Berühmtheit, wie z. B. Dodge City in Kansas, Virginia City in Montana, Julesburg in Colorado, Tombstone in Arizona u. a. Jahrelang schalteten hier die verrufensten Banditen unumschränkt, bis endlich die nach Ordnung und Sicherheit verlangenden besseren Elemente der Umgegend sich zu UeberwachungS- ausschüssen zusammenthaten und den Kampf gegen daS Gesinde! aufnahmen. Daß dieser in der Regel mit der Vertreibung des Gesindels endende Kampf nicht ohne Gefahren für die Femrichter selber war, beweist der Umstand, daß in Dodge City während eines Jahrzehnts über 30 Personen ihr Lcben verloren, welche geordnete Zustände schaffen wollten, ä,' Es darf nicht verschwiegen bleiben, daß die geheimen Femrichter in dem Bestreben, die Moral zu verbessern, nicht selten im Namen der Gerechtigkeit und Moral selber Gewaltthaten aller Art begehen. Es wird keineswegs immer untersucht, ob die Verdächtigen auch wirklich die Schuldigen sind; haben die Femrichter es sich in den Kopf gesetzt, daß der oder jener Urheber des Verbrechens sei, so genügt dies, um sich des Betreffenden zu bemächtigen und ihn je nach Laune zu hängen oder zu erschießen. So geschieht es nicht selten, daß Personen dem Lynch« gericht verfallen, die, wie sich hinterher herausstellt, dcS ihnen vorgeworfenen Verbrechens vollkommen unschuldig waren. In den 80er Jahren wurde in Colorado ein deutscher Gelehrter, der Studien halber die Felsengebirge durchzog und arglos von zwei des Weges kommenden Pferdedieben ein kurz zuvor gestohlenes Maulthicr gekauft hatte, von den Verfolgern der Gauner erreicht und als der vermeintliche Pferdedieb erbarmungslos aufgeknüpft. Ganz besonderes Aufsehen erregte auch die Nieder- metzelung von 11 Sicilianern, die im Jahre 1891 zu New-Orleans einer Mordthat wegen vor die Urthcils- jury verwiesen wurden. Einige der 19 Angeklagten waren freigesprochen worden; betreffs mehrerer anderer konnte die Jury sich nicht einigen. Die Bevölkerung von New- OrleanS zog daraus den Schluß, daß die Geschworenen bestochen seien, weshalb sie sich zusammenrottete, das städtische Gefängniß stürmte und die in demselben noch befindlichen 11 Sicilianer erbarmungslos niederschoß. Dadurch entstanden bekanntlich die diplomatischen Verwicklungen zwischen den Vereinigten Staaten und Italien, die erst beigelegt wurden, nachdem den Hinterbliebenen der Gctödtetcn eine angemessene Entschädigung ausbezahlt worden war. Manche der vielfach im geheimen wirkenden Negu- latoren-Verbindungen, wie z. B. die seit längerer Zeit im Süden und Westen verbreiteten „Wcißkappsn", treten als Tugendwächter und Sittenrichter auf und haben es vorzugsweise darauf abgesehen, die Reinheit und Heiligkeit des Familienlebens zn schützen und Trunkenheit und andere Laster zu bestrafen. Nicht selten werden Personen beiderlei Geschlechts, die sich einem unmoralischen Lebenswandel ergaben, zur Nachtzeit aus den Betten geholt und barbarisch gepeitscht. In den südlichen Staaten, wo in Bezug auf die Rasscnfrage noch strenge Ansichten herrschen, gegen die niemand ungestraft sich vergehen darf, ereignet es sich zuweilen, daß eine Negerin oder Mulattin, die Gelüste hat, sich mit einem Weißen ehelich zu verbinden, vor der Hochzeit eine „vkits wasvinA" erhält, das heißt mit Pinsel und Tünche bearbeitet wird, damit sie ihrem weißen Liebhaber wenigstens äußerlich ähnlich sehe. Das früher sehr beliebte „Theeren und Federn" kommt jetzt nur noch selten zur Anwendung, ereignete sich aber noch im Jahre 1894 in Colorado, wo der Politiker Tarsney von politischen Gegnern überfallen, nach einer einsamen Stelle geschleppt und daselbst getheert und gefedert wurde. Ein anderer Fall, der einen unsittlich lebenden Schulmeister betraf, ereignete sich im Februar dieses Jahres in Tennessee. Diese Strafe gilt nicht nur als äußerst schimpflich, sondern ist für den also Mißhandelten auch mit den größten Schmerzen verbunden, da cS dem mit Theer und Federn Ucberzogcnen ungeheure Mühe kostet, seines Fedcrkleides ledig zu werden. Der dicke Theerbelag, der die Thätigkeit der Hautporen völlig unterdrückt, verursacht zunächst einen Zustand furchtbarer Beängstigung dazu kommt, daß die feinen, den Körper bedeckenden Haare von dem Theer so fest gehalten werden, daß die geringste Aenderung der Stellung das Gefühl verursacht, als ob ein jedes Haar einzeln ansgerissen würde. Nicht minder schmerzhaft ist die mit Oel und Bürsten zu bewirkende Entfernung des Teers, was geraume Zeit beansprucht und, wenn auch mit größter Behutsamkeit durchgeführt, den Körper in einem Zustande der Blutrünstigkcit zurückläßt, der erst nach Wochen eine völlig schmerzlose freie Bewegung der Glieder wieder gestattet. Wer mit der Vertheilung der Nassen in den Vereinigten Staaten einigermaßen bekannt ist, weiß, daß die Staaten, in denen keine Lynchhinrichtungen stattfanden, nur eine ganz geringe Negerbcvölkcruug besitzen und auch in der allgemeinen Civilisation am weitesten vorgeschritten sind. Die Staaten mit vereinzelten Lynchhinrichtungen bilden mit ihren größer» Proccntsätzcn einer Negerbe- völkeruug die Uebergangsgebiete zu den Südstaaten, in denen die schwarze Rasse besonders stark vertreten ist und wo die meisten Lynchmorde sich ereignen. Verglichen mit den hochcivilisirten Nordstaaten stehen die Südstaatcn noch auf einer Stufe der Halbcultur, die, wie sie in manchen andern Dingen zum Ausdruck kommt, sich am schärfsten in dem Vorkommen der zahlreichen Lynch- binrichtnngen kennzeichnet. ---SWWVS-«-- Verßrechendentisikatiorr. Von Otto Opet. Zu den schwierigsten Problemen, mit deren Lösung sich die Strafrcchtspflege seit Jahrtausenden beschäftigt, gehört die Ermittelung eines Verfahrens, das die rasche und zweifellose Wiedererkennung von Verbrechern ermöglicht. Die Nothwendigkeit eines solchen Verfahrens stellt sich namentlich dem rückfälligen Verbrecher gegenüber heraus, dessen Bestrafung mit Rücksicht auf die durch wiederholte Begehung von Strafthaten offenbarte an sich verbrecherische Willensrichtung nach den meisten Gesetzgebungen härter als die deS bloßen Gelegenheitsverbrechers normirt ist, deren Verhängung jedoch nur unter dem Nachweis, daß man eS thatsächlich mit einem bereits bestraften Verbrecher zu thun habe, erfolgen kann. Das älteste Mittel, das zwar nicht das Erkennen einer bestimmten Persönlichkeit, immerhin aber die Feststellung ermöglichte, daß ein Verbrecher bereits früher eine gerichtliche Bestrafung erlitten, war die Brandmarkung. Ihrer gedenkt bereits die Genesis in der Erzählung vom Kainszeichen, das freilich an jener Stelle einen abweichenden Zweck, die Sicherung des Brudermörders vor feindlichen Angriffen, verfolgt. Die europäischen Kulturvölker des Alterthums, die Griechen und Römer, machten in früherer Zeit von der Brandmarkung nur gegenüber bestraften oder wiederholt entflohenen Sklaven Gebrauch, denen auf Finger oder Hand mit glühendem Eisen ein Zeichen eingebrannt wurde. Mildere Herren begnügten sich damit, um den Hals des eingesungenen Flüchtlings eine, unseren Hundehalsbändern vergleichbare, eiserne Kette schmieden zu lassen, deren Inschrift die Aufforderung enthielt, den Träger der Kette gegen Empfang einer Belohnung seinem namentlich bezeichneten Eigenthümer zurückzubringen. Eine Anwendung der Brandmarkung auf freie Personen erfolgte erst in der durchweg durch grausame Verschärfung des Strafrechts berüchtigt gewordenen Gesetzgebung der römischen Kaiserzeit. Die Bezeichnung mit dem Stigma, wie die Römer mit einem dem Griechischen entlehnten Ausdruck das Brandmal bezeichneten, wurde zur Nebenstrafe, als unzertrennliche Begleiterin jeder auf Aberkennung der Freiheit lautenden Hauptstrafe. Allerdings kannte das antike Strafrecht nur lebenslängliche Freiheitsstrafen; die deßhalb an sich überflüssige Brandmarkung sollte jedoch die Flucht aus den Bergwerken oder der Arena, in denen der Verurtheilte als Bergarbeiter oder Gladiator den Drang der Römer nach Brod und Spielen befriedigen mußte, verhindern oder ihn auch im Fall der Begnadigung als einstigen schweren Verbrecher kennzeichnen. Für die Anbringung des Brandmals hatte die Gesetzgebung ursprünglich keine Vorschriften enthalten, so daß jeder beliebige Körpertheil damit versehen werden konnte. Eine Aenderung erfolgte durch ein ungemcin mildes Dekret Kaiser Konstantins, der die Brandmarkung des Gesichts, „als des Ebenbildes göttlicher Schönheit", verbot und dafür die Handfläche oder das Schienbein zu verwenden befahl. Vervollkommnung hatte auch das Brandzeichen selbst erfahren. An die Stelle des rohen Mals war durch die gesteigerte Kunst der Tütowirung eine förmliche Inschrift getreten, die in tironischen Noten, der Stenographie des Alterthums, am eigenen Leibe des Thäters in unauslöschlichen Zügen seine Verbrecherlaufbahn schilderte. Die germanischen Stamme, die nach dem Zusammen» bruch des römischen Reichs auf dessen Boden die Begründer der modernen Staatenbildungen wurden, nahmen neben sonstigen Resten antiker Kultur auch zahlreiche Bestandtheile des römischen Strafrechts in ihr Nechtsleben auf. So begegnet uns denn auch die Brandmarkung bei Langobarden, Angelsachsen und Nordgermanen, jedoch nicht als Nebenstrafe, sondern in selbstständiger Function als Sühne bestimmter Verbrechen, mit dem ausdrücklichen Zweck, neben ihrem Charakter als Hauptstrafe auch das spätere Wiedererkennen deS bereits Bestraften zu ermöglichen, den besonders bei wiederholtem Dtebstahl härtere Bestrafung traf. Dabei erfuhr die Form des Brandmals 212 eine interessante Wandlung, welche die Neigung jugendlicher Völker, rechtliche Vorgänge in sinnlicher Darstellung Zu symbolisiern, zum Ausdruck brachte. Die tätowirte Buchstabenschrift der römischen Brandmarke befriedigte nicht die naive Anschauung des Germanen, der den Beweis einer früheren Unthat sehen, nicht lesen wollte, letzteres meist auch gar nicht konnte. Für die Schrift trat deßhalb wieder die Brandzeichnung ein, diesmal jedoch nicht ein beliebiges Mal, sondern die Darstellung eines Gegen-, standes, der ohne weiteres auf die Natur des verübten Delikts schließen ließ. So wurde dem Diebe auf Wange oder Stirn ein Schlüssel eingebrannt, erhielt der Falschmünzer das Bild eines Geldstücks in das Gesicht geprägt. Das Prinzip, das Verbrechen bereits in Art und Vollzug der Strafe zum Ausdruck zu bringen, beschränkte sich jedoch nicht auf die Brandmarkung. Auch die übrigen Strafen sollten, soweit angängig, nach germanischer Anschauung das Delikt kennzeichnen und durch ihre äußere Erscheinung am Körper i>es Schuldigen bei Nückfall dessen härtere Bestrafung garantiren. An dem sündigenden Glied wird die Strafe genommen: dem Verleumder wurde die Zunge ausgeschnitten, dem Meineidigen die Schwurhaud abgehauen, dem Raufbold ein Messer durch die Hand gestoßen, der Unzüchtige entmannt. Daß die Strafe daS Delikt wiederspiegeln muß, war ein seit grauer Zeit im Volksbewußtsein lebender Gedanke. Schon in der alten Sage vom Zwerg Laurin wird jedem, der den Rosengarten zertritt oder sonst beschädigt, Verlust des linken Fußes und der rechten Hand angedroht; in ähnlicher Weise wurden nach der Schlacht im Teutobnrger Wald den gefangenen römischen Nechtsgelehrten, die schon damals das fremde Recht auf deutschem Boden hatten einführen wollen, von den erbitterten Siegern die Zunge ausgeschnitten und die Lippen vernäht. Eine Wiedererkennung schon bestrafter Verbrecher ermöglichten ferner die übrigen, ohne besondere Beziehung auf das fragliche Verbrechen angedrohten verstümmelnden Strafen, wie Blendung, Abhauen von Gliedmaßen, Abschneiden von Nase und Ohren, Ausbrechen der Zähne. Allerdings kamen diese grausamen Strafen nicht in allen Fällen, in denen sie verhängt waren, auch zur Anwendung; meist durfte der Verurtheilte die Strafe „ledigen", sich durch eine dem Verletzten und dem Gericht geleistete - Geldzahlung von der Verstümmelung loskaufen. Allein auch dann blieb er als Verbrecher gekennzeichnet: als ehr- und rechtlos wurde er aus dem Kreis seiner bisherigen Standesgenossen ausgeschlossen, jeder Mitwirkung in Gericht und Gemeinde enthoben. Bei der Enge der mittelalterlichen Verhältnisse, die sich stets in genossenschaftlichen Verbänden bethätigten, verging daher kein Tag, der nicht durch eine erneute Zurücksetzung des Missethäters sein Verbrechen im Gedächtniß seiner Umgebung wach erhalten hätte. Durch Auswanderung vermochte sich der Verbrecher nur selten diesen Folgen zu entziehen; der Verkehr war schwierig und die Aufnahme in einen neuen Genossenschaftsverband vom Nachweis eines Leumunds abhängig, den ein in seinem Recht Geminderter kaum hätte erbringen können. Die bloße Niederlassung an fremdem. Ort verschaffte dagegen dem neuen Zuzügler keinen An- 'i spruch auf Duldung, sondern setzte ihn steter Gefahr der Vertreibung aus. - Mit dem Anbruch der neueren Zeit, unter dem Eindringen der individualistischen römischen Nechtsanschauung verlor das Genossenschaftswesen seinen starken Zusammenhalt, verminderte sich die Antheilnahme der Volksangehörigen am Gemeinde- und Gerichtsleben. Damit büßte aber auch der Ehrverlust die Garantie ein, die er bisher für die Identifikation der Verbrecher geboten hatte. Unzulässig erschien es nunmehr, sich durch Geldopfer von einer verstümmelnden Strafe zu befreien, eine Möglichkeit, die bei dem allmäligen Verarmen der großen Masse der Bevölkerung ohnehin schon als ein hassenswertheS Privileg eines kleinen, mit Glücksgütern gesegneten Bruchtheils der Nation erschienen sein mochte. Das berühmte Strafgesetzbuch Kaiser Karls V., die Hals- oder Peinliche Gerichtsordnung, abgekürzt Carolina genannt, schließt deßhalb die Ledigung der verstümmelnden Strafen auch vollständig aus. (Schluß folgt.) --»-S-W8S—- Wassiorrs- und Werzeit. L. Gründonnerstag. 's ist nur ein alter Weidenbaum, Der blühend hier vor'm Fenster steht — Und das ist nur der Abendwind, Der frühlingSschancrnd d'rüber weht. Es ist das Abendglühen nur, Das drüben noch im Westen flammt. Und doch, — eS scheint der Sonnenzug Heut, wie ein Nicseuopferbrand l Wie trübe Vorbedeutung zieht's Rings müde dämmernd über'm Hag; Wie ahnuugSschwer erstarb, dies heut. — Es war — Gründonnerstag. 2. Charfreitag. Nebel wallen, Nebel ziehen Und umdunkeln Sounenglühen, Und umdüstern Blüthenpracht Mit gehcimnißvoller Nacht. Vöglcin flattern scheu und schweigen Auf den knospcuweichen Zweigen, Und im blauen Nebeldust Rastet athcmbange Luft. Und doch rieselt Himmelsthauen Nieder rings auf Frühlingsauen, Während an des Kreuzes Stamm Blutend stirbt ein Opferlamm. Welt und Himmel hält umfangen Eines GottcS TodeSbangen; — Liebeswundcr! Durch die Nacht Zitterl's leiö: — „Es ist vollbracht." 3. Ostermorgen. Heller war noch nie ein Morgen Aus der Nächte Schootz gestiegen, Alles Dunkel, alles Bangen Scheint sein Lichtglanz zu besiegen. Und eö brechen alle Knospen, Die ihr Blühen zag geborgen, Jauchzend tönen Vogelstimmen Durch den segcnSvollen Morgen. Und das Menschenherz erzittert In den ungeahnten Wonnen; Endlich ist es Licht geworden! Endlich ist das Heil gekommen! Jubelnd braust es in den Lüften, Jauchzend dringt von Land zu Landen Eine überfrohe Kunde: „Christus ist dem Grab erstanden." Elsa Glas. Auflösung des Bilder-NäthselS in Nr. 27: Kryptogramm: Die Liebe verklärt die Wirklichkeit. « 29 . 1896 . „Augsburgrr PostMung". Dinstag, den 7. April Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefttzer Dr. Max Huttlcr). Osterlie-. Ist der Frühling neu erschienen Tragen in die Erdenrunde Jedes Jahr die Osterglocken Allen Herzen frohe Kunde: Alleluja, Alleluja! Christ der Herr ist auferstanden! Kühn, ein hochgemuther Degen Brach der Held des Todes Banden. Alleluja, Alleluja! Aus dem Schatten dunkler Grüfte Steigt des Siegers Kreuzesfahne Hocherflatternd in die Lüfte. Alleluja, Alleluja! Der getödtet war, er lebet, Und die Himmelsheere jauchzen Und der Höllenpfuhl erbebet. Alleluja, Alleluja! Preis dem Todesüberwinder, Der der Lohn für die Gerechten Und das Heil ward für die Sünder. Alleluja, Alleluja! Der am Kreuz in Schmach gestorben Hat durch seinen Tod das Leben Aller Welt und uns erworben. Laßt uns seiner Fahne folgen, Seine Wege laßt uns gehen. Daß wir all' zu ewigem Leben Mit ihm, durch ihn auferstehen! -«SANS«—- Audas Makkaöäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) 10. Kapitel. Verborgenheit. Wir wollen nun zurückkehren in die stille Wohnung der Hadassah, wo Lycidas Tag für Tag hoffnungsloser in die seidenen Maschen, die ihn als einen unfreiwillig Gefangenen in dem hebräischen Hause festhielten, verstrickt wurde. Die Gefahr seiner Lage machte dieselbe noch reizvoller. Mit Entzücken bemerkte der Grieche, wie sehr Sarah um seine Sicherheit besorgt war. Wenn Lycidas die Schwelle seiner „Höhle" überschritt, hielt Sarah in der Nähe der Eingangsthür, ihre Spindel in der Hand, sorgfältig Wacht, um ihm bei dem Eintritt eines Fremden rechtzeitig Warnung zukommen zu lassen. Ein Wink des Mädchens warnte den Athener hinreichend. Die Aussicht von dem Thorwege gewährte einen so weiten Blick auf die Straße, daß es für einen Fremden unmöglich wurde, das Haus so plötzlich zu betreten, daß Lycidas nicht Zeit gehabt hätte, auf einen schnellen Wink sich hinter seinen Vorhang zurückzuziehen. Einmal kam aber doch eine Gelegenheit, wo die vornehme Schildwache nicht recht auf ihrem Posten war. Lycidas gab auf ihren Arm gestützt der Hadassah eine Beschreibung des Kampfes bei Thermopylä, während seine Augen auf Sarah gerichtet waren, die in der Nähe sitzend ihre ganze Aufmerksamkeit auf seine ergreifende Schilderung lenkte, als plötzlich Abischai, athemlos vor Erregung, in das Haus trat, ohne daß Sarah sein Kommen bemerken und ihr gewohntes Signal geben konnte. Hadassah hörte zuerst den Ton schneller Fußtritte, obwohl auch nicht eher, als bis Abischai beinahe die Schwelle überschritten hatte. Mit großer Geistesgegenwart warf die Wittwe einen großen gestreiften Mantel von Ziegenhaar über Lycidas, welchen sie für Judas Makkabäus für den Fall gemacht hatte, daß eine Gelegenheit sich fände, ihn dem Führer zukommen zu lassen. Hadassah setzte sich dann so, daß sie sich zwischen ihrem Gaste und der Thür befand. Diese Bewegungen waren so schnell, daß sie zu ihrer Ausführung weniger Zeit beanspruchten, als der Bericht. „Aber Kind, Du siehst ja so entsetzt und erschreckt aus, als ob die Syrer hinter Dir wären!" rief Abischai der Sarah zu, als er ihr entsetztes Gesicht gewahr wurde. Seine Augen blitzten triuwphirend, und seine Bewegungen verriethen die höchste Aufregung, als er fortfuhr: „Ich bringe Euch Siegesnachrichten — ein glorreicher Sieg ist von unserem Helden Judas Makkabäus erfochten I Apollonius — mögen die Gräber seiner Väter beschimpft werden — Apollonius, der die Häuser am Berge Zion niederriß, um aus den Steinen derselben Befestigungen zu machen, ist nun überwältigt worden. Der Mörder, der Bedrücker, das Werkzeug eines Tyrannen, ja, beinahe schrecklicher als der Tyrann 214 selbst, liegt nun in seinem Blute und sein mächtiges Kriegsheer ist vor den Streitern des Judas entflohen!" „Der Herr der Heerschaaren sei gepriesen," rief Hadassah, „aber erzähle uns von dem Kampfe, mein Sohn." Dabei nöthigte sich Abischai, an ihrer Seite Platz zu nehmen, so daß er Lycidas den Rücken zukehren mußte. Der Jude setzte sich so nahe an den Griechen, daß die Fallen seines Oberkleides den Mantel berührten, unter welchem Lycidas zusammengekauert lag. Wenn Abischai seine Hand nur um einen Zoll breit weiter bewegte, mußte er fühlen, daß ein warmer lebender Körper unter den Ziegenhaarstreifen sich verborgen hielt. „Wie Deine Wangen die Farbe wechseln, Kind," rief Abischat, indem er mit Erstaunen seine Nichte betrachtete, welche, als sie in der offenen Thür stand, weder ihren Schrecken verbergen, noch das Zittern ihrer Kniee verhindern konnte. „Du hast keine Ursache zur Besorgniß, Makkabäus ist nicht einmal verwundet. Apollonius begegnete ihm im Kampfe und fiel durch seine Hand. Hinfort wird Judas, wie man sagt, das Schwert selbst benutzen, daß er dem besiegten Syrer abnahm." Sarah hörte kaum die an sie gerichteten Worte. Der Gedanke an die Gefahr des Atheners schloß alle anderen auS. Sollte irgend eine Bewegung von ihm seine Gegenwart ihrem fanatischen Oheim verrathen, so wußte sie, daß sein Schicksal besiegelt war. Denn Lycidas war noch viel zu schwach, um mit der entferntesten Aussicht auf Erfolg sich selbst zu vertheidigen, und seine liegende Stellung machte ihn obendrein noch äußerst hilflos. Hadassah betrachtete ängstlich Sarah's Gesicht und las in ihrem Herzen die sie beschäftigenden Gedanken. Da sie fürchtete, daß das Mädchen dort, wo sie stand, in Ohnmacht fallen könnte, trat sie zu ihr und bat sie, näher zu kommen, und sich zu ihren Füßen zu setzen. Sarah gehorchte und trug Sorge, nahe genug zu sein, um nöthigen Falles seine Kniee umfassen zu können und mit ihrer geringen Kraft seine Bewegungen zu hindern, die Anwesenheit des Griechen zu entdecken. „Judas hat unserem Geschlechte große Ehre gemacht!" rief Abischai begeistert, welcher der Erregung seiner Nichte einen ganz anderen Grund als den wirklichen beilegte. „In seinen Thaten gleicht er dem Löwen, er hat die Bösen aufgescheucht und verfolgt, er hat die Götzen zerstört, ihre Altäre niedergeworfen und den Zorn von Israel abgewendet." „Er ist ein mächtiges Werkzeug in der Hand des Herrn," bemerkte Hadassah. „Ist er nicht mehr?" rief Abischai, noch erregter werdend. „Sollte die Zeit der großen Erlösung noch nicht gekommen und der große Erlöser noch nicht unter uns sein, von dem geschrieben steht: „Mein Arm mußte mir helfen, und mein Zorn enthielt mich. Ich habe sie gekeltert in meinem Zorn und zertreten in meinem Grimm. Das Jahr, die Meinen zu erlösen, ist gekommen." Wilde Hoffnung blitzte auS den Augen des Ebräers, als er dies sagte und, von seinem Sitz sich erhebend, hoch aufgerichtet vor den Frauen stand. „Schäme Dich, Sohn des Nathan", entgegnete ihm Hadassah mit Würde, „Du sprichst wie einer, der die Schriften der Propheten nicht kennt. Er, der da kommen soll, der Messias, ist vom Stamme Juda und nicht von dem des Lcvi, soll zu Bethlehem geboren werden und nicht zu Modin; auch sind die von Daniel geweissagten Jahrwochen noch nicht verflossen. So wisse nur und merke: „Von der Zeit an, so ausgehet der Befehl, daß Jerusalem soll wiedererbaut werden, bis auf Christum, den Fürsten, sind sieben Wochen und zweiundsechzig Wochen", die Zeit ist noch nicht gekommen." Die wilde Erregung des Abischai verschwand vor dem Tadel jemandes, der ihm an Wissenschaft und geistiger Kraft ebenso überlegen war, wie er sie an physischer Kraft übertraf. Er war beschämt, als er sich der Unwissenheit und Unkenntniß der Heiligen Schrift überführt sah. „Du weißt, Hadassah, daß ich von Jugend an ein Mann des Schwertes und nicht des Buches gewesen bin; auch kann ich nichts lesen, wenn ich auch wollte. Du weißt, daß Antiochus unsere heiligen Schriften, um sie zu vernichten oder zu verunreinigen, gesucht hat, ausgenommen die Abschriften derjenigen, die ich gelegentlich im Hause des Aeltesten Salathiel sehe, wenn wir dort heimlich zusammenkommen, um Gott am Sabbathtage anzubeten. Sonst kommt mir nicht einmal eine Rolle des heiligen Wortes vor Gesicht." (Fortsetzung folgt.) t "V" Dativs, ein Kurort für Lungenleidende. Von G. Welsch. (Mit Illustration.) --- (Nachdruck verboten.) Im Februar 1895 waren es 30 Jahre, seit die beiden ersten Kurgäste in dem entlegenen, einsamen Ge- birgsdorfe Daoos ankamen — zwei schwer erkrankte, schwindsüchtige Deutsche — von denen der eine noch heute als Hotelier daselbst lebt und sich einer trefflichen Gesundheit erfreut. Seitdem hat sich Davos als Kurort für Lungenkranke einen Weltruf erworben. Nichtsdestoweniger herrschen über Davos, seine Lage und sein Klima vielfach, selbst unter Aerzten, ganz irrige Ansichten. Weil es ein Winterkurort für Lungenkranke ist, sucht man eS im Süden, oder glaubt doch, daß es ein südliches Klima, etwa wie die Kurorte am Genfcrsee, habe. Beides ist, wie aus dem Nachfolgenden zu ersehen, falsch. Davos liegt im schweizerischen Kanton Graubünden, und zwar in dem nördlichen, deutsch redenden Theil dieses sprachlich gemischten Kantons, in dem auch die italienische und romanische Sprache gesprochen wird. Die bequemste Reiseroute führt von Bayern her über den Bodensee nach dem schön gelegenen schweizerischen Hafenstädtchen Rorschach, von hier per Bahn auf der Linie Rorschach-Chur das schöne Rheinthal aufwärts durch St. Gallisches Gebiet, vorüber an dem Fürstenthum Liechtenstein und den berühmten Badeorten Ragatz und Pfäffers nach Landquart. Hier zweigt die schmalspurige Landquart-Davoser-Bahn ab, jetzt rhättsche Bahn genannt, welche durch das reizende Prättigau in scharfer Steigung, jedoch ohne Zahnrad, in eine großartige Gebirgslandschaft führt. Bei der Station Wolfgang erreicht sie den Höhepunkt mit 1632 m. über dem Meere. Von hier aus geht es wieder mäßig abwärts, vorüber an dem fischreichen Davoser See nach Davos-Platz, dem Endpunkt der Bahn mit einer Schienen- höhe von 1560 w. über dem Meere. Diese Bahn, welche die Strecke von 51 Lm. in nicht ganz 3 Stunden zurücklegt, ist die höchstgelegene Adhäsionsbahn Europas mit Jahresbetrieb. Davos ist nicht der Name einer einzigen Ortschaft, MMigk Ssterzkil unsern Lesern allen! - - Wufevfleylmg. Ech gehe durch dir jungen Miesen Hinab zum Vrchlein in das "Shal, Den Auferstandenen zu genießen In seinem großen Hiebesmahl. Dekrachke, wie die heiligen Hunnen ^nm (Znabe einst grwandelli sind, (Zar herrlich duflen rings die Hnen, (Irweckk vom leisen (Dorgcnwind. Die Ilerche in den Izüflen singe?, ^s rausch? der Dach so frisch und kühl, Achd meine Aeele froh durchdringr? ^in Huferstehungsvargefühl. Ich sehe in der (Dorgenröiihe Des Heilands Siegesfahne weh'n, Denk' meiner Vadken im *) Natürlich war damals die hebräische Rolle noch nicht in Kavitel eingetheilt. 223 „Hadassah, Hadassah, in welcher Wildniß von Ketzerei wanderst Du!" rief Abischai. Die Wittwe schien ihn nicht zu hören, sondern fuhr, wie laut denkend, fort: „Niemand hat Gott je gesehen; er selbst hat erklärt: „Kein Mensch soll mich sehen." Aber wer erschien denn sichtbar dem Abraham? Wer war es, der mit Jakob rang? Wer sprach mit Gideon? Und wessen Glanz wurde Jesaia beschieden zu schauen? Wer wurde wandernd im feurigen Ofen gesehen? Wer war es, der da kam in des Himmels Wolken, gleich eines Menschen Sohn bis zu dem Alten?" „In einem Augenblick betrachtest Du den Messias als Opfer, im nächsten als Gott!" rief der Ebräer. „Wenn Gott Willens wäre, menschliche Gestalt anzunehmen, menschliche Schuld zu tragen, menschlichen Tod zu erdulden, müßte er dann nicht beides sein?" fragte Hadassah. Als sie sah, daß Abischai bei dieser Frage stutzte, deutete sie aus den Theil der Rolle, welche die Weissagung des Jesaia enthielt, und las laut: „Uns ist ein Kind geboren." — „Hier ist klar eine Anzeige menschlicher Geburt, doch wird dieses Kind uns offenbart als der Mächtige Gott, Ewigvater, Friedefürst." „Solche Gedanken sind zu wunderbar und zu hoch, als daß ein Mensch sie fassen könnte", rief Abischai stirnrunzelnd. „Das schwache Gefäß muß zerspringen, wenn solch heißes, geschmolzenes Gold hineingeworfen wird", fuhr er erregt fort. „Alles, was ich auf das, was du gesagt hast, antworten kann, ist dies: Ich glaube nicht — und werde niemals glauben, daß, wenn der Messias, die Hoffnung Israels, kommt, er von unserem Volke verworfen wird. Wäre es so, so würde auf Israel ein entsetzlicher Fluch fallen, daß die ägyptische Geißel, die babylonische Gefangenschaft, die syrische Verfolgung nichts wären gegen die Schrecken, die Gottes gerechte Rache über unser Volk bringen würde. Wir würden zerstreut werden in alle Länder wie Spreu vor dem Winde, bis —" Abischat hielt inne, ballte die Faust, biß die Zähne zusammen, als ob die Sprache ihm fehlte, die äußerste Verlassenheit und das Elend zu beschreiben, welches ein so furchtbares Verbrechen, wie die Verwerfung des Messias, über die Nachkommen Abrahams bringen müßte. Da Abischai seinen Ausspruch nicht beendete, so that Hadassah dies für ihn. „Bis", sagte sie mit verklärtem Angesicht — „bis Juda seine Missethat bereut und wieder umkehrt zu dem, der es nicht verleugnete. Höre, Sohn des Nathan, noch diese eine Weissagung aus der Heiligen Schrift: Also spricht der Herr: Ueber das Haus Davids und über die Bürger zu Jerusalem will ich ausgießen den Geist der Gnade und des Gebets, denn sie werden mich ansehen, welchen jene zerstochen haben; und werden ihn klagen, wie man klaget ein einziges Kind, und werden sich um ihn betrüben, wie man sich betrübet um ein erstes Kind. Und der Herr wird König sein über alle Lande." Abischai verließ die Wohnung der Hadassah mit ganz verstörtem Gemüth, nicht willens, zuzugeben, daß die Ansichten, die so ganz verschieden von seinen eigenen waren, auf Wahrheit beruhen sollten. Die Idee eines verachteten, leidenden, sterbenden Messias war über alle Maßen den inneren Gefühlen des Hebräers widerstreitend. „Sehet da ein Weib, welches ihre ganze Seele in ein dunkles Studium versenkt hat", murmelte Abischai, als er den Hügel hinabstieg. „Hadassah ist närrisch, ihr Verstand hat sie verlassen." 12. Kapitel. Prüfungen des Herzens. Zum ersten Male in ihrem Leben fürchtete Sarak eine Begegnung mit Hadassah. Obgleich die Jahreszei- soweit vorgerückt war, daß alles sich vor den Sonnenstrahlen zu verbergen suchte, weilte das Mädchen immer noch auf dem schattenlosen Dache. Während sie ihre Stirn an die Brustwehr gelehnt hatte, blickten ihre Augen bekümmert nach Jerusalem. Doch ihre Seele verweilte kaum bet den Gegenständen, auf welche ihr Blick gerichtet war. War es eine Vorahnung kommenden Leides oder ein Gefühl von Selbstvorwurf, worüber das Mädchen in ihrem Innern nachdachte? Sarah fürchtete, sich ihre Gefühle klar zu machen, sie wußte nur, daß ihr das Herz sehr schwer war. Beinahe zwei Stunden waren so vergangen; die Sonne hatte den Horizont erreicht und die Hitze war weniger drückend. Sarah hörte Hadassah mit leisen Schritten die Treppe heraufkommen und stand auf, um ihr entgegen zu gehen, während sie sich einer gewissen Empfindung von Furcht nicht enthalten konnte. Die Erinnerung an jenen Blick trauriger Unzufriedenheit hatte das Gemüth des gewissenhaften Mädchens beschwert. War Hadassah böse auf ihre Enkelin? War sie gekommen, um ein Herz zu prüfen, das seit ihrer Kindheit niemals ein Geheimniß vor ihr gehabt, und welches so voll kindlicher Achtung und Liebe vor der Großmutter war? Sarah wagte nicht, ihre Augen zu denen Hadassah's, als sie derselben gegenüberstand, zu erheben, da sie fürchtete, wiederum jenem ernsten Blicke zu begegnen. Aber niemals hatte das Antlitz der alten Frau einen Ausdruck größerer Zärtlichkeit gezeigt, wie an jenem Abend, als sie ihre Enkelin auf dem Dach des Hauses traf. „Hast Du hier in der Sonnenhitze gesessen, mein Täubchen, und Dein Haupt unverschleiert den glühenden Sonnenstrahlen ausgesetzt?" sagte Hadassah zärtlich, nachdem sie einen Kuß auf die Stirn des Mädchens gedrückt hatte. „Ich muß Dich ernstlich schelten, meine Sarah; setze Dich dort in den Schatten jener großen Palme, ich will mich neben Dich setzen; wir wollen von den Siegesnachrichten sprechen, welche Abischai uns heute gebracht hat." Es war ein großer Trost für Sarah, das dies der Gegenstand der bevorstehenden Unterhaltung sein sollte. Sie blickte schüchtern zu dem Gesicht der Hadassah auf und nahm, über das, was sie in den Zügen ihrer Großmutter sah, vollständig beruhigt, ihren Lieblingsplatz zu den Füßen derselben ein. „Ist es nicht augenscheinlich," nahm Hadassah das Wort, „daß der Arm des Herrn über Juda ausgestreckt ist, daß sein Segen mit Judas Makkabäns geht? Freust Du Dich nicht, Sarah, über den Sieg, welchen unsere Helden erfochten haben?" „Ich freue mich und danke Gott dafür," antwortete das Mädchen. „Ich hoffe, es kommt die Zeit, daß wir hinausgehen, gleich den Frauen Jsrael's in alten Zeiten, welche dem David und Saul nach dem Siege über die Philister singend und tanzend entgegengingen." „David machte sich, als er die Philister schlug und die Hand der Königstochter gewann, um sein Vaterland 2L4 nicht verdienter als Judas Makkabäus," bemerkte Hadassah. „Bist Du nicht stolz auf Deinen Verwandten, mein Kind?" „Ganz Judäa ist stolz auf seine Helden," antwortete Sarah. „Glücklich das Weib, welches er zu seiner Braut erwählen wird," bemerkte Hadassah. Das Mädchen gab keine Antwort. „Sarah, warum soll ich Dir länger verhehlen, was meine Gedanken schon so lange beschäftigt?" fuhr Hadassah nach einer Pause fort. „Warum sollst Du nicht Kenntniß erhalten von der hohen Ehre, welche meine Tochter erwartet? Von Deiner frühesten Kindheit an haben wir beide, Mattathias, unser ehrwürdiger Verwandter, über dessen Grab Friede walten möge, und ich gewünscht, in Zukunft Euch Beide, Dich, meine geliebte Sarah, und Judas, zu vereinigen." „Judas! o nein, nein!" rief Sarah, indem sie plötzlich ihre zitternde Hand aus derjenigen ihrer Großmutter, in welcher sie so lange gelegen hatte, zog. „Er ist seinem Vaterlande verlobt, er wird niemals daran denken, ein Weib zu nehmen." Diese Worte waren schnell und mit einiger Erregung gesprochen. „Seine Arbeiten und Triumphe werden, wie ich fest glaube, zu künftigem Frieden führen," begann Hadassah von neuem. „Dann mag er sich an dem Glück, das er so wohl verdient hat, erfreuen. Willst Du ihm dieses Glück nicht geben, meine Sarah, Du, deren Name „Klarheit" bedeutet?" „Ich ehre Makkabäus als einen Helden, ich verehre ihn als meinen Fürsten, ich könnte vor ihm knieen und den Staub von seinen Füßen waschen oder mein langes Haar abschneiden, um seinen Bogen damit zu spannen, aber ich kann nicht seine Braut werden!" rief Sarah, „ich bin so unbedeutend und unwürdig. Es wäre gleich, als ob man den Adler mit dem Sperling, der dort auf der Hausspitze sitzt, verbinden wollte. Makkabäus ist der edelste der Menschen." „Gesegnet das Weib, welches seinen Herrn so ehren kann," sagte Hadassah. „Ich ehre Makkabäus aus der Tiefe meiner Seele, aber ich fürchte ihn," stammelte Sarah. „Wärest Du eine Syrerin, so hättest Du alle Ursache dazu," bemerkte Hadassah mit einem Versuche, zu lächeln, „aber nicht als eine Tochter von Juda. Ist er auch den Feinden seines Vaterlandes gegenüber schrecklich und grausam gegen die bewaffneten Tyrannen, so hatte doch nie ein Mädchen Grund, Judas Makkabäus zu fürchten. Den Kaktus machen seine scharfen Dornen zu einer so dichten Umzäunung, daß sie der stärkste Feind nicht durchbrechen kann, und doch trägt er herrliche Blumen und erfrischende Früchte. Das starke Schl 'chiroß tritt die Feinde in der Schlacht nieder, aber ein Kind kann ruhig mit seiner Mähne spielen. Die Tapfersten sind immer die sanftesten. Judas ist keine Ausnahme von dieser Regel. Mit seinem reinen und aufrichtigen Herzen ist er ganz der Mann, eine Frau glücklich zu machen." Sarah seufzte und ließ den Kopf hängen. „War es nicht ein stolzer Augenblick für Achsa, als Athniel nach dem Siege von Kirgathsepher als Steges- prcis um ihre Hand bat?" fragte Hadassah. „Aber Achsa war die Tochter eines Kaleb," sagte Sarah. Dann fragte sie, plötzlich ihr Haupt erhebend: „Bestimmte mein Vater mich auch zum Weibe des Judas?" Hadassah fuhr bei dieser Frage zusammen, als ob eine schmerzhafte Wunde durch dieselbe berührt worden wäre. „O, mein Kind, habe Mitleid mit mir," murmelte sie leise, „und sprich nicht von ihm!" Sarah wußte schon lange, daß es einen Punkt gab, den sie niemals berühren durfte. Ihre Großmutter trug einen verschlossenen Kummer in ihrem Herzen, den niemand wagen durfte, zu enträthseln. Ob Sarah's Vater todt war oder nicht, Sarah wußte es nicht. Sie erinnerte sich schwach aus ihrer früheren Heimath Beth- surah eines großen, schönen Mannes, der mit ihren Flechten gespielt und sie in seinen Armen hatte tanzen lassen. Aber seitdem hatte sie in Gesellschaft ihrer Großmutter Bethsurah verlassen und diesen Mann nie wieder gesehen oder jemals von ihm gehört. Die leiseste Anspielung Sarah's auf ihre Abkunft hatte bei Hadassah stets solchen Kummer verursacht, daß das Kind, wenn auch diese Frage es oft beschäftigte, bald zu schweigen gelernt hatte. Hadassah sprach oft von Mirjam, ihrer einzigen Tochter, und von Sarah's sanfter Mutter — Zwillingsrosen — wie sie die Beiden stets nannte, welche beide früh, im ersten Jahre nach ihrer Heirath, für den Himmel gepflückt waren. Aber von ihrem Sohne sprach sie nie. Ein Geheimniß schwebte über dem Schicksal Abner's, welches seine Tochter vergebens zu enthüllen sich sehnte. Ihr Herz machte ihr Vorwürfe über ihre unüberlegte Frage. „O, vergib mir, Mutter!" rief Sarah, indem sie die Hand der Hadassah küßte, welche zitterte und kalt war. „Dein Wort, Dein Wille soll mir in allen Dingen genug sein bis auf eins: o, befiehl mir nicht, daß ich meinen Verwandten heirathel" „Ist es — kann es sein, weil ein Anderer einen näheren Platz in Deinem Herzen hat?" fragte Hadassah forschend. Bei dieser Frage wurde das schöne Antlitz Sarah's plötzlich so rosig wie die Morgenröthe, darauf so weiß wie der Schnee des Libanon. „O, dann sind meine Befürchtungen nur zu wahr gewesen!" rief Hadassah in einem nicht zornigen, aber ängstlichen Tone. „Müssen denn stets die Sünden der Väter an den unschuldigen Kindern heimgesucht werden! Ein Heide! — ein Götzenanbeter l O, wäre ich an diesem Tage gestorben!" „Zürne mir nicht, Mutter," stammelte Sarah, Hadassah's Hand mit ihren Thränen benetzend. „Ich bin nicht böse, meine Taube, es macht mir nur Schmerz, daß ich die grausamen Schlingen aussetzen mußte. Aber Du," fuhr die Wittwe mit erhobener Stimme fort, „Du wirst sie zerreißen, und befreit wird mein Vogel, rein und unbefleckt, seine silbernen Schwingen über der Erde erheben. Verschieden sind die Versuchungen, deren sich der Feind der Seele bedient, um Gottes Diener von der Treue abzuziehen. Einige lenkt er durch ihre Feigheit, andere durch ihre Liebe zur Welt, ihren Reichthum und ihre Vergnügungen, wieder andere gewinnt er durch Herzensfesseln. Aber der Herr gibt seinem Volke Kraft zu widerstehen, ob die Versuchung von Furcht oder von Liebe herrührt. Du bist die würdige Verwandte der Salome, welche ihr Leben für ihren Glauben hingab." 225 „Vielleicht ist das Opfer des Lebens nicht daS schwerste, welches man bringen kann," antwortete Sarah träumend. „Salame gab ihre sieben Söhne", sagte Hadassah. „O, welch eine Gnade war es, daß sie zuletzt ihnen folgen durfte," rief Sarah, „hätte sie alle ihre Söhne, die sie so sehr liebte, überleben müssen, so wäre Salame das elendeste Weib auf Erden gewesen!" „Nein, nicht das elendeste," entgegnete Hadassah, „denn sie starben alle im Glauben. Besser, o, viel besser, sieben durch den Tod verlieren, als den einen durch — den Abfall von Gott!" Und mit beinahe un- hörbarer Stimme fügte die alte Frau, die Augen schließend, hinzu: „Muß ich dieses Elend nun zum zweiten Male durchmachen?" „Meine Mutter, meine einzig geliebte Mutter, Du sollst niemals Elend durch mich erfahren!" rief Sarah mit Lebhaftigkeit. „Ich will beten, ich will streben, ich will versuchen, aus meinen Gedanken alles, was zwischen mich und den Glauben einer Tochter Abra- ham's kommen will, selbst fortzudrängen, nur führe mich, hilf mir, sage Deinem Kinde, was es thun soll!" Und das Mädchen küßte wieder und wieder leidenschaftlich die Hand der Hadassah und legte dann ihren schmerzenden Kopf an die Brust ihrer Mutter. Letztere umfing sie dann in einer langen und zärtlichen Umarmung. „Ich möchte Dich nach Bethsura zu meiner alten Base Rahe! senden," sagte die Wittwe, „nur —" „O, schicke mich nicht fort, laß mich bei Dir bleiben! Deine Gesundheit ist schwach, ich würde fern von Dir keine Ruhe haben," schluchzte Sarah in flehendem Tone. „Nun freilich, ich darf mein Kind nicht ohne sichere Begleitung nach Jdomea senden, während die Syrer, die Männer des Belial, das Land besitzen. Es ist besser, sie hier in der sicheren Abgeschiedenheit meines Hauses unter meinem schützenden Flügel zu behalten. Aber, ach, mein Kind, höre die Stimme Deiner Mutter. Du mußt fortan vermeiden, dem fremden Heiden zu begegnen. Du mußt Dich weniger in den unteren Räumen aufhalten, Sarah, und niemals, außer wenn ich dort bin. Deine Versuchung wird nicht mehr lange währen. Die Wunden des Atheners heilen. Nach dem Passah- fest wird Abischai Jerusalem verlassen, um sich mit der Patriotenschaar zu vereinigen. Wenn Lycidas erst vor der Nähe des Feindes sicher ist, so will ich ihn nicht länger beherbergen. Er ist schon zu lange unter meinem Dache gewesen. Dein schmerzlicher Kampf wird also nur noch eine kurze Zeit währen, meine Sarah." Sarah dachte, obwohl sie es nicht äußerte, daß dieser Herzenskampf so lange dauern würde, wie ihr Leben auf Erden. „Wirst Du mir gehorchen, meine Tochter? Wirst Du fernerhin die zu anziehende Gesellschaft des Fremden meiden?" Das Mädchen neigte zustimmend ihr Haupt und murmelte: „Bete für mich, Mutter, ich bin so schwach." „Mein Leben soll ein Gebet sein," sagte Hadassah. „Meines — ein Opfer," dachte das arme Mädchen, „o, möge dieses Opfer angenommen werden!" (Fortsetzung folgt.) -- VerKrerherideutifikation. Von Otto Opet. (Schluß.) Allein die Zeitrichtung wurde der Grausamkeit, welche den Vollzug der verstümmelnden Strafe verlangte, von Jahrhundert zu Jahrhundert abgeneigter. In den Ländern des gemeinen Rechts, in denen die Carolina Gesetzeskraft behielt, suchte man durch gekünstelte Auslegung ihrer Bestimmungen die Anwendung der verstümmelnden Strafen zu beseitigen; neuere Gesetzbücher nahmen sie überhaupt nicht mehr unter die Strafmittel auf; selbst die Brand- markung, die noch im Bayerischen Strafgesetzbuch von 1813, der ersten in modernem Geist verfaßten Straf« rechtskodifikation, eine Stelle gefunden hatte, ist seitdem aus der Strafrechtspflege verschwunden. Damit war das letzte der bisherigen Jbentifikations« Mittel beseitigt; für die Gewohnheitsverbrecher, die in immer geringerem Maße der Gefahr einer Wiedererken- nung ausgesetzt waren, schien ein goldenes Zeitalter anzuheben, das auch bald zur Ausbildung eines internationalen Gaunerthums führte, das keine frühere Periode ingleicher Weise gekannt hatte. Immer stärker stellte sich daher die Nothwendigkeit eines neuen, die Jdentifizirung ermöglichenden Verfahrens heraus. Zunächst suchte man die entstandene Lücke durch Aufnahme genauer Personalbeschreibungen der Delinquenten auszufüllen. Allein Angaben, wie sie noch heute auf Passen und Jagdscheinen üblich, erweisen sich im konkreten Fall als völlig unzureichend, da der Sprachgebrauch nur ungenaue Bezeichnungen liefert. Daß beispielsweise eine Schilderung der Körpergröße durch Ausdrücke wie „Mittel, gewöhnlich", eine die Uebergänge gänzlich ignorirende Kennzeichnung der Augenfarbe durch Worte wie „blau, schwarz" für eine überzeugende Jdentifizirung ohne jeden Werth, leuchtet ohne weiteres ein. Größere Garantie bot das Photographiren der Verbrecher, das seit den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts bei den europäischen Sicherheitsbehörden zur Einführung gelangte, sich indeß in den meisten Fällen, in denen es sich nicht um die Feststellung einer vermutheten gegenwärtigen, sondern um die Ermittelung einer verfolgten abwesenden Person handelte, als unzulänglich erwies. Die Ursache lag in der mangelnden Fähigkeit der Beamten, sich das Photographische Bild stets gegenwärtig zu halten, was nur durch besondere Beobachtung seiner charakteristischen Eigenthümlichkeiten erreichbar. Die Photographie kann aber auch deßhalb keine genügenden Ergebnisse liefern, weil die Anzahl der bei den Polizeiverwnltungen in den Verbrecheralbums aufgestapelten Porträts im Laufe der Zeit so angewachsen ist, daß es häufig faktisch unmöglich wird, die Photographie einer ihren Namen verheimlichenden Person herauszufinden und damit ihre Identifikation vorzunehmen. Einen anderen Weg schlug der englische Arzt Or. Francis Galion ein, indem er für die Jdentitätsfeststcllung die Benutzung von Fingerabdrücken empfahl. Es veranlaßte ihn hiezu die in Bengalen bestehende Sitte, Quittungen und sonstige Dokumente statt mit dem Namen der Unterschriftpflichtigen mit deren Fingerabdruck unterzeichnen zu lassen, ein Verfahren, das nach andern Nachrichten in China schon längst für polizeiliche Zwecke verwendet wird. Daß auch im deutschen Mittelalter der Fingerabdruck häufig die Unterschrift vertrat, ergibt sich aus der alten, für wichtige Dokumente üblichen Bezeichnung „Hand- — 226 feste", die noch heute in dem Namen der Bremer Nenten- briefe fortlebt. Wie die seit 1888 an über 3000 Personen vorgenommenen Versuche Galions darthun, lassen zwei in allen Punkten zusammenfallende Fingerabdrücke den sicheren Schluß zu, daß die Abdrücke vom Finger ein und derselben Person herrühren, während die Nichtübereinstimmung ein eben so sicheres Zeichen dafür bildet, daß eS sich um die Fingerabdrücke von zwei verschiedenen Personen handelt. Das unterscheidende Merkmal bilden die Hautzetchnungen der inneren Daumenseite, die während der ganzen Lebenszeit des Menschen unverändert bleiben, von den entsprechenden Hautzeichnungen anderer Personen jedoch völlig abweichen. Theoretisch entspricht daher das Galton'sche Verfahren allen an eine Jd entifi- kationsmethode zu stellenden Forderungen; seiner praktischen Anwendbarkeit steht indeß das schwere Bedenken gegenüber, daß die Abdrücke häufig nicht genügend mar- kirte Abstufungen zeigen, daß ein Urtheil über die Abdrücke eine ganz spezielle Ausbildung und Erfahrung verlangt, wie sie der Beamte durchschnittlich nicht erwerben kann, daß endlich der Fingerabdruck für die Ermittelung einer auf freiem Fuß befindlichen verfolgten Person keinerlei Anhalt bietet. Alle Schwierigkeiten vermeidet das von Dr. Alfons Vertillon aufgestellte System des anthropomctrischen Signalements, das der bisher fast ausschließlich vom Zufall geleiteten Ermittelungsthätigkeit der. polizeilichen und gerichtlichen Behörden eine wissenschaftliche Grundlage gibt, den Beamten in einen praktischen Anthropologen verwandelt. Beriillons Theorie geht von der Erwägung aus, daß, so wenig sich in der ganzen Pflanzenwelt jemals zwei gleiche Blätter finden, eben so wenig sich auch bei zwei Menschen ganz gleiche Organe finden; für die Identifikation handelt es sich deshalb nur darum, diejenigen körperlichen Verhältnisse, die bei den verschiedenen Menschen selbst möglichst verschieden, beim einzelnen Menschen dagegen einen möglichst gleich bleibenden Charakter tragen, zu ermitteln. In erster Reihe bietet sich für diescnZweck die Körpermessung, da das menschliche Knochengerüst vom 20. Jahr ab fast absolute Unveränderltchkeit besitzt, der Knochenbau der verschiedenen Menschen ein durchaus abweichender, die Maße auf der lebenden Person mittelst sehr einfacher Instrumente von jedem Beamten genau und leicht festgestellt werden können. Dem entsprechend läßt Bertillon von jedem Verbrecher das Körpermaß in Körpergröße, Spannweite und Sitzhöhe, das Kopfmaß in Länge und Breite des Kopses, Länge und Breite des rechten Ohres und das Gltedermaß in Länge des linken Fußes, des linken Mittelfingers, des linken kleinen Fingers und des linken Vorderarmes feststellen. Die gefundenen Maße, die für jede einzelne Person auf einer Signalementskarte verzeichnet sind, werden dann unter Hinzunahme der durch Geschlecht, Alter und Farbe des Auges gebildeten Verschiedenheiten in Abtheilungen zerlegt, die es ermöglichen, bei Neuver- messung eines Verbrechers in kürzester Zeit festzustellen, ob die sich hierbei ergebenden Maße bereits in jenen Abtheilungen vorhanden, ob es sich also um einen rückfälligen Verbrecher handelt. An die Messung schließt sich die Aufnahme einer genauen Personenbeschreibung, die sich namentlich auf die Gestaltung der Stirn, Nase und Ohr bezieht und durch eine scharfe Klassirung der im Sprachgebrauch unklar bleibenden Abweichungen genaue Resultate ergibt, die wiederum auf der Signalementskarte Aufnahme finden. Eine dritte Rubrik für besondere Kennzeichen zählt die am Körper des Untersuchten befindlichen Schönheitsflecke, Schnittwunden, Narben und Tätowirungen auf, unter genauer Angabe ihrer Lage und Ausdehnung, da auch hier Erscheinungen vorliegen, die sich entweder während des ganzen Lebens nicht verändern oder doch bei künstlicher Beseitigung, wie sie jetzt bei Tätowirungen üblich, mindestens unzweideutige Spuren ihres früheren Vorhandenseins zurücklassen. Um die rasche Fixirung dieser häufig sehr zahlreich auftretenden besonderen Kennzeichen zn ermöglichen, verwendet Bertillon eine von ihm ersonnene Kurzschrift, deren Bezeichnung mit Rücksicht auf die internationale Bedeutung des Verfahrens in den Anfangsbuchstaben mit den entsprechenden lateinischen, französischen und englischen Ausdrücken übereinstimmen. Gewöhnlich werden der Signalements- karte noch zwei Photographien des Gemessenen eir laos und 6N xroül beigefügt, deren Aufnahme unter Verwendung eines mit besonderen Vorkehrungen versehenen Aufnahmestuhles erfolgt, dessen Konstruktion die aufzunehmende Person zwingt, während des Aktes dieselbe Haltung zu beobachten. Die Photographirnng ist jedoch nicht obligatorisch; wichtiger sind die auf der Signale- mentSkarte verzeichneten Maße und Merkmale, deren charakteristische Partien, von dem mit der Ermittelung betrauten Beamten als Gedächtnißbild, xortrait xarls, auswendig gelernt, bereits regelmäßig die Identifikation ermöglichen. Die Bertillon'sche Methode hat sich seit ihrer im Dezember 1882 in Frankreich erfolgten Einführung als eine mächtige Waffe im Kampf gegen das Verbrecher- thum erwiesen. Die Zahl der durch sie ermittelten, ihren wahren Namen verheimlichenden Verbrecher betrug allein in Paris, wo Bertillon selbst an der Polizeipräfektur als Chef du Service de l'Jdentits judiciaire fungirt, 1883 bereits 49, um allmählich anwachsend 1892 auf 680 zu steigen. Die Gesammtzisfer der in den letzten zehn Jahren in Paris derart ermittelten Personen be- läuft sich auf nicht weniger als 4564 — und das ohne den großen Kosten- und Zeitaufwand, den die Ermittelung des wahren Namens sonst durch die lange Untersuchungshaft zu verursachen pflegt. Auch die Verbrecherkreise haben bereits die Konsequenzen aus dem neuen Verfahren gezogen, indem sie den ihnen zu heiß gewordenen französischen Boden mit dem des sprachverwandten, aber noch nicht zur Einführung des anthropometrischen Systems gelangten Belgien vertauschten. In augenfälligster Weise hat sich z. B. die Zahl der Pariser Taschendiebe vermindert; während sich 1885 bei den Messungen noch 65 Taschendiebe als rückfällig erwiesen, fanden sich 1890 nur noch 14 Personen dieser Kategorie. Die offensichtlichen Erfolge, deren sich das Bertillon'sche System in immer steigendem Maße rühmen darf, haben ihm auch schon weite Anerkennung über sein Ursprungsland hinaus verschafft. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika, Belgien, Rußland, die Schweizer Kantone Bern und Genf, zahlreiche südamerikanische Staaten, Tunis, das englische Indien, Rumänien haben seine Einführung entweder bereits vollzogen oder prinzipiell beschlossen. Der Aufnahme der Vertillon'schen Jdenti- fikationsmethode im deutschen Polizeidienst stand bis jetzt der Mangel einer Anleitung für das Messungsverfahren in deutscher Sprache entgegen, dem jedoch nunmehr durch 2S7 die von Professor von Sury besorgte deutsche Ausgabe des Bertillon'schen Werkes abgeholfen ist, die das System in klarer, allgemein faßlicher Sprache erörtert, jedes Messungsstadium in zahlreichen Zeichnungen erläutert und durch ein weit über dreihundert Abbildungen enthaltendes Album zur Aufnahme der Personalbeschreibung und der besondern Kennzeichen anleitet. Hoffentlich zögert jetzt auch Deutschland nicht länger, sich des Ber- tillon'schen Verfahrens zu bedienen, da eS sonst der Gefahr ausgesetzt wäre, der Sammelplatz all derer zu werden, die eine Identifikation zu fürchten hätten. -«W8»-o-- Ein Brsirch Lei Capitain-General Wehler, dem Höchstcommandirenden auf Cnba. Von Karl Böttcher.*) Nachdruck verboten. Havana (Cuba), 22. Februar. Hoch zum wolkenlosen Himmel loht der Feuerbrand. Zucker- und Tabakplantagen stehen in Flammen, deren weißes Nauchgewölk kerzengerade emporqualmt. Dies ein Widerschein der Revolution, den ich von Bord unserer „Columbia" aus beobachtete, während das stolze Schiff in Mittagsgluth an den Gestaden Cuba's entlang- zieht und bald in Havana landet. Kaum, daß ich einige Zeit in der Stadt herumschlendere, ihre Paläste, ihre Dome, ihre langen Boulevards, ihre kühlen Arcaden bewundere — überall ist sie fühlbar, diese Revolution .... Das Volk in dumpfer Lethargie; kein Geschäft in flottem Gang; viele Läden und Werkstätten geschlossen.... Und erst, wenn man ein wenig in öffentlichen Localen herumhorcht!... Die letzten Reste von Credit im Wanken. Dafür Schulden in Massen. Und doch draußen auf den Plantagen die Zucker- und Tabakernte in üppigster Fülle. Aber vom Hereinbringen keine Rede; sie verfällt den Verheerungen der Scharmützel und Schlachten. Arbeitslose Menschen in großen Massen. Dazu schickt sich bereits wieder eine Tabakfabrik an, ihr aus fünfzehnhundert Mann bestehendes Personal zu entlassen. Was sie dann thun, diese Armen? Sie vermehren die Bataillone der Insurgenten. So wird der Kampf der regulären Armee gegen die Aufrührer schwieriger. Hunderttausend Mann spanischer Soldaten füllen jetzt die Insel, und weitere fünfundzwanzigtauscnd sollen in den nächsten Tagen eintreffen. Trotzdem — der Aufruhr tobt weiter. Dazu schwirren in der Bevölkerung die widersprechendsten Gerüchte über Schlachten, Einäscherungen verschiedener Provinzstädtchen, nächtliches Erschießen gefangener Insurgenten.... Aber man hofft, der neue Höchstcommandirenve, der neue Allgewaltige, Capitain-General Valeriana Weyler, wird die alte Ordnung wieder herstellen. Schon seine erste, vor einigen Tagen an die Einwohner Havana's erlassene Proklamation, welche zugleich über die ganze Insel den Belagerungszustand verhängt, ist streng wie mit Blut geschrieben. *) Dieses interessante Interview hatte der bekannte Schriftsteller gelegentlich seiner soeben beendeten Westindienfahrt. — Bei dieser Gelegenheit wollen wir unsere Leser auf Karl Böttcher's zuletzt erschienenes Buch „Von sonnigen Küsten" (Leipzig, Verlag von B. Elischer Nachfolger) besonders aufmerksam machen, welches in stimmungsvollen, zumeist humoristischen Schilderungen alle Hanptstationen am Mittelmeer behandelt. Die Redaction. Eine Idee! Wie wärs, wenn ich den Allgewaltige» aufsuchte, ihn interviewte! . . . Ich gehe nach dem an der Plaza de Armas gelegenen Negierungsgebäude. Am eisenverzitterten Portale mehrere Soldaten auf Posten. Alle mit aufgepflanzten Bajonetten und in seldmäßiger Ausrüstung. Alle sixiren mich scharf, lassen mich jedoch passiren. Man geleitet mich in einen weiten, mit Marmorplatten belegten Saal. Vor mir Soldaten jeder Waffengattung und jeder Rangstufe, vom goldstrotzenden General bis herab zum Gemeinen. Buntes Durcheinander, große Verwirrung. Ich reiche dem dienstthuenden Adjutanten meine Karte, kläre ihn auf über den Zweck meines Besuchs. Er verschwindet im Audienzsaal des Allgewaltigen, kommt bald zurück und bedeutet mir, ich möge ein wenig warten. Dann setzt er sich neben mich; eine lebhafte Unterhaltung über Politik beginnt. Ich fühle, wie er mich dabei sondirt in meinen Ansichten. Sie muß zur Zufriedenheit ausgefallen sein, diese Sondirung; als er abermals aus dem Audienzsaal zurückkehrt, theilt er mit, daß mich Se. Excellenz empfangen werde; nur müsse ich mich noch etwas gedulden, die Generäle, die Adjutanten, die Ordonnanzen, die Depeschen — Ach, ich warte gern. Ist es doch ein interessantes Bild, das sich dem Beobachter zur Audienzstunde im Vorzimmer eines Commandanten bietet, der eine Revolution bekämpft — ein Stück Kriegsleben hinter den Coulissen.... Hier ein Auf und ein Nieder, ein Kommen und Gehen, begleitet von Säbelrasseln. Debattirende Officiere stehen in Gruppen zusammen. Verstaubte Ordonnanzen, deren ganze Haltung Mühsal und Ermüdung eines beschwerlichen Ritts direct vom Kriegsschauplatz zeigt, treten hastig ein. Sofort wird ihr Führer dem Capitain-General gemeldet, sofort vorgelassen. Neugierig umdrängt man die Zurückgebliebenen, führt mit halber Stimme eine erregte Unterhaltung.... Ich komme dahinter, was los ist. Fünf Stunden von Havana entfernt fand diesen Morgen ein blutiges Gefecht statt. Die Insurgenten wurden zurückgeschlagen. „Bravo! Bravo!" ruft ein alter graubärtiger Officier, der mit seinem dicken Gesicht und spitzen-Knebclbart an Bazaine erinnert. Jetzt wird diese Scene von einer anderen verdrängt. Ein zerlumptes, abgehärmtes Weib, vier gleich zerlumpte, ausgehungerte Kinder wanken herein. Der Adjutant scheint sie bereits zn kennen. Er weist sie nach einer Bank in der Ecke. „Dies sind die Angehörigen eines gefangenen Insurgenten, der vielleicht morgen früh erschossen wird", flüstert er mir zu; „sie wollen bei Sr. Excellenz um Gnade bitten." Eben, als ich noch die Armen theilnahmsvoll betrachte, öffnet sich die Thür des Audienzsaales. Stramm pflanzt sich ein Officier vor mir auf, legt die Hand an das Käppi: „Se. Excellenz lassen bitten." Wenige Augenblicke — dann stehe ich einem auffallend kleinen Herrn im schwarzen Salonanzug mit breitem, rothem Gurt um den Leib gegenüber — einem mittleren Fünfziger. So mag Altmeister Adolph Menzrl ausgesehen haben vor etwa zwanzig Jahren.... Auf der kleinen Figur ein energischer Kops mit graninelirtem Backenbart und glatt- rasirtem Kinn. Ich will mich eben im großen Saal nach dem Capitän-General, dem Allgewaltigen Cuba's, umsehen; aber nein, er ist es selbst, der kleine Herr da vor mir 228 Mit den energischen Zügen und den sprühenden Augen. — Ich stelle mich als deutscher Schriftsteller, als Vertreter einer Reihe deutscher und amerikanischer Zeitungen für die Wcstindienfahrt der „Columbia" vor, bemerke, daß man in Deutschland der kubanischen Angelegenheit mit größter Aufmerksamkeit folgt. Er: Ich weiß es, die Elite der Völker ist es, die mit uns sympathisirt. Und dann hat Deutschland gerade auf Cuba ausgedehnte Handelsbeziehungen. Ich: Hiesige Deutsche sagen mir, daß diese Beziehungen jetzt arg zerstört sind. Er: Alles ist gestört in diesem Lande. Aber Sie werden sehen, es kommt bald alles wieder in's alte Geleis. Ich: Wie steht es auf dem Kriegsschauplatz? Er: Ganz ausgezeichnet. (Er ergreift eine vor ihm liegende Depesche.) Das ist eine wunderbare Nachricht! Ich hoffe, in anderthalb Jahren wird der Krieg beendet sein. Ich: Verzeihen Sie, habe ich recht verstanden? In anderthalb Jahren? Er: In anderthalb Jahren! Ist das zu lange? Ich: So lange dauerte nicht einmal der ganze deutsch- französische Krieg. Er: Das war etwas anderes. Dort war es der Kampf einer regelrechten Armee gegen eine regelrechte Armee. Aber gegen wen kämpfe ich! Gegen hundert Armeen und gegen keine. Ich: Wieso? Er: Da taucht draußen auf dem Land plötzlich ein größerer Trupp dieser Banden auf, dann noch einer. Wir ziehen unsere Soldaten zusammen. Es sieht aus, als sollte eine Schlacht zu Stande kommen. Bei den ersten Schüssen stiebt die Horde auseinander und ergreift die Flucht. Ich: Aber die Verfolgung! E r: Ah, Verfolgung! Die FelSgründe, die Schluchten, die Gebirgsregionen Cubas bieten so viel Schlupfwinkel. Ich: Wie war es möglich, daß der Aufstand solche Ausdehnung gewinnen konnte? Er: Die Hauptschuld trägt ein größerer Theil unserer Bevölkerung. Die Leute sind gleichgiltig. Sie sind sich auch darüber unklar, zu wem sie halten sollen, ob zur Regierung oder zu,den Revolutionshorden. So konnten die Insurgenten eine Zeit lang im Trüben fischen. Jetzt ist diese Periode vorbei. Haben Sie meine Proklamation gelesen? Ich: Jawohl. In der „Gaceta de la Havana". Er: Dann wissen Sie, daß ich mit eiserner, wenn nöthig, mit blutiger Strenge vorgehen werde, um diesem Lande den Frieden wiederzugeben. Ich: Besten Dank für Ihre Mittheilungen, Excellenz! Er: Gern zu Ihren Diensten. Darf ich Ihnen meinen Palast zeigen? Ich: Zu liebenswürdig .... Er führt mich in eine Reihe prunkvoller Gemächer, dann in den Thronsaal, den das lebensgroße, glänzend uniformirte Knabenbild des Königs Alfons XIII. schmückt. Er führt mich sogar in seine anstoßende Privatwohnung, in den pompösen Speisesaal, in das luxuriöse Schlaf- gemach. Dabei ist er in seiner eigenartigen französischen Ausdrucksweise immer gleich höflich und gleich liebenswürdig .... Beim Abschied drückt er mir fest die Hand und wünscht mir glückliche Weiterfahrt. Ein Adjutant geleitet mich bis an die Treppe. Wie ich die Stufen hinabsteige, denke ich att die abgehärmte Frau mit ihren vier hungrigen Kindern. In diesem Moment wird sie vor den Allgewaltigen geführt, wird sie flehen: „Gnade! Barmherzigkeit!" Er war in bester Stimmung. Ich hoffe er begnadigt. . . . . Aber sagte er nicht, daß er mit eiserner Strenge verfahren müsse? — Zwei Stunden später, bei meiner Wanderung durch das große gelbe Staatsgefängniß, sehe ich in einem besonderen Raum einige zwanzig gefangene Officiere der Insurgenten — schöne, kräftige Gestalten mit intelligenten Gesichtern. Sie erheben sich, als ich mit dem Schließer eintrete. Ach, jeden Morgen krachen jetzt im Hof der Citadelle Gcwehrsalven auf gefangene Aufrührer, die aus diesem Gefängniß abgeholt werden. Möglich, daß schon in den nächsten Tagen diesen Armen das Cvmmando- wort „Feuer!" in die Ohren schauert und sie zusammenbrechen vor dem Aufblitzen der Gewehrläufe . . . Nicht mitleidige Neugierde ist es, mit der ich sie jetzt betrachte, sondern innige Theilnahme für Menscheuschicksale, die im Pulvergewölk auf dem Sandhaufen enden sollen. Tief ziehe ich meinen Hut beim Abschied. Wehmüthig dankbares Lächeln flimmert über die ernsten Gesichter .... Lebt wohl denn auf ewig! ALLeVLeß. Die Kraft, welche wir mit unseren Kinnbacken und Kaumuskeln auszuüben im Stande sind, ist bekanntlich eine sehr große, wie wir z. B. Nüsse, Knochen und andere harte Gegenstände ohne Schwierigkeiten mit den Kinnbacken zu zertrümmern vermögen, während die gleiche Leistung auf anderem Wege nur unter Zuhilfenahme kräftiger Hebelwerke, wie sie die Nußknacker z. B. darstellen, möglich ist. Ein amerikanischer Zahnarzt in Jacksonville, vr. Block, welcher sich für diese Frage ganz besonders zu interessiern scheint, hat nun durch Versuche die Kraftleistung in verschiedenen Füllen festgestellt, indem er die Kiefer von etwa fünfzig Personen verschiedensten Alters auf ein diesem Zwecke angepaßtes Dynamometer einwirken ließ. Die schwächste, bei einem siebenjährigen Mädchen festgestellte Kraftleistung war 13,5 Kilo Druck mit den Schneidezähnen, 30 Kilo mit den Backenzähnen; das kräftigste Gebiß ergab sich bei einem Arzte von 35 Jahren, welcher 122 Kilo Druck auf das Dynamometer ausübte. Die meisten Personen leisteten eine Kraft von 45 Kilo mit den Backenzähnen, die doppelte mit den Schneidezähnen, wobei jedoch auffälliger Weise die sonstige Körperconstttution durchaus nicht als maßgebend sich erwies, da sonst kräftige Personen oft wenig, schwach gebaute dagegen große Leistungen am Dynamometer ergaben. Im Uebrigen bemerkt Dr. Block, daß die Kraft, wie sie zum Zermalmen der Speisen durch die Zähne ausgeübt wird, eine für diesen Zweck viel zu große sei und die Sache sich gerade so verhielte, als wenn man etwa weiches Wachs in einem Steinbrecher verarbeitete. (Mitgetheilt vom Internationalen Patentbureau Carl Fr. Reichest« Berlin LlW. 6.j AMWttimgsSlatt M „Augsburger postMung". M 31. Dinstag, den 14. April 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler). Judas Wakkaöäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) 13. Kapitel. Stiller Kampf. DaS Mädchen hielt sein Versprechen. Treulich befolgte es den Befehl der Hadassah. So selten als möglich betrat es den Raum, welcher mit dem Versteck- platz des Lycidas in Verbindung stand, und niemals anders, als in Gegenwart der Matrone. Sarah's Spinnstuhl wurde in ihr Schlafgemach getragen. Hitze und Unbequemlichkeit hielten sie nicht ab, die mehr abgeschlossenen Theile der kleinen, ärmlichen Wohnung aufzusuchen. Sarah vermied durch ihre freiwillige Gefangenschaft, den zu sehen, der ihr als eine Verkörperung alles dessen erschien, was Schönheit der Gestalt und Hoheit des Geistes anbetraf, und dessen Gesellschaft dem Lichte glich, welcher alle Gegenstände, auf die es fällt, erleuchtet. Und Sarah strafte nicht wie so viele Mädchen an ihrer Stelle gethan haben würden — ihre Großmutter dafür, daß diese ihren Einfluß in die Wagschale der Pflicht geworfen hatte, indem sie ihr die Größe des Opfers, das sie verlangt hatte, zeigte. Das junge Mädchen bemühte sich, eine heitere und freundliche Miene zu zeigen, während ihr Herz blutete. Hadassah hörte Sarah niemals seufzen, niemals fand sie sie in Thränen. Keine Pflicht wurde vernachlässigt, kein Werk blieb ungethan. Ja, Sarah spann fleißiger denn je; denn die Kosten, die die Unterhaltung des Fremden verursachte, waren ein nicht unerheblicher Abzug von den knappen Einkünften Hadassah's, und für ihn zu arbeiten, für ihn zu beten, war das Einzige, was Sarah sich ohne Gewissensbisse gestatten durfte. Sie versuchte, so schwer ihr auch diese Anstrengung wurde, selbst ihre Gedanken von dem Gegenstände, der ihr die verbotene Frucht der Eva erschien, abzulenken. Die Kluft, welche Sarah von dem Heiden trennte, war so groß, daß es, wie sie wußte, sogar sündlich sein würde, die Regenbogenbrücke der Einbildungskraft darüber zu bauen. Sie mußte ihr Inneres zwingen, sich nicht dem gefährlichen Rande zu nahen. Wie viele Psalmen David's — immer so traurigen Inhalts — wiederholte sich Sarah, um bei Tage ihrem Herzen Trost und bei Nacht ihren Augen Schlaf zu geben. Während Judas Mnkkabäus wider die Feinde seines Vaterlandes einen harten Kampf unterhielt und durch ernstes Aushalten siegte, kämpfte Sarah mit demselben Glauben und Gehorsam, der den Krieger beseelte, einen viel schwereren Kampf in ihrem Herzen gegen den Heiden. Es gab einen Gegenstand, zu welchem Sarah oft zurückkehrte, wenn sie ihre Gedanken aus dem Kanal, in welchem sie sonst schwammen, ableiten wollte; das war das Geheimniß, welches über dem Schicksal Abner's, ihres Vaters, schwebte. Die wenigen Worte, welche Hadassah in einem unbewachten Augenblicke entschlüpft waren, erschienen wie das traurige, rothe Licht einer Fackel, die, über einen gähnenden Abgrund gehalten, die Tiefe desselben in schrecklicher Finsterniß läßt. Oft hatte Sarah sich gesehnt, mehr von ihrem Vater zu wissen, wie er starb und wo seine theuren Ueberreste begraben seien. Daß er nämlich todt sei, hielt sie für ganz bestimmt. Alles, was ihn betraf, war für sie, sein einziges Kind, von größtem Interesse. Allein jeder Versuch, die Zurückhaltung, welche Hadassah's Lippen schloß, zu durchbrechen, hatte bei dieser jedesmal so tiefen Kummer verursacht, daß Sarah die Hoffnung längst aufgegeben hatte, vonseiten ihrer Großmutter Aufklärung zu erhalten. Hannah war in Hadassah's Dienste getreten, seitdem letztere Bethsura verlassen hatte. Die Dienerin konnte daher nicht erzählen, was sich früher in der Familie begeben hatte. Salome hatte, wenn sie gelegentlich Besuche bei ihrer Verwandten machte, der Sarah keine Gelegenheit gegeben, über eine so delikate Sache zu sprechen. Einmal, als Sarah die Frage that: „Kanntest Du weinen Vater?" schien Salome dieselbe nicht zu hören und war augenblicklich auf einen zwecklosen Gegenstand der Unterhaltung übergegangen. Abischai wußte zweifellos viel I über den Bruder seines Weibes, aber Sarah schrak ! davor zurück, ihn zu befragen. Bei seinem wilden, ungestümen Charakter war er nichr der Mann, das Vertrauen eines zarten, schüchternen Mädchens zu gewinnen. Sarah schien es fast, als ob ihr Oheim ihr abgeneigt wäre und aus irgend einem Grunde, den sie nicht begriff, sie mit einem Gemisch von Mitleid und Verachtung betrachtete. So war die Tochter Abner's angewiesen, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen, da sie von allen Mitteln, die gewünschte Aufklärung zu erhalten, abgeschnitten war. Ein unbestimmter Zweifel, welcher kürzlich in 230 Sarah's Gemüth aufgestiegen, aber bisher als Verrath an dem Andenken ihres Vaters zurückgedrängt worden war, hatte Form unv Gestalt durch den Ausruf Hadassah's, welchen ihr der Kummer ausgepreßt hatte, angenommen: „Muß ich denn dieses Elend zum zweiten Male durchmachen?" Viele Umstände kehrten in das Gedächtniß Sarah's zurück, besonders die Seelenqual, welche Hadassah bei dem Begräbniß der Salome verrathen hatte, indem sie die Matrone fast um die Art, wie sie ihrer Söhne beraubt wurde, zu beneiden schien. Sarah beugte sich tiefer und tiefer über den Abgrund, dessen Tiefen zu erforschen sie sich sehnte und doch fürchtete, da sie mit Anstrengung das Dunkel zu durchdrungen suchte, welches ihr die furchtbarsten Schrecken enthüllen konnte. „Wäre es möglich, daß mein Vater noch auf Erden athmete, lebend — das Leben eines Abtrünnigen?" Der Gedanke erschreckte Sarah wie ein Gespenst. Es gab nur eine Hoffnung, es zu bannen. Wenn er lebte, konnte er für die Reue aufgespart sein. Gott ist gnädig, er richtet nicht strenge, er freut sich, wenn seine Verirrten zurückkehren. Sagte nicht Nathan zum reuigen David: „Du sollst nicht sterben!"? Wurde nicht selbst der schuldige Manaffe wieder auf den Thron gesetzt? Ach, der Sohn der frommen Hadassah, einer Frau von solchem Glauben und solcher Gottesverehrung, konnte niemals verloren gehen! Nach solchen Betrachtungen fand das belastete Herz Sarah's Trost im inbrünstigen Gebet für ihren Vater. Ihre kindliche Liebe kam ihrem religiösen Gehorsam zu Hilfe: „Gott erhört kein Gebet von denen, in deren Herzen ein Abgott ist. Um meines Vaters wie um meinetwillen werde ich mich eines unbedingten Gehorsams gegen den Herrn bestreben." So brachte sie müde Tag für Tag hin, indem sie sich bemühte, den einen Kummer mit Hilfe des andern zu überwältigen und über beide einen Schleier zu werfen, ohne durch ein Murren das Opfer ihrer sanften Unterwerfung zu beflecken. 14. Kapitel. Eine Krisis. Mittlerweile ereiferte sich Lycidas in wilder Ungeduld über die Abwesenheit der Sarah. Er konnte sie nicht mehr beobachten, außer wenn sein scharfes Ohr einen Ton ihres Gesanges, der aus den oberen Räumen tönte, auffing. Warum war sie fort, warum mied sie ihn? Sie, deren Gegenwart allein seine Gefangenschaft nicht nur erträglich, sondern angenehm gemacht hatte, während der Zustand der Wunden den Griechen verhindert hatte, ohne Beistand die Wohnung der Hadassah zu verlassen. Lycidas theilte nicht die Skrupel Sarah's hinsichilich der Vereinigung zweier Personen von verschiedener Religion zu einem Ehcbunde. Er war entschlossen, das schöne hebräische Mädchen zum Weibe zu gewinnen. Er war sich seiner Reize, denen wenige junge Herzen widerstehen konnten, wohl bewußt. Indem er seinen Reichthum nur als ein Hilfsmittel betrachtete, wollte er all' seine Kräfte auf's äußerste anstrengen, um sich den köstlichsten Preis, um den je ein Mensch gestritten hat, zu sichern. Lycidas brachte manche Stunde damit zu, ein Gedicht von einfacher Schönheit zu Ehren Sarah's zu verfassen. Melodisch flössen die Verse, und der Weihrauch des Lobes, das er ihr spendete, war dem zartesten Dufte ähnlich. Die Reiche der Natur und der Kunst wurden zu Sinnbildern der Schönheit geplündert. Aber Lycidas war seines Werkes überdrüssig, bevor er es vollendet hatte. Er kam sich vor wie einer, der eine schöne Statue mit Edelsteinen schmücken und miOchönen^Ge- wändern behängen will, um sie damit zu ehren, in der That aber dadurch nur ihre wirkliche Schönheit verdeckt. Einige wenige Worte, die Hadassah aus dem heiligen Pergament vorlas, schienen ihm mehr zu sagen, als alle Beschreibungen. Lycidas hatte an Sarah gedacht, als er den Ausdruck „die Schönheit der Heiligkeit" hörte. „Ich j will nun nicht ^länger ein Gefangener sein, wenn ich in dieser erstickenden kleinen Höhle abgeschlossen bleiben soll, nicht nur von der Welt, sondern auch von ihr, die für mich mehr ist, als die Welt," dachte der Grieche. Nach Monaten des Leidens und der Schwachheit kehrten die Kräfte langsam in die Glieder des Lycidas zurück. Und als einmal niemand, der ihn hätte beobachten können, in der Nähe war, versuchte er, wie weit ihm seine Kräfte zu gehen erlaubten. Er erhob sich, obgleich er in der verwundeten Seite Schmerzen empfand. Dann ging der Grieche von einem Ende seines Gefängnisses bis zum andern, indem er sich dabei der Wand als Stütze bediente. Dies war wenigstens ein Anfang, Jugend und Liebe befähigten ihn bald, mehr zu thun. Aber vor Hadassah und Hannah verbarg Lycidas sorgfältig, daß er schon so weit war. Diese sahen ihn nie anders als liegend. Er fürchtete, daß man Maßregeln treffen würde, dem' Vogel die Flügel zu beschneiden, sobald man bemerken würde, wie diese Flügel schon befiedert waren. Am Tage vor der Feier des großen Passahfestes war Hadassah sehr unwohl. Ob diese Krankheit vom Wetter herrührte — denn der Monat Nisan war in diesem Jahre heißer, als je, oder von der Wirkung des langen Fastens auf den vom Alter geschwächten Körper, oder ob ein geheimer Kummer die Matrone an das Krankenlager fesselte, Sarah wußte es nicht. Vielleicht kamen alle diese Ursachen zusammen. Das Mädchen wurde sehr besorgt um ihre Großmutter und verdoppelte ihre zärtliche Fürsorge für ihre Bequemlichkeit. An dem gedachten Tage war sie nach Jerusalem gegangen, um das Garn, das die hebräischen Frauen gesponnen hatten, zu verkaufen, sowie um einige nothwendige Nahrungsmittel einzukaufen. Hadassah erlaubte ihrem schönen Kinde nie, die Wälle der Stadt zu betreten oder den Umkreis der Heimath zu verlassen, außer wenn sie am Sabbath nnd an Festtagen dicht verschleiert in die Wohnung des Aeltesten Salathiel ging, der ungefähr eine halbe Meile von Hadassah's Wohnung entfernt lebte, um dem Gottesdienste beizuwohnen. (Fortsetzung folgt.) - Got-KSrner. Dein Vorsatz gleicht der Blüth', Die leichtlich kaun verwehen, L-chau, was für Frucht in dir Nach Frost und Sturm bleibt stehen. Rückert. 231 Unter den Campagnolen. (Ein Besuch in den Sabinerbergen.) - Nachdruck verboten.) „In den Bergen ist es schön"; namentlich im schönen Land Jtalia. Gewiß ist schon mancher von den Lesern dieser Zeitung in Rom gewesen. Von Rom aus hat er alsdann ohne Zweifel einen Ausflug gemacht in die Albanerberge, in diese Berge mit ihren tiefen, dunklen Seen, mit ihrem Feuerwein und ihrer Zauberschönheit. Vielleicht ist er auch auf der Höhe von Rocca Priora gestanden. Welch' weite herrliche Rundficht bot sich da seinen Blicken! Er sah die Berggruppen der Sabinerund Volskerberge sich zu einem weiten Kreise zusammenfügen; nur nach einer Seite blieb er hoffen. Und an dieser offenen Seite verrieth ihm ein silbern leuchtender Streifen das wogende Meer. Zwischen dieser Küste und den Bergen sah er nun eine weite, sich wellenförmig erhebende grüne Fläche, die römische Campagna. Freilich blieb sein Auge haften an dem majestätischen Bilde der ewigen Roma und des gigantischen St. Peter-Domes, freilich traf er hie und da auf prächtige Felsenstädtchen und einzelne Landhäuser, aber im Großen und Ganzen mußte er meinen, in ein großes Grab menschlichen Lebens zu schauen. Und so ist es auch. Die Campagna Roms ist im Verhältniß zu ihrer Ausdehnung überaus spärlich bewohnt. Sie ist ein großes Weidefeld für Rinder-, Schaf- und Pferdeheerden. Den Pflug empfindet die Campagna nur an wenigen Stellen; der Ackerbau ist zu mühsam und lohnt nicht die Mühe. Nur in den Bergen und in der nächsten Umgebung Roms betreibt man den Weinbau. Darum ist es wohl verständlich, daß das Volk der Campagna, die Campag- nolcn, ein armes Volk ist. Allein so arm wie es ist, so interessant ist es auch. Dort haben noch die alten Vätersitten, dort haben noch Glaube und Liebe ihr Heimathrecht bewahrt. Wer darum einmal etwas von diesen armen Campagnolen möchte erzählen hören, wie sie leben und arbeiten und auf ihren Gott vertrauen, der mache sich jetzt mit mir auf den Weg in die Sabinerberge, zur sogenannten Mentorella. , Also, mein verehrter Leser, wir steigen jetzt auf die Mentorella. Es ist das jener hohe Berg, der gerade in der Mitte zwischen Tivoli und Genazzano liegt. Die Berge, in denen wir uns jetzt befinden, heißen noch von den alten Römern her die Sabinerberge nach dem Volksstamm, der darin wohnt. Es sind Ausläufer der Apenninen. Sie bestehen aus einem kalkartigen Tuffgestein. Einst, vor manchen tausend Jahren, waren hier noch keine Berge zu sehen, sondern das weite, wogende Meer. Durch Hebung des Landes trat das Meer allmählich zurück. Viele Muscheln und andere Seethiere lagerte es aber im Laufe der Zeiten ab, und diese Ablagerungen erblicken wir heute als die Sabinerberge. Was uns in diesen Bergen gleich auf den ersten Blick auffällt, ist die große Oede; fast nirgendwo sehen wir Bäume, von Wäldern gar nicht zu sprechen. Nun, es war nicht immer so. Auch hier war einst ein prächtiger Waldwuchs, wie ihn die Albanerberge noch heute tragen. Aber die Räuber hatten diese Waldungen zu ihren Schlupfwinkeln auserkoren. Darum ließ Papst Nikolaus V. sie mit Stumpf und Stiel aushallen, um den Räubern endlich einmal ihr unsauberes Handwerk legen zu können. Gegen die Räuber mag das Mittel wohl geholfen haben, aber wie sehr es auf der andern Seite geschadet hat, kann uns unser Blick rechts und links belehren. Wir steigen jetzt den schmalen, mit vielem Geröll bedeckten Weg vom Städtchen Polt zur Spitze der Mentorella hinan. Was sehen wir rechts und links? Lange, lange parallele Terrassen von Felsstein. Alle fünf Schritte zählen wir wieder eine neue Parallelreihe, und so geht es den ganzen Berg herauf. Wozu denn das? Nun, als die Bäume weg- geschlagen waren, hatte die Erde keinen Halt mehr auf den Felsen und wurde vom Wind und Regen heruntergetragen. Als man darauf aufmerksam wurde, suchte man zu retten, was noch zu retten war, und half sich in der Weise, die wir eben rechts und links erblicken. Durch diese Steindämme ist die Erde am Rutschen verhindert, und so bleibt doch noch wenigstens so viel, daß man etwas Mais darin ernten kann. Sonst ist in diesen Bergen nicht viel zu sehen. Interessanter sind für uns die Leute. Wir sehen hie und da einige an der Arbeit. Reinlich sehen sie zwar nicht besonders aus, aber wir sind halt eben in Italien, wo man's" nicht gerade so genau nimmt. Eigenthum haben sie auch nicht viel; denn der Berg gehört zum größten Theile dem Fürsten Torlonia aus Rom. Dieser hält dort seine Heerden und Hirten. Etwas Pachtgut und ein Fleckchen Land ist den Campagnolen doch geblieben. Und dieses Fleckchen Ackers macht ihnen so viele Mühe wie manchem rheinischen Bauern sein Hofgut. Alles, was der Cam- pagnole zur Arbeit nöthig hat, muß er oft stundenweit auf seinem Kopfe heraustragen; dabei ist der Bergpfad so steil und so mit Steinen besät, daß der Fuß jeden Augenblick ausrutscht. Höchstens hilft ihm ein Grnuthier etwas beim Tragen. Ist er nun an seinem Acker angelangt, so fängt eine neue Mühe an, die Bearbeitung. Alles muß mit der Hand geschehen; mit der Hacke und Schaufel wird der Boden zwischen den überall Vorschauenden Felsen gelockert, und der Nest der Arbeit wird Reichs- und Kandtags-Adg. Nomdekan Reindt f. den Schweinen überlassen. Diese Schweine folgen ihren Herren den ganzen Weg hinauf getreulich wie Hunde. Oben wühlen sie dann im Boden herum und helfen ihn so vorbereiten für die Maissaat. Glücklich der Bauer, der ein Gespann Ochsen sein eigen nennt! Oben, eine halbe Stunde unterhalb der Mentorella, sehen wir einen solchen bei seiner Arbeit. Er pflügt. Aber welch eine Mühe, den Pflug durch dieses Fclsgestein hindurch richtig zu lenken! Und sehen wir uns einmal den Pflug und das Joch der Stiere an. An einem solchen Pfluge und unter einem solchen Joche haben gewiß schon die Stiere unserer grauen Vorväter gezogen. Der Pflug ist nichts weiter als ein etwas zugerichteter langer Baumstamm, an dessen einem Ende ein hakenförmig umgebogenes Eisen befestigt ist. Wenn wir diesen Mann so arbeiten sehen, dann fühlen wir, daß es vor achtzehnhundert Jahren gerade so gewesen sein muß. Wir erinnern uns an die Worte, die uns der Dichter Horaz aufgezeichnet; vielleicht hat er von seiner in der Nähe von Tivolt gelegenen Villa aus diese Leute beobachtet; dann hat er sie also beschrieben: Soldaten — landentsprossener Mannesstamm — Wohlkundig, mit dem Pflug von Sabellerart Gar schwere Schollen auszuwerfen Und nach dem Willen der strengen Mutter Nach Haus des Holzes Scheite zu tragen, wenn Die Sonne läng'ren Schatten den Bergen schenkt, Das Joch den müden Stieren nimmt Und sinkend die freundliche Zeit herausführt. Oä. III. 6. „Wie die Arbeit, so der Lohn." Ja, mühevoll wie die Arbeit, so karg ist der Lohn. Denn nichts anderes wächst in diesen Bergen als ein spärlicher Mais. Aus Mais ist das Brod in der Frühe, aus Mais ist die Polenta am Mittag, aus Mais ist die Polenta am Abend. Mais heute, Mais morgen, so geht es das ganze liebe Jahr hindurch. Kartoffeln und Gemüse und erst das Fleisch, das liegt für diese Campagnolen verschlossen hinter den Thoren des Paradieses. Am Fuß dieser Berge, z. B. bei Genazzano, Poli, Palestrina, Zagarolo, pflanzt man freilich auch noch eifrig den Weinstock. Darum verlassen viele Campagnolen im Sommer und Herbste diese Berge, um sich in der Ebene als Taglöhner zu verdingen; sie ersparen sich dann ein kleines Stück Geld, kaufen sich dafür im Herbst etwas Mais und kehren für den Winter in ihre Behausungen zurück. Auf der Höhe der Mentorella liegt ein kleines Dorf mit Namen Guadagnolo. Wir wollen einmal hindurchgehen. Freilich muß dies mit Vorsicht geschehen; denn schmutzig ist es hier wie in allen Dörfern des schönen Italien. Schweine, Hühner und Menschen wohnen eben in einem Gemach, und dieselbe Thür bietet allen Einlaß. Aber wenn wir glücklich hindurchgekommen sind und auf die vorspringenden Felsen treten, dann genießen wir eine wundervolle Aussicht auf die ewige Stadt und St. Petri Dom, auf die wette Cawpagna, das silberne Meer und die blauen, mit Wein und Wald bestandenen Albanerberge. Einen Blick müssen wir nun noch über unsere Berge hin nach links gleiten lassen. Dort sehen wir auf einer kleinen Höhe, vielleicht drei Stunden entfernt, ein kleines Kirchlein seinen Thurm gen Himmel strecken; dieses Kirchlein heißt S. Pietro. Dort hat vor mehr denn 1800 Jahren der erste Apostelfürst, der hl. Petrus, gestanden und hat von dort aus zum ersten Male das große Babel an der Tiber, das wcltbeherrschcnde Rom, gesehen. Ob dem armen Fischer beim Anblick dieses blendend weißen Häusermecres, dieser unzähligen Tempel und Tempelchen falscher Götter nicht das Herz geklopft hat? Er, der Fischer von Galiläa, war berufen, alle diese Tempel zu stürzen und über den Ruinen aufzupflanzen das heilige Kreuz seines Erlösers. Daß ihm sein Werk gelungen, besagt uns ein Blick nach vorwärts auf die Kuppel vom Petersdome. Allein wir brauchen nicht einmal soweit zu schauen, um den Sieg des hl. Petrus zu erkennen, ein Blick in die Herzen der Campagnolen gibt uns schon Beweis genug. Oder was wäre es denn, was diese armen Campagnolen mit ihrem harten Loose aussöhnt, was sie auch noch in ihrer bitteren Armuth zufrieden, ja glücklich sein läßt? Nur die heilige Religion des Kreuzes. Fragt man die Campagnolen, wie es ihnen gehe, so antworten sie: „RinArutüumo lääio"; fragen wir sie, wie der Mais gerathen, so ^geben sie uns alle zur Antwort: „81 81^llor6, ö un xooo; ma ns rin^ratjaiuo Ickäio" („Ja, Herr, es ist wohl nur wenig; aber danken wir Gott dafür"). Die kathol. Kirche hat das wunderbare Brod der hl. Kommunion. Gerade dem Armen bereitet es den süßesten Trost. Wenn irgendwo auf der Welt, so haben dies die Campagnolen in diesen Bergen erkannt. Immer und immer wieder, selbst mitten in der Woche, nahen sie sich dem Altare, um diese Seelenspeise zu empfangen. Hätten wir, mein verehrter Leser, den Tag des hl. Michael zu unserem Aufstieg auf die Mentorella gewählt, so könnten wir uns hiervon persönlich überzeugen. Aber laß mich jetzt Dir etwas erzählen von diesem Feste. Wenn wir gleich von Guadagnolo aus nach der anderen Seite heruntersteigen, dann wirst Du nach einer halben Stunde ein Klösterlein sehen. Drin haben einige Nesurrekttonisten-Patres ihre Wohnstätte. Das Klösterlein heißt S. Eustachio, denn hier ist aus dem heidnischen Feldherrn Placidus der Sieger Christi St. Eustachius geworden. Einst jagte Placidus einen Hirschen. Der Hirsch floh vor seinem Jäger; auf einmal konnte er nicht weiter; er war auf jenen hohen, spitzen Felsen geflohen, den Du neben dem Klösterlein vor Dir siehst. Von diesem Felsen aber gab es keinen Abweg mehr. Placidus hatte jetzt den Hirsch in seiner Gewalt; eben legte er den Todespfeil auf die Sehne, da wandte sich der Hirsch ihm entgegen, und zwischen seinem Geweih erglänzte ein goldnes Kreuz. Nun war es um das Herz des Waidmannes geschehen, er war selbst gejagt worden von einem Stärkeren. Placidus wurde Christ und wurde Martyr und wird heute verehrt als der hl. Eustachius. Also hier in diesem Kirchlein, worin — nebenbei gesagt — die Gebeine des berühmten Jesuitenpaters Kirchner ruhen, wird das Fest des heil. Michael mit besonderer Feierlichkeit begangen. Mehrere Geistliche kommen für dieses Fest von Rom her zur Aushilfe. Wenn nun die Uhr anhebt, die Vesper des hl. Michael zu schlagen, dann wird es in diesen rauhen Bergen lebendig. Gegen vier Uhr kommen die ersten Processionen unter Wechselgesängen auf der Höhe der Mentorella an. Es kommen ihrer immer mehr, und damit beginnt für die Priester die Arbeit des Beichthörens. Mit einer kleinen Unterbrechung um acht Uhr und um Mitternacht wird die ganze Nacht hindurch die Beichte angehört; in der Frühe lesen die Priester ihre hl. Messe, theilen die hl. Kommunion aus und setzen sich wieder bis gegen 1l Uhr in den Beichtstuhl. , Wäh- 238 rend der Nacht schlagen die Pilger, Männer, Frauen, ! Fernsicht auf die Abruzzen und können unsern Blick durch Kinder und Säuglinge, ihr Nachtquartier einfach in der ^ das weite, fruchtbare Aniothal Hinschweifen lassen. Neben Kirche auf oder lagern sich um dieselbe herum im Freien. ! uns hängt hier oben beim Kapcllchen des hl. Eustachius Einige Kleriker müssen für die Ordnung sorgen. In eine mächtige Glocke. Offenbar soll man sie läuten. Eine Storchrnfamilie. tliach dem Gemälde von H. Hartwig. der Frühe kehren alsdann die Processionen allmählich wieder zurück. Vorher aber machen noch alle einen Besuch auf dem Felsen des hl. Eustachius. Auch wir können hinaufsteigen; denn eine bequeme Treppe führt jetzt hinan. ^ Oben genießen wir alsdann die prachtvolle So ist es; alle, die hier hinaufsteigen, pflegen einmal am Glockenstrang zu ziehen und so den Dörfchen im Grunde und dem fernen, berühmten Subiaco einen Gruß vom hl. Eustachius zu senden. Wenn wir noch etwas sehen wollen von dem reli- 234 giösen Sinne der Campagnolen, so wollen wir unsere Schritte wieder rückwärts lenken gen Guadagnolo. Machen wir dem freundlichen Pfarrer und dem Kirchlein einen Besuch. Das erste, worauf unser Blick in der Kirche fällt, ist die Statue der Madonna. Was wären die Italiener ohne ihre Madonna? Die Madonna ist ihr Erstes und Letztes. Schauen wir uns nur den Schmuck der Mutter Gottes vor uns an. Lange, seidene Gewänder, Korallenschnüre um den Hals der Mutter und des Jesukindleins, lang herabbaumelnde goldene Ohrringe und ein Rosenkranz in den Händen. Allein etwas sonderbarer muthet uns der Schmuck neben der Statue an; Messer, Revolver, Pistolen sehen wir dort. Nun, in der Hitze des Zornes greift der heißblütige Italiener leicht zur Mordwaffe, aber wenn der Zorn Als ich nun fragte, was ihnen denn für ein Leid zugestoßen, erhielt ich als Antwort: „Vor vier Jahren ist unser Vater gestorben, und jetzt liegt unsere Mutter am Sterben." Und dann riefen sie von neuem zur Madonna so laut und flehentlich, daß es mir schrecklich in den Ohren klang. Bei dieser Gelegenheit konnte ich auch wieder das den Italienern, auch den armen Campa- gnolen angeborene Gefühl für Anstand erkennen. Diese Mädchen wußten, daß sie sich bittflehend einer Höheren nahten, und darum hatten alle ehrerbietig ihre Schuhe ausgezogen und neben sich hingestellt. Aus demselben Grunde vermeiden die Campagnolen es auch, beim Verlassen der Kirche ihrer Madonna den Rücken zuzuwenden; sie gehen rücklings mit der Madonna zugekehrtem Gesichte zur Thür hinaus. Noch eine schöne Sitte blüht in diesen WWW Reitenbach verraucht ist, faßt ihn die Reue, und der Madonna schenkt er dann Herz und Waffe. Die Madonna ist den Campagnolen wirklich Mutter und Alles. Wenn wir so über eine der weiten Campagnastraßen wandern und können einem neugierigen Campagnolen sagen, wir gingen ,a,11a Naäonna", so bittet er uns gleich um ein Ave bei ihr: „LiAnorsl prs^ats anolis xsr ras". Es ist noch nicht so lange her, da war ich in diesen Bergen Zeuge einer echt italienischen Scene. Vor der verschlossenen Thüre und den Gitterfenstern einer kleinen Mutter-Gottes- Kapelle knieten zwei erwachsene und vier jüngere Mädchen. Alle waren bitterlich am Weinen und riefen mit einer Stimme, die laut über die Straße gellte, zur Madonna, daß sie jetzt ihre Mutter sein müsse. Die Mädchen ließen sich durch die vorübergehenden Leute gar nicht stören. bei Klütlen. Bergen und Dörfern der Campagna. Wenn wir zur Abendstunde über eine der einsamen, weiten Cawpagna- straßen wandern, dann erblicken wir oft in den Mauern ein Marienbild, und davor grüßen uns einige Lichtlein, die eine liebevolle Hand angezündet. Wenn wir alsdann die Dörfer betreten und einen Blick werfen in die Läden und Geschäfte, dann schaut uns die Madonna entgegen und bietet uns des Hauses Willkomm. Ja in manchen Geschäften, selbst Osterien, gibt das flackernde Licht vor dem Bilde der Madonna Tag und Nacht Zeugniß von dem frommen Sinne, von der Liebe und Dankbarkett,der Bewohner dieses Hauses. Und nun wollen wir Abschied nehmen, mein lieber Leser, von den Campagnolen. Dieses Volk der weiten Campagna ist zwar arm und bedrückt, ^aber es ist nicht 235 traurig^und unglücklich. Die Liebe zu Gott und jzu seiner heiligsten Mutter wirft ihr mildes Licht über das Handeln7>undI Leiden dieser Campagnolen; diese Liebe verleihHihnen einen hohen- Adel der Gesinnung und gibt ihnen jenes Glück und jene Ruhe, welcher heute so viele Millionen armer Menschen auf verkehrten Wegen nachjagen. — 8 — -—- Katholische Pfarrei Nettenbach. Mit 2 Illustrationen. Slnsnahme durch Herrn Photographen M. Eggart in Kaufbeuren. Die katholische Pfarrei Nettenbach in der bayerischen Provinz Schwaben, im bischöflichen Landkapitel, k. Bezirksawte und Amtsgerichte Oberdorf gelegen, mit 500 Einwohnern, war ehemals Eigenthum verschiedener Die in den letzten 2 Jahrzehnten schön restaurirtc gothische Pfarrkirche, eingeweiht zu Ehren des hl. Märtyrers Vitus und der übrigen hl. Noihhelfer am 9. November 1508 von dem Weihbischof Heinrich von Adrya- mentum zu Augsburg, hat drei neue gothische Altäre, gefertigt nach den Plänen des Herrn Professors Mar- graff in München von dem Kunstschreiner und Altarbauer Herrn Joseph Keller in Altenstadt bei Schongau. Die Altargemälde, 3 des Hochaltares, nämlich Christus am Kreuze, Christi Geburt und das Tiberiasbtld, i ferner das Bild der unbefleckten Empfängniß Martä auf dem rechten und das Bild des hl. Märtyrers Sebastian auf dem linken Nebenaltar, sind Meisterwerke, Meisteroriginalwerke des verstorbenen Herrn Kunstmalers Johann Kaspar zu Obergünzburg. Die Photographische Momentaufnahme des Innern der Pfarrkirche zeigt auf dem ,-i M r'L Inneres der Pfarrkirche Edlen. — Sie besitzt im Pfarrdorfe Nettenbach eine schöne im gothischen Stile restaurirte Pfarrkirche. Pfarrkirche und Pfarrdorf liegen auf einem Hügel, im Süden begrenzt von dem 1*/^ Stunde entfernten, 1030 Meter hohen isolirten Auerberge, welcher mit der auf seiner Spitze erbauten Kirche einen freundlichen Anblick und zugleich eine reizende Fernsicht bietet; die Ostgrenze bildet der 2500 Fuß hohe Weichberg mit dem stattlichen, neuerbauten Weichberghofe, ehemals mehr- hundertjähriger Besitz der früher adeligen Familie Nied; im Westen bildet die Grenze der an einem Bergzuge liegende Vierpfarrwald und im Norden der Krottenhiller- berg mit der zur Pfarrei und Gemeinde Jngenried gehören Ortschaft Krottenhill. Das Pfarrdorf Nettenbach mit dem Filial- und Kirchdorfe Frankau mit 24 Anwesen und 110 Einwohnern mit einer Kirche zur hl. Anna liegt an der Distriktsstraße Schongau-Füssen. zu Uelleukach bei KtSIten. Hochaltare das in Holz geschnitzte Bild der hl. Dreifaltigkeit aus dem Atelier des Herrn Bildhauers Beyrer in München, welches wie die Kaspar'schen Gemälde allgemeine Bewunderung erregt und findet. Auf den drei Altären steht ein kostbares, von Herrn Beyrer aus Olivenholz vom Oelberge zu Jerusalem geschnitztes Crucifix, eine Schenkung des Herrn Pfarrers und Jerusalemptlgers Anton Löchle von hier. Großes Interesse findet ferner der am Marienaltare stehende, sehr werthvolle, aus röthlichem Marmor nach Zeichnung des Herrn Professors Margraff in der Fabrik des Herrn von Löwenstein in Oberalm bei Hallein in Oesterreich aus einem Stücke hergestellte Taufstein. Der Sockel desselben ist Füssener Marmor. Außer diesen ebengenannten Kunstwerken weist die hiesige Pfarrkirche noch mehrere andere auf, welche die photo- graphische Moment-Aufnahme nur theilweise ersehen läßt; 236 so die 10 Glasgemälde aus der Mittermeyer'schen Kunstanstalt zu Lauingen; dann den in origineller Weise von Herrn Kunstmaler Johann Kaspar in Obergünzburg in Oel gemalten und nach den Gesichten der gottseligen Anna Katharina Emmerich ausgeführten, sehr werthvollen Kreuzweg; endlich die Frescogemälde am Plafond, von dem Kunstmaler Osterried ausgeführt im Jahre 1859, welche die hl. Mutter Gottes und den hl. Kirchenpatron Vitus am Throne der allerheiligsten Dreifaltigkeit als unsere Fürbitter darstellen. Im Jahre 1878 erhielt die Pfarrkirche auf der Westseite einen Anbau, ein neues Vorzeichen, unter welchem eine Oelberggrotte aus Tuff- und Tropfsteinen, aus den Steinbrüchen zu Bayersoien errichtet wurde. Dieser Oelberg ist bereichert mit mehreren von Herrn Pfarrer A. Lächle aus Jerusalem mitgebrachten Steinen. Im Jahre 1894 wurde in nächster Nähe der Pfarrkirche eine Lourdeskapelle mit Grotte im gothischen Stile erbaut. Die Photographie des Pfarrhauses zeigt auch das Aeußere derselben. Bauzeichner und Bauleiter war Herr Kunstschretner und Altarbauer Joseph Kraut in Bernbeuren. Herr Kraut hat sich seiner schwierigen Aufgabe als vollkommen gewachsen gezeigt. Die eigentliche Felsengrotte ist eine sehr gut gelungene Imitation der Felsengrotte in Lourdes. Einen besonderen Schmuck derselben bildet der naturgetreu hergestellte Epheu und Rosenstrauch und die aus der Anstalt für kirchliche Kunst von Herrn Karl Port zu Augsburg gelieferten, fast lebensgroßen 4 Statuen der Madonna, der Bernadette und ihrer zwei Schwestern. Lourdesgrotte und Pfarrkirche Rettenbach erfreuen sich eines sehr starken Besuches seitens der Freunde kirchlicher Kunst wie des frommen chrtstgläubigen Volkes von nah und fern. 8. -—- Allerlei. „O selig, o selig ein Bahnwärter zu sein!" ruft ein Lehrer in einer schweizerischen Zeitung aus und schreibt dann weiter: „Der unterste Bahnwärter der Nordostbahn tritt seinen Dienst mit Fr. 1140 an; der Lehrer im Aargau mit Fr. 900. Der Eisenbahnangestellte hat dazu Vergünstigungen wie Dienstkleider, Alterspension, Freibillets. Der Wärter kann es auf 1749 Fr. bringen, der Lehrer erhält 1200 Fr., wenn er gut arbeitet und den Leuten gefällt. Im letzteren Falle kann ihm die Gemeinde noch eine Gratifikation gewähren, wenn sie will. Der Kondukteur steigt in den ersten fünf Jahren von 2100 auf 2340 Fr., der Lokomotivheizer bleibt zwischen 2280 und 2400 Fr., und der Primarlehrer im Aargau hat die Freude, nach 15jähriger Thätigkeit im Dienste des Staates zum Wohle der Menschheit noch 100 Fr. zu seinen 1200 Fr. zu erhalten." -»ssssics— Zu unseren Bildern Aomdekan Reindl f. Eine Trauernachricht, die besonders uns Schwaben nahegeht, hat dieser Tage schmerzliches Aufsehen hervorgerufen: Einer der eifrigsten und hervorragendsten Parlamentarier, Reichstags- und Landtagsabgeordneter Domdekan MagnuS Reindl, ist in Rosenheim an Herzlähmung plötzlich gestorben, i Der Lebensgang deS uns so nahestehenden Heimgegangenen ist an anderer Stelle geschildert worden. Reindl gehörte dem Vor- I > stände der bayerischen und deutschen Centrumsfraktion an, war ! im bayerischen Landtag Vorsitzender des Pctitionsausschusses, ein ebenso undankbares als dornenvolles Ehrenamt, das neben großer Sachkenntniß ein umfangreiches Wissen und eben so viel Geduld als Energie erfordert; er übernahm ferner das Referat über den Lokalbahngesetzentwurf, an dessen Erstattung er durch seine Krankheit verhindert wurde. Als Redner im Parlament war Reindl besonders deshalb geschätzt, weil er, zwar in einem etwas eigenartig klingenden Dialekt, aber außerordentlich sachlich das jeweilige Thema behandelte. Die Entwicklung der Gedanken war äußerst scharf, die Logik zwingend. Persönlich war Herr Reindl als Abgeordneter außerordentlich liebenswürdig und gefällig. ImReicbStage verfocht er dieJnteressen des Volkes und der Kirche ebenso unerschrocken als im Landtage. Für die Parlamente war er eine hochgeschätzte, unermüdliche Arbeitskraft, die nicht so leicht zu ersetzen ist. Wie hoch er überall dort geschätzt wurde, wohin ihn seine Pflicht als Seelsorger rief, brauchen wir hier wohl nicht auseinanderzusetzen; die Liebe und Verehrung von Seiten seiner jeweiligen Pfarr- angehörigen hat sich bei den verschiedensten Gelegenheiten doku- mentirt. Nun hat der Tod, der schon von seinem Lager gebannt schien, ihn plötzlich dahingerafft zum großen Schmerze all Derer, die ihm je näher gestanden sind. Gott hat dem Streiter für Leine Ehre die Waffe aus der Hand genommen und ihn hcimgerusen zur ewigen Ruhe. I!. I. k. Eine Ktorchenfamilie. Wenn der Frühling ins Land zieht, dann bildet das Storchcnnest anf dem Schornsteine des Rathhauses den Gegenstand gespanntester Aufmerksamkeit für Alt und Jung im Städtchen. Ob sie wohl wiederkommen werden, die gnten, alten Bekannten, die nun schon seit einer Reihe von Jabren im Frühjahr das Städtchen durch ihre Ankunft erfreuen? Und wie ein Lauffeuer Pflanz' sich die Kunde „Sie sind da, sie sind da!" von Mund zu Mund, wenn eines Nachmittags das Stvrchenpaar mit mächtigem Flügelschlag herbeigerauscbt kommt, mehrmals das Rathbausdach umkreist und dann sich auf dem alten Standplatze niederläßt, von wo es ruhig und gravitätisch, als sei gar nichts vorgefallen, auf die Menschenkinder hinab- schaut. Mit Interesse verfolgen von Stund' an die Einwohner das Treiben des Storchenpaares in seiner luftigen Höhe, und es gehört zu den lokalen Ereignissen, wenn eines Morgens ein halbes Dutzend junger Störchlein ihre gelben Schnäbel zum Neste Herausstrecken. Da ist es dann rührend, zu beobachten, mit welch' unermüdlicher Sorgfalt die Storcheneltern für die Fütterung ihrer Brüt sorgen, wie sie derselben die feinsten Leckerbissen in Gestalt von Fischen, Fröschen, Schlänglein und dergleichen aus Sümpfen und Weihern herbeiholen, und wie sie dann später, wenn die Jungen flügge geworden sind, denselben die Kunst des Fliegens beibringen, bis dann im Herbste die ganze Storchenfamilie wieder Abschied nimmt und sich zum Winteraufenthalte dem sonnigen Süden zuwendet. Gewitter. Die Wolken ballen schnell sich zum Gewitter, Und Stürme bergen sich in ihrem Schoß, Vom Felde kehren heim die müden Schnitter, Der Schiffersmann verläßt sein schwankend Floß. Es blitzt, und Donner folgen mit Gekrache, Des Himmels Wolken schütten aus ein Meer. Stand auf der Herr von seinem Sitz zur Rache, Weil ihn der Mensch beleidigt oft und schwer? O nein. Er liebt die Welt, die er erschaffen, Und er sie durch dies Ungestüm erneut, Gar bald das wilde Tosen wird erschlaffen, Und jedes Leben neugestärkt sich freut. S ch i l l e n a u e r. Altrömische Inschrift zu übersetze». c>!» »Uz PM »»>»!>, HZ 32. Areitag, den 17. April 1898. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbefitzer vr. Max Huttler). Indas WaklraDäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. ColoniuS. (Fortsetzung.) Hadassah behütete mit eifersüchtiger Sorgfalt ihre weiße Taube vor den Augen der Syrer. Die alte Frau hatte eine sehr unruhige Nacht gehabt. Mit schauerndem Interesse hatte Sarah sie im Schlaf stöhnen hören: „Abner, mein Sohn, mein armer, verlorener Söhnt" Die versiegelten Lippen waren geöffnet, da die Seele keine Kraft mehr hatte, ihre Aussprache zu verhindern. Hadassah erwachte am Morgen fieberhaft und krank. Sie machte vergebliche Anstrengungen, sich zu erheben, um ihre tägliche Arbeit vorzunehmen. Sarah bat sie, stillzuliegen. Stundenlang lag die Wittwe auf der Matte ausgestreckt, während Sarah neben ihr wachte und ihre fieberhafte Stirn fächelte. „Laß mich Dir einen kühlen Trank bereiten, meine Mutter," sagte das Mädchen, indem es aufstand und nach dem Wasserkruge ging, der in der Ecke des Zimmers stand. „Ach, er ist leer, Hannah vergaß ihn, ehe sie zur Stadt ging, zu füllen; ich will gehen und ihn selbst Wen." Sarah hob den Krug auf, setzte ihn auf den Kopf und ging die rauhen Stufen der Außentreppe hinab, um sich zur Quelle an der Rückseite des Hauses zu begeben. Die Quelle war von Oleandern umgeben, welche zu dieser Jahreszeit in Palästina in reichster Blüthe stehen. Aber die Jahreszeit war heiß und trocken gewesen und der Spätregen noch nicht gefallen, so daß die Quelle zu sinken begann. Sarah stellte ihren Krug unter die Oeffnung, aus welcher rein und hell das Wasser floß, aber dies geschah so sparsam, daß sie beinahe die herausfallenden Tropfen zählen konnte. „Ach, mir scheint eS, als ob meine irdischen Freuden diesem mangelhaften Quell glichen," dachte das Mädchen, als sie das langsame Tröpfeln des Wassers beobachtete. „Sie werden bald alle vertrocknet sein. Die Kräfte meiner geliebten Großmutter nehmen sehr ab. Sie wird unfähig sein, morgen dem Feste in Salathiel's Hause beizuwohnen, obgleich ihr Herz bet den Anbetern dort verweilen wird. Wie verschieden, ach wie verschieden ist das Passahfest von dem des vorigen Jahres. Denn da war zwar wirklich ein Götze im Tempel des Herrn, und das heilige Opfer konnte nicht geweiht werden, aber der Verfolgungssturm mit allen seinen Schrecken war noch nicht losgebrochen. Wie viele waren ferner damals um den Tisch des Salathiel versammelt gewesen, die ich auf Erden nie wiedersehen werde! Salame, «eine Verwandte, und ihre sieben Söhne waren in jener feierlichen Versammlung gegenwärtig. Azahel mit den feurigen Augen, der furchtlose Mahali, der junge Joseph, welcher vor zehn Jahren, als ich von Bethsura hierherkam, mein lustiger Spielgefährte war. Ich erinnere mich, daß Hadassah, wenn sie auf die Brüder sah, sagte, sie wären wie die Plejaden, jetzt sind sie noch mehr jenem Sternenbilde gleich, nur scheinen sie nicht auf Erden, sondern im Himmel. Und Salame sah stolz auf ihre Söhne und sagte, daß nicht einer unter ihnen ein Erröthen auf die Wangen seiner Mutter gebracht habe, dann bereute sie, geprahlt zu haben, und ich glaube einen erstickten Seufzer von Hadassah gehört zu haben. War es der prophetische Geist, der über sie kam, so daß sie die schreckliche Zukunft voraussah, oder war es — ach, ich wage nicht darüber nachzudenken, weshalb sie seufzte. Und der alte Mattathias, der nun im Grabe seiner Väter schläft, war dem Gesetze Mosis gemäß nach Jerusalem gekommen und hielt im Hanse des Salathiel das Passahfest. Wie ehrwürdig sah der alte Mann in seinem langen, schneeigen Barte aus! Ich dachte damals, daß so Abraham ausgesehen haben müsse, als seine Pilgerschast auf Erden zu Ende ging. Mattathias legte seine Hand auf mein Haupt, segnete mich und nannte mich seine Tochter. Sich, kann eS sein, daß er an mich als eine wirkliche Tochter dachte? - Der fürstliche Judas stand dabei, und als ich meinen Kopf erhob, begegnete ich dem Blick seiner Augen. Ich begriff damals den Ausdruck dieses Blickes nicht, er war mir wie der zärtliche Blick eines Bruders. Mattathias ist dahin, Salame und ihre Söhne sind dahin. Judas mit seiner kriegerischen Schaar steht wie ein von den Jägern dicht umringter Löwe auf dem Sprunge. Apollonius ist durch unsere Helden besiegt, Seron vernichtet; aber nun haben sich Nikanor und Gorgias mit den Streitmächten des Piolemäus verbunden, um ihn durch Uebermacht zu vernichten. WaS kann die Hingebung unserer Vaterlands' freunde helfen, als daß diese die Zahl der Märtyrer, welche bereits ihr Leben für die Vertheidigung unseres Glaubens und unseres Gesetzes hingegeben haben, vermehren! Ach, es wird ein trauriges Passahfest werden. 238 Ich werde außer dem Gesicht des Abischar keines Verwandten Antlitz sehen, und den kann ich nur sehr wenig lieb haben. Und, was das Schlimmste von allem ist, ich fürchte, daß ich immer noch von dem alten Sauerteige in meinem Herzen habe, den ich mich vergebens bemühte, ganz abzuthun. Ich liebe im geheimen noch immer das Verbotene, obgleich nicht vorsätzlich — nicht vorsätzlich, wie Er weiß, den ich beständig um Kraft bitte, alles, waS ihm nicht wohlgefällt, zu vermeiden." Der Krug war nun voll; Sarah schickte sich bei dem letzten durch ihre Seele gehenden Gedanken an, ihn aufzuheben, fuhr aber, während sie dies that, erschrocken zurück. Lycidas, dessen ganze Seele aus seinen Augen strahlte, war dicht neben ihr. Das Mädchen stieß einen schwachen Schrei aus und bemühte sich, an ihm vorbeizukommen, um in das Haus zu gehen. „Bleib', Sarah, Abgott meiner Seele!" rief der Athener, ihre Hand ergreifend. „Du darfst mich nicht fliehen. Du mußt mich einmal hören, — nur ein einziges Mal." Und mit einem leidenschaftlichen Strom von Beredsamkeit legte der junge Grieche seine Hoffnungen, feine Güter und sein Herz ihr Zu Fußen. Sarah wurde leichenblaß, ihre Gestalt zitterte. „O, Lycidas, habe Erbarmen!" flehte sie. „Es ist schon Sünde, wenn ich Dich nur anhöre; es wäre grausam. Dir Hoffnung zu machen. Unser Gesetz verbietet einer Tochter Abrahams, einem Heiden anzugehören. Es würde ungehorsam gegen meinen Gott sein, Deine Liebe zu erwidern. Lieber leide ich, lieber sterbe ich, als daß ich von dem Glauben meiner Vater abfalle." Und mit Anstrengung zog sie ihre eiskalte Hand aus der Hand des Mannes, den sie liebte, sprang dann eilig an ihm vorbei mit der Schnelligkeit einer Gazelle und flog die Treppe hinauf zu dem Gemach, in welchem sie Hadassah verlassen halte. Lycidas stand durch des Mädchens plötzlichen Rückzug enttäuscht da. Es kam ihm vor, als ob die Thür des Paradieses plötzlich vor ihm verschlossen worden wäre. 16. Kapitel. Die beiden Feldlager. Während sich diese zuletzt beschriebenen Szenen in der Gegend von Jerusalem abspielten, bereitete sich Judas in den Bergen zu einem großen Angriffe vor. Wie Welle auf Welle, eine höher steigend als die vorhergehende, schleuderten die Feinde ihre Kräfte gegen die Heldenschaar, welche das Banner der Wahrheit hochhielt, als eine Leuchte, die dort schien, wo der Sturm am heftigsten heranbrauste. Der mächtige Nikanor, ein Sohn des Patroklus, ein Mann, der in der Gunst des Königs ganz besonders hoch stand, hatte eine gewaltige Macht zusammeugefchaart, um das ganze Volk der Juden auszurotten, und mit ihm hatte sich Georgias, ein Befehlshaber von großer Kriegserfahrung, vereinigt. Ein ausgedehntes Lager wurde von den Syrern zu Emmaus, ungefähr eine Sabbathtagereise von Jerusalem, errichtet. Die Hügel waren von ihren Ziegenhaar-Zelten verfinstert, die Straßen oollgedrängt von Kriegern und vielen Kaufleuten, welche Silber und Gold brachten, um hebräische Gefangene als Sklaven für ihre Märkte zu kaufen. Denn Nikanor war so siegesgewiß, daß er vor der Hand schon einen Verkauf von Sklaven hatte ausrufen lassen, welche er sich aufzubewahren gedachte, ja, er hatte schon eine» Preis festgesetzt, den er für seine besiegten Feinde fordern wollte. Für ein Talent*) sollten nach der Proklamation neunzig hebräische Gefangene gegeben werden. „Diese kühnen Geächteten," sagte der hochmüthige Syrer, „sollen ihre überflüssige Kraft, wie einst ihr Simson, anwenden, Korn für ihre Sieger zu malen, oder deren Felder, die sie einst ihr Eigenthum nannten, bei der Geißel des Arbeitsvogtes zu beackern. Ha, ha, es wäre doch eine Wonne, den erhabenen Makkabäus selbst zu sehen, wie er mit geblendeten Augen das Rad dreht, oder seinen stolzen Nacken beugt, um mir, wenn ich mein arabisches Roß besteige, als Schemel zu dienen. Dies wäre süßere Rache, als ihn mit demselben Schwerte, welches er Apollonius nahm, in Stücke zu hauen. Laßt den Hasmonüer in weine Hände fallen, und er soll schmecken, was es heißt, einen lebendigen Tod sterben!" MakkabäuS seinerseits hatte seine Streitkräfte nach Mispath geführt, wo er sich gelagert hatte. Hier wurde durch den hasmonäischen Führer ein Tag zu feierlicher Kasteiung bestimmt. Er und seine Krieger fasteten, saßen in Sack und Asche und beteten zum Herrn Zebaoth. Dann ordnete der Führer sein Heer noch besser, theilte es in Nnterabtheilungen und setzte über jede derselben einen Hauptmann. Während göttliche Hilfe angefleht wurde, wurden menschliche Mittel nicht versäumt. Früh am Morgen des folgenden Tages hielten Makkabäus und Simon, sein älterer Bruder, einen ernsten Kriegsrath miteinander. Die Gegend, in welcher sie sich befanden, war historisch. Dieselben Steinhaufen, auf welchen die hasmonäischen Führer saßen, bezeichneten die Stelle, wo einst ihr Vorfahre Jakob von Laban, als er zu seinem alten Vater zurückkehrte, Abschied genommen hatte. Nur wenige Monate waren erst verflossen, seit Judas, wie ihn der Leser zuerst sah, in dem Grabe der Märtyrer stand, aber diese ereignißreichen Monate haben eine sichtbare Veränderung auf den hasmonäischen Führer hervorgebracht. Anstrengung, Arbeit, die Last der Sorgen, die schwere Bürde der Verantwortlichkeit, dazu der Kummer über den Tod seines Vaters hatten ihre Spuren auf seinem ausdrucksvollen Gesicht zurückgelassen. Makkabäus sieht aus, wie ein ermatteter Mann, doch ist noch größere Majestät in feinem Benehmen, dessen Würde mit Stolz nichts gemein hat. Denn Stolz hat seine Ursache in Selbstbewußtsein, wahre Würde in Selbstvergessenheit. „Dies wird unser härtester Kampf werden, der Feind ist stark," bemerkt Simon, indem er seinen Blick nach der Richtung schweifen ließ, wo die syrischen Schaaren lagerten. „Dem Herrn ist es gleich, seine Allmacht ist unsere größte Hilfe," antwortete Makkabäus. „Wie stark sind unsere Streitkräfte?" fragte Simon. „Sechstausend mit denen, die gestern dazugekommen sind," war die Antwort. „Aber heute will ich durch eine Bekanntmachung kund thun, daß alle Diejenigen, die Weinberge pflanzen, oder Häuser bauen, oder kürzlich Weiber genommen haben, wenn sie wollen, zurückkehren und dann — Ha! Eleazar schon zurück," rief der Führer sich unterbrechend, als ein junger Hebräer, als *) 1 Talent — 100 Drachmen, nach unserer Rechnung 4030 Mark. 239 syrischer Kaufmann gekleidet, mit schnellem Schritt die Anhöhe, auf welcher die Hasmonäischen Brüder saßen, hinaufstieg. „Ich bin mitten unter ihnen gewesen!" rief Elea- zar, „ich habe in ihren Zelten gestanden, ihre Lieder und ihr stolzes Prahlen gehört, habe vernommen, wie die Söhne des Mammons über Leib und Leben der freien Söhne Abrahams verhandelten. Sie mögen unsere Körper als Leichname haben," fügte der junge Hasmo- näer mit stolzem Lächeln hinzu, „aber niemals als Sklaven, und selbst unsere Leichen sollen sie theuer genug erkaufen müssen." „Kennst Du die Zahl der Syrer?" fragte Simon, dessen ruhiges, gesetztes Wesen zu dem feurigen, jungen Eleazar einen starken Contrast bildete. „Nikanor hat vierzigtausend KriegSknechte und siebentausend Pferde," war die Antwort, „ohne derer zu gedenken, die das Lager umgeben und wie Geier das Blutbad von Weitem wittern." „Mehr als sieben auf einen," bemerkte Simon kopfschüttelnd. „Die Hebräer haben schon größere Streitkräfte als diese angegriffen," rief der junge Mann. „Ja, wenn alle standhaft wären," warf der ältere Bruder ein. „Zweifelst Du an unsern Männern?" rief Eleazar. „Viele von ihnen werden treu sein bis in den Tod, aber ich weiß, daß in einigen Vierteln Mißtrauen herrscht, ich möchte es sogar Furcht nennen," antwortete Simon mit Ernst. „Nicht alle," fuhr er fort, „find erprobte Krieger. Einige haben sogar von Unterwerfung gesprochen." „Unterwerfung!" rief Eleazar, die Faust ballend, „ich würde diese Sklaven mit Geißelhieben in den Kampf treiben, wie Hunde, welche auf der Jagd zurückbleiben wollen." „Im Gegentheil," sagte Makkabäus, der bisher stillschweigend die Unterredung mit angehört hatte, „ich werde morgen bekannt machen lassen, daß jeder, welcher sich fürchtet, meine volle Erlaubniß hat, heimzukehren." — „Wäre das wohl rathsam?" fragte Simon zweifelhaft, „der Feind übertrifft uns an der Zahl ohnehin schon." „Es ist nach dem Gesetz," antwortete JudaS ruhig. „Es ist dasselbe, waS Gideon that, bevor er Midian angriff. Wir können keinen Mann unter uns brauchen, der nur mit halbem Herzen bei der Sache ist, keinen, der sein Leben bei dem Kampf, der uns bevorsteht, theuer achtet." „Wenn wir im Kampfe fallen, wird die Hälfte unserer Zahl zum Opfer genügen," bemerkte Simon. Er sprach ohne Furcht, aber wie einer, der sich der ganzen Ausdehnung der drohenden Gefahr bewußt ist. „Siehst Du jenen Stein, mein Bruder," fragte Makkabäus, auf einen Hügel auf dem Wege vor ihnen deutend, welcher deutlich gegen den dunkelblauen Himmel sichtbar war, „das ist Ebenezer, der Stein der Hilfe, welchen Samuel zur Erinnerung an den Sieg über die Philister setzte, als Gott vom Himmel donnerte und die Feinde Israels vernichtete." „Ja, ich sehe ihn," versetzte Simon, „und ich sehe die Macht und Treue des Herrn der Heerschaaren darauf geschrieben, wir find in seiner Hand, nicht der des Nikanor." „Gott wird aufstehen und wird die Feinde zerstreuen!" rief Eleazar. „Mein Bruder, gib Befehl, daß die Posaunen geblasen werden, und laß unsere Proclamation im Lager bekannt werden, damit alle, die sich fürchten, sogleich zurückkehren und uns am Tage der Schlacht dadurch, daß sie ihren Rücken zeigen, keine Schande machen." Der Befehl des Führers wurde sogleich befolgt. Die Proclamation wurde veröffentlicht, und ihre beunruhigende Wirkung war schnell zu sehen. Die kleine Schaar des Makkabäus fing an wie Schnee an den Sonnenstrahlen zu schmelzen. Ein Mann erinnerte sich der Thränen seiner jungen Frau; ein anderer der hilflosen Lage seiner verwittweten Mutter; die Herzen nicht Weniger hingen an ihren Heerden, während viele in der herannahenden Erntezeit einen Vorwand suchten, um nicht durch den wahren Grund der Feigheit vor ihren Kameraden errathen zu müssen, wenn sie die Sache des Vaterlandes verließen. Das kleine Heer des Judas war auf diese Weise lange vor dem Hereinbrechen des Abends bis zur Halste zusammengeschmolzen. „Sie haben sich für unwürdig gehalten, den Ruhm, der ihrer tapferen Brüder wartet, zu theilen!" rief Eleazar unwillig, indem er sich auf seinen Bogen stützte und die lange Reihe der Flüchtlinge, die ihren Weg westwärts nahmen, betrachtete. Makkabäus hielt unverzagt, wenn auch ein wenig durch den Verlust der Hälfte seiner Truppen entmuthtgt, unmittelbar vor Sonnenuntergang eine kurze Anrede an die Männer, die ihm noch geblieben waren: „Rüstet Euch und bewahret Euere Unerschrockenheit, daß Ihr morgen bereit seid, wider diese Heiden, die uns und unser Heiligthum zu vertagen gedenken, zu streiten. Für uns ist es besser, daß wir im Streite umkommen, als daß wir solchen Jammer an unserem Volk und Heiligthnm sehen. Aber, was Gott im Himmel will, das geschehe." So zogen sich die Hebräer, fest entschlossen, zu siegen oder zu sterben, jeder an seinen bestimmten Platz in dem kleinen Lager zurück, bis die Morgenröthe sie zu dem verzweifelten Kampfe wecken würde. 16. Kapitel. Die Schlacht bei Emmans. Der Kampf sollte nichtz bis zum Morgen verschoben werden. Die Nacht hatte bereits den Schleier der Finsterniß über die Erde gebreitet, und Simon hatte sich, um sich für die bevorstehenden Anstrengungen des nächsten Tages zu kräftigen, klugerweise, in seinen Mantel gehüllt, auf einige Stunden niedergelegt, um zu ruhen, als er durch eine Hand, die seine Schulter berührte, geweckt wurde. Als er die Augen öffnete, sah er bei dem Lichte einer Fackel, welche der Waffenträger des Judas hielt, daß Makkabäus vor ihm stand. „Erwache, stehe auf, mein Bruder!" rief er, „dies ist keine Zeit zum Schlafen." Simon war augenblicklich auf den Füßen und hörte aufmerksam zu, als sein Bruder fortfuhr: „Ein Kundschafter hat soeben aus dem syrische« Lager die Nachricht gebracht, daß Nikanor fünftausend Mann Fußtruppen und tausend auserlesene Reiter 240 — beordert hat, uns diese Nacht anzugreifen und zu überrumpeln." .Sie werden uuS vorbereitet finden," entgegnete Simon, sein Schwert umgürtend. „Nein, sie werden ihre Beute ausgeflogen finden," versetzte MakkabäuS mit ernstem Lächeln. „Wir wollen das syrische Lager in ihrer Abwesenheit überfallen, dem Feind seine eigene Lection lehren und so die Ueber- rumpelung auf die Feinde übertragen." „Wohl erwogen!" rief Simon, „die Dunkelheit wird unsere geringen Kräfte verbergen." „Unsere Brüder sollen jetzt die Krieger ordnen," befahl Judas. „Alles hängt nächst Gott von Stillschweigen, Schnelligkeit und Entschiedenheit ab. Wir fechten für unser Leben und unser Gesetz." Der Führer wandte sich zum Gehen; da ließ er unversehens etwas auf den Boden fallen. Er bückte sich, hob es auf und wickelte es schnell um seinen linken Arm unter dem Aermel. Dieser Vorfall war so geringfügig, daß er kaum Simon's Aufmerksamkeit auf sich zog, obgleich ihm der Gedanke kam. daß es doch sonderbar wäre, daß sein Bruder am Vorabend einer Schlacht stillstehen konnte, um etwas so Werthloses wie eine Strähne ungebleichten Garnes aufzuheben. Es war in der That wrrthlos, doch nicht für den, der es trug. Jenes Garn hatte einst dazu gedient, einige längst verwelkte Blumen, die in das Märtyrergrab gestreut worden waren, zusammenzuhalten. Die kleinen Strähne waren auf den aufgeworfenen Nasen gefallen, ungesehen, außer von dem Auge des Einen. Vielleicht geschah es zur Erinnerung an die Todten, daß Makkabäus die Strähne um seinen Arm befestigte, während er sich nicht nach einer Perlenschnur gebückt haben würde. Vielleicht auch waren die Hoffnungen, die die Ueberlebenden betrafen, herrlicher und süßer, als die Blumen, die in jenes Garn eingebunden gewesen waren, so daß Makkabäus diese Hoffnungen gewissermaßen durch Aufbewahrung der Strähne festhalten wollte. Durch die sofortigen Bemühungen der fünf has- moumschcn Brüder stand das hebräische Heer bald unter Waffen und bereitete sich zum nächtlichen Angriffe vor, indem es alle Kräfte auf eine verlorene Hoffnung setzte. Wie eine dunkle Wolke am Himmel bewegte sich still und finster die Heldenschaar, und gleich einer Wolke trug sie das Unwetter mit sich. Die meisten Syrer hatten sich in jener Nacht einem tiefen Schlaf übergeben, aber nicht alle, einige hielten noch in ihrem Lager Wache. Aller Luxus, den die Phantasie ersinnen und der Reichthum gestatten konnte, war, um die ernste Seite des Krieges zu verdecken, in Emmaus angehäuft, so daß das Lager bei Tage aussah, wie ein Bazar mit der Pracht und Ueppigkeit eines Hofes. Der Sorbet funkelte in silbernen Gefäßen, der rothe Wein wurde in goldene Schalen mit eingelegter oder erhabener Arbeit gegossen. Da waren prächtige Gewänder in allen Farben des Regenbogens, reiche Erzeugnisse des orientalischen Webe- stuhls, Mäntel aus Tyrus, Shawls aus Kaschmir, sowie Waffen aller Art — Schwerter, Schilde, Streitäxte, Speere und Helme. Die Schildwache machte ihre Runde und stand zuweilen still, um die Ausbrüche wilder Lustigkeit und die Klänge munterer Lieder zu hören, die aus den Zelten, wo vornehme junge Syrer bei nächtlichen Gelagen Späße wechselten, ertönten. Dort saß bei dem Licht einer Fackel eine Gruppe von Befehlshabern bei irgend einem Hazardspiel. Sie hatten Gefangene auf's Spiel gesetzt, welche am Morgen die Räder vom Triumphwagen ziehen sollten. Jeder Würfel entschied über das Schicksal eines Hebräers, wenigstens dachten die lustigen Spieler in dieser übermüthigen, siegesbewußten Weise. Aber die zu Sklaven Bestimmten kamen eher auf den Markt, als die sie erwartenden Herren dachten und wünschten, und der Preis für jeden Hebräer wurde eingetrieben, aber nicht in Gold, sondern in Blut. Plötzlich wurden die Spieler beim Spiel, die Zecher beim Mahl, die Schläfer von ihrem weichen Kissen durch das Schmettern der Posaunen und das Kriegsgeschrei: „Hier Schwert des Herrn und Makkabäus!" aufgeschreckt. Der volle Becher stürzte von der Lippe, und der Würfel aus der Hand. Nun gab es ein wildes Rufen, Schreien und Hin- und Herstürzen. Krieger griffen zu den Waffen, Kaufleute flogen, um sich zu retten, hier- und dorthin in die Finsterniß, indem viele, über Zelttheile stolpernd, zur Erde fielen. Da war wirrer Lärm und Schrecken, Fußgetrawpel, Pferdegewieher und Rufe zu den Waffen. Ein panischer Schrecken herrschte überall im mächtigen syrischen Heere. Die Wenigsten blieben, um den unsichtbaren Angreifern zu widerstehen, die Meisten ergriffen die Flucht. Bald war der Boden mit Schätzen aller Art, die die erschreckten Flüchtlinge hatten fallen lassen, bestreut, während Waffen von den Kriegern, die nicht den Muth hatten, sie zu gebrauchen, weggeworfen waren. Zelte wurden schnell in Flammen gesteckt, und Pferde vermehrten, erschreckt durch den plötzlichen Schein und toll gemacht durch die sengende Hitze, die schreckliche Verwirrung, indem sie hinten ausschlagend wild durch das Lager stürzten. Makkabäus eilte, mit dem Schwerte des Appollonius in der Hand, vorwärts über den Haufen von niedergeworfenen Feinden. Schrecken ging als Herold vor ihm her, und Sieg folgte, wohin er trat. Es schien, als ob der Herr der Heer- schaaren, wie in den alten Zeiten des Gideon, für Israel stritt. Heftig wurden die fliehenden Syrer verfolgt. Makkabäus und seine Krieger blieben hart auf ihrer Spur. Als der Morgen nach jener schrecklichen, wenn auch glorreichen Nacht dämmerte, ertönten die Posaunen des Judas Makkabäus, um die Truppen zusammenzurufen. Der Anführer hatte wohl bedacht, daß Gorgias, dessen auserlesene Kriegerschaar die seinige um das Doppelte übertraf, noch angegriffen werden mußte. Mit ernstem Mißmuth sah Makkabäus, wie seine mit Blut und Staub bedeckten Krieger sich mit dem reichen Plunder beluden, der auf der Straße herumlag, wie Früchte unter Obstbäumen nach einem wilden Sturm. „Ihr sollt nicht plündern!" rief er, „wir müssen noch eine Schlacht schlagen; darum bleibt in Ordnung und wehrt Euch. Wenn Ihr dann die Feinde geschlagen habt, könnt Ihr sicher und ohne Gefahr plündern." Es ist schwerer, Hunde von der Beute, die sie schon niedergerissen, wieder loszureißen, als sie von der Koppel zu lassen, wenn das Wild in Sicht ist. Es bedurfte der ganzen Gewalt eines solchen moralischen Einflusses, wie ihn Makkabäus über seine Truppen besaß, um die Plünderer von den zu ihren Füßen liegenden Schätzen zu entfernen und an den unbedingten Gehorsam gegen ihren Führer wieder zu gewöhnen. Sehr bald ward eS auch sichtbar, daß die Mahnung deS has- monätschen Führers nicht unnöthtg gewesen war. Nur wenige Stunden darauf erschien in einiger Entfernung auf der Spitze des Hügels die Vorhut der Truppen des Gorgias. Sie hatten die ganze Nacht vergeblich das Lager der Hebräer gesucht. Nach einem langen, ermüdenden Marsch befand sich Gorgias auf einem Hügel, von dem aus er das Land weithin übersehen konnte. „Die Sklaven sind geflohen, sie haben sich in die Berge gerettet!" rief er, indem er bet dem ersten Strahl goldenen Lichts am östlichen Himmel von seinem ermatteten Kriegsrosse stieg. „Dann haben sie Spuren ihrer Arbeit zurückgelassen!" rief ein Krieger, nach der Richtung deutend, wo Nikanor's Lager, welches die Syrer nur von der Spitze des Hügels aus sehen konnten, gewesen war. „Siehst Du dort den Rauch von jenem dampfenden Haufen aufsteigen? Dort bei EmmauS muß eine Schlacht stattgefunden haben. Der Löwe ist durch das Netz gebrochen. Makkabäus hat diese Nacht nicht geschlafen." „Nein, Pollux, es ist unmöglich! Die Hebräer werden niemals eine so große Ueberzahl anzugreifen wagen!" rief Gorgias, welcher das, was er vor sich sah, nicht glauben wollte. Aber als das Tageslicht die Zeichen der Flucht und des Unglücks deutlicher offenbarte, und man den Rauch von den Trümmern in der ruhigen Morgenluft aufsteigen sah, zwang sich die Ueberzeugung von der schrecklichen Wahrheit dem Gemüth des Anführers auf, und mit Erstaunen und Unwillen rief er: „Wo sind die Schaaren des Nikanor?" „Jene dort unten werden Dir die Aufklärung geben können," sagte Pollux, indem er nach Süden deutete, woselbst die Hebräer in einem Thale von ihrem Führer geordnet wurden. „Da ist, wie ich wähne, der übermüthige Geächtete, der unser Lager zu einer Fleischbank gewacht bat. Siehst Du das Blitzen der Speere? Makkabäus stellt seine Krieger in Schlachtordnung. Sie sind nur eine Hand voll. Wollen wir einen Angriff auf sie machen und sie vom Erdboden vertilgen?" Gorgias blickte wieder nordwärts nach den rauchenden Trümmern des syrischen Lagers bei Emmaus, dann südwärts, wo das kleine Heer sich um das Banner des Makkabäus geschaart hatte. Obgleich die Zahl der Truppen des Gorgias doppelt so groß war, als die der Hebräer, wagte er doch nicht mit denen, die soeben Ntkanors ungeheure Schaaren überwunden hatten, eine Schlacht zu eröffnen. Wäre der syrische Anführer von so furchtlosem Geiste beseelt gewesen, wie sein Gegner, so würde nach menschlicher Berechnung für Judas auf den nächtlichen Sieg eine Niederlage gefolgt sein. Aber Gorgias zeigte bei dieser Gelegenheit einen ungewöhnlichen Aufwand an Vorsicht; und »Pollux wünschte, obgleich er einen herausfordernden Ton annahm, im Innern keineswegs mit Makkabäus anzubinden. Die Kräfte der Hebräer waren zwar durch den Kampf und die Verfolgung erschöpft, aber ihr Geist war ungebrochen. Makkabäus beobachtete mit einiger Unruhe die Bewegungen des Feindes auf der Höhe, indem er jeden Augenblick einen Angriff erwartete, welchen seine kleine Schaar so wenig im Stande war, auszuhalten. „Sie werden bald hier sein," sagte Simon, indem er sich müde auf seinen Speer lehnte. „Nein, sieh', sie verschwinden von der Spitze deS Hügels!" rief Eleazar triumphirend. „Diese Feiglinge! nur tapfer beim Wein! Nicht ein Fleck auf ihren Schwertern, nicht eine Schramme auf ihren Schilden. Hätten wir doch Kraft genug, die Memmen bis an die Mauern von Jerusalem zu jagen!" „Gott hat ihnen Furcht in ihre Herzen gegeben, ihm sei Preis," sagte Makkabäus, indem er sein Schwert in die Scheide steckte. Und darauf gingen sie hin und sangen einen Lobgesang und priesen den Herrn für seine Güte und Gnade, die ewiglich währet. 17. Kapitel. Abgereist. Als Sarah blaß und zitternd nach dem Zusammentreffen mit LycidaS nach dem Zimmer der Hadassah floh, ließ sie den Wasserkrug an der Quelle stehen. Der Anblick ihrer Großmutter, die auf ihren niedrigen Kissen ausgestreckt mit vertrockneten Lippen und geschlossenen Augen lag, rief dem armen Mädchen die Absicht, mit welcher sie das Krankenlager verlassen hatte, in's Gedächtniß zurück. Als Sarah so in peinlicher Unentschlossenheit an der Schwelle stand, hörte sie zu ihrem großen Troste unten die Stimme Hannah's und rief ihr zu, den Wasserkrug, den sie am Brunnen finden würde, herauszubringen. Hannah gehorchte schnell und kam nicht nur mit dem kühlen Trank, sondern auch mit reifen Früchten und Gemüsen, die sie aus Jerusalem mitgebracht hatte. Diese bestanden 'n weißen Maulbeeren, frischen Feigen, Gurken und einer Melone und waren für Hadassah ein angenehmer Vorrath. Angenehmer jedoch als diese Nahrungsmittel und selbst ein erfrischender Trnn? kalten Wassers waren für Hadassah die Nachrichten, die Hannah aus der Stadt mitgebracht hatte. Die Dienerin brannte darauf, diese glorreichen Nachrichten mitzutheilen: „Ich sah selbst Gorgias und seine Reiter abgemattet, niedergeschlagen durch die Straßen reiten!" rief Hannah. „Es wundert mich, daß sie sich nicht schämten, ihre Angesichter zu zeigen, sie hatten nicht einmal mit unseren tapferen Helden die Waffen gekreuzt." „Oder sie hätten nicht mehr gelebt, um es zu erzählen!" rief Hadassah, welcher die Siegesnachrichten von Emmaus neue Energie und neues Leben gegeben hatten. „Wir durften freilich nicht in die Hände klatschen und jauchzen," fuhr die jüdische Magd fort, „aber da ist auch nicht ein hebräisches Kind, das nicht vor Freude außer sich wäre. Wir segneten den Namen des Makkabäus, obgleich wir es nur im Flüstertöne durften." „Es wird ein Tag kommen," sagte Hadassah, „an welchem man diesen Namen wird so laut ertönen hören, daß die Mauern das Echo wiedergeben. O, mein Kind," fuhr sie zu Sarah gewendet fort, „das wird morgen eine dankbare Feier des Passahsestes werden. Der Herr bringt allen seinen Anserwählten Freiheit, ebenso wie er sie einst von der Knechtschaft des hochmüthigen Pharao erlöste." „Es wird doch ein sehr stilles Fest morgen werden," warf Hannah kopfschüttelnd ein. „Man sagt, daß der König AntiochnS über die Flucht des Nikanor und den 24L schmählichen Rückzug des GorgiaS gleich einer Bärin wüthet, der man die Jungen geraubt hat. Ein Bote ist sofort mit Aufträgen an König Lysias, welcher in den westlichen Provinzen regiert, abgeschickt worden." „Ist es bekannt, waL diese Aufträge enthalten?" fragte Hadassah. „Man erzählt sich," antwortete Hannah, „daß Lysias ein Heer aufbringen wird, welches schrecklicher und mächtiger als irgend eins, das jemals das Land überschwemmt hat, sein wird, bei weitem mächtiger als jene Schaaren, die Apollonius, Seron oder Nikanor geführt haben. König Antiochus soll bei allen falschen Göttern geschworen haben, daß er die Hasmouäer mit Stumpf und Stiel ausrotten wolle." „Wer kann ausrotten, was Gott gepflanzt hat?" entgegnete Hadassah. „Denkt Antiochus Epiphanes, daß er die Macht besitze, wider den Herrn zu streiten?" „Er hat schreckliche Macht über die Menschen," sagte Hannah, die ein weniger muthiges Herz als ihre Herrin hatte. „Schrecklichere Maßregeln als jemals , sollen getroffen werden! Es wird ihnen gerade so gehen, wie Salame und ihren Söhnen." „Wollte Gott mir die Kraft geben, daß ich morgen dem Feste beiwohnen könnte!" rief Hadassah, für welche > die mit dem Feste verbundene Gefahr erst recht ein Sporn war. „Keine Meuschenfurcht könnte mich zurückhalten. Aber er, der mir die Kraft versagt hat, wird den Willen seiner Dienerin annehmen." „Ich will mit meinem Oheim Abischai gehen," sagte Sarah. „Um Dich zu freuen und Dank zu sagen," bemerkte Hadassah. i Aber Sarahs sinkendes Herz konnte keiner Freude ! Ausdruck geben, sie neigte das Haupt, faltete die Hände l und murmelte leise: „Zu beten für Dich, für mich selbst § und —." Kein menschliches Ohr konnte das Wort, , welches ihre blassen Lippen unhörbar aussprachen, j vernehmen. , „Gehe zu unserm griechischen Gast, Hannah," ge- j bot Hadassah, „trage ihm von diesen reifen, kühlenden ! Früchten hin und erzähle ihm von den Triumphen des JudaS. Obgleich Lycidas nur ein Heide ist," fügte sie ! hinzu," als die Magd, um den Befehl ihrer Herrin - auszuführen, daS Zimmer verlassen hatte, „so wird er die Thaten unserer Helden doch bewundern, wenn er sie auch nicht ausführen kann." (Fortsetzung folgt.) -->^8SLS-"-- Der Ackerbau im heutigen Palästina. Von Dr. Seb. Euringer, Pfarrer. sNachdruL vrrboten.) „Man wird wohl kaum ein Land auf der Erde finden, welches für Colonisationsbestrebungen ungünstigere Verhältnisse darböte, als der Orient im Allgemeinen und Palästina im Besonderen. Der bessere Boden ist durch einen tausendjährigen Raubbau, der nichts gibt und nur nimmt, außerordentlich ausgesogen, der geringere, meist unbebaute, ist abscheulich verwildert. Die Niederungen, besonders die Flußthäler, sind in Folge mangelnder Ne- gnlirung der Gewässer voll von Sümpfen, die nicht nur die unmittelbare Umgebung, sondern auch weiterhin die Atmosphäre mit Fieberluft erfüllen und einen großen Theil des Landes ungesund nmchen. Noch- größere Hindernisse aber werde» durch die türkische Mißregierung bereitet. Die Bodeuerzeugnisse werden sehr hoch und nicht nach gesetzlich festgestellten Normen besteuert, so daß der Producent den Gewaltthätigkeiten des SteuereintreiberL preisgegeben ist. Hiegegen sind zwar die europäischen Co« lonisten durch die Konsulate einigermaßen geschützt; allein weil sie in allen Landangelegenheiten unter dem türkischen Gesetze stehen, so befinden sie sich doch in einer üblen Lage, welche dadurch noch verschlimmert wird, daß die agrarischen Besttzverhältnlffe sehr ungeordnet und verwirrt sind, so daß die Lokalbeamten sich sehr leicht einmischen können und dann die Ausländer bei dem Widerwillen der Regierung gegen europäische Unternehmungen ihr Recht nicht finden. Kurz, die ackerbauenden Colonisten begegnen überall Widerständen und finden nirgends eine Hilfe und konnten sich nicht halten, wenn sie sich nicht entschließen wollten zu dem alles entscheidenden Bachschisch (— Trinkgeld) ihre Zuflucht zu nehmen."*) Dieses Klagelied singt der Mitvorsteher der Tempel- gemeinde in Palästina, Christoph Paulus, in der Zeitschrift des deutschen Palästinavereins 1883^) von der Lage der europäischen Bauern im hl. Lande. Wenn nun schon die Europäer, welche durch die Konsulate wenigstens einigermaßen gegen die Plackereien von Seiten der türkischen Beamten geschützt sind, zu solchen Klagen sich veranlaßt fühlen, wie mag es da erst dem armen, eingeborenen Fellachen (Bauern) gehen? Zwar sind in manchen Beziehungen die Verhältnisse für den Landbau in Palästina günstiger gelagert als anderswo; aber im Ganzen ist der Fellach (der Bauer) in Palästina ein bedauernswürdiger Mensch: feine sociale Lage ist schlimm, seine Arbeit hart, feine Werkzeuge und Acker- geräthe höchst primitiv. Ich habe mir vorgenommen, was ich von den land- wirthschaftlichen Verhältnissen des heutigen Palästina selbst, gesehen, gehört und gelesen habe, in Kürze hier zu erzählen; vielleicht trägt meine Schilderung dazu bei, daß mancher Leser Gott dankt für die geordneten Verhältnisse, in welchen wir leben, wenn auch bei uns noch lange nicht alles vollkommen ist. Der Grundbesitz in Palästina wird in 3 Klaffen eingetheilt: 1) arä iniri — Regierungsland, Krongut würden wir sagen. Dazu gehören die fruchtbarsten Ebenen des Landes, nämlich die Jafa- und die Esdrelon-Ebene. Diese Ländereien werden von der Regierung an ganze Dörfer oder einzelne Personen verpachtet. Der Pächter hat daS Recht des Bebauens, muß aber dafür der Regierung den Zehnten (^ösalrr) zahlen. Solches Land ist unveräußerlich und kann daher weder verkauft noch vererbt werden. Dagegen kann das Recht der Bebauung veräußert werden. Stirbt aber der Verleiher des Rechtes der Bebauung, so sind alle Kontrakte, welche er gemacht hat, null und nichtig, auch wenn ihre Zeit noch nicht abgelaufen ist. Das Bebaunngsrecht (muieärrr'Ä) geht dann ohne Weiteres auf die Erben des Verleihers über, welche dann wieder darüber verfügen können. Sind aber keine Erben vorhanden, so fällt die lnuLÜrn n. wieder an den Staat zurück. 2) arä vvakk — Stiftungsländereien, wir würde» ') 1883 S. 3l, 32. ') Diese Zeitschrift wird immer durch die Buchstaben 2vkV citirt. — 243 — vielleicht sagen „Güter der todten Hand* oder Widduru. ES sind das Ländereien, welche zum Unterhalt von Moscheen, Schulen, Armenhäusern gestiftet und geschenkt wurden. So hat die berühmte Omarmoschee in Jerusalem reiche Ländereien als Widdum. Solches Land kann wieder nur verpachtet, aber nicht veräußert werden. Der Zehent wird an die Stiftungspfleger (rnutrMli) abgeliefert, welche für ihre Bemühung einen Antheil an dem Zehent haben. Aber diese Stiftungsverwaltungen find türkisch, und man schimpft, wie man behauptet mit Recht, daß die Beamten den Zehenten fast ganz oder doch zum größten . Theil „auffressen*. 3) arä rnrälr ----- Privatbesitz. DaS sind kleinere Grundstücke, welche entweder mit KaktuShecken oder Steinmauern abgegrenzt sind. Diese können veräußert und vererbt werden. Den Kaufbrief (keääooke) haben bisher meistens Privatleute ausgestellt, welcher, mit den nöthigen Zeugenunterschriften und Siegeln versehen, vollkommene Giftigkeit hatte. Jetzt steckt bereits die türkische Regierung ihre fürsorgliche Nase auch in diese Angelegenheiten hinein. Nicht alles Land ist bebaut; wegen Armuth und Faulheit gibt es viel Land, welches brach liegt (arä kür), namentlich im Gebirge; ferner gibt eö „todtes Land" (arä mojstts), welches schon lange unbebaut daliegt. Wer dieses Land urbar macht, macht es sich dadurch zu eigen. Auf diese Art haben sich fleißige Bewohner von Nazareth hübsche Weinberge verschafft. Es ist nun noch eine Landesart, araäi inaklüls, zu erwähnen, nämlich Grund und Boden, welcher von seinem Besitzer verlassen wurde, sei es nun, daß die Familie des Eigenthümers ganz aus- starb, oder daß der Besitzer aus Ucberschuldung oder weil zu sehr im Rückstand mit der Steuer einfach „durch" ist und sich anderswo, meist im Ostjordauland, angesiedelt hat. v) Wie hoch steht ein Tagwerk — 0,3152 Hektar Ackerboden im Preis? Nach dem soeben Gesagten kann bei einer Preisbestimmung nur von arä wnilr, von Privat- ländereien geredet werden, da Regierungs- und Stiftungsland nur verpachtet, fast nie aber verkauft wird. Die Preise sind natürlich je nach der Güte des Bodens, nach der Schwierigkeit der Bewässerung und des Absatzes der Erzeugnisse verschieden. Einige Beispiele, welche Anderlind in V 1886 S. 52 u. sf. zusammengestellt hat, mögen einen Einblick in die diesbezüglichen Verhältnisse gewähren. An den Bergen zwischen Bethlehem und den Teichen Salomons kosteten 1883 15 Hektar Weideland 160 M., also das Hektar 10 M. 66 Pf. In der Ebene Nephaim zwischen Jerusalem und Bethlehem kostete 1881 das Hektar bester Boden 480 bis 1600 Mark. In der deutschen Kolonie Sarona kostete das Tagwerk — 0,3152 Hektar: MiM-- Smd s Ma,k Der Preis für Felder, welche vou der Kolonie etwas abgelegen waren, betrug 1883 pro Hektar 40—80 Mk. In der deutschen Kolonie Haifa am Fuße des Karme! kostete in den 70er Jahren das Hektar durchschnittlich 240 Mark, 1883 circa 320 Mark; dagegen °) Nach Klein in 2OI>V 1831 S. 70 u. sf., und Schick, österr. Monatsschrift f. d. Orient 1879 Nr. 3. eine Gehstunde östlich von Haifa, im Kisonthale, verlangt» die Fellachen seit 1860 pro Hektar 16—46 Mk. Früher waren diese Felder noch billiger. Der große Preisunterschied erklärt sich durch daS Sumpffieber, welches am Kison so erschrecklich haust, und durch die Versumpfung des Landes mangels Korrektion des Kison. Die wenigen Felder der Fellachen in der fruchtbare» Ebene ESdrelon bet Nazareth kosteten 1884 pro Hektar durchschnittlich 155 Mark. Eine Viertelstunde östlich von Nazareth kaufte eine Klostergemeinde, wenn ich nicht irre, die barmherzigen Brüder, zwecks Gründung eines Hospitals 70,000 Quadratmeter Land um 1600 Mark, das Hektar zu 228 Mark 57 Pfg. Diese Grundstücke bestehen zur Hälfte aus einer Berglehne mit gutem Boden und zur Hälfte aus Berghängen, wo vielfach Gestein zu Tage tritt, so daß eS bisher nur zur Weide diente. Diese Angaben mögen genügen. — Der größte und fruchtbarste Theil Palästinas ist, wie schon erwähnt, RegierungS- oder Stiftungsland und daher unveräußerlich; dagegen können derartige Ländereien verpachtet werden. ' Jede Ortschaft hat gewisse, ihr zugetheilte Strecken, welche beim Beginn der Regenzeit den einzelnen Bewohnern durch das Loos zugewiesen werden. Diese Aus- loosung ist so charakteristisch, daß ich nicht umhin kann, ste eingehend zu schildern. Ich lasse dabei das Wort dem ausgezeichneten Palästtnakenner Baurath Schick in Jerusalem ^): „Alle diejenigen, welche pflügen wollen, versammeln sich in der oaka (offener Platz). Der Jmüm (muh. Priester), welcher zugleich Dorfschreiber, Archivbevahrer, Rechnungsführer rc. ist, hat bei diesen Versammlungen den Vorsitz. Alle, welche pflügen wollen, melden sich und geben die Anzahl von Pflügen (laääan), welche sie stellen wollen, an. Hat einer nur einen halben Pflug, d. h. nur ein Zugthier, so tritt er mit einem andern zusammen. Man theilt die Gesammtheit in Klassen. ES melden sich z. B. 40 Pflüge. Diese werden in 4 Klassen getheilt, je 10 zusammen, und über ste ein Chef oder Schech (- Vertrauensmann) erwählt, welcher seine Partie mit ihren 10 Pflügen zu vertreten hat. Diese Klaffen» eintheilung erleichtert die Austheilung deS Landes. Dasselbe ist nicht überall gleich gut u. s. w. Sind nun 4 Klassen gemacht, so wird das Land in vier Theile getheilt, so daß jeder dieser Theile gutes, mittelgutes und schlechtes in sich begreift. Die einzelnen Parcellen haben von Alters hergebrachte Namen, z. B. Rebhuhn- feld, Fuchsfeld u. s. w. Sind die Schechs über die Vertheiluug in 4 Theile einig, so daß kein großer Unterschied dabei sein kann, so wird das Loos gezogen; dies geschieht dadurch, daß jeder der 4 Schechs dem Jmam eine Kleinigkeit in seinen Beutel legt. Er ruft nun einen von den 4 Theilen anS durch Hersagen der Parcellen- namen, die dazu gehören, und ein herbeigeholtes Kind hat einen der 4 in den Beutel gelegten Gegenstände herauszunehmen. Wem nun der herausgezogene Gegenstand gehört, dem wird dieser Theil für dieses Jahr zu bearbeiten zugewiesen. Nun gehen die 4 Schechs daran, die ihnen zugewiesenen Stücke an dir einzelnen Mitglieder ihrer Partei zu vertheilen. Aber nicht so, daß ein Pflug seinen Antheil in einem zusammenhängende» *) Ocstcrr. Monatsschrift für d. Orient 1873 Nr. 3. Vergleiche auch 2vkV 1831 S. 75 (Klein). — 244 Stück bekäme, vielmehr hat jeder Pflug ein Zehntel an allen Grundstücken seiner Partei anzusprechen; die einzelnen Grundstücke werden darum in ebensooiele wuras (eig. Schnur) oder Streifen getheilt, als Pflüge da sind. Dadurch bekommt aber der Einzelne statt 2 oder 3 große Stücke eine Anzahl langer Streifen, die an ganz verschiedenen Orten der Dorfmarkung liegen. Die Grenzen werden durch Furchen (tslm) oder Steine bezeichnet, und noch heute gilt die Verrückung der Landmarke als eine fluchwürdige That, wie in den Zeiten Israels (Deut. 19, 14).« Wir kommen nun zur Aussaat; daher muß ich die klimatischen Verhältnisse Palästinas behandeln. Es gibt nur 2 Jahreszeiten im heil. Lande: die Regenzeit (tast Wost-8olüta) und die trockene Zeit (sök, tasl es-set). Die Regenzeit beginnt etwa Mitte Oktober und dauert bis Ende April; die trockene Zeit, der Sommer, reicht von Ende April bis Mitte Oktober. Um Rtitte Oktober kann der erste Regen, der sog. Frühregen, fallen, oft aber läßt er bis November, ja bis Dezember auf sich warten. Im März und April fällt der Spätregen. Vom Mai an hängt die Vegetation, was ihren Bedarf an Feuchtigkeit anlangt, einzig von dem tief in die Erde eingedrungenen Regen und von dem starken Nachtthau (iiücka) ab, da in diesen 6 Monaten, außer sehr seltenen Ausnahmefällen, kein Tropfen Regen fällt. ^) Die Regenzeit zerfällt nach Chaplin (2Ol?V 1891 S. 96 u. ff.) in 3 Abschnitte: 1. Der Frühregen, von oen Eingeborenen ei WÄ8M ei i>säri, „das frühe Zeichen«, genannt. Dieser kündigt sich oft durch Gewitter an; dieser in der heil. Schrift oft genannte Frühregen feuchtet das Land an und macht es zur Aufnahme der Saat geeignet, und somit gibt der erste Regen das Zeichen zum Bereitstellen der Pflüge. 2. Die starken Winterregen, welche das Erdreich sättigen, die Cisternen und Teiche füllen und die Quellen wieder speisen. 3. Der Spätregen im Frühling. Derselbe läßt die Aehren des Kornes schwellen, befähigt Weizen und Gerste die trockene Sommerhitze zu ertragen. Der Spätregen ist höchst wichtig für den Ausfall der Ernte. Bleibt er ganz aus oder fällt er nur spärlich, so entsteht eine Mißernte und infolge der mangelhaften Verbindung der einzelnen Landtheile untereinander oft Hungersnoth. °) Der Frühregen, die starken Winterregen und der Spätregen wurden schon im Alten Testamente genau von einander gehalten, wie die Stelle bei Joöl 2, 23 zeigt: „Gott wird euch herabsenden den schweren Winterregen, den Frühregen und den Spätregen, damit voll werden die Tennen von Weizen und die Keltern von Most und Oel überfließen.« Der Frühregen, der für die Aussaat so wichtig ist. da er stark genug sein muß, das ausgedörrte dürre Erdreich aufzuweichen, bleibt selten ganz aus, unsicher dagegen ist das Eintreten des Spätregens, ihm steht der Landmann nicht ohne Besorgniß entgegen, hängt ja von seinem Ergebniß der Betrag der Ernte ab. Daher betheuert Job 29, 23: „Sie warteten auf mich wie auf den Frühregen und lechzten nach meinem Worte wie nach dem Spätregen.« (Schegg, Archäolog!« I, 140.) Die Fellachen haben ein diesbezügliches Sprichwort, das lautet: °) Vergl. 2V?V 1881 S. 72 und 73 (Klein). «) Bädeker: Palästina S. 1,111. „Aprilregen bringt mehr als der Pflug und das Joch an Segen.« Dr. Thomas Chaplin hat während 22 Jahren (1860 bis 1882) das Klima von Jerusalem nach meteorologischen Grundsätzen beobachtet und setne Resultate in den Huatsrlx Ltubsmauts des kalsstina Lxploration I'uvä 1883 veröffentlicht. Dr. Otto Kersten hat diese Artikel in 2OkV 1891 S. 93 u. ff. bearbeitet und zum Theil ergänzt. Diesem lehrreichen Aufsätze sind die folgenden Daten entnommen: 1. Die durchschnittliche Dauer aller Regenzeiten betrug in diesen 22 Jahren (1860—1882): 188,5 Tage, die längste Regenzeit dauerte 221, die kürzeste 126 Tage; die trockene Zeit dauerte durchschnittlich 177 Tage (211 Tage die längste, 134 die kürzeste). 2. In 10 Jahren fiel der Beginn deS Regens in die Zeit zwischen dem 4. -28. Oktober, in 12 Jahren zwischen 1.—28. November (beidemal einschließlich der genannten Tage). In 4 Jahren fand schon im M"nat September ein kleiner Regenfall statt. 3. Der letzte Regen fiel in 8 Jahren zwischen 2. bis 29. April, in 14 Jahren zwischen 1.—27. Mai; beidemal einschließlich jener Tage. Ein sehr schwacher Regen ist manchmal noch im Juni gefallen. 4. Die durchschnittliche Zahl der Regentage in jeder Regenzeit war 52, die höchste Zahl 71, die niederste 37. 5. Die Regenhöhe in jeder Regenzeit betrug durchschnittlich 581,9 nun (1090,6 miu Maximum, 318,5 mm Minimum), «e»--:'« 6. Schnee ist in 14 Jahren (Winter sind gemeint) gefallen, in 8 Wintern gab es keinen Schnee. Am meisten Schnee siel am 28. und 29. Dezember 1879, wo eine Schicht von 432 mrn fiel. 7. In diesen 22 Jahren wurden 12 Erdbeben beobachtet, von welchen 9 in die Regenzeit fielen. 8 waren mit Sturm verbunden, 4 kamen bei Schneefall vor. Nahezu jedesmal ging ein östlicher Wind einem Erdbeben voraus oder folgte ihm. 8. Regen kann bei jeder Windrichtung fallen; die ergiebigen Regen brachte jedoch fast immer der Südwestoder Westwind. Von 506 Negenfällen kamen 8 von Norden, 14 von NO., 12 von Osten, 10 von SO., 19 von Süven, 238 von SW., 156 von Westen, 49 von NW. 9. Die meisten Regentage halte der Februar, nämlich 10,45 Tage, die wenigsten Oktober (1,50) und Mai (1,59). Der April unter den Monaten des palästinensischen Wetterkalenders ist demnach der Februar (sostslM). Von ihm sagt die Fellachenregel: sebobat wo alsk rebät, d. h. „dem Februar ist nicht zu trauen«: andererseits heißt es auch von ihm: tu sobabst valabat, r!bs>t ss-ssk kid, d. h.: „Wenn er auch lobt und rast in wildem Sinn, So ist doch der Geruch des Sommers darin." (Fortsetzung folgt.) AnteMltimgMatt M „Augsburger PostMung". « 33. Dinstag, den 21. April 1896. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Track und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). jJudas Wakkabäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) Nach einer kleinen Weile kam Hannah in das obere Zimmer zurück. Auf ihrem Antlitz war Unruhe und Erstaunen ausgeprägt. „Ich kann den griechischen Herrn nirgends findenI" rief sie. „Er ist aus dem Hause entflohen. Da ist nichts von ihm zurückgeblieben als sein Mantel, und dieser liegt bei der Quelle." Hadassah warf einen fragenden Blick auf Sarah; aber das Mädchen verrieth kein Erstaunen und äußerte kein Wort. Sie zitterte nur ein wenig, wie vor Kälte; denn die schwüle Hitze des Nisan schien sich für sie in Wtnterkälte verwandelt zu haben. Hadassah äußerte nichts weiter über die Flucht des Lycidas, bis die Magd das Zimmer verlassen hatte, dann sagte die Wittwe plötzlich: „Es war doch sonderbar, so ohne Abschiedsgruß und ohne ein Wort des Dankes davonzureisen, nachdem er Monate lang wie ein Gast, ja wie ein Sohn behandelt worden ist." Sarah hatte mit ihren kalten, zitternden Fingern eine Ecke ihres Schleiers erfaßt und . zupfte dieselbe, ohne es zu bemerken, an den Fransen. „Wenn ich mich nicht über die Sicherheit des Abischai beunruhigte," — versetzte Hadassah — aber hier unterbrach Sarah zum ersten Male in ihrem Leben die Rede ihrer Großmutter. „Habe keine Furcht für Abischai I" rief das Mädchen, indem sie ihren Kopf erhob und ihre langen Flechten, die bet der gebückten Stellung über ihr blasses Gesicht gefallen waren, zurückwarf, „fürchte nichts für Abischai," wiederholte sie. „Der Grieche wird niemals Deine edel- müthige Gastfreundschaft durch Rache an Deinem Sohne heimzahlen. Ich stehe für seine Mäßigung." „Du hast Recht, mein Kind," sagte Hadassah zärtlich. „Ich that Lycidas Unrecht, indem ich an ihm zweifelte. Abischai ist seiner Verschwiegenheit gewiß, und da dieses der Fall ist, glaube — nein, bin ich gewiß, daß es besser ist, wir beherbergen den Fremden hier nicht länger. Ich bin dankbar, daß Lycidas uns verlassen hat, obgleich die Art, wie er es gethan, mir etwas unziemlich erscheint." Ob Sarah auch dankbar war? Vielleicht war sie es, obgleich in ihrem Herzen eine Leere entstanden war, die durch nichts ersetzt werden konnte. Mehr eine Waise als die Vater- und Mutterlosen, verlassener als eine Wittwe, liebend und geliebt. Sarah schien es, als ob nur ein schwaches Band sie noch an das Leben knüpfte und als ob selbst dieses Band allmählich risse. Am Abend jenes schweren Tages war die Quelle hinter Hadassah's Häuschen ganz versiegt. Nicht ein einziger Tropfen rieselte von dem Hügel, um die verwelkenden Oleander zu beleben. Kurz vor Sonnenuntergang wurde ein Maulthier vor die bescheidene Zufluchtsstätte der Hadassah getrieben. Es wurde von Jaob, einem Diener, der in früheren Jahren ein Diener der Wittwe gewesen war und in jener Nacht fleißig an der Herstellung des Märtyrergrabes mitgeholfen hatte, geführt. Seine Gegenwart verursachte daher an jenem wenig besuchten Orte keine Unruhe. „Hannah", sagte er zu dem Hausmädchen, welches in dem Thorwege stand, und welches er beim Namen kannte, „hilf mir das Maulthier abladen und trage Deiner Herrin hin, was ich hier mitbringe. „Von wem kommt denn dies alles?" fragte Hannah mit nicht geringer Neugierde. „Ich begegnete heute," versetzte Joab, „demselben Fremden, den wir fingen, als er das Begräbniß der Salame belauschte, er sah todtenbleich aus, als ob er eben vom Grabe auferstanden wäre, und konnte kaum gehen. Ich half ihm auf mein Maulthier und ließ ihn zu einem Hause in der Stadt, welches er mir bezeichnete, tragen. Ich bin im Zweifel, ob der Heide mich erkannt hatte; sein Geist schien abwesend. Als ich ihn fragte, wo er gewesen, seitdem wir ihn beim Mondlicht unter den Bäumen trafen, stutzte er und sah mir in's Gesicht. Er erkannte mich und hatte nicht vergessen, daß ich einer von denen gewesen war, die ihm das Leben gerettet hatten, indem sie über den Speer traten. Der Heide ist nicht undankbar," fuhr der Maulthiertreiber mit einem häßlichen Lachen fort, „ich vermuthe, daß er sich auch noch einer andern Schuld erinnerte, denn er bat mich in einigen Stunden wieder zu kommen, und als ich kam, trug er mir auf, diese Sachen in die Wohnung der Hadassah zu tragen, und gab mir auch diesen Beutel voll Silber für ihr Hausmädchen." „Der Herr Lycidas hat ein edles Herz, wollte Gott, er wäre ein Sohn Abrahams!" rief die entzückte 246 Hannah, als sie die Gabe des Griechen erhielt. Dann trug sie mit einem Gemisch von Neugierde und Vergnügen die von Joab gebrachten Sachen auf das Dach des Hauses, wo die hebräischen Frauen saßen, um die kühle Abendluft zu genießen. Auf Geheiß der Hadasfah entfernte Hannah die äußere Umhüllung dessen, was Lycldas gesandt hatte und zog eine Menge mit dem feinsten Geschmack ausgesuchter herrlicher Dinge hervor, reizende Gewänder, Goldstickereien, eine Lampe von feinster Arbeit, einen Spiegel von polirtem Stahl und noch mehrere Kostbarkeiten. Hannah konnte sich einiger Ausrufe der Bewunderung nicht enthalten; Hadassah aber und ihre Enkelin saßen stillschweigend dabei, bis eine Rolle zum Vorschein kam, welche Hadassah öffnete und laut las: „Mit diesen werthlosen Zeichen des Gedenkens nehmet die tiefste Dankbarkeit eines Mannes an, der in wenigen, nur zu kurzen Monaten unter Eurem Dach mehr gelernt hat, als er anderswo in einer Lebenszeit hätte lernen können von der Hoheit des Glaubens und dem Heldenmuth der Tugend." 18 . Kapitel. Das Paffahfcst. Sehr verschieden war die Feier des Festes der süßen Brode zur Zeit des Königs Antiochus Ep'phanes von den früheren Zeiten, als die Kinder Israels von ihren eigenen Königen regiert wurden. Da war kein gewaltig großes Zusammenströmen, wie einst von Dan bis Berseba. Hirten trieben einst ihr brüllendes Vieh, Schäfer ihre Heerden von den Abhängen des Karmcl und den Weiden unter den schneegekrönten Höhen des Libanon nach Hause zurück. Fischer zogen ihre Netze an die Ufer der inländischen Seen und ließen ihre Kähne am Strande des Meeres ruhen, um nach der Sitte der Väter hinaufzugehen und den Herrn in Zion anzubeten. Da waren keine Pilgerschaaren von Saron's Ebenen und den Bergen von Gilead. Jerusalem war nicht von Anbetern gedrängt voll, und die Straßen nicht unpassirbar durch das Treiben der zum Opfer bestimmten Heerden, wie zu den Zeiten, da Josiah sein großes Passahfest hielt. Da gab es keine laute, freudige Musik, als wenn die Sänger der Söhne Asaphs den Chor der Danksagung leiteten. Gruppen von Hebräern zu Zweien oder Dreien gingen heimlich ihre Wege, als wie durch irgend einen geheimen oder gefährlichen Auftrag gebunden, zu den wenigen Häusern, in denen die Besitzer kühn und fromm genug waren, das Passahfest vorzubereiten. Unter diesen Wohnungen war auch die des Aeltesten Salathiel, eines Mannes, der trotz der angedrohten Verfolgung dennoch Gott nach alter, von Mose vorgeschriebener Weise anzubeten wagte. In einem oberen Raume seines Hauses war alles für die Feier des Festes, so wie die Umstände es erlaubten, zurecht gestellt. Das Passahlamm war in einer runden Vertiefung des Fußbodens ganz geröstet worden. Es war zu diesem Zweck von zwei langen Bratspießen durchstochen worden, von denen, um die Form des Kreuzes anzudeuten, der eine lang, der andere quer durchstochen war. Die wilden und bitteren Kräuter, welche dazu gegessen werden sollten, waren sorgfältig gewaschen und vorbereitet. Auf dem Tische standen Schüsseln mit ungesäuertem Brod und vier Schalen voll rothen, mit Wasser gemischten Weines. Es war mit Schwierigkeiten verknüpft gewesen, nur zehn Theilnehmer zur Feier des Passahfestcs zusammenzubringen. Drei der gegenwärtigen Personen waren Frauen, zwei zu Salathiel's Familie gehörig, die dritte Sarah, welche, dicht in ihren Schleier gehüllt, unter dem Schutze ihres Oheims Abischai gekommen war. Die Gäste kamen spät, da sie, um nicht Verdacht bei den Syrern zu erregen, mehr als einmal ihren Weg hatten ändern müssen. Die Feier hatte begonnen. Das Brod war durch Salathiel gebrochen und herumgegeben. Die erste Schale Wein wurde still geleert. Aber als die zweite herumgegeben wurde, sang man das kleine Hallel, bestehend in dem 113. und 114. Psalm, in leisen und unterdrückten Tönen. Plötzlich verstummte der Gesang mitten in einem Verse, und jeder Kopf wandte sich, um zu lauschen. Das Geklirr einer Waffe, die unten auf den Boden gefallen war, hatte die Versammlung erschreckt, wie Wild durch das Bellen der Bluthunde aufgescheucht wird. „Die Syrer haben uns aufgefunden, wir sind verrathen I" rief Abischai, indem er aufsprang und das Schwert zog. „Flieht! Flieht!" so schallte es von Mund zu Mund. Das Gemach, tn welchem die Hebräer versammelt waren, hatte zwei Thüren, die eine führte vermittelst einer Treppe zum Hofe, die andere am entgegengesetzten Ende zum Dache, welches nahe genug an den anderen Wohnungen war, um unter dem Schutze der Dunkelheit ein Entkommen zu ermöglichen. Hauptsächlich war es auch dieser voriheilhaften Lage wegen, daß Salathiel's Haus zur Abhaltung der Feier des Passah- festes gewählt wurde. Die zweite Thür, durch welche eine Flucht ermöglicht werden konnte, war klugerweise offen gelassen worden und alle stürzten bei dem ersten Alarm dorthin. Der Schreck übt oft eine so verwirrende Wirkung auf das Gemüth aus, daß die Eindrücke, welche durch Ereignisse entstehen, zwar peinlich lebhaft in ihrer Färbung, aber unbestimmt in ihren Umrissen sind. Sarah würde daher keinen genauen Bericht von der folgenden Scene, die ihr wie ein schrecklicher Traum vorkam, haben geben können. Sie wollte fliehen, aber als sie es versuchte, blieb ihr Schleier an etwas hängen, sie wußte nicht, was es war. — Drei oder vier Sekunden, die ihr wie ebenso viele Stunden erschienen, vergingen, bevor sie ihn losmachen konnte. Sarah hörte donnernden Lärm an der einen Thür und das Getöse der Flüchtlinge an der anderen, dann wurde die schwache Barriere, welche sie vom Feinde trennte, weggerissen und der Raum füllte sich mit Kriegern. Ein Anblick aber hatte sich ihrem Gedächtniß unauslöschlich eingeprägt, es war der Abischai, welcher, ganz mit Blut überströmt, die Augen stier und gläsern, die Zähne fletschend, mit den letzten Athemzügen nur das eine Wort „Abtrünniger!" hervorzischte. Sarah wußte, daß es der Tod war. Dann legten sich rauhe Hände an sie selbst, und das erschreckte Mädchen fühlte sich wie die Gazelle unter den Klauen des Tigers. Sie war in so tödtlicher Angst, daß sie nicht einmal Kraft zum Schreien hatte. „Halt, thut dem Mädchen kein Leid!" rief eine Stimme, welche Sarah sehr bekannt klang, obgleich sie sich nicht erinnern konnte, wo sie dieselbe gehört hatte. Dann sah sie einen Krieger in syrischer Kleidung, denselben, welcher dem Leser unter dem Namen Pollux mehrere Male vorgestellt 247 worden ist, und welcher der Anführer der Angreifer zu sein schien. Sarah streckte ihre Hände nach einem aus, an dem sie selbst in jenem Augenblick einen hebräischen Typus bemerkte. Aber sie konnte nur durch eine flehende Geberde Gnade suchen. Der Schreck hatte sie so überwältigt, daß sie ohnmächtig wurde. Der Befehl des Antiochus hatte mehr auf Ergreifen als auf Niedermetzeln gelautet, und so trugen die Krieger auf Geheiß des Pollux nur ein ^bewußtloses Mädchen als ihre einzige Gefangene fort und ließen den todten Körper des Abischai in seinem Blute schwimmend am Boden liegen. 19. Kapitel. Ein Gefängniß. Sarah erwachte aus ihrer langen Ohnmacht mit einem Gefühl unbeschreiblicher Angst. Die kalten Schweißtropfen standen an ihrer Stirn und das Herz war ihr wie zugeschnürt. Das arme Mädchen konnte sich nicht einmal besinnen, was eigentlich vorgefallen war. Sie wußte nur, daß es etwas Schreckliches war. Das erste Bild, welches vor ihrem Gedächtniß auftauchte, war der sterbende Abischai. Sarah schauderte, zitterte und erhob sich mit einer Anstrengung aus ihrer sitzenden Stellung und wild umherblickend rief sie: „Wo bin ich? Was ist geschehen?" Der Raum, in welchem sich das Mädchen befand, war beinahe ganz dunkel, aber als sie aufwärts blickte, konnte sie die blassen Sterne durch das kleine, schwarzvergitterie Fenster sehen. Sie wußte, daß sie in einem syrischen Gefängniß sein mußte. Beide Hände vor das Gesicht pressend, erinnerte sich die junge Gefangene der schrecklichen Scene, von welcher sie eine Zeugin gewesen war. „Gott fei gepriesen, daß meine geliebte Großmutter nicht dort war l" Diese Worte wiederholte sich Sarah wieder und wieder, um sich an den einzigen Trost zu halten, der sich ihr bot. „Abischai'sSchick- sal ist schrecklich, schrecklich!" rief Sarah, indem sie vor Mitleid und Entsetzen schauderte. „Aber es ist für meinen armen Verwandten besser, viel besser, daß er nicht lebend in die Hände der Feinde fiel, wie ich, dies würde für ihn noch viel schrecklicher gewesen sein!" Sarah war keine hochbegeisterte Heldin, sondern nur ein schüchternes, sanftes, liebenswürdiges Mädchen, welches, vor Gefahr zurück- bebend, der Furcht unterworfen war und sich für jeden Schmerz, ob körperlich oder geistig, sehr empfindlich zeigte. Obgleich sie mit Salame und Hadassah verwandt war, hatte sie weder die ruhige Geistesgröße der Einen, noch die erhabene Seelengröße der Anderen. Sie hielt sich nicht für fähig, die inspirirten Worte einer Prophetin hervorzubringen, noch die große Stand- haftigkeit einer Märtyrerin zu zeigen. Und es war eine Märthrerprobe, die dem Mädchen bevorstand. Sie sollte, wie Salame und ihre Söhne, entweder ihrem Glauben oder ihrem Leben entsagen. Für Sarah war dies eine schreckliche Wahl; denn obgleich sie sich wenige Stunden vorher nach dem Tode gesehnt hatte, um von ihrem Kummer befreit zu werden, war doch der Gedanke an seine Nähe, und obendrein herbeigeführt durch solche Torturen, wie hebräische Gefangene sie gewöhnlich AMI Ncr Pupprnmörder. Nach einem Originalgemälde von Gnst. Jgler. 248 zu erdulden hatten, unaussprechlich fürchterlich für dieses zarte Geschöpf. „Ach, ich fürchte, daß ich nicht bis zum Ende aushalten werde, mein Muth wird nachlassen, ich werde mich selbst, mein Vaterland und mein Volk entehren und mir den Zorn meines Gottes zuziehen I" rief Sarah, indem sie sich die gewaltige Probe, welcher ihr Glaube würde ausgesetzt werden, vorstellte. „Wehe mir! Was soll ich thun — was soll ich thun? — Ist denn da keine Möglichkeit zu entkommen?" Jene massiven steinernen Wände und starken Eisengitter gaben genügende Antwort auf diese Frage. Sarah lehnte sich an die Mauer und erhob ihre gefalteten Hände zum Himmel, von dem sie einen Schimmer durch das Eisengitter sehen konnte. „O, mein Gott, verlast' wich nicht!" rief sie, „schwach und hilflos in mir selbst, setze ich meine ganze Hoffnung auf Dich alleinI Du hast gesagt: „Wenn Du durch das Wasser gehst, will ich bei Dir sein; wenn Du durch das Feuer gehst, sollst Du nicht verbrennen I" Trage Dein schwaches Lamm auf Deinen Armen und last' mich fühlen Deinen Schutz!" Die Thränen flössen schnell von Sarah's Wangen, als sie dies undeutliche Gebet hervorschluchzte. Und weiter fuhr sie fort: „Ich bitte Dich ja nicht, mich vor dem Tode zu bewahren, ja selbst nicht vor der Tortur, wenn es Dein heiliger Wille ist, daß ich sie erdulden soll, aber ach, hilf mir, daß ich nicht von Dir abfalle, hilf mir, daß ich nicht meinen Glauben verleugne und das Herz meiner Mutter breche. Und ich werde-gerettet werden!" sagte Sarah ruhiger, denn ihr Glaube hatte durch das Gebet an Kraft gewonnen. „Vielleicht macht der Herr keine Probe über meine Kräfte, er, dem alle Dinge möglich sind, kann es thun — oder er sendet einen Engel, mich zu schützen, wie er sonst seine heiligen Diener zum Schutze der Seintgen sandte. Die Phantasie Sarah's malte ihr ein Wesen mit glänzenden Flügeln vor, wie es ihr zur Hilfe her- niederfliegt mit einem dem Lycidas vollkommen gleichen Gesicht, welches ja für sie den Typus der größten Schönheit hatte. „Oder der Herr sendet mir vielleicht einen irdischen Freund," fuhr Sarah fort, und wieder malte die Einbildungskraft einen Lycidas, aber dieser hatte keine Flügel. Das Mädchen hörte zu weinen auf und wischte sich die feuchten Tropfen von ihren Augen. Ein Schimmer von Hoffnung schien das Dunkel vor ihren Augen zu erleuchten. Wie eifrig hören wir auf die Stimme der Hoffnung, selbst wenn es nur das Echo eines Wunsches ist. Sarah's Gefängniß würde noch viel grausiger, die bevorstehende Probe noch viel schrecklicher gewesen sein, hätte sie gewußt, daß Lycidas nach Bethlehem gekommen war, ohne etwas von der Gefahr, in der das von ihm geliebte Mädchen sich befand, zu ahnen. In derselben Unkenntniß über Sarah's große Gefahr war ein Anderer, dem sie theurer war als sein Leben oder das Licht seiner Augen. Er lag in tiefem Schlafe viele Meilen von Jerusalem, ohne ein anderes Kissen unter seinem Haupte als nur seinen starken Arm, um welchen immer noch die kleine Strähne Flachs gewickelt war. Ein König hätte ihn um den Traum, welcher seine Züge verklärte, beneiden können. Makkabäus träumte, auf dem versengten, trockenen Erdboden liegend, er sei in einem Eden mit Blumen, und Sarah, deren kleine Hand er in der seinen hielt, sei an seiner Seite. Sie hörte mit freundlichem Lächeln und niedergeschlagenen Augen auf die Worte, die der Krieger niemals zu ihr gesprochen hatte, außer in seinen Träumen. Alles war Friede innen und außen. Dies war des Hebräers Traum von Sarah. Wie verschieden war derselbe von der Wirklichkeit! Hätte Judas die wirkliche Lage, in der das hilflose Mädchen sich befand, gekannt, er würde gern, um sie zu schützen, sein Herzblut vergossen haben. Dieses Herz, das niemals angesichts der größten Gefahr gezittert hatte, würde mit einem Male die tödtliche Angst kennen gelernt haben.W 20. Kapitel. Der Hof des Antiochus. Der Zorn und die Enttäuschung des Antiochus war fürchterlich, als er von dem Resultat des nächtlichen Angriffes auf seine Streitkräfte in Emmaus und dem darauf folgenden Rückzug des Gorgias, ohne einen Schlag gethan zu haben, hörte. Vergebens bemühten sich die Truppen jenes zu vorsichtigen Führers durch Uebertreibung der Zahl des Feindes ihre feige That zu beschönigen. Antiochus war wüthend über das, was er als Uebermuth .einer Handvoll Geächteter bezeichnete, sowie über die Feigheit seiner Truppen, welche siegesbewußt mit fliegenden Bannern ausgezogen waren und dann, wie buntgefiederte Vögel vor dem Stoß des Adlers, die Flucht ergriffen hatten. Nicht nur die unterdrückten Einwohner Jerusalems und seiner Umgegend hatten Ursache vor der Wuth des Tyrannen zu zittern, sondern auch seine eigenen syrischen Anführer und die gehorsamen Höflinge, welche ihn umgaben. Und unter diesen keiner mehr, als Pollux, der einst auser- wählte Gefährte und Günstling des syrischen Königs. Pollux war durch seinen launischen Herrn mit Reichthum und Ehren überschüttet worden, und wurde dadurch der Gegenstand des Neides seiner Genossen, besonders des Lysimachus, eines Syrers von hoher Geburt, welcher sich in der königlichen Gunst durch einen Nebenbuhler, den er verachtete, übertroffen sah. Aber nun war wenig Ursache, Pollux, den elenden Schmarotzer eines Tyrannen, zu beneiden. Er, welcher Gewissen und Selbstachtung für das Lächeln eines Tyrannen hingegeben hatte, hatte den sichern, wenn auch schmalen Pfad der Tugend verlassen, um sich auf den unsicheren Flugsand zu begeben, wo der Boden bald unter seinen Füßen sinken mußte. Bald konnte er sich von der Unbeständigkeit königlicher Gunst überzeugen. Sein Neider wartete auf eine Gelegenheit, ihn beim Könige anzuschwärzen. Dazu boten die Umstände, daß er sich bet der Torrur der Märtyrer zurückgezogen hatte, und die feige Flucht des Gorgias, dessen Feldzug er auf Befehl des Antiochus mitgemacht hatte, reichlichen Stoff. Pollux hatte sonst oft den König durch seine glänzenden Witze entzückt, nun fielen seine besten Späße wie Funken auf Wasser. Antiochus war seines Günstlings überdrüssig, wie ein Kind, das sein Spielzeug heute hätschelt und morgen achtlos beiseite wirft. Dennoch bemühte sich Pollux, die Gunst des Königs wiederzugewinnen, und dieser gab ihm Gelegenheit, sich von dem Verdacht des Veirathes an der syrischen Sache zu reinigen. Er erhielt, wie wir wissen, den Auftrag, einen Theil Hebräer bei der Feier des Pastahfestes gefangen zu nehmen. Als das Resultat dieses Auftrages nur die Gefangennahme eines einzigen unschuldigen Mädchens war, stieg der Zorn des Königs noch mehr. Doch war der König willens, sich 249 »Ä WLH LAS ALM 7ML -MM M8S >"L>-,'LW2L MWW P4M '-MibI 1^ sMÄR WÄ KM KMA WM- KNN ^M- In der Genesung. Nach dem Gemälde von Walter Fiele. 250 wenigstens etwas Erheiterung durch die Gazelle, die seine Bluthunde niedergerissen hatten, zu verschaffen. Ein Wesen, welches, obwohl zum schwachen Geschlechte gehörig, kühn genug gewesen war, das Paffahfest mitzufeiern, würde am Ende seiner Willkür genügenden Widerstand leisten und so ihm ein kleines Vergnügen gewähren, da gerade nichts Anderes zur Hand war. Der Monarch gab daher, nachdem er die Nutze nach der Mahlzeit beendet hatte, Befehl, daß die hebräische Gefangene vorgeführt werde. Der Tyrann von Syrien saß zu diesem Zwecke auf seinem elfenbeinernen Throne. Sein Fußstuhl war ein liegender silberner Löwe, über seinem Haupte befand sich ein goldener Baldachin. Vor dem Könige stand ein prächtiger Altar, auf welchem beständig ein Feuer vor einem kleinen Bilde des Jupiter brannte. Es war, wie man heute noch auf Münzen sehen kann, ein königlich aussehender Mann mit regelmäßigen, stark markirten Zügen, aber einer zurückgebauten Stirn und kaltem, hartem, Ausdruck. Niemand würde von ihm die geringste Menschlichkeit erwartet haben. Antiochus sah aus, wie der, der er war, ein kalter, herzloser Tyrann. Zu jener Zeit konnte man ihm die schreckliche Krankheit, welche« ihn binnen Jahresfrist zu einem Gegenstände des Schreckens und des Abscheus für alle, die in seine Nähe kamen, noch nicht ansehen; eine Krankheit, so entsetzlich schmerzhaft, daß sie in sich alle Martern, die er einst seinen Opfern auferlegt hatte, zu vereinigen schien. (Fortsetzung folgt.) --SÄ88MS-. Der Ackerbau im heutigen Palästina. Von Dr. Seb. Euringer, Pfarrer. (Fortsetzung.) Vom März (durchschnittlich 8,50 Regentage) sagen die Bauern: ustu-233.IÜ2r1 rvalniniür — — — rvn ^iiisostnk öirni stala. nur: „Er ist der Vater der Erdbeben und Regengüsse — der Hirte wird aber doch ohne Feuer trocken (so. an der Sonne). Vom Juli (tainüs) orakelt man: ü tamnL tiAbli-Iuia Ü-1)—- Zu unseren Bildern Der Duppenmörder. O Graust Er mordet allhier Die Puppe voller Rachbegier Und schlug die Schwester in's Gesicht Der arge, kleine Bösewicht. Die Schwester, ein gar sanftes Kind, Besänftigt die Mama geschwind, Doch schenkt sie seine Strafe nicht Dem argen, kleinen Bösewicht. In der Genesung. Auf dem Stuhl im Obstgarten, den geschwächten Körper in das Kissen gelehnt, das ihr die sorgsame Hand des alten Großmütterchens zurechtgcrichtet hat, sitzt ein bleiches, abgemagertes Menschenkind, das müden Auges in die ringsum beginnende Frühlingsherrlichkeit blickt. Nach monatelanger, schwerer Krankheit ist es heute zum ersten Male, daß das junge Mädchen wieder unter Gottes freien Himmel treten durfte, daß es die Vöglein zwitschern hören und balsamische Frühlingsluft einathmen kann. Noch niemals ist ihr die Gottes-Natur so schön erschienen wie heute, noch niemals hat so heißes Dankgefühl für den Schöpfer all der Herrlichkeit ihr Herz erfüllt. Nur Muth und Gottvertrauen, du armes Menschenkind; der da rings um dich neues Leben erstehen läßt, der wird auch dir bald wieder vollständige Gesundheit schenken! -_ I>. Franz Z>. Hattler, 8. ck. Unter den schriftstellerisch thätigen Mitgliedern der Gesellschaft Jesu in Oesterreich nimmt ohne Zweifel ? Franz S. Hattler einen der ersten Plätze ein. Geboren am 11. Sept. 1829 zu Anras im Pusterthale als der Sohn eines kaiserlichen Forstbeamten, machte er seine Gymnasialstudien bei den Franziskanern in Bozcn und trat 1852 in die Gesellschaft Jesu ein. Im Jahre 1862 wurde er nach Kalksburg bei Wien berufen, wo er dann in der von seinem Orden gegründeten Lehr- und Erziehungsanstalt durch fast 20 Jahre wirkte. In die Zeit der Wirksamkeit in Kalksburg fällt auch der Beginn der schriftstellerischen Thätigkeit Hattler's. Im Jahre 1865 wurde der „Sendbote des göttlichen Herzens Jesu" ins Leben gerufen, dessen Mitarbeiter er bis zur Stunde blieb, und so ist es erklärlich, warum die meisten seiner Schriften den Zweck des Sendboten verfolgen, die Kenntniß und Verehrung des gott- menschlichen Herzens Jesu zu verbreiten. ?. Hattler ist sein Leben lang nie von fester Gesundheit gewesen (er leidet an nervösen Herz- und Kopfschmerzen); er gab daher 1882 ferne Stelle als Lehrer und Erzieher auf und übernahm die Redaktion des „Sendboten des göttlichen Herzens Jesu" in Innsbruck. Da aber die Stadtlust wegen des lästigen Siroco seiner geschwächten Gesundheit nicht zuträglich war, so bezog er den zum Jnnsbrucker Kollegium gehörigen Zenzerhof an der Brennerbahn, anderthalb Stunden von der Landeshauptstadt entfernt in romantischer Lage und Einsamkeit, wo er sich bereits durch zehn Jahre aufhält. Wegen seiner angegriffenen Gesundheit mußte er, indem er Mitarbeiter blieb, 1886 die Redaktion des „Sendboten" wieder aufgeben, die er in einer Zeit geführt hatte, in welcher die Zeitschrift die gröbsten und unverdientesten Angriffe erfahren mußte. Durch den „Sendboten" war und ist ?. Hattler fast ein Weltapostel, denn die Zeitschrift zählt jetzt 29,000 Abonnenten und kommt durch die Jesuitenmissionen in alle fünf Welttheile. Die Schriften des ?. Hattler sind ungemein erbaulicher Natur, seine Schreibweise ist überall von echt Tyroler Innigkeit und Sinnigkeit, namentlich auch verbunden mit einem geweckten Sinne für die Schönheiten der Natur. Mitten in ernste und tiefe Mahnungen Angeflochten, liest man viele Geschichten, viele Gleichnisse, viele meist natürlich und ungezwungen sich ergebende Beziehungen auf das Menschenleben in Haus und Hof, in Feld und Wald, auf Bergen und in Thälern, in Schlössern und Hütten, alles voll geistlicher Deutungen, aber stets klar und verständlich, dabei durch gemüthlichen Humor gewürzt. Der Stil ist meisterhaft zu nennen, so daß man vielfach ein ästhetisches Kunstwerk vor sich hat, das aber doch naiv und einfältig ist im schönsten Sinne des Wortes. Frei nach Schiller. Stolz in die Welt hinaus strampelt auf blitzblankem Zweirad der Jüngling, Still mit verbog'nem Gestell schiebt er sich Abends nach Haus. Consultirt dann sofort den geschicktesten Wundarzt im Umkreis, Der dem gequetschten Gelenk geben soll kühle Compreß. In die mechanische Werkstatt hin schickt er das schwerkranke Stahlroß, Daß es zu neuer Gefahr trage den muthigen Mann. Besser, o Mensch, hättest du wohl benützt einer Droschke Be- quemheit, Sicherer bringt sie zurück dich als das tückische Rad. Auflösung der Altrömischen Inschrift in Nr. 31: (Korallenarmband Odoru8 — Chor, omnidn8 — allen, pauper — arm, volmusn — Band). --EZÄ- AL3S. ZreiiLkS, den 21. April 189b. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag VeS Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer vr. Max Huttler). Zudas Makkaöäus« Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) 21. Kapitel. DeS Mädchens Prüfung. Vor dieser glänzenden Versammlung — vor diesem schrecklichen König stand, umgeben von den Wachen, ein zitterndes Mädchen, welches ihren leinenen Schleier immer dichter und dichter um ihre leichte Gestalt und ihr gebeugtes Haupt hüllte. „Reißt ihr den Schleier ab," sagte der König. Der Befehl wurde augenblicklich ausgeführt. Und wie aus der Finsterniß plötzlich an's Tageslicht gebracht, so brach die Schrecken erregende Pracht um sie her über Sarah herein. Ihre außerordentliche Schönheit, welche zum Vorschein kam, als ihr Antlitz bei dem Anblick so vieler auf sie gerichteter Blicke dunkelroth, plötzlich aber wieder vor Furcht leichenblaß wurde, verursachte ein unwillkürliches Gewürme! der Bewunderung. „Keine herkulische Aufgabe, diese Weidenruthe zu biegen," bemerkte Antiochus, dessen hartes Antlitz sich selbst zu einem Grinsen verzog. „Bringt sie nähert" Die Wachen gehorchten. „Da ist der Altar des Jupiter Olympius — derjenige der Venus würde für eine so schöne Anbeterin passender gewesen sein," sagte Antiochus mit einem Schwur, „aber es ist gleich, welche Gottheit die Huldigung empfängt, wenn sie nur richtig dargebracht wird. Mädchen, wirf einige Körner jenes Weihrauches in die Flammen, beuge Deine Kniee und bete an, und ich verspreche Dir," fügte der König mit Lachen hinzu, «einen stattlichen Gemahl, Perlen und Goldschmuck, kurz alles, was ein junges Mädchen sich nur wünschen kann." Sarah bewegte sich nicht, sie schien die Worte des Königs nicht einmal gehört zu haben, und ihre Lippen bewegten sich in ängstlichem Gebet. Antiochus wiederholte ernsthaft seinen Befehl, Weihrauch zu opfern. Sarah fuhr in stillem Gebet fort: „O, mein Gott, hilf mir, laß mich nicht über meine Kraft versucht werden!" Während ihr zu Tode geängstigtes Herz betete, schüttelte sie als einzige Antwort leise gebeugt das Haupt. „Was, noch immer still?" rief Antiochus ungeduldig. „Weißt Du nicht, kleine Stumme, daß meine Arbeiter hier Wunder wirken können?" dabei beutete er auf einige schwarze afrikanische Sklaven, welche das Scharfrichteramt verrichteten. „Jene dort sind geschickt genug, auch den geschlossensten Lippen gellende Töne zu entlocken!" Voll Schrecken erhob Sarah ihre dunklen Augen und blickte wild umher, indem sie vergeblich hoffte, jemand zu erspähen, von dem sie hätte Schutz oder Mitleid erwarten können, vielleicht von Lycidas selbst. Aber da gab es kein einziges Antlitz unter der dichtgedrängten Schaar der Höflinge, welches etwas anderes als kalte Gleichgiltigkeit, wenn nicht gar grausames Vergnügen an ihren Leiden oder ihrer Erniedrigung gezeigt hätte, außer vielleicht dem des Pollux selbst. Sarah's Auge haftete für einen Augenblick mit einem flehenden Blick auf seinem Gesicht, der auch ein härteres Herz als das seine hätte rühren können. „Ich ertrage kein längeres Zögern!" rief Antiochus, „wenn Dir Dein Leben lieb ist, so opfere augenblicklich meinem Gott!" „Ich kann nicht, — ich darf nicht!" rief das junge Mädchen; wenn auch der Ton ihrer Worte nur leise war, so waren dieselben bei der tiefen Stille, die in dem Marmorsäule herrschte, deutlich zu hören. Die Antwort überraschte Antiochus und seine Höflinge. „Ha, da ist schließlich doch einiger Widerstand in der Weidenruthe!" rief der König, halb belustigt, halb ärgerlich. „Ich wette, zähe Aeste wachsen auf dem Baume, welchem jener schlanke Zweig entsprossen ist. Nenne mir, schöne Widerspenstige, Deinen Namen, Ver- Wandschaft und Geburtsort," fuhr er fort. Sarah war fest entschlossen, keinen Freund zu verrathen, vor allem aber wollte sie nicht den Sturm der Verfolgung auf das Hans der Hadassah einbrechen lassen. Mitten in allem diesem Elend, das das Mädchen zu erdulden hatte, vergaß sie keinen Augenblick diesen Entschluß. „Mein Name ist' Sarah, ich bin in Bethsura geboren, mein Vater wurde Abner genannt," stammelte die junge Gefangene hervor. Pollux fuhr unwillkürlich zusammen und keucht,, als ob jedes Wort wie eine glühende Kohle auf seine bloße Brust gefallen wäre. Es war ein Glück für ihn, daß in diesem Augenblick aller Augen, selbst die des Lysimachus, auf Sarah gerichtet waren. „Lebt Dein Vater noch?" fragte der König, welcher tu dem gewöhnlichen Namen Abner den beinahe vergessenen früheren eines seiner Günstlinge nicht wiedererkannte. „Ich weiß es nicht," war die Antwort. „War er nicht bei Dir in der aufrührerischen Versammlung?" fragte Antiochus Eplphanes. „Nein, ich kam mit meinem Oheim, welcher erschlagen wurde, er war mein einziger Begleiter dorthin," sagte das zitternde Mädchen, froh, ein wahres Wort sagen zu dürfen, welches niemand in Gefahr brachte. Es folgte eine kurze Pause, welche für Sarah unaussprechlich schrecklich war. Dann sagte Antiochus, der die Todesangst Salomes. und ihrer Söhne gesehen hatte, mit der strengen Stimme des Befehls: „Ich bin nicht gewohnt, dreimal zu bitten, und wehe denen, die meinem Befehl nicht gehorchen: Wirf Weihrauch auf jenes Feuer, oder die Folgen kommen über Dein Haupt. Schon Andere haben erfahren, was es heißt, meinem Mißmuth zu trotzen oder meinem Befehl nicht zu gehorchen!" Betäubt und erschreckt, kaum der Wichtigkeit dieser Handlung sich bewußt, duldete Sarah, daß man einige Körner Weihrauchs in ihre Hand legte; dann aber warf sie, nachdem sie ihre Selbstbeherrschung wieder gewonnen, die Körner mit einem Blick des Abscheus und Schreckens weit hinter sich. „Ha, ist das so?" donnerte Antiochus, „wenn der Weihrauch nicht in's Feuer geht, dann soll die Hand, die ihn hielt, hinein! Scharfrichter, thut Eure Schuldigkeit!" Vier der wilden, schwarzen Sklaven näherten sich dem Mädchen. Sie schlug die Hände zusammen und rief: „Vater, rette mich!" Es war kein Sterblicher, an den sie jenen flehenden Hilferuf richtete. Aber der Ruf wurde von einem Sterblichen beantwortet. Pollux sprang, wie von einem unwiderstehlichen Drang getrieben, vorwärts, gebot den Scharfrichtern durch eine Handbewegung Stillstand und beugte das Knie vor Antiochus. „Der mächtige König," begann er mit einer großen Anstrengung, ruhig und gleichmüthig zu erscheinen, „der mächtige König hat von Zauberern gesprochen, welche die Geschicklichkeit besitzen, Stumme zum Sprechen zu bringen. Ich setze die Macht jener schwarzen Magiker nicht in Zweifel, aber die Kunst, Gesang anstatt Geschrei hervorzubringen, achte ich höher, und ist es gleichfalls höher zu schätzen, den starken Willen durch Ueber- redungskunst als durch Marter zu beugen. O, erhabener Beherrscher der Welt, lasse mich nur einmal vierundzwanzig Stunden meine Zaubersprüche an dieser jungen Widerspenstigen versuchen, und ich will mit meinem Kopf dafür haften, daß sie, bevor vierundzwanzig Stunden vergangen sind, gern und willig jedem Gott des Olymp opfert, Schweinefleisch ißt, wie. eine Bacchantin tanzt, oder Wein trinkt, wie vor alters Belsazar aus den Gefäßen des Tempels. Versuche meine Macht, o König, und von dem Verfehlen oder Gelingen meines Vorhabens hänge mein und des Mädchens Schicksal ab." Antiochus zögerte und betrachtete mit argwöhnischen Blicken den vor ihm knieenden Höfling. Sarah beobachtete mit athemloser Angst des Königs Züge, eine Frist von vierundzwanzig Stunden erschien der armen Gefangenen schon als eine Gabe von unschätzbarem Werth. Sie hörte, wie der Tyrann dem Pollux antwortete: „Eine vierundzwanzigstündige Frist hast Du erbeten, und ich gewähre sie. ES ist doch ein größerer Triumph, einen Ketzer zu bekehren, als ein Opfer hinzumorden. Ich selbst feierte einst," fuhr der Tyrann mit bitterem Nachdruck fort, „wie Du wohl weißt, Pollux, einen solchen Triumph. Nimm jene widerspenstige Jüdin und versuche an ihr Deine Zaubersprüche, welcher Art sie auch sein mögen, aber höre meine endgiltige Entscheidung. Wenn Dir bis morgen," sagte der König, welcher zu diesem feierlichen Eide seine Hand erhoben hatte, „Dein Vorhaben nicht gelungen ist, und das Mädchen in ihrer Widerspenstigkeit verharrt, so wird der Augenblick, da sie das Opfer verweigert. Dein letzter auf Erden sein; sie soll zum Schmelzofen gehen und ihr Beschützer zum Blockt" Darauf verließ Antiochus die Versammlung. 22. Kapitel. Eine kleine Frist. Die Gefangene war nicht in das Gefängniß, welches sie in der vergangenen Nacht innegehabt hatte, zurückgebracht worden, sondern in ein Zimmer deS Palastes, welches zu der Reihe von Gemächern gehörte, welche Pollux bewohnte. Sarah befand sich in einem so prachtvoll ausgestatteten Raum, daß sie, abgesehen davon, daß die Thür verschlossen war, um ihr Entkommen zu verhindern, und auch eine Flucht durch die vergitterten Fenster unmöglich geschehen konnte, gar nicht zum Bewußtsein kam, noch eine Gefangene zu sein. Der Fußboden des Gemaches war mit kostbarem Marmor ausgelegt, an den Wänden sah man Malereien, Scenen aus der Mythologie darstellend. Schwellende Divane luden zur Ruhe ein. Vasen mit herrlichen Blumen, gefüllt mit Nosenwasser, daneben andere mit einer Menge der schönsten Früchte und Leckereien standen umher. Das junge hebräische Mädchen, welches an die Einfachheit von Hadassah's bescheidener Wohnung gewöhnt war, blickte verwundert umher. Als die Wachen sie verlassen hatten, drängte eS sie zunächst, vor ihrem himmlischen Beschützer niederzuknieen und ihm für die so gnädig gewährte Frist innig zu danken. Sarah war jung und die Hoffnung stark in ihr. WaS konnte nicht innerhalb vierundzwanzig Stunden geschehen, um die Freiheit zu ermöglichen? Sie wusch sich Gesicht, Hände und Arme in duftenden Wasser, flocht ihr langes Haar und fühlte sich dadurch sehr erfrischt. Dann genoß sie mit einem gewissen Wohlbehagen von den Früchten, die vor ihr standen. Die Natur dieses zarten Wesens war sehr erschöpft und hatte nicht allein von der entsetzlichen Aufregung, die sie durchgemacht, sondern auch von Schlaflosigkeit und Hunger sehr gelitten. Grobes Brod, das man ihr in'S Gefängniß gebracht, war unberührt geblieben, nicht allein, weil die arme Gefangene keinen Appetit zum Essen gehabt hatte, sondern auch, weil es gesäuertes Brod war, welches zu jener Zeit den Juden gesetzlich verboten war. Sarah enthielt sich sorgfältig jeder Berührung mit Speisen, die Mose für unrein erklärt hatte und nahm nur von den Früchten, welche rein waren, da Gott sie selbst gemacht hatte, und welche sie auch am meisten erfrischten und ihre brennenden Lippen kühlten. «Wie gut ist mein Herr, mir selbst den Tisch in soo dieser Wüste der Versuchung zu decken!" rief Sarah, und sie fühlte, was die Kinder Israels in der Wüste gefühlt haben mußten, als das Htmmelsbrod dalag. Der Geist des Mädchens war beruhigt und heiter, sowie ihr Körper neu belebt. Sie ließ sich auf einem der Divane nieder und war nun im Stande, ruhiger über die Ereignisse des TageS nachzudenken. „Wie dankbar bin ich, daß ich bet aller meiner Feigheit und Schwachheit bewahrt geblieben bin, etwas so Abscheuliches zu thun," dachte Sarah. „Ich brauche nicht meine Freunde zu verrathen und «einen Gott zu verleugnen, und doch hätte mein Glaube mich beinahe verlassen. Ich konnte kaum die Furcht ertragen, wie hätte ich die Folter aushalten sollen? Aber sollte er, der mich schon einmal unterstützt hat, mir nicht auch durch das Andere durchhrlfen, wenn ich für meinen Glauben vor jenem schrecklichen König sterben muß? Ich will mich nicht durch fortwährendes Denken daran ermüden, ich will alles meinem Gott anheimstellen. ES ist so süß in seiner Liebe wie ein Kind in seiner Mutter Schooß zu ruhen." Sarah lag eine ganze Weile still, um ihre überreizten Nerven neue Spannkraft gewinnen z« lassen. Es war ein so großer Trost, ganz allein zu sein und nicht durch das leiseste Geräusch gestört zu werden, außer dem Girren der Tauben in einem Garten, der den Palast von dem Berge Zton trennte. Die junge Gefangene stand auf, ging zu dem Gitter und sah hindurch. Angenehm für ihr Auge war das reiche Blattwerk des Wachholders, der Akazie, der Terebtnthe, Palme, Orange, Mandel und Citrone, welche von marmorbe- grenzten Weihern bewässert wurden, um die Mrkung der schwülen und trockenen Jahreszeit zu verhindern. Hier und dort warfen Springbrunnen ihre glänzenden Wasserstrahlen, Diamanten gleich, in die Sonne. Aber die Augen des Mädchens von Juda wanderten über dies Paradies, welches zu« Vergnügen eines Tyrannen geschaffen war, hinaus und ruhten auf dem heiligen Berge und dem Tempel, der aus dessen Gipfel stand. Als Sarah auf den heiligen Thurm vor sich blickte, kamen in die Seele von Hadassah'S Enkelin Worte der heiligen Schrift, welche sie mit einer Freude erfüllten, die, genährt von dem Thau himmlischer Hoffnung, aber ihren Ursprung in irdischer Liebe hatten. Leise und nachdrücklich wiederholte sich Sarah die Worte: „Und der Fremden Kinder, die sich zum Herrn gethan haben, daß sie ihm dienen und seinen Namen lieben, auf daß sie seine Knechte feien, ein Jeglicher, der den Sabbath hält, daß er ihn nicht entweihe und meinen Bund festhält. Dieselben will ich zu meinem heiligen Berge bringen und will sie erfreuen in meinem Bethause; denn mein HauS soll ein BethanS heißen allen Völkern." „O gesegnete Verheißung!" rief Sarah, „JSrael ist wie Joseph unter vielen Brüdern auserwählt, den bunten Nock, welchen er von seinem Vater geschenkt erhalten hat, zu tragen und durch Gefangenschaft und viel Trübsal zu Würden und Ehren zu kommen. Aber seine Brüder sind nicht vergessen, er soll noch ein Segen werden für sie alle, die ihn gehaßt und verkauft haben. Durch Israel soll Licht über die finstere Welt verbreitet werden, und mit dem Brod des Lebens sollen die hungrigen Völker gespeist werden." Sarah wurde in ihrem Nachsinnen durch den Eintritt «»bischer Sklavinnen unterbrochen, welche still die Vasen wieder stillten, die Silberlampen anzündeten, da' der Tag sich neigte, reiche Kleider auf den Divan legten und sich dann wieder entfernten. Ihr Kommen hatte einige Unruhe in dem Herzen der schüchternen Gefangenen verursacht, und es war ihr eine Erleichterung, als sie wieder jener Einsamkeit, die man kaum als solche bezeichnen konnte, da sie an ihren süßen Gedanken so angenehme Gefährten hatte, überlassen war. Sarah ging zu dem Divan und betrachtete voll Bewunderung die seidenen Gewänder und reichgestickte» Schleier. „Diese Kleider soll ich anlegen," sagte das Mädchen, „aber ich will sie nicht anrühren. Die Heiden wollen mich verlocken, wie die Schlange die Eva, unsere Mutter, durch Augen- und Fleischeslust. Gestickte Kleider sind nicht für Gefangene, ebenso wenig silberne Gürtel für Märtyrer. Dieses einfache blaue Gewand, welches von meinen eigenen Händen gesponnen und gewebt ist, ist gut genug, um darin zu sterben." Sarah betrachtete darauf die Sonne, wie sie am westlichen Horizont niedersank und mit ihren Strahlen die Zinnen des Tempels vergoldete. „Vielleicht wird dies mein letzter Abend auf Erden sein," dachte die Gefaugene. „Ehe die Sonne zum zweiten Mal untergeht, bin ich vielleicht schon zur ewigen Ruhe eingegangen." Ein tiefer, heiliger Friede kam in des Mädchens Herz, obgleich der Ausdruck ihrer schönen Züge bet dem Blick in die Zukunft gedankenvoll war. Sarah kniete nieder und verrichtete inbrünstig ei» Gebet zu Gott. Zuerst bat sie für Habassah, daß der Herr die > Verlassene trösten und die Wünsche ihres Herzens ge- i währen möchte. Thränen mischten sich mit dem Gebet, als Sarah an die Verlassenheit, in welcher sie die alte Wittwe zurückgelassen hatte, dachte. „Lass' sie nicht um mtch weinen," murmelte daS Mädchen, „und lass' es ihr nie fehlen an einem Wesen, das sie in Krankheit pflegt und besser für sie sorgt, als ich dies jemals gethan habe!" Das junge Mädchen betete dann für ihr Vaterland und für die, die für seine Freiheit kämpften, besonders für Judas, daß Gott ihn segnen und behüten und sein Haupt am Tage der Schlacht schützen möge. Sarah vergaß auch nicht ihren unbekannten Vater. Sie bat für ihn inbrünstiger, als sie vorher gethan hatte, und durch eine Gedankenverbindung kam ihr die Erinnerung an jenen edelmüthigen Höfling, dessen Dazwischentreten sie ihren jetzigen Zufluchtsort vor Marter und Gefahr verdankte. Die junge Gefangene flehte Gott inbrünstig an, den Syrer nicht für seine Güte gegen eine Fremde leiden zu lassen, sondern ihm seine gute That tausendfach zu vergelten. Sarah erhob sich noch nicht von ihren Knieen, sondern ihr Gebet wurde inniger, als sie für einen Andern, den Theuersten von allen, betete. ES war für sie, die Sterbende, nicht sündhaft, zu lieben, dachte sie. Ihr Tod konnte das Mittel werden, das Gott gebrauchte, um LycidaS vom Heidenthum abzuwenden. Es würde ihr erlaubt werden» ihrem Geliebten von jenseits des Grabes zuzuwinken. Sarah erhob sich fast selig von ihre» Gebet. ES schien ihr, als sei die Bitterkeit des TodeS schon überwunden. Sie nahm wieder mit dankbarem Herzen etwas Nahrung zu sich und legte sich dann nieder, um zu ruhen. Die 256 Gefangene hatte während der vergangenen schrecklichen Nacht keinen Schlaf gehabt, und nun waren ihre Augen» lider schwer. Im sanften Schlummer kamen Sarah die Worte deS Psalmisten über die Lippen: „Ich liege und schlafe ganz im Frieden, denn Du, Herr, hältst mich an Deiner rechten Hand." 23. Kapitel. Endlich gefunden. So tief war der Schlummer des ermatteten Mädchens, daß sie nicht hörte, wie die Thür leise geöffnet wurde, noch, wie sich jemand auf marmornem Fußboden leise dem Divan näherte. „Lieblich, sehr lieblich — schöner noch als ihre Mutter!" murmelte Pollux, als er an dem Ruhebette Sarah's stand, auf deren schlummernde Gestalt daS Licht der Silberlampe fiel. „Eben so schön und rein lag meine Noemi da, als der Engel des Todes ihre Seele wegholte und mich eines Gutes beraubte, dessen ich unwürdig war!" Was für bittere Erinnerungen früherer Jahre mochten bei diesen Worten durch die Seele des Abtrünnigen gehen! Glückliche Tage mochten es gewesen sein, als noch kein Makel an feiner Stirn haftete! Gesegnete Tage, die niemals, niemals wiederkehren konnten. „Horch, sie spricht im Schlaf, was sagt sie?" Pollux beugte sein Haupt und fing die Worte auf: „Mein armer, armer Vater!" Der tiefe Seufzer des Abtrünnige» weckte die Schlüferin. Sarah fuhr in die Höhe und warf mit unruhiger Gebärde die langen Flechten, welche theilweise über ihre Stirn gefallen waren, zurück. „Fürchte nichts, armes Kind, ich wollte Dich nicht beunruhigen," sagte Pollux in einem so sanften Tone, daß Sarah's Ruhe sogleich zurückkehrte. „O nein, ich fürchte Dich nicht!" rief sie, ihren Beschützer erkennend, „Du warst es — der Gott Jakob's segne Dich dafür — der mich heute rettete." „Und der es wieder thun wird," warf Pollux ein, indem er sich an Sarah's Seite setzte, „aber ohne Dein Zuthun kann ich Dich nicht retten, Du mußt Dich von mir leiten lassen." „Was willst Du, daß ich thun soll?" fragte Sarah. „Dich den Umständen anbequemen," antwortete Pollux, „den König befriedigen, seinem Willen einen äußerlichen Gehorsam zu gewahren. Ich habe mich selbst zum Pfande gesetzt, baß Du es thun würdest. Schließlich ist es ja auch nicht so schlimm," fuhr der Höfling gezwungen lächelnd fort, „die Kniee, wie andere es thun, zu beugen," oder ein paar Körner Weihrauch zu verbrennen. Es ist ja eigentlich nur eine Kleinigkeit!" „Eine Kleinigkeit?" wiederholte Sarah, die Augen in unschuldigem Erstaunen aufreißend. „Ist es für mich eine Kleinigkeit, meine Seele fortzuwerfen und das Herz meiner Großmutter Hadassah zu brechen?" Pollux fuhr bei Erwähnung dieses Namens zusammen, aber schnell sich fassend, bemerkte er: „Keines Weibes Herz wurde jemals auf diese Weise gebrochen. Dein zeitweiser Abfall wird nicht solchen Kummer verursachen, als wenn Du durch deS Henkers Hand füllst." „Du hast Hadassah nie gesehen, Du kennst sie nicht rief Sarah. „Sie hat mir selbst gesagt, daß sie lieber sieben Kinder durch den Tod, als eines durch Abfall von Gott verlieren möchte." Pollux biß seine Unterlippe, bis sie blutete. Als er wieder anfing zu sprechen, klang seine Stimme hart und strenge. „Wenn Du Dich nicht um Deine eigene Gefahr kümmerst, Mädchen, so denke an die «reinige. Mein Kopf hängt an Deiner Unterwerfung." Sarah sah für einen Augenblick bekümmert und verwirrt aus, dann klärte ihr Gesicht sich wieder auf: „Selbst der grausame Antiochus würde niemals einen seiner Edlen, dem es nicht gelungen ist, ein hebräisches Mädchen dahin zu bringen, ihr Gewissen zu verletzen, tödten. Du kannst nicht durch mich in Gefahr kommen." „Und dennoch ist es so. Du magst eS glauben oder nicht," sagte der Höfling. „Aber mich dünkt, wenn man wie Du noch im Morgen des Lebens steht, mit so vielem, was das Leben angenehm macht," — Pollux blickte auf die prachtvolle Ausstattung des Gemaches — „sollte man glauben, daß Musik, Tanz und Feste besser sind, als Tortur; Leben besser, als Tod; Sonnenschein und Liebe besser, als ein namenloses Grab. Der König ist gegen diejenigen, die sich seinem Willen nicht widersetzen, freigebig; feine Hand ist gütig und offen. Höre mich an, schönes Mädchen: Antiochus hat versprochen. Dich, wenn Du seinem Willen nachgiebst, zu verheirathen; eS soll meine Sorge sein, Dir einen Edlen und Vornehmen auszusuchen, einen, der Dich, wenn Du Deine eigene Religion beibehälst, gewähren läßt, und der Dir vollkommene Freiheit läßt in Deinem Hause, wenn Du willst anbeten." Pollux überlegte, welcher von den Edlen am Hofe wohl am ersten auf diese Bedingungen eingehen würde, und dann, laut dsikend, sagte er: „So einer wie Lyci- das, der Athener." Wie erbebte Sarah's Herz bei diesen Namen! Die Versuchung war furchtbar stark. Sie sah das gerettete Leben und Lycidas auf der einen Seite, und auf der anderen den kalten Stahl, das glühende Feuer und jene schwarzen, furchtbaren Diener des Todes. Die Erinnerung machte sie schaudern. Pollux, der nach Art der Höflinge Geschick besaß, die Gedanken der Menschen auf dem Gesicht zu lesen, sah in dem Gesicht seiner Gefangenen Anzeichen von Nachgiebigkeit und benutzte seinen Vortheil. BtS dahin hatte er auf Sarah's Gefühle seine Hoffnung gesetzt, jetzt suchte er ihren Verstand zu verwirren. Mit schlauer Berechnung brachte er Beweismittel vor, mit denen seine Seele nur zu vertraut war. Pollux sprach von der Nothwendigkeit jener schlauen Ausrede des Versuchers, der Gott den Herrn selbst für die Sünden seiner Geschöpfe verantwortlich macht, da er sie in Versuchungen führt, gegen welche Widerstand nicht möglich ist. Als ob die Größe der Versuchung den, welcher derselben unterliegt, hinlänglich entschuldigte. Dann sprach Pollux von dem Unterschiede zwischen wirklichem Leben eines Menschen, dessen Seele von einem hohen Glaubensbekenntniß durchdrungen sei, und der blos äußerlichen Stellung deS Körpers. Der letztere, meinte er, könne ja knieen im fremden Tempel, während der Geist feine Anhänglichkeit dem einen wahren Gatte bewahre. Ja, der Versucher führte, wie der Teufel dies oft thut, sogar die Heilige Schrift an und meinte: „Gott sieht daS 257 Herz an und gibt wenig auf das Beugen der Kniee." Der Höfling suchte das Mädchen in seine falschen Phi» losopbieen zu verwickeln, aber der einfache Glaube und die Liebe eines weiblichen Herzens durchbrach alles. „Verlasse mich — verlasse mich!" rief Sarah leidenschaftlich, als Pollux die erste Pause machte. „ES ist sündhaft und grausam, mich so zu versuchen. Du würdest auch jene Drei in Babylon versucht haben, das goldene Bild anzubeten. Ich kann mit einem, der so gelehrt wie Du ist, nicht rechten und streiten; aber ich weiß, daß in der Schrift steht: „Du sollst anbeten Gott Deinen Herrn und ihm allein dienen," und das ist für mich genug!" „Aber Du wirst die Qualen, die Dich erwarten, niemals ertragen, wenn Du in Deinem hartnäckigen Widerstände so unsinnig beharrst!" rief Pollux. „Ich weiß, daß ich tu mir selbst keine Kraft habe; ich weiß, daß ich ein schwaches, zitterndes, feiges Mädchen bin!" rief Sarah, in Thränen ausbreckend, „aber Gott, «ein Gott machte eine Mauer von Wasser, und er, der die Versuchung sendet, wird auch die Kraft geben, sie zu bestehen!" „Sarah, Du treibst mich zum Aeußerstenl" rief Pollux, durch die Beständigkeit eines so schüchternen, gebrechlichen Wesens beunruhigt. „Wende Dich nicht ab, ich will, daß Du mich anhörst. Ich befehle Dir, dem König zu gehorchen, und ich habe ein Recht, Dir dies zu befehlen, Sarah! — der mit Dir redet, ist Dein Vater!" Hatte nicht eine bestimmte Ahnung dies vorher- gesagt? War da nicht etwas in der Stimme, dem Gesicht des Höflings gewesen, das sie an Hadassah erinnerte und das Herz des Mädchens mächtig zu ihm hinzog? Abner'S Tochter sprang mit einem Schrei auf; ihre Arme hatte sie um seinen Hals geschlungen, während ihr Haupt an seiner Brust ruhte, und indem sie mit ihren Thränen seine Kleider benetzte, schluchzte sie: „Mein Vater! Mein Vater!" und vergaß in diesem Augenblick - alles vor Entzücken, den Verlorenen endlich gefunden zu l haben und einen Vater umarmen zu dürfen. Und Pollux konnte auch eine Weile nichts anderes denken, als daß er seine Tochter in den Armen hielt. Er drückte sie an sein Herz, hielt sie dann von sich, um ihr Gesicht zu betrachten, drückte dann Kuß auf Kuß auf ihre Lippen und nannte sie seinen Liebling, seinen Stolz, sein schönes Kind! Aber als dieser Sturm vorüber war, ließ Pollux Sarah sich an seine Seite setzen, und, indem er ihren Arm um ihre leichte Gestalt schlang, nahm er die Unterhaltung, die durch Offenbarung der nahen Verwandtschaft unterbrochen war, wieder auf. „Du siehst nun, mein Kind, daß Du mit leichtestem Herzen nachgeben kannst. Der Eltern Befehle sind für ein hebräisches Mädchen Gesetz. Wenn irgend eine Sünde ist in dem, was Du thust, so liegt sie auf mir allein." „Und gedenkst Du Sünde auf Dein Haupt zu bringen?" fragte Sarah. „O nein, das würde ein zu böser Vater sein!" „Ich habe eine solche Last mit mir umherzu- fchleppen," sagte Pollux bitter, „daß ich eine so kleine Zugabe kaum fühle. Sarah, es ist Deine Pflicht, nachzugeben, denn «eine Sicherheit hängt davon ab. Wenn Du Dich weigerst, dem Antiochus zu gehorchen, so besiegelst Du daS Schicksal Deines Vaters." Voll tiefer Angst hielt Sarah beide Hände an ihre hämmernden Schläfen. Selbst der Weg der Pflicht erschien vor ihren Augen dunkel und unsicher. Dann kam ihr plötzlich ein Gedanke wie eine Eingebung. „O nein, ich will meinen Vater retten!" rief sie, „retten vor etwas Schlimmerem als dem Tode! Lass' uns zusammen fliehen! Obgleich," fuhr sie fort, — „nein, nicht zusammen, ich würde Dir bei Deiner Flucht beschwerlich fallen, aber fliehe, mein Vater, von diesem bösen Hof, diesem barbarischen König, diesem Leben, das für einen Sohn Hadassah's Elend und Gefangenschaft sein muß. O fliehe, fliehe! sei sicher, sei frei! Sei wieder, wie Du einst gewesen bist! Es ist nicht zu spät, eS ist nicht zu spät! Sarah war bei dieser neuen Hoffnung, ihren Vater aus dieser Höhle der Schande, diesem Abgrund der Ver- dammniß zu ziehen, voll seliger Freude. Pollux starrte vor dieser neuen plötzlichen Eingebung. „Wohin könnte ich fliehen?" fragte der Abtrünnige finster. „Zu Judas MakkabäuS, unserm Helden," sagte Sarah. „Sein Lager ist ein Zufluchtsort für alle Flüchtlinge." „MakkabäuS?" wiederholte Pollux. „Er würde einen Abtrünnigen verschmähen und verabscheuen." „O nein, er würde den Vater Sarah's niemals verschmähen!" rief das Mädchen, indem sie innerlich über die geheime Macht, welche sie über den Anführer der Hebräer ausübte, frohlockte. „Judas würde Dich willkommen heißen, seine Gefährten würden Dich willkommen heißen, wenn Du kommst, um das Vergangene zu sühnen und Dein Schwert dem Vaterlands zu weihen. Gott würde Dich wieder annehmen, und Hadassah," fuhr Sarah fort, indem ihre Begeisterung sich bis zum Entzücken steigerte, „Hadassah, Deine Mutter, würde in ihrer Freude all ihren Kummer vergessen. In ihrer Glückseligkeit, ihren lange verlorenen Sohn bei Makka- bäus zu wissen, würde sie sich auch darüber freuen, daß ihre Sarah bei Gott ist." «Unmöglich, unmöglich!" rief Pollux, indem er von seinem Sitz, wie um fortzugehen, aufstand. Sarah bemerkte in dem Tone seiner Stimme einige Unent- schiedenheit. Sie warf sich zu seinen Füßen, umklammerte seine Kniee und bat mit leidenschaftlicher Inbrunst, denn sie sah, daß Seele und Leben ihres Vaters auf dem Spiele standen. „O, mein Vater, wenn Du Dich doch entschließen könntest, diesen schrecklichen Ort zu verlassen und zu Deinem Volke, Deiner Mutter, Deinem Gott zurückzukehren, dann wollte ich gern sterben. Wir würden uns in einer besseren Welt, alle für immer vereinigt, wiederfinden!" Dem Abtrünnigen war. als hörte er die Stimme seines Schutzengels, als erschiene ihm sein einst geliebtes Weib in menschlicher Gestalt, um ihm zu rathen, ihn zu warnen, zu bitten, ihm zu sagen, daß es noch Gnade für ihn gäbe, wenn er nur umkehre und Neue empfände. Ein schrecklicher Kampf tobte in seinem Innern. Er konnte sich nicht entschließen, einen so kühnen und plötzlichen Sprung zu thun, obwohl er sich des Elends und der Gefahr seiner gegenwärtigen Lage am Hofe wohl 2öS bewußt wär. Der elende Pollux zögerte, wie das von Wölfen getriebene Wild am Rande des Abgrundes zögert, sich hinabzustürzen, obgleich es ihm die einzige i Möglichkeit bietet, dem Nachen seiner Verfolger zu entfliehen. Er würde keinen Augenblick gezögert haben, hätte er gewußt, daß in derselben Zeit, als Sarah in Thränen zu seinen Füßen lag, Antiochus in Gegenwart deS Verleumders LystmachuS das Todesurtheil für Pollux unterzeichnete, dem am nächsten Morgen die Vollstreckung folgen sollte. Seinem Nebenbuhler war es endlich gelungen, seinen Sturz herbeizuführen. Die einzige Thür der Sicherheit, die dem Abtrünnigen noch offen stand, war die, durch welche sein Kind ihn ziehen wollte. Pollux ahnte nicht, wie bald jene Thür verschlossen werden würde. Unfähig, einen schnellen Entschluß zu fassen, auf allen Seiten Schwierigkeiten und Gefahren sehend, gleichviel ob er floh oder blieb, verschwendete er die kostbare Zeit, die ihm noch geblieben war und ließ sie vorübergehen. Endlich verließ er seine Tochter, um in der Einsamkeit seinem erregten Jnuern Ruhe zu verschaffen und einen Entschluß zu fassen. Pollux verließ Sarah, welche noch auf ihren Knieen lag und sich auch, als er sich von ihren Armen losriß, nicht erhob. Als die Tochter ihren Vater selbst nicht mehr bitten konnte, bat sie für ihren Vater. Sie flehte, daß ihm Weisheit und Gnade in diesem Höhepunkt der Gefahr gegeben werden möchte. Kein Schlaf kam in jener Nacht in Sarah'S Augen. (Fortsetzung folgt.) -s-iM*—- Der Ackerbau im heutigen Palästina. Von Dr. Seb. Euringer, Pfarrer. (Fortsetzung.) Zur Bespannung des Pfluges nimmt «an ein Paar Ochsen, selten Kühe; in Judäa oft statt des zweiten Ochsen einen Esel. Diese Thiere paffen leidlich zusammen, da daS Rindvieh klein, der Esel aber ver- hältnitzmäßig groß und stark ist. Im Süden kann «an oft ein Kamel, in Galiläa auch ein Pferd davor sehen. (W?V 1886, S. 28). Anderlind nennt die Fellachen geschickte Pflüger und erwähnt 1'/, Kilometer lange Furchen bei Höms, welche fchnurgerade gezogen waren. Gedüngt werden die Felder selten. Der Mist wird getrocknet und mit Strohhäcksel vermengt, in dem Holzarmen Lande als Feuerungsmittel verwendet. Die Fellachen behaupten übrigens, bet dem heißen Klima verbrenne der Dünger die Pflanzen. Die deutschen Kolonisten in Haifa und Sarona düngen jedoch ihre Felder reichlich (z. 6. in Sarona das Hektar alle zwei Jahre mit 30—40 zweispännigen Pferdefuhren) und haben es bis jetzt noch nicht bereut. Der Samen wird 8—10 om. tief unter die Erde gebracht durch Einpflügen, um die Saat vor den Ameisen und vor dem Eintrocknen zu schützen; wir haben also Nachpflügen anstatt EggenS. Da die Fellachen, namentlich in Süd- und Mittel- palästina, das Unkraut wie die Steine einfach-umgehen, so verwildert die Saat ungemein, und daS Getreide würde durch daS Unkraut fast erstickt werden, wenn man nicht mehrmals jäten würde. DaS gejätete Unkraut bleibt einfach an Ort und Stelle liegen. Die Erntezeit ist verschieden; in den tiefer- liegenden Gegenden fällt die Weizenernte in den Mai, in den höherliegenden in die erste Hälfte des Juni, die Gerstenernte füllt oft schon in den April. (Bädeker 1,111.) Die Halme werden nicht mit der Sense, sondern mit der Sichel geschnitten, und zwar so, daß etwa kniehohe Stoppeln stehen bleiben. Der Schnitter kann also fast in aufrechter Stellung arbeiten. Die Sichel (manä- svdal) ist aus Stahl und hat eine gezähnte Schneide und am oberen Ende einen kleinen Haken, mit welchem die Halme zusammengerafft werden. DaS geschnittene Getreide wird entweder von Menschen oder auf Kamelen, Maulthieren, Eseln, selten auf Wagen nach der Dreschtenne geschafft. Zum Transport des Getreides bedient man sich eines aus Bast geflochtenen Netzes mit Holzhaken, daS sodduiL genannt wird. Dörfer und Städte besitzen einen oder mehrere öffentliche Dreschplätze, auf welchen jeder sich seinen Platz aussucht. Im Gebirge benutzt man eine große Felsenplatte, in der Ebene eine steinfreie, glatte Fläche mit festem Boden; künstliche Tennen gibt es nicht. Eine Bedachung ist unnöthig, da es um diese Zeit nicht mehr regnet. Das Stroh bildet während des Sommers und Herbstes wegen Mangels an Grnnfutter ein wichtiges Futtermittel für das Vieh; aber im Klima von Palästina verholzt und verhärtet es sich bald. Daher wenden die Fellachen ein Dreschverfahren an, bet welchem daS Stroh die geeignete Weichheit erlangt. Es gibt bei den Kolonisten und den Eingeborenen sechserlei Dreschweisen. Die eingeborenen Bauern verwenden jedoch nur folgende zwei: 1) Das Dreschen mittelst bloßen Thiertriebs, das Triften. Die Thiere, gewöhnlich Ochsen, werden über daS kniehoch aufgeschüttete Getreide getrieben. Es ist diese Art so ziemlich außer Gebrauch gekommen, da sie viel Zeit beansprucht. Ich habe eS nur ein paar Mal beobachtet. 2) DaS Dreschen mittelst Dreschschlitten. Dieser ist ein bloßes Brett, 5 Fuß lang, 3 Fuß breit, vorne aufgebogen, die Unterseite ist mit eisernen Nägeln oder scharfen Basalt- oder Feuersteinen, welche ,1'/z cm. über die Erdfläche des Brettes hervorragen, besetzt. Darauf steht ein Mann, der das angespannte Thier mit einem langen Stecken zu raschem Laufe antreibt und in Schlangenlinien über die dicht liegende Ernte hinfährt. Er steht frei auf dem schwanken Breitlein, wie ein Kunstreiter balancirend, und kommt nicht so leicht aus dem Gleichgewicht. Das Dreschbrett (naurLäsott) wird so oft über daS Getreide geführt, bis das Stroh ganz klein und zu Häckerling zerschnitten ist. Diesen zwei Dreschverfahren hängt der Uebelstand an, daß die Thiere, welchen auch heutzutage noch „daS Maul nicht verkörbt wird", durchschnittlich täglich 30 Liter Weizenkörner pro Ochse fressen. Ist das Dreschen (äarao) beendet, so tritt die Wurfschaufel oder besser gesagt die Wurfgabel in ihr Recht. Das Worfeln geschieht zuerst mittelst einer zwei-, später, wenn nur mehr Spreu und Körner da sind, mit einer fünfzinkigen Eichengabel, indem man Spreu und Körner auf offener Tenne gegen den Wind in die Höhe wirft; dabei treibt der Wind die Spreu seitwärts. Ist daS Worfeln mit der seda üb- und der wiära-Gabel zu Ende, so werde» die Körner noch durch Sieben gereinigt. ES gibt zweierlei Siebe, welche aiis Riemen ber- gestellt werden, das IrirkLI mit größere» 1'/, em. Maschen« wette und das rirdLl mit kleineren Augen, welch letzteres nur die Wohlhabenderen benützen. Diese Riemensiebe bestehen nach Wetzstein aus einem Geflecht von schmalen Streifen, die aus der Haut eines geschlachteten oder gefallenen Kamels geschnitten und noch ungegerbt mit dem hölzernen Nandreifen und unter sich verknüpft werden. Beim Trocknen nehmen sie die Natur der Darmfellen an und ziehen sich zusammen, wobei sich die Maschen des Netzes unlöslich verbinden, so daß die Weite der Augen unverändert dieselbe bleibt. Als Kuriosum sei erwähnt, daß diese Siebe meist von einem Wandervölkchen gefertigt werden, welches Wandervölkchen einen nordindischen Dialekt spricht, den mau seiner Weichheit wegen UsLn sl Sperlingssprache, nennt. Man rechnet dieses Völkchen wohl mit Recht zu den uunrvar, zu den Zigeunern. (2I)kV 1891, S. 1.) Das ^iriM mit den weiten Augen dient zum erstmaligen Durchsieben deS geworfelten Getreides, um größere Steiuchen, Erdklümpchen, unvollkommen zerriebene Aehreu, längeres Stroh u. s. w. auszuscheiden, was beim Worfeln mit der Worfgabel zu schwer war, als daß eS vom Winde bis zum Häckselhaufen getragen werden konnte, und daher auf den Körnerhaufen niedergefallen war. Dies alles bleibt beim Sieben in dem IrirdLI und wird auf die zum Dreschen ausgebreitete Halmschicht zurückgeworfen, um noch einmal unter den Dreschschlitten zu kommen. Die durch das Lirdäl-Sieb auf den Boden gefallenen Körner werden nun durch das enge Sieb, rirIM, gereinigt. Dieses Sieb ist so enge, daß es nur Staub, Erde, Spreu, flache oder beim Dreschen zerrissene Körner, aber keine guten, normalen durchläßt; diese bleiben in ihm zurück. Somit hätten wir den Fellachen von der Aussaat bis zur Tenne und zum Kornhaus begleitet und sind bei der Mühle angelangt. Einige Angaben über das Eruteerträgniß in Palästina dürften nicht uninteressant sein. Dr. Auderlind hat sich die Mühe genommen, durch Befragen mehrerer Sachverständiger nachfolgendes statistisches Material zu sammeln; er hat dasselbe in W1?V 1886, S. 48 u. ff. veröffentlicht. In den Gebirgsgegenden Zudäas, wo eS nur eine dünne, oft blos schuhhohe Ackerkrume gibt und wo der Boden daher bald austrocknet, rechnet man alle 4 Jahre eine volle und drei geringe respective schlechte Ernten. Judäa ergibt im Durchschnitt mehrerer Jahre an den Bergen, wo die Ackerkrume oft nur schuhtief liegt und nicht gedüngt wird: Weizen das 2fache") » Gerste „ Zfache lKorn. Speise- u. Kamellinse das 2Zfache s In den Thälern von Hebron, wo man düngt und wo die eingeborenen Fellachen den Ackerbau rationeller treiben als ihre übrigen arabischen Collegen: Weizen das 4fache » Gerste „ Sfache > Korn. Speise-».Kamellinsedas4- u. Sfache' Die deutschen Kolonisten zu Sarona bei Jafa ernteten 1883 auf ihren nahe dem Meer gelegenen, aus mehr oder weniger humusreichem Dünensand bestehenden Fel- ") Hier sei erinnert, daß in Deutschland die Winterfrucht Weizen höchstens das 11—12fache, Gerste auf vorzüglichem Boden das 26—ZOfache Korn ergibt. (Schegg S. 136.) dem bei guter Düngung (pro Hektar alle 2 Jahre 30 bis 40 zweispännige Fuhren Stallmist) und bet nur ziemlich guter Ernte auf dem Hektar: Weizen 20 Centner (1 Ctr. — 60 Kgm.) Körners 45 „ Stroh. Gerste 24 „ Körner. 46 „ Stroh. Kartoffeln 180 Centner. Es ertragt Weizen höchstens das 30fache „ wenigstens das 4—6fache » durchschnittl. das 8fache Gerste höchstens das SOfache „ durchschnittl. das löfache In der deutschen Kolonie in Haifa Karmel auf Kreidekalkboden trägt Weizen durchschnittlich das 7fache Gerste „ „ lOfache Auf der großen Ebene ESdrelon, wo wirds: Weizen höchstens lOfaches „ mindestens Ifaches „ durchschnittlich 7—8 faches Gerste höchstens lOfaches „ mindest. Ifaches (d. Aussaat) ^ Korn. „ durchschn. kaum das 6fache f Nach einer Mittheilung der Zeitung „Warte deS Tempels" Jahrgang 1884, Nr. 12 sollen im Hauran, wo der aus Lavaverwitterung entstandene Boden seit Menschengedeuken nicht gedüngt wurde, die Weizenfelder 60-, 80-, ja lOOfältige Frucht tragen. Hier möge eine Correspondenz aus Sarona, welche die „Warte des Tempels" Jahrg. 1830, Nr. 33 enthält, mitgetheilt werden, da sie die Kolonialverhältniffe des oft genannten Sarona kurz zusammenfaßt: „Die deutsche Kolonie in Sarona bebaute 1880 800 Württembergische Morgen (L ca. '/z Hektar), davon sind ungefähr 200 Morgen Weinberge und Gartenland. Ein Morgen liefert durchschnittlich 6—12 Centner guten Weizen oder 10 Centner Gerste. Die Hälfte deS Ackerlandes wird mit diesen Getreidearten, die andere mit Sesam, Welschkorn, Mais (Durrah), Kartoffeln und Melonen bebaut. Die Kartoffeln wurden am 16. März bestellt und waren am 16. Mai reif; 1 Morgen lieferte ca. 24 Centner. Ein Notl — 6 Pfund konnte ä 45 Pf. verkauft werden. Bei 40 Morgen Landbesitz hat eine Familie ihr gutes Auskommen. Ein Morgen gutes Land gilt 10—12 Napoleon (—200—240 Franken), geringeres 3—6 Napoleon (60—120 Franken)." Dieser Correspondenz, welche Socin in Wl?V 1881, S. 133—34 mittheilt, fügt der Referent bei: „Während die deutsche Kolonie bei Jafa und eine in der Nähe am ^Audscheflusse gegründete jüdische Niederlassung relativ blühen, kommen von der deutschen Colonie bei Haifa Berichte über schwere Geldverlegenheiten." (Fortsetzung folgt.) -'^ss-v-rs-- Goldkörner. Gegner glauben uns zu widerlegen, wenn sie ihre Meinung wiederholen und auf die uusrige nicht achten. Goethe. Das Gewissen hat immer recht, denn es spricht nur. wenn eS recht hat. Naupach. ^Korn. ^ Korn. am Fuße des ^ Korn. nicht gedüngt ) Korn. Atlevtei. Einige kleine Geschichten aus dem Leben König Ludwigs I. von Bayern finden wir in dem kürzlich veröffentlichten Buche „Charakterzüge und Anekdoten aus dem Leben der bayerischen Könige Max Josef I., Ludwig I. und Max II. (von Dr. Hans Reidelbach, München, Verlag von M. Kellerei). — „Wie geht es?" fragte König Ludwig, als er bei einem Besuche, den er bei seinem Sohne, dem König Otto von Griechenland, machte, in Athen einem traurig dreinsehenden dicken Feldwebel begegnete, der mit den bayerischen Truppen nach Griechenland gekommen war. „Schlecht, Euer Majestät", erwiderte mit grämlicher Miene der Feldwebel. „O, wenn i doch nur a oanzig's Mal wieder in Münch'n wär'. Dort ist doch a ganz anders Leben, als in diesem verfluchten Griechenland! da. Schauen'S, Majestät, hier bringt mi der Durscht noch ums Lcb'n. Koan Tropfen Bier, höchstens a süßer Wein, auf den man sich speien möcht', und der oan Durscht macht, daß man erlechzen kunnt. Wie ganz änderst ist do das Leben in Münch'n. Schauen'S, Majestät, do hat ma' dös ganze Jahr durch a guats und a billtg's Bier zum Durschtlösch'n. Im Frühjahr, um Joscphi rum, da giebt's döS Salvaterbier, alle Tag a paar Maßl, döS dringt tnS Blut und giebt a Kraft. Nachher im Mai, da kommt glei' daS Bockbier, da braucht man die Bockkur, alle Tag vier Seidel, aber nur in der Früh', ja net auf die Nacht, denn da thut's a das gewöhnliche Bier. Und zu dem Bier an Brunnkreßsalat, daS ist was G'sund's für die Brust. Natürli den Salat net alloani, sonst wär' er zu stark, a Stück Nierenbratl und a paar delikate Würscht müssen allemal dabei sein. Und nachher kommt die Nadizeit. I sag' Euer Majestät, nichts Besseres für den Magen giebt's gar net, als an guten Nadi und a paar Maßl Bier dazu im nüchternen Magen, das vertreibt die Verschleimung. Na, und daS übrige Jahr hindurch da geht man halt fleißi ins Hofbräuhaus, dös ist die beste Apothek' der Welt, da bleibt ma g'sund und fröhlt. O, Herr König, thun S' ma den oanzigen G'fallen und sorgen S', deß i sobald wie möglich aus dem vermaledeiten Griechenland! hinaus nach Münch'n komm', hier geh i an Durscht z' Grund." Der König sagte seine Verwendung zu, und bald darauf wurde des Feldwebels Herzenswunsch erfüllt und er wieder in die Heimath nach München befördert. — König Ludwig, der viel im Lande umherreiste und sich auch in München viel auf den Straßen bewegte, glaubte, wie Reidelbach schreibt, daß ihn fast alle Leute kennen sollten; doch das war nicht immer der Fall. Einmal ging er in gewohntem einfachem Anzüge an der Türkenkaserne vorüber, und als der Posten weder salutirte, noch die Wache herausrief, redete ihn der König etwas ungehalten an: „Warum rufst Du denn nicht heraus?" — „Vor wem denn?" fragte der Soldat, sich nach allen Seiten umsehend. „Ich glaube gar, Du kennst nicht einmal Deinen Brodherrn I" fuhr der König fort. „So, so", sagte der Posten, „Sie sind der Bäcker vom Türkengraben, der uns immer so schlechtes Brod schickt? Vor dem sollt' ich rausrufen? Das könnt' mir einfallen." Der König lachte herzlich und ging seines Weges vergnügt weiter. -Sk- Das Verschieben ganzer Wohnhäuser ist in den Vereinigten Staaten nichts Seltenes mehr. Die größte Kraftleistung dieser Art soll demnächst in Chicago zur Ausführung kommen, indem man die Jmanuel- 260 — Baptistenkirche um ca. 15 m weiter zu schieben und um fast 2 m zu heben beabsichtigt. Diese Kirche ist ein massiver Steinbau von unregelmäßiger Gestalt mit mächtigen Pfeilern, einem 70 in hohen Thurm von 56 Hw, Grundfläche und einer Frontlänge von 30'/z m. Die Verlegung der Kirche geschieht auf Kosten des Besitzers des daneben liegenden Hotels Metropole, welcher für diesen Zweck 300,000 M. bewilligt hat, bloß um seinem Hotel besseres Licht zu verschaffen. Die Verlegung soll, nach einer Mittheilung des Patent- und technischen Bureaus von Nich. Lüders in Görlitz, nicht länger als drei Monate dauern, und ist mit der Ausführung des Planes der Architekt Harvey Sheeler in Chicago betraut, der daS ganze Bauwerk mittels 1600 Schrauben auf Stahlschienen heben und dann an seinen Bestimmungsort bewegen will. * Eine Stilblüthe von ganz besonderer Schönheit fand sich vor einiger Zeit in einem Leitartikel der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung": „DaS Ergebniß dieser durch schnödesten Mißbrauch der Abstraktion geschaffenen Anthithese kann kein anderes sein als eine Steigerung der aus der Realdialektik der Geschichte niemals zu climinirenden sozialen Gegensätze zu ganz und gar unversöhnlicher, tödtlicher Feindschaft." --SÄLN-S-- Abschied au den Wald. Ich kann nicht mehr gesunden In dir, du kühler Wald, In frohen, trüben Stunden Mein liebster Aufenthalt. Muß ziehen in die Ferne, Mich treibt ein irrer Sinn, Dort wähn' ich schön're Sterne Dort Freunde und Gewinn. Ich will dort Ruhe suchen, Wech nicht, ob ich sie find', Ob dort wie deine Buchen So gut mir Menschen sind. Doch nicht im größten Glucke Sollst du vergessen fein, Kehr' nimmer ich zurücke, Gedenk' bisweilen mein! Schillenaner. Schachaufgabe. Schwarz. « M 5 .L Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt. AnteMltimg M „Augsburger Pojtzeitung". M 35. Vinslag, den 28. April 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des iüterarischen Instituts von HaaS L Grabdcrr in Augsburg (Borbesttzer Dr. Max Huttlcr). IV" Durch ein bedauerliches Uebersehen trägt das am vergangenen Freitag erschienene Unterhaltungsblatt die Nr. 33, während es richtig Nr. 34 tragen sollte, was wir unsere verehrt. Leser zu beachten bitten. Judas Makkaöäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) 24. Kapitel. Die Entscheidung. Das- Gemüth des elenden Pollux glich, rückwärts und vorwärts auf dem wilden Meere der Zweifel getrieben, einem Schiff ohne Ballast, Kompaß oder Ruder. Der Höfling schritt auf einer Veranda auf und nieder, auf welcher ein kühler Wind ihn fächelte und wo er vor Störung sicher war. Ohne es zu wissen, gab er durch äußere Gebärden der inneren Qual, die er empfand, Ausdruck. Sollte er es aufgeben, alles das, wofür er seine Seele hingegeben? Rang, Stand, Reichthum? Das Leben wieder anfangen auf der niedrigsten Stufe der Leiter mit dem Brandmal der Schande? Konnte er ertragen, vor Makkabäus zu erscheinen, um von ihm das Amt eines Holzhauers oder Wasserträgers zu erbitten? Sollte er Stolz, Macht, Pomp und Reichthum für Arbeit, Mangel, Armuth und Gefahr eintauschen? Pollux fühlte, daß sein Stolz solche Erniedrigung nicht ertragen würde. Der Sprung, den er nehmen mußte, war von einer solchen Höhe und in einen so tiefen Abgrund, daß es ihm war, als müsse er bei dem Fall in Stücke brechen. Aber welche Wahl blieb ihm, wenn er den gefürchteten Sprung nicht that? Wenn Sarah festhielt an dem Glauben, mußte sie sterben. Konnte der Vater es ertragen, Zeuge bei dem Martyrerthum - seines schönen Kindes zu sein? Und war nicht sein eigenes Leben in Gefahr? War nicht schleunige Flucht vom Hofe der einzige Weg der Sicherheit für Vater und Tochter? War sie nicht das einzige Mittel, einen Abtrünnigen vor der Verwünschung seiner Landsleuie, dem Fluch seiner Mutter und dem Zorn des Höchsten zu retten? D».^ Gewissen wollte sich nicht länger beschwichtigen lasset Sarah hatte den Schläfer erweckt. Pollux war sich neben dem Glauben und der Reinheit seines Kindes wie ein Dämon vorgekommen. Und Sarah hatte nicht nur das Gewissen, sondern auch die Hoffnung erweckt. Sarah hatte von der Möglichkeit gesprochen, daß er Hadassah noch Freude bereiten könne, der Hochherzigen, die er trotz seines sündhaften Lebens nicht aufgehört hatte, zu verehren und zu lieben. Jahre lang hatte Pollux versucht, alle Erinnerung an seine Mutter aus dem Gedächtniß zu vertilgen; jetzt stand ihr Bildniß lebhaft vor ihm, aber nicht voll Zorn, sondern mit ausgebreiteten Armen, um ihren verlorenen Sohn zurückzuempfangen. Während Pollux überlegte und Sarah betete, saßen Lystmachus und seine Gefährten in der Stadt zechend beim fröhlichen Gelage. Der Sturz und der bevorstehende Tod seines Nebenbuhlers gaben den rauschenden Lustbarkeiten des verschwenderischen Syrers einen ungewohnten Beigeschmack. „Ein Glas auf die Gesundheit unseres herrlichen Freundes Pollux!" rief Lystmachus, indem er einen ungeheuer großen Becher Wein erhob. „Er tritt morgen eine lange Reise an; dies Glas auf eine schnelle Ueber- fahrt über den Styx und fröhliches Willkommen am Schattenhofe des Königs Pluto!" Und die Zuhörer schämten sich nicht, über diesen Scherz zu lachen, obgleich sie sehr vertrauten Umgang mit Pollux gepflogen, ihm geschmeichelt und ihn umschwärmt hatten, als er sich noch in königlicher Gunst sonnte. Einer der Gäste berechnete, wie er in den Besitz einiger Edelsteine kommen sollte, die er in dem Gürtel des Pollux hatte funkeln sehen, dem er einst unveränderliche Freundschaft geschworen hatte. Ein Anderer bestimmte das arabische Roß des gestürzten Höflings zu seinem Antheil am Raube. Es war nicht Einer unter diesen Schmeichlern, die in jenem nächtlichen Gelage zusammenkamen, der ein Wort der Warnung oder einen Gedanken des Mitleides für ihn, der von allen Edlen am prächtigen Hofe des Antiochus am meisten bewundert, umschmeichelt und beneidet gewesen war, gehabt hätte. Die Sterne erblaßten, die Nacht schwand dahin, die Thür der Sicherheit schloß sich leise, unmerkiich — bald, bald war es zu einer Entscheidung für Pollux zu spät. Liegt erst einmal der Weg der Pflicht klar vor unsern Augen, so bringt jede Minute der Verzögerung Gefahr; während wir zaudern, schleicht der Feind heran. Während wir zweifeln, können wir uns sch m unter seinen Klauen befinden. „Sarah soll für mich entscheiden!" rief der un- 262 glückliche Zauderer zuletzt. „Finde ich ihren Entschluß > unerschütterlich, so werde ich, es mag kommen, was da wolle, ihr einen Weg bahnen, auf welchem sie dem schrecklichen Schicksal, von dem sie bedroht ist, entrinnen kann!" In wenigen Minuten trat Pollux, blaß und erregt durch die in ihm widerstreitenden Gefühle, von neuem in das Gemach, in welchem er Sarah verlassen hatte. „Sarah!" rief er mit hohler Stimme, indem er das Mädchen bei der Hand ergriff und ihr mit einem verzweifelten Blick in das Gesicht starrte. „Ich komme, um Dich zu fragen, welches Deine letzte Entscheidung ist. Bist Du noch unsinnig genug, Marter und Tod zu wählen?" Sarah blickte ihrem Vater voll in das Gesicht, sie war blaß, aber sie schwankte nicht. In ruhigem, entschiedenem Tone sagte sie: „Ich werde niemals meinen Glauben verleugnen." „Dann ist der Würfel gefallen!" rief Pollux, fast erleichtert, da er sich nun von der Last der Unent- schiedenheit befreit sah. „Wir leben oder wir sterben zusammen — wir wollen noch vor Tagesanbruch fliehen!" Es blieb nur wenig Zeit zu Worten, auch für Sarah, um die dankbare Freude auszudrücken, welche ihr Herz erfüllte. Sie rettete ihren Vater von Schande und Schuld, sie gab ihn seinem Vaterlande zurück. „Lege diese Kleidung einer syrischen Sklavin an," sagte Pollux. „Nimm jenen leeren Wasserkrug, es muß den Anschein haben, als ob Du ihn am Brunnen füllen wolltest. Wir können nicht zusammenbleiben, das würde Verdacht erregen. Wir werden an Wachen vorbeikommen und möglicherweise auch an anderen Menschen, obgleich zu dieser frühen Stunde selbst die Sklaven noch kaum ihre Morgenarbeiten begonnen haben werden." „Wie werde ich meinen Weg finden, Vater?" fragte Sarah, „dieser weite Palast ist ein Labyrinth für mich." „Du darfst mich niemals ganz aus den Augen verlieren," antwortete Pollux, „Du mußt mir in ge? nügender Entfernung folgen, doch darf niemand merken, daß Deine Bewegung durch die meinigen geleitet werden. Aber dieser Plan ist nicht durchzuführen," fuhr er fort, indem er die Hand an die Stirn preßte. — „Ich würde Dich ja nicht im Auge haben, und solltest Du angerufen werden, würde ich nicht im Stande sein, Dir zu Hilfe zu eilen. Du, mein Kind, mußt zuerst gehen." „O, mein Vater, meine Gegenwart vergrößert Deine Gefahr!" rief Sarah. „Laß mich hier, ich flehe Dich an, fliehe allein, niemand wird Dich anrufen!" Pollux beschwichtigte diese Bedenken seiner Tochter durch eine ungeduldige Handbewegung. „Folge meinen Anordnungen," sagte er, „wir haben schon zu viel Zeit vergeudet. Du folgst mir durch den ersten Hof, dann gehst Du mir voran. Halte Dich zur Rechten, bis Du an der ersten Schildwache vorbei kommst. Dann wirst Du Dich in einem Garten befinden, in dessen Mitte ein Brunnen ist. Fülle Deinen Krug oder thue, als ob Du ihn füllen wolltest, dann wird der lange, dunkle Gang, welchen Du zur Linken siehst, zu einem Gitter- pförtchen des Palastes führen; dort wird nochmals eine Schildwache stehen." „Wie soll ich an dieser vorüberkommen?" fragte Sarah, welche die Schwierigkeiten und Gefahren des Unternehmens begriff. „Ich weiß es nicht, aber der Gott, dem Du dienst, wird Dir helfen, mein braves, unschuldiges Kind. Ich werde Dir in nicht zu großer Entfernung folgen, jeder Krieger oder Sklave kennt mich — rufe mich, und ich eile Dir zu Hilfe." „Vater, gib mir Deinen Segen," stammelte Sarah. „Meinen Segen?" rief Pollux zurückfahrend. „Bittet irgend jemand einen Schurken um seinen Segen, von dessen Lippen er wie ein Fluch klingen würde?" „O sage das nicht," rief Sarah. „Du thust jetzt, was großmüthig, edel und gerecht ist. Du ziehst jetzt gleiches Loos mit dem Volke Gottes, wie Lot wendest Du Sodom den Rücken." „Und Du bist der Engel, der mich fortführet!" rief Pollux. „O heiliges, heiliges Kind einer heiligen Mutter, Du bist die Erste gewesen, die einen Strahl von Hoffnung in die Finsterniß der Schuld und Verzweiflung geworfen hat. Wenn ich jemals wieder bei Gott Gnade finde, wenn ich jemals wieder in das Angesicht meiner Mutter blicken darf, wenn ich jemals dem Schicksal des Abtrünnigen entrinne, so schulde ich es Dir; welches auch das Ende unseres gefährlichen Vorhabens heute Nacht sein werde, erinnere Dich, daß ich Dir danke, Dich segne — und Du sollst gesegnet sein, meine Tochter!" Pollux legte seine beiden zitternden Hände auf das Haupt seines knieenden Kindes und stammelte das erste Gebet zum wahren Gott, welches zu beten der Abtrünnige seit vielen Jahren nicht gewagt hatte. 2 5. Kapitel. Ein Rückblick. Hadassah hatte während dieser Zeit rechte Herzensmarter ausgestanden. Als Sarah unter dem Schutze Abischai's ihre Heimath verließ, um der Feier des heiligen Festes beizuwohnen, sandte Hadassah, da der schwache, kranke Körper zurückbleiben mußte, ihre Seele mit. Im Geiste wohnte sie dem Feste bei, in Gedanken nahm sie am Opfer theil und stimmte in die Lobgesänge ein. Ihr Geist wanderte in die alten Zeiten ihrer Väter zurück, wo die Kinder Israels mit gegürteten Lenden, den Stab in der Hand, ihr erstes Passahmahl vor dem Auszuge aus Aegypten gehalten hatten. „Ist dies nicht noch das verheißene Land?" dachte Hadassah, „obgleich diejenigen, die es jetzt inne haben, wie die Kananiter der alten Zeiten sind, obgleich auf dem Berge Zion unheiliger Gottesdienst gehalten wird und auf den Mauern von Jerusalem Götzenbilder aufgestellt sind? Ja, es bleibt das verheißene Land, bis jede Weissagung erfüllt ist, bis der König „niedrig und auf einem Esel reitend" einzieht, bis — o dunkles Wort — die dreißig Silberlinge dargewogen werden für den Herrn und dem Töpfer hingeworfen, bis er Frieden lehren wird unter den Heiden und seine Herrschaft sein wird von einem Meer bis an's andere und vom Wasser bis an der Welt Ende. Der Glaube sieht mit Dankbarkeit auf die erfüllten Verheißungen zurück und auf die noch unerfüllten mit Hoffnung. Die herrlichsten Tage werden noch für Zion kommen. Der 263 Herr krönte es in alten Zeiten mit Ruhm, aber in den Tagen, welche noch darüber aufgehen sollen, wird der Herr eine liebliche Krone sein und ein herrlicher Kranz den übrigen seines Volkes." In so tiefe Betrachtungen versenkt und voll von Hoffnungen, die die Siege des Makkabäus in der Seele Hadaffah's erregt hatten, welche ihr erschienen wie Vorbilder und Pfänder kommender Siege, wurde der greisen Frau die Zeit bis zu der Stunde, in welcher sie Sarah zurück erwarten konnte, nicht lang. Selbst als die Rückkehr sich verzögerte, wurde sie zuerst noch nicht ernstlich beunruhigt. Irgend welche Umstände konnten es dem Mädchen gerathen erscheinen lassen, im Hause Salathiel's zurückzubleiben. Sie konnte möglicherweise gezwungen sein, die Nacht über in Jerusalem zu verweilen, da nicht selten Syrer in den Hügeln lauerten. Hadaffah hatte so oft mit und ohne ihre Enkelin den Versammlungen im Hause des Aeltesten beigewohnt, daß ihr schon aus Gewohnheit die Feier weniger gefahrbringend erschien, als sie es in Wirklichkeit war. Die Mitternacht brach an, und Hadaffah's Herz wurde ungeachtet ihres Glaubens und Muthes von großer Unruhe befallen. Sie ließ Hannah sich niederlegen, während sie selbst trotz ihres Unwohlseins bet der Thür Wache hielt. Plötzlich hörte sie das Nahen leichter, eiliger Fußtritte. Hadaffah ahnte Gefahr und öffnete die Thür, ohne zu forschen, wer da käme, und ob die Schritte bei ihrer Thür anhalten würben. Das Licht, welches die Wittwe in der Hand hielt, fiel auf ein vor Furcht geisterbleiches Antlitz. Sie erblickte das Gesicht Salathiel's und wußte, bevor er ein Wort hervorgebracht, daß er der Ueberbringer einer Unglücksnachricht war. „Der Feind kam — wir flohen über die Dächer — Abischai ist erschlagen — Sarah in den Händen der Syrer!" Wie ein Todesurtheil tönte diese schreckliche Kunde in das Ohr der Hadaffah. Salathiel konnte nicht bleiben, um mehr zu erzählen; er mußte seine Familie einholen, um mit ihr zu fliehen. Dann verschwand er wieder in der Finsterniß, beinahe so schnell, wie der Blitz verschwindet, aber gleich diesem ein Zeichen an dem Baume, den er getroffen, zurücklassend. Hadaffah schrie nicht, noch sank sie hin oder fiel in Ohnmacht, aber sie war wie von einem Todesstoß getroffen. Sie stand da und wiederholte sich immer von neuem den letzten Theil der wenigen, aber fürchterlichen Worte, als ob sie zu schrecklich seien, um wahr zu sein. Wäre Sarah aus irgend einer natürlichen Ursache von ihr genommen worden, würde die Hebräerin, wie Hiob, ihr Haupt gebeugt und den Namen des Herrn in trauernder Unterwerfung gesegnet haben; aber der Gedanke, ihren Liebling in den Händen der Syrer zu wissen, verursachte der alten Frau einen Schmerz, der mehr dem des Jakob glich, als er bet dem Anblick der blutbefleckten Kleider seines Sohnes sich nicht trösten wollte. Hadaffah liebte das junge Mädchen mit einer Innigkeit und Stärke, wie dessen nur eine solche Natur wie die ihrige fähig war. Sarah war alles, was der Großmutter auf dieser Welt geblieben, das einzige von allen Schätzen, die sie einst besessen. Es möge hier als eine kleine Abschweifung gestaltet sein, einen kurzen Bericht von Hadaffah's früherem Leben zu geben, damit der Leser ihre Lage in dem Zeitpunkt, bei welchem meine Geschichte angelangt ist, besser verstehen kann. Wohl wenige Frauen erfreuten sich eines glänzenderen Looses als Hadaffah. Schön, begabt und beliebt, ein zufriedenes Weib, eine glückliche Mutter, lebte sie nahe bei Bethsura in Jdumea im besten Wohlstände, durch welchen sie vielen ihrer Umgebung eine große Wohlthäterin war. Hadaffah hatte in ihrer Jugend einen ehrgeizigen und stolzen Sinn und eine Liebe zum Herrschen, welche in gewissem Grade die Schönheit ihres wirklich edlen Charakters verdunkelte. Bald jedoch kam viel Trübsal, um ihren stolzen Sinn zu erweichen und ihren Geist zu demüthigen. Hadaffah wurde früh Wittwe, und der Kummer lastete schwer auf der Verlassenen, die tief und leidenschaftlich geliebt hatte. Zwei Kinder blieben ihr jedoch zum Trost, ein Sohn und eine Tochter, und diese, besonders den Sohn, liebte Hadaffah nur zu sehr. Abner wurde von seiner Mutter beinahe abgöttisch geliebt. Wenn sie noch Ehrgeiz besaß, so war es des Sohnes wegen. Er war ihr Stolz, ihre Freude und der Gegenstand ihrer kühnsten Hoffnungen. Abner's Fehler erschienen in Hadaffah's Augen wie Tugenden. So flogen Jahre ungestörten Beisammenseins dahin. Mirjam, die einzige Tochter der Hadaffah, wurde mit Abischai vermählt; Abner mit einem schönen Mädchen vereint, die Hadaffah wie eine wirkliche Tochter liebte und umfing. Die hebräische Wittwe verlebte noch einmal glückliche Tage mit ihren Kindern, das Leben war ihr noch süß. Dann kam Schlag auf Schlag in schrecklicher Reihenfolge, von denen jeder in dem Herzen der Wittwe eine tiefe Wunde zurückließ. Die beiden jungen Weiber wurden in ihrer Jugendblüthe dahingerafft — kurz nacheinander — Mirjam starb kinderlos, Noemi ließ eine kleine Tochter zurück. Aber der schwerste Schlag sollte noch kommen. Als Selcukus, König von Pergamus, unter Mitwirkung der Römer Antiochus auf den Thron von Syrien gesetzt hatte, zeigte sich bald, daß dieser neue Monarch ein heftiger Gegner des Glaubens seiner Unterthanen in Judäa war. Omias, ihr ehrwürdiger Hohepriester, wurde abgesetzt und der Verräther Jason erhoben, ein Amt zu verwalten, welches er beschimpfte. Ein Gymnasium wurde in Jerusalem erbaut, der mosaische Gottesdienst abgeschafft. Durch Lehre und Beispiel suchte Jason, der unwürdige Nachfolger Aaron's, den Unterschied zwischen Juden und Heiden zu verwischen und alles in eine Uebereinstimmung von Weiblichkeit und Irreligiosität zu bringen. — Nach den Worten des Geschichtsschreibers Dr. Nitto: Das Beispiel einer Person von so hervorragender Stellung riß viele mit sich fort und gab den schlaffen Grundsätzen vollen Spielraum, namentlich unter den jüngeren Leuten, welche der Strenge und Einschränkung der jüdischen Sitten überdrüssig, entzückt waren von der Freiheit und Ungebundenheit der griechischen. Die Andachtsübungen wirkten wie Bezauberung auf die Gemüther. Solchen Versuchungen war auch Abner nicht gewachsen. Seine Religion war ihm nie Herzenssache gewesen, seine Vaterlandsliebe kalt; er war nur darauf stolz, ein Weltbürger zu sein. Unglücklicherweise war Abner, nach dem Tode seines Weibes des Aufenthaltes in Bethsura überdrüssig, nach Jerusalem gegangen, um sein Gemüth von den schmerzlichen Erinnerungen zu befreien. Dort lernte er Jason kennen und stürzte sich unter dessen Einfluß in eine Fluth von Vergnügungen, wodurch es ihm nur zu gut gelang, sein Herz vom Kummer abzuziehen. Bald gesellte auch der Ehrgeiz seine mächtige Lockspeise zu der -- 1 264 des Vergnügens. Abner erschien vor dem neuen König bald nach dessen Thronbesteigung und gewann bald die Gunst des Monarchen. Es war nur noch der hebräische Glaube zwischen ihm und den höchsten Auszeichnungen, die ein Freund des Königs erreichen konnte. Abner gab der glänzenden Versuchung nach, trennte sich von seiner Religion, die er ja nur dem Namen nach besessen hatte, vertauschte seinen Namen mit dem des Pollux, verließ seine früheren Freunde und Beziehungen und ließ sich am syrischen Hofe nieder, der damals gewöhnlich zu Antiochia residirte. Abner, oder, wie wir ihn genannt haben, Pollux, wagte nicht mehr, seiner Mutter vor Augen zu treten, nachdem er allem, was sie gelehrt, heilig zu halten, den Rücken gewandt hatte. Der Abtrünnige kam nicht wieder nach Bethsura, er hielt sich fern von dem Ort, wo er seine unschuldige Kindheit verlebt hatte, und wo die irdischen Ueberreste seines jungen Weibes schliefen. Abner schrieb an Hadassah, um ihr mitzutheilen, in wie weit seine Absichten sich geändert hätten, empfahl seine kleine Tochter ihrer Obhut und bat sie zu vergessen, daß sie jemals einem Sohne das Leben geschenkt. Hadassah lag, nachdem sie diese Epistel empfangen, wochenlang auf dem Tode und war nahe daran, den Verstand zu verlieren, doch genas sie endlich, aber völlig verändert und gebrochenen Herzens. Sobald die Wittwe im Stande war zu reisen, verließ sie Bethsura für immer. Der Anblick alles dessen, was sie an frühere glückliche Tage erinnerte, verursachte ihr zu tiefes Weh. Sie würde es nicht ertragen haben, jemandem zu begegnen, der mit ihr von ihrem Sohne gesprochen hätte. Hadassah's erstes Ziel war nun, ihren Sohn aufzusuchen und ihn mit aller Ueberredungskunst, deren eine Mutter fähig ist, von einem Wege, der in ewiger Verdammniß endigen muß, zurückzubringen. Doch war Abner weder in Jerusalem, noch in einer der umliegenden Ortschaften zu finden. Er hielt seinen neuen Namen sorgfältig vor seiner Mutter verborgen. Der Hebräer hatte sich in einen Syrer verwandelt; Abner war todt für seine Familie — sein Vaterland — und für Hadassah ein Fremder. Es dauerte lange, bevor Hadassah ihre Forschungen nach Abner aufgab, aber niemals hörte weder ihre Liebe noch ihre Hoffnung für ihren Sohn auf. Die Liebe war, wie die Ader im Marmor, ein Theil ihrer selbst, der durch nichts ausgelöscht werden konnte. Kaum gab es für Hadassah noch eine Stunde des Wachens, in welcher sie nicht für ihren Wanderer betete, und auch in ihren Träumen war er ihrem Herzen oft nahe. Durch diesen Kummer, welchen sie schweigend ertrug, wurde ihr Charakter erhoben und geläutert. Die Schlacken des Ehrgeizes und Stolzes wurden in dem Ofen der Trübsal hinweggebrannt, die oft heftige, ungestüme Frau in eine Heilige verwandelt. Ein Schriftsteller hatte einst gesagt: „Alles, was uns in diesem Leben Wichtiges begegnet, was uns großen Kummer verursacht, dessen Nutzen wir in diesem Leben oft nicht einsehen können, hat dennoch einen bestimmten Zweck es mag wie ein unfruchtbarer Kummer erscheinen in der Geschichte eines Lebens — in der Geschichte einer Seele kann eS sich als eine Freude ausweisen." Hadassah's tiefe, unendliche Liebe für ihren Sohn ließ sie auch das Kind, welches er ihrer Obhut übergeben hatte, mit zärtlicher Sorgfalt umfassen. Sie liebte Sarah um feinet- und ihretwillen. Sarah war die Blume, vie ihr in der Wüste noch geblieben, über welche der Samum gefegt. Ihr Lächeln erschien der beraubten Mutter wie ein Schimmer von Hoffnung. Hadassah konnte und wollte, als sie die Tugenden Sarah's erkannte, nicht glauben, daß der Vater eines solchen Kindes verloren gehen könne. Gott würde endlich die Gebete einer Mutter erhören und Abner von dem Schicksal eines Abtrünnigen erretten. Alles, was Hadassah für sich von Gott erflehte, war, daß sie ihren Sohn noch einmal auf dem Wege der Pflicht wiedersehen möchte, dann wollte sie ruhig sterben. Die Liebe zu Abner, welche noch in dem Herzen der Wittwe lebte, war wie das Feuer, welches ungesehen in der Erde glüht, und welches nur an der Wärme der Quellen, die zum Licht strömen, erkennbar ist. Ebenso auch wie jene Quellen war die Liebe der Wittwe zu Abner's Tochter. (Fortsetzung folgt.) - - k. Julian Edelmann, Conventual des ehemaligen Benedictiner- Neichsstiftes Ober-Elchingen. Schon wiederholt ist den geehrten Lesern dieses Unterhaltungsblattes in jüngster Zeit von der Entstehung und von den Heimsuchungen, aber auch von glücklichen und festlichen Tagen des seit >802 aufgehobenen und ehemals herrlich gelegenen Benedictiner- ReichsstifteS Ober-Elchingen erzählt worden. Namentlich sind in Nr. 13 und 15 des Unterhaltungsblattes zur Postztg. in gefälliger Form interessante Mittheilungen über Bestand und über Angehörige des denkwürdigen Stiftes zu Ende des vorigen Jahrhunderts gegeben. Das Benedictiner-Kloster Ober-Elchingen zählte während seines fast 700jährigen Bestandes manchen weisen und thatkräftigen Abt, manchen gelehrten und eifrigen Conventualen. Unter diesen allen aber leuchtet der heiligmäßige ?. Julian Edelmann besonders hervor. Wie Herr Lorenz Werner berichtet, stellt Benedict Baader in seinem 1786 geschriebenen Diarium seinen Mitconventualen k. Julian als das Muster eines Benedictiners dar und schreibt unter anderm über diesen: „. . . Ein Mann ohne alle Passion und Leidenschaft zu unserer größten Verwunderung. Ganz allein in Gott und das Geistliche vertieft, sucht er Alle zum Himmel anzutreiben; er gibt ganz sonderliche Beispiele der Frömmigkeit und Abtötung, die ihm nit so bald einer nachmachen wird. Er liebt Alle und wird auch von Allen geliebt; er mischet sich in gar nichts Zeitliches, ist ihm Alles recht. So kenne ich ihn von Jugend auf, noch als Knab von 10 Jahr — immer sich gleich — fromm und heilig. — Wahrlich, wenn Elching dtsmahl keinen Heiligen bekommt, so wird es spät werden, etwas Dergleichen mehr zu erhalten." Dies das Urtheil eines Zeitgenossen und Mitbruders des sel. Julian. Um das Andenken dieses Edelsten der Elchinger Benedictiner zu ehren und neu zu beleben, sei es unternommen, diesmal eine einzelne Persönlichkeit aus Elchingens Kloster-Geschichte hervorzuheben und eine kurze Biographie derselben den verehrten Lesern vorzuführen. Allerdings kann dabei nicht von einem Manne die Rede sein, der durch großartige Leistungen auf dem Gebiete der Wissenschaft oder der Kunst die Welt in Staunen versetzte, der durch die Macht seiner Rede, etwa als hervorragender Kanzelrcdner, wellberühnu gcworven. WE 48»c»^ «M«WW -s > > r> > > KOW UM A»,-^i->' Uu>K MWG^ - MMM 260 Der Lcbensgarig eines äußerst bescheidenen, edlen Mannes doch soll geschildert sein, der durch seinen heilig- mäßigen Lebenswandel und durch wahrhaft apostolischen Seelen-Eifer, durch seine Askese und Wohlthätigkeit im engsten stillen Kreise seines segensreichsten Wirkens, als auch in weiteren Kreisen die größte Verehrung und Hochachtung genoß; dessen Name heute noch in Elchingen und dessen weiter Umgebung mit Ehrfurcht genannt und verehrt wird. k. I. Edelmann wurde geboren den 10. Okt. 1757 zu Unter-Elchingen, einem damals dem Reichsstifte Salmansweiler angehörigen Dorfe. Er erhielt in der heiligen Taufe den Namen Joseph und genoß eine sehr gute Erziehung. Seine Eltern, fromme und schlichte Bauersleute, hielten es für ihre heiligste Pflicht, ihre Kinder in der Furcht Gottes zu erziehen. Besonders wird von seinem Vater erzählt, daß er unverzüglich die Arbeit unterbrach, sobald das Zeichen zur heiligen Messe gegeben wurde, und sich anschickte, dieselbe anzuhören. Der ungefähr 9jährige Knabe wurde daher in die mit dem Kloster Ober-Elchingen verbundene Studien- Anstalt geschickt und besuchte zunächst die unteren Klassen derselben, welche man damals Jnferiora nannte. Der junge Student mußte nun ungefähr täglich zweimal (vor- und nachmittags) je eine halbe Stunde Weges hin- und zurückgehen. (Unter-Elchingen liegt am Fuße jenes Höhenzuges, auf welchem Ober-Elchingen liegt.) Dabei versäumte er niemals, vor Beginn des Unterrichts die Kloster-Kirche bezw. die heilige Messe zu besuchen. Er erwarb sich die Zufriedenheit und Zuneigung seiner Lehrer; besonders war ihm sein Professor k. Victorian sehr wohl geneigt. Dennoch geschah es, daß dem jungen Edelmann das Studieren einmal geradezu entleiden wollte, was er seinen Eltern keineswegs verhehlte. Sein Stiefvater, ein wackerer, dabei resoluter und etwas derber Mann, war indeß nicht in Verlegenheit, was nun zu beginnen UWW-U MW WKlVSU WWUWM MNlsB Der Kreml in Moskau mit der KrSnungskirche. Josephs Eltern waren aber auch bestrebt, aus ihren Kindern brauchbare Menschen zu machen; sie hielten deshalb viel auf fleißigen Schulbesuch und auf körperliche Beschäftigung. Bei der guten Erziehungsart, welche der kleine Joseph Edelmann im elterlichen Hause genoß, war es daher kein Wunder, daß sich derselbe durch Sittsam- keit, Gehorsam, Frömmigkeit und Fleiß vor anderen Kindern seines heimathlichen Dorfes auszeichnete. Dabei übte sein verehrungswürdiger Pfarrer Andreas Holz, einem zweiten Franz von Sales gleich, einen gar glücklichen Einfluß auf die geistige Entwicklung des talentvollen Knaben aus. Dieser fromme, einsichtsvolle Pfarrer (später Drcan des nun aufgelösten Landkapitels Elchingen) sah voraus, daß die Kirche Gottes von diesem guten Knaben, in dessen Seele so schöne Talente verborgen lagen, einst vielen Nutzen erhalten könnte. Daher gab er den Eltern, die wohlbemittelt waren, den Rath, ihren Sohn Joseph studieren zu lassen, wozu sie mit Freuden ihre Zustimmung ertheilten. sei. Er gab dem (vom Strike-Fieber etwas ergriffenen) jungen Studenten die Mistgabel in die Hand und sprach mit aller Entschiedenheit: „Entweder recht fortstudiert, oder dahier recht gearbeitet!" Das machte auf den jungen Edelmann tiefen Eindruck; er legte die verhängniß- volle Gabel beiseite, entschloß sich allen Ernstes, das Studium ernstlich wieder fortzusetzen und that dies mit bestem Erfolg. Nachdem Joseph Edelmann, mit den besten Zeugnissen ausgerüstet und mit verschiedenen Preisen (Preisbüchern) beehrt, seine Gymnasialstudien zu Ober-Elchingen vollendet hatte, verfügte er sich im Jahre 1777 nach Dillingen. Dort hörte Edelmann an der von Jesuiten geleiteten Universität die philosophischen Fächer mit großem Fleiß und bestem Erfolg. Auch gewann er während seines Aufenthaltes in Dillingen den später als theologischen Schriftsteller berühmt gewordenen Decan Königsdorfer zum vertrautesten Freunde. Mit dem ersten akademischen 267 Grade, dem Baccalaureat, ausgezeichnet, kehrte Edelmann im Jahre 1778 nach OLer-Elchingen zurück, um im dortigen Kloster-Collegium das Studium der Theologie zu beginnen. Gleichzeitig bat der angehende ouuä. bstsvl. um Aufnahme in den Benedictiner-Orden bezw. in das Die Erbkrone des russischen Aaren. Elchinger Kloster. Diese wurde ihm nach strenger Prüfung gewährt, und nach Verlauf des Probejahres legte der erst 22jährige Novize und Ordenskleriker Joseph Edelmann am 24. Oktober 1779 die Ordensgelübde feierlich ab, wobei er den Namen Julian erhielt. Nach diesem dem Allerhöchsten gebrachten Opfer bestrebte sich I'r. Julian der größten Tugendhaftigkeit und des eingehendsten Studiums der höheren Vecufs-Wissenschaften. Nach Vollendung derselben empfing er am 18. September 1784 die Priesterweihe. Am sehnlichst erwünschten Ziele angelangt, begann nun die echt priester- liche und höchst segensreiche Wirksamkeit des k. Julian. Der tiefsehende, damals regierende Abt Robert I., der an dem jungen Priester regen Eifer, die Ehre Gottes und des Nächsten Heil zu fördern, erkannte, übertrug ihm im Jahre 1786 die Pastorir- ung der benachbarten Pfarrei Thalfingen, welche ?. Julian bis zum Jahre 1801 sxourranäo (auskaufend) versah. In diesem Jahre ernannte ihn das Vertrauen seines Obern zum Pfarrer von Ober- Elchingen. Hier war Julian in seinem rechten Elemente. Seine eig ne alte Reichsapfel im innere Heiligung und die Kronschatze zu Moskau. Sorge für das Heil seiner Pfarr-Angehörigen beständig im Auge und im Herzen behal- tend, entfalteteer eine außerordentlich wirksame Thätigkeit. Es galten von ihm so recht die Worte: „Der Eifer für Deine Sache, o Herr, verzehrt mich fast." In Kirche und Schule, auf der Kanzel und im Beichtstuhl war Julian unermüdlich und äußerst gewissenhaft thätig. Mit großer Liebe war er den Kindern zugethan, die ihn innig ver- Krone des Aaren Kimeon von Kasan. ehrten. Seine Zeitgenossen rühmen außerdem seine besondere Fürsorge für die Kranken und Sterbenden, denen er nicht selten eigenhändig Samariter-Dienste leistete. „Auf drei Buchstaben, auf 3 K (so pflegte er oft zu sagen) richtete der eifrige Gottesmann, dessen Aeußeres viel Aehnlichkeit mit einem gleichzeitigen Ordensgenossen, dem bekannten verdienstvollen l?. Aegidius Jais von Benedictbeuern, hatte, sein Augenmerk, nämlich auf die Kirche, auf die Kinder und auf die Kranken; für alle drei war er stets mit dankenswerthester Treue besorgt." Dabei darf nicht unerwähnt bleiben, daß die Pastoration der Pfarrei Ober- Elchingen insofern stets eine angestrengtere Thätigkeit erheischte, als an der dortigen Klosterkirche eine sehr besuchte Wallfahrt zur Llator äolorosu besteht, deren Ursprung weit in's Mittelalter zurückreicht. ?. Julian hing mit ganzer Seele an seinem erhabenen Berufe und an seinem Kloster, das seine zweite Heimath geworden war. Gott hatte augenscheinlich sein Wohlgefallen an dem Wirken des edlen Priesters und erfüllte es mit seinem reichsten Segen. Dennoch aber lag es in des Höchsten Rathschluß, diesen seinen getreuen Diener zum Zeugen der letzten schweren Heimsuchung des altehrwürdigen Klosters zu erwählen. (Schluß folgt.) Hu unseren Bildern Knlerdrochenes Mittagessen. Da ist der gefürchtet- Augenblick, dem der kleine Sünder noch immer durch eilige Beendigung des Mittagessens und sofortigen Aufbruch zur Schule sich zu entziehen gehofft hatte, nun doch eingetreten. Das ganze Mittagessen war ihm schon durch die fortwährende Angst vor dem rächenden Schicksal versalzen, und selbst die Knödel, sonst seine Lieblingssveise, wollten ihm heute gar nicht munden, denn immer schwebte ihm die zer- ! hrochene Fensterscheibe vor Augen. Er hat sie ja allerdings nicht absichtlich eingeworfen, der Stein galt einer Katze, die auf 268 dem Apfelbaum ein Vogelnest belauerte, und verirrte sich unglücklicherweise in das Fenster der Nachbarin. Zwar lief er, sobald er die Glasscherben klirren hörte, spornstreichs davon, aber die Nachbarin batte ihn doch noch gesehen und rief ihm zornig nach, daß sie die Unthat seinem Vater melden würde, der für den Schaden aufkommen müsse. Und da ist sie nun wirklich gekommen und hat das ganze Fenster als eorxus äolioti gleich mitgebracht. Kaum hat der schuldbewußte Sünder sie in der Thüre erblickt, als er auch schon, vor Schrecken den Stuhl umwerfend, mit mächtigem Satze aus dem gefahrdrohenden Armbereiche des Vaters entfloh und bei der weniger strengen Mutter vor dem heranziehenden Ungewitter Schutz suchte. Hoffen wir, daß die Sache für diesmal noch gnädig abgegangen ist, und daß der kleine Schütze ein andermal heim Steinwerfen vorsichtiger ist. _ Ker Kreml in Moskau mit der Krönungskirche.*) Der Kreml war und ist auch jetzt noch für Moskau, was das Kapitol für Rom war; in ihm gipfeln alle Reminiszenzen der Vergangenheit. Für den rechtgläubigen Russen ist er, wie Kiew, ein heiliger Wallfahrtsort, zu dessen Reliquien jährlich Tausende von Frommen aus dem weiter: Reich Pilgern. Durch seine hohen, zinnengekrönten und thurmgeschmückten Mauern führen fünf Thore (darunter das Erlöserthor, „LMglchHVarotg,", mit cinern wunderthätigen Heiligenbild, vor dem auch jeder Fremde das Haupt entblößen muß) ins Innere, welches von kirchlichen Bauten, Palästen, Staatsgebänden und großen Plätzen bedeckt ist. Die bemerkenswerthesten Gebäude sind: Der Usspenski Sabor (die Mariä-HimmelfahrtSkathedrale), 1326 unter Johann Kalita aus Holz erbaut, 1475 79 von: Baumeister Fioravante aus Bologna von neuem in Stern aufgeführt, halb in byzantinischem, halb in tatarischem Stil. Sie birgt ebenso wie die folgenden Kirchen eine Menge Reliquien, ist mit alten Fresken, mit von Edelsteinen bedeckten Heiligenbildern, Mosaiken und verschiedenen Kostbarkeiten überfüllt und dient seit ihrem Bestehen als Krönungskirche der russischen Zaren, sowie als Grabstätte der Metropoliten von Moskau. Ihr gegenüber steht der Archangelski Sabor (Katbedrale des Erzengels Michael), 1333 errichtet, 1805 von dem Mailänder A. Novi umgebaut, mit den Gräbern der russischen Zaren von Jobann Kalita bis Johann Alexejewitsch (gest. 1696), dem Bruder Peters d. Gr. Den höchsten Punkt des Kremls kiönt der Blagowjeschtschenski Schor (Kathedrale der Verkündigung Mariä), 1489 erbaut, nach einem Brand 1554 neugebaut, mit neun Kuppeln. Die Kirche Spass na Boru (des „Heilands im Walde", 1330 aus Stein neuerbaut) wird als älteste aller Kirchen betrachtet. Bemerkenswerth ist der 1600 von Boris Godunow erbaute, 82 m hohe Glockenthurm Iwan Welikis (Johanns d. Gr.), von dessen Spitze man eine prachtvolle Auösicht über die Stadt genießt. Am Fuß des Iwan Weliki steht die berühmte, 1731 gegossene, ca. 1960 metr. Zir. schwere Rieseuglocke „Zar-Kolokol." Insgesammt gibt es in Moskau (die Klosterkirchen mit eingerechnet) 355 griechisch-katholische, 2 lutherische, 2 reformirte, 2 römisch- katholische Kirchen, 3 armeno-gregorian. Kirchen und 3 der Alt- gläubigen, dazu eine Synagoge und eine Moschee. Unter ihnen nennen wir nur die auf dem Rothen Platz im Kitai Gorod stehende, durch ihre phantastisch-bizarre Bauart bekannte Katbedrale des hl. Basilius (Wassili Blashenni). 1554 unter Iwan dem Schrecklichen erhaut. Andere interessante Gebäude im Kreml sind: der 1487 erbaute alte Zarcnpalast (Tremni Dworßz); der Facettenpalast (Granowitaja Palata), unter Johann III. erbaut, mit einem kolossalen Saal, dessen Gewölbebogen von einer in der Mitte stehenden Säule ausgehen; der durch architektonische Schönheit ausgezeichnete große kaiserliche Palast; die 1851 vollendete Orusheinaja Palata, welche unschätzbare Sammlungen von Kostbarkeiten (Kronen, oldsachen, Waffen, Kunstwerke des Alterthums, Prunkwagen rc.) enthält (neben derselben steht die unter Feodor Jwanowitsch gegossene, 393 metr. Ztr. schwere Riesenkanone „Zar Puschka"), und das 1701—36 erbaute Arsenal, vor dessen Fronte die 1812 erbeuteten Geschützrohre (über 800) liegen; ferner das Synodalgebäude, vom Patriarchen Nikon gegründet, mit einer kostbaren Bibliothek und einer Sammlung von Kirchengewändern und Silbergeräthen. Im Kitai Gorod, an dem mit dem Denkmal von Minin und Posharski (von Marios) geschmückten Rothen Platz, befindet sich das Kaufhaus (Gostinnoi Dwor) mit über 1200 Perkaufsläden, Wohl die *) Einen eingehenden Artikel über den Kreml und seine Geschichte hat die „Augsburger Postzeitung" in ihren Beilagen Nr. 53 u. ff. Jahrgang 1889 aus der Feder des Herrn I. Baumann gebracht. Die Nummern sind vergriffen. größte beständige Waarenniederlage Europas; im Bielgorod das Exerziei haus (151 m lang, 47 m breit). Die Kronen der russischen Aaren sind von ausgesuchter Kostbarkeit und theilweise von großer Schönheit. Bei der bevorstehenden Krönung des Kaisers Nicolai werden sie mit all den andern Schätzen und Prunkgeräthen aus der kaiserlichen Schatzkammer hervorgeholt werden, um den Glanz und Reichthum des mächtigen Herrschergeschlechtes allen Besuchern zu zeigen. Eins der schönsten Stücke im russischen Kronschatz ist die seit Jahrhunderten vererbte Zarenkrone, die im Kreml zu Moskau aufbewahrt wird. Sie ist aus wundervollem Goldfiligran gearbeitet und wird durch ein massiv goldenes Kreuz überragt, das an seinen vier Enden mit großen, außerordentlich werthvollen Perlen geschmückt ist. Auf dem oberen Theile der Wölbung sind zwischen drei edlen Perlen ein Topas, ein Saphir und ein Rubin eingelassen; den unteren Theil der Krone schmücken vier Smaragde, vier in Gold gefaßte Rubine und fünfundzwanzig Ormuz-Perlen auf goldenen Füßen. Sie ist, wie alle anderen russischen Kronen, am Rande mit dem schönsten Zobelpelz eingefaßt und innen mit roiber Seide gefüttert. — Ein ebenfalls sehr werthvolles Stück unter den Schätzen des russischen Herrschergeschlechts ist die Krone des Zaren Simeon von Kasan. Iwan IV. hatte 1553 den musel- manischen Khan Ediger von Kasan endgültig besiegt und ihn gezwungen, sich taufen zu lassen. Ediger erhielt bei dieser Gelegenheit den Namen Simeon, und Iwan IV. verlieh ihm großmüthig, um den immer noch mächtigen Mann an sich zu fesseln, den Titel „Zar von Kasan" und schenkte ihm die oben erwähnte prächtige Krone. Sie besteht aus Goldfiligran, das mit schwarzem Scbmelz überzogen ist. An der Spitze trägt sie einen schön geschliffenen Topas. Ursprünglich befand sich an dieser Stelle ein großer Rubin; dieser wurde aber im Jahre 1625 ausgebrochen, um bei der Krone, die sich Zar Michael Theo- dorowitsch machen ließ, Verwendung zu finden. Ueber und unter dem Steine sind zwei große Perlen angebracht. Die Krone wird geschmückt durch 33 Rubine, 18 große und 12 kleinere Türkise und 12 halbirte Perlen. — Eine Art Aufsehen erregt im russischen Kronschatz zu Moskau noch ein drittes Stück: der alte Reichsapfel mit dem großen Kreuze. Er trägt 58 Diamanten, 89 Rubine, 23 Saphire, 50 Smaragde, die in Gold gefaßt sind, und 37 feine Perlen. Die Emailminiaturen, welche den Reichsapfel schmücken, stellen die Salbung Davids, seinen Sieg über Goliath, seine Rückkehr nach dem Siege und seine Verfolgung durch Saul dar; zwffchen diesen Miniaturen sind symbolische Figuren (Adler, Löwe, Greif und Einhorn) angebracht. Der Reichsapfel des griechischen Kaisertums war, wie man es auf den alten Münzen sieht, stets von einem großen Kreuze über agt, dessen Form sich bis zum XI. Jahrhundert nickt änderte. Der oben beschriebene russische Reichsapfel bezeugt durch sein großes Kreuz und die schöne Transparenz seiner auf Ciselirungen gemalten Reliefemaillen, daß er aus der Blüthezeit der byzantinischen Emaillirkunst stammt. lDas Porträt des Zarenpaars haben wir in No. 411894 des Unterhaltungsblattes gebracht.) --s-«srcs— Mmmeksscstau im Monat Mai. —X. Merkur im Stiere nahe bei Aldebaran erreicht um die Mitte des Monates seine größte östliche Entfernung von der Sonne und ist abds. im Westen zu finden. Venus Z im Widder erscheint gegen 4 U. mgs. im Osten. Mars in den Fischen geht anfangs gegen 3 U., zuletzt um 2 U. früh auf. Jupiter H im Krebs bleibt bis nach 1 U. nachts, in den letzten Tagen bis Mitternacht über dem Horizont. Saturn H in der Waage steht der Sonne gegenüber, erreicht um Mittern. seine größte Tageshöhe und ist die ganze Nacht sichtbar. In der Nähe des Mondes befinden sich Mars am 7., Venus am 11., Merkur am 14., Jupiter am 18., Saturn am 25. Vom Mond werden bedeckt Regulus am 20. früh 5 U., Antares am 27. früh 3 U. ---SÄ8WS- M 3«. Freitag, den 1. Mai 189b. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Judas Wasrkaöäns. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. ColoniuS. (Fortsetzung.) 26. Kapitel. Müde Wanderer. Hadassah hatte geglaubt, daß sie bereits bis an die äußersten Grenzen menschlichen Ertragens gelitten, daß es keine Tiefe wehr geben könne, in die sie noch hinabsteigen müsse; aber die Nachricht, die ihr Salathiel in jener verhängnißvollen Nacht gebracht, zeigte ihr, daß sie sich geirrt habe. Der Gedanke, daß Sarah, ihre heißgeliebte Sarah, sich in den Händen der Syrer befinde, verursachte ihr beinahe unerträgliches Herzeleid. So sorgfältig war das Mädchen gepflegt und vor allem Schaden behütet und beschützt worden, wie ein unge- fiederter Vogel unter dem warmen, weichen, schützenden Flügel, daß die Verlassenheit seiner gegenwärtigen Lage Hadassah mit Schrecken erfüllte. Und wie — die Wittwe konnte nicht umhin, sich diese Frage vorzulegen — vermochte ein so schüchternes, empfindliches Geschöpf der Probe der Verfolgung Stand zu halten, vor welcher oft die Wüthigsten znrückbebten? Sarah weinte bei Erzählungen von Leiden anderer und wurde beinahe ohnmächtig, wenn sie Blut sah. Sie war nicht im Geringsten beherzt, und ihre jungen Vettern, Salome's Söhne, pflegten ihren Scherz bei dem Entsetzen Sarah's zu haben, wenn ein Tausendfuß sich unter einem Kissen in ihrer Nähe eingenistet hatte. Vermochte ein so weicher Seidenfaden einen Windstoß auszuhalten, welcher das stärkste Tau zerreißen konnte? Hadassah zitterte für ihren Liebling und würde gern eingewilligt haben, die größten Martern zu ertragen, für Sarah, die sie so wenig fähig glaubte, die Probe auszuhalten. Der Glaube der hebräischen Frau wurde hart geprüft. Wie Hütte sie auch ahnen sollen, daß die Gebete vieler Jahre gerade vermittelst desselben Unglücks, das jetzt ihr Herz zerriß, erhört werden würden! In ihrer Scelenangst schien Hadassah ihre körperlichen Leiden zu vergessen. Vor Tagesanbruch schleppte sie ihre müden Schritte zu dem Thor des Gefängnisses, welches ihr Kind festhielt, in Begleitung der treuen Hannah. Vergebens flehte Hadassah um Einlaß, vergebens erbot sie sich, die Gefangenschaft Sarah's zu theilen, wenn es ihr nur erlaubt würde, sie zu sehen. Sie wurde von den Wächtern mit Hohn fortgetrieben, um nur immer wieder und wieder zu kommen, wie ein Vogel zu seinem geplünderten Nest. Aber keine Klage, kein Murren wurde von Hadassah wider den, der dieses Leid verhängt hatte, gehört, nur jener erhabene Ausdruck unerschütterlichen Glaubens: „Ob er mich schlägt, so will ich ihm vertrauen." Dann dachte die Wittwe an den Griechen Lycidas. Sie hatte Anspruch auf seine Dankbarkeit und wußte, daß er Sarah liebte. Konnte er nicht mit seinem Reichthum, seinen Talenten und seiner Beredsamkeit ihr Kind retten helfen? „Hannah," sagte die Wittwe, „könnten wir nur den Griechen finden, er würde uns Rath und Hilfe gewähren in dieser unserer großen Noth, aber ich weiß nicht, wo er wohnt." „Joab weiß es," bemerkte die Dienerin, „und ich weiß das Stadtviertel, in welchem dieser mit seiner Mutterschwester Hephzibah wohnt; denn ich habe Oliven, Melonen und andere Früchte von ihr erhandelt. Aber Herrin," fuhr sie fort, „Du bist müde, die Hitze der Sonne ist jetzt so groß, suche einen geschützten Platz und ruhe, während ich gehe, Joab aufzusuchen." „Für mich," entgegnete Hadassah bestimmt, „gibt es keine Ruhe, bis ich meine Sarah finde, und warum soll ich für mich Schutz suchen, während sie nur den des Gefängnisses über sich hatt" - - Die beiden Frauen machten sich auf den Weg und kamen in ein Viertel Jerusalems, welches nur von den Aermsten des Volkes bewohnt wurde. Obgleich das Gewand der Hadassah nur einfach war, trug sie doch so unverkennbar den Stempel ihres hohen Standes an sich, daß ihr Erscheinen unter den halbbekleideten und halbverhungernden Kindern, die ihr beim Vorübergehen nachstarrten, Staunen erregte. Die Straße war so eng, daß die Frauen, als sie einem beladcnen Kameel begegneten, sich dicht an die Mauer drückten mußten, um das schwerfällige Thier vorüber zu lassen. Hungrige, abgemagerte Hunde knurrten über abgenagten Knochen, die auf der Straße umherlagen. Pestartige Gerüchte machten die erstickende Luft noch drückender. Aber Hadassah eilte, unempfindlich für jede äußere Plage, vorwärts. Hephzibah, ein erbärmlich aussehendes altes Weib, mit halb blinden, von Entzündung entstellten Augen, stand im Thorwege und warf gerade den Ausschuß von Gemüse, mit welchem sie handelte, fort. Hannah hatte 27V sie schon oft gesehen und es bedurfte daher keiner Vorstellung. „Wo ist Joab?" fragte die Magd auf Geheiß der Hadassah. Das alte Weib schielte mit ihren triefenden Augen nach Hadassah, während sie der Magd antwortete: „Joab ist, wie immer, beim Hahnenschrei fortgegangen, um sein Maulthier mit Früchten und Gemüsen zu beladen, er wird vor Einbruch der Nacht nicht zurückkehren." Hadassah legte die Hand an die brennende Stirn und wandte sich nun selbst an die Alte: „Hast Du vielleicht von Joab gehört, wo ein Grieche, ein Athener wohnt, Lycidas mit Namen?" „Lycidas? Nein, in unserm Viertel wohnt niemand, der diesen Namen trägt," war die leise gemurmelte Antwort. „Hat Joab niemals zu Dir von einem sehr gut aussehenden Fremden gesprochen, schön von Gestalt," beharrte Hadassah in ihren Fragen, indem sie hoffte, daß die Schönheit deS Lycidas es vielleicht weniger schwieriger machen würde, ihn aufzufinden. Hephzibah schüttelte den Kopf und zeigte ihre wenigen Zähne mit einem Grinsen, wobei sie sagte: „Und wäre er schön wie David, ich habe weder von ihm gehört, noch mich um ihn bekümmert." „Der Fremde hat eine offene Hand, er gibt reichlich," bemerkte Hannah. Diese Worte übten eine erstaunliche Wirkung auf das Gedächtniß der alten Jüdin. „Ach ja," sagte sie, „ich erinnere mich eines Fremde«, der dem Joab Gold gab, wo ein Anderer Silber gegeben hätte. Hil hi! hil unser Maulthier ist ein starkes Vieh, aber niemals brachte es uns bisher eine so starke Miethe!" „Wann war das?" fragte Hadassah. „Zwei Tage, nachdem Joab den Jüngling nach Hause gebracht hatte." „Kannst Du mir sagen, wo jenes Heimath ist?" fragte Hadassah eifrig. „Warte, lass' mich denken," murmelte Hephzibah. Hadassah warf eine Münze in die Hand der Fruchtverkäuferin. Hephzibah drehte sich um und um, indem sie dieselbe ansah, als ob sie glaubte, daß das Betrachten des Geldes ihr helfen würde, eine Antwort zu geben. Endlich sagte sie langsam: „Ach, ich erinnere mich, daß Joab sagte, er hätte den Fremden nach dem großen Hause mit einem Hofe an der linken Seite des westlichen Thores gebracht, welches Apollonius — sie stieß einen Fluch aus — niederriß." Dies war genügende Auskunft, und Hadassah verließ, dankbar, so viel gewonnen zu haben, mit ihrer Begleiterin die- erstickende Umgebung von Hephzibah's Wohnung, um diejenige des Griechen aufzusuchen. Schrecklich war der Glanz und die Hitze der Sonne an jenem Nachmittage, und groß schien die Entfernung, die noch zurückgelegt werden sollte. Doch gönnte sich Hadassah keine Nutze, bis sie sich dem Gymnasium Näherten, welches der abtrünnige Priester Jason errichtet hatte. Mit Mühe bahnten sie sich einen Weg durch Haufen von Syrern und anderen, die nach Vergnügungsplätzen eilten. Hadassah seufzte, aber nicht vor Müdigkeit; sie wandte ihre Augen von dem Gebäude ab, welches für so viele ihres Volkes eine Pforte des Verderbens geworden war, und die lustigen Stimmen 6ex" Herbeieilenden tönten trauriger in ihr Ohr, als die Wehklagen über einen Todten. Kostbare Seelen wurden in jenem Gymnasium gemordet, die hebräische Mutter dachte unwillkürlich an ihren Sohn. Beinahe vor Mattigkeit umsinkend, erreichte Hadassah endlich den Ort, welchen Hephzibah beschrieben hatte. Es machte der Hadassah keine Schwierigkeit, eine Zusammenkunft mit dem Wirth zu erlangen, der sie mit der Höflichkeit empfing, die sich für den Bürger einer der cultivirtesten Siädte der Welt ziemte. Cimon bot der Hadassah einen Sitz unter dem Schatten des Thorweges, der in feinen Hof führte. „Wohnt der Herr Lycidas hier?" fragte Hadassah schwach. Sie konnte kaum sprechen, ihre Zunge schien ihr am Gaumen vor Hitze, Anstrengung und Aufreguug zu kleben. „Der Herr Lycidas verließ diesen Ort gestern," antwortete der Grieche. „Wohin ist er gegangen?" keuchte Hadassah. „Ich weiß es nicht, er sagte nicht wohin," antwortete Cimon, indem er seinen Gast voll Mitleid und Neugierde betrachtete. „Monate sind vergangen, seit der athenische Herr plötzlich verschwand, nachdem er dieses Haus eine Zeitlang mit seiner Anwesenheit beehrt hatte. Gesucht wurde er vergebens. Ich fürchtete, daß meinem Gast Uebles begegnet sei, und da Zeit verrann, ohne daß eine Nachricht von ihm kam, schrieb ich an seine Freunde in Athen und fragte an, was mit dem unter meiner Obhut befindlichen Eigenthum dessen geschehen solle, der, wie ich vermuthete, ein frühzeitiges Ende genommen. Bevor die Antwort kam, erschien Lycidas selbst vor meiner Thür, aber in einem schlimmen Zustande, mit elendem Körper und unruhigem Gemüth. Er wollte nicht über das Vorgefallene berichten und sagte nicht, wo er gewesen. Und gestern Morgen bestieg er, obgleich er kaum stark genug war, um sich im Sattel zu halten, sein Pferd und ritt fort, ich weiß nicht, wohin; auch sagte er nicht, wann er wiederkäme. Wenn Du eine Freundin des Lycidas bist," fuhr der Athener, dessen Neugierde stark erregt war, fort, „so kannst Du mir vielleicht die Gunst erweisen und auf das Geheimniß, welches seine Bewegungen begleitet, ein Licht werfen." Aber Hadassah war gekommen, um Auskunft zu gewinnen, und nicht zu geben. „Ich kann hier nicht länger weilen," sagte sie, „aber wenn Lycidas zurückkehrt, sage ihm, ich bitte Dich ernstlich darum, daß das Kind einer Frau, die ihn in Krankheit gepflegt hat, jetzt eine Gefangene des syrischen Königs ist." Bekümmert, enttäuscht und verzagt über das Fehlschlagen ihrer Hoffnungen, wandte sich Hadassah von der Wohnung des Griechen weg. „O Herrin, ruhe aus, oder Du sinkst um vor Mattigkeit!" rief Hannah, deren eigene, rüstige Gestalt schon unter der Anstrengung litt, deren Hälfte zu ertragen sie einen Tag vorher ihre Herrin für unfähig gehalten haben würde. Hadassah antwortete nicht; sie sank mehr, als sie sich setzte, unter einen kleinen Schatten, den eine zerfallene Mauer gewährte. Darauf bedeckte sie ihr Antlitz, und Hannah bemerkte an der leichten Bewegung ihres Kopfes, daß Hadassah betete. Dann erhob diese ihr Haupt. Sie war todtenblaß, aber ruhig. 271 «Ich kann hier nicht bleiben," muMelte sie. „Ich muß das Schicksal meines Kindes wissen. Hannah, lass' uns zn dem Gefängniß umkehren." Selbst mit Hilfe der Magd war Hadassah kaum fähig, aufzustehen. Die Beiden erreichten das Thor des Gefängnisses. Eine Gruppe syrischer Krieger hielt dort Wache. Die Erscheinung der ehrwürdigen, von solcher Last der Betrübniß gebeugten Dulderin bewegte einen der Krieger zum Mitleid. „Du kommst vergebens, Weib," sagte er, «das Mädchen, das Du suchest, ist nicht hier." „Todt?" stieß Hadassah schwach hervor. „Nein, nein, nicht todt," antwortete der Krieger schnell. „Ich weiß nicht alles, was sich begeben hat, aber sicher ist das junge Mädchen vor den König gebracht worden." „Vor den, der Salowe und ihre Söhne mordete — den unbarmherzigen Feind," war der vernichtende Gedanke, der Hadassah in's Herz schnitt. „Und was folgte?" Sie fragte mit den Augen, denn ihre Lippen konnten die Frage nicht hervorbringen. „Vielleicht dachte der König, es sei schade, einen so schönen Vogel zu tödten, und ließ ihn am Leben, damit er ihm Musik in seinen Lustgärten mache," sagte die Wache. „Alles, was ich sagen kann, ist, daß das Mädchen nicht in das Gefängniß zurückgebracht worden ist, sondern im Palaste blieb." „Im Palast l" rief Hadassah, mehr betrübt als beruhigt durch diese Nachricht. „Natürlich!" sagte ein anderer Krieger mit einem rohen Scherz. „Das Mädchen beging nicht die Thorheit, für ihren Aberglauben zu sterben, wie ein frömmelndes, fanatisches altes Weib, das nicht mehr Verstand besitzt, als der Stab, auf den sie sich stützt. Natürlich that das Mädchen, was jedes vernünftige Weib auch gethan haben würde: sie betete alles an, was der König ihr befahl, anzubeten, die Musen, Grazien oder Furien. Bekehrungen sind leicht bei ihrem Alter gemacht, mit jeder Art von Qualen auf der einen Seite und aller Herrlichkeit der Welt auf der anderen." Hadassah wandte sich ab von dieser Stelle. Konnten die Worte des Kriegers wahr sein? Hatte Sarah ihrem Glauben abgeschworen, wie ihr Vater gethan, obgleich unter so anderen Umständen? „O, Gott wird ihr vergeben — er wird meinem armen, verlorenen Kinde vergeben, wenn es einer so schrecklichen Versuchung erlegen ist!" murmelte die hebräische Frau, indem sie die Hand auf das Herz preßte, das ihr zu brechen drohte. Aber Hadassah glaubte keinen Augenblick, daß Sarah's Stand- haftigkeit sie verlassen haben könne. Sie beschloß, trotz aller Gefahr, sie auf jeden Fall zu sehen und steuerte, indem sie alle Kräfte zusammennahm, sogleich nach dem Palast. Das unglückliche Weib hatte sich freilich wohl denken können, daß es vor der Hand ein hoffnungsloser Versuch sein würde, in jenes prachtvolle Gebäude voll Luxus, Grausamkeit und Verbrechen Eintritt zu gewinnen. Ueber ihr dringendes Flehen um Einlaß zn dem gefangenen hebräischen Mädchen wurde seitens der Wache nur gespottet. „Dann muß ich den König selber sprechen!" rief Hadassah, „ich will warten, bis er das Thor verläßt." „Der König geht heute nicht aus," sagte ein syrischer Edler, der soeben den Palast verließ, und der bei dem Anblick der alten Frau von dem Ernst und der Angst in den edlen Zügen derselben ergriffen war. „Aber Antiochus reitet Morgens bald nach Sonnenaufgang fort," bemerkte er. „Dann," dachte Hadassah, „soll der Tagesanbruch Mich hier finden. Ich will den Antiochus bei seine« Aufbruch erwarten. Ich will den Tyrannen zwingen, mich zu hören. Gott wird mir eingeben, was ich sagen muß. Er wird das Herz des Königs rühren. Vielleicht läßt sich der Tyrann erbitten, ein Leben für ein anderes zu nehmen. O, meine Sarah, Kind meines Herzens, es wäre Seligkeit, für Dich zu leiden!" Im Vertrauen auf die letzte verlorene Hoffnung willigte Hadassah endlich auf die Bitten Hannah's ein, die Wohnung einer hebräischen Familie aufzusuchen, mit welcher sie ein wenig bekannt war, um dort etwas Speise zu sich zu nehmen und sich zur Nutze niederzulegen. Endlich kam ihr der Schlummer, aber mit Träumen; Hadassah glaubte ihren Sohn, ihren Abner zu sehen, heiter und sorgenlos wie in seiner Jugend. Dann änderte sich die Scene. Hadassah träumte, Sarah wäre unerwartet zurückgekehrt. Entzückt schloß sie das gerettete Mädchen in ihre Arme; dann sah sie zu ihrem Erstaunen, daß es nicht Sarah, sondern Sarah's Vater war, den sie in den Armen hielt. Es war sonderbar, daß sie inmitten so vieler Angst so wonnige Träume hatte, infolge deren ein Lächeln die gramerfüllten Züge der alten Wittwe überflog. Flüsterte da vielleicht ein guter Geist ihr in's Ohr: „Während Du schläfst, betet Dein Sohn, Deine Gebete für ihn sind nun endlich erhört." Aber Hadassah verlor mit Schlafen nicht viel Zeit. Als die Sterne noch am Himmel flimmerten, weckte sie ihre Dienerin, die zu ihren Füßen in tiefem Schlummer lag. Hanuah stand auf und Hadassah verließ mit ihr, ohne die Hausbewohner zu wecken, geräuschlos die gastliche Wohnung, die ihnen Schutz gewährt hatte, und wandte ihre Schritte zu dem Palast des Antiochus Epiphanes. Als die beiden Frauen durch die stillen, engen, leeren Gassen schritten, stießen sie plötzlich in einem Winkel, der durch eine Querstraße gebildet wurde, auf einen jungen Mann, dessen schneller Schritt Ungeduld und Angst bekundete. Er eilte mit solcher Hast vorwärts, daß er Hadassah beinahe anlief, bevor er stillstehen konnte. „Ha, Hadassah!" „Lycidas! Gott sei gepriesen!" riefen in einem Athem der Grieche und die Hebräerin. „Ist es — kaun es wahr sein — Sarah — gefangen — in Gefahr?" rief der junge Mann, den die Nachricht von dem Angriff auf Salaihiel's Wohnung und der Gefangennahme eines Mädchens erreicht hatte. Und zwar traf ihn dieselbe zu Bethlehem, wo er sich in jener Nacht aufhielt, und er eilte nun sofort nach Jerusalem. Lycidas war zuerst nach dem Hause des Cimon geritten, wo die von Hadassah hinterlassene Botschaft seine schlimmsten Befürchtungen bestätigte. Indem er sein Pferd, welches auf der felsigen Straße lahm geworden war, zurückließ, eilte er zn Fuß nach dem Palast mit keiner geringeren Absicht, als um jeden Preis eine Zusammenkunft mit dem Könige zu erlangen. „Sarah ist in jenem Palaste eine Gefangene," sagte Hadassah. „Du würdest alles thun, waS in Deiner Macht steht, um sie zu retten?" 272 — „Ich würde für sie sterben," war die Antwort deS Griechen. Hadassah machte nun in wenigen Worten den jungen Athener mit ihrer Absicht, den Austritt des Antiochus am Thor des Palastes abzuwarten und von ihm Leben und Freiheit Sarah's zu erflehen, bekannt. Gern nahm sie das Anerbieten des Lycidas, an ihrer Seite zu bleiben und ihre Bitten mit dem Gewicht feines Einflusses, den er vielleicht auf den Tyrannen hatte, zu unterstützen, an, wenn dieser Einfluß auch noch so gering sei. Hadassah, welche dankbar war, in ihrer Noth einen so eifrigen Freund gefunden zu haben, stützte sich auf den Arm des Lycidas, wie sie sich auf den Arm eines Sohnes gestützt haben würde. Verschiedenheit der Nation und des Glaubens waren für eine Weile vergessen. Beide waren durch eine große Liebe und einen großen Schmerz vereinigt, und der Heide konnte aus tiefstem Herzen zu dem Gebet der Wittwe „Amen" sagen. (Fortsetzung folgt.) --sr-k-rs—- ?. Julian Edelmann, Conventual deS ehemaligen Benedictiner- Neichsstiftes Ober-Elchingen. (Schluß.) Am 30. August 1802 wurde daS herrliche NeichS- stift, das Jahrhunderte hindurch in der weiten Umgebung viel Segen und Wohlfahrt verbreitet hatte, ein Opfer der unglückseligen Säcularisation; es wurde nach dem Grundsätze: Gewalt geht vor Recht — aufgehoben. Der Abt wurde peusionirt, während 3 Convcntualen zur Leitung der Seelsorge verbleiben durften. Unter diesen befand sich auch der hochverehrte Pfarrer von Oberelchingen, k. Julian. Schweren Herzens mag er die Schwelle der Klausur verlassen haben. „Doch der Pensionsstand hinderte den frommen und eifrigen Ordensmann keineswegs, auch fortan mit zartester Gewissenhaftigkeit soweit als möglich seine Ordensgelübde zu beobachten und für das Heil der Seelen, besonders zur Lehre und zum Troste der zahlreichen Wallfahrer, thätig zu sein, den Armen und Kranken nach Kräften beizustehen." Seine volle Kraft widmete)?. Julian seiner pfarramtlichen Thätigkeit, bis er in derselben durch Ift Peter Martin am 21. März 1805 abgelöst wurde. Damit begann für k. Julian eine neue LebersPeriode; was er zuvor amtshalber thun mußte, that er jetzr mit eben so großem Eifer aus freiem Willen. Er wurde nun allgemeiner Aushilfspriester; wo man ihn verlangte (in Unterelchingen, Falheim, Bnrlafingen, Straß, Thalfingen, Westerstetten), überallhin folgte er mit freudiger Bereitwilligkeit und Uneigennützigkeit. Sein ständiger Wohnsitz jedoch blieb Oberelchingen, woselbst er ein äußerst bescheidenes Stübchen bewohnte. Sein OrdenS- kletd legte er nicht ab und wollte in demselben auch begraben werden. Da er 36 Jahre laug an einem Fußübel litt, führte er beständig einen Stock bei sich. Die Leute nannten ihn nach seiner Resignation immer den „alten Herrn Pfarrer" und bezeigten ihm stets die größte Verehrung und Hochachtung. Da er ein besonderer Verehrer der schmerzhaften Gottesmutter war, suchte er die zu Elchingen bestehende Bruderschaft zur schmerzhaften Mutter GstteS möglichst zu fördern und verfaßte i. I. 1826 ein eigenes Lehr- und Gebetbuch dieser Bruderschaft. Zu Anfang dieses Jahrhunderts war im weiteren, wie auch im engeren Vaterlande viel Wandel, Unzufriedenheit und falsche Aufklärung im Volke rege. Auch in dieser Beziehung suchte der edle ?. Julian durch Wort und Schrift die Achtung vor den Obrigkeiten, vor den Gesetzen und staatlichen Einrichtungen zu erhalten, zu befestigen. Es fehlte eben damals selbst in den untersten Volksklassen nicht an harten Urtheilen über verschiedene Neuerungen und Verordnungen, k. Julian suchte diese Urtheile möglichst zu mildern und erwarb sich somit auch durch Loyalität bedeutende Verdienste. Als am 29. November 1802 zwei bayerische Commissäre erschienen, um allen Bewohnern von Elchingen den Eid auf den neuen kurfürstlichen Landesherrn von Bayern abzunehmen, ging k. Julian den ehemaligen Unterthanen des NeichL- stiftes mit dem guten Beispiel voran. Während der leidigen Kriegsjahre zu Ende des vorigen und zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts beherbergte Elchingen und dessen Umgebung nicht selten verwundete Krieger des eigenen und des feindlichen Landes, besonders nach der am 14. Oktober 1805 stattgesnndenen Schlacht von Elchingen. k. Julian suchte die verwundeten und sterbenden Krieger auf und spendete ihnen ohne Rücksicht auf Nationalität leibliche und geistliche Hilfe, wie ein echter barmherziger Samaritan. Er that dies vor den Augen des französischen Kaisers Napoleon I., welcher im Kloster sein Hauptquartier genommen hatte. k. Julian Edelmann hat unendlich viel Gutes gethan. Er war die verkörperte Selbstlosigkeit und Uu- eigennützigkeit. Wohlthätigkeit zu üben, war ihm Genuß. Er entzog sich an Speise und Trank, an Kleidung und Ergötzung alles, was nur ein wenig über das Nothwendige ging. Seine Einfachheit und Genügsamkeit war geradezu erstaunlich, erregte in der ganzen Umgegend Verwunderung und wurde vielfach unter dem Volks besprochen. Die unzähligen Wohlthaten, welche der selige Julian Armen und Bedrängten verschiedener Art im Stillen erwiesen hat, sind wohl einzig nur im goldenen Buche des Lebens aufgezeichnet, wo man seinen Namen ewig lesen wird. Durch seine erstaunliche Sparsamkeit gewann er aus feiner, wenn auch geringen Pension die Mittel für Stiftungen und Vermächtnisse, welche seinen edlen Sinn und seine Opferwilligkett großartig dokumentieren. k. Julian stiftete zur Anschaffung von sogenannten Preisebüchern und zur Bezahlung des Schulgeldes für arme Schulkinder für 5 Schulorte je 100 fl. — 500 fl. Für die Kirche in Oberelchingen spendete er nach und nach die Summe von 1500 fl. Zur Errichtung der Herz-Jesu-Bruderschaft in seinem Geburtsorte Unterelchingen leistete er 500 fl. Dem Orte seiner ersten pfarramtlichen Wirksamkeit, dem nahen Thalfingen, wendete er ein Vermächtnis; von 537 fl. zu, und vier anderen Orten, in denen er seel- sorgerisch thätig war, ein solches von 600 fl. Außerdem existiren heute noch verschiedene Jahr» tags-Stiftungen von ihm. Die einzige nennenswerthe Ausgabe für seine Person verursachte ihm ein Fußübel (es mußten ihm 2 Zehen amputirt werden), an welchem er lange Jahre litt. k. Julian Edelmann war im Umgänge mit Andern sehr entgegenkommend und gefällig; stets bekundete er ein heiteres, freundliches Wesen; im Ausdruck war er kern- haft und klar; er war durch und durch religiös und edel gesinnt. In Ausübung seines Berufes war er unermüdlich; er war seinem Gotte treu ergeben in allen Verhältnissen des Lebens. Es sollten daher an ihm die Worte in Erfüllung gehen, welche der Selige früher beim feierlichen Chorgebet und später beim stillen Breviergebet so oft beim 90. Psalm gebetet: „Ich will ihn segnen mit langem Leben und ihn schauen lassen mein Heil." k. Julian hatte bereits das 75. Lebensjahr erreicht. Der Abend seines edlen Lebens war genaht. Da sollte ihm durch Gottes Gnade noch eine gar seltene Freude zu Theil werden. Mit dem 18. Sept. 1834 nahte der 50. Gedächtnißtag seiner Weihe zum Priester. Es sollte ihm das große Glück beschieden sein, seine Sekundiz feiern zu können. Der demüthige Jubelgreis wollte zwar diesen so wichtigen, festlichen Tag in stiller Andacht und innigstem Danke feiern; allein seine Freunde hatten einen andern Beschluß gefaßt. Ohne dem hochw. Jubilar und dem Publikum Kenntniß zu geben, bereiteten dieselben eine gar würdige Jubiläums- Feier vor. Obwohl nur spärliche Mittheilungen hierüber laut geworden waren, nahm dennoch eine große Volksmenge an der herrlichen Feier theil. In feierlicher Procession, unter Absingung der Psalmen ConLteinini (117) und Imatatus (121) wurde der hochwürdige Jubelgreis (auf einen eigens vorher geweihten Stab sich stützend) zur Klosterkirche geleitet. Mit kräftiger Stimme sang der bejahrte Jubilar das Hochamt und hielt am Kreuzaltare eine ergreifende Rede über die Worte: „Nun, o Herr, entlassest Du Deinen Diener in Frieden!" Dabei äußerte er auch den Wunsch, sein geliebtes Elchingen möge einst wieder aufleben und dem Benediktiner-Orden zurückgegeben werden. Als auch der hochwürdigste Bischof Jgnaz Albert von Riegg von der in Oberelchingen stattgefundcnen Jubelfeier Kenntniß erhalten hatte, sandte Hochderselbe unterm 7. November 1834 ein äußerst anerkennendes längeres Schreiben an den hochverehrten, verdienstvollen Jubel-Priester. Ein gleiches erhielt derselbe unterm 10. Dezember 1834 vom Bischöflichen Ordinariate Augsburg. Lange noch erzählte man sich von dem schönen, zu Elchingen gefeierten goldenen Priester-Jubiläum. Auch nach demselben änderte ?. Julian nichts an feiner gewohnten Lebensweise. Er diente als Hilfspriester, wo immer man ihn erwünschte und so lange es seine Kräfte erlaubten. Endlich erging der Ruf des Herrn: „Du guter und getreuer Knecht, geh' ein in die Freude deines Herrn!" Die morsche Hülle der edlen Priesterseele brach. Julian wurde von einer Lungenentzündung ergriffen, und nach einem kurzen, nur viertägigen Krankenlager nahte das Ende seines heiligmäßigen Lebens. Mit allen heil. Sterbsakramenten versehen, vollkommen in Gottes heiligen Willen ergeben, sprach er noch: „Sucht mir meinen Stecken her — ich will fort!" Auf die Frage, wohin er wolle, antwortete er: „Ich will heim; ich will zu Gott!" Mit diesen Worten entschlief er sanft im Herrn, früh */z7 Uhr, am 16. Januar 1835, am Feste des heiligsten Namens Jesu. Eine wahrhaft edle Seele war zu ihrem Schöpfer zurückgekehrt, um jedoch unzweifelhaft nur ewigen Lohn zu empfangen. Kaum hatte die Sterbeglocke verkündet, daß der fromme k. Julian gestorben sei, da eilten Schaaren von Verehrern herbei, um ihn noch einmal zu sehen, um für ihn zu beten. Große und aufrichtige Trauer herrschte unter allen, welche den heiligmäßigen Pater gekannt hatten. Ein altes Mütterlein, welches den sel. k. Julian noch gekannt und wie einen Heiligen verehrt hat, erzählte dem Schreiber dieser Zeilen auf dem Wege von Nersiugen nach Oberelchingen einmal, daß nach dem Tode deS sel. l?. Julian viele eifrig bestrebt waren, irgend einen im Gebrauch des Seligen gestandenen Gegenstand oder wenigstens einen Theil desselben zu erhäschen, als gelte es in den Besitz einer Heiligen-Neliquie zu gelangen. Am 21. Januar wurde der Leichnam des auch im Tode noch hochverehrten Paters auf dem nordseitig an die Klosterkirche anstoßenden Friedhofe der geweihten Erde übergeben. Trotz des stürmischen Wetters hatten sich außer sehr vielen Geistlichen außerordentlich viele Laien aus nah und fern zur Leichenfeier in Oberelchingen einge- funden. ' Der gleichfalls pensionirte ehemalige Elchinger Benedikttner-Conventual k. Peter Martin — damals Pfarrer von Oberelchingen — nahm die Einsegnung der Leiche vor. In seiner Leichenrede über die Schriftstclle: „Und ein Edelmann reiste in ein weit entlegenes Land, um von seinem Reiche Besitz zu nehmen", Luc. XIX. 12, führte der hochw. Ofstziator aus, daß?. Julian Edelmann nicht nur ein Edelmann dem Namen nach, sondern in der That ein solcher gewesen sei, und pries denselben als Kinder- und Kirchenfreund, als Sünder- und Armen- freund. Der edle Gottesmann ist nun seit mehr als einem halben Jahrhundert schon aus diesem Leben geschieden. Wenn man gewöhnlich sagt: „Aus den Augen, aus dem Sinn", so gilt diese Regel bei k. Julian keineswegs. Obschon derselbe bereits im Jahre 1835 gestorben ist, so steht sein Andenken dennoch immer noch in hohen Ehren, und sein Grab ist heute noch Gegenstand besonderer Pflege und Verehrung. Dasselbe ziert ein einfacher Gedenkstein mit einem hohen, vergoldeten, eisernen Kreuze. Im Jahre 1882 wurde das Grabmonument einer gründlichen Renovation unterzogen; desgleichen die auf demselben angebrachte große Inschrift, welche lautet: „Hier ruht der hochwürdige k. Julian Edelmann. Er war ein echter Diener Christi; in ihm war kein Falsch; für das Haus Gottes und die Armen spendete er Alles und starb im Rufe der Heiligkeit, 76 Jahre alt, am 15. Januar 1835. R. I. Möge diese ehrwürdige Ruhestätte immerfort erhalten und pietätvollst (besonders von den Bewohnern der beiden Elchingen) stets besucht und gepflegt werden. Möge aber auch sich erfüllen, was ?. Melchior, 0.8. B. — Sankt Bonifaz — München, schreibt: „Möge der selige, wir dürfen ohne Zweifel sagen — der heilige k. Julian am Throne Gottes bitten, daß das herrliche Gotteshaus Obcrelchingen und dessen Wallfahrt erhalten, bleibt!" (Es sei hiemit an dieser Stelle dem vorgenannten hochw. Herrn ?. Melchior der beste Dank erstattet für die mündlich und concessiv gegebenen Mittheilungen.) Das Andenken an den edlen I?. Julian wird nie erlöschen, denn: ia msrnorirr astornu erit jrrstusl — Julius Editus. —--»4SWAS-.- Dn Ackerbau im heutigen Palästina, Von vr. Seb. Enringer, Pfarrer. (Fortsetzung und Schluß.) Kehren wir zu den Ernteerträgnissen zurück, so bemerken wir, daß große Schwankungen im Ertrage herrschen. Ueber die Bedingungen, welche die Ernte günstig resp. ungünstig beeinflussen, gibt uns die AvkV 1886, S. 46 folgende Aufschlüsse: „Zunächst ist zu bemerken, daß überall da, wo man nicht bewässern kann, also fast überall in Palästina, nur mittelmäßige Erträgnisse zu verzeichnen sind. Geringe Ernten, ja völlige Mißernten können stattfinden, wenn während der Regenzeit die Negenhöhe hinter der normalen beträchtlich zurückbleibt, wenn beim Keimen des Weizens und der Gerste die Regenzeit durch einen ansehnlichen regcnlosen Zeitraum unterbrochen wird, wenn der Spätregen gar nicht, nicht reichlich genug oder zu spat eintritt, wenn während des Wachsthums der cnls Osten, Südosten, Süden und Südwesten über die Wüsten kommende, den Boden rasch austrocknende Chamsinwind ( Sirokko) tagelang weht, und wenn große Heuschrccken- schwürme sich einstellen oder Mäuse, Ameisen, Engerlinge u. s. w. große Verbreitung erlangen. Sind die äußeren Verhältnisse nicht ungünstig, so gibt es namentlich in den Ebenen oft sehr ergiebige Ernten." Ueber das Betriebskapital, dessen ein Fellache bedarf, um einen FeddLn zu bebauen, gibt uns Schumacher 2l)kV 1889, S. 164 folgende Zusammenstellung, welche sich zunächst auf die Verhältnisse in Galiläa bezieht, aber mit geringen Modifikationen auch für das übrige Palästina gilt. Unter leääLv versteht man in Galiläa stets die Arbeit eines Paars Ochsen, die es während der Pflug- zeit je eines Jahres, in der Regel während eines Monats zu leisten im Stande ist. Bei Nazareth ackert der Fellach mit einem Paar Ochsen mittleren Schlages 30 Württembergische Morgen — 9,45 Hektar im Jahre. Nach diesem Maß rechnet auch die Regierung, indem der gesetzliche teclciäll — 9 Hektar ist. Zum Betrieb eines solchen IsäckLn braucht der Fellach: 1 eichenes Pfluggestell 46 Piaster^) — 6 M. 90 Pf. 1 Pflugschar (siklri) 30 „ — 4 M. 50 Pf. 1 Ochsenstachel (ininsao) 8 „ ---1 M. 20 Pf. 1 Joch und Zubehör 18 „ — 2 M. 70 Pf. Macht für einen Pflug 102 Piaster — L5M. 30 Pf. Die übrigen Gerüche kosten: 1 blecherne Röhre zum Säen "" ' (link) . ..... 4 Piaster--0 M. 60 Pf. 1 Sichel (inancksalral) .12 „ —IM. 80 Pf. 1 Dreschschlitten (nanracksoli) 46 „ ^6 M. 90 Pf. 1 Wnrfgabel mit 2 Zinken (soliaüst) .... 3 „ — 0M. 45Pf. 1 Wurfgabel mit 5 Zinken (miclrn).12 „ — 1 M. 80 Pf. Holzhaken und sostbLIr, Geflecht (für EctreidetranS- port auf Lastthicren) nebst Sieb werden vom Fellachen selbst gefertigt. . 0 ^ 0 M. 00 Pf. Somit kosten alle Ackergeräthe zusammen 179 Piaster — 26 M. 85 Pf. Dazu kommen: Saatfrucht für einen FeddLn (Weizen, Gerste, Lura) sammt Weizen zum Hausgebrauch bis zur Ernte 800 Piaster — 120 M. Ein Paar Ochsen kräftigen Schlages L 600 Piaster — 1200 Piaster — 180 M. Also braucht der Fellache ein Betriebskapital von 2179 Piaster oder 326 M. 85 Pf., um einen FeddLn — 30 württembergische Morgen — 9,45 Hektar zu bebauen. Diese Summe ist auch für jeden Grundbesitzer maßgebend; für jeden neu eintretenden Pflüger hat der arabische Grundbesitzer diese Summe beizubringen, die dem Fellachen bis zur Ernte mit Zins und Ziuses- zins aufgeschrieben und ihm auf der Tenne von seinem Antheil am Ertrag (dem Fünften) abgezogen wird. Da der Fellach ein schlechter Rechner, der Grundbesitzer aber Mein und Dein gerne verwechselt, so ist nicht zu verwundern, daß der Bauer trotz aller Arbeit stets ein Deficit macht, das ihn Zwingt, jedes andere Jahr das Dorf zu verlassen und seine Lehmhütte in einem andern aufzurichten. Wachsen aber seine Schulden ihm über den Kopf, so packt er seine paar Decken, seinen Kochkessel, seinen Wasserschlauch und, wenn es hoch kommt, seinen Wasserkrug (ibmlr) und seine Schuhe zusammen, bepackt den einzigen Esel, wenn ihm dieser noch gelassen wurde, und seine Frau damit und wandert bei Nacht und Nebel durchs Jordanthal in den Hanran und nach "Adschlün, wo er vor seinen Gläubigern sicher ist. (2I)?V 1889, S. 165.) Da ich gerade daran bin, das Klagelied des Fellachen zu singen, so möge noch ein Passus aus der Rede des Herrn Pfarrers Künzer aus Haifa folgen, welcher in der Generalversammlung des Palästinavsreins der Katholiken Deutschlands am 27. Nov. 1893 sich vernehmen ließ: „Nicht der einzelne Mensch ist besteuert, sondern der Bezirk. Die etwas haben, müssen beitragen; die nichts haben, können eben nicht. Es arbeitet also jeder nur so viel, als nöthig zum Leben; die fleißig sind, müssen für die Faulen mitbezahlen. Das System ist gleichsam eine Prämie auf den Müßiggang. Ein anderer Uebelstand ist der Naturalzehnt. Von jedem durch die Ernte Erzielten muß der Zehnt abgegeben werden. Nun gefällt es dem Steuer-Einnehmer oft nicht, zu kommen, um die Ernte zu schätzen. Diese muß also liegen bleiben, und oft, um die ganze Ernte nicht verderben zu lassen, muß der Eigenthümer noch einen „Backschisch" geben, damit der Einnehmer die Gnade hat, zu kommen. Also die Art und Weise der Besteuerung ist mit schuld an dem Niedergang des Landes .... und so wird das Sprichwort: „Unter dem Fuße des Islam kann nur die Wüste blühen!" ein wahres Wort. In unserer Nähe passirte kürzlich Folgendes: Der Kommandeur der Garnison hörte, daß auf einem Dorfe noch ein ziemlicher Wohlstand herrscht. Sofort rückte er mit einer Abtheilung Soldaten hin und sagte dem Vorsteher, es hätten sich Militärpflichtige aus dem Dorfe der Gestellung entzogen. Alles Widersprechen und Beweisen half nichts; er blieb da, so lange noch eine _ 77 Piaster —11M. 55 Pf. ,") 1 Piaster selmrülr (solche sind gemeint) ist — ca. 15 Pfennig. ") So scheint eS nach Schumacher in Haifa, Nazareth und Umgebung zu sein. Gewöhnlich aber (nach Konsul Wetzstein) werben die Siebe von den narnvar verfertigt. Siehe oben. Wetzstein gibt aber keinen Preis an. ") Der Zinsfuß ist meist 20°/„. 275 Kuh und ein Hammel da war. Dann zog er wieder ab, um das Experiment an einem anderen Ort zu wiederholen. Natürlich hat man da keine Lust, sich zu Plagen, damit cS ein Anderer wegnimmt." Die Fellachen, welche nahe bei den Bedninengebieten ihre Aecker bebauen, haben noch eine weitere Plage. Es geschieht nämlich gewöhnlich, daß die Beduinen meistens des Nachts über die anstehenden Feldfrüchte einer Gemeinde herfallen nnd nicht selten Hunderte von Kamelen auf einmal beladen. Da sie keine Sicheln haben, so schneiden sie die obere Hälfte der Halme mit Säbeln ab, weßhalb dieser Diebstahl karä, d. i. Aösäbelung, genannt wird. (Wetzstein bei Schegg, Archäologie, S. 147.) Daher zahlen die Bauern ihren räuberischen Nachbarn die „Bruderschaft" (okrnvrvo), einen Tribut an Getreide, und kaufen sich dadurch von den Räubereien der Beduinen los. Ich weiß nicht, ob es einen härteren Kampf um's Dasein gibt, als den eines palästinensischen Fellachen. Der Boden Syriens ist fruchtbar. Bibel und Talmud, FlaviusJosephns und Ammianus Marcellinus (14,6), ja selbst der klassische Antisemit Tacitus (bist. 5, 6) bezeugen uns dieses für das Alterthum. Aber auch jetzt noch ist er fruchtbar oder könnte reichen Ertrag liefern. „Selbst die syrische Wüste besteht nicht aus Sand, sondern aus gutem Boden, der nach dem ersten Regen eine Unzahl von Blumen und Kräutern, die fetteste Weide hervorsprießen läßt." (Bädeker I.VI.) Raubbau, Entwaldung und nach Fraas eine Aenderung des Niveaus haben Palästina um den Ruhm gebracht, das Land zu sein, wo Milch nnd Honig fließt. Charakteristisch für das heilige Land ist der Mangel an Humus. „Selbst die grüne Ebene zwischen Meer und Gebirge, die Ebene von Saron und Esdrelon, bietet wohl den lieblichsten Anblick und gewährt namentlich dem Wüstenreisenden doppeltes Entzücken — aber von Rasenvegetation ist keine Rede. ES ist vielmehr eine kräuterreiche Steppenvegetation, üppig zwar in der Niederung, entzückend durch hundertfache Farbennüancen — aber immer tritt der Fuß auf nackten Boden, auf Sand in allen Farben, auf rothen und braunen Lehm, der über den Kalken liegt, auf lichte Mengungen von Kalk und Kreide — nur nicht auf europäischen Grasboden." (Fraas, Aus d. Orient, 1867, S. 196 u. ff.) Während Conder den Unterschied zwischen einst und jetzt nur einen Unterschied des Grades und nicht der Art nennt (Pds Lnivs^ ok "lV. kniest. 4. Band x. 495), schließt Fraas a. a. O. aus dem einstigen Hnmusreich- thum, worauf die Wiesen und Wälder, an welchen nach den alten Berichten Palästina so reich war, hinweisen, und aus der jetzigen Abwesenheit von Humus, daß eine Niveauänderung der Oberfläche des heiligen Landes eingetreten >ein muß. Wie dem auch sei, der Raubbau und die Entwaldung haben sicher viel beigetragen, den Ackerbau weniger lohnend zu machen. Das geht schon daraus hervor, daß da, wo der Ackerbau rationell betrieben wird, z. B. in den deutschen Kolonien, sich ganz günstige Resultate ergeben. Eine Aufforstung im großen Stile würde sicher nicht ohne bedeutenden Einfluß auf die hydrographischen Verhältnisse und dadurch aufKlima undFruchtbarkeit bleiben. Der unermüdliche Dr. Anderlind hat auch hierüber Forschungen angestellt, von welchen er2vkV 1885, S. 101 u. ff. in dem Artikel „Der Einfluß der Gebirgswald- ungen im nördlichen Palästina auf die Vermehrung der wässerigen Niederschlüge daselbst" Rechenschaft gibt. Anderlind vergleicht die meteorologischen Beobachtungen von Jerusalem mit denen von Nazareth. Jerusalem liegt nämlich in einer nahezu waldlosen Gegend, erst im Norden 75 Kilometer in der Luftlinie und 45 Kilometer nach Osten bei eS Salt trifft man größere Wälder; westlich von Jerusalem befinden sich nur zwei kleine Wäldchen (ca. 16 Kilometer entfernt) bei Bet Mahsir, welche zusammen 6'/z Hektar ausmachen. Dagegen ist Nazareth von Wälder» umgeben. Allerdings sind diese Wälder nicht so dicht wie bet uns und sehr oft nur Niederwald. „Es umfassen die Waldgebiete um Nazareth herum einschließlich der darin enthaltenen »»bewaldeten Flächen 1580 Quadratkilometer---158,000 Hektar; die darin vorkommenden wirklichen Waldflächen, das heißt die mit vollkommenen oder unvollkommenen Waldbeständen bedeckten Flächen, 580 Quadratkilometer oder 58,000 Hektar; die Vollwalduugen, das heißt die Flächen, welche sich ergeben, wenn man die zu einem großen Theile nicht vollbestandenen wirklichen Waldflächen sich auf vollbestandenen Niederwald resp. Hochwald zurückgeführt denkt, 258 Quadratkilometer oder 25,800 Hektar, wovon 194 Quadratkilometer (19,400 Hektar) alsVollniederwaldungen und 64 Quadratkilometer (6400 Hektar) als Voll-Hoch- waldungen gelten können. Ich habe bei dieser Schätzung angenommen, daß die Niederwaldungen durchschnittlich zur Hälfte voll bestockt seien, daß ein Hutewald nur ein Drittel von der Stammzahl eines Hochwaldes gleicher Flüchen- größe enthalte und daß daher die Dichtheit der Bestock« ung erst 3 Flächeneinheiten Hutewald gleich zu erachten seien einer Flächeneinheit vollen Hochwaldes" (1. v.S.112). Wie diese Niederwaldungen aussehen, davon gibt Hr. Pfarrer Künzer in seiner bereits citirten Rede folgende, auch nach meinen Erfahrungen treffende Schilderung: „Wenn man zuweilen Reiseschilderungen liest, z. B. über den Karmel, dann denkt man, es muß eine Pracht sein, dieser Berg. Aber wie wird man enttäuscht bei dem Anblick. Kein Wald, nur Gestrüpp, nicht einmal Gras; nur einige dürftige Kräuter sprossen hier und da hervor." Von den 5 großen Waldgebieten um Nazareth, welche, wie gesagt, mit den 2 kleinen Wäldchen bei Jerusalem die einzigen Wälder diesseits deS Jordans sind, kenne ich 3 aus eigener Anschauung: den Karmel, den Tabor und den großen Wald zwischen Haifa, Akko und Nazareth ; dagegen die 2 übrigen, den Wald bet Umm el fahm ") und den zwischen Tyrus-Safed-Nazareth liegenden, habe ich nicht besucht. Wenn ich mein Urtheil über die von mir durchrittenen Wälder abgeben soll, so kann ich nur sagen, daß selbst die Hochwälder nie und nimmer das sind, was wir Deutsche einen Wald nennen. Denn die Bäume stehen zu weit auseinander; es machen diese «Wälder" den gleichen Eindruck wie der Münchener Hofgarten. Dort stehen auch eine Menge Bäume, aber jeder in respektabler Entfernung von dem andern. Die Niederwälder machen den Eindruck wie die Auen an unseren Flüssen. Erst der Cedernwald auf dem Libanon ist das, was man im Deutschen einen Wald nennt. Anderlind gelangt nach Vergleichung der meteorologischen Beobachtungen der beiden Orte zu dem Resultate, daß die GebirgSwalduugen Nordpalästiua's die Regenmenge daselbst wahrscheinlich nicht unerheblich vermehren. „Aeußern sonach", schließt Auderlind S. 114, „wahrscheinlich schon Wälder von der Ausdehnung und Beschaffenheit der im nördlichen Palästina vorkommenden ") Das ist der Wald Ephraim der Bibel. 276 — einen Einfluß auf die Vermehrung der Siegenmenge, so müßte dies in noch bedeutenderem Maße der Fall sein, wenn Waldflächen vorhanden wären, die einen größeren Theil, etwa 25 bis 30 Prozent, von der Landfläche ausmachten, die ferner voll und statt mit den wenig zweckmäßigen Nieder- und Hntewüldern mit Doppelwäldern bestanden wären, das heißt Hochwäldern, welche außer einem geschlossenen Oberbestande noch einen aus schattenertragen- den Holzarten bestehenden Unterbestand enthielten." In seinem Aufsatz „Ackerbau und Thierzucht in Syrien" kommt Anderlind noch einmal auf die Waldungen zu sprechen (2vkV 1886, S. 47) und führt dabei aus: „Bet Anlage und Erhaltung umfänglicher dichter Hochwaldungen auf den Gebirgen würde eine Verbesserung der Ernten wohl kaum ausbleiben. Denn der Thaufall nähme dann zu, mindestens in der Nähe von Waldungen; ferner würden nicht nur die wässerigen Niederschlüge durch Mineralerde, Humus und Streudccke des Waldes längere Zeit, als dies auf unbewaldeten Flächen geschieht, festgehalten, sowie an der Versickerung in's Erdinnere verhindert und zum allmäligen Abfließen gebracht, sondern auch die Negenfülle wahrscheinlich vermehrt werden. Manche Bäche und Flüsse, welche jetzt während des Sommers vollständig austrocknen, dürften dann beständig Wasser führen." Die Aufforstung der Gebirge müßte aber in großem Maßstabe ausgeführt werden, das wäre die Aufgabe des Staates; aber der türkische Staat ist zu so etwas kaum fähig. — Würde fernerhin eine Bewässerung der Felder auf künstliche Weise ausgeführt werden, wie es im Norden von Syrien der Fall ist, so könnte man einmal eine doppelte Ernte alle Jahre erzielen, dann könnte man den ausbleibenden Regen ersetzen, die Wirkung des austrocknenden Gluthwindes paralysiren und das schädliche Ungeziefer, Mäuse, Ameisen, Engerlinge rc., vernichten. Aber dazu gehören imwerfließende Bache. Solange die Aufforstung nicht in Angriff genommen wird, ist auch keine Hoffnung auf künstliche Bewässerung im großen Stile. Da den Kolonisten kein Einfluß auf die Regierung zusteht, so sucht man durch Wort und Beispiel auf die Eingeborenen zu wirken, damit wenigstens das, was geschehen kann, geschieht. Dazu ist bereits eine blühende Ackerbauschule eingerichtet. Der Kanonikus Antonio Belloni, ein Schüler Dom Bosco's, hat in Beth-Dschimsl bei Jerusalem eine Ackerbauschule und Kolonie gegründet. Das Kolonialgebiet, das theils von katholischen Familien, theils von den 50 Zöglingen der Anstalt bebaut wird, beträgt 12 Kilometer im Umfangs oder 900 Hektar Fläche, welcher Grundkomplcx um eine ganz unbedeutende Summe von den arabischen Bauern erstanden wurde. Kultivirt waren davon 1884: 200 Hektar, nämlich 157 Getreide, 30 Oliven, 7 Fruchtbäume, 3 Gemüse, 1 Wein. Die Kolonie und Schule werden von zwei Weltpriestern, einigen Laienbrudern, fünf Oekonomen und vier Laienschwestern geleitet. Ferner besitzen die Lcsura äs Notrs Ilams äs Lisa in St. Johann (Ain Karim) ein Kloster mit ausgedehntem Grundbesitz, bestehend in Olivenpflanzungen, Wein- und Gemüsegärten, welche unter der Leitung zweier tüchtiger europäischer Oekonomen von mehreren Eingeborenen, für welche diese Arbeit als Bodenkulturschule dient, bearbeitet werden. (Schnabel: Die römisch-katholische Kirche in Palästina, 2vkV 1884, S. 279 u. ff.) Der Palästinaverein der Katholiken Deutschlands hat in Tabra (auch Tabgha geschrieben) am See Genesareth große Grundstücke angekauft, welche unter der Leitung von?. Bisver bearbeitet werden. Die Franziskaner sind durch ihre Ordensregel verhindert, Ackergründe und Weinberge zu erwerben und können daher keine Ackerbauschulen errichten. Die deutschen und die jüdischen Kolonien geben den Fellachen das beste Beispiel; aber so lange das Aus- saugungssystem nicht aufhört, werden die Bauern nur in geringem Maße etwas von den Kolonisten annehmen. Der Fluch, welcher über dem hl. Lande liegt, ist verkörpert durch die türkische Regierung, und es ist keine Hoffnung, daß es anders wird, denn wenn nicht alle Zeichen trügen, folgt auf den Sultan der Zar. Abgesehen vorn Klima, das dem Deutschen nicht zuträglich ist (Malaria, unter welcher übrigens die Eingeborenen ebenso, wenn nicht mehr leiden), ist eS Niemand zu rathen, als Kolonist in Palästina sich anzusiedeln. Socin in Tübingen schreibt 2V?V 1881, S. 134: „Der Umstand, daß europäische Kolonisten in Palästina mehr oder weniger von den Eingeborenen abhängig sind und, falls sie geschädigt und beleidigt werden, bei den türkischen Gerichten nur mit Mühe ihr Recht erlangen können, muß die Anhänger von weiteren KolonisationsProjekten immer wieder stutzig machen ..... wir sind der Ansicht, daß erst Manches noch gründlich gebessert werden mühte, bevor europäische Ansiedler sich in Palästina sicher und geborgen fühlen können." Ich schließe mit dem guten Rath: „Bleibe im Lande und nähre Dich redlich!" ----s-Hk-sc-- A ü 5 § x L e ß. 139 Jahre alt. Dieser Tage erschien bei einem Arzte in Moskau ein Greis und bat, seine verletzte Hand zu verbinden. Der Arzt legte den nöthigen Verband an und fragte nach dem Alter des Greises. Es erwies sich, daß derselbe im Jahre 1757 geboren war, somit also im Patriarchenalter von 139 Jahren steht. Der Alte wurde in der Negierungszeit der Kaiserin Elisabeth geboren und lebte unter den Herrschern Peter III., Katharina II., Paul, Alexander I., Nikolai I., Alexander II., Alexander III. und jetzt unter der Regierung des Kaisers Nikolai II. Der Greis ist Moskauer Kleinbürger und war bis zu seinem 86. Lebensjahre Kutscher; als er einst unglücklicherweise die Kalesche mit einer Verwandten seiner Herrschaft umwarf, wurde er nach Sibirien verschickt. In Sibirien lebte der Alte bis zum Jahre 1891. In diesem Jahre beschloß er, die Heimath aufzusuchen. Vorher jedoch machte er mehrere Wallfahrten und gelangte erst 1894 nach Moskau. Hier blieb er nur kurze Zeit und wallfahrte nach Kiew, von wo er in diesen Tagen nach Moskau zurückkehrte. Der Alte, Kusmin mit Namen, besitzt ein ungetrübtes Sehvermögen, hört gut und ist vorzüglich zu Fuß. Kusmin hat bis zum Jahre 1891 niemals Branntwein getrunken, „auf meine alten Tage erlaube ich mir jetzt aber mitunter ein Gläschen", erklärte der Greis. Auflösung der Schach-Aufgabe in Nr. 34: Weiß. Schwarz. 1. L. L2-61 beliebig. D,, T. oder Sp. Matt. —»AZUW"- AnttrAattimgsdlatt M „Augslmrger PostMung". M 37. Dinstag, den 5. Mai 1896. Für die Redaction verantwortlicb: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Berlag des Lilerarischen Instituts von Haar L Graddcrr in Augsburg (Borbesttzer l>r. Mar Huttler). Judas Wakkabäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) 27. Kapitel. Die Flucht. Mit einem sonderbaren Gemisch von Glückseligkeit und Furcht folgte Sarah ihrem Vater aus dem Gemach, welches ihr Gefängniß gewesen war. Der Segen Abner's lag so warm auf dem Herzen seiner Tochter. Sarah war nun nicht mehr wie eine, die in die Tiefen der Finsterniß blickt, um den Schimmer irgend eines schrecklichen Gegenstandes zu erspähen; sie hatte gefunden, was sie gesucht, und durch die Bande der Liebe einen verlorenen Vater an's Licht gezogen und gerettet. Es erfüllte Sarah mit Entzücken, wenn sie daran dachte, wie groß die Freude der Hadassah bei der Wiederkehr ihres Sohnes sein würde. Das Mädchen konnte sich der überstandenen Gefahren freuen und mit einem Muth, über den sie sich selbst wunderte, den bevorstehenden entgegengehen. So klar konnte sie nun sehen, daß ihre Leiden für die, die sie liebte, ein Mittel zum Segen gewesen waren. Mit leichtem, geräuschlosem Schritt folgte Sarah der Weisung ihres wiedergefundenen Vaters und, ihn immer im Auge behaltend, kam sie in den ersten Hof, den sie zu durchschreiten hatte. Er war gepflastert, von Pfeilern umgeben, unter freiem Himmel, dessen tiefes Blau im Morgenlichte erblaßte. Sie bemerkte, daß ihr Vater ängstlich zu dem Gebäude, welches die linke Seite des Hofes bildete, blickte, wo marmorne Pfeiler mit gekrönten Säulen und reich verzierten Kapitälen einen prachtvollen FricS trugen. Antiochus selbst bewohnte diesen Palast, aber kein Auge blickte zu jener frühen Stunde auf die beiden Gestalten, welche da unten über den marmorgepflasterten Hof glitten. Unter dem Schatten des nun erreichten Säulenganges erwartete Pollux seine Tochter. Die erste Gefahr war glücklich überstanden. Pollux deutete nun auf einen breiten, bedeckten Gang zur Rechten, welcher von Lampen erleuchtet war, deren einige schon ausgebrannt waren, während andere nur noch flackerten. Sarah sah auf dem andern Ende dunkle Gestalten. Es waren die Wächter, die, von der langen Nachtwache ermüdet, augenscheinlich schliefen; denn sie schienen sich in halb sitzender, halb liegender Stellung zu befinden und verhielten sich vollkommen ruhig. Sarah mußte nun zuerst gehen, und mit klopfendem Herzen näherte sich das Mädchen den beiden Kriegern, indem sie, da sie die Größe der Gefahr fühlte, ein un- hörbares Gebet hauchte. Der Gang, an dessen Ende die Krieger Wache hielten, mündete in einen der kleinen Gärten, welche das Innere des ausgedehnten Gebäudes schmückten, mit einem Bassin in der Mitte, von welchem gewöhnlich ein schöner Springbrunnen aus einer Gruppe von Marmorstatuen, die Niobe mit ihren Kindern darstellend, in die Höhe stieg. Es war unmöglich, den Garten zu erreichen, ohne an den beiden Wächtern vorbeizukommen. Sarah konnte nicht unterscheiden, ob sie wirklich schliefen, und der Raum zwischen ihnen war kaum breit genug, um ihr den Durchgang zu ermöglichen. Zitternd und doch voll Hoffnung ging Sarah langsam und doch vorsichtig, den Krug auf dem Kopfe, vorwärts. Gerade, als sie bet der Wache vorbeiglitt, fuhr die eine in die Höhe und ergriff ihr Gewand. „Ha, Sklavin! Was hast Du vor zu dieser frühen Stunde?" „Mein Herr hat mir geboten, meinen Krug in jenen Teich zu tauchen," sagte Sarah mit so fester Stimme, als es ihr nur möglich war. „Ich glaube, Dein Herr hat sich mit starken Getränken erhitzt, sonst würde er zu dieser frühen Stunde kein Wasser brauchen," sagte der Krieger, indem er Sarah losließ, welche verwundert über ihren Erfolg schnell in den Garten eilte. Sie vergaß beinahe in ihrer Hast zu entkommen, daß es doch nöthig war, ihren Krug in das Wasser zu tauchen, da sie noch in Sicht der Syrer war. Das Mädchen mußte noch zwei bis drei Schritte zurückgehen und beugte sich dann über den Rand des Bassins. Das kühle Wasser erfrischte sie, als sie ihre schlanken Finger hinetntauchte. „Nun," dachte Sarah, „ist noch ein langer, dunkler Gang zu durchschreiten, liegt er zur Rechten oder zur Linken? Ich kann mich kaum der Weisung meines Vaters erinnern und ein Irrthum kann für ihn und für mich verhängnißvoll werden. O, mag Gott mich führen!" Als Sarah ängstlich umherblickte, bemerkte sie zur Linken, in der Menge von Gebäuden, welche den Garten einschlössen, eine enge Oeffnung. Die Ocffnung war so finster, daß sie dem zitternden Mädchen wie der Mund eines offenen Grabes vorkam, und sie fürchtete sich hineinzugehen. 278 Als sie noch zögernd dastand, hörte sie hinter sich ihren Vater, wie er der Schildwache die Losung sagte. Seine Stimme stärkte den Muth seines Kindes. Es war sür sie ein großer Trost, ihn in der Nähe zu wissen. Indem Sarah nun den Garten verließ, trat sie in den dunklen Gang. Er war nicht ganz so finster, als er von außen geschienen. Das Mädchen konnte schwach in der Wand eine Nische unterscheiden, in welche sie ihren Krug stellte, welcher ihr bei ihrer Flucht nur noch eine Last war. Der Gang, durch welchen Sarah sich jetzt tappen mußte, war ein Schleichweg für Sklaven, welche Fleisch und andere Lasten trugen. Auch kam es nicht selten vor, daß Höflinge mit geheimen Aufträgen ihn benutzten. Er grenzte an einen viel größeren Gang, der ihn in einem rechten Winkel durchschnitt und zu einer Pforte des Palastes führte, an welchem Tag und Nacht viele Krieger Wache hielten. Als Sarah den Punkt erreichte, wo der kleine Gang in den größeren mündete, wurde sie des größten Hindernisses gewahr, welches sie zu bestehen gehabt. Die hier Wache haltenden Krieger waren nämlich wach und die Thür, welche ein weiteres Vordringen ermöglichte, stark verriegelt. Dem jungen Flüchtling schien dieses Hinderniß unüberwindlich. Dem Auge Sarah's zeigte sich nicht die kleinste Möglichkeit, diese Thür aufzuriegeln, damit sie hinauskäme. Das Herz des fliehenden Mädchens sank. Es war schrecklich, der Freiheit so nahe zu sein und noch ein so unüberwindliches Hinderniß vor sich zu haben. Wie schrecklich sahen die tödtlichen Waffen der Krieger aus, als sie dort in dem erblaßten Fackellicht schimmerten, wie ernst starrten die wettergebräunten Krieger des Antiochus Epiphanes vor sich hin. Sarah lehnte sich an die Wand des dunkeln, engen Ganges und horchte auf die Fußtritte ihres Vaters. Sie wagte nicht, sich aus dem Schatten in den erleuchteten Gang zu begeben. Jetzt war Pollux an ihrer Seite; sie fühlte seine Hand leise auf ihrer Schulter. „Alles ist verloren, wenn Du mich zu retten suchst, Vater," flüsterte des zitternde Mädchen. „O, gehe ohne mich weiter, — überlasse mich Gottes Führung. Ich kann nicht an jenen Wachen vorbeigehen." „Wenn ich meine Hand erhebe, dann komm' und folge mir," flüsterte Pollux. Darauf trat der Höfling, nicht wie ein Gefangener, der fliehen will, sondern mit dem festen Tritt eines Mannes, der nicht an seinem Recht und seiner Macht zweifelt, zu gehen, wohin es ihm beliebt, in den Gang und näherte sich den Wachen, welche nach orientalischem Brauch einen Edlen hohen Standes, der ihnen allen bekannt war, grüßten. „Die Losung ist: Das Schwert des Antiochusl Riegelt jenes Thor schnell auf, ich bin hier in dringenden Angelegenheiten, die keinen Aufschub erleiden dürfen," redete Pollux die Wachen im Tone des Befehls an. , Dieser Befehl wurde augenblicklich befolgt. Sarah hörte mit freudig klopfendem Herzen, wie Riegel auf Riegel zurückgeschoben wurde und die Thür in den Angeln kreischte. Sie fühlte das Wehen der frischen Luft, die von außen eindrang. Pollux schien hinausgehen zu wollen, als er plötzlich die Hand zum Zeichen für seine Tochter erhob. Sarah gehorchte in athem- loser Spannung dem Zeichen und glitt vorwärts, um aus dem Palast zu kommen. Einer der Krieger versperrte ihr jedoch den Austritt mit seiner Waffe. „Lass' die Sklavin gehen," gebot Pollux ernst. Augenblicklich senkte sich die Spitze der Waffe. Aber ein anderer Krieger war im Begriff, Einspruch zu erheben. „Es ist gegen die Ordnung," begann er. Aber Pollux ließ ihn nicht ausreden. „Mich dünkt, Du dientest unter mir im Heer des Gorgias," bemerkte der Höfling mit großer Geistesgegenwart. „Ja, gewiß mein Herr," antwortete der Krieger. „Wenn wir das nächste Mal Makkabäus wiedersehen, wollen wir ihn nicht schonen," bemerkte der Edle. „Hier, mein Braver," sagte er, indem er einen schweren Beutel mit Gold hervorzog, „theile dies unter Euch und trinke auf glücklichen Sieg für die Tapferen." Die Krieger konnten kaum ein Freudengeschrei über die unerwartete Freigebigkeit des Pollux unterdrücken. Nicht einer sah mehr auf Sarah, als sie in die freie Luft sich hinausbewegte. O beseligendes Gefühl der Freiheit! Wie köstlich wehte die frühe Morgenluft in das Antlitz der Flüchtlinge, wie herrlich breitete sich das Gewölbe über ihnen aus, welches im ersten Licht der Dämmerung sich zu röthen begann! Pollux fühlte, wenn auch in viel geringerem Grade, etwas von der Freude, die seine Tochter empfand, als er mit ihr die Marmorstufen hinabstieg, die von dem im griechischen Stil erbauten Palast zu der Plattform, auf welcher er errichtet war, hinabführten. „Dies ist der Weg, den wir einzuschlagen haben," sagte Pollux, indem er Sarah fortzog und auf eine der hohen, engen Straßen Jerusalems deutete. „Wir müssen soviel Raum als möglich zwischen uns und die Verfolger bringen, bevor die Sonne ausgeht. Wollte Gott, wir wären eher fortgekommen! Viele Gefahren liegen noch vor uns." Eine war näher, als der Sprecher ahnte. Kaum waren nämlich die Flüchtlinge in die nächste Straße eingebogen, als sie einem syrischen Höfling in prächtiger Kleidung begegneten, dessen unsicherer Gang verrieth, in welcher Weise er die Nacht zugebracht hatte. Trotzdem er mehr als halbberauscht war, erkannte Lystmachus doch sofort den Pollux. „Ha, wo willst Du hin?" rief Lysimachus, welcher in dem engen Pfade dicht vor den Flüchtlingen hin- und herschwankend stehen blieb. „Ich gebe über meine Handlungen nur denen Rechenschaft, die ein Recht haben, danach zu fragen," sagte Pollux stolz, indem er an seinem Gegner vorbei ging, während Sarah dicht hinter ihrem Vater blieb. „Der Fuchs haite die Falle bemerkt, Pollux hat gewittert, daß ich sein Todesurtheil in den Händen habe, und daß vor Sonnenuntergang sein Kopf noch fallen muß!" schrie Lysimachus. Pollux fuhr bei diesen Worten seines Feindes auf. „Er will fliehen!" fuhr Lysimachus noch lauter fort. „Er will zu den Hebräern zurück, aber dies soll ihn aufhalten." Und mit einer schnellen, unerwarteten Bewegung stieß der Syrer einen Dolch in die Brust des Pollux. Dann aber fiel er selbst leblos in den Staub. Lysimachus war von einem Schwerthiebe des Lycidas niedergestreckt worden, der nur wenige Schritte hinter ihm gewesen war. 279 Sarah erblickte den Griechen und die ehrwürdige Gestalt der Hadassah erst in diesem entscheidenden Augenblick. Ihr Auge heftete sich auf die Beiden. Sie hatte den Schlag, der ihren Vater traf, nicht gesehen. Dieser war, obwohl tödtlich getroffen, nicht sogleich gefallen. ALS Trost am Mntlrrticrzcn. Nach dem Gemälde von M. Schneidt. letzten Umarmung. — „O, Mutter," rief Sarah, „er hat mich gerettet! Er ist nun wieder Dein Sohn, der seinem Vaterland und seinem Gott ergeben ist." Hörte Hadassah den freudigen Ausruf? Wenn nicht, so that das wenig zur Sache. Sie hatte mit Entzückenschon alles erfaßt, was diese Worte bedeuten konnten; denn die letzten Ausrufe des Lysimachus, bevor er fiel, hatten ihr Ohr erreicht. Ihr Sohn, ihr geliebter Sohn kehrte zu den Hebräern zurück, ja, was noch viel mehr war, zu dem Glauben, welchen er einst abgeschworen hatte; er war zurückgegeben—gerettet von dem Verderben. — Er rettete sein Kind vom Tode, seine Mutter von Verzweiflung. Hadas- sah's Herz hatte dieses Alles erfaßt und in der Freude schnell begriffen. Sie brauchte nichts weiter zu wissen; — ihr Sohn war von ihren Armen umschlungen. Pollux und Hadassah sanken zur Erde zusammen nieder. Der Anblick einigerBlutstropfen auf dem Steinpflaster brachte Sarah zuerst auf den Gedanken, daß Lysimachus ihrem Vater eine Wunde beigebracht haben könnte. „O, er ist verwundet!" rief sie aus, indem sie sich neben ihm auf die Kniee warf. „Todt!"riefHan- nah, welche sich vergebens bemühte, den Kopf des Pollux aufzuheben. „Nein —nein — nicht todt! O, Lyci- das! — Lycidas!" rief Sarah, indem sie sich voll Schrecken unwillkürlich an den Athener wandte, da sie glaubte, er Denn Pollux erblickte nun auch Hadassah, und der plötzliche unerwartete Anblick seiner Mutter, von welcher er solange getrennt gewesen, schien selbst über die Hand l würde sie von der schrecklichen Befürchtung, die Hannah des Todes Macht zu haben. Mutter und Sohn be- § in ihr erregt, befreien. gegnetcn sich und empfingen sich in einer ersten und — > „Es ist nur zu wahr," sagte Lycidas traurig; 280 denn er konnte das Antlitz des Pollux nicht ansehen, ohne zu glauben, daß das Leben erloschen sei. „Wir müssen den Sohn sanft aus den Armen der Mutter lösen." Aber diese Beiden, die im Leben so lange getrennt gewesen waren, konnten im Tode nicht getrennt werden. Ein Mensch hatte nicht die Kraft, sie von einander zu scheiden. Oft hatte Hadassah geglaubt, daß ihr Herz vor Kummer brechen würde, — nun war es vor Freude gesprungen! Die Tage ihrer Trübsal waren vorüber. Ihre ewige Sabbathruhe hatte begonnen. Das selige Lächeln, welches kürzlich noch im Schlaf ihre Lippen umspielt hatte, lag auch jetzt darauf im letzten, friedlichen Schlummer, aus welchem sie zum Weinen nie wieder erwachen sollte. Ihr war nach Herzenswünschen gegeben, so konnte sie in Frieden dahinfahren. Gesegneter Tod, glückselige Heimfahrt! 28. Kapitel. Vereinigt im Grabe. Lycidas wagte erst nicht, Sarah die schreckliche Wahrheit zu entdecken, daß sie mit einem Schlage ihrer beiden Beschützer beraubt, daß sie nun wirklich eine Waise und allein in der Welt sei. Sarah sah, daß ihr Vater todt war, glaubte aber, daß Hadassah nur in tiefer Ohnmacht läge. Die halb unterdrückte Wehklage Hannah's über ihre Gebieterin offenbarte zuerst die ganze Ausdehnung ihres Verlustes. Seine Größe betäubte sie beinahe. Es war ein lähmender Schreck. Lycidas erinnerte sich nunmehr der großen Gefahr, in der Sarah, welche dieselbe für den Augenblick ganz vergessen hatte, schwebte, sobald sie von den Syrern entdeckt und verhaftet würde. DeS Griechen Hauptsorge war jetzt, ihr kostbares Leben zu retten. Er versuchte sie zur Flucht zu bewegen, aber selbst seine Bitten konnten die Trauernde von den todten Körpern des Pollux und der Hadassah nicht fortbewegen. Es schien, als ob Sarah die Größe des Verlustes nicht fassen könne. „Was ist hier zu machen?" rief der Grieche voll Verzweiflung. „Wenn die Syrer sie hier finden, ist sie verloren. Die Stadt wird bald lebendig sein, schon höre ich das Dröhnen von Rossehufen." In demselben Augenblicke erschien ein Mann, der ein großes, mit zwei leeren Körben beladenes Maulthier am Zügel führte und im Begriff war, einsam seines Weges weiter zu ziehen. Bet seiner Annäherung erkannte Lycidas zu seiner großen Freude, daß es Joab war, ein Mann, dessen Gesicht er wohl so leicht nicht vergessen konnte, da es von den hervorragendsten Ereignissen in dem Leben des jungen Atheners unzertrennlich war. „Ha l die Frau Hadassah!" rief der Maulthiertreiber in einem Ton des Erstaunens und des Bedauerns, als sein Auge auf den leblosen Körper fiel, an den Sarah sich fest klammerte. „Ich habe Dich früher schon gesehen, ich weiß, daß Du ein guter, zuverlässiger Mann bist," sagte Lycidas schnell, „Du wagtest Dein Leben beim Begräbniß der Märtyrer, Du wirst uns auch jetzt in unserer großen Noth helfen. Lass' uns diese Körper auf Dein Maulthier laden und bringe sie so heimlich und schnell als möglich in das Haus der Hadassah." „Ich wollte alles für meine alte Herrin wagen," entgegnete Joab, „aber was jenen seidegekleideten Syrer anbetrifft, so habe ich nicht Lust, mein Maulthicr mit seinem Leichnam zu beladen." Der Maulthiertreiber sah dabei mit Erstaunen auf den Körper des Pollux. „Wer ist er?" fuhr Joab fort, „und wie kommt es, daß er von den Armen der Frau Hadassah umschlossen ist?" „Mein Vater, — er ist mein Vater!" schluchzte Sarah. „Nimm sie Beide auf!" sagte Lycidas, „wir können sie nicht trennen, und es ist keine Zeit zu verlieren!" Die vereinigten Anstrengungen sämmtlicher genügten kaum, die beiden Körper auf den Rücken des Maulthieres zu heben, welches, obgleich ein großes, starkes Thier, kaum die doppelte Last tragen konnte. Joab nahm seinen großen, groben Mantel und deckte ihn über die Leichname, um sie zu verbergen. Dann nahm er sein Thier am Zügel und führte es stillschweigend vorwärts. „Droht von diesem keine Gefahr?" fragte Hannah den Lycidas, indem sie auf Lysimachus deutete, welcher besinnungslos und, da sein Kopf beim Fall sich stark an einen Stein gestoßen hatte, blutend am Boden lag. Nach einer kurzen Untersuchung überzeugte sich Lycidas, daß der Höfling sich wirklich in einem Zustande völliger Bewußtlosigkeit befand und von dem, was um ihn vorging, nichts merkte. Lycidas wandte sich nun zu Sarah, die, wie eine geknickte Lilie gebeugt, dem Leichnam der Hadassah und des Pollux folgte. Er bot ihr bei dem Gange seine Hilfe an. Sie vermochte dieselbe nicht zurückzuweisen. Eine Todeskälte schien über sie gekommen zu sein, und hätte Lycidas sie nicht gehalten, würde sie auf dem Wege umgesunken sein. Mit sonderbaren Gefühlen dachte Lycidas später an diesen Gang durch Jerusalem. Das Wesen, welches er auf dieser Welt am meisten liebte, lehnte sich auf seinen Arm, zu erschöpft, um seine Hilfe zurückzuweisen. Er war unaussprechlich glücklich, ihr so nahe zu sein. Was aber die Seele des Lycidas am tiefsten bewegte, war eine verzehrende Angst um Sarah und der Wunsch, bald einen Ort zu erreichen, wo er sie bei der drohenden Gefahr geborgen wußte. Entsetzlich langsam erschien ihm der Gang des schwer beladenen Maulthieres, schrecklich lang die Strecke, die noch zurückzulegen war. Der Maulthiertreiber vermied absichtlich den geraden Weg und wählte einen weniger besuchten, der außerhalb der Stadt an den Trümmern der Mauern von Jerusalem vorbeiführte, die Apollonius niedergerissen hatte. Sehr unwillkommen war dem Lycidas das Anbrechen des Tages, das die Stadtbewohner zu neuem Leben erweckte. Jedes menschliche Wesen, das ihnen begegnete, selbst wenn es nur ein Kind war, flößte ihnen Schrecken ein. Der wüthige junge Grieche war voll tödtlicher Angst um ein Wesen, das in seinem Kummer allen Sinn für persönliche Gefahr verloren hatte. Daß die kleine Schaar nur Wenigen begegnete, verdankte sie theils der Klugheit und Geschicklichkett, mit welcher Joab seinen Weg wählte, theils der frühen Tagesstunde, in welcher nur Leute aus ärmeren Klassen in den Straßen sich zeigten, um ihrer Tagesarbett nachzugehen. Fragende Blicke richteten sich zwar oft auf den kleinen Zug, doch lehrte jene Zeit der Gefahr und — 281 — Gefangenschaft jeden eine gewisse Vorsicht und ließ es auch hier gerathen erscheinen, die Neu- gierde zu unterdrücken. Nur einmal ward derMaulthiertreiber angeredet. „Was hast Du denn unter Deinem Mantel, Joab?" fragte ein Weib mit einem großen Krug auf dem Kopf, indem sie, die sonderbare LastdesMaulthieres musternd, stehen blieb. „Ein Bündel der ersten reifenFrüchte, ein Hebeopfer, De- borah," antwortete Joab mit Nachdruck. „Es werden bald mehr, viel mehr niedergehauen werden," sagte daS alte Weib düster, „der Herr wolle sie verderben, die syrischen Schnitter!" Joab sah den besorgten Blick des Atheners. „Fürchte nichts, Fremder, kein Hebräer wird uns verrathen, Deborah ist treu wie Gold, ich kenne sie sehr wohl." In Judäa hat man kein langes Zwielicht; der junge Tag hüpft beinahe mit einem Sprunge auf seinen Thron. Die Erde war lange in Sonnenlicht gebadet,bevor der langsame Zug die einsame Wohnung in den Hügeln erreicht hatte. Wie dankbar warLycidas für die Abgeschiedenheit jenes wilden Ortes; hier war Sarah vor allen Nachstellungen sicher. Hadassah hatte, als sie am vorhergehenden Morgen M W W > ./ 'U ?! 7! W .f v-; MU W -Xd N /k» v ^ kh ^ Z ^ ^ ^ L ^ 8 ^ ^ L v L s 4 4 ! ^ ^ ^ .L ^ ^ z ^ ^ ^ ^ . X? ^8 ^ 8 ^ 8^ 'vX ^ ^ XX' X--X: l ^ ! s 282 voll Angst um ihre Sarah die Wohnung verließ, die Thür verschlossen, aber Hannah hatte den Schlüssel. Mit wie dankbarer Freude würde die hebräische Wittwe ihre Schwelle zum letzten Mal überschritten haben, hätte sie geahnt, daß ihr Kind so bald gerettet zurückkehren würde, wenngleich als eine Trauernde, die ihrem Leichnam folgen würde! Die beiden Körper wurden nun ehrfurchtsvoll auf Matten, die auf dem Fußboden ausgebreitet waren, gelegt. Lycidas ging mit Joab hinaus, um, soweit es die Umstände erlaubten, Vorbereitungen zum Begräbniß zu treffen, welches bei dem heißen Klima nach Gebrauch jenes Landes sehr bald stattfinden mußte. Joab übernahm es, Männer, die ihm helfen würden, ausfindig zu machen. Mit diesen wollte er ein Grab, dicht neben dem der Märtyrer, auswerfen und versprach, nach Mitternacht zu kommen und die Leichen zu holen. ! die Hand an den Zügel seines Maulthieres und ging davon. (Fortsetzung folgt.) -- Goldkörner. Vielen Menschen fehlt es gar nicht an Empfindung, aber an Gefühl. Graf v. Loeben. Wer nicht kann was er will, der wolle was er kann. Die Hrojectirte Eisenbahn Heiligenblut- Glocknerhans. Wit Illustrationen.s Im Laufe des vorigen Sommers wurden auf Grund einer von der österreichischen Regierung ertheilten Vor- Unterer pasterzenkces (Ausblick Lycidas zog Gold hervor, aber Joab weigerte sich, es anzunehmen. „Märtyrer zu begraben, ist ein heiliges Amt und nicht zu gering selbst für die Vornehmsten," sagte der Maulthiertreiber, „aber was jenen Syrer anbetrifft, so habe ich nicht Lust, seine Knochen zu denen der Märtyrer zu legen, und wenn er auch ein Sohn der Hadassah ist. Ich glaube, er war nichts anderes als ein Verräther." „Er fiel," entgegnete Lycidas, „durch die Hand eines Syrers, als er ein hebräisches Mädchen rettete, er starb in den Armen seiner Mutter." Diese Worte waren mit zarter Rücksicht auf die Gefühle Sarah's gesprochen, weil sie, das wußte er, diesen Mangel an Ehrfurcht vor dem todten Körper ihres Vaters schmerzlich empfinden würde. „Versage ihm nicht ein Grab unter seinem Volk." Joab zuckte nur die Achseln zur Antwort, legte Kilometer 7 der projectirten Bahn). concession umfassende Studien zu einer Zahnradbahn von Heiligenblut nach dem Glocknerhaus vorgenommen. Der große Fremdenverkehr im obern Möllthal läßt eine bequeme Verbindung mit diesem, von der Section Klagen- furt des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins Jahrzehnte hindurch mit großen Opfern erhaltenen Schutzhaus längst wünschenswcrth erscheinen. Wir lassen hier eine kurze Beschreibung der interessanten Bahnlinie in Verbindung mit einer Reihe von Abbildungen folgen, die wir dem Vorconcesfionär der projectirten Bahn, Herrn Ingenieur Theodor Schenkel in Graz, verdanken. Die Linie zieht sich an der linken Steillehne des obersten Möllbachs, im Volksmund Pasterzenbach genannt, in einer Länge von 7390 Mir. dahin. Der ge- sammte Höhenunterschied beträgt auf diese Länge 834 Mir., und zwar liegen die Steigungen zwischen 40 Pro- mille und 29 Proc.; es ist deßhalb ein gemischtes Oberbausystem, d. h.^theilweise für ,Adhästonsbetrieb,^ theil- 283 Tunnel durch die Knschkewitzivand. KWK WM weise für Zahnstangenbetrieb (einfache und doppelte Zahnstange), in Aussicht genommen. Mit Rücksicht auf die sehr kostspielige Zuführung von Brennmaterialien und auf die vorhandenen ausgiebigen Wasserkräfte empfiehlt es sich, den elektrischen Betrieb für die Anlage anzuwenden, der überdies den Vortheil bietet, daß Steigungen bis zu 56 Promille noch mit Adhäsion überwunden werden können. Kostspielige Bauten sind trotz der enormen Höhenüberwind- ung nicht erforderlich. An jenen Lehnen, die Steingängen oder jährlich wiederkehrenden Lawinen ausgesetzt sind, wird man Galerien anlegen. Nur zwei bedeutendere Nebenthäler sind zu überqueren: die Thalspalte des Tauernbachs und die des Gutthalbachs, zweier Gletschcrwässer, die zur Zeit des jährlichen Gletscyerrück- gangs bedeutende Wassermengen liefern. Durch die Vortheilhafte Entwicklung der befahrenen Lehne läßt sich die Anlage künstlicher Steigungen vermeiden; nur die Durchquerung der Geierlochwand und der Laschkewitzwand macht zwei kleine Tunnelbauten nöthig, da gerade an diesen Stellen die Lawinengänge häufig find. Die gesammte, im Tunnel liegende Strecke dürfte wohl kaum 100 Mir. überschreiten. Außer der Ausgangsstation Heiligenblut und der vorläufig vorgesehenen Endstation Glocknerhaus find noch zwei Haltestellen, die eine am Gutthal, die andere oberhalb der den Touristen wohlbekannten Bricciuskapelle, geplant, die beide hauptsächlich als Ausweichen dienen sollen. Die Station Het- ligenblut > erhält ein Stationsgebäude, ein«; Reparaturwerkstätte und' ein kleines Frachtenmagazin, die Station Glocknerhaus eine gedeckte Personenwartehalle und eine Wagenremise für zwei Wagen. Der Oberbau der Bahnlinie erhält 1 Mtr. Spurweite und besteht aus zwei Vtgnolfahrschienen, der eingelegten Abt'schen Zahnstange und einer isoltrten Leitungsschiene für den elektrischen Strom. Die verkehrenden Wagen, jeder zu 12 Sitzplätzen, werden mit 50- pferdigen Zwillingsmotoren ausgerüstet; die Fahrgeschwindigkeit kann im Mittel zu 10 Kilomtr. in der Stunde angenommen werden, was mit Anrechnung des Aufenthalts auf den Zwischenstationen eine Fahrzeit von 1 Stunde 5 Min. für die Bergfahrt ergibt. Freiwand. Fuscherkar. Glocknerhaus. Wasserrad Rächerin. WWW -§r' s-) Trare-Enln-ieklung an den oberen Dreterwänden. 284 Die Einnahmen der Bahn ergeben sich aus dem Personenverkehr, der Gepäckbeförderung, der Verprovian- tirung der umliegenden Schutzhäuser sowie der am Paster- zenboden zu errichtenden Alpcnhotels, endlich aus dem Transport landwirthschaftlicher Erzeugnisse, d. i. von Holz und Futter. Dementsprechend wird der Verkehr etwa vom 1. Juni bis Mitte November aufrechterhalten werden müssen, was bei den günstigen Witterungsver- verhältnissen des Spätherbstes auch zu ermöglichen sein dürfte. Der Personenfahrpreis würde sich auf 25 Kr. ö. W. für daS Kilometer stellen, sodaß auf die Bergfahrt der mäßige Betrag von 1 Fl. 85 Kr. für die Person entfallen würde. Bei dem voraussichtlichen jährlichen Fremdenverkehr von etwa 16 000 Personen dürfte die Bahn eine genügende Rente abwerfen. Zur Kraftgewinnung läßt sich entweder der Abfluß des Letterthals oder der des Gößnitzthals verwenden, und zwar an jenen Stellen, wo die Gewässer in mächtigen Fällen von der rechten Lehne in das Möllthal stürzen. Der gesammte Kapitalsaufwand für die Bahnlinie berechnet sich auf 380000 bis 400000 Fl. ö. W. Für die Folge ist eine Fortsetzung der Bahnanlage durch das Leiterthal bis zur Erzherzog-Johann-Hütte auf der Adlersruhe geplant, und dann soll auch Heiligenblut mit der Südbahnlinte Marburg-Franzensfeste durch eine elektrische Kleinbahn verbunden werden, die etwa 40 Kilometer Länge haben und nur am Jselberg auf einige Kilometer Zahnstangenbetrieb erfordern würde. Die elektrische Kraftstation könnte in der Nähe der Ortschaft Winklern am Möllfluß errichtet werden. Vorläufig, d. h. bis zur Ausführung der eben erwähnten Möllthal- bahn, ist die Einrichtung eines regelmäßigen Wagenverkehrs mit zweimaligem Pferdewechsel geplant. ES würde die Aufgabe einer Transportunternehmung sein, die nöthigen Straßenverbesserungen und -Verbreiterungen an der jetzigen Bezirksstraße durchzuführen. Außerdem müßte durch eine größere Hotclanlage in Heiligenblut dem jedenfalls verdreifachten Frcmdenzuzug Rechnung getragen werden. Die für den Wagenverkehr, die Straßenverbesserungen und Hotelanlagen nöthigen Kosten würden sich auf etwa 300000 Fl. ö. W. belaufen. Hoffen wir, daß sich diese Pläne bald verwirklichen lassen, denn die großartigen Naturschönheiten des Möll- thals und der Glocknergruppe verdienen es sicherlich, dem großen Strom der Reisenden erschlossen zu werden. -—- Allerlei. Frauenberufe in England. Dem englischen Parlament ist soeben eine Berufsstatistik aus den Volkszählungsjahren 1871, 1881, 1891 zugegangen. In derselben findet man sehr interessante Aufschlüsse über den Fortschritt, den die Frauenberufe in England gemacht haben. Im Jahre 1871 waren als öffentliche Beamte 5000 Frauen angestellt, 1891 waren es 8546. Im Jahre 1871 gab es wohl schon weibliche Studenten der Medizin, aber keinen ausübenden weiblichen Arzt. Im Jahre 1881 praktizierten 29, im Jahre 1891 schon 101 Aerztinnen. In letzterem Jahre findet man zum ersten Male zwei Thierärztinnen. Die Zahl der Krankenwärterinnen dagegen belief sich auf 53,000. Unter der Bezeichnung „Schriftsteller, Redakteure und Journalisten" verzeichnet im Jahre 1891 die Statistik 660 Frauen, gegen 452 im Jahre 1881 und 225 im Jahre 1871. Speziell als „Reporter" bekannte sich 1871 noch keine Frau. Zehn Jahre später thun dies 15, zwanzig Jahre später 191. Am rapidesten ist die Zahl der Künstlerinnen gestiegen. Im Jahre 1881 waren in England 1960 Malerinnen, Nadirerinnen und Bildhauerinnen. Bis 1891 war die Zahl auf 3032 angewachsen. Die Zählung vom Jahre 1891 erwähnt zum ersten Male Architektinnen, und zwar 19. Endlich erscheinen in der Statistik von 1891 nicht weniger als 19,000 Musiklehrerinnen und 3698 Schauspielerinnen. * Ueberall, wo man auf das Zifferblatt einer Uhr sieht, kann man sicher sein, daß auf demselben, wenn mit römischen Ziffern versehen, die Vier durch das Zeichen IIII, nie aber durch das sonst allgemeine Zeichen IV markirt ist; ein Umstand, der wohl noch von den Wenigsten beachtet worden ist. Dieser merkwürdige allgemeine Gebrauch wird auf Kaiser Karl V. zurückgeführt, welcher ein besonderer Liebhaber von eigenartig gestalteten Uhren war; bis zu dessen Zeiten sollen die Zifferblätter durchweg mit der „IV" versehen gewesen sein, während der Kaiser bei allen seinen Uhren die andere Form der IIII verlangte. Da nun alle Uhrmacher wetteiferten, dem Herrscher, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, kostbare Uhren zu verehren, so wurde die erwähnte Art der Vier bald typisch und erhielt sich in alleiniger Form bis heute. Mitgetheilt vom Internationalen Patent-Bureau Carl Fr. Reichest, Berlin HIV. 6.^ --«««cs—- Trost am Multerherzen. (Zu unserem Bild Seite 279.) „Ich wollte kein Wort dir sagen, Es schmerzt so sehr, Und kann's doch allein nicht tragen, Ich kann's nicht mehr! Du sabest mein Glück, ob es nimmer Ein Wort verrieth Nun, Mutter, ist's aus für immer, Verhallt das Lied." „„Mein Kind, was dein Herzchen gestritten So stumm allein, Ich hab' es mit dir gelitten In tiefer Pein. Nun lerne, Liebling, dich fassen; Der Schmerz verzehrt; — Der Falsche, der dich verlassen, War dein nicht werth!"" „Mutter, ach, könntest du's fühlen, Wie weh das thut! Willst du die Wunde mir kühlen, Sei still — lei gut! Laß leise den Kopf mich schmiegen In deinen Schoß, Ein Weilchen am Herzen dir liegen, Ein Weilchen bloß!" Und stille ward's in der Kammer. Die Mutter litt Des Lieblings unsäglichen Jammer Verzehnfacht mit. Sie hat mit zärtlichem Neigen Sie leis gekost. So ward ihr Weinen und Schweigen Des Mägdleins Trost. Frieda Schanz. ---EZS-- -U 38. Ireitag, den 6 . Mai 1.896. Kür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttlcr). Audas Makkaöäus, Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. ColoniuS. (Fortsetzung.) In der folgenden Nacht befand sich LyctdaS wieder in dem Olivenhain. Er stand unter demselben Baum, dessen Zweige ihm, als er Sarah zum ersten Male sah, Schutz gewährten. Der Erdboden war infolge der langen Dürre sehr hart. Dem Joab und seinen Gefährten, die er sich zur Hilfe mitgebracht hatte, verursachte eS große Mühe, den Boden auszuwerfen. „Wenn wir jetzt den starken Arm des Makkabäus zur Hilfe hätten," sagte einer der Männer, indem er inne hielt, um sich die Schweißtropfen von seiner Stirn zu wischen. „MakkabäuS macht jetzt Gräber für seine Feinde, nicht für seine Freunde," war die ernste Antwort des Maulthiertrcibers. Dicke, schwere Wolken bedeckten den Himmel, nicht ein Windhauch bewegte sich, die Luft war drückend und schwül, selbst in jener Mitternachtsstunde. Eine kleine Fackel war das einzige Licht, welches die Todtengräber bei ihrem gefährlichen Werk zu benutzten wagten. In beinahe vollkommener Finsterniß wurden die Ueberreste Hadassah's und ihres unglücklichen Sohnes in den Staub gelegt. Kein silbernes Mondlicht schien durch die Stämme der Olivenbüume, noch war Sarah gegenwärtig, um Blumen in das offene Grab zu streuen. Ihre Körperkräfte waren endlich unter den langen Leiden, die sie zu erdulden gehabt hatte, gewichen. Das arme Mädchen lag in ihrer verlassenen Wohnung darnieder, zu krank selbst, um zu wissen von der Beerdigung derer, die sie, so lange sie dessen fähig gewesen, bewacht und beweint hatte. Es war für Lycidas eigenthümlich, auf diese Weise der einzige Stellvertreter von Hadassah's Familie bei ihrem und ihres Sohnes Begräbniß zu sein — er, der nicht nur kein Verwandter, sondern auch anderer Religion, mit einem Wort, ein Ausländer war, aber dieses Vorrecht schätzte er so hoch, daß er es nicht für den höchsten Ehrenplatz bei den prachtvollsten Feierlichkeiten der Welt hingegeben haben würde. Als das Grab über Hadaffah und ihrem Abner sich schloß, öffneten sich die Wolken und der lange, lange ersehnte Regen strömte hernieder. Der versengte, trockene Rasen schien neues Leben zn trinken das welke Laub schien sich zu beleben. Die ganze Natur erfreute sich dieser Himmelsgabe. Als die Sonne aufging, tröpfelte wieder das Wasser aus dem Quell hinter Hadassah's Wohnung. Die Oleander waren noch nicht todt, sondern erblühten in neuer Schönheit. 29. Kapitel. Der Trauernden Heimath. Ich gehe nun über die Begebenheiten mehrerer Monate leicht hinweg. Der Sommer ging mit seiner großen Hitze und seinen heißen Winden vorüber. Dann kamen starke Nachtthaue, und die Tageshitze nahm ab. Der Herbst näherte sich, aber wenige Bewohner Jerusalems hatten den Muth, die Festzeiten zu berücksichtigen. Die Zeit des Laubhüttenfestes nahte heran, und niemand wagte, die blätterreichen Hütten von Palmen und Weiden zu errichten, um darinnen eine Woche fröhlich, wie früher zuzubringen. Früh im Sommer hatte Antiochus Epiphanes Judäa verlassen, um nach Persien, wo er einen Aufstand zu unterdrücken hatte, zu gehen. Dieser war infolge seiner Grausamkeit ausgebrochen. Die Abwesenheit des Tyrannen hatte in etwas die Heftigkeit der Verfolgung gegen solche Juden, die dem Gesetz Mofis zu gehorchen bestrebt waren, gemildert, doch wagte noch niemand, jüdischen Gottesdienst in Jerusalem zu halten, und das Bild des Jupiter Olympias entheiligte immer noch den Tempel auf dem Berge Zion. Judas Makkabäus bot dem Feinde im südlichen Judäa kühn die Stirn. Die Macht seines Namens fühlten die reichen Weidelande, die Hebron umgaben, bis an die schöne Ebene am Südosten des todten Meeres. Soweit der Einfluß des Hasmonäers reichte, wurden Felder angesäet und im Herbst in Frieden abgeerntet. Der Landmann folgte seinem Gespann, der Hirte seiner Heerde. Mütter freuten sich ihrer Kinder, die sie nun ohne Furcht dem Herrn darbringen konnten. Aber von neuem zog eine schwere, von AntiochuS gesendete Kriegswolke heran. LystaS, der Beherrscher der westlichen Provinzen, hatte auf Befehl des Antiochus eine sehr große Kriegsmacht um sich gesammelt, ein Heer, viel größer noch als das, welches Nikanor geführt hatte, und Syrien sammelte wieder seine Horden, um durch Uebermacht den JudaL und sein kleines Heer zu vernichten.- 286 Und wie hatte Sarah dieses letzte halbe Jahr zugebracht? Sehr langsam und sehr schwer war ihr die Zeit vergangen, wie sie gewöhnlich denen vergeht, die ein großes Leid im Herzen tragen. Tief, sehr tief trauerte Sarah um Hadaffah, die ihr mehr als eine Mutter gewesen, ihre Rathgebertn, ihre Führerin. Viel weinte auch Sarah um ihren Vater, obgleich eine wehmüthige Freude diesem Kummer sich beimischte. Tausendmal wiederholte sie sich seine Segensworte, — tausendmal dankte sie Gott inbrünstig, daß er sie und ihren Vater zusammengeführt. Die Worte des Lysimachus hatten ihr Herz von dem, was es sonst schwer bedrückt haben würde, erleichtert. Jene Worte sagten ihr, daß Pollux ein verurtheilter Mann war, daß ein Abfall ihrerseits fein Leben nicht gerettet haben würde, und daß, wenn er nicht von dem Dolch des Syrers starb, er unwiderruflich dem Beil des Scharfrichters verfallen mußte. Und wäre Pollux auf solche Weise umgekommen, so würde jener Hoffnungsschimmer, der, in Sarah's Augen wenigstens, auf Abner's Grabe ruhte, nicht vorhanden gewesen sein. Sarah verließ nie den Umkreis ihrer abgeschiedenen Wohnung, außer, wenn sie das Grab besuchte. Wohin sie ging — so oft sie sich hinauswagte, war sie von der treuen Hannah begleitet. Kein fremder Fuß überschritt jemals ihre Schwelle. Sarah's einfache Bedürfnisse wurden immer befriedigt. Hannah veräußerte in Jerusalem den Flachs, den ihre junge Gebieterin gesponnen, sobald sie hinreichende Kraft fühlte, um ihre bescheidenen häuslichen Arbeiten wieder vorzunehmen. Während der Krankheit des Mädchens hatte Hannah heimlich jene kostbaren Pergamentrollen, von welchen Hadaffah eine Abschrift gemacht hatte, verkauft und dafür einen Preis bekommen, der sie in den Stand setzte, der Kranken für viele Wochen jede Bequemlichkeit, deren sie bedurfte, ja manchen Luxus zu verschaffen. Die Abschriften entstanden selbst von einer Hand, die nun im Grabe ruhte, und Sarah zählte sie zu ihrem kostbarsten Besitzthume. Ihre liebste Beschäftigung war, in ihnen zu lesen, über ihnen zu beten und den Inhalt ihrem Gedächtniß einzuprägen. Sarah hatte nicht die Mittel zu einer längeren weiteren Reise, wenn sie dieselbe nicht zu Fuß machen wollte, sie hätte denn einige Juwelen, die sie von ihren Eltern geerbt hatte, veräußern müssen. Aber hierzu konnte sie sich nicht entschließen, da sie ihr zu theuer waren, auch fürchtete sie, daß durch den Verkauf der Edelsteine ihr Zufluchtsort leicht entdeckt werden könne. Hannah war wohl als Dienerin treu, aber als Rathgebertn nicht zuverlässig, und ihre junge, schüchterne, sanfte Gebieterin fühlte sich so ohne jeden Schutz und Führer nicht stark und muthig genug, um eine so gefährliche Reise von Jerusalem nach Bethsura zu unternehmen. Die Nothwendigkeit, den Schutz deS Makkabäus aufzusuchen, falls Rahel nicht mehr lebte, vergrößerte noch ihre Unlust, ihren jetzigen Zufluchtsort zu verlassen. Das Mädchen erinnerte sich noch zu gut dessen, was Hadaffah ihr hinsichtlich ihrer Vereinigung mit Judas eröffnet, um nicht zu fühlen, daß es äußerst peinlich für sie werden würde, wenn sie sich an die Güte ihres braven Verwandten wendete. Sarah hätte ihm um alles nicht sagen können, warum ihr der Gedanke einer Vereinigung mit ihm verhaßt und warum sie abgeneigt war, die Wünsche des MattathiaS und der Hadaffah zu erfüllen. Während Makkabäus oft eine fast unüberwindliche Sehnsucht fühlte, Sarah noch einmal zu sehen, schauderte diese bei dem Gedanken an den hebräischen Führer. Eine große Liebe fesselte auch die Waise an das Grab ihrer Eltern und an den Ort, wo sie ihre Kindheit verlebt hatte; liebe Erinnerungen knüpften sich beinahe an jeden Gegenstand, auf dem ihr Auge ruhte. Diejenigen, denen die Gegenwart eine dornige Einöde und deren Blick in die Zukunft durch düstere Nebel getrübt ist, verweilen lieber als andere bei freundlichen Bildern, die das Gedächtniß in der Vergangenheit erblickt. Es ist der Jugend so natürlich, in die Zukunft zu schauen, Sarah dagegen blickte, was ihr Leben auf Erden anbetraf, nur zurück. Welch ein Segen war es für sie, daß sie es mit einem so wenig beunruhigten Gewissen thun konnte. Wer nicht den Werth eines Schatzes erkannt, bis die Zeit das verachtete Gut hinwrggefpült, trägt selbst die Schuld an dem Elend, das er fühlt und macht sich die Welt zu der Wildniß, die sie ist. Als der Winter heranzog und die Zeit der Weinlese vorüber war, die Blätter fielen und die Luft nach Sonnenuntergang kälter wurde, traten Umstände ein, welche eine Veränderung in dem einförmigen, ruhigen Leben Sarah's herbeiführten. Der Sturm des Lebens war im Begriff, eine andere Wendung zu nehmen und sie neuen Prüfungen auszusetzen. 30. Kapitel. Veränderungen. Eines Abends gegen Sonnenuntergang, als Sarah allein an ihrem Rade saß und die Rückkehr Hannah's aus der Stadt erwartete, wurde sie dadurch erschreckt, daß eine Hand leise an ihre Thür klopfte. Die Hand war nicht der Hannah gehörig; denn diese hatte bet ihrer Rückkehr stets eine besondere Art, ihr Erscheinen kund zu geben. Da niemals ein Besucher in Sarah's Wohnung kam, war es kein Wunder, daß diese bei dem ungewohnten Geräusch erschrak, besonders als sie ihre gewöhnliche Vorsicht, in Hannah's Abwesenheit die Thür zu verriegeln, versäumt hatte. Als das junge Mädchen hastig aufstand, um das Versäumte nachzuholen, wurde die Thür von außen geöffnet und Lycidas stand vor ihr. Das Gesicht deS Griechen drückte Angst und Unruhe aus. „Vergib mir mein Eindringen," sagte Lycidas, indem er sich höflich vor dem erstaunten Mädchen verneigte, „allein die Sorge um Deine Sicherheit zwingt «ich, die Zusammenkunft zu suchen. Ich sah heute LysimachuS, den syrischen Höfling — wie wir zusammentrafen und weßhalb er mir das sagte, was ich im Begriffe bin, Dir zu eröffnen, thut nichts zur Sache, und ich werde mich kurz fassen: Lysimachus erzählte mir, daß nach Mittheilungen, ^die er erhalten hätte — wie, das weiß ich nicht — er Ursache hätte, zu vermuthen, daß das Mädchen, welches vor ungefähr einem halben Jahre von Antiochus zum Tode verurtheilt worden wäre, falls sie sich weigerte, von ihrem Glauben abzufallen, in einem einsam liegenden Häuschen im Osten von Jerusalem wohne. Der Syrer erklärte, daß er die Absicht habe, morgen früh jeden Fleck, der möglicherweise dem Mädchen als Zufluchtsort dienen könne, sorgfältig durchsuchen zu lassen und, wenn sie gefunden würde, 287 sie zu ergreifen, um sie dann als Gefangene nach Persien zu dem erbarmungslosen Tyrannen, dem er diene, zu schicken." Sarah wurde bei dieser Nachricht sehr blaß. «Du mußt diese Nacht noch fliehen, theures Mädchen," sagte LycidaS, «diese Wohnung bietet Dir keinen Schutz mehr." „Wohin kann ich fliehen und wie?" murmelte die Waise, «ich habe keinen Freund hier, außer —" Sarah zögerte und LycidaS beendete den Satz. „Außer dem Einen, dem Dein leisester Wunsch Befehl ist, dem jedes Haar auf Deinem Haupte theurer als sein Leben istl" rief der Athener. «Sprich nicht so zu mir, LycidaS," sprach Sarah tn bittendem Tone, «Du kennst zu gut die unüber- steigliche Kluft, welche uns trennt." „Nicht unübersteiglich, Sarah!" rief der Grieche. «Sie ist beseitigt, ich habe sie überschritten, sie trennt uns nicht mehr. Höre mich, Tochter Abrahams! Viel habe ich gelernt, seit ich diese Schwelle überschritt, viel habe ich geforscht in Euren Schriften, schon lange habe ich heimlich die Weisen befragt und mich von ihnen unterrichten lassen in Eurem Glauben. Ich bin nun überzeugt, daß es nur einen Gott gibt, einen Gott, der sich selbst dem Abraham offenbart hat: ich habe jedem heidnischen Aberglauben entsagt, ich handle in allen Dingen nach dem GesiO- Mosis, ich bin als ein völlig Bekehrter in die jüdische Religion aufgenommen und bin nun, wie Achior der Ammoniter, außer Namen und Geburt, in allen Dingen ein Hebräer." Sarah konnte einen Ausruf des Entzückens nicht unterdrücken, ihr ganzes Gesicht war überstrahlt von einem Ausdruck glückseliger Freude, die einen Widerschein auf den, der vor ihr stand, warf. In jenem wonne- vollen Moment fühlte LycidaS, daß er geliebt wurde. «O Freude!" rief Sarah, indem sie ihre Hände faltete, „dann bist Du also auch in den heiligen Bund aufgenommen und wirst zu den Kindern Abrahams gezählt! Dann darf ich auf Dich wie auf einen Brudex sehen!" „Kannst Du nicht auf mich wie auf etwas mehr als einen Bruder sehen, Sarah?" rief der Athener. „Kannst Du nicht fliehen, — da Du doch fliehen mußt von diesem gefährlichen Ort — unter dem Schutze eines liebenden. Dir verlobten Gatten?" Sarah erröthete, zitterte, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und sank auf den Divan, von welchem sie sich erhoben hatte, als sie das Anklopfen des Griechen gehört hatte, zurück. LycidaS wagte eS, sich neben sie zu sehen, eine ihrer Hände zu nehmen und sie zuerst an sein Herz, dann an seine Lippen zu drücken — denn er hielt Sarah'tz Stillschweigen für Zustimmung. Aber das Gesicht des Mädchens trug nicht den Ausdruck ungetrübten Glückes, sie fühlte sich beunruhigt und war unschlüssig über das, was sie thun sollte. Sie bedeckte wieder ihr Gesicht mit den Händen und murmelte: „O, daß meine Mutter hier wäre, mich zu leiten!" „Hadassah würde eine» Bekehrten, den die Nettesten angenommen haben, nicht zurückstoßen, sie war zu großherzig und zu gerecht," sagte LycidaS enttäuscht und etwas verletzt durch die Zweifel, welche augenscheinlich das Gemüth des Mädchens beunruhigten. „Höre nun, «eine Sarah," fuhr er fort, „den Plan, welchen ich zp Deiner Flucht entworfen. Ich habe schon mit dem treuen Joab Vorkehrungen getroffen. Er wird eine Stunde nach Mitternacht eine Pferdesänfte bringen, welche Dich und Deine Magd aufnehmen und fortbringen wird. Ich selbst werde mich bewaffnen und zu Rosse Dich begleiten. Wir werden zunächst unsem Weg nach der Küste zu nehmen. In Joppe werden wir, so hoffe ich, ein Schiff finden, dessen weiße Flügel uns bald in mein schönes, herrliches Vaterland bringen werden, wo Liebe, Freiheit und Glück meine schöne Braut erwarten." Einige Minuten lang gab Sarah keine Antwort. Wie verlockend war die Aussicht, die sich da so plötzlich vor ihr öffnete, strahlend in rosigem Licht, wie die Wolken beim Sonnenaufang. Dann zeigte Sarah ihr Antlitz wieder, aber ohne es zu erheben oder LycidaS anzublicken, und sagte mit vor Bewegung zitternder Stimme: „Hadassah, meine Mutter, würde es für unschicklich befunden haben, wenn ein Mädchen aus ihrem Vaterlande in ein Land, wo Gott weder bekannt ist, noch angebetet wird, unter dem Schutze eines Mannes, der nicht zu ihrer Verwandtschaft gehört, flieht." «Ich glaubte, Du hättest keine Verwandten, Sarah," sagte LycidaS, „und es wäre von Deiner Familie niemand übrig geblieben» dessen Schutz Du suchen könntest." «Ich habe — oder hatte — eine alte Verwandte, Nahel von Bethsura," antwortete Sarah, „welche, wenn sie noch lebt, mich in ihrer Heimath aufnehmen wird. Demnächst sind die hasmonäischen Brüder meine Verwandten." «Die edelste Familie des Landes!" rief der Athener. „Wenn es denn wirklich unmöglich für Dich ist, mit mir nach Griechenland —" „Nicht unmöglich, aber unrecht," warf Sarah sanft ein. „ES wäre gegen den Willen meiner Mutter, deren Wünsche mir jetzt heiliger sind, denn je." „Dann werde mein in Deinem eigenen Vaterlande l" rief LycidaS, «wo ich zeigen werde, daß ich verdiene. Dich zu gewinnen. Werden der edle Judas und seine Brüder mich für unwürdig halten, mich mit einer ihres Stammes zu verbinden, wenn ich mein Schwert derselben Sache weihe, für welche sie kämpfen, einer Sache, die ebenso glorreich ist, als die, für welche mein Vorfahr bei Marathon starb?" Noch wollte die Wolke deS Zweifels nicht von Sarah's Stirn weichen. Es gab noch ein Hinderniß, welches dem LycidaS zu offenbaren ihr schwer wurde. Endlich sagte sie schüchtern, indem ihre Wangen sich mit einer Purpurröthe überzogen: „Soll ich ganz aufrichtig gegen Dich sein, LycidaS?" „Ganz," antwortete der Athener mit peinlicher Be- sorgniß im Herzen. „Meine geliebte Großmutter ist zur Ruhe, ich kann ihre theure Stimme nicht wehr hören, aber sie hat mich über ihre Wünsche und Pläne nicht in Unwissenheit gelassen," sagte Sarah. „Ich glaube — ich bin sogar ganz gewiß," — Sarah konnte tn ihrer Verwirrung kaum deutlich genug für das Ohr des LycidaS sprechen, der sich bemühte, keines ihrer Worte zu verlieren — „sie hat «ich für einen Anderen bestimmt, ich weiß nicht einmal, ob ich nicht schon verlobt bin." LycidaS konnte sich kaum eines leidenschaftlichen Ausrufes enthalten. „Es war böse — grausam — schändlich I" rief er, „so über Deine Hand zu verfügen, ohne Deine Zustimmung!" „Solche Worte dürfen niemals gebraucht werden gegen etwas, was sie that. Die treue Mutter hatte stets das Glück und die Ehre ihres Kindes im Auge. Sie würde mir niemals eine Ehe aufgedrungen haben, gegen die mein Herz sich empörte, aber sie machte mich mit ihren Wünschen bekannt, und an dem letzten Tage, an welchem wir zusammen waren" — die Thränen flössen reichlich aus Sarah's niedergeschlagenen Augen, indem sie fortfuhr — „an jenem verhängnißvollen Tage, bevor ich sie verließ, um dem Passahfeste beizuwohnen, beauftragte sie mich bet der Liebe, die ich für sie hegte, niemals einen wichtigen Schritt im Leben zu thun, ohne vorher ihn, den sie für «einen besten irdischen Beschützer hielt, um Rath zu fragen." „Und wer wag dieser Anserwählte sein?" fragte LycidaS beinahe heftig, während eine qualvolle Eifersucht sich in seinem Innern regte, als er den Namen seine- Nebenbuhlers zu hören wünschte. Sarah murmelte: „Judas MakkabäuS." „Judas Makkabäus!" rief der junge Grieche in die Höhe springend, ebenso bei dem Klänge dieses Namens beunrnhtgt, als die Krieger von Nikanor. Lycidas hatte die Laufbahn des hebräischen Helden mit der begeisterten Bewunderung betrachtet, wie solche nur edle, nur poetische Naturen, gleich der seinigen, empfinden. Die Geschichte deS Makkabäus erschien dem Griechen wie ein Heldenspicl. Im Charakter, im Ruhm schwebte Judas in seinen Augen wie ein Riese über allen anderen Menschen seines Zeitalters. Lycidas war dem Anführer nur einmal im Leben begegnet, aber bei diesem einen Zusammentreffen mit Judas hatte Lycidas Eindrücke empfangen, die ihm Makkabäus mehr als ein Wesen, gleich dem der Halbgötter, von welchen die Dichter sangen und die man anbeten mußte, erscheinen ließen. Er war in den Augen des begeisterten Dichters eine lebende Verkörperung deS „Heldenmuthes der Tugend." Der Grieche hatte niemals vorher daran gedacht, daß Makkabäus menschlichen Leidenschaften unterworfen fein könne, und daß er ebensowohl versuchen könne, eines WeibeS Herz zu gewinnen, als über seine Feinde den Steg davonzutragen. Der Gedanke, ihn zum Nebenbuhler zu haben, erfüllte den jungen Athener beinahe mit Verzweiflung. Es schien mehr als vermessen, mit einem Gegner, wie diesem, die Arena zu betreten. Lycidas war überzeugt, daß, hätte Antiochus Epiphanes die Krone von Syrien zu Sarah'S Füßen gelegt, sie dieselbe zurückgewiesen haben würde; aber athmete ein Mädchen in Judäa, das anders als mit Stolz die dargebotene Hand eines solchen Helden angenommen haben würde — eines Helden, der gegen andere Sterbliche war wie der schneegekrönte Libanon gegen einen Maul- wurfshngel. Sarah fühlte, daß ihre Enthüllung dem Gemüth des Lycidas mehr Unruhe verursachte, als sie beabsichtigt hatte, oder als gerechtfertigt werden konnte durch den wirklichen Stand der Beziehungen zwischen ihr und dem hebräischen Führer. Sie beeilte sich, die Befürchtungen des Griechen zu beseitigen. „Ich verehre Makkabäus," sagte das Mädchen, „ich fetze das höchste Vertrauen in seine Weisheit und seine Ehre, aber persönlich ist Judas mir nicht mehr, wie einer seiner Bruder." Lycidas athmete erleichtert aus. Dankbar für die Ermuthigung, welche er in diesem Geständniß fand, nahm der Grieche seinen Platz wieder an Sarah's Seite ein. „Was willst Du denn bei Makkabäus?" fragte er. „Ich muß ihn um Rath fragen, wie Hadassah mir befohlen," sagte das Mädchen, „er muß alles wissen, was mich angeht, es ist mir, als ob er jetzt Vaterstelle an mir verträte." Die Gemüthsstimmung des Lycidas hob sich bet diesem Worte. Sein Herz füllte sich mit neuer Hoffnung. „Unser erstes Ziel, Geliebte," sagte er, „muß nun sein, Deine Person in Sicherheit zu bringen. Da Du keine Zuflucht in Attika suchen willst, wollen wir unseren Weg südwärts richten, was ja auch Dein Wunsch ist, und Deine alte Verwandte in Bethsura aufsuchen. Ich wollte, sie wohnte in einer anderen Gegend als Bethsura; denn diese Stadt hat eine syrische Besatzung, daS Heer deS LystaS ist unterwegs und das südliche Judäa wird so von kriegerischen Banden beunruhigt, daß das Reisen sehr unsicher dort ist. Hast Du in Galiläa keine Freunde und Verwandten oder an der Küste?" Sarah schüttelte den Kopf. „Ich weiß von niemand," sagte sie. „Nahe! wohnt nicht in Bethsura, sondern nahe dabei an einem abgelegenen Ort, daß der Feind ihn kaum finden wird. Wenn das Land von bewaffneten Banden beunruhigt wird, so sind dies die Männer des Makkabäus, und von diesen haben wir nichts zu befürchten." Obgleich Lycidas nicht wenig enttäuscht darüber war, daß er seinen Plan, Sarah nach der Küste und dann nach Attika zu bringen, hatte aufgeben müssen, so konnte er doch ihre Bedenken nur ehren und mußte gestehen, daß der Weg, für welchen sie sich entschieden, nicht nur der beste, sondern auch der weiseste sei. Sie kamen nun dahin übercin, daß Sarah unter dem Schutze deS Lycidas zu der zuerst von dem Griechen vorgeschlagenen Stunde reisen, aber daß ihr Ziel anstatt Joppe Bethsura sein sollte, welchen Ort sie, wenn sie die ganze Nacht reisten, vor der Morgendämmerung erreichen konnten. Während Sarah mit Lycidas über diese Vorkehrungen berieth, kehrte Hannah von Jerusalem zurück. Das Gesicht der treuen Dienerin verrieth die größte Angst. Eine Warnung, die sie von einer hebräischen Bekanntschaft erhalten, machte sie über die Sicherheit ihrer Herrin unruhig. „Q Gott, die Hunde sind dem Wilde auf der Spur." Herzlich froh war die Magd, als sie hörte, daß der athenische Herr gekommen sei, um die Flucht Sarah's zu bewerkstelligen, und daß seine Talente, sein Muth und das Gold, welches er reichlich spendete, die Schwierigkeiten, die ihrer Flucht hinderlich fein könnten, beseitigen würden. (Fortsetzung folgt.) ---i-AL-i-»-- Goldkörner. Zwischen Lipp' und KclcheSrand Schwebt der finstern Mächte Hand. Fr. Kind. —s-- Der schwarze Diamrmt. Aus dem Englischen von Emma Hanrieder. Nachdrul velbote». ES war ein trüber Frühlingsmorgen. Der Dampfer „Nelson", der vor vier Wochen Calcutta verlassen hatte, kam nun in Sicht von Southampton. Die Leute auf dem Ausguck hatten das Land gesehen, lange bevor das ungeübte Auge eS selbst durch ein Glas bemerken konnte. Allein als die Morgennebel zerflossen, erschien ein langer Küstenstrich, und bald waren der Hafen und seine Umgebung deutlich sichtbar. Viele Passagiere hatten sich auf dem Deck versammelt, um einen ersten Blick auf das Land zu werfen. ES waren darunter sonnverbrannte Soldaten, von denen einige ihr Vaterland seit Jahren nicht mehr gesehen, und die über die Veränderungen nachdachten, welche die Zeit in ihrer Heimath mit sich gebracht haben mochte. Es befanden sich dabei zarte, blonde Kinde?, von besorgten Müttern bewacht, deren Herzen sich zufammenkrampften beim Gedanken an die zurückgelassenen Gatten, beim Gedanken an die Kleinen, die sie, ach, so bald, der Obhut Fremder übergeben sollten. Als ich daneben stand und die aufgeregten Gesichter, die alle nach einer Richtung schauten, beobachtete .sagte ich mir, daß vielleicht keines von ihnen so froh sein würde, das Ziel unserer Reise zu erreichen, als ich. Gewöhnlich denkt ein jeder auf diese Weise, denn die eigenen Angelegenheiten scheinen uns immer viel wichtiger zu sein als die Anderer. Für mich war gewissermaßen dieser egoistische Gedanke berechtigt, denn für mich bedeutete die Landung in Southampton mehr, als bloß eine glückliche Ueberfahrt von Indien nach England, nämlich das Erreichen eines Zieles, welches seit Monaten der Gegenstand all' meiner Hoffnungen nud Gedanken war. Mit dieser Landung war eine Mission, von welcher meine ganze Zukunft abhing, glücklich beendet. An ihr hing für mich in der That die Entscheidung zwischen Erfolg und Mißlingen. Während der fünfnnddreißig Jahre meines Lebens hatte ich mancherlei durchgemacht, aber nichts, das mir soviel Angst eingeflößt hätte, als diese Reise von Calcutta nach Southampton. Meine Miipassagiere auf dem Dampfer hatten keine Ahnung, welch' ungeheure Verantwortlichkeit auf mir lag — daß, wenn ich ein nasses Grab gefunden hätte, 80 000 Psd. Sterling mit mir in die Tiefe gegangen wären, daß Braffingion, die wohlbekannte Londoner Juwelenhandlung, nicht im stände gewesen wäre, einen königlichen Auftrag, nämlich Lieferung eines Hochzeiisgeschenkes für eine Prinzessin auszuführen. Seit mehr als zehn Jahren war ich in dem Geschäfte der Herren Brassington angestellt, und obwohl man mir dort immer das größte Vertrauen geschenkt hatte, so erblickte ich doch in meiner Sendung nach Indien, wo ich den Ankauf eines historischen, einem reichen Najah gehörigen Diamanien abschließen sollte, die höchste Auszeichnung, deren ich mich je zu erfreuen hatte. Ich erinnere mich noch lebhaft des Entzückens, das ich empfand, als der ältere Brassington, der Chef der Firma mich auf sein Zimmer kommen ließ und, nachdem er über die Unterhandlungen wegen deS Diamanten gesprochen, zu mir sagte: „Herr Fenton, wir haben beschlossen, Sie mit der verantwortlichen Aufgabe zu betrauen, ihn aus Indien zu holen." Meine Kollegen, wenn auch etwas neidisch öö« meine Bevorzugung, überhäuften mich mit Glückwünschen und erklärten, daß der „alte Dick" auf dem besten Wege sein Glück zu machen! Meine Gedanken waren in der That ähnlicher Natur, denn, falls ich weine Mission erfolgreich ausführte, würde ich voraussichtlich nie wieder zu den andern Schreibern gezählt, sondern höchst wahrscheinlich jüngerer Theilhaber der blühenden Firma Brassington und Comp. werden. Beseelt von dieser sanguinischen und ehrgeizigen Hoffnung, ging ich nach dem Osten, wo ich meine Instruktionen bis auf den letzten Buchstaben ausführte und das werthvolle Objekt, einen prächtigen Stein in Haselnnßgröße, erwarb. Unter meinem Rock und meiner Weste trug ich einen starken, ledernen Gürtel, in welchem sich eine kleine Kapsel befand. In dieser wollte ich den Stein nachhause bringen. Ich hatte Mich entschlossen, den Gürtel weder bei Tag noch bei Nacht abzulegen, bevor ich den kostbaren Inhalt nicht meinem Auftraggeber ausgehändigt Hütte. Nachdem der Diamant in meinen Besitz übergegangen war, verbrachte ich bis zu meiner Einschiffung in Calcutta eine unruhige Zeit. Denn der Verkauf des Steines war bekannt geworden, und die Eingeborenen waren eine kräftige, listige Nasse, auf die ein Juwel eine ebenso große Anziehungskraft ausübt, wie ein Magnet auf eine Nadel. Jedoch es gelang mir, mich allen Plünderern zu entziehen, und ich ging an Bord des Dampfers mit dem Gefühle, daß, wenn nur die Eleuiente günstig wären, ich nichts mehr zu fürchten hätte. Im Ganzen genommen war die Heimreise schön, und als Southampton in Sicht kam, fühlte ich mich wie einer, der weiß, daß ihm der Sieg sicher ist. Nach meiner Landung mußte ich zu einem Juwelier in der Stadt, einem Agenten unserer Firma gehen, dem Herr Brassington die Beangenscheinignng des Diamanten versprochen hatte. Wenn ich diesen Mann gesprochen hatte, blieb mir nur mehr übrig, einen passenden Zug zu wählen und nach London zu reisen, wo ich noch vor Ladenschluß anzukommen hoffte, um mich dortselbst von jeder weiteren Verantwortlichkeit zu befreien. Als ich mit den andern Passagieren den Dampfer verließ, bemerkte ich einen großen schwarzen Mann, den während der Reise gesehen zu haben, ich mich nicht entsinnen konnte. Er trug einen schäbigen, europäischen Anzug, hatte aber eine auffallende Ähnlichkeit mit einem der eingeborenen Diener des Najah, von welchem ich den Diamanten gekauft. Dieser Mensch sah wenig vertrauenerweckend aus, und ich vermuthete stark, daß er sich in den Besitz des Steines sehen wolle, denn in Calcutta war er mir überallhin auf dem Fuße gefolgt. Als ich länger darüber nachdachte, kam ich jedoch zu der Ueberzeugung, daß der Diener Najah kaum mit dem Manne, der mit mir sich ausschiffte, identisch sein könne. Denn während der erstere keine Gelegenheit versäumte, mich mit seinen wachsamen und listigen Blicken zu verfolgen, ging der andere ohne das geringste Zeichen des Er- kennens an mir vorbei und verlor sich bald unter der Menge. Ich ging sogleich zu Herrn French, dem ersten Juwelier in Southampton, den ich zu meinem Aerger nicht zu Hause fand. Ich war angewiesen, den Diamanten nur ihm zu zeigen, und deshalb genöthigt, seine Rückkehr abzuwarten. Dies verhinderte mich, den Früh- zug zu benutzen, und ich entschloß mich, mit dem Abend- 290 Schnellzug nach London zu fahren. Bald nach Mittag kehrte ich zu dem Juwelier zurück, der mich bereits erwartete. Er war ein melancholischer, kleiner Mann, eines jener sonderbaren Geschöpfe, die, selbst unzufrieden mit dem Leben, auch andere zu ihren düsteren Ansichten bekehren wollen. Er bewunderte den Diamanten un- gemein, aber als ich ihm sagte, wie sehr ich mich freute, ihn glücklich herübergebracht zu haben, antwortete er mit trübem Lächeln: — „Ach, mein lieber Herr, loben Sie den Tag nicht vor dem Abend! Sie müssen Ihren Schatz noch einige Meilen weiter tragen, und manches kann sich während dieser Zeit noch ereignen! Da er mich dadurch, gelinde gesagt, verstimmt hatte, wartete er mir noch mit einer sehr heiteren Anekdote auf. „Ach, sagte er zu mir, wie gut erinnere ich mich noch des armen Forley, der die Rubinen der Gräfin von Blank aus New Jork herübergebracht hat. Um die Wahrheit zu gestehen, er war ein leichtgläubiger Ire und unfähig, etwas für sich zu behalten. Er wurde von Amerika aus verfolgt und wenige Meilen außerhalb Londons mit durchschnittener Kehle aufgefunden. Jede Spur von den Edelsteinen fehlte." In meiner Lage war diese Geschichte keineswegs angenehm zu hören. Herr French beobachtete mich einige Augenblicke mit kritischen Blicken und erkundigte sich dann, ob ich Feuerwaffen bei mir führte. Ich antwortete daß dies nicht der Fall sei. Dies sei ein großer Fehler, versicherte er mir und drang unablässig in mich, daß ich mit ihm gehen und vor meiner Abreise einen Revolver kaufen mutzte. Dann verabschiedete ich mich von meinem neuen Freunde mit einem Gefühle der Erleichterung und versuchte der Furchtsamkeit, mit welcher er mich angesteckt hatte, los zu werden. In einem ZeitungS-KioSk verschaffte ich mir noch einen kleinen Vorrath Lektüre. Ich wählte mir ein kleines Coups 2. Klasse und die grausigen Geschichten des Herrn French noch immer im Kopfe, versicherte ich mich, ob ich in dem Coups auch allein und ungestört bliebe. Ich schleuderte meine Zeitungen und die Reisetasche auf einen Sitz und suchte dann auf dem Perron nach einem Schaffner. Diesem ließ ich etwas in die Hand gleiten und bat ihn, darauf zu sehen, daß niemand in meine Abtheilung komme. Er ging mit mir zurück und sperrte, als ich meinen Platz eingenommen, die Thüre ab. Ich richtete mich bequem in einer Ecke ein, in dem Gefühle absoluter Sicherheit, das mich schon seit langem geflohen hatte. Vor Abgang des Zuges rüttelte noch manch ungeduldige Hand an der Thüre, aber da es unmöglich war, den Eingang zu erzwingen, verließ ich Southampton ungestört. ES war noch hell genug, um zu lesen. Ich durchblätterte die Zeitungen, lehnte mich in die Polster zurück und vertiefte mich in meine Blätter. Dabei belästigte mich mein Revolver in der Seitentasche. Nun muß ich eine große Schwäche eingestehen, nämlich meine außerordentliche Abneigung gegen Feuerwaffen. Um Bon Gualtier's Worte zu gebrauchen, „habe ich einen heilsamen Schrecken vor Pulver und Stahl." Und so zog ich den Revolver aus meiner Tasche und legte ihn neben mich. Dies war sehr unvernünftig gehandelt, da ein plötzlicher Ruck des Wagens ihn hätte Herabschleudern und entsetzliches Unglück veranlassen können. Jedoch ich that es, und fing mit erneutem Eifer wieder zu lesen an. Eine Viertelstunde lang vertiefte ich mich in einen interessanten Artikel, legte die Zeitung dann weg und blickte um mich. Plötzlich machte ich eine überraschende Entdeckung: der Revolver war verschwunden. Zuerst befremdete eS mich nur. Ich schaute auf die Sitze neben mir, langte in meine Taschen, um zu sehen, ob ich ihn in der Zerstreutheit nicht etwa eingesteckt habe, — aber er war nicht zu finden. Und als ich so dasaß, erstaunt und erschreckt, drängte sich mir die entsetzliche Ueberzeugung auf, daß ich nicht allein sei, daß jemand sich unter meinem Sitze befinde und mit mir eingeschlossen sei. ES war ein lähmender Gedanke. Ich wagte nicht, mich zu bewegen und beschloß, in dieser höchst kritischen Lage mich so tapfer als möglich zu halten. Zuletzt beredete ich mich, daß der hier Verborgene eS keinesfalls auf mich könne abgesehen haben. Zufälligerweise hatte icb wohl den Wagen, in welchem irgend ein unglückliches Geschöpf sich versteckt hatte, gewählt. Der Versuchung nicht widerstehend und waffenlos, hatte es sich meinen Revolver angeeignet. Ich glaubte, daß unter diesen Umständen vielleicht doch der nächste Halteplatz heil zu erreichen wäre. Ich brauche nicht zu bemerken, daß an eine Fortsetzung meiner Lektüre nicht zu denken war. Mit der Zeitung in der Hand saß ich da, starr vor mich Hinblicken!». Ich weiß nicht, wieviel Zeit verflossen sein mochte, als ich fühlte, daß etwas meinen Fuß berühre. Ohne meinen Körper im Geringsten zu bewegen, beugte ich meinen Kopf vor und sah hinunter. Was mußte ich sehen! Eisig kalt durchschauerte es meinen Körper und jede Fiber meines Innern zitterte. Am Boden an meinem Fuße war eine Hand, — und diese Hand war schwarz! Nun wußte ich es ganz gewiß, daß ich in Todesgefahr schwebte; ich stand diesem elenden Bösewichte, der mir bis hieher nachgeschlichen war in der entschiedenen Ansicht, sich des Diamanten auf jeden Fall zu bemächtigen, allein und ohne Waffen gegenüber. Ich fühlte, daß er einen Strick um meine Füße schlingen wollte, um mich noch hilfloser zu machen. Es kam mir wie ein entsetzlicher Traum vor, aus dem ich jeden Augenblick zu erwachen hoffte. Mein Schicksal schien besiegelt. Keine Möglichkeit zu entkommen war gegeben. Der Tod starrte mir inS Gesicht. Was immer für Schwächen ich auch an mir haben mag, feige bin ich nicht; und so war ich entschlossen, nöthigenfalls zu sterben, mich aber meiner Haut bis aufs Aeußerste zu wehren. Ich nahm meinen ganzen Muth zusammen, ergriff Mit einer blitzschnellen Bewegung jene dunkle Hand und zog den Jndier aus feinem Versteck. Mein Angriff kam ihm so unerwartet, daß er keine Zeit fand den Revolver zu ergreifen. Er hatte ihn, wie es scheint, in seine Brusttasche gesteckt, während er sich mit dem Strick zu schaffen machte. Meinen Vortheil sofort wahrnehmend, packte ich seine Hände mit verzweifelter Anstrengung. Aber die Bestie war auf mir wie ein Panther. Er war ein großer Mann, an Körperkraft mir weit überlegen, und ich erkannte bald die Hoffnungslosigkeit meines Bemühens. Trotzdem entspann sich ein wüthendes Ringen. Wie ich glaube, dauerte es kaum einige Sekunden; dabei fand ich aber doch noch Zeit, mehr als einmal an den wahrscheinlichen Ausgang zu denken, ohne aber daS Nichtige zu treffen. — Plötzlich, ohne vorhergehendes Warnungszeichen, stieß der Zug auf seiner Bahn auf ein ernstes Hinder- niß. Ein entsetzlicher Krach erfolgte; der Wagen, in dem wir uns befanden, bäumte sich tn die Höhe, und zersplitterte wie die Nuß in einem Knacker. Gleich der erste, heftige Stoß hatte mich von meinem Feinde getrennt. Von ihm sah und hörte ich nichts wehr. Ich für meine Person wurde unter den Trümmern des Wagens begraben. Meine rechte Seite, Arm und Bein waren schrecklich zerquetscht. So heftig mein Schmerz auch war, ich blieb doch beim Bewußtsein und die Sinne schwanden mir nicht völlig. Seit einer halben Stunde hatte ich versucht, dem Tode in Voraussicht meines nahen Endes inS Auge zu schauen, und so blieb mir gewissermaßen die Panik, welche alle anderen Passagiere im Zuge ergriffen hatte, erspart. Ich konnte ihre markerschütternden Hilferufe vernehmen, ich konnte die hastigen Schritte durch zu ihrer Rettung Herbeieilenden hören und ab und zu den flackernden Schein der Laterne, die sie trugen, sehen. Aber das Alles nahm ich nur ganz unbestimmt wahr. Ich wußte nicht recht, wo ich mich befand, und was weiter um mich vorging. Von Zeit zu > Zeit fiel ich in eine Art Betäubung, aus der mich der i Schmerz in meinen gebrochenen Gliedern wieder weckte ! und ins Leben zurückbrachte. i Nach einer Weile hob sich das Holzwerk, das auf ^ Mich drückte, und ich sah freundliche, thetlnahmsvolle : Blicke, die sich auf mich richteten. Während man sich ! bemühte, mich herauszuziehen, mußte ich wohl das Be- ! wußtsein verloren haben, denn, als ich wieder zu mir s kam, merkte ich, daß man mich im Dunkeln forttrug, und wieder sah ich den schwachen Laternenschimmer hin- und herflackern. Darauf wieder eine lange Ohnmacht, — und als ich aus ihr erwachte, fand ich mich auf einem Bette, in einem kleinen Raume, den man offenbar in aller Eile zur Aufnahme für die Verwundeten hergerichtet hatte. Kraftlos und zerschmettert, wie ich nach dem Durch- z lebten war, sank ich mit einem Seufzer der Erleichterung in meine Kissen zurück. Neben meinem Lager stand ein Mann, den ich für einen Arzt hielt, und in einiger Entfernung eine Wärterin mit weißer Haube. Alle diese Einzelheiten nahm ich in halbwachem Zustande wahr, — da trat plötzlich die Erinnerung an meinen Diamanten mir vor die Seele. Was war aus ihm geworden? Mein rechter Arm war jetzt geschient und nicht zu gebrauchen. Ich konnte gar nicht daran denken, ihn zu bewegen. Meine linke Hand war zwar auch nicht unbeschädigt, aber es war mir doch möglich, mit ihr den ledernen Gürtel zu befühlen. Nun aber befand sich die Kapsel mit dem Diamanten unter meinem kranken Arme. Mochte ich mich drehen und wenden wie ich wollte, auf keinen Fall konnte ich in dieser Lage an sie kommen. Meine Ruhelosigkeit mochte dem Arzte aufgefallen sein, denn er kam herbei und warf einen fragenden Blick auf mich. Sein Gesicht war so freundlich und vertrauenerweckend, daß ich nicht Anstand nahm, ihm mitzutheilen, was mich so beklommen machte. Ich sprach leise und so kurz als möglich — vom Jndier jedoch sagte ich kein Wort. Vielleicht hielt er anfänglich meine Angabe für die Ausgeburt einer fiebernden Fantasie; als er aber dann seine Hand nach «einer Anweisung unter meine rechte Seite gebracht hatte, fühlte er alsbald das Täschchen in dem Gürtel und gab mir die beruhigende Versicherung, daß der Diamant sich noch darin befände. „Sie werden kaum imstande sein, Ihren Schatz z« hüten", sagte er. „Soll ich ihn etwa in Verwahrung nehmen, bis Sie Ihre Reise wieder fortsetzen können?" Mit herzlichem Danke für sein Anerbieten erklärte ich, daß eS mir nicht möglich sei, mich von ihm auch nur auf einen Augenblick zu trennen. Offenbar war ich damals sehr aufgeregt. Meine Schläfen hämmerten, und meine Zunge war kaum fähig, die Worte zu bilden. Mit kritischen Blicken maß mich der Arzt, befühlte meinen Puls und suchte mich mit sanften Worten zu beruhigen. „Regen Sie sich nicht auf. Schließlich ist es besser so, wie es ist. Es weiß doch niemand von der Existenz des Steines. Lassen Sie die Furcht beiseite, und denken Sie an nichts, als an Ihre Gesundheit." Er schüttete etwas in ein Glas und reichte eS wir. Bald war ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf verfallen. Es mochte um die Zeit der ersten Morgendämmerung sein, als ich wieder erwachte und um mich schaute. Ich befand mich weit besser als vorher und war nun imstande, meine Umgebung mit Interesse zu mustern. Da bemerkte ich, daß in dem Raume drei Betten standen. Das eine zu meiner Linken war leer; zweifellos war der Arme, der Darin gelegen, gestorben und während meines Schlafes weggeschafft worden. Das Zimmer war durch ein Nachtlicht nur dürftig erhellt, so daß ich anfänglich die verschiedenen Gegenstände nicht deutlich erkennen konnte. Nachdem aber meine Augen nach einer Weile sich an das Zwielicht gewöhnt hatten, vermochte ich das Bett rechts besser zu übersehen und meinen Leidensgefährten zu erkennen. Was ich auf dem weißen Kiffen dort sah —, das war der schwarze Kopf meines mörderischen Feindest Die vielen ausgestandenen Schmerzen hatten mich ungemetn geschwächt und im ersten Augenblicke war ich fast gelähmt vor Furcht — ein Gefühl, von dem ich im Zuge keine Spur empfunden hatte. Zuerst wollte ich um Hilfe rufen, aber es kam mir der Gedanke, daß mich die Wärterinnen höchstens für fieberkrank halten würden. Zudem schien es wahrscheinlich, daß der Schwarze mich nicht erkannt hatte. So nahm ich denn das bischen Muth, das ich noch besaß, zusammen, entschlossen, mich völlig ruhig zu verhalten und meinen Kopf von ihm abzuwenden, damit diese listigen, grausamen Augen mich nicht sehen möchten. Wieviel Zeit so verging, weiß ich nicht; ich merkte nur, daß mein Herz wie ein Schmiedehammer schlug und das Betttuch sich mit jedem Athemzug hol und senkte. Endlich glitt eine Wärterin in das Zimmer und gab mir, da sie mich wach sah, einen Löffel Arznei. Leise bat ich sie, mich nicht zu verlassen. Lächelnd sagte sie zu und ließ sich neben mir auf einem Stuhle nieder. Die Medizin mußte etwas Betäubendes enthalten haben, kaum hatte ich sie genommen, so schlief ich von neuem ein. Darauf hatte die Wärterin wohl das Zimmer verlassen und war zu andern Patienten in dem anstoßenden Gemache gegangen. Da wurde meine Bettdecke fast un» merklich gelüftet. Es führte dennoch mein Erwachen herbei. Als ich meine Augen aufschlug, sah ich, wie jenes dunkle böse Gesicht sich über mich beugte. Bevor ich einen Laut hervorbringen konnte, legte sich eine schwere Hand auf meinen Mund. Der Ledergürtel, der soeben durchschnitten worden war, wurde herausgezogen, und im nächsten Momente schlich sich der Jndier zum 2S2 Fenster. Ich schrie um Hülfe so laut ich vermochte, aber unterdessen war der Schwarze bereits zum Fenster hinausgeschlüpft und in der Dunkelheit verschwunden. Ich hatte versucht, mich aufzuraffen, um ihn zu verfolgen, aber meine kraftlosen Glieder versagten mir den Dienst und ich fiel ohnmächtig in das Bett zurück, als der Arzt und die Wärterin in das Zimmer eilten. Sobald ich wieder zu mir kam, schrie ich wild und leidenschaftlich, daß ich beraubt, ruiniert, meine ganze Existenz vernichtet seil Der Arzt sah mich lächelnd an. „Seien Sie nicht gar zu sicher", sagte er. Bei diesen Worten zog er etwas aus seiner Westentasche, legte es auf seine Handfläche und hielt es mir hin. Es war der Diamant des Najah! Auf einige Augenblicke dachte ich vor Entzücken und Erleichterung an nichts anderes. Dann aber fragte ich verblüfft, wie das sein konnte; denn ich war der sicheren Meinung gewesen, daß ich den Diamanten gehabt hätte. Der Arzt hatte mich damals von dem Vorhandensein des Steines überzeugt, und ich hatte mehr denn einmal meinen verwundeten Arm an meine Seite gepreßt und dann jedesmal den kleinen, harten Gegenstand, der soviel werth war, gefühlt. Der Doktor lachte. „Das war nur ein Ersah", sagte er, und erklärte mir darauf, er habe es in Anbetracht meines Schwäche- zustandes nicht für räthlich gehalten, den Diamanten bei mir zu lassen. Voraussichtlich würde ich mich bei der Trennung von dem Steine in ein heftiges Fieber hineingearbeitet haben. Er hatte es verstanden, während ich schlief, den Diamanten herauszunehmen und, um mich in Ruhe zu erhalten, ihn gegen etwas anderes umgetauscht. »- „Ich hatte beabsichtigt, einen kleinen Kieselstein hineinzuthun:", sagte er, „konnte aber in der Eile keinen gleichgroßen finden und unterschob statt dessen ein Stück Kohle, das gerade so war, wie ich es benöthigte. Wie Sie sehen, ist Ihr Freund aus dem Osten mit einem Diamanten von seiner eigenen Färbung durchgegangen." -—-- ALLssLsr« Poetisch. „Ach, liebe Camilla, theile meinen Schmerz! Du weißt, wie ich die Thiere liebe. Täglich ging ich nach dem benachbarten Streuheim, um dort die prächtigen Heerden zu bewundern. Vor allem war es ein Kalb, das sich durch seinen Frohsinn und seine munteren Sprünge meine herzlichste Zuneigung erworben. Gestern, denke Dir, kam aus unser'm Städtchen ein großer starker Mann mit einem Hunde nach Streichet«. Er handelte mit dem Besitzer meines Lieblings, und sie wurden Handeleins. Das Kalb ahnte, was ihm bevorstand. Lautlos ergab es sich in sein Schicksal und warf mir nur einen einzigen Blick zu, einen Blick, als ob eS sagen wollte: „Leb' wohl! . . Auf Mederseh'n auf der Speisekarte!"" * Stoßseufzer eines Mainzers. „Herrgott, wenn nor emol ener e' Maschin' erfinde that', daß wer am Sunntag sei' Fraa net mehr mitnehme müßt'!" Widerlegt. Richter fzu einem jugendlichen aber vielfach vorbestraften Angeklagten^: „Sie sind ja schon ein recht abgefeimter Bursche! DaS kommt von den schlechten Gesellschaften!" Angeklagter: „Wieso? ich habe doch meist mit den Behörden zu thun!" * Ruhestörung. „Ist Ihre Furcht vor Einbrechern beseitigt, seit Sie sich den Hund angeschafft haben?" — „O ja." — „Na, dann ist Ihre Nachtruhe ja doch nicht mehr gestört?" — „O doch, durch den Hund." Jagdvorbereitnngen. Oberhofmeister: „Habev Sie alle Vorkehrungen zur Jagd für Se. Durchlaucht getroffen?" — Forstmeister: „Jawohl, alle Jäger und Treiber sind bereits in die Unfallversicherung eingekauft." * Generös. Prinzipal zum Lehrling: „Mater, ich muß Sie bitten, mit Ihren Interpunktionen nicht so sparsam zu sein, besonders diesem Kunden gegenüber, der uns so viel Geld zu verdienen gibt!" -- v > < -*--- Im Maien. O, war' ich werth, Maria, Dich zu preisen, Wär' fromm mein Herz und meine Seele rein, — Ich wollte singen Dir in tausend Weisen, In solchem Singen müßt' ich — selig sein. Dir blüht der Blumen Gruß auf tausend Fluren, Dein Lob verkünden Wind und Wolkenzug, Und alles, was da Deiner Würde Spuren Als Gottgeschaff'nes in sich hat — und trug. Kaum gottbewußt — und doch nur Dir zu Ehren! Wie wird das Kleinste da vom Kleinen groß, Darf'S mit dem ganzen Ich Dein Lob vermehren; Nur ich steh' zagend fern und spendelos. Nicht Rosen hab' ich, die im Licht erglühten» Maiholde Frau, zu Deines Thrones Zier, Nur einen Kranz von schlichten Herzensblüthen; O, nimm als Opfergrnß ihn an von mir! München, 2. Mai 1896. Elsa GlaS. - ^ > > > - > Schach aufgäbe. Schwarz. 6 S Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 4. Zuge matt. —-EVS-- M 39. altimgsdla „Nugsburger PostMung". Dinstag, den 12. Mai 189k. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Berlag des LiterariiLen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Zudas Makkabäus. Historiicher Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) 31. Kapitel. Die nächtliche Reise. Die mit Sarah's Abreise verbundene Eile machte ihr den Abschied weniger schmerzlich, als er sonst wohl gewesen sein würde. Es blieb ihr wenig Zeit, sich trüben Gedanken darüber hinzugeben, daß sie einen Ort verlassen mußte, den die Erinnerung noch mit geliebten Wesen belebte. Auch leblose Gegenstände, wie der Tisch, an welchem Sarah so oft gesessen, der Rocken, an dem sie gesponnen, die Blumen, die sie gepflegt, waren zu kostbare Dinge, als daß sie sich ohne Schmerz von ihnen getrennt hätte. Es war nur wenig, was Sarah in einer Sänfte mit sich nehmen konnte. Außer den Pergamentrollen, einigen Kleidungsstücken und ihren wenigen Juwelen mußte alles zurückgelassen werden. Obgleich Sarah in großer Gefahr schwebte und die Wunde ihres Herzens noch nicht geheilt war, fühlte sie doch eine so große Freude, daß es ihr schien, als könne diese Freude sie niemals verlassen. „Lycidas ist als ein Sohn Abrahams angekommen! Lycidas gehört zum auserwählten Volke Gottes!" Dieser Gedanke machte Sarah's sanfte Augen glänzen, beflügelte ihre Schritte und erfüllte ihre Seele mit Hoffnung und Freude. Nicht, daß Sarah in ihrem neuen Glück ihre Großmutter vergessen hätte, sondern das Andenken der Todten war im Gegentheil mit jedem freudigen Gedanken verwebt und diente dazu, ihn zu heiligen. „Wie würde Hadassah, wenn sie dieses erlebt hätte, den Namen des Heirn gepriesen haben!" dachte Sarah. „Ihre Worte waren ein Samen, der auf den reichsten Boden fiel, während ihr Kind sich nun der Ernte freut. Sie war es, die zuerst das kostbare Leben meines Lycidas rettete und darauf seine noch kostbarere Seele zur Quelle des Heils führte l Hätte Lycidas nie die Stimme meiner Mutter gehört, so wäre er jetzt noch ein Götzendiener." Trotz ihrer schüchternen Natur empfand das Mädchen bei dem Gedanken an die bevorstehende Reise mehr Freude als Furcht. Lycidas sollte ihr Beschützer sein, Lycidas wollte ihr nahe bleiben, seine Gegenwart versprach ihr Sicherheit und Glück. „Und würde es bei der künftigen Reise durch's Leben nicht auch so sein?" flüsterte die Hoffnung dem jungen Mädchen zu. „Kann Judas Makkabäus wider die Verbindung seiner Verwandten mit einem Bekehrten etwas einzuwenden haben, wenn er sieht, daß ihr Glück damit verbunden ist und daß Lycidas ein wüthiger Vertheidiger des Glaubens, den er angenommen hat, sein wird?" Sarah wurde bei dieser Frage etwas unruhig und zweifelhaft, aber durchaus nicht muthlos. Das Mädchen ahnte nicht, wie tief sie von dem, der gewohnt war, jeden Ausdruck seines Gefühls zurückzuhalten, geliebt wurde. Sie fürchtete sein Mißfallen zu erregen, aber sie glaubte nicht im entferntesten, daß sie Macht habe, ihn unglücklich zu machen. Wie wäre es auch möglich gewesen, daß ein so gewaltiger Held, ein so begeisterter Führer sich um ein Mädchenherz kümmern würde. Die Liebe war in Sarah's Augen eine Schwäche, deren sie ein so ruhiges und erhabenes Wesen wie Makkabäus nicht für fähig hielt. Aber ist der Baum des Waldes darum weniger stark und majestätisch, weil der Frühling ihn mit tausend Blüthen schmückt? Oder sind jene Blüthen deshalb keine echte Blumen, weil ihre Farbe zu sehr der der Blätter gleicht, als daß sie von einem achtlosen Beschauer bemerkt werden könnten? Makkabäus würde mit seinem gedankenvollen, zurückhaltenden Wesen eben so wenig zu Sarah von seiner Liebe gesprochen haben, wie von dem Schlagen seines Herzens. Beide waren ein Theil seiner Natur, eine Nothwendigkeit seines Daseins. Joab war pünktlich. Eine Stunde nach dem Eintreten der Dunkelheit näherten sich dem Hause der Hadassah Rossehufe. Hannah öffnete vorsichtig die Thür, um zu erspähen, ob die sich Nähernden Freunde oder Feinde seien. „Es ist der Herr Lycidas!" rief sie freudig, als der Reiter seine Zügel an der Thür befestigte. Der Athener fand Sarah und ihre Magd zur Abreise bereit, und in wenigen Minuten saßen die Beiden in der Sänfte, die Joab führte; die Vorhänge wurden niedergelassen, und die Reisenden verließen ihre einsame Wohnung, um die gefährliche Reise anzutreten. Das Wetter war bei der vorgerückten Jahreszeit kalt, besonders Nachts; aber Lycidas war froh, daß die Regenzeit ein Ende hatte, welche, wie gewöhnlich, das Herannaht n des Winters ankündigte. Der Himmel war wolkenlos und klar und das blaue Gewölbe mit Sternen übersäet. Nach einigen Windungen in den Hügeln kam die Reisegesellschaft in das Thal Rephaim, welches reich an Kornfeldern, Wein und Obstgärten war. Das Korn war längst eingeerntet, die Weintrauben gesammelt, aber die Feigenbäume waren noch mit Früchten beladen. Sarah achtete nicht viel auf die sie umgebende Landschaft, obgleich dieselbe vom Schein der Sterne ein wenig beleuchtet wurde. Die rauhe Bewegung der Sänfte über felsige Straßen schloß jede Unterhaltung aus, auch hatte Sarah nicht Lust, eine solche mit ihrer Gefährtin einzugehen. Das Schwanken der Sänfte lud zum Schlafen ein, und nachdem ungefähr eine Stunde der Reise vergangen war, überschlich sie die Müdigkeit. Da wurde Sarah plötzlich durch einen Ruck aufgeschreckt, welcher, obwohl nicht heftig, doch genügte, um sie in Unruhe zu versetzen und vollständig zu ermuntern. „Ist etwas vorgefallen?" fragte das Mädchen, indem sie die rothen Vorhänge der Sänfte auseinanderschob. Lycidas war abgestiegen und augenblicklich an ihrer Seite. „Es ist nichts von Bedeutung," sagte er, „beunruhige Dich nicht, liebes Mädchen, einer der Riemen hat nachgegeben. Joab wird schnell alles in Ordnung bringen, ich bedaure nur die Verzögerung." „Wo sind wir jetzt?" fragte Sarah. „Noch bei dem Dorfe Bethlehem," war des Atheners Antwort. „Achl Bethlehem muß ich noch einmal sehen!" rief sie bewegt, indem sie die Vorhänge auseinanderschob, um auf die dunkle Landschaft mit schwellenden Hügeln und reichen Weiden eine weitere Aussicht zu gewinnen. „Meine geliebte Mutter pflegte mich jedes Jahr an diesen Ort zu bringen, sie nannte diese Steine das Denkmal der Vergangenheit und die Wiege der Zukunft." „Ich weiß, daß Bethlehem ein Ort von großer historischer Bedeutung ist," bemerkte Lycidas umherblickend. „Hier war es, wo David, der gesalbte Hirt, seine Heerde hütete und den Löwen und Bären überwältigte. Und hier war es, wo die fromme Ruth Gerste sammelte unter den Schnittern des Boas." Der junge Grieche freute sich, seine kürzlich erlangten Kenntnisse der heiligen Geschichte zu zeigen. „Ja, meine Mutter pflegte mir die Orte zu bezeichnen, wo die Ereignisse stattfanden, welche sie den Hebräern theuer machen," bemerkte Sarah, „aber Hadassah sagte immer, daß Bethlehems Bedeutung mehr in der Zukunft, als in der Vergangenheit liege. Hier ist es" — Sarah ließ ehrfurchtsvoll die Stimme sinken, als sie fortfuhr: „hier ist es, wo der Messias geboren werden soll, wie uns der Prophet geweissagt hat." „Man sollte dieses Dorf kaum einer so hohen Ehre werth halten," bemerkte Lycidas. „Auch Du erinnerst mich an etwas, was meine liebe Mutter mir erwiderte auf Worte, die ich vor mehreren Jahren, als ich noch sehr jung war, an sie richtete," sagte Sarah: „Es wird noch lange dauern, bis der Fürst kommen kann, denn ich habe rund umhergeblickt, aber ich kann nicht sehen, daß auch nur ein Stein zum Palast gelegt ist, in welchem er geboren werden soll." - „Denkst Du, Kind," sagte Hadassah, „daß ein Gebäude, welches noch tausendmal schöner ist wie das, welches Salomo errichtet, seiner Ehre und seinem Ruhm das Geringste zusetzen würde? Die Gegenwart des Königs macht den Palast, wenn es auch nur eine Höhle ist. Erhöht es den Werth des Diamanten, wenn die Erde, in welcher er gebettet liegt, mit Goldflittern gemischt ist?" Ich habe jenen sanften Vorwurf nie vergessen," fuhr Sarah fort, „und ich kann nicht anders, als mit Ehrfurcht selbst auf ein Gebäude, wie jener Gasthof, den wir dort sehen, blicken, denn wer kann sagen, ob der Friedensfürst nicht in einem kleinen Häuschen geboren wird!" Da Joab noch mit dem Befestigen des Riemens beschäftigt war, stand Lycidas, den Zaum in der Hand, neben Sarah's Sänfte und setzte die Unterhaltung fort: „Das Gemüth Hadassah's pflegte dieses geheimniß- volle Wesen, auf dessen Ankunft sie hoffte — wir alle hoffen — mit Erniedrigung, Leiden und Opfern in Verbindung zu bringen. Wenn ihre Ansicht die richtige ist, so kann es wohl möglich sein, daß nicht allein der Tod des Messias, sondern sein ganzes Erdenleben ein langes Opfer sein wird von der Wiege bis zum Grabe." Die Unterhaltung richtete sich dann noch auf weniger hohe Dinge, bis Joab mit dem Befestigen des Riemens fertig war. Lycidas bestieg sein Roß, und der Zug setzte seine Reise fort. Bethlehem lag bald hinter ihnen. Es ist nicht nöthig, die Reise weiter zu beschreiben, oder zu erzählen, wie Lycidas und seine Gefährten an Salowo's Lustplätzen, seinen Gärten, Obstbäumen und Teichen vorüberkamen, oder wie die Straße durch die Hügelreihen führte, welche sich bis gegen Hebron ausdehnten. Das Reisen war langsam und beschwerlich, die Straße uneben und die Pferde wurden müde. Aber dennoch hielt es Lycidas nicht für gerathen, daß die Gesellschaft Halt machte, um sich zu erfrischen und auszuruhen. Ein Flug Tauben, der, wie sie meinten, von den Syrern kam, vergrößerte noch ihre Unruhe. Lycidas witterte Gefahr auf allen Seiten; er wußte nicht mehr, ob er vor- oder rückwärts gehen sollte. Die Verantwortung lag schwer auf ihm, fast beneidete er den abgehärteten Joab um den stumpfen Gleichmuth, mit welchem er seinen Weg verfolgte. Der Athener wollte Sarah's Heiterkeit durch Mittheilung der Sorgen nicht stören, die sein Gemüth bedrückten. Das unbedingte Vertrauen, welches das fromme Mädchen in seine Macht, sie zu schützen und zu führen, setzte, rührte ihn. Er war so dankbar, daß, während er Augen und Ohren aus's äußerste anstrengte, um die fernste Annäherung einer Gefahr zu entdecken, Sarah sich der Erfrischung des Schlafes hingab. 32. Kapitel. Freunde oder Feinde? „HallI steht! wer seid Ihr, und wohin wollt Ihr?" war die strenge Herausforderung, deren Ton Sarah aus einem freundlichen Traume erweckte. Die Sänfte stand plötzlich still, eine starke Hand legte sich auf die Zügel des Rosses, welches Lycidas ritt, während eine Waffe sich auf die Brust des Griechen richtete. Es war nicht hell genug, um unterscheiden zu können, ob diejenigen, die unsere Gesellschaft an der Fortsetzung der Reise hindern wollten, Syrer oder Hebräer seien. „Wir sind friedliche Reisende," sagte der Athener. „Laßt uns in Frieden unsere Reise fortsetzen. Wenn Gold Euer Begehr ist, so will ich es Euch geben." „Wenn wir Dein Gold begehrten, so würden wir es uns nehmen!" rief der Führer der Bande, welche nun die Sänfte umgab. „Seid Ihr Anhänger des Antiochus Epiphanes? „Nein," sagte Lycidas kühn. Die einfache Wahrheit zu sagen, ist immer eines Mannes würdig und erwies sich auch hier als das Sicherste. 296 Die Hand, die sich nach Lyctdas' Zügel ausgestreckt, fuhr zurück, die Spitze der Waffe senkte sich, und in einem etwas höflicheren Tone fragte der Führer: „Seid Ihr denn Freunde des Judas Makkabäus?" „Der Herr wolle alle Feinde durch ihn vernichten!" rief Joab, bevor Lyctdas eine Antwort finden konnte. „Es ist seine Verwandte, die wir in dieser Sänfte nach Bcthsura bringen wollen, damit sie von dem Tyrannen, welcher geschworen hat, sie zu todten, weil sie seinen Götzen keinen Weihrauch opfern will, sicher sei." „Was, die Wittwe Hadassah?" fragte einer der Männer. „Nein, es sind schon mehr denn sechs Monde, seit diese Mutter in Israel in Abraham's Schoß getragen wurde," versetzte Joab, indem seine Stimme sich senkte. Den Lippen der Männer entfuhr ein Ausruf des Bedauerns und der, der zuerst gesprochen hatte, bemerkte, daß dies eine traurige Nachricht für Makkabäus und seine Brüder sein würde. Lyctdas wandte sich nun an einen Hebräer, der ihm von höherem Range zu sein schien als die Anderen. „In dieser Sänfte," sagte er, „befindet sich die Enkelin der Wittwe Hadassah. Sie flieht vor der Verfolgung und sucht in der Heimath einer alten Verwandten, die bei Bethsura wohnt, eine Zufluchtsstätte." „Ah! Nahe!, die Wittwe, wir kennen sie wohl," war die Antwort. „Dann könnt Ihr dies Mädchen zu ihrer Wohnung führen." „Sie in die Wolfshöhle bringen?" rief der Hebräer, während einer seiner Begleiter lachend hinzufügte: „Der einzige Weg von hier nach Rahel's Wohnung führt über Leichen von Feinden, die wir vielleicht, bevor der Morgen anbricht, vernichten." Unruhig darüber, Sarah an einen Ort gebracht zu haben, der bald zum Schauplatz eines erbitterten Kampfes werden sollte, fragte Lycidas voll Sorge: „Wo können denn das Mädchen und ihre Gefährtin Schutz und Obdach finden?" „Schutz hat sie, so viel unsere Schwerter geben können — ihr Schicksal muß unser Schicksal sein," antwortete der Hebräer, an den Lycidas seine Frage gerichtet hatte. „Obdach," fuhr er fort, „hat sie in der Hütte eines Ziegenhirten hier in der Nähe. Einige unserer Männer haben die Nacht dort zugebracht, während unser Führer auf dem Erdboden schlief." Dann flüsterten die Männer untereinander einige Worte, welche Lyctdas auffing. „Diese schöne Verwandte kommt zu sehr unpassender Zeit am Vorabend einer Schlacht, von welcher das Schicksal ganz Judäas abhängt, zu Judas Makkabäus." „Ich bitte Euch," sagte der Grieche voll Unmuth darüber, daß Sarah solchen Bemerkungen ausgesetzt war, und ungeduldig, Sarah sobald als möglich an einen Ort zu bringen, wo sie, abgesondert von den rohen Kriegern, von der Reise ausruhen konnte, „zeigt uns sogleich jene Hütte; das Mädchen ist die ganze Nacht gereist und infolge dessen müde." „Ich will sie zu der Hütte führen," sagte einer der Hebräer, „und Du, Saul," fuhr er, sich an einen Gefährten wendend, fort, „gehe sogleich zu unserm Fürsten und verkündige ihm die Ankunft des Mädchens." Wieder bewegte sich die Sänfte vorwärts, und die müden Rosse wurden zu einer Hütte, welche in nicht zu großer Entfernung gelegen war, geleitet. Einer der Kriegsleute lief voraus, um anzuordnen, daß die Hütte von ihren kriegerischen Bewohnern geräumt würde und daß sie, soweit es die Umstände und die drängende Eile erlaubten, für die Aufnahme des Mädchens in Ordnung gebracht würde. Die Hebräer, welche die kalte Nacht unter dem Dache der Hütte zugebracht hatten, verließen sie sogleich, um für das Mädchen und ihre Dienerin Raum zu machen, indem sie einen Theil ihres einfachen Frühstücks für die neu ankommenden Gäste zurückließen. Eine Sorge beschäftigte Sarah's Gemüth auf ihrem Weg zur Hütte. „Hannah," sagte sie zu ihrer Magd, „wir sind dem Joab sehr verpflichtet, und ich habe keine Münze, mit welcher ich die Miethe für die Pferde und die Sänfte bezahlen und ihn für seine treuen Dienste belohnen kann. Es ist nicht schicklich, daß der Herr Lycidas für mich bezahlt. Lasse Joab mit mir sprechen, wenn ich die Sänfte verlasse, oder gib Du ihm dieses Kleinod von mir." Das Juwel, welches Sarah nach diesen Worten der Hannah übergab, war ein massives silbernes Armband, das von dem unglücklichen Pollux getragen worden war. Es lag in der Form des Armbandes etwas Heidnisches, weshalb das Mädchen es als Andenken an ihren Vater nicht behalten wollte. „Joab ist nicht hier," entgegnete Hannah, „er hat die Führung des Rosses einem der hebräischen Krieger übergeben." Joab war in der That mit Saul gegangen. Er brannte vor Eifer, der Erste zu sein, der dem Makkabäus alles mittheilte, was sich in Jerusalem begeben, seit sie sich bei dem Märtyrergrab getrennt hatten. „Wenn ich den Joab nicht selbst sprechen kann, so muß ich den Herrn Lyctdas bitten, es zu thun und meinen Auftrag auszurichten, denn der Maulthiertreiber darf nichi ünbelohnt von mir gehen." Nachdem das Mädchen mit Hilfe des Lycidas die Sänfte verlassen und mit Hannah die Hütte untersucht hatte, bat sie schüchtern ihren Beschützer, diesen kleinen Auftrag für sie auszurichten und mit dem schweren silbernen Armbande ihre Schuld an Joab zu bezahlen. „Dir selber," fügte sie mit niedergeschlagenen Augen hinzu, „kann ich nur meines Herzens tiefsten Dank bieten." Die Lebensgeister des Lyctdas hatten sich in ihm erhoben, wie in der Natur war auf das Dunkel der Nacht das helle Tageslicht gefolgt. Die Freude seines Herzens, das kürzlich noch schwer und unter großer Angst und dem Druck der Verantwortung gelitten, war so groß, daß es ihm schien, als sei die Sorge von ihm geschieden. Lycidas hatte seine schwere Mission erfüllt, er hatte seine geliebte Last der Fürsorge ihrer Verwandten übergeben, er fühlte, daß ihr Herz ihm gehörte. Das Kriegsgetöse, welches ihn umgab, war für den kühnen Geist des Griechen Musik. Ex wollte unter dem heldenmüthigen Führer mitkämpfen. Er wollte Sarah verdienen und dann sie gewinnen. Das Herz des jungen Atheners schlug höher. „Nun, Sarah," sagte Lycidas froh als Entgegnung auf die Worte des Mädchens, „es kann sich begeben, daß ich eines Tages etwas Besseres von Dir begehre als Dank. Was das Armband anbetrifft, so sei versichert, daß ich den treuen Joab wohl belohnen werde. Er soll nicht derjenige sein, der etwas verliert, wenn ich das Kleinod als Pfand behalte und mich nicht davon trenne, außer, um es meiner Braut zu geben." Lycidas befestigte das 296 Armband um seinen Arm und mit stolzem und freudigem Schritt verließ er die Hütte „Lycidasl" rief Sarah, indem sie ihm über die Schwelle folgte, aber dann stehen blieb und seiner verschwindenden Gestalt ein Lächeln nachsandte, das ebenso strahlend wie sein eigenes war. „Wie konnte er einen Nebenbuhler fürchten!" dachte sie bei sich, dann wandte sie sich, um wieder in die Hütte zu treten und sah vor sich — Judas MakkabäusI (Fortsetzung folgt.) -—»« 84 —- k. Joseph Peters Fenfterer, 8. «I. Zu Ende des vergangenen Jahres brachten einige Blätter einen ganz kurzen Bericht über den nach telegraphischer Nachricht an das Provinzialat in Wien am 6. Dezember l895 zu Norwood in Australien verstorbenen k. Joseph Peters Fenfterer, 8. (l. Geboren zu Dürrwangen am 17. August 1834, zum Priester geweiht am 18. August 1857 im Geor- gianum zu München, feierte er mit seinem 3 Jahre älteren, doch erst später dem Studium zugegangenen, 1883 als Pfarrer von Jllertissen gestorbenen Bruder Xaver am gleichen Tage: dem 6. September 1857, in seiner Heimath die Primiz, bei welcher der nachmalige, im Frühjahr 1893 verblichene hochw. Herr Domkapitular Alois Gratz die Festpredigt gehalten hatte. Schon zu Allerheiligen des gleichen Jahres in Kempten als Stadtkaplan thätig, trat er im Herbste 1862 die II. Studienlehrerstelle in Wallerstein an, woselbst er — wie bisher als Kaplan — sich als einen werkthätigen Freund der Jugend und der Armen, aber auch als heute noch in dankbarster Erinnerung stehenden Beichtvater und als mit besten, nach Geist und Körper von Gott begnadeten Prediger erwiesen hat, dessen Berufung zum Missionär damals weder ihm schon klar war, noch sonst Jemand ahnte. Sein tieffühlendes Gemüth zog allerdings ihn in ernsten Wcihcstunden in die Stille der jährlichen Exercitien nach Gosheim und später nach Innsbruck. Vom Jahre 1867 im April bis zum September 1871 war er Pfarrer von Oberliezheim. (Die letztgenannte Pfarrei feierte auch pietätvoll seinen seligen Heimgang.) Einsender dieses kann bezeugen, wie gewissenhaft von dem selig Entschlafenen die Vorbereitung zu seinem Eintritt in den Ordensstand in dem so stillen kleinen Orte durch vieles Studium und Geb't geschehen ist, und wie nicht eher die heiß begehrte Aufnahme erbeten ward, bis daß er kindlich dankbar seiner lieben Mutter und später seinem guten Vater — einem Veteranen des französisch-russischen Feldzugs von 1812 sf. — die letzte Pflege und pietätvollste Bestattung an seinem Pfarrsitze in anhänglichster Weise besorgt hatte. In St. Andrä in Körnten und in Wien verlebte er sein Noviziat, und von dort weg war der hochw. I>. Anton Reschauer, mit dessen Erlaubniß der nun folgende Bericht über frühere und letzte Lebenslage des k. Fenfterer veröffentlicht werden darf, sein Reisegefährte und steter Mitarbeiter. „Wir verließen — so schreibt I>. Reschauer — am 30. November 1873 Wien und langten am 5. Februar 1874 in Adelaide an. Für ungefähr zwei Wochen hatten wir uns bei unseren Patres in Bombay (Indien) aufgehalten. Mehr als 10 Jahre lebte und arbeitete ich mit ihm — im selben Hause — — in meinen Armen ging er in die ewige Heimath hinüber. Der gute ?. Joseph war die fast 22 Jahre hier, ständig in Norwood stationirt. Letzteres ist eine große Vorstadt von Adelaide. Wir haben da eine herrliche Kirche zum hl. Jgnatius. Der opferwillige, seeleneifrige, heiligmäßige Pater machte diesen Missionsdistrikt zu einer der besten Pfarreien der Erzdiözese Adelaide. — In weniger denn 6 Monaten bemeisterte er die Sprache des Landes — englisch —, daß er allgemein — jedenfalls — als einer der besten Prediger galt. Seine Leutseligkeit, seine Ausdauer, sein eiserner Fleiß mit all den schönen Naturanlagen, erhöht durch seine Frömmigkeit und seinen Gebetsgcist, machten ihn zum Liebling Aller. Zwei, drei und mehr Ansprachen und Predigten jeden Sonntag kann ich für Jahre und Jahre die Regel nennen nebst dem langen Fasten (in unserer Hitze), wo der Priester meistens zwei hl. Messen zu lesen hat und kaum vor 1 Uhr Nachmittag sein Frühstück nehmen kann. Außerdem war der gute Pater Joseph gesuchter Missionsprediger und Exercitienmeister. Die Priester schätzten sich glückl'ch, wenn er in den vielen Plätzen über Süd-Australien eine Woche oder länger Missionen geben konnte. Weit her kamen die Leute, und oft bis tief in die Nacht hatte er die Beichten zu hören. Wie viel Gutes er da gethan —4 In unserer eigenen Kirche war er der unermüdlichste, höchst gesuchte Beichtvater. Aehnlich war es mit den Exercitien, die er den Priestern und Klosterfrauen so häufig gegeben, — immer mit dem größten Segen, — nicht bloß in Adelaide, sondern auch in Melbourne (Victoria). Für 20 Jahre hatte er im Durchschnitt jährlich über 10,000 Beichten gehört; Generalbeichten rechne ich zusammen über 13,000 in di> sein Zeitraume. Diese Ziffern sind nicht übertrieben. Kranke von allen Richtungen pflegten zum guten „Father Peters" zu kommen, seinen Segen zu erhalten. Er legte, selbst voll Glauben und Vertrauen, die Reliquien auf u. s. w., und es kann nicht in Abrede gestellt werden, daß viele, sehr viele recht staunenswerthe Heilungen bewirkt wurden. An Kreuzen und Opfern, wie allen Dienern Gottes, fehlte es dem guten k. Joseph wahrlich nicht. Da gerade erprobte er seine Güte, Starkmuth und Tugend. So lebte und arbeitete er bis Dezember 1895. Oft im Laufe des Jahres hatte er mir gesagt, er werde 1895 nicht überleben, — so übel fühlte er sich oft in Mitte seiner vielen Arbeiten. Ich habe ihm stets Ruhe angeboten, ihn getröstet und ermuthigt. Es war nicht zu helfen., In Mitte der Arbeiten wollte und sollte er heimgehen. Am 1. Adventsonntage las er hl. Messe um 10 Uhr und predigte über den Tod und das Gericht. Zu Mittag sehr ermüdet, erholte er sich etwas. Nachmittag hielt er seine gewohnte Andacht und Ansprache an die Ostilärsn ok (Jungfrauen-Congregation). Abend 7 Uhr wollte er wieder den Rosenkranz beten und den Segen halten. — Am 3. Dezember, dem Feste des hl. Xaverius (dem Namensfeste seines verstorbenen Vaters und hochwürdigen verstorbenen Bruders), las er seine letzte hl. Messe. — Seine Krankheit: heftige Lungenentzündung nebst Leber- und Nierenleiden von alten Zeiten her, nahm so zu, daß Us,M WO Im Mal. 9tach dem Gemälde von Karl Ludwlg 298 keine ärztliche Kunst und Aufmerksamkeit mcbr helfen konnt-'. Zwei hervorragende Doktoren hatten wir. Mittwoch Abend, 4. Dezember, empfing er die hl. Sterbsakramente. Donnerstag und Freitag wieder empfing er die hl. Communion. Unsere Patres hatten hl. Messen für ihn gelesen und die Bruder Communionen und Rosenkränze für ihn aufgeopfert. Er war recht wohl vorbereitet für seinen Eingang in's bessere Leben. Demüthig und fromm, wie er stets war, vereinigt mit Gott im Gebete und vollends ruhend in dem heiligsten Herzen Jesu unter dem tröstlichen Bewußtsein seiner innigsten Liebe zum göttlichen Herzen und seiner außerordentlichen Liebe und Verehrung der unbefleckten Gottesmutter wie des hl. Joseph, duldete er die Zeit seiner Leiden, seufzte er nach der ewigen Heimath, und umgeben von seinen Mitbrüdern übergab er seine Seele, frei von den Banden der Gefangenschaft der sterblichen Hülle, der göttlichen Güte. R>. I. ?. Welch' ein Trost, gerade am 1. Freitag des Monats, gerade nach der öffentlichen Andacht in unserer Kirche! Am selben Morgen hatten alle unsere guten Schulkinder wie so viele andere fromme Seelen ihre monatliche hl. Communion für ihn aufgeopfert. Die Nachricht von seinem Tode war blitzschnell verbreitet. Samstaa, Sonntag, Montag sortwäh'ende Pro- cessionen zum Leichenzimmer. Auch der Erzbischof war unter den Besuchern. Montag den 9. Dezember war feierlicher Seelcn- gottesdienst. Der Erzbischof und alle Priester, die je kommen konnten, waren zugegen, die Kirche voll von Gläubigen; selbst Protestanten kamen. Ich selber hatte das Seelamt. Der Erzbischof gab die Absolution. Nachmittag begleitete eine der größten Prozessionen' die je in solchem Falle gesehen wurden, die Leiche zum Bahnhöfe. Die Schulkinder, die Mitglieder der katholischen Genossenschaften, allen ihren Trauerabzeichen, die Mädchen und Jungfrauen weiß, mit schwarzen Schärpen; eine lange, lange Reihe also von Kutschen und Chaisen hinter dem Trauerwagen. Eine und eine halbe Stunde brauchten wir langsamen Schrittes zur Eisenbahn. Dort dann die letzte Ehre, bevor die Abfahrt nach Pevenhill. Viele angesehene Herren und Damen hatten sich dort eingesunken, — darunter der Regierungspräsident und 2 Minister. Nicht wenige Priester begleiteten die Leiche nach Pevenhill, wo wir eine große Kirche mit einer Gruft für unsere verstorbenen Vater und Brüder haben. Um Mitternacht kam die Leiche an. Nächsten Morgen der gleiche Gottesdienst wie Tags zuvor in Norwood. Von nah und fern kamen die vielen Freunde des guten k. Joseph. Nach beendigtem Seelengottesdienste wurde die Leiche in unserer Gruft beigesetzt. L. 1. I*. Es ist Gewohnheit, hier nach 30 Tagen wieder einen feierlichen Seelengottesdienst zu halten. So wurde er gehalten in Norwood ähnlich wie der am Tage der Bestattung. Der Erzbischof war hier, die meisten Priester der Diözese und andere die Kirche voll von Gläubigen. Der Erzbischof hielt eine Lobrede auf den verblichenen ?. Joseph, schilderte seine große, segensreiche Arbeit als ein Streiter Jesu Christi durch nahe 22 Jahre unter der Fahne des hl. Jgnatius hier in Australien; wie er mit den herrlichen Eigenschaften eines wahren Vaters und dem Herzen einer Mutter alle an sich zog, alle zum Heilande führte. Den Schluß machte der erlauchte Redner mit der Ermahnung für den Verstorbenen zu beten. Die Freunde des verewigten k. Joseph arbeiten daran, die Kirche des hl. Jgnatius mit einem großen Glasgemälde und einer großen Orgel zum Andenken an den guten „Father Peters" zu bereichere. Nach etwa 8 Monaten wird, so hoffen wir, alles fertig stehen." Diesem Berichte fügt der dem l. Verstorbenen dank- schuldigstc Ein'ender nichts mehr zu, als: es hat sich bewahrheitet: Selig die Barmherzigen, sie werden Barmherzigkeit erlangen. R. I. k. Hiemit ist auch berichtigt, was irrig über ?. Joseph Peters aus einer Mittheilung aus Sydney entnommen, in den Blättern zu lesen war. - Wie man die Negerknaben lehrt. Schmerzen zn ertragen. Muth geht dem Wilden über jede andere Tugend; den Schmerz zu verachten, lernt er von Kindheit auf. Um diesen kalten Muth und diese Verachtung allen Schmerzes zu erlernen, wird daheim in friedlicher Hütte der Jüngling von den Häuptlingen, von den Männern seines Stammes gemartert auf alle nur ersinnliche Weise. Bis zu seinem 16. Jahre wächst er sorglos auf und hat nichts zu thun, als mit seinesgleichen zu spielen und sich im Gebrauch der Waffen zu üben. Will er nun in den Kreis der Männer treten, muß er vorher Beweise der Standhafligkeit geben, wie sie von einem Manne verlangt werden. Die Jünglinge begeben sich in die Hütte des Medicinmannes, welcher die Ceremonien leitet. Vier Tage und Nächte dürfen sie die Hütte nicht verlassen, keinerlei Verkehr mit dem außerhalb derselben befindlichen Volke unterhalten, noch dürfen sie in der Zeit essen oder trinken, um sich auf die Martern vorzubereiten, welche ihrer am fünften Tage harren. Indessen liegt der Medicinmann bei einem kleinen Feuer, raucht die Medicinpfeife und ruft von Zeit zu Zeit den großen Geist an, daß er den Jünglingen während ihrer harten Prüfung beistehen möge.. Um die Hütte herum werden während der vier Tage fortwährend Spiele und große Feierlichkeiten von dem gesammten Volke abgehalten. Am fünften Tage beginnt die Marter für die in ihren Kräften fast erschöpften Jünglinge in Gegenwart der Häuptlinge und aller Männer, welche Zeugen des Muthes sein sollen, den die jungen Menschen zeigen. Während der Medicinman so stark raucht, als er nur kann, treten in den Kreis der Jünglinge zwei Männer, von denen der eine das Messer, der andere hölzerne Stäbchen in der Hand hält. Einer der Jünglinge tritt vor. Der Mann mit dem Messer zieht auf jeder Schulter oder auf jeder Seite der Brust ein Stück Fletsch zwischen Daumen und Zeigefinger in die Höhe, nimmt das Messer (welches zuerst auf beiden Seiten geschärft und dann schartig gemacht ist, damit es um so mehr Schmerzen verursacht) und stößt es unter seinen Fingern durch das heraufgezogene Fleisch hindurch, worauf der zweite Schinderknecht je einen der kleinen Holzstäbe durch jede Wunde steckt. Von außen und oben werden sodann zwei Stricke in das Innere der Hütte herabgelassen, die Stricke an die Stäbchen befestigt und der Gemarterte an denselben so weit in die Höhe gezogen, daß er über dem Boden schwebt, worauf noch an den Armen unterhalb der Schul- 299 ter und am Ellbogen, an den Schenkeln und unter den Knieen ähnliche Einschnitte gemacht und Stäbchen hin- durchgesteckt werden, an die man Schild, Bogen, Köcher und sonstige schwere Gegenstände anhängt. Nun werden sie, während das Blut herabströmt, soweit hinaufgezogen, bis die angehängten Gegenstände den Boden nicht mehr berühren. Die Standhaftigkeit, mit der die Jünglinge alle diese Martern ertragen, grenzt ans Unglaubliche, keiner von ihnen verzieht auch nur eine Miene, wenn das Messer durch das Fleisch gestochen wird, und mehrere, welche bemerkten, daß ich zeichnete, gaben mir zu verstehen, ich möchte ihr Gesicht betrachten; ich konnte denn auch nichts anderes wahrnehmen, als ein freundliches Lächeln, wenn ich sie anblickte, während ich hörte, wie das schartige Messer das Fleisch zerriß und mir unwillkürlich die Thränen in die Augen traten. herabgelassen, die Holzstäbchen an denen er hing, werden herausgenommen, die übrigen bleiben noch im Fleische stecken. Sobald er sich stark genug fühlt, sich erheben zu können, wobei niemand behilflich sein darf, schleicht er mit der ganzen Last in einen Winkel der Hütte zu einem Alten und erklärt, zum Danke für den Beistand, den ihm der große Geist geleistet, bereit zu sein, den kleinen Finger der linken Hand zu opfern, worauf ihn der Alte mit einem Beilhicb abtrennt. Alle diese Wunden werden nicht verbunden, die Sorgfalt sie zu heilen, überläßt man dem großen Geiste. Während der ganzen Zeit dieser Marter beobachten die Häuptlinge sorgfältig, wer am längsten hängen kann, bevor er ohnmächtig wird, und wer sich nachher am schnellsten wieder erholt. Danach bemessen sie, wer sich am besten eignet, einen Kriegszug anzuführen oder sonst eine gefährliche That zu vollbringen. !- DWN Gablingen. Ongmal-Austiahmr vvn Gustav Baadtl, Psvlourapy IN «rumdach. sV-rvieUaUigungSttch» vorbehalten.; Wenn der Gemarterte in der beschriebenen Weise freischwebt, tritt ein anderer hinzu und bringt chn in eine drehende Bewegung, die allmählich immer schneller wird, wodurch die Schmerzen so gesteigert werden, daß der Unglückliche sich nicht mehr überwinden kann und in den rührendsten Klagetönen den großen Geist anfleht, ihm in dieser Prüfung Kraft zu verleihen, während er zu gleicher Zeit wiederholt, daß das Vertrauen in seinen Beistand unerschüttert sei. Das Drehen wird so lange fortgesetzt, bis die Klagen verstummen, der Kopf sinkt auf die Brust herab, oder hintenüber, je nachdem er aufgehängt ist, still und leblos hängt er da. Nun wird er von seinen Quälern genau beobachtet, denn er darf so lange nicht herabgenommen werden, als sich noch das leiseste Zucken bemerkbar macht und er nicht, wie sie sagen, „ganz todt" ist. In dem Zustande wird er langsam auf den Boden Nun wird jeder der Jünglinge noch von zwei kräftigen, jungen Menschen an den Armen mit Riemen gebunden und so gezwungen, ihnen, die mit den Enden der Riemen in den Händen davonlaufen, zu folgen. Dabei suchen alle Umstehenden etwas von den angepflöckten Anhängseln abzureißen. Bald verlassen den ohnedies Erschöpften die Kräfte gänzlich, er fällt zu Boden, wird aber immer weiter geschleift, wobei die Umstehenden noch die letzten Anhängsel abreißen — wobei jedesmal ein Fetzen Fleisch mitgerissen wird — eher hört die Procedur nicht auf. Trotzdem der Körper auf das jämmerlichste zerfetzt ist, erholen sich die jungen Leute doch ziemlich bald. Daß Menschen, welche eine solche Selbstverleugnung besitzen, zu den größten Opfern, den kühnsten Wagnissen befähigt sind, wird niemand bezweifeln, und dieser erprobte Muth, die unerhörte Standhaftigkeit im Ertragen 300 großer Leiden erscheint ihnen als einziges Kennzeichen eines tapfern Mannes. Wohin man auch komme, welche von den wilden Völkerschaften man auch besuche, die Sitten sind in dieser Hinsicht ziemlich gleich, ihre Tapferkeit, Unerschrockenheit und Todesverachtung finden in der civilisirten Welt nicht ihresgleichen. - Gablingen. (Mit Bild.) Im Schmutterthale nördlich von Augsburg liegt am Fuße des westlichen Höhenzuges, von welchem Lützelburg in die Lechebene herableuchtet, der stattliche Flecken G ab- lingen. So ansehnlich auch der Ort ist, so ist doch seine Vergangenheit mehr in's Dunkel gehüllt, als es bei den kleinsten Dörfern der Nachbarschaft der Fall ist. Herr v. Naiser, welcher überall ein römisches Castell vermuthet, wo römische Münzen gefunden werden, findet auch in Gablingen Spuren römischer Ansiedelung, weil im Schloßgarten römische Münzen gefunden wurden. Da aber die Nömer in Gablingen keine sicheren Spuren ihres Waltens hinterlassen haben, so müssen wir schon mit der Annahme zufrieden sein, daß eben schon damals Ansiedler hier waren, welche mit den Römern verkehrten und ihres Geldes sich bedienten. Nicht einmal von einer mittelalterlichen Burg, geschweige denn einer römischen Station findet sich in Gablingen eine Spur, obwohl im Mittelalter ein Rittergeschlecht hier saß. Im Jahre 1217 erscheint in einer Urkunde des Klosters hl. Kreuz ein Wtrich von Gabelung als Zeuge bei der Ueber- gabe des Zehnls von Ehingen an Klosterholzen. Hundert Jahre später erschienen die in ganz Mittelschwaben damals reichbegüterten Ritter v. Knöringen im Besitze von Gablingen und behaupteten ihn 200 Jahre lang. Es ist gewiß, daß mehrere dieser Edlen im Flecken saßen und dort sicherlich ein Schloß hatten, wenngleich sich keine Spur mehr davon findet. Im Jahre 1466 gab Wolfart Junker v. Knöringen zu Gablingen an's Kloster St. Georg 2 Gulden Bodenzins auf 3 Tagwerk Mahd bei Biberbach, und im Jahre 1496 saß Jörg v. Knöringen zu Gablingen. Er verkaufte an den Pfleger ! der St. Leonhardskapelle zu Wettenhausen 3 Sölden zu Scheppach um 22 rh. Gulden. (Wettenh. Annal. x. 740.) Neben den Hauptinhabern des Ortes, den Rittern v. Knöringen, besaßen auch reiche Augsburger Bürger und Klöster einzelne Güter in Gablingen. So verkaufte im Jahre 1432 Hartmann Langenmantel sein Gut zu j Gablingen, das 2 ungarische Gulden galt und das er ! von seinem Vater Peter Langenmantel ererbt, an den ^ nachmaligen Bürgermeister Erhard Vögelin von Augs- ! bürg um 53 rh. Gulden. (Llou. L. XXIII. 392.) ! 20 Jahre später, im Jahre 1452, vermachten Vögelin's Erben dasselbe Gut an den Abt von St. Ulrich für 3 Jahrtage. Im Jahre 1527 kam Gablingen von den Rittern v. Knöringen an die Fugger. Sebastian v. Knöringen verkaufte das Dorf sammt Großzehnt und Kirchensatz an Raimund Fugger. Dessen Nachkommen bauten das heutige Schloß (Jagdschloß, und blieben im Besitz des Fleckens ! bis zur Säkularisation und als mediatistrte Ortsherren ' bis 1848. i Im Schwedenkrieg hatte Gablingen das Glück, un- ! unterbrochen einen eigenen Pfarrer zu haben, wie das ! Verzeichniß der Pfarrer und ihre Präsentations-Urkunden vom Jahre 1590—1700 ausweisen. Die geräumige Kirche ist dem hl. Martinus geweiht. In ihr befindet sich das Grabmal des Anno 1772 gestorbenen Pfarrers Leonhard Steidle mit einer Grabschrift, welche wir wegen ihrer eigenthümlichen und naiven Reimerei hersetzen: „Es liegt ein Priester da, ein guter, lieber Mann, An den man ohne Schmerz nicht einmal denken kann. Er war ein guter Hirte, der seine Schafe liebte; Bist du ein gutes Schaf, so zeig' es jetzo an Und ruf' den großen Gott für deinen Hirten an! Im Frieden ruhe er, um dieses bitte Gott, So bleibst ein treues Schaf auch nach des Hirten Tod." - -«ÄLüWHe- (Zu unserem Bild Seite 297.) Im Mat. Niemals ist die Natur so wonnesam, wie im wunderschönen Blüthenmonat Mai Die ganze Erde prangt und strahlt in festlichem Gewände, das sie »u Ehren der Ankunft des jungen Frühlings angelegt bat, Wiesen und Raine überziehen sich wie mit einer grünen Sammetdecke, aus welcher Gänseblümchen und Löwenzahn gleich eingewebten gelben und weißen Sternen berausleuchten, Birken und Erlen am Bachesrand fangen ebenfalls schon an, ihren Blätterschmuck anzulegen, die Obstbäume sind über und über mit Blüthenschnee bedeckt, vereinzelte Schmetterlinge fliegen taumelnd durch die warme Frühlingsluft. und hoch oben am azurblauen Himmel läßt die Lerche ein schmetternd Lied erschallen. Wer bei solcher Jahreszeit in's Freie kann, der eilt hinaus aus der kleinen Stube drückender Enge, um Gottes Pracht und Herrlichkeit in der aller Orten wiedererwachten Natur zu bewundern, um mit dem Blüthenduft und der würzigen Luft frische Hoffnungen und erneuten Lebensmuth einzuathmin und sich an dem Treiben der in Berg und Thal, auf Feld und Auen berumschweifenden Jugend zu erfreuen. für deren harmlose Fröhlichkeit der Mai so recht der Wonnemonat ist. Den Ifiöfillcin« letzte« Grüßen. Siehst wandeln du über dem Waldessaum Das Wölklein die einsame L>pur? Es gleicht dem flüchtigen Morgentraum Der erwachenden Frühlingsnatur. Noch klart sich in purpurnem Morgenstrahl Des Wölkleins scheidender Blick, Als dächte es lächelnd zum letzten Mal An's geträumte, entschwundene Glück. So wallte es sinnend den müden Pfad Am fernen Horizont hinab, Schon sank seines Daseins rollendes Rad In's gähnende Zeitengrab. Da senkt sich trauernd des Knaben Blick; Eine Thräne in's Auge ihm schleicht; Umsonst umrauscht ihn das holde Glück, Das Jugend und Lenz ihm gereicht. Denn Lenz und Jugend, wie gleichen sie Dem Wölklein, das drüben entschwand? Kaum eint sie die lieblichste Harmonie, Verbleicht schon das knüpfende Band. 1. 17. Logogriph. Du trägst's in dir. Steck' 'was hinein, Gleich wenden hier Soldaten sein. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 38: Weiß. Schwarz. 1. D. 05-L7Z- K. L8-L7: 2. S. L5-S6 -j- K. L7-V8 3. S. Sö-b'? -j- K. V8-08 4. S. S6-L7 -j- Matt. -- Äl 40. Ireitag. den 15. Mai 1896. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttler). Des Kerren Auffahrt. „Ich gehe heim, euch lasse ich zurück In euren Mühen und in euren Sorgen; Euch ist vollendet noch nicht das Geschick, Ich hielt es gnädig ja bisher verborgen; Noch vieles hab' ich euch zu sagen. Doch alles könnt ihr jetzt nicht tragen." So sprach der Herr, so schied er aus der Welt, Dom Oelberg sind die Jünger heimgegangen Und harrten auf den Trost vom obern Zelt Mkt heiligem Beten und mit stillem Bangen; Dann zogen sie hinaus, seltsame Krieger: Furchtlose Helden und demüthige Sieger. «Ich gehe heim, euch lasse ich zurück", Vergiß das Wort doch nie in deinen Sorgen, Und sag's dir, wenn dein bischen Erdenglück In Nacht versinkt nach einem kurzen Morgen. Der Meister hat den Kelch zuerst geleeret. Nun ist's der Jünger, dem er ihn gewähret. „Ich gehe heim, euch lasse ich zurück", Denk', Seele, d'ran in jedem Thränenleide, Wenn dich des Tages erster Sonnenblick Zu neuer Klage weckt, zu neuem Streite! Im Antlitz noch des Oelbergs FesteSröthe Ging's bei den Jüngern in des Kampfes Nöthe. «Ich gehe heim, euch lasse ich zurück", So wall' ich einsam denn auf meinen Wegen, Dir, Aufgefahrener, befehl' ich all mein Glück, Gib deinem Knechte mild den Abschiedssegen! Der Meister schied, daß es den Jünger triebe Allein zu zeugen von des Heilands Liebe. „Ich gehe heim, euch lasse ich zurück In euren Mühen und in euren Sorgen." Es ist vollendet noch nicht mein Geschick, Ich warte treu auf einen höher'n Morgen. Das and're Wort ist uns noch nicht erschienen: Wo ich bin, werdet ihr sein, die mir dienen. Adolph Müller. -—-sAM-S--«- Andas Mclkkaöäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) 33. Kapitel. Der Führer und der Mann. Bei dem ungeordneten Zustande des heiligen Landes, in welchem seine tapferen Söhne eine Art von Banditenkrieg zu führen gezwungen waren gegen den mächtigen Feind, der sie mit eiserner Faust darnieder zu halten suchte und in ihrer Hauptstadt regierte — wo Mittheilungen zwischen nicht weit von einander entfernten Orten schwierig und gefährlich waren und ein geschriebener Brief eine beinahe unbekannte Sache — waren die has- monäischen Brüder über die Ereignisse, welche einen großen Theil dieser Blätter füllen, in Unkenntniß geblieben. Joab hatte daher bei seiner Ankunft im Lager der Hebräer vieles zu berichten, was ihnen gänzlich neu war. Judas hatte mit tiefstem Interesse den Bericht des Maulthiertreibers über Sarah's Gefahr und Entkommen aus dem Palast des AntiochuS und den Tod Hadassah'S und des Pollux angehört. Die zarte Satte seines Gemüths, welche unter dem ruhigen, ernsten Acuhern des Führers verborgen lag, war auf's tiefste erschüttert. Kummer, Bewunderung und Liebe schwellten sein Herz. Makkabäus konnte den Bericht Joab's kaum bis zu Ende anhören. Sarah war ihm nahe — seine schöne, geliebte, erwählte Braut — dieses zarte, verwaiste Mädchen, aller Liebe, alles Schutzes beraubt, außer dem seinen — aber ihm theurer in ihrer Armuth und Verlassenheit, als sie ihm gewesen sein würde, wenn sie ihm ein Reich als Brautschatz gebracht hätte. Mit solchen Gedanken im Herzen und mit einer Ungeduld, die nicht eines Augenblickes Verzögerung ertragen hätte, näherte er sich schnellen Schrittes der Hütte, die sein Liebstes barg. Er fand sie bald — konnte sie das wirklich sein? Kein verlassener, weinender, zitternder Flüchtling begegnete dem Blick des Führers, sondern ein Mädchen, das strahlend und schön wie der junge Tag war, ein Erröthen auf ihren Wangen, ein Lächeln auf ihren Lippen, die Augen auf einen Griechen gerichtet, der in einer anderen Richtung ihren Blicken entschwand, als von welcher Judas sich ihr näherte. Die innersten Tiefen waren im Herzen des Führers auf's Neue erregt, aber diesmal wie mit einer Stange rothglühenden Eisens berührt. „Wer ist jener Heide?" war der plötzliche, heftige Ruf, der den Lippen des Kriegers entfuhr. Niemals hatte vorher ihr Verwandter sie so schrecklich angeblickt, wie diesmal, da er sie durch seine plötzliche Erscheinung erschreckte. Nicht weil sie ihren Verwandten zum ersten Mal im kriegerischen Harnisch sah, seine große, mächtige Gestalt zum Theil mit glänzendem Stahl bedeckt und auf dem Kopfe einen federgeschmückten Helm, in welchem er dem Kriegsgotte glich, den Lycidas ihr beschrieben; nein, das Auge, die Miene, der Ton des Judas waren es, was das Lächeln des Mädchens in einem Augenblick in Verwirrung und Furcht verwandelte. Selbst Antiochus war auf seinem Nichterstuhl der vor ihm zitternden Gefangenen kaum schrecklicher erschienen, als in diesem Augenblick ihr Verwandter, der gekommen war, um sie zu begrüßen, und der gern gestorben wäre, um sie vor dem Bösen zu schützen. Makkabäus wiederholte seine Frage, bevor Sarah Muth fand, ihm zu antworten. .„Das ist Lycidas, der Athener," stammelte sie, „derselbe, den Du am Märiyrergrabe schontest. Er hat Deine Barmherzigkeit wohl belohnt. Er schützte und unterstützte Hadassah bis zu ihrem Ende und erwies ihrem Leichnam die letzte Ehre, er streckte den Syrer, der meinen Vater erstach, nieder. Lycidas hat den hebräischen Glauben angenommen, er ist gekommen, für diesen Glauben zu kämpfen und, wenn es nöthig ist, zu sterben." Das Mädchen sprach schnell und mit großer Erregung. Sie wagte nicht wieder, in das Gesicht ihres Verwandten auszublicken, um die Wirkung ihrer Erklärung zu sehen, denn alle falschen Hoffnungen, die sich in Betreff seiner Gleichgiltigkeit gegen sie gemacht, waren wie Wasserblasen bei der Berührung verschwunden. Makkabäus antwortete nicht sogleich. Schweigend führte er Sarah in die Hütte zurück und deutete aus einen Sitz, den Hannah für ihre junge Herrin zurechtgemacht hatte, indem sie einige Kiffen aus der Sänfte genommen und auf dem Boden der Hütte ausgebreitet hatte. Dann entließ er die Dienerin durch eine Bewegung mit der Hand. Das düstere Schweigen wirkte keineswegs beruhigend auf Sarah, welche sich wie ein Verbrecher, der vor seinem Richter steht, fühlte — ob- schon ihr Gewissen hinsichtlich ihres Benehmens gegen Lycidas rein war. — Makkabäus stand vor Sarah, der Schatten seiner hohen Gestalt fiel auf das Mädchen, auf welches er finster herabblickte. „Sarah," sagie er endlich, „es muß ganz klar zwischen uns werden. Du weißt, in welchen Beziehungen wir zu einander stehen; Du hast mir gesagt, was jener Heide Hadassah und Abner, Deinem Vater gewesen, sage mir nun: was ist er Dir?" Sarah kämpfte, um ihren Muth wieder zu gewinnen, da sie wußte, wie tief ihre Furcht daS Herz ihres Verwandten verwundete. Sie wagte auch nicht, direkt auf seine Frage zu antworten. „Lycidas ist kein Heide," antwortete sie, „er ist wie Du ein Diener Gottes, ein wahrer Bekenner, er ist zu allen Vorrechten unseres Volkes zugelassen." „Auch zu dem Vorrechte, ein hebräisches Mädchen rum Weibe zu nehmen?" Sarah erschien der Ton seiner Stimme weniger ernst; und dankbar, daß er es war, der diesen zarten Punkt berührte, antwortete sie einfach: „Hadassah würde uns nicht getadelt haben." Ungeachtet alles dessen, was vorausgegangen war, war Sarah auf die Wirkung ihres Bekenntnisses nicht vorbereitet. Es war weder ein Stöhnen noch ein Schrei, was sie hörte, aber ein Ton, der beiden: glich, ein Ton, den die letzte Wendung der Folter der Brust nicht hätte abringen können, wie er ihn jetzt ausstieß. Es war der Ausdruck eines Wehs, wie nur wenige Herzen es zu empfinden fähig sind, und noch weniger stark genug, es zu ertragen. Keine Todtenklagr und kein Schmerzensruf, den Sarah jemals gehört, traf ihr Herz wie jener Ton. Sie hörte ihn nur einmal, sie hatte ihn nie vorher gehört, und bevor sie sich von der Erschütterung erholt hatte, die er ihr verursacht, war Judas aus der Hütte verschwunden. Er war wie ein Besessener. So wild waren die Dämone des Hasses und der Eifersucht, daß sie für eine Weile Vernunft und Gewissen vollständig beherrschten. Ein wildes Verlangen, seinen Nebenbuhler zu todten und ihm Glied für Glied vom Leibe zu hauen, war das Einzige, das bei ihm bestimmte Gestalt angenommen hatte. Ein solches Chaos von Leidenschaft hatte diese Nachricht zur Folge. Es war ein Glück für Lycidas, das er damals nicht den Pfad des Löwen kreuzte. Makkabäus eilte in das tiefste Waldesdunkel; unwillkürlich suchte er den dichtesten Schatten, den die immer grünen Bäume ihm gewähren konnten. Wie sehnte er sich, seine Qual vor den Augen der Menschen zu verbergen in der dunkelsten Höhle, im tiefsten Grabe! Das Sonnenlicht war so drückend! Alles war für ihn verloren, alles für immer dahin! Woran die Hoffnung sich gehalten, was die Liebe durch lange, lange Jahre des Wartens angehäuft, was dem Tapferen neuen Muth verliehen und dem Müden neue Kraft, Jugend, Glück, der Becher der Freude, bei der Ankunft Sarah's bis zum Rande gefüllt, war ihm ohne eines Augenblickes Warnung von den Lippen gerissen und die letzten Tropfen vom durstigen Sand verschluckt. Das Elend eines langen Lebens schien in einige Minuten zusammengedrängt, während welcher der Führer Israels, die Hoffnung Judäas, am Boden lag und in seiner Verzweiflung den Staub aufwühlte. Haß und Eifersucht rasten in ihm und ein noch viel schlimmerer Dämon hatte sich zu ihnen gesellt, einer, dessen Gegenwart mehr als alles Andere die Seele zur Holle machte. Wie brennende Gifttropfen fielen die Eingebungen des aufrührerischen Unglaubens auf das Gemüth des getäuschten Mannes. Dafür hast Du Deine Hände in Unschuld gewaschen und Deinen Fuß auf dem Wege der Wahrheit gehalten? Dafür hast Du Gott und dem Vaterlande Deine ganze Kraft geweiht, bist Du vor keiner Arbeit zurückgeschreckt, hast keine Gefahr gefürchtet? Er, dem Du treu gedient, hat nicht über Deinen Frieden gewacht, noch Deinen Schatz gehütet, den Du seiner Fürsorge anheimgegeben? Welchen Nutzen hast Du nun von Deinem Gehorsam, welchen Segen von Deiner Hingebung? Dein Gebet ist Eitelkeit gewesen, Dein Glaube Selbsttäuschung. Augenblicke wie diese sind die schrecklichsten Erfahrungen, die ein Diener Gottes machen kann. Sie gewähren einen Blick in die Tiefen der Schuld und des Elendes, in welches auch das edelste Menschenherz ohne 303 die stützende Hand der Gnade sinken kann; sie zeigen, daß solche Seele gleich dem hellsten Planeten nicht mit ihrem eigenen Lichte scheint, sondern mit einem ihr verliehenen, und wenn sie desselben beraubt ist, in tiefe Finsterniß gehüllt wird. Ein Abraham konnte, sich selbst überlassen, lügen, ein David seine Seele mit unschuldigem Blute beflecken. Alle mußten für ihre Schuld Buße thun, alle bedurften der Gnade, welche von oben kommt. Aber Judas Makkabäus blieb in Gefahr, durch seine wilden Leidenschaften bis an den Abgrund des Verbrechens zu gelangen, nicht ohne Beistand. Diese Leidenschaften, welche gewohnt waren, dem Zügel des Gewissens zu gehorchen, glichen einem Rosse, das von namenlosem Schmerze getrieben, einem Abgrunde zustürzt. — Aber die Hand seines Reiters hält noch den Zügel. Sein Auge sieht die Gefahr, und das wahnsinnige Thier muß, ob es sich auch hinabstürzen will, doch endlich dem Willen seines Herrn gehorchen. Wenn aber der Reiter sein wildes Roß nicht anders bändigen kann, so versetzt er ihm einen kräftigen Schlag, damit durch einen kleineren Unfall ein größerer vermieden werde, und so leitet er es zurück, zitternd, bebend zwar, mit Schweiß und Schaum bedeckt, aber gebändigt, fromm und dem Willen seines Herrn gehorsam. Ebenso behielt auch das Gewissen des hebräischen Fürsten die Oberhand über seine Leidenschaften, sobald er in der Angst seiner Seele Raum zum Gebet fand, war der Höhepunkt der Gefahr vorüber. Makkabäus stand von der Erde auf, blaß wie einer, der eine Todeswunde erhalten hat; aber ergeben und ruhig. „Sollte ich, der ich so über alle Hoffnungen und ohne mein Berdienst begnadigt bin, es wagen, wider den Willen dessen zu murren, der alle Dinge nach seiner unendlichen Weisheit und Güte ordnet?" So dachte der Führer Israels. „Wer bin ich, daß ich von dem, was der Herr über mich verhängt hat, frei werden will? Schande über den Führer, der in einer Zeit wie dieser selbstsüchtigen Gedanken Raum gibt! Wir werden bald in die Schlacht gehen, und wenn ich in dem Kampf falle" — der Gedanke war doch tröstend — „wie werde ich dann in eine Welt herniederblicken, in welcher dieses unwürdige Herz für eine kurze Zeit in seinem Glauben an den Gott meiner Väter wankend gemacht wurde. Wenn ich die Gefahren dieses Tages überlebe, so ist es besser, wenn keine selbstsüchtigen Hoffnungen und Sorgen mich hindern, meine ganzen Kräfte und Gedanken dem Werke zu widmen, das mir zu thun obliegt. Ich habe meine Zeit mit eitlen Träumen irdischer Freuden vergeudet. Ich bin auf eine harte Weise geweckt worden: O Herr der Heerschaarenl gib Deinem Diener Kraft und stärke Du auch seinen Geist, damit er furchtlos und treu die Pflichten des Tages erfülle!" Dann kehrte Makkabäus mit langsamem Schritt und ruhigem Blick in sein Lager zurück. 34. Kapitel. Fanatismus. Wir wollen nun einen Blick in das Lager der Hebräer werfen, welches in einer hügeligen Gegend mit der AuSsicht auf die Thürme Bethsuras liegt, einer starken Festung, die, einst von Rehabeam errichtet, später von edomitischen Ansiedlern wieder aufgebaut war. Bethsura ist von syrischen Truppen besetzt. Weithin steht man die zahllosen Zelte der mächtigen Schaaren. Auf einer kleinen Anhöhe, nahe dem Mittelpunkt deS hebräischen Lagers, stand auf einer Art Nednerbühne ein alter Jude, in ein Gewand von Kameelshaaren gekleidet. Sein langes, graues, wirres Haar hing ihm bis über die Schultern herab. Mit heftigen Geberden und erregten Gefichtszügen erhebt er seine gellende Stimme derart, daß sie in beträchtlicher Entfernung gehört wird. Ein immer mehr anwachsender Kreis von Zuhörern versammelt sich um ihn — ernste, wettergebräunte Männer, die viel für ihren Glauben gearbeitet und gelitten haben. Was Wunder, wenn die Religion dieser Krieger in Fanatismus sich verfinstert und ihr Muth in Roheit ausartet! Es ist die Folge des Krieges, besonders wenn er einen banditenmäßigen Charakter an sich hat, die Leidenschaften zu entflammen und das Herz zu verhärten. Nur die entsetzliche Nothwendigkeit kann den unnatürlichen Streit rechtfertigen, der Männer gegen ihre Mitmenschen bewaffnet. Selbst der edelste Kampf, den ein Patriot in Vertheidigung der Freiheit seines Vaterlandes eingeht, zieht schreckliche Uebel nach sich, unter denen eine weitere Ausdehnung menschlicher Leiden vielleicht nicht das größte ist. „Ja, ich fluche Dir, Joab, ich fluche Dir, Sohn des Ahijah, daß Du uns einen Spion, einen Verräth« in's Lager gebracht hast!" schrie der wilde Redner Jascher, indem er mit seinem runzeligen Finger auf den derben Maulthiertreiber wies, der in der innersten Reihe des Kreises stand. „War nicht dieser Grieche, wie Du selbst zugegeben hast, bei dem Tode der gesegneten heiligen Salome gegenwärtig, stand er nicht bei ihrem Grabe in Untersuchung, wo er wie eine Schlange, die sich in's Dunkel verkriecht, entdeckt wurde? Gehört er nicht zu dem Volke der Götzendiener, die da Bilder anbeten, welche von Menschenhänden gemacht sind?" „Alles, was ich sagen kann" — antwortete Joab finster, „ist, daß, was Lycidas auch gethan haben mag, er kein Götzendiener mehr ist." „Wer bist Du, daß Du rechten willst, Du Nabal, Du Sohn der Narrheit?" rief der wüthende Redner. „Merket," fuhr er dann, zu der Menge gewendet, fort, „Ihr Männer von Juda, merket die Blindheit, die etliche Menschen befällt — ja selbst Heilige, wie die Wittwe Hadassah. Joab hat von ihrer Magd gehört, daß dieser LycidaS, diese Schlange, monatelang in ihrem Hause gepflegt und gewartet worden ist, als ob er ein Sohn Abrahams wäre. Ohne Zweifel war diese Handlung von Seiten der Hadassah schlimmer denn Narrheit. Merket nun, was folgte. Die erwähnte Schlange entkommt aus ihrer Wohnung, und am nächsten Tage — ja den Tag darauf überfallen die syrischen Hunde das Haus Sala- thiels, während er daS heilige Fest feiert! Wer führte sie dorthin?" Die Frage wurde mit leidenschaftlichem Nachdruck wiederholt, und die Gefühle des Redners fingen augenscheinlich an, sich den Zuhörern mitzutheilen. „Wer lag als ein blutender Körper, von den mörderischen Syrern erschlagen, auf der Schwelle?" fuhr Jascher, immer wilder werdend, fort, „wer anders als Abischat, der brave, gläubige Mann, der die Viper umgab und sie zu vernichten suchte, aber vergebens — er war es, der zuletzt ihrem verräterischen Stich zum Opfer fiel". Jascher endigte seine Rede mit einem zischenden Ton, der aus seinen gefletschten Zähnen hervorkam, und der Kessel menschlicher Gefühle um ihn her fing an zu sieden und zu kochen. Der Fanatismus überlegt nicht, noch hört er auf die Stimme der Vernunft. Joab konnte sich kaum bei dem Gebrüll der wüthenden Stimmen, die sich um ihn her erhoben, verständlich machen. „Lycidas war gegenwärtig und half bei dem Be» gräbuiß der Wittwe Hadassah l Er wagte sein Leben, um ihre Tochter zu retten!" rief Joab, der ehrliche Vertheidiger des Griechen. „Ha, ha, wie viel er wagte, wissen wir nicht, aber wir können wohl errathen, was er gewinnen wollte!" rief Jascher mit einem Blick voll Verachtung. „Er hat sich die Gunst eines närrischen Mädchens erschlichen, die daS Herkommen ihres Volkes vergißt, die eine schöne Person" — das Gesicht des Alten verzerrte sich zu einem höhnischen Lächeln — „allem vorzieht, was ein Kind Abrahams mit Ehrfurcht betrachten sollte. Aber was können wir von der Tochter eines meineidigen Verräthers erwarten? Hatte sie nicht Abner zum Vater, und kann es da anders sein, daß sie als Tochter dieses Abtrünnigen ihre Familie, ihren Namen, ihr Volk beschimpft, indem sie einen verfluchten Heiden, einen verabscheuungswürdigen Griechen heirathet?" „Niemals, niemals!" riefen hundert Stimmen. Und einer aus der Menge rief laut: „Ich würde sie mit eigener Hand züchtigen, wenn sie meine Tochter wäre!" „Ich kann nicht glauben, daß Lycidas falsch ist!" rief Joab aus, ohne der Gefahr zu achten, dieses Un- gewitter auf sich selbst herabzuziehen. „Du kannst ihn nicht für falsch halten, Du Sohn des niedrigen Mühlsteines!" schrie Jascher wuthschnau- bend, „man sollte glauben, Du wärest gleich jenem betrügerischen Griechen in jenem abgöttischen, niedrigen, undankbaren Athen, das seine eigenen guten Mitbürger verbannte und seine Weisen vergiftete, geboren!" Die hitzigen Vorurtheile wurden nur zu leicht in jener Versammlung von Hebräern erregt, und wenn Jascher von einigen seiner Zuhörer getadelt wurde, so geschah es, weil er zugab, daß ein Athener überhaupt weise und gut sein könnte. „So höre mich doch nur einen Augenblick — Du mußt mich anhören!" rief Joab, indem er seine Stimme auf das äußerste anstrengte und doch kaum im Stande war, sich verständlich zumachen, „Lycidas ist von unseren Priestern in den Bund aufgenommen worden!" „Und doch ist er ein Spion!" rief Jascher aus, mit den Füßen stampfend. „Hast Du niemals von Zopyrus gehört? Weißt Du nicht, wie Babylon, die goldene Stadt, unter dem Schwert des Darius fiel? Zopyrus, der Günstling jenes Königs, floh zu der Stadt, welche er belagerte. Die Babylonier glaubten ihm, nahmen den Betrüger auf, und Ihr wißt, was folgte. Babylon fiel, nicht weil es seinen Vertheidigern an Muth fehlte oder Hungersnoth ihre Reihen gelichtet Hütte, sondern weil sie einem Betrüger geglaubt und ihn aufgenommen hatten! Hebräer! ein Zopyrus ist in unser Lager gekommen. Wollt Ihr, um ihn zu empfangen, Eure Arme öffnen oder Eure Schwerter ziehen?" Ein wahres Wuthgeheul entfuhr den Lippen der dichtgedrängten Menge, so laut und schrecklich, daß es Hebräer aus allen Theilen des Lagers herbeizog. Unter Anderen eilte auch der junge Bekehrte herbei, um eifrig zu erkunden, was die Ursache solches Lärmes und Aufruhrs sei, ohne zu ahnen, daß er selbst in irgend einer Weise damit in Verbindung stehe. (Fortsetzung folgt.) -—-UM*—.-- Die sogenannte Pafistfirofihezeinng deS heiligen Malachias. Selbstverständlich handelt es sich nicht um den kleinen Propheten des Alten Testaments Malachias, sondern um den heiligen Erzbischof von Armagh in Irland dieses Namens, welcher im Jahre 1148 gestorben ist. So oft ein neuer Papst den Stuhl Pstri besteigt, wird eine Bezeichnung der alten Prophezeiung hervorgeholt, welche auf den Neuerwählten mehr oder minder zutrifft. Nach dem I,nin6Q äs ooslo Leo XIII. ist man bemüht, den I§vi8 aräens zu finden. Die Einen glauben, dasselbe in der goldenen Sonne, welche auf dem Wappen des Cardinals von Bologna strahlt, erblicken zu müssen, die Anderen sehen in der Bezeichnung eine Anspielung auf den Namen des Cardinals von Frascati (Hohenlohe), Andere inter- pretiren dieselbe in noch anderer Weise. Wie verhält es sich nun mit der Angelegenheit? Ist die Prophezeiung wahr oder falsch? Welchen Werth messen derselben die Geschichtsschreiber und Kritiker bei? Wichtig ist es zunächst, dem Leser die Prophezeiung selbst als Beweisstück vorzuführen. Wir theilen dieselbe, wie man später sehen wird, in zwei Theile. Der erste reicht von Cölestin V. (1143) bis Urban VII. (15. Sept. 1590); der zweite beginnt mit Gregor XIV. (1590) und umfaßt den Nest des Actenstückes. Erster Theil. Prophetische Namen der Devise. Päpste. Lx Castro Tibsris Cölestin V. 1143. Iniwicus exxuls. Lucius II. 1144. Lx waZnitnäine Eugen III. 1145. montis. LbbasLuburranus. l>s rurc albo. üx tctro carccrs. vs via Irans- tiberina. ve Lannonia. Tusciae. üx unsere custocks Anastasius IV. 1153. Adrian IV. 1154. Victor IV. 1159.-) Pascal III. 1164. Calixtus III. 1163. Alexander III. 1159. Begründung der Devise. Geboren zu CittL di Castello am Tiber. Hieß Gerard Caccianemici. (Vertreibt die Feinde.) Geboren zu Montemagno. (Großer Berg.) Genannt Conrad von der Suburra. Geboren zu St. AlbanS. Cardinal vom Titel S. Nicolaus in Carcere. Cardinal von St. Maria in Trastevcre. Ungar und Cardinal von Tusculuiu. Paperoni. (VonderGanS.) Lux in ostio. Lucius III. 1161. UmbaldoAllunciagoli,Cardinal von Ostia. Lns in cribro. Urban VI. 1185. V.d.Fam,Crivelli(Wappen: Sieb a. Schweineborsten), ünsis Laurentü. Gregor VIII. Wappen:ZweiDegen.Car- 1187. dinal von St. Laurcntius in Lucina. ve setiolu exiet. ClemensIII.1187 Aus der Familie Scolari. vs rure vovsnsi. CölestinIII.1191 Aus der Familie Bobo. Oomes sixnutus. Jnnocenz III. Aus der Familie der Grafen 1198. von Segni. vanonieus äs Honorius III. Domherr am Lateran, latere. 1216. ^.vis ostieusis. GregorIX. 1227. Ein Adler im Wappen. Cardinal von Ostia. Leo Labinus. CölestiuIV. 1241 V. d. Familie Castiglioni, Bischof von Sabina. OomesVuurentius Jnnocenz IV. Graf de Lavagna, Cardinal 1243. v.S. Laurcntius i.Lucina. LiZnum Ostisnss. Alexander IV. Aus der Familie der Grafen 1254. von Segni, Cardinal von Ostia. -) Die gesperrt gedruckten Namen beziehen sich auf die Gegenpäpste. Einige Ungenauigkeiten in der chronologischen Reihenfolge stammen von Denjenigen, welche uns die Prophezeiung übermittelt haben. 305 Prophetische Devise. Nomen der Päpste. lernsalsm 6am- Urban IV. 1261. xania. vraeo äsxrsssns. ClemenöIV.1265 LmZuinsus vir. Gregor X. 1271. Ooneionator Jnnocenz V. AsIIns. 1276. Bonus eowss. Adrian V. 1276. Lisoator lusous. Rosa eomposita. Lx telonio Iniia- osi blartini. Lx Losn Leonina. Lious intereseas. Lx oromo oslsus Lx uväarum de- usäietions. vouoionator La- taraons. Ils Xaoiis Lqui- taniois. vs Lntois 0880 V. Lorvus sokisma- lious?) Lri§iäns Lbbas. Lx rosa Ltreda- tensi. Osmontibuskam- marokii. LaliusViooeomes. Kovns äs virZinö torti. vs ornes axosto- lioa. Buna vosmsäina. Lokisma baroino- wioum. vs inkecuo pri- Lnauj. Oukns äs mix- tions. vs meiioro siäers. Xauta. äs xonte niFro. vlaKsilnm Zolls. vsrvus Lirenas. JohannXXI.1276 piicolaus III. 1277. Martin IV. 1231. Honorius IV. 1285. NicolauSIV.1283 Cölestin V. 1294. - BonifatiuöVIII. 1294. Benedict XI. 1303. - Clemens V. 1305. . Johann XXII. 1316. NicolauS V. 1328 BenedictXII.1334 Clemens VI. 1342. Jnnocenz VI. 1352. Urban V. 1362. Gregor XI. 1370. Clemens VII. 1378. Benedict XIII. 1394. ClemensVIII. 1424? Urban VI. 1378. Bonifatius IX: 1389. Jnnocenz VII. 1404. Gregor XII. 1406. Alexander V. 1409. Johann XXIII. 1410. Korona voll anrsi. Martin V. 1417. Vupa cwlsstina. Eugen IV. 1431. lVwator oruels. Felix V. 1439. vs moäioitats NicolausV.1447 Irmas. Los pasesns. Calixt III. 1455. vs capra st al- PiuS II. 1458. berxo. ve eervo st Isons. Paul II. 1464. Begründung der Devise. Geboren in Campanien, Patriarch von Jerusalem. Wappen: Ein Drache von einem Adler überwältigt. Von der Familie Visconti. Franzose; vom Orden des hl. Dominions. Ottobono von den Grafen von Lavagna. Peter, Bischof v. Tusculum. Eine Rose im Wappen; wurde Composto genannt. Schatzkämmerer v.S. Martin i.Tours.Lilien i.Wapp. Wappen: Eine von zwei Löwen gehaltene Rose. Geb. zu Ascoti in Picenum. Wurde aus der Einsamkeit d.Wüste an's Licht gezogen. Hieß Benedict. Wappen: Wogen. Geboren zu Patara; vom Predigerorden. Geboren in Gascogne. Wappen: Drei Bänder. Sohn des Jacobuö Ossa, eines Schuhmachers. Gegenpapst, geb.z.Corbaro. Abt von Font-Froide. Bischof vonArraS.Wappen: 6 Rosen. Cardinal vom Titel des hl. Pammachius. Franzose und Nuntius bei Visconti. Beaufort; Cardinal von S. Maria Nuova. Wappen: Ein Kreuz. Cardinal von den 12 Aposteln. Petrus dc Lunc. Cardinal v.S.Maria inCoSmedin. AusBarceloua.Gegcnpapst. Bartholomäus Prägnant. Geboren in einem Landgut, genannt Inferno. Wappen: Untereinander gemengte Fingerhütc. Migliorati. Wappen: Ein Stern. Commcndatarius einer Kirche in Negroponte. Wappen: Die Sonne, die Planeten geißelnd. Geboren zu Neapel (Parthe- nope). Cardinal von S. Eustachius. (Hirsch.) Wappen: Eine Krone. Cardinal von S. Giorgioa Velabro. Wappen: Eine Löwin. Amadcus von Savoyen. Wappen: Ein Kreuz. Aus einer einfachenFamilie in Sarzano. (Lnni.) Wapp.: Ein weidend. Ochse. Secretär der Cardinäle Capranica und Albcrgati. Commcndator von Cervia und Cardinal von S. Marcns. (Löwe.) ^) Andere lesen: ve kos-i- aguitanicis. Anspielung auf dre Cardinäle von Aquitanien. b) Von den Gegcnpäpsten sind nur zwei als solche bezeichnet. Prophetische Namen der Devise. Päpste. Begtündnng der Devise. Liseator minorita SixtusIV.1471. Sohn eines Fischers; vom Orden der Minoriten?) Lrasenrsor Jnnocenz VIII. Hieß Johann Baptiste. War Lioiiias. 1484. im Dienste des KönigS von Sicilien. Los aldauus in Alexander VI. Wappen: Ein OchS; war xortu. 1492. Bischof von Albano und Porto. vs xarvo Kamins. Pius 117. 1503 Adoptirt von der Familie Piccolomini. Vructus )ovis ju- Julius II. 1503. Wappen: Eine Eiche (dem vadit Jupiter geweiht), vs crmicula ko- Leo X. 1513. Sohn des Lorcnzo da Me- litiana. dici (ein Rost), Schüler des Politian. Leo VIorentius. Adrian VI. 1522. SeinVater hieß FlorentiuS. Wappen: Ein Löwe. Hyacilitkus Neäi- Paul III. 1534. Wappen: Hyacinthen. Car-' corum. diual von SS. Cosma und Damian (Aerzte). ve corona Noa- Julius UI. 1550. Aus der Familie Delmonte. taria Wappen: Zwei Kronen. Vrumentum tloc- Marccllll. 1555. Wappen: Getreidcährcn. ciäuw Regierte 22 Tage. ve käs ketri. Paul IV. 1555. Hieß Petrus. Förderer des GlaubensgerichteS. H.ssculLpü pkar- Pius IV. 1559. Aus der Familie Medici macum. (daher AeSkulav). Angelas nemo- Pius V. 1566. Hieß Michael (Engel), ge» rosus. boren zu Bosco (Wald), läeämm corpus Gregor xm. Wappen: Die Hälfte d. Kör- xilarum. 1572. perö e. Drachen, Kugeln. Tlxis in meäietste Sixtus V. 1585. Wappen: Eine Achse oder signi. eine Planke, quer ein Löwe (Zeichen deöTbierkreiscs). ve rare eoeli. UrbanVII. 1590. Geboren zu Rvssano, wo man eine Art von Manna sammelte. Zweiter Theil. ve amiguitLts Gregor xiv. Geboren zu Mailand, einer urbis. 1590. alten Stadt?) ki» civitas in dello. Jnnocenz IX. Geboren zu Bologna, einer 1591. frommen Stadt. vrux Uomules. Clemens VIII. Wappen : Ein Silbcrband, 1592. durchquert von Barren. Unäosus v!r. Leo XI. 1605. Regierte nur 25 Tage. veas pervers». Paul V. 1605. Wappen: Ein Drache und ein Adler?) In tridul-uions GregorXV.1621. Beschwichtigte Unruhen. pacis. viiium et ros». UrvanVlll.1623. Wappen: Drei Bienen?) )ucur>äit»s crueis. JnnocenzX.1644 Gewählt anr 14. September (Erhöhung des .Kreuzes). sloiNniiTi custos. Alexander VII. Wappen: Ein Stern über 1655. sechs Hügeln. Zyäus oloruw. Clemens IX. Hatte im Conclave das 1667 Schwänezimmcr. ve Kamins Clemensx.1670. Geboren z.Zeit einer Ueber- m-gno. schwemmuug des Tiber, vellu» insatiLdilis. Jnnocenz XI. Wappen: Em Löwe und 1676. ein Adler. H Aus Anlaß dieser Devise SixtuS'IV. macbt der Verfasser des BucheS Llillo s non pur mills folgende Bemerkung: Die Sache ist um so merkwürdiger, da zur Zeit des MalachiaS Franz von Assist noch nicht geboren war. °) Diese Devise paßte für den Cardinal Simoncelli, Mitbewerber Gregors XVI., welcher zu Orvieto, einer alten Stadt, geboren wurde, besser. Hier aber beginnt, wie wir später ausführen werden, der prophetische Geist seine Sicherheit einzubüßen. °) Andere erklären die Devise damit, daß die Familie Borghese, welcher Paul V. angehört, mit den Casfarelli verwandt war, welche einen bösen Ruf hatten- v Die Bienen saugen die Rosen und Lilien, also sollten Inlimn st rosa Urban VIII. bezeichnen. 306 — Prophetische Namen ^der Begründung der Devise. koenitentia Alexander VIII. Geboren am Tage des hl. xloriosL. 1089. Bruno (eines Büßers). RLLtrum in porta. Jnnoccnz XII. (hieß Pignatelli). 1691. klares circumästi. ClemenSXI.1700 Wappen: Eine Guirlande, ve bans religions. Jnnociknz XIII. Für heilig gehalten. i 1721. Mies in dello. Bencdict XIII. Italien befand sich im 1724. KricgSgetümmel. Lolumnn excels». Clemens Xlk. Schmückte Nom mit Monu- 1730 meuten. Unimni rurnle. Bencdict XIV. Unermüdlich in der Arbeit. 1740. kosn vinbrine. Clemens XIII. Aus der Familie Rezzonico 1758. aus Venedig?) Visus velox oder Clemens XIV. War schnell in seinen Ent- Ursus velox. 1769. schlüssen. kercgrinus Lpo- PiuS VI. 1775 . Ging nach Wien zu Josef II. stolicus. Hguila rnpax. PiuS VII. 1800. DerAdlerNapoleons führte ihn fort. e->nis er coluder. Leo XII. 1823. War treu und klug. Vir reli^iosus. Pins VIII. 1829 Bemerkenöwcrth durch seine > Frömmigkeit. vo dalneis, He- Gregor XVI. AusCamaldoliinToscana. trurine. 1831. Lrux MM 314 blitzen. Dieselben, die die Leiier niedergeworfen haben, ergreifen ihn, um ihn hinunterzuschleudern. Ein Gedanke an Sarah durchführt das schwindelnde Gehirn des jungen Mannes, ist es sein letzter? — Nein, ein großer Schild schiebt sich plötzlich zwischen Lycidas und seine Angreifer, sie sinken von den Streichen eines furchtbaren Schwertes getroffen, zurück. Die andere Leiter ist von den Braven mit unwiderstehlicher Ausdauer erstiegen worden. Judas Makkabäus selbst hat seinen Fuß auf die Bollwerke gepflanzt. Schritt für Schritt treibt er ihre Vertheidiger zurück und erscheint gerade in diesem für das Schicksal des Lycidas entscheidenden Augenblick, um seinem Nebenbuhler das dritte Mal das Leben zu retten. Das Banner des Makkabäus ist auf den höchsten Thurm Bethsuras gepflanzt. Es weht im Licht der Abendsonne, und die Sieger lassen ein so lautes, wildes Triumphgeschrei erschallen, daß es wohl meilenweit zu hören ist. Es erreicht auch Sarah in ihrer Hütte und erfüllt ihr Herz mit Hoffnung und Frohlocken! denn sie kennt die Stimme ihres Volkes, niemand anders als die Sieger konnten die Luft von solcher Fröhlichkeit erzittern machen. Dann folgt der Ruf: „Jerusalem! Jerusalem!" Dieser, unter allen am meisten geliebte Name ertönt nicht nur von den hebräischen Helden in jener Stunde des Sieges, sondern von allen Kindern Israels. Jerusalem, die Mutter dieser Kinder, soll frei werden. Ihre Befreiung von einem drückenden Joch ist der Lohn für ihre Arbeit und Gefahr, kein Feind wagt es mehr, die Sieger auf ihrem Marsche gegen die heilige Stadt aufzuhalten. Makkabäus stimmt in das Jauchzen und Frohlocken ein. Seine kleinen Bekümmernisse tritt er unter seine Füße, damit sie den Triumph nicht verdüstern, dessen Gott die Waffen seines Volkes gewürdigt. Der Fürst erhebt sein Haupt und seinen siegreichen Arm gen Himmel und ruft laut, nicht mit Stolz, sondern froher Danksagung: „Siehe, unsere Feinde sind geschlagen! Lasset uns nun gehen, das Heiligthum reinigen und wiederum dem Herrn weihen!" (Schluß folgt.) -—«« 84 —- Tödliches Gift.*) In frühern Zeiten wurde, besonders auf dem Lande, häufig zur Beseitigung unliebsamer Persönlichkeiten ein Gift angewendet, das in schleichender Art wirkte, aber stets unausbleibliche tödliche Wirkung hatte. Das Geheimniß der Zusammensetzung dieses Giftes war und blieb lange Zeit wohlbehütetes, unaufgeklärtes Geheimniß; erst spätere Zeiten brachten Licht in die Sache — das so sicher wirkende Gift bestand aus nichts anderem, als einem Glase Wasser, das man unter das Bett eines Sterbenden gestellt und während dessen Agonie und Tod dort belassen hatte. Der Niederschlag der in der nächsten Atmosphäre des Kranken befindlichen, von demselben ausgesträmten Angststoffe der Todespein verleibt sich dem Wasser in einer Art ein, daß der Genuß desselben als tödliches Gift für andere wirkte. Diese gefährliche Thatsache ist zwar freilich nicht so bekannt, daß sie als Warnung zur Vorsicht dienen könnte, jedenfalls aber dürfte sich in diesem Punkte die größte *) Aus „Professor vr. Gustav Jägers Monatsblatt." ».Stuttgart, Kohthammer.) Vorsicht bei schweren Krankenfällen und in den Zimmern Sterbender empfehlen in Bezug auf Speisen und Getränke. Es wird hierin aus Roheit, Unwissenheit und Leichtsinn vielleicht gar oft gefehlt, und mancher Fall von Unwohlsein und Krankheit möchte sich auf die Unvorsichtigkeit zurückbeziehen, die manchen Ortes, besonders bei den untern Ständen, in solchen Fällen geübt wird. Wo peinliche Ordnung und regelrechte Krankenpflege herrscht, da sind ja die Gefahren solcher Unvorsichtigkeit ausgeschlossen, aber manchmal wird mit einer Unklugheit verfahren, die geradezu unbegreiflich ist. Man kann nicht selten die Beobachtung machen, daß Speiseüberreste, die tagelang im Zimmer eines Schwerkranken gestanden hatten, noch einem Kinde verabreicht werden, und die Betreffenden glauben damit noch etwas Gutes zu thun, da es ja etwas „Feineres" war, was das Kind gern ißt und was wegzuwerfen schade wäre. In Städten, wo der Raum in den Wohnungen ja oft so sehr beschränkt ist, habe ich auch schon beobachtet, daß im Zimmer eines Schwerkranken ein Büffet oder ein offener Speisekasten stand, der zur Aufbewahrung von Speiseresten, von Fleisch, Bäckereien u. s. w., auch Zucker, Thee, Kaffee, Brod und anderm, während der Krankenzeit benutzt wurde; es ist anzunehmen, daß dies der Nahrung schädlich ist, während in zweiter Richtung auch der verschiedenen Nahrungsmitteln entströmende Geruch für den Kranken nicht zuträglich ist; auch die beste Lüftung vermag diese doppelte Gefahr nicht zu beseitigen. Ebenso zu tadeln ist es, vom Kranken nicht berührte oder zum Theil genossene Nahrung im Krankenzimmer selbst — oft gar über Nacht — stehen zu lassen, um dieselben dem Kranken später wieder zu bieten; das heißt den Kranken mit dem eigenen Gift vergiften, ihn noch schwererer Erkrankung aussetzen. Und gilt diese ganz natürliche Vorsicht schon von Räumen, wo Kranke liegen, so ist sie noch um so viel eher auf Zimmer anzuwenden, wo Todte liegen; man soll etwaige Nahrungsmittel, die dort etwa in der Verwirrung und Bestürzung eines Sterbefalles vergessen wurden und liegen blieben, wo irgend möglich nicht mehr genießen und benutzen; hier kann übel angewandte Sparsamkeit verhängnißvollen Schaden bringen. In manchen Gegenden ist es Sitte, an der offenen Thür des Zimmers,' wo der Todte gewöhnlich drei Tage aufgebahrt liegt, auf einem Tischchen Brod aufzulegen, von dem jedes, das zum Beileid und zum Beten kommt, ein Stück erhält. Dem tieferen Sinne nach ist ja dieser alte Brauch sehr schön, aber gesund kann der Genuß dieses Brodes, das länger oder kürzer der Letchenluft, also den Ausdünstungen eines Kadavers in allernächster Nähe ausgesetzt war, nicht sein, und es wäre daher aus hygienischen Gründen das Abkommen dieser Sitte zu wünschen. Blumen, besonders gewisse Gattungen, die besonders sensitiv sind, sterben langsam ab, wenn sie einige Zeit in Krankenzimmern gestanden sind; manche Gewächse Mieren im Wachsthum und bekommen nach und nach immer mehr gelbe Blätter und kränkliche Triebe; ein Gärtner sprach mir einmal davon, daß er Pflanzen nicht sehr gern zur Dekorterung von Sterberäumen hergebe, da er trotz guter Bezahlung oft Schaden habe, indem es nicht selten vorkommt, daß werthvolle Gewächse zurückgehen, oft auch ganz absterben; dies ist schon genug Hinweis für die Schädlichkeit des dort herrschenden Duftkreises und zeigt, wie schädlich derselbe auf den mensch- 315 lichen Organismus wirken kann, wenn er durch von ihm verdorbene Nahrungsmittel oder Getränke in denselben eingeführt wird. ->s«88es- 8prm»»i»tv Erinnerungen von Karl von Wertach. (Schluß.) Lange Jahre waren vergangen, — Jahre emsigen Schaffens, rastloser Arbeit. Durch Anspannung aller Kräfte bis zum Aeußcrsten wollte ich den Seelenschmerz betäuben, den der Verlust meiner geliebten Clara in mir erzeugte. Es gelang mir nur halb. Mitten in der Arbeit trat gar oft das Bild der Unvergeßlichen vor meine Seele und die Erinnerung an den Verlust lahmte meine Hand, lahmte meinen Geist. Der Anbl'ck meines Kindes konnte mich nicht trösten, — im Gegentheil, er riß die alte Wunde stets von Neuem auf, trat mir doch in dem aufblühenden Mädchen das volle Ebenbild der Mutter entgegen, nicht nur im Aeußcrn, sondern auch in den seelischen Eigenschaften. Die kleine Clara war ebenso sanft und gut wie ihre Mutter, ebenso der Liebling Aller, die sie kannten.-— — Von den zwei Brudern Castor und Pollux hatte ich nichts mehr gehört, dagegen blieb ich in freundschaftlicher Correspondenz mit der Familie des Justizraths. Auch hier trennte der unerbittliche Tod liebende Herzen. Einige Jahre nach unserer Begegnung in Florenz fiel der noch in den besten Jahren stehende Mann einem tückischen Leiden, für das er in Italien Genesung gesucht halte, zum Opfer. Von Zeit zu Zeit cor- respondierte ich noch mit der Wittwe, aber immer seltener.-- Lange Jahre waren vergangen, mein Töchterchen war zur Jungfrau heran- geblüht. Sie hatte noch nichts von der Welt gesehen, denn ich fühlte seit meiner Hochzeitsreise nie mehr das Bedürfniß, eine Vergnügungsreise zu machen, und war so egoistisch, auch von Andern vorauszusetzen, daß sie gleich mir ihr Leben hinter den allbekannten vier Mauern vertrauern sollten. Da sagte Clara eines Tages, nachdem sie in einer Reisebeschreibung gelesen hatte.- „Es ist recht schön hier, Papa, aber wo es Berge und Seen gibt, da muß es noch weit schöner sein! Ich kann mir's gar nicht vorstellen, — die Bilder, die man sieht, sind doch nur ein schwacher Abklatsch der großartigen Natur!" „Gewiß mein Kind, erwiderte ich. Du bist freilich noch nirgends hingekommen und schon eine stattliche Jungfrau geworden. Würde es Dich denn freuen, einmal mit mir in fremde Länder zu reisen?" „Oh Papa, es würde mich namenlos glücklich machen! Schon lange ist so eine unbestimmte Sehnsucht in mir, eine Reise mit Dir zu machen, ich getraute mir nur nicht, es zu sagen. Gelt, Popa, Du nimmst's mir nicht übel, wenn ich heule so offen spreche?" . . . Ich erfüllte gern den Wunsch meiner Tochter. Zum ersten Male nach 20 Jahren nahm ich wieder Urlaub. — Das „wohm" war mir bald klar. Wer weiß, ob ich später nochmal eine Reise machen konnte? War es nicht am besten, mit meiner Tochter, dem getreuen Ebenbild ihrer Mutter, all' die Plätzchen aufzusuchen, wo ich einst glückliche Stunden verlebte? Es wurden dadurch wohl die alten Wunden aufgerissen, aber ich wollte die Erinnerung nicht verbannen, es war mir ein süßer Schmerz, darin zu schwelgen. So reisten wir denn nach Italien. Unser erster Aufenthalt war am Comersee. Das Entzücken Clara's, welche, wie bereits gesagt, nie eine andere Gegend gesehen hatte, als das bescheidene, von sanften Hügeln begrenzte Thal, in welchen wir lebten, kannte keine Grenzen und machte mich auf Stunden meinen Schmerz vergessen. In Bellaggio nahmen wir unser Absteigequartier. Wie groß war meine Ueberraschung und Freude, als ich dort die Justizräthin traf. Sie war im Begriff, ihren Sohn, der zu einem blühenden, schönen jungen Mann herangereift war, nach Rom zu begleiten, wohin er sich zu seiner wettern Ausbildung begab, und hatte zuerst einige Zeit im prächtigen Bellaggio zubringen wollen. Wie viel hatten w r uns zu erzählen, freilich meist trauriger Natur. Während wir uns über vergangene Zeiten unterhielten, gingen die beiden jungen Leute amUfer des See's spazieren. Es war ein hübsches Paar, — Alfred, ein in der Fülle der Jugend strotzender, junger Mann und meine um sieben Jahre jüngere Clara, die aufbrechende Knospe! Sie verkehrten so kindlich unbefangen miteinander, als ob sie sich schon längst kannten und Geschwister wären . . . . Die Weiterreise erfolgte gemeinsam. Wir fuhren nach Florenz. Unser erster Besuch galt Sän Miniato mit seiner herrlichen Aussicht und den poesievollen Grabinschriften. Da sahen wir, an eine Cypresse gelehnt, einen Mann, der, vonSchmerz überwältigt, kein Auge hatte für diejihn umgebende Schönheit. Wir wollten ihn in seinem Sinnen nicht stören und schlichen uns vorbei. Er hob ein wenig den Kopf und — träumte ich oder war es der lebensfrohe Pollux, dessen eingefallenes Gesicht mir entgegenstarrte? Einen Moment zögerte ick, dann schritt ich auf ihn zu. Er erkannte uns sogleich und reichte uns beide Hände entgegen, während ein trübes Lächeln auf einen Augenblick sein Angesicht verklärte. „Oh wie freut es mich, Sie noch einmal zu sehen, rief er, haben wir doch eine schöne, unvergeßliche Stunde gemeinsam verlebt. Ich war seither jedes Jahr auf diesem schönen Fleckchen Erde, aber nie mehr so glücklich", — und eine Thräne rollte über seine Wange. — — Langsam gingen wir der Stadt zu und erzählten uns gegenseitig unsere Erlebnisse. Auch Pollux hatte die eiserne Hand des Schicksals berührt: er verlor seinen geliebten Bruder und damit war jede Lebensfreude für ihn entschwunden!- Die Reise-Saison für Italien war vorüber und der Fremdenverkehr deßhalb ein spärlicher. In dem lauschigen, kleinen Restaurationslokal des Hotel Bonciani waren wir die einzigen Fremden. Wir saßen am selben Geh. Justizrath! GestrkenZch. HM- 316 Tischchen wie damals, aber nicht in derselben Stimmung. — Bevor wir aufbrachen, um uns zur Ruhe zu begeben, flüsterte Pollux dem Kellner etwas zu, und bald erschien derselbe mit einem Eiskübel, aus welchem der Hals einer Flasche herausschaute. Pollux schenkte Jedem ein Glas ein und gab die halbgeleerte Flasche dem Kellner zurück. Mit vor Erregung zitternder Stimme sprach er: „Vor 20 Jahren fanden wir uns hier zusammen in einer glücklichen Stunde, und in der übermüthigen Laune des Augenblicks freuten wir uns dieses Göttertrankes. — Das Schicksal hat nicht gewollt, daß wir uns nochmals so treffen sollten, es hat uns Allen das Liebste entrissen, was wir besaßen! Ihnen hat es wenigstens einen theilweisen Ersatz geboten, denn Sie haben blühende Kinder an Stelle des verlorenen Gatten, der verlorenen Gattin an Jdrer Seite, während ich einsam in der Welt dastehe. Doch, rechten wir nicht mit dem Schicksal, — was Gott thut, das ist wohlgethan! Widmen wir den theuren Dahingeschiedenen, die wir Alle nie vergessen werden, einen stillen Trunk!" Lautlos wurden die Gläser geleert, und manche Thräne mag hineingeflossen sein. Mit einem stummen Händedruck verabschiedeten wir uns. Das war der einzige Schluck, den ich nach 20 Jahren noch getrunken. * » * „Das Alte fällt,. Und neues Leben blüht aus den Ruinen." Die Herzen Alsred's und Clara's haben sich gefunden. — —- Die Beiden sind auf der Hochzeitsreise — — nach Italien! Heute Morgen erhielt ich ein Telegramm: „Glücklich in Florenz angekommen, wohnen im Hotel Bonciani." —- Während ich in später Abendstunde Scenen der Vergangenheit vor meinem Geiste vorüberziehen lasse, — vor mir auf dem Schreibtisch das Bild der unvergeßlichen Gattin, — sitzen sie wahrscheinlich am bekannten Tischchen als glückliches junges Ehepaar in fröhlichster Stimmung beim „^sti opuinuirtö". -SS8RLS—- Zu unseren Bildern Dttppcher» hat Durft. Es ist reizend zu beobachten, mit welch fürsorglicher Aufmerksamkeit die kleinen Mädchen, wenn sie selbst noch der mütterlichen Pflege in allweg bedürftig sind, an ihren Püppchen Mutterstelle vertreten. Freud' und Leid theilen sie mit ihnen, und alle Bedürfnisse, die sie selbst baben, übertragen sie auf dieselben. So glaubt die Kleine auf unserem Bilde, nachdem sie eben ihre Milch getrunken hat, auch den ihrer Pflege anvertrauten Liebling nicht vergessen zu dürfen. Mit einem Ernste, als ob es gelte, denselben dem Tode des Verdurstcns zu entreißen, gießt sie ihm aus der großen Kanne, die sie kaum zu halten vermag, den stärkenden Trank ein. Und der kleine Nimmersatt will auch gar nicht genug bekommen. Was wird aber die Mutter, die dem in Bälde von der Tagesarbcit heimkommenden Vater das Essen zubereitet, für eine Freude haben, wenn sie die Milch, mit der sie auf den morgigen Feiertag etwas Besonderes zubereiten wollte, in so edler Weise verwerthet sieht? Hoffentlich läßt sie es bei einer ernsten Strafpredigt bewenden und greift nicht zu der gefürckteten Ruthe, die hinter dem Spiegel steckt. Der Schaden läßt sich dadurch ja doch nicht meU gut machen, und das Kätzchen wird froh sein, die Milch Ft>on dem Boden auflecken zu dürfen. -- Geh. Iuftizrath Geffcken Der tragische Tod des Geheimen Justizrathes Pros. Frdr. Heinr. Geffcken in München in Folge der Explosion einer Petroleumlampe bat allseitiges Aufsehen erregt. Pros. Geffcken hat im Jahre 1888 durch Veröffentlichung des Tagebuches des Kaisers Friedrich große Sensation erregt und sich selbst eine dreimonatliche Untersuchungshaft zugezogen, die wieder aufgehoben wurde, ohne daß man ihm den Prozeß gemacht hätte. Geffcken war am 9. Dezember 1830 zu Hamburg geboren, studirte Jura, wurde 1854 Legationssekretär in Paris, 1856 hamb. Geschäftsträger in Berlin, 1859 hanseatischer Ministerresident daselbst, 1866 nach London versetzt, 1869 zum hamb. Syndikus gewählt und nahm 1872 einen Ruf als Professor der Staatswissenschaft und des öffentlichen Rechtes an die Universität Straßburg an, auf welche Professur er 1882 verzichtete. Geffcken gehörte zu den vertrautesten Rathgebern des späteren Kaisers Friedrich. -» « « «> * - Allerlei. Auch ein Schwerenöther. Handwerksbursche: Ein armer Handwerksbursche bittet um eine kleine Gabe, liebe Frau! — Frau (die Katze auf dem Arm): Ich gebe nichts, machen Sie, daß Sie fortkömmen l — Handwerksbursche (zur Katze): Vielleicht legen Sie, verehrtes Fräulein, ein gutes Wort bet Ihrer Frau Mama für mich ein? * Umsicht in der Gefahr. Fremder: „Wollen Sie nicht packen? Es brennt ja im Hause." — Der Herr Sekretär: „Wir packen ja schon! Aber helfen Sie, wir suchen die wichtigsten Dokumente zusammen und da fehlt uns der Impfschein unserer verstorbenen Tochter." -SWüses- Magisches Quadrat. Es sollen die Felder obenstehenden Quadrats mit 16 aufeinanderfolgenden Zahlen derart besetzt werden, daß die Summe der Wagerechten, senkrechten und Diagonalreihen, sowie der vier zusammenliegenden Mittelfelder stets 46 ergibt. Auflösung des Kreuzräthsels in Nr. 40: § 0 8 l 8 0 8 18 8 1 8 8 8 IV 8 I 8 08^888188 8081V8I288 8 12 I 8 8 8 8 8 --WRZ 8 -- -r «r 42. Mittwoch, den 20 . Mai 4896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag der Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr, Max Huttler). Judas Wakkaöäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. ColoniuS. (Fortsetzung statt Schluß.) 37. Kapitel. Nach der Schlacht. ES gibt sowohl Freude wie Kummer, in welche ein davon nicht Berührter nicht eindringen «nd welche keine Feder beschreiben kann. So erging eS LycidaS und Sarah, als sie sich zuerst nach der Schlacht bet Bethsura wiedersahen. DaS Mädchen mäßigte ihre Freude doch etwas und fühlte Angst und Unruhe, als sie den jungen Griechen sah, wie er ihr, blaß vor Blutverlust, erschöpft vor übermäßiger Anstrengung, den linken Arm in der Binde, entgegentrat, aber sie beruhigte sich bald; denn LycidaS hatte keine ernstliche, unheilbare Wunde davongetragen. Der junge Bekehrte freute sich sogar, eine Wunde erhalten zu haben, als Beweis, daß er unter JudaS MakkabäuS gefochten und einer der ersten unter denen gewesen war, die Bethsura gestürmt hatten. LycidaS gab der Sarah und ihrer Gefährtin eine genaue Schilderung des Gefechts. Sarah hörte athemloS und zitternd zu, als der Erzähler in seiner Beschreibung an die Stelle kam, wo er selbst in so großer Gefahr gewesen war, von der Mauer geschleudert zu werden, wenn nicht JudaS MakkabäuS ihm in demselben Augenblicke Hilfe geleistet hätte. „Ich wußte, daß eS mit mir aus war, wenn nicht der Fürst plötzlich vor mir erschienen wäre. Hätte ich nicht längst alle Fabeln, die ich in meiner Kindheit gehört, den Winden übergeben, so würde ich geglaubt haben, daß Mars selbst, strahlend in himmlischem Glänze, aus einer Kriegswolke niedergefahren wäre. Aber der Held Israels bedarf keines erborgten Glanzes, mit welchem die Phantasie eines Dichters ihn umgeben könnte — er selbst verwirklicht die erhabensten und herrlichsten Ideen des Homer." „Und MakkabäuS war derjenige, der Dich rettete und vertheidigte? Das. war groß und edel!" murmelte Sarah. „Ja, es scheint so meine Bestimmung zu sein, daß ich in einer immer mehr anwachsenden Schuld der Dankbarkeit ganz versinken soll!" rief LycidaS, indem er im Scherz einen Schein von Unzufriedenheit auf die Dankbarkeit «nd Bewunderung warf, die er für seinen Erretter fühlte. „Ich wollte, eS wäre meine Rolle gewesen, den Retter zu spielen, und mein Schwert hätte sein Haupt geschützt, und daß MakkabäuS nicht dazu bestimmt gewesen wäre, mich in allem, selbst in der Macht, Groß- muth an einem Rivalen zu üben, zu verdunkeln. Aber ich darf ihn nicht um die Lorbeeren, die er erntet, beneiden," fügte der junge Athener mit einem strahlenden Blick auf Sarah hinzu, „da die Blumengewinde des Glückes mir zuerkannt find." Am Morgen nach der Schlacht bei Bethsura besuchten Simon und Eleazar ihre Verwandte in der Hütte des Ziegenhirten, wo sie mit Hannah die Nacht zugebracht hatte. Sie betrachteten sie noch als ihre zukünftige Schwester und boten ihr ihre Begleitung zu dem Hause der Nahe! an, welche nicht weit von der Festung lebte. Da Sarah wünschte, so bald als möglich unter den Schutz eines weiblichen Verwandten zu kommen, nahm sie das Anerbieten froh und dankbar an. Die Sänfte wurde vor die Thür der niedrigen Hütte gebracht, und nachdem die Vorhänge derselben niedergelassen waren, traten das Mädchen und ihre Dienerin ihre kleine Reise zu Rahe! an, die hocherfreut das Kind der Hadassah empfing. Sarah sah an jenem Morgen nichts von LycidaS — und MakkabäuS vermied eS, sie zu sehen. Im hebräischen Lager war alles emsig und thätig Zelte wurden abgerissen und alles für den bevorstehenden Marsch nach Jerusalem bereit gemacht. Die ermatteten Krieger vergaßen ihre Müdigkeit, die Verwundeten ihre Schmerzen, so begierig waren Alle, die reichen Früchte ihres Sieges innerhalb der Mauern von Jerusalem einzusammeln. Die Gedanken des Fürsten weilten mitten in aller Unruhe und Verwirrung und trotz der vielen Sorgen, die von allen Seiten auf ihn einstürmten, bet Sarah. Er fühlte, daß sie für ihn verloren war. Er würde den Gedanken, ihre Hand dennoch zu begehren, mit Verachtung von sich gewiesen haben, da er wußte, daß ihr Herz einem andern gehörte. Aber er beschloß, wenigstens an dem verwaisten Mädchen wie ein Bruder zu handeln. So schmerzlich auch dem MakkabäuS der Anblick seines Nebenbuhlers war, beschloß er dennoch eine Zusammenkunft mit LycidaS zu haben, um sich selbst zu überzeugen, ob er auch eines hebräischen Mädchens würdig sei. LycidaS hatte sich als tapferer Krieger gezeigt, er hatte die Bewunderung selbst des fanatischen Jascher gewonnen, aber würde der junge Grieche auch in dem angenommenen Glauben fest stehen, wenn eS 318 keine neuen Lorbeeren oder einen schönen Preis zn erringen galt? „Die entfernteste Hoffnung, Sarah zu gewinnen," dachte Makkabäus bei sich selbst, „wäre schon hinreichend, einen Mann zu bewegen, der Sache ihres Volkes bei- zutreten und allen Abgöttern, außer der Vergötterung dieses Mädchens, zu entsagen. Ich muß diesen Athener selbst befragen, ich muß ihn prüfen, ob er diesen Glauben ganz unabhängig von irdischen Beweggründen angenommen hat und als ein treuer Bekenner dieses köstlichsten aller Edelsteine würdig ist. Wenn es so ist, dann mag er glücklich sein, da ihr Glück mit dem seinigen so eng verkettet ist. Niemals will ich ihren sonnenhellen Weg mit dem Schatten, der auf dem meinigen jetzt immer bleiben wird, verdunkeln." Mit nicht geringer Unruhe folgte LycidaS dem Ruf des Fürsten und traf ihn in einem Häuschen der Festung allein, die er zu erobern geholfen hatte. Der Grieche konnte nicht umhin, zu glauben, daß sein Schicksal, was seine Vereinigung mit Sarah anbetraf, von dieser Zusammenkunft mit seinem großen Nebenbuhler abhängen würde. Die Zusammenkunft war nicht lang; was darin verhandelt wurde, blieb verschwiegen. Lycidas hatte nicht einmal Sarah diese Unterhaltung mit dem Manne, dessen Lebensglück er zerstört, mitgetheilt. Als der Grieche den Fürsten verließ, begegnete er Simon und Eleazar, welche soeben von der Begleitung ihrer jungen Verwandten zu der Wohnung RahelS's zurückkehrten. Die hasmonäischen Brüder begrüßten den Fremden freimüthig und herzlich, den sie zum ersten Male am vorhergehenden Tage im Kampfe gesehen. Die Binde, welche der Athener um seine Schläfe trug, und die Schlinge, in welcher er seinen Arm trug, waren als Beglaubigungen ein Freibrief für die Gunst und das Vertrauen seiner neuen Waffengefährten. „Du bist schnell zu Ruhm und Ehre gekommen, schöner Grieche!" rief Eleazar. „Du hattest die höchste Stufe der Leiter erreicht, bevor ich meinen Fuß auf die unterste setzen konnte. Ich könnte Dich um den Ruhm, den Du Dir erworben hast, beneiden." Eleazar und Simon gingen dann zu MakkabäuS hinein, während Lycidas sich entfernte. DaS Lächeln, welches der junge Hebräer bei der Anrede an Lycidas um seine Lippen hatte, war noch vorhanden, als er in das Gemach trat, in welchem der Fürst allein saß. Aber der erste Blick des Eleazar auf Makkabäus verbannte schnell jede Spur des Lächelns. „Du bist krank!" rief er, indem er auf das beinahe geisterhafte Antlitz seines Bruders blickte. „Du hast gewiß eine tödtliche Wunde bekommen!" Der Fürst verneinte dies durch ein leichtes Kopf- schütteln. „Die Last der Verantwortung, der Mangel an Schlaf, die Anstrengung des gestrigen Kampfes zehren Deine Kräfte auf," bemerkte Simon ernst. „Judas, Du bist nicht im Stande, die Mühsale deS langen Marsches, der vor uns liegt, auszuhalten." „Ich war niemals mehr bereit und sehnte mich noch ine so sehr nach einem Marsch," entgegnete Makkabäus, indem er plötzlich aufstand; denn es schien ihm, als ob heftige körperliche Anstrengungen allein im Stande wären, fein Leben erträglich zu machen. „Mich soll nur wundern," sagte Eleazar, „ob unser junger, schöner Bekehrter die Strapazen des Marsches ebenso leicht aushalten wird, wie er gezeigt hat, daß er der Gefahr in's Auge sehen kann. Mich dünkt, er sähe unter unsern grimmigen Kriegern wie eine Marmorsäule aus Salomo's Palast unter rauhen Eichen, wie sie jenen Hügel dort bekleiden, aus. Wenn Lycidas erst —" „Er wird — Sarah's Gemahl werden," unterbrach ihn Makkabäus; seine Stimme klang fremd und hart, und er wandte bei diesen Worten das Gesicht ab. „Sarah's Gemahl!" wiederholte Eleazar mit Erstaunen, „warum" — Simon's warnender Blick verhinderte den jungen Mann, mehr zu sagen. Die Brüder wechselten verständnißvolle Blicke. Das war das letzte Mal, daß Sarah's Name von einem unter ihnen in Gegenwart deS Makkabäus genannt wurde. Sarah überzeugte sich bald, daß ihr Aufenthalt in ihrer neuen Heimath nur von kurzer Dauer sein und daß sie möglicherweise weit eher nach Jerusalem zurückkehren würde, als sie bei ihrer Abreise in jener Nacht voraussetzen konnte. Rahel, ein Weib, welches, obgleich hochbetagt, doch nichts von ihrer Jugendkraft und begeisterten Vaterlandsliebe eingebüßt hatte, war über den Sieg von Bethsura voll triumphirender Freude und erklärte Sarah, daß sie die Absicht habe, bet dem Vorrücken des Heeres nach der Stadt abzureisen. „Ich habe ein Gelübde gethan, ein feierliches Gelübde," sagte die alte Jüdin zu dem Mädchen. „Lange habe ich um die Verwüstung Zions getrauert; und ich habe dem Herrn gelobt, daß, wenn jemals wieder geopfert werden sollte auf dem Altar deS Herrn zu Jerusalem, meine junge Kuh, meine schöne, weiße, junge Kuh das erste Friedensopfer sein sollte. Auch habe ich gelobt, selbst in die heilige Stadt zu gehen, um dort mit meinen eigenen Händen mit Oel gesalbte Oblaten zu machen, welche bei dem Opfer der Danksagung gegessen werden sollten. Die Zeit der Erfüllung meines Gelübdes ist gekommen. Wir wollen, meine Tochter, zusammen hinaufgehen und meine Leibeigene soll die weiße Kuh vor mir Hertreiben. Meine Seele kann nicht mit Frieden dahin- fahren, bevor ich das Heiligthum gesehen, in welchem meine Väter den Herrn anbeteten, und bevor ich ihm von ganzem Herzen mein Gelübde dargebracht habe." Sarah machte gegen die Wünsche ihrer Verwandten keine Einwendungen, zumal dieselben mit ihren eigenen sehr übereinstimmten. Die Vorbereitungen zur Reise wurden schnell getroffen. Die Pferdesänfte, in welcher Sarah nach Bethsura gekommen war. genügte für die Bequemlichkeit der beiden Frauen bet ihrer Rückkehr nach der heiligen Stadt vollkommen. Der treue Joab wurde wiederum mit der Leitung des Rosses beauftragt, und Hannah, sowie die Mägde Nahel'S reisten mit. Unter frohen Erwartungen machten sich die Reisenden nach der Stadt David's auf. (Schluß folgt.) «- « M « »- GoldkSxuer. DaS Kleinste, beut eS Liebe dar, Verwandelt sich zum Scqenl Ein treuer Rath, ein tröstend Wort, Ein redlich Wollen fort und fort Kann manche Thräne trocknen. Krank. -«-SSW-S--- 81S „Geheimuißtwlle Kräfte. Unter dem Titel „Geheimuißvolle Kräfte" erzählt Graf Nikolaus Bethlen in einem ungarischen Blatt eine räthselhafte Geschichte, die auf den Erlebnissen eines französischen Richters beruht. „Bor zehn Jahren hatte ich als Untersuchungsrichter meine Aufgabe in einem entsetzlichen Mordproceß vollendet; Tag und Nacht sah ich seit Wochen im Geiste nur Leichen, Mordscenen und Blut. Zu meiner Erholung suchte ich einen entlegenen Luftcurort aus, wo es kein Casino und keine Eisenbahn gibt, nur alte Stellwagen; ich spazierte den ganzen Tag in den Waldungen herum, die dort eine riesige Ausdehnung haben, und verirrte mich eines Abends derart, daß ich ganz erschöpft war, als ich aus dem Walde auf eine entlegene Straße gelangte, von wo meine Wohnung noch zehn Kilometer entfernt lag. Nächst der Straße befand sich ein Einkehrwirthshaus mit der Firma: „Zum guten Freund." Ich trat ein und verlangte ein Nachtmahl. Der Wirth und seine Frau hatten ein verdächtiges Aussehen, und sonst war kein menschliches Wesen im Hause zu sehen. Nach dem herzlich schlechten Essen verlangte ich eine Unterkunft, da es bereits zu finster war, um den Heimweg anzutreten; die Wirthin führte mich längs eines Ganges in ein Dachzimmer, das sich oberhalb hes Stalles befand. In dem Zimmer fand ich außer dem Bett nur zwei Sessel und einen Tisch mit einem Krug» Wasser. Als vorsichtiger Mann untersuchte ich das Zimmer und fand eine Thür, die sich auf eine Leiter im Freien, welche zur Stallthür führte, öffnete. Ich verbarrikadirte die Thür mit den Sesseln und dem Tisch, auf welch' letzteren ich einen Krug stellte, so daß man die Thür nicht öffnen konnte, ohne den Tisch und Krug umzuwerfen. Todmüde verfiel ich in tiefen Schlaf; da erwachte ich plötzlich auf ein großes Geräusch; es schimmerte Licht durch das Schlüsselloch. „Wer ist da?" rief ich erschrocken. Keine Antwort; tiefe Stille. Nach langer Zeit, gegen Morgen zu, schlief ich endlich wieder und hatte folgenden Traum: Es schien mir, daß man die Falllhür öffnete; der Wirth erschien mit einem großen Messer in der Hand und hinter ihm die Frau mit einer Laterne, vor welche sie ihre Hand hielt; der Wirth nahte mit leisen Schritten und stieß sein Messer in die Brust des Mannes, der im Bette lag; der Wirth packte den Ermordeten bei den Füßen und die Frau beim Kopf, und so trugen sie ihn die Leiter hinunter. Der Wirth nahm den Ring, an dem die Laterne hing, in den Mund. In dem Augenblick erwachte ich, in Schweiß gebadet; die Sonne stand schon hoch am Himmel. Ich warf mich hastig in meine Kleider und stürmte die Treppe hinunter; als ich auf die Straße gelaugte, fühlte ich mich ganz erleichtert und eilte in meine Wohnung in den Curort. — Ich vergaß ganz meinen Traum; nach drei Jahren las ich folgende Notiz in den Zeitungen: „Die Gäste des Curortes X. befinden sich in großer Aufregung; der Advokat Victor Armand ist seit acht Tagen, seit er zu Fuß einen Ausflug in das Gebirge machte, verschwunden; man fürchtet, daß er verunglückt sei." In dem Augenblick, als ich die Notiz las, erinnerte ich mich meines Traumes. Noch stärker ergriff mich diese Erinnerung, als ich einige Tage später folgende Mittheilung fand: „Man ist auf der Spur des verschwundenen Advokaten; er verbrachte die Nacht vom 84. August im Einkehrwirthshaus „Zum guten Freund". Ein Fuhrmann hat ihn dort gesehen; Wirth und Wirthin sind schlecht beleumundet; vor sechs Jahren verschwand ein Engländer in derselben Gegend; andererseits hat ein Hirtenmädchen ausgesagt, daß es am 26. August sah, wie die Wirthin in einem Tuche unter dem Holze blutige Leinentücher versteckte. Eine strenge Untersuchung wird eingeleitet. Eine innere Stimme flüsterte mir zu, daß mein Traum zur Wirklichkeit geworden, und unwiderstehlich zog es mich nach dem Curort L. Die Richter bemühten sich dort, das Geheimniß zu lüften, doch ein unzweifelhafter Beweis konnte nicht gefunden werden. Ich traf gerade den Tag in X. ein, als der Untersuchungsrichter die Wirthin verhörte, und ersuchte ihn, zu gestatten, daß ich dem Verhör beiwohne. Die Frau erkannte mich nicht; sie bemerkte gar nicht meine Anwesenheit. Sie sagte aus, daß ein Herr am 24. August Abends im Gasthaus weilte, aber die Nacht nicht dort zugebracht habe; als Beweis ihrer Aussage führte sie an, daß es im Gasthause nur zwei Gastzimmer gebe, und daß beide von Fuhrleuten besetzt waren; eine Thatsache, welche die Betreffenden in der Untersuchung bereits bestätigt hatten. Da griff ich in das Verhör plötzlich ein und rief: „Und das dritte Zimmer über dem Stall!" Die Frau schrak zusammen und schien mich in dem Augenblick zu erkennen. Ich fühlte mich wie in- spirirt und fuhr fort: „Victor Armand schlief in diesem dritten Zimmer; Nachts kamen der Wirth und Sie auf der Stallleiter in das Zimmer, indem Sie die Fallthür öffneten; Ihr Mann hielt ein Messer in der Hand und Sie eine Laterne. Sie blieben bei der Thür stehen, während der Wirth den Reisenden ermordete und ihm seine Uhr und sein Portefeuille raubte." Das war mein Traum vor drei Jahren; mein College, der Untersuchungsrichter, war ganz verblüfft; die Frau aber zitterte am ganzen Leib, ihre Zähne klapperten vor Furcht, und Entsetzen sprach aus ihren Augen. „Dann" — so sagte ich weiter — „ergriff Ihr Mann die Leiche bei den Füßen, und Sie hielten den Kopf. Beide trugen die Leiche auf der Leiter hinunter; um zu leuchten, nahm der Wirth den Ring, an dem die Laterne hing, in den Mund." Leichenblaß stand die Wirthin vor uns und murmelte unwillkürlich die Worte: „Der hat Alles gesehen!" Aber sofort raffte sie sich auf, verweigerte ihre Unterschrift auf das Protokoll und sprach kein Wort mehr. Nun wurde der Wirth vorgeführt. Mein College wiederholte ihm meine Erzählung; der Wirth glaubte, daß seine Frau ihn verrathen habe. Mit einem fürchterlichen Fluche schrie er wüthend: „Die Elende soll es mir büßen!" Mein Traum ist also nach drei Jahren bis in die kleinste Einzelheit — wie z. B. daß der Wirth den Ring der Laterne in den Mund nahm — zur Wirklichkeit geworden. Im Stalle des Wirthshauses fand man unter dem Kehrichthaufen vergraben die Leiche des unglücklichen Victor Armand und noch andere menschliche Gebeine, vielleicht jene des vor sechs Jahren verschwundenen Engländers. Mir ist es immer, als ob mir dasselbe Loos bestimmt gewesen wäre. In jener Nacht, als ich träumte, habe ich wirklich durch das Schlüsselloch das Licht schimmern sehen, oder war das auch nur ein Traum, eine grauenhafte Vorahnung? Ich weiß es nicht. Aber ich fühle auch, daß eine geheimnißvolle Kraft mich als Werkzeug benutzte, um ein Verbrechen an das Tageslicht zu bringen, das sonst ungestraft geblieben wäre. Und während meines langjährigen Wirkens als Richter hatte ich öfter Gelegenheit, zu erfahren, daß der Verbrecher — um 320 seine That zu verhüllen — nicht allein mit uns Menschen zu kämpfen hat, sondern auch mit einer geheimnißvollen Macht, welche die Wissenschaft noch nicht zu ergründen vermochte." -- Allerlei. Funken. Man sagt oft das Schlimme, das man von jemand denkt; man denkt selten das Gute, daS man von jemand sagt. — Man begräbt häufiger seine Freundschaften als seine Freunde. — Wen wir lieben, dem geben wir die Macht, uns Leiden zu bereiten. — Eine Steuer auf die bösen Zungen und jede andere Steuer ist überflüssig. — Glückliche Frau, die einen Feinschmecker zum Manne hat: sie ist immer sicher, den Weg zu seinem Herzen zu finden. — Wenn sich eine Frau schlecht kleidet, so sagt man, sie habe keinen Geschmack; kleidet sie sich gut, so sagt man, sie denke nur an ihren Putz. — Eine Dummheit wieder gut machen wollen heißt, sie an eine große Glocke hängen. — Die größte Kunst des Alters besteht darin, sich zu erinnern, daß man jung gewesen, ohne zu vergessen, daß man eS nicht mehr ist. — Tausend Thore führen in das Paradies der Liebe, nur eines führt hinaus: der Ueberdruß. — Kummer bildet den Charakter, Erniedrigung entstellt ihn. *> Druckfehler. In einem Thiergarten ist der Elefant erkrankt. Alan beschließt, ihn zu erhängen. In der Zeitung stand folgender Bericht über diese Execution: Da plötzlich hob sich der Krähn, die Ketten zogen an, der Elefant schwebte in der Luft und war nach kurzen Secunden eine Lerche —" * Warum — darum. Fürst (auf der Durchreise zum Schulzen): «Sagen Sie mir, mein lieber Schulze, wie kommt es, daß ich in dieser Gegend gar so viel Kinder barfuß umherlaufen sehe?" — Schulze: „Ja, Durchlaucht, so kommen sie bei uns auf die Welt." » Guter Rath. Student seiligst an einen anderen herantretend): „Sapperlot — ein paar Gläubiger lind mir auf den Fersen." — Kommilitone: „Schnell geh da hinein in die „Sparkasse", dort fuchtDich keiner." * Hausfrauen-Jammer. „Höre, Mann, mit der Käthe ists nicht mehr zum Aushalten! In vier Wochen hat sie in der Küche alles kurz und klein geschlagen — nur das Brennholz nicht!" Fehler in der Erziehung. Onkel: „Mach' mir einen Grog, liebe Emma!" — Nichte: „Den verstehe ich nicht zu bereiten." — Onkel: „Was, nicht mal' einen Grog kannst Du machen? Ja, was hast Du denn eigentlich in der Pension gelernt?" * Der Sonntagsjäger. Oberförster: „Sie wünschen also eine Anstellung bet uns — waS haben Sie denn seither getrieben — was sind Sie?" — Bewerber: „Jäger!" — Oberförster: „Ich meine, an Wochentagen?" * Ein guter Posten. Ich sollte in meiner letzten Stellung 200 Mark den Monat bekommen, erhielt aber nach halbjährigem Dienste keinen Pfennig, weil die Firma in Konkurs gerieth. — Gut! Wenn sie Kaution leisten, engagiere ich sie unter den gleichen Bedingungen! Fatale Erklärung. A.: Was bringt denn Deine junge Frau mit? — B.: Ich weiß nicht; als ich vor der Hochzeit meinen Schwiegervater darnach fragte, wurde er grob. — A.: Und nach der Hochzeit? — B.r Hm — da wurde er noch gröber. DaS Recht und die Rechte. Der berühmte Göttinger Gelehrte Lichtenberg sagte einst: „Um sicher Recht zu thun, braucht man sehr wenig vom Rechte zu wissen; allein um sicher Unrecht zu thun, muß man die Rechte studiert haben." Faule Ausrede. Pantoffelheld: „Kinder, ich muß jetzt nach Hause, ich habe mir heute statt des Hausschlüssels aus Versehen meinen — Wanduhrschlüssel eingesteckt." * Unverfälscht. Landmann: „Ist das aber auch ächtes Hunbcfett, Herr Apotheker?" — Apotheker: „Gewiß lieber, Mann, sehen Sie hier diesen dicken Pudels der wird jede Woche einmal ausgebraten." Wonnemond. Nun des Lenzes Düfte wieder Schmeichelnd Fora und Au durchwallen, Grüßen uns die frohen Lieder Sangesrcicher Nachtigallen; Frühlings Rosen lieblich blühen Untcr'm Strahl der gold'nen Sonne, Ihre sammt'nen Wangen glühen Wunderbar in Lust und Wonne. Jedes Herz in heil'gcr Stunde Trifft des Lenzes frohes Ahnen, Trifft des Lenzes süße Kunde Wie ein selig Himmelsmahncn; Gottes Walten, Gottes Weben Füllet all' die Menichengeistcr, Daß sie sich in Andacht heben Zu dem Meister aller Meistert Maximilian Dursch. --- tzekegrapyett-Natyjer. (Die Striche sind durch die Vokale aaeeeeeeeeeee eeiiiioööuuuuuüüüzu ersetzen. Die Punkte sind Konsonanten, die dem Sinn entsprechend zu ergänzen sind.) Auflösung des magischen Quadrats in Nr. 41 19 6 5 16 12 9 10 15 9 13 14 11 7 18 17 4 —--EZS-- »r M 43. Kreitag, den 22. Mai 1896. Kür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag der Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). Schick salsrvege. Erzählung von Clarisse Borges. INkchdru« vnboltN.1 I Ein trüber Herbsttag neigte sich seinem Ende zu. Am Stand der Sonne hätte man dies allerdings nicht entdecken können, denn dieselbe hatte sich schon längst hinter undurchdringlichen, schwarzgrauen Wolken verschanzt, aus denen der Regen in Strömen herabrieselte und deren Dunkelheit den Tag in Nacht einhüllte. War auch für zahllose Menschen, die Wind und Wetter Trotz bieten mußten, diese trostlose Witterung wenig erfreulich, so kümmerte es nicht die Herrin der Villa Nosenheim, die am Kamin in dem großen, saal- artigen Wohngemach mit Wohlbehagen in das lustig knisternde Feuer schaute und wohl den Regen gegen die Fenster schlagen hörte, sich aber in ihren vier Wänden vor aller Unbill der Jahreszeiten gesichert und geschützt fühlte. Die prasselnde Flamme des Kaminfeuers war der einzige Schein, der das große prunkvolle Gemach matt erleuchtete; denn Frau Marlitz liebte das trauliche Dämmer- dunkel und saß oft Stunden lang in Träumereien versunken, ohne darauf zu achten, wie flüchtig die Zeit dahin eilte. Die feingeschnittenen, bleichen Züge der Dame des Hauses und die dunkeln Ringe um die großen blauen Augen schienen wenig zu den freundlichen Bildern zu Passen, die ihre Umgebung ihr bot. Ihr Haar war längst gebleicht, und es mußten wohl schwere Seelen- kämpfe und bitteres Leid gewesen sein, die mit ehernem Griffel ihrem Antlitz tiefe Furchen eingegraben hatten. — Armuth und Reichthum! Wie nahe wohnen sie neben einander! Solche Gedanken mochten wohl das Herz der reichen Dame erfüllen, als sie seufzend sich von ihrem Sitz erhob und ihre müden Blicke in den strömenden Regen Hinausschweifen ließ. Jetzt gedachte sie längst vergangener Jahre; und Wenige ahnten wohl, daß die reiche Wittwe mit ihrem traurigen, sanften Ausdruck in ihrem edeln Antlitz schweres Herzeleid erfahren hatte, und hätten die Menschen es gewußt, so wäre der Neid um ihre irdischen Güter gewiß in Mitleid verwandelt worden. Angela, Comtesse von Wildenthal, war die jüngste von neun Geschwistern. Ihr Vater, früher ein reich begüterter Edelmann, hatte durch Leichtsinn und verfehlte Speculationen nicht allein längst vor der Geburt seiner jüngsten Tochter sein ganzes Vermögen verloren, sondern auch sein Landgut im südlichen Deutschland so hoch mit Schulden belastet, daß er sich mit seiner zahlreichen Familie dem Ruin gegenüber sah. Keiner der vielen Gläubiger wollte sich durch Versprechungen dazu verstehe«, dem verarmten Edelmann neue Summen vorzustrecken, und es war fast ein Wunder, daß die gräfliche Familie ihr Dasein fristete. Armuth! Das war das Schreckgespenst, das die kleine Angela von frühester Kindheit auch in des Wortes tiefster Bedeutung kennen lernte. Ein neues Kleidchen, eine Puppe oder sonstiges Spielzeug war ein Luxus, den sie nie kennen lernte und daher auch kaum entbehrte. Ihre Kleidung wurde aus der Garderobe ihrer Mutter oder Geschwister hergestellt, und diese selbst waren so einfach und dürftig gekleidet, daß für die Jüngste kaum das Nothwendigste übrig blieb. Mit ihrem zwölften Lebensjahre hatte sie schon ein tiefes Verständniß für die Angst und Sorge ihrer Mutter bei dem Erscheinen des Postboten, der nur neue Rechnungen brachte; noch schlimmer war es, wenn die Gläubiger selbst kamen, sich Eingang erzwängen und sich hartnäckig weigerten, das Schloß zu verlassen, bevor sie den Grafen gesprochen hatten, selbst wenn sie stundenlang auf ihn warten mußten. Der Tod lichtete die kleine, hilflose Schaar, so daß nur fünf heranwuchsen. Es blieben Angela nur zwei Brüder und zwei Schwestern, und als sie ihr achtzehntes Lebensjahr vollendet hatte, entfaltete sie sich trotz ihrer höchst einfachen, ja fast dürftigen Kleidung als eine der herrlichster. Mädchenknospen der ganzen Umgegend. Oft beweinte sie bitter die sich täglich mehr entwickelnde Schönheit, der sie allein die Ursache ihres tiefen Seeleu- letdens Zuschrieb. Keines der Geschwister war verheirathet, so sehr die gräflichen Eltern es auch gewünscht hatten. Kurt, der älteste Sohn und Erbe des Titels und der enormen Schuldenlast des Vaters, durfte nur eine reiche Erbin heirathen, denn nur mit fremden Gütern konnte er sein Wappenschild neu vergolden. Dann folgten zwei Töchter, Marie und Helene, beide waren aber höchst einfach und unansehnlich, ja ihr eckiges, schroffes Wesen ließ sie noch häßlicher erscheinen, als sie in Wirklichkeit waren, und bis jetzt hatte sich noch kein reicher Edelmann gefunden, um diesen armen Comtessen Herz und Hand und mit denselben ein Heim zu bieten. Nun folgte Hans; er war ein frischer, aufgeweckter Jüngling, nur ein Jahr Liter als Angela; er hatte seine Studien nach nicht be- endet und lag denselben mit Eifer und Fleiß ob. Die einzige Hoffnung der gräflichen Eltern auf Errettung aus ihrer bedrängten Lage gründete sich auf die Schönheit und liebliche Anmuth ihrer jüngsten Tochter. Angela sollte einen reichen, einflußreichen Gatten heirathen, Gäste um sich schaaren, unter denen sich zweifellos Grafen oder andere Edelleute für die Schwestern und eine reiche Braut für den Bruder finden würden. Doch die Entrüstung der Eltern und der drei heiratsfähigen Geschwister spottete jeder Beschreibung, als ein junger, talentvoller Ingenieur, Karl Marlitz, um Herz und Hand der schönen Angela bat und diese seine Liebe auch aus vollem Herzen erwiderte. Die Schale des Zornes und der Erbitterung goß sich über die Liebenden aus. Der alte Graf fühlte sich in seiner „Ehre" gekränkt, daß ein Bürgerlicher die Augen zu seiner schönen Tochter zu erheben wagte; seine Gattin und seine drei ältesten Kinder pflichteten ihm bei, und sie gelobten sich, die Liebenden zu trennen. Der junge Ingenieur entstammte einer guten, achtbaren Familie, hatte kein Vermögen, aber desto mehr Fleiß und Energie. ES schmerzte ihn wohl, daß der Graf ihm höhnend sein Haus verbot, aber er verlor den Muth nicht, Angela zählte erst achtzehn Jahre und gern wollte er noch drei Jahre warten, bis sie Majoren« war und frei über ihre Hand verfügen konnte Noch einmal trafen sich die Liebenden. Karl Marlitz hatte unter den günstigsten Bedingungen eine Stellung in den Vereinigten Staaten in Amerika bei Brückenbauten angenommen. Gern hätte er seine junge Gattin mit in die neue Heimath herüber genommen, aber es Widerstrebte seinem ehrlichen Charakter, sie zu einer heimlichen Flucht aus dem Elternhanse zu überreden; auch wurde Angela zu streng von den Geschwistern beobachtet, so daß ein Entfliehen ganz unmöglich war. Karl Marlitz schwur daher seiner Geliebten ewige Treue und versprach ihr, in drei Jahren zurückzukehren, falls sie bis dahin ihm ihre Liebe bewahrt habe. Sie waren ja beide noch jung, und die kurze Zeit der Trennung würde bald vergehen. Die arme, unglückliche junge Braut! Sie ahnte nicht den Betrug ihrer Eltern und Geschwister und wie frevelhaft mit ihrem ganzen Lebensglück gespielt wurde! Mit rastlosem Eifer lag der junge, talentvolle Ingenieur auf seinem neuen Arbeitsfelde seinen Pflichten ob, und das Glück begünstigte alle seine Unternehmungen. Er spcculirte, wucherte mit seinem Talent; es gelang und er häufte Schätze auf Schätze. Sein Herz hing Nicht an Gold und irdischem Reichthum, aber er wußte, für wen er arbeitete, und mit diesem Ziel vor Augen überwand er alle Schwierigkeiten. Nur ein Schatten um- düsterte seinen Weg: so häufig er auch schrieb und seine geliebte Angela um eine einzige Zeile anflehte — kein Wort gelangte von ihr in seine Hände, und dieses Schweigen erfüllte sein Herz mit namenlosem Weh. Er konnte ja Nicht ahnen, daß daheim seine geliebte Braut sich in heißem Sehnsuchtsschmerz die Augen trüb und roth weinte, daß die vielen Briefe von der Mutter unterschlagen wurden, ebenso wie sie geschickt die seinigen auffing. So vergingen Monate. Angela welkte sichtlich dahin; ihre Wangen wurden bleich, und die seelenvollen blauen Mgen lagen tief in ihren Höhlen. Luftveränderung — Prisen — schlug die Mutter vor und sandte ihr jüngstes Töchterlein «ach der nahegelegenen Residenz zu einer ent. fernten Verwandten, die sie im Vertrauen bat, keinen Brief nach Amerika zu dem Ingenieur Marlitz abgehen zu lassen. Die alte Tante war nur allzu gewissenhaft. Sie überwachte mit Argusaugen ihren Schützling und sandte alle Briefe zur Weiterbeförderung der besorgten Mutter zu. Ja noch mehr, sie führte Angela in die Gesellschaft ein und wußte es bald dahin zu bringen, daß ein alter, reicher Junggeselle, der längst ein halbes Jahrhundert überschritten hatte, dem jungen, geistreichen Mädchen Herz und Hand zu Füßen legte. Angela war empört. Sie hing mit jeder Faser ihres Herzens ihrem Geliebten an und sogar der Umstand, daß alle ihre heißen Liebesverstcherungen, die mit ihren Thränen benetzt waren, unbeantwortet blieben, vermochte ihr Vertrauen nicht zu erschüttern. Um aber in dem Herzen des alten Grafen nicht falsche Hoffnungen zu erwecken, kehrte sie in das Elternhaus zurück, nicht ahnend, welcher herbe Schlag sie dort treffen würde. Achtzehn Monate waren bereits seit der Abreise des jungen Ingenieurs vergangen, als Angela aus der Residenz zurückkehrte. Die alte Gräfin mochte wohl befürchten, daß durch irgend einen unglücklichen Zufall ein Brief aus Amerika in die Hände der Tochter gelangen könnte, darum sandte sie nicht allein den letzten ««eröffnet zurück, sondern schrieb auch selbst, daß Angela sich verlobt habe und die Trauung bald stattfinden werde. Es war der erste Brief, den Karl Marlitz erhielt. Er glaubte jedes Wort, das da vor ihm geschrieben stand; die Buchstaben tanzten vor seinen Augen, dann brannten sie sich wie Feuer in seine Seele ein. Als er ruhiger geworden war, packte er mit schwerem Herzen die wenigen Zeichen seines kurzen Liebesglücks zusammen. Angela's Bild, das sie ihm vor der Abreise geschenkt hatte, eine blonde Haarlocke und zwei Briefe, die er von ihr erhalten, als er noch in Deutschland war; das war MeS — aber sein Herz blutete, als er sich von diesen Schätzen trennte. Nur wenige Worte fügte er hinzu: „Du bist frei — sei glücklich!" Dann übergab er selbst diese Kleinodien der Post, ohne zu ahnen, daß dieses die ersten Worte seien, die nach achtzehnmonatlichem treuen Warten seiner Geliebten in die Hände gelangten. Angela starb nicht vor Schmerz beim Empfang dieser Zeilen; sie wurde auch weder krank noch ohnmächtig ; aber niemand ahnte das tiefe Seeleuleiden und die Wunden, an denen ihr Herz verblutete. Sie kehrte in die Residenz zu ihrer Tante zurück; äußerlich ruhig, denn ihr Schmerz war ihr zu heilig, um ihn offen der Welt zu zeigen. Der alte Junggeselle erneuerte seinen Antrag — vergebens. Angela gab ihm ernst und freundlich zu verstehen, daß jede Hoffnung nutzlos sei. So vergingen die Jahre. Der alte Graf war gestorben und der älteste Sohn Kurt verwaltete die verschuldeten Güter. Der jüngste Sohn Hans war nach Beendigung seiner Studien nach Indien gereist, um im fernen Lande das Glück zu suchen, welches seiner ganzen Familie in der Heimath nicht blühen wollte. (Fortsetzung folgt.) - —- Goldköruer. Unter allen Lagen bleibet stolze Armuth stets die schlimmste. Calderon. - —— « »- L GKDöb»«- 323 Judas Makkabäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. ColoniuS. (Schluß.) 28. Kapitel. DeS Siegers Heimkehr. Gibt es wohl einen herrlicheren, herzbewegenderen Anblick, als den eines tapferen Volkes, das sich, indem es sich von dem Joch der Fremdherrschaft frei macht, die Fesseln, die es drückte, abwirft, siegreich sich erhebt und frei — frei ist, um den einen wahren Gott in Lauterkeit und Wahrheit anzubeten? Gleichwie der Mond, wenn die Finsterniß vorüber, durch die Wolken bricht, um in neuer Schönheit am Firmament zu leuchten, so war es in Jerusalem, als Makkabäus und die Seinen in die heilige Stadt kamen, welche sie durch den Arm des Herrn befreit hatten. Die Stadt befand sich in einem wahren Freudentaumel, den sie zu verbergen nicht nöthig hatten. Die Stimme der Danksagung wurde in jeder Straße gehört. Weiber weinten vor Entzücken, und während die jüngeren Bewohner ihr Jauchzen erschallen ließen, segneten die Alten den Herrn, daß sie einen solchen Tag erleben durften. Die vorgerückte Jahreszeit verbot jeglichen Blumenschmuck, aber überall, wohin man blickte, wehten Palmenzweige, waren Thüren und Fenster mit Immergrün geschmückt und Zweige auf den Weg gestreut. Jede Spur von Heidenthum war eifrig zerstört worden, und in den Straßen traten die Kinder die Trümmer der Götzen und Altäre unter ihre Füße. „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er thut Wunder!" und Weiber gingen mit Cimbeln den Kriegern des Judas entgegen. Obgleich eS schon spät im Jahre war, schien die Sonne hell und warm, als ob die Natur an der allgemeinen Freude thcilnehmen wollte. Hierauf zogen sie zum Berge Zion, die Braven und Treuen, sie, die trotz vieler Anfechtung den Glauben bewahrt hatten, die vor dem Götzen niemals ein Knie gebeugt, noch den Bund des Herrn verlassen hatten. MakkabäuS ist der Erste hier wie einst in der Gefahr: „Erhebt Euch, ihn zu sehen, Ihr Kinder von Jerusalem, jauchzet ihm entgegen, Ihr Söhne der Freien!" Eine Gruppe von Weibern und Mädchen stand in der Vorhalle des Tempels. Sarah und Rahel waren unter ihnen. „Du sollst die Erste sein, die Sieger zu begrüßen, meine Tochter," rief Nahel ihrer jungen Begleiterin zu, welche sehr geneigt war, zurückzutreten. „Das hasmonäische Blut fließt in Deinen Adern, und Du hast selbst um Deines Glaubens willen Verfolgung erlitten. Was? Thränen in Deinen Augen an solch einem Morgen wie diesem?" „O, daß meine geliebte Mutter Hadassah gelebt hätte, um dieses zu sehen," dachte Sarah. „Sie würde diesen Tag als ein Vorblld und einen Vorläufer jener gesegneten Zeit angesehen haben, wenn die Erlöseten deS Herrn wiederkommen zu Zion mit Gesang und ewiger Freude, wenn sie werden Freude und Wonne haben und Kummer und Seufzer wird weg müssen." Ja, was jener helle Wintertag, dem bald Frost und Stürme folgen mußten, im Vergleich zu dem herrlichen langen Sommer war, das war das Glück Judüas unter der Herrschaft seines ersten hasmonäischen Fürsten im Vergleich zu dem Ruhm, der ihm gebührte, wenn die Zeiten der Anfechtung und Verfolgung ein Ende haben sollten. Zur Zeit des Makkabäus und seiner Nachfolger hatte sich die „verlassene Königin" aus dem Staube erhoben, aber sie hatte in jener Periode noch nicht den Thron bestiegen. Schreckliche Gerichte, fürchterliche Verfolgungen sollten noch nach jener Zeit des Glückes und der Freiheit In der Geschichte Zions kommen. Die Römer, noch schrecklicher als die Syrer, sollten Jerusalems Söhne dem Schwert und ihren Tempel den Flammen übergeben; und Gottes altes Volk sollte in alle Länder zerstreut und ein Sprichwort und ein Gespött der Leute werden. Aber ihr Ruhm ist nicht für immer dahin. Wir, oder unsere Nachkommen, werden den Weinstock sehen, der, nachdem er aus Aegypten wiedergebracht ist, zu neuer Schönheit erblüht und in dem verheißenen Frühling neues Leben athmet. „Er kommt, er kommt, Makkabäus, unser Held!" so schallte es aus aller Munde, als die wettergebräunten Sieger mit Palmenzweigen in ihren Händen erschienen. Frohlockte auch das Herz deS Makkabäus in jenem Augenblick? Vielleicht nickst, vielleicht würde er das Jauchzen des ganzen Volkes für ein liebendes Willkommen der einen treuen Stimme hingegeben huben. Judas erblickte Sarah. Ihre Augen waren die einzigen, die nicht auf ihn gerichtet waren. Sie suchte eifrig nach einer Gestalt im Gefolge des Führers — der Gestalt ihres Verlobten, des heidnischen Bekehrten, den sie liebte. Die Sieger betraten den Tempel von Zion. Sie kamen nicht nur, um anzubeten, sondern auch zu säubern. Kein Opfer konnte im Heiligthum dargebracht werden, bis das hinweggethan war, was das Heidenthum beschmutzt hatte. Mit Zorn und Abscheu erblickten Judas und seine Anhänger das Bild deS Jupiter, das so viele Jahre den Tempel entheiligt hatte. Seit der Abreise des Antiochus hatte kein Anbeter mehr das Knie vor dem Götzenaltar gebeugt. Das Gebäude war verlassen und vernachlässigt worden. Das Ganze hatte einen Anschein von Verwahrlosung, als ob der Zorn Gottes darauf ruhte, und zeigte einen solchen Abstand gegen das, was es früher gewesen, daß eS die Herzen des Makkabäus und seiner Krieger mit tiefer Betrübniß erfüllte. Ich lasse hier die Worte des Geschichtsschreibers folgen: „Und da sie sahen, wie das Heiligthum verwüstet, der Altar entheiligt, die Pforte verbrannt und daß der Platz rings umher mit Gras bewachsen war, wie ein Wald oder Gebirge, und der Priester Zellen zerfallen waren, da zerrissen sie ihre Kleider und erhoben eine große Klage, streuten Asche auf ihre Häupter, fielen nieder auf ihre Angesichter und bliesen Trompeten und bliesen gen Himmel." Aber es blieb zum Klagen nicht viel Zeit übrig. Makkabäus machte sich mit der ganzen Energie seiner Natur an das Werk der Wiederherstellung. Er wühlte die eifrigsten und besten Priester aus, daS Heiligthum zu reinigen, jede Spur von Abgötterei zu zerstören, die Steine, die entheiligt waren, fortzuschaffen, und den Altar, der entehrt worden war, niederzureißen. Neue Gefäße wurden gemacht, Schaubrode und Weihrauch zubereitet und in dem neuen Heiligthum alles zu dem fröhlichen Fest der Einweihung vorbereitet. Dieses Fest sollte, so bestimmte JudaS Makkabäus, jährlich gehalten werden. Und es wurde von der Zeit ab zwei Jahrhunderte jährlich gehalten, bis die dunkelste, längste Trübsal über Jeru- salem kam. Wer soll nun das Fest der Einweihung des Tempels halten, wenn der herrliche Tempel selbst dahin ist? 39. Kapitel. DaS Fest der Einweihung. Laut und freudig erschallte die Musik der Zithern, Harfen und Cimbcln — der Berg Zion hallte wieder von den frommen Gesängen — als am frühen Morgen die Anbeter des Herrn in seinem Tempel erschienen, um die Opfer der Danksagung zu opfern. Die Vorderseite des Gebäudes war mit goldenen Kronen und Schilden bedeckt, und so erzählt die gewaltige Sprache des alten Geschichtschreibers: „Und war sehr große Freude im Volk, daß die Schande von ihnen genommen war, die ihnen die Heiden angelegt hatten." Dann stiegen, als Sinnbild der Danksagung, Tau» sende rosiger Wolken köstlichen Wohlgeruches von dem Weihrauchaltar auf. Judas Makkabäus stand dabei blasser und nachdenklicher vielleicht, als es für diese Gelegenheit denkbar erscheinen mochte, indem er den aufsteigenden, sich kräuselnden Rauch beobachtete, wie er sich in der durchdufteten Luft verlor. Jetzt nahm der Fürst etwas von seinem Arm und warf es in die Flamme. Die Bewegung war so ruhig, daß sie nur von wenigen der Umstehenden bemerkt werden konnte; und niemand wußte, was das war, das da einen Augenblick hell aufflackerte und dann nicht einmal sichtbare Asche hinterließ. Es waren nur einige Flachsfasern, die einst einige längst verwelkte Blumen zusammen gehalten hatten. Es schien ein werthloses Opfer. Aber, als ein paar Jahre später Judas Makkabäus sein Leben aushauchte, als auf dem verhängnißvollen Felde von Eleasa der feindliche Stahl ihm sein wüthiges Herz durchbohrte, ist ihm sicherlich nicht solcher Schmerz verursacht worden. Und hier will ich meine Geschichte schließen und den Helden von Juda als Sieger über seine Feinde und als Sieger über sich selbst verlassen. Mag das Gemälde vor dem Auge des Lesers bleiben, wie es in der Stunde des Triumphes und der Freude war — als der Herr das Gefängniß Zions wendete und ihre frohlockenden Bürger waren wie die Träumenden. -- Der Kalcnderstreit und seine Folgen in Augsburg. ( 1583 - 1591 .) Nachdruck verboten. R. Die 1547 durch den Schmalkaldischen Krieg der Reichsstadt Augsburg geschlagenen Wunden waren vernarbt, und das am 3. August 1548 wieder in den Besitz der Negierungsgewalt gelangte Patriziat bemühte sich redlich, das Loos der Bürger zu verbessern und namentlich die bedauerliche Kluft zwischen den Bekennern der alten und der neuen Lehre zu überbrücken. DaS Kunsigewerbe erreichte die höchste Blüthe, eine außerordentliche Bauthätigkeit legte in vielen Werkstätten aufs Neue einen goldenen Boden, und sogar in den Theuerungsjahren von 1567 bis 1572 wußte die Umsicht deS Rathes, ungeachtet er 4000 Personen das Almosen zu reichen hatte, die Einwohnerschaft vor den Schrecken einer Hungersnoth zu bewahren. Außerdem störten die großen Welthänbel Augsburgs Ruhe nicht. Zwar hatte Kurfürst Moritz von Sachsen im April 1552 der Stadt sich bemächtigt, das Zunftregiment wieder hergestellt und die gesperrten Kirchen den Evangelischen zurückgegeben, allein dieser Zustand dauerte nur vier Monate, und die Rückkehr in die alten Verhältnisse ließ die Unterbrechung um so lieber vergessen, als Kaiser Karl V. diesen Vorgang mit Milde behandelte. So verfloß die lange Ne- gierungszeit der beiden Stadtpfleger — eine seit 1548 wieder eingeführte Bezeichnung der höchsten Staatswürden — Heinrich von Nehlingen (1549—1575) und Christoph von Peutinger (1553—1576) ziemlich ruhig, denn das Zerwürfniß unter der katholischen Geistlichkeit und dem von Karl V. 1552 nicht beanstandeten evangelischen Predigtamte artete nicht in ärgerliche Auftritte aus, wodurch allmählig ein versöhnlicher Geist bei der Bürger- schaft einkehrte und das ganze Gemeinwesen während 40 Jahre frisch auflebte. Nun aber trübte ein völlig fernliegendes, lediglich aus Zweckmäßigkeitsgründen entsprungenes Ereigniß den heiteren Himmel glücklichen Friedens. Bet dem von Julius Cäsar 46 vor Chr. dem römischen Weltreiche gegebenen Kalender fand die 325 nach Nicäa einberufene Kirchenversammlung, daß seit dieser Zeit das Frühlingsäquinoktium immer auf den 24. März falle, was endlich 1474 den Papst SixtuS IV. bestimmte, durch den gelehrten Bischof von Negensburg Regiomon- tanus zu Rom die Berichtigung der Zeitrechnung vornehmen zu lassen. Der plötzliche Tod dieses Mannes (1° 1476) ließ die Arbeit unvollendet bis Papst Gregor XIII. mit der Fortsetzung derselben eine Commission beauftragte, zu der auch der Bamberger Mathematiker Clavius gehörte. Das von ihr vorgelegte Gutachten veranlaßte die päpstliche Bulle vom 24. Februar 1582, welche anordnete, daß auf den kommenden 4. Oktober nicht der 5., sondern der 15. Oktober zu folgen habe. Diesen neuen oder Gregorianischen Kalender nahmen Italien, Spanien, Portugal, Frankreich, Lothringen und die katholischen Landstriche der Schweiz und der Niederlande anstandslos an, während er in einem Theile des deutschen Reichs und ganz besonders in Augsburg auf heftigen Widerstand stieß, der an dem kirchlichen und an dem politischen Gebiete der sich sträubenden Reichsstadt nicht spurlos vorüberging. — Die erste Kunde von einem neuen Kalender verbreitete sich in Augsburg während des 1582 hier gehaltenen Reichstags, ohne besonderes Aufsehen zu erzeugen, weil man wissen wollte, der Kaiser habe auf den Rath der Kurfürsten dem päpstlichen Legaten gegenüber wegen der Neuerung sich ablehnend geäußert, wie denn auch den versammelten Ständen keine Vorlage darüber zuging. Niemand legte deßhalb dem Vorhaben Roms eine Bedeutung bei. Ehe jedoch das Jahr sich vollendete, verlautete abermals, daß bezüglich der Abänderung der Zeitrechnung unter den Fürsten und Ständen Verhandlungen im Gange seien, denen sich allmälig die Aufmerksamkeit aus weiteren Kreisen zuwendete. Ganz besonders war es ein Mann in Augsburg, welcher in dem neuen Kalender einen versteckten Angriff auf den am 26. September 1555 mühsam erkämpften Neligionsfrieden witterte und deßhalb einen Sturm auf die Unabhängigkeit des evangelischen Ministeriums seiner Vaterstadt voraussagte. Dieser um die Erhaltung der Ovuksssio ^.u- ssustann besorgte Wächter war Or. Georg Müller oder Mhlius, wie er selbst sich schrieb. Von der Hochschule 83k 1572 in die Heimath zurückgekehrt, erhielt der 24 Jahre alte Theolog auf Ansuchen daS Diakonat bei Heiligkreuz, rückte 1579 auf die Pfarrei St. Anna vor und nahm bald darauf als Superintendent und Rektor des Kollegiums St. Anna die höchste Stelle im geistlichen Ministerium ein. Ausgezeichnet durch Gelehrsamkeit und ein beliebter Prediger, trat er auch als ein streitbarer und seiner Würde nichts vergebender Magister auf, welche Charaktereigenschaften ihn mit den übrigen 13 Prädi- kanten zu einer scharfen Fehde mit der weltlichen Obrigkeit hinrissen. Die Nachsicht der beiden Stadtpfleger Heinrich Nehlingen und Ch. Peutinger, welche keinem StaatS- oder Kirchendiener gegen die angestrebte Ausdehnung ihrer Amtsbefugnisse eine Schranke setzte, was die evangelischen Kirchenpfleger im Rathe soweit irre führte, daß sie, obwohl nur zur Vermittlung des Verkehrs der Prediger mit dem Rathhause berufen, die Vertretung des PredigamteS, sich anmaßten, zeitigte auch bei dem von einen einflußreichen Anhange umgebenen Dr. MyliuS den irrtümlichen Glauben, daß er mit dem Konvent einen eigenen und besonderen Stand im Reiche bilde, dem die ordentliche Obrigkeit in Neligions- und Gewissenssachen nichts vorzuschreiben habe, wie derselbe auch ausschließlich zur Regelung der kirchlichen Angelegenheiten berufen sei. Diesen Rechtsboden, weil mit dem jns krinoixis des Rathes einer freien Reichsstadt nicht vereinbar, be- stritten die 1575 gewählten Stadtpfleger Marx Fugger- Kirchberg-Weißenhorn und Anton Christoph Nehlingen- Horgau dem Superintendenten, waS ihn nach der schon 1576 gemachten Erfahrung nicht überraschen durfte. Er war nämlich wegen der am Sonntag Dxauäi gehaltenen ' Predigt, worin er die Jesuiten anklagte: „durch ihr blutgieriges Einblasen der Potentaten Herz verbittert und dadurch die Pariser Vluthochzeit (1572) angezettelt zu haben", vor die Stadtpfleger geladen und allen Ernstes ermähnt worden, „solcher Sachen in dieser Zeit auf der Kanzel zu geschweige»". Hatte ihn, den Diakon, die Citation und der Verweis, wozu er nur das Ministerium als berechtigt erachtete, gekränkt, so hoffte er in der jetzigen Würde das, was der Helfer in stillem Zorne hinnehmen mußte, mit Erfolg zurückgeben zu können. Die Gelegenheit zu dieser Kraftprobe stellte sich bald ein. Seit dem 15. Oktober 1582 gebrauchten mehrere europäische Staaten die neue Zeitrechnung, in Folge dessen der dorthin gerichtete deutsche Handel mit Widerwärtigkeiten mancher Art und mit empfindlichen Verlusten sich bedroht sah. Den darüber verlauteten Klagen halfen etliche Fürsten und Stünde im Reiche durch Annahme des neuen Kalenders ab. Argwöhnisch betrachtete Dr. MyliuS diese Vorgänge, und er hielt es jetzt an der Zeit, ehe auch der hiesige Rath mit der Angelegenheit sich beschäftigen könnte, seine Gemeinde an den Gedanken zu gewöhnen, Allem, was von dem Papste ausgehe, die Kirchen zu verschließen. Willig gehorchte der gemeine, urtheilslose Haufen dem Lockrufe, der aber auch gebildete Männer verführte, darunter sonderbarer Weise den berühmten Botaniker und Stadtarzt Dr. Adolf Occo (geb. 1524), welchem Deutschland die Einfuhr der Tabakpflanze verdankte. Aergerlich über die voreilige Verhetzung der Bürgerschaft, vermieden doch die katholischen Stadtpfleger jeden Schein der Gewissensbedrückung und sie schritten gegen die Prädikanten nicht ein; allein mit ungetrübtem Blicke in die Zukunft schauend, wollten sie für alle Fälle gegen kurzsichtige Gegner gerüstet sein. Sie beauftragten deßhalb den Augsburgischen Mathematiker Dr. Georg Henisch mit der nochmaligen Prüfung der Kalenderänderung, und der allgemein geachtete Gelehrte sprach sich rückhaltlos dahin aus: „er finde an dem neuen Werke nichts Ungereimtes." Als nun am 2. Januar 1583 Herzog Wilhelm von Bayern an den Rath schrieb, er sei entschlossen mit dem Erzbischof von Salzburg den neuen Kalender anzunehmen, und in gleicher Weise der hiesige Bischof Mar- quard II. zu erkennen gab, er werde in seinem von Dillingen bis Füssen sich ausdehnenden Gebiete denselben einführen, so blieb dem Rathe keine andere Wahl, als sich den Nachbarn anzuschließen, sollte nicht das Gemeinwesen und die Handelschaft schwer geschädigt, ja sogar den Jahr- und Wochenmärkten die unentbehrliche Zufuhr der Lebensmittel aus Bayern und Schwaben abgeschnitten werden. Demgemäß entschied sich der gebotene Rath „einhellig" zu Gunsten des neuen Werkes, daS schon „bis an die Ringmauer der Stadt" reiche, „aber — wie bei der Publikation des Beschlusses zur Beruhigung der Bürger ausdrücklich bemerkt wurde — mit Nichten auf des Papsts Ersuchung, viel weniger auf desselben Befehl und zum allerwenigsten ihm einige Superiorität über diese Stadt und derselben Obrigkeit dadurch einzuräumen oder der Augsburgischen Confessions-Neligion und ihr zugethanen Bürgerschaft einigen Abbruch ihrer Lehr halber zuzufügen, sondern allein dessen wegen, die merkliche Zerrüttung und Konfusion, welche ob der Ungleichheit des alten und neuen Kalenders in Haltung der Feier» und Fest-, auch Raths- und Gerichtstäge, dergleichen in den kommerziell, Jahr- und Wochenmärkten nothwendig entstehen müssen, abzustellen, also ganz und gar ein politisch Werk weder dem Neligionsfrieden noch dem Gewissen anhängig, das anzurichten jeder Obrigkeit, die Macht hat, Statuten zu machen, Zukommt, also auch in Einführung oder Aenderung und Versetzung der Feiertäge auch derer, welche zur Ehre Gottes angesehen werden." So wohlgemeint der durch unabwendbare Verhältnisse dem Rathe abgerungene Beschluß und die ihm angehängte Belehrung war, auf Dr. MyliuS und seine Anhänger wachte dieses keinen Eindruck. Sie verlangten „dem Papst seinen losen Kalender anheimzu- schicken", denn es sei „ein vermessen Stück Kaiserlicher Majestät, den Kur- und Fürsten (Bayern ausgenommen) und den übrigen Ständen vorzugreifen, insonderheit von Augsburg, allda ein getheiltes Kirchenwesen gefunden wird, daher alles so lange in Ruhe zu stehen habe bis ein anderes durch den Reichstagsabschied festgesetzt sei oder der Augsburgischen Confessionsverwandten hohe und niedere Neichsstände sich dessen miteinander einhellig verglichen haben werden". Weil die drei Kirchenpfleger sich anmaßten, „die ganz unbescheidene Schrift" am 15. Januar zu vertheidigen, so wurden sie „unter Verweisung ihres Unfugs glimpflich verabschiedet", die Supplikanten aber verständigt, daß es bei dem Rathsbeschluß verbleibe. Die dadurch wegen ihrer Religion geängstigten evangelischen Bürger, bestärkt in dem Irrthume, daß der Rath nur auf die Ausrottung der Augsburgischen Konfession abziele, scheuten sich jetzt nicht, gegen die eigene Obrigkeit den Rechtsweg einzuschlagen. Sie reichten bei dem Kammergericht zu Speyer eine Klage ein und verbanden damit die Bitte um ein munäutniu sins oluu- Luiu. das ihnen auffallender Weise schon am 26. März 326 — gewährt wurde. Der Rath antwortete jedoch ohne Ver- zug Mit der xstltio xro oassalions raanäuti, und UM dem Mißtrauen nicht weitere Nahrung zu geben, aber auch zur Verhütung einer Täuschung, daß er den ange- fochtenen Beschluß zurücknehme, machte er öffentlich bekannt, daß „des Gerichts, Raths und der Märkte halber gemäß seinem Dekret nachgegangen werde und nur, wie auch bishero, wegen der Haltung der Feiertäge nach dem neuen Kalender ein Kammergerichts-Erkenntniß abgewartet werden wolle". Anstatt nun in Ruhe dem Verlaufe deS Prozesses sich zu fügen, steigerte sich immer mehr die Verbitterung unter den Bürgern, und brutale Ausschreitungen waren keine Seltenheit. Derselben Meister zu werden und die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten, sahen sich die Stadtpfleger genöthigt, die Stadtgarde mit mehreren Knechten zu verstärken. Ungeachtet dadurch die Steuer nicht erhöht wurde, ja sogar die ökonomische Lage der Stadt die Verringerung des Umgelds ermöglichte und die aus der Zeit des Schmalkaldischeu Krieges herrührende Schuldenlast sich verminderte, wuchs die Unzufriedenheit mit den Negterungshandlungen, und die feindselige Stimmung artete in die thörichtsten Exzesse aus. Ein dumpfes Gerücht schlich durch die Gassen, es sei der Plan geschmiedet, am Tage Simon und Judä die evangelischen Einwohner zu massakriren und sie ihres Eigenthums zu berauben, und angesehene Familien schämten sich nicht, dem Blödsinn Glauben zu schenken, denn „sie fingen an, ihre Behausungen aufs best zu verriegeln und zu vermauren, mit einer Anzahl von Büchsen zu versehen und sie legten Knechte hinein, nicht anders als wenn der Türk vor den Thoren stände". Diesem unleidlichen, durch das Stillschweigen der Prädikanten unterstützten Zustande schien ein Mandat des Kaisers ein Ende zu machen. Rudolf II., dessen Schwerfälligkeit bei der Erledigung aller Staatsgeschäfte allgemein bekannt war, verfügte am 4. Scpt. 1583: „wir haben uns entschlossen das neue Calcndarium sowohl als Römischer Kaiser deutscher Nation, als auch in unseren Königreichen und Landen zu gebrauchen und dasselbe auf den Oktober des laufenden Jahres einzurichten, und wir leben der gnädigen ungezweifclten Zuversicht, ihr werdet eures Theils euch solcher unserer Resolution und Erinnerung zu accommodiren und derselben gemäß zu halten wissen." Der Rath, sehr erfreut, in dem allerhöchsten Befehl die gleichen Erwägungen anzutreffen, die ihn bisher in der Sache geleitet hatten, ließ das Mandat unter Trompetenschall auf allen Plätzen der Stadt verlesen und gleichzeitig publiziren: „hierauf wird sich männiglich gegen der kaiserlichen Resolution der Gebühr zu erzeigen, und sich fürohin gegen einem Ehrsamen Rath schuldigen Gehorsams zu verhalten, auch alles das zu vermeiden wissen, das der ordentlichen Obrigkeit verkletnerlich, auch ihnen selbst verweißlich fällt und zu Pflanzung oder Fortsetzung dergleichen Mißtrauens und Spaltung, so durch etliche (denen es zum wenigsten gebühret) hierüber ohne alle Noth und Fug erwecket worden ist, fürdersam und dienstlich sein mag. Das wird ein E. Rath gegen die so sich getreue Warnung und eines E. Raths Lang- müthtgkeit nicht zur Besserung leiten lassen, mit allem Ernst zu ahnden keineswegs umgehen." Die erwartete Wirkung bei der Partei des Dr. Mylius blieb aus, und hatte sie schon den „Beruf vom 17. April 1683 als ganz fremd, beschwerlich und recht verdrießlich, ja als leibliche Marter" empfunden, fo glaubten die evangelischen Bürger jetzt lieber ihrem Ministerium, das sich nicht scheute, das kaiserliche Mandat des befehlenden Charakters zu entkleiden und ihm den Stempel einer nicht verbindliche» Privatäußerung aufzudrücken. In feierlicher Weise bekräftigte der ganze Konvent seinen Widerspruch dadurch, daß er am Sonntag den 9. Oktober von allen Kanzeln „eine Purgation des Predigamtes an seine verärgerten Zuhörer" kundgab. „Nicht aus Muthwillen, noch viel weniger aus Verachtung unserer lieben Obrigkeit — lautete der Protest — sondern aus aufgedrungener Noth lehnen wir den neuen Kalender ab, wir würden sonst mit unserem Nachsehen die löbliche Freiheit unserer Kirche schwächen, nicht einen Fuß darf der Papst in dieselbe setzen, daraus er Gottlob ausgemustert ist, derohalb wir flehen uns im Argen nicht zu verdenken, wenn wir die Fest- und Feiertage als ein pur lauter Kirchenwesen nach des PapstS Kalender anzurichten uns bestandiglich verwidern." Der Rath nahm Abstand von der strafrechtlichen Verfolgung der beispiellosen Renitenz in der Hoffnung, ein günstiges Urtheil aus Speyer in nicht ferner Zeit zu erhalten. Dasselbe vom 13./23. Mai 1584 hob nicht nur das angefochtene Mandat auf, sondern wies auch die Klage in allen Punkten ab und belastete die Kläger mit sämmtlichen Gerichtskosten. Bitt diesem Richter- spruch fiel das letzte Bollwerk der Gegner, die dessen ungeachtet weder kapitulirten, noch um Frieden baten. Ob sie dabei auf die kräftige Vermittlung der angerufenen evangelischen Fürsten und Stünde hofften, oder durch einen Gewaltakt eine Sinnesänderung auf dem Rath- hause erzwingen wollten, mag dahingestellt bleiben, jedenfalls machte die versuchte Verschleppung und ihre trotzige Haltung sie verdächtig, dem nunmehr verbrieften Recht sich zu entziehen. Zunächst reichte der ganze Convent bet dem Rath eine Supplikation ein: „des kaiserlichen Kammergerichts Urtheil wolle von Etlichen dahin verstanden werden, als ob mit selbigem auch dem evangelischen Kirchenwesen der neue Kalender auferlegt sei, welcher Meinung sie sich nicht versehen mögen und auch in dem Urtheil nicht finden können. Demnach womit eines E. Raths Dekret dem politischen Wesen in der Stadt Maaß und Ordnung gegeben werde, wissen sie sich gehorsamst schuldig in solchem eines E. Raths Willens zu leben, wofern aber mit gedachtem Dekret auch das Kirchenwesen gemeint sei, bezeugen sie für Gott, daß sie sich hierinnen im Gewissen beschwert erachten und bitten sie um GotteS Willen, mit gefährlichen Prozessen ihrer gnädiglich zu verschonen." Da nunmehr eine ganz klare Sachlage sich gebildet hatte, lag für den Rath kein Grund vor, die übermüthige Eingabe einer Antwort zu würdigen, welches Stillschweigen dagegen die Prädikanten als ein Berücksichtigen ihrer Einwendung ausgaben. Deßhalb ließ der Superintendent am nächsten Sonntag von den Kanzeln verlesen, es werde am Donnerstag in altherkömmlicher Weise das Hiwmelfahrtsfest (von den Katholiken schon vor Wochen begangen) gefeiert werden. Hievon unterrichtet, ordnete der Stadtpfleger Nehlingen an, daß unverzüglich vom Erker des Rathhauscs ausgerufen werde: „dieweil wider eines E. Raths Edikt und des kaiserlichen Kammergerichts Mandat, allem der Obrigkeit zu besonderem Trotz, Verachtung, Ungehorsam und Spott, die Diakonen in den Predigten den Auffahrtag verkündigt haben, wolle ein E. Rath ernstlich mandirt haben, 327 baß man auf künftigen Donnerstag alle Läden aufthue, feil halte und den Wochenmarkt, wie alleweg, fortgehen lasse bei ernstlicher Straf." In dieser Schärfe trat der Gegensatz zwischen dem weltlichen und geistlichen Regiments noch nie in die Oeffentlichkeit, und Jedermann fühlte das Nahen eines folgeschweren Ereignisses. Volkshaufen bildeten sich in den Gassen, die lebhaft die Zukunft besprachen, Drohworte gegen die Obrigkeit und die Mitbürger ausstießen und Unfug mancher Art verübten. Berittene Soldaten zerstreuten die lärmende Masse und hielten den öffentlichen Wandel aufrecht. Aufregende Gerüchte schwirrten in der Luft, welche erzählten, die Schlüssel zum Perlach, wo die Sturmglocke hing, seien in das Amtszimmer der Stadtpfleger gebracht, die Fallgatter werden herabgelassen und die verstärkten Thorwachen untersuchen die ankommenden Reisenden, ob sie etwa Waffen mit sich führen. Mit ängstlicher Spannung sah man deßhalb dem auf Montag den 4. Juni neuen Stils angesagten außerordentlichen Rathstage entgegen, über welchen Etliche geheimnißvoll flüsterten, er sei gegen die Prädikanten gemünzt und gelte hauptsächlich dem Pfarrer von St. Anna, den der Papst begehre und für den in Rom schon der Kessel mit Oel über dem Feuer hänge, worin er gesotten werden soll. *) Die Neugierde und die Theilnahme an dem Loose der Prediger versammelte zahlreiche Bürger auf dem Platze vor dem Nathhause, welche tn besonnener Ruhe den Ausgang der Berathung abwarteten; allein sie hörten darüber nichts und sahen nur die Nathsherren, darunter mehrere evangelische, ernster als gewöhnlich den Sitzungssaal verlassen. Ganz unverletzt blieb jedoch das Amtsgeheimniß Nicht. Man hörte, daß auf 2 Uhr Nachmittags die Prediger vor die Stadtpfleger geladen seien und daß der Stadtvogt der Nathssitzung anwohnte: Vorgänge, welche die Aufmerksamkeit der evangelischen Bewohner so sehr auf sich lenkten, daß viele die Arbeit verließen und die Behausungen ihrer von Gefahren bedrohten Geistlichkeit bewachten. Um die Essensstunde entleerten sich aber die Straßen, und diese Zeit wählte der evangelische NeichL- Stadtvogt Augustin Weyß, den ihm morgens gewordenen Auftrag des Raths zu vollziehen. Nur von einem einzigen Diener begleitet, ging er zu Dr. MyliuS, welchen er in der Studierstube allein antraf, und indem er ihm ein Rathsdekret aushändigte, eröffnete er ihm, daß er Vollmacht und Gewalt habe, ihn ohne Verzug und geräuschlos aus der Stadt und über deren Eiter hinaus zu führen, etwa nach Pferse, in Zobels Sommersitz oder wohin es ihm gefalle. Der Bitte, mit seinen Kollegen und Mitbrüdern sich zu besprechen, konnte der Stadtvogt, der mit Leib und Leben sich verbürgte, daß ihm an Leib und Gut kein Leid widerfahre, nicht entsprechen, und so rüstete sich der Superintendent mit den Worten zum Aufbruche: „er hätt sich solchen schnellen Prozeß gegen seinen Herren mit Nichten versehen." Alles hatte im Nebenzimmer die Frau Pfarrerin gehört, und sie erhob jetzt am geöffneten Fenster mit den Ehehalten ein solches Jammergeschrei, daß viel Volk herbeiströmte, darunter auch Müller's beide Schwäger. Diese, tn das Haus eingetreten, schloffen sich mit der Erlaubniß des Vogts ihrem Schwager an. Alle gingen durch den Hof und trafen außerhalb der kleinen Gartenthüre gegen den Zwinger einen Wagen, ') Dieses Märchen und ähnliche erzählt Dr. MyliuS selbst in seinem Buche „Augsburger Händel" als glaubwürdige Nachrichten den sie bestiegen. Als die Kutsche aus dem engen Gäßchen auf den Platz an dem Göggingerthore einbog, sang Dr. MyliuS sammt seinen Verwandten mit lauter Stimme den 31. Psalm „In dich hab' ich gehoffet Herr, hilf, daß ich nicht zu Schanden werde", und plötzlich war der Wagen von einer wtldtobenden Menschenmenge umringt. Der Fuhrmann wurde vom Bock gezogen, junge Gesellen schnitten die Stränge der Pferde ab, und mehrere Bürger forderten unter Trostworten den Geistlichen auf, auszu- steigen, was er that. Sie eilten dann mit ihm in ein benachbartes Haus, wo er ein sicheres Versteck gewann (Schluß folgt.) Ein gefährlicher Feind. Bei Gelegenheit der im September v. I. in Stuttgart stattgehabten Verhandlungen über die Erbauung von Heilstätten durch die Jnvaliditäs- und Altersversicherungsanstalten machte der Direktor deS ReichS-Ge- sundheitsamtes, Geh. Ober-Negierungs-Nath Köhler, Mittheilungen über die Verbreitung der Lungenschwindsucht, die wahrhaft schreckenerregend sind. Er führte aus: Von 1000 Todesfällen im Deutschen Reiche find etwa 105 bis 107 auf Tuberkulose zurückzuführen, d. h. diejenige Rolle, die im vorigen Jahrhundert vor Einführung der Schutzpockenimpfung die Blattern bei uns spielten, von denen man sagte, daß der zehnte Mensch an den Pocken sterbe, dieselbe Rolle spielt die Lungenschwindsucht, eher noch in verstärktem Maße, denn nicht bloß der Zehnte, sondern ungefähr der neunte stirbt schon daran. Ganz anders wird das Bild, wenn wir die einzelnen Altersklassen vornehmen. Von 1000 Todesfällen in der Altersstufe von 0 bis 1 Jahr — nach den Zahlen des Jahres 1893 — sind 10,8 auf Tuberkulose zurückzuführen, von 1000 Todesfällen im Alter von 1 bis 15 Lebensjahren 62,2, vom 15. bis 60. Lebensjahre 322 , 3 , über das 60. Lebensjahr hinaus 60. Mit anderen Worten: von der erwerbsfähigsten Altersklasse unseres Volkes, das sind die von 15 bis 60 Jahren, stirbt von dreien, die in diesem Alter überhaupt das Leben beende«, immer einer an der Tuberkulose. Wenn wir auch in der Hoffnung, den Schwind- suchtserreger zu überwinden, getäuscht waren, so hat sich doch manches geändert. Man hat den Feind studirt und ihn kennen gelernt; man weiß, daß viele Wunden, die er dem Körper des Einzelnen schlägt, heilbar sind, und daß mancher arbeitsunfähige Tuberkulöse unter richtiger Behandlung wieder die Fähigkeit erlangt, für sich und die Seinen zu arbeiten. Mit der Erkenntniß, ^daß ein winziger Spaltpilz, der daoillus tuderoulosus, der vergiftende Träger der Ansteckung ist, waren auch die Mittel gegeben, ihm den Weg von Mensch zu Mensch und von Thier — auch ein Theil der Thiere leidet an der Tuberkulose — zu Mensch zu verlegen. Der Tuberkelbacillus befindet sich im Auswurf Tuberkulöser und wird von da, wenn der Auswurf eintrocknet und verstaubt, sei es am Boden, sei es in einem Taschentuchs, vom Winde oder dem Luftzuge in Mund und Nase der Gesunden getragen und gelangt so mit dem Athmen und Essen in deren Körper. Ebenso befindet sich der Bacillns in der Milch perlsüchtiger d. h. tuberkulöser 328 Kühe und wandert mit dieser beim Trinken in den Menschenkörper. Daraus ergeben sich folgende Vorfichts- regeln: Man halte für den Auswurf stets einen mit Wasser gefüllten Spucknapf bereit, man sorge, daß von den benutzten Taschentüchern kein feiner Staub auffliegt, man vermeide das Ausspeien auf der Straße, und man trinke Milch von unbekannten Kühen nicht anders, als gekocht, weil der Bacillns durch das Kochen vernichtet wird. Nun ist es aber eine bekannte Thatsache, daß nicht jede Kugel im Kampfe trifft. Genau so liegt es auch hier. Nicht jeder Tuberkelbacillus, der in unseren Körper gelangt, hat seine bösen Folgen, sondern diese stellen sich nur dann ein, wenn er in dem Körper einen geeigneten Boden zum Wachsen findet, d. h. einen geschwächten Organismus. Ererbte Körperschwäche, oder eine durch die Lebensweise, durch schlechte Nahrung, enge und ungesunde Wohnungen, körperliche oder geistige Ueberanstrengungen oder ausschweifendes Leben untergrabene Gesundheit sind Diener, die dem Schwindsuchts- bacillus den Boden zum Gedeihen zurecht machen. Die Schwindsucht zeigt sich darin als eine eng mit den socialen Verhältnissen verknüpfte Krankheit und sie ist zum großen Theil auch auf dem Gebiete socialer Neformarbeit zu bekämpfen. Ferienkolonien für kränkliche Kinder, Verbesserungen der gemeindlichen hygienischen Verhältnisse, Schaffung gesunder Wohnungen, Beseitigung der überlangen Arbeitszeit, Einrichtung gesunder Arbeitsräume, genügender Arbeitslohn, billige und gute Lebensrnittel und ein vernünftiges, solides Leben — das sind Waffen, mit denen man dem Tuberkelbacillus Terrain abgewinnen, Gesunde vor ihm schützen und viele Erkrankte noch von ihm befreien kann. Als weitere vorzügliche Kampfmittel treten dazu die Sanatorien für Schwindsüchtige. Diese an klimatisch günstigen Orten gelegenen Heilanstalten versprechen, richtig und frühzeitig angewendet, die schönsten Erfolge. Nicht nur wird durch Entfernung des Erkrankten aus seiner Familie und Umgebung die Gefahr der Ansteckung für diese beseitigt, sondern es erwächst auch für den Patienten durch die geregelte Lebensweise bet Arbeit und Erholung und durch die das Gemüthsleben anregende neue und gesunde Umgebung die größte Hoffnung auf Heilung. Nun gibt es zwar schon eine Anzahl solcher Sanatorien, aber dieselben find fast ausschließlich den Wohlhabenderen zugänglich; für die Unbemittelten, die den harten Kampf um's Dasein zu kämpfen haben und von der Hand in den Mund zu leben gezwungen sind, fehlt eS bisher noch an Heilanstalten. Und doch sind eS gerade diese Kreise, die durch unzulängliche Lebenshaltung, gesundheitsschädliche Arbeit und ungenügende Wohnräume der Gefahr besonders ausgesetzt find und die von den Wunden, die die Schwindsucht schlägt, doppelt schmerzhaft betroffen werden. Der seelische Schmerz, einen nahen Verwandten leiden zu sehen und ihn durch den Tod zu verlieren, ist Reichen und Unbemittelten gemeinsam, dazu kommt aber für letztere noch die materielle Sorge. Jeder Kranke drückt bei den Unbemittelten schwer auf die Lebenshaltung der ganzen Familie, und der Tod oder auch nur die ernste Erkrankung der ernährenden Mitglieder bedeutet für die Familie Noth und Verarmung. Deßhalb ist die Schaffung von Sanatorien für unbemittelte Schwindsüchtige eine wichtige soziale Aufgabe, an deren Lösung das ganze Volk das größte Interesse haben muß. Die Aufgabe ist so groß, die Hilfe so dringend und der Heilstätten fehlen so viele, daß private Arbeit allein, so dankenswerth sie auch ist, hier nicht genügt, sondern daß es dazu der systematischen und kräftigen Mitarbeit aller staatlichen und kommunalen Organisationen bedarf. Selbstverständlich wird damit die private Thätigkeit nicht überflüssig, sondern sie soll von den Behörden in der ausgiebigsten und vorurtheilslosesten Weise gepflegt und gefördert werden. In den Vordergrund drängt sich dabei der Wunscy, und die letztjährige Versammlung des VereinS für öffentliche Gesundheitspflege hat ihn eingehend erörtert, daß die großen Zwangsorganisationen der Arbeiter in den Krankenkassen und der Jnvaltditäts- und Altersversicherung und vor Allem die dabei aufgehäuften Kapitalien, die bereits rund eine Viertelmilliarde betragen, diesem Zwecke dienstbar gemacht werden, sei es, daß die Versicherungsanstalten allein, oder in Verbindung mit den Krankenkassen und Kommunaloerbänden die Erbauung von Volkssanatorien in die Hand nehmen, oder sich daran mit der Tragung der Kosten betheiligen. Den glücklichen Anfang damit hat die hanseatische Versicherungsanstalt mit ihrem Harzer Sanatorium in Andreasberg gemacht. Daß die auf den Bau von Sanatorien verwandten Kosten durch Ersparnisse auf anderen Gebieten wett gemacht werden, liegt auf der Hand; wurden doch nach dem Ergebniß von 23 Versicherungsanstalten, wie der Direktor der hanseatischen Versicherungsanstalt in Lübeck auf der Versammlung des Vereins für öffentliche Gesundheitspflege mittheilte, 12,82 pCt. oder 8500 infolge der Tuberkulose arbeitsunfähig. Freilich ist es, wenn die aufgewandten Kapitalien für Sanatorienban Frucht tragen sollen, nothwendig, daß die Sanatorien nicht Siechenhüuser und Sterbeasyle, sondern Gesnndungsanstalten, Sanatorien im wahrsten und schönsten Sinne des Wortes werden. Unheilbare Schwindsüchtige, für die in anderer Weise zu sorgen ist, sollen nicht ausgenommen werden, sondern nur solche, die vom Arzt für heilbar erklärt werden, diese aber so früh als möglich. Sache der Aerzte wird eS sein, die Krankheit schon in ihren Anfängen festzustellen und darauf zu halten, daß der Erkrankte Aufnahme in ein Sanatorium findet. Zu vermeiden ist bei der Organisation der Volkssanatorien Alles, was manches unserer Irrenhäuser und Krankenanstalten so unbeliebt im Volke macht. Die Sanatorien sollen durch und durch volkstümlich sein und der Erkrankte soll gern hineingehen in dem Gedanken, daß er dort sich an Leib und Seele erholt und dann gesund zu neuem Schaffen und Wirken ins Alltagsleben zurücktreten kann. Man hat in letzterer Zeit viel von einem inneren Feind geredet und zu seiner Bekämpfung aufgefordert. Hier in dem winzigen Tuberkelbacillus ist ein Feind, der viel schlimmer ist, als jene meist nur eingebildeten Schrecknisse und Gespenster. Ihn zu bekämpfen ist soziale Pflicht. Auslösung des TelegrvphenräthselS in Nr. 42: Wer einmal lügt, muß oft Zu lügen sich gewöhnen, Denn sieben Lügen braucht's, Um eine zu beschönen. « 44 . 1896 . „Augsburgrr Postzeitung". Dinstag, den 26. Mai Für die Redaction verantwortlich: Vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbesitzer vr. Max Huttler). Pfingsten. Komm', heiliger Geist, von oben, Lehr' uns den Vater loben, Die Menschheit ist erschlafft. Wohl sausen Dampf und Räder, Doch fehlet dem Geäder, Des rechten Oeles Kraft. Gib Deiner Kirche Zeugen, Die sich der Welt nicht beugen In hohem, edlen Muth. Laß nie den Geist vergehen, Der einst mit Sturmeswehen Gebar das Martyrblut. Und über Land und Krone Als treuer Hüter throne, Du Geist der Heiligkeit! Daß in der Zeit Gewittern Nicht Volk, nicht Fürst erzittern; Denn Du hast sie gefeit. In alle Hütten gehe, Durch alle Häuser wehe, Dein ernster Friedenshauch, Auf daß in steten Treuen Die Bande sich erneuen Und Sitte bleibt und Brauch. In Seelen, die verzagen, In Herzen, welche klagen, Kehr' ein als trauter Gast! Daß sie gleich Adlern fliegen Und Jugendkräfte kriegen, Weil Du durchweht sie hast. Schon blüht's auf allen Fluren In allen Kreaturen Der frische Trieb sich regt: Komm, Schöpfer Geist, auf Erden, Die Menschenherzen werden Durch Dich allein bewegt. Adolph Müller. Schick salsrvege. Erzählung von Llarisse Borges. (Fortsetzung.) Angela war jetzt dreiundzwanzig Jahre. Die Noth und die Sorge in dem täglichen Kampfe um's Dasein im Elternhause war ihr längst zuviel geworden, und sie entschloß sich, die Heimath zu verlassen, um sich allein einen Weg in der^Welt zu bahnen. Sie trat in ein Krankenhaus ein und suchte durch treue Pflege die Noth der Leidenden zu lindern und durch gewissenhafte Pflichterfüllung ihren eigenen Schmerz zu vergessen. Nach zweijähriger, musterhafter Krankenpflege folgte sie einem Rufe als Oberin in eine norddeutsche Hafenstadt, wo sie von jetzt an in einem Privat-Krankenhause segensreich wirkte. Hier war es, als nach langer, langer Zeit die Liebenden wieder vereint wurden. Zwanzig Jahre waren vergangen, seitdem der junge, energische Ingenieur seine Heimath verlassen hatte, jetzt, vor den Thoren der Ewigkeit angelangt, bis zum Tode krank und elend, wurde er treu und liebevoll von derjenigen gepflegt, die er als Gattin so gerne glücklich gemacht hätte. Nur wenige Worte genügten, um beiden zu erklären, wie grausam und frevelhaft mit ihrem Lebensglück gespielt worden war. Ihre Jugend und das verlorene Glück konnte ihnen keine Macht der Erde ersetzen, aber der Schmerz um das zerstörte Liebesglück verlor seinen Stachel in dem Bewußtsein der gegenseitigen Treue. Es war ein beglückendes Gefühl, zu denken, daß in all' diesen Jahren die Liebe in beider Herzen nicht erloschen war. Der Ingenieur war in der neuen Welt in allen seinen Unternehmungen glücklich gewesen. Jedes Vorhaben wurde mit Erfolg gekrönt, und nach einem Zeitraum von zwanzig Jahren hatte er ein unbesiegbares Verlangen, in sein Vaterland zurückzukehren. Er machte seinen erworbenen Grundbesitz zu Geld; als vielfacher Millionär war er kaum im Stande, den dritten Theil seiner Zinsen zu verbrauchen, selbst wenn er ein verschwenderisches Leben führte. Ein wehmüthiges Lächeln umspielte seine bleichen Lippen, als er jetzt seines Reichthums gedachte, den er so nutzlos aufgespeichert und den er so gern mit seiner Geliebten getheilt hätte. Er verließ Amerika, landete nach glücklicher Ueberfahrt in der Norddeutschen Hafenstadt, fiel aber beim Verlassen des Schiffes so unglücklich, als er zuerst den Fuß auf heimathlichen Boden setzte, und trug dabei so schwere innere Verletzungen davon, daß er in ein Krankenhaus getragen werden mußte. Es war dasselbe Hospital, in dem Angela schon seit Jahren so segensreich wirkte. Von der ersten Stunde an war es dem Patienten eine Gewißheit, daß an eine Genesung nicht zu denken sei, aber dieser Gedanke beunruhigte ihn keineswegs. Er war mit seiner geliebten Angela wieder vereint, und der Gedanke, daß sie ihm die ganzen langen Jahre hindurch Treue bewahrt hatte, machte ihn so zufrieden und glücklich, daß ihm selbst das Scheiden nicht schwer wurde. „Aber Du mußt erst meine Gattin werden." flehte er mit glücklichem Lächeln. „Wir haben uns doch länger als zwanzig Jahre treu geliebt. — Werde doch mein licbes treues Weib, ehe ich sterbe." 330 „Aber-" „Ich weiß, Geliebte, was Du sagen willst," unterbrach er sie. „Ich habe höchstens noch zwei oder drei Wochen zu leben, vielleicht auch nur so wenige Tage, aber ich will Dir das Recht geben, um mich zu trauern. Du sollst in Zukunft meinen Namen tragen; in den ganzen langen Jahren unserer Trennung hielt ich Dich für den Gatten eines Anderen. Lass' mich doch das Bewußtsein haben, daß Du die Meine bist, ehe ich sterbe." Angela schluchzte leise. „O, Karl," klagte sie, „ich spreche mich selbst nicht frei von Schuld. Ich hätte ahnen sollen, daß wir betrogen wurden, und auch in späteren Jahren nicht aufhören sollen, zu schreiben; ich durfte ja nicht denken, Du habest mich vergessen." Herr Marlitz sah vor seinem Ende den größten Wunsch seines Herzens erfüllt. In aller Stille wurden die Vorbereitungen zur Trauung getroffen; er selbst sprach mit dem Vorstände des Krankenhauses von seiner romantischen Liebe und bat selbst, nach seinem Ende die Oberin von den übernommenen Pflichten zu entbinden. Es war glücklicherweise ein Privathospital und die Pflegerinnen daher auch nicht verpflichtet, sich zeitlebens ihrem Berufe zu weihen, und obgleich man Angcla's Hilfe sehr ungern entbehrte, legte man ihr doch in keiner Weise ein Hinderniß in den Weg. Im Krankenzimmer fand schon stach wenigen Tagen eine feierliche Trauung statt, und seit diesem Augenblicke wich die junge Frau nicht vom Lager des Kranken. Am Abend des Hochzeitstages machte Marlitz sein Testament, und gewiß ist niemals ein kürzeres Testament gemacht worden. Es lautete: „Ich vermache mein ganzes Vermögen meiner Gattin Angela." Die junge Gattin hatte keine Ahnung von dem Erbe, das ihr zufallen würde, sie wußte nicht einmal, ob er ein Vermögen erworben hatte oder nicht, aber der Kranke selbst sprach vor seinem Ende mit ihr davon. „Du wirst reich, sogar unermeßlich reich werden, Angela," sagte er mit matter Stimme. „Ich weiß, Du wirst von dem Gelde einen guten Gebrauch machen, aber ich bitte Dich um eine Gunst: „Gib das Gold nicht denen, deren Betrug so grausam unser Lebensglück zerstörte." „Karl, das könnte ich niemals thun," versichert! sie mit vor Thränen erstickter Stimme und hochgerötheten Wangen. „Es käme mir ja selbst vor, als sollte die Schlechtigkeit belohnt werden. Nein, sei ruhig, ich will alles dem Krankenhause oder wohlthätigen Stiftungen überlassen." Doch der Sterbende schüttelte sein müdes Haupt. „Thue das nicht, Angela," flehte er leise, „Barmherzigkeit ist eine edle Tugend, aber es wäre mir doch lieber, wenn Du mit dem Gelde Glieder Deiner Familie glücklich machen würdest. Das Unrecht, das uns geschehen ist, ist über zwanzig Jahre her, Geliebte, und nach dieser langen Zeit darf man nicht mehr zürnen. Es müssen viele in Deiner Familie sein, die damals noch nicht geboren waren. Mit den Zinsen Deines Vermögens hilf Deinen Geschwistern, Angela, aber lass' das Capital — sieben bis acht Millionen — der neuen Generation zukommen, die an unserem Leid keine Schuld trägt." „Ich verspreche es feierlich." „Gut, ich danke Dir. Jetzt küsse mich noch einmal." „O Karl," schluchzte Angela, die erst seit drei Tagen Gattin war, „wollte Gott, ich könnte mit Dir sterben. ES wird mir unerträglich einsam sein, wenn Du nicht mehr bei mir bist." In derselben Nacht noch schloß er in den Armen seiner Gattin seine müden Augen für dieses irdische Neben. Ohne Kampf, mit einem friedlichen Lächeln auf dem Antlitze ging er hinüber zu einem besseren Leben, wo keine Trennung und kein Leid mehr ist. Angela war seine einzige Erbin, denn Marlitz hatte gar keine Verwandten, mit denen sie so gerne den Reichthum getheilt hätte. Alles fiel ihr allein zu. Bald nach seinem Tode verließ sie das Hospital. Sie glaubte im Sinne des Verstorbenen zu handeln, wenn sie den Reichthum, den er für sie erworben, auch genießen sollte. Sie kaufte eine reizende kleine Villa, Roscnheim, am Rhein, im südlichen Deutschland, hielt sich Wagen, Pferde und genügende Dienerschaft, führte aber trotzdem ein einsames, zurückgezogenes Leben. Sie war kaum vierzig Jahre alt, aber trotzdem ihr Haar stark ergraute, galt sie immer noch als eine bedeutende Schönheit und wurde in der ganzen Nachbarschaft allgemein geliebt. Sie gab weder Gesellschaften, noch arrangirte sie Festlichkeiten in ihrer Villa, aber sie war gastfrei, und kein Armer verließ ohne Trost und Hilfe ihr Haus, so daß sie ein wohlthätiger Engel der ganzen Nachbarschaft wurde. „Angela ist eine Thörin," bemerkte Graf Kurt von Wildcnthal zu seiner Gattin. „Wie kann sie nur damit zufrieden sein, ihr enormes Vermögen in Staatspapieren anzulegen; wenn sie damit speculirte, so könnte sie dasselbe mindestens verdoppeln." Aber die Angeredete theilte nicht die Meinung ihres Gatten. Sie war ein liebliches junges Mädchen gewesen, als sie vor ungefähr fünfzehn Jahren ihrem Gatten die Hand zum Bunde für's Leben reichte. Ja, Einige nannten sie sogar eine Schönheit und beneideten wohl den verarmten Edelmann, der mit diesem Juwel auch gleichzeitig ein ganz beträchtliches Vermögen heirathete. Aber ihre Reize und Jugendfrische waren so schnell verschwunden, wie das letzte Blatt, mit dem der Herbstwind spielt. Die früher nie gekannte aristokratische Armuth drückte sie wie eine allzu schwere Last darnieder und lähmte ihre Geistes- und Körperkräfte. Ihr junger Gatte war ganz getreu in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Um seine zerrütteten Verhältnisse besser zu gestalten, hatte er mit dem Gelde seiner Gattin speculirt und — verloren. Sie hatte nicht geklagt, aber die Armuth drückte sie schwer, und daher fand sie kein tadelndes Wort für die reiche Angela, die so sicher ihr Vermögen depo- nirt hatte. „Ich halte Angela für sehr vernünftig," wandte sie deshalb ein, „die Zinsen allein repräsentiren schon ein ganz enormes Capital, von dem sie gewiß nur den kleinsten Theil verbraucht, aber was macht sie wohl mit ihrem Gelde?" „Sie ist geizig," schalt der Graf gereizt. „Denke nur, Margot, ich schrieb vor einigen Wochen und bat um die lumpige Kleinigkeit von 20 000 Mark, und — Du wirst es kaum glauben — sie hat nicht einmal meinen Brief beantwortet. Ist das nicht empörend?" „Na," lächelte die Gräfin überlegen, denn sie war gerade in der Stimmung, ihrem Gatten zu widersprechen, „darüber dürfen wir uns doch nicht wundern. Dergleichen Bittgesuche wird sie viele bekommen; bedenke, 331 sie ist daS einzige reiche Glied in dieser ganzen, armen Familie." „Das ist wenig schmeichelhaft für uns," erwiderte der Gatte stirnrunzelnd. „Ich höre es nicht gern, unsere Familie so zu nennen." „Ich spreche ja nicht von uns allein," beharrte Margot, „aber es ist doch sonderbar, daß alle Deine Schwestern spät und, mit Ausnahme von Angela, schlecht gehetrathet haben." ,Jch bin ganz zufrieden," lenkte der Graf ein, der seine schnell verblühte Gattin aufrichtig liebte und es oft bedauerte, deren Vermögen so leichtsinnig verloren zu haben. „Du warst reich, Margot, und es ist meine Schuld, daß Du jetzt Noth leidest." „Lass' es gut sein, sprich nicht von Dingen, die sich nicht ungeschehen machen lassen," sagte die Gräfin sanft. „Aber denke an Deine Schwestern. Marie war dreißig Jahre alt, als sie den Anwalt Rieding heirathete, und Helene war nur ein Jahr jünger. Ich verabscheue den Juristen, denn ich bin überzeugt, er ist kein guter, rechtschaffener Mann, auch fürchte ich, daß Deine Schwester an seiner Seite nicht das Glück gefunden hat, welches sie erhoffte. Was nun Helene anbelangt, so finde ich ihre Wahl höchst thöricht. Bedenke nur, ein einfacher Elementarlehrer auf dem Lande mit einem Einkommen von höchstens 15—1800 Mark! Das ist rein lächerlich!" „Meine Liebe!" sagte Kurt freimüthig, „ich halte die Wahl meiner Schwestern gewiß nicht für sehr günstig oder Vortheilhaft, aber bedenke wohl — wenn sie nicht ihr eigenes Heim hät- tten, so müßten sie doch bei uns leben. Was den Anwalt anbelangt, so halte ich ihn für ehrgeizig und strebsam, aber ich muß offen gestehen, daß ich seine Handlungen oft nicht billigen kann. Der Lehrer Berghaupt, lebt aber in dem Dorfe Ebersheim mit Helene sehr glücklich; die Beiden lieben sich innig, und ich bin überzeugt, sie würden nicht mit der ganzen Welt tauschen. Es war eine romantische Liebe, die auf Gegenseitigkeit gegründet ist." „Und sie haben zehn Kinder!" sagte Margot mit unverhohlenem Neid, denn sie konnte zu dem Stammbaum der Familie kein Blatt hinzufügen und dieser Gedanke war oft ein bitterer Wermuthstropfen in den Kelch ihres Lebens. „Nun," lächelte der Graf, „ich glaube kaum, daß Angela für ihre Schwestern auch nur einen Finger rühren wird; sie widersetzten sich zu sehr ihrer Verbindung mit Marlitz. Ich weiß nicht, ob Marie oder Helene mehr dagegen war, aber gewiß ist, daß wir Alle ihr die Verbindung unmöglich machten." „Aber sie hat Deinen Brief unbeantwortet gelassen," beharrte die junge Gräfin nachdenklich, „soll ich schreiben und sie auf einige Wochen zum Besuch bitten?" „Warum — wozu sollte das führen?" „Ich möchte gern, daß sie unseren Leo kennen lernte, er ist ein hübscher, aufgeweckter Knabe — unser Stolz und unsere Freude — Angela wird gewiß Gefallen an ihm finden und ihn vielleicht zu ihrem Erben einsetzen." Gräfin Margot hatte in ihrem ehelichen Leben viele trübe Erfahrungen gemacht und manche bittere Stunde verlebt, aber am meisten schmerzte es sie, daß ihre Ehe kinderlos geblieben war. Sie fühlte die Lücke im Hause, die nur das Band ersetzt, das Ehegatten vereint, glaubte sie doch zu bemerken, daß ihr Gatte ihr innerlich Vorwürfe mache, und in diesem schmerzlichen Gefühl welkte sie sichtlich dahin. So reifte der Entschluß in ihrem Herzen, eine arme kleine Waise an Kindesstatt an ihr Herz zu drücken, ihm Heimath, Namen und Eltern zu geben, ihn einzusetzen als Erben des Titels seines Pflegevaters, aber auch Erben seiner Armuth und drückenden Schuldenlast. So kam der kleine Leo als zweijähriges Knäblein in das Schloß und unter der sorgfältigsten und liebevollsten Pflege entwickelten sich seine bedeutenden Geistesund Körperkräfte auf's herrlichste. Gräfin Margot lebte sichtlich auf, seitdem sie ihr Dasein nicht mehr als ein völlig zweckloses erkannte, und auch der Graf konnte nach und nach den Entschluß seiner Frau nur loben, da er solchen Umschwung in ihr hervorgebracht hatte. „Meine liebe Frau," nahm jetzt der Graf wieder das Wort, „ich gebe zu, daß Leo, ein hübscher, stattlicher Knabe geworden ist, aber daraus geht keineswegs hervor,daß meineSchwester ihn zu ihrem Erben einsetzen soll. Wenn er auch alle Rechte unseres ^eigenen Kindes genießt und ich ihm gerne eine bessere Zukunft wünsche, so kennt Angela ihn gar nicht; sie hat ja ihn noch nicht einmal gesehen." Sie hat die kleinen Rieding's und Berghaupt's auch noch nicht gesehen," schmollte Margot. „Nein. Angela hat in der That ihre ganze Familie schmählich vernachlässigt. Als sie nach dem Tode des Vaters das Schloß verließ, hat sie sich von uns allen losgesagt. Es fanden seitdem in der Familie drei Hochzeiten statt, aber keine dieser Festlichkeiten, nicht einmal der Tod unserer Mutter konnte sie zur Rückkehr bewegen. So lange sie im Hospital Krankenpflegerin war, kümmerten wir uns auch wenig um sie, jetzt aber, seit zwei Jahren, da sie unermeßlich reich ist und allein eine reizende Villa bewohnt, ist die Sache doch anders." „Ganz entschieden. Soll ich sie einladen? Vielleicht hat sie jetzt in den veränderten Verhältnissen Sehnsucht, den Ort ihrer Kindheit wiederzusehen." Aber obgleich die Einladung höflich und freundlich Mustaffer Eddin. der neue Schah von Pei sien. MSN — 332 abgefaßt wurde, Angela schlug sie aus. Sie wollte kein Glied ihrer Familie sehen, bis sie einen festen Entschluß für die Zukunft gefaßt hatte. Es war wahr, sie hatte seit einer langen Reihe von Jahren die Schwelle ihres Elternhauses nicht wieder betreten; waren ihr doch die Gefühle ihrer Geschwister nicht fremd, denn so lange sie selbst in Dürftigkeit lebte, hatten dieselben es nicht der Mühe werth gehalten, ihr die Verlobungen anzuzeigen. Sie wußte aber, daß die Geschwister verheirathet waren, auch daß ihr Bruder Hans — ihr Liebling — nach dem fernen Indien ausgewandert war, um dort sein Glück zu suchen. Er hatte der Schwester einmal geschrieben; es war ein ausführlicher, liebevoller Brief gewesen, den Angela auch in derselben herzlichen Weise beantwortet hatte. Aber damit hatte die Correspondenz ein Ende. Das Porto war in jenen Tagen noch theuer, und im Hospital fand auch Angela sehr wenig Zeit für Privatcorrespondenz. Doch bei dem Bruder Hans weilten ihre Gidanken gern. Er hatte ihr damals geschrieben, daß er sehr bald Indien verlassen und nach New-Zjork gezogen sei; er habe sich dort auch verheirathet und lebe mit seiner jungen, schönen Gattin sehr glücklich und zufrieden. Aber seit jener Zeit waren viele Jahre vergangen. Sie war jetzt eine reiche Frau, und sterbend hatte ihr Gatte sie gebeten, mit dem Ueberfluß ihres Geldes Menschen glücklich zu machen. Das war eine schwere Aufgabe. Heimlich und vorsichtig stellte sie über die Verhältnisse ihrer Geschwister Nachforschungen an. Von Hans in New-Aork schien jede Spur verschwunden, und trotz der eifrigsten Bemühungen war dieselbe nicht zu entdecken. Die andern lebten alle in großer Dürftigkeit. Kurt lebte in derselben Weise auf dem alten Stammschlosse, wie ihr Vater es gethan hatte; die Gläubiger drängten von allen Seiten, und nur mühsam konnte er sein Dasein fristen. Sie freute sich aber über den Adoptivsohn, der auch in alle Rechte ihres leiblichen Neffen eintreten sollte. Ueber den Anwalt Rieding war sie tief empört. Er hatte sich dem Trunke ergeben, mißhandelte seine Familie und erfüllte nur sehr wenig die Pflichten seines Berufes. — Wenn sie aber der kinderreichen Familie Berghaupt gedachte, so blutete bei dem Gedanken an Helene's Schicksal ihr Herz. Wenn auch die Hausfrau Alles noch so sparsam einrichtete und in dem Dorfe Ebersheim das Leben gewiß billiger war, wie in der Großstadt, so konnte sie doch bei aller Sparsamkeit kaum das tägliche Brod für ihre zehn Kinder beschaffen. Nach Empfang des letzten Briefes von Gräfin Margot wartete Angela noch ein halbes Jahr, dann schrieb sie ihrem Bruder Kurt und ihren beiden Schwestern. Sie bot ihnen an, die Erziehung des ältesten Sohnes aus jeder Familie zu übernehmen. Die Knaben sollten auf ihre Kosten zuerst ein Gymnasium, dann die Universität besuchen, um sich zu einem Berufe vorzubilden, der ihren Wünschen und Neigungen entspreche; auch wollte sie für Bücher, Kleidung, Taschengeld und alle erforderlichen Bedürfnisse Sorge tragen. Sie stellte nur eine Bedingung. Wenn die Knaben leichtsinnig Schulden machten oder durch ein schlechtes Betragen ihre Entlassung aus den Anstalten verschuldeten, so wolle sie ihre Hand von den Unwürdigen zurückziehen. (Fortsetzung folgt.) Die radfahrende Menschheit. (Nachdruck verboten.) N Berlin, 14. Mai. Ein gutes Rad ist theuer; aber es hilft Alles nichts, bald wird der Mensch erst beim Radfahrer anfangen. Soeben lese ich in Berliner Blättern, daß ein unternehmender Mann um die Erlaubniß nachsucht, an den Straßenecken und auf den öffentlichen Plätzen Dreiräder zum Verleihen aufzustellen. Es sind zunächst 230 Standplätze in Aussicht genommen; wer nun schnell und billig einen Weg zurücklegen will, miethet sich an der nächsten Ecke ein Dreirad, liefert es an dem Standplatz, der seinem Ziel am nächsten ist, wieder ab, und bezahlt für die erste Viertelstunde 10 Pfg., für jede folgenden 10 Minuten 5 Pfg. Dieser Tarif ist unglaublich billig; man kann auch sagen unheimlich billig. Denn wenn der „Scherz" nur 10 Pfg. kostet, so werden die grünen Jungen in Masse ein Dreirad unter die Beine nehmen, und die armen Fußgänger auf den Berliner Straßen erhalten dann erst recht Gelegenheit, ihre Sünden abzubüßen. Auch ohne dieses Leihrad, das man Strampel- Drosche nennen könnte, nehmen die mit Menschen besetzten Räder auf den Straßen schon erschrecklich zu. Ich weiß nicht, wo die jungen Leute das Geld zur Anschaffung eines Zweirades pumpen oder stehlen, aber sie bringen es zu Rovers trotz aller schlechten Zeiten, und sie jagen damit, als ob der böse Feind hinter ihnen und das Glück vor ihnen wäre. Dazu kommen die „geschäftlichen" Dreiräder der „berittenen Dienstmänner", der Eilboten der Privatpost, der militärischen Boten, der Austräger der Geschäfte usw. Rudolph Hertzog stellt neuerdings 15 hochfeine Transporträder mit uniformirten Fahrern in seinen Diensthund dieses Vorgehen der berühmten Firma wird in der feinen Geschäftswelt zur Nachahmung reizen. Die Privatpost auf Rädern macht der Reichspost auch auf dem Gebiete der Rohrpost-Briefe und Stadt-Telegramme erfolgreich Concurrenz; — das schlimmste Zeichen der „Radkrankheit der Zeit" ist aber das Anwachsen der weiblichen Radfahrer. Ueber die Schönheit und die Zuläs- sigkeit der strampelnden Weiblichkeit ist ja schon in Zeitungen, die „in erster Linie interessant" sein wollen, eine große Debatte eröffnet worden. Nächstens werden wir in Romanen lesen, daß ,Sie' an einer Straßenecke ,Jhn' umgefahren hat, daß ,Er' sich in ,Sie' verliebt hat, als ,Er' neben ,Jhr' im Schmutz lag und ,Ihren' zarten und doch festen Radfahrstiefel an »Seiner' Nase fühlte usw., bis die Beiden im letzten Kapitel auf einem Tandem zur Hochzeit fahren. „Kommt Zeit, kommt Rad", sagte neulich ein Kalauerfabrikant, und er hat Recht, da Niemand dem „Rad der Zeit" in die Speichen fallen kann. Es wird immer mehr geradelt werden, und wenn die Fußgänger klug sind, so bitten sie jetzt schon die triuwphirende Partei, die auf dem hohen Rad sitzt, um etwas Schonung und Gnade. Was die „strampelnde Weiblichkeit" angeht, so hoffe ich immer noch, daß die große Masse der deutschen Frauen und Jungfrauen es für unschön und unschicklich erachten wird, nach Männerart auf dem Rade zu sitzen. Die Techniker thäten gut daran, ein elegantes und leichtes Fahrzeug für Damen zu bauen, das sich gerade so treten läßt, wie die Nähmaschine. Die Männer mögen meinetwegen auf Zwei- oder Dreirädern fahren, soweit sie Kraft und Lust dazu haben. Aber es wird Zeit, daß die Radlerei aus den Flegeljahren »-V-« ZK§L ^^5 c^LL' .^U- M;rKiZ MWA MM WKiZK M« WW MWÄ M-M ßMW 33 t in das vernünftige Alter tritt. Uebcrall verkündet man uns, daß das Fahrrad nicht mehr in erster Linie dem Sport, sondern vielmehr dem Geschäfts- und Erholungsverkehr diene. Leider merkt man bei einem sehr großen Theil der Fahrer, ja man kann sagen bet der Mehrzahl der Zweirädler, von dieser erfreulichen Wandlung noch gar nichts. Diese Leute machen sich meistens nach wie vor den Hauptspaß daraus, in der größtmöglichsten Schnelligkeit durch die Straßen zu sausen, namentlich über das ebene Asphaltpflaster. Diese übertriebene Schnelligkeit ist die Wurzel vieler Uebel und hat in den seltensten Fällen eine innere Berechtigung. Der Radfahrer sagt, das Zwetrad habe gerade in der schnellen Bewegung, die es ermögliche, eine wesentliche Eigenschaft. Gewiß, der Mann soll schneller fahren, als ein Fußgänger geht, oder eine Droschke schleicht. Aber wenn der Radier ohne besonderen Grund seine Beine in die größt- möglicheTretschnellig- keit setzt, so handelt er gerade so unvernünftig, wie ein Spaziergänger, der ohne Anlaß in einem fort Trab läuft, oder wie ein Fuhrmann, der un- nöthigcrweise die Pferde Galopp laufen läßt. Gehen und Fahren sind so alte Beschäftigungen der Menschen, daß sie nur in Ausnahmefällen noch „sportmäßig" betrieben und übertrieben werden. Der kleine Junge, der noch in den Anfangsschuhen der Beinbenutzung steckt, findet freilich wohl noch ein Glück darin, im Galopp über die Straße zu rennen; dem ausgewachsenen Menschen aber fällt es ganz gewiß nicht mehr im Traume ein, sich selbst oder seinen Mitmenschen dadurch imponiren zu wollen, daß man auffallend schnell geht. Wenn die Nadlerei erst älter wird und der Radfahrer ebensowenig Aufmerksamkeit findet, wie jetzt ein Fußgänger, so wird auch Niemand der bloßen Eitelkeit halber ein schnelleres Tempo einschlagen, als sich bei einer angenehmen, nicht ermüdenden Muskelarbeit ergibt. Das Rennen wird dann in die Rennbahn verwiesen und auf den gewöhnlichen Wegen einfach gefahren werden. Der aufgeblasene Gummireifen ist für die Fahrer eine werthvolle Errungenschaft; für die Fußgänger ist er unangenehm und gefährlich. Alle sonstigen Fuhrwerke auf dem Straßendamm kündigen sich durch ihr eigenes Geräusch an; auch die Equipagen mit Gummirädern auf dem Asphaltpflaster, weil die aufstampfenden Pferdehufe weithin hörbar sind. Der Radfahrer aber ist, um ein Berliner Wort zu gebrauchen, der wahre „Deibel auf Socken". Man hört kein natürliches Geräusch von seinem Fuhrwerk; die Klingel, welche er willkürlich ertönen oder auch nicht ertönen läßt, ist das einzige „Lebenszeichen", das er den betheiligten Fußgängern gibt, und diese Klingel ist auch so'zierltch gearbeitet, daß sie ihren Warnungszweck nur unvollkommen erfüllt. In den Straßen, wo viel Radfahrer verkehren, ist also das Ueberschreiten des StraßendammeS immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Ich kenne Leute, die inFolge langerUebung sich mit der größten Gemüthsruhe durch ein Gewirr von bewegten Droschken, Omnibussen und so- garPferdebahnen hin- durchschlängeln, aber über die heimtückisch dahersausenden Zweiräder nervös und — unhöflich werden können. In der That wirkt es, namentlich am Abend, recht unangenehm auf die Nerven, wenn da plötzlich ein Ding von unsicheren Umrissen hart an seinem vor- betsaust,d> unerwartet aus dem Dunkel aufgetaucht und spurlos wieder in's Dunkel verschwindend. Ich möchte wünschen, daß die Zweiräder auf den Straßen einen wirksamen Lärmapparat hätten, der unaufhörlich im Betriebe ist, und zwar im Gleichmaß mit der Schnelligkeit des Fahrens. Ferner müssen die Zweiräder aber noch eine bessere, mehr nach den Seiten strahlende Beleuchtung haben. Von den wohlerzogenen Radfahrern wäre außer der Mäßigung der Schnelligkeit noch zu fordern, daß sie nicht zu scharf am Bürgersteig vorbeifahren und an den Straßenübergängen ganz besonders vorsichtig und rücksichtsvoll sind. Es ist ein Irrthum, wenn die Radfahrer glauben, daß der Damm nur den Fuhrwerken gehöre, und die Fußgänger also das Ausweichen zu besorgen hätten. Die Fußgänger müssen über den Damm gehen, um an die andere Seite der Straße zu kommen; so lange wir nicht Uebergänge unter Eine Strafpredigt. Von F Hiddemann. Photographie im Beilage der Photographischcn Union in München. MWM «M »K «« MM dem Damm oder auf „Galgen" haben, müssen die Fuhrwerke und auch die Radfahrer den Fußgängern ausweichen. — Neulich hat eine Dame mit Recht öffentlich Klage erhoben, weil ein Radfahrer, der sie überfahren hatte, die „gekränkte Unschuld" spielte und sich seinerseits beschweren wollte, daß sie sein Klingeln nicht respectirt habe. Wie soll man denn in Berliner Straßen jedes leise Zeichen immer gleich hören, richtig deuten und befolgen? Namentlich an Frauen darf man in dieser Hinsicht keine großen Anforderungen stellen; die hauptstädtischen Straßen sind auch nicht dazu da, daß jeder junge Bursche seinen Kräfteüberfluß auf einer Eilmaschine austoben kann. Die Radfahrer draußen vor der Stadt haben die Neigung, auf den glatten Fußwegen der Chausseen zu fahren. Meinetwegen; aber sie dürfen sich nur nicht einbilden, daß ssie da 'zu Hause sind und nicht von den lein Ispiegeln sich im Wasser oder sind wie Schwalben- Nester an die Wände geklebt. Hoch von oben herab schaut eine Villa, in einem neuen, unschönen Stile erbaut. Doch auch diese sonderbare Erscheinung vermag die liebliche Anmuth des Thales nicht zu stören, das unter die schönsten Gegenden weit und breit zu zählen ist. Da Wildenroth viele und große Ähnlichkeit mit Bethlehem hat, so wird es vielfach das „bayerische Bethlehem" genannt. Die Markung von Wildenroth stößt unmittelbar an jene von Grafrath und Unteralting, dessen Kirchthurm über die Höhe herüberblinkt. Wildenroth ist sehr alt; das adelige Geschlecht der Wildenroder wird schon im 13. Jahrhundert in Urkunden öfters genannt. Konrad von Wildenrod war Marschall der Herzoge Ludwig und Rudolf von Bayern. Dessen Enkel verkaufte im Jahre 1347 seinen Besitz an das - Witdrnrolh an der Ampcr. Nach ein« Photographie von Max Merz in Diessen am Ammersee. Fußgängern verlangen, daß sie immer flott auf den Damm springen. Soll man auf einem Spaziergang einigen Dutzend Radfahrern in einem fort ausweichen, so hört die Gemüthlichkeit auf. Die Hauptsache ist: Eile mit Weile, auch wenn du auf einem Rade sitzest! - — - Wildenroth an der Amper. Mit Bild.) (Nachdruck verboten.) 6l-I. In einem engen Thalgrunde, von mäßigen, dicht bewaldeten, steil aufsteigenden Hügeln eingefaßt, liegt das idyllisch schön gelegene Wildenroth. Die grüne Amper rauscht mitten durch das Dorf und braust mit wildem Zorne über ein hemmendes Wehr. Die niedlichen Häus- Kloster Fürstenfeld, wo er bis zu dessen Aufhebung verblieb. — Die Umgebung von Wildenroth ist historisch merkwürdig. Das Sträßchen von Schöngeistng bis Wildenroth läuft auf dem Grunde der römischen Verbindungsstraße von Schöngeistng nach Eching. An derselben ist eine trichterförmige Vertiefung zu sehen, welche den keltischen Ureinwohnern als Keller für ihre aus Holz darüber gebauten Wohnungen diente. Im nahen Wald „Mühlhart" befinden sich viele Grabhügel, etwa 200, aus sandigem Thone, Gräber der alten Kelten. In ihrer Mitte sind zwei heidnische Opfersteine, an denen die Rinnen zum Ablaufen des Blutes noch deutlich sichtbar Und. Eine Viertelstunde vom Fahrweg entfernt lag die Sunderburg auf einer gegen die Amper vorspringenden Anhöhe. An der Stätte eines römischen Kastelles erbaute Graf Friedrich von Diessen, ein Bruder des hl. Rasso, eine Burg, wovon jetzt noch Ueberreste zu sehen sind. Die Anhöhe ge- 336 währt einen weiten Umblick und eine reizende AuSsicht auf das stille, waldumsäumte Amperthal. Zwischen Wildenroth und Grafrath lag auf einem Hügel die Rassenburg, die der hl. Naffo sich als Wohnung baute, die aber im Jahre 955 von den Ungarn zerstört wurde, nachdem ihr Erbauer in dem nahen von ihm gegründeten Kloster Wörth (dem jetzigen Grafrath) im Jahre 954 eines heiligen Todes verstorben war. i-v-s—«- Zu unseren Bildern. Mussaffer Eddin, der neue Schah von Persten, der zu dieser Würde nach den heimathlichen Bräuchen als der erste in Purpur geborene Sohn Nassr Eddins gelangte, hat soeben seine Reise von seiner bisherigen Residenz Täberis nach der Hauptstadt des Reiches angetreten. Mussaffer Eddin Mirza ist am 25. März 1853 geboren. Man glaubte, Mussaffer Eddin werde sich noch enger an Rußland anschließen, als es sein Vater gethan; doch bat er die Beileids- und Beglückwünschungstelegramme der anderen Souveräne in gleicher Form beantwortet, wie jenes deS Zaren. Dir Mnstkprobe. Fast den ganzen Sommer hatten unsere fünf lustigen Dorfmusikanten ihre Instrumente ruhen lassen. Nur ein paarmal holten sie aus Anlaß einer Hochzeit dieselben aus ihrem Winkel hervor, um die alten Weisen, die bald die Spatzen vom Dache pfeifen, beim fröhlichen Reigen herunterzududeln Aber jetzt ist die Kirchweib in der Nähe, wo es gar hoch hergeht; da dürfen sie nicht mit ihren alten, abgedroschenen Stücken aufwarten, da muß etwas Neues kommen. Allabendlich sitzen sie d'rum in ihrem Lokale zusammen und streichen und blasen, daß es ein wahres Vergnügen ist. Wie freut sich nicht der Franz! dort hinten an der Wand, der gerade Pause hat, über die Anstrengungen, die sein dicker Nachbar mackt, um den an ihn gesellten Anforderungen gerecht zu werden. Da muß noch manche Maß die durstige Kehle hinunterlaufen, bis die Töne alle rein herauskommen werden. Viel leichter geht es seinem Vis-L-vis, der kann seine Sache schon auswendig und auch dem Flötenspieler daneben scheint das Stück keine besonderen Schwierigkeiten mehr zu bereiten. Die Seele des Ganzen aber, der Alte mit dem Brummbaß, zählt dazu den Takt und horcht, ob sich nirgends ein Mißton Anschleiche. Das muß eine herrliche Kirchweih werden. Eine Strafpredigt. Es ist ein eigenthümlich Los der ersten bösen That, daß sie selten lange verborgen bleibt. Zum ersten Male hatte heute der kleine Hans an dem in der äußersten Ecke des Gartens stehenden Apfelbaume mit seinen rothwangigen Früchten, die zudem noch nicht einmal ganz ausgereist waren, sich vergriffen und schon war er auf dem Sprunge gewesen, hinter der schützenden Hecke mit seiner Beute zu verschwinden, um sich daran gütlich zu thun — da rief ihn des Vaters kräftige Stimme zurück. Langsam war er, vor Schrecken halb gelähmt und ungewiß der Dinge, die da kommen sollen, herbeigetrollt. Von Schuldbewußtsein überwältigt wagt er nicht die Augen aufzuschlagen und den Vater anzublicken, der ihm in ernsten Worten das Verwerfliche seiner That vorhält. Aber er wollte ja den Baum nicht schädigen, er wollte nur einen einzigen Apfel herunterschlagen und konnte nicht dafür, daß die schwere Stange den ganzen Ast abriß. Gewiß wird er sich die Worte des Vaters tief ins Herz einprägen, das können wir aus seinem reuigen Gesichte lesen, wird geduldig warten, bis die Aepfel reif sind, dann ist ja der Vater gerne bereit, seinen Wunsch zu erfüllen. --SLA8S- Allerlei. Die Bewässerung des Culturlandes in Aegypten von den Schwankungen der Nilhöhe unabhängig zu machen, ist eine Aufgabe, die für das Delta durch das buriLAs äu IM genannte Stauwerk an der Deltaspitze der Lösung nahe gebracht ist. Jetzt hat nun die Regierung das Ziel ins Auge gefaßt, auch Oberägypten durch gewaltige Stauwerke außerhalb der Ueber- schwemmung mit dem nöthigen Wasser zu versorgen. Es stehen sich drei Vorschläge gegenüber. Der eine will den alten Mörissee wiederherstellen. Aber diese Anlage läge zu weit flußabwärts (im Fayum), um von großer Bedeutung werden zu können. Der zweite will bei Asfuan das Stauwerk anlegen. Dadurch würde die wunderschöne und berühmte Insel Phtlä mit ihren unschätzbaren Denkmälern zu Grunde gerichtet. Das Anerbieten eines Amerikaners, die ganze Insel mit allen Tempelrutnen höher zu legen, kann wohl kaum ernst genommen werden. Der dritte Plan endlich verlegt das Werk in die Gegend von Wady Haifa. Man macht dagegen geltend, daß die feindlich gesinnten Sudanesen durch Zerstörung der Anlage ganz Aegypten in Gefahr bringen könnten. Die Engländer würden wohl Anlaß nehmen, eine starke englische Garnison zum Schutze des Werkes zu schaffen. Zwischen diesen drei Plänen schwanken also die Ansichten. Der Segen einer derartigen, zweckmäßig durchgeführten Anlage für das Land wäre so groß, daß man sich selbst mit dem Gedanken befreunden müßte, die an natürlichem Reiz und geschichtlicher Bedeutung unvergleichliche Landschaft von Philä zu verlieren. - —»« 84 —»-- Jer Maikönigin. Von waldiger Höhe herab in's Thal Da glänzt die Kapelle im Morgenstrahl. ^ Zum Thürmchen empor sich ein Vog'lein schwingt, Wie ein Hymnus sein Morgenliedchen klingt. Dazwischen die Glocken erschallen leis Zu Gottes und zu der Jungstau Preis. Im Kreise die Tannen sie rauschen sacht, Sie neigen sich flüsternd und sind erwacht. Es flimmert und schimmert der weite Hag, Herein bricht ein herrlicher Maientag. Und in der Kapelle — wie süß und mild, Erglühet der Jungfrau liebliches Bild. Es bricht durch die Fenster ein Strahlenkranz, Erfüllet das Küchlein mit Maienglanz. „Du Schönste der Frauen, Maikönigin, Dir huldigt der Mai, nimm es gnädig hin, Die Kinder der Erde, fast ohne Zahl, Sie grüßen mit ihm Dich vieltausendmall" Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt. M 45, Freitag, den 29. Mai 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Gradhcrr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). Z-chicksttisWege. Erzählung von Einrisse Borges. (Fortsetzung.) Dieser Brief blieb nicht unbeantwortet. Die Eltern nahmen für ihre Söhne daS Anerbieten an, aber jede Familie machte eine Bedingung. Kurt schrieb, daß er für Leo das Anerbieten annehme; er wünsche aber, daß der Knabe nicht mit seinem Vetter, Martin Nieding, zusammen dieselbe Anstalt besuche. Er halte gerade nicht viel von dem Charakter seines Neffen und fürchte einen schlechten Einfluß auf Leo. — Marie Rieding schrieb auch; es war der erste Brief, den sie in ihrem Leben an die Schwester richtete. Sie wünschte, ihr talentvoller und reich begabter Sohn Martin solle in einer der vornehmsten Pensionen untergebracht werden, die nur zu finden sei. Er müsse sich die Söhne reich begüterter Leute zu seinen Freunden machen, denn nur durch vornehme und hervorragende Bekanntschaft sei es heutzutage möglich, später in der Welt ein gesichertes Fortkommen zu haben. — Die reiche Frau lächelte verächtlich beim Lesen dieser Zeilen, dann nahm sie Helene's Brief zur Hand. Die Schwester hatte einen langen, ausführlichen Brief geschrieben und von all' ihren zehn Kindern berichtet. Sie war glücklich im Besitz dieser großen Familie, aber dennoch war der Brief mit ihren Thränen benetzt, die deutliche Spuren hinterlassen hatten. Am Schlüsse schrieb sie: „Um unseres Kindes willen nehmen wir Dein Anerbieten an, aber ach, Angela, erwecke nicht ein Gefühl nach Glanz und Reichthum in seinem jungen Herzen, damit er dem Elternhause nicht entfremdet werde." Frau Marlitz ging auf alle Bedingungen ihrer Geschwister gern ein. Sie sandte die drei Knaben, die alle im vierzehnten Lebensjahre standen, nach verschiedenen Lehranstalten, aber vorher nahm sie dieselben jeden allein drei Tage in ihre Villa auf. Sie war nicht umsonst eine lange Reihe von Jahren Krankenpflegerin gewesen und hatte in ihrem Leben hinreichend Gelegenheit gehabt, die verschiedenen Charaktere zu studiren, und so lernte sie auch in wenigen Tagen die drei Knaben genau kennen. Leo von Wildenthal's offener, ehrlicher Charakter gefiel ihr gut und erfüllte sie mit den besten Hoffnungen für die Zukunft. — Martin Rieding war scheu, listig und verschlagen; er hatte keinen offenen Blick, und seine geistigen Fähigkeiten schienen auch nur sehr unbedeutend zu sein. Willy Berghanpt dagegen war ein schwächlicher Knabe, mit einem müden Ausdruck in seinem bleichen Antlitz. Ein lästiger Husten quälte und schmerzte ihn, dabei war er über sein Alter hinaus früh gereift, und die häuslichen Sorgen, unter denen er aufgewachsen war, hatten ihm die fröhlichen Kinderjahre geraubt. Angela beschloß, zunächst für das« körperliche Wohl ihres kranken Neffen zu sorgen, darum übergab sie ihn der Pflege einer ihr sehr befreundeten Familie, die in einer gesunden und stärkenden Gebirgsgegend wohnte. Sie wußte, daß hier alles zur Wiederherstellung seiner Gesundheit gethan wurde, und die Fortsetzung seiner Studien sollte nur langsam und nebensächlich betrieben werden. Die Bedingungen wurden von beiden Seiten treu» lich gehalten. Angela bezahlte alle Unkosten ihrer drei Neffen, aber keiner erhielt von ihr auch nur eine Zeile, und auch die Briefe der Eltern ließ sie unbeantwortet. Die Ferienzeit verbrachten die Knaben in ihrem Elternhause; aber so wenig sie es auch ahnten, war die Tante doch ganz genau über die Fortschritte und das Betragen ihrer Schützlinge unterrichtet. So wußte sie, daß Leo mit Fleiß und Energie seinen Studien oblag, daß er die besten Zeugnisse und die ersten Preise seinen Eltern heimbrachte. Es war sein Wunsch, sich der Landwirthschaft zu widmen, er wollte später die landwirthschaftliche Schule besuchen, um dann selbst die Güter seines Vater- wieder in die Höhe zu bringen. Martin Rieding war weniger strebsam und fleißig, und es wollte ihm auch nicht gelingen, sich mit seinen Mitschülern zu befreunden. Trotz seines reichlichen Taschengeldes hatte er stets eine leere Börse, die er mit List von seinen Schulkameraden zu füllen suchte. Sein ganzes Streben ging darauf aus, Geld zu erwerben, und dabei scheute er vor keinem Mittel zurück, und dann vergeudete er das Geld in leichtsinniger Weise. — Willy Berghanpt erholte sich bei liebevoller Pflege und stärkender, hinreichender Nahrung sichtlich; er konnte jetzt regelmäßig das Gymnasium besuchen, machte gute Fortschritte und wollte Arzt werden. So waren zehn Jahre vergangen. Die Jünglings hatten ihre Studien beendet und standen auf eigenen' Füßen, da raffte der unerbitterliche Tod die reiche Wittwe plötzlich dahin und vereinte sie mit ihrem Gatten, den sie so sehr geliebt hatte. 338 II. Die einzelnen Glieder der gräflichen Familie von Wildenthal zeichneten sich nicht durch große Herzlichkeit und hingebende Liebe aus. Vielleicht hatte auch die Armuth ihre Herzen verbittert, und die drei von der reichen Tante bevorzugten Jünglinge beobachteten einander mit Mißtrauen. Der Graf und die Gräfin von Wildenthal waren empört, daß Leo vor seinen Vettern von der reichen Tante nicht den Vorzug erhielt. Der Anwalt Nieding hielt seinen Knaben für drn besten der drei Neffen und verlangte dafür Anerkennung, die ihm nicht gewährt wurde, während die arme Lehrerfamilie sich oft bekümmerte, daß die beiden Vettern mitleidig auf ihren ältesten Sohn herabsehen möchten. Die Jahre waren auch an diesen drei Familien spurlos vorüber gegangen. Graf Kurt konnte sich vor seinen Gläubigern kaum retten. Leo war theoretisch und praktisch als Landwtrth ausgebildet und hatte auf einem großen Rittergute in der Nähe von Ebersheim eine Stelle als Inspektor angenommen. Martin Nieding hatte die juristische Laufbahn erwählt und half seinem Vater, aber ohne Energie und Ausdauer in seinem Berufe zu zeigen, und deshalb mißglückten auch alle seine Unternehmungen. — Willy Berghaupt hatte sein Ziel erreicht, als junger Arzt hatte er sein letztes Staatsexamen glücklich bestanden und weilte jetzt auf kurze Zeit bei seinen Eltern, um sich körperlich zu erholen, da seine Gesundheit in letzter Zeit wieder bedenklich gelitten hatte. Da kam plötzlich die ganz unerwartete Nachricht von dem Tode der reichen Wittwe, die der Anwalt der Verstorbenen, Herr Rnthberg, den Verwandten mittheilte. „Beim Himmel, wie plötzlich I" rief Graf Kurt, als er das Schreiben flüchtig überlesen hatte. „Was ist geschehen?" fragte seine Gattin bestürzt, wollen die Gläubiger nicht länger Frist gewähren, daß wir unser Heim verlassen müssen, oder was ist es?" „Angela ist todt! Ich wußte gar nicht einmal, daß sie krank war. Wir müssen zur Beerdigung Hinreisen." „Ich nicht," verbesserte Margot. „Wenn Du und Leo hinreist, so ist das wohl genug. O, Kurt, ich hoffe, sie hat uns in ihrem Testamente bedacht." „Das hoffe ich ganz bestimmt," versetzte der Gatte sinnend. „Sie kann kaum in all den Jahren den vierten Theil ihrer Zinsen verbraucht haben; das angehäufte Kapital muß jetzt ganz enorm sein." »Ich glaube aber nicht, daß sie uns bedacht hat," wandte Leo ein, der gerade zum Besuch bei seinen Eltern weilte; „rechne wenigstens nicht darauf, Vater, sonst ist die Enttäuschung hernach zu bitter." Leo hatte seit der ersten Zusammenkunft vor zehn Jahren die reiche Tante noch einmal beim Verlassen der Universität gesehen und die Ueberzeugung gewonnen, daß sie seinem Vater noch immer nicht gewogen sei. „Wie kommst Du zu dieser Meinung?" fragte der Graf erschreckt, „sie war doch gegen Dich stets nobel und großmüthig." , „Sie war die Güte selbst; aber sie wünschte ausdrücklich, ich solle mir als Jnspector wein Brod verdienen, um nie abhängig zu sein. Ich glaube, sie verpachte ihr ganzes Vermögen für wohlthätige Zwecke." 7 „Unmöglich! Na, wir werden es bald genug er- ifghren. Die Beerdigung ist am Mittwoch. Nieding wird mit seinem Sohne auch dort sein; der junge Martin gefüllt mir durchaus nicht." Leo lachte. „Er ist ein erbärmlicher Feigling," versicherte er, „aber wir werden nicht viel zusammenkommen, und im Testament wird er ebenso wenig bedacht sein, wie wir." Es war ein lieblicher Maientag. Die Frühlingssonne sandte ihre goldenen Strahlen vom azurblauen Himmel als letzten Scheidegruß in die kühle Gruft, die die irdische Hülle der Entschlafenen deckte. Ungesehen und unerkannt hatte sie auf Erden so viele Noth der Armen gelindert, so viele Thränen getrocknet, und die Liebe und Dankbarkeit der Bedrängten folgte ihr über das Grab hinaus. Die feierliche Ceremonie war beendet. Im Gartensaal der Nosenvilla waren die wenigen Leidtragenden versammelt. Graf Knrt, Herr Nieding und der Lehrer Berghaupt, jeder mit seinem Sohne; dann der Advokat Nuihberg und ein alter Kommerzienrath Ambach, der> nächste Nachbar und treu erprobte Freund der Entschlafenen. „Ich kenne den alten Herrn," flüsterte Leo seinem Vater zu. „Sein Enkel ist mir ein lieber Studienfreund, und der Großvater besuchte ihn oft. Da erzählte er oft von Tante Angela, die er stets lobte und mit der er sehr befreundet schien." Der Anwalt Nuthberg öffnete das Testament. Die Dienerschaft war nicht zugegen, obgleich sie reichlich bedacht war. Doch er hatte versprochen, derselben später die für sie gemachten Bestimmungen mitzutheilen, da er eine Scene, wenn nicht einen Sturm der Entrüstung unter den Verwandten befürchtete. „Ehe ich mit dem Vorlesen beginne," sagte er, sich gegen die Anwesenden verneigend, „möchte ich bemerken, daß meine Klientin sich bei der Abfassung des Testamentes weder beeinflussen, noch von Anderen bestimmen ließ, und daß die pünktliche Ausführung desselben ihr letzter Wunsch war. Herr Kommerzienrath Ambach ist von ihr als Testamentsvollstrecker ernannt, und ich bin überzeugt, daß er nur auf dringendes Bitten der Entschlafenen diese Pflichten übernommen hat. Frau Marlitz versäumte auch nicht die Vorsicht, ihrem Willen ein ärztliches Attest beizulegen, daß sie bei der Abfassung des Testaments im Vollbesitz ihrer Geisteskräfte war." Eine Wolke des Unmuths lagerte sich auf deS Grafen Stirn; das Testament fiel gewiß nicht zu seinem Gunsten aus, da seine Schwester diese Vorsichtsmaßregeln getroffen hatte. — Anwalt Ruthberg las mit klarer, vernehmlicher Stimme. Die Dienerschaft war reichlich bedacht. Die Villa mit sämmtlichen Mobilien, Silberund Kunstgegenständen fiel dem Watsenhause zu. Dann vermachte sie ihren neun Nichten — zwei Töchter des Anwalts Nieding und sieben Töchter des Lehrers Berghaupt — jeder ein Capital von 15 000 Mark, welches ihnen am Tage ihrer Verheirathung oder an ihrem dreißigsten Geburtstage ausgezahlt werden solle. Inzwischen erhalte jede Nichte bis zur Auszahlung des Kapitals eins jährliche Nente von 1000 Mark. Der Lehrer Berghaupt athmete erleichtert auf. Die Zukunft seiner sieben Töchter hatte ihm schwerer auf dem Herzen gelegen, als Worte es beschreiben können. Jetzt schien mit einem Schlage alle Noth vorüber; er hatte siebentausend Mark jährliche Rente, so lange sie unverheirathet blieben, das war eine Hilfe, die er weder erträumt noch 33S erhofft hatte. Der Advokat fuhr mit dem Lesen des Schriftstückes fort: „Das meinen neun Nichten ausgesetzte Kapital wird von den in den letzten zehn Jahren angehäuften Zinsen meines Vermögens genommen. Das Vermögen selbst besteht in sicher angelegten Staatspnpieren in einer Höhe von acht Millionen Mark, über die Herr Ambach ein Jahr nach meinem Tode in meinem Sinne, den er genau kennt, verfügen wird. Es ist mein Wunsch und Wille, daß diejenigen meiner Verwandten mich beerben, die des Erbes würdig sind, und ich habe volles Vertrauen in das Urtheil meines Freundes Ambach, der aber in der Austheilung des Erbes keinem meiner Verwandten Rechenschaft abzulegen hat." Eine peinliche Pause entstand, die der junge Martin Nietung zuerst unterbrach. „Das ist eine lächerliche Idee; das Testament darf nicht bestehen, es muß umgestoßen werden," rief er gereizt. „Durchaus nicht," widersprach Herr Nuthberg. „Ich muß sogar darauf aufmerksam machen, daß meine Klientin befürchtete, das Erbe könnte in unwürdige Hände kommen. Sie wollte mit Recht dem Kommerzienrath zwölf Monate Zeit geben, um die Charaktere ihrer Verwandten zu prüfen." „Ich verstehe ihre Meinung," sagte der Lehrer nachdenkend. „Sie wollte sehen, wie ihre drei Schützlinge sich nach ihrem Tode machen würden. Sie hat ihnen allen dreien eine sorgfältige Pflege angedcihen lassen, so daß sie ihr Fortkommen in der Welt haben." „Da haben Sie vollkommen Recht," rief Herr Am- bach, dem Lehrer kräftig die Hand schüttelnd. „Das war der einzige Wunsch der guten Frau Marlitz. Sie hielt es für ein Unglück, ein Mädchen mit einem großen Kapital zu bedenken, darum setzte sie ihren Nichten nur ein geringes aus. Ich darf Ihnen vor Jahresfrist die Absicht der Entschlafenen noch nicht sagen, aber so viel darf ich verrathen, daß die drei Neffen, für die sie sich so sehr interesstrte, ihre Zukunft in ihren eigenen Händen haben. Die Rente Ihrer Töchter ist halbjährig fällig, und werde ich Ihnen die erste Sendung zugehen lassen. Jetzt habe ich nichts mehr zu sagen und empfehle mich den Herren," mit leichter Vernetzung des Hauptes verließ er das Gemach, gefolgt von dem Anwalt Nuthberg. Die sechs Herren blieben allein — drei Vater und drei Söhne. Graf Kurt biß die Zähne aufeinander, so schwer wurde es ihm, seine Gefühle zu beherrschen. Er war empört, daß seine Schwester ihm kein Vermögen ausgesetzt hatte, dann aber auch freute er sich, daß dem Kommerzienrath Zeit gegeben war, seinen Sohn Leo kennen zu lernen, und er zweifelte nicht daran, daß dieser feine beiden Vettern übertreffen werde. Wenn es ihm nur gelingen wollte, die vielen lästigen Gläubiger noch ein Jahr hinzuhalten, so war er aller Noth enthoben. Der Lehrer Berghaupt ließ nur ein Gefühl in seinem Herzen aufkommen — Zufriedenheit und Dankbarkeit. Er hatte sich sein ganzes Leben so kümmerlich hindnrchgeholfcn, daß ihm jetzt die Rente seiner Töchter ein unermeßlicher Reichthum erschien; drei seiner Töchter waren freilich schon heirathsfähig, aber sie waren noch nicht verlobt, und wenn sie später einen Bund für's Leben schließen wollten, so verließen sie doch nicht das Elternhaus mit leeren Händen. Martin Nicding und sein Vater waren weder hoffnungsvoll, wie Graf Kurt, noch dankbar, wie der Lehrer. Sie zürnten über das ungerechte Testament, das sie nicht anerkennen wollten, und äußerten ihren Unmuth unverhohlen. Die beiden Töchter waren längst verlobt, und das Legat konnte die Trauung nur beschleunigen, aber Martin vertröstete sich, daß der Kommerzienrath Ambach zu weit von der Residenz entfernt wohne und unmöglich erfahren könne, wie schlecht und nutzlos er seine Zeit zubringe. „Es scheint mir wie ein Unrecht, jetzt noch undankbar zu sein," wandte sich Herr Berghaupt an seinen Sohn, als sie in die Heimath zurückfuhren, „aber ich hatte doch gehofft, Frau Marlitz hätte Dir ein kleines Vermächtniß hinterlassen." Willy lächelte wehmüthig. „Lass' eS gut sein, Vater, ich werde ganz gut fertig," beruhigte er. „Mir ist die Stelle als Assistenzarzt in B. angeboten, das ist nur zwei Stunden Entfernung von Ebersheim, und immerhin ein guter Anfang für mich." „Du wirst dort sehr viel zu thun haben, mein Junge." „Vielleicht, aber Mutter wird sich freuen, daß ich hier in Eurer Nähe bleibe; ich kann bei gutem Wetter sogar zu Fuß nach Ebersheim gehen." „Gibst Du denn jede Hoffnung auf das Erbe Deiner Tante auf, mein Sohn? Du hast doch dieselben Aussichten dazu wie Deine beiden Vettern." „Ich denke gar nicht daran," versicherte Willy entschlossen. „Die Ungewißheit würde mich nur beunruhigen und mir die Freudigkeit zu meinem Berufe rauben. Ich wünsche, Leo wäre der Erbe; sein Vater kann das Geld gut gebrauchen, und bei Martin würde es nur in schlechte Hände fallen." Helene Berghaupt war bet der unerwarteten Nachricht überglücklich; war doch mit einem Male alle Noth verschwunden und für ihre sieben Töchter reichlich gesorgt. Ihr ältester Sohn Willy war Arzt; Paul, der zweite, war Kaufmann und hatte feine Lehrzeit bereits hinter sich; Albert, der jüngste, zählte erst zehn Jahre, aber die guten Verhältnisse der Schwestern sollten ihm auch zum Vortheil werden. „War Hans nicht in dem Testament bedacht?" fragte sie plötzlich, als sie am Abend mit ihrem Gatten allein war. „HanS? meinst Du etwa den Anwalt Nieding damit?" „Nein, ich meine meinen Bruder Hans. Er war Angela's Lieblingsbruder und lebte zuletzt in New-Aork; ich weiß aber nicht, was aus ihm geworden ist." „Sein Name ist gar nicht erwähnt. Der alte Herr Ambach kann eigenmächtig über das Erbe verfügen, vielleicht hat die Verstorbene ihm nähere Anweisungen gegeben. Hoffe aber nicht zu sehr, daß Willy der Erbe wird, Du sparst Dir damit eine herbe Enttäuschung." „Nach meiner Meinung hätte das Vermögen in drei gleiche Theile getheilt werden müssen," sagte Helene gedankenvoll. „Graf Kurt bedarf das Geld, denn eS geht ihm schlechter denn je." „Er war fast verzweifelt, der arme Mann," gab der Lehrer zu, „er erwartete bestimmt eine bedeutende Summe." Helene schüttelte traurig ihr Haupt. Angela hat uns Allen nicht vergeben, daß wir UNS ihrsr Verbindung mit Marlitz widersetzten; Kurt wirb ebenso wenig bekommen wie wir Schwestern." 340 Die Sonne schien hell und warm. Ihre Strahlen brachen sich tausendfältig in den Thautröpfchen, die an Gräsern, Sträuchern und Bäumen glitzerten; welke Blätter, das Zeichen deS herannahenden Herbstes, bedeckten vielfach den Boden, auch die Bäume boten durch die mannigfache Schattirung des Laubes einen eigenartig schönen, malerischen Anblick. Herbstblumen wie Georginen und Astern, auch hier und dort eine verspätete Rose, die Kelche mit Thau gefüllt, bewegten leise und melancholisch die bunten Häupter in dem leichten, frischen Wind, der sich mit Sonnenaufgang erhoben hatte. Es war ein strahlend schöner Tag, und die frische, fröhliche Mädchenschaar, die sich gruppenweise um die allgemein beliebte Vorsteherin des Familienpensionates, La Nochette, schaarte, um Einige für immer. Andere nur für oie füufwöchentliche Ferienzeit Abschied zu nehmen, konnte wohl zufrieden sein, solch selten herrliches Wetter zu ihrem Reisetage zu haben. Das große, peinlich sauber gehaltene Schulzimmer war jetzt still, öde und leer. Große Landkarten hingen an den Wänden, in der Ecke auf einem Seitentische stand ein riesengroßer Globus, Tische und Bänke waren sorgfältig weiß gescheuert, nur zahlreiche Tintenflecke zeugten von dem Fleiß der Schülerinnen. Weiße, duftige Mullgardinen bewegten sich leise vom Winde, der durch die geöffneten Fenster strich, und hinter denselben verborgen stand-eine junge, bleiche Dame, allein und verlassen in dem großen, öden Schulzimmer. Sie hatte die bleichen, schmalen Lippen fest aufeinandergepreßt, und die mit Thränen gefüllten, tiefblauen Augen blickten träumend in den sonnigen Herbsttag hinein, ohne anf die sie umgebende Schönheit zu achten. (Fortsetzung folgt.) -.^SWWS-°-- Die Nörltgeirsirahlen sichtbar! Die Röntgenstrahlen können unter Umständen für das menschliche Auge sichtbar gemacht werden, dies ist wieder eine Entdeckung an diesem so wunderbaren Phänomen. Sie wurde von dem Privatdozenten Dr. Brandes in Halle gemacht, worüber Folgendes berichtet wird. Dr. Brandes kam durch eine Mittheilung des italienischen Physikers Salvioni über die sehr geringe Durchlässigkeit der Linse des thierischen Auges für Nönt- genstrahlen auf die Vermuthung, daß dieser Umstand vielleicht die Unsichtbarkeit der neuen Strahlen erklären könne. Er ließ daher ein wegen eines Augenleidens beider Linsen beraubtes Mädchen an die gänzlich verdunkelte Strahlenquelle herantreten. Als der Strom durch die Röhre ging (es wurde für den Versuch ein sehr starkes Jn- duktorium benutzt, und die große birnförmige Hittoif'sche Röhre war an der kritischen Stelle bedeckt mit Jod- rubidium, das ganz hervorragende Wirksamkeit bei Erzeugung der Röntgenstrahlen besitzt), meldete das junge Mädchen eine Lichtempfindung im linken Auge. Ursprünglich wurde an die Möglichkeit des Eindringens wirklicher Lichtstrahlen ((Überspringen des Funkens) gedacht, aber auch als diese eventuelle Fehlerquelle ausgeschaltet war, hatte das Mädchen immer noch dieselbe Empfindung. Eine Nachprüfung ergab dann das überraschende Resultat, daß auch die Forscher eine Lichtempfindung im Auge hatten. Dr. Brandes hat dann diese Erscheinung weiter untersucht und festgestellt, daß es wirklich die Röntgenstrahlen sind, welche den Reiz auf die Netzhaut ausüben. Bringt uran den in einen völlig undurchsichtigen Behälter eingeschlossenen Kopf in die Nähe der Strahlenquelle so treten auch bei geschlossenem Auge Lichterscheinungen auf, die an der Peripherie am stärksten sind; sie bleiben in gleicher Weise bestehen, wenn eine große Aluminiumplatte, die also die elektrischen Reizungen völlig ausschließen würde, zwischen Hittorf'scher Röhre und Beobachter eingeschaltet wird. Bringt man dagegen eine dicke Glasscheibe, die bekanntlich die eigenartigen Röntgenstrahlen nur in sehr geringem Maße hindurch läßt, zwischen Strahlenquelle und geschlossenes oder verdecktes Auge, so tritt vollkommene Dunkelheit ein. Ob nun die Röntgenstrahlen die nervösen Elemente des Auges direkt zu reizen im Stande sind, oder ob sie nur irgend welche innere Theile des Auges fluoresziren machen und dadurch indirekt eine Lichtempfindung verursachen, hofft man durch neue Experimente entscheiden zu können. — In.Charlottenburg betreibt Pros. Dr. Buka von der technischen Hochschule Versuche über die unmittelbare Beobachtung innerer Körpertheile mittelst der Röntgenstrahlen. Er verwendet dabei einen Barium- und Platincyanürschirm. An einem zehnjährigen Knaben konnte man, wie in der „Deutsch, med. Wochenschr." mitgetheilt wird, was zunächst das Skelett angeht, die Rippen und deren Bewegung bei der Athmnng, die Wirbelsäule, Schultcrgclenk, Schlüsselbein, Scapula, Oberarm, Ellbogengclenk, die Beckenschausel u. a. m. zur Anschauung bringen. Von inneren Organen konnten in ihren Umrissen das Herz und die Leber erkannt werden, wenn der Rücken des Knaben der Hittors'schen Röhre zugewandt wurde. Günstige Ergebnisse lieferte das Buka'sche Verfahren auch bei der Aufsuchung von Fremdkörpern. - —- Zeitungen. „Ein ZeitungSblatt gewähre nur, Der Wünsche höchstes Ziel." Holtcl's Lenore. . Pfingstmontag fder Artikel kommt etwas verspätet zum Abdrucks ist einer von den wenigen zeitungsleeren Tagen im Jahre, was von dem zeilungshnngerigeu Lcse- publicnm gewiß nicht mit solcher Befriedigung empfunden wird, wie von den vielgeplagten Hervorbringern dieser täglichen Kost. Man ist so verwohnt jetzt, wo die Meisten außer einer größeren Zeitung auch noch einige Localblätter hallen oder doch lesen und so immerfort anf dem Laufenden des Neuen, Neuesten und Allerneuesten bleiben und dabei noch den Kopfzerbruch und die Muthmaßungen über zukünftige Ereignisse mit in den Kauf bekommen. Viele Blätter erscheinen zudem zweimal im Tage; da kommt dann zum Neuen immer noch das Neuere hinzu. Und das alles muß der Zeitungswolf entbehren an diesem schönen, freundlichen Pfingsttage oder den wenigen andern Tagen seines Gleichen. Wie gern hörte er anstatt des Blättcr- gesäusels vom Baume vor seinem Fenster das leise Knistern der Blätter seiner geliebten Zeitung! Stirnrunzelnd geht er an den „Tisch des Hauses", sucht aus dem ZeitungS- packet das Neueste heraus und versucht sich in gewohnter Weise zu amüsiren. Aber es gelingt ihm nicht, es ist alles schon viel zu alt. Es ist eben Pfingstmontag und er uiuß sich noch 24 Stunden gedulden. Aber auch bei Menschen, die weniger heißhungerig auf die Zeitnngs- 341 Lcctüre sind, macht sich — so groß ist die Macht der Gewohnheit — eine gewisse Unzufriedenheit geltend. Es ist nicht immer so gewesen. Vor mir liegt eine alte, ja recht alte Zeitung, deren Titel ist: „Kaiserliche Reichs-Ober-Post-Amts-Zeitung zu Köln. 176. Stück. 1780. Mit Seiner römisch-kaiserlichen Majestät aller- gnädigster Freiheit. Freitag, den 3. November." Die ganze Zeitung besteht aus einem vergilbten Quartblatt, noch nicht so groß wie das Ergänzungsblatt der Köln. Volkszeitung, hat einen schönen, leserlichen Druck und weiß uns, unbeschadet ihres geringen Umfanges, allerhand Interessantes zu erzählen. Den Anfang macht ein Bericht über einen in Ober- Oesterreich im August 1780 stattgefundenen Waldschwund mit Baumsturz. Von Oberösterreich führt uns die K. R.- O.-P.-A.-Z. direct nach Frankreich, was bei dem damaligen Uebergcwicht des französischen Wesens nicht zum Verwundern ist. Es handelt sich aber nicht um Haupt- und Staats-Actionen, deren Zeit — neun Jahre vor dem Ausbruch der Ncvolirtion — noch nicht gekommen war, sondern um die Ankunft einer Kaufsahrteiflotte im Hafen von Marseille. „Es läßt sich von selbst ermessen", sagt der Berichterstatter, „in welche Freude das Handlungswesen durch diese glückliche Ankunft versetzt wurde, um so mehr, da die Schiffe theils zu Constantinopel, Smyrna und Salonichi, theils in Syrien mit morgenländischen Waaren befrachtet worden." Folgen noch von Naelis und Brest Schiffs- und Truppen-Nachrichten; dann über Paris, etwa ein Viertel der Zeitung einnehmend, ein Bericht über Vorgänge aus der Revolutionszeit in Amerika. Von da geht's wieder zurück nach Deutschland, und zwar nach der Weser, von woher die Entsendung kurhannover- scher Truppen nach „Aengland" berichtet wird, und nach Negensburg, in dessen Nähe im Hause eines Taglöhncrs während des Gottesdienstes eingebrochen und einer Las Haus bewachenden Frau der Kopf gespalten und zugleich Feuer angelegt wurde. „Dasselbe hat man zwar gelöschet, den Mörder hat man aber noch nicht entdecken können", was man bei uns, 116 Jahre später, bekanntlich auch nicht immer fertig bringt. Zur Erholung von dieser in elf Zeilen erzählten Schauergeschichte kommt etwas Kurzweiliges, wobei man sich freilich müde lesen muß an all den langen Titulaturen; handelt es sich doch um einen Kurfürsten, dessen Coadjntor, und einen Freiherr« von Hoesch, „Seiner letzt- verstorbenen Kurfürstlichen Durchlaucht ehemaliger Oberst- hoskanzlcr und hernächst Sr. Kaiserlichen Majestät Carl VII. gewesener wirklicher geheimer Rath und Hofkanzler". Der Herr mit dem langen Titel hatte, als besondere Ehrung für Kurfürst und Coadjntor, „ein musikalisches Hochamt unter Lösung verschiedener Böllerschüsse feierlich absingen lassen". „Die Vormittags zur Erwccknng mehrerer Andacht gebrauchten musikalischen Instrumente dienten am Nachmittag den Dorfschaften Strümp, Ossnn undBosig- horen zur Ermunterung einer ehrbaren, bis heute früh geendigten Lustbarkeit, zu welcher des gedachten kaiserlichen Rathes Exzellenz die in dergleichen Fällen für männ- und weibliche Geschlechter nothwendigen Sachen vollkommen besorgt haben." Dann kommt von Karl Theodor von der Pfalz die „gnädigste Bestätigung" eines Urtheils, erlassen gegen einen wegen Betrugs, Fäschung, Unbotmäßigkeit usw. seiner Ehrenämter beraubten und entadelten Adeligen, dessen „Frau und wirklich habenden ehelichen Kinder gleichwohlen davon nicht betiöffen werden. Düsseldorf, bett 25. October 1780". Man würde diese Verfügung als „amtlich" jetzt gc» wiß auf der ersten Seite einrücken, anstatt gerade vor den Inseraten. Es sind nämlich auch solche da, aber verschwindend wenig, im ganzen vier. Zuerst die Ankündigung, daß das Porträt Maximilians, Erzherzogs von Oesterreich, Coadjutors des Erzstiftes Köln, in der Haasischen Buchhandlung für 36 Stüber verkäuflich ist. Die drei folgenden Inserate sind Mittheilungen über kurfürstlich kölnische Lotterie-Augelegenheitcn, und das ist alles. Wie man sieht, sind wir den Leuten der vorigen Jahrhunderts-Neige in betreff der Inserate jedenfalls „über". Das buntscheckige, vielgestaltige Ungethüm Neclame war damals noch nicht erfunden. Besonders stark sind darin die Localblätter, zur Erheiterung harmloser Leser. Vor zwei Jahren stand wochenlang in allen Kölner Blättern die Nachricht: Corona kommt! Corona ist noch nicht eingetroffen! Corona wird nächste Woche kommen! Wer war Corona? Eine Schauspielerin, eine Kunstreiterin, eine Ricsendame? O nein, Corona war ein Corset, welches dem Publicnm angekündigt werden sollte. Inzwischen hatte aber ein Pfifficus inserirt, sein Schnaps „Corona" sei angekommen und von unvergleichlicher Güte. Der empörte eigentliche Corona-Besitzer theilte nunmehr dem Publicnm den Sachverhalt mit und überließ es demselben, über das Verfahren des andern sein Urtheil zu bilden. Das that es auch — es lachte. Den Nutzen von der Geschichte hatten aber die Blätter. Ein glücklicher junger Papa hat die Geburt eines Knaben kurz und bündig mit den Worten: „Ein Jüngcl- chen!" angezeigt. Aus dem einen wurde aber eine Menge „Jüngelchen", denn ein Schalk hatte sich den billigen Spaß gemacht, mehrere Tage hintereinander in verschiedenen Blättern das Jüngelchen, wenn auch ohne Nennung des Vaternamens, zu inscriren. Am ersten Tage stand es auf allen vier Seiten an hervorragender Stelle. Es waren gewiß viele harmlose Leser ebenso heiter darüber wie der junge Vater über die Ankunft des „Jüngelchcns". Den Umschwung der Verhältnisse merkt man in dem erwähnten Zeituugsblatte ganz besonders an dein gänzlichen Fehlen aller parlamentarischen Nachrichten, Land- und Neichstags-Neden usw. Woher hätten .die auch kommen sollen, da der -beschränkte Untcrthancuverstand noch nicht ein Mal erfunden war? Deshalb waren die damaligen Berichterstatter nicht im Stande, den kannegießernden Zeitungs- lescrn die collegialischcn Grobheiten der Reichsbotcn unter sich und die olympischen Reden vom Ministcrtische zum Morgenkaffee oder Abendschoppen vorzulegen. Es mußte auch so gehen. Auch an dem, was man Klatsch nennt, fehlt es in dem alten Blättchcn ganz, was wohl hauptsächlich der Censur zuzuschreiben ist. Es werden weder Persönlichkeiten angegriffen, noch wird dem Urtheil über zukünftige Entwickelungen und Ereignisse vorgegriffen. Wie oft ein solches trügt, zeigt sich jedem, der sich die Mühe geben will, alte Zeitungen durchznlesen. Arthur Milchhöfer erzählt in einem Reisebericht aus Griechenland, da ihn die Zeitungen nicht täglich erreichen konnten, habe er sich dieselben in großen Packeten nachschicken lassen und dann immer wieder eingesehen, daß alles gewöhnlich anders kommt als man dachte — wie wir ja auch bei Kanzlerkrisen, Schul- und Umsturz-Vorlagen usw. erfahren habend Solche Ueberraschnirgen konnte man freilich den frühern ZsitungSlcsern nicht allzu oft bieten, und wir würden es auch verschmerzen, wenn sie seltener kämen. Am Feuilleton scheint es den damaligen Zeitungen ganz gefehlt zu haben. Man kann sich das jetzt kaum vorstellen. Manche Herren behaupten, sie Hütten keine Zeit, daS Feuilleton zu lesen. Das mag ja zutreffen. Die Damen aber studiren es jedenfalls um so eifriger, und gerade deßhalb ist die Auswahl durchaus keine gleichgültige Sache. Das tägliche Lesen einer unsittlichen, wenn auch fesselnd geschriebenen Erzählung wirkt gerade in der Zeitung, wo man es, weil es weniger ist, auch mit größerer Aufmerksamkeit liest als in einem Buche, für junge und unreife Leute wie eine langsame Vergiftung. Und wenn es auch reinen Frauen nicht schadet — warum sollen sie ihre Seelen damit betrüben? Sie können ihre Zeit besser verwenden. Das sittenreine, an- muthig geschriebene Feuilleton dagegen hat ein freundliches Interesse für die ganze Familie, besonders den jüngeren Theil derselben. Es läßt sich ja sonst selten einrichten, daß alle das Gleiche lesen. Bei den Zeitungen geht es aber, und dann ist nachher der Gedankenaustausch über das Gelesene, die Muthmaßung über das, was morgen kommen mag, eben so anregend als den Geschmack bildend. In einigen Familien hat man die löbliche Gepflogenheit, die Zcitnngsgeschichten zu verwahren und später einzuheften, und vieles ist auch werth, auf solche Weise erhalten zu werden. Es kommt eben alles darauf an, daß die Zeitung gut, daß sie in religiöser und sittlicher Beziehung einwandfrei ist. Darauf wird bei Auswahl der Hauszeitungen noch immer zu wenig geachtet. Und doch sollte man bedenken, daß für viele Menschen die Zeitung wie das tägliche Brod ist und es gewiß darauf ankommt, daß dasselbe rein und unverfälscht sei. Man hört so oft das Wort: „Mir schadet das nicht." Das mag sein; aber wer weiß denn, ob es nicht andern, besonders der heranwachsenden Familie, schadet? Man läßt sich immer mehr oder weniger durch die tägliche Zeitungslectüre beeinflussen. Auf den eigenen Doctor und die eigene Zeitung halten wir wie auf etwas, das zu uns selbst gehört. Wer schlechte Zeitungen lesen muß, thue das möglichst auswärts, halte zu Hause aber gute, bewährte Blätter, woran es Gott Lob jetzt nicht mehr fehlt, die aber noch immer nicht genug unterstützt werden. ----*S>--— Der KasenderstreiL und srlue Folgen in Nngsburg. ( 1583 - 1591 .) (Schluß.) , Nachdem der Stadtvogt durch die unter das Gewehr getretene Thorwache einige Alarmschüsse hatte abfeuern lassen, um das in der Nähe postirte Fähnlein herbeizurufen, wollte er über den Vorfall auf dem Nathhause Meldung erstatten, erlitt aber unterwegs, als er mit seinem Hauptmann Peter Gleim von Mellerstadt redete, durch einen aus einem Kaufmannshaus abgegebenen Schuß eine schwere Verwundung am Arm. Auch in der Annastraße wurde trotz des Befehles, nur durch Luft- schüsse die Nebcllen zurückzutreiben, ein einziger Mensch („eine tolle und ganz lüderliche Person, die gegen alle Ermahnung von ihrer Unsinnigkeit nicht ablassen wollte, durch Müller aber zu einem Heiligen erhoben wird") durch eine Kugel tödtltch verletzt. Der Lärm und daS Schießen rief die Bürger in Waffen auf die Sammelplätze, doch gingen sie ohne Ausschreitungen wieder nach Haus, da sie Gewißheit über die glückliche Rettung deS Dr. Mylius, und daß die übrigen 13 Prediger nicht gefährdet seien, erlangt hatten. Bis zum Abend war der Aufruhr gestillt, und während der Nacht kam mit Hülfe seiner Freunde Pastor Müller aus der Stadt. Er begab sich nach Mm, wo er eine gastliche Aufnahme fand?) Nach wenigen Tagen erreichte ihn dort die Trauerbotschaft von dem plötzlich erfolgten Ableben seiner Frau; doch wagte er nicht, deßhalb nach Augsburg zurückzukehren angesichts des ihm zugefertigten Dekrets, worin ihm der Rath eröffnete, „daß er wegen Anstiftung deS Ungehorsams gemeiner Bürgerschaft gegen die Obrigkeit, und weil nicht Willens von diesem Unwesen abzulassen, alsbald aus der Stadt zu weichen, seinen Pfennig anderswo zu verzehren und des Zugangs und PraktizirenS unter und mit den Bürgern sich gänzlich zu enthalten habe. Sein Platz und Stell soll sogleich mit einem an- , deren Prediger der Augsburger Konfession wieder ersetzt i werden." Die überraschend schnelle und unfreiwillig erfolgte j „Beurlaubung" des Superintendenten verfehlte nicht die erwartete Wirkung, daß in dem Ministerium die Beseitigung des verwirrenden Einflusses dieses Mannes als eine Erleichterung empfunden wurde. Es genügte jetzt eine einzige Besprechung der Stadtpfleger mit den Prä- dikanten zur Gewinnung des Bodens einer Verständigung. Gerne bot der Rath die Hand zum Frieden, und indem er dem Predigtamte die gewünschte Erlaubniß ertheilte, noch einmal das Pfingstfest an dem Tage nach dem alten Kalender feiern zu dürfen, erklärte sich dasselbe bereit, fortan in der Kirche der neuen Zeitrechnung sich zu bedienen und die Gemeinde zu ermähnen, „den eingeriffenen Unfrieden und alle Widerwärtigkeit zu vergraben." Dem entsprechend wurde am Sonntag den 17. Juni 1584 stxlo novo und am nächsten Montag von allen Kanzeln verlesen: „dieweil leider große Zerrüttung und Unruhe, ja auch gar gefährliche Verbitterung zwischen gemeiner Bürgerschaft eine Zeit lang gewesen und dieses schädliche Uebel aus Ungleichheit der Feier- und Werktage nach altem und neuem Kalender meistentheils entstanden ist, so hat man sich der Nöm. Kais. Majestät und E. Rathe allhier zu Ehren und Gehorsam also verglichen, daß es in dieser ganzen Stadt mit Feiern und Arbeiten forthin nicht nach dem alten, sondern nach dem neuen Kalender durchaus gleichförmig soll gehalten werden." ^ Der leidige Kalenderstreit war nach hitzigem Kampfe auf beiden Seiten sonach beendet?) Pflichtschuldig berichtete der Rath über den Vorgang am 4. Juni (25. Mai a. St.) nach Wien, worauf eins kaiserliche Commission zur Untersuchung und Schlichtung 2) Nach einem Aufenthalt von 10 Minuten in Ulm berief ibn der Kurfürst von Sachsen nach Wittcnberg als Kanzler der Akademie und Propst der Schloßkirche, auch lelnte er als Professor an der Universität zu Jena und leitete 1592 die Kirchen- vlsitation im ganzen Kurfürstenthum; er starb 1607 in diesem Dienst. 3) Der Gregorianische Kalender fand 1586 in Polen, 1587 in Ungarn Eingang, wurde 1699 von den cvangel. Ständen deS deutschen Reichs als „verbesserter" Kalender angenommen und 1752 in England, 1753 in Schweden eingeführt. Rußland, Griechenland und die Slaven griechischer Konfession rechnen noch nach dem Julianischen Kalender (a. St.). 343 -er Wirren in Augsburg eintraf und sich einer mühevollen Arbeit nicht wegen des beigelegten Kalenderstreites, sondern wegen einer aus demselben erwachsenen, auf kirchlichem Gebiete wichtigen Folge unterziehen mußte. Unter den Gründen, mit welchen dem Rathe die Berechtigung zur Abänderung der kirchlichen Festtage abgesprochen werden wollte, erschien auch die Machtbefugniß des Ministeriums, alle persönlichen und inneren Angelegenheiten der Kirche allein regeln zu können, wogegen jedoch am 1. Februar 1584 Stadtpfleger Nehlingen mit Entschiedenheit protestirte, weil dieser Satz in seiner allgemeinen Fassung mit den uralten Privilegien des städtischen Regiments sich nicht vertrage. Jetzt griff Dr. Mylius in seinen aus Ulm an die evangel. Gemeinde gerichteten Trost- und Sendschreiben leidenschaftlich das Stadtoberhaupt an, welches sich nicht scheue zu behaupten, Kirchendiener zu wählen, zu nominieren, zu bestätigen und zu beurlauben stehe ebensowohl als die Vokativ« bei den Stadtpflegern und den Geheimen, „und doch lebt ihr in einem freien Staat und in keiner Monarchie oder unter einem Diktator." Ungeachtet derartiger aufreizender Schriften, denen gegenüber die Prädikanten sich ruhig verhielten, wollte der Rath weder dem in Aussicht stehenden kommissarischen Gutachten, noch weit weniger einer allerhöchsten Entschließung vorgreifen, und er begnügte sich mit Mahnungen „an jeden Bürger, Inwohner und Verwandten dieser Stadt in gebührender Bescheidenheit eine Resolution abzuwarten, verbotene Zusammenkünfte zu meiden und Geldsammlungen zu Conspirattonen und Meutereien zu unterlassen." Mit einem Auszug aus dem durch die Kaiserlichen Sub- und delegirten Commissarien aufgerichteten und von dem ganzen Rathe angenommenen Vertrag lief bei der Nathskanzlei im Monat Juni 1586 das von Rudolph II. zu Prag am 30. Januar 1586 ergangene Mandat ein. Dasselbe drückt zunächst „das ganz ungnädigste Mißfallen den ausgeschnfftcn und aus- gewichenen Bürgern ob ihres Ungehorsams und Mnth- willens" aus, will aber die gehorsamlich sich unterwerfenden von Strafe liberiren und verhofft sich einer künftigen „Reverenz und schuldiger Achtung." Was sodann den Hauptpunkt, die Nomination u. s. w., betrifft, so spricht sich der kaiserliche Wille unzweideutig dahin aus: „die Nomination, Präsentation und Confirmation der Kirchendiener Augsburger Konfession soll einem E. Rath, als dem Haupt der Stadt, welches auch die ganze Gemeinde repräsentirt, ungeschmälert bleiben, und er habe jederzeit 14 Prädikanten und nicht weniger in Bestallung zu erhalten, daneben aber soll dem Ministerio unverwehrt sein in Erledigung einer Kirchenstelle einen zum Amte tauglich Oualifizirten vorzuschlagen ohne deßhalb einem E. Rathe an dessen habenden Rechten etwas zu derogiren oder zu nehmen." Ohne Säumen ernannte der Rath aus seiner Mitte 3 Kirchenpfleger Augsburgischer Konfession und beauftragte sie, den Kirchendienern das kaiserliche Dekret bekannt zu geben. " Obwohl in der Zwischenzeit Dr. Mylius seinen Wohnsitz in Wittenberg genommen hatte, so lockerte die größere Entfernung keineswegs die Bande, mit welchen er seine vormalige Heimath an sich geknüpft hatte. Genau unterrichtet von allem, was dorten vorging, griff er noch immer mit den Trost- und Sendbriefen in die Ereignisse der, wie er meinte, hart bedrängten Stadt ein und sorgte dafür, daß die Fackel der Zwietracht nicht erlösche. Schmerzlich berührte ihn allerdings die Nachgiebigkeit des Predigamtes in dem Kalenderstreite, jetzt aber wachte er demselben gegenüber seinen ganzen Einfluß geltend, um eine zweite Niederlage abzuwenden. Nicht nur hatte er einst als seine Hauptaufgabe die Machtstärkung deS Ministeriums aufgefaßt, sondern seine Thätigkeit gegen den Wirkungskreis der weltlichen Obrigkeit durfte auch namhafte Erfolge verzeichnen, bis die neuen Stadtpfleger seine Zirkel störten. Ihm war wohl bewußt, daß von dem Siege über den kaiserlichen Willen, von dem er schon Kenntniß aus Wien erlangt hatte, ehe dieser auf dem Nathhause in Augsburg verlautete, die Fortdauer der Gewalt bet der ihm noch anhängenden Bürgerschaft bedingt sei, und daß der Ausgang dieses Kampfes in vielen Gemeinden ähnlicher Lage maßgebend werden könnte. Die durch ihn und seine Freunde bearbeiteten Prädikanten gelobten auf dem Plane auszuharren. Das Geheimniß über diesen Widerstand blieb nicht gewahrt, daher der Rath auf schnelle und kräftige Entschließungen sich vorbereitete. Als nun die 11 Pfarrer und Diakone erklärten, daß ihnen „der Artikel, belangend die Bestellung des Predigamtes, allzuschwer, unerträglich und begehrtcrmaßen ganz unmöglich sei und sie dann dieser Stadt E. Kirchen und der Gemeinde nicht länger dienen könnten", erhielten sie umgehend den Bescheid: „Kaiser!. Majestät habe einem E. Rathe den lauteren Befehl gegeben, die publizirte Resolution strack zu halten und gegen diejenigen, so sich deren widersetzen, mit ernstlicher Straf zu prozediren; wollten sie also auf ihrer Erklärung verharren, so werde man ihnen einen friedlichen Abschied aus dieser Stadt nicht versperren und mit erstem trachten, mit anderen der Augsburger Konfession verwandten tauglichen Personen und winistrig ihre Plätze zu besetzen." Eine so feste Sprache verlangte nur Ja oder Nein, und in einer langen Snpplikation begründete der ganze Konvent am 13. Juli sein ablehnendes Verhalten zu dem Artikel über die Berufung und Anstellung der evangelischen Geistlichen durch die weltliche Obrigkeit. Ju 6 Tagen hatten die Prädikanten ihre Entlassung in der Hand. „Ihres gegen der Kais. Resolutionen, Dekreten, Mandaten und aufgerichteten Vertrag erklärten Ungehorsams halber — hieß es in dem kurzen Beschlusse vom 18. Juli 1566 — sind sie allhier nicht länger zu dulden, haben sich des Predigens und des Küchendienstes nicht ferner zu unterfahen, sondern noch vor Nachts ihren Abzug mit aller Still' und Ruh', ohne Geschrei, Ge- läuf und Bewegung der Gemeinde zu nehmen, auch ihre Weiber und Kinder aufs ehest hienach zu ihnen zu fordern, dargegen will man jedem sein ganz Quatcmbergeld erlegen und bezahlen. Es soll und wird bei diesem Dekret endlich bleiben." In kurzer Zeit vollzog sich die Wiederbesetznug der Stellen. Wie tief den vr. Mylius die erlittene Niederlage schmerzte, zeigt die von ihm zu Wittenberg 1586 im Druck heransgcbene Schrift „Augsburger Händel". Allein diese Selbstvertheidignng verfehlte ihren Zweck. Die maßlosen Uebertreibungen und die lächerlichen Erdichtungen irrten so weit von dem Wege der Wahrheit ab und der Verfasser ließ dem Groll gegen den Rath und besonders gegen den Stadtpfleger Nehlingen so leidenschaftlich die Zügel schießen, daß ein Theil der eigenen Partei von ihm sich abwendete. Außerdem veranlaßte das „Famos- gedicht" den vr. Georg Tradel, im Auftrage der Herren Pfleger und Geheimräthe einen „wahrhaften Gegenbericht" durch die Presse zu veröffentlichen, in welchem mit nicht minder derben Ausfällen das ganze Gebühren des vormaligen Superintendenten in andere Beleuchtung gerückt wurde, die seinem Ansehen in weiten Kreisen schadete. All das bestimmte den Wittenberger Schloßprediger und Universitäts-Prosessor nicht, die spitzige Feder niederzulegen. Er fuhr mit den Send- und Trostbriefen fort. deren einer mit dem Schlußwort „Nöm. 16, 20: Der Gott des Friedens zertrete den Satan unter euren Füßen in Kurzem, Amen" die Tendenz aller kennzeichnet. Namentlich vergißt sich ein Schreiben „an die Bürgerschaft über ihren betrübten Zustand, daß ihnen ihre liebe Seelsorger und Prediger abgeschafft und alle zumal auf einen Tag zur Stadt ausgetrieben werden" — soweit, daß er die Schließung der Kirche als das kleinere Uebel an- rathet. „Wenn ihr — fordert vr. Mylius die Gemeinde auf — der treulosen Miethlinge von der Kanzel und aus der Kirche nicht los werden könnet, so enthaltet euch der Predigten und würdiget sie nicht ein Wort von ihnen anzuhören, die auch allbereit mehr gestohlen als sie euch je bringen können, gebrauchet nicht ihre Sakramente, weil sie nicht im göttlichen Berufe stehen, erholet nicht ihres Trostes bet Kranken und Sterbenden, taufet selbst eure Kinder und suchet in euren Häusern mit Gesind und Kindern eure Postillen und reinen Bücher auf, um in dieser Gemeinschaft das Gebet und die schönen Psalmgesänge erschallen zu lassen." Die neuen Prediger traten mit diesem „lästerlichen und einem evangelischen Lehrer ungebührlichen" Brief vor die Gemeinde, nicht „wegen der Schmähung unseres guten Leumunds, Geruchs und Ehren", sondern wegen unserer Berufung durch einen E. Rath, und „wir können nicht verhalten, daß Dr. Müller und seine gewesenen Mit- brüder allhier diesen Artikel nicht recht verstanden und damit sich sammt euch des Berufs halber böslich und schädlich verführt, auch bei diesem Punkt weit und breit geirrt haben." Dieses Bekenntniß füllte allmälig die Kluft zwischen der evangelischen Bürgerschaft und der weltlichen Obrigkeit aus, und daß bis zum endgültigen Friedensschlüsse noch 4 Jahre verstreichen wußten, verschuldete nur der damalige schleppende Geschäftsverkehr mit der kaiserlichen Kanzlei. Dadurch erlebte auch nicht die Krönung seines Werkes der Mann, durch dessen Staatsklugheit dem Rathe die ihm rechtlich zustehende politische Stellung dem evangelischen Ministerium gegenüber unbeschadet des allgemeinen Ncligionsfriedens erhalten blieb. Der Stadipfleger Anton Christoph von Rehlingen starb nach 14jähriger sturmvoller Regierung 1589. Die kaiserliche Confirmirung „der Artikel, wie es hinfüro in Berufung der Kirchendiener Augsburgischer Konfession gehalten werden soll", erfolgte 1591. Dieser wichtige Vergleich bestimmte: „daß einem E. Rath als der Obrigkeit allhier zu Augsburg alle und jede ffnris- äiotio über die evangelischen Kirchen, derselben Diener und Zuhörer, sonderlich aber das jus evangel. Kirchendiener zu vociren, zu conformiren und zu bestätigen den Herrn Stadipflegern und Geheimen von eines Ehrbaren Raths wegen zugehören und bleiben soll." Mit der Rückkehr des Friedens in die Mauern der Stadt hielt leider die Wiederbelebung des frenndnachbar- ltchen Verhältnisses zu der Reichsstadt Ulm nicht gleichen Schritt. Seit alten Zeiten standen die beiden Städte in guten und bösen Tagen hülfreich sich zur Seite, und auch bei den jüngsten Wirren erzielten die ulmischen Delektiert mit den Gesandten mehrerer Fürsten und Stände wiederholt eine Verständigung zwischen der Obrigkeit und der Bürgerschaft. In einem der aufgerichteten Verträge hatten die Verbündeten auch dahin sich geeinigt, daß sie nicht dulden werden, Zerwürfnisse in der Heimath von außen her zu nähren. Gestützt auf diese Beredung verlangte nun Augsburg die Ausschaffung des Dr. MyliuS und der später ausgewiesenen Prediger aus der Stadt und dem Gebiete Ulms wegen ihrer fortwährenden Friedensstörungen. Allein der Senat an der Donau lehnte den Antrag, als nicht in dem Nahmen der getroffenen Uebereinkunft liegend, ab und verweigerte die Ausweisung der in seinem Lande gastlich aufgenommenen Personen. Sofort verließen die aus dem Städtetag in Ulm weilenden Abgesandten Augsburgs den Konvent, und von dieser Zeit an ließ sich die Reichsstadt ungeachtet der jedesmal an sie ergangenen Einladung nimmer bei dem süddeutschen Fürsten- und Städtebunde vertreten. In dieser isolirten Lage verharrte Augsburg noch bei dem Abschlüsse der protestantischen Union am 4. Mai 1608 und bei der am 10. Juli 1609 gegründeten katholischen Liga, ohne daß die einst mächtigste Reichsstadt dadurch dem bald darauf entfesselten Kriegssturme zu entrinnen vermochte. --ss-v-es-.-- ALLeZriei» Ein Bewunderer des PapstesLeo war auch der am 1. Mai ermordete Schah von Perflen. Er hätte auf seiner letzten Reise durch Europa auch gern dem Vatikan einen Besuch abgestattet, unterließ es aber schließlich mit Rücksicht aus den König von Italien. Obwohl strenggläubiger Muhammedaner, rief der Schah in sein Reich, das 400,000 Christen zählt, Mönche vom Orden des hl. Vincenz von Paul. -- Kiimnelsschcm im Monat Juni. —X. Merkur 8 kann gegen Ende des Monates Morgens in der Dämmerung sich zeigen. Venus tz verliert sich immer mehr in der Morgen- Dämmerung. Mars A noch ziemlich lichtschwach geht erst etwa eine Stunde nach Mitternacht auf. Jupiter A geht immer früher auf, anfangs gegen 11U. 45 M., zuletzt nach 10 U. abds. und steht in NW. Saturn H rückgängig in der Wage ist sehr hell, erreicht zwischen -10 U. und 8 U. abds. seine größte Höhe und geht 1 U. 30 M. in WSW. unter. In der Nähe des Mondes befinden sich am 5. Mars, am 10. Venus, am 11. Merkur, am 21. Saturn. Vom Monde werden bedeckt Jupiter am 14. abds. 10 U. 46 M., Negulus am 16. und Antares am 23. vorm. 11 U. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 44: Weiß. Schwarz. 1. D. V3-V1 L. L3-66 (L, L) 2. D. V1-H5 L. 66-W 3. D. L5-L6 Matt. i.: t. L. W-b"? (66) 2. D. vl-b'S beliebig. 3. D. Matt. L. L. . . . . . 65-64 oder 63-62 2. D. v1-§1(odF3-s) L. 3. D. Matt. « 46 . 1896 . „Augsburger PostMung". Dinstag, den 2. Juni Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Berlag des Literarischen Instituts von Haas Sc Grabherr in Augsburg lVorbesitzer Dr. Mar Huttler). Kchicksalsrvege. Erzählung von Clarisse Borges. (Fortsetzung.) Mademoiselle leitete seit ungefähr zwanzig Jahren das Pensionat „Jugendheim". Es war ihr Stolz und ihre Freude, die ihrer Obhut anvertrauten Zöglinge streng religiös zu erziehen und sie zu nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft heranzubilden. Es waren nicht nie Reichsten und Vornehmsten, die in Jugendheim Aufnahme fanden, nein, der gut situtrte Mittelstand, Töchter der Kaufleute und Beamten, die sich zur Lehrerin, Gesellschafterin, oder sonst einem Berufe ausbildeten, waren hier größtentheils vertreten. Gegen alle ihre Schülerinnen war sie streng gerecht und es war zu verwundern, daß Martha Adair trotz aller Bemühungen die Liebe und Zuneigung der Vorsteherin nicht erringen konnte. Sie war nicht hart oder ungerecht gegen die arme Kleine, die schon als fünfjähriges Kind ihrer Pflege anvertraut wurde, nein, sie sorgte gewissenhaft für das körperliche und geistige Wohl des Kindes, gab ihr jeden Preis, den sich die Kleine durch Fleiß und Ausdauer bei ihren Studien erwarb, und doch entbehrte die kleine Martha Eines — Liebe — und ohne dieselbe drohte die herrliche Menschenblüthe fast im Keime zu ersticken. Sie war der Liebling sämmtlicher Lehrer, die Schul- freundinnen hingen an ihr mit mehr denn schwesterlicher Liebe, und als sie älter wurde, verehrten sie sie fast mit einer Zuneignng, die an Schwärmerei grenzte. Darum war es fast unbegreiflich, daß Mademoiselle La Röchelte sie nicht in ihr Herz schließen konnte. Leider war die strenge Dame aber schon vorher, ehe das Kind vor vierzehn Jahren zu ihr gebracht wurde, gegen dasselbe eingenommen, und dieses Vorurtheil hatte sie nicht besiegt, selbst jetzt nicht, als Martha mit neunzehn Jahren das Lehrerinnenexamen mit Auszeichnung bestanden hatte. Jetzt hatten die Schulfreundinnen von der Einsamen Abschied genommen, und die meisten von ihnen hatten sich nur mit schwerem Herzen von ihr getrennt, denn sie setzten mit Bestimmtheit voraus, bei ihrer Rückkehr die Freundin nicht mehr im Pensionat anzutreffen. „Niemand bleibt nach dem Examen hier," hatte Mathilde Grün, sie umarmend, gesagt, „und Du hast so viel gelernt, gewiß läßt Dich Deine Mutter jeßt wieder zu sich kommen." „Oder sie geht erst nach Paris oder London," warf eine muntere Brünette ein, „dann wird sie später eine große Dame werden; jedenfalls hat sie bei unserer Rückkehr das Nest verlassen." Die arme Martha! sie hatte nur traurig das Haupt geschüttelt und über das liebliche Gesichtchen rannen Thränen, die sie nicht zurückhalten konnte. Jetzt stand sie träumend allein am geöffneten Fenster, ihre Blicke schweiften in die unendliche Ferne und ihre Gedanken wanderten weit, wett zurück zu den lieblichen Bildern ihrer frühesten Kindheit. Ach, ihre Erinnerungen waren nur sehr schwach, und von Mademoiselle La Nochette hatte sie späterhin auch nur wenig erfahren. Die Hände gefaltet, ließ sie ihre großen, seelen- vollen Auge» über den weiten Himmelsdom schweifen; sie verfolgte mechanisch die einzelnen kleinen weißen Wölkchen, wie sie langsam weiter zogen auf ihrer vorgeschriebenen Bahn sie alle gehorchten einer einzig leitenden Hand. Warum stürmte es denn sv ungestüm in ihrem Herzen, warum wollte sie eigenmächtig ihrem Schicksalsrad eine andere Richtung erzwingen? War sie hier nicht geschützt vor allen rauhen Stürmen, behütet und — — geliebt, wollte sie in ihren Gedanken hinzufügen, doch mißmuthig schüttelte sie das Haupt und ein wehmüthiger Zug grub sich in das feingeschnittene Antlitz, als sie der Stunde gedachte, da man so freventlich mit dem Glück ihrer Kindheit gespielt hatte. Sie erinnerte sich ihres Vaters kaum; sie mußte noch sehr jung gewesen sein, als ihn der Tod ihr entrissen. Dann dachte sie ihrer Mutter; es waren Tage der Armuth, der Noth und des Elends gekommen. Die gute Mutter hatte viel geweint und dann mit ihr das große, prunkvolle Haus verlassen, um ein niederes Dach- kämmerlein zu beziehen. Martha erinnerte sich der sanften, lieben Züge der Mutter; sie wußte, daß sie Schauspielerin geworden war, um sich und ihr Kind vor Noth und Entbehrung zu schützen. — Doch plötzlich nahm eine andere Erinnerung Gestalt in ihrem Herzen an. — Ein großer, breitschultriger Mann mit schwarzem Vollbart und stechenden, blitzenden Augen, Monsieur La Nochette. Er war täglich zu der weinenden Mutter gekommen, hatte eindringlich auf sie eingesprochen, dabei das Kind feindselig angeblickt, so daß dieses sich scheu in einen Winkel verbarg. Dann war er auch einmal gekommen und brachte eine Puppe, Zuckersachen und ein schönes neues Kleid, diese Schätze wollte er > Martha schenken, wenn sie mit ihm komme. — Die 346 Mutter hatte viel, viel geweint, hatte ihr Kind geherzt und geküßt, es ermähnt, stets gut und brav zu sein, damit sie später in den Himmel komme zu dem lieben Papa, dem sie auch dorthin folgen wolle. Dann hatte sie der kleinen Martha das Sonntagskletdchen angezogen und gesagt, sie solle getrost mit dem Manne gehen, ihm gehorchen und alles thun, was er von ihr verlange. Martha folgte gehorsam. Er führte die Kleine auf ein großes Schiff, und lange Zeit sah sie nichts als Himmel und Wasser. Dann hatte Monsieur La Röchelte ihr gesagt, sie würde die Mutter nie wiedersehen und er brachte das Kind seiner Schwester. So wett gingen Martha's Erinnerungen. Mademoiselle hatte dann später gesagt, daß ihr Bruder die Mutter geheirathet habe, daß sie sehr fleißig sein müsse, damit das Geld für die Pension nicht unnütz gezahlt würde. Er sei ein sehr reicher Kaufmann und habe nur die eine Bedingung gestellt, daß das Kind entfernt bleibe. — Weiter wußte Martha nichts; sie wußte nicht einmal, in welcher Stadt ihre Mutter lebte, oder ob sie in den vierzehn Jahren der Trennung Geschwister bekommen hatte. Wie drückend mußte die Noth der Mutter gewesen sein, daß sie sich entschließen konnte, ihr einziges Kind aufzugeben, und sie haßte den Mann, der dieses Opfer verlangt hattet Gern hätte sie Armuth und Entbehrung getheilt, nur nicht die Liebe verloren. Es war jetzt ihr größter Wunsch, Geld zu verdienen, um dem Manne jeden Heller zurückzuzahlen, den er für sie gegeben hatte. Jetzt verstand sie auch Mademoiselles Abneigung gegen sie. Die streng religiöse Dame liebte ihren Bruder von ganzem Herzen, es war ihr Wunsch, ihm nach New- Jork zu folgen, um dort seinen Hausstand zu leiten. Nach ihrer Meinung führten alle Schauspieler ein leichtsinniges, lasterhaftes Leben, das direkt zur Hölle führen mußte. Daß nun ihr Bruder heirathete und somit ihren Plan vereitelte war schlimm, daß er aber eine Schauspielerin erkor, war viel schlimmer. Mit sehr gemischten Gefühlen empfing sie regelmäßig jedes Quartal den Wechsel. Es war ja schön, daß sie das Pensionsgeld so regelmäßig bekam, daß der Bruder es aber für ein Kind zahlte, das keine Rechte an ihm hatte, kränkte sie. Gewissenhaft verwandte sie auch jede von ihm bestimmte Summe für Martha's Garderobe, und obgleich sie die einfachsten, schlichtesten Farben wählte, ließen die Stoffe an Feinheit und Güte nichts zu wünschen übrig. Die Ferien hatten begonnen. Mademoiselle wollte in ein Seebad; Martha Adair sollte wie gewöhnlich mit der Hausverwalterin allein bleiben. Doch ehe die Vorsteherin ihr Jugendheim verließ, wollte das verlassene Mädchen sich eine Unterredung erbitten. Die Frage war nur — wann war der geeignete Augenblick dazu? Sie fühlte sich so einsam, schütz- und freundlos in der Welt, und jetzt, da sie das Examen so glänzend bestanden hatte, sehnte sie sich hinaus in die Welt, denn sie schauderte bei dem Gedanken, als junge Lehrerin in diesem Hause wirken zu müssen. Gleichsam als hätte Mademoiselle ihre Gedanken errathen, öffnete sich in diesem Augenblick die Thür und die Gefürchtete trat ein. „Warum übst Du nicht Klavier?" fragte sie streng und vorwurfsvoll. „Es sind ja Ferien," lautete die gereizte Antwort. Doch im bescheidenen Tone fuhr das junge Mävchcn fort: „Wenn Sie Zeit für mich haben, Mademoiselle, so möchte ich um einige Augenblicke bitten, ich habe Ihnen so Vieles zu sagen." Verwundert setzte sich die Vorsteherin nieder; sie ahnte nicht die Gefühle ihres Zöglings. „Wenn Du bedauerst, daß ich die Einladung Mathilde Grün's für Dich ausgeschlagen habe," sagte sie scharf, „so ist jedes Wort nutzlos. So lange Du unter meiner Obhut weilst, bin ich fest entschlossen, Dir keine Ausflüge in den Ferien zu gestatten." „Das meine ich nicht," entgegnete Martha höflich, „ich möchte nur wissen, wie lange ich noch hier bleiben soll?" — Die alte Dame blickte erstaunt auf. „Willst Du gern fort, bist Du hier nicht zufrieden?" fragte sie herbe. „Ich bin neunzehn Jahre alt, habe das Examen gemacht, und kein junges Mädchen bleibt nach demselben hier," versetzte sie ausweichend. „Das ist ein Unterschied. Jede Andere hat eine Heimath, wohin sie gehen kann," kam es streng von Mademoiselles Lippen. „Und ich?I" Martha's Wangen wurden aschfahl, „habe ich denn keine Heimath? Soll ich denn niemals meine Mutter wiedersehen?" „Kannst Du Dich denn etwa Deiner Mutter erinnern? Du warst kaum fünf Jahr, als Du von ihr fortkamst; es ist nur Einbildung zu sagen, daß Du Dich nach ihr sehnst." „Ich liebe sie von ganzem Herzen," rief Martha leidenschaftlich. „Ich bin jetzt alt genug, um zu verstehen, warum sie mich fortsandte und warum ich in der ganzen Zeit keine Zeile von ihr erhalten habe." „Sie heirathete meinen Bruder unter der Bedindung, Dich aufzugeben. Er ist ein reicher Mann, aber er sagte Deiner Mutter vor der Hochzeit, Du solltest sein Heim nie theilen." „Niel? soll ich denn nie meine Mutter wiedersehen? Das ist grausam, schändlich — er muß ein schlechter Mensch sein!" „Er ist sehr wohlthätig. Bedenke, er hat in den vierzehn Jahren Tausende für Dich bezahlt." Martha's Augen glühten vor Entrüstung. „Ich will alles zurückbezahlen," rief sie heftig, „selbst wenn ich die besten Jahre meines Lebens opfern sollte. Jeden Heller soll er von mir zurück erhalten." „Wie soll das geschehen? Willst Du das große Loos gewinnen oder eine Goldmine entdecken?" fragte Mademoiselle spöttisch. „Ich will arbeiten. Ich bin stark und gesund, habe eine gute Erziehung genossen, und wenn ich auch für den Anfang nicht viel verdiene, so hoffe ich mit der Zeit, wenn ich älter bin, auf Besserung." Das Antlitz der Dame erhellte sich sichtlich. „Das ist ein guter Gedanke von Dir, Martha," sagte sie viel freundlicher. „Es ist zwar lächerlich, an eine Rückzahlung zu denken, das erwartet wein Bruder auch nicht, und der Gedanke an eine Schuldenlast würde Dir in Deinem neuen Berufe nur erdrückend sein. Wenn Du aber ernstlich vorhast, Dir Deinen Lebensunterhalt zu erwerben, so will ich Dir gern behülflich sein." „Am liebsten finge ich gleich morgen an," gab Martha eifrig zu. „Es hat keine Eile. Aber mein Bruder ist nicht 347 mehr jung. Wenn aber ein Mann mit 64 Jahren für neun Kinder zu sorgen hat, so muß er auch an die Zukunft denken und unnütze Ausgaben so viel wie möglich vermeiden." „Neun Kinder!? ist es denn möglich, daß ich neun Geschwister habe?" rief Martha überrascht. „Du brauchst Dich gar nicht darüber zu freuen, Martha, denn Du wirst sie doch niemals sehen. Ja, Du hast neun Stiefgeschwister, der älteste Knabe ist zwölf Jahre alt. Mein Bruder ist wohl ein reicher Mann, aber er muß angestrengt arbeiten, um die Zukunft seiner Kinder zu sichern. Wenn er plötzlich stirbt, so kann seine Familie doch in Noth gerathen." „Wenn Sie mir helfen, will ich gerne arbeiten, Mademoiselle; dann kann das Pensionsgeld für mich gespart werden. Am liebsten ging ich auf's Land und unterrichtete dort Kinder." „Nun, das trifft sich gut, und ich kann Dir helfen. Erinnerst Du Dich der kleinen, blassen Berghaupt?" „Gewiß." Martha erinnerte sich genau, ein schmales, blasses Mädchen von kaum sechzehn Jahren vor einigen Monaten im Hause gesehen zu haben. Sie sollte den jüngeren Kindern Handarbeitsunterricht ertheilen, aber ihre Fähigkeiten waren allzu gering, so daß Mademoiselle La Rochette sie schon nach wenigen Tagen entlassen mußte. „Nun, Herr Berghaupt ist ein entfernter Verwandter von mir. Es that mir leid, daß ich seine Tochter nicht behalten konnte, aber sie leistete nichts. Jetzt schreibt er mir, daß seine Töchter geerbt haben. Jenny und ihre jüngere Schwester kommen nach den Ferien in meine Pension; für seine drei jüngeren Mädchen wünschte er eine Erzieherin. Ebersheim ist ein kleines reizendes Dorf, mit der Bahn fährst Du in drei Stunden hin, und ich glaube, es wird Dir dort gefallen." „Würden sie mich als Erzieherin nehmen?" „Sie nehmen jede Dame, die ich ihnen sende, und baten um ein heiteres, junges Mädchen. Der älteste Sohn ist Arzt, der zweite ist aus dem Hause, er wird Kaufmann, und der Vater unterrichtet jetzt noch den Jüngsten. Deine älteste Schülerin wird vierzehn, die jüngste acht Jahre sein. Ich zweifle nicht daran, daß Du gut mit ihnen fertig wirst; denn die Kinder sind wohl erzogen, nur in ihren Kenntnissen zurück." Mademoiselle La Rochette freute sich, Martha zur Annahme dieser Stellung so bereit zu finden, denn am nächsten Tage bekam sie von ihrem Bruder eine ganz unerwartete Nachricht. — Seine Gattin war bei der Geburt des zehnten Kindes gestorben, und er freute sich, daß seine Stieftochter jetzt selbständig sei, da er nicht länger für sie sorgen könne und wolle. „Ich habe jetzt zehn Kinder," schrieb er, „und ich ziehe meine Hand von Martha ab. Meine liebe Gattin sprach von ihr noch bis zum letzten Augenblick, und ich mußte ihr versprechen, einen Brief und einige Schriftstücke des Vaters ihrer erstgeborenen Tochter zukommen zu lassen. Martha sollte diese Papiere aber nicht vor ihrem vollendeten 21. Lebensjahre erhalten, oder an ihrem Hochzeitstage, falls sie sich vorher verheirathet. Sie weiß wenig oder nichts von ihrem Vater, und die Mutter wünschte, ihr von ihm zu sagen. Ich übergebe Dir diese Schriftstücke mit der Bitte, den Wunsch meiner Gattin zu erfüllen. Sage Martha, daß sie selbst ihr Brod verdienen muß, da ich aufhöre, ferner für sie zu sorgen." „Das ist überflüssig," grübelte Mademoiselle, „ich will noch heute an Berghaupt's schreiben, und es genügt Martha zu wissen, daß ihre Mutter todt ist. Das arme Kind! erst seit gestern fange ich an, sie zu lieben. IV. Sechs Monate waren bereits seit dem Tode der reichen Frau Marlitz verflossen und die Verwandten hatten noch nichts von dem Kommerzienrath Ambach oder von der geheimntßvollen Testamentsvollstreckung gehört. Der alte Herr hatte oft Gelegenheit, Leo von Wildenthal in seinem neuen Berufe als Inspektor zu sehen und zu beobachten, denn das große Rittergut in der Nähe von Ebersheim gehörte seinem Freunde, den er jetzt häufiger besuchte, denn je. Hier traf er auch häufig den jungen Azrt Berghaupt, aber wehmüthig schüttelte der alte Herr sein Haupt, wenn er die hagere, schlanke Gestalt mit den tiefliegenden, hohlen Augen betrachtete, auf dessen bleichen Wangen verrätherisch rothe Flecken brannten, die nur mit dem Namen „Kirchhofsrosen" bezeichnet werden konnten. Waren denn seine Umgebung, seine Eltern und Freunde ganz blind, daß sie diesem hinfälligen jungen Mann diese angestrengte Thätigkeit gestatteten? Den jungen Rieding hätte der alte Herr gern soviel als möglich vermieden, doch erhielt er häufig seine Besuche, die leider nie einen ungünstigen Eindruck verfehlten. Plötzlich wurde Leo ganz unerwartet zu seinen Eltern zurückgerufen. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel war die Katastrophe über den Grafen hereingebrochen, die Geduld der Gläubiger war erschöpft und das alte Stammschloß, die Güter und alle bewegliche und unbewegliche Habe kam unter den Hammer des Auktionators. Der Graf war verzweifelt, doch Leo suchte ihn nach Kräften zu trösten. „Bedenke," sagte er in seiner einfachen, überzeugenden Weise, „Du hast seither den Kampf mit dem Leben kaum ertragen können, und so lange ich denken kann, hat Dich die Schuldenlast fast erdrückt. Ich bin jung und stark, verdiene genug, um für Vater und Mutter zu sorgen, also lass' den Gedanken an Erhaltung des Schlosses fahren und verlasse ein Heim, das Dir nur eine drückende Last gewesen ist." „Wir haben noch ein kleines Kapital, das meine Frau kürzlich geerbt hat," wandte der Graf getröstet ein, „dann miethen wir uns ein kleines Haus, und ich werde mich so reich und glücklich fühlen, wie noch nie in meinem Leben." Die Gräfin Margot wollte sich nicht trösten lassen. „Für uns ist es zwar besser," schluchzte sie unter Thränen, „aber wir haben Deine Zukunft vernichtet, Leo, doch vielleicht erbst Du das Vermögen Deiner Tante und kannst später das Gut zurückerstehen." „Rechne nicht darauf," erwiderte Leo kopfschüttelnd. „Nach meiner Meinung wird Willy Berghaupt der Erbe. Er ist ein guter Mensch, ich lernte ihn jetzt erst kennen, und dabei schwach, elend und das älteste von zehn Geschwistern." Doch die Gräfin wollte ihrem Liebling die Hoffnung nicht rauben. „Du wirst der Erbe," behauptete sie kühn. „erlangst dann das alte Schloß wieder — oder Du mußt eine reiche Erbin heirathen." „Ich heirathe niemals, Mutter!" „Leo!" „Es ist mein fester Entschlnß," beharrte er, „ich bin zu stolz, um eine Gattin zu wählen, die reicher ist, 318 wie ich es bin, und obgleich meine Stellung und mein Gehalt für mich als Junggesellen genügend ist, so würde es doch für einen eigenen Hausstand nicht hinreichend sein." Lo wurde dann die verschuldete Besitzung veräußert; der Graf zog mit seiner Gattin in ein bescheidenes Häuschen zurück, und Leo nahm seine Thätigkeit als Inspektor wieder auf. „Es muß ein schwerer Entschluß für Dich gewesen sein, Leo," bemerkte Willy Berghaupt bei der Rückkehr des Vetters, „aber nach einigen Monaten bist Du Dein eigener Herr und kaufst die Güter und das Schloß zurück." „Lass' uns einen Pact machen, Willy," bat der Angeredete, „wir wollen nicht wehr von Frau Marlitz' Erbe sprechen. Ich habe ein Gefühl, als käme noch Unheil daraus; in wenigen Monaten ist das Ende entschieden, und bis dahin will ich mich nicht falschen Hoffnungen hingeben." Eine brennende Nöthe färbte die Wangen des jungen Arztes. „Ich frage für mich wenig nach Geld und Reichthum," gestand er leise, „aber ich möchte gern einen ganz kleinen Theil haben, genug, um eine bequeme Häuslichkeit einzurichten." „Ich ahne den Grund," scherzte Leo, „Du bist heimlich verlobt und willst Deiner Zukünftigen ein trauliches Heim bieten." Willy nickte. „Mein Vater heirathete mit einem sehr geringen Einkommen," sagte er, „und ich habe von Kindheit an zu viel von häuslicher Sorge erfahren, um einst meiner Gattin ein solches Loos bereiten zu wollen. Es wird Jahre dauern, bis ich genügende Praxis habe, um an die Gründung eines eigenen Hausstandes denken zu können, daher sind meine Aussichten ziemlich hoffnungslos." »Bist Du denn schon verlobt?" fragte Leo gespannt, denn er fühlte ein lebhaftes Interesse für die romantische Liebe des Jünglings. „O nein! ich denke nicht daran, sie an mich zu fesseln, ehe ich ihr eine sorgenfreie Existenz bieten kann." „Lebt sie hier in der Nähe?" „In Ebersheim, im Hause meiner Eltern. Sie ist die Erzieherin meiner jüngeren Schwester, Du kannst sie selbst heute Abend sehen, wenn Du die Einladung zum Abendessen annimmst, die ich Dir im Namen meiner Mutter bringen soll." Leo nahm gern die Einladung an. Obgleich ganz in der Nähe wohnend, hatte er die Familie Berghaupt noch nicht kennen gelernt, aber sein Interesse für Willy's Geliebte erkaltete plötzlich. Eine Gouvernante! Hm, sie fühlte sich vielleicht nicht glücklich und zufrieden in ihrem Berufe, und der junge Arzt war so herzensgut, vielleicht war es nur Mitleid, nicht Liebe, die sich in seinem Herzen regte, und er verstand seine eigenen Gefühle noch nicht. „Bah," grübelte er weiter, als er allein war, „wie thöricht sind doch oft die Männer. Vielleicht ist die Dame alt und häßlich und hat es verstanden, den guten Willy in ihr Netz zu fangen. Wie schade, er ist ahnungslos in diese Falle gegangen. Leo hatte den ersten Besuch in der Lehrerfamilie wohl ein wenig gefürchtet, zu seiner Erleichterung aber waren die drei Kleinen nicht anwesend. Sie aßen ihr Abendbrod im Schulzimmer und mußten dann zuBette gehen. Frau Berghaupt und der Lehrer empfingen ihren Gast auf's Herzlichste; die Mutter stellte ihre drei Töchter vor; die beiden ältesten, mit eckigen, scharf markirten Zügen konnten nicht einmal den Anspruch auf „hübsch" machen, die vierzehnjährige Lilli war ein hochaufgewachsenes, blasses Mädchen, dabei so scheu und furchtsam, daß sie auf die freundliche Anrede des Gastes kaum ein Wort erwidern konnte. (Fortsetzung folgt.) -—i I — - Der Bauernfänger. Eine Berliner Geschichte. Der Polizei-Präsident von Berlin trat gegen 10 Uhr Morgens in sein Bureau. Es war an einem kalten Dezcmbertage, aber in dem Bureau herrschte eine angenehme Temperatur, der man es sofort anmerkte, daß hier auf Kosten des Staates geheizt wurde. Der Polizei- Präsident gab seinen Pelz einem ihn begleitenden uniformsten Beamten, steckte sein Monocle wieder ins Auge und warf einen Blick auf seinen Schreibtisch, auf welchem die Briefe lagen, welche die erste Post gebracht hatte und die nun erledigt sein wollten. Es waren viele solcher Briefe eingetroffen, was dem Beschauer nicht angenehm zu sein schien. Der Polizei-Präsident war ein Lebemann trotz seiner Jahre, die das erste Grau in seinem wohlgepstegten Bart oberflächlich andeutete. Er war groß und etwas corpulent, als Freund einer gängereichen Tafel hatte er seine einst so schlanke Taille gänzlich mitverzehrt, und er machte daher den Eindruck einer gewissen Abrundung, der man es ansah, daß er mehr Lu- cull als Don Juan war. Trotzdem war er ein vortrefflicher Beamter, ja, das Modell eines guten Beamten. Er war pflichttreu, fleißig, gewissenhaft und hatte aus der Militärzeit einen schneidigen Ton in sein Amt mitgebracht, welcher dem Ohre des Civilisten mit Recht so unmelodisch klingt, aber in dem Untergebenen keinen Widerspruch aufkommen läßt. Er sprach nicht viel, aber das Wenige kurz und bestimmt, wie es sich von einem Manne erwarten läßt, der an der Spitze eines so wichtigen Verwaltungszweiges steht. Der Selbstherrscher aller Schutzmänner von Berlin muß ein bischen Czar sein. Er rieb die Hände, zündete eine Cigarre an, seufzte und setzte sich an den Schreibtisch vor die angelangten Briefschaften. Zuerst öffnete er die Schreiben, welche er mit kundigem Blicke als die von Behörden erkannte. Eines der ersten, in einem mit thalergroßem Siegel verschlossenen Umschlag, veranlaßte ihn, die elektrische Klingel in Bewegung zu setzen. Der Beamte, den wir schon gesehen haben und der das Amt eines Polizei-Kammerdieners bekleidete, trat geräuschlos ein. „Stuppke," sagte der Polizei-Präsident zu ihm, während er den eben gelesenen Brief noch in der Hand hielt, „da wird vom Magistrat in Schwiesen der Bürgermeister bei uns angemeldet. Soll hier Bauernfang stu- diren, weil in letzter Zeit etliche Bauernfänger in Schwiesen aufgetaucht. Wenn der Mann kommt, gleich reinführen, er heißt — der Polizei-Präsident blickte in den Brief — Krämer, werde ihm den Eriminalschutzmann Schallow beigeben, der ja Bescheid weiß." „Na ob," wagte Stuppke zu sagen. Der Polizei-Präsident sah ihn wegen dieser Bemerkung fast erschrocken an, dann, in einer Anwandlung von unbeschreiblicher Güte, wie einen großen Verbrecher begnadigend, sagte er mit einer leichten Bewegung des Kopfes: „'s ist gut. Schallow soll kommen." z?s«tz US^ In die Weit hinaus. Von Georg Knorr. W 8 s- WMDW ÜUM WW !^WW ML L-W 350 7 -; Stuppke ging mit einer militärisch strammen Wendung ab, froh, wegen seines unbegreiflich kecken „Na ob" noch so gut davongekommen zu sein. Der Polizei-Präsident überflog noch einmal den Brief des Magistrats der guten Stadt Schwiesen, und dabei streifte eine gewisse Heiterkeit seinen strengen Ausdruck. „Nicht übel," sagte er dabei so schroff vor sich hin, daß die Cigarre zwischen seinen Lippen einen Seiten- sprung machte. Schallow trat ein. Schallow war der bescheid- wissende Criminalschutzmann, dessen hervorragende Kenntnisse auf dem Gebiete des Bauernfanges von den Berichterstattern der Presse oft lobend hervorgehoben und eben noch von Stuppke durch seine zweisylbige Bemerkung in das hellste Licht gerückt worden waren. Schallow war allerdings ein bedeutenderSpccialist — er kannte alle die Schliche des Bauernfanges wie ein gelernter Bauernfänger, kannte alle die schlauen Bursche, welche täglich zahlreiche Opfer fanden und ausplünderten; er wußte sofort, wenn ihm eine besonders gründliche Plünderung gemeldet wurde, aus der Art und Weise, wie sie geschehen war, den Thäter, wenn auch nicht gleich zu finden, doch genau zu bezeichnen. Er spielte das Teufelsspiel,Kümmelblüttchen genannt, so meisterhaft wie irgend ein Matador der Bauernfängerei, und man rühmte ihm nach, es sei ein Glück, daß er Criminalschutzmann und nicht Bauernfänger geworden sei, da er als solcher unbeschreibliches Unheil angerichtet haben würde. „Befehlen, Herr Präsident —" „Schallow," sagte der Höchstcommandirende, „da kommt zur Abwechslung mal wieder ein Bürgermeister, der Bauernfang hier an Quelle studiren soll, damit sie in seiner Weltstadt wissen, wie mit Kram und Kerls umspringen. Heißt Krämer. Ehrsamer Böttchermeister. Werde ihn an Sie weisen, zeigen Sie ihm Schlupfwinkel und Individuen und sagen ihm, wie damit umzuspringen. Wird ja nicht viel nützen. Wenn Krämer noch so viel kennen lernt, wird kein einziger Bauernfang in Schwiesen verhindert werden. Aber kann das dem Mann doch nicht sagen und ihn abweisen. Ist ja Behörde. Wissen also Bescheid, Schallow, können's kurz machen, haben mehr zu thun." Schallow sagte nichts, er war überhaupt wortkarg, l Felix Freiherr v. Koö. besonders dem Polizei-Präsidenten gegenüber, der immer Alles sagte, was zu sagen war. Kaum war Schallow abgetreten, so meldete Stuppke den Bürgermeister von Schwiesen, den Böttchermeister Krämer. „Konnt' wohl nicht früher kommen. Besuch bei tagschlafender Zeit," murmelte der Chef. Dann sagte er: „Eintreten." Der Eintretende war eine gewöhnliche Erscheinung, wie sie den Uebergang vom Bauer zum Bürger charaktertsirt. Man sah ihm die kleine Provinzialstadt an. Er machte den Eindruck eines ernsten Mannes, der regelmäßig zu Mittag aß und mindestens zehn Stunden schlief außer dem halben Stündchen nach Tisch. Er verbeugte sich breit und würdevoll, mit dem Stolze, den eine hervorragende Stellung in der Stadt Schwiesen einflößt, und mit der Ungeschicklichkeit, welche er seiner Erziehung und seinem Umgänge verdankte. „'Morgen," sagte der Polizei-Präsident, der sich ein ganz klein wenig erhoben hatte. Dann wies er auf einen Stuhl und setzte hinzu: „Bitte." Der Gast setzte sich bescheiden nieder. Der Raum, in dem er sich befand, der einflußreiche Beamte, mit dem er Verkehren sollte, schienen ihn mit einem heillosen Respect zu erfüllen. „Der Herr Bürgermeister kommen so früh," begann der Polizei-Präsident. „Ich bitte deßhalb um Entschuldigung. Es war so unruhig im Hotel, und dann möchte ich auch den Tag so nützlich wie möglich verwenden, damit ich in längstens zwei Tagen wieder davonreisen kann. Schwiesen ist klein, muß aber trotzdem verwaltet werden. Glauben Sie, Excellenz, daß es auch wirklich so rasch gehen wird?" „Bin nicht Excellenz, einfach Polizei-Präsident oder Herr von," warf der Gefragte ein. „Können ganz gut in zwei Tagen wieder abdampfen. Werde Ihnen einen Beamten mitgeben, Schallow, Criminalschutzmann Schallow, kennt die Bauernfängerei gründlich, wird Ihnen alles Nöthige zeigen und mittheilen, daß Sie in Schwiesen Maßregeln treffen können. Wird freilich wenig nützen." „Meinen Sie?" fragte der Bürgermeister ängstlich. „Natürlich," antwortete der Poltzei-Präsident. „Bauernfänger sind gerissene Jungen, schwer, ihnen bei- zukommen. Selbst uns, die immerfort damit zu thun - 351 haben und doch auch nicht auf den Kopf gefallen, geben Gauner manchmal was zu rathen. Uns!" „Nicht möglich!" sagte derart verblüfft der Mann aus Schwiesen, als hätte ihm der Polizei-Präsident erzählt, der Kölner Dom sei gestohlen worden. „Also —." Mit diesem Worte deutet der Präsident seine Bereitwilligkeit an, dem Besucher zum Abschiede die biedere Rechte zu schütteln, wie ein Mann, dessen Augenblicke kostbar sind. Aber das Also hatte keine Wirkung. Der Gast blieb sitzen. „Haben Sie noch was?" fragte ihn der Polizei-Chef. „Noch eine Bitte," sagte zögernd der Mann aus Schwiesen. „Der Magistrat hat mich in dem Schreiben, „Weiß schon," drängte der Hörer, „kenne die Linden. Weiter!" „Da kommt ein älterer Herr auf mich zu, der mir ein Taschentuch zeigt und mich fragt, ob ich das verloren hätte, es läge da auf der Straße. Ich dankte und sagte: Nein. Dann wollte er es dem Schutzmann geben. So kamen wir ins Gespräch und bummelten. Es war ein wirklich liebenswürdiger Mann, der viel zu erzählen wußte, und ich war sehr froh, als er mich aufforderte, mit ihm in eine einfache, aber solide Weinstube zu gehen und zu Abend zu essen." „Wurde da nicht Clavier gespielt und gesungen?" unterbrach ihn der Polizei-Präsident, der immer heiterer IMS« WWW MM WMWWWMWA DDK Ktegrslicivutzt. Nach dem Gemälde von M. Wunsch. Photographie im Verlage der Photographischen Union in München. in welchem er mich ankündigte, an Sie auch für den Fall gewiesen, daß ich Geld brauchte, und es ist mir gestern Abends etwas passirt, was mich ganz blank gemacht hat." „Nanu!" rief der Polizei-Präsident. „Was passirt? Heraus damit!" Und er beugte sich über die Lehne seines Sessels zu dem Fremden, um kein Wort von dem, was er hören sollte, zu verlieren, während ein vielsagendes Lächeln die Strenge seines Ausdruckes verscheuchte. „Ich komme gestern Abends mit dem Acht-Uhr-Zuge an, fahre in das „Central-Hotel", mache mich sauber und gehe unter den Linden spazieren. Prächtig war es. Die hellen Schaufenster, die vielem Menschen —" wurde. — „Allerdings, es war höchst unterhaltend. An unserem Tische saßen noch einige Herren, in welchen mein Begleiter Landsleute fand. Diese Herren spielten ein merkwürdiges Spiel, das eigentlich gar kein Spiel war, sondern ein Kunststück. Der Spieler hatte in der linken Hand den Pique-Buben, in der rechten zwei andere Karten, und nachdem er die drei Karten auf den Tisch geworfen hatte, sollte man rathen, welche von ihnen der Pique- Bube Ein Gelächter des Polizei-Präsidenten unterbrach den Erzähler, der den Lachenden halb erstaunt und halb beleidigt ansah. Der Polizei-Präsident war aufgesprungen und rief: „Das ist großartig! Lieber Freund, Sie haben 352 gestern Abends Bauernfang an Quelle studirt, können Examen machen, brauchen gar nicht weiter zu arbeiten. Ihr liebenswürdiger Begleiter, Gauner in Folio, hat Sie gewarnt vor Spiel, hat selbst aber mehrmals Pique- Buben richtig herausgefischt und gewonnen, dann sind Sie selbst in Falle gegangen und haben richtig Alles verloren. Weiß Alles, als ob dabei gewesen wäre. Sind ganz gemeinen Bauernfängern auf den Leim gegangen, brauchen sich gar nicht weiter in Berlin zu bemühen." Und der Polizei-Präsident lachte aus vollem Halse, während der unglückselige Besucher dasaß und schier verzweifelte. „Wieviel haben Ihnen die Banditen denn abgeknöpft?" fragte endlich der Polizei-Präsident, um wieder, wie es sich für die ganze Scenerie ziemte, das Praktische zu berühren. „Meine ganze Baarschaft", jammerte der Bürgermeister, „dreihundert Mark." „Freuen Sie sich, daß es nicht mehr ist", war die ganze Antwort, die den Armen trösten sollte. „Werde Ihnen gleich die Summe überweisen lassen." Der Polizei-Chef klingelte, gab dem Bürgermeister eine Anweisung und ließ ihn von dem eintretenden Stuppke zur Kasse führen. Dann gab er ihm die Hand zum Abschied und sagte ihm dabei: „Hätten Unterricht billige haben können, sparen aber jetzt Herumlaufen mit meinem Schallow. Gehen Sie in Ihr Hotel, schlafen Aerger aus, gehen Abends nicht mit liebenswürdigem älteren Herrn zum Essen mit Musik und fahren morgen nach Schwtesen. Grüßen Sie Schwtesen. 'Morgeni" Der Bürgermeister von Schwiesen war fast zu Thränen gerührt, als er dem Polizei-Präsidenten von Berlin die Hand drückte. Dann blickte er ihn bewundernd an und sagte: „Sie wird kein Bauernfänger über's Ohr hauen!" Der Präsident lächelte geschmeichelt mit amtlicher Freundlichkeit und ließ sich, als der Bürgermeister fortgegangen war, seinen Schallow kommen, um ihm das tragikomische Abenteuer des armen Schwiesener Bürgermeisters zu erzählen. Beide lachten herzlich dabei. (Schluß folgt.) -—- Allerlei. Die gesammten Schulden der 20 größten Staaten Europas betragen 116600 Millionen Franc, was bet einer Gesammteinwohnerzahl von 366425 790 Einwohnern durchschnittlich 320 Francs pro Kopf ausmacht. Auf den einzelnen Bewohner der verschiedenen Nationen gerechnet, stellt sich folgende Reihenfolge heraus: Es kommen in Portugal 794, Frankreich 677, England 529, Niederland 480, Italien 417, Oesterreich 364, Belgien 350, Spanien 349, Griechen-^ land 334, Deutschland 274, Rumänien 192, Rußland 146, Serbien 143, Dänemark und Türkei je 137, Norwegen 87, Schweden 78, Bulgarien 65, Finnland 31 und in der Schweiz 25 Francs Staatsschulden auf den Kopf der betreffenden Bevölkerung. Aus dieser Zusammenstellung ist zu ersehen, so schreibt das Patent- und technische Bureau von Richard Lüders in Görlitz, daß das kleine Portugal das am meisten und die Schweiz das am wenigsten verschuldete Land ist, während unser deutsches Vaterland, das erst an zehnter Stelle steht, wie immer die goldene Mitte hält. Ganz einfach. Dame: „Sagen Sie, Herr Doktor, ich leide so sehr an Gedächtnißschwäche — was können Sie mir dagegen empfehlen?" — Doktor: „Hm — einne Bleistift und ein Notizbuch, gnädige Frau!" -- Zu unseren Bildern Freiherr Felix v. Koe. Am Pfingstmontag Nachmittag verschied in Räkelwitz in Sachsen bet seiner Schwester, der Gräfin von Hoensbroch, einer der bekanntesten Adeligen aus dem Rheinland, neben dem verstorbenen Freihcrrn von Schorlemer-Alst einer der einflußreichsten Männer unter den katholischen Bauern Nordwest- Deutschlands, Freiherr von Loö-Terporten. Der Verstorbene war geboren am 23. Januar 1825, absolvirte ein vierjähriges Universitätsstudium und diente ats Lieutenant im 7. Ulanen-Rcgiment 1848—1851. Von 1859—1867 war er Landrath des Kreises Eleve. Dem Reichstag gehörte er an von 1867 bis 1872, dem Landtage von 1870—1876 und zum zweiten Male von 1890 bis zu seinem Tode. Während des Kulturkampfes errang sich Freiherr v. Los so hohe Verdienste, daß ihm Papst Pius IX. den Titel eines päpstlichen Grafen verlieh. Als Gründer des rheinischen Bauernvereins trat er in hervorragender Weise für die Bauern ein und brachte seinen Verein zu hoher Blüthe. In letzter Zeit brachten die ausgeprägt agrarischen Strömungen den Verstorbenen in einen gewissen Gegensatz zu anderen katholischen Kreisen im Rheinland. Indessen wäre es eine Beleidigung für Frciherrn v. Loö, wenn man ihn irgendwie in Vergleich stellen wollte mit so manchen höchst zweifelhaften Gerngroßen, wie sie namentlich in Bayern heutzutage als Bauernfreunde auftauchen. Freiherr v. Los war ein Edelmann von makellosem Charakter und ein treuer Sohn der katholischen Kirche. L. I. ?. In die Well hinaus. Von Julius Lohmeyer. Kein Freundesblick sucht sie zu halten, Kein Vaterhaus ruft sie zurück: Mit jener stillen, guten Alten Begrub sie all ihr Hcimathsglück. Blaudämmernd liegt vor ihr die Ferne, Von Frühlingssonnenglanz erhellt: Ein reines Herz und Gottes Sterne, Sonst blieb ihr nichts auf dieser Welt. Was wird die karge Mutter geben Dem fremden, glückverlass'nen Gast? Was bietet ihr das harte Leben, Das rauh der Armuth Kinder faßt? An welchen Strand trägt sie die Welle? Wird Harm und Noth ihr Schicksal sein? Ruft sie von gastlich trauter Schwelle Ein holdes Glück zu sich herein? Wer sagt es ihr? Mit mächt'gem Brausen Naht jetzt der Zug dem kleinen Ort. Schrill tönt sein Pfiff: die Räder sausen Und tragen sie zum fernen Port. Der Sturm faßt eine bleiche Rose Und führt sie durch die Lande weit — O hielten freundlich sanfte Loose Ein stilles Eden ihr bereit! Siegesbewußt. Es ist eine bekannte Thatsache, daß die Kinder schon von frühester Jugend auf den Karten ein großes Interesse entgegenbringen. Mit gespanntester Aufmerksamkeit folgen sie dem Spiele der Alten, um rhnen abzugucken, wie es gemacht wird, und hernach die gewonnenen Kenntnisse in eigenem Spiele zu verwerthen. Der Franz! hat längst alle Vortheile und Schliche los, und mit überlegenem Lächeln schaut er seinen drei Geschwistern zu, die sich den Kopf darüber zerbrechen, wie sie ihm am besten beikommen könnten. Doch da ist alle Mühe umsonst. Wenn er sich seines Sieges nicht so sicher bewußt wäre und seine Gegner nicht so gut kennen würde, würde er gewiß nicht dulden, daß sie zu dreien gegen ihn allein zu Felde ziehen. -- - «47. Ireltag» den 5. Juni 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbcfitzer vr. Max Huttler). Kchickfalsivege. Erzählung von Clarisse Borges. (Fortsetzung.) Der junge Arzt schaute enttäuscht im Gemache umher, doch Lilli beantwortete seine unausgesprochene Frage und sagte: »Ich will in'S Schulzimmer gehen und Fräulein Adair zum Abendessen rufen," doch die Mutter hielt sie von ihrem Vorhaben zurück. »Bemühe Dich nicht," sagte sie schroff, »Fräulein Adair weiß, daß pünktlich um acht Uhr gespeist wird, darnach kann sie sich richten." Noch vor wenigen Monaten hatte sie sehnlichst gewünscht, ihre Töchter zu Lehrerinnen oder Gouvernanten auszubilden, damals fehlten aber leider die Mittel dazu und jetzt — — sah sie eine weite Kluft zwischen ihren Töchtern und deren Erzieherin, die ja für ihr tägliches Brod arbeiten mußte! Martha Adair war bereits im Speisezimmer. Willy bot ihr zum Gruß die Hand und stellte Leo vor, doch er war entrüstet, daß weder Mutter noch Schwestern während der Mahlzeit auch nur ein Wort an sie richteten. Die junge Dame hatte sich in den wenigen Monaten, seitdem sie in der Lehrerfamilte weilte, sehr zu ihrem Vortheil verändert. Der matte, müde Ausdruck aus ihrem Antlitz war verschwunden und hatte einer lebhaften Frische Platz gemacht, nur ein melancholischer Ausdruck lagerte noch oft auf ihrem lieblichen Gesichtchen, wenn sie an den plötzlichen Tod ihrer Mutter gedachte, die sie so gern in diesem Leben noch einmal wieder gesehen hätte.- Leo von Wildenthal konnte kaum seine Blicke von der lieblichen Erscheinung abwenden. So unmuthig und bezaubernd in ihrer kindlichen Bescheidenheit hatte er kaum in seinem Leben eine junge Dame gesehen, und jetzt verstand er Willh'S Gefühle, die von dieser seltenen Schönheit mächtig angezogen waren. Und doch fühlte sich Martha Adair entäuscht in ihrem neuen Wirkungskreise. Die Kinder liebten sie und machten gute Fortschritte; der Lehrer und der Arzt kamen ihr mit zuvorkommender Höflichkeit entgegen, aber Frau Berghaupt und die beiden ältesten Töchter suchten die neue Hausgenossin in „ihre Schranken" zurückzuhalten ind zeigten ihr bei jeder Gelegenheit den großen Unterschied, der zwischen ihrer Familie und der armen Erzieherin bestand. Martha selbst konnte diesen gewaltigen Unterschieb nicht gnt einsehen. Sie erinnerte sich genau der Zeit, da Jenny Berghaupt in ihrem fadenscheinigen, ärmlichen Kleide Mademoiselle La Rochette angefleht hatte, sie doch als Handarbeitslehrerin zu behalten, sie wolle ja kein Geld beanspruchen, sonderu nur um das tägliche Brod arbeiten. Wie sie dann nach vergeblichen Bitten schluchzend bei Martha Adair Trost gesucht und geklagt hatte, daß die Eltern jetzt nach ihrer Rückkehr wieder ein Kind mehr zu beköstigen haben würden. Es berührte den jungen Inspektor seltsam, daß die drei Herren die Kosten der Unterhaltung ganz allein tragen mußten; Frau Berghaupt und ihre beiden Töchter verhielten sich ganz schweigsam, und wenn das Wort an sie gerichtet wurde, antworteten sie einsilbig und stockend, man merkte es ihnen an, daß sie in großer Zuriickge- zogenheit gelebt hatten und dadurch ihre Ansichten beschränkt und ihr Gesichtskreis ein enger war. Leo bemitleidete die arme Gouvernante, deren LooS in dieser Familie gewiß nicht zu beneiden war, er fand keine Gelegenheit mehr, mit ihr zu sprechen, und bald nachher trat er mit Willy den Rückweg an. „Nun?!" Leo verstand wohl dieses kleine an ihn gerichtete Wörtchen und wußte, daß Willy sagen wollte: „Wie gefällt sie Dir?" aber er beantwortete nicht die unange- sprochene Frage und sagte nur: „Dein Vater gefällt mir sehr gut; er ist daS echte Bild eines biederen deutschen Lehrers." „DaS ist er," pflichtete der Sohn bet, „so lang. ich denken kann, hat er sich bemüht, uns Kindern ein liebevoller Vater zu sein. Meine Mutter ist auch gut, aber sie hat oft sehr beschränkte Ansichten." „Sie hat vielleicht bittere Erfahrungen im Leben gehabt." »Deshalb darf sie aber nicht hart und ungerecht sein, und meine beiden Schwestern sind ebenso wie sie. Leo, es hat mich empört, wie rücksichtslos sie Fräulein Adair behandelten." »Sie waren gerade nicht freundlich gegen sie," gab Leo zu, »es ist doch sonderbar, daß Frauen gegen es« schönes Mädchen oft so hart und rücksichtslos sind." »Hältst Du sie wirklich für schön?" „Sie ist entzückend. Lieber Willy, siehst Du denn nicht die Gefahren, die ihr drohen? Glaubst Du, daß Deine Mutter ihre Einwilligung zu Deiner Verbindung mit ihr geben wird?" „So weit sind wir noch nicht. Es wird noch Jahre dauern, ehe ich an eine Heirath denken kann." „Wie soll es denn werden?" „Was?" fragte der Arzt ahnungslos. „Ich verstehe Dich nicht." „Du sagst selbst, eS sollen noch Jahre darüber hingehen? Glaubst Du denn, daß Du Deiner Mutter und Deinen Schwestern Dein Geheimniß solange verbergen kannst? Denke an meine Worte, Willy! Sobald die Deinigen Deine Absicht erfahren, wird Fräulein Adair ihr Haus verlassen müssen." Der Arzt seufzte. „Daran habe ich nie gedacht," gestand er. „Ich hoffte, Fräulein Adair würde so lange bleiben, bis Anna fertig ist, und sie ist erst acht Jahre alt."- Leo lachte herzlich. „Lieber Junge," scherzte er, „glaube doch nicht, daß eine so bildhübsche Dame fünf oder sechs Jahre von der Männerwelt unbemerkt bleibt. Entweder mußt Du Dich bald mit ihr verloben — oder auf sie verzichten." V. Es war sonderbar, daß nach diesem ersten Besuche der junge Inspektor seinen Weg sehr häufig nach Ebersheim nahm, noch auffälliger, daß er zu den Besuchen in der Lehrersfamilie Stunden wählte, in denen er Willy in seinem Berufe beschäftigt wußte. Er wurde bald ein Liebling der ganzen Familie. Die Kleinen freuten sich, wenn er kam, denn er stellte sich niemals mit leeren Händen ei«. Der Lehrer verplauderte gern ein Stündchen mit ihm, sogar Frau Berghaupt und die beiden ältesten Mädchen, Babette und Florentine, legten allmählig ihre Schüchternheit ab und empfingen den Gast mit aller Freundlichkeit, die ihnen zu Gebote stand. Die mit Töchtern so reich gesegnete Mutter hatte keinen anderen Gedanken, als daß der reichbegabte Pflege- sohn ihrer Schwester Gefallen an einem ihrer Mädchen gefunden habe, nur wußte sie nicht, ob er Babette oder Florentine den Vorzug geben solle. Es war zwar traurig, daß das alte Stammschloß der Familie verloren gegangen war, aber es schien ihr, daß Leo der Liebling ihrer Schwester Angela gewesen sei, und als ihr Erbe konnte er zweifellos die Güter wieder erwerben. Immerhin war er eine sehr gute Partie, aber ach! warum zögerte er so lange, sich offen zu erklären? Ihrem Gatten sagte sie kein Wort von ihrem Lieblingstraum, auch Willy nicht, wohl aber ihren Töchtern, und alle drei Damen stimmten überein, daß Florentine die passendste Gattin für Leo werden würde. „Ich würde in bescheideneren Verhältnissen weit glücklicher sein," gestand Babette offen, „aber Florentine ist wie geschaffen dazu, um ein Dutzend Dienstboten zu befehlen und in einem großen Schlosse zu herrschen; sie ryuß Leo'S Gattin werden." DaS lautete für jeden Unbefangenen selbstlos, aber feit einigen Monaten hatte ein reicher Gutsnachbar, Herr Mayfeldt, häufig den Lehrer Berghaupt besucht, und sowohl Babette wie ihre Mutter hielten diese Besuche nicht für absichtslos. So war der Winter dem Frühling gewichen. Der Lehrer schien für alle Vorgänge in seinem Hause blind zu sein; auch Willy hatte nur feine Augen für Martha Adair offen und ahnte nichts von den Träumen seiner Mutter, die Herrn Mayfeldt und Leo bereits wie ihre eigenen Söhne ansah. Mittlerweile wurde die Gouvernante von Tag zu Tag bleicher; ihre glänzenden Augen blickten trübe, und nur mühsam konnte sie ihre täglichen Pflichten erfüllen. Leo beobachtete sie scharf, und es war ihm zur Gewißheit geworden, daß die Entdeckung von Wtllh's Geheimniß diese traurige Veränderung hervorgerufen habe. „Hat Fräulein Adair niemals eine Ferienzeit?" fragte Leo den Lehrer, als er sich in der Familie zum Abendessen wieder einmal einstellte. „Sie verlangt gar nicht darnach, da sie weder Freunde noch Verwandte hat, zu denen sie anch auf kurze Zeit Hinreisen könnte," lautete die Antwort. „Aber sie bedarf einer Erholung," beharrte Leo, „ich wundere mich, daß Du als Arzt diese Veränderung nicht siehst, Willy; sie schleicht einher wie ein Schatten. Entweder hat sie großen Kummer oder sie ist ernstlich krank." Der junge Arzt war sichtlich erschrocken. Beim Heimweg lenkte er das Gespräch gleich wieder auf Martha Adair. „Ich weiß wirklich nicht, wozu ich mich entschließen soll," begann er, „biete ich ihr jetzt schon Herz und Hand an und sie schlägt meine Bitte ab, so ist mein Elternhaus kein Aufenthalt mehr für sie; spreche ich aber nicht offen mit ihr, so habe ich kein Recht, nach ihrem Kummer zu fragen." „Sprich offen mit ihr," rieth Leo mit seltsam bebender Stimme, „sie hat das Herz auf dem rechten Fleck. Wenn sie Dich liebt, wird sie entweder warten oder ein Leben unter wenig günstigen Aussichten schon jetzt mit Dir beginnen." Der auffallend bewegte Ton der Stimme ließ den Arzt verwundert aufschauen. Plötzlich fiel es wie Schuppen von seinen Augen, und er rief erschreckt aus: „Oh Leo, sage mir nicht, daß Du sie auch liebst, das könnte ich niemals ertragen! Raube mir nicht daL einzige Glück meines Lebens, denn ich habe nur die eine Hoffnung, Martha's Liebe zu gewinnen." ES entstand eine lange, peinliche Pause. Leo kämpfte einen schweren Kampf; er liebte die bleiche, schöne Gouvernante mit allen Fasern seines Herzens, aber konnte er den Freund betrügen, der ihm vertraut hatte? Willy hatte ihm das Geheimniß feines Herzens geoffenbart, ehe er Fräulein Adair gesehen hatte, und es wäre schlecht und niedrig von ihm gewesen, dem Freunde die einzige Hoffnung und Lebensfreude zu rauben. Endlich brach er das Schweigen und sagte so ruhig als möglich: „Von mir hast Du nichts zu befürchten, alter Junge; auf den Trümmern Deines Glückes würde ich nie das weinige aufbauen. Aber Andere sind vielleicht weniger gewissenhaft. Wie könnten sie es auch sein, da Dein Geheimniß Niemandem außer mir bekannt ist? Folge meinen: Rathe und sprich gleich morgen mit Fräulein Adair; es ist doch besser wir diese quälende Ungewißheit. Wenn Deine Mutter sie fortschickt, was ich fast befürchte, so wird Dein Vater sich doch um eine andere Heimath für sie bemühen. Sie scheint ohnehin nicht glücklich in Eurem Hause zu sein, und ich fürchte, daß Deine Schwestern ihr das Leben beträchtlich erschweren." 355 Willy athmete erleichtert auf. Er bemerkte gar nicht, daß Leo nicht gesagt hatte: „Ich liebe sie nicht", aber er vertraute ihm und freute sich, keinen Nebenbuhler in ihm zu finden. „Morgen soll sich mein Schicksal entscheiden," sagte er ernst, „Du hast Recht, Gewißheit ist besser wie Ungewißheit, und dann komme ich gleich zu Dir und sage Dir das Resultat." Aber das war für Leos Edelmuth zu viel. Darum fiel er eifrig ein: „Nein, nicht morgen. Ich habe sehr viel zu thun und muß in Geschäften nach der Residenz. Sage mir später von Deinem Erfolg." Er wollte erst warten, um selbst ruhiger zu werden, und lieber in angestrengter Thätigkeit seinen Schmerz betäuben und Vergessenheit suchen. Wie lag doch sein Leben so öde und trostlos vor ihm! Er war ja nicht blind gegen die Regungen in seinem Herzen, er liebte Martha Adair und wußte, daß diese Liebe hoffnungslos sei. Aus eigenem freien Willen war er zurückgetreten, um dem Freunde den Weg zu ebnen. Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß sie Willh's Herz und Hand annehmen würde; sie war so einsam und verlassen; aber dennoch regte sich eine Stimme in seinem Herzen, und er fürchtete, daß Martha nicht an der Seite des jungen Arztes glücklich werden würde. So oft er Willy sah, stieg unwillkürlich der Gedanke in ihm auf, daß seinem Leben bald ein Ziel gesetzt sei. Er war so bleich und abgemagert, seine Gestalt gebeugt, und deutlicher denn je brannten die rothen Flecken auf seinen Wangen. Er war ein kranker Mann — er würde niemals durch angestrengte Thätigkeit ein reicher Mann werden, sein einziges Lebensglück bestand in seiner Liebe; würde diese ihm geraubt, so versetzte man ihm den Todesstoß. „Nein!" rief er aus, die Hand gegen die brennende Stirne drückend, „ich konnte und durfte nicht anders handeln. Es wäre ja feige und ehrlos gegen Willy gehandelt. Aber meine kleine Martha, meine einzige Liebe, sie soll nie den Kampf erfahren, den ich heute Abend errungen und bestanden habe." Am nächsten Morgen lagen die Sorgen der vergangenen Nacht centnerschwer auf seinem Herzen. Die Sonne hatte ihren Schein, die neu erwachenden Natur ihren Reiz für ihn verloren. Mit verdoppeltem Eifer lag er seinen Pflichten, ob und gegen Mittag eilte er nach der Station, um nach der Residenz zu fahren. Auf dem Wege dorthin begegnete er dem Pfarrer des Ortes. „Ich war gerade auf dem Wege zu Ihnen," begann der geistliche Herr in feiner leutseligen Weise. „Kommen Sie mit mir, hier in dieser Allee sind wir ungestört. Ich muß mit Ihnen über unsern jungen Arzt sprechen." „Willy! was ist mit ihm? Ich sprach noch gestern Abend mit ihm, aber da hatte sich nichts Besonderes ereignet." „Ich glaube, er stirbt," flüsterte der alte Herr sichtlich bewegt, „und es wäre mir lieb, wenn Sie seiner Familie diese Nachricht schonend überbringen wollten." Leo erschrak. „Er klagte gestern gar nicht und schien sogar heiter und hoffnungSfreudig. Irren Sie auch nicht, Herr Pfarrer?" Der Pfarrer erzählte alles, was er selbst wußte und gesehen hatte. Der junge Arzt war früh im Krankenhause beschäftigt gewesen und hatte dort drei Mal eine anhaltende, tiefe Ohnmacht gehabt. Ein Arzt sei schnell zur Hülfe gewesen, der größte Ruhe und Schonung anempfohlen habe, jedoch der Patient selbst halte seinen Zustand keineswegs für bedenklich und rechne seine Schwäche allein dem angreifenden Frühlingswetter zu. „Ich hielt seinen Zustand schon lange für bedenklich," schloß der Pfarrer, „und ich denke, Sie können am besten die Eltern auf diese Nachricht vorbereiten." „Sind Sie auch ganz sicher?" „Ganz entschieden. Er kann seine Pflichten nicht länger im Krankenhause erfüllen, der Doctor schlägt ei» südliches Klima vor." „Aber wir sind doch glücklich über den Winter hinaus." „Wir sind erst im März," verbesserte der Pfarrer. „Der Frühling ist die schlimmste Jahreszeit für Schwindsucht." „Ist es denn — Schwindsucht?" Der Pfarrer nickte. „Der Doctor hat den Kranken von Kindheit an in Behandlung gehabt, und er wundert sich selbst, daß er bis jetzt sein Leben erhalten hat. Nun, Herr Jnspector, gehen Sie schnell und bereiten Sie den Lehrer schonend vor." „Man wird mir kaum glauben, — Herr Pfarrer, lassen Sie uns zusammen gehen — es wird zu schwer." „Es wird ihnen ein harter Schlag sein, aber vielleicht empfinden sie ihn nicht so schmerzlich, da eS ihnen doch bedeutend besser geht. Es ist sonderbar, seitdem die Mädchen geerbt haben, sind Mutter und Töchter weit weniger liebenswürdig wie früher. „Ich kannte die Familie früher gar nicht. Willy und der Lehrer sind meine Freunde." „Auch die meinigen. Sie dürfen aber nicht so sprechen, junger Freund, denn ich hörte, Sie seien im Begriffe, sich mit Florentine zu verloben. Die Verlobung ist zwar ein offenes Geheimniß, aber da die Spatzen auf den Dächern davon zwitschern, begehe ich gewiß keine Jndiscrction, davon zu sprechen." Leo erbleichte. „Dann wissen die Leute mehr, wie ich selbst," sagte er entschieden. „Es ist mein fester Entschluß, niemals zu hetrathen." „Dann rathe ich Ihnen, das Haus Ihrer Freunde nicht so oft zu besuchen", warnte der Pfarrer, „oder es steht der Familie eine große Enttäuschung bevor. Doch eilen Sie jetzt; Sie treffen Frau Berghaupt nicht an; ich sah sie erst mit der Gouvernante zur Bahnstation fahren." „Dann muß Willy sein Vorhaben aufschieben", dachte Leo, als er sich vom Pfarrer trennte. Er ahnte ja nicht, was sich inzwischen im Lehrerhause zugetragen hatte. — Der Großgrundbesitzer Mayfeldt war ein reich begüterter, in der ganzen Umgegend hochgeachteter und beliebter Herr. Erst seit kurzer Zeit war er ein häufiger Gast der Lehrerfamilie, und Frau Berghanpt vermuthete mit Recht, daß der reiche Junggeselle sich aus ihrem Hause eine Gattin heimführen werde. Gerade an diesem Morgen, der für Fräulein Adatr so verhängnißvoll werden sollte, hatte sie ein Briefchen von ihm erhalten, welches ihr stolzes Herz mit triumphtren- der Freude erfüllte. Es war nur kurz und geheimnißvoll und theilte ihr nur mit, daß er gegen 11 Uhr am selbigen Morgen kommen würde, in der Hoffnung, mit ihr eine Sache von größter Wichtigkeit, sein zukünftiges Lebensglück betreffend, zu besprechen. „Er liebt Babette", jubelte eS in dem Herzen der glücklichen Mutter, „aber beide Mädchen sollen heute im Hause bleiben. Fräulein Adair wird mit den Kleinen einen längeren Spaziergang machen, damit wir ungestört sind, und da mein Gatte in der Schule beschäftigt ist, wird Alles glatt ablaufen." Pünktlich zur festgesetzten Stunde wurde Herr May- feldt in das kleine Empfangszimmer geführt, und mit einem Lächeln auf dem harten Antlitz trat Frau Berghaupt ihm entgegen, mit der Versicherung, eS sei ihr eine Freude, seine Wünsche erfüllen zu können. „Sie waren gewiß erstaunt, mich in letzter Zeit hier so häufig zu sehen", begann der junge Freier in seiner offenen, ehrlichen Weise. „Es ist ja nicht zu leugnen, Ihr Haus hatte eine große Anziehungskraft für mich. Ich bin des Junggesellenlebens müde, und die junge Dame — Er stockte verlegen, eS war doch schwerer, wie er gedacht, seine Wünsche in Worte zu kleiden; Frau Berghaupt lächelte und half ihm bereitwillig, indem sie selbst seinen Satz vollendete und sagte: „Die junge Dame ist mir lieb und theuer; sie gehört unserer Familie an, und da haben Sie gedacht, ich könnte Ihnen am besten helfen. O Herr Mayfeldtl eine Mutter ist nicht blind und erräth leicht kleine Herzensgeheimnisse. Schon seit Wochen habe ich dieses Geständniß von Ihnen erwartet; sie sind beide wie für einander geschaffen, und das liebe Kind wird Sie glücklich machen." Absichtlich nannte sie nicht Babette's Namen — immerhin konnte es noch Floreniine sein, daß es aber keine von beiden war, kam der guten Mutter gar nicht in den Sinn. „Sie sind sehr gütig", versetzte Herr Mayfeldt mit aufrichtiger Herzlichkeit. „Sie halten also meine Liebe nicht für hoffnungslos? Wollen Sie mir Gelegenheit geben, bei ihr meine Sache selbst zu führen?" „Ich darf nichts verrathen", gab die glückliche Mutter geheimnißvoll zurück, „sprechen Sie selbst mit dem lieben Kinde, Herr Mayfeldt, meiner Zustimmung können Sie gewiß sein." „Bis jetzt hatte ich noch nie eine Gelegenheit, allein mit ihr zu sprechen; sie scheint mich sogar absichtlich zu vermeiden. Oft kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß sie meine Gefühle ahnt und mir deßhalb ausweicht. Vielleicht will sie mir durch ihr Benehmen zeigen, daß meine Hoffnungen grundlos sind." Frau Berghaupt biß sich auf die Lippen. Es mußte also doch wohl Floreniine gemeint sein, denn sie hatte ihm zu häufig zu einem ungestörten tsta-ä-töts mit Babette Gelegenheit gegeben; noch vor wenigen Tagen bei einem längeren Spaziergange hatte sie dafür gesorgt, daß der Gutsherr der Begleiter ihrer ältesten Tochter war. „Sie ist noch sehr jung und —" „Und bezaubernd in ihrer berückenden Schönheit", fiel Herr Mayfeldt ihr in's Wort, „von dem ersten Augenblick an, da ich sie sah, gehörte ihr mein ganzes Herz und meine Liebe. Ich glaube gern, daß sie in Ihrem Hause zufrieden ist, daß sie Liebe und Freundlichkeit genießt, aber sie ist doch in abhängiger Stellung, Md da möchte ich sie so gern recht bald als Herrin in Meinem Hause einführen." Während dieser letzten Worte war Frau Berghaupt hleich geworden. Ihre Zähne bohrten sich in die Unterlippe, daß sie blutete, und nur mit großer Anstrengung konnte sie ruhig erwidern: „Sie wollen also Fräulein Adair heirathen? Wissen Sie auch, daß sie eine Waise und gänzlich ohne Vermögen ist?" Herr Mayfeldt wunderte sich, wie schnell das Interesse für das »liebe Kind" abgekühlt war, aber jetzt konnte er ganz offen sprechen und fuhr deßhalb unbeirrt fort: „Ich bin reich genug und sehe nicht auf das Vermögen meiner Gattin. Ich liebe Martha Adair, und gerade ihre Einsamkeit in der Welt veranlaßt mich, sie schon recht bald heimzuführen." „Sie sind sehr edelmüthig", höhnte Frau Berghaupt. „Natürlich möchten Sie gern Fräulein Adair selbst sprechen, um ihre Antwort von ihren eigenen Lippen zu hören. Ich will sie rufen lassen." Sie erhob sich und zog die Schelle. „Fräulein Adair soll sofort kommen — sie kann die Kinder im Schulzimmer lassen," befahl sie dem eintretenden Hausmädchen. Die Antwort kam schnell zurück. „Fräulein Adair und die Kinder sind nicht im Schulzimmer. Fräulein Babette sagt, sie machen einen langen Spaziergang." „Ah! sie gehen regelmäßig in den Klostergarten", sagte Frau Berghanpt, wiewohl sie ausdrücklich geboten hatte, die entgegengesetzte Richtung einzuschlageen. „Dort werden Sie Fräulein Adair treffen, Herr Mayfeldt. Schicken Sie die Kleinen heim, dann haben Sie ein ungestörtes täta-ü-tsts. Sollten Sie zufällig die Begegnung verfehlen, so erwarte ich Sie zum Abendbrod; ich werde inzwischen die junge Dame vorbereiten." Er war fort, Frau Berghaupt brauchte sich nicht länger einen Zwang auferlegen. Unwillig stampfte sie mit dem Fuß den Teppich, und ihre Augen flammten zornig. Herr Mayfeldt, der einzige heirathsfähige Junggeselle im ganzen Umkreise, hatte ihre eigenen Töchter übersehen und seine Blicke auf die Gouvernante ihrer Kinder geworfen, das war empörend, unerträglich l Die beiden Schwestern sahen den Gast davonreiten, sie waren von der Mutter nicht in das Wohnzimmer gerufen worden, jetzt konnten sie die Ungeduld nicht länger zügeln, und sie kamen unaufgefordert. „WaS in aller Welt ist geschehen, Mama", begann Floreniine ungestüm, „Du siehst aus, als habest Du einen Geist gesehen." „Beruhige Dich", fiel Babette boshaft ein, „wenn er Flora vorzieht, so kommt doch wenigstens eine von uns unter die Haube. Dank Tante Angela's Güte sind wir ja nicht gezwungen zu heirathen." „O, meine Kinder, — meine armen beleidigten Kinder", schluchzte die Mutter unter Thränen. „Wer hätte jemals geahnt, daß Herr Mayfeldt so falsch und hinterlistig sein könnte! Oh! hätte ich ihm meine Meinung nur ganz offen gesagt, aber diese falsche Schlange soll noch heute unser Haus verlassen." „Mama — Mama", riefen beide Mädchen bestürzt, „Du sprichst in Räthseln, so sage uns doch, was geschehen ist." (Fortsetzung folgt.) 1 357 Der Bauer«fönger. (Schluß.) Ein paar Stunden später saß der Polizei-Präsident in voller Arbeit, als Stuppke eintrat und meldete: „Der Bürgermeister von Schwiesen!" „Schon wieder? Ist ja heute gar nicht todt zu kriegen!" rief der Polizei-Präfident ungeduldig. „Zu Befehl, Herr Präsident, eS ist ein Anderer." „Ein anderer Bürgermeister von Schwiesen?" rief mit weit aufgesperrten Augen der Polizei-Präsident und sah Stuppke an, als ob er ihn auf seine Nüchternheit hin untersuchen wollte. „Vielleicht hat Schwiesen zwei Bürgermeister wie Berlin. Schwiesen wird Weltstadt!" sagte Stuppke. „Ruhe!" schrie der schon sehr nervös gewordene Polizei-Präsident. „Soll eintreten." Der Bürgermeister von Schwiesen, Böttchermeister Krämer, trat ein, ein älterer, freundlicher und etwas dumm aussehender Herr, der mit künstlicher Gewandtheit auf den Polizei-Präsidenten zuschritt, von dem er scharf angeblickt wurde, und sehr viel Worte machte, als er mittheilte, er sei der dem hochlöblichen Polizei-Präsidium vom Magistrat in Schwiesen angekündigte Bürgermeister, der zu dem in dem Schreiben angedeuteten Zwecke nach Berlin gekommen und dem fördernden Wohlwollen der hohen Behörde empfohlen sei. „Der war heute Morgens da!" rief der Polizei- Präsident, der überzeugt war, daß er einen Betrüger vor sich habe. Der Bürgermeister von Schwiesen konnte nicht mißverstanden haben und traute doch seinen Ohren nicht. Der Polizei-Präsident klingelte. Stuppke erschien. Schallow sollte kommen. Schallow kam sofort. „Kennen Sie den Mann, Schallow?" rief der Polizei-Präsident diesem entgegen. Schallow sah den Bürgermeister von Schwiesen genau an. Nein, er kannte ihn nicht, und er kannte doch das Verbrecher-Album genau. Er wollte es aber nochmals durchsehen, vielleicht fand sich ein Porträt darin, das auf die Spur führte. Er ging wieder fort, um sich an die Arbeit zu machen. Der Polizei-Präsident blieb mit dem Bürgermeister allein und nahm diesen in ein scharfes Verhör. Der Bürgermeister war gestern Abends von Schwiesen mit dem Acht-Uhr-Zug angekommen und war im „Central- Hotcl" abgestiegen. Merkwürdig, genau wie der Andere. Er wäre schon in der Frühe auf das Polizei-Präsidium gekommen, wenn ihm nicht ein vertrauenerweckender Mann, der auf der letzten Station in sein Coups gestiegen und mit dem er ins Gespräch gekommen war, gesagt hätte, daß der Herr Polizei-Präsident sich in den Vormittagsstunden nicht sprechen ließe und vor dem zweiten Frühstück nicht recht genießbar sei. Das habe ihm der Mann wie jemand gesagt, der es genau wisse, und der Mann habe überhaupt einen so guten Eindruck auf ihn gemacht, daß er ihm seinen Namen genannt und mitgetheilt habe, zu welchem Zwecke er nach Berlin fahre. Er habe ihm einfach eine Copte des Briefes des Magistrates gezeigt, welche er als Legitimation mitgebracht habe. Der Bürgermeister von Schwiesen hatte bereits diese Copie aus einer colossalen Brieftasche herausgesucht und hielt nun das Dokument in der zitternden Hand. „Ist ja unglaublich!" sagte der Polizei-Präsident außer sich. „Mir dürfen Sie Alles glauben," versicherte treuherzig der Bürgermeister, „ich lüge nicht." Der Polizei-Präsident sah den Mann an, der wirklich den Eindruck der Ehrlichkeit machte. „Ist es denn möglich!" rief der Polizei-Präsident. „Was soll denn unmöglich sein?" fragte der Bürgermeister und fuhr dann fort: „Mein neuer Freund kannte Berlin genau, das merkte ich sofort, und ich war daher ganz froh, als er mir anbot, mit mir den Abend zu verbringen, denn er sei Strohwittwer und mochte nicht allein sein. Ich ging also in's Hotel, machte mich sauber und schloß mich wieder dem Manne an, der vor dem Hotel auf mich wartete. Nun bummelten wir in der Stadt herum, bis wir Hunger bekamen. Da standen wir denn auch zufällig vor einer Weinstube, die mir mein Freund als sehr solide empfahl, und wir traten ein —" „Weiß schon", fiel der Polizeipräsident sehr aufgeregt dazwischen. „Da wurde Klavier gespielt und gesungen, und da saßen an Ihrem Tisch noch einige Landsleute Ihres Freundes, die ein Spiel spielten, das eigentlich kein Spiel war, sondern ein Kunststück mit dem Pique- Buben, der nie da lag, wo man ihn sicher vermuthete — o dieser Pique-Bube hat es in sich — und nachdem Ihr neuer Freund mehrmals gewonnen hatte, wurden Sie Ihr ganzes Geld los! Weiß Alles! Und nun kommen Sie und wollen nicht nur Beamten haben, der Sie mit den Geheimnissen des Bauernfangs bekannt macht, sondert auch Credit in Anspruch nehmen." „So ist eS freilich", sagte der Bürgermeister, obschon er eigentlich sprachlos vor Staunen hätte sein müssen, daß der Polizei-Präsident dies Alles so genau wußte. Der Polizei-Präsident ging um seinen Schreibtisch herum. Er war reingefallen, das war ihm klar. Er sagte also zu dem Bürgermeister, indem er vor diesem stillstand: „Lieber Freund, Sie sind reingefallen, sind Opfer eines Bauernfängers geworden, haben Bauernfang gestern Abends gründlich kennen gelernt, können ruhig wieder nach Schwiesen fahren, werde Ihnen hundert Mark für Rechnung des Schwiesener Magistrats anweisen lassen." — Der Bürgermeister war in einen Stuhl gesunken, und der Polizei-Präsident hatte seine Fassung wiedergefunden, als er sagte: „Sehe klar in der Sache, bin nicht zu täuschen, kenne die Schliche dieser Gauner!" Der eintretende Schallow sah den Bürgermeister wieder scharf an wie vorher und meldete, er habe in dem ganzen Ver- brecher-AIbum keine unter all den Galgen-Visagen gefunden, die dem anwesenden- Der Polizei-Präsident ließ ihn nicht ausreden. „Es ist gut, Schallow", unterbrach er ihn. „Führen Sie den Herrn zur Kasse und lassen Sie ihm gegen seine Quittung hundert Mark auszahlen." Dann setzte er leise hinzu: „Wie die Dreihundert, die der — heute Morgens bekommen hat, zu buchen sind, werde ich noch bestimmen." Schallow sah den Polizei-Präsidenten an und sagte: „Zu Befehl!" Ein feines Ohr mußte so etwas wie ein „Ach so!" heraushören. Der Polizei-Präsident drückte nun dem sich verabschiedenden Bürgermeister von Schwiesen die Hand, indem er sagte: „Sehr angenehm gewesen!" Das war aber nicht wahr, es war ihm durchaus nicht angenehm gewesen, und als er nun allein war, zündete er feine Cigarre wieder an, goß sich einen Cognac ein und be. — 353 schloß, künftig noch etwas vorsichtiger als bisher zu sein. Als Stuppke in's Bureau kam, um irgend etwas auf den Schreibtisch zu legen, sah ihn der Polizei-Präsident nicht an, und das war vernünftig, denn Stuppke lächelte ein klein wenig schadenfroh. -»—r-->»-- Der Wirbelstnrm von St. Louis. Die ungeheuren Verheerungen, welche der Cyklon a« Mittwoch Abend in St. Louis, der am Mississippi gelegenen Hauptstadt des Staates Missouri, mit 452,000 Einwohnern, der fünftgrößten Stadt der Vereinigten Staaten, verursacht hat, werden erst jetzt nähere Einzelheiten bekannt, weil mehr als 12 Stunden lang alle telegraphischen Verbindungen unterbrochen waren und auch am Donnerstag Morgen erst nur zwei Linien benutzt werden konnten. Am Mittwoch Morgen war in St. Louis das Wetter ruhig und schön, und es wehte ein leichter Wind. Am Nachmittag, um 4 Uhr ungefähr, wurde die Atmosphäre drückend und schwül, bald aber erhob sich ein starker Wind, der beständig umsprang. Schwere Wolken jagten hin und her, allein allmälig schienen sich auch die verschiedenen Luftströmungen zu concentrireu, bis ein Sturmcentrnm sich im Westen entwickelte. Von Südwssten sah man eine Wolke, wie eine hohe Röhre, heranrücken. Noch war die Sonne sichtbar, allein bald verwandelten die Wolken, die dem Tornado vorangingen, den Tag in völlige Nacht. Es war dieser Cyklon, der über Ost-St. Louis fuhr und alles in seinem Wege zerstörte. Mittlerweile wüthete ein von Nordwesten gekommener Wirbelsturm in dem westlichen Theile der Stadt. In der Zeit von bis ^7 Uhr entfaltete der Sturm seine größte Stärke, indem er mit einer Geschwindigkeit von 130 Kilometer per Stunde über die Stadt fuhr. Mit dem Sturm kam ein heftiger Regen mit Blitz und Donner. Dampfer und Boote wurden von ihren Ankerplätzen gerissen und stürzten um oder trieben fort. Glücklicherweise fuhren zwei mit Passagieren beladene Dampfer zu der kritischen Zeit oberhalb bezw. unterhalb der Stadt auf dem Flusse, doch sind verschiedene andere, auf dem Flusse befindliche Dampfer mit Mann und Maus untergegangen. Der Wirbelsturm überraschte Tausende von Menschen, die aus dem Geschäftscentrum der Stadt nach Hause eilten. Da das elektrische Licht erloschen, der Trambahn- und Eisenbahn- dienst eingestellt war, so mußten viele Tausende die Nacht in der Stadt zubringen. Viele Häuser wurden in Trümmer gelegt, andere durch die Blitze in Brand gesteckt. Die Feuerwehr bekämpfte 14 Brände. Die Geschäftstheile, besonders in Ost-St. Louis, haben stark gelitten. Viele hohe Elevatoren und zwölfstöckige Lagerhäuser am Mississippi find in Trümmer gelegt. Alle am Quai liegenden Dampfer sind untergegangen. Der große „Vandalia"- Speicher stürzte mit einem gewaltigen Krach zusammen. 35 Leute wurden unter den Trümmern begraben. Eine Mauer dcS Gefängnisses fiel ein, und von der Straße aus konnte man in das Innere des Gebäudes sehen. Zur Zeit machten sich die 200 Gefangenen im Gefängnißhofe körperliche Bewegungen, sie benutzten aber die Gelegenheit zur Flucht nicht; auch wurde keiner von ihnen verletzt. Die Bassins der „Oel-Gesellschaft" flogen in die Luft. Besonders in dem Armenquartier von Ost-St. LouiS hat der Cyklon furchtbare Verheerungen angerichtet. Ein Eisenbahuzug wurde, als er die Brücke über den Mississippi passirte, umgeweht, und nur die starke stählerne Balustrade verhinderte, daß er in den Fluß fiel. Die Passagiere wurden arg durcheinander geworfen, doch kamen sie mit geringen Verletzungen davon. Eins Cigaretten- fabrik, wo 200 Mädchen beschäftigt waren, fiel ebenfalls ein. Wie viele Mädchen umgekommen sind, steht noch nicht fest. Die Güterwagen auf den Bahngeleisen stieß der Sturm hin und her. Einige fielen in den Graben, andere wurden ellenweit in's Feld geschleudert. Lokomotiven wurden umgeworfen und die Personenwagen waren ein Spielzeug für den Cyklon. Tausende von Schafen und Rindvieh sind zu Grunde gegangen. Das grüne Wasser des Mississippi bauschte sich zu ungeheuren Wellen auf und prallte gegen den Quai an. Einige Schiffe wurden in die Luft gehoben und dann wieder unter dem Wasser fortgewirbelt. St. Louis steht aus, als ob es vom Feinde bombardirt worden wäre. Die ganze Nacht war die Stadt in Dunkel gehüllt. Viele Personen wurden durch den Sturm gegen die Mauern geschleudert, und selbst Wagen mit Pferden wurden durch die Luft gerissen. Durch die überall herumliegenden elektrischen Drähte sollen nicht wenige Menschen getödtet worden sein. Da eS nicht möglich war, telegraphisch Ambulanzen herbeizurufen, so wurden die Todten und Verwundeten in gewöhnlichen Wagen nach dem städtischen Hospital gebracht, das bald überfüllt war. Ein Theil dieses Hospitals war überdies auch durch den Sturm zerstört worden, und so brachten die Aerzte ihre Patienten in provisorische Räume. Einige der 450 Kranken stürzten schreiend aus ihren Betten auf die Straße, um sich zu retten. Ein Theil des Daches von Convention Hall, wo die republikanische Nationalconvention am 17. Juni abgehalten werden soll, ist fortgerissen worden, und die übrigen Theile des Gebäudes sind durch herumfliegende Eisenstücke durchlöchert worden; doch glaubt man, in 10 Tagen die nothwendigen Reparaturen machen zu können. Als der Sturm auf seinem Höhepunkte war, brach ein Gasometer zusammen, und die Leute wurden durch hoch in die Luft schießende Flammen erschreckt. Der Wasserbehälter war zur Zeit fast voll, allein der Sturm warf ihn ganz um. Sehr schwer hat das im äußersten Südosten der Stadt liegende Armenhaus gelitten. DaS ganze Dach des von Frauen bewohnten Gebäudes wurde fortgerissen; der Thurm auf dem Mittelgebäude wurde weggeweht und stürzte durch dasselbe. Von den 1030 Insassen wurden merkwürdigerweise nur 8 durch herumfliegende Eisen- und Glassplitter verletzt. Viele Mühe machten den Wärtern die Irrsinnigen, die erst nach dem Aufhören des Sturmes beruhigt werden konnten. In einem der Hospitäler saß eine Frau neben ihrer kranken Schwester, die ein 1 Jahr altes Kind auf ihren Armen hielt, während ihr 4jähriges Kind nebenan spielte. Die Frau sah den Sturm kommen, allein noch ehe sie den Raum verlassen konnten, stürzten die Mauern auf die Gruppe und tödteten sofort beide Kinder. Ein Bild wildester Zerstörung boten die Ufer des Mississippi. Auf dem Westufer desselben zwischen Biddlestreet und Chateau Avenue lagen eine Menge Dampfer und Werftboote. Dieselben waren nach dem Sturme alle verschwunden, gesunken oder weggetrieben. Das Anchortine-Werftboot und ein Excursionsboot waren hoch auf den Quai geworfen worden, und zwar erkannte man aus ihrer Lage die rotirende Bewegung des Sturmes. Nördlich von der Cad-Brücke ist am Ufer nicht ein Haus stehen geblieben. und eS gibt kaum eine Familie, die nicht mindestens ein Mitglied verloren hat. In vielen Fällen sind ganze Familien getödtet worden. Der Maschinist des über die Cad- Brücke fahrenden ZugeS von Alton nach Chicago vermochte durch seine Geistesgegenwart großes Unglück zu verhüten, indem er Volldampf gab, sobald er die Gefahr bemerkte, die durch das Abfallen der Granitquadern an dem Endpfeilrr drohte; so sauste er über die gefährliche Stelle hinweg, und es war keinen Augenblick zu früh, denn gleich nachdem der Zug durch war, erfolgte der Einsturz. Die Brücke ist auf einer Länge von 100 m abgebrochen. Der im Südwesten der Stadt verwüstete Theil ist 6 Kilometer lang und ^Kilometer breit. Am Donnerstag fuhren die Eisenbahnzüge wieder. In jedem Theil der Stadt find Hospitäler eröffnet und viele Bürger haben ihre Häuser für die Verwundeten zur Verfügung gestellt. Das Rettungswerk schreitet jedoch nur langsam fort, da die Mauern der verwüsteten Häuser einzustürzen drohen. Die Zahl der Getödteten dürfte zwischen 400 bis 500 schwanken, während der Schaden an Eigenthum zwischen 10 und 30 Millionen Dollars geschätzt wird. Die Verkehrsstörung wird noch längere Zeit dauern, da der Sturm über St. Louis hinaus gewüthet hat; u. A. find mehrere Eisenbahnzüge vom Geleise in die Prairie geschleudert worden. Im Süden von Illinois find mehrere Ortschaften schwer heimgesucht worden, und auch von dort wird der Verlust vieler Menschenleben gemeldet. Die Stadt St. Louis ist in Folge ihrer Lage den von Wirbel- stürmen drohenden Gefahren besonders ausgesetzt. Auch sonst ist die Stadt wiederholt von schweren Unglücksfällen betroffen worden. Im Jahre 1849, als St. Louis nur 75,000 Einwohner hatte, wurde die Hälfte der Stadt während eines Sturmes durch Feuer zerstört. Es verbrannten außerdem 20 Dampfer. Am 29. Januar 1853 verbrannten die Dampfer „New-Lucy" und „New-Eng- land", und am 6. Juli 1856 wurden sechs Dampfer durch Feuer zerstört. Im September 1863 suchte ein Erdbeben die Stadt heim, und im Monat darauf verbrannten wieder verschiedene Dampfer. Am 25. Oktober 1866 verursachte ein Cyklon großen Schaden, und am 19. Januar 1870 zerstörte ein heftiger Sturm viel Eigenthum. Im März und April 1872 wurde der Ort von drei Cyklonen heimgesucht. Am 11. April 1877 brannte das Southern Hotel nieder, wobei viele Menschen umkamen, und am 13. Juli 1883 und am 12. Januar 1890 wütheten heftige Stürme. Diese und manche andere Kalamitäten haben die Einwohner von St. Louis mit der ihnen eigenen Energie stets schnell zu überwinden gewußt und es unterliegt keinem Zweifel, daß sie auch dem neuesten, besonders schweren Unglück gewachsen sein werden. Freude und Leid der aufstrebenden Stadt finden um so eher einen Widerhall in Deutschland, als in St. Louis nicht weniger denn 150,000 Deutsche, also ein Drittel der gesammten Bevölkerung, leben. Ein guter Freund. .Suche in niemand einen guten Freund tu finden. Der nicht einen Freund in Dir gesunden hat!' Ein etwas scharfer Freund zwar ist es, von welchem hier die Rede sein soll, doch ein sehr empfehlenswerther, vtelbeliebter, wenn gleich noch immer nicht so allgemeiner Allerweltsfreund, wie er wegen seiner vielen guten Eigenschaften es verdiente: Der Rettig! Lange, sehr lange und wett reicht schon fein Ruf zurück, bis ins graueste Alterthum, als er — im Reiche der Chinesen, seiner eigentlichen Heimath, wild emporwachsend — noch im engern Kreise seine wohlthätige Wirkung! ausübte, ja bis zu den mumienhaften Acgyptern dieselbe hin erstreckte. — Auch bei uns wird er seit alten Zeiten geschätzt und angebaut, als Sommer- wie als Winterrettig; seine feineren, zarten Sprößlinge dagegen: die Monatsrettige oder Radieschen, kamen erst im 16. Jahrhundert aus Italien nach Deutschland. Aus dem Alterthum verpflanzte Freund Rettig sich und seine Heilkräfte ins Mittelalter, deren nützliches Wirken durch frühes Aufstehen und entsprechende Bewegung unterstützt werden mußte. „Steh' bet Zeiten auf, dann setz' dich in ein Schwitzbad, und — iß einen Rettig!" lautete eine mittelalterliche Gesundheitsregel. Mehr und mehr verbreitet, als wohlfeiles, wohlthuendes Genuß- wie als eine Art von Hausmittel aber ward der Rettig, nachdem er auch in die Neuzeit hinein Wurzel schlug! Hoch im Norden wie im sonnigen Süden hat er Anhänger gefunden, obgleich er z. B. im schönen Italien nicht recht gedeihen will, sondern dorthin importiert wird. Dem frugalen Spanier bedeutet er sogar eine genügende Mahlzeit, während der französische Feinschmecker ihn mehr als Mittel zum Zweck, das heißt pikantes Zubehör, betrachtet. In Rußland aber hat er sogar im vorigen Jahrhundert schon eine diplomatische Rolle gespielt, die zugleich Zeugniß ablegt für seine dortige Beliebtheit, indem nämlich der mächtige Fürst Potemkin, Günstling der großen Czarin Katharina II., ihn zur Beschwichtigung der vielen, in seinem Vorzimmer auf Audienz harrenden Bittsteller benutzte, durch Präsentieren silberner Schüsseln mit Nettigscheiben, nebst dem obligaten Schnaps dazu, was auf Gaumen und Geduld der wackern Russen eine so günstige Beeinflussung ausübte, daß sie nicht einmal murrten, wenn sie am Ende, nach langem Warten, ohne empfangen worden zu sein, sich von bannen trollen mußten. — Besonders jedoch ist Deutschland die Hauptstätte für Rettigkultur und Nettig- liebhaber, speziell der Süden mit seinem gemüthlichen Land des Bieres: Bayern, und dessen Residenzstadt an der schönen grünen Jsar: München! Nichts geht dem echten rechten „Astrologen" über seinen „Radi", wie die landesübliche Bezeichnung lautet für den guten Freund des Hauses und Wirthshauses, der namentlich im Sommer zum Bier gehört wie's liebe Brot, kunstgerecht und fein geschnitten, und richtig gesalzen, wie es — ausnahmsweise einmal auf gastronomischem Gebiet — am besten und gewandtesten das stärkere Geschlecht versteht. Welch ein Genuß ist für den Kenner ein frisch aus der Erde gezogener Rettig, mit kühlem Wasser abgewaschen, um dann in möglichst dünnen Scheiben zum schäumenden Nasse des Gambrinus verspeist zu werden, ganz abgesehen davon, daß Freund Rettig die gute Eigenschaft besitzt, vor der Mahlzeit den Appetit zu reizen, und nach derselben — in Folge seiner stark zertheilenden Kraft — die Verdauung zu befördern. — So pflegt er überall, wo er sich eingebürgert hat, ein gar gern gesehener Gesell zu sein, der besonders tief im Volke eingewurzelt ist, als allgemeiner Leib- und Magenfreund! Außerdem aber ist er eine Art von Naturarzt, gut für den Magen, und gesund für daS Blut. Schon in früheren Zeiten galt er dafür, ward seine frische Wurzel bei Husten und Ver- schleimung von den Aerzten selbst verordnet, während man den heilsamen Saft gegen die schreckliche Pestkrankheit 360 — anwendete. Auch gegenwärtig gilt Rettigsast mit Kandiszucker als gutes Hausmittel gegen Heiserkeit und Husten, oder man betrachtet als lösendes Mittel gegen chronischen Husten: Honig, etliche Tage in der Hülle eines ausgehöhlten Rettig aufbewahrt, weil — ohne seine Süßigkeit zu verlieren — derselbe Aroma, Kraft und Saft deS Rettig an sich zieht, ähnlich wirkend wie Nettigsaft und Rettig-Bonbons, die ja bekannte Handelsartikel bilden, wegen der Tugend der Nettigwurzel, den zähen Schleim im Körper zu zertheilen, und auS der Brust ihn zu vertreiben. Auch soll das auS der Wurzel gebrannte Wasser, noch mehr aber der Rettigsast, gute Dienste leisten bei Milz- und Leberleiden rc., und die Wurzel selbst — in dünne Scheiben geschnitten und mit Salz bestreut — auf die Fußsohlen gelegt, bei Fieber die Hitze abziehen. — So manchem aber hat besonders eine steine „Rettig- Kur" von jungen Sommerrettigen schon wohlgethan, womöglich schwarze oder braune, da just deren Schale vor allem auflösende Kraft besitzt, zu feinen, runden Schnitten gespalten, die man salzt und gleich verspeist, ohne sie erst wässern zu lassen, weil das sehr schädlich für den Magen wäre. Etwa drei Wochen hindurch, außerhalb der Essenszeit, 1—2 Rettige täglich gegen vier Uhr nachmittags gegessen, macht frei von mancherlei Beschwerde, indem der Rettig die lobenswerthe Eigenschaft besitzt: schädliche Stoffe auszuscheiden; es macht aber auch beweglich, heiter, und Appetit, nur darf man ja nicht unterlassen, sich darauf Bewegung zu machen, um Freund Rettigs heilsame Thätigkeit Tag - für Tag nach dem Genuß zu unterstützen. So weiß dieser gute Freund das Angenehme mit dem Nützlichen stets plastisch zu verbinden, und ist er im großen Ganzen auch bet den Herren der Schöpfung beliebter als beim Ewig-Weiblichen, so weiß doch die Hausfrau ihn zu schätzen, als billigen, gern gesehenen Tischgast; theils in seiner schlichten, natürlichen Gestalt, theils recht feinscheibig geschnitten, unter Gurkensalat gemischt. — Daß sogar auf dem Gebiet der Kunst der Rettig bereits rühmlichst sich hervorgethan, beweist seine Mitwirkung bet Garten- und landwirthschaft- lichen Ausstellungen, an denen er — ausgezeichnet durch Staats- und andere Preise — nebst der großen Familie seiner Arten, Abarten und Färbungen, mit ehrendem Erfolge Antheil nimmt. Auch Frau Poesie hat Freund Rettig mehrfach schon besungen! So findet er z. B. sogar in einem Stammbuch des vorigen Jahrhunderts sich verewigt, nämlich in dem eines reisenden Bäckergesellen und Hamburger Bürgerssohn, der nach damaliger guter Sitte dasselbe mit auf die Wanderschaft nahm. „Bier und Brot in jeder Noth, geb' Dir unser Herregott!" schrieb ihm ein gemüthlicher Münchener hinein; ein zweiter lustiger Bicrbruder fügte schnell hinzu: „Und ex begnad'Di auch mit'n Radi!" — Was aber eigentlich ein guter „Radi" (Rettig) zu bedeuten hat, und wie lieblich der Lockruf: „Die ersten Rettige!" stets in die Ohren klingt, und den Mund schon im voraus wässern macht, trotz der anfangs oft noch recht „gesalzenen" Preise, daS weiß freilich nur der „Eingeweihte" voll zu würdigen, denn nichts geht über diesen scharfen, aber guten Freund. ---S-MSS-- Allerlei. Dieser Tage vollzog sich in Madrid eine jener eigenartigen Feierlichkeiten, wie sie der spanische Hof in unübertroffener Fülle bietet, das ist die Uebergabe deS Anzuges, den der kleine König AlphonS XIII. während des feierlichen Gottesdienstes am Dreikönigstage trug, an den Grafen von Nibadeo. Um halb zwölf Uhr Vormittags verließ den königlichen Palast ein prachtvoller, von sechs normannischen Pferden gezogener Prunkwagen; in diesem saß ein Kammerherr, begleitet von einem Lakai, der auf einer herrlichen silbernen Schüssel den bewußten Anzug trug. Neben und hinter dem Wagen ritt eine Abtheilung Hellcbardiere. Der Zug begab sich nach der Castellana-Avenue, wo der Palast des Herzogs von Hijar steht, der zugleich Graf von Nibadeo ist. Der Herzog empfing das eigenthümliche Geschenk, indem er seinen tiefgefühlten Dank dafür aussprach. Diese Förmlichkeit wiederholt sich, laut „Frkf. Ztg.", jedes Jahr um diese Zeit, und zwar schon seit mehr als vier und einem halben Jahrhundert. Im Jahre 1431, als sich der König von Kastilien, Don Juan II., in Toledo befand, verschworen sich die Großen des Reiches auf Anstiftung deS Jnfanten Don Enrique gegen ihn und beschlossen, ihn zu tödten. Die Ermordung sollte während eines Gastmahls, an dem der König am Dreikönigstage theilnehmen sollte, erfolgen. Als nun am genannten Tage das erwähnte Bankett seinen Anfang genommen hatte, trat plötzlich Don Rodrigo Villandrando, Graf von Nibadeo, an Juan II. heran und raunte ihm einige Worte in's Ohr, worauf sich der König hastig erhob und mit dem Grafen in einem Seiten- Gemach verschwand. Die Großen vermutheten, daß die Verschwörung entdeckt worden, und ehe der König entfliehen konnte, stürzten sie mit gezücktem Degen in daS bezeichnete Seitengemach. Dort fanden sie einen Mann, der mit den Abzeichen der königlichen Würde bekleidet war, stießen ihn nieder und zogen sich schleunig zurück. Sie hatten aber nicht den König getödtet, sondern den Grafen von Nibadeo, der seinen Anzug mit dem seines Fürsten vertauscht hatte. Juan II., der dadurch gerettet wurde, verlieh aus Dankbarkeit den Nachkommen deS Grafen das Vorrecht, jedes Jahr am Dreikönigsfest zur rechten Seite des Königs zu essen und den an diese« Tage vom Könige getragenen Anzug eingehändigt zu bekommen. So haben sich seit 46S Jahren im Hause der Nibadeo die königlichen Anzüge in staunenswerthem Maße gehäuft und bilden eine der merkwürdigsten Kostümsamm- lungen, die es in der Welt gibt. ---SLIWS---- Der Korsthof. Um des WalbeS Lichtung schließen Föhren sich zum grünen Kranz, Freundlich spielt auf ihren Wipfeln dann und wann der Sonne Glanz; Friede, Gottes Friede weilet über'm kleinen Försterhaus, Friede wandelt mit des Forstes frischen Düften ein und auS. Treues Bild des Sommerhimmels, grüßt der stille, blaue Teich» Und cS gleiten schwarzeSchwäne plätschernd durch ihr kleinesReich; Försters Tochter, schlank und züchtig, sinnend steht am Uferrand, Löst die dunklen Ringellocken mit der schmalen weißen Hand. Düst're Geister, düst're Sorgen, fleucht von hinnen, hebt euch fort— Denn geweiht ist diese Stätte, denn geweiht ist dieser Ort! Friede wohnt in jedem Raume, Friede wandelt ein und aus, Friede, Gottes Friede weilet freundlich über Hof und Haus! Maximilian Dursch. ——»ZZAA--- « 48 . 1896 . „Augsburger Postzeitung". Dinstag, den 9. Juni Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druc! und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Schicksalsroege. Erzählung von Clarisse Borges. (Fortsetzung.) Doch die Entrüstung der Mädchen war ebenso groß als die der Mutter, als sie dem Berichte gelauscht hatten. Es kam ihnen gar nicht in den Sinn, daß Fräulein Adair die Liebe des Gutsbesitzers gar nicht gesucht, im Gegentheil, sie hatte seine Nähe vermieden und würde wahrscheinlich seine Bewerbung ausschlagen. Sie verurteilten sie ungehört und gaben ihren Unmuth in den heftigsten Ausdrücken kund. „Sie hat mir stets mißfallen; sie ist eine herzlose Kokette", rief Babette zornig, „aber ich glaubte, sie wollte einen Anderen in ihre Netze fangen." „Wen meinst Du?" „Ich habe keine Beweise, sonst hätte ich Dich längst gewarnt, Mama, aber ein Jeder kann sehen, wie sehr sie ihre Fühlhörner nach dem Inspektor von Wildenthal ausstreckt. Es würde ihr schon gut gefallen, Leos Gattin zu werden, besonders wenn das alte Stammschloß später wieder in seinen Besitz übergeht — dann wird sie auch eine Gräfin." „Und jetzt wird sie die reiche Frau Mayfeld", jammerte Florentine. „Oh, es ist entsetzlich; sie wird über uns triumphiren, und das ertrage ich nicht. Wenn das Gut wenigstens nicht ganz in der Nähe von Ebersheim läge, so wäre es nicht so schrecklich." „Seid ruhig, meine lieben Kinder", tröstete die Mutter, „Fräulein Adair wird niemals Herrn Mayfelds Gattin werden." „Kannst Du das vermeiden? Wenn er sie hier im Hause nicht sieht, wird er ihr schreiben." „Ich habe ihn gebeten, heute zum Abendbrod zu kommen." „MutterI" wie ein Angstschrei kam dieser Ausruf von den Lippen beider Mädchen. „Thörichte Kinder! Glaubt Ihr denn, ich würde diese Schlange länger in meinem Hause behalten? Ehe wenige Stunden vergangen sind, ist sie längst wieder in der Residenz, und dort kann sie in Ruhe über ihren gestörten Glückstraum nachdenken." „Dort kommt sie", rief Babette, einen Blick durch das Fenster werfend, „sie biegt soeben in den Garten ein." „Frau Berghaupt wünscht Sie zu sprechen", berichtete das Hausmädchen, und ahnungslos betrat die Gouvernante das Wohnzimmer. Es war eine entsetzliche Scene. Drei erzürnte Frauen stürmten heftig auf ein armes Mädchen ein, und alle drei waren klug genug, nicht mit schlichten Worten zu sagen, womit sie gefehlt und wodurch sie die Damen beleidigt habe. In herben, schroffen Ausdrücken sagte Frau Berghaupt, daß sie ihr die Obhut ihrer Kinder nicht länger anvertrauen könne, da sie ein frevelhaftes, kokettes Spiel hinter ihrem Rücken treibe und nur die Aufmerksamkeit junger Herren zu fesseln suche. „Natürlich könne man sich darüber nicht wundern, wenn man ihrer Herkunft gedenke", fügte die gereizte Frau höhnend hinzu, „aber für eine ehrbare Lehrerfamilie sei eine solche Hausgenossin nicht passend, sie müsse daher das Haus noch am selben Tage verlassen." Dieser plötzliche Sturm traf Martha Adair gänzlich unerwartet. Hätte Frau Berghaupt offen eine Anklage ausgesprochen, so würde sie sich vertheidigt haben, aber jetzt stand sie ganz sprachlos da. Konnte die höhnende Bemerkung über ihre Herkunft sich auf ihre Mutter beziehen, die in ihrer drückenden Noth als Schauspielerin ihr Dasein gefristet hatte? Oder wußte sie, daß der junge Inspektor Wildenthal häufig mit ihr auf den Spaziergänger: zusammentraf? Diese Begegnungen waren nach ihrer Meinung ganz zufällig gewesen; sie hatte im Hause offen darüber gesprochen, und auch die Kinder hatten von Leo erzählt und freuten sich über die lustigen Geschichten, die er zu erzählen verstand. Sie sah bestürzt die Mutter, dann die Töchter an, doch Aller Blicke waren feindselig und erzürnt auf sie gerichtet. Die drei Damen waren nie freundlich gegen die arme Erzieherin gewesen, aber bis heute war sie noch nicht von ihnen beleidigt. Endlich fand sie ihre Sprache wieder. „Ich habe kein Unrecht gethan und bin mir keiner Schuld bewußt", sagte sie ernst, sich hoch aufrichtend. „Vom ersten Tage an, seitdem ich Ihr Haus betrat, habe ich gewissenhaft meine Pflichten erfüllt und verstehe daher nicht, wodurch ich Sie beleidigt habe." „Wir sind nicht so blind, wie Sie zu glauben scheinen", rief Frau Berghaupt empört. „Jedenfalls bin ich Herrin in meinem eigenen Hause, und als solche gebiete ich Ihnen, dasselbe sofort zu verlassen. Sie werden weder mit den Kindern, noch mit dem Hausmädchen ein Wort reden, denn Sie sollen in unserem glücklichen Familienkreise nicht noch mehr Unheil anrichten. Bis Ende dieses Quartals zahle ich Ihnen Ihr Gehalt, es ist» mehr, wie Sie durch Ihr Betragen verdient haben — aber sagen Sie Mademoiselle La Röchelte, daß ich aus ihrem Hause und auf ihre Empfehlung keine Erzieherin mehr nehmen werde." Das Glück schien die erregte Frau zu begünstigen. Der Lehrer ließ sagen, daß er bei einem College« speisen und vor 4 Uhr nicht zurückkehren werde. Den Kleinen wurde gesagt, Fräulein Adair habe Kopfschmerzen, und Babette erzählte ihnen im Schulzimmer eine Geschichte, um sie dort zu fesseln. Frau Berghaupt begab sich selbst in Fräulein Adair's Zimmer, um das Einpacken der wenigen Habseligkeiten zu beschleunigen und ihr zu sagen, daß der Wagen vor der Thüre zur Abfahrt bereitstehe. Schweigend schob sie dem armen Mädchen einige Goldstücke hin; sie brannten wie Feuer in Martha's Fingern, und am liebsten hätte sie dieselben liegen lassen, doch gänzlich mittellos durfte sie den Kampf mit dem Leben nicht aufnehmen. — Schweigend fuhren sie der entfernt liegenden Bahnstation zu. Mit geschlossenen Augen lehnte sich die Ausgestoßene in die Kissen zurück und sann über die ungerechte Härte nach, die ihr begegnet war. An die Zukunft dachte sie gar nicht; sie wollte zu Mademoiselle zurückkehren; sie war ja hart und streng, aber auch gerecht. Frau Berghaupt löste ihr eine Fahrkarte III. Classe, und es war die höchste Zeit, denn der Zug stand schon zur Abfahrt bereit. „Es wird ein Tag kommen, wo Sie einsehen werden, daß ich keine Schuld habe, dann bereuen Sie vielleicht Ihre ungerechte Härte gegen mich", sagte Martha, als sich der Zug langsam in Bewegung sehte. „Führen Sie fernerhin ein weniger leichtsinniges Leben", höhnte die erbitterte Frau, doch ihre Worte verhallten ungehört, und als sie langsam den Heimweg antrat, ahnte sie nicht die Sorgen, die ihrer harrten, und gern hätte sie Jahre ihres Lebens dahingegeben, um ihre That ungeschehen zu machen. Sie war ungewöhnlich ruhig; eine eisige Kälte lagerte sich auf ihrem Antlitz. „Kommt heute Herr Mayfeldt — was willst Du ihm sagen?" flüsterte Babette ihr leise zu. „Er kommt nicht, ich habe ihm einige Zeilen geschrieben", lautete die ebenso leise gegebene Antwort. Ja, sie hatte geschrieben und gesagt, Fräulein Adair sei sehr bestürzt und erschrocken gewesen; sie habe ihr im Vertrauen mitgetheilt, daß ihr Herz nicht mehr frei sei, deßhalb bitte sie Herrn Mayfeldt, ihr Haus in nächster Zeit zu vermeiden. „Wo ist denn unser liebes Fräulein Adair?" fragte der Lehrer gut gelaunt, als er sich mit seiner Familie am Nachmittage um den Kaffeetisch versammelte, „die Kinder sagen, sie habe Kopfschmerzen, aber eine Tasse Kaffee würde ihr doch gut thun." Frau Berghaupt gab ihren Kindern ein Zeichen, das Zimmer zu verlassen, und als sie mit ihrem Gatten allein war, sagte sie kurz und rauh: „Fräulein Adair hat auf meinen Befehl unser Haus verlassen I" „Helene!" noch nie hatte der Lehrer seine Gattin so vorwurfsvoll angeblickt; „es ist wohl nur Scherz? Sie war doch heute Morgen noch hier, und ich bin überzeugt, daß sie von Deinem Vorhaben keine Ahnung hatte. Was hast Du mit dem armen Mädchen gemacht!?" „Ich bin doch Herrin in meinem eigenen Hause", sagte die Frau, vor Erregung an allen Gliedern bebend, „Fräulein Adair hat meine liebsten Hoffnungen zerstört, darum sandte ich sie fort." „Was hat sie Dir gethan?" Dreimal wiederholte der Lehrer im strengen Ton diese Frage, ehe die Gattin erwiderte: „Sie stand unseren Töchtern hinderlich im Wege. Da ist der reiche Herr Mayfeldt und der Pflegesohn meiner Schwester. Beide Herren sind passende Gatten für Babette und Florentine, aber Fräulein Adair mit ihrem puppenartigen Wachsgesicht wollte sie in ihre eigenen Netze ziehen." „Ist das Alles?" „Ist es etwa nicht genug? Babette würde die rechte Gattin für Herrn Mayfeldt werden, und Leo liebte Flora von Anfang an. Es ist mein Wunsch, beide Paare vereint zu sehen." .Helene", begann der Lehrer sehr ernst und feierlich, „noch vor einem Jahre hätte ich Dir den Wunsch vergeben, Deine Töchter schnell verheirathet zu. sehen. In unserer drückenden Lage hätte ich es Dir sogar nicht verdenken können, Dich selbst nach Schwiegersöhnen umzusehen. Aber jetzt liegen die Verhältnisse ganz anders, und kein Schatten von Noth und Entbehrung kann je das Leben unserer Töchter trüben, da sie hinreichende Mittel haben, später eine sorgenfreie Existenz zu führen. Dein Benehmen gegen die arme Erzieherin finde ich einfach unweiblich, grausam und ungerecht." Frau Berghaupt weinte vor Zorn und Empörung. „Sei doch nicht so hart gegen mich", schluchzte sie. „Warum sollte diese Person die Herzen aller Männer gewinnen, während — — —" „Du irrst Dich", unterbrach der Gatte. „Ich denke gar nicht daran, daß Fräulein Adair die Herzen aller Männer gewann. Sie ist schön und anziehend, und da sie einsam und allein in aller Welt steht, fühlt man natürlich ein inniges Mitleid mit ihr. Daraus geht aber noch nicht hervor, daß jeder Mann, der unser Haus besucht, sie zu seiner Gattin machen will, und sollte das der Fall sein, ist es dann die Schuld des unschuldigen Mädchens? Kannst Du denn nur für einen kurzen Augenblick denken, daß Männer, die durch Fräulein Adair's Schönheit angezogen sind, auf Deinen Befehl ihre Meinung ändern und sich schnurstracks in Babette oder Florentine verlieben würden?" „Du hast doch nichts an Deinen eigenen Töchtern auszusetzen?" fuhr die Mutter weinend fort. Der Lehrer zögerte. „Sie sind in trüben Verhältnissen aufgewachsen", sagte er dann langsam, „und ich glaube, die drückende Jugendzeit hat ihren Charakter verhärtet und ihr Gemüth verbittert. Meine liebe Helene, ich glaube kaum, daß ein Fremder sie hinreichend anziehend oder liebenswürdig genug findet, um sie als Lebensgefährtin zu erwählen. Beide können sich nicht einmal interessant unterhalten und haben sehr beschränkte Anschauungen." „Aber Beide sind gut und arbeitsam." „Ganz gewiß; Beide würden auch in bescheidenen Verhältnissen gute, sparsame Hausfrauen werden. Aber Leni, weder Herr Mayfeldt noch Leo bedürfen einer solchen Sparsamkeit, im Gegentheil, sie müssen eine Herrin haben, die zu repräsentiren versteht." Frau Berghaupt war nicht im Mindesten überzeugt. 363 „Du bist, wie alle Männer", spottete sie, „ein hübsches Gesicht macht Dich gegen Deine ganze Familie ungerecht. Du verlangst vielleicht, daß ich jetzt Fräulein Adair um Verzeihung bitte und sie zur Rückkehr in unser HauS veranlasse." „Nein, das verlange ich nicht. Aber ich prophezeie Dir, daß Du keine That Deines Lebens bitterer bereuen wirst, wie die heutige." „Wieso?" Der alte Lehrer beobachtete die Züge seiner Gattin scharf, dann sagte er, jedes einzelne Wort betonend: „Wenn ich nicht irre, hast Du Einen von der Liste der Herren ausgelassen, die sich um Martha Adair's Gunst bewerben, und indem Du sie hartherzig verstoßen hast, zerstörtest Du die Hoffnungen, ja das Lebensglück Deines eigenen Sohnes?" „Willy?I Du willst doch nicht sagen, daß er sich um sie bekümmerte?" „Meine liebe Frau, schon seit Wochen habe ich sein Geheimniß geahnt und weiß, daß nur seine untergeordnete Stellung als Assistenzarzt ihn von seiner Werbung abgehalten hat. Noch vor Liner Stunde traf ich ihn und fragte ihn ganz offen, und er will noch heute kommen, um dem Fräulein Herz und Hand anzubieten. Der arme Schelm ist nichts weniger als gesund und kräftig; noch heute Morgen litt er an heftigen Ohnmachtsanfällen, von denen er sich aber bald wieder erholt hat. Ich sagte ihm, Martha Adair sei gerade die richtige Lebensgefährtin für ihn, sie würde wohl wie ein Sonnenstrahl sein Leben erhellen." Das Herz der gequälten Frau zog sich jetzt krampfhaft zusammen. „Was soll ich ihm denn sagen?" stöhnte sie schmerzlich. Der alte Herr schüttelte wehmüthig sein Haupt. „Du kennst Deinen Sohn ebenso gut wie ich ihn kenne", sagte er leise, „er ist treu, beständig und wechselt nicht schnell seine Gefühle. Wenn jemals ein Mann eine heitere, fröhliche Gattin bedarf, so ist es unser Willy." „Aber Fräulein Adair hat gar kein Vermögen", warf die Gattin ein. „Meine Liebe, Du hattest auch keinen Heller, als ich Dich als Gattin heimführte, außerdem warst Du in einem vornehmen Schlosse erzogen, und Martha Adair würde in einer Hütte glücklich und zufrieden sein. Als ich vor Kurzem unseren Sohn verließ, war mein Herz voller froher Hoffnung für seine Zukunft, während jetzt-" Frau Berghaupt erbleichte. Ach! die Folgen ihrer unüberlegten Handlung zeigten sich allzu rasch. „Wer soll es ihm sagen?" schluchzte sie. „Das istDeine Strafe —nur sage es ihm schonend", erwiderte ernst der Lehrer. „Es ist niemals gut, dem Geschick muthwillig entgegen zu treten, und abgesehen von der Angst und Sorge, in die Du das arme Kind gestürzt hast, zerstörst Du mit grausamer Hand das Glück Deines Sohnes. Du warst hart und grausam gegen Martha, kannst Du je erwarten, daß sie Deine Tochter werden möchte?" „Willy wird mir niemals verzeihen, daß ich sie fortsandte," schluchzte die arme Frau bitterlich. „Sage ihm die volle Wahrheit. Es ist besser, er hört sie von Dir, als wie von fremden Menschen. Wohin wollte sich Martha wenden?" „Gewiß zu Mademoiselle La Rochette. Ich fragte sie aber nicht." „Hm I Die Dame ist gerecht — sie wird ihr Obdach gewähren. Unter den obwaltenden Umständen halte ich es für besser, daß Willy sofort an die Hochzeit denkt, vorausgesetzt, daß sie jetzt noch seine Werbung annimmt." Zum ersten Mal in ihrem Leben fürchtete Frau Berghaupt die Unterredung mit ihrem Sohne; es war ihr nicht möglich, seinen Blicken zu begegnen, als sie die traurige Geschichte erzählte. Kein Wort, kein Vorwurf kam über seine bleichen Lippen, nur auf seinem Antlitz malte sich stumme Verzweiflung. „Sie ist jetzt sicher bei Mademoiselle La Rochette", fuhr die Mutter weinend fort und hoffte vergebens auf ein einziges Wort, denn das Schweigen ihres Sohnes war beängstigend, „reise morgen zu ihr, mein lieber Willy, und alles wird wieder gut werden; aus Liebe zu Dir wird sie auch Deiner Mutter vergeben." Doch der junge Arzt schüttelte nur wehmüthig das Haupt. „Jetzt darf ich es nicht mehr wagen. Glaubst Du, ich könnte ihren Blick ertragen, nach allen Beleidigungen, mit denen Du sie überhäuft hast? Nicht einmal in demselben Zimmer möchte ich mit ihr weilen." „Aber sie liebt Dich und Du liebst siel" Er wollte sprechen, doch ein tiefes, beängstigendes Röcheln erstickte seine Stimme. Leichenblaß fiel er in den Sessel zurück, und zum Schrecken seiner Mutter entquoll ein Blutstrom seinen Lippen. Ach! diese unerwartete Nachricht war verhängniß- voll für ihn geworden. Jetzt brauchte der gutmüthige alte Pfarrer nicht mehr besorgt zu sein, den Eltern schonend die Nachricht zu überbringen. Sie wußten jetzt, daß das Ende nicht mehr fern und beschleunigt sei durch die unbesonnene Handlung der Mutter. VI. Mademoiselle La Rochette saß allein in ihrem Arbeitszimmer. Ihre tiefen, seelenvollen Augen blickten ernst auf die wenigen Worte eines Telegrammes, das sie in der Hand hielt, und eine tiefe Falte des Un- muths lagerte sich auf ihrer Stirn. Sie las die Worte zum zweiten und zum dritten Male, ohne den Inhalt genau zu verstehen. „Bitte, veranlassen Sie Fräulein Adair sofort zur Rückkehr zu uns; wir wollen sie herzlich empfangen", las sie wieder und wieder. Sie verstand den Sinn dieser Botschaft nicht und wurde erst durch die schüchterne Bemerkung des Hausdieners aus ihrer Träumerei geweckt, der leise bemerkte, daß der Bote draußen schon lange ihrer Antwort harre. Schnell warf sie mit Bleistift die wenigen Worte auf Papier: „Erklären Sie sich deutlicher, wenn ich Ihnen helfen soll. Ich habe Fräulein Adair nicht wiedergesehen, seitdem sie vor Monaten zu Ihnen ging." Sobald die Depesche abgesandt war, suchte sie vergebens den Gedanken an Martha Adair zu verscheuchen. Es wollte nicht gelingen, selbst als sie in der Selecta ihren Zöglingen den englischen Unterricht gab, tauchte vor ihrer Seele das bleiche Antlitz ihrer früheren Schülerin auf und schien sie vorwurfsvoll anzublicken. Gleich nach beendeter Schulzeit ließ sie Jenny 364 Berghaupt und deren jüngere Schwester Nosa kommen ! und fragte, ob sie Nachricht vom Elternhause haben und ^ ob sich dort etwas Besonderes ereignet habe. Die Mädchen antworteten ganz offen, es sei schon acht Tage her, seitdem der Vater geschrieben, und es gehe dort ganz gut. „War Fräulein Adair noch dort?" „Gewiß", versetzte Jenny schnell, „die Kleinen haben sie lieb, und Vater sagte, sie machen gute Fortschritte." „Mama hat sie nicht gern, denn sie ist kokett und eitel", warf Nosa ein. Mademoiselle entließ ihre Zöglinge; die Antwort hatte sie nicht befriedigt. Jetzt mußte sie geduldig einen Brief von Frau Berghaupt abwarten, aber sie war fest entschlossen, auf Marthas Seite zu stehen, selbst wenn die ganze Familie Berghaupt sie auch anklagte. Ehe die erwartete Nachricht kam, wurde ihr der Besuch eines fremden Herrn gemeldet, „Leo von Wildenthal" las sie auf der Karte und darunter die mit Bleistift geschriebenen Worte: „Im Auftrag der Familie Berghaupt". Diese wenigen Worte wirkten elektristrend. Schnell eilte sie in das Empfangszimmer und war nicht wenig erstaunt, dort einem jungen aristokratischen Herrn gegenüber zu stehen, der in seiner stattlichen Manneskraft das Bild ihres längst verschwundenen schönen Jugendideals bot. „Ich bin ein Verwandter und zugleich Hausfreund der Familie Berghaupt", stellte sich der Fremde vor, „und selbst gekommen, nm die traurige Sache zu erklären. Wir hofften, Fräulein Adair hier zu finden, nachdem sie gestern Ebersheim verlassen hat." „Ich muß zuerst wissen, warum sie ihre Stellung so schnell verlassen hat", fragte Mademoiselle streng. „Es war doch ein plötzlicher Entschluß, denn sie hat mir in ihren Briefen nie davon geschrieben." Leo erzählte Alles, sogar die Hoffnungen des Herrn Mayfeldt verschwieg er nicht Frau Berghaupt habe geglaubt, Fräulein Adair habe die Zuneigung dieses Herrn gewonnen, den sie gern als ihren eigenen Schwiegersohn gesehen hätte. In ihrer blinden Eifersucht habe sie die arme Erzieherin entlassen, ohne sogar auf die Rückkehr ihres Gatten zu warten. „Das war sehr unrecht und unweiblich", fiel Mademoiselle dem Sprecher in's Wort. „Sie müssen mir hier Recht geben, obgleich es Ihre Tante ist, die dieses Unrecht begangen hat." Leo nickte. „Ich war selbst über diese erbärmliche Behandlung empört", gab er mit gesenkten Blicken zu, „aber Frau Berghaupt ist hart genug bestraft". „Wieso? Wünscht der Lehrer die Rückkehr der Gouvernante? Berghaupt ist ein gerechter Mann, wiewohl zu schwach für seine Gattin." „Nein, das ist's nicht." In wenigen schlichten Worten erzählte er von der Liebe des kränklichen jungen Arztes, und wie die unerwartete Nachricht ihn auf'sKrankenlager geworfen habe. Mademoiselle barg doch in der äußeren Schale ein weiches Herz. Leo bemerkte, wie sie verstohlen eine Thräne aus den Augen wischte, und obgleich sie die Versicherung gab, sie sei stark erkältet, wußte er doch, daß sie inniges Mitleid mit dem Arzte fühlte. „Und was soll Fräulein Adair jetzt in Ebersheim thun?" fragte Mademoiselle endlich. „Man kann doch nicht von ihr verlangen, daß sie einen Mann heirathet, der nach Ihrer Aussage im Sterben liegt. Sie soll auch nicht ihre Pflichten dort wieder aufnehmen." „Nein, die Heirath ist außer aller Frage", versetzte Leo ernst, „der arme Schelm kann höchstens einige Monate, vielleicht nur ebenso wenige Tage leben. Aber verstehen Sie denn nicht, Mademoiselle, daß er nicht ruhig sterben kann, ehe Fräulein Adair gefunden ist? Der Gedanke, daß sie allein und verlassen in der erbarmungslosen Welt ist, ist ihm eine unerträgliche Qual". Mademoiselle zuckte verächtlich die Achseln. „Das ist die Schuld seiner Mutter", sagte sie wegwerfend. »Zugegeben — aber sie bereut ihre That bitter genug. Der Gedanke, die letzten Tage ihres Sohnes getrübt zu haben, peinigt sie wie Folterqualen. Wenn Sie uns helfen, die Verschwundene zu finden, Mademoiselle, so sind Sie unserer größten Dankbarkeit sicher." „Hml" machte Mademoiselle, „vielleicht weiß Herr Mayfeldt ihren Aufenthalt." „Nein. Er glaubt, wie viele Leute in Ebersheim es glauben, Fräulein Adair sei plötzlich an das Krankenlager einer Freundin gerufen." „Sie hat keine befreundete Familie." Leo's Stirne umwölkte sich. „Sie war seit ihrer Kindheit bei Ihnen, Mademoiselle, wollen Sie uns nicht helfen, ihren Aufenthalt aufzufinden?" bat er flehentlich. „Gehen Sie nach dem Centralbahnhof und halten Sie dort Nachforschungen", schlug die alte Dame vor, „vielleicht fürchtet Sie sich hierher zu kommen und nimmt ein kleines Logis in der Vorstadt, bis sie eine andere Stellung findet." „Aber wie soll ich sie allein auffinden? Hätten Sie des Arztes tieftraurigen Blick gesehen, als ich mich zur Auffindung seiner Geliebten anbot, so würden Sie meine Sorge verstehen, ohne Nachricht heim zu kommen. Mademoiselle seufzte. „Es thut mir leid um den jungen Mann, aber wie ist ihm zu helfen, da geschehene Dinge sich nun einmal nicht ändern lassen? Nach meiner Meinung ist es vergebliche Mühe, Fräulein Adair hier in einer der vielen Vorstädte aufsuchen zu wollen; sie könnten ebenso vergeblich eine Stecknadel in einem Heuwagen suchen. Sollte sie aber zu mir kommen, so findet sie bei mir eine Heimath und liebevolle Aufnahme; doch das wird sie kaum thun, denn sie ist stolz und hat einen festen Charakter. Wenn Sie meinen Rath hören wollen, so erkundigen Sie sich auf dem Centralbahnhof, vielleicht erinnern sich die Beamten ihrer und wissen, wohin sie sich gewendet hat." „Ich will's versuchen", sagte Leo, der alten Dame die Hand zum Abschiede reichend, „aber Sie sind doch unsere einzige Hoffnung, Mademoiselle. Fräulein Adair wird ohne Hülfe keine Stellung finden, und wer sollte ihr helfen, wenn Sie es nicht thun?" Er ging nach dem Centralbahnhof. Das Glück begünstigte ihn, denn er traf dieselben Beamten, die gestern dort thätig gewesen waren. „Eine junge Dame mit einem schwarzen Reisekoffer?" wiederholte der Beamte, der das Gepäck beaufsichtigt hatte. „Nein, die ist hier nicht ausgestiegen. Es waren sehr viele Reisende in dem Zuge, aber sie hatten kein Gepäck mit sich oder sie fuhren weiter. Nur'zwei Reisekoffer wurden hier ausgeladen. Der eine gehörte einer alien, halb erblindeten Dame, die ein Dienstmädchen zur Begleitung hatte, der andere einem alten Herrn mit . ' - 366 großem, weißen Vollbart. Er hatte eine schöne, junge Dame, wahrscheinlich seine Tochter oder seine Enkelin, bei sich, und beide fuhren in einem Wagen davon." (Schluß folgt.) - Bertoldsheim. (Mit Illustrationen.; (Auszug aus der Beschreibung von Bertoldsheim in dem Neu- burger Collektaneen-Blatt von 1866 und 1867.) Zwischen den zwei merklich heraustretenden, felsigen Höhenpunkten bei Marxhetm mit der Burgruine Lechs- gemünd und dem Antoniusberge bei Stepperg, fast in der Mitte, liegt das Pfarrdorf und der Rittersitz Bertolds- hetm, 3 Stunden westlich von Neuburg und 3 Stunden östlich von Monheim entfernt, auf einer gegen die Donau hervortretenden Anhöhe eines Hügelrandes, der eine Fortsetzung des schwäbisch-fränkischen Juras ist. Ist das liebe Donaugelände ohnehin von Ulm bis Orte „die Bertoldsheimer" sich nannte. Der erste urkundlich Erscheinende aus diesem Geschlechte ist Reinbot von Berchtoldsheim, der 1130 bei Verleihung des SteinhofeS in Pöttmes durch die Aebtisstn Tutta in Monheim an Otto Ritter von Werd als Zeuge vorkommt. Im Jahre 1260 erscheint der letzte dieses Geschlechtes, ein Siegfried von Pertelzheim; vermuthlich erlosch es mit ihm, denn von nun an verschwindet es in den Urkunden, und an dessen Stelle erscheinen die Waller als Besitzer. Die Waller sind ein uraltes Geschlecht; da eS aber verschiedene adelige Geschlechter dieses Namens gibt, so ist nicht bekannt, wo die Bertoldsheimer Waller herstammen. Die Waller starben nach dem Jahre 1504 aus. Im Jahre 1509 erscheint ein Hans von Ellrichshausen als Besitzer von Bertoldsheim. Von diesem Geschlechte kam im Jahre 1638 Bertoldsheim durch Kauf an Gottfried v. Perling. Die Perling waren eine altadelige Familie aus Franken. Von den Perling kaufte die Hofmark Bertoldsheim anno 1712 Franz Fortunat Freiherr von Isselbach, kurpfälztscher General, k. k. spanischer Ge- Bertoldsheim. Original-Aufnahme von Gustav Baader, Photograph in Krumbach. fVervielfülttgungSrecht vorbehalten.; zum Dorfe Joshofen bei Neuburg schön mit wechselvollen Partien, so bildet doch die Lage Bertoldsheims mit seinem Schlosse eine wahre Zierde und einen der schönsten Punkte an der vaterländischen Donau, die sich noch mehr herausstellt, wenn man des Dorfes Höhepunkt besteigt und die entzückende Aussicht genießt über das Donauthal abwärts und noch mehr aufwärts, bis endlich, das Schmutterthal westwärts, sich der Blick in den bläulichen Alpengipfeln verliert. Der Ortsname wurde in verschiedenen Urkunden Per- toltesheim, Bertolhesheim, Berchtoldesheim geschrieben und drückt nichts anderes aus, als die Heimalh eines gewissen Pertold. Dieser Pertold ist wahrscheinlich ein Graf von Lechsgemünd und Graisbach, der selber und sein Geschlecht auch die naheliegenden Besten Hütting, Kunstein und Stepperg theils zum zeitweiligen Aufenthalte, theils zum Schutze seiner Besitzungen erbaute. Die Burg, welche die mächtigen Grafen von Lechsgemünd zu Bertoldsheim erbauten, übergaben sie einem edlen Geschlechte, welches sodann zu ihrem Dienstadel sich rechnete und von dem neralfeldzeugmeister, Gouverneur zu Mannheim. Versehen mit einem ungeheuren Vermögen, das er auf Eseln aus Spanien transportieren ließ, und angezogen durch die herrliche Lage des alten Schlosses in Bertoldsheim, beschloß er den Bau eines ganz neuen, viel prächtigeren, das weit herum nicht seines Gleichen haben sollte. 1714 wurde der Bau durch den Jesuitenbruder des Kollegiums in Neuburg Johann Knör, geboren 24. August 1657 zu Dollnstein, gestorben 25. Oktober 1716, begonnen und in ungefähr anderthalb Dezennien vollendet. General Melbach äußerte sich, es bestehe das Sprichwort: „Pfaffen- und Soldatengut thue kein gut!" Er wolle dieses Lügen strafen und ein Werk herstellen, das Jahrhunderte von ihm zeugen müsse, und er hielt Wort. Er führte ein herrliches, ganz in italienischem Stile gebautes imposantes Schloß auf, mit 70 Gemächern, das auf einem Hügel gelegen von weitem sichtbar ist. Vor dem Schlosse ist eine Terrasse mit einem Lindenwäldchen, welche äußerst anziehend ist und einen besonderen Reiz ausübt durch die herrliche Aussicht über die ungeheure, von der Donau 367 in Schlangenwindungen durchzogene, abwechslungsweise von Bergen, Wäldern und zahlreichen Ortschaften wie mit einer Rahme eingefaßten Fläche. Im Jahre 1790 verkauften die Usselbach'schen Erben Bertoldsheim um 60,000 fl. an den Freiherr» Bernhart von Hornstein, Landmarschall des Herzogthums Neuburg. Dieser verschönerte sowohl das Innere des Schlosses als dessen Umgebung vielseitig, ließ eine treffliche Gemäldesammlung im Schlosse aufstellen und legte unter großen Kosten den schönen Park an, der sich nördlich vom Schlosse bis zur Kirche erstreckt. Von den Freiherren von Harnstein, einer uralten schwäbischen Familie, kam Bertoldsheim durch Kauf an den General Grafen von Eckart. Als dieser 1828 starb, erhielt dessen Tochtermann, der französische General Graf du Moulin, diese Hofmark. Dieses Geschlecht ist gegenwärtig noch im Besitze der Bertoldsheimer Herrschaft. ist jetzt herausgenommen und dafür eine Statue Mariens mit dem Leichname ihres Sohnes auf dem Schooß hinein- gesetzt. Rechter Hand beim Eingang in den Gottesacker ist das schöne Denkmal der Freifrau Theresia v. Hornstein, geb. v. Preyßing, geb. 14. Sept. 1765, gest. 4. August 1804. Links ist das Grabmal der Gräfin Eugenie du Moulin, geb. Gräfin Eckart, Besitzerin von Bertoldsheim, Leonberg und Winklarn, einzigen Tochter des Grafen Eckart und Gattin des Generals du Moulin. Sie starb 11. Aug. 1856, 72 Jahre alt. Im Gottesacker, hinter dem Presbytertum, sind die Grabstätten und sehr schönen Denkmäler des Pfarrers vr. Lorenz Platzer, gest. 7. Juli 1881, dessen Bruders Josef Ferdinand Platzer, kgl. Landrichters in Markt Bibart, gest. 30. Januar 1888, und dessen Schwester Creszentia Platzer, Professorstochter, gest. 24. März 1884. Diese edle Familie machte sich durch Schlotz in Dertoldsheim. Oriftinal-Aufnahme von Gustav Baadcr, Photograph in Krumbach (VerviclsältigungSrecht vorbchatten.) Die Pfarrkirche St. Michael in Bertoldsheim liegt oberhalb des Dorfes auf einem Hügel, ostwärts gegen Rennertshofen. Sie ist sammt dem Thurme ein sehr altes Gebäude, aus der gothischen Bauzeit stammend. Im Innern enthält sie 3 Altäre. Das Hochaltarblatt mit dem Engelsturze des hl. Michael ist sehr gut; die beiden Seiten-Altarblätter, die hl. Familie und Mariä sieben Schmerzen, sind ohne allen Kunstwerth. In und an der Kirche sind mehrere bemerkenswerte Denkmäler angebracht. Im Presbytertum steht man an der Epistelseite ober dem Chorstuhl einen großen Grabstein, der in der Mitte eine Nische und an jeder Seite derselben eine Reihe Wappenschilder zur Einfassung hat. Auf der linken Seite sind: Emerskoven, Thann, Schillwatz, Rindsmaul, Trugenhofen, Ems, Kreut, Ellrichshausen; auf der rechten: Lichtenau, Wernau, Werdenstein, Rehberg, Ellerbach, Aurbach, Walter. Pappenheim. In der Nische stand ehemals ein geharnischter Ritter in Stein gehauen, nämlich Hans Rumpolt von Ellrichshausen darstellend; dieser wohlthätige Stiftungen für Kirche und Gemeinde hochverdient. Wann die Pfarrei Bertoldsheim entstanden, ist unbekannt; jedenfalls ist sie sehr alt. Das Kirchenlehen gehörte den Herzogen von Bayern, die es von den Grafen von Lechsgemünd 1342 erhielten. Herzog Ludwig der Aeltere gründete damit ein Benefizium an der Pfarrkirche in Jngolstadt, und Bischof Peter I. von Augsburg ertheilte am 30. Januar 1430 die Bestätigung. Im Jahre 1449 verordnete Herzog Heinrich mit Consens des Ordinariates, daß von der Pfarrei Bertoldsheim, was auch in mehreren Pfarreien der Btsthümer Augsburg und Eichstätt geschah, zu St. Barbara Meß in der Pfarrei der schönen Unserer Lieben Frau in Jngolstadt jährlich auf Georgi 20 fl. als Jnkorporationsgeld bezahlt werden sollte, was auch 1670 vom Ordinariat bestätigt wurde. Dies geschieht heute noch. Der Magistrat von Jngolstadt sp ach auch dos Patronatsrccht über Bertoldsheim und Wctchering an. Gegenwärtig besitzt dasselbe Patronats- 368 recht Seine Majestät der König; früher hatten dasselbe die Herzoge von Neuburg; noch früher (noch im Jahre 1553) hatte ein Kaplan zu Unserer Lieben Frau in Jn- golstadt das jus uominauät, der Kurfürst das jus xras- söntanäi. Im Jahre 1542 wurde durch Herzog Otto Heinrich auch in Bertoldsheim die Lehre Luthers eingeführt. Nach dem Pfarrvisitationsprotokolle vom Jahre 1587 kam die Gemeinde zur Freitagspredigt und Vesper mehrentheils unfleißig, weßhalb sie zu mehrere« Fleiß und zur Gottseligkeit ermähnt wurde. Die Jugend bestand im Verhöre wohl, die Mägdlein besser als die Buben. Im Jahre 1617 wurde mit der Rückkehr des Herzogs Wolfgang Wilhelm zur katholischen Kirche die alte katholische Religion wieder eingeführt. Der Pfarrhof liegt unterhalb der Kirche, ist groß und schön, und wurde 1697 unter Pfarrer Kern neu erbaut. Zwei Drittel des Großzehntes hob der Pfarrer, ein Drittel das Domkapitel Augsburg durch sein Amt in Mauern, jetzt das Landkapitel Burgheim. Im Jahre 1792 bewarb sich das Collegiatstift St. Peter in Neuburg um Einverleibung der Pfarrei Bertoldsheim wegen zu geringer Dotation. Der Pfarrer August Freiherr von Leoprechting in Bertoldsheim wehrte sich dagegen. Nach seinem Tode 1795 trat die Temporalien-Union in's Leben. Bei der Säkularistrung des Collegiatstiftes St. Peter 1803 inkamerirte der Staat auch die Temporalien der Pfarrei Bertoldsheim, gab aber die Urkunde zurück 12. April 1820. Reihe der Pfarrer. (Die Pfarrer vor Einführung des Lutherthums sind unbekannt.) Lutherische: 1549 Georg Mock. 1553 Peter Johann Egenhover. 1558 Rud. Wild. 1561 Friedrich Dillbaum. 1568 Willibald Rans- peck. 1574 Anton Bütter. 1575 Matthä Gailhofer. 1681 Leonhard Schmid aus Burgheim. Er studtrte fleißig in der Bibel privat, konnte gut daraus antworten, schreibt seine Predigten und hat bei Männiglich ein gut Zeugniß wegen seines Fleißes und eingezogenen gottseligen Wandels. 1599 Mich! Grießmayr. Katholische: 1617 Jakob Man, verlieht auch Renartshofen. 1621 Johann Mayer. 1632 Kaspar Schwarz. 1633 Philipp Ludwig Silbermann. 1634 Gg. Wagner. 1639 Michael Klingler. 1655 Simon Pau- mann. 1658 Hieronymus Heimbucher. 1689 Ulrich Sailer. 1690 Johann Kern. 1725 Leopold von Kainz, Dr. iom., ein Tiroler. 1755 Christoph August Freiherr von Leoprechting, war bei der Gemeinde sehr beliebt. 1795 Jak. Jgnaz Will, Dekan. 1827 Johann Michael Billmayr, Dr. xUilos., langjähriger Professor in Kempten. 1862 Dr. Lorenz Platzer, Professorsfohn aus Dillingen. 1881 Joseph Steinmayr, Dekan. 1893 Raphael Rath. -—«8888-S- Im Spreewald. (Zu unserem Bild Seite 365.) Der Spreewald, der in den südbrandenburgischen Kreisen Kottbus, Kalau und Lübben zu beiden Seiten der Spree eine Fläche von 45 Kilometer Länge und 6—12 Kilometer Breite bedeckt, ist das typische Bild eines Sumpfwaldes. Von der Spree in zahlreichen netzförmig verbundenen Armen durchflossen, ist die Niederung häufigen Ueberschwemmungen preisgegeben. Ein Theil des sumpfigen Bodens ist durch Kanäle entwässert und in Felder und Wiesen umgewandelt, während ein anderer, größerer Theil mit Wald, meist Erlenwald, bestanden und nur auf Kähnm zugänglich ist — ein Waldvenedig. Ein kleiner Theil der Bewohner des oberen Spreewaldes hat bis auf den heutigen Tag die charakteristischen Zeichen seiner Zugehörigkeit zu dem Volksstamme der Wenden bewahrt, während die übrigen germanisirt sind. Die Haupterwerbsquellen der Spreewäldler sind Viehzucht, Fischerei und Gemüsebau. —«»«es-- — Allerlei. Der zuversichtliche Freier. Sie: „Ja, Herr Dümmling, ich fühle mich durch Ihren Antrag sehr geehrt, aber ich habe leider keine wirthschaftltchen Talente; ich kann nicht kochen, nicht waschen.." Er: „O, Fräulein,— das thut nichts. Mein Freund Müller hat auch eine ganz dumme Gans geheirathet und lebt jetzt glücklich mit ihr!" * Das soll Einen nicht ärgern. Tochter: Nein, Mama, eine entsetzlichere Beleidigung kann ich mir wirklich kaum denken! — Mutter: Was ist denn geschehen, liebes Kind? — Tochter: Denke Dir, mein ehemaliger Bräutigam schickt mir meine Photographie zurück und bezeichnet sie als Muster ohne Werth. -«8SA-S-- Unsterblichkeit. Nein, nein, mein Geist! Verfolge nur Auf Erden aller Schönheit Spur! Was reißt dich hin zu ungeahnter Ferne? — Du bist beschränkt und eng begrenzt, So lang noch Jrd'sches dich umglänzt: Der Erde Flitter und das Gold der Sterne. Erst wenn in Nacht zerfließen alle Träume, Wenn sich erschließen jene cw'gcn Räume: Dann bist du frei und schrankenlos; Es fällt des Leibes Kleid, Und in der Wahrheit Fülle tief versenket, Dein Sinnen nur der höchsten Schönheit denket, Und schaut und jauchzt und liebt, Befreit von Raum und Zeit — Denn aller Güter Schönstes liegt In der Unsterblichkeit. . ?. Johannes Bapt. Diel 8. 1. Kcharhaufgade. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt --EIS-- äL 49. Ireitag, den 18. Juni 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des litterarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer Dr. Max Huttler). ZchicksaLsmege. Erzählung von Clarisse Borges. (Fortsetzung statt Schluß.) Niedergeschlagen und traurig kehrte Leo nach diesen erfolglosen Nachrichten nach Ebersheim zurück. Was sollte er Willy antworten, wenn er seine schönen, dunklen Augen auf ihn richtete? Der Lehrer erwartete ihn an der Thürschwelle. „Keine Hoffnung?" kam es tonlos von seinen zuckenden Lippen, als er einen Blick in das verstörte Antlitz seines jungen Freundes warf. „Dann helfe uns Gott! Mein armer Sohn wird die Nachricht kaum überleben und die Mutter erliegt fast unter den quälenden Gewissensbissen. Ist eS nicht entsetzlich, Leo, daß in wenigen Stunden so viel Unheil angerichtet werden konnte? Gestern früh war noch alles gut, — als ich am Nachmittag zurückkehrte, war das Unglück geschehen." „Wie geht's Willy?" „Er ist matt, sonst fühlt er sich recht wohl. Der Arzt brachte heute noch einen Collegen mit, und beide sind der Meinung, daß das Ende nicht mehr fern sei; die gestrige Aufregung hat eS beschleunigt. Er wird nicht mehr viel leiden, große Schwäche, Abnehmen der Kräfte und dann — — Ruhet Seine Mutter klagt sich als seine Mörderin an; die arme, arme Frau, aber wir dürfen nicht mit ihr rechten. Vielleicht findet sie später in dem Gedanken Trost, daß dieses Ende doch gekommen wäre, auch unter glücklicheren Verhältnissen." Leo's Herz war zu schwer; er konnte kaum sprechen. „Willy ist glücklich gewesen", sagte er dann mühsam. „Er war stets ein munterer, fröhlicher Knabe trotz seiner Körperschwäche und allgemein beliebt! Seine Liebe zu Fräulein Adair erhellte sein Leben, und eS wäre ihm ein herber Schmerz gewesen zu glauben, ihr Herz gehöre einem Anderen." „Aber wo ist sie?" seufzte der Lehrer. „Leo, ich fühle, daß die Schuld der Mutter an unseren Kindern heimgesucht wird". Leo schüttelte ernst sein Hanpt. „Ich muß jetzt zu Willy gehen", sagte er ausweichend. „Soll er noch nach einem wärmeren Klima gebracht werden, wie der Doctor gestern sagte?" „Nein. Der arme Junge könnte die Reise nicht mehr aushalten, wir behalten ihn bis zu seine« Ende hier. Ihn zu Pflegen ist der armen Mutter ein Trost, und es ist ihm eine Freude in dem Hause zu sein, wo Martha Adair geweilt hat." Der Patient lag auf dem Sopha. Im ersten Augenblick glaubte Leo, die Familie sähe allzu schwarz und der Kranke würde seine Schwäche noch einmal überstehen, denn seine Augen leuchteten und seine Stimme klang klar und deutlich, als er jetzt fragte: „Hast Du sie gefunden? — ist sie mit Dir gekommen ?" „Ich that mein Bestes — wirklich, ich forschte genau nach, aber bis jetzt habe ich ihre Spur noch nicht gefunden. Doch bald werden wir von ihr hören; sie kann doch nicht am hellen, lichten Tag verschwinden, und dann kommt sie hierher zurück." Die Augen des Kranken suchten in der Seele des Freundes zu lesen. „Ist eS die Wahrheit? Verheimlichst Du mir auch nichts?" fragte er dann leise. „Auf mein Ehrenwort, es ist die volle Wahrheit." „Dann werde ich sie wiedersehen", flüsterte Willy, und ein glückliches Lächeln verklärte sein bleiches Antlitz. „Ich werde sie wiedersehen, das fühle ich in meinem Herzen. Ich kann nicht eher ruhig sterben, bis ich weiß, daß sie nicht ohne Freunde und ohne Schutz in der Welt umherirrt, und bis über ihre Zukunft entschieden ist." Auf dem Bahnsteig der letzten Station vor der Residenz ging ein ältlicher, stattlicher Herr auf und ab, um die Ankunft des Zuges zu erwarten. Aechzend und stöhnend brauste der Zug näher, und als er im nächsten Augenblicke hielt, hörte er die ängstlichen Hülferufe einer jungen Dame, die sich vergeblich bemühte, die Thür ihrer Wagenklasse zu öffnen. Der Fremde — Herr Commercieurath Ambach — eilte schnell herbei, riß mit kräftigem Ruck die Thüre auf und sah einen blasirten, jungen Mann mit verlebten GefichtSzügen, der gerade mit kühner Dreistigkeit seine Hand auf die Schulter der erschrockenen Dame legte und spöttisch sagte: „So seien Sie doch ruhig, schönes Kind, dieser Zug fährt nach der Residenz, und wir können ruhig sitzen bleiben." Wie ein Blitz schoß ein Gedanke durch die Seele des alten Herrn, die junge Dame werde von dem Reisegefährten belästigt und deshalb wolle sie auSsteigen, und er hatte auch in dem Reisenden den jungen Nieding erkannt. Er winkte einem Schaffner, der deu lästigen Geselle« 370 bald entfernte, dann nahm er selbst der jungen Dame gegenüber Platz, obgleich seine Fahrkarte auf erste Classe lautete. „Ich fürchte, Sie wurden sehr belästigt", redete er seinen Schützling freundlich an, als sich der Zug in Bewegung setzte. „Aber jetzt find Sie ganz sicher, wir sind bald am Ziel, dann kommen gewiß Ihre Freunde oder Verwandten und nehmen Sie in Empfang." „Ich habe Niemanden auf der Welt", antwortete vaS junge Mädchen und fing bitterlich an zu weinen. Er sah fie mitleidig an. Wo hatte er nur ein solches Gesicht, diese tiefen, seelcnvollen Augen schon gesehen? — Frau Marlitzü Ja! er hatte ein Bild von ihr geerbt, sie als junges ISjähriges Mädchen darstellend, und es beuchte ihm, als trete sie aus dem Rahmen des Bildes lebendig vor ihn. „Vielleicht haben sie einen Beruf gewählt und sind auf dem Wege zur neuen Stellung", lenkte er deshalb ein. „Haben Sie guten Muth, Sie werden sich auch in der Fremde bald heimisch, zufrieden und glücklich fühlen." Das junge Mädchen konnte die Thränen nicht mehr zurückhalten. „Ich bin Gouvernante, aber ich habe keine Stellung und weiß nicht, wohin ich mich wenden soll", schluchzte fie. „Heute wurde ich plötzlich entlassen — weil meine Mutter in früheren Jahren eine Schauspielerin war", fügte sie leise hinzu, denn diese Thatsache hielt fie selbst als den Grund ihrer Entlassung. „Mein liebes Kind, weinen Sie nicht mehr. Wenige Leute haben heutzutage diese alten, beschränktenAnsichten", tröstete er. „Frau Berghaupt wollte mir die Obhut ihrer Kinder nicht mehr anvertrauen", schluchzte sie bitterlich, denn sie mußte ihr gequältes Herz erleichtern, „und dadurch hat sie mir das ganze Leben getrübt, und ich bin noch so jung." „Frau Berghaupt? Meinen Sie die Familie Berghaupt in Ebersheim?" fragte der Commercienrath gespannt. „Ja. Kennen Sie die Familie? Ich gehe nicht wieder dorthin zurück, selbst wenn fie eS wünschen." „Ich kenne die ganze Familie. Der Lehrer ist doch ein guter, rechtlich denkender Mann." „Oh, er war gar nicht zu Hause!" Dann erzählte sie den ganzen traurigen Vorgang des Tages. Der alte Herr mochte wohl tiefer blicken wie das erregte, weinende Mädchen, darum sagte er heiter: „Das trifft sich ja ganz prächtig. Ich suche gerade eine Gesellschafterin für meine Schwester, und am liebsten nähme ich Sie sofort mit mir. Meine Schwester ist zwar alt und oft von der Gicht geplagt; es wird daher vielleicht kein angenehmer Aufenthalt für Sie sein. Aber kommen Sie mit mir und bleiben Sie bei uns, bis Sie eine bessere Stellung gefunden haben." „Aber Sie kennen mich doch gar nicht." „Ich weiß mehr, wie Sie ahnen. Sie waren sechs Monate bei Berghaupt's. Mademoiselle La Rochette hat Sie erzogen, das genügt mir, denn ich weiß, daß aus ihrer Anstalt nur nützliche Glieder der menschlichen Gesellschaft hervorgehen." Das alte Fräulein Ambach war über die neue Hausbewohnerin überglücklich. Sie hatte Frau Berghaupt vor ihrer Verheiratung gekannt und kannte deren heftigen, reizbaren Charakter. „Es ist doch sonderbar", sagte sie zu dem Bruder, „wie sehr dieses Fräulein Adair der verstorbenen Angela von Wildenihal gleicht, die ich so gut kannte, ehe sie ihr Elternhaus verließ; aber vielleicht findest Du die Aehn- lichkeit gar nicht." „Gewiß, eS fiel mir sofort auf. Ja, ja, wie sich das Glücksrad im Leben dreht! Der alte Graf von Wildenthal lebt jetzt mit seiner Gattin in ganz bescheidenen Verhältnissen so glücklich wie noch nie in seinem Leben, und ich glaube, er denkt gar nicht mehr an das Erbe seiner Schwester. Ich kenne jetzt einen der drei Neffen, Ulrike, der jede Aussicht auf das reiche Vermögen verscherzt hat. Martin Nieding hat selbst seine Hoffnungen zerstört, denn der junge Taugenichts belästigte unsere kleine Martha Adair, als ich fie zufällig auf der Reise traf." „Weiß er, daß Du ihn erkannt hast?" „Das kann ich nicht sagen. Vielleicht leugnet er, jemals dritter Classe gefahren zu sein, aber das ändert meinen Entschluß nicht." „Ich wünschte, der 10. Mai wäre erst vorüber", seufzte die alte Dame. „Du wirst nicht eher ruhiger werden, bis die Sorge um die Erbschaft von Deinem Herzen genommen ist." „Meine liebe Schwester, wie ich es auch machen werde, die Verwandten werden gewiß klagen, denn ich kann eS doch nicht allen recht machen. Meine größte Sorge ist, daß ich Angela'S hauptsächlichen Wunsch nicht erfüllen kann." „Welches ist dieser Wunsch?" fragte die alte Dame. „Du kannst ihn mir schon jetzt sagen, denn in wenigen Wochen weiß es die ganze Welt." „Gewiß", gab der alte Herr zu, „eS ist auch wenig zu sagen. Angela wußte, daß früher oder später das alte Stammschloß verkauft werden würde, und sie wünschte, daß ich es erwerben solle. Es war ferner ihr Wunsch, daß nach Ablauf des JahreS derjenige ihrer drei Neffen die Besitzung wiedererlangen soll, der am würdigsten sei, und die Hälfte des enormen Capitals solle dem Besitzer zur Aufrechterhaltung der Güter überwiesen werden. Leo von Wildenthal und Willy Berghaupt sollten um den Preis wetteifern — an Martin Nieding scheint die Entschlafene gar nicht gedacht zu haben." „Er hat selbst seine Aussichten zerstört", sagte Ulrike, „wir haben ja nie etwas Gutes von ihm gehört". „Wir haben uns alle in dem jungen Nieding getäuscht. Aber er wird im Leben schon durchkommen; er ist Wtnkeladvocat, Geldverleiher und Wucherer." „Nein, er hat keine Aussicht auf das Vermögen", gab die Schwester zu. „Aber Du hast mir noch nicht Alles gesagt, warum kannst Du den hauptsächlichsten Wunsch der Verstorbenen nicht erfüllen?" „Sie bat mich, eine Spur ihres verschollenen BruderK Hans aufzufinden; seine Kinder sollen die andere Hälfte des Geldes haben." „Hast Du in all diesen Monaten denn nichts gethan? Gewiß hast Du Dich doch bemüht, eine Spur zu entdecken. „Ich that, was ich konnte. Da ich zu alt bin, um selbst nach Amerika zu reisen, sandte ich einen geschickten Anwalt. Aber ich richtete nur wenig aus. Hans ist früh gestorben und hinterließ eine Wittwe und ein Kind." „Einen Knaben?" — 871 „Nein, ein Mädchen. Die Wittwe scheint wenige Frennde in New-Mrk gehabt zu haben, aber vmn erinnerte sich ihrer. Sie sei nach dem Tode des Gatten mit dem Kinde plötzlich verschwunden. Nachforschungen in den Zeitungen blieben erfolglos. Das Kind muß jetzt herangewachsen sein, bedarf vielleicht das Geld nothwendig, aber was soll ich thun, um es aufzufinden?" „Die Wittwe kann wieder geheirathet haben, und oas Kind trägt vielleicht den Namen des Stiefvaters", meinte die Schwester nachdenklich. Der alte Herr sah ganz verblüfft drein. „Ich glaube wirklich, daß Du Recht hast", rief er überrascht aus. „Ihr Frauen findet doch immer das Richtige. Zum Glück ist der Agent noch drüben; anstatt dir Todten- register soll er jetzt die der Eheschließungen nachforschen. Gewiß hat sie wieder geheirathet, und ich dachte gar nicht an diese Möglichkeit." „Schreibe sofort hin", mahnte die alte Dame. „Es ist doch noch schwer genug für Dich, zwischen Leo von Wildenthal und Willy Brrghaupt zu wählen." „Leo ist ein prächtiger Mensch, der seinen Pflegeeltern alle Ehre macht, und in seinem Berufe ist er ganz tüchtig." „Dann muß er auch belohnt werden", meinte Ulrike. „Aber der junge Arzt ist auch treu wie Gold. Es ist doch nicht seine Schuld, daß er eine harte, grausame Mutter har, die vor wenigen Wochen unsere liebe Martha aus ihrem Hause verstieß. Der 10. Mai rückt immer näher, da will ich mir die beiden jungen Leute doch einmal kommen lassen." Noch am selben Tage schrieb der Commercienrath zwei Briefe: für den Inspektor und den jungen Arzt. Beide waren sehr kurz. Der alte Herr bat um den Besuch beider Herren vor dem 10. Mai. Mit umgehender Post bekam er von dem Jnspcctor Antwort, doch diese überwältigte ihn dermaßen, baß er fast seine Fassung verlor. Er theilte ihm mit, Willy sei sterbenskrank; er würde bis zum Mai kaum noch unter den Lebenden weilen. „Wir waren stets gute Freunde", schloß er seinen Brief, „und in den letzten Monaten sind wir uns noch näher getreten. Ich verlasse ihn kaum noch auf einige Stunden und bringe meine freie Zeit allein bei ihm zu. Daher lehne ich Ihre Einladung auf einige Tage dankend ab; wenn Sie mich aber auf ein paar Stunden haben wollen, so komme ich gern. Bis Willy ausgelitten hat, trenne ich mich nicht gerne lange Zeit von ihm." Der Commercienrath telegraphirte: „Kommen Sie sofort." Dann erzählte er seiner Schwester und Martha den Inhalt des Briefes. Martha Adair war über diese traurige Nachricht tief erschüttert. Sie achtete den jungen Arzt wie einen treuen Freund und liebte ihn wie einen Bruder, aber ein anderes Gefühl hatte sie nicht für ihn. Herr Ambach empfing seinen jungen Gast zuerst allein in seinem Arbeitszimmer; er wollte ihn auf ein Wiedersehen mit Martha Adair vorbereiten, denn er zweifelte nicht daran, daß er in der Familie BergHauPL ein gewisses Vorurtheil gegen sie hegte. „Ich danke Ihnen, daß Sie zu mir gekommen sind", begann er, „ich konnte nicht zu Ihnen kommen, denn mein hitziges Temperament wäre bei Frau Berghaupt's Anblick übergebraust. Wie hart und herzlos muß sie sein, ein schutzloses, armes Mädchen ohne allen Grund aus ihrem Hause zu verstoßen." Leo prallte entsetzt zurück. „Sprechen Sie von Fräulein Adair! haben Sie sie gesehen?" stammelte er. „Oh! wenn Sie mir ihren Aufenthalt sagen, so erleichtern Sie die letzten Stunden eines Sterbenden." „Ob ich sie gesehen habe? — natürlich, sie ist ja seit Wochen hier in meinem Hause, und ich kenne auch die ganze Geschichte. Da ich aber auch Frau Berghaupts Charakter kenne, bedauerte ich das arme Mädchen. Meine Schwester hat Martha Adair lieb gewonnen, und sie sagt, sie habe ein Herz wie Gold." „Oh, Herr Commercienrath", rief Leo mit bebender Stimme, „wenn Sie wüßten, welche Sorge das Schicksal dieser Dame uns gemacht hat! Willy liebte sie; er wollte ihr Herz und Hand anbieten, da war sie plötzlich fort. Dieser Schlag wurde für ihn verhüngnißvoll. Der Gedanke an sein verlorenes Glück verläßt ihn keinen Augenblick, trotzdem seine Tage gezählt sind." ^ „Seine Mutter trägt allein die Schuld." ^ „Sie bereut ihre That bitter genug. Wir haben j keine Mühe gescheut, Martha aufzufinden, und Mademoiselle ! La Röchelte hat uns geholfen. Da alle Bemühungen vergeblich waren, fürchteten wir, sie sei todt; nur Willy wollte eS nicht glauben; er hofft zuversichtlich, sie vor seinem Ende wiederzusehen." „Das soll er; vorausgesetzt, daß seine Mutter meinen > Schützling nicht beleidigt. Wenn Martha mein eigenes ! Kind wäre, könnte ich sie nicht inniger lieben, als wie ' ich es jetzt thue." Als nach wenigen Stunden Leo nach Ebersheim zurückkehrte, begleiteten ihn Herr Ambach und Martha Adair. Der alte Herr wollte dem jungen Mädchen nicht erlauben, eine Nacht im Hause des Lehrers zu verweilen, und nahm deshalb dem Jnspector das Versprechen ab, sie noch am selbigen Abend nach dem Gasthofe zu führen, in dem er Zimmer gemiethet hatte. Martha war sehr schweigsam, aber ihr Herz war übervoll; auch Leo sprach nur wenig; er dachte an Willy und wie fest dieser an die Rückkehr seiner Geliebten geglaubt hatte. Als sie dem Hause nahe kamen, flüsterte sie leise ihrem Begleiter zu: „Wird Frau Berghaupt auch nicht zürnen, daß ich komme?" „Sie wird sehr dankbar fein; es war ihr eine drückende Last, ihrem Sohne die letzten Stunden getrübt zu haben." „Ist keine Hoffnung auf Besserung?" Leo schüttelte sein Haupt. „Nein, Fräulein Martha, er gehört zu den wenigen glücklichen Menschen, die der Himmel gnädig aller Erdennoth frühzeitig entrückt. Trösten Sie sich in dem Gedanken, daß alle Noth und Sorge dieses dunkeln Erdenthales für ihn verschwunden sind." Der Lehrer stand an der geöffneten Thür, denn Leo hatte die Rückkehr mit Martha angekündigt. Mit väterlicher Herzlichkeit drückte er die Hand der jungen Dame und sagte in seiner schlichten Weise: „Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, Fräulein Adair." „Sie war in all' diesen Wochen bei Herrn Ambach", fiel ihm Leo iu's Wort. „Wie geht's Willy, erwartet er uns?" „Er ist froh und heiter; seine Mutter hofft sogar 372 auf seiue Erhaltung. Ja, er weiß, daß Fräulein Adair kommt, und er freut sich auf das Wiedersehe»." (Schluß folgt.) -—SWNS-«- AiLerrLei. Polarreise im Luftballon. Für Andrses Polarfahrt sind der Luftballon und daS HauS für diesen jetzt fertiggestellt. DaS HauS ist 24 Meter hoch. Die Errichtung des HauseS auf Spitzbergen muß, wie der Voss. Zeitung geschrieben wird, so erfolgen, daß weder eine Steinsprengung noch Ausgrabung des Bodens in Frage kommen kann. Andräe gab kürzlich vor einem großen Kreise geladener Gäste im Ballonhause eine vollständige Darstellung, wie er sich das Aufsteigen aus diesem Hause gedacht habe und wie dieses dazu eingerichtet sei. Der Zweck des Hauses ist, den Ballon während des Füllens zu schützen und ihn im gefüllten Zustande vor allen Ge- fährnissen zu bewahren, während auf günstigen Wind gewartet werde. Das Gebäude ist für daS Aufsteigen des Ballons so konstruirt, daß die eine Hälfte mit großer Leichtigkeit niedergelegt werden kann. Da die Auffahrt nur mit südlichem Winde geschehen soll, so ist die nieder- legbare Seite nach Norden gerichtet. Eine solche Anordnung ist deßhalb nothwendig, weil der Ballon sonst beim Aufsteigen, bevor er genügend in die Höhe gekommen ist, von dem Winde gegen die Schntzseite des Gebäudes geworfen würde; ist die Seite fortgenommen, dann erhält der Ballon freie Bewegung und kann in schräger, aufsteigender Richtung das Haus verlassen und seine Fahrt antreten. Dies Niederlegen kann durch Ziehen an einigen Seilen in ganz kurzer Zeit bewerkstelligt werden. Der Apparat zur Bereitung des Wasserstoffgases wurde am 16. Mai in der Jnedahl'schen Werkstatt bei Stockholm in Gegenwart Andraes und vieler Fachleute geprobt; die Gasentwicklungsgefäße ergaben im Durchschnitt während einer mehr als zweistündigen Thätigkeit 67 Kubikmeter Gas in der Stunde, ein Ergebniß, das das berechnete übersteigt. Die Gasentwicklung ging besonders regelmäßig vor sich. Nach zweistündiger Thätigkeit ergab der Apparat nur 2 Prozent unverbrauchte Schwefelsäure. Der Dampfer „VIrgo", Kapitän Zachan, der Andrse mit seinen Mitreisenden und Apparaten nach Spitzbergen führen soll, hat bereits seine werthvolle Ladung eingenommen. Andrer hat aus den Vereinigten Staaten einen Brief zur Beförderung erhalten, der an Nansen adres« firt ist. Der Spargel, der im Augenblicke wieder die Vorherrschaft auf dem Gemüsemarkt ausübt, war schon bei den Alten ein gesuchter Leckerbissen. Bei den römischen Schriftstellern Cato, Columella, PliniuS und PalladiuS finden wir nach Pros. Fischer-Benzon (Altdeutsche Gartenflora, 1894) sehr genaue Angaben über die Spargelcultur. Damals machte man die Sache genau so wie jetzt. Nach Columella werden die aus Samen gezogenen Pflanzen nach 2 Jahren, wenn sich ein ordentliches Wurzelgeflecht gebildet hat, versetzt und wenigstens ein Jahr lang geschont, damit die Wurzeln ordentlich fortwachsen können. Columella (um 50 n. Chr.) erwähnt übrigens 2 Spargelarten, den Gartenspargel und jenen, den die Landleute „corruäa" nennen. Dies ist wahrscheinlich der bereits von Theophrast (f 286 v. Chr.) erwähnte fpitzblättrige Spargel (^sxargH-ns aoutikoliua), der in Griechenland und Italien wild wächst; seine zarten und wohlschmeckenden Triebe werden in beiden Ländern gern gegessen. Auch die wilde Form des Gartenspargels (^.axaragu» Eainalia) wird noch jetzt, z. B. in Südtirol, von manchen höher gestellt als däe zahme. Cato (der Aeltere), dessen Angaben über Spargelcultur (in einem Werke über den Ackerbau) die ältesten sind, die wir besitzen, läßt die aus Samen gezogenen Pflanzen 9 — 10 Jahre stehen; erst dann setzt er sie um. Es ist bemerkenswerth, daß man heute beginnt, dieselbe Art der Cultur anzuwenden, die der erste bekannte Spargelzüchter vor mehr als 2000 Jahren angewandt und beschrieben hat. Die Spargel, welche die Alten zogen, standen an Größe den heutigen nicht nach. Plinius sagt an einer Stelle, wo er über die Feinschmeckeret der Reichen eifert: „Die Natur gab uns milden Spargel, damit sich ein Jeder davon ausstechen könne; doch siehe, jetzt hat man gemästeten Spargel, und in Navenna wiegen drei Stück ein Pfund." Auf den Wandmalereien von Pompeji sind auch eine ganze Reihe von Zier- und Nutzpflanzen, von Blumen und Früchten mit großer Treue wiedergegeben. Der Spargel fehlt darunter nicht. Er findet sich nach Orazio Comes in einem Bündel von dicken Stengeln im Speisezimmer des Hauses „Der Hahn". Nach K. I. Slang war der Spargel wegen der Leichtigkeit, mit der er gekocht und zubereitet wird, bei den Alten das Sinnbild der schnellen Beendigung und Vollbringung einer Sache. Der Kaiser Augustus pflegte daher von jeder leichten und geschwind abzuthuenden Sache sprichwörtlich zu sagen: Sie wird geschwinder als ein Spargel gekocht sein. Im Mittelalter ist die Spargelcultur in Deutschland sehr gering gewesen, jedenfalls fehlt es an Nachrichten; eS ist nicht sicher, ob der von Albertus Magnus angeführte „axaigus" wirklich unserem Spargel entspricht. --- Des Znngkittgs Lust. Kennst Du vielleicht die Freude, Die 'S JünglingSherz durchbebt, Wenn er von seiner Arbeit, Nicht fremdem Brode lebt. Er gleicht dem Wüstenkönig, Frei von Gefangenschaft, Der nun mit eig'ner Beute Erneut die welke Kraft. Im Jüngling brennt Verlangen Nach Arbeit, Tbat und Müh'n, Und mutz er müßig weilen, Mutz seine Kraft verblüh'». Daher die stolze Freude, Wenn er verdienen kann, Daher die stolze Rede, Seht her, ich bin ein Mann. Was ich sür's Leben brauche, Verdien' ich mir allein, Ich will mich selbst ernähren Und will kein Bettler sein. Dann bin ich werth, zu leben, Scheid' gern aus dieser Welt, Den Lohn wird Gott mir geben, Wenn zu mein Auge fällt. Schillenaner. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 48: Weiß. Schwarz. 1. T. 66-63 beliebig. 2. L. L3-V4 oder D. LS—L2 (W) Matt. « 5V. 1896. „Augsburgrr PostMung". Mustag, den 16 . Juni Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag der Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg lVorbesitzer Dr. Max Huttler). WHeingotö. Novelle von Cary Groß. (Nachdruck verboten.) I. Auf der Landstraße, die von Honnef nach Königs- wtnter, mitten durch das Eden des Rheinlands, führt, rollte ein Landauer dahin, so gut Staub und etwas müde Miethpferde das schwer gebaute Vehikel rollen ließen. Es war ein schöner Tag, sommerlich warm, aber nicht drückend heiß. Ein leichter Ostwind fegte den Himmel von Wolken rein und milderte die Gluth der Mittagssonne, die den breiten Rheinstrom und die Kuppen des Siebengebirges beleuchtete. „Eine schöne FahrtI nicht wahr, liebes Fräulein Hennig?" sagte die ältere von den zwei Damen, die in besagtem Wagen saßen. Ihre Miene ließ dabei errathen, daß ihre Gedanken weniger vom Zauber der Gegend erfaßt, als von einem Verdruß, der sie beschäftigte. „Wie schade, daß Ottilie Grube diesen Blick auf die Berge nicht mitgenteßtl Nirgend präsentirt sich der Drachenfels imponirender als von dieser Seite. Beim Wandern durch das Heisterbacher Thal und das Nachtigallenwäldchen erblickt man den Berg nicht so zu seinem Vortheil!" „O, Fräulein Ottilie Grube hat in der Steiermark und auf ihren weiten Reisen in der Schweiz und Oberitalien Besseres geschaut! Unser Rheinland mit seinen Mittelgebirgen kann einem so verwöhnten Auge schwerlich viel Eindruck machen", lautete die trockene Antwort der Gefährtin, deren scharfe Züge zu ihrer Stimme paßten. „Nicht doch, liebe Hennig! Gestern erst sprach Ottilie wahrhaft begeistert vom Siebengebirg, vom sagen- umkränzten Rhein und den goldenen Domen, die sich in ihm spiegeln! Ich hörte ihr mit Entzücken zu. Sie erinnerte mich an ihren Vater, den gelehrten Professor Dr. "Grube, der so fließend und angenehm von seinen schönen Reisen erzählte. Mein seliger Mann hielt große Stücke auf diesen Studienfreund und bewunderte seine Begabung. Mein Wilhelm war eben so talentvoll!" Frau Näthtn Nehwald versenkte sich mit einem Seufzer in das Andenken ihres Seligen, der vor etwa zehn Jahren gestorben war und seine schwache und gutmüthige Gattin um so vereinsamter zurückließ, als er sie, die in ihrer Jugend sehr hübsch und anschmiegend gewesen war, sehr verwöhnt und umhegt hatte. Als Wittwe entbehrte sie sehr, nicht mehr Mittelpunkt des interessanten Verkehrs zu sein, in dem ihr Gatte gelebt hatte. Sie faßte es nicht, weßhalb ihr Reichthum und ihre Gastfreundschaft nicht hinreichten, solche Menschen an sich zu fesseln wie einst ihr kluger und einflußreicher Mann, und bedauerte es um so lebhafter, als sie sich früher viel eingebildet hatte auf die „distinguirten Leute" ihres Kreises, und in ihre Klagen um Wilhelms Verlust mischte sich stets das Bedauern über das Einst ihrer Umgebung. Ihre Gesellschafterin hatte aber heute nicht Lust, sich damit und mit den Ansichten des unvergeßlichen Wilhelm langweilen zu lassen. Sie zog es vor, eine kleine Wunde, die sie in Frau Rehwalds leicht verletzbarem Gemüth wahrnahm, noch etwas zu reizen und zu vergrößern. „Fräulein Ottilie Grube mag allerdings von ihres Vaters Begabung profitirt haben, ist aber jedenfalls auch von ihm benachtheiligt. Ich weine, er hat zu sehr in sie hineingeschaut und ihr gestattet, alle ihre Launen zu befriedigen. Der Herr Professor hält sein Erztehungs- verfahren für genial und die Tochter für einen Ausbund von Talent und Genie. Uns gewöhnlichen Menschenkindern erscheint aber das Fräulein häufig seltsam, auffallend, wo nicht unangenehm und verletzend." „Unangenehm oder gar verletzend ist Ottilie Grube nie!" eiferte nun die Frau Räth in, für einige Minuten ihre klagende, melancholische Sprechweise aufgebend. „Ich kenne meinen lieben Gast schon länger als Sie; ich habe Ottilie auf einer gemeinschaftlichen Reise an den Lago Maggiore und bei einem Besuch in ihres Vaters Haus beobachtet. Ihr Frohmuth verwandelt sich bisweilen in Uebermuth, das ist nicht zu leugnen. Die Eingebungen ihres großmüthigen Herzens werden niemals beirrt durch hergebrachte Formen oder kleine Bedenken. Da sie längst schon ihre Mutter verloren hat, brachte ihr Niemand Rücksichten auf die Ansichten der Welt bei. Aber sie ist voll Liebe und Aufmerksamkeit für ihre Umgebung, das sagt auch Miß Rtch, ihre Gesellschafterin, die Ottilie anbetet." „Miß Rich ist die albernste Engländerin, die mir noch in diesem, an Engländerinnen überreichen Rheingebiet vorgekommen ist! Sie hat kein anderes Verständniß, als für getrocknete Blumen, was sie Botanik nennt, und womit sie aller Welt lästig wird." „Nicht doch, Heimischen! Miß Rich ist wirklich eine gebildete Botanikerin und verwendet ihre Kenntnisse zur Krankenpflege, für die sie viel Liebe und Geschick 374 hat. Auch sind ihre Pflichttreue und Hingebung für Ottilie außer allem Zweifel. Mein seliger Wilhelm sagte aber stets, Pflichttreue und Hingebung genügten, um ein Frauenleben zu einem verdienstlichen zu machen." „Jawohl thut es das! Doch Herr Rath Rehwald meinte damit Frauen wie seine Gattin. Er hätte es aber gewiß nicht gebilligt, daß die alberne Miß Rtch, statt Ottilie an die Rücksicht zu mahnen, die sie eben dieser Frau, ihrer Gastfreundin, schuldet, zustimmte, als das Fräulein beim Nachtigallenwäldchen diesen Wagen verließ, der für theures Geld, ihr zu lieb, gemiethet ward, um sie bequem auf den Drachenfels zu bringen. Das unbesonnene, junge Mädchen zieht vor, bei dieser Hitze zu Fuß durch Flur und Wald zu wandern, und Miß Rich stimmte nur zu, weil sie unterwegs Blumen pflücken will, die sie doch schon hundertmal in ihrem Herbarium haben muß. Natürlich werden Beide später als wir oben ankommen. Die „pflichttreue Miß" wußte aber gar wohl, welche Wünsche Sie, Frau Räthin, hegen, und hätte sich bedenken sollen, daß Leute auf den Drachenfels bestellt sind, die nun Gott weiß wie lange dort warten müssen, bis Miß Rich ihre Oaltstu palustris, I^ostrus rssxsitinas oder sonstige Wiesenblümlein gepflückt hat." Die Worte der Hennig erregten den Verdruß der Frau Rehwald auf's Neue. Ihr kleiner Feldzugsplan, der nichts Geringeres bezweckte, als eine Heirath zu stiften, war bedroht, und die Hennig hatte durchschaut, was die Gedanken der guten Räthin beschäftigte. Sie hatte nämlich eine große Vorliebe für's Heirathstiften, und hatte sich Fräulein Ottilie Grube zum Objekt aus- ersehen. Die Sache war nicht leicht, da diese den heutzutage unerhörten Vorsatz gefaßt hatte, um ihrer selbst willen, das heißt nicht um ihres ansehnlichen Vermögens willen, gefreit und geliebt zu werden. Frau Rehwald mißbilligte diesen AuSspruch zwar nicht, denn Ottilie war ungewöhnlich schön und begabt und durfte ihn erheben. Sie selber schätzte nur reiche Mädchen und gönnte dieses Goldfischchen vor Allen ihrem Hausarzt, Dr. Lebert, der sich in ihre Gunst gestohlen hatte. Sie fand ihn zartfühlend, wie Keinen, denn er zeigte sich gerührt, wenn sie ihm von ihrer Wittwentrauer erzählte, er verlängerte gern seine Visite, wofür sie ihn mit extrafeinem Cognac belohnte. Lud sie ihn wegen eines Leckerbissens zu einem feinen Souper ein, so küßte er ihr sogar die Hand und betheuerte ihr oft, daß der unvergeßliche Wilhelm schwer aus dem Leben schied, nur weil er eine solche Gattin zurückließ. Ein so gebildeter Mann war gewiß fähig, seine Frau zu lieben, sogar sie aus Liebe heirathen zu wollen. Er hatte es der Frau Räthin oft versichert. Sohin paßte er für Fräulein Ottilie, und um diese nicht im vornhinein mißtrauisch zu machen, hatte die gute Räthin Rehwald den Doctor auf den Drachenfels zu einer „zufälligen" Begegnung bestellt. An Zufall konnte man dort viel leichter glauben, als zu Haus in ihrer Villa, wo Ottilie nur für wenige Tage weilte. — Von einer Partie von Honnef sollten die Damen frühzeitig auf dem Drachenfels eintreffen, ehe noch allzu viele Menschen sich einstellten. Die Sache war auf's Schönste eingefädelt gewesen, und war nun durch Ottiliens Laune bedroht. Doctor Lebert war jedenfalls sehr früh hinaufgekommen, denn Frau Räthin hatte ihm genau gesagt, was Ottilie werth sei. Dem jungen Mädchen aber hatte sie nichts gesagt, nur schlau des Doctors Vorzüge gepriesen, von seinem Zartgefühl angefangen, bis zu seinen wohlgepflegten, weißen Händen. Bei der Rückfahrt vom Drachenfels wollte die Räthin dem Doctor den vierten Platz in ihrem Wagen anbieten. Deßhalb sollte Fräulein Hennig in Königswinter zurückbleiben, unter dem Vorgeben, bei den Ihrigen einen bis zwei Tage verweilen zu wollen. Der Räthin Rehwald lag aber die Sache nicht nur aus Freundschaft für Lebert am Herzen. Sie hoffte, wenn diese Heirath zu Stande käme, sich ihren Freundeskreis nicht nur zu vergrößern, sondern wieder mit distinguirten oder gar berühmten Männern zu versehen, wie zu Wilhelms Lebzeiten, und zugleich Ottiliens Vater einen Gefallen zu thun. Professor Grube sah es nicht gern, daß Ottilie schon daS zweiundzwanzigste Jahr heran hatte kommen lassen, ohne einen ihrer Bewerber anzunehmen. Wohlgefällig hatte er deshalb die Andeutungen der Frau Rehwald angehört und gern die Tochter bei ihr in Bonn gelassen, während er eine Reise nach Brüssel machte, von der aus er sich in Frankfurt bei einem Gelehrtencongreß etnfinden wollte. Dorthin sollte ihm die Tochter nachkommen. Frau Räthin wünschte sehnlichst, daß bis dahin Doctor Lebert schon ihr Herz gewonnen habe. Sie rechnete in Art des Milchmädchens, den Reichthum an Freundschaft nach. die sie gewinnen würde: außer der Dankbarkeit Leberts die Grube's, der, wenn die Tochter sich nach Bonn ver- heirathete, wohl auch Graz mit dieser seiner Jugend- heimath vertauschen würde, zumal auch Ottmar, sein einziger Sohn, hier studirte. Mit dieser Phalanx „akademisch Gebildeter", die in ihrer eigenen Verwandtschaft dünn gesäet waren, konnte sie sich wieder eines Verkehrs rühmen, wie es der Wittwe, Rath Rehwalds, ziemte. Sogar die gefeiten Reihen der Untversttätsprofessoren würden sich ihr zuwenden, ohne daß sie ferner der Vermittlung und Beihilfe ihres spottsüchtigen, arroganten Vetters bedürfte, des jungen a. o. Professors Dr. Max Heermann, der erst vor Kurzem von einer schweizerischen Universität an den Rhein zurückgekehrt war. Frau Räthin fühlte ordentlich, wie ihr flaches, aber gutmüthiges Gesicht sich verfinsterte und ein ihrem Wesen fremder Zug sich darin festsetzte, als ihre Gedanken diesen Or. Max Heermann streiften. Von allen ihr bekannten jungen Männern mochte dieser dem alten Grube der willkommenste Schwiegersohn sein. Sie vermuthete sogar, Grubes Bereitwilligkeit, ihr Ottilie einige Tage zu überlassen, entspränge der Hoffnung, daß diese bei ihr so den jungen Gelehrten kennen lernen, gegenseitiges Wohlgefallen die jungen Leute zusammenführen werde. Wie Beide geartet waren, konnte diese Berechnung richtig sein. Aber eben darum wünschte Frau Nehwald, daß ihr Günstling Lebert dem Heermann zuvorkommen möge, den sie haßte, soweit ihre gutmüthige Natur es zuließ. Sie hatte sich absichtlich in stetige Abneigung gegen den sonst allgemein beliebten, heiteren Mann hineingearbeitet. Ehemals hätte sie ihn lieben mögen. Das war, als sie ihn für Traudchen, ihre jüngste, nicht hübsche und nicht liebenswürdige Schwester ausersehen hatte und mit ihr eine Heirath zu stiften hoffte, und diese war damals nicht wenig in den flotten Studenten verliebt gewesen. Aber er hatte nur zu deutlich ge- 375 äußert, daß er lieber ein Hagestolz werden, als um des schnöden Goldes willen eine ungeliebte Frau nehmen wolle. DaS war schon lange her. Traudchen hatte eine ihrer Schwester nicht genehme Partie gemacht; daran war, nach Frau Rehwalds Erachten, Max schuld, der böse Max, der noch immer keine Lust für den Ehestand zeigte, obgleich er in den Anfang der Dreißig gelangt war und sich bereits einen guten Namen in der Gelehrtenwelt gemacht hatte, Einkommen besaß und dazu über ein ansehnliches mütterliches Erbtheil verfügte. Gar manches rheinische Jungfräulein blickte sehnlich auf den von den Müttern als „gute Partie", von den Jungen als heiterer Gesellschafter und wackerer Freund Geschätzten, der sich bei jugendlichem Aussehen und Gebühren auch ein gut Stück rheinischen Humors inmitten der Ge- Stelle zu fahren, wo Ottilie und Miß Rich versprochen hatten zu ihr zu stoßen. (Fortsetzung folgt.) -—- Kchicksalsrvege. Erzählung von Clarisse Borges. (Schluß.) Die nächsten Stunden verlebte Martha wie im Traume. Mechanisch fliegt sie die breite Treppe hinan, und sie erinnerte sich später, daß Frau Berghaupt oben auf dem Corridor stand, daß sie ihre Arme ausbreitete, sie an ihr Herz zog und einen Kuß auf ihre Stirn Vor der Txcculton. Nach einem Originalgemalde von W. Schutze. lehrtenarbeit bewahrte. — Daß sich zu dem Humor auch manchmal treffende Witze gesellten, die an Spott grenzten, hatte Frau Nehwald erfahren, die dafür dem jungen Verwandten ihre Neigung ganz entzogen und sie dem artigen Lebert zugewandt hatte. Noch immer konnte sich die Partie auf den Drachenfels günstig für Lebert gestalten, wenn auch Ottilie etwas später kam als wünschenswerth war. Es blieb so manche Stunde bis zum Abend übrig, und etwas Gutes ließ sich auch vom Zufall hoffen. Frau Näthin war so weit mit ihren Beschlüssen im Reinen, daß es dabei blieb: ihre Gesellschafterin mußte, ob gern oder ungern, in Königswinter den Wagen verlassen. Frau Rehwald fühlte sich erleichtert, als die übellaunige Gefährtin fort war, und befahl dem Kutscher langsam auf weitem Umweg den Berg hinan zu der drückte. Sie hatte auch geweint, ihr einige Worte zugeflüstert, dann stand sie allein vor dem Sopha, auf dem Willy ruhte. „Es thut mir so leid, daß Sie krank sind — ich hörte erst gestern davon", begann sie, die schlaff herabhängende Hand des Kranken erfassend. „Es kam so plötzlich, alle meine schönen Träume von Glück und Liebe sind mit einem Schlage vernichtet, aber jetzt sehe ich ein, daß es so gut ist", hauchte er matt. „Ich wollte Ihre Liebe gewinnen, Martha, wir wollten unser Leben zusammen führen, denn ich liebte Sie vom ersten Tage an, da Sie in unserem Hause weilten." „Sie waren immer gut gegen mich", erwiderte Martha leise, „Sie waren mir der beste, treueste Freund; wenn ich oft verzagen wollte, gedachte ich Ihrer Freund- 376 schüft, und dieser Gedanke erfüllte mich mit frischem Muth." Er sprach von seiner Liebe, sie nur von Freundschaft. Die Augen der Sterbenden sehen scharf, und in diesem Augenblick erkannte Willy Berghaupt, daß er Martha's Herz nicht gewonnen hatte und ihre Liebe nie gewinnen würde, selbst wenn er alle Schätze Indiens ihr zu Füßen gelegt hätte. „Es ist besser so", sagte er, mühsam athmend, „ich gehe jetzt ein in das Land des Friedens, wo alles Leid hinter uns liegt, und mir bleibt der Schmerz erspart, Sie als Gattin eines Anderen zu sehen." Martha hielt seine fieberglühende Hand fest in der ihrigen und erzählte ihm von ihrem neuen Leben. „Fräulein Ambach ist so gut", schloß sie ihren Bericht, .ich fühle mich dort so wohl, wie in meinem eigenen Hause, und sie will mich immer bei sich behalten." „Glauben Sie das nicht, Martha", lächelte der Kranke müde. „Leo, bist Du da?" „Ja, der Doctor ist gekommen, und es ist Zeit, daß ich Fräulein Adair in den Gasthof zurückführe; sie wird morgen wieder zu Dir kommen." Der Sterbende schüttelte traurig sein Haupt. „Ich will jetzt Abschied nehmen", hauchte er tonlos. „Der Himmel segne Dich, Martha, sei glücklich." Dann erfaßte er ihre Hand und legte sie in Leos Rechte. „Du mußt ihr ein treuerer Freund sein, als ich es werden konnte", flüsterte er, „mache sie glücklich, und vergeht mich nicht in Eurem Glücke." „Ich komme morgen wieder", versprach Martha, und eine Thräne glänzte in ihrem Auge, als sie einen Kuß auf die welke Hand des Sterbenden drückte. Aber für den jungen Arzt brach kein irdischer Morgen mehr an, denn als die letzten goldenen Strahlen der untergehenden Sonne sich durch das Fenster stahlen, öffneten sich ihm die Pforten des Paradieses. Herr Commercienrath Ambach kehrte gleich am folgenden Tage Ebersheim den Rücken, er wollte weder die Versicherung der Reue Frau Berghaupts noch die Klagen der Familie über den Tod des Sohnes anhören. Doch da Martha Adair von den letzten Ereignissen zu sehr angegriffen, die Witterung aber sehr günstig war, beschloß er, seine Schwester mit seinem Schützling nach der Schweiz zu schicken, damit er für den kommenden 10. Mai in aller Stille seine Vorbereitungen treffen könne. Der wichtige Tag kam herbei. Der alte Graf von Wtldenthal und sein Pflegesohn Leo wurden von dem Commercienrath eingeladen, ebenso der Anwalt der Verstorbenen, Herr Ruthberg. Herr Rieding und sein Sohn Martin erschienen ungeladen. Herr Ambach erklärte, die Güter und das Stammschloß der gräflichen Familie Wildenthal durch Ankauf erworben zu haben. Das für die zehn Nichten bestimmte Capital sei in Staatspapieren sicher angelegt, es handle sich also nur um die Vertheilung des Hauptcapitals. Doch Herr Rieding unterbrach den Sprecher unwillig. „Was geschieht mit dem Schlosse und den Gütern?" fragte er höhnend. „Sind diese Besitzthümer etwa der Lohn für Ihre Mühe?" „Schurke I" kam es leise von den Lippen des alten Grafen, doch Herr Ambach schien die höhnende Bemerkung gar nicht gehört zu haben und fuhr unbeirrt fort: „Es war der Wille meiner verstorbenen Freundin, die Besitzungen zu erwerben und dieselben am heutigen Tage mit der Hälfte deS Vermögens demjenigen ihrer drei Neffen zu übergeben, der dieses Erbes würdig ist. „Lieber Leo", wandte sich der alte Herr an den jungen Jnspector, „Sie sind der Erbe, und sobald einige nothwendige Formalitäten beobachtet sind, können Sie Besitz davon ergreifen. Ich gratulire Ihnen zu diesem Glück, das Sie wohl verdient haben." „Es kommt mir vor, als beraube ich meine Pflegeeltern", stammelte Leo verwirrt, doch der alte Graf beruhigte ihn. „Es ist der schönste Tag meines Lebens", versicherte er, „wie wird sich Deine Mutter über diese Botschaft freuen, und wir sind ganz zufrieden in unserer einfachen Häuslichkeit." „Das ist schon Alles gut", warf Herr Rieding unwillig ein, „aber was erhält mein Sohn? wie groß ist sein Antheil? bekommt er die andere Hälfte des Vermögens?" „Ihr Antheil, Herr Martin, ist — nichts! Die andere Hälfte des Vermögens gehört den Kindern des in Amerika verschollenen Bruders Hans." „Warum wird mein Sohn von der Erbschaft ausgeschlossen? Ich nenne das eine himmelschreiende Ungerechtigkeit", rief Rieding empört aus. „Er hat sich seinen Verlust selbst zuzuschreiben; durch sein Benehmen hat er jedes Anrecht auf den Besitz verscherzt", erklärte der alte Herr. „Wäre Willy Berghaupt noch am Leben, so wäre das Vermögen in drei gleiche Theile getheilt worden, denn er war ein edler, tugendhafter Mensch, der wohl einen Preis verdiente." Die Herren entfernten sich, nur Leo von Wildenthal blieb noch zurück. „Sobald Fräulein Adair zurückgekehrt ist, werde ich häufig Ihr Gast sein", scherzte er. „Ich liebe Martha, aber es scheint mir herzlos, jetzt schon von meiner Liebe zu sprechen, da kaum das Gras auf Willy's Hügel wächst." „Sie liebte ihn gar nicht", beruhigte Herr Ambach, „aber ich verstehe wohl Ihre Gefühle — Sie wollen jetzt noch nicht von Ihren Hoffnungen sprechen, da Ihr Freund erst so kürzlich geschieden ist." „Als er starb, legte er ihr Glück in meine Hand", gestand Leo. „Er kannte meine Empfindungen, und für ihn war doch jede Hoffnung geschwunden." Nach diesem ereignißreichen Tage reiste Herr Ambach zu seinen Damen. „Ich will Dir schon jetzt sagen, wie eS werden wird", sagte er zu der Schwester. „Wir werden die Kleine nicht mehr lange behalten, aber als Leos Gattin wird sie sehr glücklich werden. Es ist zwar hart für uns, Ulrike, denn ich hätte Martha gern als Tochter adoptirt." Die alte Dame lächelte überlegen. „Martha ist wie geschaffen als Herrin auf einem Schlosse. Natürlich werden wir sie schmerzlich vermissen, aber vorläufig bleibt sie noch bei uns, und später findet sich vielleicht die Tochter des verstorbenen Bruders Hans, die dann Marthas Stelle bei uns einnehmen kann." „Ich fürchte, das Kind ist todt", seufzte der alte Herr. „Alle Nachforschungen sind vergebens; Mutter und Kind scheinen spurlos von der Erde verschwunden zu sein." „Ob wohl Frau Berghaupts Herz durch den Tod ihres Sohnes erweicht ist?" fragte sie sinnend. M-s Ä-MM MK WEN MM MM WWW 378 „Es müßte wohl sein, aber das Herz dieser Frau war so hart, wie ein Mühlstein. Vielleicht ist sie wieder auf der Jagd nach einem Schwiegersohn." Herr Ambach kehrte bald mit seinen Damen in die Heimath zurück, und Martha beeilte sich, zum ersten Mal Mademoiselle La Rochette aufzusuchen. Die alte Dame küßte ihre frühere Schülerin, und Thränen schimmerten in ihren Augen. „Ich merkte erst, wie sehr Du an mein Herz gewachsen wärest, nachdem ich von Deinem Verschwinden hörte. Ich halte im Allgemeinen nicht viel von jungen Herren, aber dieser Jnspector Wildenthal hat mir gut gefallen. — Na, Martha, Du brauchst nicht gleich errathen; ein Jeder kann ja leicht denken, daß Du Interesse für ihn hast, er aber noch mehr für Dich. Du wirst bald heirathen, denn Du bist viel zu gut, um ledig zu bleiben. Da Du aber von Kindheit an unter meinem Schutze weiltest, bitte ich Dich, mir Deine Verlobung mitzutheilen, sobald sie stattfindet." „Ich werde niemals heirathen", versicherte das junge Mädchen, „Fräulein Ambach will mich stets in ihrem Hause behalten, und sie zahlt nur mir ein so hohes Salair, daß ich mit der Zeit hoffe, meinen Verpflichtungen gegen Ihren Bruder nachzukommen." „Denke nicht daran; mein Bruder bedarf das Geld gar nicht. Im nächsten Monat schickt er mir zwei seiner Töchter in Pension; Du mußt die Kinder oft besuchen, Martha, sie sind ja Deine Schwestern." Martha Adair ging gedankenvoll nach Hause und ahnte die Ueberraschung nicht, die ihrer dort harrte. Weder Herr Ambach noch seine Schwester waren im Salon, doch sobald sie eintrat, sah sie die Gestalt eines Herrn mit ausgebreiteten Armen auf sich zukommen. „Martha!" „Leo!" In diesem Augenblicke erinnerte sie sich, daß sie ihn mit seinem Vornamen genannt habe, und ihre Wangen färbten sich purpurroth, doch er zog die schlanke Mädchengestalt fest an sich und flüsterte ihr zu: „Geliebte! Willy Berghaupt hat sterbend Dein Glück in meine Hände gelegt. Ich liebte Dich schon lange, aber da ich das Geheimniß meines Freundes kannte, schien es mir ein Verrath, offen mit Dir zu sprechen. Solange der Grabeshügel noch so frisch war, wagte ich auch nicht von meiner Liebe zu reden, aber alle meine Gedanken und mein Herz weilten bei Dir. Mein Liebling, willst Du mir Dich anvertrauen und späterhin meine geliebte Gattin werden?" Sie zögerte einen Augenblick. „Weißt Du auch, daß meine Mutter eine Schauspielerin war, und daß ich von meinem Vater gar nichts weiß", stammelte sie endlich. „Du bist jetzt ein reicher Mann, — ich bin keine passende Gattin für Dich." „Was hindert es, daß Deine Eltern arm waren! Gott im Himmel weiß, wie arm meine Pflegeeltern waren. Ich liebe Dich, und wenn Du nicht meine Gattin werden willst, ist mein ganzes Lebensglück vernichtet. Findet denn meine heiße Liebe kein Echo in Deinem Herzen?" Sie antwortete nicht, aber ihr Haupt sank auf seine Schulter, und sie weinte Thränen des Glückes und der Freude. Unter den zahlreichen Freunden, die bei dieser frohen Nachricht das Haus des alten Commercienraths förmlich^bestürmten,'.um^den Verlobten Glück zu wünschen, fand Mademoiselle ^La Rochette sich zuerst ein. Sie überreichte der glücklichen Braut einen umfangreichen Brief, der noch nicht geöffnet und mit fremdländischen Briefmarken versehen war. „Auf ihrem Sterbebette wünschte Deine Mutter, daß dieser Brief an Deinem Verlobungstage, oder wenn Du Dein einundzwanzigstes Lebensjahr vollendet habest, in Deine Hände gelegt werden sollte", sagte die alte Dame feierlich. „Aber, mein Kind, befolge meinen Rath und wirf das Schriftstück ungelesen ins Feuer. Es enthält gewiß Nahrichten über Deinen Vater, und es ist sicher besser. Du weißt gar nichts, als schlechte Neuigkeiten zu hören." Doch Leo und Martha theilten nicht die Meinung der alten Dame; sie hatten keine Geheimnisse vor einander und öffneten daher das Schriftstück gemeinschaftlich. Zuerst fiel ein Brief in ihre Hände, der mit dem Namen „Martha La Rochette" unterzeichnet war, und den Martha's Mutter geschrieben hatte, als sie ihr Ende herannahen fühlte. Es war ein langer, liebevoller Brief, und jede Zeile athmete heißes Verlangen nach dem abwesenden Kinde. Sie erzählte, daß ihre drückende Armuth sie veranlaßt habe, ihren Namen aufzugeben und ihren früheren Mädchennamen anzunehmen. „Dein Vater war ein stolzer, deutscher Edelmann", schloß der Brief, „und stammte aus einer gräflichen Adelsfamilie. Dein richtiger Name ist „Martha von Wildenthal", und vielleicht leben noch Dein Großvater oder Deine Verwandten im südlichen Deutschland. Ich schreibe Dir dieses in der Hoffnung, daß die Gewißheit Deiner Herkunft im späteren Leben für Dich von Wichtigkeit sein wird." Diesem Briefe waren zwei wichtige Papiere eingeschlossen: der Trauschein des Grafen Hans von Wildenthal mit Martha Adair und der Geburtsschein ihrer Tochter Martha. — „Nun ist die arme, kleine Erzieherin der Berg- haupt'schen Familie sogar eine reiche Erbin", scherzte Leo, „hätte ich das früher gewußt, so würde ich nicht gewagt haben, meine Augen zu Dir zu erheben." Herr Ambach war hocherfreut. Er erklärte, das Geheimniß längst errathen zu haben, denn Niemand habe der guten Frau Marlitz so ähnlich gesehen, wie Martha, nur haben ihm die Beweise gefehlt. Ehe der Winter ins Land zog, fand im Hause des alten Commercienraths große Hochzeit statt, bei der auch Mademoiselle La Rochette und der Lehrer mit seinen Kindern zugegen war. Frau Berghaupt konnte nicht überredet werden, an der Festlichkeit Theil zu nehmen, und schützte ablehnend die Trauer um ihren Sohn Willy vor. In Wahrheit wollte sie das Glück der Liebenden nicht mit ansehen, denn sie konnte es Leo nicht vergeben, Martha vor ihren eigenen Töchtern den Vorzug gegeben zu haben. Die beiden kleinen Stiefschwestern der Braut streuten Blumen auf dem Wege zum Traualtar und freuten sich schon auf die kommenden Ferien, die sie fortan auf dem Schloß Wildenthal zubringen sollten. Es war der jungen Frau eine große Freude, mit Einwilligung ihres Gatten ihrem Stiefvater alles Geld mit Zinsen zurückzuzahlen, das er für ihre Erziehung gegeben hatte, und sie war fest entschlossen, ihren kleinen Stiefschwestercheu alle Liebe zu bieten, die sie in ihrer Jugend so schmerzlich entbehrt hatte. 379 Für alle Anwohner des Schlosses Wildenthal fing mit dem Einzüge des jungen Paares ein neues Leben an. Wie Frau Marlitz den Armen und Nothleidenden wie ein Engel der Liebe und Güte erschienen war, so stillte Martha jetzt die Thränen der Noth und der Armuth, und die unerwartete Erbschaft wurde zum Segen für Tausende. Allerlei. Die Vernichtung der Cholera-Bacillen durch das Wasser indischer Flüsse. Die indischen Aerzte haben sich bekanntlich stets hartnäckig gegen die Annahme gesträubt, daß der Ausbruch von Cholera- Epidemieen durch den Genuß infizirten Wassers veranlaßt werden könnte. Die Gründe gegen diese Annahme waren wichtig genug. Niemals breiteten sich Cholera-Epidemieen den Ganges abwärts aus, sondern gelangten stets von dem eigentlichen Choleraherde, in Bengalen, an die Ganges- Mündung. Auch wurden zahlreiche Cholera-Leichen in die Flüsse geworfen, ohne daß sich jemals bet Leuten, welche zum Theil sogar ausschließlich Flußwasser genossen, eine Ansteckung in Folge dessen gezeigt hätte. Nunmehr hat jedoch Hankin nach einem vorläufigen Bericht an die „Annalen des Instituts Pasteur" in Paris eine Entdeckung gemacht, welche diese Thatsachen mit der obigen Theorie in Einklang bringt. Hankin hat nämlich durch Untersuchungen den Nachweis geliefert, daß das Wasser gewisser indischer Flüsse, besonders der Dscha- muna und des Ganges, die Fähigkeit hat, die Cholera-Bacillen zu vernichten. Wodurch das Flußwasser diese Eigenschaft gewinnt, ist noch nicht festgestellt, man nimmt die Gegenwart gewisser, den Bakterien schädlicher Säuren an. Im Wasser der Brunnen fand Hankin stets zahlreiche CholeraBacillen, so daß also die oben erwähnte Auffassung der indischen Aerzte von der Unschuld des Wassers im Allgemeinen nicht zutreffend ist. Nur die Flüsse besitzen eine Art von Selbstreinigung. Besondere Feststellungen gibt Hankin bezüglich der Dschamuna in der Umgebung von Agra, einer Stadt von 160,000 Einwohnern. Die Stadt bezieht ihr Wasser aus dem Flusse und leitet ihre sämmtlichen Abwässer unterhalb wieder in den Fluß zurück, trotzdem verschwindet die bak- teriologische Verunreinigung des Flusses in 12^ englischen Meilen Entfernung unterhalb der Stadt vollkommen. An der Ableitungsstelle des Wassers, oberhalb der Stadt, wurden 700—750 Bakterien im Kubikmeter Wasser gefunden, die Zahl steigt unmittelbar unterhalb der Stadt auf 16,000 bis 21,000, fällt dann in 2—3 Meilen auf 6200—4300, in 5—6 Meilen bereits auf 760—500 und endlich in 120 Meilen auf 125—130, d. h. eben so viel wie bei Dhobus-hat, 5—6Meilen oberhalb Agra. Diese Zahlen stammen vom Anfang des Monats Februar. Das Wasser des Flusses besitzt für den Cholera-Bacillus dieselbe tödtende Kraft oberhalb wie unterhalb der Stadt und ebenso in der Nachbarschaft eines eben in die Strömung geworfenen Cholera- Leichnams, wie in der Nähe einer schon länger im Wasser gelegenen Leiche. Hankin gibt dann noch interessante Vergleichszahlen: Ftltrtrtes Dschamunawasser, oberhalb der Stadt dem Flusse entnommen, das ursprünglich 1200 Kolonien von Cholera-Bacillen enthielt, hatte deren nach einer Stunde nur noch 200, nach zwei Stunden bereits keine einzige mehr, Wasser von unterhalb der Stadt, ursprünglich mit 1500 Kolonien inficirt, hatte diese nach Verlauf einer Stunde bereits sämmtlich ver- 4 » >»> 4 ^— Partie aus Mittrnwald. 4 Ws MIM ASM 380 nichtet, im Wasser, das neben einer alten Leiche geschöpft wurde und 1250 Kolonien enthielt, waren nach einer Stunde bereits sämmtliche Kolonien bis auf 50 getödtet, nach einer weiteren Stunde auch der Rest; im Wasser, neben einer frischen Leiche, mit anfänglich 2000 Kolonie»/ erhielten sich nach einer Stunde 500, nach zwei Stunden noch 200, nach 3'/z Stunden keine mehr. Wurde das Wasser dagegen gekocht, so verlor es seine bakteriocide Eigenschaft; wenn in solchem anfangs 1250 Kolonien vorhanden waren, nahm deren Zahl in 3*/z Stunden zwar auf 200 ab, stieg aber nach 48 Stunden auf 48,000. Im Brunnenwasser stieg die Zahl in 48 Stunden von 1200 auf 16,000. Aehnliche Experimente an anderen Orten ergaben dieselben Resultate. Ebenso bestätigten Versuche mit Cholera-Kulturen in Pepton die völlige Tödt- ung aller Cholerakeiwe in frischem Dschamuna-Wasser. * Pflügen des Wassers behufs Platingewinnung. So bekannt das Pflügen des Erdbodens ist, so befremdend muß es Jedermann erscheinen, daß auch das Wasser gepflügt werden kann. Freilich darf man darunter nicht das flüssige Element verstehen und scheint es ziemlich natürlich, daß es sich um ein Pflügen des Grundes des Wasserlaufes handelt. Dieses eigenartige Verfahren wird, wie uns das Patentbureau von G. Dedreux in München mittheilt, von den Anwohnern des Flusses Tura im russischen Gouvernement Tomsk ausgeübt. Der hiezu erforderliche Pflug besteht aus einem Floß, an welchem eine geeignete Rinne mit einer Pflugschar befestigt ist. Dieser Pflug fährt stromabwärts und der von der Schar abgeschnittene Grund fällt in die Rinne und aus dieser in einen Bottich, woselbst der Flußsand ausgewaschen wird, um die in dem Sande enthaltene große Menge Platin zu gewinnen. So primitiv die Vorrichtungen auch sind, so nutzbringend sollen sie sich gestalten, so daß die Bauern das Pflügen des Wassers seiner Rentabilität wegen der des Landes vorziehen. -X- UebertriebeneHöflichkeit. „Der Herr Professor ist zu Hause?" — „Ja, mein Herr." — „O, dann will ich nicht stören, dann besuch' ich ihn lieber ein anderes Mal!" --SÄ88WS-- - Zu unseren Bildern. Vor der Execulion. In der Küche, in der Speisekammer und im Hausflur war es schon seit langem nicht ganz in Ordnung. Man hörte zuweilen ein verdächtiges Geräusch auf dem Fußboden, in den Ecken und im Gerümpel: es raschelte, knisperte und knusperte; manchmal klang auch ein leises, feines Pfeifen, und dann war es wieder, als huschte etwas über den Fußboden und an den Wänden hinauf. Die Mutter berichtete eines schönen Tages, daß der Speck in der Vorrathskammer angefressen sei, auch das Brod hatte ein ganz merkwürdiges Loch an der einen Seite, und auch noch sonstige Spuren ließen auf höchst sonderbare Dinge schließen und die Kinder kamen zu der Ueberzeugung, daß Mäuse im Hause sein mußten. Und als dann auch Käthchen eines Tages von einer lebendigen Maus, die an ihr vorbei in das Loch in der Ecke schlüpfte, auf s Höchste erschreckt wurde, da war kein Zweifel mehr möglich, es war konstatirt: man hatte Mäuse I Selbstverständlich beschloß man sofort, dem Ungeziefer energisch zu Leibe zu gehen. Es fand sich noch eine Mausefalle vor, welche die Mutter vor Jahren von einem herumziehenden braunen Gesellen gekauft hatte. Das Instrument wurde wieder in Stand gesetzt und, nach dem uralten Rezept: „Mit Speck fängt man Mäuse", mit einem etwas angebratenen, lieblich duftenden Speckstückchen ausgerüstet, unter das Gerümpel in die Ecke gestellt. Das geschah gegen Abend. Am andern Morgen, als die Kinder in dem Vorraum der Küche spielten, fiel es dem Franz ein, nach der Mausefalle zu sehen. Sie wurde hervorgeholt, und — siehe da! — es befand sich eine Maus darin, eine richtige Maus! Große Erregung unter den kleinen Leuten I Nun wird das gefangene Thierchen, das ängstlich in seinem Käfig umherläuft, von allen Seiten beobachtet, und schließlich kommt Nachbars Lieschen auf den genialen Einfall, ihre Hauskatze zu holen, welche an dem kleinen Verbrecher die Execution vollziehen soll. Das ist der Moment, welchen unser liebenswürdiges, reizendes Bild darstellt. Der Renommist. An' größcr'n Aufschneider Gibt'^ auf der Welt net, Wie der Forstg'hilf vo' Klasing, Da gibt's goa' koa' G'red'. Der frißt die Wildschützen Mit Haut und Haar scho', Wenn's aber d'raf o(n)kimmt, Nacher laaft er davo'. So hat er 'n G'schwendtner In der Früah glei' derzäblt, Daß er z'Nachts hat an'Wildschütz In d' Klamm abi g'schnellt. „Er is ma begcgn't durt Am Hoa(n)kogel d'rent Und wollt' mit an' Gamsbock G'rad' abi zum G'wänd'. Da pack' i'n und reiß'n Wie—r—an' Strohwisch glei' z'samm, Und wie ma—r—a so raafa, Fallt er abi in d' Klamm." „O Donna", sagt der G'schwendtner Und schmunzelt dazua, — „Werts' denn?—Herr gib eahm Die ewige Ruahl" — „Wer'sg'we'nis? J woaß net, Dees is ja die G'schicht', Denn g'schwärzt hat drSpitzbua Mit Ruaß sei' ganz' G'sicht." Der Forstg'hilf thuat wichti', Der G'schwendtner, der lacht, Denn er is ja selm g'we'n, Der Wildschütz heu(n)t Nacht. Und wie—r—a mit'nGamsbock Auf'n Hoamwcg is scho', Beaegn't eahm der Forstg'hilf Und der — laaft davo'I Jetzt fitzen s' nebmananda Ganz sriedli' bei'n Glas, Und hart nebma eahna Steckt der Gamsbock im Faß. Mitlenwald. Der Markt Mittenwald, an der Jsar gelegen und vom Karwendel-Gebirg, welches 2368 Meter hoch ist, überragt, ist ein berühmter Lustkurort und eine der beliebtesten Partien im bayerischen Gebirge. Im Süden führt der Scharnitzpaß nach Tirol, im Westen erhebt sich der Wetterstein. Der Ort soll unter dem Namen Inutrlum schon den Römern bekannt gewesen sein und war im Mittelalter Station der großen Handelsstraße zwischen Augsburg und Italien. Mittenwald ist weithin hekannt durch seine Fabrikation musikalischer Instrumente, die 1684 von Mathias Klotz, einem geborenen Mittenwalder und Schüler von Niccolö Amati, gegründet wurde. Schachaufgabe. Von Johann Berger. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 4. Zuge matt. „Augsburgrr PostMung". ^ 51 . Ireitag, den 19. Juni 1896 . Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbefitzer Dr. Max Huttler). WHeingokö. Novelle von Cary Groß. (Fortsetzung.) II. Am untern Saum des Nachtigallenwäldchens, fernab vom Staub der Landstraße und außer Bereich von Fräulein Hennigs hämischen Blicken und spitzen Reden, saß zur selben Zeit ein junges Mädchen unter dem Schaitendach einer Eiche, an deren Stamm sich die mittelgroße, schlanke Gestalt in behaglicher Ruhe lehnte. — Aromatischer Duft stieg aus dem frisch gemähten Anger empor, der vom Wäldchen zu den noch von zartem Sommergrün umsponnenen Weingeländen sich hinabsenkte. In das Gezirp der Grillen tönten hie und da die kräftigeren Noten der Grasmücken und Drosseln. Die Silberfluth des Rheins blinkte durch das Weiden- gebüsch am fernen Rand des Stromes, der wie ein funkelndes Geschmeide das keck sich aufthürmende Rolandseck am jenseitigen Ufer umkränzte; das liebliche Bild spiegelte sich in den großen Augen der einsamen Beschauerin und senkte Frieden und Sonnenglanz tief hinein in ein empfängliches Herz, von wo sie wieder das ganze Wesen des holden Mädchens durchstrahlten. Freude und Entzücken leuchtete aus jedem Zuge des leichtgebräunten GesichtchenS, daS in seiner Zartheit und Regelmäßigkeit ein Wunderwerk der Natur war. Sie schien eS mit besonderer Sorgfalt geformt zu haben, damit es einem lebhaften Geist und tiefen Empfindungen zum leichten Ausdruck diene und die Schönheit der Form sich zu einer äußerst seelenvollen und anziehenden gestalte. Ottilie Grube war es, die hier daS Glück einsamen Wanderns genoß. Wenn ihre Augen so wie jetzt entzückt an der Schönheit der Gegend sich weideten, erschienen sie unter dem Schatten der langen Wimpern ticfdunkel, und sie glich, trotz des Goldhaars mit dem metallischen Schimmer, einem Kinde des Südens, das pathetisches Fühlen in Miene und Geberde offenbart. Aber dieselben Augen konnten in kindlicher Fröhlichkeit strahlen und wie Sterne im hellen Lichte funkeln; dann verbreiteten sie Lust und Freude, die in Ottilie sich gar oft zu Schelmerei und zu Uebermuth steigerten. Ihr vom Vater ererbtes rheinisches Naturell erhielt alsdann die Oberhand über den tiefern Grund ihres Wesens, einen Zug zur Schwärmerei, den ihr Vater ihr „Mutterbe" nannte. Ihm entstammte ihre Vorliebe für Kunst und Musik, sowie ihr Verlangen nach edler Liebe und ihr Vorsatz, keinem Freier Gehör zu schenken, der sie nicht um ihrer selbst willen liebte, sie nicht suchen würde, wenn sie keine Erbin wäre. Daß sothaner Vorsatz schwer auszuführen sei und man dabei getäuscht werden könne, wußte Ottilie; aber diese Einsicht vermochte die Romantik ihrer Gesinnung nicht abzuschwächen, zumal ihr Herz noch für Niemand gesprochen hatte. Ihr Vater, der sein Kind gar wohl verstand und sich gewöhnt hatte, ihr in Allem Freiheit zu lassen, waS ihrer Natur entsprach, begann schon zu fürchten, ihre Grille könne nachtheilig auf ihren Lebensgang wirken. Er verlachte ihre Furcht, aus Berechnung gefreit zu werden, weil er besser wie sie einsah, in welche« Grad anziehend seine Tochter war. Gerade die Doppelnatur in Ottilie, die sich nicht sowohl in Contrasten, als im harmonischen Zusammenklingen verschiedener Anlagen äußerte, gab ihrer Schönheit den höchsten Zauber, und des Vaters Sorge bestand weniger darin, daß sein Kind echte Liebe erregen könne denn dieß erschien ihm selbstverständlich — eher war er besorgt, sie werde aus Laune den rechten Mann von sich weisen, der ihr reiches Herz und ihren eigenthümlichen Charakter zu verstehen und zu leiten wisse. Ottiliens Träumerei unter der Eiche wurde unterbrochen durch eine sanfte Stimme, die ganz in ihrer Nähe aus dem Buschwerk hervortönte. „Währt es Ihnen zu lange, Liebling, wenn ich am Waldsaume die Tausendguldenkräutlein sammle, die in Hülle und Fülle hier wachsen. Schwester Clementine möchte damit ihren Arzneivorrath mehren. Nehmen Sie einstweilen, was ich für Sie gepflückt habe." Mit einem Sträußchen Waldesbceren und einer Ranke rother Heckenröschen trat nun eine kleine, runde Dame mittleren Alters zu der jungen Schönen heran. „O, wie schönt Besten Dank gute Mißil" sagte diese, sich der gebotenen Gaben bemächtigend. „Thun Sie ganz nach Ihrem Belieben. ES ist noch früh; ich eile gar nicht von dem köstlichen Punkte hinweg. Sehen Sie nur, wie herrlich von hier aus Strom, Insel und Bergwclt erscheinen." Sie legte den Arm zärtlich um der Engländerin Schulter und bewog sie, sich dem Land- schastSbild zuzuwenden. „Ja — herrlich!" sagte Miß Nich, nach einem zerstreuten Blick in die Ferne. „Aber allzu viel Zeit dürfen wir doch nicht verlieren. Ich pflücke meine Kräuter im Anfwärtsgchen und kann an der Waldecke oben zu 382 Ihnen stoßen, wenn Sie langsam dem Waldpfad dorthin folgen. Wir dürfen die gute Frau Näthin nicht warten lassen? Sie hofft uns droben im Wald am Fuß deS yelsens zu finden. Sie wünscht, daß wir mit ihr vereint auf dem Drachenfels ankommen." In Ottiliens Auge blitzte der schelmische Glanz. „O, ich merke, Sie theilen meine Lust an diesem Kaldweg nur halb, Mißt. Nur um des Tausendgüldenkrauts willen haben Sie mir die Rast und Erfrischung fn Waldesfrische gegönnt. Aber rechnen Sie nur nicht ohne meine Kobolde! Sie find mir überall dienstbar. Auch heute haben sie mir zugeflüstert, daß ein Plan gegen meine Freiheit geschmiedet wird und sogar meine liebe Mißt sich bewegen läßt, dem Waldvöglein Schlingen zu legen, Schlingen, denen es jedoch zu entgehen weiß!" Auf dem offenen Gesicht der Engländerin zeigte sich peinliche Verlegenheit. Sie wand sich bestürzt aus dem Arm Ottiliens, die sie lachend ansah. ,0, sliLnrs!" rief sie. „Sie beschuldigen mich fälsch, Kind! Ich mache keine Complotte, die Sie zu fürchten haben! Beraubt es Sie der Freiheit, wenn jSie sich einmal Leute ansehen, die Andere als vorzügliche Menschen kennen? Soll ich mich widersetzen, wenn ein jbistinguirter Herr, ein Gentleman, das Glück sucht, Ahnen vorgestellt zu werden, um Sie kennen zu lernen? Abzuschätzen nach Goldwerth l — Dieser Verdacht geht zu weit! Wahrlich, Kind, eS wird ihre Manie, in jedem Mann, der den Blick auf Sie richtet, einen Goldsucher, einen Glücksjäger zu vermuthen. Wenn das so fort geht, werden Sie eine alte Jungfer werden, wie ich." „Als ob das ein Unglück wäre, eine so liebe, freundliche, nützliche alte Jungfer zu werden, wie Mißt!" „O, mit Schmeichelei kirren Sie mich nicht, Ottilie! Sie würden auch gar nicht so werden wie ich, die von der Nothwendigkeit früh am die Arbeit gewiesen wurde, die nicht aus Uebermuth, nicht aus Zweifelsucht brave Bewerber abgewiesen, nicht eigensinnig sich von dem natürlichen Pflichtweg der Frau abgewandt hat. Sie find freilich noch jung, sehr jung. Niemand drängt Sie ur Entscheidung; aber warnen muß ich Sie vor der rankhaft werdenden — ja krankhaft! — so sagt selbst Phr Vater — krankhaften Sucht, bei jeder Bewerbung Berechnung zu vermuthen. Als ob nur Ihre Mitgift Ähren Reiz bildete. Sie find schön, geistreich, voll jLalent." „Und so weiter! in netsinum. Ich kenne schon pie ganze Liste meiner Vorzüge, die meine Mißt und Mein guter Vater, ja bisweilen sogar «ein Bruder lOttmar mir vorsingen. Merkt Ihr denn die Gefahr picht, daß Ihr mir durch Lob erst vollends den Kopf perdreht und ich mich immer höher schätze und gar nur hem schönsten Prinzen oder stolzesten Ritter mich zu eigen -eben will. Das schöne Königskind vom Kynast — vielleicht gab es auch eins auf dem Drachenfels! — Machte eS so. Unser heutiger Besuch dort oben könnte Mir die Lust eingeben, von einem gewissen Hcilkünstler /einen Gang oder Ritt rings um die zerbröckelten Felsen M Probe seiner Uneigennützigkeit zu verlangen. Ja Mißt, das will ich, ob Sie den Kopf schütteln oder »licht. Es wäre allerliebst, könnte man eine derartige Probe machen, wenn auch keine gar so halsbrechende, für die ein zartfühlender AeSkulapsjünger sich schon von Amtswegen bedanken müßte." Miß Rich erröthete immer tiefer und bewunderte dabei den Scharfblick ihres Lieblings, der die Pläne der Näthin durchschaut und ihre Parteinahme erkannt hatte. — Aber weil die Pläne gut waren, sagte sie mit schüchternem Pathos: „Um Gotteswillen, Ottilie, denken Sie sich nur keine romantischen Proben aus!" „Ausdenken!" war die lachende Entgegnung, „nein, ausdenken werde ich mir gewiß nichts, zumal es hier der Probe nicht bedarf. Es wäre nur allerliebst, wenn sich zufällig einmal etwas böte, was wenigstens Abwechslung in unsere Alltäglichkeit brächte. Heutzutage schlagen sogar die Nachtigallen von Roensdorf nur zu vorbestellten Stunden, und Niemand wagt es einen andern Schritt zu thun, als sein Vormann." „Nun, gar so ausgetreten find die Pfade nicht, auf denen mein Liebling mich oft genug zwingt, ihm zu folgen!" sagte Miß Rich mit feinem Lächeln. „Auch fehlt eS meiner lieben Ottilie gerade nicht an Muth ihren Einfällen zu folgen. — Fräulein Hennigs spitze Blicke glichen Dolchen. Es schien mir geradezu gefährlich, nachzugeben, als Sie Ihrer Laune folgten, um der bequemen Wagenfahrt den anstrengenden Weg vorzuziehen, und den Wagen der Räthin verließen." Ottilie lachte. „Gefährlicher noch wären die Worte gewesen, die ich vernommen hätte, wenn ich bei den Damen blieb; bedenken Sie doch die Lobsprüche, die oft gehörten, lästigen —" „Auf den unvergeßlichen Wilhelm?" „Nein, die kann ich ertragen, das verwittwete Herz flößt mir sogar Mitleid ein. Ich vermeine die auf einen gewissen „distinguirten" Menschen, von Ihnen Gentleman geheißen, liebe Mißi." Miß Rich erröthete neuerdings. „Immerhin wollen wir unserer guten Wirthin Geduld nicht auf die Probe stellen", sagte sie abbrechend. „Ich eile die Kräuter zu pflücken. Bitte, folgen Sie bald dort hinauf!" Belustigt blickte Ottilie der Gefährtin nach, als sie zum Blumensammeln enteilte. »Ich sollte ihr helfen", sagte sie zu sich selbst, „aber die Gute verlangt es nicht einmal. Dafür kann ich noch ein Weilchen den Zauber der Waldeinsamkeit genießen." Lange sollte aber Ottilie sich dieser Einsamkeit nicht erfreuen. Sie hatte eben ihren Rastort verlassen und begann dem sanft ansteigenden Pfad in den Wald zu folgen, als tiefer unten, auf dem im Zickzack geführten Weg, Stimmen laut wurden. Noch andere Spaziergänger folgten ihr auf dem Waldpfad, trotz der warmen Mittagszeit. Das Unterholz verhinderte Ottilie die Nachkommenden zu sehen, aber sie unterschied deutlich die Stimme eines Mannes und eines Mädchens. Bisweilen stehen- bleibend, führten die Nachkommenden eine laute, Ottilie verständliche Unterredung. Die Rede des Mannes klang wie von einer Bühne dröhnend, als sagte er etwas auswendig Gelerntes auf, das voll Pathos und Leidenschaft sich in oft gehörten Floskeln bewegte; dazwischen hinein klangen Bitten des Kindes in schlichten Worten nur um so ergreifender. Auch vernahm Ottilie, die unwillkürlich stehen blieb und horchte, verhaltenes Schluchzen, das öfters in die thränen- vollen Bitten des Mädchens sich mischte. Die Stimme des Mannes» den die Weinende Vater nannte, kam — 383 Ottilie bekannt vor. Aufmerksam lauschend, harrte sie der Nachkommenden. Bald verstand sie jedes Wort. Der Mann ergoß sich in Klagen über sein bitteres Loos, über seine Verlassenheit und die Undankbarkeit des einzigen Kindes, das ihn an der Schwelle des Alters und der Armuth vor den Menschen verleugne, sich seiner schäme, ihn gering schätze, weil er der Welt und ihrer Lust dienen müsse. Doch habe er in diesem Beruf sich nicht entehrt, ihn auch nicht selbst gewühlt; die Muse habe ihn ihm gegeben, aber die Götter seien grausam, verließen schnöde ihre Lieblinge. Dazwischen sagte er wieder in milderem Ton, er zweifle ja nicht am Herzen der Tochter, die er gleich einer vornehmen Dame mit sauren Ersparnissen erzogen habe, weil er selbst sie, wenn nicht einem besseren, doch wenigstens einem sichereren Beruf bestimmt habe als der seine; allerdings meine er nicht den Schleier, den sie nur deshalb nehmen wolle, um zwischen sich und der Welt, in der ihr Vater lebe, eine Scheidewand herzustellen. Trotz dieser Einsicht wolle er an ihre kindliche Ergebenheit glauben, wenn sie nur heute, nur dies einemal sich nicht geweigert hätte, ihn in seinem Wirken zu unterstützen, heute, da sicher viele Gäste auf den Drachenfels kommen, seine Stimme hören und von ihrem Urtheil sein Engagement als „Rheinsänger" für den Sommer abhängig sein werde. Ein solcher sei auf dem Drachenfels beliebter noch, als auf andern Burgen. Gerade heute sei er seiner Stimme nicht sicher ohne Begleitung, und heute, wo er den leichten Dienst vom einzigen Kinde verlange, weigere es sich und schütze die Verwundung des Handgelenks vor, als ob sie die hindere, wenige Accorde auf der Guitarre zu spielen. Diese Hülfe würde hinreichen, seine gebrochene Kraft zu heben, ihn befähigen zu seinem Wirken , das allerdings seines Talentes nicht würdig sei, aber doch ihn davor schütze, als Bettler durch die Welt zu gehen. Wahrlich, der Blinde drüben am Aufgange zum Felsen sei besser daran wie er; denn der habe noch eine Mignon, während er verlassen sei von der seinen. Die Thränen seines KindeS, deklamirte der Mann weiter, entstammten der Scheu sich öffentlich zeigen, an des Vaters Seite stehen zu sollen, der doch schützend die Arme vor sie breiten werde; sie beweine nicht ihr beiderseitiges Unglück. — Nach jeder derartigen Tirade hörte Ottilie immer dieselben demüthigen Bitten der Begleiterin deS Sprechenden, er möge ihr verzeihen, sie denke nicht daran, sich seiner, des treuesten Vaters, zu schämen, nur Scheu vor der Welt und Unfähigkeit, die geschwollene Hand zu brauchen, bestimmten ihre Wünsche, ihn nicht auf den Drachenfels zu begleiten. Ihre Thränen seien Zeugen, wie leid es ihr thue, dem Vater nicht dienen zu können. In der That war das Gesicht des jungen Mädchens, das nun an der Wendung des Weges sich Ottilien zeigte, von Weinen geröthet. Der in der Schlinge getragene Arm und die zitternde Stimme sprachen noch deutlicher von der traurigen Lage des jungen Geschöpfes, dem sofort Ottiliens Theilnahme sich zuwandte. Sie bemerkte, wie dürftig, aber in Schnitt und Farbe bescheiden und anständig, das Gewand war, das die schmächtige Gestalt umschloß. Sie sah in dem blaffen Gestchtchen neben den Thränenspuren auch den kindlichen, rührenden Ausdruck der Hülflosigkeit, eine sympathische, noch nicht völlig entwickelte Schönheit. Nur das Hütchen, von Rosen und Flittergold überreich bedeckt, paßte nicht zu dem Eindruck, den das Kind machte. Ohne diesen Kopfputz und die an buntem Band getragene Guitarre Hütte die Kleine «ehr einer Klosterschülerin, als einer fahrenden Sängerin geglichen. Mühsam Athem holend blieb das Mädchen stehen und bemühte sich, mit der freien Hand die reichlich fließenden Thränen zu trocknen. So bemerkte es Ottilie nicht, die dem Zug ihres mitleidigen Herzens folgte, u. ihr näher trat. Aber des Mädchens Vater bemerkte sie sofort, als auch er nun um die Ecke des Weges bog. — Er unterbrach seine Klageergüsse. Sein Schönheit liebendes Künstlerange haftete an der Erscheinung voll seltener Grazie, die im lichten Gewand, mit den wallenden Locken, von denen sie den Hut abgenommen hatte, mitten im beschatteten Waldweg stand. Sonnenstrahlen drangen durchs Laub- dach und zauberten Goldreflexe auf das wellige Haar und vermehrten den eigenartigen Liebreiz der jugendlichen Erscheinung. „Loreley oder Dryade?" rief der greife Sänger im Ton einer Theaterrolle — „Waldfee oder Muse? Wer naht sich uns Armen hier im düstern Hain, auf dem Danaerveg der Unglücklichen? Ist es uns zum Fluch oder zum Segen, wenn Göttliche nahen?" „Zum Segen, wenn Sie mich damit meinen, Herr Werner Goldmuud", lautete die heitere Antwort, „mich, Ottilie Grube, ein sterbliches Mädchen, dem Sie einst Unterricht ertheilt haben in unsterblichen Weisen. Erinnern Sie sich meiner nicht mehr?" Ottilie hatte den Mann trotz seines veränderten Aeußern, einen alten Mustklehrer, wieder erkannt, an den Stimme und Redeweise sie sofort gemahnt hatten. Vor wenigen Jahren noch ein berühmter Sänger und Musiker, hatte er, als sein Tenor anfing nicht mehr für große Bühnen auszureichen, in der Hauptstadt Steier- marks Unterricht im Singen ertheilt; Ottilie gehörte zu seinen bevorzugten Schülerinnen. Sie hatte den Mann trotz seiner Wunderlichkeiten, die zum Theil auf Größenwahn beruhten, schätzen gelernt. Sie hatte damals schon erfahren, wie zärtlich besorgt er für seine Familie war. Die Tochter ließ er zu Paris in eine« vornehmen Pensionat erziehen, und scheute keine Gcldapfer für diesen Zweck, sowie für die Pflege seiner siechen Frau, die in einem südfranzösischen Badeort weilte, und bis zu ihrem Tode ihrem Gatten große Kosten verursachte, der überdies leichter erwerben als verwalten konnte und große Verluste an seinem Vermögen erlitten hatte, so daß er gezwungen war, sein Können mühselig zu verwerthen. Bald nachher war Goldmund aus der Künstlerwelt verschwunden; seit nahezu drei Jahren hatte Ottilie nichts mehr von ihm gehört, ihm aber ein gutes und dankbares Andenken bewahrt, das stets lebendig wurde, wenn sie die von ihm erlernten Lieder sang. Als Goldmund unerwartet vor die einstige Schülerin trat, trug er einen langen, weißen Bart, wie er ihn für die Erscheinung eines Burg- und Nhetnsängers geeignet hielt. Lange, graue Locken 'deckte ein breiter Schlapphut. Ein braunes Gewand von vergriffenem Sammt umschloß die noch immer stattliche, nur wenig gebeugte Gestalt. — Das theatralische Auftreten gehörte zu seinem innersten Wesen, aber ebenso der Ausdruck eines rechtschaffenen und anständigen Mannes, dessen Gepräge unverkennbar in seinen Zügen zu lesen war. Ottilie, die ihn als solchen genügsam kannte, überließ sich unbedenklich der freudigen Stimmung, mit der die Begegnung sie erfüllte. «Ich hoffe Sie freuen sich doch auch, mich hier -t» 384 — sehen", rief sie dem noch immer Staunenden zu. „Einst nannten Sie mich Sappho und sich Anakreon; wissen Sie es nicht mehr, daß Sie sich unbedenklich zu der lesbischen Dichterin Lehrer stempelten? Glauben Sie nicht, es sei ein guter Stern, der uns hier zusammenführt?" „Meine Sterne sind längst untergegangen", rief Goldmund, entzückt Ottilie betrachtend, „aber eine Sonne geht mir hier auf, eine Sonne, der ich geblendet ins Auge sehe. Ja, Sappho, das sind Siel Wie eine Sappho sehen Sie aus, ihr gleichen Sie weit mehr noch, als einer Mignon, Loreley oder Waldfee. Strahlen von allen Huldgestalten spielen um Ihre Stirne. Gewiß find Sie auch eine geweihte Sängerin geblieben! O, daß meine Feltcitas — Jnfelicitas sollte sie heißen, — mein Töchterlein hier, mein einziges Kind, Ihre Mittel hätte, Ihr Talent, Ihre Stimme! — Aber was hülfe es? Sie würde dennoch den alten Vater verlassen wollen! Im kühlen Schatten des Heiligthums ruht die Vestalin, sicher vor Stürmen, die dem greisen Sänger die Locken zerzausen!* „Lassen Sie die Vorwürfe ruhen, Meister!" bat Ottilie und zog das bebende Mädchen zu sich heran. „Ihr Kind scheint krank zu sein und zu leiden, wie ich aus Ihrem Gespräche soeben vernahm. Sie sieht nicht aus, als wolle sie den Vater kränken. Erzählen Sie mir lieber, was ihr widerfahren ist." „Ein Geschick, ein Mißgeschick! Das ist es ja, weß- halb ich sie Jnfelicitas nenne, meine arme, kleine Licie, die wirklich ein gutes, nur zu schüchternes Kind ist. Sie hatte, trotz ihrer Schüchternheit, endlich doch eingewilligt, mich nicht mehr zu verlassen. Jetzt, da ich die Pension nicht mehr bezahlen kann, war ihr Bleiben im Kloster ohnehin zu Ende. Sängerin kann sie nicht werden; ihre Stimme reicht dazu nicht aus; aber sie soll meine unsicher werdende Stimme unterstützen mit der Guitarre. Heute liegt mir besonders viel daran. Von meinem Debüt auf dem Drachenfels hängt meine arme Zukunft ab. Licie kommt auch geduldig mit mir, schmückt sich sogar nach meinem Wunsch mit den Symbolen der Jugend und Poesie, den Nosen und dem Gold. Beim Anssteigen aus dem Kahn, der uns über den Rhein trug, gleitet sie aus, fällt, stützt sich dabei auf die Hand und hat sie verrenkt, verdehnt, oder gar gebrochen. Am Hafenplatz war ein Arzt, der ihr sofort einen Gypsverband oder Derartiges machte. Vielleicht wäre kaltes Wasser besser gewesen oder kühlende Blätter des Epheu, der den Sängern hold ist. Ich hoffte noch. Sie hoffte. Aber es war Wahnsinn; die Schmerzen ließen zwar nach, aber ^ie Geschwulst sinkt nicht ein." Längst hatte Ottilie FelicieS freien Arm in den ihren gezogen und stützte des Mägdleins Schritte, während sie den Weg fortsetzten und Vater Goldmund die traurige Geschichte erzählte. Das ging lange her, denn der Sänger siel dabei in alle Rollen, die er je gespielt hatte, und declamirte sie mit Pathos. Aber Ottilie kannte ihn und hörte aus dem Wortschwall doch seinen aufrichtigen Schmerz heraus. Felicie dagegen wurde von ihrem mitleidigen Herzen auch ohne Worte verstanden, so daß sie lebhaft mit dem geängstigten scheuen Vögelchen fühlte, dem es vor dem Flug in die Welt bangte, in die es dem Vater folgen sollte. Verwundert sah Miß Nich, die an den Tannen Ottiliens harrte, die drei herankommen. Sie mußte sich für den Rest des Weges anschließen und sich mit den Aufklärungen begnügen, die ihr Werner Goldmund in einem zwar fließenden, aber nichts weniger als landläufigen Englisch ertheilte. Er ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, zu zeigen, daß er die Sprache Shakespeares und Shelleys beherrschte, er, der in dem Paradies und Peri die Worte im Urtext gesungen hatte! Goldmunds Name war der Miß nicht unbekannt, obgleich sie erst zu Ottilie gekommen war, als er Graz schon verlassen hatte. Sie hörte andächtig auf seine Deklamationen, war aber doch etwas beurnhigt durch die wachsende Vertraulichkeit zwischen den voraus- schreitenden Mädchen. Wie würde sie sich und Ottilie von diesen auffallenden Begleitern wieder los machen können? Sie wünschte nicht mit ihnen von Frau Reh- wald oder gar von Fräulein Hennig gesehen zu werden. Welcher Kritik würde Ottilie sich aussetzen! Und siehe, dort oben, wo die Fahrstraße vom Oelberg herüber mündete, hielt ein Landauer! Die gute Frau Rehwald hatte den weiten Umweg gemacht, um hier ihre treulosen Gäste zu erwarten. Wie beschämend war solche Güte für Ottilie oder vielmehr für die, der man sicherlich Mitschuld gab, daß Ottilie die Fußpartie unternommen hatte. Als ob irgend Jemand von Ottiliens Angehörigen je den Versuch gemacht hätte, des verwöhnten Lieblings Wünsche zu kreuzen! Hielten doch Alle die Meinung fest, daß Ottilie nie etwas wolle, was nicht gut sei. Im Grund hatten sie Recht; dennoch war Miß Rich in Verlegenheit und überlegte ängstlich, waS sie zu Ottiliens Entschuldigung der Frau Näthin sagen könnte, deren Wagen die Vier nun schon auf hundert Schritte nahe gekommen waren. Auch Ottilie hatte die ihrer harrende Näthin bemerkt. Sie blieb jetzt stehen und wandte sich zu Miß Nich und Goldmund lebhaft um. „Mißt", rief sie, „Mißt, Liebe! Hören Sie mich! Es ist mir ein herrlicher Einfall gekommen! Sie müssen mir dabei behülflich sein. Erschrecken Sie nicht, eS ist etwas Gutes und dabei köstlich unterhaltend. Sie haben nichts zu thun, als der Frau Nehwald meinen Plan mitzutheilen u. ihn, soweit eS nöthig ist, zu vertheidigen. „Hören Sie also: Ich werde an FelicieS Stelle meines alten Meisters Lieder auf der Guitarre begleiten, indeß Felicie meinen Platz am Kaffeetisch einnimmt und Herren und Damen liebenswürdig anlächelt, die sich dabei einstellen. Sie stellen sie etwaigen Bekannten als meine Freundin vor; Fremde sollen sie aber für mich selber halten, denn ich will natürlich unerkannt bleiben und, so lange ich mein Amt ausfülle, für Herrn Goldmunds Tochter gelten. Sie selber dürfen mich nicht wieder kennen, noch anreden, bis wir uns diesen Abend in Villa Nehwald wieder finden!" „Sie wollten so etwas Unerhörtes thun? Unmöglich!" riefen Goldmund und Miß Nich wie aus einem Munde, aber mit wesentlich verschiedenem Ausdruck und Gefühlen. „Warum unmöglich?" fragte Ottilie, und aus den dunklen Augen blitzte der helle Strahl des lustigen, trotzigen Uebermuths, den Mißt nur zu gut kannte, vor dem jeder Einwand vergeblich war. „Halten Sie mich etwa für unfähig, bester Meister, Ihnen unsere lieben alten Rheinlieder würdig zu begleiten?" fragte Ottilie schelmisch Goldmund. „Nicht? Nun gut. dann gibt es kein „unmöglich" mehr bet der Sache. Frau Rehwald wird sich nicht weigern, meiner netten, jungen Freundin hier so lieb und freundlich zu begegnen wie mir selbst und mir zu lieb wein unschuldiges Geheimniß zu wahren. Es kennt mich auf dem Drachenfels, außer ihr, keine Menschenseele. Herr Goldmund wird schon mir zu Ehren so gut singen, daß er gewiß die Stelle erhält. Dafür gewährt er mir die Bitte, morgen seiner Felicie zu erlauben, daß sie ihr armes Händchen und Herzchen bei den Nonnen in Nonnenwerth pflege, wo man ihr wohl will und wohin ich sie von Frau Nehwald aus begleiten werdet Aber nun schnell zur Arbeit. Zuerst eilen wir zu dem Wagen, um mich bei Frau Nehwald für heute zu verabschieden." „Aber um Gotteswillen, Ottilie äsar!" rief Miß Rich in Heller Verzweiflung, das junge Mädchen am Rock fassend, „das ist ja Alles Tollheit, ist gar nicht ausführbar! Hören Sie nur ein vernünftiges, leises Wort: Bedenken Sie doch, Frau Rehwald erwartet Leute, die getäuscht würden. Welche Verlegenheit! Dr. Lebert z. B. wünscht, Sie kennenzu lernen; Frau Nehwald versprach —" „Ach, that sie das?" kam es von den Lippen der widerstrebend Horchenden, und ihre Augen erschienen wieder dunkel, während sie den Kopf trotzig zurückwarf. „Nun, um so schlimmer für sie und ihn; Ei so besser für mich, daß mir der Einfall zu diesem Tausch gekommen ist. Jetzt erst gefällt er mir auch um meiner selbst willen. Zuerst dachte ich gar nicht an diese Seite des Abenteuers. Mag doch der feine Herr sein Urtheil und seine Gefühle erproben. Wahrlich, eS muß mein Jncognito von Jedem heilig gehalten werden, der mich lieb hat, hören Sie, Mißi? Auf Sie rechne ich, denn ich kenne ja Ihr Herz und Ihre Freundschaft." Ehe die ungleiche Gesellschaft den Wagen erreichte, hatte sich Ottilie der Fügsamkeit ihrer Gesellschafterin versichert. „Bestes Tantchen Nehwald", begann sie, sie um- schmeichelnd. „Seien Sie recht lieb und nett mit dieser meiner Freundin. Miß Rich wird Ihnen sogleich oder später erklären, weßhalb ich diese Bitte an Sie richte, und noch die weitere dazu fügen, mein Geheimniß gegen Niemand zu verrathen. Erst heute Abend sollen Sie mich wieder kennen, und ich werde Ihnen herzlich danken. Lassen Sie meine kleine Freundin inzwischen Ottilie sein. Ich selber heiße so lange Licie." Frau Nehwald begriff nicht im mindesten, was sie Mit dem jungen Mädchen anfangen sollte, dessen Guitarre nun in Herrn Goldmunds Arm wanderte. Sie machte zögernd Platz im Wagen, lächelte süßsauer, innerlich Gott dankend, daß Gleichen Hennig in Königswinter weilte und ihre Schwäche nicht mit Augen sehen konnte. Erst als Ottilie der Fremden und Miß Ntch nicht in den Wagen folgte, dämmerte ihr ein Licht auf, daß etwas Ungeheuerliches vorgehe. Zur Salzsäule erstarrt sah sie noch, daß Ottilie ihr elegantes weißes Kaschmir- mäntelchen über den verbundenen Arm des jungen Mädchens hing und statt des rosengeschmückten Hütchens ihren eigenen breitkrämpigen Strohhnt mit der prächtigen blauen Feder auf die reichen blonden Flechten der Fremden drückte. „So — jetzt fahrt zu! Tantchen, blicken Sie ja nicht mehr nach mir sich um bis diesen Abend, bitte, o bitte!" Noch ein Handkuß, und zurück vom Wagen sprang Ottilie, das Rosenhütchen am Arm, das zu ihrer lichtblauen Blouse mit den rosa Schleifen und dem weißen Rock wenigstens der Farbe nach paßte. Der Wagen rollte davon, und es blieb den aufgeregten Insassen der Anblick erspart, wie Ottilie die Guitarre aus des Sängers Hand nahm, sie sich umhängte und dann wohlgemuth ihrem Begleiter den steilen Felspfad hinan zu der Burg folgte, als wäre sie von jeher zu der Rolle seiner gehorsamen Tochter erzogen worden. (Fortsetzung folgt.) --o-i-BM-»-- In der Portierloge. Humoristische Skizze von Gustav A. Müller. Nachdruck vttbote». Wenn man eine Umfrage versuchen würde im Kreise seiner Freunde, um deren Meinung zu hören darüber, welche Berufsmenschen die gewiegtesten Menschenkenner seien, käme man wohl zu einem ergötzlichen Resultate. Der Briefträger, der Geldbote, der Dicnstmann, die Polizei, der Kammerdiener, die Köchin; der Beichtvater, der Lehrer, der Schauspieler, — alle diese „Berufsarten" würden wohl in der Sammelliste figuriren. Ich, lieber Leser, stimme für den Portier und den Oberkellner eines großen Hotels, seitdem ich einen Tag in der Portierloge eines Münchener Gasthvfs mit psychologischer Forschung verbracht habe. So zwei Leute verfügen über eine Menschenkenntniß, die den feinsten Psychologen frappiren müßte; sie sind so erfahren in der Beurtheilung der Fremden, daß sie vor jeder Gaunerei, vor jeder Eventualität sich, soweit das Interesse des Geschäfts dies zuläßt, von vornherein zu schützen wissen; und es gibt Portiers und Oberkellner, die respectvoll vor Demjenigen den Hut ziehen würden, der im Stande wäre, sie „hereinzulegen". Das macht die Wanderschaft durch die Welt, die fortwährende Berührung mit den verschiedenstgearteteu Menschen und buntesten Verhältnissen und meist ein — angeborenes Talent. Die beste Schule zur intimeren Kenntniß der menschlichen Tugenden und Thorheiten ist die Portierloge. Ich will dies beweisen, indem ich einen Tageslauf aus derselben erzähle, von dem jeder Strich erlebt ist, wenngleich er sich vielleicht anders darstellt, als wie er erlebt ward. Es ist morgens 7 Uhr im März. Wir betreten die Parterreloge des Portiers. Der Jourhabcnde sortirt die eingelaufenen Briefe. Die Postkarten, oft süß-dis- cretcsten Inhalts, liest er zum Frühstück. Eine Karte ist an das Hotel selbst adressirt; er liest, lächelt und streckt uns das Corpus äslioti hin. Wir lesen auch und lachen. Es ist eine Zimmerbestellung von köstlicher Unbestimmtheit: „Falls es nächsten Donnerstag schönes Wetter ist und ich dann von zu Hause abreisen darf, und falls ich dircct nach München fahren sollte, bitte ich Sie, mir bestimmt ein Zimmer zu rescrviren. Ich bitte um postwendende Antwort." Der Portier ist gut gelaunt und schreibt die Antwort folgendermaßen: „Falls Sie zu besagter Zeit reisen dürfen, können und wollen, falls Ihr Zug hier eintrifft und Sie anssteigen, und falls noch ein Zimmer bei uns frei sein sollte, werde ich Ihnen, wenn möglich, ganz bestimmt ein solches re- servirt halten." Eine weitere Karte an das Hotel. . . Lesen und Lachen.Treffe morgen Nacht zehn Uhr ein, reise früh 6°° Uhr weiter, und bitte um ein son- 386 nigeS Zimmer." Ein dritte Karte. . . Lesen und Lachen . . . „Komme nächsten Montag Abend an, be- stelle hiemit ein Zimmer, ein GlaS Bier und die Rechnung." Das genügt vollkommen dazu, daß die angemeldeten Gäste dem Portier vortrefflich bekannt find, ehe sie nur kommen. Die Uhr schreitet weiter. Die Früheren der dreihundert Gäste kommen bereits zum Frühstück . . An der Portierloge gehen sie nicht vorbei, es muß etwas gefragt werden, ob es gleich selbstverständlich ist; es muß etwas gesagt werden, das den Portier gar nicht interessirt; man muß etwas wissen, was kein Mensch weiß: und der Portier hört und spricht, und indem er spricht, ertheilt er dem Frager eine Lection, die dieser aber gar nicht versteht. Ist etwas für mich da? — Welche Nummer? — 36. — Nein; was immer kommt, wird an Ihre Nummer gehängt? — Hängt nichts daran? — Wie Sie sehen, nein! — Zweiter Gast: Ist dort das Frühstückszimmer, wo es angeschrieben steht? — Zweifellos. — Portier, wissen Sie, ob es jetzt in Bozen schneit? — Nein? — Aber das sollten Sie doch wissen. Wieviel Grade hat eS heute dort? Das wissen Sie auch nicht? Höchst primitive Einrichtung! — Ei, Herr Portier, ist vielleicht vor vier Wochen ein Herr hier über Nacht gewesen, der einen grauen Koffer hatte, wie ich? — Wie war sein Name? — Den weiß ich nicht, aber sein Koffer war grau wie der meine. — Dann kann ich Ihnen nicht dienen. — Was? Sie wissen nicht einmal, wer hier wohnt? Eine saubere Ordnung! — Herr Portier, ich gehe jetzt zum Frühstück! — Schön! — Portier, soll ich heule oder erst morgen reisen? Was würden Sie thun? — Sagen Sie, Herr Oberkellner, liegen die blauen Husaren in Bonn? — Bitte, Herr Portier, ist die alte oder die neue Pinakothek interessanter? — So wechseln in fast närrischer Fülle die neugierigen Fragen ab, die ein geplagter Portier alle möglichst „wissenschaftlich" beantworten soll. Wir verzeihen ihm, wenn er einem scheuen Reisenden auf die Frage, ob die — einzige Treppe, die überhaupt in Betracht kommen kann, „hinaufführe", etwas malitiöS erwidert: „ja, aber auch wieder herunter!" — - Ueberaus lästig werden die zahlreichen Reise-Onkels, die jährlich mehrmals wiederkehren und deßhalb sich so ganz wie zu Hanse geriren. Stundenlang nöthigen sie den Portier, ihre faden Witze und zweifelhaften Reiseabenteuer anzuhören oder ihre Tagespläne zu vernehmen: ein gewandter Portier hört sie schon nimmer an, ohne es merken zu lassen. Aber — er denkt sein Theil über die moralische und geistige Bedeutung seiner Gäste, die da meinen, vor einem „Hotelbediensteten" sich nicht blamiren zu können. Während wir diesen Welterfahrungen unseres Portiers lauschen, betritt ein gelehrt dreinschauender älterer Gast die Loge und prüft das medicinische Wissen unseres Wächters: „Was meinen Sie, Portier? Wird ein warmes oder ein kaltes Bad mehr aus meinen Appetit wirken?" — „Das weiß ich wirklich nicht, mein Herr!" — Aergerlich schüttelt der Fragende sein unbelaubtes Haupt und geht mit der verächtlichen Replik dann weiter: „Ach, verstehe nicht, wozu Sie dann Bäder im Hause haben!" Ein Schnellzug ist angekommen. Eine Völkerwanderung so minintnis wälzt sich heran, die Bagage schleppen keuchende Hausknechte. Nun heißt es für den Portier: organisiren, allerlei Wünsche anhören, Gepäckträger entlohnen, Briese suchen und ein offenes Auge dafür haben, wer mit und ohne Gepäck anlangt. Zu den Gästen mit federleichtem Gepäck gehört ein Herr, dem man den jovialen Studiosus auf hundert Schritte ansieht. Er hat ein Päcklein in der Hand, das er mit der gebietenden, unverwüstlichen Laune eines fahrenden Scholaren und mit den stolzen Worten übergibt: „Lassen Sie mein Gepäck anf's Zimmer bringen." Viel mehr als ein Papierkragen ist nicht in der Hülle, und unser Portier hätte nicht übel Lust, dem pnnpsr stuäiosus auf die verschämte Frage nach dem nächsten Dienstmann auch gleich die Adresse des nächsten — Leihamts zu sagen. Ein Bruder Studio findet aber leicht Credit, und darum wird er auch hier mit ausgesuchter Höflichkeit empfangen. Auch ein avisirtes Hochzeitspaar ist, ein schamhaftes Roth auf den Wangen, soeben eingetroffen. Nach kurzer Toilette erscheint es wieder unten. Der junge Herr naht sich schüchtern, fast unterthänig der Portierloge und verbeugt sich tief, indem er den Zimmerschlüssel abgibt. Dann ertönt die verblüffend ergebungsvolle Frage an den Portier: „Gestatten Sie, daß ich mit meiner Frau vor Tisch noch ein wenig zur Stadt gehe?" — „Aber mit Vergnügen, mein Herr", lautet der gnädige Bescheid. Ein dankbares Complimeut — das der Portier respektvoll erwidert. Von einem solch kühnen und rcise- kundigen jungen Ehemann ist ein gutes Trinkgeld sicher . . . Mit der Fremdenschaar ist auch ein einfach gekleideter Geistlicher angekommen. Ein biederer Landpfarrer, denkt der Portier mit uns. Diese Herren lieben das Schlichte, Billige ... ein Zimmerchen nach hinten im vierten Stock ist wohl das Richtige. Dahin geleitet der Bursche den alten Herrn, dem das Steigen nicht sehr anmuthig erscheint. Ein sauberes, aber enges Gemach mit Ausblick auf die Waschküche . . . Kostet auch nur 1 M. 50 Pfg. Name, Stand, Herkunft. . . Der Bursche bringt das Buch und die Karte herunter und entgeht mit knapper Noth einer Ohrfeige des fassungslosen Portiers: „Monsignor N. N., Erzbischof von N., päpstlicher Thron-Assistent." Buchstäblich steht so zu lesen; die Verlegenheit ist entsetzlich, dem angebotenen Zimmer gemäß. Da tritt der „biedere Landpfarrer" in den Speisesaal, der Portier eilt ihm ehrfurchtsvoll nach: „Verzeihen Euer Gnaden, ich konnte unmöglich ahnen, wer uns in Ihrer hohen Person die Ehre gebe — ich befehle sofort einen Salon im ersten Stock." — „Warum nicht gar!" ist die lachende Antwort. „Ich bin plötzlich auf den Gedanken gekommen, hier einen Tag zu bleiben. Den hochwürdigsten Nuntius kann ich nun freilich nicht auf meinem Zimmer empfangen. Doch was thut's? Ich gehe eben zu ihm, und für mich ist das Zimmerchen doch groß genug." Diesmal hat also unsern Psychologen die Treff, sicherheit verlassen, und der nächste wirkliche „biedere Landpfarrer" riskirt, daß er statt eines erwünschten billigen Zimmers im vierten Stock einen Salon erster Güte erhält und daß sein Eintrag „Chrysostomus Gäble, Pfarrer von Durlesbach" für das bescheidene Jncognito eines Fürstbischofs ungläubig belächelt wird. So gcht's den ganzen Tag iu inLuiiuru weiter. Ich frage den Leser: lernt man so die Welt und die — S87 Menschen nicht kcNltett, und erfährt man dabei zum Mindesten nicht, wie man — nicht reisen soll? -»— Aus der Geisterwrlt. In Berlin sprach vor einiger Zeit ein Herr Karl Wald über den Spiritismus und seine Bedeutung. Danach ist der Spiritismus eine exakte Wissenschaft, und zwar Naturwissenschaft auf dem Boden der Experimente. Der Spiritismus — so erklärte der Vortragende nach einem Referate der Berliner „Germania" — lehrt zunächst, daß der Mensch nicht bloß ein Produkt deS Stoffes ist, sondern daß sich in dem Menschen, umkleidet vom Stoff, ein Geist befindet, und daß dieser Geist unsterblich ist. Der Spiritismus steht allerdings nicht auf dem Standpunkte derjenigen, welche den Geist nach dem Verlassen des Körpers entweder ins Paradies oder in die Hölle eintreten lassen, sondern er steht auf dem dar- winistischen Standpunkt aufs Geistige übertragen: daß der Geist sich erst allmählich, aber sicher zur größten Vollkommenheit entwickeln muß. Der Spiritismus lehrt auch den Glauben an Gott, ohne sich indessen direkt für den persönlichen Gott Zu erklären, obwohl er zugibt, daß dersebe existieren kann. „Nur der Spiritismus", so führte der Redner aus, „lehrt die Unsterblichkeit des Ichs aus Erfahrung, und das ist es, worin die größte Bedeutung dieser Wissenschaft liegt. Daß der Geist des Menschen wirklich fortlebt in einem ewigen Leben, sagt auch die christliche Religion schon; aber die schönen Worte genügen nicht mehr bei der fortgeschrittenen Wissenschaft. Wir wollen nicht bloß hören, wir wollen auch wissen. Der Redner führte dann aus, daß der Spiritismus nichts Neues sei, daß er im Alterthum, im Mittelalter bis in die neue Zeit hinein als Geheimlehre gelebt habe. Nach seiner Ueberzeugung waren die weisen Frauen der alten Germanen Medien, die in stetem Verkehr mit den Geistern standen. Dieselben vererbten ihre Fähigkeiten weiter, bis im Mittclalter durch die schreckliche Verfolgung und Vernichtung der sogenannten Hexen, die unzweifelhaft auch Medien gewesen feien, die fähigsten Vermittler des Verkehrs mit den Geistern ausgestorben seien. Der Redner verglich dann das Telephonieren ohne Draht mit dem spiritistischen Verkehr mit den Geistern. Um die Verbindung mit der Geisterwelt zu erlangen, bedürfe der Mensch sehr feiner Organe, die mit dem Tode dem Körper entflohene Kraft könne uns nicht mehr Mittheilungen machen, die mit den leiblichen Ohren zu hören feien. Nur eine gewisse, noch unbestimmte, höchst empfindliche psychische Kraft, die von dem Medium ausgehe, könne die Verständigung bewirken. Der Redner kam dann auf das bekannte Tisch- rücken zu sprechen. Setzt sich das Medium an einen Tisch, um mit den Geistern zu verkehren, so hört man bald Klopftöne, aus welchen das Medium, wie der Telegraphist aus seinem Apparate, Worte, bezw. Buchstaben heraushört. Stellt sich das Medium 3 oder 4 Schritte vor den Tisch und fordert diesen auf, zu kommen, so bewegt sich der Tisch zu dem Medium hin. Der Spiritismus erklärt dies durch das Einwirken einer „verborgenen intellektuellen Kraft in nicht tellurtscher Materie". Welche Art diese Kraft ist, hat noch nicht festgestellt werden können. Sie existiert aber und muß beachtet werden. Man nimmt an, daß es durch das Einwirken eines Geistes vom Jenseits, vielleicht vom Mars, von der Venus oder einem andern Stern, geschieht, gleichzeitig stellt man es aber noch in den Bereich der Möglichkeit, daß die Erscheinung ein Ausfluß der Psyche deS Mediums selbst, eine psychische Kraft, die aus dem Individuum selbst entströmt, ist. Aehnlich verhält es sich mit den Phantomen selbst. Auch über diese hat der Spiritismus noch nichts Definitives festgestellt. Am Schlüsse betonte der Redner das Glück, welches schon Millionen im Spiritismus gefunden hätten. Viele, die an nichts «ehr geglaubt hätten und dem krassesten Atheismus anhingen, seien durch ihn gerettet worden. Man wolle keine neue Religion stiften. „Bei uns kann jeder nach seiner Fa?on selig werden. Wir haben nur die Wissenschaft mit zwingend überzeugenden Experimenten dahin geleitet, daß sie zugeben muß, daß das Leben doch etwas anderes ist, als das Dasein einer vorübergehenden Eintagsfliege, daß dieses Fühlen in der Brust, diese Unsumme von Licht nicht für nichts da sein kann. Wir haben wissenschaftlich nachgewiesen, daß der Mensch einen Zweck hat, da zu sein, daß der Tod nur ein Uebergang ist zu einem anderen Leben — wenn wir dies auch nicht gleich zu einem himmlischen machen. So der spiritistische Redner. Die bedeutenden Namen, welche sich unter den gelehrten Vertretern des Spiritismus finden, lassen den naheliegenden Verdacht, daß alles Schwindel sei, nicht aufkommen, wenngleich der Spiritismus von Schwindlern vielfach ausgebeutet wird. Was die Behauptung des Spiritismus angeht, daß durch ihn wissenschaftlich die Unsterblichkeit der Seele nachgewiesen sei, so ist dieser wissenschaftliche Beweis doch noch nicht vollständig erbracht. Die Möglichkeit, daß die bei dem Auftreten der Phantome wirkende verborgene intellektuelle Kraft eine psychische Kraft ist, die aus dem Individuum selbst entstammt, erscheint noch nicht ausgeschlossen. Dem spiritistischen Beweise der Unsterblichkeit der Seele ist daher kein großer Werth beizumessen. Der neuere Spiritismus verdankt überhaupt seine große Ausbreitung nur dem Streben des sinnlichen Menschen, immer handgreifliche Belege für seinen Glauben zu haben. Seine vielen Millionen Anhänger zählt er in jenen Kreisen, welche den echten Glauben verloren haben. Die Möglichkeit der Erscheinungen Verstorbener kann nicht in Abrede gestellt werden. Das wirkliche Erscheinen kann aber nicht in der Gewalt der Lebenden liegen. Es ist nur unter dem Gesichtspunkt der göttlichen Vorsehung im Leben Christi und der Kirche zu erklären und kann nicht der Neugierde, sondern bloß höheren Zwecken dienen. Gott gebraucht aber in der Regel gewöhnliche Mittel zur Ausführung seiner Zwecke. Andernfalls würden diejenigen Recht erhalten, welche alle spiritistischen Erscheinungen der Einwirkung des Teufels zuschreiben. Schon der heilige Thomas bemerkt: „Wie AugusttnnS und Chrysostomus sagen, verstellen sich die Dämonen oft als Seelen der Verstorbenen." -—..-SÄM-S--'-- Allerlei. Der ehemalige französische Hauptmann Dreyfus, der seiner Zeit wegen LandesverrathS auf Lebenszeit deporttrt wurde, bewohnt zur Zeit die öde Teufelsinsel (Jle du Diable), auf der sich außer ihm und sechs Wächtern kein einziges menschliches Wesen befindet. Auf dem allerdings sehr beschränkten Raume der Insel, die in zwei Stunden leicht rund um und um begangen werden kann, darf er sich frei und ungehindert bewegen. Nur beim Herannahen des Bootes, das von der benachbarten Königsinsel (Jle Noyale) Lebensmittel bringt, wird der Dcportirte in eine Hütte gesperrt, die er erst verlassen darf, wenn das Boot bereits abgesegelt ist. Da sonst kein Schiff in die Nahe der TeufelSinsel kommt, so ist jeder Fluchtversuch ausgeschlossen. Durch Schwimmen könnte freilich leicht das Ufer einer benachbarten Insel erreicht werden. Aber eine große Anzahl von Haifischen halten furchtbare Wacht um die Insel, so daß der Fluchtversuch durch Schwimmen dem Selbstmorde gleichkäme. So ist denn vorläufig jede Hoffnung auf Entrinnen für den Ver- urtheilten abgeschnitten. Gegen 18 Stunden im Tage verbringt der Unglückliche in seinem Bette, da er seine Zeit nicht todtzuschlagen vermag, obwohl ihm das Lesen aller Bücher freigegeben ist. Die Wächter haben den strengen Auftrag, kein Wort mit ihm zu wechseln, und sie kommen dieser Verordnung gewissenhaft nach. Käme der Arzt nicht manchmal von der Königsinsel herbei, um den Gesundheitszustand von Dreyfus zu prüfen, so hätte dieser seit Jahresfrist nicht mehr den Laut einer menschlichen Stimme vernommen. Der Arzt zeigt sich aber humaner und leistet DreyfuS oft Stunden lang Gesellschaft. In seinem Acußeren ist der ehemalige Artillerie-Hauptmann sehr verändert. Der Bart, den er sich wachsen ließ, ist ganz weiß und macht ihn völlig unkenntlich. Er erhält und betreibt eine eifrige Korrespondenz mit den Mitgliedern seiner Familie. Jedoch sind sowohl die Briefe, die er schreibt, wie diejenigen, die er erhält, der Durchsicht durch den Oberwächter unterworfen. * Elektrische Bahnen. Die Verdrängung der Pfekde-Eisenbahnen durch elektrische Bahnen ist eine bekannte Thatsache; eben so bekannt ist, daß diese Verdrängung einen immer schnelleren Gang annimmt. Weniger bekannt dürfte jedoch sein, daß in Europa bei weitem Deutschland an der Spitze dieser Umwälzung steht. Im Jahre 1895 ist in Europa die Zahl der im Betriebe befindlichen elektrischen Eisen- und Straßen-Bahnen von 70 auf 111 gestiegen, ebenso ihre Gesammtlänge von 700 auf 902 Kilometer, die Leistungsfähigkeit der Central- Stationen von 18,150 auf 25,095 Kilowatt und die Zahl der Motorwagen oder Locomotiven von 1236 auf 1747. Von den 902 Kilometer Gesammtlänge entfallen nicht weniger als 406 auf Deutschland. An zweiter Stelle sieht Frankreich mit 132, an dritter England mit 94 Kilometer; dann folgen Oesterreich-Ungarn (71 Km.), Schweiz (47), Italien (40), Spanien (29), Belgien (25), Irland (13), Rußland (10), Serbien (10), Schweden- Norwegen (8), Bosnien (6), Rumänien (5), Holland und Portugal (je 3). Die Zahl der Motorwagen beträgt in Deutschland 857 (die Gesammtleistungsfähtgkeit 7194 Kilowatt), in Frankreich 225 (4490), in England 143 (4243), in Oesterreich-Ungarn 167 (1949), in der Schweiz 86 (1559), in Italien 84 (1890), in Spanien 26 (600), in Belgien 48 (1120), in Irland 25 (440), in Rußland 32 (540), in Serbien 11 (200), in Schweden- Norwegen 15 (225), in Bosnien 6 (175), in Rumänien 15 (140), in Holland 14 (320), in Portugal 3 (110). Dänemark, Griechenland und Bulgarien haben noch keine elektrischen Bahnen. Am meisten verbreitet ist das System oberirdischer Strom-Zuführung mit Contactwelle; Anlagen mit unterirdischer Strom-Zuführung gibt es nur drei, und zwar je eine in Deutschland, Oesterreich-Ungarn und England. Neun Linien haben das System der Mittelschiene, darunter keine in Deutschland, acht den Accumu- latoren - Betrieb, davon ebenfalls keine in Deutschland. * Eine rührende Episode behandelt ein Gedicht deS greisen Schriftstellers Ferdinand Franke l. LnS letzte GlaS.*) ES kommt so mauLer Gast zu mir, Zur Post oft nach Seeöhaupt, Und macht sich ein Vergnügen hier, Wie's Brauch ist überhaupt. — Doch einmal fuhr ein Wagen vor, Vergeß's mein Leben nicht, Ein traurig Antlitz schaut hervor, Voll Wehmuth zu mir's spricht: Bringt ein Glas Wasser mir heraus, Das letzte wohl — mein König trank es aus! Das Glaö hat für mich großen Werth, Ein Kleinod bleibt es mir, Mein König hat nach ihm begehrt, D'rum bleibt's des Hauses Zier. Bevor in's Wellengrab er sank, Von Geistesnacht umhüllt, Nahm er daraus den letzten Trank, Sein Wunsch ward ihm erfüllt. Und seine Thräne siel hinein — Eine Perle soll dem Glas sie sein! D'rum schätz' ich dieses Glas so hoch, Als Kleinod für mein HauS, Ein Schatz bleibt es dem Enkel noch, Mein König trank daraus! — Ein Fürst, der von dem Volk geliebt, Wohl Keiner so wie Er! D'rum bin ich heut' so tief betrübt, Zehn Jahre ist's nun her, Da kam zuletzt er vor mein Haus, Das letzte Glas, mein König trank's hier aus! *) Am 12. Juni 1886 war es, als der König früh 4Uhr von der hohen Staatscommission in Hohenschwaugau abgeholt und nach Schloß Berg überführt wurde. Eine Menge Volkes hatte sich zu diesem Akte in Hohenschwaugau angesammelt. Bezirksamtmann Sonntag hielt mit der kgl. Gendarmerie die Ordnung aufrecht. Die allgemeine Theilnahme für den viel' geliebten König und Landesvater war groß und sichtbar. Um 4'/4 Uhr früh erfolgte die Abfahrt. Die ganze Fahrt verlief ruhig. In Seeöhaupt wurde um 10 Uhr 30 Minuten Vormittags Halt gemacht. Der König wurde von den versammelten Ortsbewohnern und Sommerfrischlern ehrfurchtsvoll begrüßt und dankte in freundlichster Weise. Hier verlangte Seine Majestät ein Glas mit Wasser, welches dein König durch die Frau deS Herrn Posthalters Vogl überreicht wurde. Dieses letzte Glas bildete den Stoff sür daS vorstehende Ge- dicht des greisen Volksdichters F. Fränkel. Auflösung der Schach-Ausgabe in Nr. 52: Weist. Schwarz. 1. D. 66-L8 V5-04: 2. D. L8—08 (eS droht 3. S. 04—02 oder 05:ch und 4. D. 08-05 Matt. 3. D. 08-05-j- 4. L. L1—02 Matt. K. 03-04: K. 04-05: L. 1 . 2. S. 03—vif 3. S. O1-O3f 4. D. 08-^8 Matt. L2-L.1 D. K. 03—04 05-64: (Dill. 1. 06—05 2. S. 03-vl-j- K. 03—04 3. S. 04-06-j- (wie bei L) 4. wie bei L Matt. Andere Varianten leicht. --SWiWS- M „Augsburger PostMung". « 52 . Dinstag, den 23. Juni 1896 . Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). WHeingotö. Novelle von Carl) Groß. (Fortsetzung.) III. Der Wirthschaftspächter vom Drachenfels musterte zufrieden die Anzahl seiner Gäste, die schon in früher Nachmittagsstunde Bergbahn und Wägen heraufbefördert hatten und die besten Tischen auf den geräumigen Terrassen besetzt hielten. Die bald in noch größerer Menge erwarteten Fußgänger würden sicherlich alle übrigen Plätze einnehmen. Dabei wunderte er sich, daß die bei ihm hochangesehene, gastfreie Räthin Rehwald mit ihrer Gesellschaft sich am äußersten Rand der obern Terrasse an einem Tische niedergelassen hatte, der meist wegen Zugluft und Sonne gemieden war, den vom Wirth ihr bewahrten Platz verschmähend, den sie doch sonst vorzog, wo sie zugleich Schatten, Aussicht und die Lieder des Burgsängers hätte genießen können. Ja, sie hatte verdrießlich ' und verwirrt ausgesehen, als der geschäftige Wirth ihr zuraunte, es debütire heute ein berühmter Musiker, der von einer bildhübschen Tochter begleitet werde, die vermuthlich auch ein Lied zum Besten gebe. Der Alte hatte bereits für seinen ersten Vortrag großen Beifall geerntet. Noch sonderbarer war, daß die Rälhin heute nur Kaffee bestellte und nichts von einer Pfirfichbowl verlautete, vielmehr einschärfte, die Pferde sollten gut gefüttert werden, um zu baldiger Weiterfahrt bereit zu sein. — Indeß hatte der Drachenfelssänger schon mehrere Lieder gesungen, die laut beklatscht wurden. Goldmund fühlte sich beglückt und gehoben. Reminiscenzen an einstige Triumphe belebten sich in dem verborgenen Herzenswinkel, wo sie, gleich welken Lorbeerkränzen, aufgespeichert ruhten. Stolzer erhob der Alte das lockenumwehte Haupt. Daß der Klang seiner Stimme zurückgekehrt war, wagte er sich nicht einzureden; aber er nahm an, daß seine Schule und sein Vortrag von dem guten Accompagnement seiner Begleiterin unterstützt, heute zur Geltung kamen. Hatte er doch alle Feinheiten der Compositionen beobachtet und dort, wo keine vorhanden waren, sie hineingelegt. Er hatte das: „O Rhein, mein Rhein, mein schöner Rhein", mit rührender Innigkeit gesungen und voll Enthusiasmus die verwitterten Reste des Drachenfels als größte Rhetnherrlichkeit gepriesen. Goldmund fühlte sich also berechtigt Beifall anzunehmen und dachte nicht entfernt daran, daß er ihn dem schönen Mädchen neben ihm verdanke. Die Lautenschlägerin that aber auch gar nicht dergleichen, als habe sie den mindesten Theil an des Sängers Erfolgen. In sich gekehrt, sprachlos, verschüchtert saß sie da, wie die wirkliche Felicie es nicht mehr hätte sein können; Wangen und Stirn waren mit Roth überflogen, das nicht aus Beschämung, sondern von Zorn über Verletzung ihres Zartgefühles hervorgerufen worden war. Sie suchte zu verbergen wie ihr zu Muth war und hatte deshalb das abscheuliche Hütchen tief in die Stirne gedrückt das sie erst aufsetzte, als Vorübergehende ihre Goldhaare und ihre dunklen Augen laut bewunderten. Leider wirkte das Hütchen mit seinen Flitterrosen erst recht als wie das Aushängeschild einer echten Bänkelsängerin, so daß Schmeichelworte immer freier um Ottilie laut wurden. Gar bald schon, nachdem sie ihren Platz neben Goldmunds Notenpult am Sängertisch der obern Terrasse eingenommen hatte, war ihr das Bedenkliche ihres Unterfangens klar geworden. Ihr Muth sank und mit ihm die frohe Laune. Sie hatte nicht geahnt, daß man ihr je — in ganz anderer Weise nahen werde, als zu Haus bei ihrem, sie zwar vergötternden, aber sorglich schützenden Vater. Dort wurde zwar auch ihrer Schönheit gehuldigt, aber diskret, vorsichtig. Man wußte ja, daß sie beanspruchte, ebenso wenig dieses, nur äußeren Vorzugs wegen aufgesucht zu werden, als um ihrer Glücksgüter willen. Mit einem Schlag sah sie sich nun in eine ganz andere Welt versetzt, als die sie bisher gekannt hatte. In der über Erwarten zahlreichen Menge der Lustfahrcr waren junge Männer genug, die weder durch feine Sitte, noch durch Hochachtung des weiblichen Geschlechtes sich auszeichneten. Sie wähnten, plumpe Huldigungen würden von jeder Frau gerne angehört und dürften ohne Rücksicht einer wandernden Mustkantin geboten werden, deren Erscheinung Aufsehen erregte. Nie hatte Ottilie geglaubt, daß es so lästig sei ein schönes Gesicht und eine schöne Gestalt zu haben, als jetzt, wo sie ihr aufdringliche Bewunderung zuzogen. Zornig hatte sie aufgeblickt, als zuerst ein Vorübergehender sie mit „Holde Schöne" anredete. Aber ihre Augen senkten sich rasch wieder, nicht nur weil sie bemerkte, daß sie vom arglos lächelnden Goldmund keinen Schutz erwarten konnte, sondern auch, weil ihr gegenüber ein frecher Jüngling laut ausrief: „Donnerwetter, welche Augen! Es blitzt ja drin wie beim Gewitter l" — 390 Der alte Goldmund hörte diese Reden nicht. Der Blick in sein zufriedenes Gesicht hatte Ottilie rasch belehrt, wie viel ihm der Beifall werth war, den er sich allein zuschrieb. Sie sagte sich, daß sie durch Auflehnung gegen Huldigungen statt ihm zu nützen, ihm schaden würde. Wollte sie ihrer großmüthigen Absicht getreu bleiben, so mußte sie die unbedachten Folgen ihres Schrittes ertragen. Es regte sich auch das muthtge Trotzgefühl ihres Herzens wieder. Hatte ihr Wille schon oft gegen kalte Erwägungen gesiegt, bisweilen sogar zum Nachtheil Mancher, so konnte und sollte es diesmal auch sein, wo es galt ein gutes Werk durchzuführen. Daß sie das Gute auf andere Weise hätte thun können, war ihr nicht eingefallen. Jetzt wollte sie die verspätete Einsicht nicht mehr in Beachtung nehmen. Niemand sollte erfahren wie bald sie ihren raschen Entschluß bereut hatte, am wenigsten Frau Rehwald. Sie wollte das süßsaure Lächeln nicht sehen, mit dem diese sagen würde: „Es war Ihres distinguirten Vaters, eines Professors nicht würdig, soweit hinabzusteigen!" Lieber wollte sie taub und blind sein für weitere Ungehörigkeiten. — So gut wie möglich suchte Ottilie sich hinter Tischen und Stühlen im Schatten Goldmunds und seines Notenpults zu bergen, bemühte sich, recht gleichgiltig und gelangweilt auszusehen beim übermäßigen Beifall muth- williger Hörer, der offenbar nicht dem Sänger galt, obgleich er mit immer größerem Aufwand von Gefühl und Leidenschaft seine abgedroschenen Rheinverherrlichungen sang. Wenn nur Frau Rehwald nicht in die Nähe kam, oder gar Miß Rich I Die Gute wäre im Stande, herbeizueilen, um Ottilie aus der Verlegenheit zu retten. Noch hatte diese Felicie und die Damen nirgends erspäht und ebensowenig ihren Bruder Ottmar, den Bonner Studenten, der gegen Abend auf den Drachenfels zu kommen versprochen hatte, ein Umstand, der Ottiliens Jncognito übel gefährden konnte! Jetzt ergab sich durch Verschiebung einiger Tische und Aufstehen mehrerer Gäste ein Durchblick durch die Menge zum entgegengesetzten Ende der obern Terrasse. Dort unter der Linde, deren Schatten durch einige Zeltvorhänge vergrößert war, gewahrte Ottilie mit Herzklopfen den hochgethürmten Spitzhut mit den gelben Akazien- blüthen der Frau Räthin. Sie thronte inmitten einer zahlreichen Gesellschaft, die sich um ihren Tisch gereiht hatte. Auch Miß Rich ward sichtbar. Sie und Frau Rehwald saßen mit dem Rücken gegen Ottilie gewendet. Sicher war das nicht zufällig geschehen; dagegen sah Ottilie in das schmale Gesichtchen von Goldmunds echtem Töchterlein. Es kam bisweilen unter der himmelblauen Hutfeder zwischen den Schultern von Miß Rich und ihrer Nachbarin zum Vorschein. Die Kleine schien zuzuhören, kurze Antworten zu geben auf die Reden eines neben ihr sitzenden Herrn. Diesen konnte Ottilie gut sehen; er war groß, beugte den langen Rücken, der in einem tadellos eleganten Sommerrock stak, unermüdlich, um dem kleinen Fräulein Aufmerksamkeit zuzuwenden. Er hatte ein langes, fahles Gesicht, vom dunkelschwarzen Henriquatre noch verlängert. Das mußte der Frau Rehwald interessanter Doktor sein! Ottilie erkannte ihn nach einer Photographie, die sie bei seiner Gönnerin gesehen hatte. Mit dieser Erkennung kehrte Ottiliens Lustigkeit zurück und half ihr über die Schrecken der Gegenwart hinweg. „Wenn Dr. Lebert sich dort drüben unter der Linde in meine Stellvertreterin verliebt", dachte sie belustigt, „so ist der Beweis geliefert, daß auch ein anderes Genre, als das meinige, ihm gefallen kann, und Frau Rehwald kann dagegen ihre Behauptung aufrecht halten, vr. Lebert strebe nicht nach Mitgift, wenn er der kleinen Felicitas auch morgen noch die Cour macht." Ottilie hätte laut auflachen mögen, wenn sie sich vorstellte, welche Sorge der Irrthum vr. Leberts im jetzigen Augenblick der armen Räthin bereite, die sicherlich kein Mittel fand unter der Bewabung von Miß Rich ihren Günstling aufzuklären. — So gut Ottilie im Allgemeinen die Meinung der wohlwollenden Räthin zu schätzen wußte, diese Belehrung und kleine Angst gönnte sie ihr für ihr aufdringliches Heirathsttften. — Völlig erheitert griff sie wieder zur Guitarre als Goldmund sie darum ersuchte und präludirte mit kräftiger Hand. Sie beachtete ihre nächste Umgebung gar nicht mehr, suchte nur die Gesellschaft unter der Linde, so gut es anging, im Auge zu behalten. Mehrfach wechselten die Besucher der Terrassen. An Stelle Fortgehender kamen neue Zuhörer. Unter Letztem waren auch mehrere Bonner Corpsstudenten. Sie hatten eine Tour in die Berge gemacht und kamen etwas angeheitert, folglich zu Uebermuth geneigt, auf dem Drachenfels an, um dort zu rasten. — Auf der tieferen Terrasse, just unterhalb des Standorts des Sängers, hatten sie Plätze eingenommen, ohne daß Ottilie es beachtete. Auch Goldmund sah sie erst, als er mit dem Sammelteller, über dem ein Notenblatt gelegt war, die Runde an den Tisch machte. „Alte Lerche, hat Dein lahmer Flügel Dich bis auf diese Höhe getragen, so begieb Dich wieder in Dein Nest!" apostrophirte ihn einer der lautesten von den Ankömmlingen. „Siehst Du nicht, daß Du überflüssig bist, jetzt wo eine ganze Schaar Rohrdommeln hier eingefallen sind >und nach ihren eigenen Schnäbeln singen und flöten werden. Du kannst zwar mitpfeifen, wenn Du willst, aber unentgeltlich. Silberfedern haben wir nicht und lassen uns auch nicht rupfen." Beschämt und unmuthig wandte sich der alte Sänger von dem ausgelassenen Burschen hinweg. Während er sich einen Weg durch das Stuhllabyrinth bahnte, flüsterte ein Kellner einem der Studenten etwas ins Ohr. Dieser sprang rasch auf einen Stuhl, um die obere Terrasse besser zu übersehen. „Tausend und eins, die ist freilich schön!" rief er laut und winkte den Kameraden seinem Beispiele zu folgen. „Der schönen Tochter zu lieb mag der Alte sammeln. Wir lassen der Jungen für ihre Prachtaugen einen Salamander steigen. Wollt Ihr?" „Einverstanden!" schrien belustigt die Andern, die gleichfalls auf Stühle gestiegen waren und neugierig nach Ottilie blickten. „Meinetwegen kannst Du singen, Alter, Deine abgedroschenen Rheinlieder oder was Du willst", rief der erste Sprecher, dem die Uebrigen zustimmten, „aber Dein holdselig Töchterlein muß auch singen; dafür erhältst Du einen blanken Thaler aus der Veretnskasse I — Hier ist er schon bereit für Dich. Geh' und sag' ihr anzufangen." Im alten Sänger erwachte, ob der rohen Scherze, das künstlerische Würdegefühl früherer Tage. Zugleich regte sich in ihm das Bewußtsein, daß er ritterlich einzutreten habe für das Mädchen, das sich unter seinem Schutz befand, ob sie seine Tochter war oder nicht. Er verwechselte ohnehin, seit ihm der Erfolg und ein 391 paar Gläser Wein zu Kopf gestiegen waren, die Identität der Mädchen. „Wer hier singen soll, darüber entscheidet doch wohl der Direktor des Etablissements, der mich berufen hat", sagte er, mit einer Geberde voll Stolz das Geldstück zurückweisend. „Meine Tochter braucht hier nicht zu singen. Sie ist für's Kloster erzogen und nicht für's Wirthshaus." „Für's Kloster? Hört! Der alte Narr! Ist hier oben ein Kloster? Ist sie vom Nonnenwerth drunten herausgeflogen? Ein schöner Vogel ist sie allerdings. Wäre schade für sie, im Kloster zu bleiben. Wer will Ritter Toggenburg sein?" So schwirrten Gelächter und lustige Reden durcheinander, spottend blickten die jungen Leute dem Alten nach, der, sich in die Brust werfend, langsam nach seinem Platz zurückkehrte. Ottilie hatte nichts von diesem Vorgang bemerkt. Ihre Aufmerksamkeit war nach einer anderen Seite gelenkt worden. Sie hatte dort den Namen der Frau Räthin Rehwald nennen hören, und zwar von Herren, die ganz in ihrer Nähe einen Tisch aufsuchten. Ihr däuchte zu hören, daß sie dieser Ostseite der Terrasse den Vorzug gaben, weil die Räthin am andern Ende saß. Sie hatten also das gleiche Interesse wie Ottilie selber; drohte hier die Gefahr, mit Bekannten zusammenzutreffen? Sie faßte die Ankömmlinge in's Auge. Beide waren ihr unbekannt. Der jüngere, der noch nicht gesprochen hatte, mochte Anfang der Dreißig sein. Er hatte ein geistreiches, feingeschnittenes Gesicht, blickte mit lebhaften, fröhlichen Augen um sich, hatte gewandte, jugendliche Bewegungen. Er war der Typus eines Rheinländers, dessen natürliche Anlagen durch feine Sitten und geistige Bildung veredelt und erhöht sind. Der ältere Herr glich ihm ein wenig, war aber größer und weniger verfeinert in Kleidung und Haltung. Er mochte ein Künstler sein oder auch der Geschäftswelt angehören. Seine Manieren waren weniger beherrscht, seine Rede lauter, als der gute Ton es gestattet. „Du wirst Dich neuerdings schlecht anschreiben", sagte er, auf einen von seinen Gefährten gewählten Tisch zuschreitend, „die Frau Räthin hälts Dich ohnehin für unverbesserlich." „Es geht auf die alte Rechnung", antwortete der Jüngere leichthin, indem er noch einige Stühle herbeiholte und sie um den gewählten Tisch lehnte, als Plätze für Nachzukommende. „KZ - s-j „Weißt^Du^denn, ob^unsere Damen mit diesem abgelegenen Plätzchen zufrieden sein werden?" hub der Andere wieder an. „Die Tante wenigstens säße lieber in der Nähe der Rehwald. Unter der Linde weilt auch Dr. Lebert. Mit dem neckt Tante sich gern; das heißt sie „zieht ihn auf", den Gecken!" „Sie kann sich da drüben einfinden und dort bleiben solange es sie freut. Die Frau Professor sitzt dagegen lieber hier und gewiß auch die Frankfurter Damen. Ich selber werde drüben nur aufZ einen Augenblick mich vorstellen." „Also wirllst Du Dich doch beimachen? Gewiß um dem Besuch aus Graz zu gefallen. Hm, Du bist schlauer als Du gestehen willst?" „Warum schlau", war die halblaute Antwort, in der ein wenig Aerger vernehmbar war. „Ich bitte Dich keine Absichten zu vermuthen, wenn ich aus Rücksicht für Ute kleine Kehrcrin. Nach dem Originalgemälde von E. Schuback. HMW DWAW ASM MWWKMWA 392 den Vater der jungen Dame ihr die pflichtschuldige Artigkeit erzeige. Was hindert mich sonst in der Nähe der Linde unsern Platz zu wählen?" Jetzt bemerkten die jungen Männer Ottilie am Sängertisch, die aus Interesse an dem Gehörten ihre Vorsicht vergessend, ihr Gesicht ihnen zugewendet hatte. „Schau, Max, welche Schönheit! Das wäre ein Modell für meine Poesiel" Der Aeltere sagte es, den Bruder anstoßend, so laut, daß Ottilie es hören mußte. Jähes Roth flog wieder über ihr Gesicht und sie wandte sich unmuthig ab. Wie hatte sie so unbehutsam sein können! Was durfte man von ihr denken, wenn sie selber die Leute anstarrte? Sie sah den mißbilligenden Blick nicht mehr, den der jüngere Herr dem lauten Sprecher zusandte; dagegen fiel ihr das verstörte und aufgeregte Aussehen Goldmunds auf, der eben von der unteren Terrasse herauf ihr zuschritt. Lautes Lachen tönte zugleich von unten ihm nach. AIs Goldmund bei Ottilie anlangte, mußte er die neugekommenen Herren am nächsten Tisch bemerken. Sie erkannten ihn und grüßten höflich. Er besann sich einen Augenblick, dann eilte er zu ihnen hin. „O Herr Professor vr. Heermann, welche Freude, Sie hier zu sehen I Wie schön, daß Sie mich erkannten!" hörte Ottilie den Alten sagen, dem sie um alle Welt nicht nachblickte. Sie vernahm nur, daß man ihm Platz bot, worauf er weiter redete: „Danke, danke, ich sitze ganz gut so I Freut mich, Herr Ör. Heermann, daß ich bei diesem Anlaß auch Ihren Bruder kennen lerne. Wohl in Bonn ansässig? Künstler, Kunsthändler oder Beides? Um so schöner! Wie wohlthuend, daß ein so feiner Herr sich des alten Goldmund, trotz seiner Erniedrigung, noch erinnert! Es ist freilich noch nicht lange her, seit Sie mich in Freiburg auf der Bühne sahen. Herr Professor, es ging rasch abwärts mit mir! Tenore dauern nicht lang, wie Sie wissen. Krankheit, häusliches Unglück beschleunigten den Sturz, nahmen die Ersparnisse". Des alten Mannes Stimme zitterte, der eben erlittene Spott hatte ihm weh gethan. Die unerwartete Freundlichkeit eines geachteten Herrn bewegte nun sein Gemüth in Rührung. In Ottilie regte sich sofort wieder nichts als herzliches Mitleid mit dem armen, halb verwirrten Greis. Es that ihr wohl, wie wenn er ihr wirklich nahe stände, daß sie dieselbe Regung in Stimme und Wort bei dem jungen Mann bemerkte, der schonend und mit äußerster Höflichkeit Rede und Antwort mit Goldmund wechsclte- „Jch wähnte, Sie hätten sich auf Unterrichten ver. legt?" sagte er, „warum blieben Sie nicht dabei, Herr Goldmund?" „Es ging nicht mehr recht. An manchen Orten gewann ich Ruhm als Lehrer, mußte aber immer wieder fort, bald der kranken Frau, bald der Söhne wegen, die ich leider verlor. Zuletzt mußte ich die Tochter abholen, die ich sorgfältig erziehen ließ, die sich aber doch noch kein Brod verdienen kanü. Nun ist es Sommer, da sind nirgends feste Verhältnisse. Es gilt, mir hier Geld zur Weiterreise zu verdienen oder Bekanntschaften zu machen, die mir ein neues Heim für mich und das Kind gründen helfen. — Hier am Rhein regte sich auch das alte Künstlerblut in mir. Man sehnt sich darnach gehört zu werden, so lange man uoch gefällt." „Und deshalb? — Hm! — Ihre Tochter begleitet Sie? Singt sie nuch?" Es war der ältere Heermann, der mit dieser zweifelnden Frage herausplatzte. Ottiliens Köpfchen senkte sich sofort auf das Notenblatt herab. Sie hätte jetzt weit weg sein mögen. — Der Name des Doktor Heermann war ihr bekannt. Sie wußte nun, weßhalb er vorhin erklärt hatte, daß er der Tochter ihres Vaters Artigkeit zu schulden glaube. Der alte Grube schätzte ihn, hatte sogar an ihn den Sohn empfohlen, als Ottmar auf die Universität kam. Wie hatte sie nur so toll sein können, sich hier im Rheinland unter lauter Wildfremden zu wähnen, wie etwa in einem neuentdeckten Welttheil. Die Frage des älteren Heermann verwirrte aber Goldmunds Kopf noch mehr. „Singt? Ob sie singt? Ja freilich singt sie. Ist ja meine Schülerin und hat eine weiche, klangvolle Stimme. Aber eigentlich singt sie nicht. Im Kloster vernachlässigte man absichtlich ihr Talent. Wohl aus Furcht vor der Welt, in der ich lebte; dazu kommt noch, daß sie allzu schüchtern ist. Begrübe sich am liebsten in Klostermauern." „Wäre Schade", warf der Kunsthändler wieder dazwischen. „Schade? — Ja, das sage ich auch, wenigstens traurig für mich wäre es. Eigentlich schön ist das Mädchen ja nicht und paßt nicht auf's Theater." „Nicht schön? Na da muß ich bitten! Ein Künstlerauge, wie meins, versteht sich doch wohl auf Formen und Farben." „Sie kennen Licie? Ach — ja so! — Sie sahen — wie? Was wollte ich doch sagen? Ich verstehe — ich vergaß ganz —" „Sie vergaßen?" „Daß ich wieder zu singen habe! — Viele Herrschaften brechen früh auf, Andere haben noch nichts gehört. — Entschuldigen Sie, meine Herren." Ottilie athmete leicht auf, als der Alte den verfänglichen Fragen ein Ende gemacht hatte und wieder neben ihr Posten faßte. Lieb war ihr, daß seine Mittheilungen ihr gewissermaßen ein Recht auf die schüchterne Rolle gaben, durch welche sie der Annäherung an Bekannte ihres Vaters sich am besten zu entziehen hoffte. — Gefaßt griff sie wieder zur Guitarre, als der Alte das beliebte Lied anstimmte: „An den Rhein, an den Rhein! geh' nicht an den Rhein, mein Sohn, ich rathe Dir gut." Er that Wunder. Die leichte Melodie lag in seiner Stimme; die Nähe von Dr. Heermann rief ihm bessere Stunden zurück; er verfiel in keine Uebertreibung, sondern sang das Lied mit einfacher Fröhlichkeit zu Ende. „Herrlich! Bravo!" brüllte aber jetzt ein vielstimmiger Chor am Rand der unteren Terrasse, wo die Köpfe der Studenten sich zeigten. „Bravo! Alter vom Berge! Aber auch Bravo Dein schönes Wunderkind. Ein neuer Salamander steigt ihr, der Schönsten der Schönen!" Ottilie raffte ihren Muth zusammen. Sie sagte sich, daß Sprödigkeit das Uebel nur schlimmer machen würde und sie ihrer Rolle gemäß sich zu verhalten habe. In nächster Nähe einen Menschen zu wissen, der ihren Vater kannte, dem sie sich nur zu nennen brauchte, um seines Schutzes gewiß zu sein, gab ihr zugleich einige Ruhe. Wie zum Dank, neigte sie das Haupt gegen die Beifallklatschenden. Sie hoffte damit genug gethan zu haben; aber einige der Vorlautesten traten näher. Ein Blumenstrauß flog auf den Tisch; Ottilie schob ihn dem Alten hinüber, während sie eifrig mit dem Stimmen ihrer Guitarre sich beschäftigte. Ottiliens Haltung zwang ihm doch eine bescheidenere Redeweise ab, als er zuerst beabsichtigt hatte. „Nein", sagte sie ruhig, „ich singe nicht;" fügte aber, weil die Lüge ihr widerstrebte, hinzu: „hier nicht! jetzt nicht!" W st M ,'st «MWOMEAM»WM MU MWlM» MM «W MZS U'M UM-' UM ' ^ MHK Saltini. Tins — zwei — drei! „Sie singen doch hoffentlich auch, mein Fräulein?" wurde sie nun von einem der muthwilligen Jünglinge angeredet, der sein schwarzes Schnurrbärtchen herausfordernd gegen die hochrothen Wangen hinaufdrehte. „Und warum hier nicht? Sind wir Musensöhne etwa nicht würdig eine Muse zu hören?" fragte kecker werdend der Student. „Klosterbrüder sind wir freilich nicht, auch keine Chorknaben, aber doch ein Corps; ein 394 Corps lustiger, freier deutscher Jünglinge l Gibt es kein Lied für solche? — Schweig', Alter! Dich haben wir gehört. Hier ist sogar Silber für Deinen Sang; gewiß nimmst Du den Thaler jetzt, wenn Deine stolze Tochter ihn Dir überreicht." Ermuthigt durch den Beifall der Kameraden, legte er den Thaler vor Ottilie nieder. Sie richtete sich auf, die schüchterne Rolle war nicht länger nach ihrem Sinn. „Warum nicht?" sprach sie, die dunklen Augen ruhig und ernst auf die Jünglinge richtend. „Dem Künstler gebührt größerer Lohn als dieser für die lange, ehrenvolle Laufbahn, die er hinter sich hat. Freie deutsche Jünglinge ehren den Künstler auch noch im Mißgeschick und verlangen nicht mehr von ihm und den Seinen, als was er freiwillig bietet." Verlegen trat das schwarze Schnurrbärtlein zurück; aber die hinter ihm Stehenden drängten vor. Sie hatten des feurigen Weines zu viel genossen, um so schnell ihre erhitzten Köpfe zu beugen. „Aber wenn wir Gold böten statt Silber! Was dann?" hörte Ottilie sie fragen, hörte aber zugleich auch hinter sich am Tische ihrer Nachbarn warnend flüstern: „Was willst Du thun, Max? Es sind Corpsstudenten, die hören nicht auf Dich. Es gibt Unannehmlichkeiten." Aber schon stand Dr. Max Heermann neben dem alten Goldmund. Die meisten Studenten kannten ihn. Er war kein Corpsstudent gewesen, war Philister einer nicht farbentragenden Verbindung, deßhalb murrten Einige, aber sie achteten den jungen Privat-Dozenten genugsam, um ihn zum Wort kommen zu lassen. „Ganz recht, meine Herren. Selbst Gold ist nur verdienter Lohn für den wackern Sänger. Herr Goldmund ist durch sein Verdienst berechtigt, es ohne weitere Leistung anzunehmen. Ich denke, wir veranstalten eine Sammlung für ihn, ganz extra für sein schönes Lied, in dem die rheinischen Männer ein adlig Geschlecht genannt werden. Nur Gold darf gespendet werden. Wer kein geprägtes hat, gebe dafür das Gold edler deutscher Jugendlust, die den Sänger und die Frauen zu ehren weiß, und stimme ihnen zu Ehren einen schönen Chorgesang an." Ein Goldstück fiel aus Heermanns Hand auf den Teller, dem rasch ein zweites sich gesellte. Eine fein gekleidete Dame, deren ergrauendes Haar trotz der jugendlich lebhaften Bewegungen und der sprühenden Augen die Matrone kennzeichnete, war an den Tisch getreten und hatte das Goldstück zu dem Heermanns in den Teller geworfen. „Dr. Heermann gibt das rechte Losungswort", sagte sie, den Teller nehmend, den sie zwei Damen entgegenhielt, die mit ihr gekommen waren; diese zögerten nicht, ihrem Beispiele zu folgen. „Dem Sänger werde Gold gespendet von Seiten der Alten und Reichen und Achtung von Seite der Jugend", schloß die Dame mit ihrer sonoren Stimme. Die Studenten waren achtungsvoll zurückgewichen. Die Sprecherin war Allen bekannt als die Gattin eines beliebten Bonner Professors, die in ihrer Jugend Sängerin gewesen war und jetzt in ihrem gastlichen Haus oft Musikfreunde versammelte, auch der akademischen Jugend gern schöne Feste bereitete und freundlich für sie eintrat. Im Augenblick war die kampflustige Stimmung der Studenten zu einer friedlichen umgeschlagen. „Vivut der Kunst! Vivat der Frau Professorin Führer! Vivat allen schönen deutschen Mädchen und edlen Frauen!" scholl es aus den Reihen der jungen Leute. Sie entfernten sich dabei von dem Tische, wo die Goldstücke im Teller blinkten, sammelten sich aber auf den Stufen der Terrasse, wo sie auf einen Wink der allerverehrten Dame das schöne Lied anstimmten: „In allen guten Stunden, Bewegt von Lieb' und Wein." Als die Strophen zu Ende gesungen waren, zogen sich die Studenten zurück, im Hochgefühl, doch noch anständig aus einer schwierig gewordenen Lage herausgekommen zu sein. Sie grüßten und schwenkten die Mützen während sie nach dem Ausgang gegen Honnef zogen und auf dieser Seite den Berg verließen. (Fortsetzung folgt.) -- Das Haus der seligsten Jungfrau in Ephesus. L Smyrna, im Mai. Der „Courrier de Smyrnä" vom 29. April bringt folgende interessante wörtliche Einzelnheitcn über die in den Blättern bereits kurz angezeigte Auffindung des Wohnhauses der Mutter Gottes in Ephesus: „Die Frage bezüglich des Hauses, in welches sich die jungfräuliche Mutter des Heilandes nach dem göttlichen Opfer am Kreuze zurückzog, in welchem sie selig entschlief (odäoriuitio) und von wo aus sie in den Himmel aufgenommen wurde (assuirixtio), bildet gegenwärtig das Tagesgespräch. Die Pariser Hauptblätter bringen darüber ganze Spalten. Die Cardinäle in Rom besprechen die Sache, der Papst bekundet das höchste Interesse dafür und hat eine Untersuchung anbefohlen. Dies ist wirklich ein schöner Lohn für die fortgesetzten Bemühungen der Lazaristen - Väter, — und wenn wir nicht wüßten, daß Pater Jung höhere Ideen hat, so würden wir sagen, er könne stolz sein auf seine Entdeckung: sie nimmt das Interesse der distinguirtcsten Personen in Anspruch, sie bildet das Lieblings- und Attractionsthema in religiösen Kreisen. Nur in einem Punkte sind die Pariser und römischen Blätter, welche über die Auffindung des Hauses der seligsten Jungfrau berichteten, ungenau. Sie schreiben nämlich diese Entdeckung dem Pater Eisbach, Oberen des französischen Seminars in Rom, und dem Pater Poulin, Oberen der Lazaristen in Smyrna zu, und erzählen ihren Lesern, beide Patres hätten erst kürzlich bei einem Ausflüge nach Ephesus von Bauern erfahren, daß in einiger Entfernung von der Stadt, nicht weit vom früheren Dianatempel, sich Ruinen befänden, welche das Volk mit dem Namen „Panagia Capouli" — das Thor der seligsten Jungfrau — bezeichne, — und beide Patres hätten dann bei näherer Untersuchung gefunden, daß die Ruinen mit der Schilderung des von Anna Katharina Emmerich beschriebenen Hauses übereinstimmen. Das ist insoferne ungenau, als die genannten Patres die schon aufgefundenen Ruinen des Hauses der Mutter Gottes nur besucht haben; entdeckt hat sie lange vor ihnen der Lazaristen- Pater Jung von Smyrna. Bekanntlich herrscht in den meisten Klostercommunitäten die Gewohnheit, bei den Tischzeiten laut vorzulesen. So wurden auch 1891 im Nefectorium der barmherzigen Schwestern, welche unser französisches Hospital besorgen, die Visionen der Anna Katharina Emmerich vorgelesen. Eine Stelle in jenen Visionen siel der Oberin, Schwester de Grancey, auf. Diese Stelle bezog 395 sich auf ein kleines Haus in der Nähe von Ephesus, in welchem die seligste Jungfrau lebte, und, umgeben von heiligen Frauen, entschlief. Die Oertlichkeiten waren näher beschrieben. „Wie kommt es denn", dachte Schwester de Granceh bei sich, „daß wir, die doch jenen Oertlichkeiten so nahe leben, noch gar nicht daran gedacht haben, die Richtigkeit dieser Bision an Ort und Stelle zu erproben?" Die Oberin theilte ihre Gedanken dem Hospitalkaplan Pater Jung mit und gab ihm „das Leben der Anna Katharina Emmerich". Pater Jung studirte es durch und ließ sich sogar das deutsche Original senden. Als ein Mann, der sich durch nichts aufhalten läßt und der alle seine Thatkraft vom Glauben herleitet, beschloß er, „selbst hinzugehen und zu sehen". Eines Morgens bestieg denn Pater Jung in Begleitung seines Confröre nen, sich dort in Gegenwart von Ruinen zu befinden, welche viele Aehnlichkeiten mit dem von Katharina Emmerich beschriebenen kleinen Hause haben: — dieselbe Lage, dieselben Abtheilungen, eine Quelle zur Rechten, eine kleine Kapelle im Hintergründe, sogar eine Schlucht zurSeite. Es konnte kein Zweifel obwalten: dies war, was Pater Dung suchte. Sie fragten einen Bauern, der sein ärmliches Obdach hart dabei aufgeschlagen, nach dem Namen des Platzes: „Panagia Capouli — Wohnung der heilig st enJungfrau" — war die Antwort. Auf die Frage, warum er nicht lieber in den Ruinen wohne, erwiderte er: „Es ist ein heiliger Ort." Die Reisenden verbrachten die Nacht auf dem Berge und kehrten am nächsten Tage nach Smyrna zurück. "n I « ü !l ik'ini»i, k .« i z r i'il z z ^ z L L L 2 , S» i'-'v. Krumdüd bei Krumbach. Original-Aufnahme von Gustav Baaver, Photograph in Krumbach. sVervieljSIiigungSrecht vorbehalten.) Pater Vervault und eines Dieners den Eisenbahnzug. Er kam nach Ephesus und lenkte von dort aus seine Schritte nach den von Anna Katharina Emmerich angegebenen Oertlichkeiten. Einen ganzen Tag lang wanderten die drei Reisenden in den Bergen umher. Es war wirklich etwas Aehnliches dem, was die deutsche Nonne erzählte; aber alle Berge sehen sich einander sehr gleich. Von Müdigkeit erschöpft und vor Durst fast verschmachtend, dachten die drei Reisenden daran, irgend ein Obdach für die Nacht zu finden. Sie hätten viel Geld für ein Glas Wasser gegeben. Der Diener konnte es nicht mehr aushalten und wurde halb ohnmächtig. Zum Glück erreichten sie eine kleine, etwas bebaute Hochebene. Ein Hirte weidete dort einige Ziegen; das bedeutete Hoffnung, das bedeutete Leben. Von ihm erfuhren sie, daß ungefähr hundert Meter entfernt sich eine Quelle befinde. Sie gingen darauf zu. Wie groß war nicht Pater Jung's Erstau- Pater Jung fand anfangs bloß ungläubige Ohren. „So kommt nach Panagia und Ihr sollt selbst sehen", war jedesmal seine Antwort. Wirklich begaben Pater Poulin, Superior der Lazaristen in Smyrna, Pater Loby, Visitator der Provinz Konstantinopel und mehrere Andere sich zu der Stätte und kehrten überzeugt zurück. Im August 1891 begaben Pater Dung, die Herren Borrel, d'Andria und ich uns dorthin, um zwölf Tage inmitten dieser heiligen Ruinen zu verbringen. Die Tageszeit brachten wir damit zu, von den Oertlichkeiten Photo- graphien aufzunehmen, Pläne zu zeichnen und nach irgend einem Steine zu suchen, auf welchem wir etwa ein Zeichen bemerken könnten. Zur Nachtzeit schliefen wir im Freien oder unter einem Zelte. In einer Nacht wurden wir plötzlich durch klägliches Bellen unserer vier Hunde geweckt. Waren lauernde Briganten in der Nähe? Wir wissen es heute noch nicht. Wir griffen zu unseren Gewehren und 396 blieben die ganze Nacht wach. Unvergeßlich wird uns die heil. Messe bleiben, welche Pater Dung am 15. August (Maria Himmelfahrt) auf dem Steinaltare im Oratorium der seligsten Jungfrau im Freien celebrirte. Die einzige Musik dabei war das Flüstern der von Katharina Emmerich beschriebenen Quelle. Dann sangen wir mit dem ganzen Feuereifer unseres Glaubens das Ave Maria und das Ave Maris Stella — den Gruß an die jungfräuliche Gottesmutter, deren letzte bescheidene Erdcnwohnung wir mit heiliger Ehrfurcht grüßten. Der 15. August 1891 gehört zu den denkwürdigsten und schönsten Tagen unseres Lebens. Wir besuchten das Haus Unserer Lieben Frau seitdem zu öfteren Malen, und unser Glaube und unsere Ueberzeugung wuchs mit jedem neuen Besuche. Auch die Vater von St. Polycarp besuchten eines Tages in unserer Begleitung die „Panagia Capouli". Mehrere kehrten eben so überzeugt nach Smyrna zurück, wie wir selbst. Somit haben wir den geehrten Lesern kurz erzählt, unter welchen Umständen das Haus Mariens entdeckt wurde. Sicher werden diese Ruinen dereinst eine vielbesuchte Wallfahrtsstätte werden. -ss-s-cs— Zu unseren Bildern. Die kleine Kehrerin. „Still gesessen jetzt, ihr Kleinen, Aug' und Ohr zu mir gericht'tl Dürst nicht lachen oder greinen, Wenn der strenge Lehrer spricht. Ernste Miene, nicht gewackelt! Karl, wie sitzt er wieder da? Ei, da wird nicht lang gefackelt, Wer nicht hört, muß fühlen, ja! Habt Respekt vor meiner Brille, Achtung vor dem Birkenreis." Jctzo herrscht die größte Stille — Weil man nichts zu sagen weiß. — Strengen Blick, die Faltenstirne, Wie er räuspert sich und spuckt, Hast Du ihm, Du kleine Dirne, Wirklich trefflich abgeguckt. Schulrath Franz, der Herr Inspektor, Freut sich Deiner Disziplin. Er ernennt Dich bald zum Rektor, Weißt Dn 's Kindlein recht zu zieh'n. Und ich seh', an rechte Stelle Hast Du heut' Dich hingesetzt. Doch merk' Dir auf alle Fälle: „Aus der Schul' wird nicht geschwatzt!" Ein» — zwei — drei! Zum Großvater geht die kleine Anna mit ihrem Schwesterchen immer gerne. Sind sie ja doch seine Lieblinge und bei ihm gibt es stets etwas Interessantes zu hören oder zu sehen. Bald erzählt er ihnen eine schöne Geschichte, bald gibt er ein Spätzchen aus seinem eigenen Leben zum Besten, bald muß der kleine Schnauzer eine Vorstellung geben, wie dies auf unserem Bilde der Fall ist. Mit einer Geduld, die die beiden Mädchen sicherlich nicht haben würden, wenn ihnen ihre Mutter eine leckere Speise vorenthielte, wartet der kleine Schnauzer, den wohlschmeckenden Bissen auf der Nase, auf die erlösende „drei". Noch einen Moment, dann ist die harte Probe, welche den beiden Mädchen so große Freude bereitet, überstanden, und die Vorstellung endet mit der Vertilgung des mühsam erworbenen Gutes. Krumbad. Krumbad, bei Krumbach in Schwaben gelegen, ist ein alter, durch seine Mineralquellen berühmter Bade- und Luftkurort. In Nro. 62 des schwäbischen Postboten von 1892 wurde bereits über seine Wiedercrwerbung durch Herrn Pfarrer Dom. Ring- eisen in Ursbcrg, der es ganz und allein für Heilzwecke bestimmte, berichtet. Heute wollen wir Einiges aus der Geschichte dieses Bades mittheilen. Lechsenried und das Krumbacher Bad oder Krumbad liegen in fast gleicher Entfernung zwischen Edenhausen und Krumbach, und zwar letzteres an der Straße, ersteres aber jenseits eines Berges vom Bade gerade gegen Mittag durch ein Holz hinüber. Hiltipold, ein Bruder Mangolds, Dynasten zu Krumbach, erbaute sich im Jahre >145 unweit Lechsenried, welches ein Landgut mit einer Kapelle war, und das er kurz vorher an Ursberg verschenkt hatte, auf einem Berge eine Burg, welche von seinem Namen Hiltipoldsberg und nach der Platten Mundart Hilpelsberg genannt wurde. Dieses Schloß kam in der Folge mit Krumbach an die Ritter von Ellerbach. Im Jahre 1390 hatte Ritter Ulrich v. Ellerbach auf seine Gemahlin, Adelheid v. Roth, einen eifersüchtigen Argwohn geworfen und sie im rasenden Zorn bis in eine Stallung verfolgt, welche er verriegelte und anzündete. Die Unglückliche ward zwar dadurch elender Weise erstickt, ihr Körper aber blieb unversehrt und wurde in der v. Roth'schen Begräbniskapelle zu Wettenhausen beigesetzt, wo im Jahre 1692 zum ewigen Andenken ein schönes Monument errichtet wurde, wie in den Badbüchlein zu lesen ist. An der Stelle ihres Todes entsprang sogleich eine sehr heilsame Quelle, der Badbrunnen genannt, bei welcher das Krumbacher- oder Krumbad erbaut wurde, welches noch heut zu Tag stark besucht wird und in Leibesverstopfungcn, bei schwächlichen oder gelähmten Gliedern und Füßen sehr gute Hilfe leistet. Die Wirkung des Wassers sowohl, als der sogenannten Badesteine, welche auf dem Berge, woraus das Wasser entspringt, ausgegraben werden, sind im Jahre 1754 durch Herrn Jos. Friederich Rübel. der Medizin Doktor, untersucht worden, und im Jahre 1758 hat Herr Georg Friedrich Guttermann, protestantischer Stadtphysikus zu Augsburg, dem Gotteshause Ursberg ein Büchlein von diesem Bade, um es drucken zu lassen, übergeben, welches auch geschehen ist. Daraus kann man sowohl die Wirkungen des Wassers und der Steine, als auch die Art, wie dieses Bad zu gehrauchen ist, ersehen. Nur dasjenige will ich noch anführen, was mir ein geschickter Arzt. dem dieses Bad sehr wohl bekannt ist, erst neulich sagte: dieses Wasser hat die Wirkungen eines Schwefelbades, und es steht den berühmten Schwefelbädern wenig nach, nur ist es etwas schwächer. Das Wasser, innerlich und äußerlich angewandt, ist vortrefflich; die Steine aber taugen nicht viel, besonders ohne das Wasser. Dieses Bad, zu welchem das Schloß Hilpelsberg nach dem traurigen Vorfall mit der unschuldigen Adelheid verwendet worden, kaufte sammt Lechsenried, welches vom Kloster wieder hinweggekommen war, im Jahre 1418 Wilhelm, Abt zu Ursberg, sammt allem Zugehör von Diepold v. Eichelberg, Ritter, um 1060 fl. Seine Söhne Konrad, Albert und Burkart wollten zwar nach 15 Jahren den Kauf umstoßen, allein sie richteten nichts aus, und von dieser Zeit ist es immer bei diesem Gotteshause verblieben. Es sind daselbst 1) das im Jahre 1717 ganz neuerbaute Herrn- oder obere Badhaus, in welchem viele und einige ausgemalte Zimmer mit Nebenzimmern, Küchen und Kämmern sind; 2) das gemeine oder untere Badhaus; 3) das Wirtbs- haus; 4) des Badmeisters Haus. An das obere Badhaus stößt eine kleine Kirche, welche im Jahre 1727 den 28. April zur Ehre der hl. FelizitaS mit ihren sieben Söhnen, der hl. Walburga rc. eingeweiht worden. Der Ort gehört in die Pfarrei Attenhausen, doch wird von Mai bis in den Herbst, solange Badgäste anwesend sind, von einem besonders dazu aufgestellten Religiösen vom Kloster aus alle Sonn-, Feier- und Donnerstage eine hl. Messe gelesen. Nicht weit davon jenseits des Berges, gegen Mittag, ist Lechsenried, jetzt nur noch eine Kapelle zu Ehren der seligsten Jungstau. Sie ist im Jahre 1772 ganz erneuert und schön ausgemalt worden. Dahin haben die andächtigen Badgäste einen schönen Spaziergang. Im Jahre 1800 haben diesen Ort anfangs die Kaiserlichen, hernach aber die Franzosen mit vieler Mannschaft besetzt und mit einem Verhaue umgeben. Letztere wurden zwar von den Kaiserlichen etliche Male hinausgeworfen, endlich drang aber die ganze französische Hauptmacht durch das Kammelthal bis an die Donau vor, wodurch dann dieser Ort, wie die ganze Gegend, sehr Vieles gelitten hat. Im Krumbad, mit seinen drei altberübmten Heilquellen für so viele Leiden, wurden in letzter Zeit verschiedene Verbesserungen und Erneuerungen bethätiget, und findet dasselbe besonders auch durch die Schwesternpflege immer größeren Besuch von solchen Leidenden, welche ein stilles, vom Lärm der Welt abgesondertes Erholunasplätzlein für Leib und Seele suchen. Das Bad wird gewöhnlich am 1. Mai eröffnet und geschlossen, wenn der Besuch zur Wetterführung zu schwach geworden ist, was gewöhnlich im Oktober der Fall zu sein pflegt. « 53 Ireitag, den 26 . Juni 1896 . . ^ Kür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). WHeingotö. Novelle von Cary Groß. (Fortsetzung.) IV. Durch den Abzug der Studenten wurde der Ausblick nach der Linde wieder frei; sogleich flog Ottiliens Blick hinüber. Gottlob, der ganze Tisch war leer. Vermuthlich hatte die Gesellschaft der Frau Rehwald den Aufstieg zur Thurmruine unternommen, denn Shawls und Schirme waren auf den Stühlen zurückgeblieben; ein Kellner rüstete den Tisch für eine Bowle, Kuchen und Gläser wurden bereitgestellt. So war anzunehmen, daß die Räthin und Miß Nich die Verlegenheit, in welche Ottilie soeben gerathen war, gar nicht bemerkt hatten; sie brauchte weder Schadenfreude, noch Vorwürfe zu fürchten, noch um die der guten Miß Nich verursachte Sorge sich selber Vorwürfe zu machen. — Nun konnte Ottilie wieder hoffen, daß das ganze Abenteuer trotz aller Zwischenfälle, auf die sie nicht gefaßt war, noch einen harmlosen, sogar lustigen Verlauf nehmen würde und sie ihre Rolle unerkannt zu Ende führen werde. Aber gerade als sie mit dieser erheiternden Zuversicht sich beruhigt hatte, bedrohte eine schlimme Gefährdung ihr Jncognito auf's Neue. Zwischen den Zuschauern, die der Studenten Lied und Abzug herbeigelockt hatte, sah sie plötzlich ein bekanntes Gesicht mit namenloser Verwunderung auf sich gerichtet. — Es war ein freundliches Frauenantlitz, das Ottilie zu jeder andern Zeit mit Wonne erblickt hätte, denn es gehörte einer lieben, fast mütterlichen Freundin Ottiliens an, der einzigen nahen Bekannten, die das junge Mädchen in dieser Gegend besaß, die sie aber ferne von Bonn geglaubt hatte. Doch gerade um Ottiliens willen war Fräulein Hermine Stark von Düsseldorf zurückgekommen, wo sie auf Besuch gewesen war, und hatte sogleich zur Partie auf den Drachenfels sich einigen Freunden angeschlossen, weil ihr gesagt wurde, daß Räthin Nehwald mit ihrem Gast hinaufgefahren war. Hermine freute sich darauf, Ottilie dort zu überraschen. Die Ueberraschung war aber auf ihrer Seite, als sie, die wenig später als die Professorin Führer die Terrasse erreicht hatte, Ottilie am Tische des Sängers in fremdartigem Aufputz, mit der Guitarre in der Hand, erblickte. Sie hätte fast aufgeschrieen, denn Hermine Stark war lebhaften Fühleus und nicht gewöhnt mit dem Ausdruck desselben ängstlich zurückzuhalten; aber sie schloß den schon geöffneten Mund wieder, denn blitzschnell hatte Ottilie die Gefahr erkannt und in bittender Geberde den Finger auf den Mund gelegt. Fräulein Stark war zeitlebens keine Spaßverderberin gewesen; sie verstand sogleich, daß es sich hier um einen Scherz handle, und fühlte dabei sich sogleich in ihrem Element. Ohne eine Miene zu verziehen, suchte sie sich zu orientieren, wer bei der Sache mitwirkend war, wer nicht. Sie näherte sich sachte, ohne aufzufallen, dem Tisch der Sänger, so daß Ottilie ihr zuflüstern konnte: „Beste Tante Mina! Verrathen Sie mich nicht! Ich habe einen tollen Streich gemacht, kann nicht zurück. Helfen Sie mir ihn zu Ende führen. Miß Rich weiß Alles. Sie sitzt bei der Räthin. Gehen Sie hin, schützen Sie meine Stellvertreter in." „Wer ist das?" „Goldmunds Tochter." „Wie lange?" „Bis heute Abend. Schicken Sie mir Bruder Ottmar an die Trambahn. Hier soll er mich beileibe nicht kennen und nichts ausplaudern; bitte, bitte!" Fräulein Hermine verwickelte sich absichtlich in dem Stuhlchaos und stellte sich an, als danke sie dem jungen Mädchen für die kleine Hülfe, die es dabei leistete, so, daß die Worte unbemerkt gewechselt werden konnten. Jetzt erst trat sie an den Tisch, wo ihre beiden Neffen,' die Brüder Heermann, für sie und die Professorin Führer nebst ihren Freundinnen längst Plätze belegt hatten. „Du kommst spät, Tante Mina", rief man de< Ankommenden entgegen. Unter diesem Namen war die' heitere Dame, eine echte Nheinlandstochter, nickt nur ihren ^ vielen Verwandten, sondern auch einer großen Zahl vor^ Freunden bekannt. Der Name gefiel ihr, sie hatte ihn auch bei Ottilie, die bei einer Schweizer Badereise sie kennen gelernt hatte, die Tante gespielt, und zwar um so lieber, da Ottiliens Vater ein alter Bekannter von Fräulein Stark war. Als Ottilie die Freundin von den Brüdern Heer- mann Tante nennen hörte, brauchte sie daher nicht anzunehmen, daß sie wirkliche Neffen Mina's seien. Erst allmählig wurde ihr die Beziehung klar, als Fräulein Stark am Nachbartisch absichtlich laut sprechend die Herren begrüßte mit „Tag, Max! Lag, Walter! Danke Euch, mir den Platz bewahrt zu haben; kann aber nicht hier bleiben. Habt an Frau Professorin und den lieben Frankfurterinnen bessere Gesellschaft als an mir. Ich 398 muß zu Frau Näthin Rehwald, habe der „lieben Emma" versprochen, Bowle mitzutrinken; fahre wohl auch mit ihr nach der Villa, zum Abendessen. Kommst Du nicht auch hinüber an den Tisch der Näthin, Max? Sie hält bekanntlich viel auf Deinen Besuch und liebt Dich sehr!" „Wie sollte sie nicht? — Wir kennen einander längst gut", entgegnete lachend der junge Mann. „Erlaube mir jedoch, daß ich Dir später nachkomme, Tante, um der „lieben Emma" aufzuwarten und zugleich mich Professor GrubeS Tochter vorzustellen. Das läßt sich Beides nicht umgehen." „Nun so zögere nicht lange, denn ich glaube, die Näthin bricht bald auf." Unter lebhaftem Bevauern der Andern verabschiedete sich Tante Mina. — „Man muß den Freunden Wort halten", sagte sie bedeutungsvoll und blickte dabei auf Ottilie, als sie an dieser vorbei sich zur Linde begab." Das junge Mädchen war froh, der Eingebung gefolgt und Tante Mina als Wächter!» zu der Näthin geschickt zu haben. Jetzt konnte von dort kein Ueberfall kommen, selbst von Ottmar nicht, der sein Erscheinen ohnehin nicht fest zugesagt hatte. Im Mfühl vermehrter Sicherheit beängstigte es nun Ottilie keineswegs, als Frau Professor Führer den Sänger aufforderte, mit seiner Tochter an ihrem Tisch Platz zu nehmen und Thee mitzutrinken. Die Damen und Herren hatten bereitwillig Platz gemacht, so daß Ottilie zwischen Dr. Heermann und Frau Schwitz aus Frankfurt zu sitzen kam. Tante Mina, die nur hübsch langsam, da und dort Bekannte grüßend, sich entfernte, sah diese Veränderung noch von weitem; ein lustiges Lächeln überflog ihre Züge. — „Hml" dachte sie bei sich, „wenn Neffe Max wüßte, daß er sich gar nicht weit zu bemühen braucht um Grubes Tochter kennen zu lernen, ja, wenn sie ihm schon gefällt, ehe er nur weiß wer sie ist, so wäre das eine allerliebste Geschichte I Der Mensch denkt und Gott lenkt! Tolle Streiche sind schon oft der Vorsehung Leit- kxile geworden." In bester Laune kam Tante Mina bei der Näthin an, deren bekümmerte Miene ihre Heiterkeit vollends hervorrief. Frau Proffessor Führer aber beschäftigte sich, Während sie den Thee bereitete, mit Goldmunds vermeintliche Tochter. „Kein Wunder", sagte sie zu dem Alten, der neben ihr saß, „daß Ihr schönes Kind den Studenten auffiel! Wäre sie bei dieser Schönheit auch noch mit Stimme begabt, so könnte man ihr Glück wünschen zu einer glänzenden Künstlerlaufbahn. Singen Sie wirklich nicht, mein Fräulein?" „Gewiß, ich singe!" erwiederte Ottilie, die sich beeilte dem die Sänger Gelegenheit zu neuen Verwirrungen abzuschneiden. „Ich bin ja Schülerin von Papa Goldmund! Aber ich konnte und wollte mich nicht zwingen lassen an einem Ort zu singen, wo mein eigentlicher Platz Nicht ist." „Sie hatten recht. Aber ich kann sagen, wo Ihr eigentlicher Platz ist, Fräulein! Wenn Sie die entsprechende Stimme haben, so ist Ihr Platz das Theater, Mo Ihnen glänzender Erfolg sicher ist." Ottilie lächelte muthwillig. »Ich zweifle ob mein Vater damit einverstanden wäre!" „Wie, Herr Goldmund, Sie, ein Künstler, könnten Ihrer Tochter die Künstlerlaufbahn wehren?" so wandte sich die Professorin entrüstet gegen Goldmund. „Ich — bewahre — nein!" sagte dieser halb erschreckt. „Ich nicht! Sie selber will nicht. Sie paßt auch nicht für's Theater. Ihre Schüchternheit ist unüberwindlich, dazu ihre klösterliche Erziehung." Er hielt inne; er merkte, daß er wieder von Fettete sprach. Frau Professorin blickte erstaunt von einem zum andern ihrer Gäste. So taktvoll und bescheiden Ottilie auftrat, war doch von Schüchternheit ihr nichts anzumerken. Zur klösterlichen Erziehung stimmte auch die geschmackvolle Kleidung nicht, die mit großer Eleganz getragen wurde; ohne das Hütchen, da§ Ottilie nun abgelegt hatte, würde man sie für eine Dame aus feiner Gesellschaft gehalten haben. Dr. Max Heermann hatte Aehnliches gedacht und zugleich wahrgenommen, daß zu wiederholten Malen schon das junge Mädchen durch Goldmunds Mittheilungen in Verlegenheit gebracht und vom Eingehen auf ungezwungene Unterredung abgehalten worden war; deßhalb zog er den alten Goldmund in ein Gespräch über Musikpublikationen mit seinem Bruder und hatte bald die Genugthuung zu sehen, daß seine Taktik dem jungen Mädchen nützte. Ottilie verkehrte ungezwungen und anmuthig mit den Damen, sobald sie Goldmunds Einrede nicht mehr fürchtete, und Max suchte und fand Anlaß sich am Gespräch mit heiterem Humor zu betheiligen. Es gelang ihm, der wenn er wollte, von Witz und Geist sprudelte, bald die ächte lustige Rheinlandstimmung hervorzurufen. Die Zeit verging im Fluge; im Publikum verlangte man nicht mehr nach dem Sänger. Die Gäste, welche das Dampfschiff erreichen wollten, brachen auf, ebenso Andere, die noch weite Wege zu Fuß vor hatten. Auch am Tisch unter den Linden schien man sich zum Weggehen vorzubereiten. Max Heermann sah es zufällig und erinnerte sich seines Vorhabens, die Näthin zu grüßen. „Sie werden uns untreu", riefen, als er aufstand, die Damen mit Ausnahme Ottiliens. „Die kleine Grube soll reizend sein. Sie wird Sie drüben fesseln." „Ich bin ein Aal, der jeder Fessel entschlüpft." „Bis er einmal in eine Grube fällt", lachte sein Bruder ihm nach. „Ich wette eine Bowle, daß er drüben bleibt und mit Näthin Nehwald nach der Villa fährt." „Eine Erdbeerbowle! Sie müssen sie zahlen, wenn Ihr Bruder zurückkommt!" bestimmt Frau Schwitz. Ottilie vertauschte ihren Platz mit einem andern neben Goldmund. Unauffällig konnte sie von dort den Tisch unter der Linde beobachten. Neben Goldmunds Töchterlein entdeckte sie diesmal eine blaue Cerevismütze. Die Mütze saß auf dem Lockenkopf ihres Bruders. Gewiß hatte Hermine Stark Wort gehalten und Ottmar war von ihren Bestimmungen benachrichtigt, und somit war auch ihr Rückweg gedeckt. Vermuthlich war das Abenteuer ganz nach Ottmar's Geschmack. Er hatte sich mit einem Anschein von brüderlicher Vertraulichkeit neben Fettete niedergelassen und plauderte lustig zu ihr. Das junge Mädchen hörte offenbar vergnügt zu; sein Gesicht- chen schaute nicht mehr so blaß wie vorhin unter der himmelblauen Feder hervor, sondern strahlte von kindlichem Frohsinn, der seine Lieblichkeit erhöhte. Soeben trat Dr. Max Heermann, der zuerst die ältern Damen begrüßt hatte, vor Felicie hin. Ottilie war sicher, daß er sich als Bekannten und Schüler ihres Vaters vorstellte, denn Felicie verbeugte sich verlegen und erröthete. „Wenn ihA die Tochter meines Vaters dort drüben besser gefällt wie hier", gestand sich Ottilie — „so ist es nicht schmeichelhaft für mich — würde mir auch weniger belustigend vorkommen, als es bei Dr. Lebert der Fall wäre." Der ältere Heermann beobachtete gleichfalls was am Tische der Näthin vorging. „Alle Wetter!" rief er auf einmal, „das hatte ich nicht erwartet. Kellner, besorgen Sie eine feine Erd- beerbowle mit Champagner für unsern Tisch! Max kehrt wirklich zu uns zurück." Ueber dem Lachen und Beifallklatschen Aller bemerkte man nicht, daß Ottiliens schönes Gesicht freudig erstrahlte. Aufs Lustigste wurde der wiederkehrende Max begrüßt und mit Fragen bestürmt, wie er Professor Grubes Töchterlein gefunden habe. „Hübsch genug, aber nicht interessant. Allerdings kann ich nicht urtheilen in so wenig Zeit", sagte er ablehnend. „Jedenfalls gefällt sie meiner Tante Mina sehr. Sie will mit Frau Näthin, die einen Platz frei hat, zurückfahren und den Abend in ihrer Gesellschaft verbringen." „Macht Fräulein Grube mehr Glück bei Damen als bei Herren?" fragte Frau Schruitz. »Ich möchte gern dem Vater, wenn ich ihn in Frankfurt sehe, eine ganze Liste von Eroberungen melden, die seine Tochter in der Bonner Herrenwelt gemacht hätte." „Dann schreiben Sie nur getrost den eleganten Doktor Lebert auf die Liste", scherzte Max. „Er sieht ganz ingrimmig aus, wenn das Fräulein mit seinem eigenen Bruder, dem jungen Grube, plaudert, der allerdings auffallend munter ist. Die Geschwister scheinen sich besonders gut zu verstehen. Ich war jedenfalls überflüssig und stelle mich als eintägiger Freiwilliger wieder zu Diensten." „Das muß solenn gefeiert werden", sagte Frau Professorin Führer und schlug vor, die Bowle lieber in den hübschen Gartensalon bringen zu lassen, wo keine Gäste seien und man nicht befürchten müsse, von der Abendkühle zur Eile getrieben zu werden. „Ein Klavier ist auch dort, und wer weiß, ob wir nicht unbehelligt von ungebetenen Zuhörern ein Liebchen von jugendfrischer Stimme zu hören bekommen l" schloß sie, Ottilie freundlich ansehend. Diese blickte diesmal nicht streng auf bei der Anspielung. AIS die Tafelrunde in dem eleganten Saal etablirt war und fast alle Gäste von den Nachbartischen sich verloren hatten, erhob sich Goldmund, sein Notenbuch zu holen. Aber Ottilie hielt ihn zurück, und ihm ihr Glas zuschiebend, griff sie nach der Guitarre und erklärte selbst singen zu wollen. „O, Welt, wie bist Du so wunderschön!" klang es glockenrein in Jubeltönen durch den Saal. — Entzückt lauschte die gewählte Gesellschaft der Musikfreunde, und des Beifalls und Lobes ihrer Stimme wie ihrer vortrefflichen Schulung im Vortrug wollte es kein Ende werden. — Als Ottilie mit dem alten Goldmund auch noch ein Duett aus Schumanns Genovefa gesungen hatte, das die Professorin wünschte und selbst auf dem Klavier begleitete, steigerte sich in Frau Führer das Entzücken zu Enthusiasmus, und sie rückte sogleich mit dem ganzen Kunstfeucr vor, um GoldmundS unbegreiflichen Widerstand gegen den Künstlerberuf seiner Tochter zu besiegen, wobei sie von den Uebrigen unterstützt wurde. Nur Dr. Heermann verhielt sich ruhig. Er horchte um so gespannter auf das, was Ottilie selbst entgegneie, und verleitete daher diese, als sie es bemerkte, zu der Schelmerei, zu sagen, sie werde Hiebei sich ganz von der Einsicht ihres Vaters leiten lassen, der bisher den Wunsch noch nie geäußert habe, sie auf der Bühne zu sehen. Dies erschien hinwieder der Frau Professorin empörend, denn Goldmunds Tochter würde ein Stern ersten Ranges am Bühnenhimmel werden. Da dem alten Gold- mund dabei wacker eingeschenkt wurde, zeigte er sich immer nachgiebiger, versprach die Sache zu bedenken, erregte aber dadurch der Professorin Unmuth gegen die philisterhaften Anschauungen der Neuzeit, die sogar Künstler bedenklich machten. Der junge Heermann fand während der lebhaften Discussionen über Kunst und Beruf des älteren Gelegenheit zu einem andauernden Gespräch mit Ottilie, deren Meinung er ebenso geschickt zu ergründen suchte, als sie verstand, einen Theil davon, und zwar gerade den, der ihn am meisten interessirte, zu verschweigen. Dagegen konnte Max sich überzeugen, daß das junge Mädchen gründlich und vielseitig gebildet war, viel gelesen und gedacht hatte, ein zutreffendes Urtheil und feinen Geschmack auf dem Gebiet der Litteratur und Kunst besaß. Max wunderte sich nicht mehr, daß eine so sorgfältige Erziehung dem alten Goldmund viele Opfer auferlegt hatte; er staunte nur, daß eine Jnstitntserziehung ein solches Resultat gehabt hatte, denn die Auffassung deS jungen Mädchens war so frisch und ursprünglich, als habe sie mehr durch Anschauung als durch schablonmäßigeS Lernen sich unterrichtet, dabei auch volle Freiheit genossen nach Liebhaberei und Talent sich zu entwickeln, wie es nur die Mnzelerziehung und diese nur unter den günstigsten Verhältnissen gewähren kaun. Wahrlich, ein derart erzogenes und ausgebildetes Mädchen hatte Alles in sich, um als Künstlerin nicht nur in Gefahren zu bestehen, sondern auch die Höhe zu erreichen, der ihr Talent entsprach. Dennoch widerstrebte es dem jungen Professor, die Frage der Professorin einfach zu bejahen, ob nicht ein außerordentliches Talent die Verpflichtung auferlege, es bis zur Kunstvollendung auszubilden. Damit zog er sich aber die Ungnade von Frau Führer zu, die, ihres guten Rufes gewiß, nichts lieber that, als von ihrer eigenen Laufbahn als Künstlerin zu sprechen. „MnnneregoiSmus ist es", eiferte sie gegen Max. „Ihr glaubt immer, die feinsten Blumen sollten nur dazu dienen, Euer Haus und Eucrn Küchengarten zu schmücken. Mag ja sein, daß viel Schönes dort gedeihen und beglücken kann, besser als anderswo. Aber den seltenen, den ungewöhnlichen Wunderblumen, wie Goldmunds Kind zu sein verspricht, ihnen gebührt die Stelle im Zaubergarten der Kunst, und zwar aui einer Höhe, wo Tausende sie bewundern können, wo sie Wonne und Veredlung dem Fürsten und dem Volke spenden." „Aber auch von plumpen Füßen zertreten, vom Staub der Oeffeutlichkeit belästigt und befleckt werden können." „Altmodische Einwendungen! Solche Blumen schützt die Höhe, oder auch die Hand der Liebe. Oder sollten auch Sie, Dr. Heermann, den ich trotz seiner Weiberscheu, oder vielleicht wegen derselben, für einen Diener des Ideals und Verehrer edler Weiblichkeit halte. 400 zu Jenen gehören, die sich die Gattin nur aus den Reihen der im Schooße des Ueberflusses Erzogenen holen würden ? Sind Sie nicht der Mann, zu begreifen, daß die beste Liebe nur da sich entfaltet, wo das Weib um seiner Vorzüge, die ihm innewohnen, die unzertrennlich zu ihm gehören, gewühlt und gefreit wurde? Daß Geld und Rang gar nichts zum inneren Werth beifügen?" Ottilie hatte, als die Rede der Professorin eine verfänglich ernste Wendung nahm, sich sachte entfernt und am Klavier sich zu thun gemacht. — Dr. Heermann blickte verstohlen zu ihr hinüber, als er in halblautem, aber gleichfalls ernstem Ton antwortete: „Ziehen Sie die gute Meinung nicht zurück, die Sie von mir hegen, gnädige Frau! Ich hoffe Sie noch zu rechtfertigen; aber verdenken Sie mir auch den Wunsch nicht, sofern ich ein Kleinod von unschätzbarem Werth fände, es bei mir sicher zu bergen." Ein wohlklingender Accord ertönte. Ottilie hatte sich an's Klavier gesetzt und spielte die Einleitung zu der wunderbaren Widmung an die Musik von Franz. Jetzt ertönte von ihrer sympathischen Stimme das Lied: „Wenn die Schatten dunkeln." Mäuschenstill war es im Saale geworden. Als das Lied geendet war, eilte Frau Führer auf Ottilie zu und umarmte sie. „Sie haben unsern Streit wunderbar geschlichtet, theures, hochbegnadrteS Geschöpf! Mit der Lehre, die ihre Widmung gibt, können wir Frieden schließen. Wer sich der Musik weiht, ernstlich und für immer sich ihr hingibt, der dient der Kunst auch außerhalb des Theaters und bleibt geheiligt auch in seiner Oeffentlichkeit. — Aber Sie, liebe Sängerin, lasse ich heute nicht mehr von mir. Sie müssen mit mir kommen in unser Tusculum nach Godesberg. Professor Führer wird glücklich sein Sie kennen zu lernen, und wir verbringen einen wunderbaren Abend. Goldmund schließt sich den Herren an, indeß Sie mit mir und den Damen vorausfahren. Ich lade sämmtliche Herren zum Abcndbrod in meine Villa ein." Aber Ottilie lehnte die Einladung ab. Entschieden erklärte sie, Papa Goldmund könne weitere Aufregungen nicht ertragen, und sie selber müsse rechtzeitig in die Familie zurück, zu Freunden ihres Vaters, die ihr Schutz und Asyl gewährten. Goldmund bestätigte auf ihren Wink ihre Aussage. Ohne Zeit zu neuen Einwendungen zu geben enteilten beide dem Drachenfels auf den Weg, die zur nahen Trambahnstation führte, um den letzten Zng abwärts zu benützen. (Fortsetzung folgt.) -- Ueber das Mormonenlhnnr. „Was wissen Sie von den Mormonen?" Diese Frage wurde mir unlängst vorgelegt. Ich konnte nur eine kurze Antwort geben, wenig mehr, als auf das von den „Heiligen der jüngsten Tage" (wie sich die Mormonen nennen) erbaute neue Jerusalem und auf einige kurze Glaubenssätze hinweisen. Diese unvollständige Antwort bewog mich, das Leben und Treiben dieser Secte durch eingehendes Studium diesbezüglicher Schriften kennen zu lernen. Da manche der geehrten Leser vielleicht auch nicht mehr zu antworten wissen, als ich seinerzeit wußte, so zeige ich mit kurzen Notizen das Lehren und Treiben der Mormonen. Joe Smith, geboren am 23. September 1605 zu Sharon im amerikanischen Staate Vermont, ^ist der Stifter dieser abergläubischen, schwärmerischen/ jüdifch-christlich-mahomedanischen Secte; — er war der Sohn eines Landmanns und empfing, den einfachen Verhältnissen gemäß, nur eine dürftige Schulbildung, nach derselben widmete er sich dem Kaufmannsstande. Durch sein religiös gestimmtes Gemüth und sein Forschen nach religiöser Wahrheit getrieben, las er in seiner freien Zeit viel die Wesleyanischen Predigten und die Bibel, gerieth aber in einen Wirrwarr von Widersprüchen und Zweifeln, darin er sich nicht zurecht finden konnte. Da er eine positive Abneigung gegen die katholische Kirche besaß, suchte er Belehrung und Rath bei der protestantischen, — englischen, — puritanischen, — metho- distischen Kirche; doch konnte ihn keine dieser Religionen befriedigen, daher erklärte er alle Religionen und Con- fessionen für falsch und beschloß eine neue Religion zu stiften. — Joe Smith behauptete, mit Gott und den Engeln in Rapport zu stehen und göttliche Offenbarungen empfangen zu haben. In seinem 17. Jahre (1820), gab er an: eine Stimme vorn Himmel habe zu ihm gesprochen und alle bestehenden Religionen für falsch erklärt. — Da er als ein Abgeordneter Gottes gelten wollte, kam er mit vielen religiösen Sectenpredigern in Streit, die ihn als einen Betrüger und Schwärmer erklärten. Diesen gegenüber vertheidigte er seine Stellung durch folgende Mittheilung: Am 21. September 1823 habe ihm ein Engel gesagt, er solle die an einer bestimmten Stelle der Erde vergrabenen Tafeln der Offenbarungen aufsuchen; er habe jahrelang gesucht und endlich eine auf goldene Platten mit ägyptischen Buchstaben geschriebene Urkunde gefunden, die eine Ergänzung der heiligen Schriften des alten Testamentes sei und deren Verfasser „Mormon" geheißen. Bei diesen Platten hätten zwei transparente Steine gelegen, die ihm als Instrument gedient, den Inhalt der Urkunde zu übersetzen. Diese Uebersetzung der Urkunde, — das Buch der Mormonen, — sei der heiligen Schrift gleich zu achten; — eS berichtet die Geschichte der Ureinwohner Amerikas, die nach dem verunglückten Thurmbau zu Babylon aus Asien gewandert, um sich in Amerika niederzulassen. — Weiter wird erzählt, daß Christus nach seiner Auferstehung zuerst den Amerikanern erschienen und bei ihnen seine Kirche gegründet habe. — Im vierten und fünften Jahrhundert n. Chr. wurden die Christen aber, ihrer Sünden wegen, ausgerottet. Mormon, der letzte christliche Prophet, schrieb eine Geschichte der amerikanischen Christen, ihre Lehren und Weissagungen und grub dieselben in jene Platten ein, die Joe Smith gefunden. Mormon's Sohn Morant empfing, als auch er verfolgt wurde, von Gott den Befehl, die von seinem Vater geschriebenen Tafeln zu vergraben; Gott selbst wolle dieselben in Schutz nehmen und erst „in den jüngsten Tagen" wieder an's Tageslicht befördern. — Thatsächliche Untersuchungen dieser eklatanten Betrügerei haben festgestellt, daß im Jahre 1812 ein anglikanischer Prediger in Neu-Salem, Salomon Spaulding, einen Roman geschrieben über die Ureinwohner Amerikas und die Abenteuer der in Amerika zerstreuten Stämme Israels. Das Manuscript dieses Romans kam in den Besitz eines Freundes Smiths, Namens Sidney Rigdon. Beide Freunde fabricirten nach dem Manuscript in betrügerischer Weise die Urkunde des Mormon und nannten dies Werk die „goldene Bibel". Der werthvolle Fund dieser, die göttlichen Offenbarungen enthaltenden „goldenen Bibel", durch amerikanische Zeit- ungen bekannt gemacht, würbe acceptiert von einer Schaar gläubiger Anhänger. Dadurch ermuthigt, beglückte Joe Smith die Seinen mit einem neuen inspirirten Buche, das Offenbarungen von Engeln enthielt. — Das hebräische Original, das er von Engeln empfangen, habe er selbst übersetzt; er gab an, eine Wunderbrille zu besitzen, durch welche er hebräische und griechische Prophezeiungen ins Englische übersetzen könne. — Auch dieses Machwerk fand Glauben. Smith's Anhänger nannten sich „die Heiligen der letzten Tage.- — Die Dogmatik dieser wunderbaren Heiligen behauptet Folgendes: Sion wird wieder hergestellt. Christi Reich dauert 1000 Jahre; am Ende desselben erfolgt die Auferstehung der Todten. — Gott ist ein körperliches, mit Sinnen begabtes Wesen. — Die ganze Welt mit allen Schätzen gehört den Mormonen. Ihre Kirche besitzt die Gnaden und Wundergaben des Urchristenthums. — Sie glauben an Gott, an Jesum Christum, an die Erlösung durch ihn und an den heiligen Geist. Eine verschiedene Taufe ist nothwendig, eine für Sünder, eine für Kranke, eine für Todte. Die Taufe geschieht in der Kirche oder in Flüssen durch Untertauchen. — Die Taufe der Todten befreit die Verdammten aus der Hölle. — Nächstenliebe, Gehorsam gegen die Obrig- ^rit, Mäßigkeit, Fleiß und Vielweiberei sind geboten. — Das Priesterthum unterscheiden sie nach der Ordnung des Mclchisedech und nach der Ordnung des Aron. Die Hierarchie besteht aus Propheten, Aposteln, Bischöfen, Hirten, Großpriestern, Lehrern, Aeltesten und Diakonen. — Der Platz, an dem das neue Jerusalem erstehen sollte, wurde von Smith durch Prophetie bestimmt. An einem Orte im Staate Missouri, im Counth Jackson sprach Smith: „Wahrlich, ich sage euch, mein Knecht Sidney Gilbert (ein mormonischer Apostel) soll sich an diesem Orte anbauen und — einen Laden etablieren." So wurde dort 1833 Neu-Sion erbaut. Die Mormonen geriethen in Folge ihrer fanatischen Anmaßungen und Herrschsucht mit den übrigen Einwohnern in Conflikt. Ein gewaltiger Aufruhr entstand gegen die „Heiligen der letzten Tage", bei dem Joe Smith Nachts aus dem Bette geholt und gelyncht wurde, in der Weise, daß man ihn mit Theer überschüttete und ihn sodann mit Federn umhüllte. — Nach dieser schimpflichen Behandlung zogen die Mormonen von bannen im Jahre 1834 und erbauten Nauvoo am Mississippi. Die Gemeinde bestand damals aus 15,000 Mann. Joe Smith gründete hier einen Gottesstaat; er gab als Prophet, König und Hohepriester seine Gesetze; bildete eine Miliz, baute einen prachtvollen Tempel, der 1,000,000 Dollars kostete. Dieser Tempel trug in goldenen Buchstaben die Inschrift: „DaS HauS des Herrn, erbaut durch die Kirche Jesu Christi, der Heiligen der letzten Tage. Begonnen am 1. April 1841." In diesem Tempel befand sich ein umfangreiches Taufbecken aus Metall, das auf 12 Ochsen mit vergoldeten Hörnern ruhte. Da es Joe gelang, auf legislativem Wege viele bedeutende Privilegien zu erhalten, war er in seinem Hochmuth so vermessen, daß er als Candidat der Präsidentschaft der Vereinigten Staaten auftrat. In alle Welttheile sandte Joe seine Apostel aus, die neue Lehre zu verbreiten, — und nicht umsonst. Ihre Propaganda hatte reichen Erfolg. Da die Mormonen in ihrem Glück übermüthig wurden und ihre Gegner mit schroffen Maßregeln angriffen und verfolgten, bot der Staat Illinois seine Miliz auf, den Uebermuth der Mormonen zu dämpfen. In diesem Aufruhr wurden Joe Smith und sein Bruder Hiram inS Gefängniß gebracht, und am 27. Juni 1844 drangen als Indianer verkleidete Männer ins Gefängniß und ermordeten den großen Propheten-König sammt seinem Bruder. Nach dem Tode Joe's entstanden verschiedene Parteien und Spaltungen innerhalb der Secte. Der nach langem Streit gewählte neue Propheten-König Brigham Doung gab den Befehl, den bisherigen Wohnort zu verlassen. 1846 geschah die Auswanderung, einem unbestimmten Ziele zu. Ein ganzes Jahr hindurch wanderten sie unter Mühsalen und Entbehrungen, bis sie endlich in Utah, fern von allen'Verkehrswegen, in dem unbewohnten Lande, das einer öden Wildniß glich, ihre Wohnstätte nahmen, wo ein neues Sion gegründet und der „Gottesstaat" hergestellt werden sollte. Mit großem, energischem Fleiß haben die Mormonen das Land bearbeitet und cultiviert; schon im Jahre 1850 besaßen sie dort drei große Colonien und sehr viele Farmen. Ein neues Jerusalem wurde auf dem östlichen Ufer des Flusses, den sie Jordan nannten, erbaut. Großartig ist die Stadt angelegt. Die Straßen sind 132 Fuß breit. Jedes Haus muß 20 Fuß von der Straßenfront abstehen; dieser Raum wird mit Sträuchern und Blumen bepflanzt. Durch jede Straße rinnt ein klares Büchlein, dasselbe dient zur Reinhaltung der Straßen und zum Nutzen der Gärten. Der Bau eines colossalgroßen Tempels wurde in Angriff genommen, der aber so bald seine Vollendung nicht erreichen wird, da eS der größte Tempel der Welt werden soll. Nachdem sie sich nun eine blühende Hetmath gegründet, wurden viele Missionäre ausgefandt, um immer mehr GlaubenSbrüder zu gewinnen; sie verbreiteten kräftigltch den Glaubenssatz: nur auf dem heiligen Boden ihres Landes könne man selig werden. Im Jahre 1849 hatten die Mormonen sich eine demokratisch-theokratische Verfassung in ihrem Staate gegeben. Der Congreß verweigerte jedoch die Genehmigung und verlangte einen uichtmormonischen Gouverneur; dagegen sträubten sich aber die Heiligen. Es gelang ihnen durch eigene Zwischen- fälle, daß ihr Propheten-König Brigham Joung zum Gouverneur ernannt wurde. Doch schon 1858 bestimmte der Congreß durch energisches Eingreifen einen Gouverneur, der Nichtmormone war, dadurch sollte insonderheit bezweckt werden, der Vielweiberei ein Ende zu machen. Leider ist dieser Zweck bis jetzt noch nicht erreicht. Die Gemeinde der Heiligen wird zunächst mit unumschränkter Machtvollkommenheit regiert von dem Propheten-König, der mit zwei ihm zur Seite Stehenden ein Triumvirat bildet. Sodann folgen 7 Apostel, 2085 Mitglieder des Sieben- ziger-Nathes, 715 Oberpriester, S94 Aelteste, 514 Priester, 471 Monitoren und 227 Diakonen. Das Missiouswerk der Mormonen ist ein über alle Länder der Erde verbreitetes. Nahe an 600 Missionäre sind thätig. Im Jahre 1858 gab es 120,000 Mormonen; 68,000 in Amerika, 39,000 in Europa, 3500 auf den Sandwichinseln, 2400 in Australien, 1000 in Asien und 100 in Afrika. In Europa sind sie am zahlreichsten in England, Dänemark, Schweden und Norwegen. Bemerkens- und bedauernswerth ist die Thatsache, daß Joe Smith im Jahre 1830 seine Secte organisirte mit 30 Anhängern; in neuerer Zeit zählt sie über eine halbe 402 Million Seelen, die auf diesem Wege der wahren Kirche Christi verloren gehen. — Mögen die vielen Zerwürfnisse, Spaltungen und Uneinigkeiten innerhalb der Secte, sowie unserseits beharrliches Beten und Arbeiten für die Kirche Christi krüftigltch dazu beitragen, daß die armen betrogenen „Heiligen" zur Erkenntniß der Wahrheit kommen, damit die Entstellung und Verunglimpfung der christlichen Religion vom Erdball verschwinde. „Stcckeichrocesslon" und StaLchfer. *) In den kleinen Mittheilungen von Nr. 24 des „Bayerland" war von einem ehemaligen Krcuzgange der Pfarrei F. nach Mühldorf die Rede, welche man den Stcckenkrcuzgang nannte, „weil jeder Theilnehmer mit einem Stecken versehen sein mußte, der in Mühldorf in einen hölzernen Behälter des Gottesackers geworfen wurde". Leider hat der Einsender dieser Notiz es unterlassen, sich über Zweck und Charakter jener Processivn weiter zu äußern. Er fügt nur noch die Vermuthung an, daß jener eigenthümliche Brauch mit einem Ereignisse im Schwcdcnkriege zusammenhänge. Das Letztere möge dahingestellt bleiben. Doch sei es gestattet, auf weitere Thatsachen aufmerksam zu machen, welche darthun, daß ein eigenthümlicher Gebrauch von Stäben bei Processionen und Wallfahrten weder eine singuläre Erscheinung, noch jungen Datums sei. Auch in Negcnsburg cxistirt eine Procession, welche ganz ebenso wie jene in F. bei Mühldorf im Volksmunde die „Steckenprocession" heißt. Sie wird veranstaltet von der marianischen Cougregation und bewegt sich von der ehemaligen Dominikanerkirche aus, in welche die Cougregation nach dem Brande der Jcsuitenkirche St. Paul (1809) verlegt wurde, über den Vismarcks- platz zur Kirche zurück. Nur Männer bcthciligen sich an derselben, und zwar entsprechend der großen Zahl der Congregationsmitglieder sehr viele von Stadt und Land. Da sieht man nun allerdings, wie fast ein jeder entweder mit seinem städtischen Spazierstocke oder seinem urwüchsigen, in Strauch und Wald geschnittenen „Kruüen- stccken" in der Hand cinherwaudelt, wie eben sonst auch. Doch davon allein kann die Procession nicht recht wohl „Steckenprocession" genannt worden sein. Der Name muß irgend welchen historischen, nunmehr vergessenen Grund haben, der vielleicht noch um ein gutes Stück hinter der Zeit zurückliegt, da die Jesuiten die genannte Procession in Negcnsburg einführten. Längere Stäbe, welche oben mit einem farbigen Tuche nach Art eines Fähnleins und in der Regel auch mit irgend einem frommen Emblem aus Metall geschmückt sind, werden allenthalben in Süddeutschland von einzelnen Bruderschaftsmitgliedcrn bei feierlichen religiösen Umzügen mitgetragen. Jeder, der die Fronleichnams- procession in München kennt, erinnert sich der als Pilger gekleideten Gestalten, welche derartige Stäbe führen. Doch scheint dieser Brauch mit dem Stcckenkrcuzgang von F. nichts gemein zu haben und eher daran zu gemahnen, daß gewisse kirchliche Vergünstigungen, wie Ablässe, welche ehemals an eine Pilgerfahrt an entfernte Orte geknüpft waren, allmälig auch an Bruderschaften übergingen und von deren besonderen Andachtsübungen abhängig gemacht wurden. *) Aus der Zeitschrift „Das Vayerland".. Eine große Aehnlichkeit mit dem genannten Steckenkreuzgang von F., bei welchem man die Stäbe am Ziele der Pilgerfahrt deponirte, finde ich dagegen bei den Wallfahrten zum Grabe des heil. Bischofs Ulrich von Augsburg, welche bereits kurz nach dessen Tod (973) begannen. Propst Gebehard, welcher zwischen 983 und 993 das Leben und die Wunder des hl. Ulrich beschrieb, erzählt uns davon. Nach ihm hätte der eigenthümliche Gebrauch, Stäbe am Grabe des hl. Ulrich niederzulegen, auf Veranlassung des Propstes bei St. Afra, Wiksred, seinen Anfang genommen. Zu diesem sei ein fieberkranker Mann, Reginwalech, aus der norischen Provinz gekommen, ein Mittel gegen seine Krankheit zu erhalten. Da sprach Wiksred: „Geh' und hole Dir einen Stab und trage ihn Zum Grabe meines Herrn, des hl. Ulrich, zur Erlangung Deiner Gesundheit!" „Und dieser ging, schnitt sich einen Stab von Birkenholz und brachte ihn zu dem genannten Propste, welcher ihn zu dem heil. Grabe führte und ihn anwies, den Stab darauf zu legen. Zur Stunde wurde er sodann, der auch auf das Gebet der Geistlichen vertraute und durch ihre Unterweisung im Glauben bestärkt wurde, fieberfrei und gesund." Daraufhin kam eine unglaubliche Menge von Leuten, die ebenfalls von einem damals herrschenden Fieber befallen waren, zum Grabe des Augsburger Bischofs, „die einen mit Stäben, andere auch noch mit anderen Opfergaben". Die Stäbe wuchsen begreiflicherweise zu einer solchen Zahl an, daß sie in den Ecken der Kirche nicht mehr Platz fanden und in dem Balkenwerke des Daches aufbewahrt werden mußten (ok. Volssri opp. Nürnberg 1682: Llircreuka. 8. Hckalrioi x. 574 ss.). Offenbar galten sie als die schlichteste und einfachste Art von Wcihegcschcnkcn, als ein bloßes Zeichen der Verehrung und des Dankes gegen den Heiligen, nicht als die Darangabe eines wirklichen Werthes an sein Heilig« thum. **) Sollte sich nicht auch anderwärts in der Ueberlieferung oder in geschriebener oder gedruckter Literatur die Erinnerung an eine ähnliche Sitte erhalten haben? Geht sie vielleicht zurück auf einen urgermanischen, noch heidnischen Gebrauch? Dr. E. in N. Alis dem Vogelleben. Eine fesselnde Skizze aus dem Vogekleben theilt der „Köln. Volksztg." ein Leser aus Gymnich mit. Es handelt sich darin um merkwürdige Erlebnisse mit einem Buchfinken. Der Winter 1894P5 führte bekanntlich, so erzählt der Vogelfreund, ein recht strenges Regiment, namentlich blieb der hart gefrorene Schnee andauernd liegen, so daß die armen Vogel, denen es am Nothwendigsten gebrach, dichter um die Wohnungen der Menschen sich ansammelten. Wir hatten im Spätherbst die zur Reife gelangten Sonnenblumen abgeschnitten und sie an einem luftigen Ort zum Trocknen aufgehängt. Diese wurden jetzt hervorgeholt und an den Bäumen unseres Gartens befestigt. Es währte nicht lauge, so kamen die Meisen herbei und pickten mit hurtiger Geschicklichkeit die schwarzen Samenkörner aus ihrem Versteck heraus. Das geschäftige **) Unwillkürlich erinnert man sich an die Redensart, welche von einer Sache, die gar nichts werth ist, sagt: „sie fei keinen Stecken werth". 403 Treiben der munteren Gesellschaft machte uns viel Vergnügen. Da, eines Tages gesellte sich ein dicker Buchfink zu der kleineren Vogelschaar. Ohne Ansehen der Person hackt er rechts und links um sich und treibt alle in die Flucht, bis er sich selbst gesättigt hat. Ein solch unverschämtes Auftreten erregte natürlich unseren gerechten Zorn; zu steuern war jedoch dem Unfug nicht, und dann hatte das Thterchen auch wohl großen Hunger, und so ließen wir es gewähren. Damit die anderen nicht zu kurz kamen, hingen wir noch mehrere Sonnenblumen auf, streuten außerdem Brodkrumen und verschiedene Samen auf die Fensterbank. Aber auch hier behauptete der Dicke bald seinen Platz als Alleinherrscher. Als es draußen zu grünen und zu knospen begann, stellten wir das Füttern ein. Mit diesem Verhalten war jedoch der Buchfink keineswegs einverstanden. Eines Tages sitzen wir beim Kaffee, da fliegt ein Vogel außen an den Fensterscheiben auf und ab, als begehre er Einlaß. Wir öffnen das Fenster und streuen Samen auf den Blumentisch. Der Dicke — er war es — bedenkt sich nicht lange, sondern hüpft lustig hinein und verzehrt Alles, was wir ihm hingelegt. Von dem Augenblick an wurde er täglich kühner und unternehmender. Wenn er uns von außen bei Tisch erspähte, krallte er sich gegen eine Scheibe an und klopfte mit dem Schnabel an's Glas. Sobald wir ihm dann öffneten, kam er herein, sogar bis auf den Eßtisch, und holte sich die Brocken von unseren Tellern. Unser früherer Ingrimm gegen den frechen Gesellen verwandelte sich so allmälig in Liebe und Anhänglichkeit. Wir hatten uns mit der Zeit derart an den gefiederten Gast gewöhnt, daß wir ihn recht schmerzlich entbehrten, als er vergangenen Herbst plötzlich ganz ausblieb. Da auch Buchfinken bei uns überwintern, so glaubten wir nicht anders, als das Thierchen fei durch einen Sperber oder eine Katze ums Leben gekommen oder infolge zu guter Nahrung eingegangen. Wir sprachen noch Manchmal — bereits in der Vergangenheit — von dem netten Kerlchen, und den vielen Bekannten, die sich nach ihm erkundigten, mußten wir stets dieselbe traurige Antwort geben: „Unser lieber Dicker kommt nicht mehr." Dieses Frühjahr nun, vor mehreren Wochen, als die Sonne so prächtig und warm schien, höre ich einen Buchfinken im Garten singen. Der etwas herausfordernde Schlußton dünkt mich bekannt. Ich trete an's Fenster und rufe: „DickerI Dicker!" Siehe da: es währt nicht lange, so sitzt unser Dicker auf dem Fenstersims, hüpft gleich darauf geschäftig auf den Blumentisch, zum Kanarienvogel, zum Papagei, auf den Eßtisch — als sei er erst gestern noch dort gewesen! Im ganzen Hause herrschte Freude über die Rückkehr des Todtgeglaubten. Er besucht uns nun Tag für Tag. Wo Jemand sich blicken läßt, sei es im Wohn- oder Eß-Zimmer, in der Küche oder den Schlafräumen, sofort ist der liebe Dicke da und klopft und ruft, bis man ihm aufmacht. Verspürt er besonders tüchtigen Hunger oder hat er Eile, dann setzt er sich auf den Kirschbaum vor dem Hause und schreit aus Leibeskräften. Tritt man an's Fenster, so fliegt er Einem schon entgegen. Seine Kühnheit nimmt stetig zu. Mehrere Male hat er mir schon aus der Hand gefressen. Man merkt jedoch seinem Wesen an, daß er dieses Unternehmen selbst für ein großes Wagniß hält; dagegen scheut er es gar nicht, mir auf den Schooß zu fliegen und dort gemüthlich zu speisen, während ich arbeite und mit ihm spreche. In der Küche hält er sich mit Vorliebe auf; dort gibt es so mancherlei auf der Anrichte und vom Boden aufzupicken. Nie versäumt er es, meiner Schwägerin, die augenblicklich leidend ist, seinen täglichen Krankenbesuch abzustatten; bei der Gelegenheit fallen dann auch immer einige gute Brocken ab, die er auf dem Bette verzehrt. Ganz frei von Eigennutz sind also diese Besuche wohl nicht. Doch wie manches gute Werk verträgt eine eingehende Prüfung des Beweggrundes? Unsere anderen Hausthiere dulden den Eindringling. Möpschen, der draußen allen Vögeln nachstellt, betrachtet ihn als zur Familie gehörig, und wenn ich mich nur dem Fenster nähere, schreit Lora schon aus voller Kehle: „Dekahr." Sie spricht das „Dicker" wie ein Garde-Lieutenant auS. — Eben jetzt, während ich über ihn schreibe, sitzt er neben mir auf dem Schreibtische und sieht mich mit seinen schwarzen klaren Aeuglein so klug und zutraulich an. Ja, du kleiner Schelm, die Hauptsache darf ich doch nicht von dir verschweigen: daß du nämlich ein sehr aufmerksamer Gemahl bist. Sobald nämlich fein Weibchen einen Ton von sich gibt, horcht er auf, beim zweiten schon läßt er die feinsten Leckerbissen im Stich und fliegt mit augenscheinlicher Hast zu ihm hin in den großen Kastanienbaum. Oder sollte er am Ende trotz seines selbstbewußten Auftretens doch nur ein Pantoffelheld sein? . --S2-V-LA-»- ALLssLstz« Selbstmord eines indischen Fürsten. Ueber den Selbstmord eines indischen Fürsten wird der „Franks. Ztg." aus Chandernagor geschrieben: Vor Kurzem entleibte sich der Maharadscha von Patna; aber die Beweggründe, die ihn zu diesem verzweifelten Schritte getrieben haben, sind erst jetzt bekannt geworden. Der Herrscher von Patna war ein sogenannter „unabhängiger" Fürst. Jedem indischen Fürsten wird von der englischen Regierung ein sogenannter politischer Agent an die Seite gestellt, der den Verkehr des Fürsten mit der Regierung vermittelt und ihm in allen Angelegenheiten mit Rath und That beistehen soll. Der Maharadscha darf ohne ausdrückliche Erlaubniß dieses Agenten keinen Europäer einladen, er kann keine Reise unternehmen, kein Fest geben, kurz, er befindet sich vollständig in den Händen des politischen Agenten. Nun mißbrauchte aber der politische Agent in Patna seine Stellung in ganz unglaublicher Weise. Er untersagte dem Maharadscha selbst die harmlosesten Vergnügungen. Eines Tages brachte ihm einer seiner Spione einen Brief, in dem der Maharadscha den Vicekönig flehentlich M Abberufung des politischen Agenten ersuchte. Nun kannte seine Wuth keine Grenzen mehr; er beschimpfte den Maharadscha vor seinen Dienern mit den gemeinsten Schimpfwörtern. Jeder Tag brachte eine neue Beleidigung. In einem Briefe, den der Maharadscha wenige Wochen vor seinem Tode geschrieben hat, beschwert er sich darüber, daß man ihm Alles versage, außerdem drückt er seine Furcht vor einer Tigerjagd, zu der man ihn zwingen wolle, aus. Im Laufe der Jagd wHde ihm gewiß „unglücklicherweise" ein Arm abgeschossen Enden. Zuletzt erhebt er noch die schwere Anklage, daß er fast mittellos sei, da der politische Agent und der Dewan des Staates sich seiner Kasse und aller Einkünfte bemächtigt hätten. Der Fall hat unter den anderen Fürsten eine ungeheure Aufregung hervorgerufen. 404 Die Regierung gebe sich die größte Mühe, diese zu beschwichtigen. Die englische Presse schweigt den Fall todt, dagegen kann sie nicht verhindern, daß die einheimische Presse von fast nichts Anderem redet. » EinHospital fürAuSsätzige inLouisiana. Da im Staate Louifiana die Zahl der Aussätzigen in erschrecklicher Weise zunahm, wurde ein Hospital zur Aufnahme derselben gegründet, um sie von der menschlichen Gesellschaft abzusondern und so eine weitere Verbreitung der schrecklichen Krankheit durch Ansteckung zu verhindern. Als das Spital zur Ausnahme der Kranken fertig war, meldete sich Niemand zur Uebernahme desselben. Man mußte an die katholischen Krankenschwestern sich wenden, und die Barmherzigen Schwestern waren bereit, die Anstalt zu übernehmen. Die in New-Orleans erscheinende ,Picayunst beschreibt in einem längeren Bericht den Abschied dieser Heldinnen der Nächstenliebe und ihre Abreise nach ,Leper Land'. „Schaudern Sie nicht vor dieser Misston und werden Sie nicht von Furcht ergriffen?" so fragte der Berichterstatter die Oberin dieser Schwestern. Er erhielt von der Schwester Beatrice die schöne Antwort: „Warum sollte eine Barmherzige Schwester sich fürchten? Wir haben ja unser Leben der leidenden Menschheit geweiht. Gott wacht über dieses Asyl für Aussätzige. Er wird seine Kinder, uns und die Kranken, die unsere Brüder und Schwestern sind, in seinen Schutz nehmen." Als der Dampfer sich in Bewegung setzte, wurde den Schwestern von der Volksmenge ein herzlicher und ehrfurchtsoller Abschied bereitet. Die Herren zogen ehrerbietig ihre Hüte und die Damen schwenkten ihre Taschentücher. Alle waren von Bewunderung für die muthvollen Schwestern ergriffen. „Jetzt wird die Sache schon arbeiten", sagte Herr Ncynes, der Sekretär des Ver- waltungSrathes des Spitals. „Bald werden alle Aussätzigen im Staate sich in unserer Anstalt befinden; zum Mindesten gibt es in Louifiana 100 Aussätzige. Wir haben bis jetzt erst 31 davon in unserer Anstalt. Aber die anderen werden schon kommen, nachdem die Barmherzigen Schwestern die Anstalt übernommen haben. Jetzt können sie der besten Pflege versichert sein." Den prot. Protectivisten kommt dieser Bericht der ,Picayuni' sehr in die Quere. Man hört im Volke die spöttische Frage: „Warum haben die von der American Protective Association sich nicht erboten, die Leitung der Anstalt zu übernehmen?" * Die Musik in der englischen Königsfamilie. Die Königin Victoria ist äußerst musikalisch. Schon als zwölfjähriges Mädchen sang sie vor geladenen Gästen Duette mit ihrer Mutter, der Herzogin von Kent. Später bildeten Händel, Gluck und Mendelssohn ihre Lieblingscomponisten und unter den Werken des letztem besonders die Lieder ohne Worte. Die Königin hat bis vor wenigen Jahren Pianospiel und Gesang fortgesetzt. Jetzt rührt die 77jährige Monarchin das Instrument nur selten an. In ihren verschiedenen Schlössern besitzt die Königin 30—40 Pianos. Das schönste darunter steht im Scharlach-Saale im Schlosse Windsor; es hat einen wunderbar weichen Ton. Die Prinzessin Beatrice benutzte es häufig. Auf der Violine hat es die Königin niemals zur Meisterschaft gebracht; auf diesem Instrument glänzt der Herzog von Coburg. Dieser ist das einzige Mitglied der englischen Königshauses, welches eine echte Stradivarius- Geige besitzt, obgleich der berühmte Geigenbauer von Cremona vier Geigen für Georg I. anfertigte. » Der neueste Frauenhut. Jüngst ging ich zur Mode hin, — Zu der Weltbeherrscherin, — Und ich habe unverzagt — Nach dem neu'sten Hut gefragt. — „Blumen, Schmelz und Straußenfedern — Werden nachgerade ledern;" So begann die Königin, — „Höheres erstrebt mein Sinn; — Sieh das herrlichste Modell!" — Und sie lüftet ein Gestell. — Tief geblendet von der Pracht — Fragt' ich: „Ist das selbst gemacht?" — Freilich, keiner steht so gut, — Wie ein eig'ner Doctorhut." Scherzfrage. Wie theilt man einen Seufzer in fünf Theile? — Antwort: Indem man ihn in einen Handschuh aushaucht. ---8SLWS8"--- Kimmclsfcliau im Monat Juki. —X. Merkur ^ entfernt sich immer mehr weiter westlich von der Sonne und ist in den ersten Tagen als Morgenstern schwach sichtbar. Venus Z geht bereits nach 8 Uhr abds. unter. Mars F zwischen dem Kopf des Walisisches und Widders geht auf gegen Mitternacht. Jupiter H steht nach Sonnenuntergang niedrig in NW. und geht nach 9 U. abds. unter. Saturn D geht anfangs vor 1 U. nachts, zuletzt vor 11 U. unter und wird lichtschwächer. In der Nähe des MondeS befinden sich Mars am 5.; Merkur am 9.; Venus am 10.; Jupiter am 12.; Saturn am 19. Vom Monde werden bedeckt Negulus am 13. abds. 5 U. und Antares am 20. abds. 6 U. Am 28. findet ein Sternschnuppenfall statt in langen, langsam ziehenden Bahnen aus dem Radianten zwischen Steinbock und Wassermann. -SSWLS-"-— „Gttellc»k>»Nl!e." Oftmals frug ich Wind und Welle Nach des Glückes holdem Sterne, Lauschte lange an der Quelle, Ob's nicht rauschte nah' und ferne: „O das Glück, es lächelt gerne Jedem an des Daseins Schwelle." Doch es klang wie heimlich Höhnen Anö dem neckischen Wellenspiele Zu des Herzens wildem Sehnen; Und es rauschte laut und stille: „O, wie fern stehst du dem Ziele, Wirst du's wohl erreichen können?!" Also klang die kurze Kunde. — Und ich sah die Wasser wallen Lange noch im Wiesengrunde — Sah dann aus der Tiefe strahlen Sanft den Himmel, Frieden allen Winkend auf dem Erdenrunde. Da vergaß ich Erdenweben, Frug nicht länger Wind und Welle, Ob sie Glück mir könnten geben: Aus der Tiefe klar und helle, Aus dem Himmel quillt die Quelle Frieden träufelnd in das Leben. ll. N. M 54 1896. „Augsburger Postzeitung". Dinstag, den 30. Juni Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Berlag des Literarischen Instituts von Haas >L Grabherr in Augsburg (Borbefitzer vr. Max Huttler). MHeirrgolö. Novelle von Cary Groß. (Fortsetzung.) V. ES war noch lange nicht Zeit zum Besuch machen, als der Sänger Goldmund sich des andern Morgens am Gartenthor der Villa Rehwald einfand. Auf sein heftiges Läuten erschien langsam ein Gärtner, der ihm bedeutete Frau Räthin empfange so früh keine Besuche; auch wisse er, daß sie heute Migräne habe. Ihre Fenster seien noch fest verhängt. — Von den Gästen des Hauses wußte er nur, daß eine Mamsell schon früh ausgegangen sei und vielleicht noch im Garten verweile. Jn's Haus habe er Niemand gehen sehen. Wirklich kamen leichte Schritte den Kiesweg unter dem Rebengang herunter, und Ottilie eilte freundlich auf ihren seltsamen Beschützer und Vater von gestern zu. Sie trug Hut und Sonnenschirm und erklärte, längst wohl ausgeruht zu haben. In ihrem Morgenkleid aus grauer Leinwand, das eine schlichte Stickerei am Rand des Rockes verzierte, sah sie eben so elegant und an- muthig aus wie gestern. Das Abenteuer vom Drachenfels hatte weder Reue noch Ermüdung hinterlassen. Ihre Augen glänzten wie die liebe Morgensonne, die das schöne Rheinthal begnadete. Sie führte Goldmund durch den Rebengang sachte aufwärts zu einem Steinsttz über der niederen Seiten- mauer, wo eine herrliche Aussicht sich bot. Zwischen glühenden Glycinen, die eine Gttterwand und Fenster umspannen, zeigte sich das Siebengebirg noch beschattet in duftiger Ferne. Ottilie schob dem alten Mann einen Weidenstuhl zurecht, wo er bequem sich niederlassen und die Aussicht auf den Drachenfels genießen konnte. Freundlich antwortete sie auf des alten Mannes Entschuldigungen und Fragen, die er mit unverkennbarer Aufregung vorbrachte. „Sie sind ungeduldig, Felicie wiederzusehen. Ich habe sie mit meiner getreuen Miß Rich in der ganz nahe gelegenen Pension einlogirt, um die gute Räthin, deren Migräne ich verschuldet habe, in keiner Weise zu belästigen. Es geht der lieben Ltcie vortrefflich. Wir waren schon zusammen in der Kapelle auf dem Kreuzberg in Begleitung der Miß natürlich. Ich kam allein herüber, um Ihnen eine Bitte vorzutragen, die Ihrem Töchterlein so sehr wie gestern am Herzen liegt." „Jn's Kloster will siel Ich sehe es kommen", jammerte Goldmund. „Verhandelte sie doch schon in Nonnenwerth alles Mögliche. Und das jetzt, wo es nöthig wäre, daß sie nicht abgeschlossen von der Welt sich und Andere prüft! Ich ahne schon den Einbruch meiner Luftschlösser, das Kloster steckt ihr einzig im Kopf!" „Doch vorerst nur, um einige Monate, vielleicht ein bis zwei Jahre dort gegen französischen Unterricht ihre eigene Fortbildung zu betreiben, vielleicht bis zum Lehrerinnenexamen. Das sollten Sie aber um so lieber gestatten, als Sie in der nächsten Zeit ihr noch kein gesichertes Heim bieten können, und als ihr Klosterberuf zum mindesten unwahrscheinlich ist; mir wenigstens ist er seit gestern Abend sehr zweifelhaft." Ottiliens Augen blitzten in froher Schelmerei, als sie ihre Rede schloß. „Mir war er von jeher zweifelhaft. Vielleicht urtheilte ich thöricht und aus Selbstsucht. Seit gestern Abend aber weiß ich, daß dem Kind außerhalb der neidischen Mauern, die schützen, aber auch trennen, ein schöneres Glück blüht, als ich für Felicie zu träumen wagte. Sie ist doch keineswegs schön, kaum hübsch." „Sagen Sie lieber — sie sei es noch nicht. Sie ist, oder war bisher nur zu befangen, zu schüchtern. Sie ist noch zu kindisch gewesen, um zu interesstren." „So glaubte auch ich bis gestern. Aber sie hat trotzdem gefallen, hat es in einer Weise, die mein Staunen erregt. Es ist genug, wenn ich Ihnen sage, daß sich eine glänzende Versorgung für mein Kind bietet, glänzend wenigstens den vorzüglichen Eigenschaften und der gesicherten Zukunft des Bewerbers nach. Er bat quaoi schon einen Antrag gestellt — eine sehr ernstgemeinte Werbung, wenn es sich auch zunächst erst um die Möglichkeit handelt, daß er ihr Herz gewinne; denn sie liebt ihn noch nicht. Aber gerade darum ist es unmöglich, Felicie in ein Kloster zu sperren, und darum bedarf ich Ihres Raths, Ihrer Hülfe, Fräulein Ottilie!" Ottilie war überrascht. Sie fürchtete, es habe Jemand mit dem Alten sich einen Scherz erlaubt; einer der Studenten etwa! Oder sollte ihr tollköpfiger Ottmar seine rasche Flamme schon dem Alten geoffenbart haben? Zögernd fragte sie: „Wie ist das zugegangen? Ernst gemeint, sagen Sie? Etwa von einem Jüngling, einem Studenten?" „Fräulein Grube!" erwiederte Goldmund vorwurfsvoll und richtete sich gravitätisch auf. — „Sie kennen 406 den alten Goldmund schlecht! Was seine Verpflichten betrifft, dabei ist er vorsichtig wie der feinste Staatsmann. Mit Studenten würde ich mich nicht in die geringste Erörterung einlassen. Anders ist es aber, wenn ein ernster, wohlfituirter, vortreffliches junger Mann, den alle Welt achtet, dessen Worten zu trauen ist, selbst wenn er weniger deutlich gesprochen hätte, sich um mein einziges Kind bewirbt, dann muß ich die Möglichkeit wohl in Erwägung ziehen, wie es anzustellen ist, daß er ihre Liebe gewinne! Ihnen darf ich ihn schon nennen. Sie kennen ihn auch; es ist kein Geringerer als der liebenswürdige, geistreiche Professor Dr. Max Heermann." „Max Heermannl" Ottilie wiederholte den Namen mechanisch, wie ein Echo. Ein Schatten senkte sich von den langen, dunklen Wimpern auf die leicht, ganz leicht erblassende Wange. „Kannte er Fclicie schon lange?" fragte sie, wie traumbefangen. „Schon lange? Nicht daß ich wüßte. — Aber er sah sie gestern auf dem Drachenfels, und da machte sie ihm sofort einen tiefen Eindruck, wie ich es nimmer von dem unfertigen Mädchen vorausgesetzt hätte. Doch es ist Thatsache. Ich wurde sagen er habe eine Leidenschaft für sie gefaßt, aber das ahnt man nur. Er ist zu vorsichtig, sein Gefühl herauszulassen, wie unsereiner thun würde. Die verhaltene Gluth bemerkt man aber in jedem Wort und Blick dennoch. Gestern Abend, als Sie mich kaum verlassen hatten, trafen wir zusammen, und er wollte fast mir den Schwur abzwingen, meine Tochter nicht auf's Theater zu lassen, so viel man mich auch bereden würde!" In die dunklen Augen war längst der goldene Schimmer zurückgekehrt; um die Lippen, die einen Augenblick schmerzlich gezuckt hatten, spielte wieder jener schelmische Zug, der dem schön geformten Mund so gut ließ. Ottilie beugte sich nieder und betrachtete die wunderlichen Zeichen, die ihre Sonnenschirmspitze in den Sand grub, während der Alte auf ihre Bitte geordnet erzählte, daß gestern Abend, nachdem Ottmar die Schwester an der Tramstation in Königswinter abgeholt hatte und Goldmund auf das letzte Dampfschiff nach Bonn wartete, die Brüder Heermann zu ihm gestoßen seien. Der eine habe sich zu seiner jungen Familie nach Mehlem begeben, wo diese ein Sommerfrischhäuschen bewohne; der andere, der Professor, sei mit Goldmund auf dem Schiff nach Bonn gefahren, habe ihn mit Artigkeiten überhäuft, mit ihm in Bonn im Hähnchen zu Abend gegessen, habe ihn mit echtem Rheinwein bewirthet und allerlei Fragen über den Aufenthalt der Tochter gestellt, die er, Goldmund, nur auf die diskreteste Weise beantwortet habe, zumal er mit Recht sagen konnte, sie wohne bei einer Dame in guter Hut, die er nicht näher kenne. — Alsdann habe der junge Herr zu verstehen gegeben, wie glücklich er sein würde, sich dem jungen Mädchen, das einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn gemacht habe, nähern zu dürfen, und zwar um ihr Herz und ihre Hand zu gewinnen. Er habe es sogar ganz deutlich ausgesprochen, daß, sofern er nur die Zuneigung des seltenen Geschöpfes gewinnen könne, er sofort um sie anhalten würde, ja er habe sich gewissermaßen ihm gegenüber gebunden, um dafür sein Versprechen zu erhalten, sie weder für's Theater zu bestimmen, noch sie in der Ocffentlichkeit singen zu lassen, wie gestern. Als der Alte diese Worte ausgesprochen, mochte ihm das schalkhafte Lächeln Ottiliens, die sich rasch aufgerichtet halle, doch auffallen. Er hielt plötzlich inne — sah mit offenem Mund Ottilie an, bis er endlich hervorstieß: »Ja so — das waren ja Sie, die gestern sang! — O ich alberner Schwachkopf! — Der Wein — die Sorge — die Neuheit und Verwicklung der Lage verwirrten mich I Wie konnte ich an eine solche Gunst des Geschicks glauben? Wie annehmen, daß mein armes, scheues Täubchen je solche Eroberung machen würde! — Sie gehört nicht zu den sieghaften Erscheinungen, die man steht und sich ihnen gefangen gibt - oft für immer." „Sie würden das nicht sagen, wären Sie gestern Abend mit mir und Ottmar nach Villa Nehwald gekommen, hätten miterlebt wie wein Bruder Studiosus ihr seine ganze frische und, wie ich gewiß weiß, auch ausdauernde Jugendneigung zuwandte und nichts lieber gewollt hätte, als sich rasch mit ihr zu verloben. Von einem Freier, den sie mir abspänstig gemacht hat, gar nicht zu reden. Niemand außer der Räthin glaubt, daß auch dieser tief verwundet das Haus verließ." Man schellte an der Gartenthüre. Ottilie bog den Kopf durch die Ranken der Glycinen, um nach dem Eingang zu sehen. — „Tante Mina ist's! Die kommt gerade recht zur Berathung! Papa Goldmund, bitte, erwarten Sie mich hier!" Der Sänger blieb aber lange allein. Er verkürzte sich die Zeit mit einem Gabelfrühstück, das der Diener in die Laube brachte. - Es wollten ihm aber weder Wein noch Fleischspeisen gut munden. Er fühlte sich beschämt durch seinen Irrthum und bedrückt durch die Vernichtung seines schönen Traums. Sein trüber Muth verschwand aber doch vor dem sonnigen Lächeln Ottiliens, als diese mit der freundlichen Hermine Stark endlich wieder kam. Die Freundinnen hatten viel inzwischen besprochen. Es mußte Ernstes und Heiteres gewesen sein, denn in den Augen der Aclteren wie der Jüngeren schwamm noch ein verrätheri- sches Naß, beglänzt vom Sonnenschein innerer Freude. Dem alten Herrn hatte Tante Mina Gutes zu berichten. In der Pension Harling verlangten reiche Engländerinnen einen Singlehrer ersten Ranges. Statt der Stelle auf dem Drachenfels sollte Goldmund diesen Unterricht übernehmen, der ihm gutes Honorar abwarf. Auch Verpflegung und Wohnung wurden ihm in dieser Pension bei guten, aufmerksamen Wirthen zugesichert, und er konnte somit die Tochter eine Zeit lang entbehren, die nirgends besser versorgt sei als in Nonnenwerth. Daß Felicie immer noch dahin verlangte, versicherte sie ihm bald selber. Sie sah dabei so fröhlich aus, wie Goldmund die Kleine noch nicht gesehen hatte. Sie schien seit gestern gewachsen und verschönt. War da wirklich etwas vorgegangen, was des Kindes Sinn vom Klosterleben abgewendet hätte? Seiner krankhaften Furcht davor konnte der arme Alte nur deshalb nicht los werden, weil es ihm mit Verlust des einzigen Kindes gleichbedeutend war. Aber er konnte sich weder dem herzlichen Wort Ottiliens verschließen, von deren Sympathie er einen so glänzenden Beweis hatte, noch den süßen Bitten seines Töchterchens, das ihm zugleich versprach, gewiß nur der Fortbildung und gesicherten Schutzes willen für einige Zeit in Nonnenwerth zu leben. Er willigte also in die Vorschläge, die man ihm machte, endlich ein. Es wurde beschlossen, daß heute 407 noch Felicie übersiedeln dürfe, denn Ottilie wollte morgigen Tages schon mit Miß Rich nach Trier reisen, das sie noch nicht kannte. Sie zog vor, dort und nicht in Bonn die Rückkehr ihres Vaters zu erwarten, damit nicht ihr Debüt auf dem Druchenfels in der Gegend bekannt und besprochen würde. Die Räthin war mit dieser Bestimmung nur im Interesse Leberts einverstanden. Sie fühlte sich ihm gegenüber schuldbewußt, da sie es an Muth und Geschick hatte fehlen lassen, ihn rechtzeitig von dem Austausch der Mädchenrollen zu benachrichtigen. Sein Benehmen hatte aber selbst ihr mißfallen. Dies trug bei, sie mit Ottiliens tollem Streich auszusöhnen und endlich Ottiliens Bitten nachzugeben, Luft und Unterhaltung gegen ihre Migräne zu erproben und sich dem munteren Kreis zu gesellen, der sich im Gartensalon versammelte. Dort gestand sie bald zu, daß ihr bisheriger Günstling gestern eine gar zu klägliche Rolle gespielt hatte. Erst als Ottmars Auftreten Dr. Lebert belehrt hatte, in welchem Irrthum er sich befunden, versuchte er es zwar noch mit einer Eifersuchtsscene, um seinen kläglichen Rückzug zu decken, mußte er aber einsehen, daß er sich lächerlich machte, denn er schützte plötzlich Krankenvisiten vor, um nicht mit der Räthin nach der Villa fahren zu müssen. In der Morgenfrühe aber hatte ein Billet seineKlientin benachrichtigt,Doktor Lebert sei mit einem Patienten nach Berlin gereist und werde einige Tage fortbleiben. „Der wäre außer Schußweite", sagte Tante Mina, als die Räthin halb belustigt, halb mitleidsvoll das Mißgeschick Leberts besprochen hatte. „Er ist übrigens nicht der einzige, der Stadt und Gegend verlassen mußte, ehe er über die Komödie der Irrungen aufgeklärt wurde. Mein Neffe Max ist auch über Hals un) Kopf abgereist, in Wahrheit gezwungen durch eine Archivarbeit in Mainz, die er vollenden muß, bevor der Congreß in Frankfurt angeht, denn dort hat er sein Erscheinen zugesagt. Er soll in der schlechtesten Laune gewesen sein, als er gestern Abend spät das Telegramm vorfand, das ihn abrief. Ingrimmig ist er mit dem ersten Zug heute abgefahren. In seinen Archiven wird er schwerlich Dokumente finden, die ihm die gestrige Komödie erklären. Vielleicht hat er später mehr Chancen in Frankfurt." Ein bittender Blick Ottiliens auf die muthwillige Sprecherin machte Tante Mina verstummen. Frau Rehwald erfuhr nichts von den Erlebnissen des bösen Max. Sie gönnte es ihm, wenn auch er von Ottilie ein wenig mysttfictrt worden war. Ihr Frieden mit Ottilie ward um so vollständiger. Die Migräne verschwand, und sie nöthigte Goldmund und sein Töchterchen in ihrem gastlichen Haus zu bleiben, bis gegen Abend alle ihre Gäste Felicie nach Nonnenwerth begleiten könnten. Ottilie und Mina hatten tagsüber verschiedene geheime Abmachungen mit Goldmund, der sich eine Menge Adressen und Notizen in ein scharf von beiden Damen controllirtes Taschenbuch schreiben mußte. Die arme Felicie wäre über dieser Geheimnißkrümerei fast vergessen worden, wenn nicht zum Glück Ottmar Grube Zeit gefunden hätte aus Bonn herüber zu kommen, s Gerhard Uosilfs ch. nur um einmal nach dem Rechten zu sehen. Er übernahm auch die Pflicht, das Mädchen auf dem etnftündigen Weg nach Nonnenwerth ausschließlich zu unterhalten, und es gelang ihm so gut, daß Beide höchlich überrascht waren, als sie an der Fähre gegenüber von Nonnenwerth angelangt waren. Der Weg war ihnen sehr kurz erschienen. Der Abschied ging nun zu rasch, als daß Goldmund Zeit gehabt hätte, sich wieder in trübe Stimmung zu vertiefen. Noch einmal nur mußte Felicie ihm feierlich, „angesichts der ewigen Berge", versprechen, den Schleier nicht zu nehmen! Sie that es unbefangen. Als dabei ihr Blick zufällig den Studenten streifte, erröthete sie noch mehr als gestern Abend beiOr.HeermannsVorstellung, und dies wohl bedeutungsvolle Zeichen hatte die Kraft die tiefe Falte zu glätten, die Ottmars junge, aber energische Züge verdüsterten, seit die Klostermauern in Sicht waren. Nur Ottilie und Frau Rehwald fuhren mit Felicie zur Insel hinüber. Tante Mina machte ganz harmlos dem jungen Grube den Vorschlag, sich zum Erwarten der Nückkehrenden eine Hütte zu bauen, an gleicher Stelle, wo auf dem Rolandseck ein gewisser Ritter geharrt und gehofft habe. Sie fing auch wirklich an das Rezept zu besagtem Bau und geduldiger Bewohn- ung desselben aus Ritter Toggenburg zusammen zu suchen, so gut sie sich ihres Schiller noch erinnerte. Ottmar ließ sie aber nicht zu Ende kommen. „Ein Zelt würde genügen", meinte er. „Solider Hüttenbau rentirt sich nicht. In anderthalb Jahren bin ich mit der Jurisprudenz fertig, mache meinen Doktor, und dann wenn nicht früher! — kann das Zelt zusammengefaltet werden. Statt der Hütte baue ich mir dann ein Haus." Er sagte es lachend, warf aber den Kopf trotzig zurück, und aus seinen Augen leuchtete ein gewisser Strahl, der ihn seiner Schwester ähnlich machte. VI. Acht Tage später saß im Mittagsschnellzug, der von Mainz nach Frankfurt fährt, schweigsam, ungesellig in eine Ecke gelehnt, Professor Max Hcermann. Er hatte vermieden mit Bekannten zusammen zufahren, als wäre er ein einsiedlerisch beanlagter Mann und nicht der muntere Gesellschafter, den man so gern aufsuchte. Er mußte sich, statt mit Menschen, heute mit seinen Gedanken beschäftigen, denn er hatte seit acht Tagen seine liebe Noth mit ihnen. Sie waren rebellisch geworden, ließen sich gar nicht mehr zusammenhalten und nicht mehr in die gewohnten Bahnen des Studiums lenken. Kaum hatten sie bei den dringend nothwendigen Arbeiten, die vor dem Gelchrten-Congreß in Frankfurt erledigt sein mußten, nothdürftig parirt. Hielt Dr. Heermann nur einen Augenblick die Zügel weniger stramm, so rasten sie fort, denn Flügel wuchsen ihnen und trugen sie über Berg und Thal, rheinabwärts immer zu. bis sie auf dem Drachenfels anlangten. Dort suchten sie ein schönes Mädchen, lauschten seinen klugen Reden, seinem herzgewinnenden Lachen und seinem herrlichen Gesang. Kehrten sie endlich zu ihrem Herrn zurück, so vermehrten sie seine Qual, weil sie ihm nur immer dieselben Dinge vorführten, die sich an einem unvergeßlichen Nachmittag ereignet hatten, dagegen gar nichts Neues von dem holden Wesen zu berichten wußten; die er immer dort suchen ließ, wo er ihre Gegenwart nicht einmal wünschte. — Max hatte darum versucht, auch durch körperliche Boten etwas von der Beherrscherin seiner Gedanken zu erfahren, hatte aber nichts oder doch nichts Zuverlässiges gelernt. Dieses Wenige war sogar schlimmer als nichts, denn es gab ihm Räthsel auf, und Räthsel hatte er schon übergenug zu lösen. Das größte Räthsel war er sich selber. Er, der so viel von edlem Stand und altgeachteten Namen hielt, daß er selber für stolz gehalten wurde, so daß man nie gewagt hätte, ihm eine reiche Erbin vorzuschlagen, wenn deren Familie nicht hochangesehen und über jeglichem Tadel stand, auch solchem, der die Erwerbsquelle betrifft, den man heute leicht vergißt, sobald Millionen oder große Bruchtheile derselben Mitgift werden. Ihn, den stolzen Dr. Heermann, vermochten ein Paar dunkle Augen, die allerdings überaus tief und strahlend waren, bei einem Bänkelsänger als Bewerber um seine Tochter aufzutreten? — Und als Bewerber hatte er mit Goldmund im Enthusiasmus des ersten Abends sich ausgesprochen. Er konnte es nicht leugnen, ja er wollte es gar nicht, bereute es bis zur Stunde noch nicht, trotz der Bedenken, die ihm von seiner Vernunft vorgehalten wurden. Das Herz hatte Antwort auf alle Einreden der bisher so hochgehaltenen Vernunft; es half dieser gar nichts, wenn sie mit der Stimme des persönlichen Stolzes, des Familienstolzes und des Pro- fefforenstolzes sich verstärkte. Das Herz übertönte das ganze Quartett seiner Gegner und kleidete seine Reden auch in ganz vernünftig klingende Formen. Goldmund war gar kein Bänkelsänger, sondern ein Künstler, der Gutes leisten konnte als Lehrer und Musikkenner, sobald ihm nur Jemand den Weg aus dem Elend herauswies. Seine Tochter war nicht nur gut, sondern vortrefflich erzogen, unberührt von Gesellschaft der Leute geringen Schlags; sie war nirgends wo öffentlich aufgetreten, außer das eine Mal neben dem Vater. Heermann hatte ja Alles miterlebt und das Verhalten des Mädchens bewundert. Ein Mädchen vom Werth wie des Sängers Tochter, deren Namen Max nicht einmal kannte, weil Goldmund mehrere angewandt hatte, brauchte weder Titel noch Wappenschild. Ihr Adel war recht von Gottes Gnaden und verschaffte sich deshalb Achtung von der ganzen edel denkenden Welt. Nur eine Sache reute Heermann bitterlich. Er hätte Sorge tragen müssen, daß nicht nur die Tochter Goldmunds, sondern er selber nicht mehr auf dem Drachenfels sang, bevor nicht die Entscheidung gefallen war, ob er des Mädchens Herz gewinnen werde oder nicht. Sobald sie ja gesagt zu seiner Werbung, konnte er sofort ihr ein sicheres, wenn auch bescheidenes, auf Arbeit gegründetes Heim bieten. Er war überzeugt (und das Wohlgefallen, das Frau Führer, die edle, angesehene und erfahrene Dame, an dem Mädchen genommen hatte, bestätigte seine Ueberzeugung), daß die Frau seiner Wahl allgemeine Achtung erlangen und verdienen werde. Es lag ihm aber doch sehr daran, daß ihr Vater nicht in seiner Heimath als Bänkelsänger bekannt und vielleicht belacht würde. Bei jener Unterredung mit dem alten Sänger hatte er seine Absicht, um der Tochter Hand zu bitten, so schnell offenbaren müssen, um für sie das Versprechen zu erlangen, an dem ihm am meisten gelegen war, das durch die sonderbaren Reden und Verwechslungen des Alten bedroht schien. Sehr fatal war ihm alsdann die Pflicht in die Quere gekommen, die ihn nach Bonn abrief. Er hatte nicht daran denken können, das Mädchen noch einmal zu sehen, hatte am Quartier Goldmunds, zu dem er auf die Gefahr hin, den Zug zu versäumen, noch geeilt war, den Bescheid erhalten, er sei zu seiner Tochter schon früh aufs Land gegangen. So war es gekommen, daß Max keine Boten mehr hatte, als seine Gedanken, die so ganz anders geworden waren, seit ein holdes Mädchen sich in sein Herz hineingeblickt, gelacht und gesungen hatte. Um aber doch seine Gedanken bisweilen auch für Anderes als Liebessorgen verfügbar zu haben, hatte Heermann von Mainz aus dem alten Goldmund geschrieben, ihm gesagt, daß er auch nach reiflicher Erwägung festhalte an dem Vorhaben, welches er rasch geäußert hatte. Er berufe sich auch auf das gestern Gesagte und bitte zunächst, ihm Nachricht von sich und seiner Tochter und deren Verweilen zu geben. — Mehr schriftlich zu sagen wagte er nicht. Bei dem zerstreuten Goldmund konnte ein Brief wunderliche Schicksale haben. Goldmund war aber nicht minder behutsam als Max. Seine Antwort, in großen, ungelenken Buchstaben geschrieben, enthielt wenig mehr als allgemeine Artigkeitsfloskeln; keine andere Mittheilung über seine Tochter, als daß es ihr gut gehe, sie nach ihrem Geschmack versorgt sei, ihr verletztes Händchen Pflegen könne, umso ruhiger, als er, Goldmund, nicht bet Stimme sei und vorderhand ihrer Dienste nicht bedürfe. Diese Zeilen enthielten Beruhigendes, aber eS war doch verzweifelt wenig in Heermanns Lage, dem die Arbeit über den Kopf wuchs, und der vor dem Congreß auch nicht für einen Tag abkommen konnte. — Ein zweiter Brief an Goldmund hatte keinen besseren Erfolg. — Auch in dieser Antwort, die einige Tage ausgeblieben war, gab der Alte weder Auskunft über die Adresse seiner Tochter, noch über ihr Ergehen und ihre Gesinnung. Es hieß nur, Dr. Heermann möge der Dankbarkeit und Verehrung von Vater und Tochter gewiß sein. Letzterer könne er keine Grüße ausrichten, da sie eine kleine Reise angetreten habe. Max bebte vor Ungeduld als er diesen Brief las. Eine Reise? Warum sagte Goldmund nicht, wohin? Mit wem? Zu wem? Was hätte Max darum gegeben, wenn er frei gewesen wäre, um Goldmund persönlich zu befragen und zugleich ihm Lektionen über Genauigkeit im Briefstil beizubringen. Er mußte aber in Mainz aushalten und über Hals und Kopf weiter arbeiten, und das ward um so schwerer, als ihm durch einen Landsmann, einen Geistlichen aus Bonn, dem er am Mainzer Dowplatz begegnete, eine Vermehrung der Unruhe gebracht wurde. Der gesprächige Herr hatte ihn zu erfreuen gedacht und ihm eilig erzählt, es gehe seiner Tante, dem verehrten Fräulein Stark, gut; er habe sie recht munter und gut aussehend angetroffen, als er aus Nonnenwerth von einem Besuch bet dem Hausgeistltchen daselbst zurückkommend, aus der Fähre gestiegen sei. Sie habe im Verein mit verschiedenen Damen und Herren eine Can- didatin oder Pensionärin begleitet, eine Musikerstochter, soviel er gehört habe, deren Stimme voraussichtlich beim Kirchenchor recht erwünscht sei. Der Unglücksrabe wußte weiter nichts, nicht einmal ob die Candidatin schön sei, goldnes Haar und dunkle, 409 wunderbare Augen habe. — Er sah sogar recht verwundert und fast ein bischen malitiös aus, weil ihm solche Kenntniß zugemulhet wurde, und das von einem mit gelehrten Arbeiten beschäftigten Mann, den doch die Candidatinnen von Nonuenwerth nichts angingen. Dieß letzte Räthsel war es, was noch dem Faß den Boden ausschlug. Bei Anwendung dieses Vergleichs bleibt zweifelhaft, ob des jungen Professors Geduld je ausgiebig genug war, um ein Faß zur Aufbewahrung zu bedürfen. Jedenfalls war sein Vorrath nun zq Ende. Der Congreß in Frankfurt sollte aber eben jetzt seinen Kaiser Wilhelm I. Denkmal auf dem Kyffhiiascr Anfang nehmen, zu dem Or. Heermann angemeldet war, und zwar — als Sekretär einer Sektion. Mit unlösbaren Räthseln im Kopf kann aber kein Mensch arbeiten, noch dazu wenn er von ungehorsamen Gedanken gequält wird, die nun ihren Flug nicht mehr zum Drachenfels, aber zu dem Nonnenkloster am Fuße des Berges auf der Rheininsel machten. Trotz aller Beharrlichkeit konnten sie aber nicht ergründen, wer die Candidatin sei, die dorthin in der Fähre gefahren war, wer die begleitenden Herren und Damen, und was in aller Welt Mina, die vtelgeschäftige Tante Mina, bei der Sache zu thun hatte? Welchen Beruf hatte sie, Musikerstöchter zum Kirchenchor der Nonnen zu geleiten? War sie etwa durch Frau Professor Führer auf Goldmunds Tochter aufmerksam gemacht worden? Hatte dieser Wahrheit gesprochen, als er von seiner Tochter Klosterberuf sprach und von Nonnenwerth als dem Ort, wo sie nach ihrem Geschmack untergebracht sei? — Schönes Unterbringen dieses! Da wäre ihm das Theater noch lieber gewesen. Vom Theater konnte er das Mädchen seiner Wahl wegholen, wenn sie nur wollte. Aus dem Kloster gab es kein Entrinnen. Die lächerlichsten Vorstellungen, die Goldmund sich vom Gefängniß des Klosterlebens gemacht hatte, wurden plötzlich von dem klugen, ruhig urtheilenden Max adoptirt. Am Ende hatte Tante Mina, vielleicht durch feinen Bruder unterrichtet, seine Neigung bemerkt und half nun, das Mädchen, das dem Fa- milienstolz nicht entsprach, aus dem Weg zu räumen? Daß dies Wahnsinn war, wußte Max. Die gute Tante Mina würde eher behilflich gewesen sein, ihm zu seiner Herzenswahl zu helfen. Er wollte an sie schreiben, fürchtete aber doch, sich lächerlich zu machen. Es blieb keine Wahl; wollte Max bei dem Congreß etwas leisten, wie es sein Ehrgeiz verlangte, so mußte vorher diese Unruhe aus seinem Gemüth. Nur eine Unterredung mit Goldmund konnte es bewirken. Deßhalb hatte Max an den Sänger geschrieben, ihn gebeten, zu einer Unterredung mit ihm zu kommen, und zwar nach Frankfurt, wodurch ihm Zeit für Antwort und Reise blieb. Er hatte dem von Mainz aus abgesandten Brief eine Fünfzigmarknote beigelegt, obgleich er zagte, damit den Alten zu beleidigen. Um so herzlicher hatte seine Bitte gelautet, ihm-den Dienst zu leisten, der rein zum persönlichen Nutzen des Bittstellers erbeten werde. Antwort über Zeit und Ort der Zusammenkunft hatte Max xosbs rastunts Frankfurt erbeten. Als der Zug aus Mainz in Frankfurt anlangte, eilte Max sofort auf die Centralpost. — Ein Brief an ihn lag da, aber er war aus Mehlen, von Walter. Ohne ihn zu öffnen steckte Max ihn zu sich. Auf ein Telegramm hatte er nicht gerechnet, doch sparte er den Weg nicht,zum Telegraphenamt und sollte belohnt werden. Eine Depesche lag vor mit seiner ausführlichen Adresse. Vor- und Zuname, Titel, Amt, Mitgliedschaft des Congreffes rc. — nichts fehlte. Der Inhalt war um so lakonischer. Heute. Punkt 3 Uhr. Frankfurter Hof. Nr. 24. Goldmund. Das Datum war aus Bonn. — Heermann war so erfreut über das Resultat seiner Bestellung, daß er vergaß nachzurechnen, auf welche Weise so bald schon Goldmund in Frankfurt eintreffen wollte, da der passendste Zug erst gegen fünf Uhr Abends von Bonn ankommt, u. weß- halb er den besuchtesten, theuersten Gasthof zum Ort der 410 Zusammenkunft gewählt hatte. — Er mußte nun eilen, da die Herzensangelegenheit ihr Recht erhalten hatte, die geschäftlichen Erfordernisse auf dem Bureau des Comites in Ordnung zu bringen, sich zu melden und Bestimmungen über seine Thätigkeit in Empfang zu nehmen. Erst beim Essen, das er eilig in seiner oorausbestellten Hotelwohnung einnahm, kamen ihm Bevenken über Goldmunds eigenthümliche Bestimmungen. Er hatte aber auch jetzt nicht Zeit darüber zu grübeln, wollte er um drei Uhr pünktlich beim Stelldichein erscheinen. Auf dem Wege dahin fiel ihm erst der Umstand auf, daß Professor Grube aus Graz, einer der Koryphäen, bei dem bevorstehenden Congreß, im Frankfurter Hof abgestiegen war. Er hatte eine geschäftliche Zuschrift Grubes schon in Mainz erhalten, mit dem Stempel des Gasthofs. Sobald die Unterredung mit Goldmund vorüber war und Pfarrhof stehen im Dorfe Pfronten-Berg, 2'/z Stunden westlich von Füssen, dem natürlichen wie kirchlichen Mittelpunkte des ganzen Pfarrbezirkes, welcher sich weit über Hügel und Thäler ausbreitet und im Süden und Westen von hohen Vorbergen der Tiroler Alpen, dem Breitenberge, Aggenstein, Kienberge und Edelsberge, eingeschlossen wird. Die Nachrichten zur älteren Geschichte von Pfronten sind sehr dürftig. In der Zeit alemannisch-schwäbischer Einwanderung, als das Land vor dem Gebirge überhaupt zu Bau gebracht wurde, zog die Cultur des Bodens auch über die bewaldeten Höhen und durch die feuchten Thäler des Bezirkes von Pfronten, den die Römer schon kannten und mit einem Namen bezeichneten, welchem der spätere Name Pfronten entstammt. Daß die Erinnerung an diesen Urzustand jener Gegend und an die Cultivtrung derselben bei den späteren Bewohnern nicht entschwand, geht aus -AN pfronten» Nied, Derg und Halden von Metlingcn aus. Original-Ausnahme von Gustav Basier, Photograph in krumbach. sLervielsüIiigungSrechi vorbehalten.) ihm Beruhigung gebracht hatte, wollte er versuchen den Herrn Professor, seinen alten verehrten Lehrer, zu besuchen. Auf jeden Fall konnte er eine Karte abgeben. (Schluß folgt.) — -s -- Pfronten, Bez.-Amt Füssen, Landger. Füssen?) (Mit Illustrationen.) Einen Ort des Namens „Pfronten" gibt es nicht; dieser Name ist vielmehr eine Collectiv-Bezeichnung für den ganzen Pfarrsprcngel und die zu ihm gehörenden einzelnen Ortschaften; daher die Namen Pfronten-Berg, Pfronten-Kappel, Pfronten-Steinach usw. Pfarrkirche und 0 Aus Strichele, „Das Bisthum Augsburg" dem im 15. Jahrhunderte für Pfronten geschriebenen Rechts- und Markungsbuche, dem sog. Pfarr-Rechte, hervor; denn in diesem werden die Nachkommen gemahnt, nicht zu vergessen, daß ihre Vordern und Eltern es gewesen, „die ire freien guot vß wilden wälden erreut haben". Die in einer freiheitlichen Verfassung sich bewegende Gemeinde des Bezirkes mag anfangs unter dem Schutze des Reiches gestanden sein, später eine Zeit lang unter den Grafen von Tirol; gewiß aber ist, daß schon frühe das Hochstift Augsburg hier Rechte übte, aus welchen endlich die völlige Landeshoheit über den Bezirk Pfronten erwuchs. 2) *) Dieses bis auf unsere Zeit iu Pfronten aufbewahrte Pfarr-Recht, welches die heutigen Bewohner, wie es ihre Vorfahren thaten, unter dem Namen des „göttlichen Rechtes" wie ein Heiligthum verehren, gewährt einen tiefen Blick in das 411 Auch aus späterer Zeit finden sich nur sehr dürftige geschichtliche Nachrichten über Pfronten. Nach dem Hochstiftischen Salbuche von 1316 bezog damals der Bischof Geldgefälle aus Pfronten. Den Wiodumhof „zu Pfraunten" und den halben Zchenten der Kirche „zu Pfrondten" erhält durch den Hohenekk'schen Theilungsbrief vom 22. September 1361 Andreas von Hohenekk zu Vilsekk. Der ganze Bezirk von Pfronten blieb aber unter der Landeshoheit und höchsten Gerichtsbarkeit der Bischöfe von Augsburg, deren Vögte auf dem Falkensteine saßen, bis diese Beste im 16. oder 17. Jahrhunderte der Zerstörung durch Feuer erlag. Was die früheste kirchliche Geschichte von Pfronten betrifft, so will die Sage wissen, die Filiale Kappel sei der erste Ort der Gemeinde Pfronten und ihre Kapelle das erste Gotteshaus für die Gegend gewesen; ja, die- hört Pfronten zu den Urpfarreien des Bisthums Augsburg. Unter den Pfrontener Pfarrern früherer Zeit verdient Erwähnung N. Magnus Pirgmann, als bischöfl. Pönitentiar zu Augsburg genannt 1478 und 1497. Xaver Bahr, Pfarrer zu Pfronten 1803 — 1811, aus der Schule I. M. Sailers hervorgegangen, wehrte mit der Waffe des göttlichen Wortes und eigener Glaubenskraft erfolgreich dem Andringen des Aufstandes, welcher i. I. 1809 von Tirol aus auch seine Gemeinde zu ergreifen drohte.^) Die Besetzung der Pfarrei übten, soweit die Nachrichten reichen, jederzeit die Bischöfe frei aus; daher auch gegenwärtig mit landesherrlicher Anerkennung vom noch übrig die Burgmauern, in einem länglichen Vierecke von kaum 25 Futz Länge und 12 Fuß Breite bestehend, und Trümmer einer Mauer, welche, ringsum am Saume des Abgrundes pfronten, MeiUngrn, Ried und Heitiern. Original-Ausnahme von Gustav Baadcr, Photograph in Kruinbach. sVervielsältigungsrecht vorbchalteng selbe habe als Pfarrkirche gedient, ehe die St. Nikolaus- Kirche auf dem Berge gebaut worden sei. Jedenfalls ge- Leben und die Verfassung der vereinigten Gemeinden in den Jahrhunderten des Mittelalters. Die Handschrift in ihrer gegenwärtigen Gestalt, enthaltend „die recht, alte herkamen vnd ur- kunt der Pfarre zu Pfronton" mit der „newen Ordnung" stammt aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, ist aber gewiß nur als eine Erneuerung und Zusammenstellung uralter Gebräuche und Satzungen anzusehen. ") Am 1. November 1424 wird Hans Haslach vom Bischöfe Peter auf seines „gotzhuses vefte vud behusunge Bastenstem zu einem Vogt vnd burkman" gesetzt Domkapitl. Urk. in München. Nach v. Hormahr's goldn. Chronik von Hohensckwangau, S. 147, hätte die Bürgeischaft von Augsburg, Rache nehmend für wegelagernde Angriffe und Beschädigungen ihrer Kaufmannsgüter, im Jahre 1434 den Falkenstein und den Schwangauischen Frauenstein zerstört. Ersterer muß aber wieder hergestellt worden sein, denn bei Stiftung des Benefiziums in Kappel. 20. März 1497, erscheint noch Hans Maurer der Aeltere, Pfleger auf dem Falkenslein. Von dem längst zerstörten Felsenneste sind angebracht, den nur wenige Schritte breiten äußeren Bodenraum mnzog. linier Bayr's pfarrlicher Amtsführung brauste die Jr- surreciion auS Tirol herüber in die Tbäler desAUgäu und erregte ihm selbst einen Kampf, d-n er männlich bestand. Mit der Maln dc^ göttlichen Wortes trat er den Empörern entgegen, erntete aber dafür Mißtrauen und Haß. Eines Sonntags, bevor er die Kanzel bestieg, war ihm gesagt worden, es würden sich einige Insurgenten in die Kirche schleichen mit Stutzen unter den Röcken, um ihn beim ersten Worte, das er gegen die Jnsurrcction sprechen würde, von der Kanzel zu schießen. Betroffen über diese Nachricht bedachte sich Bahr einen Augenblick, was er thun sollte. Doch sammelte er sich schnell und bestieg, auf die Kraft des Evangeliums vertrauend, das er verkünden sollte, muthig die Kanzel. In Ernst und Liebe, entschieden und furchtlos sprach er gegen die Jnsurrcction, und sieh — die Gegner blieben ruhig, warfen nach dem Gottesdienst beschämt die Gewehre weg und versöhnten sich mit ihrem Seelsorger, dessen Worte sie überwältigt hatten. In Anerkennung seiner Verdienste aus jener Zeit verlieh ihm die bayerische Regierung die Medaille des königlichen Civil-Verdienst-Ordenö. — Bay> siaib als Pjarrcr zu Dirlewang am 16. Aug. 1844. 412 3. September 1836 und 24. Juni 1854 das freie bisch. Collatur-Recht bei derselben besteht. (Schluß folgt.) --so-«k-cs— Zu unseren Bildern Gerhard Kohls» ch- Zu Rüngsdorf bei Godesberg am Rhein verschied am 3- Juni Hofrath vr. Gerhard Rohlfs, der hervorragende Afrikaforscher und Ethnograph, der wiederholt auch zu diplomatischen Sendungen an afrikanische Fürsten verwendet worden, ist. Am 14. April 1832 in Vegesack bet Bremen geboren, trat er 1849, knapp siebenzehn Jahre alt, in die Schleswig-Hol- steinische Armee ein und wurde nach der Schlacht von Jdstedt zum Offizier ernannt. Nach dem trübseligen Ausgange des Feldzuges widmete sich Rohlfs dem Studium der Medizin und war dann, als Arzt in französischen Diensten, Zeuge der Kämpfe gegen die Kabylen. Der Aufenthalt in Algerien wurde für sein weiteres Leben entscheidend. Von Wissensdrang getrieben, durchwanderte er, als Mohammedaner verkleidet, 1862 die marokkanische Sahara von Westen nach Osten bis zum Wadi Draa, wo er von seinen Führern ausgeplündert und verwundet wurde, drang 1864 über das Schneegebirge des Atlas bis zur Oase Tuat vor, von der er die erste Beschreibung lieferte, und kehrte über Ghadames und Tripolis auf kurze Zeit nach Deutschland zurück. Eine neue Reise führte ihn 1865 nach Mursuk. 1866 zog er über Bilma nach Bornu und lieferte von diesem Wege die erste vollständige Skizze. Von dort wandte er sich nach Westen und gelangte durch damals noch gänzlich unbekannte Gegenden zum Venus und fuhr diesen Fluß bis zur englischen Niederlassung Lokodja an seiner Einmündung in den Niger hinab. Im April fuhr er den Niger aufwärts bis Rabba rind drang durch die Urwälder von Joruba bis zur Küste von Lagos vor, wo er sich 1867 nach England einschiffte. 1868 begleitete Rohlfs die englische Armee auf ihrer Expedition nach Abessinien und übernahm 1869 den Auftrag, die Geschenke des Königs Wilhelm von Preußen an den Sultan von Bornu zu überbringen. In Tripolis übergab er die Geschenke dem vr. Nachtigal zur Weiterbeförderung, während er selbst eine Reise nach Kyrcnaika und der Oase des Jupiter Ammon unternahm. Nach seiner Rückkehr, 1870, nahm er seinen ständigen Wohnsitz in Weimar. Einer Aufforderung des Khedive folgend, führte er 1873 eine aus zehn Deutschen bestehende Expedition in die Libysche Wüste und erreichte mit dieser nach sechsund- dreißigtägigem Marsch durch gänzlich wasserlose Gegenden die Oase Sinah (Jupiter Ammon). Die wissenschaftlichen Ergebnisse dieser Reise erschienen in einem großen Sammelwerk 1878 führte er eine neue Expedition nach Jnnerafrika, zu welcher die deutsche Regierung 30.000 Mark beigesteuert hatte; gleichzeitig sollte Rohlfs Geschenke des deutschen Kaisers dem Sultan von Wadai überbringen. Schon hatten die Reisenden die noch von keinem Europäer betretene Oase Kusra erreicht, als sie von Suya-Arabern überfallen wurden; nur mit Lebensgefahr und unter großen Opfern konnten sie sich retten. Im September 1880 übernahm Rohlfs einen neuen Auftrag Kaiser Wilhelms I-, ein Schreiben an den Negus von Abessinien zu überbringen. 1885 wurde Rohlfs zum deutschen Generalkonsul in Sansibar ernannt, kehrte aber nach kurzem Aufenthalt krankheitshalber nach Deutschland zurück und nahm seinen Wohnsitz in Godesberg. Außer zahlreichen Aufsätzen und Berichten in Fachzeitschriften veröffentlichte Rohlfs eine Reihe von Rcisewerken. Das neue KyMzSusrr-Denkmal. Das Kyffhäuser-Denkmal, dessen Bild wir bringen, ist ein gewaltiges, aber in allen Linien schön gegliedertes Bauwerk, nach jeder Richtung bin dem hervorspringenden Punkt angepaßt, auf welchem es fußt. Die ungeheuren Größen Verhältnisse — die Höhe des Thurmes beträgt an der ersten Terrasse 69 Meter, also 29 Meter mehr, als das Niederwald-Denkmal, das Reiterstandbild des Kaisers ist 9,70 Meter hoch, der Kaiser- kopf mit Helm allein mißt 1,30 Meter, ein Bein 3,20, ein Arm 2,50 Meter — gleichen sich ungemein symmetrisch aus, mit einem Worte, sowohl Bruno Schmitz als Architekt, Prcfessor Hundrieser als Schöpfer des Reiterstandbildes des Kaisers, N. Geiger als Künstler des aus tiefem Schlafe erwachenden Barbarossa baben ihre große und schwere Aufgabe glänzend gelöst. Bemerkenswerth ist besonders die 30 Meter hohe freistehende Spindel des Thurmes, die aus der Kuppel des Thurmsaales aufsteigt und die Wendeltreppe stützt, welche zur höchsten Gallerte innerhalb der Kaiserkrone emporführt, eine ungemein kühne Arbeit. Auf wenigen Stufen steigt man von der untersten Terrasse zu drei in das Gestein eingesprengten niedrigen Portalen. Hinter ihnen ruht und verkörpert sich das Sagenhafte des Berges. Felstrümmer und Kunst verschmelzen und ergänzen sich: Wir sind im Felsenhofe Barbarossas. Dort ruht der Held aus seinem Throne unter einem mit Ornamenten geschmückten Bogen an der Stirnseite des Denkmals, unterhalb des Standbildes des Neuerrichters des deutschen Reiches. Ueber dem Haupte Barbarossas schreitet das Streitroß Kaiser Wilhelms stolz und wuchtig aus der Nische des Thurmes. Hund- riesers Gruppe schimmert im Glänze ihres reinen Erzes; aus Zinnen und riesigen Quadern heraus wächst der kolossale Thurm, der in seinen oberen Theilen den Reichsadler und die Namen des Bundesstaaten eingemeißelt trägt. Der Thurm ist von der Hochterrasse aus 57 Meter hoch; er wiegt rund ier- zehn Millionen Kilo. Die auf acht massiven Stützen rutcnde Krone besitzt einen Durchmesser von 3,5 Metern, eine Höhe von 6,6 Metern; sie ist zusammengefügt aus 40 Meter Kubik- steinen. Die Gesammtmaffen des Denkmals betragen 55,000 Kubikmeter, sein Gesammtgewicht 1'/« Millionen Centner. Professor vr. Westphal, der Anstifter zum Gedanken des Denkmalbaues, meint, das Mauerwerk des Monuments würde hinreichen, um eine Stadt für 5000 Einwohner aufzubauen! Die Gesammthöhe des Denkmals von dem untersten Punkte der Ringterrasse bis zur Thurmspitze beträgt 81 Meter. Von der Decke des Tonnengewölbes des Hauptsaales führen an der freistehenden kühnen Spindel 238 Stufen zur Krone hinauf. Die Kosten des Denkmals, wozu die Anlagen der vielen neuen und bequemen Straßen auf den Rücken des Kyffhäusers gehören, werden sich auf ungefähr 1,200,000 Mark belaufen, von denen 900,000 Mark durch die bisherigen Sammlungen des Deutschen Kriegerverbandes gedeckt sind. Die Gestalt des Kaisers Wilhelm I. tritt, hoch zu Roß, auf der Stirnseite des Wartthurms in Erz getrieben hervor. Darunter, in der breiten Vorderwand erblicken wir die aus dem Stein herausgearbeitete Gestalt Kaiser Rothbarts, vom Bildhauer Nikolaus Geiger geschaffen, ein Werk, welches genau mit der Idee des ganzen Denkmals übereinstimmt. Der Kaiser der alten Sage ist im Erwachen dargestellt, von webendem langem Bart umwallt; er sieht in die Ferne nach den Raben, ob sie noch um den Berg flattern, und versucht, aufzustehen und sich von den Felsmassen, in die er hineingewachsen ist, zu befreien. -» -t- > 6 Am Aodensee. Ueber blauer Fluthen Säumen Streift der Möve leicht Gefieder, Und wie sclig-wogend Träumen Klingt's aus Wellentiefen wieder. Winde sausen bald und brausen Wirbelnd über Wasserflächen. Und der Schiffer hört mit Grausen, Wie es tönt aus Fluthenbächen: „Lieber Knabe, zieh' nicht weiter, Lausche meiner Wogen Rauschen! Drohend, bald erhaben heiter, Wie sich Glück und Unglück tauschen, „Wallt der Wasser drängend Leben Aus des Abgrunds dunklen Tiefen, Geht der Wolken fernes Schweben, Die im blauen Aether schliffen. „Glück und Unglück wirst Du finden In des Lebens altem Flusse, Glück und Unglück wird Dich binden Bei des Schicksals kaltem Kusse. „Wie das Schicksal, so mein Wallen,, Kalt und ewig schmeichelnd wieder, Heute leises, flüsternd Lallen, Morgen branden wilde Lieder/ Wilh. Nötiger. --WRZS-- O 55. Freitag, den 3. Juli 1896. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag der Literarischeu Instituts von Haas L Gradherr in Augsburg (Bvrbesttzer vr. Max Huttler). Irauenherz «nd Irauenrvatten. Lebensbild von Mary Dobson. Nachdruck verboten. I. Die Dämmerung eines schönen MaitageS war eingetreten, und die Abendruhe begann für die Natur wie die Menschen sich geltend zu machen, als langsam sich einem freundlichem Hause in einem der Vororte der Stadt . . . dessen Fenster dicht verhangen waren, drei Wagen näherten und alsbald vor diesem hielten. Dem zweiten entstiegen ein älterer und ein jüngerer Mann, wie ein etwa achtzehnjähriges, in tiefe Trauer gekleidetes Mädchen, welche sich hineinbegaben, während den dritten ebenfalls vier Männer verließen. Diese traten an den ersten Wagen, der von ansehnlicher Länge, schwarz und gänzlich geschlossen war, was alles leicht seine traurige Bestimmung erkennen ließ. Nur halblaut sprechend, öffneten sie ihn und entnahmen ihm einen mit verschiedenen Kränzen geschmückten Sarg, den sie in's Haus trugen, wo die zuerst ausgesttegenen Männer sie erwarteten und in ein erleuchtetes Zimmer führten, in welchem schon alle Vorbereitungen zur Ausstellung desselben getroffen waren. Nachdem sie ihn niedergelassen, entfernten sie sich und bestiegen nochmals ihren Wagen, der dann mit den übrigen langsam davon fuhr, die Hausthüre ward geschlossen, und die Zuschauer, welche sich eingesunken, um ernst und schweigend der letzten Heimkehr der ihnen im Leben bekannt gewesenen Frau Nothenfels zuzusehen, gingen, nachdem sie noch erfahren, daß deren Beerdigung am folgenden Morgen stattfinden würde, ebenfalls von dannen und besprachen ihren in der Ferne erfolgten Tod, der Alle mit aufrichtiger Theilnahme erfüllt. Drinnen im düsteren Leichenzimmer hatten unterdeß die beiden Männer noch einige Anordnungen getroffen, und kaum war dieß geschehen, so erschienen zwei in tiefe Trauer gekleidete Frauengestalten, von denen die eine das schon erwähnte junge Mädchen, die andere aber die Gattin des älteren und Mutter des jüngeren Mannes war. Eine Weile umstanden sie in traurigem Schweigen den Sarg, dann brach Ersteres in lautes Weinen aus, und das Haupt an der Brust seiner Begleiterin bergend, sagte es mit schmerzlicher Stimme: „O, liebe, liebe Tante, jetzt habe ich nur Euch noch, die Ihr stets so freundlich und gütig gegen mich gewesen!" „Du wirst immer unser Kind bleiben, Hedwig", erwiderte sie an sich schließend Frau Neichardt, während deren Gatte und Sohn sie voll inniger Theilnahme anblickten und nähertretend Ersterer hinzufügte: „Und so lange wir leben wird es Dir an Liebe und Schutz nie fehlen!" Hedwig Nothenfels hatte keine Erwiderung auf diese Versicherung ihrer treuen Freunde, welche dies schon ihren Eltern gewesen, und ließ sich in das gegenüberliegende Zimmer führen, wohin Vater und Sohn ihnen folgten. Frau Neichardt blickte voll Besorgniß in ihr bleiches Gesicht, das nur zu deutlich von den vielseitigen Aufregungen sprach, welche sie während der letzten Zeit erfahren, und trotz welcher sie ungeachtet aller Vorstellungen darauf bestanden, die Leiche ihrer vor einer Woche auswärts verstorbenen Mutter in die Heimath zu begleiten. Während nun der kleine Kreis eingehend die letzte Vergangenheit bespricht, was offenbar der jungen Waise eine traurige Erleichterung gewährt, wollen wir die Leser mit den vorgeführten Personen bekannt machen. Hedwig Nothenfels ist das einzige Kind eines städtischen Beamten, der vor mehreren Jahren gestorben, seiner Gattin und Tochter eine nur mäßige Pension und ein sehr geringes Vermögen hinterlassen, von welcher Einnahme Erstere jedoch zn leben und ihrer Tochter eine gute Erziehung zu geben vermochte. Stets von zarter Gesundheit bildete sich leider nach und nach bei Frau Nothenfels ein Nervenleiden aus, das rechtzeitig zu bekämpfen durch dringende Vorstellungen die Freunde das Ihrige thaten. Die strengbefolgten Anordnungen des Hausarztes waren jedoch vergeblich, da auch durch den unerwarteten Tod ihres Bruders und einzigen Verwandten ihre Nerven einen zweiten schweren Stoß erlitten. Ein zu Rathe gezogener Spezialarzt erklärte, daß unfehlbar eine Gemüthskrankheit das Ende ihres Leidens sein würde, und rieth daher zu schneller Orts- und Luftveränderung, und bald war auch ein geeigneter Aufenthalt, eine Heilanstalt für Nervcnleidende, in der schönsten Gegend des Nheinlandcs gefunden. Zu Anfang des JahreS reiste sie mit ihrer Tochter, denn von dieser hatte sie sich nicht trennen wollen, nach . . ., und bald schien auch aller Hoffnung auf ihre Genesung sich in etwas verwirklichen zn wollen. Dann aber trat im Frühling auf unerklärte Weise eine Verschlimmerung in ihrer Krankheit ein, die nur zu schnell ihre Kräfte schwinden ließ und sie ihrer kaum ihr schweres Geschick begreifenden Tochter entriß. Voll aufrichtiger Trauer vernahmen dieß die Freunde in der Heimath, und während Herr Neichardt zur Stütze der Letzteren sogleich nach dem Rhein reiste, traf seine Gattin alle Vorkehrungen zur Ankunft der Verstorbenen und deren verwaisten Tochter, denn Frau Nothenscls hatte den bestimmten Wunsch ausgesprochen, an der Seite ihres Gatten ruhen zu wollen. Am folgenden Morgen fand ihre Beerdigung statt, unter Betheiligung von Herrn Neichardt und seinem Sohn, wie der wenigen Bekannten, welche sie gehabt; Frau Neichardt aber nahm sich Hedwigs an, deren Kräfte, als der Sarg mit der irdischen Hülle ihrer Mutter aus dem Hause getragen ward, zusammenbrachen, und die sie bewußtlos in ihr Zimmer brachte. Dieß verließ sie erst nach einigen Wochen wieder, kaum genesen von einem Nervcn- sieber, in welchem Frau Neichardt sie voll mütterlicher Liebe und Sorge gepflegt, während ihr Gatte, Hedwig's Vormund, die schwere Krankheit voll Bekümmeruiß verfolgte. Beider Sohn, Arthur Neichardt, welcher bereits verheirathet war und als Compagnon seines Schwiegervaters mit seiner Gattin und kleinem Sohn in einer nahegelegenen Stadt wohnte, und nur zur Bestattung der ihm länger bekannt gewesenen Frau Rothcnfels gekommen, war nach derselben wieder abgereist. Es war für Herrn Neichardt eine große Freude, als, eines Tages vorn Geschäft in der Stadt zum Mittagessen heimkehrend, er Hedwig mit einer Handarbeit beschäftigt im Wohnzimmer antraf. Ihre gegenseitige Begrüßung nach so langer Zeit war eine herzliche, mit tiefem Mitgefühl aber sah er die Veränderung, welche binnen der wenigen Wochen mit ihr vorgegangen. Die reichen Wellen ihres goldblonden Haares umgaben eine bleiche, blaugeäderte Stirn, ihre sonst so lebhaften dunklen Augen blickten matt unter den feingewölbten Brauen und den weißen Lidern hervor, während die übrigen Theile des sonst so blühenden jugendlichen Gesichts ebenfalls von der kaum überstandcnen Krankheit sprachen. Demungeachtet aber machte ihre Herstellung dauernde Fortschritte, doch war der sie behandelnde Arzt, welcher auch das Leiden ihrer verstorbenen Mutter gekannt, der Ansicht, daß zur vollständigen Kräftigung ihrer Gesundheit noch eine Luftveränderung, verbunden mit Mineraloder Seebädern, erforderlich und keine Zeit damit zu verlieren sei. Die Sache ward in ernste Erwägung gezogen, und da auch Frau Neichardt's Gesundheit keine starke war, sie ebenfalls einige Wochen der Erholung bedurfte, so schlug ihr Gatte vor, Hedwig zu begleiten, ein Vorschlag, dem sie zu deren Freude nach einiger Ueberlegung zustimmte. Nun ward der Aufenthalt selbst besprochen, die Wahl fiel auf ein See- und Stahlbad, und als auch der Arzt hinzukam, entschied er sich für Letzteres und rieth, sich so schnell wie möglich dahin zu beaeben. II. In dem Badeort .... hatte die Kürzest ihren Höhepunkt erreicht, und während des besonders günstigen Sommers hatten die leidenden u. schwachen Menschen die berühmten und bewährten Heilquellen mehr denn je aufgesucht. Auch viele Touristen kehrten zeitweilig dort ein, sahen sich die Badegesellschast und ihr Thun und Treiben an, oder wanderten weiter in das nahegelegene Wesergebirge und den Tentoburgerwald und suchten davon die schönsten Punkte auf. In einem freundlichen Fremdeuhause, nahe der Hauptallee und dem Brunnenplatz, wohnten Frau Neichardt und Hedwig Rothcnfels für die Dauer ihrer Kürzest. Sie waren in den Händen des geschicktesten Arztes, an den Dr. Stein seiner jungen Patientin wegen noch besonders geschrieben, und Bäder, Brunnen und Waldluft begannen ihre gute Wirkung geltend zu machen, was Beide nach der Heimath berichteten und von Herrn Neichardt voll Freude und Theilnahme gelesen ward. Da Hedwig's Kräfte zunahmen und sie der Erheiterung und Zerstreuung bedurfte, so wurden Ausflüge in den näheren Bergen, auch in Gemeinschaft der ihnen bekannt gewordenen Hausgenossen, gemacht. Auf einer solchen suchten sie die Ruine einer einstigen Ritterburg auf, unterhalb welcher sich eine schöngelegene Försterei befand, die den Touristen Ruheplätze und jede gewünschte Erquickung gewährte. Als nach dem weiten Ritt die Gesellschaft sich dort durch einen Imbiß gestärkt, stieg sie zu der auf dem abgeplatteten Eipiel des Berges liegenden Ruine hinauf. Von dem umfangreichen und durch den Förster sorglich erhaltenen Mauerwerk aus überblickte man weit- ^ hin die Gegend und vergegenwärtigte sich dabei, wie es vor Jahrhunderten in demselben gewesen sein mochte, als dessen Bewohner das Land ringsum beherrscht. Die' Welt war seitdem eine andere geworden, auch in der dortigen Gegend halten sich schon die Wandlungen der Zeit geltend gemacht, die Berge und Höhsnzüge jedoch waren dieselben geblieben, keine Veränderung an sie herangetreten. Noch die herrliche Aussicht bewundernd, hörten sie Männerstimmen, und bald auch erschienen höflich grüßend drei rüstige, jüngere Wanderer. Diese erfreuten sich ebenfalls in lebhaftester Weise des weiten Blickes über die Gegend, die im Licht der Nachmittagssonne voll Abwechslung vor ihnen lag, es entspann sich eine Unterhaltung mit den Anwesenden, welche zugleich erfuhren, daß die offenbar den besseren Ständen angehörenden Ankömmlinge eine Ferienreise benutzten, um das Wesergebirge und den Tentoburgerwald zu durchstreifen. Da es kühl zu werden begann, wollte die größere Gesellschaft sich entfernen, doch schloffen sich ihnen die jungen Männer an, und einer derselben wußte dabei so fesselnd von andern schon gesehenen Ruinen mit schauerlichen Verließen und unterirdischen Gängen zu erzählen, daß die ihm voll Spannung lauschende Hedwig die letzte Stufe einer kleinen, ins Freie führenden Treppe übersah und vielleicht unsanft zu Boden gestürzt wäre, hätte nicht gewandt und mit starkem Arm sein älterer Gefährte sie davor bewahrt. Frau Neichardt, welche dies gesehen, trat besorgt hinzu und sprach mit Hedwig deren Beschützer ihren Dank für seinen Beistand aus, den er jedoch mit einem theilnehmenden Blick auf ihre bleichen Züge ablehnte. Bald darauf empfahlen sich die drei Wanderer und schlugen den ihnen vom Förster bezeichneten Weg durch die Berge ein, um noch vor Anbruch der Dunkelheit den Aufenthalt für die Nacht zu erreichen, die Badegesellschast aber nahm in der Försterei ein kleines Mahl ein und trat in jeder Weise befriedigt den Rückweg an. Der gehabte Schrecken war für Hedwig's leicht 415 erregbare Nerven ohne nachtheilige Folgen geblieben, und gewissenhaft ihre Kur fortsetzend, konnte über ihr Befinden nur Günstiges in die Heimath berichtet werden. Herr Neichardt freute sich dessen und rieth, als Nachkur noch eine kleine Gebirgsreise zu unternehmen. — An einem sonnigen Sommertag zu Anfang August trafen sie mit einigen Bekannten aus . . . ., welche sich ihnen angeschlossen, nach einer längeren Bergtour im besten Wohlsein in der korta 'Westta-licn ein, um noch diese so verschiedenen Endpunkte des Wesergebirges zu ersteigen. Kaum hatten sie die kahle, umfangreiche Hohe des Jacobsberges erreicht, so vernahmen sie lebhafte Männerstimmen, und bald standen ihnen ihre Bekannten aus der Bergruins bei ... . gegenüber. Nach gegenseitiger freundlicher Begrüßung erkundigte sich der Aeltere von ihnen theilnehmend nach Hedwig's Befinden, und als diese ihm darauf geantwortet, wandte er sich > an Frau Neichardt mit der Frage, ob es ihm und seinen Gefährten gestattet fei sich ihnen anzuschließen. »Das kann uns nur erwünscht sein", entgegnete diese, der Zustimmung ihrer Begleiter gewiß. Er stellte darauf die Seinigen vor. Sie waren Bruder; der ältere in seiner Vaterstadt C. als Referendar angestellt, der jüngere als Assistenzarzt in einer Klinik der Universitätsstadt Halle beschäftigt. „Mein Name", fuhr er dann fort, „ist Albrecht Günther, und ich bin ebenfalls in Halle in der chirurgischen Klinik Gehülfsarzt. Meine Vaterstadt, wo später ich mich auch niederlassen werde, ist . . . ." „Die ist auch die unselige und zugleich unser Wohnort", unterbrach lebhaft Frau Neichardt. „Da mochte ich um die Erlaubniß bitten, bei Ihnen vorsprechen zu dürfen, falls einmal ich meine Mutter und Schwester besuche, denn leider habe ich meinen Vater vor längerer Zeit verloren", erwiderte Dr. Günther. „Dieß ist Ihnen gern gewährt", sprach freundlich Frau Neichardt, „und mein Mann wird sich freuen, ebenfalls Ihre Bekanntschaft zu machen I" Nach dieser Vorstellung trat die so unerwartet vergrößerte Gesellschaft den Weg nach den Steinbrüchen an, die sie lange eingehend besichtigte, dabei aber auch die prächtige Aussicht über die Abwechslung aller Art bietende Gegend genoß; dann begaben sie sich nach der gegenüber liegenden bewaldeten Margarcthenkluft und freuten sich des kühlen, sie hier umgebenden Schattens. Sie erstiegen auch an dieser Seite der Porta die äußerste Berghohe und wurden durch den herrlichsten Neberblick über das Weserthal gelohnt. Auf diesem Wege hatte Dr. Günther sich Hedwig zugesellt, welcher er ein fürsorglicher Führer ward. Sie unterhielten sich dabei über das, was sie seit ihrer ersten Begegnung gesehen und erlebt, und sprachen ihre Verwunderung aus, sich nicht einmal in den Bergen getroffen zu haben. Sie äußerte so lebhaft ihre Freude und Bewunderung über alle Genüsse, welche ihr diese geboten, daß er nicht umhin konnte, die Frage an sie zu richten, ob sie dieselbe zum ersten Mal gesehen. Sie verneinte dies und erzählte von ihrem Aufenthalt am Rhein und dessen trauriger Veranlassung, wodurch er auch daS Leiden und den Tod ihrer Mutter erfuhr. Ihr über deren Verlust seine Theilnahme aussprechend, gewahrte er Thränen in ihren Augen und wechselte daher den Gegenstand des Gespräches. Da auf der Höhe fühlbare Kühle herrschte, stieg bald die Gesellschaft an den Fuß des Berges hinab, wo sich ein freundliches Wirthshaus befand, in dem sie auszuruhen und nach allen Anstrengungen sich zu stärken gedachten. Mit dem Nächsten vom Rhein kommenden Zug setzten dann Frau Neichardt und Hedwig nach freundlichem Abschied von allen Bekannten die Rückreise fort.. Diese aber hatten verabredet, gemeinschaftlich noch andere schönö Punkte des Wesergebirges aufzusuchen, und verließen, dieß Vorhaben auszuführen, ebenfalls die Porta West- falica. III. An dem düsteren, naßkalten Januartag war frühzeitig die Dämmerung eingetreten und, am Fenster des Wohnzimmers eines nahe der Stadt gelegenen HauseS (in entgegengesetzter Richtung von dem der Familie Neichardt) stand eine jugendliche Frauengestalt und blickte auf die Straße hinaus, wo eben die Gaslaternen angezündet wurden. Diese, welche auch bald ins Zimmer hineinleuchteten, ließen sie erkennen, daß mit dem Regen auch Schneeflocken vom Himmel herabfielen, die der heftige Nordostwiud gegen die Fenster trieb, von denen sie schmelzend herabsanken. Eine Weile blickte sie dem unwirtlichen Wetter zu. gedachte darauf des Frühlings und des Sommers Pracht und Herrlichkeit — dann traten Bilder vergangener Tage vor ihr geistiges Auge — und langsam wandte sie sich vom Fenster ab nnd dem Innern des größeren Raumes zu. Dieser war behaglich, doch ohne Luxus ausgestattet, und die röthlich glimmende Kohlengluth verlieh ihm ein freundliches, anheimelndes Aussehen. Der milde Feuerschein fiel voll auf einen Sessel, in dem in weiche Decken gehüllt ein älterer Mann ruhte, dessen rechtes Bein noch durch einen Schemel gestützt ward, und der in die helle Ofengluth blickte, deren leises Knistern für den Augenblick die einzigen hörbaren Laute in dem großen Zimmer waren. Jetzt hatte die Frauengestalt den Sessel erreicht, und sich leicht über dessen Lehne neigend, sagte sie in besorgtem, liebevollem Ton: „Haben die Schmerzen noch nicht nachgelassen, Vater?" „Nein", entgegnete dieser kurz und verdrießlich, „sie plagen mich vielmehr ärger denn jel" und da er schwieg, fuhr sie in überredendem Ton fort: „Du solltest uns einen Arzt holen lassen —" „Ein hiesiger vermag mir ebenso wenig zu helfen, wie die auswärtigen es gekonnt", erwiderte abwehrend der Kranke. „Habe ich auf unserer Ncise deren nicht schon genug gebraucht?" „Der Versuch wäre dennoch zu machen", entgegnete die Tochter mit einem theilnehmenden Blick auf sein durch heftige Schmerzen entstelltes Gesicht, „nachdem Du so lange vergeblich alle früheren Mittel angewandt!" Ihren Worten folgte eine längere Pause, dann sagte einlenkend und einen Grad weniger verstimmt ihr Vater: „Du könntest Recht haben, Marie, denn auch mit den Brustbeschwerden wird es immer schlimmer. ES war ein großes Unglück für mich, daß ich im vorletzten Sommer auf der Reise, die ich zum ersten Mal zu meinem Vergnügen unternommen, das Bein brechen mußte, das ich seitdem nie mehr wie sonst gebrauche« konnte und das mir schon so viele Plage gemacht." 416 Ein neuer Schmerzenänfall verzerrte nochmals seine Gesichtszüge, und ächzend und stöhnend wand er sich im Sessel, während seine Tochter voll tiefen Mitgefühls, doch unfähig zu helfen, ihm zur Seite stand. Als endlich die Qualen nachließen, sagte er mit mattex Stimme: „Wir konnten es einmal mit dem früheren Ge- hülfsarzt des Professors S. in Halle versuchen, der, wie dieser uns im letzten Sommer gesagt, sich hier niedergelassen hat. Der Professor rühmte ihn sehr, und wir wissen aus Erfahrung, daß er umsichtig und tüchtig war l" Die im Zimmer herrschende Dämmerung verbarg ihm die höhere Nöthe, welche plötzlich die Wangen seiner Tochter färbte. Ihre Erregung aber schnell unterdrückend, erwiderte sie mit ruhiger Stimme: „Wenn Du so großes Vertrauen zu ihm hast, Vater, ist es gewiß sehr rathsam, ihn kommen zu lassen „Es ist mir jetzt schon eine Beruhigung, zu wissen, daß ich ihn sehen kann", versetzte dieser lebhafter, „und ich begreife nicht, daß wir nicht längst an ihn gedacht." „Wir sind erst seit sechs Wochen wieder hier", antwortete die Tochter. Ein neuer, wenn auch nicht so heftiger Schmerzenanfall trat ein, und während dessen drängte der Kranke: „Schicke doch sogleich zu ihm, Marie! — Sein Name war, meine ich, Günther, und seine Adresse wirst Du in meinem Taschenbuch notirt finden. Berufe Dich in dem Brief auch auf unsere frühere Bekanntschaft in Halle und auf Professor S." An den Tisch tretend, zündete die Tochter dte Lampe an und ließ die Vorhänge des Fensters herab, wobei sie gewahrte, daß jetzt die Straße mit Schnee bedeckt war, der noch in großen Flocken gegen die Fenster anschlug. An den Tisch zurücktretend, siel das volle Licht der hohen Lampe auf ihre Gestalt und Gesichtszüge. Erstere ging über die mittlere Größe hinaus, war schlank, doch kräftig gebaut und ward, wenn Möglich, noch durch einen dunklen, geschmackvollen Anzug gehoben. Ihre Gesichtszüge waren weniger schön, als sympathisch, und ließen auf Herzensgüte und geistige Begabung schließen, die auch aus ihren dunkelblauen Augen hervorleuchtete. Sie hatte einen wohlgeformten, durch schöne Zähne gezierten Mund, um den gleich wie um das länglichrunde Kinn ein entschieden fester Zug hervortrat, und reiches lichtbraunes Haar, das sie in einfacher, kleidsamer Weise um den Kopf geordnet trug. Marie Feldhelm hatte das zweiundzwanzigste Lebensjahr erreicht, vor Jahren schon ihre Mutter verloren, und seitdem die größere Haushaltung ihres Vaters geleitet, welcher ein bedeutendes Holzgeschäft betrieben. Im Bewußtsein jedoch, für sich und sein einziges Kind, das ihm von vieren geblieben, hinreichend Geld und Gut zu besitzen, hatte er es vor mehreren Jahren, als sein letzter Sohn gestorben, verkauft und seitdem sich nur der Verwaltung seines Vermögens gewidmet. Im Laufe der Zeit hatte Herr Feldheim sich ein rheumatisches Leiden zugezogen, das in schmerzlicher Weise sich geltend machte, und dazu, wie bereits erwähnt, auf einer Vergnügungsreise mit seiner Tochter vor längerer Zeit einen gefährlichen Beinbruch erlitten. Nach Heilung desselben in Halle, in dessen Nähe der Unfall statt- gefundW, hatten sie seitdem die Zeit auf Reisen zugebracht und hätten auch den Winter in Italien verlebt, wenn nicht dringende Eeschäftsangelegenheiten ihn heimaerufcn. (Fortsetzung folgt.) -- — . . . Wherngokö. Novelle von Carl) Groß. (Schluß.) Er mußte über sich selber lachen ob der Bedingung, die er sich gestellt! Wer ihm je vorausgesagt Hütte, daß er von der Unterredung mit einem alten, herabgekom- menen Sänger einen Pflichtbesuch abhängig machte, und sogar mit Herzklopfen der Begegnung entgegeneilte, er, der vernünftige, wählerische Max Heermannl — Am Frankfurter Hof nannte Max seinen Namen dem Portier, ihn fragend, ob keine Bestellung für ihn da sei. „Ah — sind Sie der Herr, der auf Nr. 24 er» wartet wird? Gut, man wird Sie führen und anmelden. Piccolo — erster Stock! Der Herr kann den Lift benutzen!" Max zog die Treppe vor. Er konnte nicht umhin, beim Betreten der weichen Teppiche sich über GoldmundS Wahl des vornehmen Hotels zu wundern. Schon stand Max vor Nr. 24, und der schon wieder entgegenkommende Piccolo bedeutete ihm einzutreten. — Kein Irrthum war möglich, und doch mußte einer vorgefallen sein; denn in dem eleganten Salon, den er ohne anzuklopfen betrat, stand nicht Goldmund, sondern ein distinguirt aussehender, ältlicher Herr, mit einer wohlbekannten, klug-fröhlichen Nheinländcrphysiognomie. Kein anderer war es als Professor Grnbe, dem Max seinen späteren Besuch zugedacht hatte. — Wie ärgerlich war die Verwechslung. Er wollte sich rasch zurückziehen, aber die Hand mußte er sich doch schütteln lassen, mußte ein Wort stammeln von seinem Irrthum und einem unfaß- lichen Mißverständnis). Aber Grube hielt dte erfaßte Hand mit kräftigem warmen Druck in der seinen. „Nein, nein, Sie haben sich nicht geirrt, Sie wurden auf Nr. 24 erwartet, bester Heermann, und brauchen nicht weiter zu gehen, um einen Ausschluß zu erhalten, den man Ihnen schuldig ist." „Nicht Aufschluß, Vater, habe ich zu geben, sondern Verzeihung zu erbitten", sagte eine klangvolle, wohlbekannte Stimme, und aus einer Seitenthüre trat die auf Max zu, die seine Gedanken in weiter Ferne gesucht hatten. Es war sie selbst, keine Erscheinung, weder Fee, noch Engel, noch Traumbild, wie mau aus dem Gesichtsans- druck des jungen Mannes hätte schließen können, sondern das leibhaftige holde Mädchen, mit dem fröhlichen Lächeln und den strahlenden Augen, in denen aber ein eigenthümlicher feuchter Schimmer sich zeigte, als es zaghafter und verschüchterter ihn anblickte als bei der ersten Begegnung auf dem Drachenfels. „Diese unerwartete Bewohnerin von Nr. 24 lassen Sie mich an Goldmunds Stelle Ihnen vorstellen, aber nicht als feine Tochter, wofür das unbesonnene Wesen eine Zeit lang gelten wollte, sondern als die meinige, Ottilie Grube. Die Namen Dame Kobold, Mamselle Uebermuth oder verzogenes Kind würde sie viel besser verdienen, und verdient eS sogar, meinen ehrbaren, schlichten Namen demnächst zu verlieren. Wenn Sie ihr verzeihen können und sich im Nebligen gut mit ihr auseinandersetzen, soll mir's lieb sein. Sehen Sie aber gut zu, sichere Be- 417 bingungen zu stellen. Ruft mich, wenn Ihr mich dabei braucht." Nach dieser Rede erst ließ Grube die Hand des jungen Kollegen los, die er nochmals herzlich gedrückt hatte. Dann zog er sich geräuschvoll in ein offenstehendes Nanchzimmerchen zurück, wo er sich am Fenster mit einer Zeitung niederließ. Max sah es und sah es nicht. Es schwindelte ihm vor den Augen. Er hörte auch nur Ottiliens Stimme, ohne zu verstehen was sie sagte, und doch sprach sie ganz langsam und deutlich: „Ich durfte Sie nicht länger in Täuschung belassen und eilte zu meinem Vater, daß er mir Verzeihung erlange, wenn ich Sie beleidigt oder zu einer Uebereilung verleitet habe. Wenn es Sie reut, was Sie zu Goldmund sagten, will ich es tragen als Strafe für meinen Uebermnth." Jetzt erst blickte Max der Sprecherin fest in die Augen, sah, daß der feuchte Schimmer sich in eine zitternde Thräne verwandelt hatte, und bekam unendlich Lust diese hinwegzuküssen. Sie belehrte ihn ja, daß er das Herz bereits besaß, das er sich hatte erringen wollen. Drum brauchte er ihre Entschuldigung nicht weiter anzuhören. Er faßte ihre Hände, zog sie an sich und redete Worte der Lust und der Freude, des Dankes und der Liebe, der Wehmuth und Demuth, bunt durcheinander, wie sie bräutliche Stimmung aus tiefen und reichen Gemüthern hervorquellen läßt, eine Sprache, die Niemand zu hören braucht, als die Beiden, die über dem Hören die ganze Welt vergessen. So dachte auch Professor Grube und ließ sie geraume Zeit allein miteinander. Als zwei Stunden später der rechtsrheinische Zug angelangt war, kamen mit dem Omnibus des Frankfurter Hofes drei Personen an's Haus gefahren, zwei Herren und eine Dame, die sofort sich erkundigten, ob Professor Grube auf seinem Zimmer nnd zu sprechen sei. Zu Hause sei er, denn er habe Besuch schon seit geraumer Zeit, lautete der Bescheid, dem ein geschäftiger Kellner beifügte, es sei soeben eine Flasche Johannis- berger nnd Nömergläser auf das Zimmer des Herrn Professors befohlen worden. „JutI Dat is jut", sagte Fräulein Hermiue im schönsten Kölnerdcutsch, wie es stets den Hochpnnkt der Gefühle bei ihr anzeigte, und eilte, ohne die Zimmernummer zu erfragen, von den Herren gefolgt, genau zur Thür Nr. 24, die sie sachte aufmachte. Herr Grube saß zwischen den jungen Leuten und schenkte soeben die Nömer voll. „Wenn die Verlobung am Main gefeiert wird, dürfen des Rheines Abgesandte dabei sein, und zwar die Mitwissenden vom Drachenfelser Komplott: Papa Goldmund, Ottmar und ich!" Jetzt kam der Jubel der Herzen erst zum lauten Ausdruck. Goldmund, der etwas ängstlich der Begegnung mit dem von ihm Mystisizirten entgegen gesehen hatte, verlor rasch seine Scheu bei Dr. Hcermauns herzlichem Gruß und des alten Grube jovialen Worten: „Natürlich mußten Sie mitkommen. Tante Mina hatte Recht, es zu wollen. Sie mußte doch mit Augen sehen, ob es die Rechte Ihrer Töchter ist, die sich hier verlobt. üebrigcnS sind Sie der Urheber dieser Verlobung nnd der eigentliche Brautvater. Von meiner Tochter wollte Dr. Heermann nie etwas hören! Erst als er sie als die Ihrige fand, gefiel sie ihm, und auch sie, die Mißtrauischste ihres Geschlechtes, lernte unter Ihrem Schutz an echte, uneigennützige Liebe glauben." „Drum muß auch mein Verlobnngsvater bei mir bleiben", schmeichelte Ottilie, „bis zu meiner Verhei- rathung, die erst erfolgen soll, wenn Herr Max, das o. ö. vor den Professor setzen kann. So hat es Papa bestimmt und gar lange wird es nicht dauern. Aber in der Brautzeit will ich viel Musik machen und dazu sollen Sie helfen, und zugleich finden sich alle ihre Schülerinnen in Graz wieder zusammen nnd Sie können Ihr rechtes Töchterlein in ein behagliches Heim führen, wenn das unrechte Sie verläßt." „Wenn Felicitas nur inzwischen im Kloster ihr Herz nicht ganz von der Welt abwendet und dort bleibt für immer", seufzte Goldmund. „Das wird sie nicht. Ich habe ihr Wort!" platzte Ottmar heraus, und als Alle lachten, fügte er mit trotzig zurückgeworfenem Kopf und gerötheten Wangen hinzu: „Warum soll ich mich nicht freuen! Ich brauche übrigens die ganze Jurisprudenz und den Doktor gar nicht, wenn Papa wir sein Gut in der Steiermark übergibt, und am besten ist's, ich hole Felicie gleich herbei." Aber Grube schüttelte freundlich, doch bestimmt mit dem Kopf. „So eilig ist's nicht. An einer Verlobung ist's für heute genug. Beim Doktor bleibt's auch. Gerade weil ich so selten etwas bestimme, muß das geschehen, was ich festgesetzt habe. Inzwischen vollendet auch Gold- mnnds Kind die selbstgewählte Aufgabe, und sprechen dann die Herzen noch, werden wir beiden Alten es hören. Keine Sprache ist klangvoller wie die der Herzen, zumal wenn diese sind wie die rheinischen Herzen. Echtes Gold ist darin, und auf dieses Rheingold sollt Ihr mit mir anstoßen mit dem flüssigen Gold der rheinischen Neben. — Füllt die Römer! Das Brautpaar lebe hoch! — Max nnd Ottilie! -«-sttk-rs-«-— Die Htssllig-Vlllrn in Nrilhenhnll. . Wenn man in Neichenhall die Straße nach Groß- gMain cwporwandelt, wo es links in's Bcrchtesgadener Land, rechts in'S Oberösterreichische geht, sieht man eine prächtige Villa in die Höhe streben. Sie zeigt sich im Stil der italienischen Renaissance, am Bergeshang hin- gelagert, mit schön gegliedertem Mittelbau, an den sich zwei niedrigere, mit großen Terrassen geschmückte Flügel schließen. Schwungvolle Freitreppen führen zur Straße hinab, herrliche Baumgrnppen heben sich von dem leuchtenden Weiß der Mauern. Das Ganze wirkt harmonisch, ruhig, eS überkommt den Beschauer wie ein Hauch von hellenischer Kraft, Freude und Schönheit. Man wird begierig, hinaufzusteigen, daS weiße Haus in der Nähe, von allen Seiten, von innen zu besehen. Das ist ein Leichtes. Gastlich offen stehen die Thore des Parkes mit seinen schönen Bäumen: lichtes Lanbholz, Blutbuchen, dunkle Fichten und Föhren in nuancenreicher Vereinigung. Eine schattige Kastanien-Allce führt langsam hinauf, und nach links über einen Platz mit Noscnbceten gelangt man an die Rückfront. Wir treten in's Haus. Vorüber an der Treppe, die sich leicht hinaufschwingt in die oberen Stockwerke, gelangt man in schöne Wohngemächer, licht und hoch, elegant möblirt. Nicht nur elegant, auch originell, denn jedes Stück ist nach guten Zeichnungen kunstvoll gearbeitet nnd fügt sich trefflich in's Ganze. Am rechten Ende befindet sich ein großer Speisesaal, durch dessen — 413 breite Fenster man in'S Grüne blickt; von der Decke füllt mattes Oberlicht herab. Am linken Ende ein ähnlicher Raum als ConversatiouSsaal. Die beiden Süle lassen die Bestimmung des Hauses sogleich erkennen; es ist keine Privatbilla, wie man aus der ruhigen Vornehmheit hätte schließen können, sondern eine Pension. Jeder kann dort wohnen, all der Schönheit sich erquicken und sich so recht seines Lebens erfreuen. Nach einem guten Diner sitzt man draußen auf einem der vielen Balcons in angenehmer Gesellschaft, Neichcnhall liegt zu unseren Füßen, von hohen Bergen umrahmt, von unten tönt die Curmusik ganz deutlich herauf, und die Vogel schmettern gratis ihr Lied dazu. Die Bäume blühen und duften, und die Brust wird Einem weit, daß man aufjubeln möchte: Wie schön bist du, du weite Gotieswelt! Der Mann, der all dies mit Künstlerauge geschaffen, genießt gar wenig von der Pracht und Herrlichkeit. Es ist der geniale Meister Friedrich Hessin g, dessen rastloser Geist sich nicht damit begnügt, kunstvolle Apparate für Kranke zu bauen — Hessing baut auch Wohnstätten für die müden, erholungsbedürftigen Stadtmenschen, sie sollen sich hier in Licht und Schönheit baden, und ihre Nerven sollen wieder gesund und stark werden. Der Meister aber, der Erholung manchmal selbst am meisten benöthigt, gönnt sie sich nur im allergeringsten Maße. Selten und nur aus kurze Zeit kommt er nach Neichcnhall. Sein ständiger Aufenthalt ist GLggingen, denn dort sind seine Kranken, die seine unermüdliche Pflege genießen, Tag für Tag, Stunde um Stunde. Der Renaissancebau, Friedrtchshöhe genannt, ist nur ein kleiner Theil dessen, was Hessing in Reichenhall geschaffen. Wenn wir weiter wandern, durch den Park mit den gewundenen Kieswegen, den schattigen Plätzchen, gelangen wir zu einem zweiten Baue, die altdeutsche Villa genannt. Von der Renaissance zurück zur Gothik, einer etwas phantastischen Gothik. Eine kleine Festungs- maucr umgibt ihn, von Eckthürmen untergrochen. Ein i Thor führt auf den Vorplatz mit schönen Platanen; überall rankt sich Grün hinauf und überall gibt es kleine Ausblicke auf Berg und Thal. Vom Vorplätze gelangen wir in eine Glashalle, ein angenehmer Aufenthalt im Regen- wetter. Sie ist am Bergcsabhang hingebaut, mit einem großen Balcon, auf welchem zwei eiserne Ritter Wache halten. Unter der Halle sind sechs Badecabinen sehr praktisch angebracht und für Soolbäder eingerichtet. Die altdeutsche Villa selbst ist ein traulicher Giebelbau, das Dach trägt reichgeschnitzte, groteske Holzverzierungen. An den Wänden zeigen sich Fresken, die zum guten Theile die Hcilkunst des Meisters allegorisch versinnbildlichen. Und wie heimlich, wie gemüthlich ist es im Innern! Freundliche kleine Wohnränme, auf die Holztreppe fällt gedämpftes Licht von Butzenscheiben. Dann präsentirt sich uns eine gewölbte gothische Halle, ganz holzgetäfelt, mit bunten Wappen verziert, die durch hohe Scheidewände in drei reizende Zimmer getheilt ist. So ist jedem Geschmack Rechnung getragen, der verwöhnte 1?tir äs sieola-Mensch kann prunkvoll wohnen oder sich in einen behaglichen kleinen Winkel einnisten. Will er volle Ruhe und Stille finden, weit ab vom Getriebe des Curortes, so schreite er rüstig aus und steige etwa 20 Minuten bergan. Dort empfängt ihn ein neues Paradies. Hoch oben erhebt sich ein anderer Bau Hesstng's, „zur schönen Aussicht" genannt. Das herrlichste Panorama bietet sich dem Auge. In weitem Umkreis sind die mächtigen Bergriesen gelagert, massig die einen, wie der sagenreiche Untersberg, andere in bizarren Formen züm Himmel strebend, in allen Mulden voll leuchtenden Schnee's. Und weiter rückwärts, da flimmert's und glihert's ganz weiß, das sind die Loferberge, die herübergrüßen. Unten im Thals die überall aus dichtem Grün hervorblinkenden Villen, die großen Hotels mit flatternden Fahnen, die Kirchen und Kirchlein, Alles vereinigt sich zu frohem Bilde. Der Bau ist in phantastischem und originellem Stile ausgeführt. Eine Säulenhalle verbindet das Haus mit dem großen Speisesaale und führt von hier zu einem geschlossenen Pavillon mit herrlichem Ausblick, hinüber zum Gaisberg und den Höhen des Salzachthales und hinunter über saftige Wiesen nach Nink-Lehen in Bayerisch-Gmain, wo Hessing noch eine prächtige, musterhaft gehaltene Oeko- nomie besitzt. Dann treten wir den Rückweg an, reich an freundlichen Eindrücken und von Verehrung erfüllt für den Mann, der all das Schöne hier geschaffen. --SrWNS--- Die gegenwärtige Fahrsncht. Ein trauriges Kapitel. Ist es nicht unerhört, daß man in einer Zeit, wo alles vorwärts schreitet, gerade diejenigen, die denn doch in erster Linie dazu berufen wären, mehr und mehr einem kläglichen Stillstände überantwortet? Ich rede natürlich von unsern Füßen. Seit Jahrtausenden haben sie die trefflichsten Dienste geleistet; eine außerordentlich: Geschichte, reich an Leistungen ersten Ranges, liegt hinter ihnen. Und nun stellt man dieses altbewährte, dieses hochelegante und natürliche Beförderungsmittel zu Gunsten all' der neuen, ungeschlachten und künstlichen Beförderungsmittel sozusagen kalt oder zwingt es, falls es mit ihnen wetteifern will, zu einer nähmaschinenartigen Raserei, die ebenso widerwärtig als unnatürlich ist. DaS Traurigste aber ist nicht die Thatsache als solche, sondern die Gemüthsruhe, womit sie von der Bevölkerung im großen und ganzen hingenommen wird. Man könnte glauben, Pietät und Widerstandskraft seien verlorengegangene Gegenstände. Nun, es lebt zum Glück noch eine ansehnliche, über die ganze Monarchie verstreute Männergesellschaft, die weder der einen noch der andern ermangelt. Es ist die wackere Schaar der a. D.'s, deren Schicksal leider eine zu große Aehnlichkeit mit demjenigen des genannten Körpertheiles im allgemeinen besitzt, als daß er im besondern ihrer besondern Fürsorge nicht werth erscheinen müßte. Nicht bloß willfahren sie pietätvoll einem angeborenen Triebe, indem sie Tag für Tag ihre sechs bis acht Stunden im Freien herumlaufen, hin und wieder pflanzen sie sich auch gleichsam als stumme und doch so grimmig-beredte Proteste an den Schienen der vorbei- eilenden Straßenbahnen und an den Schlagbäumen der dreist ihren Weg kreuzenden Eisenbahnen auf, und wie verkörperte Mene Tekel sieht man sie den Staub aufwirbelnden Radfahrern drohende Blicke nachschleudern. Freilich, was hilft es? Das Unheil ist im Zuge oder vielmehr in allen möglichen Fuhrwerken. Einst, als noch die Postkutsche so poetisch durch die Natur humpelte, war ein nicht geringer Theil der Reisenden Fußreisende, Leute, die jeder Fahrerei abhold waren und alles zu Fuß machten. Jetzt haben wir bereits eine eben so große Menge Sitzreisende, Leute, welche in den drei, vier Wochen, die sie unterwegs sind, eigentlich gar nicht 419 auö dem Sitzen herauskommen, nur bei Nacht, wo sie liegen, wie cS immer Brauch war. Man kennt ihre Methode: aus dem Hause in die Droschke, aus der Droschke in die Eisenbahn, aus der Eisenbahn in den Hotcl-Omni- buS, dann vermittels Auszuges auf den Stock, wo gleich rechts oder links ihr Zimmer ist. Zurück ebenso, in die Droschke, auf den Dampfer, auf die Drahtseil- oder Zahnradbahn. Sind sie in einer Großstadt, so empfängt sie die Pferde-, die Dampf-, die elektrische, wenn nicht gar die Stadt- oder Untergrund-Bahn. Und alle diese verschiedenen Beförderungsmittel liefern sie richtig wieder im Gasthofe und schließlich wieder zu Hause ab. Solche Reisende sind wie Frachtgüter, die fortwährend umgeladen werden. Und welche Rolle spielen bei dieser langwierigen Sitzprocedur die Beine? So gut wie keine, sie sind lediglich für den Fall der Noth da, ähnlich wie in elektrisch erleuchteten Sälen der Vorsicht halber immer ein paar Gasslärumchen brennen. Verständige Leute würden höchstens den Kopf schütteln, wenn die geschilderte Methode einzig für die Reise vorbehalten bliebe. Sie wird indessen von gar vielen I das ganze Jahr über angewendet, vor allem von den so- genannten Großstädtern. Sie führen zur Entschuldigung > die riesigen Entfernungen an. Das scheint mir aber nur halb richtig zu sein, denn daß im Grunde etwas ganz anderes dahintersteckt, als Zeit, Geld und Kraft zu sparen, sieht man in gewissen Kleinstädten, wo die Leute bisher ganz gut ohne Pferdebahnen und dergleichen ausgekommen sind, jetzt dagegen, wo sie sich solche zugelegt haben, die tollsten Streiche machen, wie ich unlängst erleben mußte. Ich war nämlich auf den Gedanken gerathen, wieder einmal nach Krähwinkel zu gehen. Krähwinkel ist mir immer als das gemüthlichste Städtchen von der Welt erschienen, so puppig und still — wenn ich am einen Ende der Stadt nieste, rief mir regelmäßig der Obsthändler, der am andern Ende seinen Stand hatte, Prost zu. Wie erstaunte ich daher, als das erste, was ich bei meiner Ankunft sah, eine Pferdebahn war. „Potztausend!" sagte ich zu meinem Freunde, der mich am Bahnhöfe abgeholt hatte, „da habt ihr ja eine Pferdebahn." „Das will ich meinen! Es war aber auch hohe Zeit." Dabei strahlte seine Miene ordentlich vor Vergnügen- Ich traute meinen Ohren nicht. „Ha, hat sich denn die Stadt so vergrößert?" „Das nicht", bemerkte er. „Aber wenn du glaubst, unsere Pferdebahn rentire sich nicht, da sieh' nur! Komm rasch, daß wir auch noch Plätze erwischen." Eigentlich war es ganz überflüssig, die kurze Strecke bis zu meines Freundes Wohnung zu fahren. Indessen der Cnriosität halber fügte ich mich. Natürlich kam es» wie ich es vorausgesehen hatte: Kaum daß wir glücklich saßen, mußten wir wieder aufstehen, wir waren am Ziel. In der nächsten halben Stunde war ich stark beschäftigt. Ein Familienglied nach dem andern erschien, um mich zu begrüßen, und jedes legte mir die Frage vor: „Nun, was^ sagen Sie denn zn unserer Pferdebahn?" Gerade hatte ich znm siebenienmal mein grenzenloses Erstaunen ausgedrückt, als die Thüre aufging und meines Freundes Schwiegermutter eintrat. „Willkommen, willkommen". — rief sie — „soeben vernahm ich, daß Sie da sind, und sofort bin ich mit der Pferdebahn her- gceilt, um Sie zu sehen." Obwohl tief gerührt, konnte ich doch nicht umhin, zu fragen, ob sie denn nicht mehr dicht nebenan wohne? „O gewiß", erwiderte sie, „aber ich mache das immer so: Ich nehme die Pferdebahn bis zum Bahnhof und fahre dann mit dem nächsten Wagen hierher. Ach, es ist ja gar zu angenehm! Man trifft immer so viele Bekannt: und hört immer 'was Neues." Ich war sprachlos. Doch es kam noch schöner. Gegen Abend führte mich mein Freund hierhin und dorthin, zu diesem und jenen: Bekannten, aus einer Kneipe in die anders. Trotzdem es sich immer nur um einen Katzensprung handelte, wurde jedesmal die Pferdebahn genommen. Er behauptete, alle Welt mache es so. Und so war es auch. Ein fortwährendes Ein- und AuL- steigen, daß die Pferde gar nicht aus dem Schritt kamen. Blos ein alter lahmer Herr war eigensinnig genug, nebenher zu humpeln; er hatte jedoch schon bald einen derartigen Borsprnng, daß er nicht mehr einzuholen war. Nachher zu Hause klopfte ich meinem Freunde auf die Schulter und bemerkte: „Hör' 'mal, ihr müßt ja mit eurer Pferdebahn brillante Geschäfte machen, und du, alter Glückspilz, hast natürlich einen ganzen Stoß Actien davon im Schrank." „Nicht ein Stück." „Wie?" staunte ich ihn an. „Nein, niemand hier hat Actien. Die fremden Kapitalisten, die auf den guten Einfall kamen, waren bisher nicht zu bewegen, die Actien auf den Markt zu bringen, und ich fürchte, sie werden es auch in Zukunft nicht thun. Es ist wirklich recht schade." Nach dieser Eröffnung sann ich auf eine Ausrede, um mich baldmöglich aus den: Staube zu machen. Offen gestanden, Krähwinkel war mir unheimlich geworden. In der That, es ist einfach ein krankhafter Zustand. DaS eine Drittel der civilisirten Menschheit ist bereits vollständig ergriffen, ein Drittel zeigt sehr bedenkliche Anwandelungen, lediglich das letzte Drittel hält sich, wie wir eingangs gesehen haben, noch tapfer. Ob auch auf die Dauer? Warten wir's ab. Wir haben es leider mit einer wahren Manie zu thun, und man weiß, wie ansteckend dergleichen ist. Allgemein gesprochen möchte ich sie Fahrsucht nennen, doch gibt es allerhand Spezialitäten, wovon die schlimmste die Tretradsucht ist. Schon feit längerer Zeit bildet sie den Gegenstand meines besonderen Studiums. Die Ergebnisse liegen soweit vor, daß ich demnächst damit herausrücken kann. Also auf Wiedersehen! (Köln. Volksztg.) --s—- Goldkörner. Es giebt Menschen mit leuchtendem und Menschen mit glänzendem Verstände. Die ersten erhellen ihre llmgebnng, die zweiten verdunkeln sie. M. v. Ebner-Eschenbach. Sei auf deiner Hut vor Aufwallungen des Zorns. Laß deinen Unmnih niemals Leute fühlen, die dir nichts darauf erwidern dürfen oder mögen. Placken. Gemeinsam leiden macht die Bürde leichter. Das Bitr'rc wird durch Gewohnheit süß. Wohl dein Ganzen, findet Sich einmal einer, der ein Mittelpunkt Für viele Tausend wird, ein Halt; — sich hinstellt Wie eine siste Sänl', an die man sich Mit Lust mag schließen und mit Zuversicht. _ Schiller. ALLeVLbZ. Die Ehren-Fräulein der Königin von England. Die Königin von England wählt ihre Ehren- Fräulein unter den Töchtern der Peers, welche mit Ihrer Majestät befreundet sind. Meistens werden die Eltern der jungen Dame, auf welche die Wahl der Königin fällt, brieflich von dem Wunsche der Monarchin als besonderer Gunstbezeigung verständigt. Es ist kaum jemals vorgekommen, daß die Bitte abgelehnt wurde. Ein Ehren- Fräulein der Königin bezicht ein Gehalt von 300 Pfd. Sterling. Jedes Ehrenfräulein hat ihr eigenes Schlafzimmer, muß aber ihr Wohnzimmer mit einer Kollegin theilen. Jedes Fräulein trügt ihr Abzeichen. Dieses ist ein in Brillanten gesetztes Miniaturbildniß der Königin. Das Fräulein, welches am Dienste ist, hat vor den Privat- gcmüchern der Königin zu weilen, während Ihre Majestät sich zum Mahle vorbereitet. Das Fräulein trägt einen Blumenstrauß in der Hand, welchen sie zur Rechten des Couverts niederlegt, sobald Ihre Majestät den Speisesaal betritt. Wenn keine Gäste da sind, nimmt das Ehren- Fräulein zur Rechten der Königin neben dem Lord- Kammcrherrn Platz. Sobald das Mahl vorüber ist, darf sich das Ehren-Fräulein in ihre Gemächer zurückziehen, wenn die Königin sie nicht auffordert, zu singen, Klavier oder Karten zu spielen. Da die Königin niemals Geld annimmt, welches im Umlauf gewesen ist, so haben die Ehren-Fräulein stets eine hübsche Summe neu von der Münze gekommenes Geld. Ein Ehren-Fräulein der Königin Viktoria muß hochgebildet sein und deutsch und französisch fließend sprechen. Ebenso nothwendig ist es, daß sie vom Blatte ab singen und spielen kann. Auch muß sie eine gute Vorleserin sein. Das ist eine ihrer Pflichten. Die Königin ist ganz eigen bezüglich der Kleidung ihrer Ehren- Fräulein. Ihre Majestät liebt das Einfache und würde eine aufgethürmte Frisur nicht dulden. Die Königin macht den jungen Damen häufig werthvolle Geschenke. Ihre Majestät redet sie mit ihren Vornamen an, während die Anrede der Ehren-Fräulein „Madame" ist. Die Königin interessirt sich tief für die Freuden und Sorgen ihrer Ehren-Fräulein. Sie ist eine höchst rücksichtsvolle Herrin. Das Leben am englischen Hofe verläuft höchst regelmäßig. Eine Ehrendame muß deßhalb vor Allem sehr praktisch sein. Danach muß sie ein heiteres Gemüth haben und bereit zu allem Guten sein. Gespräche über die persönlichen Angelegenheiten der Königin sind streng verboten. Während der langen Negierungszeit der Königin Viktoria ist nur ein Ehren-Fräulein entlassen worden. Das erzeugte zu seiner Zeit mit Recht viel Gerede. Ehren- Fräulein haben in der Regel dreimal im Jahre einen Monat Dienst. Und auch dann werden sie nur jeden zweiten Tag zum Dienst befohlen. Sind sie frei, so schreibt ihnen Niemand vor, was sie thun sollen. « Die Frage nach der Mutter. Als Kaiser Joseph II. von Oesterreich durch Medwisch in Siebenbürgen kam, redete ihn eine hochbetagte Frau, die ihn um die Entlassung ihres Sohnes aus dem Kriegsdienste bitten wollte, mit den Worten an: „Guten Tag, Herr Kaiser! Ich wünsche, daß der Herr noch fein gesund sei! Was macht die Frau Mutter? Ist sie auch noch fein gesund?" Der Kaiser antwortete ihr auf alle diese Fragen sehr freundlich, gab ihr ein kleines Geschenk und sagte: „ES hätte ihn auf allen seinen Reisen noch Niemand um seine Frau Mutter gefragt, als diese gute alte Frau; in elf Tagen sollte sie auch ihren Sohn wieder frei bei sich haben." Und es geschah. Ec ist ciie Kieke. Auf allen Blättern steht geschrieben, Wie Wundergut der Vater ist. O Herz, wie magst Du ihn nicht lieben, Der Dich auS jeder Blume grüßt? Auf alle Vlättlein möcht' ich schreiben, Wie sehr mein süßer Freund mich liebt, Und all sein Thun und all sein Treiben, Das er als Mensch für mich geübt. Auf alle Vläitcr möcht' ich malen Des Liebsten klares Angesicht, Doch alle Farben, alle Strahlen Erreichen feine Schöne nicht. Und allen Blättern möcht' ich sagen Won feiner Treue, seiner Huld, Ilnd allen Steinen muß ich'ö klagen, Daß ihn getödtet meine Schuld. ---— Rösselsprung. neu des in ver dan die las cS ich und er er der daß 6- sei sich te to ken jün scn brau be be will de die be strr get der schöpf de fri des al ein mit ßen schen he keil wer scn le ter mal wenn ring de ne noch lcn früh der cke ran ich'S fas ling sin er Win Berichtigung zum Krnmbad-Artikel in Nr. 52 des UnterhaltnngSblattcS. Auf den drei Stellen, an denen Nitt-r Hans von EllcrS- bach die Scheune, in welche seine heiligmäßige Gemahlin Adelheid vor seiner Eifersuchtswuth geflüchtet war — im Jahre 1390 erbarmungslos angezündet hatte, sprudelten beim Abräumen des Brandschuttcs drei Quellen hervor, welche bald als Heilquellen anerkannt und benützt wurden und dem Krum- bade nach den verlässigsten geschichtlichen Quellen und Notizen sein Dasein gaben. Diese drei Quellen fließen heute noch, sind jede eigens gefaßt und liefern das Heilwasser des Krumbades. Bon den ältesten Zeiten an wurde in diesem Wasser auch ein gewisser Stein gesotten und zur Heilkur mitvcrwendet. Derselbe wird aus dem Berge gegraben, dem die besagten Quelle» nachweislich entspringen, und ist unter dem Namen „Badstein" oder „Krumbaderstein", auch „Krumbacherstein" bekannt. Die Untcrsuchung(Analyfe) ergab bei diesem Steine einen reichen Satz von Heilbestandtheilen, wcßhalb er auch auf Verlangen jederzeit versendet u. zu Bädern verwendet wurde, welche ebenfalls bedeutende Heilerfolge bei solchen Kranken erzielten, die das Krumbad nicht besuchen konnten. Freilich gehören Quelle und Stein zusammen und wirken so am stärksten und schnellsten und nachhaltigsten, aber er erscheint doch als wahre Wohlthat für die bezeichneten Nothsällc, in welchen kein persönlicher Badbesuch möglich ist. So das richtige, thatsächliche Verhältniß. « 56 . „Augsburger PostMung". Dinstag, den 7. Juli 1896 . ssür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Lilerarischen Instituts von Haas Ä Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Arauenherz und Krauenwatten. Lebensbild von Mary Dobson, (Fortsetzung.) IV. In einem bescheiden, doch behaglich eingerichteten Zimmer im Erdgeschoß eines weder großen noch ansehnlichen Hauses inmitten der Stadt stand eine Frau, welche das fünfzigste Lebensjahr weit überschritten, in einfacher Hauskleidung am Fenster und blickte auf die durch Gasflammen hellerleuchtete und durch Wagen und Fußgänger belebte Straße hinaus. In dieser war nur noch wenig von dem gefallenen Schnee vorhanden, der im Freien die Erde weiß deckte und noch immer vom heftigen Wind vor sich her getrieben ward. Nachdem die Frau die nasse Straße und die eilig Vorübergehenden eine Weile beobachtet, sagte sie, sich an ein junges Mädchen wendend, das beim hellen Schein der Lampe eifrig mit einer Handarbeit beschäftigt war: „Es ist ein schauerliches Wetter, Bertha, und besser von hier aus anzusehen, als sich darin zu befinden!" „Und dennoch muß ich mich hineinbegeben, Mutter", erwiderte aufsehend die Tochter, deren äußere Erscheinung nicht darauf schließen ließ, daß sie Wind und Wetter scheute. Nicht regelmäßig schön, war sie dennoch sehr hübsch zu nennen, wozu die lebhaft und entschlossen in die Welt hineinblickenden Augen und das reiche wellige braune Haar besonders beitrugen. Sie war von mittlerer Größe und zierlicher, doch kräftiger Gestalt, und alle ihre Bewegungen bekundeten Festigkeit und Entschlossenheit. Sie hatte bereits das vierundzwanzigste Lebensjahr erreicht, doch hielt man sie stets für jünger als sie war. „Ist es nothwendig, Kind?" fragte in fast besorgtem Tone die Mutter. „Kannst Du den Weg nicht bis morgen hinausschieben oder Christine gehen lassen?" „Aber Mutter, sollte ich das Wetter nicht so gut ertragen können wie sie?" fragte mit leichtem Lachen die Tochter und fügte mit sanfter Emschtedenheit hinzu: „Die Arbeit muß noch heute abgeliefert werden, da in nächster Zeit das Sophaklssen zum Hochzeitsgeschenk gebraucht wird. Unsere Christine könnte ich auch schon, weil Frau Müller mir ihre Rechnung gern selbst bezahlt, nicht schicken!" „Ach, Bertha", fuhr nach kurzer Pause die Mutter besorgt fort, „ich fürchte, dieß angestrengte Arbeiten schadet auf die Dauer Deiner Gesundheit, denn Du stehst bleich und angegriffen aus — —" „Das muß so sehr nicht auffallen, Mutter, denn sonst würde es auch wohl Albrecht bemerken", entgegnete, sie mit den lebhaften Augen ansehend, die Tochter. „Albrecht hat, wie die meisten Aerzte, für die Seinen keine Zeit", erwiderte leicht verstimmt Frau Günther. „Er ist so sehr beschäftigt, Mutter", entschuldigte Erstere den Bruder. „Müssen wir uns nicht freuen, - daß neben seiner Anstellung am Krankenhause er in so kurzer Zeit schon eine ziemlich ausgebreitete Praxis erlangt?" „Das ist allerdings wahr, Kind", versetzte noch immer verstimmt die Mutter, „doch kann er von seiner Einnahme noch immer nicht viel für sich verwenden, da er für uns so viel — —" „Aber Mutter, äußere vor allen Dingen nicht Albrecht gegenüber solche Gedanken", bat ernst die Tochter. „Er hält sich verpflichtet, Dir einigermaßen das zu ersetzen, was Du und der verstorbene Vater für ihn geopfert. Auch hast Du ja Deine Pension-" „Die aber mir meinem Tode aufhört, wo Dir dann nur unsere geringen Ersparnisse bleiben", versetzte trübe Frau Günther. „Ja, hättest Du Deine Verlobung nicht aufgegeben! — Jetzt ist Otto Neufeld schon ein Jahr Assessor, und wenn auch seine Einnahme nur eine mäßige, so härtet Ihr doch genug daran gehabt!" „Ja, das hätten wir", entgegnete Bertha mit veränderter Stimme, „und wenn nicht sein Vater, als er vor mehreren Jahren nach . . . versetzt ward, auch zufällig der Mitvormund eines sehr reichen, jungen Mädchens geworden, so hätten wir uns auch gewiß gehei- rathet. Von der Zeit an aber war er gegen mich verändert, auch seine Familie behandelte mich nicht liebevoll und freundlich wie sonst, und da ich das nicht ertragen konnte und wollte — —" „So machtest Du der Sache ein schnelles Ende und gabst ihm mit seinem Ring auch sein Wort zurück und erhieltest den Deinigen wieder", unterbrach fast traurig Frau Günther. „Ja, Mutter, und es war richtig, daß ich den entscheidenden Schritt that", fuhr merktjch erregt die Tochter fort, „wenn es mir auch, nachdem wir zwei Jahre verlobt gewesen, nicht leicht geworden ist. Seine Verlobung 422 aber mit der reichen Mündel seines Vaters läßt noch immer auf sich warten, und mag das Herz des jungen Mädchens auch schon gewählt haben. Doch nun, Mutter, laß uns von der Sache schweigen, Albrecht könnte kommen und — —" Jetzt ward schnell die Hausthür geöffnet und geschlossen, ein fester Schritt näherte sich dem Zimmer, und gehörig gegen Wind und Wetter geschützt trat Dr. Günther ein, dessen Bekanntschaft der Leser vor etwa anderthalb Jahren in der Burgruine bei . . . gemacht. AIs nach gegenseitiger Begrüßung seine Mutter auch ihm gegenüber das schlechte Wetter beklagte, erwiderte er beruhigend: „Es ist so schlimm nicht damit, Mutter, denn der Wind läßt nach, und der Regen und Schnee hört auf zu fallen. Auch kann ich noch nicht zu Hause bleiben, da ich außer einigen Patienten Reichardt's besuchen muß I" „Ist dort Jemand krank?" fragte Frau Günther, welche die Familie vom Hörensagen kannte, und einem aufmerksamen Beobachter wäre nicht entgangen, daß ihre Gesichtszüge einen leichten Grad von Mißbilligung ausdrückten. Eine Antwort erhielt sie nicht, denn nochmals ward die Hausthür geöffnet, und auf den Flur hinausgehend, erblickte Bertha einen jungen Mann, welcher nach höflichem Gruß ihr einen Brief übergab und sich darauf die Antwort des Herrn Doktors erbat. Dieser war schon hinzugekommen, und das Schreiben seiner Schwester Hand entnehmend, öffnete er es und las die wenigen Zeilen, welche Marie Feldheim im Namen ihres Vaters geschrieben. Sich dann dem Ucber- bringer zuwendend, trug er ihm auf, Herrn Feldheim zu sagen, daß er sogleich kommen werde, und ließ sich von ihm noch dessen Wohnung bezeichnen, worauf der Diener sich mit dem, wie er wußte, so erwünschten Bescheid entfernte. Dr. Günther kehrte zu seiner Mutter und Schwester zurück, und dieser den Brief reichend, las sie die schön und mit fester Hand geschriebenen Zeilen, während er eingehend erzählte von wem sie gekommen und schließlich hinzufügte: „Nach Herrn Feldheim werde ich Herrn Reichardt besuchen, der, wie seine Gattin mir geschrieben, mich eines Ohrenleidens wegen zu sprechen wünscht!" „Hat sich das plötzlich eingestellt?" fragte Frau Günther. „Denn da Du doch die Familie zuweilen siehst-" und ihr forschender Blick streifte ihren Sohn. „Ich habe bisher nicht davon gewußt, Mutter", erwiderte dieser ruhig, „bin auch seit vielen Wochen nicht bei ihnen gewesen! Doch nun, auf Wiedersehen —" und seinen Hut nehmend verließ er eilig das Zimmer und das Haus. Als er gegangen, sagte Frau Günther mit leichter Verstimmung: „Mir gefallen Albrecht's Privatbesuche bei der Familie Reichardt nicht, denn ich fürchte, ihre Pflegetochter ist die Hauptveranlassung dazu!" „Und wenn dem so wäre, Mutter?" entgegnete Bertha von der Arbeit aufsehend, an der sie eben die letzten Perlen aufnähte und noch einige Seidenfäden befestigte. „Fräulein Rothenfels ist ein sehr hübsches Mädchen, soll eine vorzügliche Erziehung genossen haben und sehr häuslich sein!" „Sie wäre dennoch aber kaum eine geeignete Frau für Albrecht", fuhr in demselben Ton Frau Günther fort. „An eine Frau denkt auch Albrecht gewiß noch nicht", versetzte mit leichtem Lächeln über ihre Sorge die Tochter. „Denn wer wie er so unaufhörlich in Anspruch genommen ist — — " „Das ist freilich wahr", gab Frau Günther zu. „Heute wiederum den neuen Patienten — von seiner Tochter muß er uns erzählen — —" fuhr sie dann von einem plötzlichen Gedanken erfaßt fort. „Sollte die vielleicht eine Frau für Albrecht sein?" fragte sich lächelnd erhebend ihre Tochter, fügte aber ernster hinzu: „Ich wollte, Albrecht heirathete nie, Mutter, denn dann müßten wir ihn entbehren, und das würde mir sehr, sehr schwer werden!" und dieß sagend verließ auch sie das Zimmer, um ihre Besorgungen auszurichten. Frau Günther aber sann über die Möglichkeit einer ehelichen Verbindung ihres Sohnes nach, der ihrer Ueberzeugung nach in seinem Beruf die höchsten Ziele erreichen würde, und dessen Zukunft daher in jeder Beziehung eine glänzende sein mußte. V. Herr Fcldheim hatte Dr. Günthers Antwort unter heftigen Schmerzen entgegengenommen, und als der Diener das Zimmer verlassen, sagte er, sich an seine Tochter wendend, in mürrischem Ton: „Der wird wahrscheinlich auch nichts für mich thun können, und wenn es so fortgeht — —" „Laß uns Besseres von ihm hoffen", erwiderte diese ermuthigend, „denn dürften wir das nicht, so hätte der Professor ihn Dir nicht so warm empfohlen!" Er hatte keine Antwort auf diese Bemerkung, und es verging noch eine kleine Weile, bis die Glocke der Hausthür erklang, u. während Herr Feldheim in unverkennbar befriedigtem Ton sagte: „Da ist er schon! "strömte seiner Tochter einen Moment alles Blut zum Herzen u. färbte dann ihre Wangen mit tiefem Noth. Sich höher aufrichtend war jedoch im nächsten Augenblick diese Erregung verschwunden, und sie sah mit ruhigem Blick dem eintretenden Dr. Günther entgegen. Ueber die Förmlichkeit der Begrüßung kamen sie schnell hinweg, dann sagte, für den Augenblick seine Schmerzen vergessend, der Kranke in gewohnter kurzer Weise: „Es freut mich, daß Sie so schnell gekommen sind, Herr Doktor. Erinnern Sie sich unserer noch von Halle her?" „Es würde die Unwahrheit sein, wollte ich Ihre Frage bejahen, Herr Feldheim", erwiderte aufrichtig der Arzt seinen Patienten zugleich mit dem Auge eines solchen betrachtend. „Ich habe dort so viele Kranke kennen gelernt und behandelt — —" „Das thut auch nichts zur Sache", entgegnete Ersterer, diese Erklärung begreifend, während seine Tochter Beide beobachtete, „wichtig dagegen ist, daß Sie da sind und es mit meiner Behandlung versuchen wollen!" „Gewiß, Herr Feldheim", versicherte Dr. Günther, „und so lassen Sie mich dann erfahren, auf welche Weise das geschehen muß, denn ich sehe Ihrem Gesichte an, daß Sie heftige Schmerzen leiden." Der Patient begann seinen Bericht, den oftmals seine Tochter ergänzen mußte. Nach diesem fand die Untersuchung statt, dann schrieb Dr. Günther einige Rezepte, ertheilte Marie mündliche Verordnungen, und sich darauf nochmals an den Kranken wendend sagte er: „Ich werde, um die Wirkung der Mittel besser beobachten zu können, erst übermorgen wiederkommen. Sollten Sie aber bis dahin meine Gegenwart wünschen, so bitte ich es mir wissen zu lassen", und entfernte sich mit einer leichten Verbeugung. Als die Thür sich hinter ihm geschlossen, sprach Herr Feldheim in gewohnter verstimmter Weise: „Laß alles schnell besorgen, Marie, damit wir sehen, ob dieser Dr. Günther mir zu helfen im Stande ist. Er gefällt mir übrigens nicht besonders, hat, seit wir ihn kennen gelernt, sich sehr verändert und tritt für einen noch jüngeren Arzt sehr bestimmt auf. Meinst Du das nicht auch?" „Wir wollen hoffen, Vater, daß er Dir bald Linderung verschafft", entgegnete die Tochter, deren Züge den gewohnten milden Ernst trugen und in denen ein aufmerksamer Beobachter auch noch einen leisen Anfing von Schmerz und Traurigkeit gefunden haben würde, der ebenfalls in ihren ausdrucksvollen Augen lag, „und Du dann Deine Meinung über ihn änderst", und dieß sagend rief sie den Hausdiener herbei und trug ihm die Besorgung der Recepte auf. Gleichzeitig erschien auch der Wärter, welcher die Nächte bei dem Kranken zubrachte, damit seineTochter, die am Tage so vielfach durch ihn in Anspruch genommen wurde, ungestört schlafen konnte. Mehrere Stunden später, als bereits die Nacht angebrochen, betrat diese ihre Zimmer im oberen Stockwerk des Hauses, welche ihr Vater geschmackvoll und freundlich für sie hatte ausstatten lassen. Das Wohn- gemach war behaglich durchwärmt, auf dem Tische brannte eine zierlicheLampe und in einem neben diesem stehen den Sessel sich niederlassend, stützte sie gegen dessenLehne dasHaupt. Lange sann sie nach, ihreZüge nahmen dabei einen tieftraurigen Ausdruck an, und endlich sagte sie leise, indeß ein schmerzlicher Seufzer den Weg über ihre Lippen fand: „Vergessen — vergessen — während ich - ich" Nach einer Weile richtete sie sich auf, bald auch blickten ihre Augen in gewohnter ruhiger Weise, und wenn auch an ihren Zügen noch ein schmerzlicher, trauriger Ausdruck haftete, fuhr sie dennoch mit sicherer Stimme fort: „Ach ich muß vergessen, daß damals in Halle er einen tiefen Eindruck auf mein Herz gemacht! — Muß vergessen, daß ich thöricht genug gewesen, zu hoffen, auch er-— nein, nein, seine so freundliche Aufmerksamkeit galt war seinem Patienten, dessen Tochter aber war und blieb ihm gleichgültig, und jener Zeit erinnert er sich nicht mehr! — Ob in seinem Herzen ein anderes Bild gelebt? — Jünger und schöner als ich gewesen?" Nochmals sann Marie Feldheim eine Weile nach, dann aber sich höher aufrichtend fügte sie entschlossen hinzu: „Vergessen — einem erträumten Glück entsagen, das ist mein Loos wie es schon einmal zur Zeit meiner ersten Jugendblüthe gewesen, und Niemand — Niemand darf ahnen, am wenigsten aber er selbst, daß so lange sein Bild in meinem Herzen gelebt", und nach diesen Worten an ihren Schreibtisch tretend, öffnete sie das kunstvolle Schloß und nahm aus einem Fach ein sorgfältig gefaltetes Papier hervor. Es ebenfalls öffnend, betrachtete sie die darin vorhandenen getrockneten Blumen und Blätter, legte sie dann auf die noch im Ofen befindliche Kohlengluth, so daß sie schnell aufloderten und verbrannten, und nahm nochmals im Sessel Platz. Nach einer Weile richtete sie sich wieder auf, ihr Gesicht überzog ein schnelles Roth, die Augen blickten freudig und halblaut sagte sie: „Und wenn dennoch in jener Zeit, wo wir uns täglich gesehen, auch sein Herz in wärmerer Regung für mich zu schlagen gelernt, er dieß noch empfindet und nur äußerlich kalt und ruhig ist, um meine Gefühle zu erforschen?" Der Ausdruck freudiger Erregung verblieb einige Minuten in ihrem Gesicht, denn das Menschenherz ersaßt so gerne auch die leiseste Hoffnung, dann aber verschwand er allmülig und leise sprach sie: „Nein, nein, es ist nicht möglich, er hätte es diesen Abend beim Wiedersehen sicherlich verrathen, während wir offenbar seinem Gedächtniß gänzlich ent- , schwunden waren!" Und während nun Marie Feldheim zu dem vor , ihr liegenden Buch greift, um durch den fesselnden Roman ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben, müssen wir zum Verständniß der Leser berichten, daß früh schon, als der einzigen Tochter ihres Vaters, viele junge und auch ältere Männer sich ihr genähert, um ihre Neigung zu erwerben, was ihnen indeß nicht gelang, wohl aber dem Lehrer ihres damals noch lebenden Bruders. Ihr Vater entdeckte die Liebe der noch sehr jungen Leute, die seinen Ansprüchen bei weitem nicht genügte, und entließ auf der Stelle den Lehrer, der um seine Neigung wirksam zu überwinden, sich zu seinem in Südamerika als Kaufmann lebenden Bruder begab, welcher ihm bald zu einer geeigneten Stellung verhalf. // 424 Wie Marie später durch Bekannte erfuhr, hatte er dort Glück und ward mit der Tochter einer angesehenen Familie verheirathet. Im Hause selbst war nie mehr die Rede von der Sache, und um seine Tochter von ihrer Liebe zu heilen, beschloß Herr Feldheim unter den vielen Bewerbern einen Schwiegersohn zu wählen. Ihm sagte als solcher, ein reicher Fabrikherr gesetzten Alters am besten zu, den aber seine Tochter verwarf und ihrem Vater zugleich erklärte, nie heiraten zu wollen. Da alle Vorstellungen erfolglos blieben, theilte er dem wenig erfreuten Bewerber die Weigerung seiner Tochter mit, der, um sich zu rächen, sich in ganz nächster Zeit mit einer jungen, hübschen und lebensfrohen Wittwe verlobte, und diese bald darauf heirathete. Seitdem war von Herrn Feldheim's Seite nie mehr von einer Verheirathung seiner Tochter die Rede und bei eintretender Kränklichkeit war er erfreut, sie, die auch in geschäftlichen Angelegenheiten ihm gewandt zur Hülfe kommen konnte, in seiner unmittelbaren Nähe zu haben. VI. Gehen wir in unserer Erzählung um etwas länger als ein Jahr zurück und betreten wir wiederum das Haus, in das zu Anfang derselben wir unsere Leser geführt. Es ist einige Tage nach dem Weihnachtsfest, und wir finden Herrn und Frau Reichardt wie Hedwig, welche als Tochter bei ihnen geblieben, im Wohnzimmer. Die Dämmerung des kurzen Wintertages, an dem blendendweißer Schnee die Erde deckt, ist eingetreten, im Ofen glimmt ein lebhaftes Kohlenfeuer, das den Raum genügend erhellt, und Erstere halten Mittagsruhe, während Hedwig, nachdem sie einige häusliche Angelegenheiten besorgt, eben die Lampen anzünden will, als die Glocke der Hausthüre erschallt und sie auf den Flur hinausgeht, um nachzusehen, wer Einlaß begehrt. Die Thüre öffnend, steht ein hochgewachsener Mann vor ihr, den kaum sie erblickt, als errathend und erbleichend, was jedoch die Dämmerung ihn nicht erkennen läßt, sie lebhaft ausruft: „Herr Doktor, Sie sind eS?" »Ja, Fräulein Nothenfels", erwiderte dieser, sie ebenfalls erkennend, vermochte aber nicht mehr zu sagen, denn Frau Reichardt, welche den Ruf vernommen, erschien, und sich ihr zuwendend, sagte Dr. Günther, nachdem sie sich begrüßt: „Sie sehen, Frau Reichardt, daß ich von Ihrer mir in der Porta Westfalica ertheilten Erlaubniß Gebrauch mache —" „Seien Sie uns willkommen, Herr Doktor", erwiderte sie freundlich, die ihr dargereichte Hand ergreifend, „und treten Sie näher, damit ich Sie auch mit meinem Mann bekannt machen kann!" Er kam ihrer Aufforderung nach, und während die Männer sich ebenfalls freundlich begrüßten, zündete Hedwig die Lampe an und ließ die Vorhänge herab, worauf Alle Platz nahmen. Dr. Günther erkundigte sich denn nach dem Ergehen der Familie Reichardt und erfuhr, daß seit dem vergangenen Sommer sie sich vollkommen wohl befunden. Er dagegen erzählte, daß er sich um eine Vakanz an einem der städtischen Krankenhäuser beworben und auch die Stelle eines ersten Gehülfsarztes der chirurgischen Abtheilung erhalten, mit der Befugniß, Privat- praxis auszuüben. „Und sind Sie mit dem Wechsel zufrieden?" fragte Herr Reichardt, dessen Gattin wie Hedwig ihre Arbeit zur Hand genommen. „Gewiß, Herr Reichardt", entgegnete der Arzt, „dann ich habe bereits den Anfang mit eigener Praxis gemacht. Besonders erfreut darüber aber sind meine Mutier und Schwester, deren Häuslichkeit ich theile!" Die Unterhaltung ward noch eine Weile, auch die Sommerreise berührend, fortgesetzt, dann aber empfahl Dr. Günther sich, nachdem Herr und Frau Reichardt ihn aufgefordert, seinen Besuch zu wiederholen, was er auch zusagte. Er hielt, wenn auch nach längeren Zwischenpausen, Wort, wodurch Neichardt's von seiner schnell zunehmenden Praxis erfuhren, es ihnen aber auch klar ward, daß Hedwig die besondere Anziehungskraft für ihn sei, wie, daß ebenfalls sie ihn nicht mehr mit gleichgültigen Augen ansah. Diese gegenseitige Neigung konnte nicht anders als ihre vollständige Billigung haben, und sie beschlossen, den Dingne freien Lauf zu lasten und diesem ruhig zuzusehen. Die Zeit verging, der Winter machte dem Frühling Platz, und dieser verfloß, ohne der Familie Reichardt ein bemerkenswerthes Ereigniß zu bringen, da auch ihr Sohn mit seiner Familie sich voll befand. Den Sommer verlebte Hedwig bei dieser, was besonders Dr. Stein befürwortet, da deren Wohnort zugleich ein Seebad war. Erst im Oktober kehrte sie frisch und blühend zu ihren Pflegeeltern zurück, die sie nicht länger entbehren wollten, obgleich Arthur Reichardt und besonders seine junge Gattin sie nur ungern scheiden sahen. Dr. Günther, welcher seiner Zeit von Hedwig Abschied genommen, hatte Neichardt's wie sonst besucht und sich stets theilnehmend nach ihr erkundigt. Eine Woche nach ihrer Heimkehr erschien er ebenfalls, und Letzteren konnte Beider freudige Erregung beim Wiedersehen nicht entgehen. In gewohnter Weise schwanden die Tage bis ins neue Jahr dahin, wo, wie wir wissen, Dr. Günther zu Herrn Feldheim berufen ward und nach diesem Herrn Reichardt ebenfalls als Arzt besuchen mußte. Er ward von Hedwig empfangen, welche, für den Augenblick sich selbst vergessend, in ihm nur den Erleichterung und Hülfe bringenden Arzt sah, den sie sogleich zu dem Kranken führte. Bei diesem war, wie die Untersuchung ergab, eine augenblickliche Operation erforderlich. Hedwig ging ihm dabei mit ruhiger Besonnenheit zur Hand, während Frau Reichardt ihm den Verband aulegen half. Nach einigen Anordnungen verließ Dr. Günther auch diese Familie, jedoch mit der Zusage, am folgenden Tage wiederkommen zu wollen. Raschen Schrittes ging er durch die jetzt hartgefrorenen Straßen dahin. Er mußte noch mehrere Häuser betreten, in denen er sehnlichst erwartet ward, er sah menschliches Elend, Kummer und auch Armuth, und hatte, wo es Noth that, aus seinen bescheidenen Mitteln auch Beistand, der ihm Dank und Segenswünsche eintrug. Den warmen Winterrock fester an sich ziehend, eilte er nach beendigtem Tagewerk seiner Wohnung zu, wo, wie er wußte, seine Mutter und Schwester seiner harrten. Es war gegen zehn Uhr, als er sie erreichte und mit tiefempfundenen Behagen das wohldurchwärmte Zimmer 425 betrat, in welchem Erstere die Zeitung vorlas, während Letztere, welche alle Besorgungen ausgerichtet und neue Bestellungen entgegengenommen, mit einer Handarbeit beschäftigt war und auf dem gedeckten Tisch das Abendbrod bereit stand. Soweit er befugt war, erzählte Dr. Günther dabei von seinen Patienten, besonders von Herrn Feldheim und seiner Tochter, welche seinem Gedächtniß ganz entschwunden gewesen, dann aber wünschte er Mutter und Schwester eine gute Nackt und ricth auch ihnen, sich zur Ruhe zu begeben. Als die Thür sich hinter ihm geschlossen, begann Frau Günther über das mühevolle Leben eines jungen, unermüdlichen Arztes zu sprechen und fügte mit einem Seufzer hinzu: „Könnte er doch einmal eine reiche oder auch nur wohlhabende Frau heirathen, damit ihm die Sorge für das Leben leichter würde",und zu einem anderen Gedanken übergehend fuhr sie fort: „Fräulein Frld- heim würde nach allem, was ich von ihr gehörter als eine solche für ihn schon gefallen. Sie muß aber damals in Halle keinerlei Eindruck auf ihn gemacht haben — —" „Das glaube ich auch nicht", erwiderte die Tochter, welcher einebestimmteAhnung sagte, daß sein Herz bereits für eine Andere schlage und diese,wenn sie seineLiebe erwidere, die Seinige werden müsse. — VII. Mehrere Wochen waren vergangen, seit Herr Feldheim Doctor Günthcr's Patient geworden, und er hatte schon, was erauchwar, Ursache damit zufrieden zu sein, denn wenn, wie Letzterer Marien gesagt, es für sein eigentliches rheumatisches Leiden nur Linderung, keine Herstellung gab, so hatte doch sein Allgemeinbefinden sich gebessert und damit seine Stimmung sich gehoben. Dazu trug auch die Hoffnung bei, gegen Ende März soweit hergestellt zu sein, um mit seiner Tochter nach Italien reisen zu können und dort seine vollständige Genesung zu erwarten. Während dieser Zeit hatte auch Herr Neichardt sein Ohrenleiden soweit überwunden, daß es ihn nicht mehr an der gewohnten täglichen Arbeit hinderte. Damit aber hatten auch Dr. Günther's ärztliche Besuche aufgehört, und er erschien wiederum nur gelegentlich. Eines Abends, nachdem er mehrere seiner Kranken besucht, schellte er an der ihm so wohlbekannten Thür und ward von Hedwig begrüßt, welche ihm mit einem leichten Grad von Befangenheit sagte, daß Rctchardt's ausgegangen seien, jedoch bald zurückkehren würden. Sie führte ihn ins Zimmer, wo Beide Platz nahmen und er ein umfangreiches Papier aus der Tasche zog, welches er ihr mit den Worten reichte: „Hier, Fräulein Rothenfels, sind die bewußten Ansichten, von denen ich Ihnen und Frau Neichardt gesagt. Sie werden leicht die Ihnen bekannten Punkte wiedererkennen — —" „Sie find sehr gütig Herr Doktor", erwiderte Hedwig, das kleine Packet in Empfang nehmend. „Die Bilder werden uns viele Freude gewähren, denn wir sprachen oft von unserm Aufenthalt in. mit seiner ganzen Umgegend I" Bei diesen Worten hatte sie schon die Umhüllung entfernt und betrachtete mit lebhafter Bewunderung das erste Blatt, die Porta Westfalica darstellend; dann griff sie, während er kein Auge von ihr verwandte, zu dem zweiten, das sie nicht sogleich erkannte, daher der Lampe näher brachte und dann lebhaft ausrief: „Ist das nicht die Ruine mit derFörsterei bei ... . ?" und sah vielleicht unbewußt leicht erröthend zu ihm auf, senkte aber schnell ihre Augen vor den seinigen, die forschend und voll Liebe ihr entgegenblickten. »Ja, Fräulein Rothenfels", entgegnete er mit unverkennbarer Erregung, „es ist die alte Burgruine mit ihrer Umgebung und die Stelle, an der ich Diejenige kennen lernte, deren Bild seitdem mir immer gegenwärtig gewesen!" Hedwig, welche längst gewußt, daß ein Augenblick wie dieser kommen würde, erröthete noch tiefer, während Dr. Günther bewegt fortfuhr: „Fräulein Rothenfels, Sie müssen längst empfunden haben, wie theuer Sie meinem Herzen sind; sollte ich mich getäuscht haben, wenn seither ich mich der Hoffnung hingegeben, auch nicht gleichgültig zu sein?" (Fortsetzung folgt.) WoiWiö« ISiirWrMÄ' Falkenkein 426 Pfronten, Bez.-Amt Füssen, Landger. Füssen. (Schluß.) Die dem hl. Bischöfe Nikolaus geweihte Pfarrkirche steht in Mitte des Pfarrbezirkes hoch im Orte Pfronten- Berg. Der Bau derselben begann im Jahre 1687. Sie ist gefällig und geräumig gebaut und in ihrem Innern nach dem Geschmacke des vorigen Jahrhunderts geziert. Die Deckengemälde — im Chöre das hl. Abendmahl, im Schiffe Scenen aus der Legende des hl. Nikolaus, — malte Jos. Keller aus Pfronten i. I. 1780; auch die meisten übrigen Bilder der Kirche stammen von der Malerfamilie Keller. Der Bau des neuen Thurmes, der einen Aufwand von 9000 Gulden aus Mitteln der Kirchen- stiftung erforderte, wurde im Jahre 1748 vollendet; hoch und schlank mit Kuppel ist dieser Thurm eine wahre Zierde der Gegend; dazu kam aus denselben Mitteln für 2000 Gulden ein herrliches Geläute von fünf Glocken, welche Franz Xaver Freiherr Adelmann von Adel- mannsfelden, Bischof von Maktaris und Weihbischof zu Augsburg, am 9. Dezember 1750 zu Pfronten benedicirte. Auch gegenwärtig hängen im Thurme fünf Glocken. Ein neuer^Gottesacker wurde im Jahre 1835 durch den Pfarrer Magnus Jocham, welcher imJahre1841 alsProfessor derTheo- logie nach Freising berufen wurde, außerhalb des Ortes Pfron- ten-Berg angelegt; eine Kapelle gothischen Stils, in einfachen, gefälligen Formen, erstand im Jahre 1841 auf demselben; ihr Altar trägt ein geschnitztes Crucifix-Bild aus dem 15. Jahrhunderte. In sie sind 9 Jahrmessen gestiftet. Im Jahre 1687 wurden in der Pfarrkirche zwei Bruderschaften, die des Rosenkranzes und die des heil. Joseph, errichtet; zu ihnen kam bald darnach eine Bruderschaft von St. Antonius. Später vereinigte man die drei Bruderschaften in eine, welche unter dem Namen St. Josephs - Bruderschaft sich bis heute in der Pfarrei erhalten hat. EingepfarrteOrte. Wir erwähnten bereits oben, daß ein Ort des Namens „Pfronten" nicht bestehe, daß k. 'tz Kourdesgrolle am Falkenstein. dieser Name vielmehr den ganzen Pfarrsprengel bezeichne und die in diesem gelegenen Orte an jenem Namen in der Weise Theil nehmen, daß man von einem Pfronten- Berg, Pfronten-Kappel, Pfronten-Steinach usw. spreche. Diese einzelnen Orte, nach politischen Gemeinden abgetheilt sind: In der Gemeinde Pfronten-Berg (äußere Gemeinde), links der Vils: 1. Berg, Sitz des Pfarrers und der Pfarrkirche, auf einem mäßigen Hügel an der Landstraße von Innsbruck nach Kempten. 2. Halden, */z Stunde westlich. 3. Kappel, von der Pfarrkirche ^St. nordwestlich, an der Straße Innsbruck- Kempten; Kirche 8. Martini. 4. Kreuzckk, Std. nordwestlich, auf einem Hügel an der Landstraße. Hier steht schon seit Jahrhunderten eine dem heiligen Kreuze geweihte Kapelle. 5. Meilingen, ^ St. östlich. Ein Theil der Häuser liegt auf einem Hügel und hieß früher Jmnat,cinTheil,gegen die Schloßruine Falkenstein gelegen, hieß der Burgweg, ein dritter Theil unten am Hügel und am linken Ufer der Vils hieß Drittel-Meiling. Letzterer hat eine Kapelle zu U. L. Frau. 6. Refleuten, St. westlich, hart am Fuße des Edelsberges. Die Kapelle 8t. Xo1ianni8 Laxt. in Refleuten wurde im Jahre 1702 von der dortigen Gemeinde gebaut. ^Reh- bühel, b/^St. nördlich auf einem Hügel. Die Kapelle in Nehbühel stand auf dem sogen. Kehbühel bis zum Jahre 1668, in welchem man sie des schlechten Grundes wegen abbrach und auf dem Platze, auf welchem sie heutigen Tages noch steht, wieder aufbaute. 8. Ried, an der Vils und an der Hauptstraße, in der Ebene des Gebirgsthales, nur durch einige zwischenliegende Accker von Pfronten-Berg getrennt; Sitz des k. Hauptzollamts Pfronten. 9. Weißbach, ^ St. nordwestlich an der Hauptstraße, k. Post-Expedition. Auf dem Josberg in der Gemeinde Weißbach erbaute man im Jahre 1637 eine Kapelle zu Ehren St. Fabian's und Sebastian's. Weil aber der Ort ungelegen und besonders im Winter schwierig zu besuchen war und der Berg zu reißen anfing, wurde im Jahre 1661 die Kapelle abgetragen und 427 bei den Häusern der Gemeinde Weißbach wieder aufgebaut. — L. In derGemeinde Pfronten-Steinach (untere Gemeinde), rechts der Vils, liegen: 1. Dorf, ^ St. südwestlich, hart am Kienberge. Hier stand das Hochstiftische Amthaus. Zur Ortschaft Dorf wird gewöhnlich auch gezählt die Fall-Mühle, 1 St. von der Pfarrkirche, einsam an der Ach zwischen hohen Bergen. 2. Heitlern, ^ St. südwestlich, an der Vils und an der Hauptstraße, hängt mit „Dorf" zusammen; Kirche 8. I^ousturäi. 3. Osch, '/z St. südlich an der Hauptstraße. Hier steht eine Kapelle zu St. Koloman. 4. Steinach, das größte Dorf der Pfarrei, St. südlich, an der Hauptstraße. Die Kirche zu Steinach, ursprünglich den drei heiligen Erzengeln geweiht, stammt aus dem Jahre 1635 und schreibt ihren Ursprung von der Pest her, welche in jenerZeit diePfarrei heimgesucht hatte. Die Kirche, jetzt zu St. Michael genannt, wurde in neuerer Zeit durch Gemälde und Sculpturen desPfron- tener Künstlers Franz Osterried geziert. Im Thurme mit Pultdach hängen zwei Glocken. * * * Das Pfrontener Thal wird viel von Touristen und Sommerfrischlern besucht, und durch die neueröffnete Bahn Kempten-Pfron« ten wird Pfronten mit seiner großartigen Gebirgsnatur und seiner stärkenden und milden Luft wohl bald zu den besuchtesten Gegenden unseres All- gäu'S gehören. Die Verpflegung in den dortigen Gasthäusern wird sehr gerühmt, ebenso diegutenWohn- ungen. lag, begab er sich in ein wohlbefestigtes Schloß am Alpen- schlunde, in welchem ihn um das Jahr 1080 Sigfrid's Partei belagerte, bis ihm durch Welf's Verheerungszug gegen Augsburg Entsatz wurde. Welche der festen Burgen am Alpen-Eingange unter diesem Schlosse zu verstehen sei, läßt sich mit Bestimmtheit nicht ermitteln; am wahrscheinlichsten ist jedoch der Falkenstein damit gemeint, an welchen auch dasVolk seineSagen überjeneEreignisse knüpfte. * * -t- Berühmt und viel besucht ist die vor einigen Jahren auf dem Falkenstein erbaute Lourdesgrotte, welche, in natürliche Felsen eingehauen, umgeben von der großartigen Gebirgsnatur, wohl die schönste nicht nur in der Diözese, sondern weit über dieselbe hinaus sein dürfte. Zahlreiche Andächtige wallen im Laufe des Sommers zuderherrlichenGrotte auf dem Falkenstein. * * fDie Illustrationen zu vorstehendem Auf- satzePfronten sind nach Original -Aufnahmen von Gustav Baader in Krumbach in Autotypie hergestellt.) -— Goldkörncr. Wie sind wir doch Alle mit unserer ge- prahlten Selbstständig- keit an die Natur gebunden, und was ist unser Wille, wenn die Natur versagt! Schiller. Wer sich nicht zu viel dünkt, ist viel mehr als er glaubt. Goethe. -- Erstes Gebet. Von W. Kray. «ALL UW WM Auf einem hohen Felsenvorsprunge des Manzen- berges, östlich über Pfronten, ragen heute noch die Trümmer einer alten Burg schauerlich in die Lüfte hinaus. Sie hieß der Falkenstein. Ihre Entstehung und älteste Geschichte wird mit den Bischöfen von Augsburg in Verbindung gebracht. Die Burg soll nämlich im 11. Jahrhunderte vom Bischof Heinrich II. (1047—1063) erbaut oder neu befestigt und von ihm persönlich als Zufluchtsstätte in seiner Fehde gegen die Grafen von Vohburg be- nützt worden sein. Als der vom Herzoge Wels I. von Bayern geschützte Gegenbischof Wigold mit dem Bischöfe Sigfrid II. von Augsburg (1077—1096) im Kampfe Zu unseren Bildern Johann Adam MSHler. Der berühmte Theologe Johann Adam Mähler wurde geboren zu Jgersheim iu Württemberg am 6. Mai 1796 und zum Priester geweiht im September 1819. Seine Lehrthätig- keit begann er im Jabrc 1823 an der Universität Tübingen, folgte 1835 einem Rufe nach München, wurde im März 1838 zum Domdekan in Würzburg ernannt, starb aber schon am 12. April des nämlichen Jahres an einem Lungenleiden, tief betrauert von seinen zahlreichen Verehrern und Schülern. (Einen längeren Aufsatz über das Leben und Wirken des verdienstvollen Gelehrten haben wir in den Nummern 19, 20 und 21 der Beilage zur Augsburger Postzeitung vom Mai d. I. gebracht.) _ 428 Erstes Gebet. Ein äußerst wirksames Motiv hal sich hier der Künstler zur Schaffung eines schönen Bildes gewählt—das erste Gebet eines Kindes. Mit andachtsvollem Auge hängt die Kleine an dem Munde der lieben Mutter, die ihr Wort für Wort vorspricht, um es dann selbstständig zu wiederholen. Wohl kommt noch manches Wort ungeschickt aus dem kleinen Munde heraus und muß nochmals gesagt werden, aber aller Anfang ist schwer. Der hl. Schutzengel, der Zeuge des rührenden Aktes, sieht auf das Herz und den guten Willen der kleinen Betenden und wird sicher vor Gottes Thron seiner Schutzbefohlenen ein lobendes Zeugniß über dieses erste Gebet ausstellen. -—- Allerlei. Nur noch 10 Minuten. Der kaiserliche Prinz Louis Napoleon, einziger Sohn des Kaisers Napoleon III. von Frankreich, hatte schon in seiner frühesten Jugend die üble Gewohnheit, wenn man ihn vom Spiele rief oder ihn mahnte, daß es Zeit sei, aufzustehen oder zu Bette zu gehen, um eine Frist von 10 Minuten zu bitten. Als sein Vater, Napoleon III., des französischen Kciiser- thums beraubt war und der Prinz, welcher inzwischen zu einem jungen Manne herangewachsen war, in England in der Verbannung lebte, schloß er sich den englischen Truppen an, welche in Südafrika gegen die Koffern kämpften. Dort ritt er eines Tages mit einer kleinen Abtheilung aus, um einen Platz für ein Lager auszuwählen. Dies war bald geschehen, und man war im Begriffe, zurückzukehren, als der Prinz den die Abtheilung führenden Offizier bat, nur noch zehn Minuten länger zu warten, damit er eine begonnene Zeichnung vollenden könne. Man gab dem Wunsche des Prinzen nach, und als man nach Ablauf der zehn Minuten die Pferde besteigen wollte, brach eine Anzahl wilder Koffern hervor. Es blieb keine andere Wahl, als vor der Ueber- macht die Flucht zu ergreifen. Alle kamen mit dem Leben davon, nur der Prinz, welcher nicht schnell genug sein Pferd besteigen konnte, wurde nach kurzer Gegenwehr von den Wilden mit einem Speere durchbohrt und getödtet. Man kann sich den Schmerz der Mutter des Prinzen denken, als sie von dem Tode ihres einzigen Sohnes hörte und erfuhr, daß er seiner Gewohnheit, um einen Aufschub von zehn Minuten zu bitten, zum Opfer gefallen sei. * Gute Aussichten für „Paukanten". Der Dirigent der Capelle des Hessischen Infanterie-Regiments Nr. 81, Herr Kalkbrenner, hat ein dreirädriges leichtes Fuhrwerk construirt und in einer Fahrradfabrik anfertigen lassen, auf welchem in Zukunft die Pauke der Capelle bet allen Uebungen und Paraden mitgefahren werden wird. Die Construction ist derart einfach und practisch, daß der Paukenschläger mit dem durch die Pauke beschwerten Wägelchen bequem alle Drehungen und Bewegungen der Capelle mitmachen kann. Das Tragen der Pauke ist in der deutschen Armee für den betreffenden Musiker stets eine große Plage gewesen. In Oesterreich werden schon seit langer Zeit die Pauken auf kleinen, von Hunden, ja hier und da von abgerichteten Ziegen, gezogenen Fuhrwerken gefahren. Nur ein Regiment gibt es (und zwar die 43er), welches ein Hunde-Paukenfuhr- werk besitzt. Dasselbe soll noch aus Oesterreich stammen. Sobald mit dem neuen Kalkbrenner'schen Paukenwägelchen gute Erfahrungen erzielt sind, soll es in der ganzen Armee sofort eingeführt werden. Elektrische Malerei nennt sich ein Verfahren, Glasplatten für Möbel und Luxusgegenstänoe mit künstlerisch ausgeführter Malerei zu versehen, welches der schwedische Maler Swen in Göteborg erfunden hat. In der That haben die Einlagebilder des Herrn Swen vermöge der Eigenartigkeit in der Behandlung der Farben einen elektrisch leuchtenden Schein, so daß die wunderbarsten Effecte erzielt werden. Die Malerei ist zugleich unvergänglich, da sie auf die Rückseite starker Krystall- platten aufgetragen und deßhalb vor zerstörenden Einflüssen jeder Art dauernd geschützt ist. Vor Majolica- platten haben die bemalten Swen'schen Glasplatten den Vorzug größerer Schönheit und unbegrenzter Dauer. Wie uns das Bureau für Patentschutz und -Verwerthung von Dr. I. Schanz L Co. (Berlin) versichert, dürfte diese patentirte Erfindung für Industrielle von nicht geringem Werthe sein. * Eine unerwartete Einnahme hatte der bremische Staat in diesen Tagen. Bei Vertheilung der französischen Kriegsentschädigung von 5 Milliarden war ein Rest verblieben, welcher in diesen Tagen zur Auszahlung gelangte. Der auf Bremen entfallende Antheil, welcher bei der Generalkasse eingezahlt wurde, betrug neun Pfennige, die ganze zur Vertheilung bestimmte Summe ungefähr 55 Mark. Wie viel Tinte mag wegen dieser 9 Pfg. geflossen sein? * Letzte Zuflucht. Zofe: „Wo ist denn der Herr Baron?" — Kammerdiener: „Der hat mit der Frau Baronin wieder einen Zank gehabt und jetzt sitzt er in der Küche und läßt sich von der Köchin und dem Kutscher Trost zusprechen!" -- Kreuzcharade. 1 2 3 4 In jedem Feld der Zeichen zwei — D'raus kombinire mancherlei: 1 2 der Damen Luft fürwahr, Auch trägi's der Richter und Notar. 3 4 ist unser Schirm und Schutz, Des Landes Feinden bietet's Trutz. 1 4 als deutscher Fluß bekannt, Doch mündet er in fremdem Land, 3 1 verschlang das Meer einst wild, Die Sage dock verklärt sein Bild. 3, 2, in des Olympos Höh'n Hat frohen Dienst sie zu verseh'n. 2 4 wird ein Poet genannt, Von dem ein Drama sehr bekannt. 4 2, bist düs, ich gratulir' — Und alle Schätze gönn' ich dir. Auflösung des Rösselsprungs in Nr. 55: Wenn ich's noch einmal erlebe Daß es draußen Frühling werde, Sich des Todes Decke bebe Und verjünget sei die Erde: Allen Winter der Gedanken Will ich in der Stube lassen, Mit der Sinne frischen Ranken Die erneute Schöpfung fassen. -- l -r ^ 57. Irettag, den 10. Juli 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas ie, Fräulein Feldheim, besitzen bei aller Herzensgütc diese Eigenschaften, und da sie Ihnen großes Vertrauen weiht, werden auch Ihre Bemühungen nicht ohne Erfolg sein!* „Ich werde alle Ihre Wünsche erfüllen", versprach tiefbewegt Marie. „Sie müssen noch mehr thun, Fräulein Feldheim", fuhr erregter Frau Neichardt fort. „Ich gehe in ein von schwerer Krankheit heimgesuchtes Haus und verhehle mir auch die für mich damit verbundene Gefahr nicht. Die Fügungen des Himmels sind wunderbar, und ich könnte zu meinen Kindern gegangen sein, um lebend nicht mehr hierher zurückkehren zu sollen!" „Frau Neichardt l" unterbrach fast erschrocken Marie. „Man muß in Fällen wie der vorliegende auf alles gefaßt sein", fuhr unbeirrt Frau Neichardt fort. „Sollte mir also etwas Menschliches zustoßen — dann — dann — dann, Fräulein Feldheim, müssen Sie Hedwig Ihre ganze Sorge weihen, denn ein solcher Schlag würde sie furchtbar treffen I" „Aber, Frau Neichardt-", unterbrach nochmals Marie. „Lassen Sie mich ausreden, theures Fräulein Feldheim", sprach tief Athem holend Frau Neichardt. „Leider, leider ist Hedwtgs Mutter einer traurigen Nervenkrankheit erlegen, vor der durch rechtzeitige Ueberwachung sie gewiß bewahrt werden kann. Sollte also eine schwere Stunde kommen, so seien Sie ihr mit Liebe und Trost nahe, und haben Sie Geduld, auch wenn sie Beides zurückweist. Und nun — —" , und hier erhob sich Frau Neichardt, „muß ich gehen. Leben Sie wohl, Fräulein F-eldheim", hier ergriff sie deren beide Hände, „und nehmen Sie meinen Dank für das mir geleistete Versprechen. Möge Gottes Segen immer bei Ihnen sein und Ihnen im Leben alles Glück zu Theil werden, welches Sie in so reichlichem Maße verdienen!" und Marie unter Thränen in ihre Arme schließend, verließ sie dann schnell auch dieß Haus und eilte an dem mondhellen Abend dem ihrigen zu. Marie Feldhcim blickte ihr tiefbewegt nach, denn eine bestimmte Ahnung sagte ihr, daß sie Frau Neichardt, welche sie verehren und hochschätzen gelernt, zum letzten Mal gesehen. Täglich gingen Nachrichten aus . . . über das Befinden seines Sohnes und Enkels bet Herrn Neichardt ein, und Vertha Günther beförderte sie stets dorthin, wo sie so sehnlich erwartet wurden. Anfänglich kamen sie von Frau Neichardt's Hand und meldeten die Zunahme der Krankheit bei Beiden; dann hatte Ersterer die Krisis glücklich überstanden, bei Letzterem jedoch das Fieber zugenommen. Darauf kam eines Tages mit der ersten Post ein von dem Schwiegervater geschriebener Brief; Arthur Neichardt's Zustand besserte sich, der kleine Max aber war in Lebensgefahr und auch Frau Neichardt vom Typhus ergriffen. Diese Nachrichten, welche die Betheiligten auf's Schmerzlichste erregt, erfuhr Hedwig durch Marie, die von Herrn Neichardt und Dr. Günther gebeten worden sie ihr mitzutheilen. Diese zu ungewohnter Stunde bei sich eintreten sehend, rief sie, deren ernstes Gesicht gewahrend, in höchster Besorgniß: „Marie, Sie bringen mir gewiß schlimme Nachrichten -" „Ich habe Ihnen allerdings traurige Mittheilungen zu machen, Hedwig", erwiderte ruhig Marie im vollen Bewußtsein dessen, was sie Frau Neichardt in der 439 Scheidestunde versprochen, „und wir dürfen uns nicht verhehlen, daß die Lage der Dinge in . . . sehr ernst ist, „und sie wiederholte ihr den Inhalt des Briefes, den am Morgen Herr Neichardt erhalten. Hedwig hörte ihr mit steigender Aufregung zu und sagte, als sie alles vernommen, mit bebenden Lippen: „Es wäre ein furchtbarer Schlag für Arthur und Elfrtede, wenn sie wirklich ihr ältestes Kind verlieren wüßten. Ich — ich glaube cs nicht ertragen zu können", und sie drückte ihren neben ihr stehenden Knaben so leidenschaftlich an sich, daß dieser sie erschrocken ansah. „Dem Menschen wird nur das vom Lenker aller Schicksale auferlegt, was er zu ertragen vermag, Hedwig", erwiderte mit leisem Nachdruck Marie, und Beide besprachen dann die erhaltenen traurigen Nachrichten in eingehendster Weise. — Am folgenden Tag hatte sich der Zustand des kleinenMax verschlimmert, während sein Vater der Genesung entgegenging, Frau Neichardt aber im heftigen Fieber lag, und am Nachmittag traf schon seine Todesnachricht ein. Hedwig war bei dieser aufs Schmerzlichste bewegt, nahm sie aber ruhiger auf, als ihr Gatte und Herr Neichardt, der sie ihnen überbrachte, gedacht. Nur zu Manen sagte sie, als diese sie aufsuchte: „Wie kann eS nur die arme Elfriede ertragen, ihr Kind von sich geben zu müssen, um es auf den Kirchhof gebettet zu wissen! — Ich glaube, ich würde an ihrer Stelle auch sterben oder wahnsinnig werden l Mit dem ihr eigenen milden Ernst suchte Marie sie zu beruhigen, was anscheinend ihr auch gelang; sie sah aber ein, daß Frau Reichardt's Befürchtungen nicht unbegründet gewesen. — Leider folgte in einigen Tagen schon Frau Neichardt ihrem Enkel, nachdem die über sie eingegangenen Berichte immer ungünstiger geworden. Die zwar erwartete Nachricht versetzte die Familie und alle ihr Nahestehenden in die größte Trauer, und Hedwig, welche sie wiederum durch Marie erfahren, wies alle Vorstellungen und jeden Trost der Freundin hartnäckig, ja, fast heftig, zurück. Einige Tage später fand Frau Reichardt's Beerdigung statt, nachdem am Abend zuvor ihre Leiche angekommen, die Arthur Reichardt's Schwiegervater begleitete und ihr Gatte und Dr. Günther am Bahnhof in Empfang genommen. Sie ging unter großer Betheiligung von Verwandten, Freunden und Bekannten vor sich, und Jeder beklagte den so frühen Tod der allgemein verehrten Frau. Auch Frau Günther und Bertha waren ihr zu Grabe gefolgt, Marie aber bei Hedwig geblieben. Diese, im höchsten Grade aufgeregt, war sehr leidend und fand einen traurigen Trost darin, fortwährend von der Verstorbenen zu sprechen, und Marie hörte ihr mit der größten Geduld zu. Wie sie wußte, war Dr. Günther seiner Gattin wegen keineswegs besorgt, sondern der bestimmten Ansicht, daß nur die letzten Ereignisse ihre Nerven in hohem Grade erregt, sie aber bei Ruhe und Schonung sich bald wieder kräftigen würde. LII. Das Leben geht auch ohne die geliebten Dahingeschiedenen weiter, und soviel auch der Mensch geschafft, gewirkt und geleistet, er ist — das ist leider eine traurige Wahrheit — zu entbehren, seine Stelle wird ersetzt. Dieß galt auch in Bezug auf Frau Neichardt, die anfänglich schwer vermißt wurde und ohne die die Ihrigen nicht leben zu können glaubten. Ihr Leben ging indeß in gewohnter Weise weiter, wenngleich überall täglich von ihr gesprochen ward. Ihr Gatte hatte sich von dem ihn so unerwartet getroffcmnSchlag erholt,Bertha Günther leitete vollU msicht sein Hauswesen, und seine Kinder und Enkel befanden sich wohl, wenn Erstere auch die gehabten Verluste noch nicht überwunden. Auch Hedwig gewöhnte sich, ihre zweite Mutter zu entbehren, und der kleine Albrecht fragte nur zuweilen nach der Großmama. Ihre Gesundheit schien die frühere zu sein, doch lebte sie nur für ihre Familie und ihre Haushaltung. Rührig und rüstig wie immer wohnte Frau Günther in ihrer Nähe, Marie Feldheim aber, die unverändert dieselbe geblieben, wachte über sie und suchte, so weit sie cs zuließ, sie zu erheitern und zu zerstreuen. Zu Hedwig's großer Freude und Genugthuung mehrte sich die Praxis ihres Gatten, auch unter den Aerzten des Krankenhauses stand er in hohem Ansehen, und wie stets seine Mutter gehofft, war die Zeit nicht fern, die ihn als einen der bedeutendsten Aerzte seiner Vaterstadt sehen würde. Die fortwährenden Anstrengungen aber schwächten seine Nerven, er bedurfte dringend einer Erholung, und eines Mittags nach Hause kommend, theilte er Hedwig mit, daß er einen vierwöchent- lichen Urlaub genommen und die Zeit mit ihr und den Kindern in einer ruhig gelegenen, waldreichen Sommerfrische zu verleben gedenke. Hedwig war darüber sehr erfreut, ein geeigneter Aufenthalt war bald gefunden, und von diesem kehrte körperlich und geistig erfrischt und gekräftigt die Familie zurück. Marie Feldheim hatte unterdeß die Familie Stanfield, die in Baden angekommen, besucht, doch ließ sie sich, wohl wissend, daß Hedwig ihrer bedurfte, zu weiterem Bleiben nicht bewegen. Der Winter — schon der zweite nach Frau Reichardt's Tod — verging wiederum Allen in gewohnter thätiger Weise, und im Frühling ward zu ihrer Erzherzog Otto. 440 — P großen Freude im Günther'schcn Hause ein Töchterchcn geboren. Zum Andenken an die theure Verstorbene erhielt sie in der Taufe deren Namen Margaretha Wil- helmine, und ward beschlossen, sie Marga zu nennen. Im Sommer ward in aller Stille ein zweites Familienfest gefeiert, Herrn Reichardt's und Berthas Hochzeit, nachdem sie nur kurze Zeit verlobt gewesen. Der Unterschied der Jahre war allerdings bedeutend, allein Herr Neichardt war noch immer ein stattlicher Mann und in gutenVermögensverhältnissen, und Bertha, die zum großenKummer ihrer Mutter nach ihrem Tode mittellos gewesen wäre, besann sich nur kurze Zeit seinen Antrag anzunehmen, und gleich nach der Hochzeit sicherte ihr Gatte testamentarisch ihre Zukunft. Bald darauf ward Arthur Reichardt ein Sohn geboren, und sämmtliche Ereignisse beschäftigten die betreffenden Familien in erregender Weise. Für den Winter hatte Marie Feldheim eine Einladung der Familie Stanfield nach Wiesbaden angenommen, und wenngleich Hedwig sie nur ungern und so lange entbehrte, beredete sie sie dennoch dorthin zu gehen. Marie blieb drei Monate bei ihren englischen Freunden und kehrte dann zu Aller Freunde nach . . . und ihrer schönen, durch verschiedene Ankäufe vergrößerten Besitzung zurück. Wiederum waren zwei Jahre verflossen, doch hatten sie den Familien keinerlei bedeutende Veränderung gebracht. Sie lebten in schönstem Ein- verständniß un^dregem Umgang, und besonders glücklich wäreFrauGünther gewesen, hätte sie nicht Hedwig's wegen in steter Sorge gelebt, die sie indeß nur Marie Feldheim anvertraute. Diese Sorge schien indeß vollständig ungegründet, und auch Marie versuchte sie ihr auszureden, doch gelang ihr dieß nicht, denn sie war der festen Ueberzeugung, daß Hedwig, wie sie stets gefürchtet, die traurige Krankheit ihrer Mutter geerbt habe. Zu ihrer großen Freude ging ihr Sohn mit seiner Familie auf längere Zeit nach einem freundlichen Ort des Harzes, und unter- deß bereisten sie, Marie Feldheim, Herr Reichardt und seine Gattin verschiedene deutsche Hauptstädte, und Alle kehrten befriedigt von dem was ihnen der Sommer geboten zurück. — Dann kam und ging der Herbst; ein kalter Winter folgte, und im März, wo es wiederum Frühling werden sollte, gab es dagegen Schnee und Eis mit heftigem Nordostwind. Aus vielen Städten brachten die Zeitungen ungünstige Gesundheitsberichte; Epidemien, die namentlich für die Kinder gefährlich, waren aufgetreten, doch war glücklicherweise die Stadt ... mit ihrer nahen und fernen Umgebung verschont geblieben. Da brach dennoch das Scharlachfieber aus, und Günther's ältester HEG. MG Ätz ^ W MB .^ U« Sohn, ein schöner, höchst begabter Knabe, ward zu ihrem und Aller Schrecken davon ergriffen. Die Krankheit nahm gleich einen bösartigen Charakter an, und um möglicherweise die jüngeren Kinder davor zu schützen, nahm Frau Günther sie zu sich in ihre Wohnung, während Marie Fcldheim, welche sie bereits gehabt, Hedwig ^11 — in der Pflege ihres Sohnes Hilfe leistete. Die tückische Krankheit aber blieb nicht auf den kleinen Albrecht beschränkt, eines Tages kehrte auch Dr. Günther davon ergriffen heim. Nun reichten Hedwigs Kräfte nicht mehr aus, und L' Ä' WK WWW M Diakonissin angenommen. Was die Aerzte befürchtet und sie auchMarien nicht vorenthalten, trat ein. Des kleinenAlbrcchts Zustand verschlimmerte sich schnell, denn das Fieber nahm zu, es zeigten sich gefährliche Krankheitserscheinungen, und ungeachtet der größten Sorge und Pflege starb er nach dreiwöchentlicherKrank- heit. Marie war tieferschüttert bei dem so frühzeitigen Tod des hoffnungsvollen Knaben, und Dr. Günther, bei dem die Krankheit keinen gefährlichen Charakter hatte, vernahm ihn mit tiefem Schmerz; doch war er durch die Nachrichten, welche er stets über ihn erhalten, darauf vorbereitet gewesen. Er war der Ansicht, daß, sobald wie thun- lich, seine Gattin ihn erfahrenm üsse, und ließ Herrn Reichardt bitten, die Bestattung seines Kindes zu besorgen, und zwar in dem Rothen- AL fels'schen Familiengrab, was dieser bereitwillig übernahm. Er undBertha beklagten das schwere Geschick ihrer Verwandten, und hätten ihnen dieß so gern selbst gesagt, doch durften sie, da Letztere die Krankheit nicht gehabt, auch deren Haus nicht betreten. (Forts, folgt.) --- 5« Velletri. P. Bender. ein geschickter Wärter ward zur Hülfe genommen. Die furchtbare Angst und Aufregung aber, in der sie lebte, wirkte nachteilig auf ihre Nerven, und das frühere Leiden begann sich geltend zu machen. Beide den Kranken behandelnde Aerzte forderten dringend, daß sie der Pflege gänzlich fern bleibe, und es ward noch eine Von Dr. Joseph Herb eck. (Schluß.) Cieco erwachte am hellen Morgen aus einem betäubenden Schlummer, richtete sich im Bett empor und bemühte sich mehrere Minuten vergeblich, sich der Vorfälle der Nacht zu entsinnen. Plötzlich wurde ihm Alles wieder klar. Er sah verstört nach dem Bilde hin. „ GutenMorgen,alterWeinkieser!" rief Cieco ihm zu; denn Cieco war, wie die meisten Leute, bei Tage weit dreister, als bei Nacht. Das Conterfei rührte sich nicht und sagte kein Wort. „Schlecht geschlafen?" fuhr Cieco forl; aber das Bild war nicht aufgelegt zu einer Unterhaltung. „Wo ist denn die Urkunde und der Plan? Das könnt Ihr mir doch wohl sagen", sprach Cieco weiter, allein das Gemälde ließ sich nicht eine Silbe entlocken. „Ich muß es näher besehen", sagte Cieco, stieg bedächtig aus dem Bette, ging^auf das Bild zu, griff es an, und richtig, da hing ein altes Pergament aus dem Rahmen herunter. Es war wirklich der Plan eines außerhalb Chiavenna gelegenen Berggrundes, und die wenigen Zeilen besagten den Inhalt des dort verborgen angelegten Kellers, zu dem man durch einen langen wag- rechten Schacht, dessen Außenöffnung künstlich mit Gestrüpp und Steinblöcken verlegt war, gelangte. „Beim Liber, das ist wundersam", sagte Cieco und blickte abwechselnd nach dem Bild und dem in seiner Hand liegenden Pergament und abermals nach dem Bilde hin. „Sehr seltsam", sagte Cieco. Er kleidete sich an, um sofort zu Antonio Dario zu gehen. Ein Vorhang mit einer Art Draperie überhing den Uebertritt in die nur durch ein schmales Gewölbe vom Gastzimmer getrennte Küche, so daß er das Prasseln der Polenta nicht ohne Behagen hörte. Der Wirth erschien, die Hände auf dem Rücken. Er begrüßte Cieco mit freundlichem Lächeln. Er versprach ein bill'ges Fuhrwerk bis zu dem Einschiffplatz des Comersee's zu verschaffen. Cieco schmunzelte in sich hinein. Dann lachte er ihm geradezu in's Gesicht. „Guten Morgen, Alberghiere", sagte er. „Ich habe bereits guten Morgen Ihnen gewünscht. „Mein werther Herr Wirth", antwortete Cieco, „wollen Sie die Güte haben, sich einen Augenblick niederzulassen!" Der Wirth machte eine äußerst verwunderte Miene, ließ sich jedoch nieder, und Cieco setzte sich dicht neben ihn. Er erfaßte des Wirthes Hand und hielt sie umfangen, während er sprach. „Mein werther Herr Wirth", begann Cieco, der immer höflich war, „mein werther Wirth, Sie verdienen es in der That, eine unerwartete Entdeckung und Bereicherung zu erleben." „Was fehlt Ihnen, Signore?" rief der Wirth aus, was auch natürlich genug war, denn Cieco's Anfang war etwas ungewöhnlich, um nicht mehr zu sagen, besonders wenn man bedenkt, daß er den Wirth am vorigen Abend zum ersten Male in seinem Leben gesehen hatte. „Was fehlt Ihnen, Signore?" rief also der Wirth aus. „Ich verachte alle Schmeichelei, mein Lieber," fuhr Kt. Alban (Kirche und Fischerhaus). Original-Aufnahme der beiden Bilder von Max Merz, Photograph in Dicffen-Weilheim. fVerviclsiiltigungsrecht vorbehalten.) Signore," entgegnete der Wirth. „Was befehlen Sie zum Frühstück, Signore?" Cieco überlegte bei sich selbst, wie er die Sache am besten angreifen könnte, und gab daher keine Antwort. „Ich kann mit sehr guter Polenta", fuhr der Wirth fort, „und mit schönen leckeren Forellen aus dem Comer- see dienen. Was befehlen Sie, Signore?" Diese Worte weckten Cieco aus seinem Nachsinnen. Er gedachte der Freihaltung während der Ferien. Die Speisekammer schien trefflich ausgerüstet zu sein. „Wen stellt das Gemälde in meinem Schlafzimmer dar?" fragte Cieco. „Es ist mein Urahn, Signore," erwiderte stolz der Wirth. „Wo liegt er begraben?" fuhr Cieco fort „Er ging eines Abends in die Berge fort", versetzte der Wirth, „und ist nie mehr wiedergekehrt." „So!" sagte Cieco. „Haben Sie noch etwas zu befehlen?" fragte der Wirth, demCieco'sBcnehmcn ein wenig eigenthümlich vorkam. Cieco fort; „Sie verdienen einen fürstlichen Weinkeller Ihr eigen zu nennen, und ich weiß gewiß, daß Sie in diesem Falle auch mir fürstliche Beweise Ihrer Freigebigkeit anbieten würden." Während Cieco so sprach, schweiften seine Blicke im Zimmer umher, wie wenn er darin noch ein paar Wochen zu bleiben gedächte. Der Wirth sah noch weit verwunderter aus, als vorhin, und wollte aufstehen. Cieco drückte ihm leise die Hand und suchte ihn zurückzuhalten, was ihm gelang. Der Wirth blieb sitzen. „Ich bin Ihnen für Ihre gute Meinung sehr verbunden, Signore," sagte der Wirth halb lachend, „kaufen Sie beim nächsten Agenten drüben auf meinen Namen ein Mailänder Loos, und wenn ich den ersten Treffer bekomme, soll es Ihr Schaden nicht sein." „Wenn — wenn Sie den ersten — einen ersten Treffer bekommen", sagte Cieco, äußerst listig aus dem rechten Winkel seines linken Auges blinzelnd. „Wenn—" „Nun ja", sagte der Wirth, diesmal nicht bloß mit 443 halbem Lachen, „wenn mir irgend Jemand einen großen Gewinn verschafft, so würde er von mir seinen redlichen Antheil daran erhalten." „Wie? wenn ich Ihnen noch eine Erbschaft von Ihrem Urahn zubringen könnte?" sagte Cieco. „Was fehlt Ihnen, Signore?" rief der Wirth abermals. „Ich weiß von der Hinterlassenschaft Ihres Urahns mehr als Sie." „Ich bin überzeugt, daß dies nicht der Fall ist", versetzte der Wirth und fing an, zurückhaltender zu werden. „Hm!" sagte Cieco. Der Wirth fragte Cieco, wie weit dieser sein Spiel treiben wolle; ob Cieco glaube, daß sein Gastgeber als bejahrter Mann ein Gegenstand studentischer Witze sei; ob es sich nicht für den Gast gezieme, wenn er etwas Wahrhaftes zu sagen hätte, es wie ein ernster Mann seinem Nebenmann frei zu sagen, statt sich in unverständlichen Gleichnissen zu bewegen. „Ja, ja", wiederholte der Wirth ungeduldig. „Und auch der Urkunde glauben und an der bezeichneten Stelle nachsehen?" fuhr Cieco fort, „und auch Ihre Christenpflicht an einem Leichnam erfüllen?" „Ja doch, ja doch, geben Sie nur das alte Papier her!" antwortete der Wirth. „Da ist es", sagte Cieco und gab ihm das Pergament. Eine furchtbare Aufregung bemächtigte sich des Wirthes. Cieco sah sofort, daß der Wirth längst Geahntes bestätigt fand. Die Enkel hatten stets von geheimen Kellern ihres Urahns reden hören und glaubten auch, daß er in einem solchen verunglückt sein könne. „O der arme Ahn!" rief der Wirth aus. „Sie werden den Schatz heben", sagte Cieco. „Beruhigen Sie sich!" „Ich beruhige mich", keuchte der Wirth. „Bleiben Sie dicse Ferien bei uns, wir wollen dem Velletri wacker St. Alb an (Villa und Gasthaus). NM-I „Ich will Ihnen Alles sagen", entgegnete Cieco, „hoffe aber, daß Sie auch Ihrer vorigen Betheuerungen nicht uneingedenk sind." „Was ist's?" fragte der Wirth, Cieco erwartungsvoll ansehend. „Es wird Sie in das größte Erstaunen setzen", sagte Cieco, in die Tasche greifend. „Sie find in Geldverlegenheit", erwiderte der Wirth, „ich kann Ihnen nicht dienen." „Pah!" fuhr Cieco fort, „ich habe wenig Geld, aber nie während meiner Reise gerade auf Sie gerechnet. Das ist's nicht." „Bei meiner Nase, was kann es sein?" rief der Wirth fast geängstigt aus. „Erschrecken Sie nicht!" sagte Cieco, zog langsam das Pergament hervor und faltete es auseinander. „Lesen Sie dies und betrachten Sie die Zeichnung!" sagte er. „Geben Sie her!" sprach derWirth. „Was ist damit?" „Wollen Sie Ihrer Versprechungen eingedenk sein?" zusprechen, und ich will auch sorgen, daß Sie bei der Heimreise nicht allzusehr denselben vermissen." „Ich nehme Ihr Anerbieten an", sagte Cieco, und trotz der Fragen des Wirthes verschwieg er, auf welche wundersame Art er zu dem Pergament gekommen. Der Urahn, in dem Vorgewölbe zur Mumie geworden, fand seinen Platz auf dem Cimiterio Chiavenna's. Der Wein — ein Velletri von seltenstem Alter und auserlesener Güte — wanderte nach und nach in den Hauskeller des Antonio Dario. Cieco aß und trank nach Herzenslust vier Wochen lang in dem behaglichen Albergo. Als er schied, weinte Dario. Ob aus Schmerz, den Freund zu verlieren, oder aus Freude, den Schmauser los zu werden, steht dahin. Sein Versprechen, dem Studenten noch zur Weiterreise die Börse zu füllen, hielt er. Auf dem Heimweg suchte Cieco durch weise Abstufungen, indem er vom Velletri in Bozen zum Kälterer Seewein, in Meran zum Terlaner, in Innsbruck zum Spezial und in Kufstein zum gewöhnlichen Tiroler über- 444 ging, seine Geschmacksnerven wieder für weniger kostbare Genüsse zu präpariren. Cieco's Geschichte wurde von Jedermann geglaubt, seine Feinde ausgenommen. Von diesen sagten Einige, Cieco hätte sie vom Anfang bis zum Ende erdichtet; Andere, er wäre bckneipt gewesen, hätte sie geträumt, und die Urkunde sei schon Abends zufällig beim Herabheben des Bildes aus dem Rahmen desselben herausgefallen. Es besteht kein triftiger Grund, die wenigstens theilweise Wahrheit der Erzählung Cieco's, die Verfasser woitgetreu wiedergab, anzufechten, und dabei muß es sein Bewenden haben. —»s-!8«es—- — Zu unseren Bildern Erzherzog Glto. Nach dem Tode des Kronprinzen Rudolf, des einzigen Sohnes Kaiser Franz Joseph'S, ging nach der Tbronfolgeord- nung der österreichisch-ungarischen Monarchie die Anwartschaft auf die Thronfolge auf den ältesten Bruder des Kaisers, den Erzherzog Karl Ludwig, über. Nach dem vor wenigen Wochen eingetretenen Tode des Erzherzogs Karl Ludwig gina der Anspruch auf die Thronfolge auf den Erzberzog Franz Ferdinand d'Este über, der, seit seiner Weltreise in seiner Gesundheit erschüttert, zu seiner Herstellung großer Schonung bedaif und für längere Zeit sich auf sein Schloß Kouopischt in Böhmen zurückgezogen hat. Der Tod des Erzhczogs Karl Ludwig machte die Ueberlragung der von diescnr mit größter Hingebung erfüllten RepräsentationSpflichten auf andere Schultern nothwendig. Da der hierzu in erster Linie berufene Erzherzog Ferdinand d'Este wegen seiner leidenden Gesundheit mit derartigen Aufgaben nicht betraut werden konnte, so wurden dieselben und die damit verbundene Stellvertretung des Kaisers dem Erzherzog Otto übertragen, dem hierbei seine Gemahlin, Erzherzogin Maria Josepha, eine Tochter deS Prinzen Georg von Sachsen, zur Seite lieht. Der bisherige beschränkte Hofhält des erzherzoglichen Paars wird aufgelöst, an seine Stelle tritt ein größerer Hofstaat. Das erzherzogliche Paar wird in dem lauschigen Augartenpalais, dem Buenretiro Kaiser Joseph'S II. und deS nachmaligen Kaisers Maximilian von Mexico, residiren und — auf ausdrücklichen Wunsch des Kaisers — einen Hofhält in großem Stil führen. Der Hofwelt und den höheren wiener Gesellschaftskreisen wird sich sonach im Augartenpalais eine neue Stätte geselligen Verkehrs erschließen. Erzherzog Otto Franz Joseph, am 21. April 1865 geboren, ist ein Sohn des verstorbenen Kaiserbruders Karl Ludwig aus dessen zweiter Ehe mit der 1871 verstorbenen Prinzessin Maria Annunciata von Bourbon-Sicilien. Er genoß, wie seine Geschwister, unter den Augen seines Vaters, eine sorgfältige Erziehung. Im praktischen Truppendienst, dem er mit großer Pflichttreue oblag, ist er, meist in kleinern Städten garniso- nirend, zum Oberst und Commandanten eines Husarenregiments emporgcrückt und wird demnächst als Generalmajor eine Brigade der wiener Garnison übernehmen. Seiner Ehe mit der Prinzessin Maria Josepha von Sachsen, die schon zu wiederholten Malen bei Hoffeierlichkeiten an Stelle der abwesenden Kaiserin fungirte, entsprossen die Erzherzoge Karl und Max. Diese noch im jugendlichen Alter stehenden Prinzen nehmen in der Thronfolge- und Hofrangordnung den Rang unmittelbar nach ihrem Vater ein. Genesen. Den ganzen langen Winter über hat die Arme, von einer bösartigen Krankheit heimgesucht, auf dem Leidenslager zugebracht. Der alte Spitalarzt hegte nur noch geringe Hoffnung, sie dem Leben zu erhalten, doch Dank der unermüdl chen selbstlosen Pflege der freundlichen Schwester ist m t dem erwachenden Frühling allmälig wieder neues Leben über den siechen Körper gekommen, und seitdem der Lenz seinen Einzug gehalten und die warmen Sonnenstrahlen die duftenden Rosenkelche geöffnet haben, kann sie an der Hand ihrer treuen Pflegern: schon einige Stunden des Mittags in dem freundlichen Garten zubringen, dessen seliger Friede, dessen duftige Farbenpracht im Verein mit dem lustigen Gesänge der munteren Vögelein so wohlthuend auf Keilt und Körver der Genesenden wirken. Von Tag zu Tag fühlt sie ihre Kraft erstarken, bad blühende Roth, das ehedem auf ihren Wangen gethront, kehrt langsam wieder zurück, und in einigen Wochen schon wird sie sich dankbaren Herzens gegen Gott und die menschenfreundlichen Schwestern ihrer Arbeit wieder unterziehen können. Sankt Alban am Ammersee. Am westlichen Ufer des Ammersee's, zwei Kilometer vom Markte Diessen entfernt, spiegeln sich die etlichen Häuschen mit der alten Kirche und der Badeanstalt nebst Gartenwirthschaft St. Alban im Ammersee, eine wahre Perle deS Seetbales. Weit zurück in die Römerzeit reicht die Geschichte dieses lieblichen Erdenfleckchens, denn noch jetzt finden sich binter den beiden Fischerhäuschen die deutlichen Spuren eines Wallgrabens, der das Wachthaus der Fähre nach Hersching umgab. Auf der nahen, westlichen Höbe zog die Römerstraße vorüber, und das jetzige Oekonomiegut Romanthal da oben mag wohl dereinst die Villa eines Tribunen gewesen sein. — Um das Jahr 970 erbaute die fromme Gräfin Cunissa von Diessen und Andechs, eine geborene Gräfin von Oeningen, das Kirchlein zu Ehren des heiligen Märtyrers Alban von Mainz, dessen Leichnam ihr der Schwager, Bischof Aribo von Mainz, ein An- dechser Graf, geschenkt hatte. Im Jahre 1490 ward die Kirche so baufällig, daß sie der Propst Zallingcr au: den einmüthigen Wunsch der Pfarrangehörigen, welke großes Vertrauen zu dem wundertbätigen Heiligen hatten, erneuern ließ. Bei dieser Gelegenheit wurden St. Albans Gebeine, welche unter Propst Jacob im Jahre 1416 der Sicherheit wegen nach Andechs gebracht worden waren, wieder in die erneute Kirche überführt. Im 18. Jahrhundert erfolgte noch ein Umbau, und da die Kirche im Jahre 1812 versteigert wurde, erwarb dieselbe der Diessener Bierbrauer Johann Mambofer für die Pfarrei. Am 2l. Juni jeden Jahres wird das Patrocmium in St. Alban mit Amt und Predigt gefeiert, wobei viele auswärtige Wallfahrer erscheinen. Ganz nahe bei der Kirche befindet sich die Badeanstalt mit Gastwirthschaft, welche seit der Uebernahme durch Herrn Lauter wesentlich verbessert und verschönert wurde. Es ist wirklich ein Genuß, von dem schattigen WirthSgarten aus, in welchem übrigens auch für die leiblichen Bedürfnisse durch vorzügliches frisches Bier und kalte Speisen bestens gesorgt ist. das schöne Landschaftsbild, den herrlichen See, die jenseitigen bewaldeten Höhen mit dem alten, ehrwürdigen Kloster und Wallfahrtsorte Andechs, dann die im bläulichen Dufte sich zeigende Gebirgskette von der Benediktenwand bis zur Zugspitze zu schauen. Liebhaber erhalten in der Wirthschaft auch vorzügliche Milch und guten Kaffee, denn Herr Sauter hat selbst eine Oekoncmie. Es war lange Zeit still an diesem Fleckchen, aber seit einem Jahre ist's lebhasr geworden, die Diessener, besonders gesellige Vereine, wandern oder fahren zu dem selbst musikalischen Besitzer des Gasthauses und amüsiren sich dort vortrefflich. Vom WirthSgarten aus führt ein Steg zum Badehäuschen im See, welches mehrere Kabinen enthält. Versäume es nicht, lieber Wanderer, hier in der kühlen, herrlichen Fluth deinen Leib zu erfrischen, behauptet ja ein berühmter norddeutscher Arzt, daß die Ammerseebäder den Nordseebädern an Wirkung gleichkommen. Bist Du ein Freund von Fischen, so werden zwei Fischer Deine Sehnsucht stillen, und kommst Du im August, so wird Dir Herr oder Frau Fischer Rauch eine Delikatesse des Ammersee's, die geräucherten Schilche, vorsetzen. — Sowohl in der Badewirthschaft, als bei den beiden Fischern und im Schusterhause sind eingerichtete Zimmer zu haben. Also auf nach Sankt Alban, dieser Perle des Ammersee's I F. Sch... Auflösung der Schachaufgabe iu Nr, 57: Weiß. L-ckwarz. 1. S. 68-V7 -j- K. 68-67 2. T. 4.8-68 K. 67—66 3. S. 07-66 §7-86: 4, D. 67—671- K. 66-65 5. S. V7—65 §6 65: 6. L. §3-64 §5—64: 7. L. 61—§3 §4-63: 8. D. §7-§7 -j- K. 65 - 66 9. K. 63-62 114-113 10. 62-63 65-114 11. 63-64 66-115 12. 64 - 65 117—116 13. D. §7—§6 f 14. 65-66 Matt. K. 66 -117 - -KZWZ-- — M 59, Ireitag, den 17. Juli 1898. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Borbefitzcr Dr. Max Huttler). Krarkenherz rmd Irauenwatten. Lebensbild von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Am Tage vor der Beerdigung öffnete Hedwig, welche sich in einer völligen Nervenabspannung befand und wiederum mehrere Stunden ruhig dagelegen, die Augen und war erfreut, Marie an ihrer Seite zu sehen. Sie blickte sie einige Augenblicke forschend und fragend an und sagte: „Marie, wie geht es Albrecht? — Gestern ist mir gesagt worden, es stehe nicht gut um ihn-" „Wen meinst Du, Hedwig?" sprach ausweichend Marie, „Deinen Mann oder Dein Kind — —" „Erzähle mir erst von meinem Mann", und wiederum forschten ihre Augen in den Augen und Zügen der Freundin. „Es geht allerdings noch nicht besser mit ihm", sprach Marie so ruhig sie vermochte, „allein die Aerzte sind seinetwegen ohne jegliche Besorgnihl" „Marie", rief sich hastig aufrichtend Hedwig, „sprichst Du auch die Wahrheit?" „Gewiß, Hedwig I" versicherte Marie und hielt nochmals deren forschenden Blick aus. „Ich will Dir glauben", erwiderte langsam Erstere, „aber nun sage mir auch, wie es mit meinem Kinde steht!" Marie war auf diese Frage vorbereitet, dennoch zauderte sie einen Moment, ehe sie antwortete. „Leider, Hedwig, befindet Albrecht sich nicht so gut wie sein Vater. „Das Fieber nimmt in bedenklicher Weise bei ihm zu — —" Hedwig war Mariens Zögern nicht entgangen, und deren Hand fassend, rief sie hastig und nochmals mit einem forschenden Blick: „Marie, Du sprichst nicht die Wahrheit! — Mein Kind ist bereits todt — Albrecht wird auch sterben — ich — ich will mich selbst überzeugen —" und sie machte Miene sich zu erheben. Marie hielt sie mit sanfter Gewalt zurück, versicherte ihr nochmals, daß ihr Mann lebe und mit Gottes Hülfe genesen werde, ihr Kind aber, wie bereits gesagt, sehr krank sei. Mit einem lauten Aufschrei sank Hedwig bewußtlos zurück, und glücklicherweise trat die Diakonissin, welche eine Stunde Schlaf genossen, wieder ein. Nach Anwendung belebender Essenzen öffnete sie die Augen, und Marie erblickend, sagte sie mit sanfter, trauriger Stimme: „Ich weiß, daß Beide todt sind, Marie — —" „Aber, Hedwig, Dein Mann lebt — Albrecht auch noch — —", unterbrach diese ruhig, doch ernst. „Nein, nein, ich glaube es nicht", erwiderte Hedwig heftiger. „Während ich krank gewesen, sind sie gestorben und begraben, und ich werde ihnen bald folgen — —" und nochmals schloß sie die Augen. Marie blickte die erfahrene Krankenpflegerin besorgt an, diese aber winkte ihr beruhigend und zog sich zurück, während sie an ihrer Seite blieb. Nach einer Weile erwachte Hedwig wieder und sprach ruhig über den Tod ihres Mannes und Sohnes, den sie als gewiß annahm. Ihre beiden jüngeren Kinder schienen ihrem Gedächtniß entschwunden zu sein, wie sie auch Frau Günther's und Neichardt's nicht erwähnte. Die Diakonissin gab Marien ein Zeichen auf ihre Ideen einzugehen, deßhalb auch widersprach sie ihr nicht, war aber von der furchtbarsten Angst um sie erfüllt, denn die Befürchtungen der verstorbenen Frau Neichardt, wie auch diejenigen von Frau Günther schienen in schrecklicher Weise sich bewahrheiten zu sollen. — XIII. Dr. Günther war vollständig genesen und hatte auch seine Praxis wieder aufgenommen, seine ältester Sohn ruhte im stillen Grabe neben seinen Großeltern, die jüngeren Kinder aber waren wieder in seine Wohnung zurückgekehrt, in der seine Mutter schaltete und waltete, denn Hedwig, das so innig geliebte Weib seines Herzens, vor einem Jahre noch blühend in frischer Jugendkraft, war unfähig ihren Pflichten als Gattin und Mutter, die sie stets so gewissenhaft geübt, nachzukommen, sie weilte — es war um die Mitte Mai — in der kaum eine halbe Stunde von der Stadt gelegenen Irrenanstalt. — — Da nach ihrem verhängnißvollen Gespräch mit Marie Feldheim die sie behandelnden Aerzte es sich nicht verhehlen konnten, daß in Folge aller Aufregung ein Nervenleiden — eine augenblickliche Geistesstörung — bei ihr eingetreten war, so wurde der Oberarzt der genannten Irrenanstalt, ein Mann von bedeutendem Nuf, zu Rathe gezogen, und nachdem er Alles erfahren, erklärte er, die Patientin nur in der Anstalt beobachten und behandeln zu können, und daß sie, da auch eine Orts- Veränderung, wie ein Umgangswechsel für sie nothwendig j sei, dorthin überführt werden müsse. Diese Erklärung war für die Familie wie auch für Marie Feldheim ein harter Schlag; da aber in der Sache sofort gehandelt werden mußte, übernahm diese es, Hedwig in Begleitung der Diakonissin, die ihre einzige Gesellschaft gewesen, nach der Anstalt zu geleiten. Hedwig, welche sich vollkommen bewußt war krank zu sein, stimmte, als Marie ihr vorschlug, ihre Wohnung zu verlassen und in einer freundlich gelegenen Anstalt Kräftigung ihrer Gesundheit zu suchen, damit überein, wenngleich sie mit der ihr eigen gewordenen traurigen Ergebung hinzusetzte: „Es wird mir doch nichts nützen, Marie, und ich werde, was ich auch am liebsten will, meinem Manne und Kinde gewiß bald folgen!" Am nächsten Morgen fuhr Marie mit ihr, die ruhig und gleichgiltig ihr sonst so glückliches Heim verließ, dorthin. Dr. Günther, seine Mutter und Neichardt's, welche auf Anordnung der Aerzte sie nicht wieder erblickt, sahen vom Fenster auS der Abfahrt zu und erschraken über die binnen wenigen Wochen mit ihr vorgegangene Veränderung. Der Oberarzt und zwei Wärterinnen empfingen sie am Eingang eines Seiten- flüges der Anstalt, der, mit grünen Fensterjalousien versehen, rings mit Nasen und Blumenbeeten umgeben, denen sich schattige Wege anschlössen, einem freundlichen Gartenhause glich. Auf Dr. Günther's besonderen Wunsch bekam seine kranke Gattin zwei behaglich ausgestattete Zimmer, in denen sie ihre Handarbeiten, leichte Unterhaltungsschriften und auch ihren Flügel fand, denn seit ihrer Erkrankung hatte sie eine besondere Vorliebe für die Musik an den Tag gelegt. Der Oberarzt forderte Marie zum Bleiben auf, und diese half ihre Zimmer ordnen und unternahm dann mit ihr einen schon lange entbehrten Spaziergang. Sie durchschritten mehrere Wege und Alleen, welche mehr oder weniger im frischen Frühlingsgrün prangten, über das Hedwig lebhafte Freude empfand, und gelangten durch eine der letzteren fast an das Ufer des Flusses, der auch die Stadt berührte. Auf einer der am Wege stehenden Bänke sitzend, sah sie mit einigem Vergnügen dem Vorüberfahren mehrerer größerer und kleinerer Schiffe zu. Gegen Abend überließ Marie Hedwig der Obhut und Sorge fremder Hände, was diese indeß nicht zu empfinden schien, und nahm mit schwerem Herzen von ihr Abschied, nachdem sie ihr und auch dem Oberarzt versprochen, baldigst wieder zu kommen. Sie begab sich nach Dr. Günther's Wohnung, wo sie voll Spannung erwartet ward und von den Vorgän-en des Tages Bericht erstattete. Frau Günther und Neichardt's hörten ihr unter Thränen zu, mit bleichen Gesicht aber, in dessen Zügen sich der tiefste Schmerz aussprach Dr. Günther, und wenn sie auch ihre Hoffnung auf HedwigS Genesung aussprachen, glaubten sie in der Tiefe ihres Herzens kaum an eine solche. — Nach diesem traurigen Tage waren Wochen vergangen. Durch die ihr zu Theil werdende Pflege und Behandlung ward Hedwig körperlich kräftiger, und hoffte der Arzt, daß dadurch auch ihre Nerven sich kräftigen und belebend auf ihre geistigen Fähigkeiten wirken würden. Zuweilen schien es ihm als ob die Erinnerung in ihr wach werden wolle, und veranlaßte er sie daher j einmal von ihrer Familie zu sprechen. Zu seiner Freude ging sie darauf ein, erzählte ihm von ihren Eltern, ihrer Pflegemutter und dem kleinen Max Neichardt. die gleich ihrem Manne und ihrem Sohne gestorben seien, nnd fügte traurig hinzu: „Die meisten Menschen, mit denen ich in Berührung komme, sterben, Herr Doktor, und daher wäre es gewiß besser, ich stürbe, damit nicht Marie Feldheim, meine einzige Freundin, dasselbe Schicksal hat!" Nach dieser Unterredung sagte dem langjährigen Irrenarzt die Erfahrung, daß er ähnliche Gespräche meiden müsse, er und empfahl ihren Wärterinnen strenge an, sie nie außer Acht oder allein zu lassen und niemals nach der Richtung des Flusses mit ihr zu gehen. — Wieder waren Wochen dahingeschwunden, Ende Juli herangekommen, und weder Dr. Günther noch seine Mutter, weder Neichardt's noch Marie Feldheim dachten an irgend einen Sommergenuß. Ihre Gedanken waren nur nach der Irrenanstalt gerichtet, wo ohne ein Zeichen von Besserung Hedwig sich noch immer befand und Marie sie, so oft es der Arzt gestattete, besuchte. Sie freute sich dessen stets, sah sie aber auch ohne Betrübniß scheiden, und beklagte auch ihr gegenüber oft, daß sie schon so vielen Menschen den Tod gebracht, und fügte den Wunsch, baldigst zu sterben, hinzu, um wieder mit ihrem Manne und Kind vereinigt zu sein. Marie versuchte, ihr dergleichen schwermüthige Gedanken auszureden, stellte ihr in Aussicht, bald genesen zu sein, und fügte liebevoll und ermuthigend hinzu: „Und dann bleibst Du bei mir, Hedwig! Wir richten uns in dem Gartenzimmer ein —" „Nein, nein, Marie, das werde ich nie thun", erwiderte sie dann ängstlich. „Du würdest sonst auch sterben, und ich — ich hätte Niemand mehr auf der Welt!" Mit schwerem Herzen zwar machte Marie ihr dann in heiterer Weise Vorstellungen, doch waren diese vergeblich, Hedwig ward nur noch trauriger. Die einzige Zerstreuung gewährte ihr die Musik, und zu dieser nahm Marie ihre Zuflucht. Spät am Nachmittag eines schönen SommertageS, den Hedwig mit ihrer Wärterin im Freien zugebracht, nahm sie ermüdet von einem weiteren Weg mit dieser auf einer Gartenbank Platz. Sie war verstimmt, denn sie hatte Marie erwartet, die zwar erst am Tage zuvor bei ihr gewesen, und war ihrer Begleiterin gegenüber der Ansicht, daß sie krank geworden und sie sie daher lange nicht wiedersehen werde. Jene versuchte, ihr Gegenvorstellungen zu machen, und sie schien auch darauf einzugehen, als plötzlich die Wärterin ihren Namen angstvoll rufen hörte. Ohne auch nur einen Moment nachzudenken, verließ sie Hedwig, eilte der Richtung, woher der Ruf gekommen, zu, und sah auch bald, daß eine andere, mit einer kranken Dame beschäftigte Wärterin bereits Beistand bekommen. Jetzt plötzlich sich der begangenen Sorglosigkeit bewußt werdend, lief sie so schnell sie vermochte nach der Bank zurück, doch war ihre Pflegebefohlene und ihr eigener großer Gartenhut verschwunden, und hatte diese den ihrigen zurückgelassen. Von Schrecken und Angst erfaßt, blickte sie angestrengt lauschend umher, doch war Niemand zu sehen und ebenso wenig irgend ein Laut zu hören. Sie stürzte nun der Richtung des Flusses zu, vor dem sie in Bezug auf ihre Kranke so dringend gewarnt worden war, und rief zu- 447 gleich mehrere in der Nähe sich befindend Wärterinnen herbei, wie sie dem ihr begegnenden Gärtner auftrug, dein Oberarzt anzuzeigen, daß Frau Dr. Günther verschwunden sei. Dieser ward durch die Meldung in den größten Schrecken wie Zorn gegen die Wärterin versetzt, und bald waren alle in der Anstalt zu entbehrende Menschen unterwegs, die Entflohene zu suchen. Ein Theil derselben eilte zu beiden Seiten des Flußufers entlang, während die Uebrigen in den Spaziergängen nach ihr forschten. So schwer eS ihm auch ward, hielt dennoch der Oberarzt es für seine Pflicht, Dr. Günther und Marie Feldheim von dem Verschwinden seiner Patientin sogleich zu benachrichtigen, da auch die Möglichkeit vorhanden, daß sie den Entschluß gefaßt, sich zu Marie zu begeben, deren Erkrankung sie angenommen, und er führte dieß auf der Stelle durch zwei besondere Boten aus. — Unterdeß war flüchtigen Schrittes eine Frauen- gestalt im leichten, grauen Mantel, und mit dem großen Hut der Wärterin versehen, mehrere Wege durcheilt und gelangte auf einem derselben an das offenstehende Thor der Anstalt. Dieß durchschritt sie langsam, ging eben so langsam eine kleine Strecke die Landstraße hinab und nach der gegenüberliegenden Seite, dann aber schneller und schneller bis sie ein Stück Weideland erreichte, hinter welchem sie den Fluß ruhig fließen sah, an dessen Ufer sich theilweise niedriges Gebüsch hinzog. Sich mehrere Male umsehend, erblickte sie jedoch Niemand auf der weiten, stillen Grasfläche und ging nun langsam dem Flußrand zu. Hier stand sie eine Weile still, preßte beide Hände gegen die Brust und sprach halblaute Worte, bei denen Thränen ihre Wangen hinabglitten. Sich nochmals nach allen Richtungen umblickend, sah sie in geringer Entfernung einen sich in den Fluß erstreckenden Steg, der zur heißen Sommerszeit zum Wafferschöpfen diente, und auf diesen schritt sie zu, indem sie dabei von den umherliegenden Steinen sammelte, mit denen sie ihre Taschen füllte. Nun betrat sie den Steg, ging diesen einige Schritte entlang — ein Fall — und die eben noch so leicht und ruhig sich kräuselnden Wellen schlugen, so plötzlich getheilt, heftig zusammen, und unter ihnen hatte ein Menschenherz die gesuchte Nutze gefunden. — Mehrere der ausgeschickten Leute kehrten nach vergeblichem Suchen zu dem Oberarzt zurück, einer der Wärterinnen aber kam der Gedanke, die Kranke könne die Anstalt verlassen haben, und sie ging daher auf die Landstraße hinaus, auf der sie glücklicherweise noch einen daselbst beschäftigten, ihnen Allen bekannten Arbeiter traf. Sie fragte ihn, ob er irgend Jemand daZ Thor habe verlassen sehen, worauf er ihr antwortete, daß vor länger als einer Viertelstunde eine Wärterin hinaus und über das Weideland gegangen sei. Die Fragerin hatte genug erfahren und forderte im Namen des Oberarztes den Arbeiter auf, die von ihm bezeichnete Wärterin sogleich zu suchen, während sie ihm die Anzeige machen wolle, daß sie gesehen worden fei. Von Schrecken ergriffen, vernahm der Oberarzt diese Nachricht, und Wärter und Wärterinnen wurden fortgeschickt die Entflohene zu suchen. Lange war dieß vergeblich; da ward in der Nähe des Steges ein weißes Taschentuch mit den eingestickten Buchstaben „H. G." gefunden. Nun blieb kein Zweifel mehr, wohin sie sich gewandt, und es wurden schleunigst Stangen und Haken zum Suchen herbeigeschafft. Längere Zeit waren auch hier alle Bemühungen vergeblich, endlich aber zog man, und zwar nahe dem Steg und von den Wurzeln eines Gebüsches festgehakt, die Leiche hervor. Es war ein Glück, daß diese deren Kleider erfaßt, sonst wäre sie, da mit Steinen beschwert, jedenfalls tiefer gesunken, und um so schwieriger aufzufinden gewesen. Tieferschüttert umstanden Alle die Leiche der schönen, jungen Frau, und es ward eine mit einer Matratze und Decken versehene Bahre geholt, um sie nach der Anstalt zu bringen. XIV. Wie oft hatte Marie Feldheim HedwigS Kinder mit deren Wärterin eingeladen, um ihnen in ihrem großen Garten mit dem reichlich vorhandenen Spielzeug einen fröhlichen Tag zu bereiten. Gegen halb sieben Uhr hatte sie die Kleinen zurückgeschickt, und zwar u« ihnen Freude bereiten zu können, in einem Wagen, in dem auch die von ihnen gepflückten Blumen und Früchte Platz gefunden, welche sie ihrem Vater und ihrer Großmutter mitnehmen wollten. Den Wagen erwartend, in dem sie sich zu Reichardt'S begeben wollte, hörte Marie schnell die Hausthür öffnen, und aus dem Zimmer blickend sah sie einen ihr unbekannten Mann, welcher ihr einen Brief überreichte und um Antwort bat. Das Schreiben in Empfang nehmend fragte sie ihn, von wem er komme, worauf er ihr erwiderte: „Vorn Herrn Oberarzt der Irrenanstalt!" Von einem jähen Schrecken ergriffen, trat sie inS Gartenzimmer zurück, öffnete hastig den Brief und laS die wenigen verhängnißvollen Zeilen. Von der furchtbarsten Aufregung ergriffen, fragte sie den Boten, ob er bei Dr. Günther gewesen, oder sich noch zu ihm begeben wolle, worauf er ihr erwiderte, daß ein Anderer dorthin gegangen sei. Nun schrieb sie hastig einige Zeilen, steckte sie in ein Couvert, das sie adresfirte, und übergab es dem Manne, welcher sich schnell damit entfernte. Dann kleidete sie sich zum Ausgehen an, und da auch der Wagen zurückgekommen, sagte sie Johann, daß sie vielleicht erst spät wiederkehren werde, stieg schnell ein und gab zu seiner Ueberraschnng dem Kutscher die Weisung, wiederum und so schnell wie möglich nach Dr. Günthers Wohnung zu fahren. Hier hatten kaum mit freudestrahlenden Gesichtern die Kinder ihre Schätze vertheilt und selbst Dr. Günthers Züge sich bei ihrem Anblick erheitert, als hastig die Hausthür geöffnet ward und die nichtsahnende Dora ein Schreiben in Empfang nahm, auf das der Ueber« bringn sogleich Antwort erwartete. An dergleichen Bestellungen gewöhnt, übergab sie es Dr. Günther, welcher ebenfalls ahnungslos es öffnete und las, dann tödtlich erblassend seiner Mutter ein Zeichen gab, ihm in sein Zimmer zu folgen. Bei seinem Anblick von Schrecken erfaßt, that sie dieß, und hier sagte er, indem er zugleich an den Schreibtisch trat, mit stockender Stimme: „Mutter — Mutter — der Brief ist vorn Oberarzt — Hcdwig ist verschwunden und gewiß-" „Ums Himmclswillen, Albrecht!" unterbrach wankend Frau Günther und sank auf einen Stuhl, er aber schrieb Listig die wenigen Zeilen, versiegelte sie und übergab sie dem Boten, welcher sich damit entfernte, 448 während er zu seiner Mutter, die starren Auges und kvrachloS dasaß, sagte: .Es wird ein Unglück geschehen sein, und ich muß sogleich nach der Anstalt. Laß vorläufig hier im Hause Niemand davon erfahren, Neichardt'S aber kommen und bleibe selbst in der Wohnung!" Seine Mutter versprach alles und fügte schnell hinzu: „Und Fräulein Feldheim?" „Sie wird natürlich Nachricht bekommen haben —" „Wenn Hedwig zu ihr gegangen wäre — —" Eine Antwort erhielt sie nicht, denn in schnellem Trabe fuhr ein Wagen vor, dem Marie Feldheim entstieg und inS HauS eilte. Dr. Günther ging ihr entgegen, ein gegenseitiger trauriger Blick verständigte sie hinlänglich, und ihm in sein Zimmer folgend, begrüßte sie mit einem theilnehmenden Händedruck seine heftig erregte Mutter, indem sie zugleich beruhigend sagte: „Die Sache klärt sich vielleicht günstiger auf als wir denken, Frau Günther, wir dürfen wenigstens diese Hoffnung noch nicht aufgeben!" und sich dann wiederum an deren Sohn wendend fügte sie hinzu: „Im Begriff hinauszufahren, Herr Doktor, bitte ich Sie den Wagen gleichfalls zu benutzen-" In der nächsten Minute fuhren sie, das Herz voll schwerer und wie sie sich sagen konnten gerechtfertigter Sorgen, auf dem Weg nach der Irrenanstalt dahin. Sie sprachen kaum, ihre zunehmende Angst und Aufregung ließ sie keine Worte finden. In verhältnißmähig kurzer Zeit, dennoch bei bereits sinkender Sonne, erreichten sie die Anstalt, wo der Oberarzt selbst sie mit traurigem, teilnehmendem Gesicht empfing. Er führte sie in sein Zimmer, und in der heftigsten Bewegung sagte Dr. Günther: „Was — was haben Sie uns mitzutheilen, Herr Doktor? — Ihren Gestchtszügen nach zu urtheilen, haben wir gewiß das Schlimmste von Ihnen zu erfahren —" „Leider und zu meinem größten Schmerz", erwiderte ebenfalls bewegt der Oberarzt, und erzählte was geschehen und wie Alles sich zugetragen. Seine Zuhörer unterbrachen ihn nicht, hatten auch keine Antwort als er seinen Bericht beendet, doch forderte Dr. Günther mit tiefer heiserer Stimme die Leiche seiner Gattin zu sehen, indeß Marie ihrer unglücklichen Freundin heiße Thränen nachweinte. Der Oberarzt führte sie in die von der Dahingeschiedenen bewohnten Zimmer, wo diese in ein weißes Gewand gehüllt auf ihrem Bette ruhte. Das reiche, noch nasse blonde Haar war von der Stirn gescheitelt und zu beiden Seiten des Kopfes auf das Kissen gebreitet. Die Augen waren geschloffen, und auf dem marmorbleichsn Gesicht trat unverkennbar ein tieftrauriger Zug hervor. Lange stand im tiefsten Schmerz Dr. Günther neben der Leiche seines geliebten Weibes, dessen Liebe auch er in so reichem Maße besessen, und das in dem Wahn gestorben, mit ihm und ihrem Kinde wieder vereint zu werden. Dann küßte er die schöne, im Tode noch so jugendliche Stirn, wandte sich darauf Marien zu, und ihr die Hand reichend sagte er kaum vernehmbar : „Nehmen Sie hier meinen innigsten Dank, Fräulein Feldheim, für alles was Sie meiner armen Hedwig gethan und ich Ihnen werde nie vergelten können!" Unfähig zu antworten drückte Marie seine Hand, dann verrichteten Beide ein stilles Gebet — sie verhüllte das Antlitz der Todten, und langsam verließen sie das Zimmer. Ernsten, traurigen Gesichtes erwartete sie der Oberarzt, bei dem Dr. Günther befürwortete, die Leiche seiner Frau unter üblicher Ueberwachung in ihrem Zimmer verbleiben zu lassen, am nächsten Tage werde er die für die Beerdigung erforderlichen Anordnungen machen. Dann schieden sie von dem Irrenarzt, bestiegen den ihrer harrenden Wagen und begaben sich zu Frau Günther und Neichardt'S, die in der größten Angst und Besorgniß ihrer warteten. Zwar nicht auf günstige Nachrichten vorbereitet, erfüllte dennoch die Bestätigung aller ihrer Befürchtungen sie mit der größten Trauer, und lange blieb der kleine Kreis beisammen, die Frauen um wieder und wieder das schreckliche Fa- milienereigniß zu besprechen, das ohne die Achtlosigkeit der Wärterin vielleicht nicht geschehen wäre, die Männer um alle Anordnungen für die Beerdigung zu verabreden, das Letzte was sie für die ihnen als Gattin und Pflegetochter gleich thener gewesene Hedwig zu thun vermochten. (Fortsetzung folgt.) - Das Negenttnulder auf der Säule Marc Aurel's in Norn. Ein berühmtes Denkmal aus der römischen Kaiser- zeit ist die noch ziemlich gut erhaltene Säule des Marco- mannensiegerS Marc Aurel. Wahrscheinlich erst nach seinem Tode am 17. März 180 errichtet, bildet sie noch heute einen altehrwürdigen Schmuck der Piazza Colonna, wo einst die Prachtbauten der Antonine sich erhoben haben und die heute zu einem Verkchrsmittelpunkt des römischen Volkes geworden ist. Die Säule ist offenbar eine Nachahmung der Trajanssäule auf dem nach ihm benannten Forum. Das antike Postament ist bis auf einige Siegesgöttinnen mit Kränzen seines Marmorschmuckes beraubt und wurde erst im Lause des sechzehnten Jahrhunderts in den jetzigen Zustand gebracht. Nur mehr der obere Theil desselben ist sichtbar, der untere wurde unter dem Schütte der Jahrhunderte vergraben. Die Säule selbst besteht aus 28 Stück, die Zwei für die Base und das Capitäl mitgerechnet. Im Inneren führt eine Wendeltreppe zur Höhe hinan, von der aus man eine schöne Nundsicht über Rom genießt. Der Zugang zur Treppe ist neu, denn der alte liegt tief unter der Erde. Von außen laufen um die Säule in 20 Spiralen, bestehend aus etwa 28 Stück weißen Marmors, Reliefs herum, die nach vr. Petersen einst mit Farben bemalt waren. Heute ist die Bemalung gänzlich verschwunden, und die Darstellungen können von unten nur mit Mühe noch irgendwie unterschieden werden. Eine der interessantesten derselben ist ohne Zweifel die Darstellung des Negenwunders. Wiederholt wurde dieselbe von den Gelehrten früherer Zeiten zum Beweise für die Thatsächlichkeit des Wunders angezogen, allein die Abbildungen, welche man bisher gab, sind durchaus unrichtig. In jetziger Zeit hat das deutsche archäologische Institut ein genaues Studium des Denkmals begonnen. Durch eine Arbeit des Directors Petersen wurden wissenschaftliche Controversen über das Wunder veranlaßt, an denen sich hervorragende Archäologen wie Harnack, Mommsen u. A. betheiligten. Professor Grisar, der seit Neujahr 449 für die LIviltL oattoliou die „Archeologia" betitelte Gruppe liefert, saßt nun im ersten Hefte des Jahrganges 1895 die Ergebnisse dieser Forschungen kurz zusammen, widerlegt mit triftigen Gründen die Behauptungen Mommsens u. A. und gelangt zu dem Schlüsse, daß wir in dem Relief der Marc Aurel-Säule mit Recht eine Bestätigung des berühmten Negenwunders zu erblicken haben. Zur Verdeutlichung seiner Ausführungen fügt er seiner Darstellung zum ersten Male eine ganz genaue Reproduktion des Reliefs hinzu. Dieselbe zeigt uns zwei Heere; das zahlreiche römische links vom Beschauer scheint durch einen wunderbaren Zufall wie verzaubert, während das barbarische rechts nur mehr durch einige Leichen und Trümmer vertreten, also offenbar zu Grunde gegangen ist. In der Mitte zwischen Beiden oben am Horizonte schwebt ein Genius, dessen Arme, Bart und Haare sich in dicht herabstürzenden Regen auflösen. Diese Personifikation des RegenS ist ohne Zweifel absichtlich gewählt, um etwas Besonderes anzudeuten. Das ist kein gewöhnlicher Regen, welchen der Künstler darstellen wollte, denn sonst hätte er schwerlich den Regen in die Person eines Genius gekleidet, da ihm zur Darstellung desselben, wie der linke Hintergrund zeigt, wo Soldaten mit ihren Schilden den Regen auffangen, andere viel einfachere Mittel zu Geböte standen. Uebcrdies ist die Erscheinung dieses Genius offenbar mit wunderbaren Folgen in Verbindung gebracht. Während die römischen Soldaten in Reih' und Glied dastehen, und theilweise mit Bewunderung zur Erscheinung emporblicken und zwei davon sogar mnthig den Kampf fortsetzen, sind die Barbaren in wilder Verwirrung übereinander gestürzt, als wären sie mit einem Schlage und plötzlich vernichtet worden. Die volle Bedeutung des Bildes' läßt sich aber nur aus den Berichten der gleichzeitigen Schriftsteller begreifen. Grisar zergliedert eingehend die Berichte derselben. Der erste ist Avollinar, Bischof von Hierapolis, dessen Bericht uns Eusebius erhalten hat; er schrieb seine Erzählung ein oder zwei Jahre nach dem Ereignisse. Der zweite Zeuge Tertullian schrieb etwa zwanzig Jahre nach dem Kriege und spricht von dem Ereignisse in seiner Apologie wie von ciner allbekannten und gut bezeugten Thatsache. Der Heide Dion endlich beruft sich in seiner Erzählung auf einen Brief Marc Anrels selbst. Alle drei Berichterstatter stimmen in folgenden Punkten übcrcin. Während des Quadenkricgcs liefen die römischen Truppen Gefahr, zu verdursten, allein nachdem man Gebete veranstaltet hatte, fiel ein so ausgiebiger Regen, daß sich das ganze Heer daran erguickcn konnte und das Ercigniß allgemein als ein Wunder des Himmels angesehen wurde. Als besondere Umstände hiebci erwähnen Npoüiuar und Dion übereinstimmend: 1. daß eben beim Eintritte des Ereignisses ein Kampf mit den Barbaren bevorstand; 2. daß der Regen die Römer erquickte und ihnen den Sieg verschaffte, eben zu der Zeit, als über die Barbaren das Nngewittcr mit Donner und Blitz' sich entlud und sie in Verwirrung brachte. Nur über die Ursache der Erscheinung urtheilen die Schriftsteller verschieden. Nach Apollinar und Tertullian waren es die christlichen Soldaten, welche durch ihr Gebet den Regen erlangt hatten, während Dion vernommen zu haben vorgibt, daß ein ägyptischer Zauberer mit Namen Aruuphis, welcher sich im Gefolge Marc Aurels befand, den Donnerregen vom Himmel herabgezaubert habe. Dieses letztere ist aber schon aus dem Grunde nicht annehmbar, weil Marc Aurel als Philosophenkaiser Zauberer überhaupt in seinem Gefolge nicht zu dulden Pflegte. Uebrigens ist die feindliche Gesinnung Dions gegen das Christenthum aus seinen Schriften genugsam bekannt und eine absichtliche Entstellung der Thatsachen zu Gunsten des Heidenthums nicht ausgeschlossen. Es bestätigt auch Dion das Außerordentliche der Erscheinung, indem er den Sieg ausdrücklich Gott zuschreibt. Nach der Erzählung dieser Gewährsmänner setzte sich das Wunderbare der Thatsache aus zwei Elementen zusammen, nämlich erstens wird das römische Herr durch den Regen vom Durste befreit und so vom Untergänge gerettet, und zweitens erringt es durch die Dazwischenkunft eines Un- gewitters einen glänzenden Sieg über die Barbaren. Der Künstler hat nun von diesen zwei Momenten das Letztere zur Grundlage seiner Darstellung genommen, wahrscheinlich weil es sich besser bildlich versinnlichen läßt, während die Erquickung durch den Regen sich weniger dafür eignen mochte. Jedoch scheint auch dieses Moment nicht gänzlich ausgeschlossen, wie die oben beschriebene Stellung der Römer, bei denen der Regen offenbar ganz entgegengesetzte Wirkungen hat als bei den Barbaren, klar genug es auszusprechen scheint. Außerdem kann noch hinzugefügt werden, daß die Römer, welche noch im Kampfe begriffen sind, so unmittelbar unter dem rechten Flügel des Regengottes stehen, daß man mit Recht darin eine Hindentung aus den besonderen Schutz desselben erblicken kann. Somit kann das Relief als eine Bestätigung der Ueberlieferung betrachtet werden, wenigstens soweit es sich um den Hauptinhalt derselben handelt. Von betenden Soldaten, Blitzen u. dcrgl., wie sie Themistius u. a. zu sehen glaubten, ist allerdings darauf nichts zu finden. Eben so wenig kann man in der Personifikation des Regens eine Anspielung auf irgend eine heidnische Gottheit erblicken, sondern einzig die bildliche Flxirung irgend einer außerordentlichen Thatsache. Baronius nennt darum die Säule ein herrliches Monument des christlichen Glaubens. Die Säule allein genügt allerdings nicht für die Feststellung des Wunders, aber das Relief auf der Säule dient als Bestätigung für die Tradition und verleiht derselben Nachdruck und Kraft. Wenn nun Monimsen dagegen einwendet, man müsse bei jeder wunderbaren Erzählung, welche von einem christlichen Apologeten berichtet wird, nicht allein das Factum als solches in sich als unannehmbar bezeichnen, sondern auch jeden kleinen Umstand desselben vom Standpunkte der Geschichte aus verwerfen, so spricht er damit den folgenschweren Satz aus: Niemals ist ein christlicher Apologet in seiner eigenen Sache ein verläßlicher Zeuge. Sobald aber ein solcher Satz einmal zur Grundlage der Forschung und Kritik gemacht wird, beginnt der Skepticismus in der Geschichte; denn wenn man konsequent sein will, so müßte man den Satz noch mehr auf die Heiden als aus die Christen anwenden. Diesen waren in ihren Apologien schon durch die Art der Schriften, welche ja dazu bestimmt waren, die Heiden und Feinde des Christenthums von der Wahrheit des Christenthums zu überzeugen, gewisse Schranken gesetzt, um. sich vor ihren eigenen Angreifern durch erfundene 450 Erzählungen nicht lächerlich zu machen oder durch Ausstellung leicht zu widerlegender Behauptungen mehr zu schaden als zu nützen, während den H^dcn, die ja für Gesinnungsgenossen schrieben, eine solche Vorsicht nicht auferlegt war und anderweitig feststeht, daß sie gegenüber den Christen und znr Unterdrückung derselben als herrschende Partei nicht selten zu offenbaren Lügen und Lerläumdungen ihre Zuflucht nahmen. Wer sich ausführlicher unterrichten will, den verweisen wir aus die Aussührungen Grisar's an der oben genannten Stelle. Dort findet er auch eine sorgfältige Analyse der Quellen und die wichtigsten Ansichten neuester Gelehrten, welche über dieses Relief geschrieben haben. Hier genügt es, auf diese interessante Frage aufmerksam gemacht zu haben. --«St--- Ein menschlicher VieuensW. - (Nachdruck derb»!«».) Babylon, Ninivch und das tausendthorige Theben sind gefallen. Mit Staunen stehen wir vor ihren Ruinen, die uns ein Bild davon geben, welche Ausdehnung und Pracht diese Plätze einst besaßen. Es ist der ewige Kreislauf von allem, was von Menschenhand herrührt; eS findet stets in seinem Bestehen einmal ein Hemmniß, das es nicht überwinden kann, seien es Verheerungen durch Feiudeshand, seien es Erdbeben und Wassersluthcn oder der natürliche Lauf der Dinge, ein Etwas, was man Altersschwäche nennen könnte. Der Aussprnch Cato's des Aclteren „tüotsrnm ovusso, Oartüaxinsni esss äelsuclanr" ist das Mene Tckcl, welches an den Mauern aller Riesenstädte als Mahnung an ihr endliches unvermeidliches Schicksal angeschrieben sein sollte. Der englische Historiker Macaulay gibt uns in einem seiner Werke ein Bild, wie es aussehen wird, wenn dereinst ein Neuseeländer die Ruinen des jetzt so ungeheuren London durchforschen wird. Kommen wird die Zeit, wenn eS auch dann nicht gerade ein Australier sein dürfte; aber wann und wie, wer kann es sagen, ehe dieser menschliche Bienenstock, den wir London nennen, in Ruinen liegen wird, denn immer noch nimmt es an Ausdehnung und Pracht von Tag zu Tag zu. Der Begriff „London" ist ein relativer, den» er umfaßt nicht allein das kleine eigentliche London, einen Platz von kaum mehr als einer englischen Quadratmcile (4'/, englische Meilen — 1 deutschen), sondern auch Hunderte von Städten und Dörfern, die es, nachdem die Mauern gefallen waren, die es früher eng umschlossen, an sich gerissen hat. Zum Riesen angewachsen, streckt es noch heute seine Arme nach allen Weltgegenden aus und verschlingt Stadt auf Stadt, Dorf auf Dorf, die fortan, wenngleich mit Verlust ihrer Individualität, ein Atom in dem Begriff London bilden. Ich muß hier vor allem anführen, daß bis heute die City, das eigentliche London, ihre Selbstverwaltung bewahrt hat. Ein Gleiches bestand bis vor wenigen Jahren in allen den hinzugewachsenen Theilen, als durch ParlamentSbeschluß ganz London zu einer eigenen Provinz, die County of London, gemacht und deren Verwaltung (mit Ausnahme der City, die ihre eigene Verwaltung beibehielt) unter eine Centralbchvrde, „ills Iconäon tüonntz-- Oonucil", gestellt wurde. In Gemeinde-Angelegenheiten, Armenverwaltung u. s. w., ist, mit einigen Beschränkungen, die Selbstverwaltung in den Händen der einzelnen Stadtthcile verblieben. Eine Folge davor» ist die, daß die Armeusteuer, da jede Gemeinde für ihre Armen selbst zu sorgen hat, in den ärmeren Theilen übermäßig hoch, in den reicheren dagegen sehr niedrig ist. Das heutige London, exclusive der City, bedeckt 448,334 Margen Landes oder ungefähr 700 englische Quadratmcilen. Seine Ausdehnung von Norden nach Süden beträgt 15, und von Osten nach Westen 17'/, Meilen. Wäre es möglich, alle Straßen der Stadt in eine fortlaufende Linie zu bringen, so würde dieselbe eine Länge von 7500 Meilen haben, eine Ausdehnung, die jedoch von Jahr zu Jahr fast fabelhaft vergrößert wird, wenn wir die 900 Häuser in Betracht ziehen, die jeden Monat neu erbaut werden. In der Stadt selbst ist wenig Raum für die Zunahme an Gebäuden, der Zuwachs entsteht fast allein in den äußersten Vorstädten, und er bedingt dadurch eine fortwährende Vergrößerung der Stadt. In diesem ungeheueren Hänscrmcer leben, dicht gedrängt zusammen, nahe an 6,000,000 Menschen. Wie kann es anders sein, als daß sich in diesem menschlichen Bienenstöcke die Extreme überall berühren, der überschwenglichste Reichthum Schulter an Schulter mit der bittersten Armuth, der größte Luxus gegenüber dem gräßlichsten Elend und Tod durch Verhungern. Leider muß man sagen, daß unglücklicherweise für einen bedeutenden Procentsatz dieser 6 Millionen der Begriff „leben" ein unrichtiger ist, „existiren" wäre der richtigere Ausdruck. Glücklicherweise jedoch ist Wohlthätigkcitssinn eine der Haupttugenden des Engländers. Er gibt mit vollen Händen, und seit es sich private Gesellschaften zur Ausgabe gemacht haben, zweckloses Almosengcben möglichst zu verhindern und dafür systematisch dem Elend abzuhelfen, wird viel Noth gelindert, wo ein bloßes Almosen nutzlos gewesen wäre. Trotzdckn jedoch lesen wir in den Zeitungen nur zu oft das Urtheil der Leichenbeschau: „Tod durch Verhungern". Die zahlreichen, ungeheueren und auf's beste ausgestatteten Hospitäler der Stadt werden sämmtlich durch freiwillige Beitrage unterhalten, nur die für ansteckende Krankheiten, wie Pocken, Scharlach, Typhus rc., gehören der Regierung. Man sollte annehmen, daß in einer solchen Riesenstadt sich auch menschliches Leiden und Krankheit in unverhältnismäßig hohem Grade zeigen müsse, und doch ist dem nicht so. London übertrifft in seinen Gesundheitszuständen alle großen Städte der Welt. Die allwöchentlich darüber veröffentlichten amtlichen Listen zeigen nur höchst selten einen Procentsatz von über 16 Sterbefällen auf das Tausend. Das fortwährend wechselnde, aber stets feuchte Klima von London kann also durchaus nicht ungesund sein, wenn man von Brust- und Lungenleidenden absieht, für die es sicherer Tod ist. Nicht wenig tragen zu diesen glücklichen Gesundheitsverhältnissen die herrlichen Parks und zahllosen offenen, zum größten Theile mit uralten Bäumen bestandenen Plätze bei, zu welchen das Publikum völlig freien Zutritt hat. Man kann diese mit Recht die Lungen Londons nennen. Im Ganzen besitzt das innere London jetzt etwa 240 solcher Plätze von größerer oder geringerer Ausdehnung mit einem Flächeninhalt von circa 21,000 Morgen (3,9 Morgen — 1 Hektar). Beginnen wir an der Themse, im Südwesten der Stadt, so treten wir fast sofort in den schattigen, historischen St. James-Park von 93 Morgen, 151 an den sich der durch die politischen Versammlungen bekannte Hyde-Park mit 360 Morgen anschließt, der uns westwärts ohne Unterbrechung nach Kensington Garden, 874 Morgen groß, führt. Nach Nordosten zu schließt sich an den Hyde-Park der kleinere Grcen-Park, der wiederum die Verbindung mit dem großen Negents-Park von 472 Morgen bildet. Von diesem letzteren jedoch sind Theile für den zoologischen und den botanischen Garten abgetrennt. Im äußeren London finden wir eine fast ununterbrochene Reihe großer, offener, schön bewaldeter Plätze, die Commons, zu welchen allen das Publikum ungehinderten Zutritt hat. Aus den publicirten ossiciellen Listen ersehen wir, daß täglich ungefähr 400 Kinder geboren werden, jedoch nur 200 Todesfälle vorkommen. 120 Ehen werden jeden Tag geschlossen. In einem Staate wie England, welches an der Spitze des Welthandels steht, und besonders in London, welches das politische und Handels-Centrum dieses Landes bildet, finden wir natürlich alle Nationen der Welt reprä- sentirt, bei Einwohnern anderer europäischer Staaten oft durch Tausende. Es wird angenommen, daß in London mehr Juden als in ganz Palästina wohnen. Im Allgemeinen jedoch ist die fremde Bevölkerung Englands mit seinen 25,000,000 Einwohnern keine so große, als daß sie die ewige Klage der Engländer über unmäßig vermehrte Einwanderung rechtfertigen könnte. Unsere deutsche Kolonie ist natürlich die zahlreichste. Sie betrug nach /dem Census von 1891 circa 50,000, von denen etwa idie Hälfte auf London kommt. Darunter sind 2000 Bäcker und 1700 Schneider. Wenn ich hier von der deutschen Kolonie in London spreche, so ist es wohl passend, daß ich einige wenige Worte über deren innere Verhältnisse beifüge. Für religiöse und Erziehungszwecke besitzt sie 6 rein deutsche protestantische Kirchen (die katholischen Kirchen haben sämmtlich einen oder mehrere deutsche Geistliche), mit denen alle deutsche Volksschulen verbunden sind, die dafür sorgen, daß das hier geborene oder jung hcrübergekommene Kind deutscher Abstammung mit dem Vaterlande in Verbindung bleibt. Das schönste Beispiel deutschen Gemeinsinns und deutscher Wohlthätigkeit jedoch ist das durchaus aus deutschen Mitteln begründete deutsche Hospital, welches, obgleich fast nur (durch Vermächtnisse hat sich ein kleiner Fonds angesammelt) auf freiwillige Beiträge und Subskriptionen angewiesen, doch bereits über 200 Betten gebietet. Ihre Majestäten unser sowie der österreichische Kaiser und fast alle deutsche Fürsten betheiligrn sich an dem guten Werke durch jährliche reiche Subskriptionen. Obgleich ausschließlich für unsere Landsleute bestimmt, nimmt im Falle von Unglück rc. das Hospital einen jeden Hilfsbedürftigen auf, ohne nach dessen Nationalität zu fragen. Immer mehr hatte sich das Bedürfniß herausgestellt, einen Mittelpunkt für deutsches Leben in London zu besitzen; für lange Zeit scheiterte alles an dem Kostenpunkte, bis man etwa vor 30 Jahren diese Schwierigkeiten unter Beihilfe einiger patriotischer Landslcute besiegen und zur Erbauung der großen, herrlich eingerichteten deutschen Turnhalle schreiten konnte. Das für Ankauf des Platzes, Bau und Einrichtung Nöthige Kapital betrug circa 9000 Pfund Sterling. Unter Iden vielen, jetzt bestehenden englischen Hallen gilt die 'unselige als eine Musteranstalt. Die ungeheure Ausdehnung der Stadt bedingt auch dementsprechend« Verkehrsmittel, und obgleich solche dem Publikum in jeder Art und Weise und im weitesten Umfange zu Gebote stehen, immer noch sind dieselben nicht genügend, und man ruft und verlangt nach Erweiterung und Verbesserung derselben. Im Umkreise von 12 Meilen vom Mittelpunkte der Stadt, der Gcneral-Postosficin, gibt es 780 Meilen Eisenbahn mit 702 Stationen. Eisenbahnen unter, auf und über der Erde und die unterirdische Bahn, die den lokalen Verkehr besorgt, befördern jeden Tag eine Million Passagiere, während nicht weniger als 2,500,000 Personen per Omnibus (deren Anzahl 5000 beträgt), bei 7500 zweirädrigen und 14,000 vierrädrigen Droschken und Pferdebahnen mit über 6800 Wagen, welche fast alle die Hauptstraßen der Stadt durchlaufen, reisen. Die Themse, welche London von Westen nach Osten in zwei Hälften theilt, ist durch 11 Eisenbahnbrücken überspannt, und Hunderte von Dampfbootcn bringen für weniges Geld einen jeden schnell genug nach irgend einem am Wasser gelegenen Theile der Stadt. Es bleibt uns jetzt nur noch übrig, zu sehen, wie es möglich ist, den Nimmersatten Niesen zu füttern. Die ganze Welt hat dazu beizusteuern, denn das kleine, übervölkerte England kann nicht einmal genug für den Bedarf von London producircn. Laut einer Erklärung von Lord Plahfair im Oberhause sind nur etwa 30 Proc. des für England nöthigen Brodgetreides heimisches Produkt, während man für 70 Proc. auf das Ausland, vorzugsweise aus Südrußland, Kalifornien und Indien, angewiesen ist. Bekanntlich ist der Engländer ein großer Fleisch- esser, und auch darin müssen andere Länder in die Lücke treten. Argentinien, Norddeutschland, Dänemark, Spanien und Holland senden Hundcrttauscnde von lebenden Ochsen, während eigens dazu gebaute Dampsboote Millionen von Centnern gefrorenes Ochfenfleisch von Amerika und Schaffleisch von Neuseeland aus die englischen Märkte bringen. Im Jahre 1891 kamen in den Londoner Ccutralfleisch- markt allein davon 307,500 Tons (1 Ton — 1100 Kilo); die tägliche Zufuhr daselbst betrug 1005 Tons und erreichte an einem Tage sogar 2936 Tons. Für Weihnachten 1889 versah Chicago allein den Londoner Markt mit 27,000 Ochsenvierteln. 127,000 Tons Fische kamen in demselben Jahre auf den Londoner Hauptfifchmarkt. Auch der Import von Hühnereiern ist ein großartiger. Es klingt fast fabelhaft, von 1,200,000,000 Stück pro Jahr zu hören, von denen Rußland 75,000,000, Deutschland und Frankreich zusammen 714,400,000 und Belgien, Italien, die Türkei und Acgypten den Nest lieferten. Zusammen repräscntiren diese 1200 Millionen Stück einen Geldwerth von 3,000,000 Pfund Sterling. Als Kurivsuin füge ich hier den Londoner Küchenzettel für eine Woche bei. Er enthält 3,500,000 Laib Brod, zn 4 Pfund jeder, 7000 Tons Ochsen- und Schafsteisch, 4000 Tons Fische, 100,000 Stück Geflügel aller Art, 2 Millionen Eier, 3 Millionen Pfund Butter, 6000 Tons Früchte und Gemüse und 2 Millionen Quart Milch. An Kohlen verbrennt London jährlich nicht weniger als 16 Millionen Tons. Die Sicherheit der Stadt und ihrer Einwohner ist den Händen von 12,000 uniformirten und 400 geheimen Polizisten anvertraut, ungerechnet 800 solche, welche den riesenhaften Verkehr in den Straßen zu ordnen haben. Durch die Straßen der City allein passiren jeden 452 Tag 95,000 Wagen und circa 1,180,000 Fußgänger. Der Verkehr auf dem Flusse ist bewacht von 500 Wasserpolizisten. RudolphSchück. -- A i i e r L e i. Mißverstanden wie telephonirt, so lautet die neueste Variante der früheren Sentenz »gelogen wie telegraphirt". Daß sie nicht ganz der Berechtigung entbehrt, will die folgende Zeitungsnummer beweisen, welche nach dem »Tourist" auf dem Wege der telephonischen Berichterstattung entstanden lein soll, aber vermuthlich ebenfalls „gelogen" ist: Wie der Ausrufende telephonirt Wie es verstanden und gedruckt hat: wurde: Wien. Julius Paper, der Julius Meyer, der Leiter der Leiter der österreichischen Nord- ersten österreichischen Nordpol-Expedition, hat sich nach bahn-Dircclion, ist in Bremen Bremcrhaven gewandt, wo er zum Grafen ernannt, weil er alsdann eine neue Expedition mit aller Gewalt eine neue ausrüsten will. Konfession, die der Christen, will. Nom. Die Papiere der ita- Die Füsiliere der Italiener lienischen Bank haben heute an sind krank, sie haben heute ein den Börsen meistentheilS der- böseS Reißen in den Ohren; lorcn; sie notiren ungefähr 755. esdcsertirten ausdemHcere755. Stuttgart. Die socialistische Bei dem socialistischen Lakai Partei Wür.'tcmbergs vublicirt Hirtenberg exvlodnte soeben soeben ihre Kandidatenliste. Die eine Granatenkiste. Die Kiste Liste enthält 18 Personen, von enthielt 18Patronen, von denen denen einige in mehreren Mahl- einige mehrere Male leise deto- kreisen candidircn. nuten. Budapest. Offen wird in In Ofen und in Bndweis Budapest ausgesprochen, daß ist die Pest ausgebrochen, so Wekcrlc uech in diesem Jahre daß der Schrecken noch in die- die Geschäfte wieder in die sein Jahre heftig überhaud Hand nehmen wird. nehmen wird. Bangkok. DerKconprinz von " Der Kronprinz von Siam, Siam, der an Asthma litt, der auf dem Asphalt schritt, bat ausgelitten. Sein Hin- ist ausgeglitten. Sein Hinscheiden hat die Bevölkerung gleiten hat die Bevölkerung tief tief erschüttert. Man rühmt erbittert. Man rühmt ihm ihm nach. daß er einen vortreff- nach, daß er vortrefflicher und lichenkharakter, wie sein Vater, compacter wie sein Vater ge- besessen habe. fessen habe. » Ueber die Dauer deS Holzes bei der Aufbewahrung unter Wasser haben schon verschiedene Funde von uralten Eichen im Strombett einiger Flüsse, dann von alten Brückenpfeilern, z. B. in Mainz, Aufschluß gegeben. Neuerdings ist wieder ein eklatanter Beweis hiefür in der Auffindung von Pfeilern einer Brücke aus der Nömerzeit bei Bregenz geliefert worden. Wie nämlich aus Hardt in Vorarlberg berichtet wird, wurde im neuen Nheinbette die ehemalige N ö m e r st r a ß e aufgedeckt. Es ist historisch erwiesen, daß diese Straße von Brigantium (Bregenz) an den Rhein, diesem entlang bis Chnr und über den Splügen nach Italien führte. Ihre hölzernen, jetzt schon 2000 Jahre alten Pfeiler mit dem Rost blieben in dem feuchten Grunde ganz frisch, so daß nun das Holz, das die alten Rhätier fällten, heute noch Verwendung finden kann. -r- Besser ist besser. Der Hofnarr des Königs Jakob von England hatte einen Edelmann beleidigt, welcher ihn zu ermorden drohte. „Sei ohne Sorgen", sagte der König zu seinem Hofnarren, „ermordet er Dich, so lass' ich ihn aufhängen." — »Mir wär'cS lieber", versetzte der Narr, „wenn er den Tag vorher gehängt würde." Deplacirt. A.: „Haben Sie gelesen, der Kapitän Willigerod vom Norddeutschen Lloyd hat die Fahrt nach New-Aork jetzt mehrere Hundert Male gemacht!" — B.: „Donnerwetter! Der muß aber unterwegs jeden Baum und jeden Strauch kennen!" » Aus derSchule. Lehrer: „WaS ist ein Nordpolfahrer, Karl?" — Schüler: „Ein Nordpolfahrer ist ein Mann, der zu weit nach Norden fährt, sich die Füße erfriert und dann ein Buch schreibt." » Wenn man auf dem linkenOhre nicht gut hört. Herr sän der lalols ä'fiötsj: „Gnädiges Fräulein, darf ich Ihnen mein Herz anbieten?" — Dame: „Danke, ich würde ein Stückchen Kalbsschlegel vorziehen." Gute Ausrede. Richter: „Sie behaupten, eine fünfzigjährige Praxis in Amerika ausgeübt zu haben; Sie waren ja aber gar nie dort!" — Angeklagter: »Ganz einfach, die Behandlung war eine briefliche." » Unglaublich. Vater: „Sieh' 'mal, Fritzchen, wie ähnlich sich die beiden alten Herren dort sehen — eS sind Zwillinge!" — Fritzchen: „So alte Zwillinge gibt's doch gar nicht!" Schmeichler. Lieutenant: „Wo sind gnädiges Fräulein eigentlich geboren?" — Dame: „In Graz." — Lieutenant: „War eigentlich überflüssige Frage, bei so viel Grazie!" Ausweg. Braut: „...Ach, ich befürchte, Arthur, daß Du mich nur meines Rittergutes wegen liebst." — Bräutigam:„Na, dann können wir ja morgen das Dings versilbern!" * Falsch aufgefaßt. Bräutigam: „Du,Anna, den Bädeker nehmen wir mit auf die Hochzeitsreise." — — Braut: „Nein, Paul, wir fahren ganz allein!" ... -i-rrM-o-- An einen Griesgrämigen. Du sitzest still am Fensterbrett Und schauest stumm hinaus, Als ob dich Grillen plagten, Ja plagten — Ich lach' dich aus. O höre nur der Lerche Lied, Die sich zum Himmel schwingt; Sie läßt die Erde liegen, Tief liegen, Und jauchzt und singt. Mein Nachbar hat 'neu Rosenstrauch, Ei! wie der blüht und glüht; Ich freu' mich, wenn sein Driften, Süß Dusten, Mein Herz durchzieht. So sitz' nur still am Fensterbrett Und schaue stumm hinaus; Du schaffst dir selber Qualen, Ja Qualen — Ich lach' dich aus. k. Johannes Bapt. Diel 8. I. AnWattungsAalt „Augsburgrr postzritung". « kv. Dinstag, den 21. Juli 1896. ^ür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Arauenherz und Irauenwatten. Lebensbild von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Hedwtg Günther war neben ihren Eltern und ihrem Sohn zur ewigen Ruhe gebettet, und viele Leidtragende hatten sie von ihrer einstigen Wohnung aus, wohin ihre Leiche am Abend nach ihrem Tode gebracht worden, dorthin begleitet. Trotz aller Umsicht und Fürsorge war ihr trauriges Lebensende bekannt geworden, und Jeder beklagte umsomehr daS so frühe Dahinscheiden der vor nicht langer so Zeit glücklichen, schönen, jungen Frau. Der durch ihren Tod am schwersten Getroffene, obgleich die ganze Familie schwer dadurch litt, war ihr Gatte, der es sich nicht vergeben konnte sie der Anstalt anvertraut zu haben, bevor er noH andere Irrenärzte zu Rathe gezogen. Auf alle Gegenvorstellungen seiner Mutter hatte er keine Antwort, wie er diese überhaupt Niemandem gestattete und täglich ernster und verschlossener ward. Frau Günther war seinetwegen in großer Sorge, und als sie diese eines Tages wiederum ihrer Tochter gegenüber geäußert, fügte sie traurig erregt hinzu: „Hatte ich nicht Recht, Bertha, als vor Jahren ich mich über Albrecht's Verlobung mit Hedwig Nothenfels nicht freuen konnte? — Alle meine traurigen Vorahnungen sind in schrecklichster Weise in Erfüllung gegangen, und es war ein unglücklicher Tag, an dem er sie zum ersten Mal gesehen!" „Sprich nicht also, Mutter", erwiderte ihre Tochter, „Albrecht ist mit Hedwig sehr glücklich gewesen —" „Um sie desto schwerer zu entbehren", fuhr weinend Frau Günther fort. „Er wird ihr schreckliches Ende nie überwinden, folgt ihr vielleicht schon bald und denkt in seinem Gram nicht an die armen Kinder, für die er gar kein Auge hat!" „Er muß zum Ueberwinden Zeit haben, Mutter", antwortete Erstere beruhigend. „Es sind erst Wochen seit jenem Abend vergangen, wo sich daS Schreckliche zugetragen, und auch wir Alle, Arthur und Elfriede mit eingeschlossen, sind kaum im Stande uns über Hedwigs Verlust zu trösten! — Was aber die Kinder anbetrifft, so sind sie, schon seit hier im Frühling die schreckliche Krankheit ausgebrochen, dem Vater mehr oder weniger entfremdet, und eS konnte auch kaum anders sein. Laß sie ihm wie sonst in diesem Zimmer finden, und Du wirst Dich bald überzeugen, daß sie ihm noch so lieb find, wie sie es immer gewesen!" „Du magst Recht haben, Bertha", antwortete nach einigem Nachdenken Frau Günther, „und ich will sie mit allem ihrem Spielgeräth holen. Die armen Kleinen! — Sie sprachen so oft von ihrer Mutter — was werden sie noch einmal sagen, wenn sie erfahren, auf welche Weise sie geendet?" „Warum aber und wie sollten sie das je erfahren, Mutter?" versetzte ihre Tochter. „Warum überhaupt von der Zukunft sprechen, wenn noch die Gegenwart so traurig und sorgenvoll vor uns liegt? — Für den Augenblick nimmt Albrecht unser ganzes Denken in Anspruch, und müssen wir nach Kräften das Unsrige thun, ihm sein schweres Geschick tragen zu helfen!" Als am Nachmittag Dr. Günther von einem längeren Besuch bei seinen Patienten heimkehrte, fand er seine Mutter, mit einer Handarbeit beschäftigt, an einem der weitgeöffneten Fenster des Wohnzimmers sitzen, während inmitten desselben die Kinder, reichlich drei und fünf Jahre zählend, sich mit Spielsachen aller Art unterhielten und neben Marga ein schöner, sorglich von ihr verhüllter Puppenwagen stand. Einen Augenblick den Raum übersehend, überflog der Ausdruck unbeschreiblicher Trauer sein bleiches Gesicht, dann begrüßte er seine ihn aufmerksam beobachtende Mutter und trat darauf zu den Kindern, welche einen Moment ihn schüchtern anblickten, dann aber seine Hände ergreifend ihn begrüßten. Er sah sie mit einem schmerzlichen Blick an, neigte sich zu ihnen und küßte sie zärtlich. Dadurch wüthiger geworden, erfaßten sie wiederum seine Hände und führten ihn an ihren Spieltisch, wo Hugo ihm seine neuesten Soldaten zeigte, welche Tante Marie ihm geschenkt, Marga ihm einen Kasten voll Küchengeräth entgegen hielt und mit leuchtenden Augen hinzusetzte: „Nun mußt Du auch Baby sehen, Papa", und ohne seine Zustimmung abzuwarten, machte sich die bewegliche kleine schwarzgekleidete Gestalt eifrig daran dem Wagen eine reizende Wachspuppe zu entnehmen, mit welcher sie zu ihrem Vater trat und zugleich lebhaft sagte: „Hier ist Baby, Papa! — Tante Marie hat sie mir aus England mitgebracht, Mama sie aber mit dem Wagen verwahrt bis ich größer sein sollte, und nun hat Großmama mir alles gegeben!" „Baby hat auch einen schönen Mantel und Hut", 454 ergänzte Hugo, der offenbar für die prächtige Wachspuppe das größte Interesse empfand, „und auch noch viele Kleider, und alles liegt in einem kleinen Schrank, den Tante Marie Marga geschenkt." Plötzlich aber in seinem Eifer innehaltend, fügte er dann schnell hinzu: „Ich spiele aber nicht mit Baby, Papa, und auch, nicht mit dem Puppenwagen, das thun nur Mädchen I Ich lasse meine Soldaten marschiren und fahre mit meinem Wagen Holz in die Küche", und seinen Vater mit leuchtenden Augen ansehend, gewahrte er dessen tieftrauriges Gesicht, bemerkte auch, daß seine Großmutter die Augen trocknete, und fügte plötzlich ernst geworden hinzu: „Du mußt nicht mehr so traurig sein, Papa! — Unsere liebe Mama ist im Himmel beim lieben Gott, der auch Albrecht hingenommen, mit dem ich nun nicht mehr spielen kann, und der liebe Gott ist doch gewiß so gut — — „Ja, Hugo, das ist er", erwiderte, seine Bewegung bekämpfend, Dr. Günther, dem das Geplauder seiner Kinder vollständig neu war, wie es ihn zugleich schmerzlich berührte. Dennoch setzte er es eine Weile fort, bis wiederum von seinem Beruf in Anspruch genommen, er sie und seine Mutter verließ und sich zu mehreren seiner wartenden Patienten in sein Zimmer begab. Bet eingetretener Abenddämmerung schlug ein einsamer Wanderer den Weg nach einem der Kirchhöfe der Stadt ein, welcher etwa eine Viertelstunde von derselben entfernt lag. Es begegneten ihm nur wenige Menschen, und als er sein Ziel erreicht, gingen theilnehmend grüßend der Todtengräber und sein Sohn an ihm vorüber, welche nach beendigtem Tagewerk sich nach ihrer Wohnung begeben wollten, er abersuchie eine mit Cypressen und Taxusbäumen geschmückte Grabstätte auf, die ein in der Mitte stehender höherer Sandstein als der Familie Rothenfels gehörend bezeichnete. Verschiedene dunkle Marmortafeln trugen die Namen Derer, die hier zur ewigen Ruhe gebettet waren; auf den beiden letzten las man die frischgoldene Inschrift: „Unserm Albrecht" und „Meiner Hedwig", und vor diesen seinem Kinde und seinem Weibe gewidmeten Gedenksteinen blieb Dr. Günther stehen. Lange überließ er sich seinen Erinnerungen, ließ glückliche und traurige Bilder an seinem geistigen Auge vorüberziehen und sagte endlich leise: „Warum, Hedwig, ach, warum mußte Dich die traurigste Krankheit heimsuchen und mir ein Glück rauben, wie ich es nie wiederfinden werde? — Ich kann Dir nicht vergelten was in dem unglückseligen Wahn Du um mich gelitten, auf unsere Kinder aber will ich auch den Theil meiner Liebe übertragen,- der sonst Dir gehörte und den Du nicht entbehrst^ ihnen Vater und Mutter sein und sie so glücklich zu machen suchen, wie nur Du, die treueste Mutter, es gethan!" Eine Weile noch stand Dr. Günther an der immergrünen Grabstätte, dann ging er langsam zur Stadt und in seine Wohnung zurück, wo voll Sorge ihn seine Mutter erwartete, die nur zu gut wußte, wohin er seine Schritte gelenkt. — XV. Mehrere Tage später ging in vorgerückter Nachmittagsstunde Marie Feldheim in ihrem Wohnzimmer auf und ab, dessen nach dem Garten hinausgehende Fenster zugleich Thüren waren und weit geöffnet standen. Ihr Gesicht war bleich, was die Trauer, welche sie um Hedwig Günther trug, noch mehr hervortreten ließ, tiefernst dessen Züge, und ebenso ernst blickten die ausdrucksvollen blauen Augen. Sie sann nach, hatte schon lange nachgesonnen und sagte endlich halblaut: „Ich muß Abwechslung haben, am liebsten Arbeit, die alle meine Gedanken beschäftigt! — Jahrelang hat Hedwig mich in Anspruch genommen — jetzt bedarf sie meiner nicht mehr, und ihre Kinder sind in sicherer Obhut, sodaß ich für sie jetzt kaum mehr thun kann, als sie bei ihrem Vater zu besuchen oder zu mir einzuladen. Das aber würde mir nur kurze Zerstreuung gewähren, und die genügt mir nicht. Warum aber nicht reisen — nach Italien gehen, was ich so lange hinausgeschoben? — Jedoch allein? — Denn wer soll für den Augenblick mich begleiten? — Aber ich könnte nach England gehen, Florence, die glückliche junge Frau, besuchen, und wenn sie nicht nach Baden gehen, den Herbst bei ihren Großeltern verleben. Wie sehr würden Alle sich freuen, mich zu sehen!" Ihr Sinnen und Selbstgespräch ward hier unterbrochen. Die Glocke der Hausthüre erscholl, diese ward geöffnet, sie vernahm eine wohlbekannte Stimme, und nach gewohntem Klopfen trat Dr. Günther ein. Die Züge seines bleichen Gesichts waren traurig-ernst, und sie begrüßend sagte er, sie mit den forschenden Augen des Arztes ansehend: „Fräulein Feldheim, ich komme, mich nach Ihrem Ergehen zu erkundigen. Wir Alle waren Ihretwegen in großer Besorgniß, da weder meine Mutter noch meine Schwester die Freude Ihres Besuchs gehabt!" „Dennoch bin ich, wie Sie sehen, nicht krank, Herr Doktor", entgegnete ruhig Marie, „und ich werde in diesen Tagen Neichardt's wie Frau Günther und die Kinder besuchen, die Alle, wie ich hoffe, sich wohl befinden!" „Das thun sie in der That", erwiderte Dr. Günther, den ihm von Marie gebotenen Platz einnehmend. , „Und Sie, Herr Doktor?" fuhr diese, ihre Augen voll offener Theilnahme auf ihn richtend, fort. „Ich, Fräulein Feldheim? — Auch ich könnte Ihnen sagen nicht krank zu sein, dennoch aber — dennoch leide ich furchtbar und fürchte fast — —" und hier nahmen seine Züge einen düsteren Ausdruck, seine Stimme einen tieferen Klang an — „ich fürchte fast, das mich betroffene Unglück nicht zu überwinden!" „Es sind seitdem erst Wochen verflossen", versuchte Marie ihn zu beruhigen., „Umsomehr ist mir noch Alles gegenwärtig, und auch Hedwig's Bfld in seiner ganzen einstigen Lieblichkeit!" erwiderte in unveränderter Weise Dr, Günther. „Gewiß würde eine Ortsveränderung rathsam für Sie sein, Herr Doktor", fuhr nicht ohne Besorgniß Marie fort. „Können Sie nicht eine Erholungsreise beantragen?" „Ich habe gleich in den ersten Tagen gedacht, fort, weit fort von hier gehen zu müssen", sprach mit dumpfer Stimme Dr. Günther und strich mit der Hand durch sein volles dunkles Haar, „das ist aber leichter gesagt als gethan, und vor allen Dingen binden mich meine beiden Kinder!" „Sollten sich dennoch nicht alle Schwierigkeiten beseitigen lassen, Herr Doktor?" fragte mit zunehmender Unruhe Marie und fügte nach momentaner Pause hinzu: „Wenn Sie besonders der Kinder wegen Bedenken haben, möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen — —" Er sah sie sichtlich überrascht und fragend an, sie aber fuhr fort: „Den, sie mir während der Dauer ihrer Abwesenheit zu übergeben - —" „Ihnen, Fräulein Feldheim?" fragte Dr. Günther, als habe er ihre Worte nicht verstanden. „Ja, Herr Doktor, und Sie kennen mich zur Genüge um überzeugt zu sein. daß ich sie gewissenhaft überwachen werde", erwiderte Marie, gewaltsam ihre zunehmende Erregung beherrschend. Es trat eine längere Pause ein, dann antwortete Dr. Günther mit wiedergewonnener Fassung: „Fräulein Feldheim, ich weiß, daß Ihr Vorschlag der Liebe zu meiner verstorbenen Hedwig und Ihrem Interesse für deren Kinder entstammt, und ich bin Ihnen sehr, sehr dankbar dafür. Sollte die Notwendigkeit einer Reise an mich herantreten, so wäre die Sorge für die lebhaften Kinder für meine Mutter zu anstrengend, und bei meiner Schwester würden sie vielleicht deren Mann stören. In dem Falle also, Fräulein Feldheim, möchte ich Ihnen, die Sie stets die treueste Freundin, der gute Engel unserer Familie gewesen, mein Theuerstes übergeben, fürchte aber, daß auch Ihnen die Kinder für die Dauer zu viele Mühe und Störung bereiten werden!" „Hätte ich selbst ein solche Befürchtung, Herr Doktor, so würde ich Ihnen mein Anerbieten nicht gemacht haben", entgegnete mit unveränderter Ruhe Marie. „Auf diese Versicherung hin werde ich Ihnen meine Kinder bringen, Fräulein Feldheim, die ich bet Ihnen in der sichersten Hut weiß", sprach bewegt Dr. Günther. „Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Herr Doktor", versetzte in derselben Weise Marie. Als sie sich darauf noch eine Weile über die traurigen Ereignisse unterhalten, welche die Ruhe und das Glück seiner Familie untergraben, nahm Dr. Günther Abschied, und nachdem er gegangen, sagte halblaut Marie: „Da wäre nun unerwartet die so begehrte ernste Arbeit, die mich ganz in Anspruch nehmen wird! Sie sind die Kinder meiner armen, unglücklichen Hedwig — sie sind aber auch seine Kinder, der mich die treueste Freundin, den guten Engel seiner Familie nennt und nie, nein, nie die tiefverborgene mächtige Triebfeder aller meiner Handlungen ahnen wird, wie dieß auch kein anderer Mensch thut!" Ein prächtiger Sommermorgen war es zu EndeAugust, undMarie Feldheim's Haus und Garten umstrahlte der hellste Sonnenschein. Sie selbst stand leuch- tendenAuges und blickte auf die Kinder, welche unter Aufsicht der Wärterin auf dem breiten Kiesweg ihre Wagen zogen. JndemMarga's lag Baby sorglich vor der Sonne geschützt, Hugo fuhr Holz, das Johann, mit dem er schon früher Freundschaft geschlossen, ihm gegeben, und lebhaft plauderten sie dabei mit Dora und sprachen besonders ihre große Freude darüber aus, recht lange in Tante Mariens schönem Hause und Garten sein zu können. Ja, die Kinder waren am Tage zuvor eingezogen und in einigen Räumlichkeiten zur ebenen Erde, neben Mariens Zimmern, untergebracht, während sie die Fremden- und Gastzimmer nach dem oberen Stock verlegt. Sie waren eingezogen, trotz leisem Widerspruch von Seiten Reichardt's wie auch Frau Günther's, welche für Marie die durch sie erwachsende Sorge und Mühe gefürchtet. Denn Dr Günther wollte am folgenden Gurr Lurch Afrika. Nach dem Gemälde von M. Stockes. MWM L-M, KÄM MM 456 Tage ein Reise antreten, die leicht ihn auf ein Jahr von seiner Familie und Vaterstadt entfernt halten konnte. Der Aufenthalt in dieser war nach und nach ihm fast unerträglich geworden, er hatte daher seine Staatsanstellung einstweilen aufgegeben und wollte nach Amerika reisen, denn er war der Ueberzeugung, daß nur in neuer, unbekannter Umgebung die schrecklichen Erinnerungen, welche er nicht zu beherrschen vermochte, weichen würden. Alle erforderlichen Vorbereitungen zur längeren Abwesenheit waren schnell getroffen worden, und am gedachten Augustmorgen erschien er in Mariens Hause, um von ihr und den Kindern Abschied zu nehmen. Sie wurden ins Gartenhaus gerufen, mit bewegter Stimme sprach er in zärtlicher Weise mit ihnen, küßte sie wiederholt, und als sie weinten und ihn baten bald wieder zu kommen, versprach er ihnen dieß und nahm dann Abschied von der langjährigen Wärterin. Darauf sich Marien zuwendend, sagte er, ihr die Hand reichend: „Leben Sie wohl, Fräulein Feldheim, und mögen wir uns, wenigstens was mich anbetrifft, zu einer besseren Zeit wiedersehen!" „Das wollen wir hoffen, Herr Doktor", erwiderte Marie mit klarer Stimme, indeß ruhig ihre Hand in der seinen lag, während ihr Herz den Trennungsschmerz so schwer empfand. „Nehmen Sie meine besten Wünsche für Ihre Reise und geben Sie uns recht bald Nachricht — —" „Ich werde Ihnen, wie meiner Mutter von Hamburg aus schreiben, dann aber erst wieder von New- Jork, wohin ich mir mit dem zunächst abgehenden Schiffe unter der angegebenen Adresse einen Brief erbitte. Und nun nochmals Lebewohl, Fräulein Feldheim. Möge der Himmel Sie und die Kinder schützen!" und diese nochmals küssend, verließ er schnell das Zimmer und das Haus. Sie blickten ihm einige Sekunden nach, brachen dann in Thränen aus, und sich an Marie wendend, welche gewaltsam ihre Bewegung beherrschte, rief kaum verständlich Hugo: „Papa soll nicht weggehen, Tante Marie! Mama ist auch Weggefahren und nicht wiedergekommen, und liegt nun auf dem Kirchhof bei Albrecht!" Marie versuchte, da auch die kleine Marga laut weinend nach ihrem Vater rief, die Kinder zu beruhigen, indem sie sie zugleich aufforderte, wieder an ihr Spiel zu gehen. Dieß wiesen sie, von ihrem kindlichen Schmerz zum Eigensinn übergehend, entschieden zurück, worauf, sie voll inniger Theilnahme betrachtend, Marie ihnen vorschlug, sich mit Dora und Carl einen Garten anzulegen. Sie sahen sich bei diesem Vorschlag einige Augenblicke an, und schon in etwas von seinem Kummer abgelenkt, erwiderte Hugo: „Wir haben aber keine Schaufeln und Hacken, Tante Marie, denn Carl seine sind für uns viel zu groß — —" „Johann kann zur Stadt gehen und alles Garten- geräth, welches Ihr braucht, kaufen", versetzte Marie, froh ihren Gedanken eine andere Richtung gegeben zu haben. Dieß war ihr auch vollständig gelungen, denn wenn auch mit thränenfeuchten Wangen und Augen, drängten dennoch die Kinder sie, Johann sogleich gehen zu lassen und ihnen ihren Garten zu zeigen, und munter sprangen sie dann ihr und Dora voran. Als am folgenden Tage Frau Günther und Bertha kamen, um sich nach ihrem Ergehen zu erkundigen, fanden sie die Kinder in fröhlichster Stimmung in ihrem Garten beschäftigt, während Geräth aller Art um sie her lag und sie kaum Zeit fanden, ihre Großmutter und Tante zu begrüßen. Als diese ihnen noch Grüße von ihrem Vater sagten, nahmen sie dieselben ruhig entgegen, begannen aber desto lebhafter von den Blumen und Pflanzen zu erzählen, mit denen sie schon theilweise ihre Beete angefüllt hatten. Da sie fortwährend dabei Mariens Namen in Anwendung brachten, konnten Frau Günther und Bertha zur Genüge daraus entnehmen, wie sehr sie sich schon an diese als ihre mütterliche Beschützerin gewöhnt. Ihnen gedankenvoll zusehend und zuhörend, trat vor das geistige Auge der Ersteren, wie mehrfach schon in diesen Tagen, in schwachen Umrissen, doch ihr erkennbar, ein schönes Zukunftsbild. Aber schnell, sobald es festere Gestalt zu gewinnen begann, an die traurige Wirklichkeit denkend, verschwand es dann langsam wieder, doch blieb still in ihrem Herzen verborgen eine leise, schöne Hoffnung zurück. (Fortsetzung folgt.) -—»SS-«-«-'- Das Schiff der Zukunft. Die Frage, die Schnelligkeit der Dampfschiffe so sehr zu beschleunigen, daß sie der Geschwindigkeit eines Eisenbahn-Eilzuges gleichkomme, diese Frage, deren Lösung den Schiffstechnikern beinahe so phantastisch erschien wie die Erfindung des „^erpstuuva wostils", diese für den Handel und für den Verkehr so wichtige Frage ist von dem französischen Ingenieur Bazin gelöst worden. Bazin hat nämlich das rollende Schiff erfunden, das in einer Stunde 100 Kilometer zurückzulegen vermag. Hundert Kilometer — damit ist die Geschwindigkeit der schnellsten Etlzüge erreicht. Was ist aber das rollende Schiff? Worauf beruht diese Erfindung des französischen Ingenieurs? Stellen Sie sich vor, daß Sie einen Karren schieben sollen, dessen Räder aus irgend einem Grunde stecken geblieben sind, und die sich daher nicht drehen. Vielleicht werden Sie diesen Karren trotz der steckengebliebenen Räder vorwärts bringen, besonders wenn er leicht, Ihr Arm aber kräftig ist; jedenfalls wird es aber sehr schwer gehen; denn in diesem Falle ist das Hinderniß der Reibung ungemetn groß. Wenn dagegen die Räder sich frei drehen können, dann werden Sie zum Vorwärtsschieben dieses Karrens viel weniger Kraft brauchen, und Ihre Anstrengung würde auf ein Minimum herabgemindert werden, wenn zu gleicher Zeit irgend ein treibender Mechanismus die Achse und die Drehung der Räder beschleunigen würde. Dies ist eine Thatsache, deren Nichtigkeit die Erfahrung lehrt, die aber nicht nur für Beförderungsmittel auf dem Lande zutrifft. Nehmen Sie z. B. ein Rad, das hohl ist, dessen Seiten aber solid und gewölbt sind. Wenn Sie es auf das Wasser stellen, wird es vertical schwimmen. Stoßen Sie es nun vorwärts. Diese linsenförmige Scheibe, deren Profil zwei übereinander gelegten Schiffskielen gleicht, wird auf der Oberfläche des Wassers gleiten und so einige Meter sich weiter bewegen. Aber sie wird nur mühsam vorwärts kommen und bald still stehen. Wenn Sie aber die Scheibe zu gleicher Zeit, da Sie sie auf das Wasser schleudern, mittelst einer Achse, welche durch ihr Centrum geht, in eine mehr oder weniger lebhafte Drehbewegung bersetzen, so wird sie sofort mit unglaublicher Geschwindigkeit davonlaufen, ohne beinahe das Wasser, das sie mit ihrem drehenden Kamm - ähnlich Ertrages der Arbeit. Es hat den Anschein, daß da die Kraft nicht mehr longitudinal, sondern vertical von oben nach abwärts wirke, daß das Rad sich durch die Zer- quetschung der Wassermolecüle vorwärts bewege, daß es in eine Art hydraulischer Schiene eingreift. ^ 7 ^ VMM MM WWW wie eine Circularsäge — durchschneidet, in Bewegung zu versetzen. Dieser Versuch lehrt, kurz gesagt, folgendes: Wenn man eine vorwärts treibende Kraft mit einer Rotation verbindet, so ergibt dies eine große Verminderung der Reibung und daher das Maximuw der Ausnützung des Auf diesen Erfahrungssatz hat Herr Bazin das rollende Schiff aufgebaut. Wie sein Name es ergibt, wird dieses Schiff — das Schiff der Zukunft — nicht, wie die bisherigen Schiffe auf dem Wasser gleiten, sondern auf dem Wasser rollen. Eine große Plattform, auf die man — wie auf einem Floße — Cabinen und Salons, 458 Heizkessel und Maschinen aufstellen und die auf jeder Seite von ungeheuren hohlen Rädern getragen sein wird, das ist in wenigen Zügen der ungewohnte Anblick, den diese Schiffe der Zukunft darbieten werden. Die bewegende Kraft wird nicht nur zur Propulsion verwendet, sondern sie wird getheilt werden. Ein Theil wird dazu dienen, den ganzen Bau mit Hülfe von Schrauben oder Schaufelrädern vorwärts zu treiben, der andere Theil wird die Aufgabe haben, die hohlen Räder zu drehen. Auf diese Weise wird — dank der Verminderung der Reibung — mit einem Minimum von Kosten und Kraftaufwand ein Maximum der Geschwindigkeit (60 Knoten und noch mehr die Stunde) erreicht werden können. Das ist nicht eine phantastische Träumerei! Denn die empirischen Annahmen des Herrn Bazin haben nicht nur den enthusiastischen Beifall von Allen, die irgend einen Namen in der nautischen Welt haben, gefunden, den enthusiastischen Beifall der Ingenieure, der Schiffsbauer und Schtffstechniker, sondern — was von größerer Bedeutung ist — sie werden auch durch die mathematischen Berechnungen hinterher von jenen Gelehrten, für die nur das, was durch Formeln erwiesen ist, extstirt, vollauf bestätigt. Wenn es der Wissenschaft gelungen sein wird, das beste Verhältniß zwischen der propulfiven Kraft und der Schnelligkeit der Umdrehung der rollenden Scheiben zu statuiren, so wird — nach der Meinung der Schtffstechniker — die nützliche Bewegung ungefähr 60 Procent des entwickelten Umfanges betragen. Das heißt, ein Dampfer mit Rädern von 22 Metern Durchmesser, die zu einem Drittel im Wasser eintauchen und die 24 Umdrehungen in der Minute machen, wird 60 Kilometer in der Stunde zurücklegen. Von Hamburg wird man also nach New-Aork gelangen können in — vier Tagen. Wir sind allerdings noch nicht so weit; aber wir nähern uns mit Riesenschritten diesem schönen Ziel. Denn das erste rollende Schiff ist — wie das ,W. Tgb/ berichtet — gegenwärtig in St. Denis, auf der Werft der Firma Cail in Bau. Das wird allerdings kein Riesenschiff, wie etwa die Amerikadampfer, sein. Aber ein Schiff von 280 Tonnen, das immerhin etwas. Und das wird das Tonnenmaß des „Ernest Bazin", des ersten rollenden Schiffes, sein. Dieses Schiff wird 40 Meter lang und 12 Meter breit sein; es wird mit einer Dampfmaschine von 750 Pferdekräften ausgerüstet werden. Die von dieser Maschine erzeugte Kraft wird zwischen einer Schraube und drei Paaren von drehenden Scheiben — „Rollern" — die jede einen Durchmesser von 10 Metern haben werden, vertheilt werden. In einigen Wochen wird das rollende Schiff vollendet die Schiffswerft verlassen. Es wird die Seine hinabführen und dann nach Nouen remorquirt werden. Von dort wird es nach Havre, dann durch den Canal la Manche und durch die Themse nach London eilen... Das wird die Probefahrt des rollenden Schiffes sein. Sicherlich wird sie glatt, ohne irgend einen Unfall verlaufen. Warum sollte auch ein rollendes Schiff — das heißt ein von Rettungsbojen getragenes Floß — nicht ebenso seetüchtig sein, wie das traditionelle, gewöhnliche, gleitende Schiff? Ganz im Gegentheil, gerade die Ausdehnung seiner Basts, die Theilung in mehrere sich drehende, von einander unabhängig autonome Kiele, die nicht untergehen können und die im Falle einer Havarie einander ersetzen und unterstützen können, die Durchlöcherung der Seitenwände, die nicht eine feste Mauer bilden, sondern die durchbrochen sind usw. usw., sollten dem rollenden Schiff eine größere Stabilität garantiren und es in Stand setzen, mit Leichtigkeit und vollster Sicherheit auch den wüthendsten Anprall des sturmgepeitschten Meeres auszuhalten. So ist denn endlich das Problem der Vergrößerung der Schnelligkeit der Dampfer gelöst: dieses Problem, das bereits ein Schreckphantom für alle Schiffsbauer geworden war, an dessen Lösung die Welt schon fast verzweifelte. Denn der Widerstand des Wassers wächst ja im geraden Verhältniß mit dem Quadrat der Geschwindigkeit. Daher mußte sich die geringste Vermehrung der Schnelligkeit der Schiffe in einer maßlosen Vermehrung der bewegenden Kraft, das heißt des todten Gewichtes, äußern. Die Zeit schien nicht mehr fern, da man, um einen Knoten Geschwindigkeit zu gewinnen, auf dem Dampfer den ganzen verfügbaren Platz der Maschine und den Kohlenkammern überlassen mußte, ganz so, als wenn man gezwungen wäre, einen Expreßzug auf die Locomotive und auf den Tender zu beschränken! Nun kam Herr Bazin! Er hat neue Wege eingeschlagen. Er hat mit einem weitaus geringeren Aufwand an Kraft und Gewicht Geschwindigkeiten, die Niemand erhofft hätte, erreicht. Er bietet den „Globe-Trotters" das ideale Paquetboot, den Ultra-rapiden, maritimen Luxuszug, eine Art schwimmender Terrasse, auf der man mit ganzer Brust die würzige Seeluft einathmen können wird. Das Schiff, das so schnell wie ein Schnellzug fährt, ist erfunden. (Sonntagsbl. d. „Germania".) -—» I — - — Ober-Tiefenbach. Mit einer Illustration nach photographischer Aufnahme von I. Heimb ucher, Photograph in Sonthofen und Jmmenstadt. sVervielfältigungsrccht vorbehalten.) (Nachdruck verboten.) In der Nähe der Gerichts- und Schulferien stellt sich mancher der Herren Beamten und Professoren die Frage: wo werde ich Heuer den Akten-, wo den Schul- staub von mir schütteln? Der eine Ort liegt zu nahe, der andere zu entfernt von der Eisenbahn, der eine bietet zu wenig Naturschönheiten, der andere keine Gelegenheit zur Kräftigung der Gesundheit im Bade, da ist's zu überfüllt, dort gar zu langweilig, bald hat man zu klagen über Mangel allen Komforts, bald über die hohen Preise. Den über ihren Ferienaufenthalt zu Rathe gehenden Familien soll durch diese Zeilen mit einem Bilde ein zwar wenig bekannter, aber alle Ansprüche und Erwartungen befriedigender Ort genannt sein, Tiefenbach im bayerischen Allgäu. Tiefenbach, nahezu 1000 m über dem Meere gelegen, ehedem eine Filiale von Fischen, ist von der Bahnstation Fischen mit Lohnfuhrwerk in einer Stunde, von den Bahnstationen Langenwang und Oberstdorf in 1 bis 1 */z Stunden zu Fuß zu erreichen und vereinigt alles, was man sich für einen Ferienaufenthalt wünschen kann; da gibt es keine strenge Toilettenordnung, keine rauschende Musik, aber auch keine das Auge und die Lungen belästigenden Staubwolken. Tiefenbach hat eine romantische, gegen rauhe Winde durch die es umschließenden Berge geschützte Lage, ringsum ozonreiche Nadel- und Laubwälder und gewährt die Möglichkeit, täglich nicht nur gesundheitsfördernde Promenaden in den Wäldern, sondern auch 459 größere Ausflüge mit den lohnendsten Aussichten zu machen, nach dem 1^ Stunden entfernten Nöhrmos mit seinen großartigen, zerklüfteten Gottesackerwänden, über den Zwingsteg nach der in Vorarlberg liegenden Walser- schanze, über den Hirschsprung nach dem frei und lieblich gelegenen Oberwaiselstein, nach dem vielgenannten bayerischen Sibirien, dem Pfarrdorfe Balderschwang, nach dem in 3*/, Stunden erst seit einem Jahrzehnt auf geordneten Wegen erreichbaren hochgelegenen Frcibergsee, nach dem nur 10 Minuten von Tiefenbach entfernten Wasach, von dessen Terrasse aus ebenso gut in den Thalkessel von Oberstdorf und weit hinaus in das Jllerthal das Auge schweifen, als ein Gebirgspanorama überschaut werden kann, wie man es ausgedehnter und herrlicher nur selten findet; man sieht von dort, wie in einem Rahmen eingefaßt, den Entschenkopf, das Nubihorn, die Seeköpfe, den Schattenberg, die Höffats- und Bockkarspitze, das Naucheck, kam mit der Grafschaft Rothenfels an die Grafen von Königsegg und gelangte durch die Heilung des Grafen Haug von Königsegg-Rothenfels schon früh zu bedeutendem Rufe. Der gegenwärtige Besitzer, Herr Georg Schmid, durch langjährige Thätigkeit in den größeren Städten Deutschlands im Hotelfache sehr bewandert, im Gewände eines von Gesundheit strotzenden Tirolers sich den Gästen präsentirend, hat Gasthof und Bad der Neuzeit entsprechend eingerichtet, sorgt jederzeit freundlichst für Fahrgelegenheit von und nach allen Richtungen, gewährt schnell und erfüllt pünktlich alle Wünsche der Gäste, und seine Gattin, eine gewandte, auf Reinlichkeit bedachte, alle Surrogate wie Margarine u. dgl. streng abweisende Haus- und Küchendirektorin, bietet den Gästen Speisen, wie man sie besser in den ersten Hotels nicht finden kann. Der Keller bietet eine reiche Auswahl von Weinen, vorzugsweise Ttrolerweinen, der ^ Stall kräftige Kuh- und Dber-Tiefrnbach die großen Grottenköpfe, das Hohe Licht, den Himmel- schrofen, kurz eine lange Reihe von Bergen, die im Glänze der untergehenden Sonne eine köstliche Augenweide bilden. Neben den Genüssen für das Auge und den unberechenbaren Vortheilen für die Athmungswerkzeuge findet der Besucher von Obertiefenbach aus in dem damit fast zusammenhängenden, in einer Thalschlucht gelegenen, aber gleichwohl der Sonne noch zugänglichen Bade Unter- tiefenbach für den müden oder kranken Körper Kraft und neues Leben. Die Quelle, alkalisches Schwefelwasser mit reicher Jodbeigabe, schon vor vielen Jahrhunderten aufgefunden und, wie Einige glauben, schon den in Ouraxoäuiiuw, dem heutigen Kemplen, seßhaften Römern bekannt, hat zahlreiche Kurerfolge bei gichtisch-rheumatischen Zuständen, Hämorrhoidalleiden, Luftröhrenkatarrhen, Geschwüren, auch Isolrias nsrvosn, an Rekonvalescenten nach langwierigen Krankheiten rc. zu verzeichnen. Die Badeanstalt, früher in Montfortischem Besitze, Ziegenmilch, Alles bei mäßigen Preisen. Hübsch eingerichtete Zimmer zu 0,70—1,40 M., das Bad zu 0,70 M. mit Bedienung, Mittags- und Abcndttsch nach Karte. Wer hie und da größere Gesellschaft aufsuchen will, kann einen Spaziergang nach Oberstdorf oder eine Bahnfahrt nach Sonthofen und Jmmenstadt machen. -—- Zu unseren Bildern Das Tischgebet. Da« einfache Mittagsmahl ist aufgetragen, die Familie ist um den iauber gedeckten Tisch versammelt und verrichtet mit Anbackt das Tischgebet, in welchem sie Gott dankt für die Wohlthaten des Leibes und der Seele, die er immer von Neuem wieder den Menschenkindern erweist. Daß dieses täglich stck wiederholende Gebet den schlichten Bauersleuten nicht zu einer leeren Gewohnheitssache wird, sondern daß die Worte ihnen aus tiefstem Herzen kommen, das kann man deutlich an den gesammelten, andachtsvollen Gesichtern erkennen. Nur dem 460 kleinen Burschen, der auf dem Schemel kniet, scheint das Gebet etwas zu lang zu dauern, denn mit verlangendem Seitenblick schielt er nach der großen Schüssel, aus welcher die „Spätzle" ihm gar lieblich entgegenduften. Guer -urch Afrika. „Quer durch Afrika" sind sie gerissen, Miesbeth und Maunzel, die Kätzchen klein, Was sie dort trieben, das kann man wohl wissen, Ohne gerade ein Wißmann zu sein: „Geographieseuche" heißt das Leiden, D'ran jetzt erkrankt ist die ganze Welt, Und so hat es sich bei den beiden Thierchen natürlich auch eingestellt. Aber schon naht sich ein mächtiger Kater, Wie er ja meistens zu kommen pflegt, Wenn verflogen der Rausch I D'rum hat er Hier sich bereits auf die Lauer gelegt.— Maunzel und MieSbeth, wie wtrd's euch ergehen, Wenn ihr die ganze Karte zerfetzt; Theuer kommt euch die Sache zu stehen, Fremdes Gebiet habt ihr schnöbe verletzt I Ja, wenn das „koloniale Fieber" Gleichfalls jetzt schon die Thierwelt erfaßt, Ist das nicht gräßlich? — Na, Schwamm darüber I Habe ja bloß ein Bissel gespaßt. Will mich gewiß an Niemandem reiben, Doch die Bemerkung erscheint mir am Platz: Kolonial-Politik zu treiben Ist entschieden — nicht für die Katz'I I Eduard Jürgensen. - -SÄ8XB-S - AiLexieL. JapanischesZeitungsWesen. Wie überall, so gibt nach einer Darstellung der Papier-Zeitung auch in Japan der Stand der Presse ein treues Spiegelbild der Entwickelung deS Volkes. Während der über 250 Jahre dauernden Herrschaft der Tokugama-Schogune war jede öffentliche Meinungsäußerung verboten, und die Presse diente lediglich der schönen Literatur, die in Japan schon seit langer Zeit blüht. Auch nach der 1868er Umwälzung wurde es damit nicht viel anders; man hatte noch kein Bedürfniß für öffentliche Besprechung der Tagesfragen, und die amtlichen Datjokuan Nischi, die die behördlichen Verordnungen enthielten, wurden fast ausnahmslos nur von den dazu verpflichteten Beamten gelesen, ähnlich wie bet uns die Verordnungsblätter selten über den Kreis der Verwaltungsbehörden hinaus bekannt zu sein Pflegen. Besonders wichtige Ereignisse wurden indeß auch damals schon von unternehmenden Druckern durch Extrablätter verbreitet, die besonders in der Hauptstadt gern gekauft wurden. Der deutsch-französische Krieg mit seinen in schneller Folge sich überstürzenden Neuigkeiten, sowie das zu jener Zeit überall in der Welt reger pulsirende Verkehrsleben dürfte den Anlaß gegeben haben, statt der unregelmäßigen Extrablätter dem Volke regelmäßig erscheinende Zeitungen darzubieten, denn es entstanden 1871 in Tokio ein Wochenblatt und bald darauf sogar zwei Tagesblätter, die Mainischi Schimbun und die Nischi Nischi Schimbun. Der Inhalt beschränkte sich indessen lediglich auf die trockene Wiedergabe von Ereignissen, da man jede der Regierung nicht wohlgesinnte Meinungsäußerung bestraft zu sehen gewohnt war. Auf die Europäer wurde indessen diese Behandlung nicht ausgedehnt und deßhalb wagte es 1872 ein Engländer, I. E. Black in Jokohama, ein tägliches Blatt großen Stils, die Nischtn Schinjischi, herauszugeben, das in unerschrockener Sprache die öffentlichen Mißstände rügte. Die Folge war, daß nicht nur die Mißstände abgestellt wurden, sondern daß man auch der Presse größere Freiheit gewährte, indem man ihren Nutzen schätzen lernte. Hieraus schöpften denn auch einheimische Unternehmer Muth, und es entstanden binnen zwei Jahren in rascher Folge nicht weniger als 50 Zeitungen. Seitdem ist deren Anzahl ganz bedeutend gewachsen, denn 1893 wurden nicht weniger als 767 Blätter gezählt. Die Zahl der durch die japanifchePost beförderten ZeitungsNummern betrug 1887 18,248,305 Stück, 1891 schon 49,081,972 Stück, was einer Steigerung von fast 90 vom Hundert für das Jahr gleichkommt. Die Erscheinungsweise der Blätter ist die bei uns übliche: während die hauptstädtischen Zeitungen täglich außer Festtags erscheinen, beschränken sich die Lokalblätter in kleineren Orten auf ein- bis dreimaliges Erscheinen in der Woche. DaS bisher in Japan fast unbelastete Buchdruckgewerbe sieht übrigens einer umfangreichen Besteuerung entgegen, denn nach einem in der Zweiten Kammer eingebrachten Gesetzentwurf über die Besteuerung von Gewerbebetrieben ist für die Druckereien vom 1. Januar 1897 ab folgende jährliche Belastung vorgesehen: 1. ^gggg des Anlage- Kapitals; 2.4/zgg des jährlichen Miethspreises oder Mieths- werthes; 3. 1 Jen (—4 M.) jährlich für jeden Betriebs- Beamten, und 4. 30 Sen (— 1 M. 20 Pf.) für jeden beschäftigten Arbeiter. Um neue Betriebe nicht zu belasten, ist vorgesehen, daß diese Besteuerung erst vom vierten Betriebsjahre ab in Kraft treten soll. * Höchste Seltenheit. Erklärer fim Raritäten- Cabinetj: „Hier sehen Sie, meine Herrschaften, zwei Steine aus Transvaal." — Herr: „Was ist denn daran so Merkwürdiges?" — Erklärer: „Na, Sie wissen doch, daß dort die ganze Erde voller Gold steckt." — Herr: „Ach so, das sind goldhaltige Steine." — Erklärer: „Im Gegentheil, es sind die einzigen beiden Steine aus Transvaal, in denen nicht eine Spur von Gold vorhanden istl" --SS88-S— Schachaufgabe. Schwarz. Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt. --KZAIK-- MM O 61. Ireitag, den 24. Juli 1896. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttler). Arauenherz und Iranenwatten. Lebensbild von Mary Dobson. (Fortsetzung.) XVI. Dr. Günther's erste Briefs waren angekommen; er schrieb von der kurzen Reise nach Hamburg und seinem dortigen Aufenthalt, hatte feine Ueberfahrt nach New- Uork besorgt und sollte diese am folgenden Abend antreten. „Von dieser Reise werde ich hoffentlich als ein anderer Mann heimkehren, Fräulein Feldheim", schrieb er an Marie, „um meinen Kindern und meiner Mutter das sein zu können, wozu ich ihnen gegenüber verpflichtet bin. Erstere befinden sich in Ihrer Obhut gewiß so wohl, wie es mein Herz nur wünschen kann. Lassen Sie mich, ich bitte sie dringend darum, recht viel von ihnen erfahren, auch schreiben Sie mir von meiner Mutter, welche beim Abschied sehr erregt war. Doch konnte ich ihrem Wunsche nicht entsprechen, nicht in der Vaterstadt zu bleiben, wo jeder meinen Verlust und mein Unglück kennt und mich oft genug daran erinnert u. s. w." Auf diesen Bries antwortete Marie mit dem nächsten Schiff, schrieb in eingehender Weise von dem Wohlbefinden der Kinder, berichtete auch über seine Familie, so weit sie dieß ohne ihr vorzugreifen konnte, und schloß mit Grüßen und Bestellungen von Ersteren, welche diese ihr in die Feder gegeben. Mit diesem Brief gingen auch die Briefe von Mutter, Schwester und Schwager ab, welche sämmtlich von Mariens Lob und Bewunderung voll waren. Auch sprachen Erstere ihm in herzlichster Weise ihre Wünsche für sein Wohlergehen in der neuen Welt aus; Herr Reichardt aber, den er zu seinem Bevollmächtigten für die Dauer seiner Abwesenheit ernannt, hatte ihm auch geschäftliche Mitteilungen zu machen. Der Sommer mit seiner Pracht und Herrlichkeit ging wiederum zu Ende, und mit kälteren, wechselvollen Tagen trat der Herbst an seinen Platz. Die Kinder konnten nicht mehr wie sonst draußen spielen und arbeiten, wenngleich sie so oft wie möglich im Freien waren. Marie hielt jede Verweichlichung von ihnen ferne, wußte sie doch zur Genüge, daß nur schwache, leicht erregbare Nerven HedwigS Unglück nach und nach herbeigeführt. Sie besuchte Frau Günther und Rei- chardt's oft mit ihnen, und diese waren eben so oft bei ihr und mit ihrer Erziehungsweise einverstanden. Auch die Gräber ihrer Mutter und ihres Bruders suchte sie mit ihnen auf, und als es keine Blumen mehr gab, sie zu schneiden, wurden Kränze aus Epheu und Immergrün gebunden. Von Dr. Günther kamen oft Briefe, die meisten an seine Mutter und Marie gerichtet, an. Er war von New-Aork nach anderen größeren Städten gereist, überall von den deutschen Cvnsuln voll Entgegenkommen aufgenommen. Die Wtntermonate gedachte er im Süden zuzubringen, später aber wieder nach den Vereinigten Staaten zurückzukehren. Er verfolgte überall wissenschaftliche Zwecke und ward von feinen Collegen, welcher Nationalität sie auch waren, voll Entgegenkommen dabei gefördert. — Die Zeit verging, der erste Wiuterschnee fiel auf Hedwigs und ihres Kindes Grab, und bedeckte die Kränze, mit denen die Liebe der Ihrigen sie geschmückt. Das Weihnachtsfest ward im Kreise derselben still begangen, und gegen Ende Januar zog in diesem große Sorge ein. Frau Günther hatte sich eine starke Erkältung zugezogen, nach welcher ein nervöser, fiebernder Zustand blieb. AIs voll Besorgniß Marie mit dem Arzt, dem Freund ihres Sohnes, sprach, erklärte dieser, daß ihr die Trennung von ihrem Sohne und den Kindern nachhänge und eine zeitweilige Ortsveränderung für sie erwünscht sei. Sie bot dazu ihr Haus an, Reichardt's waren damit einverstanden, und nun galt es, die Zustimmung der Kranken zu erlangen. Dieß war indeß nicht so leicht, sie schützte die Mühe und Sorge vor, welche nothwendig sie verursachen würde, und fügte ihren Einwendungen hinzu: „Haben Sie denn nicht schon durch die Kinder genug, Fräulein Feldheim?" „Die Kinder machen mir weder Sorge noch Mühe, Frau Günther", entgegnete voll herzlicher Freundlichkeit Marie, „und auch Sie würden dieß nicht thun, könnten Sie sich entschließen, zu mir zu kommen. In steter Unruhe aber würde ich Ihretwegen sein, wüßte ich Sie allein mit dem Mädchen in Ihrer Wohnung!" „Ich will zu Bertha gehen." „Bertha hat nicht die Kinder, die Sie aufheitern und zerstreuen werden, und wird Sie oft besuchen." — Marie drang mit ihren Vorstellungen durch, und schon in den nächsten Tagen bezog Fran Günther ei» 462 — fkenndliches Zimmer im Erdgeschoß ihres Hauses. Sie s erholte sich bald in der frischeren, freieren Luft und erheiterte sich an der Gegenwart der Kinder, die so lebensfroh, kräftig und gesund waren und in Beweisen ihrer Liebe gegen sie nicht ermüdeten. Ost, wenn in der Dämmerungsstunde sie auf dem Sopha ruhte und beim Schein der hellen Ofengluth Hugo und Marga an Mariens Seite sah, wo sie lebhaft mit ihr plauderten, oder sie ihnen eine ihrer schönen Geschichten erzählte, wenn sie dann an ihren abwesenden Sohn dachte, dessen Eemüthsstimmung eine immer ruhigere und lebens- muthigere ward, dann trat wohl das schöne Zukunftsbild, das sie so getreulich festgehalten, deutlicher vor ihre Seele, sie betrachtete es auch schon länger, ihr Herz erfreute sich daran, und mit einem leisen Seufzer pflegte sie dann ebenso oft leise zu sagen: „Wie Gott Willi" — Zu Anfang April ward das Osterfest begangen, und mit ihm die Auferstehung der Natur, die Hugo und Marga bald in jedem knospenden Blatt, in jeder sich färbenden Frühlingsblume entdeckten. Als Carl die Gartenarbeiten vornahm, begannen auch sie die ihrigen, streuten Sämereien aller Art in die verschiedenen Beete und sahen deren Aufkeimen erwartungsvoll entgegen. Bald nach Ostern kehrte, vollständig hergestellt und gekräftigt, Frau Günther voll Dank gegen Marie in ihre Wohnung zurück. Schon in den ersten Tagen fühlte sie sich einsam und verlassen, nachdem sie fast drei Monate in der heitersten Umgebung und in der liebevollsten Pflege gewesen, doch beschloß sie, dieß Gefühl Niemandem, am wenigsten Marien, zu verrathen und auch nie ihrem Sohn darüber zu schreiben. Dieser, welcher den Winter im Süden von Nord- und in Mittel-Amerika verlebt, war, wie er in seinem letzten Briefe angedeutet, im Begriffe die heißen Gegenden zu verlassen und nach dem Norden znrückzukehren. Er schrieb stets voll hoher Befriedigung über seine Reise, schrieb von seiner gekräftigten Gesundheit, und zu Aller Freude, daß er im Juli oder August heimkehren werde. Von seiner Mutter Kränklichkeit hatte er durch sie selbst erfahren und Marien herzlich für die ihr erwiesene Liebe und Sorge gedankt. — Im Mai reiste Bertha mit ihrem Gattin nach Carlsbad. Es hatte sich bei ihm ein Leberleiden geltend gemacht, das frühzeitig zu bekämpfen der Arzt gerathen. Bei ihrer Heimkehr im Juni ward ihnen eine freudige Ueberraschung zu Theil, die Frau Günther selbst erst am Morgen erfahren und außer ihr noch Niemand wußte. Der Oberarzt der chirurgischen Abtheilung bes Krankenhauses, an dem auch Dr. Günther angestellt gewesen, hatte von einer größeren Universität den Ruf eines Professors der Chirurgie erhalten und diesen angenommen, und war nun Dr. Günther an seine Stelle von der Verwaltung des Krankenhauses zum Oberarzt ernannt. Die Mittheilung machte Frau Günther ihren Kindern, als diese am Nachmittag sie zu besuchen kamen, und als Bertha das versiegelte, officielle Schreiben sah — denn die erste Nachricht war ihrer Mutter in vertraulicher Art durch einen Collegen ihres Sohnes zugegangen, und sie wie ihr Gatte hatten ihre große Freude darüber ausgesprochen — fügte sie mit leisem Nachdruck hinzu: Nun beginnen Deine früheren Hoffnungen sich zu «füllen, Mutter, denn Albrecht gelangt zu einem höheren Ansehen in feiner Vaterstadt!^ „Möchte ihm dieß nur selbst Freude bereiten", entgegnete bewegt Frau Günther, „und er sein neues, schwieriges Amt geistig und körperlich gekräftigt antreten können!" „Das wird er gewiß", versetzte Herr Reichardt, zugleich als Bevollmächtigter seines Schwagers, das amtliche Schreiben öffnend, während seine Gattin an einen andern stillen langgehegten Wunsch ihrer Mutter dachte, dessen Erfüllung auch sie unbeschreiblich beglücken würde. Frau Günther sprach nun die bestimmte Ansicht aus, daß auch Marie Feldheim die so wichtige Nachricht erfahren müsse, und eben erklärten Reichardt's, sie ihr überbringen und sie zugleich begrüßen zu wollen, als die Hausthüre geöffnet ward und kleine Füße sich schnell dem Wohnzimmer näherten. Dieß betraten alsbald Hugo und Marga mit freudestrahlendem Gesicht und blumen- gefüllten Händen, und Ersterer rief lebhaft: „Großpapa — Tante Bertha, wir sind in Eurem Hause gewesen, und Christine hat uns gesagt, daß Ihr schon angekommen und hier wäret!" Herr und Frau Reichardt begrüßten die Kinder, wie auch die ihnen folgende Marie, welche sie dagegen daheim willkommen hieß. Dann begäben sich Alle zu Frau Günther, welche voll herzlicher Liebe und Freude ihre Enkel küßte, Marie die Hand zum Gruß reichte und voll freudiger Aufregung ihr die Ernennung ihres Sohnes mittheilte. In der ihr eigenen ruhig-freundlichen Weise wünschte Marie ihr wie auch ihren Kindern Glück dazu, und Herr Reichardt bemerkte: „Es ist nur schade- daß Dr. Günther selbst die Nachricht möglicherweise erst nach einigen Wochen erfährt, denn für den Augenblick wissen wir nicht einmal bestimmt wo er sich aufhält!" „Das kann ich Ihnen sagen", antwortete ebenso ruhig Marie, „denn ich habe diesen Mittag einen Brief von ihm gehabt. Dr. Günther wird am 24. ds. Mts. in der Stadt St. John in Neufundland sein, dort einige Tage bleiben und dann die Reise nach New-Iork antreten, wo er in dem uns bekannten Hotel wohnen wird!" „In Neufundland?" rief fast erschrocken Frau Günther. „Was aber will er da? — Müßte er nicht zurückkommen, so ginge er wohl gar nach Grönland und noch weiter, und wir würden ihn in diesem Jahr kaum wiedersehen!" Die Anwesenden lächelten über diese Erklärung, und Herr Reichardt sagte: „Ich möchte allerdings auch, er wäre uns näher, oder wir wüßten wenigstens bestimmt, wo er sich diesen Abend oder morgen früh aufhält, denn dann würde ich ihm eine Depesche schicken. Was gedenken Sie in Bezug auf eine Antwort zu thun, Fräulein Feldheim?" „Ich habe, da Dr. Günther dringend Nachricht von hier begehrt, gleich heute geantwortet, und da wir erst den achten Juni haben, den Brief nach St. John geschickt", erwiderte Marie. „Ein Brief an Sie, Frau Günther", wandte sie sich dann an diese, „ist unterwegs, unterdeß aber lesen Sie diesen, der eine längere Reisebeschreibung enthält", und das Schreiben aus der Tasche nehmend, übergab sie es ihr. In der für Dr. Günther so wichtigen Angelegenheit beschloß sein Schwager sogleich zu schreiben, mit der Aufforderung, ihm nach Empfang des Briefes durch 463 ein Telegramm seine Antwort zu schicken. Sollte die Depesche nicht kommen, so war anzunehmen, daß er den Brief nicht erhalten, und in dem Fall wollte Herr Nei- chardt nochmals und nach New-Z)ox! schreibe». XVII. In Dr. Günther's Wohnung war große, wenn auch stille Freude eingekehrt, denn seine Mutter erwartete ihn daheim, und zwar an einem Abend gegen Ende Juli. Seine Zimmer standen bereit und waren von den Kindern mit den Blumen ihrer Gärten geschmückt; auf dem Schreibtisch, den Bertha wie in früheren Zeiten geordnet, lagen bereits für ihn eingegangene Briefe und amtliche Schreiben, wie auch die neuesten Zeitungen, und Hedwig's über demselben hängendes Bild war mit einem zarten Kranz von duftende« Grün umrahmt. Bertha wollte ihren Bruder bei ihrer Mutter erwarten, deren Aufregung mit jeder Minute zunahm, ihr Gatte aber seinen Schwager am Bahnhof in Empfang nehmen. Arthur Reichardt hatte ebenfalls kommen wollen, den Gatten seiner verstorbenen Pflegeschwester bei dessen Ankunft zu begrüßen, doch war er durch eine nothwendige plötzliche Reise seines Schwiegervaters daran verhindert. Hugo und Marga waren nicht nach Hause gekommen. Dr. Günther hatte in seinem letzten Brief aus England bemerkt, sie in Fräulein Feldheim's Obhut zu lassen, welcher er selbst sie anvertraut, wie überhaupt am Abend seiner Ankunft in keinerlei Aufregung zu versetzen. Marie, welche durch Frau Günther diese Bestimmungen ihres Sohnes erfahren, war damit einverstanden und sah seinem Besuch entgegen. Frau Günther und Bertha schien der Zug länger als sonst mit dem so sehnlich Erwarteten auszubleiben, doch hatte er zur gewohnten Stunde die Stadt berührt, und gegen neun Uhr fuhr auch der Wagen mit den beiden Schwagern vor. Dr. Günther stieg zuerst aus und schritt schnell dem Hause zu, an dessen Schwelle seine Mutter und Schwester ihn sprachlos und unter Thränen begrüßten, während auch seine Augen feucht glänzten. Dann begaben sie sich inS Wohnzimmer, wohin ihnen Herr Reichardt, welcher unterdeß das umfangreiche Gepäck besorgt, folgte. Hier äußerten sie in lebhafter Weise ihre Freude, gesund und wohlbehalten wieder vereint zu sein, und voll Stolz betrachtete Frau Günther den stattlichen Sohn, dessen zwar immer noch ernstblickende Augen gleichzeitig voll Thatkraft leuchteten, und dessen Gang und Haltung den früheren Lebensmuth und hohes, edles Selbstvertrauen verkündeten. Dann erkundigte er sich eingehend nach dem Befinden seines Schwagers, und als er darüber Auskunft erhalten, fragte er nach Marie Feldheim und seinen Kindern. Nur zu gerne und mit freudestrahlenden Augen erzählte seine Mutter von ihnen, und als sie ihrem Herzen Genüge gethan, er tiefernst ihr zugehört, hatte Bertha das bereitgehaltene Abendessen auftragen lassen. Als die kleine Familie sich zu diesem niederließ, begann Dr. Günther von seiner neuen Stellung zu sprechen, deren erste Ankündigung er wirklich in St. John erhalten und sogleich telegraphisch darauf geantwortet, daß er sie annehmen würde. Das Vertrauen und die Anerkennung, welche ihm die Verwaltung des Krankenhauses dadurch bewiesen, erfüllte ihn mit hoher Freude, und er erklärte, sich am folgenden Morgen dorthin begeben zu wollen, um persönlich seine Heimkehr anzuzeigen. Als in einer späteren Stunde Reichardt'S sich nach Hause begaben und auch Mutter und Sohn sich getrennt, betrat Dr. Günther zum ersten Male sein Arbeitszimmer, wo, vor seinen Schreibtisch tretend, er die Lampe ergriff und Hedwig's Bild beleuchtete. Lange betrachtete er die lieblichen, von Glück und Lebensfrohsinn strahlenden Züge seines so früh verstorbenen Weibes, wie diese in den ersten Jahren ihrer Ehe gewesen, dann die Lampe zurückstellend, richteten sich seine Augen nochmals auf das so sinnig geschmückte Bild, nur zu sicher ahnend, wer dieß gethan uud er wandte sich dann mit schmerzlich bewegten Gestchtszügen ab. — Am folgenden Morgen sah Frau Günther nur wenig von ihrem Sohn, der verschiedene Besuche abzustatten hatte und längere Zeit im Krankenhause verweilte, wo er von seinen früheren Collegen voll Herzlichkeit begrüßt ward und dem bisherigen Oberarzt zusagte, seine neue Stellung schon um die Mitte August antreten zu wollen, da dieser zu Anfang September in dem neuen Wohnort erwartet ward. Am Nachmittage eilte er nach dem Feldheim'schen Hause, wo Marie, welcher er seinen Besuch hatte melden lassen, ihn erwartete. Die Kinder, nachdem sie erfahren, daß ihr Vater angekommen, hatten dieß unter lautem Jubel im Hause verkündet, bald aber mit gänzlich verändertem Gesicht gesagt: „Wird Papa uns heute mitnehmen, Tante Marie? Laß uns lieber hier bleiben, wo wir Deinen und unsern Garten haben, in dem wir so gern pflanzen und arbeiten Wögen!" „Ich kann nichts dazu sagen, Kinder", erwiderte mit tiefgekühltem Herzen Marie. — „Ihr müßt jedenfalls thun wie es Papa will.", „Nein, nein, Tante Marie, ich gehe nicht nach der Stadt", rief entschieden die kleine Marga und blickte unerschrocken zu ihr auf. „Ich will Papa bitten, baß er uns bei Dir läßt, und gewiß wird er eS auch thun", und ihres Sieges gewiß, ergriff sie die Hand ihres Bruders und eilte mit ihm ins Freie, während traurig Marie im Gartenzimmer zurückblieb. — — Sie blieb aber nicht lange allein, bald ertönte die Glocke der Hausthür, und als diese geöffnet ward, vernahm sie eine bekannte, lange nicht mehr gehörte Stimme, welche in sehr freundlicher Weise mit Johann sprach. Ihr Herz schlug einen Moment heftig, schnell färbten sich ihre Wangen, ebenso schnell aber war die Bewegung wieder verschwunden, und als ein kurzes, scharfes Klopfen den Einlaß Begehrenden meldete, antwortete sie mit ruhiger und sicherer Stimme, und Dr. Günther trat ein. — Ihr seine Hand reichend, in die sie die ihrige legte, richteten sich nach der langen Trennung Beider Augeu auf einander, und ihre Rechte mit einem warmen Druck umfassend, sagte er mit tiefer, bewegter Stimme: „Da bin ich wieder, Fräulein Feldheim, ein anderer Mann als ich gegangen — — „Willkommen in der Heimath, Herr Doktor", ent- gegnete ebenfalls bewegt Marie, den Druck seiner Hand erwidernd, „und möge Ihnen diese wiederum lieb und theuer werden!" „Sie ist es immer gewesen, Fräulein Feldheim", versicherte er in demselben Tone, „auch als ich unter dem furchtbarsten Geschick zu leiden hatte, und der schwere Schlag ist nun etwas überwunden!" „Sie haben die Ihrigen wohl angetroffen", fuhr, als sie Platz nahmen, Marie fort. „Ja, und auch meine Kinder werde ich gesund und wohl wiedersehen", antwortete Dr. Günther, dessen Ge- stchtszüge sich etwas erheiterten. „Ja, ich hoffe, Sie werden mit meiner Sorge und Pflege zufrieden sein", antwortete, zu einem leichteren Ton übergehend, Marie. „Sollen wir sie im Garten aufsuchen oder sie rufen lassen, denn Sie werden mit großer Sehnsucht von ihnen erwartet!" Das war nicht erforderlich, denn muntere Kinderstimmen kamen näher und riefen, ehe sie noch die Thür erreicht: „Tante Marie — Tante Marie —" hielten aber, vor dieser stehend, mit weitgcöffneten Augen inne, stürzten mit dem Ausruf: „Papa! — Papa!" zu diesem, der sie in seinen Armen auffing. Sie umschlangen seinen Hals mit ihren Armen, während er sprachlos sie wieder und wieder küßte und in Mariens Augen Thränen glänzten. Die Kinder gewannen zuerst die Sprache wieder, und ihre Arme von seinem Hals lösend, ergriffen sie seine Hände, sahen ihn mit freudig glänzenden Augen an und sprachen: „Nun bleibst Du doch immer hier, Papa, und gehst nie wieder weg!" „Nein, Kinder, ich bleibe jetzt bei Euch", antwortete er, sie voll Vaterliebe und Bewunderung betrachtend. Jetzt erschien Dora, welche den Kleinen gefolgt war und auch von ihm mit freundlichen Worten begrüßt ward. Dann aber hefteten sich seine Augen wiederum forschend und prüfend auf die Kinder. ES waren dieselben Gesichter und Gestalten, aber gesund, kräftig und lebensfrisch, das eine Jahr hatte sie gänzlich umgewandelt. In lebhafter Weise fragten sie ihn jetzt nach seiner Reise und Ankunft, und als sie darüber eine ihnen verständliche Auskunft erhalten, erzählten sie ihm von ihrem Garten und fragten, ob er ihn sehen wolle. „Gewiß, Kinder", erwiderte er freundlich und sich zugleich erhebend, während sie mit leuchtenden Augen seine Hände ergriffen und ihn so schnell sie konnten fortführten, Dora aber Marie bedeutungsvoll anblickte und ihnen folgte. Dr. Günther und seine Kinder, die ihn munter umsprangen, hatten deren Anlage erreicht, auf der es grünte und in den buntesten Farben blühte, und die er voll Ucberraschung betrachtete, indeß sie voll Spannung zu ihm aufsahen. Seine Gedanken wandten sich dabei voll Dankbarkeit Marien zu, die auch dieß zum Besten der Kinder ersonnen, denen aber sein Schweigen zu lgnge währte, denn Hugo fragte: „Ist unser Garten nicht sehr schön, Papa?" „Ja, Kinder", erwiderte Dr. Günther schnell und erkundigte sich nach allen Pflanzen und Blumen, und Beide wußten ihm genaue Auskunft zu geben, erzählten ihm auch, daß sie von letzteren Kränze gebunden und sie ihrer Mama und ihrem Bruder gebracht. Bei dieser Erklärung wurden ihre Gesichter ernst; da er sie aber nicht in traurige Stimmung versetzt sehen wollte, erkundigte er sich nach einer größeren, frischgrünen Fläche ihres Gartens, und die kleine Marga war im Begriff eingehend zu antworten, doch kam Hugo ihr schnell zuvor und sagte: „Was da wächst, bekommst Du zum Abendesien, Papa. Weil Du angekommen bist, dürfen wir heute mit Euch essen und sollen bei Dir sitzen. Gehe nun aber wieder zu Tante Marie, lieber Papa. damit wir alles fertig machen können!" Dr. Günther blickte seine Kinder lächelnd an, ebenfalls lächelnd auf Dora, und ging dann langsam dem Hause zu, während die Kinder sich an die Arbeit machten und vorsichtig die größten Pflanzen auszupften. Bald betrat er das Gartenzimmer, wo voll Spannung Marie ihn erwartet hatte, und ihr seine Hände reichend sagte er mit tiefer, bewegter Stimme: „Haben Sie Dank, Fräulein Feldheim, für das was Sie meinen Kindern gethan und ihnen gewesen sind l" „Herr Doktor-" unterbrach ebenfalls bewegt Marie. „Wie — wie vermag ich Ihnen je Ihre Liebe und Fürsorge für die kleinen mutterlosen Waisen zu vergelten ?" „Herr Doktor", begann die eingetretene Pause unterbrechend Marie mit unsicherer, leicht stockender Stimme, „wenn Sie glauben, daß ich nach bestem Wissen und Willen für Ihre mutterlosen Kinder gesorgt, und allen Ernstes meinen, deshalb in meiner Schuld zu sein, so giebt eS ja, ich will Ihnen daS nicht verhehlen, es giebt eine Möglichkeit nur — ich bediene mich aber nur Ihres eigenen Ausdrucks — dieß zu vergelten —- —" „Was — was kann ich thun? Sprechen, o, sprechen Sie, Fräulein Feldheim!" rief lebhaft erregt Dr. Günther und sah sie erwartungsvoll an. „Lassen Sie mir die Kinder, die zu entbehren mir unendlich schwer werden würde", und bei diesen Worten blickten Mariens Augen ihm voll Spannung entgegen. Er war in der That überrascht und zögerte einen Augenblick, was ihr nicht entging, dann aber erwiderte er ruhig und entschlossen: „Meine Kinder bleiben Ihrem Wunsche gemäß bei Ihnen, Fräulein Feldheim! — Ich habe an Hedwig'S Grabe immer wieder gelobt, sie so glücklich wie möglich zu machen, es würde aber kein Glück für sie sein, wollte ich sie dem schönen Leben entreißen, welches sie unter Ihrem Schutze führen!" „Haben Sie Dank für dieß Versprechen, Herr Doktor", erwiderte voll tiefer Rührung Marie und reichte ihm die Hand, die er mit der seinen fest umschloß. Hier ließen sich die Stimmen der Kinder vernehmen, und als sie nach einigen Sekunden das Zimmer betraten, trug Hugo zierlich geordnet einen Teller voll frtschrother Radieschen, die er seinem Vater, den er wie auch Marga triumphirend ansahen, mit den Worten reichte: „Die haben wir schon vor langer Zeit für Dich gesäet, Papa —" Dr. Günther nahm den Teller entgegen, und dessen Inhalt betrachtend, sagte er voll Herzlichkeit: „Ihr habt mir durch diese Radieschen eine große Freude gemacht, Kinder, und wir wollen sie diesen Abend, wie Ihr gesagt, essen. Hört nun aber, was ich Euch noch zu sagen habe. Tante Marie und ich, wir haben über Euch gesprochen —" Die Kinder sahen ihn fast erschrocken an und dann auf Marie, während er den Teller auf den Tisch stellte und fortfuhr: „Tante Marie hat zu meiner Freude Euch sehr liebgewonnen und will Euch noch länger hier behalten, 465 und ich, weil Ihr immer meine guten Kinder gewesen seid, will Euch hier lassen!" Bald ihn, bald Marie ansehend, hatten die Kinder ihm aufmerksam zugehört und jedes seiner Worte verstanden. Bei den letzien aber kam neues Leben in sie, ihre Augen und Züge strahlten vor Freude, und schnell zu Marien tretend, sagten sie: „Ist es wahr, Tante Marie? — Bleiben wir bet Dir?" „Ja, Kinder", erwiderte sie bewegt, und als diese sie dann voll stürmischer Zärtlichkeit umarmten und liebkosten, schloß sie sie fest an ihre Brust. Einen Augenblick blickten Dr. Günther's Augen ernst, dann sah er voll Befriedigung auf die schöne Gruppe. Den Kindern aber kam bald ein anderer Gedanke, und von Mariens Schooß kletternd, sprangen sie zu ihrem Vater, umarmten auch ihn herzlich, und Hugo sagte: „Wie gut bist Du, Papa, daß Du uns hier lassen willst! — Wirst Du uns auch oft besuchen?" „So oft ich kann", erwiderte ruhig sein Vater, „denn ich bekomme jetzt viel Arbeit —" Er ward durch seiner Mutter und Netchardt's Kommen unterbrochen, die kaum Marie, ihn und die Kinder begrüßten, als diese ihnen voll Freude erzählten, daß ihr Vater ihnen gesagt, sie würden bet Tante Marie bleiben. Aller überraschte Blicke gewahrend, bestätigte Dr. Günther die Worte seiner Kinder, und während sie sich erfreut darüber auSsprachen, nahm Frau Günther's Vision — das schöne Zukunftsbild — eine festere Gestalt an. XVIII. Dr. Günther hatte sein neues Amt angetreten, und kamen seine Collegen wie die leidende Menschheit ihm vertrauensvoll entgegen. Er ward durch letztere mehr noch als früher in Anspruch genommen, doch der ver- hältnißmäßig noch junge Oberarzt besaß eine große Arbeitskraft, und war seine Gesundheit durch die Strapazen der langen Reise in der neuen Welt gestählt. Seine bedeutenden Kenntnisse, sein scharfer Blick und seine sichere Hand begannen schon ihm Ehre und Ansehen auch über die Grenzen seiner Vaterstadt hinaus zu bringen. Seine Mutter war stolz auf ihn und alle seine Erfolge, beklagte aber, daß sie so wenig von seiner Person hatte. Oft sah sie ihn während des ganzen Tages kaum länger als beim Mittagessen, da auch Rcichardt'S Ansprüche an seine Gesellschaft machten und er, sobald er eine Stunde erübrigen konnte, zu seinen Kindern ging, bei denen er stets Erheiterung fand. Oft, sehr oft auch lenkte er seine Schritte nach dem stillen Friedhof, wo die Gräber seiner Theuren stets mit frischen Kränzen geschmückt waren. Wer dieß that, wußte er nur zu gut, denn oft genug erzählten ihm seine Kinder, daß sie ihre Mama und ihren Bruder besucht. So war die Zeit vergangen, der Sommer dem Herbste gewichen und diesem der Winter mit seinen kurzen Tagen, mit Stürmen, Schnee und Eis gefolgt. Letzterer hatte auch das Weihnachtsfest und den Jahreswechsel gebracht, die von Günther's, Netchardt's, wie auch Marie Feldheim in stiller Weise begangen worden. In Dr. Günther's und seiner Mutter Lebensweise war keine Veränderung eingetreten. Oft fragte sich diese und sprach auch mit ihren Kindern darüber, wie lange sie ihm wohl noch gefallen würde, da sie seinem Herzen nicht genügen konnte, nachdem er eine glückliche Häuslichkeit kennen gelernt, und als einmal sie die Sache wieder anregte, antwortete ihr Schwiegersohn: „Sei unbesorgt, Mutter, Albrecht wird nicht immer wie jetzt leben, er muß sich nur erst in seine neue Stellung wie alles was sie mitbringt hineingefunden haben. Ist das geschehen, so macht auch das Herz seine Rechte wieder geltend, und das wird nicht vergeblich sein!" Und es machte sich bereits, wenn auch erst in leiser Weise, geltend. Oft wenn er seine Kinder besuchte, die ihn mit offenen Armen empfingen und mit stürmischen Liebkosungen begrüßten, mit denen er dann in Mariens großem, behaglichem Wohnzimmer, wo er sie vor Jahren kennen gelernt, eine glückliche, schnell entschwundene Stunde verlebte, dabei sich mit Marien unterhielt, die mit klarem Verständniß auf alle seine Mittheilungen, mochten sie Krankenfälle oder seine amerikanische Reise, auf die er so gern zurückkam, betreffen, einzugehen wußte, wenn er dann im Dunkeln durch Sturm, Regen und Schnee den Rückweg unternahm, auf diesem deS traulichen, glücklichen Heims seiner Kinder gedachte, dann kam ihm wohl das Gefühl, daß sein jetziges Dasein aller Freude entbehre, welche er zu Hedwig's Lebzeiten gekannt, und in letzter Zeit regte sich auch in feinem Herzen der Wunsch, solcher Lebensfreuden wiederum theilhaftig zu werden, wenn er auch noch nicht weiter überdachte, wie dieser theilhaftig zu werden sei. Spät an einem Nachmittag, als wiederum er Marie und die Kinder verlassen, ging er von ihnen zu einer einen ernsten Fall betreffenden Consultation. Nach vorgenommener Untersuchung fand er diesen weniger gefährlich und konnte dem Kranken die Versicherung geben, ihm durch eine Operation den Arm zu erhalten, und sollte diese am folgenden Tage im Krankenhause ausgeführt werden. Der Patient war ein unbemittelter Arbeiter und daher seine wie seiner Frau Freude über die günstige Aussicht groß. In seinen Gedanken mit dem Fall beschäftigt, von dem er bedauerte, ihn nicht früher erfahren zu haben, um leichter helfen zu können, erreichte er seine Wohnung, wo er zuerst seine Mutter aufsuchte, die er an dem Tage nur bei dem verspäteten, eilig eingenommenen Mittagessen gesehen. Zu seinem nicht geringen Schrecken fand er sie bleich und angegriffen auf dem Sopha liegend, allein, ohne jegliche sorgende, liebevolle Pflege. Sich schnell nach ihrem Befinden erkundigend, erkannte er einen leichtnervösen, fieberhaften Zustand, der indeß bald gehoben werden mußte, wenn er bei ihrem Alter nicht schwächend nachwirken sollte. Dieser Zustand aber mußte schon länger gewährt haben, und er machte sich Vorwürfe, daß er ihn nicht früher beachtet, wie seiner Mutter leise Vorstellungen, daß sie nicht mit ihm darüber gesprochen, und fügte schließlich nachdrücklicher, als er vielleicht wollte, hinzu: „Du mußt Hülfe haben, Mutter, junge, kräftige Hilfe! — Wir wollen eine tüchtige Haushälterin annehmen, die Dir zugleich Gesellschafterin sein kann!" „Nicht doch, mein Sohn", beruhigte ihn Frau Günther, und ihre matten Augen blickten ihn liebevoll an, „eine fremde Person würde hier wenig nützen, ich aber werde nach einigen Tagen der Ruhe wieder hergestellt sein." . „Warum hast Du nicht zu Bertha geschickt, die doch — 466 — gewiß gekommen sein würdet fragte in hohem Grade verstimmt ihr Sohn. „Du vergißt, daß Werth« einen Mann hat, der fast in meinem Alter steht, seit einiger Zeit kränkelt und ebenfalls ihrer Pflege und Sorge bedarf!", erwiderte seine Mutter mit merklichem Nachdruck. (Fortsetzung folgt.) Polnische Bauern. Von Professor Dr. Guglielmo Ferrero. Wenige Länder sind für den Europäer des Westens so interessant und merkwürdig wie Russisch-Polen, d. h. jener Theil Polens, in welchem die alte Civilisation und der alte Geist der Nation noch lebendig sind; vielleicht eben darum, weil eine Regierung mit den ganzen ihr zu Gebote stehenden unbarmherzigen Zwangsmitteln dahin gearbeitet hat, diese Civilisation und diesen Geist zu ersticken. Für uns, namentlich für alle Jene, die in Gegenden aufgewachsen sind, welchen das Stadtleben Civilisation und das Landleben Unwissenheit bedeutet, macht es einen sonderbaren Eindruck, ein Volk zu sehen, das nahezu ohne Städte lebt, zerstreut über unendliche Ebenen, ohne daß diese Zerstreuung die ausgleichende Macht der Ergebnisse der Civilisation verringerte. Die einzige große Stadt von Russisch-Polen ist Warschau, dessen Bevölkerung überdies nur zum Theile aus Polen zusammengesetzt ist; die Mehrzahl der Bewohner sind Russen, Deutsche und Juden. Die anderen sogen. Städte, wie Grodno, Lomza, Petrikau, sind fast ausschließlich von Juden bewohnt und gleichen weit eher Dörfern zweiter Ordnung, als wirklichen Städten. Die Häuser sind fast alle aus Holz, die Straßen schlecht gepflastert, schmutzig und von Bächen durchfurcht; die Gasthöfe sind miserabel, häßlich und ärmlich die Kaufläden. Das Einzige, was an die großen Städte gemahnt, sind die hohen Preise, die — leider! — des civilisirtesten Volkes würdig wären. Man möchte meinen, daß man Dörfer vor sich habe, die zu Städten werden wollen, aber nicht können, abscheuliche Mißgeburten, die dem polnischen Edelmann verhaßt sind und die dieser den armen Juden überläßt, während er sich selbst in das auf seinen Gütern erbaute Haus zurückzieht. Das ist das wahre Heim des Polen, die eigentliche ursprüngliche Schöpfung der polnischen Civilisation. Auf je 8 oder 10 Kilometer Entfernung, inmitten einer Besitzung, erhebt sich ein schönes, gemauertes Haus, der Sitz des Eigenthümers der Ländereicn; in geringer Entfernung davon befindet sich das Dorf, ein Haufe erbärmlicher Holzhütten, in denen die Bauern wohnen. In jenen wohnt die Blüthe der gebildeten Classen Polens, in diesen die Masse der elenden Bauern; die Einen und die Anderen führen zusammen ein merkwürdiges und eigenthümliches Leben; sie haben Beziehungen zu einander, wie man sie nirgends sonst antrifft. Der erste Eindruck, den man erhält, ist der, daß man fast immer noch die Nähe der Knechtschaft fühlt. Die Leibeigenschaft wurde in Russisch-Polen erst im Jahre 1863 abgeschafft; sie liegt aber auch heute, nach dreiunddreißig Jahren, noch in der Luft, erfüllt von ihren verschiedenen Einflüssen. Die Vergangenheit ist noch gegenwärtig in den Gedanken, in den Gefühlen, in den Gebräuchen, während die neue Lage der Dinge nur langsam in die Bevölkerung eindringt und die Gesellschaft inmitten schmerzlicher Widerwärtigkeiten einer Um-' Wandlung unterwirft. Viele Häuser, welche ehemals Knechte beherbergten, sind nun von kleinen unabhängigen Besitzern bewohnt; aber die Gewohnheiten der Unterwerfung find noch nicht ganz verschwunden. Der ehemalige Knecht oder dessen Sohn grüßt noch den ehemaligen Herrn und küßt ihm ehrerbietig die Hand, wenn er ihm begegnet. In allen Angelegenheiten jeder Art, besonders aber in jenen, welche in Beziehung zu der russischen Verwaltung stehen, wendet sich der Bauer stets um Aufklärung und Rath an den Gutsherrn. Ja, der ehemalige Herr wird sogar allenthalben als eine Art Vorsehung angesehen, so daß er oft gezwungen ist, seinen ehemaligen Knechten gegenüber als Arzt und Apotheker zu wirken. Diese kleinen, ärmlichen Dörfer besitzen weder Arzt noch Apotheke, und der Arzt sowohl als die Medicamente müßten aus der zunächstliegenden Stadt geholt werden, die aber in den meisten Fällen sehr weit entfernt ist. Der Bauer regt sich deßhalb aber nicht auf, und er findet Mittel und Wege, die Ausgaben für den Arzt und die Medicinen zu ersparen. Wenn er sich unwohl fühlt, geht er zu seinem ehemaligen Herrn, theilt ihm seine Schmerzen und Leiden mit und verlangt von ihm irgend ein Heilmittel; und derjenige Gutsherr, welcher sich weigern würde, die Krankheit zu bestimmen und das Medicament zu verschreiben, würde als ein harter und unmenschlicher Mann betrachtet werden. Die Familim der polnischen Edelleute müssen darum stets mit einer kleinen, wohl assortirten Apotheke versehen sein, und eines ihrer Mitglieder muß mit den Lehren der Heilkunde wenigstens oberflächlich bekannt sein und die gangbarsten chirurgischen Operationen auszuführen verstehen, wie zum Beispiel Abscesse schneiden, Wunden auswaschen und Zähne ziehen; im entgegengesetzten Falle würde der ehemalige Knecht sehr bald jeden Rest von Ehrfurcht für den einstigen Herrn verlieren, der so unwissend und egoistisch ist, daß er nicht einmal seine Leiden zu heile» im Stande ist. Dieser Respect gegenüber dem ehemaligen Herrn ist wohl zum Theile Tradition, zum Theile aber auch Hypo- kcisie des Bauern, der jahrelang unterdrückt gewesen war und der sich eine Art Genugthuung zu schaffen trachtet, indem er seinen einstigen Herrn nunmehr auszubeuten sucht; denn die Befreiung an sich und die Art und Weise, wie diese durchgeführt wurde, trug selbst dazu bei, in dem früheren Paria die Instinkte des Eigenthums in der schärfsten Form wachzurufen und einen heimlichen Antagonismus zwischen Herrn und Knecht zu begründen. Das kaiserliche Decret der Befreiung aus der Knechtschaft bestimmte, daß die befreiten Leibeigenen als freie Bürger die Rechte bewahren sollten, die sie als Knechte ihres Herrn besessen hatten, ohne die Pflichten erfüllen zu müssen, die ihnen in diesem Falle durch ihre freie Stellung auferlegt wären. So behielt der Bauer, welcher als Knecht die Nutznießung eines Stückchens Boden gehabt hatte, unter der Bedingung, seinem Herrn zu dienen, diesen Boden als unabhängiger Eigenthümer; die Knechte, welche das Recht gehabt hatten, Holz aus den Wäldern zu nehmen, behielten dieses Recht, ohne deßhalb die Dienste versehen zu müssen, zu denen sie früher gezwungen gewesen waren. So geschah es, daß die Rechte der Knechte und Herren sehr bald miteinander verwechselt wurden, weil sie nicht, wie dies hätte sein sollen, durch deutlich redigirte und unwiderlegbare Docu- mentc bestimmt worden waren. Die Herren waren aufgebracht über die Befreiung und nicht geneigt, weitgehende Concessionen zu machen, was zu Reibungen und tiefgehenden Zwistigkeiten zwischen beiden Theilen führte, während welcher der befreite Knecht damit begann, seine Personalität als freier Mann zu behaupten durch mysteriöse Feucrsbrünste, die in den Wäldern des Herrn aus- brachen, oder durch Flintenschüsse, die des Abends hinter den Büschen abgefeuert wurden. Diese Conflicte mußten natürlich dazu beitragen, im Knechte das Gefühl des neuerworbenen Besitzthums zuzuspitzen. Und so wurde der ehemalige Knecht von einer immer wachsenden, maßlosen, fanatischen Leidenschaft für den Grund und Boden ergriffen, die einen heimlichen, heftigen, zähen und siegreichen Kampf gegen den einstigen Herrn zur Folge hatte, um diesen aller seiner Besitzungen zu berauben. Und während in allen anderen Ländern Europas der kleine Besitz von dem großen verschlungen wird, wird in Russisch-Polen der Großgrundbesitz zersplittert, und die Bruchstücke fallen in die Gewalt der ehemaligen Knechte, die nach so langer Fastenzeit hungrig über Grund und Boden herfallen. Sie arbeiten gleich den Termiten: eine riesenhafte Eiche scheint sicher und kräftig auf ihren Wurzeln emporzuwachsen; aber Millionen von Ameisen sind in die Fiber des Holzes eingedrungen und haben jahrelang gewühlt und genagt, bis eines Tages der stolze Niese in Splitter zerfällt. Der Bauer führt diesen Angriff auf das Eigenthum des einstigen Herrn auf alle mögliche Weise, vor Allem aber durch die Versuche gewaltsamer Ucbcrgriffe. „So sicher wie in jedem Jahre im April der Schnee schmilzt," sagte mir ein polnischer Gutsbesitzer lachend, „so sicher wird jeder kleine unabhängige Eigenthümer, wenn die Zeit herankommt, da man die Felder Pflügt, seinen Acker um einen Meter, einen Fuß, eine Hand breit auf das angrenzende Gebiet des Gutsherrn auszubreiten trachten, und er wird nicht müde werden, diesen Versuch der Usurpation Jahr für Jahr zu wiederholen. Seine Geduld ist geradezu erstaunlich; und wenn wir nicht jedes Jahr genau Acht geben würden, um diese gewaltsamen Ueber- griffe zu verhindern, dann wären wir gar bald von diesen Heuschreckenschwärmen des Großgrundbesitzes zu Grunde gerichtet. Im Uebrigen vermag hier keine Ermahnung, keine Bestrafung auch nur im Geringsten bessernd zu wirken." — Ja, der Bauer glaubt wgar ein Recht zu haben, sich auf diese Weise die Güter seines ehemaligen Herrn anzueignen, nachdem er Jahrhunderte hindurch unter dem Joche für ihn gearbeitet hat, und er betrachtet die Macht des Gesetzes, welche ihn an den eben geschilderten Uebergriffen hindert, als eine ungeheure Ungerechtigkeit, die auf ihn ausgeübt wird, weil er arm und schwach ist. Deßhalb lautet der größte Schimpfname, dessen sich der polnische Bauer bedient, um einen Gegner heftig zu beleidigen: „Geometer!" Der Geometer, der mit seinen teuflischen Instrumenten im Stande ist, in den Schollen der Erde zu lesen und, ohne zu irren, auf einen Zoll genau festzustellen, wem ein bestimmtes Stückchen Feld gehört, ist in seinen Augen das verächtlichste und hassenswertheste Geschöpf der Welt. Der Geometer ist in Polen beim Volke noch weit mehr verhaßt und ^verachtet, als bei uns etwa der Scharfrichter. — "/Die Geduld und die Ausdauer des polnischen Bauers 'im Kampfe Men den, Gutsherr« itz^eine, so ungeheuer große, daß er, wenn es ihm nicht gelingt, durch Usur< pationen seinen Besitz auszudehnen, Alles ins Werk setzt, um dies auf gesetzmäßigem Wege zu thun. Gelingt ihm der Raub nicht, so muß ihm der Kauf gelingen! Die polnischen Edelleute sind in einer rapiden Dccadenz begriffen. Ihre einstigen Reichthümer schwinden rasch dahin; der Ertrag von Grund und Boden ist in Polen ungeheuer gesunken, zum Theil in Folge der Werthvcr- minderung der landwirthschaftlichen Erzeugnisse, besonders des Getreides; andererseits in Folge der schweren Abgaben, die darauf lasten, insbesondere nach den den Polen auferlegten Kriegssteuern nach der Revolution vorn Jahre 1864. Und die polnischen Edelleute, die seit Jahrhunderten gewohnt sind, ihre Landhäuser mit dem ganzen Comfort ausgestattet zu sehen, der ihnen ein angenehmes, Vergnügungsreiches Leben ermöglicht, unterbrochen von wenig Arbeit und erheitert durch schöngeistige Beschäftigungen, haben ihr kostspieliges und glänzendes Leben der glücklichen alten Zeiten auch später noch fortgesetzt, als ihre finanziellen Verhältnisse nicht mehr so gute waren. Einige von ihnen, die vorsichtiger waren als die Anderen, haben sich der Entwickelung den landwirthschaftlichen Industrien gewidmet, besonders der Bereitung des Bieres und der alkoholischen Getränke. Die Meisten aber, welche die Ausübung der bürgerlichen Handclsgcwerbe unter ihrer Würde fanden, fuhren gedankenlos fort, das kostspielige Leben zu führen und sich mit Schulden zu überhäufen, und so kam für Alle früher oder später der Tag des Zusammenbruches heran. Da sie ihre Schulden nicht mehr zahlen können, sind sie gezwungen, ihre Felder zu verkaufen und die väterlichen Güter zu veräußern, um die Wucherer zu befriedigen, mit deren Geldern sie lange Zeit hindurch so sorglos und glänzend gelebt hatten. Und da kommen nun die ehemaligen Knechte heran und suchen das Wrack zusammen, das aus dem Schiffbruch der reichen Herren zu retten ist. Die Ländereien der Herren sind im Allgemeinen sehr ausgedehnt und in Folge dessen zu groß für die ökonomische Stärke des armen Bauers. Um die große Schwierigkeit zu überwinden, nehmen die polnischen Bauern Zuflucht zu einem System, das wohl einzig ist in dieser Welt: sie vereinigen sich zu einer zeitweiligen Gesellschaft, kaufen gemeinschaftlich das Stück Land und vertheilen es untereinander in Gemäßheit der eingezahlten Quoten. Trotzdem bleibt es immer sehr räthselhast, wie es möglich ist, daß die kleinen Bauern Geldsummen, seien sie auch verhältnißmäßig noch so gering, aufzutreiben im Stande sind, um Ländereien anzukaufen. Die Felder Polens sind im Allgemeinen nicht fruchtbar, die landwirthschaftlichen Produkte haben nur geringen Werth, die Bauern besitzen zum größten Theile Felder von geringer Ausdehnung und sind den Diebereien der russischen Staatsbeamten ausgesetzt, die oft aus deren Unkenntni ß der russischen Sprache Nutzen ziehen, um sie zur Bezahlung höherer Steuern zu zwingen, und endlich haben sie Alle zumeist zahlreiche Familie. Und trotz alledem ersparen sie noch Geld, um sich neue Felder zn kaufen. Wovon nähren sie sich? Wie leben sie? Ein Physiologe wäre vielleicht um eine Antwort auf diese Fragen verlegen. Sie leben nur, um neue Felder zu erwerben; sie concentriren ihre ganzen Geistes- und Willenskräfte in dieser höchsten Leidenschaft und finden Mittel, um das außerordentliche Wunder zu verwirklichen, daß sie, die elenden, erbärmlichen Bauern, die Güter der fallitm Großgrundbesitzer anzukaufen vermögen. Sie 468 leiden viele Jahre hindurch und führen ein wahres Märtyrerleben, sie fügen sich in ein Dasein furchtbarer Entsagungen, um einen fernen Ersatz von wenigen Quadratmetern selbstgekaufter neuer Erde zu finden, die ihnen nicht dazu dienen wird, ihr Loos günstiger und erträglicher zu gestalten, die aber ihre Hoffnung aus eine weitere Ausdehnung ihrer Felder erhöhen wird. Wir haben es hier fast mit einem ökonomischen Mysticismus zu thun, mit einer übersinnlichen Leideuschaft des Länderbesitzes, welchem der polnische Bauer Alles opfert, sowie der Asket auf alle Freuden des Lebens verzichtet, um das Paradies zu erlangen. Das, was der polnische Bauer zu erreichen trachtet, ist blutwenig; aber die Willenskraft, die er dazu anwendet, um sein Ziel zu erreichen, ist so groß, daß sein Sieg über den einstigen Herrn in Wirklichkeit als einer der größten Triumphe des menschlichen Willes betrachtet werden kann. Die Verschiedenheit der menschlichen Schicksale ist, wie man sieht, heute nicht geringer als zu den Zeiten, da Horaz sie zum Gegenstände seiner schönen Dichtungen machte. Der Schwärm der befreiten Leibeigenen des Alterthums vertreibt aus den väterlichen Ländern die ehemaligen Herren, die genöthigt sind, ihre Lebensweise zu ändern und neue Arbeit und neue Erwerbsquellen zu suchen. Die herrschaftlichen Landhäuser des alten Polen- landes verfallen; die reichsten unter ihnen verlieren ihren Glanz von ehemals, nachdem die Armuth in ihnen Einzug gehalten; viele sind geschlossen oder fallen in die Hände der wohlhabenden Wucherer. Der Lärm des lustigen und sorgenlosen Lebens, der so lange Zeit hindurch in ihren Mauern wiederhallte, verklingt nach und nach und macht einem traurigen Schweigen Platz. Inzwischen wächst in den Städten das Bürgcrthum, das zum Theile aus Fremden, zum Theile aus polnischen Edelleuten besteht, welche die Bedürfnisse des Lebens Handel treiben gelehrt haben. Die russische Regierung steht dieser Umwandlung wohlgefällig zu, denn die Herrschaftshäuser der polnischen Landedelleute waren stets die Citadellen des Nationalgefühls, die Mittelpunkte, von welchen aus sich die Ausstände über das ganze Land verbreiteten und gleich Waldbränden rasch um sich griffen. Denn die Landedelleute waren stets die Anführer der aufständischen Heere, die in der Oppositions-Politik jenen Ausfluß des angeborenen Thätigkeitsbedürfniffes fanden, das ihr müßiges Leben ihnen nicht anderswo zu finden gestattete. Mögen sie Alle zu Kaufleuten werden, denkt die russische Regierung; so werden sie vorziehen, Geld zu erwerben, statt sich dem gefährlichen Svort der Revolution zu widmen! ^ Allerlei. ,, * Vor einiger Zeit erschien in mehreren Blättern ein Artikel, wonach die beständige Beschäftigung mit dem Schachspiele nachtheilig auf Körper und Geist einwirken soll. Hiezu wird uns geschrieben: Wir theilen Ihnen hier folgende Zusammenstellung der Lebensdauer der berühmtesten bereits verstorbenen Schachmeister mit, wobei wir ausdrücklich bemerken, daß wir nicht etwa für unseren Zweck nicht passende Daten absichtlich weggelassen haben. ES erreichten ein Alter: Andersten Adolf von 61 Jahren, St. d'Amant 72, Cochrane 80, Deschappelles 67, Du- fresne Jean 64, Evans 82, Kolisch Jgnaz 52, Lewis 83, Köwenthal 66, Mackenzie 54, Morphy 47, Pausten Louis 59, Philidor 69, Staunton 64, Zukertort 46; so daß sich die durchschnittliche Lebensdauer derselben auf (966:15) 64 Jahre 5 Monate beläuft. Außerdem stehen noch folgende derzeit noch lebende berühmte Schachmeister in einem Alter: Bird von 65 Jahren, Blackburne 54, Lange 64, v. d. Lasa 78, de Riviöre 66, Rosenthal 59, Steinitz 60, Winawer 58. Aus dieser kurzen Zusammenstellung dürfte sich mit Sicherheit die Schlußfolgerung ziehen lassen, daß von einem Körper und Geist schädigenden Einfluß des Schachspieles, selbst bei ausschließlicher Beschäftigung mit demselben, wohl nicht die Rede sein kann. » N ormal-Festbericht, den modernen Festen auf den Leib geschnitten: Welch ein Wetter — blauer Himmel, Voll Erwartung — Groß' Gewimmel, Lange Züge — Aus dem Wagen Menschenmassen — Rennen, Jagen. Festcomits — Auf dem Platze Schöne Herren — Schnurrbart, Glatze. Bravo! Hurrah! — Hoch willkommen! Stolze Heimath — Nutz und Frommen > Zug zur Hütte — Blumenregen Alle Herzen — Warm entgegen. Auf zur Arbeit — Strammes Schaffen Händeklatschen — Großes Gaffen. PreiSvertheilung — Festjungsrauen. Lorbeerkränze — Kaum getrauen. Jubclstimmung — Gratuliren, Becherkreisen — Depeschiren. Große Reden — Freunde, Brüder Fest umarmen — Kommet wieder. Feuerwerke — Ehrenweine, Später Aufbruch — Schwanke Beine. Arger Kater — Bald genesen, Abschiedsküsse — Schön gewesen. Blätter melden — Vcm Profite? O bewahre — Deficite. Aimmelsscha» im Monat August. —X Merkur, Venus und Jupiter sind nicht sichtbar. Mars F nimmt etwas an Helligkeit zu, geht anfangs um 11 U., zuletzt um 9 U. 45 M. abdS. auf. Am 4. geht Mars gegen 11 U. unter der Mondsichel auf. - Saturn tz läuft in der Waage vorwärts, steht abds. am südwestlichen Himmel und geht zuletzt um 9 U. 30 M. unter. Am 14. steht er in der Nähe des Mondes. Vom 10.—13. findet ein Sternschnuppenfall aus dem Radianten im PerseuS statt. Die Sternschnuppen sind indessen vereinzelt 14 Tage vor- und nachher zu sehen, und der Radiant verschiebt sich parallel der Erdbahn. In den Morgenstunden des 9. August findet bet uns eine partielle Sonnenfinsterniß statt; der Anfang der Finsterniß ist jedoch nicht sichtbar, da die größte Finsterniß 4 U. 33 M. früh eintritt, das Ende 6 U. 23 M. und an diesem Tage die Sonne 6 U. 2 M. aufgeht. Die Zone der Totalität erstreckt sich von Norwegen über Sibirien nach Japan. " Am 23. findet eine partielle Mondsfinsterniß statt, die in Amerika, an den Küsten von Westeuropa und Westafrika sichtbar ist. Sie beginnt 6 U. 24 M. mgs. und hat eine Größe von 0,738 in Theilen des Monddurchmessers, ist aber in unserer Gegend nicht sichtbar, da der Mond an diesem Tage bereits 5U. 14 M. früh untergeht. « 62 , „Augsburger PostMung". Dinstag, den 28. Juli 1896 . Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lBorbefitzer vr. Max Huttler). Irauenyerz und Irauenrvatten. Lebensbild von Mary Dobson. (Fortsetzung und Schluß.) Dr. Günther hatte keine Erwiderung, verschrieb jedoch einige Rezepte, die er durch den kürzlich angenommenen Hausdiener besorgen ließ. Dann nahm er neben seiner Mutter Platz, erzählte ihr von Marie und den Kindern, welche er so wohl und glücklich wie immer angetroffen, und sie meinte einen wärmeren Klang als sonst in seinem Tone zu entdecken und konnte daher nicht unterlassen, ihn verschiedentlich forschend anzusehen. Auf seine Uhr blickend, gewahrte er, daß die neunte Stunde nahe war und er in eine ärztliche Versammlung gehen mußte, zu welcher er seine Anwesenheit zugesagt, was auch seine Mutter wußte. Er nahm nun einstweilen Abschied von ihr und bat sie, Christine, ihre langjährige Dienerin, an ihrer Seite bleiben zu lassen, und begab sich zu seinen Kollegen. Als er das Zimmer verlassen, blickte seine Mutter ihm gedankenvoll nach und sagte leise: „Sollte — sollte mein heißester Wunsch dennoch in Erfüllung gehen? — Aus seiner Bewunderung und hohen Achtung vor Marie ein wärmeres Gefühl für dieß edle Wesen entstanden sein? — Er erkennt in ihr die treueste Mutter seiner Kinder, die liebevollste, fürsor- gendste Tochter seiner Mutter, warum sollte er da in ihr nicht auch ein geliebtes Weib erkennen können, das nochmals ihn glücklich macht und sein jetzt so mühevolles, thätiges Leben verschönt? — Aber Marie?" unterbrach sich dann Frau Günther. „Würde sie ein solches Gefühl erwidern können oder wollen? — Albrecht's Persönlichkeit muß jedem weiblichen Auge gefallen", setzte sie dann mit einiger Genugthuung hinzu, „und sein Wesen und seine Stellung auch Marie Feldheim genügen können. Vielleicht auch —" hier war sie in ihrem Gedankengang durch den zurückkehrenden Hausdiener unterbrochen, welcher ihr Medicin brachte und von ihr den Auftrag erhielt, Christine zu schicken. Erst nach mehreren Stunden verließ Dr. Günther die Versammlung, welche sein ungetheiltes Interesse in Anspruch genommen und in der er das gefeierte Mitglied gewesen. Auf dem Rückwege theilweise von einigen Kollegen begleitet, fiel, sobald er allein durch die nächtlichen Straßen dahinging, der Gedanke an seine Mutter ihm schwer auf die Seele, und mit schnellen Schritten eilte er zu ihr zu kommen. Er fand sie in ihrem Schlafzimmer, ihr Zustand hatte sich nicht verändert, doch konnte auch die Medicin kaum gewirkt haben. Sie erkundigte sich nach der Versammlung, und er erzählte ihr von dieser, bei der auch einige fremde Aerzte gegenwärtig gewesen, die er am folgenden Tage im Krankenhause empfangen müsse. Seine nochmaligen, dringenden Vorstellungen, mehr Hülfe für dies Haushaltung zu nehmen, lehnte sie wiederum entschieden ab, und zwar mit der abermaligen Versicherung, in den nächsten Tagen hergestellt zu sein. Da es bereits spät geworden, wünschte er ihr eine gute Nacht, worauf sie ihn liebevoll und zugleich forschend anblickte und sagte: „Begieb auch Du Dich zur Ruhe, mein Sohn, deren nach allen Anstrengungen dieses Tages Du gewiß bedarfst —" Dr. Günther versprach seiner Mutter dieß zu thun, verließ sie, nachdem er der im Nebengemach weilenden Dienerin anempfohlen, ihn erforderlichen Falls zu wecken, und begab sich in sein Zimmer. Hier hielt er jedoch sein Versprechen nicht, sondern begann in demselben auf und ab zu wandern. Die Erkrankung seiner Mutter hatte die Sorge um sie in ihm wachgerufen, die er, so lange sie ruhig und rüstig gewesen, nicht gekannt, sie mußte Ruhe und Pflege haben, wie aber ihr die verschaffen, wenn sie jeder fremden Hülfe in der durch seine neue Stellung bedeutend schwieriger gewordenen Haushaltung zurückwies? — Rathlos und niedergeschlagen ging er hin und her, hielt endlich vor dem Bilde seiner verstorbenen Frau inne und sagte, es eine Weile betrachtend: „Wärest Du mir geblieben, Hedwig, ich hätte so schwere Sorgen nicht kennen gelernt, die mir um so drückender sind, da mein Beruf mich nach allen Seiten hin so ganz in Anspruch nimmt!" Wieder begann er seine Wanderung; aufgeregt wie er war, ward ihm das Herz immer schwerer, und er, der sonst so starke Mann, hatte das Gefühl als könne noch einmal ein schweres Unglück über ihn hereinbrechen. Da trat, erst in schwachen Umrissen, dann aber deutlicher, ein Bild vor seine Seele, das Bild einer edlen Frauengestalt, die während aller Jahre, wo er sie gekannt, mit ruhigem, klarem, kräftigem Geist, dennoch voll Milde und Güte gewaltet, und wohin sie sich gewandt, Friede und Wohlsein um sich her verbreitet. Seine ruhiger werdenden Gedanken verweilten bei diesem Bilde, 470 bei ihr, die er als die beste Tochter eines kranken Vaters kennen gelernt, dann wieder als die treueste Freundin, als den helfenden, tröstenden Engel bei seinem Familien- unglück gesehen, die jetzt die zärtlichste, fürsorglichste Mutter seiner Kinder geworden, welche, geleitet vom scharfen Blick, vom richtigen Gefühl der Kinder, sie mit derselben Innigkeit liebten, wie sie ihre leibliche Mutter geliebt. Und sollte sie, die so ganz die Begabung hatte den eigentlichen Beruf des Weibes zu erfüllen, nicht auch als liebende Gattin glücklich machen und glücklich werden können und wollen? — Dr. Günther's Züge nahmen nach und nach einen ruhigeren Ausdruck an, er trat nochmals vor das Bild seiner verstorbenen Frau, stand lange vor diesem, als halte er Zwiesprache mit der Verewigten, und als er sich endlich zur Ruhe begab, hatte er einen Entschluß gefaßt, den er so bald als möglich auszuführen gedachte. — XIX. Dr. Günther hatte schwere Morgenarbeit im Krankenhause gehabt, dann die Operation des Arbeiters, die er als eine gelungene betrachten konnte, und darauf die fremden Aerzte empfangen, welche sich die rühmlich bekannte Anstalt anzusehen wünschten. Als auch dieß geschehen, nahmen Alle ein am vorigen Abend verabredetes Mittagessen ein, er begleitete die Gäste nach dem Bahnhof und begab sich — es war bereits spät am Nachmittag des winterlichen Februartages — nach seiner Wohnung. Während des ganzen Tages hatte er seine Mutter nicht gesehen, auch nichts von ihr erfahren, was indeß im ein gutes Zeichen war, denn er hatte am Morgen ihm Hause die Anordnung zurückgelassen, ihn im Fall einer Verschlimmerung zu benachrichtigen, die er jedoch kaum befürchtete, da er sie durch den Schlaf gekräftigt gefunden. Bald hatte er das Haus und das Zimmer seiner Mutter erreicht. Sie lag wie am Tage zuvor sorglich in Kissen und Decken gehüllt auf dem Sopha, und als er nach gegenseitiger Begrüßung sich nach ihrem Befinden erkundigte, hatte sich dieß zu seiner Freude nicht verschlimmert, da sie auch durch den mehrstündigen Besuch ihrer Tochter einige Zerstreuung gehabt. An ihrer Seite Platz nehmend, fragte sie voll reger Theilnahme nach seinem Tagewerk. So weit er vermochte, entwarf er ihr ein Bild davon, dem sie voll Interesse lauschte und dabei im Stillen seine große Arbeitskraft bewunderte, erzählte ihr von einer neuen Consultation, die er für den nächsten Morgen angenommen, und ward nach einer Weile abgerufen. In seinem Arbeitszimmer fand er eine Frau mit ihrer kleinen Tochter. Das Kiud war gefallen und hatte sich eine Kopfwunde zugezogen, die er verband und der Mutter auftrug, ihn. falls es erforderlich sein sollte, am nächsten Morgen im Krankenhause aufzusuchen. Nachdem die Frau mit dem Kinde gegangen, hatte er einige Briefe zu erledigen, die er dem Hausdiener zur Besorgung übergab. Als er dann wieder bei seiner Mutter eintrat, sah sie, daß er zum Ausgehen gerüstet war und seine Züge einen ruhig entschlossenen, ungewöhnlich ernsten Ausdruck hatten. Ihn einige Augenblicke voll mütterlichen Stolzes betrachtend, sagte sie mit einem leisen Seufzer, denn sie hätte nach allen Anstrengungen des Tages ihn an dem kalten Winterabend gern daheim gewußt: „Du wirst wohl erst spät wiederkommen, mein Sohn?" „Nein, Mutter, das glaube ich nicht", erwiderte er mit unverändertem Ernst, „und wenn Du Dich darnach befindest, so erwarte mich hier!" „Willst Du auch zu Reichardt's gehen?" fuhr sie fort. „Ich kann es Dir nicht versprechen, Mutter", antwortete er. „Geschieht es nicht, so will sie morgen besuchen — hast Du sonst noch irgend einen Auftrag für mich?" „Ich hätte wohl einen, doch Du wirst ihn diesen Abend nicht mehr ausführen können, und es hat auch Zeit bis morgen damit", entgegnete Frau Günther. „Ich möchte Fräulein Feldheim und die Kinder gern sehen, die schon seit mehreren Tagen nicht hier gewesen sind!" „Wir haben schlechtes Wetter gehabt, Mutter", erwiderte ausweichend ihr Sohn. „Doch nun einstweilen, auf Wiedersehen, möglicherweise bin ich schon in einer Stunde wieder hier", und einen freundlicher Gruß erzwingend, verließ er sie, während ihm nachdenklich nachblickend sie leise sagte: „Er ist seit gestern mir vollkommen unverständlich, und gewiß beschäftigt ihn irgend eine wichtige Sache, die mit seinem Beruf nicht in Verbindung steht! — Möge, wenn er selbst es wünscht, sie ihm gelingen und ihm wie uns Allen Glück und Freude bringen!" Dr. Günther schritt auf dem ihm wohlbekannten Wege dahin, achtlos des prächtigen Winterabends, an dem der am Tage reichlich gefallene Schnee unter seinen Füßen knisterte, des Mondes, der klar und hell mit den funkelnden Sternen am tiefblauen Abendhimmel glänzte, wie auch des scharfen Ostwindes, der ihn umwehte. Seine Gedanken waren gänzlich von seinem Vorhaben in Anspruch genommen, und in kurzer Zeit hatte er sein Ziel erreicht. Die Gartenpforte öffnend und schließend, schritt er weiter, schellte bald an der Hausthüre, und diese ward ihm durch den ihn einigermaßen erstaunt anblickenden Johann, denn die achte Stunde war nicht fern, geöffnet. Auf seine Frage, ob Fräulein Feldheim zu Hause und allein sei, antwortete dieser bejahend, und nach scharfem Klopfen, der Antwort einer hellen, klangvollen Stimme trat er bei der ihn ebenfalls einigermaßen erstaunt anblickenden Marie ein, welche mit Lesen beschäftigt gewesen. Nach gegenseitiger Begrüßung sagte er mit sichtlicher, ungewohnter Erregung: „Verzeihen Sie, Fräulein Feldheim, diesen späten Besuch, ich komme indeß in einer besonderen Veranlassung !" „Es hat sich doch bei Ihnen nichts Außergewöhnliches zugetragen, Herr Doktor?" fragte sie schnell und besorgt. „Beruhigen Sie sich, Fräulein Feldheim", antwortete er ernst. „Meine Mutter ist allerdings etwas leidend, doch wird sich ihr Zustand bald bessern!" „Es thut mir leid, dieß nicht gewußt zu haben, ich hätte sie sonst diesen Nachmittag besucht, das heißt des scharfen Ostwindes wegen aber allein." „Sie sehnt sich nach Ihnen und den Kindern", entgegnete Dr. Günther, sie gewiß unbewußt mit einem wärmeren Blick ansehend. „Wir müssen morgen zu ihr gehen oder fahren." „Ja, morgen, Fräulein Feldheim, oder Sie gehen auch nicht — vielleicht nie wieder - —" Marie blickte ihn befremdet an, aber jeder Bemerkung zuvorkommend, fuhr er schnell fort: 471 „Fräulein Feldheim, Sie werden mich sogleich verstehen, und ich bitte Sie dringend mir ein kurzes Gehör zu gewähren, denn nur deshalb bin ich noch zu so später Stunde gekommen I" „Herr Doktor, Sie setzen mich immer mehr in Erstaunen und ängstigen mich ebenfalls", erwiderte Marie mit einiger Erregung. „Sagen Sie was ich erfahren soll und muß, es darf, wie Sie wissen, auch das Schlimmste sein, ohne mich außer Fassung zu bringen." „Nun wohl, Fräulein Feldheim, so will ich sprechen, und ich ersuche Sie, mich ruhig anzuhören", antwortete Dr. Günther nach momentaner Pause. „Ein Mann, der seit Jahren Sie als die edelste, aufopferndste Ihres Geschlechtes kennen gelernt, dessen Dankbarkeit Ihnen gegenüber nie enden kann, dieser Mann, der sich wieder nach einem häuslichen Glück sehnt, welches er seinem ganzen Umfange nach gekannt und ein furchtbares Geschick ihm entrissen, fragt an, ob Sie ihm dieß Glück gewähren können und wollen, ihm ein theures, geliebtes Weib, die Genossin seines Lebens sein und damit die Mutter seiner Kinder werden, deren Liebe Sie schon im vollstem Maße besitzen?" In Mariens Herz wallte es heiß auf; ihr war die Liebe dessen geworden, dem so lange still verborgen die ihrige schon gehört, dennoch aber unterdrückte sie gewaltsam das beseligende Gefühl und sagte langsam und mit abgewandtem Gesicht: „Und Hedwig?" „Hedwig", erwiderte er mit tiefer, bewegter Stimme, „deren Liebe den jungen Mann so unendlich beglückt, deren seliger Geist in den lichten Höhen, in denen er jetzt wandelt, klar und ungetrübt sieht, Hedwig wird sich unserer Liebe freuen und unsern Bund segnen, der auch ihren Kindern eine treue, liebevolle Mutter giebt. Welche Antwort habe ich nach dieser Erklärung von Ihnen zu erwarten?" Marie richtete ihre tiefblauen, ausdrucksvollen Augen auf die seinen, und es strahlte ihm ein kleiner Theil ihrer Liebe entgegen. Zugleich reichte sie ihm ihre Hand, und diese fest mit der seinen umfassend, drückte er sie wiederholt an seine Lippen, schloß seine Braut an seine Brust, und Beide standen einige Augenblicke in tiefer Bewegung da. Das Schweigen unterbrechend, sagte er mit unsicherer Stimme: „Marie, mein stetes Streben wird sein, Dir als mein Weib mit reicher Liebe zu vergelten zu suchen, was in Deiner Hochherzigkeit und Deinem Edelsinn Du für mich und die Meinen gethan und, wie ich Dich kenne, immer thun wirst I" Einen Augenblick kämpfte Marie mit einem Entschluß, dann war er gefaßt und sie erwiderte: „Albrecht, Du und die Deinen, Ihr habt das meiner Hochherzigkeit und meinem Edelsinn zugeschrieben, was einen ganz andern Beweggrund hatte, den Du erfahren sollst und mußt, und damit ein Geheimniß meines Lebens, das indeß nur für Dich als meinen künftigen Gatten und für mich ist und, wenn diese Stunde nicht gekommen, mit mir begraben worden wäre. Du wirst es bewahren —" „Ein Geheimniß Deines Lebens ist jetzt auch das meinige, Marie, ich nehme es ohne Bedenken auf mich und gelobe Dir, es heilig zu halten!" antwortete Dr. Günther. „Habe Dank, Albrecht", entgegnete seine Braut und lehnte sich fester an die hohe stattliche Gestalt, die der Schutz und Schirm ihres künftigen Lebens werden sollte. Dann sich mit ihm im Sopha niederlassend, fuhr sie fort: „Was Du auch hören wirst, Albrecht, unterbrich mich nicht, damit ich meine Mittheilungen schnell beenden kann l — Als vor Jahren ich mit meinem Vater in Halle war und er von einem Assistenzarzt des Professors S. behandelt ward, welcher ihm außerdem viele freundliche Aufmerksamkeiten erwies, lernte mein Herz diesen jungen Arzt lieben" — hier fühlte Marie die Gestalt ihres Verlobten erbeben und die Hand zucken, welche die ihrige umfaßt hielt — „in der thörichten Hoffnung, daß auch sein Herz sich mir weihen könne. Ich verwahrte die Blumen und Sträußchen, die er gelegentlich meinem Vater brachte, trocknete sie und nahm sie mit als wir nach Wochen abreisten. Nach anderthalb Jahren berief auf die Empfehlung des Professors mein kranker Vater diesen Arzt, der mittlerweile hier in seiner Vaterstadt ansässig geworden, zu sich, und schon seine ersten Worte ließen wich erkennen, daß er sich unserer von Halle her nicht mehr erinnerte, meine Liebe also, die noch in meinem Herzen lebte, keine Erwiderung gefunden. Als an dem Abend seines ersten Besuches ich mich in mein Zimmer begeben, nahm ich die getrockneten Blumen und Sträuße aus dem Schreibtisch hervor, in welchem ich sie noch immer verwahrt, legte sie auf die glimmende Kohlen- gluth, daß sie hoch aufloderte, und gab damit meine Liebe auf, in der Ueberzeugung, daß Eine, die schöner und jünger als ich war, das Herz des Arztes gewonnen!" Dr. Günther unterbrach seine Braut nicht, umfaßte sie aber fester und drückte ihre Hand voll inniger Zärtlichkeit. „Schon nach einigen Monaten starb mein Vater, und sein Arzt und ich, wir standen an seinem Todten- bette. Bald nach seiner Beerdigung erhielt ich die Verlobungsanzeige dieses Arztes, und mein höchster Wunsch war, seine Braut zu sehen. Ich erfuhr, wie und wo das Brautpaar sich kennen gelernt, und wußte nun, daß, als er in Halle meinen Vater behandelt, sein Herz bereits nicht mehr ihm gehört. Er stellte mir seine Braut vor; sie war jung, reizend und glückstrahlend, während aus seinen Augen die innigste Liebe zu ihr leuchtete. Als sie gegangen, war ich in nie gekannter Aufregung, ich wollte sie hassen, weil sie sein Herz gewonnen, während das meine vergeblich für ihn geschlagen, und wollte Beide nie wieder sehen. Diese schwand, mir kamen bessere Gedanken, und als ich darauf die Mutter und Schwester des Arztes kennen lernte, da war jeder Haß verschwunden, und ich wünschte ihm und seiner Braut das Glück, dessen sie selbst theilhaftig zu werden hofften. Nach einiger Zeit ging ich auf Reisen, erfuhr im Herbst in Baden, daß die Hochzeit des jungen Paares stattgefunden, und in meinem Herzen wallte noch einmal der alte Schmerz auf. Ich brachte ihn jedoch zum Schweigen, wünschte dem Ehepaar Glück, gelobte mir dieß Glück nach Kräften zu befördern, und ich — ich — —" Von ihrer Bewegung überwältigt, hielt Marie inne, ebenso bewegt drückte Dr. Günther einen innigen Kuß auf ihre Lippen — auf ihre Stirn und sagte leise: „Und wie hast Du Wort gehalten, Marie, edles, hochherziges Wesen, das Du dennoch bist, und niemals, niemals im Leben kann ich Dir Deine Liebe genügsam vergelten. Ich gelobe Dir nochmals, Dich so glücklich zu machen, wie es nur in meinen Kräften steht —" 472 „Bin ich jetzt nicht schon glücklich genug, Albrecht?" unterbrach Marie, ihn durch Thränen ansehend. „Mit Deiner Liebe giebst Du mir so viel — die Kinder, die nun mein Eigen sind, Deine liebe, theure Mutter — doch sagtest Du nicht, sie sei krank?" und schnell richtete sie sich an seiner Brust auf. „Meine Mittheilung wird sie gesund machen, Theure", erwiderte Dr. Günther mit freudiger Bewegung. „Und da sie mir versprochen, mich erwarten zu wollen, muß sie dieselbe auch so bald wie möglich erfahren!" Frau Günther hatte schon lange auf ihren Sohn gewartet, der, endlich heimkehrend, schnell das Wohnzimmer betrat, in welchem sie noch auf dem Sopha ruhte. Ihn anblickend, gewahrte sie eine große Veränderung in seinen Gestchtszügen, und nach gegenseitiger Begrüßung sagte er mit sichtlicher Bewegung: „Mutter, ich bringe Dir eine gute Nachricht —" „Was könnte das sein, mein Sohn?" fragte Frau Günther, sich höher aufrichtend. „Ich habe mich verlobt —" „Verlobt — Du? — Und mit wem?" „Mit Marie Feldheim, Mutter —" „Mit Marie Feldheim?" wiederholte langsam Frau Günther, und von einem lichten Glanz umgeben stand vor ihrem geistigen Auge das schöne Zukunftsbild als noch schönere Wirklichkeit. „Albrecht, dadurch ist mein innigster Wunsch erfüllt, und Gottes bester Segen mit Dir und Deiner Braut!" Sie reichte ihm ihre Hand, auf die er mit seinem Dank seine Lippen drückte, und sie fuhr fort: „Wann werde ich sie sehen, um sie als meine Tochter zu begrüßen?" „Morgen Nachmittag, wenn Du Dich wohl genug fühlst. Ich werde bei Marie und den Kindern essen, die von mir erfahren müssen, daß ich ihnen eine Mutter wiedergebe, und darnach kommen wir hierher. Gleich morgen früh will ich zu Reichardt's gehen, sie von meiner Verlobung in Kenntniß setzen und sie bitten hierher zu kommen. Falls Du mit diesen Anordnungen, die Marie getroffen, nicht einverstanden bist — — —" „Laß Alles, wie sie es bestimmt, Albrecht", rief eifrig Frau Günther, deren Krankheit plötzlich gehoben zu sein schien, „ich füge mich ihrem Schalten und Walten gern, hat sie doch stets das Richtige und Beste getroffen und gethan! — Doch nun erzähle mir, wie Alles gekommen. Denn die Aufregung würde uns doch nicht schlafen lassen!" — — Am folgenden Nachmittag ruhte Frau Günther, nur von einem Kissen unterstützt und in eine weiche Sammetdecke — Mariens letztes Weihnachtsgeschenk — gehüllt, auf dem Sopha. Ihr zur Seite saß Herr Reichardt, während Bertha geschäftig hin und her ging. Auf allen Gesichtern lag Freude und Erwartung, und bedeutungsvoll, nur ihnen verständlich, sahen sich zuweilen Mutter und Tochter an. Dann kam ein Wagen — er hielt.— Bertha und ihr Gatte gingen durch das Vorzimmer aus den Flur um das Brautpaar zu begrüßen, durch dasselbe aber eilten, kaum sie sehend, Hugo und Marga ins Wohnzimmer, hielten in ihren Händen einen verdeckten Korb und riefen ohne jeglichen Gruß: „Großmama — Großmama, Tante Marie wird schon bald Papa seine Frau und unsere Mama, Papa hat es uns diesen Mittag gesagt!" Frau Günther sah sie lächelnd an, und dieß gewahrend, sagte ihre kleine Enkelin: „Es ist gewiß wahr, Großmama-" „Ja, und wir bleiben Alle in Tante Marien's Hause, Papa auch und Du, Großmama, mit Christine und dem neuen Johann, denn der alte will sich mit Kathrine verheirathen", fügte fast außer Athem Hugo hinzu. Frau Günther lauschte mit glücklichem Lächeln und blickte zugleich erwartungsvoll nach der Thür, die wiederum geöffnet ward und durch die ihr Sohn und seine Braut, gefolgt von Reichardt's, erschienen. Erstere traten an ihre Seite, und mit bewegter Stimme begann Dr. Günther: „Mutter, hier bringe ich Dir Deine Tochter —." Frau Günther, welche sich vom Sopha erhoben, reichte ihnen ihre Hände entgegen und zog Beide an ihre Brust. Dann sprach sie ebenfalls tiefbewegt: „Marie, ich brauche Dich nicht erst als Tochter willkommen zu heißen, denn Du mußt es gefühlt haben, daß ich Dir stets die ganze Liebe einer Mutter entgegengebracht!" „Ja, Mutter", entgegnete mit thränenfeuchten Augen Marie, „und ich bin Dir in meinem Herzen dankbar dafür gewesen. Als Deine Tochter kann ich sie Dir vergelten und werde es gewiß nach Kräften thun!" Die Kinder hatten sich jetzt ihres Korbes erinnert, und ihn mit Aufbietung ihrer gemeinsamen Kräfte auf Frau Günther hinhaltend, sagten sie: „Das haben wir diesen Morgen mit Tante Marie eingepackt und Dir mitgebracht, Großmama. Du mußt Alles bald essen, damit Du schnell wieder gesund wirst und wir Dich im Wagen abholen können!" Frau Günther küßte lächelnd ihre Enkel und versprach, ihren Wunsch zu erfüllen, diese aber hatten rechtzeitig die bewegte Stimmung unterbrochen, an deren Stelle eine ruhig heitere trat, und nochmals auf dem Sopha ruhend, blickte sie immer wieder auf ihren Sohn und Marie, in deren Augen und Zügen der Ausdruck stillen, großen Glückes lag. Ende. -» -z- 4- »- Die Parfumeriesabrikation in Grosse. *) Von Dr. Gustav Zacher-Hamburg. Die Kunst der Parfumbereitung ist uralt, und wie bei alten Fabrikationsmethoden überhaupt, z. B. auch der des Glases, vererben sich die Kenntnisse und Kunstgriffe des Handwerks fast unverändert von einem Geschlecht zum anderen. Selbst die großartigen Fortschritte der Chemie in unserem Zeitalter haben die Darstellung mancher Erzeugnisse, die fast tagtäglich dem menschlichen Gebrauche dienen müssen, gar nicht oder nur unwesentlich beeinflußt. Allerdings hat die chemische Synthese uns in den Stand gesetzt, aus dem Gebiete der Parfumbereitung manche Wohlgerüchc, deren Gewinnung und Conservirung auf längere Zeit bei der Verwendung der von der Natur gelieferten Rohmaterialien äußerst zeit- *) Wir entnehmen den oben stehenden interessanten Artikel der Zeitschrist „Prometheus", jener von Dr. Otto N. Witk in Charlottenburg herausgegebenen illustrirten Wochenschrift, welche sich mit bestem Erfolge bestrebt, weitere Kreise über alle Fort- schritte auf dem Gebiete der Industrie, des Gewerbes und der Wissenschaft aus dem Laufenden zu erhalten. W 474 raubend war und bei dem selteneren Vorkommen einzelner Parfumpflanzen oder -Träger auch sehr kostspielig sich stellte, in beliebiger Menge und verhältnißmäßig bedeutend billiger künstlich herzustellen; wenn man trotzdem zur Herstellung einer großen Anzahl und gerade der feinsten Parfums auch heute noch die Benützung der natür- lichen Quellen derselben, der Blumen, bevorzugt, so liegt das daran, daß wir noch lange nicht alle in der Natur vorkommenden Wohlgerüche künstlich auf chemischsynthetischem Wege darstellen können. Da das Thierreich und das Mineralreich nur verschwindend wenige aromatische Stoffe erzeugen, sehen wir uns bei der Parfumeriefabrikation hauptsächlich aus das Pflanzenreich angewiesen, das uns dafür aber auch eine fast unbegrenzte Leiter von Wohlgerüchen der verschiedensten Arten liefert. Aromatische Stoffe enthält fast jedes Gewächs, und ztvar oft in seinen verschiedenen Theilen wie Wurzel, Stengel, Blüthen, Blättern und Früchten wesentlich verschiedene. Doch spielen bei der Parfum- Fabrikation die Blüthen der Pflanzen die erste Rolle, und gerade bei der Gewinnung der Parfums aus den Blüthen oder, besser gesagt, den Blumenblättern hält man noch heute die seit Alters her bewährten Wege fast unverändert ein, wenn man natürlich auch, wo es angängig, die Hilfsmittel der modernen Chemie und Technik durchaus nicht verschmähte. Diese conservative widerlegende Vorurtheil mit, daß nur die unter einem milden, südlichen Himmel gedeihenden Blumen das zur Par'umbereituug passende und sie lohnende Aroma in vollem Maße besäßen, so daß man z. B. in Deutschland, das in der Reihe der Parfums verarbeitenden Länder Die Kunsthalle. Seite der heutigen Parfumfabrikation äußert sich ferner auch noch darin, daß sich der Kreis derjenigen Pflanzen, die man bei derselben verwendet und der ein ziemlich eng gezogener war, durch die Verwendung bisher nicht benutzter Gewächse nur unwesentlich erweitert hat. Dabei wirkte übrigens auch das wie alle anderen schwer zu Das Weinhaus. eine der ersten Stellen einnimmt, erst in den letzten Jahrzehnten ernstliche Versuche gemacht hat, auch den Duft unserer zahlreichen, gewürzhaft riechenden, einheimischen Blumen in das Bereich der Parfumfabrikation einzubeziehen. Diese Thatsache ist um so auffallender, wenn man bedenkt, daß z. B. der Duft unseres bescheidenen nordischen Veilchens anerkanntermaßen für bedeutend zarter und feiner gilt, als der seines prunkhaften südländischen Verwandten. , Allerdings wird man einwenden Q hören, daß unser Klima für Blumenculturen im Großen, wie sie an der Riviera betrieben werden, nicht geeignet sei. Dieses ist aber auch wieder nur ein ganz unbegründetes Vorurtheil, da es sich durchaus nicht einsehen läßt, warum bei uns seit jeher oder doch schon seit Jahrhunderten einheimische Pflanzen nicht ebenso gut im Großen wie im Kleinen cultivirt werden könnten, und die in der Umgebung Leipzig's vor mehreren Jahren von einer dortigen Firma unternommenen Versuche, Rosen behufs Gewinnung von Rosenöl im Großen zu ziehen, haben jenes Vorurtheil durch den dabei erzielten praktischen Erfolg glänzend widerlegt. Mißerfolge können derartige Versuche, die schon aus nationalökonomischen Gründen durchaus zu befürworten.^und zu unterstützen wären, jedenfalls nur dann haben, falls man Züchtungsversuche mit Pflanzen unternimmt , die unser Klima in seinen oft bedeutenden Schwankungen nicht vertragen, oder falls man glaubt, das im Süden erprobte und bewährte Anbauverfahren ganz unverändert auf unseren Himmelsstrich und aus 475 unsere Heimathspflanzen übertragen zu dürfen. Auch hier müssen Zeit und Erfahrung den Lehrmeister machen, was ohne Aufwand an Arbeit, Zeit und Geld natürlich nicht abgehen wird. Jedenfalls sind wir aber überzeugt, daß gewisse Parfums sich in unserem deutschen Vaterlande ebenso gut und auch in beliebiger Menge und nicht theurer werden herstellen lassen wie im Süden, in Italien und Frankreich, wodurch selbstverständlich unsere ganze Parfumfabrikation dem Auslande gegenüber wesentlich an Selbstständigkeit und Konkurrenzfähigkeit gewiunen würde, ganz abgesehen davon, daß die heute nach Italien, Frankreich, der Türkei u. s. w. wandernden Geldsummen den nationalen Wohlstand erhalten helfen und zum großen Theile unserer arbeitenden Bevölkerung zu Gute kommen würden. Ebenso unterliegt es keinem Zweifel, daß unsere Parfumfabriken genau ebenso gut die verschiedenen Parfumpomaden aus den von ihnen selbst cultivirten Blumen darstellen könnten wie die Fabriken an der Riviera und in Südfrankreich, und dabei hätten sie außerdem noch die Bürgschaft, wirklich unverfälschte, reine Waare zu erhalten, was gerade bei der aus dem Auslande bezogenen Handelswaare in Folge der schwierigen Controle durchaus nicht immer derFall ist. Um nun den Lesern eine genaue Vorstellung davon zu verschaffen, in welcher Weise die Gewinnung der aromatischen Stoffe in den Parfumerie- Fabriken Italiens und Frankreichs vor sich geht, wollen wir im Folgenden mit ihm einen Gang durch eine solche in dem französischen Orte Grasse antreten, auf dem er uns freundlichst begleiten mag. Das bei Cannes im Departement der Seealpen gelegene, sonst wohl kaum bekannte Städtchen Grasse liegt an der so überaus herrlichen Riviera, 3 Meilen vom Meere entfernt, am Südabhange eines Ausläufers der oben genannten Alpenkette. Historisch merkwürdig ist dieser Gebirgsausläufer durch die Revue, die Napoleon 1. hier nach seiner Rückkehr von Elba im Jahre 1815 aus dem Plateau desselben hielt. Zwei hochragende dunkle Pinien bezeichnen noch heute diesen denkwürdigen Platz. Durch diesen Bergzug wird der kalte Nordwind vollständig von dem Thale abgehalten, das in seiner Tiefe das von Olivenbäumen, Orangehaiuen und Blumenfeldern rings umgebene, etwa 14,000 Seelen zählende Städtchen Grasse birgt. Nur nach Süden öffnet sich die Gebirgs- einsenkung, und so hat hier die Natur selbst ein großartiges Treibhaus eingerichtet, und mit viel größerem Rechte als die blühende Touraine kann die Umgebung von Grasse auf den Namen eines „Gartens Frankreichs" Anspruch erheben. Besonders in dem durchsichtigen, leuchtenden Mondschein, wie er den Nächten des Südens fast ausschließlich eigen ist, scheint diese Landschaft mit ihren sanft im Seewinde ihr stolzes Haupt wiegenden Palmen, den Myriaden von Glühwürmchen, die' wie goldene Pünktchen die bunten Riesenteppiche der weit ausgedehnten Blumenfelder durchwirken, dem ferneher tönenden schmelzenden Gesänge der Nachtigall uns in ein fernes Feenland zu versetzen. So poetisch dieser Anblick jedes Gemüth stimmen mag, ebenso nüchtern und abstoßend muß der Besuch der Stadt selbst auf uns einwirken. Ganz Grasse scheint durch sein Aeußeres und ebenso durch sein Inneres, hier vielleicht in noch höherem Grade als dort, es geradezu darauf angelegt zu haben, uns aus jenen Träumen von einem Feenlande energisch herauszureißen, und unter den an und für sich schon nicht im Rufe der Sauberkeit stehenden südlichen Städtchen behauptet Grasse unbestritten > einen der wenig beneidenswerthen ersten Plätze. Das ganze Städtchen besteht nur aus einem Durcheinander von schmutzigen, übel riechenden Gäßchen, Höschen, Treppen und Durchgängen, wie selbst die verwegenste Phantasie es sich unheimlicher und abstoßender nicht ausmalen kann. Wären nicht die freundlichen, heiteren und zuvorkommenden Einwohner da, so könnte man fast auf die Vermuthung kommen, daß dieses Städtchen der liebe Herrgott in seinem Zorne geschaffen habe, und wenn man dann bedenkt, daß hier die später alle Welt mit ihrem entzückendenDuste erquickenden Wohlgerücheihren Ursprung nehmen, so kann man wohl mit vollster Ueberzeugung den Satz unterschreiben: Die Extreme berühren sich. Neben Grasse wird die Blumeucultur im Großen noch in den Umgebungen von Cannes, Nizza und Nimes getrieben, und wenn auch nur 7 Blumen hauptsächlich im Großen gezüchtet werden, so hat doch jede derselben, je nach der Bodenbeschaffeuheit der Umgebung dieser Städtchen, ihren besonderen Verbreitungsbezirk, wo dieselbe in untadelhafter Qualität und als Specialität gebaut wird. L-o erzeugt Grasse hauptsächliche Akazien-, Jasmin- und Orangenblüthen, Rosen und Tuberosen, Nizza Veilchen und Reseda, die besser auf etwas gebirgiger Höhe gedeihen, während der Anbau von Thymian, Rosmarin und anderen gewürzigen Kräutern sich auf die Umgebung von Nimes conceutrirt. Nebenbei sei noch bemerkt, daß Citronen-, Bergamotte- und Orangen-Oel aus Süditalien, Lavendel- und Pfefferminzöl aus England bezogen werden, während das kostbare Rosenöl, meistens aber schon verfälscht, der Orient und die europäische Türkei liefern. Auf die mit der Gewinnung von Rosenöl in Deutschland gemachten Versuche wurde schon oben hingewiesen. (Schluß folgt.) Das Armeemuseum. Die Bayerische Landesausstellung zu Nürnberg. Mit Illustrationen.) Die Sehenswürdigkeiten von Nürnberg sind in diesem Jahre um eine vorübergehende vermehrt worden, wir meinen die Bayerische Landes-Jndustrie-, Gewerbe- und Kunstausstellung, die sich eines außerordentlich regen Besuches zu erfreuen hat und diesen in der That verdient. Mag uns der Leser auf einem kurzen Gang durch die Ausstellung folgen. Schon die Eingänge machen einen freundlichen Eindruck; die weißen Portale heben sich prächtig von dem dunkelgrünen Hintergrund ab, den der städtische Hauptpark bildet. Diesen Park durchschreiten wir zuerst auf schattigen, von hundertjährigen Kastanien- und Ltndenbäumen eingesäumten Wegen. Wir kommen auch am Rosengarten vorbei, der von mächtigen Bäumen und üppigem Strauchwerk umrahmt ist; er steht in voller Blüthe, unbeschreiblicher Duft entströmt den ungezählten Tausenden von Rosen, die in zartestem Weiß und CrSme, im duftigsten Rosa bis zum feurigsten und dunkelsten Noth schimmern. Hier und dort taucht zwischen den Bäumen eine anscheinend aus zierlichem Gitterwerk gebildete Kuppel vor unsern Augen auf. Schließlich gelangen wir in eine Statuenallee; wir befinden uns dem Jndustriegebäude gegenüber. Der erste Blick fällt über eine lustig sprudelnde Fontäne und sorgfältig gepflegte, geschmackvolle gärtnerische Anlagen hinweg auf oas monumentale Eingangsportal, das von einem luftigen Thurm und einer durchbrochenen Kuppel gekrönt wird. Hier ist eine reizende Farbenzusammenstellung bemerkbar. DaS Portal und der Thurm sind, wie alle andern Bauten, weiß gehalten, nur bet Ersterem kam etwas Gold für Inschriften, Wappen und Medaillons zur Verwendung; die Farbe des Gitterwerks der Kuppel ist golden und mattgrün. Ueberlebensgroße allegorische Gruppen, von hervorragenden Künstlern modellirt, zieren das Portal. Nachdem wir es durchschritten haben, gelangen wir in eine etwa 24 Mtr. breite und 150 Mtr. lange Wandelhalle, deren Inhalt aus einigen Obelisken, einer Fontäne, grünem Gesträuch, Blumen, Rasengärtchen und Bänken besteht. Links und rechts von diesem Wandelgang zweigen die Hallen ab, die den acht Kreisen des Königreichs zur Ausstellung der Producte ihrer Industrien und des Bodens eingeräumt sind. Die Haupteingänge zu den einzelnen Kreisabtheilungen sind künstlerisch ausgeführte Portale; bet verschiedenen derselben gelangte die Haupteigenart des zugehörigen Kreises symbolisch zur Darstellung. Die territoriale Eintheilung, an Stelle der gruppenweise«, hat ohne Zweifel einen verstärkten Wettbewerb zwischen den einzelnen Kreisen und eine reichere Beschickung der Ausstellung zur Folge gehabt, da der kleinere Gewerbetreibende nicht zu fürchten brauchte, von der Masse der größer« Concurrenten erdrückt zu werden. Die Fayade des Hauptgebäudes bilden, wie wir in der Abbildung sehen, Säulengalerien, die sich zu beiden Seiten des Portals hinziehen und an den Flügeln vorbiegen; gekuppelte Pylonen schließen sie ab. Die Fortsetzung des rechten Flügels führt uns zum Gebäude der staatlichen Anstalten, des Unterrichts und Verkehrs. Parallel zu diesem Bau liegt die Maschinenhalle. Die reichhaltigen Collectionen auf allen Industriegebieten legen ein glänzendes Zeugniß von der Leistungsfähigkeit und Kunstfertigkeit des Bayernlandes ab. (Schluß folgt.) --««Lies—- Allerlei. Neue Erfindung, v. Stumpfwitz: „Haben Sie schon von der neuesten elektrischen Erfindung gehört? Man kann jetzt telegraphiren ohne Leitungsdraht I" v. Pumpwitz: „Alte Geschichte I Immer, wenn ich keinen Draht habe, telegraphire ich an meinen Vater I" Zerstreut. Dienstmädchen: „Herr Professor, soeben ist ein Stammhalter angekommen." — Professor: „Schön! Man gebe dem Dien st mann ein gutes Trinkgeld!" --ss-sr-es-- Wie die Men jungen, so zwitschern die Jungen. „He, Werner!" rief des Schloßhcrrn Kind Mit reiner, frischer Mädchenstimme; „Sei wieder lieb, komm' her geschwind" — Wie lachte schelmisch da der Schlimme! Und von der Stirne blüthenweiß Strich Werner sich die Locken eilig; „Nicht beugt mich", sprach er, „sremd' Geheiß, Nur eig'nen Willen acht' ich heilig. Gehorsam ist des Weibes Pflicht, Dem freien Manne ziemt er nicht!" Schön Hildchen war mit Recht empört; „Ei!" rief sie, „solchen Trotz zu wagen! Nein, dieses Wort ist unerhört — Wer wollte da von Bildung sagen? Ist dies der Fortschritt uni'rer Zeit, Daß Männerstolz sich maßlos brüstet, DeS WeibeS Würde steck entweiht Und gegen Pflicht und Brauch sich rüstet? Verachtung sei hinfort Dein Lohn!"- Sie wandte sich und ging davon. Maximilian Dnrsch. -. 4 v -, ->- Schachaufgabe. Schwarz. ^ 8 0 v 8 ? U Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt Auflösung der Schach-Aufgabe in Nr. 60: Weiß. Schwarz. 1. K. 84—04 beliebig. 2. D. oder K. durch Abzugsschach Matt. --SWZS-- ri >> O «l 63. Areitag, den 31. Juli 1896. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der MrS. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. - (Nachdruck verboten.! Erstes Buch. 1. Kapitel. Bräutigam und Braut. Zitternd spielte des Feuers Schein auf dem blauen, liliendmchzogenen Teppich, auf den weißen Möbeln, den goldverzierten Tapeten. Blausetdene Gardinen verhüllten die Fenster. Auf dem geöffneten Piano liegen Musikalien zerstreut, und vor demselben steht ein schönes, zürnendes Mädchen, Jnez Chateron. ES war am 29. August, ein Tag, dessen sich Miß Chateron lebenslang erinnerte. In den großen Sälen von Chateron Royals ist eS kalt; selbst wenn die Augustsonne glüht, so flackert auch letzt das Feuer lustig in dem Kamin. Mit gefalteten Brauen blickte die junge Dame vor sich hin, ein schlankes, dunkles Mädchen von etwa neunzehn Jahren, Sir Victor Chaterons verlobte Braut. Er war ein begünstigtes Glückskind, jung, schön, gesund, mit eine« jährlichen Einkommen von zwanzig- tausend Pfund. Jnez liebte den Bräutigam mit all der Gluth ihres südlichen Blutes. Bon der Mutter, einer Castilierin, hatte sie den spanischen Namen, die dunkle Schönheit, das heiße, überwallende Herz. In eine« Monat soll sie vermählt werden; und doch jetzt, wo die Nacht hereinbricht, der Wind in die Bäume heult und die Zweige der großen Ulme gespenstisch an die Scheiben pochen, steht sie da, voll zürnender Ungeduld. Als sie zehn Jahre zählte, folgte ihr englischer Vater der Mutter ins Grab. Jnez kam nach Chaterons Noyals und herrschte seitdem dort mit ihrem aufbrausenden Temperament. Sie kam nicht allein. Ihr einziger Bruder Juan, ein großer zwölfjähriger Junge mit blauschwarzem Haar, wild glitzernden Augen und diabolisch schönen Zügen, begleitete sie. Er blieb nicht lange. Zur Freude der ganzen Umgebung war er so plötzlich, wie er erschienen, auch verschwunden und seit Jahren nicht mehr gesehen. Passend und mit Vorliebe nennt sie ihr Bräutigam ^eine maurische Prinzessin". Wie sie so dasteht in dem schleppenden, rothseidenen Gewände, dem funkelnden Rubin- kreuze auf der Brust, scheint wildes Feuer von ihr auszustrahlen. DaS große Haus ist still wie das Grab. Draußen stürmt der Wind und schleudert schwere Tropfen gegen die Scheiben, innen macht sich nur das leise Knistern des Feuers hörbar. Es schlägt sieben Uhr. Jnez richtet sich auf. „Sieben Uhr", flüsterte sie, „und um sechs Uhr sollte er da sein. Wie, wenn er mir trotzte und nicht käme?" Sie tritt an's Fenster, zieht die Gardinen zurück und blickt hinaus. Aber sie steht nichts, als das Schwanken der sturmgepeitschten Bäume. „Ob er es wohl wagt, mich zu trotzen?" Ihr Auge fällt auf zwei große Bilder, das eine eine sanfte, liebliche Frau, das andere ein lächelnder, blonder, blauäugiger Jüngling, Sir Victor Chateron und seine Mutter. „An Deinem Sterbebett versprach er auf den Knieen, mich zu lieben", wendete sie sich leidenschaftlich an Lady Chaterons Portrait, „er hüte sich, jetzt das Gelübde zu brechen l" Wie drohend hebt sie die juwelengeschmückte Hand empor. Da ertönt das langersehnte Geräusch nahender Wagenräder. Des Schlosses Gebieter kommt. Jnez steht bleich wie eine Marmorstatue; sie liebt ihn, Monatelang hatte sie sich nach seinem Anblick, dem Klänge seiner Stimme gesehnt, und nun kam er, ihr Geschick zu bestimmen. Der feste wohlbekannte Schritt näherte sich. Ihr Auge glüht, ihr Mund öffnet sich halb — sie hat Alles vergessen, nur nicht ihre Liebe. Die Thür wird ungestüm aufgerissen, und lächelnd steht Victor Chateron vor ihr. „Guten Abend, Jnez", rief er, sie leicht umarmend, „wie geht es Dir? Ich freue mich, Dich wieder zu sehen und finde, daß Du prächtig aussiehst. Warum können wir nicht Alle maurische Prinzessinnen sein und uns in Purpur kleiden?" Nachlässig warf er sich in den Lehnstuhl am Kamine und beugte das blonde Haupt zurück. „Eine Stunde zu spät, nicht wahr? Tadle die Eisenbahn» nicht mich, und obendrein daS verteufelte Wetter." Das junge Mädchen zieht sich vor ihm zurück, ein harter Ausdruck lagert sich über ihre Züge. Sir Victors Benehmen sagt genug. Er blickt nicht sie an, sondern ins Feuer und spricht nervös aufgeregt. Das Antlitz trägt einen weibischen Ausdruck, selbst 478 der Schnürrbart kann den unschlüssigen Zug um den Mund nicht verbergen. Und während er schnell spricht und nachlässig mit der Uhrkette spielt, spiegelt sich in den blauen Augen etwas wie Furcht. Und dem Manne hatte das starke, dunkle Mädchen ihr Herz und Geschick anheimgegeben! „'S ist eine wahre Freude wieder zu Hause zu sein. Du glaubst nicht, welch' heimischen Eindruck das Zimmer bei meinem Eintritte auf mich machte, eS erinnert mich an vergangene Zeiten, an meine Mutter und die Cousine mit dem Zigeunergesichtchen." Jnez lehnte am KaminsimS und blickte ihn fest an. „Ich freue mich, daß Sir Victor Chateron sich vergangener Zeiten, seiner Mutter und seiner Zigeuner- Cousine erinnert", spricht sie endlich, »aus seinem Benehmen konnte das allerdings nicht geschlossen werden." „Das wird hübsch werden", dachte der junge Mann, „wenn Jnez so die Lippen schließt und solche Blicke entsendet, bedeutet es Krieg bis auf's Messer." „Du hättest am ersten Juli hier sein sollen", fährt ste fort, „nun ist der August zu Ende. Jeder Tag war für mich eine Beleidigung. Und selbst jetzt wärst Du nicht da, hätte ich Dir nicht in einer Weise geschrieben, die Du nicht zu mißachten wagtest. Du bist einfach gekommen, weil Du nicht den Muth hattest wegzubleiben." Noch fließt etwas von dem kühnen Sachsenblute in seinen Adern. Er schaute voll auf ste. „Nicht wagen? Du führst eine starke Sprache, Jnez, aber ich entschuldige ste mit einem erregbaren Temperament, daS von jeher zu Hyperbeln geneigt war. Ueber- dies ist Reden ein Privilegium der Damen." „Dem Manne geziemt freilich die That. Ich fange an zu glauben, Du seiest weniger als ein Mann. DaS Blut der Chateron hat manch' schlimmen Charakter erzeugt, jetzt hat eS AergereS hervorgebracht, einen Ver- räther, einen Feigling." Glühenden Blickes springt er auf, sinkt aber sofort Wieder zurück. „Meinst Du mich?" -Ja." „Wieder eine starke Sprache. Von wem erbtest Du wohl die zweischneidige Zunge? Sicher von Deiner spanischen Mutter, die Frauen unseres Geschlechtes waren nie so. Aber selbst Du könntest zu weit gehen, Jnez. Erkläre Dich, warum nennst Du mich einen Verräther NNd Feigling? Wir müssen uns gegenseitig verstehen." Er ist bleich, sein Auge funkelt unheilvoll. „Wir werden uns auch verstehen, bevor wir uns irennen, und Du sollst sehen, ob Du mit mir nach Belieben spielen darfst. Erinnerst Du Dich, was der 23. September sein soll?" „Mein Gedächtniß ist treu", entgegnete er kalt, „eS hätte unser Hochzeitstag sein sollen!" Bei diesen grausamen Worten weicht jede Spur von Farbe aus ihrem Gesichte, der Augen Gluth erlischt, Schrecken spricht aus ihnen. Sie liebt den Mann, den sie so bitter getadelt, und er sagt: „eS hätte sein sollen". „Himmel, Jnez, Du wirst doch nicht ohnmächtig? Was hab' ich gethan? Komm', setz' Dich!" Er hat sie in die Arme genommen. Einst hatte er die schwarzäugige Cousine geliebt und gefürchtet, jetzt, Po sein Zorn verraucht ist, fürchtet er sie wieder. „Hätte sein sollen", flüsterte sie, »Viktor, heißt dgs, haß es uie sein soll?" Er wendete sich von ihr — Scham, Gewissensbisse, Furcht im Gesicht. Sie hielt sich an dem Stuhl, als wäre er ihre letzte Hoffnung. „Nimm Dir Zeit, ich kann warten", hauchte sie, „ich habe so lang gewartet, was schaden ein paar Minuten? Ueberlege, bevor Du sprichst. Meine Zukunft, mein ganzes Leben hängt an Deinen Worten. Hast Du bedacht? „Hätte sein sollen", sagtest Du, heißt das, daß eS nie sein soll?" Keine Antwort. Mit abgewandtem Antlitz steht er wie der Schuldige vor seinem Richter. „Laß mich die Vergangenheit zurückrufen, während Du überlegst. Erinnerst Du Dich des Tages, wo ich und Juan aus Spanien kamen? Ich sehe Dich noch, ein kleiner, flachshaariger Junge im violetten Sammt. So hatte ich noch kein Kind gesehen. Wir wuchsen zusammen auf und waren glücklich, bis ich sechzehn und Du zwanzig Jahre zähltest. Nun kam unser erster Schmerz, Deiner Mutter Tod." Noch steht er schweigend, bedeckt aber das Gesicht mit der Hand. „Erinnerst Du Dich der Nacht, da sie starb? Wir knieten an ihrem Bett, draußen stürmte eS, wie heute. Dort empfingen wir ihren letzten Segen, vernahmen ihren letzten Wunsch. Weißt Du, Victor, welcher Wunsch das war?" Sie streckte ihm die Arme entgegen, er aber bewegte sich nicht. „Mit sterbender Hand gab sie unsere Hände zusammen, ihr brechender Blick richtete sich auf Dich. »Jnez ist mir. Dich ausgenommen, das Theuerste hienieden", sprach sie, „versprich mir, mein Sohn, ste zu lieben, zu schützen Dein Leben lang. Sie liebt Dich, wie keine Andere Dich je lieben wird, versprich mir, sie heut' über drei Jahre zu ehelichen." Und Du bedecktest ihre Hand mit Küssen und Thränen und versprachst. Wir trennten uns. Du begabst Dich nach Oxford, ich ging in ein Institut nach Paris. In der Scheidestunde betraten wir Hand in Hand ihr Zimmer, küßten das Kissen, auf dem sie sterbend geruht, und knieten wie damals an ihrem Bette. Du stecktest den Ring an meinen Finger und erneuertest daS Gelübde, daß über drei Jahre, am 23. September, ich Dein Weib werden sollte." Ste küßte den Ring. „Lieber Ring", fuhr sie weich fort, „Du warst in der langen Zeit mein einziger Trost. Bet all der Kälte und Vernachlässigung blickte ich auf Dich und wußte, daß er das der Lebenden und der Todten gegebene Wort nicht brechen würde. Voriges Jahr kam ich aus dem Institute zurück. Du bewillkommnetest mich nicht, bestimmtest den ersten Juni für Dein Kommen und brachst Dein Wort. Ermüden Dich all die Details? Ich muß sprechen. Den Gerüchten, die über Dich zu mir drangen, glaube ich nicht und erwähne sie nicht, Du magst schwach sein, aber Du bist ein Ehrenmann, und Du wirst Wort halten. — Warum veranlassest Du mich, Dir harte Redm zu halten? Victor, ich hasse mich selbst darob, und doch stachelt mich Deine Vernachlässigung auf'S Aeußerste." Wieder streckte sie flehend die Hände aus. „Sieh, ich liebe Dich, damit ist Alles gesagt; ich vergebe die Vergangenheit, nur komm' zu mir. Dein Verlust bräche mir daS Herz." Er aber bebte zurück vor der Berührung der weichen Hand. X 47S „Laß Mich gehen, Jnez, eS kann nicht sein. Du weißt nicht, was Du verlangst." Sie weicht zurück. „Kann nicht sein?" wiederholte sie. „Nie, nie! Ich bin, was Du mich genannt, ein Verräther und Feigling. Als Meineidiger stehe ich vor Gott, meiner Mutter und Dir. ES kann nicht sein, ich bin schon vermählt." DaS furchtbare Wort ist gesprochen, sie scheint es nicht zu fassen. Alles bleibt todtenstill, nichts als des Sturmes Wüthen, des Regens Prasseln, des Feuers Knistern macht sich hörbar. „Ich bitte Dtch nicht um Vergebung", fährt er nach einer Pause fort, „es ist Alles vorbei. Ich traf und liebte sie. Seit sechzehn Monaten ist sie mein Weib, und ich habe einen Sohn. Sieh mich nicht so an, Jnez, ich bin ein Schurke, aber —" Ueberwältigt von ihre« Anblick, bricht er zusammen. Wie lange die folgende Pause dauerte — er wußte eS nicht. Er sah, wie sie zum Bilde seiner Mutter sich wandte und die seltsamen Worte sprach: „Er schwur an Deinem Todtenbette, sieh, wie er seine Eide hält!" Ohne eine Silbe an Sir Victor zu richten, wendet sie sich zur Thüre. Auf der Schwelle blickt sie um. „Ein Weib und einen Sohn", sprach sie deutlich und langsam, „bringe sie heim, Victor, ich werde mich freuen, sie zu sehen." 2. Kapitel. Gattin und Erbe. In eine« eleganten Hause, nahe dem Russe! Square, erwartet eine junge Dame ungeduldig Sir ChateronS Rückkehr. Es ist ein sonniger Tag, aber selbst der Sonne lichte Strahlen vermögen in ihrem Antlitz keine Makel zu entdecken. Sie ist anmuthig mit dem goldenen Haar, den azurblauen Augen, dem feinen Gestchtchen. Die zierliche Gestalt mag wohl in zwanzig Jahren eine dicke, behäbige, englische Matrone sein, jetzt aber ist sie so tadellos wie ihr Anzug. Ein weißes, mit prächtigen Spitzen geschmücktes Kleid umgibt sie wie eine Wolke, den Hals ziert ein Perlenband, die Finger find juwelen- gepanzert, das lose Haar hält ein blaues Band zusammen. Wenn je ein Aristokrat Entschuldigung hatte für die Thorheit einer Mißheirath, war dies bei Sir Victor Chateron der Fall, eS war aber auch eine großartige Mißheirath. Vor sechzehn Monaten promentrte er am Strand, sein Auge fiel auf das blonde Antlitz im wallenden Haar, und sein Schicksal war auf ewig besiegelt, seinem Gedächtniß entschwand die dunkle Jnez auf immer. Der blendenden Grazie irdischer Name war Margaretha Dobb. DaS allein mochte den glühendsten aristokratischen Verehrer abkühlen, an Sir Victor ging eS spurlos vorüber. Der junge Mann war excentrisch, selbstsüchtig und unbeständig, Wunsch und Erfüllung waren bei ihm unzertrennlich. Von der Wiege an hatte die Mutter ihn verzogen, später verdarben ihn willfährige Diener und Jnez' grenzenlose Liebe. Wie im Trau« ließ er sich dem Mädchen vorstellen. Man sagte ihm, sie sei eines wohlbestallten Londoner Seifensieders einzige Tochter, er aber träumte fort. Ihres Vaters Werkstätte war in einem der häßlichen Stadttheile, sie aber batte so viel natürlichen Stolz und Selbstachtung, als flösse blaues Blut in ihren Adern. Acht Tage später warb er um sie — und ward angenommen. Wie sollte auch einer Seifensieders Tochter einen Baron abweisen? Dennoch schwindelte er vor Furcht, als sie ob seiner Worte erbleichte. Sollte nicht jedes Mädchen bei solcher Frage erröthen? Aber sie beseligte ihn mit ihre« Jawort, und die Freude der Scifenstederfamilie spottete jeder Beschreibung. Sie verbeugten sich buchstäblich vor ihm, der biedere Londoner Bürger und sein behäbiges Weib verehrten den Boden, den er betreten, mißachteten ihre Mitbürger und trugen die Nase höher denn je. In sechs Wochen war Miß Dobb Lady Chateron. Die Trauung war still und geheim, nur die Eltern der Braut und zwei Zeugen waren zugegen. Er liebte die Verlobte rasend, schämte sich aber doch ihrer Familie und fürchtete Jnez. Dem ehrbaren Seifensieder genügte, daß die Ehe rechtsgültig sei, seine Tochter eine vornehme Dame und er selbst der Großvater künftiger Barone. Die Braut sagte in ihrer Schüchternheit wenig, sie liebte den glänzenden aristokratischen Verlobten und war froh, noch nicht in den Glanz des neuen Lebens zu kommen. Er nahm sie mit in die Schweiz, nach Deutschland und Frankreich, vermied mit andern Reisenden in Berührung zu kommen, und eS folgten zehn Monate namenlosen Glückes. Der Gedanke an Jnez war der einzige bittere Tropfen in seinem Wonnebecher. Gefürchtet hatte er sie sein Leben lang, jetzt war sie ihm unheimlich. Sie kehrten zurück. In Nussel Square erwarteten sie häusliche Gemächer und sie führten ein behagliches Stillleben und empfingen außer dem Hauptmann Croll keine Besuche. Vier Monate später wurde ein Sohn geboren. Als Lady Chateron das Kind betrachtete, begann sie zu überlegen. Amme und Gatte sind Antagonisten, und da Erstere zur Zeit alles beherrschte, wurde Letzterer verbannt. Und Lady Chateron wurde unwillig, daß der Erbe von Chateron RoyalS in London das Licht der Welt erblicken, daß sie selbst wie eine Nonne in klösterlicher Zu- rückgezogenheit leben sollte. „Du hast keine Verwandten, als Deine Cousine-, sprach sie kühl, „bist Du Herr im Haus oder sie? Furchtest Du die Dame, die so lange Briefe schreibt, welche ich nicht lesen darf, wagst Du Deine Frau nicht in Dein HauS zu führen?« Er hatte etwas von der Geschichte seiner Verlobung mit seiner Cousine Jnez gesagt, nur nicht die nackte Wahrheit von seinem häßlichen Verrath. Des Seifensieders Tochter hatte mehr Seelenadel als der Baron. Wäre ihr die Wahrheit bekannt gewesen, sie hätte ihn gründlich verachtet. „Das Geheimniß währte lange genug«, sagte Lady Chateron entschlossen, „ich will wissen, ob Du Dich meiner schämst, oder sie fürchtest. Bringe mich heim und anerkenne Deinen Sohn.« „Du hast Recht", entgegnete Sir Victor kleinlaut, „und ich werde Euch nach Chateron RoyalS bringe», sobald Du reisen kannst." Drei Wochen später kam der Brief, der seine Rückkehr befahl. Die Stunde war gekommen. Entschlösse» reiste Sir Victor mit dem nächsten Zuge ab, um dem gefürchteten und gekränkten Weibe zu begegne». * * Des Nachmittags Sonne sinkt. Wenn Sir Victor heute zurückkehrt, muß er in wenigen Minute» kommen. 480 — Sie sah auf die Uhr. Ein Wagen fährt vor und bäld umfängt sie liebend des Gatten Arm. „Wie geht's, lieb Herz, noch immer bleich? Nun, die Luft von Cheshire soll Dich stärken. Wie befindet sich mein Sohn und Erbe?" Und mit väterlicher Liebe beugt er sich über die Wiege. „Endlich", flüsterte sie leicht erröthend, „wann reisen wir?" „Morgen, wenn Du willst. Je eher, desto besser." Er sagte es mit erzwungenem Lächeln. Ihre Stirn umwölkte sich. „War Deine Cousine sehr böse, sehr überrascht?" „Ich glaube Beides. Die Wahrheit zu gestehen, sah ich sie nur einmal, und das Zusammentreffen war so unerquicklich, daß ich am andern Tage wieder fortging. Willst Du morgen reisen, so schreibe ich einige Zeilen an Croll, um ihn in Kenntniß zu setzen." Er schob einen kleinen Schreibtisch vor, blieb ungeschickter Weise hängen, und der Tisch fiel krachend um. , ^ DaS Kind schrie auf, die junge Mutter flog zur Wiege, und er kauerte sich nieder, um all die Dinge aufzuheben, die auf dem Boden zerstreut lagen. 7 Plötzlich hält er etwas von sich wie eine Schlange. Anscheinend ein sehr harmloses Ding, die Photographie eines Mannes. Entsetzt starrt er das Bild an. „Guter Gott!" hört sie ihn stöhnen, blickt auf, erkennt das Bild von der Rückseite und beugt sich erbleichend nieder über das Kind. „Meta", begann Sir Victor ernst, „was bedeutet daS ?" „Still, Liebchen, still! Bitte, sprich nicht so laut, Victor, das Kind soll einschlafen." „Me kommt Juan ChateronS Photographie hieher?" Ihr Athem stockt, des Gatten Ton ist unheilvoll. Anfangs wagt sie nicht ihn anzusehen, bald aber naht sie sich ihm und blickt ihm über die Schulter. . - »Ist 3ua» ChateronS Bild noch hier? Ich glaubte eS längst verloren." Wie konnte ich auch so thöricht sein, eS zu behalten, denkt sie im Stillen. „Du kennst also Juan Chateron und sagtest mir nie etwas davon?" „Sei doch vernünftig, Victor, ich hätte viel zu thun, wollte ich Dich mit allen alten Bekannten auf dem Laufenden erhalten. Ja, ich kannte Juan Chateron obenhin, ist daS ein Verbrechen?" „Ja", sprach Sir Victor drohend, „ja, ich möchte keinen Hund, den Juan Chateron früher besessen. Ihn zu sehen ist Befleckung, ihn zu kennen Schande." „Schande?" „Ja,- Schande. ES ist das widrigste, gemeinste Subjekt, das je einen alten Namen besudelte. Ich befehle Dir, zu sagen, ob Dir der Mann etwas war?" „Und wenn, was dann? Habe ich feine Sünde zu verantworten?" fragte sie stolz. „Mehr oder minder haben wir alle unserer Freunde Schuld zu verantworten. Woher hast Du daS Bild? Was war er Dir? Liebtest Du ihn? Um'sHimmels- wtllen, Meta, nur das nicht!" „Und warum nicht? Ich sage nicht, daß dem so «Wesen, wenn aber ja, waS dann?" „Was dann? Dann könntest Du nie mehr auf Wirre Liebe rechnen!" „Sag' das nicht, Victor", rief sie abwehrend, „aber ich habe ihn ja auch nie geliebt, nie, nie!" Zitternd Är Furcht fließ sie die Worte heraus. So hatte sie den Gatten nie gesehen, so nicht sprechen gehört, obwohl er schon öfters Eifersucht verrathen. „Sprichst Du die Wahrheit?" „Gewiß. O, sieh mich nicht so an." „Wie kam das elende Bild hierher?" „Er gab es wir, ich kannte ihn kaum, wie wußte ich, daß er ein Schurke sein, daß es unrecht, sein Bild zu haben? Mir schien er gut; was that er?" „Frage lieber, was er nicht that. Jedes Gebot hat er mit Füßen getreten, jedes göttliche und menschliche Recht verachtet. Uns allen, selbst seiner Schwester ist er seit Jahren todt. Meta, kann ich glauben — ?" „Ich habe Dir's gesagt, glaube was Du willst." Sie wandte sich weg, sie wußte, daß Eifersucht und Zorn nur seiner Liebe zu ihr entspringen, daß es ihm peinlich ist, sie zu quälen, obgleich er es oft thut. Als sie über das Kind sich beugte, wich die Eifersucht einem Paroxismus der Liebe. „Vergib mir, Meta, ich wollte Dich nicht kränken, aber der Gedanke an den Mann — pfui! UebrigenS ist es Thorheit, auf Dich, «ein Täuschen, eifersüchtig zu sein. Komm' küsse mich und wirf die Schlange zum Fenster hinaus. Nur wollte ich, Du hättest es mir gesagt." Er zerriß das unselige Bild und warf es zum Fenster hinaus. Sie versöhnte» sich, aber die Gluth lohte fort unter der Asche und die Thorheit ihrer Vergangenheit fängt an, sich an der jungen Frau zu rächen.- 3. Kapitel. Ladh Chateron'S Einzug. Spät an einem Septembernachmittag brachte Sir Victor Gattin und Sohn nach Chateron NoyalS. Gattin und Sohn! Die Umgebung war verblüfft. Und er hatte Jnez Chateron hintergangen, hatte heimlich eine Seifensiederstochter geheirathet, und als er das Geheimniß nicht länger zu bewahren vermochte, brachte er Gattin und Sohn heim. Der Adel war niedergeschmettert. Hielten sie sich noch öesuchsfähig? Wohl kann der Reichthum den Adel gewissermaßen ersetzen, eine Grenzlinie aber gab es doch; des Seifensieders Tochter konnten sie nicht empfangen. Dennoch wurden alle Anstalten getroffen, und der Schwärm der Dienerschaft empfing die Ankommenden feierlich. Wenn das junge Ehepaar bleich und schweigend war, wer sollte sich wundern? Sir Victor hatte die Gesellschaft ignorirt, nun war die Gesellschaft an der Reihe. Lady Chateron fühlte zudem eine gewisse Scheu vor der Cousine ihres Mannes. Als des alten Schlosses hohe Tbürflügel sich dröhnend hinter ihr schloffen, empfand sie namenlose Angst. „Ich fürchte mich, Victor", flüsterte sie; Sir Victor lachte gezwungen. „Fürchten, wovor? Vor der weißen Dame, die zweimal des Jahres im großen Thurm spukt? Gleich allen andern Familien haben wir unser Gespenst, daS wir um nichts hergeben; doch davon ein ander Mal." Da waren sie; bleich schritt er durch die Halle, Meta klammerte sich ängstlich an ihn. Lächelnd begrüßte er die Dienerschaft, stellte MrK. Marsh und Mr. Hooper feiner Frau vor und fragte nach Miß Jnez. Sie fei ganz wohl und erwarte ihn im Salon, lautete die Antwort. 481 - ES war der größte Saal des HauseS; fie begaben sich dahin, die Amme folgte mit dem Kinde. Lady Cha- terons Schönheit und Sanftmuth hatten bereits der Dienerschaft Herzen gewonnen. „Sie wird eine gütige Herrin sein", dachte Mrs. Marsh, «wenn fie je Gebieterin wird im eigenen Hause." Der Salon war glänzend erleuchtet, und im volle» Lichtglanz empfing Jnez Chateron die Ankommenden. Sie sah bezaubernd aus in dem goldigen Seidenkleide, geschmückt mit funkelnden Brillanten. So sah Sir Victor fie wieder und hob wie geblendet die Hand zum Auge. Dann führte er seine Gemahlin vor. «Cousine, das ist meine Frau Meta." In den einfachen Worten lag ein gewisser Pathos. Znez verbeugte sich wie eine Fürstin. „Meta ist ein hübscher Name", lächelte sie, „und Deine Frau ist gleichfalls hübsch, ich gratulire Dir ob Deines Geschmackes, Victor." In der jungen Dame ganzem Wesen lag unerträglicher Hohn. Meta bot ihr die Hand, sie nahm nicht die geringste Notiz davon. „Ei, da ist das Kind, das muß ich sehen." Sie lüftete den Schleier und betrachtete den Säugling. «Der Erbe von Chateron Noyals ist ein netter dicker Junge; wem gleicht er? Dir nicht, Victor. Ist er vielleicht schon getauft? Zweifelsohne gibst Du ihm «ach alter Ahnensitte der Mutter Familiennamen. Deine Mutter war eine Marquise St. AlbanS und Du heißest Victor St. AlbanS Chateron. Laß den guten Brauch nicht abkommen und nenne das Kind Victor Dobb Chateron." Das Blut schoß dem Baron ins Gesicht, aber er schwieg. Zu seinem Staunen wandte sich Meta mit blitzenden Augen an die Cousine. «Und wenn er so hieße, was dann? ES ist ein ehrlicher Name, dessen sich Niemand zu schämen braucht. Meines Mannes Mutter mag die Tochter einer Marquis gewesen sein, ich bin die Tochter eines Handwerkers, und der Name, der mir genug war, wird eS auch für meinen Sohn sein. Ich muß erst lernen, daß im ehrlichen Handel Schmach liege." „Zweifelsohne, Sie werden gewiß noch Vieles zu kernen haben. Sage übrigens Deiner Frau, daß eS angezeigt wäre, ihre Stimme nicht so hoch zu erheben. Das arme Kind kann freilich nichts dafür, eS ist nur Folge ihres Standes, ihrer Erziehung. In einer Stunde läutet die Tischglocke, bis dahin gehabt Euch wohl." Das war Meta's Willkomm. Zwei Stunden später schritt ein junger Mann rasch die Allee entlang, die nach Chateron Royals führt. Es war finstere Nacht, er aber kehrte sich weder daran, noch an die ihn umgebende Oede und schritt pfeifend dahin. Düster zeichnete sich das Schloß am Horizont ab. «Vor vier Jahren", sprach er finster, „warfst Du Mich wie einen Hund vor die Thüre, edler Baron, schwurst mich ins Zuchthaus zu bringen, wenn ich je wiederkäme, und ich gelobte, Dir's bei Gelegenheit zu vergelten. Die Gelegenheit ist da, Dank der kleinen Meta, die jetzt Herrin ist. Sie ist hoch hinaufgekommen, des Seifensieders Tochter, will sehen, wie der stolze, eifersüchtige Mann mich aufnimmt." Er ließ den Thürklopfer erdröhnen; ein würdiger Greis in schwarzem Rock und seidenen Strümpfen öffnete. „Junker Jüan!" schrie er auf, als der Fremde aus dem Schatten trat. «Wie geht's, altes Haus?" lachte dieser und schüttelte derb des Hausmeisters Hand, „hast Du kein Wort des Willkommens, alter Schwede, Freund meiner Kindheit? Bist Du betäubt vom Anblicke des verlorenen Sohnes? Ist die Herrschaft oben im Speisesaal?" „Ja", stammelte der alte Hooper entsetzt, «Gut, ermüde Deine alten Beine nicht, ich kenne den Weg." Er eilte die Treppe hinan und betrat einen Augenblick später den Speisesaal, wo alle Anwesenden bei seinem Anblick erschrocken aufsprangen. Er nahm eine theatralische Stellung ein. „Scene: Speisesaal des berüchtigten Don Juan» tremulirende Musik, herabgeschraubte Lampen und herein tritt des tugendhaften Don Pedro Statue", lachte er. «Ihr erwartet mich wohl nicht? Nicht wahr, eine angenehme Ueberraschung? Baron, Ihr Diener. Bedaure zu stören, aber man sagte mir, meine Frau sei hier, und so kam ich natürlich. Wer hätte gedacht, daß ich Dich treffen würde als geehrten Gast? Küste mich doch, Meta, und sag', daß Du Dich freust, Deinen lieben Mann wieder zu haben." Er schritt auf sie zu, ehe Jemand Worte, fand und beugte sich zu ihr, als sie stöhnend das Haupt sinken ließ und bewußtlos zurückfiel. (Fortsetzung folgt.) -- Prokopins Divisch. Zu seinem 200jLhrigen Geburtstag (1. August 1696) VSNA.G. Ein Beitrag zur Geschichte des Blitzableiters. (Nach der Geschichte deö Blitzableiters von Dr. Hch. Meidlnger.j * Manche haben Prokop Divisch (auch Diwisch geschrieben) als den Erfinder des Blitzableiters bezeichnet, als denjenigen, der überhaupt den ersten Blitzableiter errichtet habe; dem aber ist nicht so, denn man darf Benjamin Franklin nicht vergessen. Divisch hat nach bestem Wissen neue Entdeckungen auf diesem Gebiete gemacht und praktisch verwendet; Dank hiefür hat er zu seiner Zeit schon blutwenig geerntet, und nahezu vergessen und verschollen wäre er, wenn nicht gerade besonders in unserem Jahrhundert sein Andenken aufgefrischt worden wäre. Er war Kanonikus in Brenditz in Mähren und lebte von 1696 bis 1765. Ein großer Kenner der Elektrizität, hatte er sich schon frühzeitig mit Experimenten beschäftigt und um das Jahr 1750 in Wien großes Aufsehen erregt mit seinen Kenntnissen auf dem Gebiete der Elektrizität, und damals schon hatte er die Wirkungen der Spitzen studirt. Der Tod NichmannS im Jahre 1753 gab ihm Gelegenheit zu einem Schreiben an die Präger Zeitung, in dem er auseinandersetzte, in welcher Weise der Versuch ohne Lebensgefahr für den Beobachter hätte angestellt werden sollen; auch kam er hiednrch auf den Gedanken, durch eine ganz eigenthümliche, von ihm als meteorologische oder Wettermaschine bezeichnete Vorrichtung die Gewitter zu zerstreuen und unschädlich zu machen. Er stellte die Maschine im Jahre 1754 in der Nähe seines Pfarrhauses auf einem Gerüst in der Höhe von 130 Fuß auf; dieselbe bestand aus einer eisernen Stange mit horizontalem Kreuz, von dessen Enden vierhundert Drahtspitzeu senkrecht in die Höhe ragten, die Eisentzange — 482 wär mit betn Boden durch drei Ketten verbunden. Leider hat der Erfinder über diese Maschine nichts veröffentlicht, fie stand sechs Jahre, als die Bauern sie zertrümmerten, weil sie im Aberglauben wähnten, dieselbe sei an der Trockenheit schuldig, welche damals herrschte. Die Oberen gestatteten dem Erfinder eine Neuherstellung nicht, und fie wurde auch an einem anderen Orte nicht mehr er» stellt. In den Tagesblättern kamen Artikel für und gegen die Maschine, die nähere Einrichtung blieb auch in Fachkreisen im Großen und Ganzen ein Geheimniß. Als der Erfinder mit Tod abging, wurde eine von ihm verfaßte mystische Schrift von Oetinger, württembergischem Superintendenten, herausgegeben; es findet sich darin aber bloß der Hinweis auf die Wettermaschine. Pfarrer Fricker führte in einer weiteren Schrift aus, Divisch habe sein Gerüst derart gemacht, daß die elektrische Kraft deS Gewitters in der Höhe ohne Schläge durch bloße Ex- halation zertheilt und ausgelöscht wurde. Petzel hat in einem seiner Werke die komplizirte Herstellung des Spitzen- kreuzeS beschrieben und Berichte über die Wirkung der Wettermaschine bei herannahendem Gewitter beigefügt, wie sie nach den Aufzeichnungen Divisch's von den Blättern veröffentlicht wurden. An Professor Euler in Berlin hatte der Erfinder der Wettermaschine Mittheilungen über dieselbe und übe^ ihre Erfolge während eines Sommers, alle Gewitter fern zu halten, gemacht. Auch Zeitgenossen von Divisch machten diese Mittheilungen an Euler, der es nicht für unmöglich hielt, „Wolken ihrer elektrischen Kraft zu berauben und den Donnerschlägen zuvorzukommen". Professor Tetens in Kiel ist mit seinem Urtheil über die Erfindung Divisch's gleich fertig; er fällt nämlich folgendes — wohl ziemlich schnelles — vernichtendes Urtheil: „Schon die erste Schrift von Divisch, die mir zu Handen kam, ließ es nicht zweifelhaft, daß dieser Prokopius ein Phantast gewesen sei und in der Elektrizität ungefähr das, was Theophrastus Para- celsus in der Medizin war. Ich gestehe also, daß ich jetzt eben so stark an der Wahrheit der von ihm angeführten Erzählungen zweifle, als an der Nichtigkeit der Erzählungen von des Paracelsus Wunderkuren und Goldpulver." Auch Professor Groß in Stuttgart glaubt nicht an die Wirksamkeit der Erfindung von Divisch, wohl aber Gcheimrath Lichtenberg in Gotha. Divisch legte seine Erfindung dem Kaiser Franz vor mit dem Vorschlag, mehrere Wettermaschinen zu fertigen und an verschiedenen Orten aufzustellen, die Wiener Mathematiker aber standen der Angelegenheit sehr skeptisch entgegen, und die Sache zerschlug sich. Daraus aber, daß der Erfinder es wagte, sogar seinem eigenen Landesherr« seine Erfindung vorzulegen, dürfte doch geschlossen werden, daß er von den Wirkungen derselben überzeugt war, sonst wäre dieses Vorgehen doch etwas zu kühn gewesen, für einen Geistlichen möchten wir sagen gewissenlos. Wenn darum auch Meidinger den Stab über Divisch bricht, so könnte man fast denken, daß besonders die deutschen Gelehrten deßhalb nichts Gutes an Divisch und seinen Experimenten lassen, eben weil er ein Geistlicher war, denn von diesen soll ja bekanntlich nicht erst von gestern an nichts Gutes kommen. Letzterer sagt u. A.: „Mit Recht wurde von den Mathematikern WienS die Förderung des Projektes zurückgewiesen, dasselbe war fast werthlos (fast!). Die Anlage war zu kostspielig, die vielen überflüssigen Spitzen konnten ihren Zweck nicht erfüllen. Dabei waren die drei Ketten überflüssig, eine hätte genügt; die Bodenleitung war mangelhaft, da die Ketten bloß bis zu dem Boden herabhingen; der Schutzkreis war zu weit angewiesen. Divisch ist nur Dilettant, bei seiner Maschine fehlte es an allem, das Prinzip war irrig, die Ausführung war ungenügend, die Sache selbst verdient nicht die Beachtung." Dieses Urtheil ist hart und, soferne man bedenkt, daß Divisch die Geheimnisse seiner Erfindung mit in'S Grab genommen, wohl zu hart. Wenn vo« gleichen Experten gesagt wird, daß, wenn Divisch von der Brauchbarkeit seiner Maschine überzeugt gewesen wäre, er doch eine Beschreibung derselben veröffentlicht hätte, so ist das schnell gesagt und niedergeschrieben; es gab schon große Männer, welche trotz der Brauchbarkeit ihrer Erfindungen nichts veröffentlicht haben. Sodann steht fest, daß die Opposition gegen Divisch's Erfindung zu seinen Lebzeiten nicht von Naturforschern ausging, sondern nur allein vom abergläubischen Volk, und weiter steht fest, daß Divisch von den Fachmännern auch Lob, mitunter großes Lob, erntete; wie ihn z. B. Fließ „den Franklin Europa's" nennt. Verdienste sind ihm sicher nicht abzusprechen auf dem Gebiete der Blitzableiter, dies dürfte für den unparteiischen Betrachter und Forscher sicher fein. Endlich sei noch erwähnt, daß Divisch mit seinen Anschauungen, daß es möglich sei, die Gewiiterbildung lokal zu verhüten, nicht allein in der Geschichte dasteht. Verschiedene Männer kamen auf den gleichen Gedanken, zumeist in Verbindung mit dem weiteren, die Hagelbildung zugleich zu unterdrücken, wie z. B. Ausgang des letzten Jahrhunderts Böckmann, Fischer, Bertholon und anders. - o - Die Parfumeriefabrikation m Grasse. Von Dr. Gustav Zacher-Hainburg. (Schluß.) Welch ungeheure Mengen Pflanzen angebaut werden müssen, um die zur Darstellung der im Handel verlangten Parfumpomaden erforderlichen Blumen- und Blüthenquantitäten zu erhalten, kann man sich ungefähr vorstellen, wenn man vernimmt, daß 1000 Kilogramm Jasminblüthen 30,000 Pflanzen auf 1500 Quadratmeter Boden und 1000 Kilogramm Nosenblüthcn 5000 Rosensträucher erfordern, die 1800 Quadratmeter Gartenland für sich beanspruchen, und daß demnach nach der amtlichen Statistik um Grasse und Nizza etwa folgende Quantitäten Blumen jährlich geerntet werden: Grasse Nizza Orangenblüthen 2,000,000 Kilogv. 1,800,000 Kilogr. 1 , 000,000 , - Nosen Veilchen Jasmin Tuberosen Cassien Jonquillen_ 3,495,000 Kilogr. dazu Akazienblüthen Reseda 150,000 200,000 80,000 50,000 15,000 1 , 200,000 200,000 180,000 60,000 30,000 20,000 3,510,000 Kilogr. Die Anpflanzung der Blumen geschieht auf großen, mächtigen Nückenbeeten, die in gewissen Abständen behufs des Angießens der Pflanzen mit schmalen Quer- gängen versehen sind und sonst durchaus nichts Eigen» 483 thümliches bieten. Die Ernte beginnt im März mit dem Veilchen, dann folgen die Rosen- und Orangenblüthen im Mai und Juni, denen sich Jasmin, Tuberosen und Jonyuillcn im Juli, August und September anschließen und ganz spät im Oktober noch die Cassiablüthe sich zugesellt. Um nun die ätherischen Oele, die eben die Träger des Wohlgeruchs sind, den frisch gepflückten Blüthen zu entziehen, ist man auf die Verwendung eines sehr prosaischen Mittels angewiesen, nämlich des Schweinefettes, das bisher durch kein pflanzliches Oel oder Fett genügend hat ersetzt werden können. Ohne dasselbe wäre es nach dem heutigen Stande der Parfumerie-Kunst und der Chemie ganz unmöglich, den zarten Duft des Veilchens oder Jasmins zu conserbiren, da Oele sich zum Extra- hiren nicht eignen. Gerade von der untadelhaften Reinheit dieses Fettes hängt nun aber das Gelingen des ganzen weiteren Extractions-Processes ab, und daher wird dasselbe auch auf das Sorgsamste untersucht und zubereitet. In den letzten Wochen des Jahres bringen die Händler aus den Bergen herunter die pannss (Bauchfett) frisch geschlachteter Schweine, und jede Fabrik kauft davon nach Bedarf; die kleineren begnügen sich mit einigen Hundert Kilo, die großen dagegen nehmen wohl 20,000 Kilo und mehr. Nach genauer Besichtigung der erhaltenen Waare wandern diese panuss in eine Maschine, welche sie in ganz kleine Stücke zerschneidet. Von da kommt das Fett in große hölzerne Bottiche, wo es gewaschen, d. h. unter beständigem Zusatz von frischem Wasser mehrere Stunden lang mit massiven hölzernen Stößeln kurz und klein gestampft wird, bis das Wasser auch das geringste Anhängsel von Fleisch- und Blutrückständen entfernt hat. Diese Manipulation ist von größter Wichtigkeit, und die peinlichste Sorgfalt wird darauf verwendet, denn ohne diese Vorsichtsmaßregeln könnte leicht bei der großen Sommerhitze und der oft jahrelangen Lagerung der Waare ein großer Lagerkessel voll parfumirten Fettes ranzig und damit völlig unbrauchbar werden. Das so gereinigte Fett wird nun zerschmolzen, wobei wiederum mit aller erdenklichen Vorsicht zu Werke gegangen werden muß, und endlich wird es in großen Blechbüchsen von mehreren Hundert Kilo Inhalt im kühlen Keller bis zum nächsten Frühjahr aufbewahrt. Bei dem Schmelzen wird auch noch ein kleiner Bruchtheil Ochsenfett zugesetzt, um dem fertigen Fabrikate mehr Consistenz zu geben. Das Abpflücken der voll erblühten Blumen wird von Frauen besorgt, und die Ernte der Veilchen allein z. B. dauert volle drei Wochen. Centnerwcise wandern nun die gepflückten Blüthen in die Fabriken, wo der Werkmeister mit der Liste seiner Lieferanten in der Hand im Wägeraum die ihm von den Bauernfrauen in Körben und Säcken gebrachte Waare in Empfang nimmt. Hier werden die Blüthen geprüft, da nur frische und ungestielte verwendet werden können, dann gewogen und gesiebt, um alle anhaftenden Erdtheilchen möglichst zu entfernen. Alles Welke wird unbedingt zurückgewiesen. Vom Wägeraum gelangen die Blüthen, Veilchen In diesem Falle, in den Pomade-Saal, wo mächtige Blechgefäße, zur Hälfte mit flüssigem Schweinefett gefüllt, stehen. Nasch werden die Blumen nochmals gewogen, und jeder Kessel bekommt sein bestimmtes Quantum; und nun entschwinden die Kinder Flora's unseren Blicken, denn zwei Arbeiterinnen, meist Piemon- tesett-Frauen, nehmen je einen solchen Kessel und fangen an, mit großen hölzernen Kellen die nur langsam erstarrende Masse durcheinander zu rühren, bis das Fett wieder geronnen ist; alsdann werden die Kessel sorgfältig gedeckt und so über Nacht stehen gelassen, Während dieser Zeit entsteht nun innerhalb dieses Blumenfettkuchens eine Art Gährung, bei welcher den Blumen aller Duft von dem Fette entzogen wird, das diesen innig mit sich verbindet. Die Blume hat nicht nur ihre Schönheit und Form, sondern auch ihren Geruch verloren und wird am folgenden Tage aus der Masse als unbrauchbar für die weiiere Verwendung in der Fabrikation entfernt. Der wieder flüssig gemachte Blumenbrei wird nämlich in große Preßtuchsäcke gefaßt und 10—20 solcher Säcke mit ihrer duftenden Last unter mächtige, von Dampfkraft getriebene, hydraulische Pressen gebracht. Mit einem Druck von 300 Kilogramm auf den Kubikeentimeter wird während einer halben Stunde gepreßt und durch diesen ungeheuren Druck der Blume auch noch das letzte Nestchcn von Geruch entzogen. Langsam rinnt das Fett ab, wird aufgefangen, gerinnt von neuem und ist nun die fertige Handelswaare, die „Pomade", d. h. der versandfähige Träger des Veilchengeruches. Der in den Säcken zurückbleibende Blumenkuchen wird zum Düngen der Felder wieder benutzt. Diese vom Grasser Fabrikanten „Pomade" genannte Verkaufswaare bildet neben den ätherischen Oelen, deren Gewinnung die bekannte, durch einfaches Extrahiren mittels Oliven-Oels zweiter Qualität, ist, seinen Haupthandelsartikel und kostet etwa 20—25 Francs per Kilo. Was man sonst im gewöhnlichen Leben unter „Pomaden" versteht, etwa unsere Haar-Pomaden, hat mit dieser Poniade durchaus nichts zu thun, da jene nur als ganz minderwerthige Nebenproducte der eigentlichen Parfumerie- Pomaden abfallen. Die bisher geschilderte Fabrikations-Methode der Parfnmerien nennt man luaosrnticm oder prooöäe okauä, das „heiße Verfahren", und diesem unterliegen außer dem Veilchen auch noch die Rose, Cassie und die Orangcnblüthe, doch müssen alle diese Blumen, da sie auch noch saftgrüne Theile, wie Kelch und Stiel, bei ihrer Ablieferung tragen, die dem Fette einen herben Beigeschmack (goüt äs vsrt) geben könnten, behufs Trennung von diesen unbrauchbaren Theilen einem besonderen Verfahren, das man tria^s nennt, unterworfen werden, was bei den Unmassen, die in einzelnen Fabriken zur Verarbeitung kommen, oft 150,000 Kilogramm Rosen und ebenso viel Orangenblüthen in den beiden Monaten Mai und Juni, wahrlich keine Kleinigkeit ist. Zu diesem Zweck sind in dem Triage-Saal lange Reihen von Tischen und Bänken aufgestellt, auf welch erstere die Blumen oft meterhoch aufgeschüttet werden. Oft muß sogar der Fußboden aushelfen, wenn die Ernte ausnehmend ergiebig war. Hunderte von Weibern und Kindern finden hierbei eine ziemlich lohnende Beschäftigung, welche einfach im Entfernen der grünen Bestandtheile, des Kelches und des Stieles, besteht. Die abgelösten Blumenblätter werden in Körken gesammelt und machen dann die bei der Verarbeitung der Veilchen oben beschriebene Procedur ebenso durch. Andere Blumendüfte, wie der des Jasmin- sind zu delicat, um diesen Proceß aushalten zu können, und hier tritt ein anderes Verfahren an die Stelle des pro- cöäs ollauä, der xrooeäs troiä, das „kalte Verfahren", auch övüeura^v genannt. In einer großen Fabrik erfordert diese Art der Darstellung des Jasminparfums und anderer in dieser Hinsicht verwandter Blumen 30—40,000 massive quadratische Holzrahmen, deren jeder eine starke Glasscheibe von etwa 30 gm umschließt. Jede dieser Scheiben wird mit einer dünnen Schicht kalten Fettes bestrichen, die Fettschicht wird mit einer groben hölzernen Gabel gefurcht, um so möglichst viel Oberfläche zu bieten, und dann wird ein gewisses Quantum Blumen darauf gelegt, welche an dem Fette festkleben bleiben. Diese Nahmen werden nun, mit der Fettseite nach unten, im kühlen Keller aufbewahrt bis zum nächsten Morgen, wo dann. die erste Lage Blumen einer neuen Platz macht. Dieses Verfahren wird so lange fortgesetzt, bis jeder Nahmen seine durch Versuche bestimmte Menge Blumen ausgesogen hat. Dann erst wird das nunmehr parfumirte Fett abgekratzt, unter mäßiger Wärme im kmiu marls geschmolzen und im Lagergewölbe aufbewahrt. Um nun endlich den Aussud oder das unter dem Namen „Riechwasser" bekannte Product herzustellen, bedarf es einer weiteren Manipulation, welche darin besteht, daß das parfumirte Fett in 99" Alkohol „gewaschen" und so seines gesammten Parfums beraubt wird. Wie die Blume der Natur, so hat das Fett dem Menschen als Träger des Duftes dienen müssen; die Blume wandert in die Düngergrube, das Fett nach dem letztgeschilderten Verfahren in die Seifenfabrik, nur das Parfum, die Seele der Blume, bleibt zurück, um Tausende und Abertausende in fernen und fernsten Ländern mit seinem Dufte zu ergötzen. Selbstverständlich kommt zur Verfeinerung und Erweiterung der Tonleiter der Gerüche noch eine große Anzahl ätherischer Oele zur Verwendung, mit deren Hilfe der Fabrikant-Parfumenr unter allen erdenklichen exotisch klingenden Titeln neue Gerüche combiniren kann; aber es dürsten doch nur äußerst wenige Niechwasser existiren, denen nicht der eine oder andere jener natürlichen Blumengerüche zu Grunde gelegt wäre. >, > ^ H v - l ^- AKLesLsr. Eine großartige elektrodynamische Kraftanlage wird jetzt zur Licht- und Triebkraft-Erzeugung zu Lyon geplant, die jener der Niagarakraftanlage wenig nachstehen wird. Durch Ausnutzung der RHSne-Gefälle denkt man nach einer Mittheilung des Internationalen Patent- BureauS Carl Fr. Reichelt, Berlin 6, mittelst zwanzig Turbinen gegen 20,000 Pferdestärken nutzbar zu machen (die Niagara Power Company arbeitet zur Zeit mit 15,000 Pferdestärken), welche Kraft in Elektricität umgesetzt durch fünf Hauptleitungen den zahlreichen industriellen Etablissements, Privathäufern und der öffentlichen Beleuchtung zugängtg gemacht werden soll. Die mit der Ausarbeitung des Voranschlages betrauten Ingenieure behaupten, daß auf diese Weise die BetrtebS- krast um 40 Procent billiger wie durch die besten Dampf- Maschinen erhalten werden könnte. Boshaft. Wirth: VHier, Herr Amtsrichter, gebe ich Ihnen zum Abschiede noch eine Nasche Wein zum Besten!" — Amtsrichter: „Aber, lieber Herr Mahlmann, machen Sie mir den Abschied doch nicht so sauer!" Einsame Wächte. Die Schatten werden länger schon, Es steigt die Nacht auf ihren Thron, Sie breitet still die Hände aus: Da lieget dunkel Dorf und HauS, Sie löschet, waS vom Tag noch glüht, Sie wieget ein, WaS singt und blüht. Bis alle Kreaturen schlafen Und müde von des Tages Streit In uächt'ger, kühler Einsamkeit Ausruhen wie das Schiff im Hafen. O scgenSmächtige Einsamkeit! Wie wird in dir das Herz so weit! Von ferne her auf gold'ner Bahn Die Geister der Erinnerung nah'n. Die Geister aus der Kinderwelt, Hell funkelnd wie das Sternenzelt, Die aus des Lebens Maientag, Aufjauchzend wie der Lerchenschlag. Und wem der Tod ein Liebstes nahm, Den überkommt's jetzt wundersam, Wir schauen in der stillen Zeit Die Lieben aus der Ewigkeit, Wie sie im wallenden Gewand Hinschrciten durch ein grünes Land, Daß oftmals Sehnsucht uns durchglüht^ Die uns von hier zum Vater zieht, Zum Vater oben, den im Rund Umstehet ein verklärter Bund. Zur Gottheit treten wir hinan, Bekennen still, was wir gethan, Und rufen zitternd nach Erbarmen, Da säuselt es wie FricdenSweh'n, Da ist eS, als ob Engel geh'n, Wir finden Gott und ruh'n in seinen Artuen. Du fandest Gott, Du fandest Dich, Dein echtes Wesen, wahrstes Ich. In solch' einsamer Träumerei Hast Du auch Deine Stunde frei, In Thränen löset sich das Leid, Zur Freundin wird die Einsamkeit, An deren Brust die Seele klagt, In deren Ohr sie alles sagt; Ja, nur die schweigend stille Nacht Thut kund des Schmerzes heilige Macht, Wir beugen uns in Gottes Zucht, Die unö zum Frieden heimgesucht. Und wie den Aar der stolze Flug Hinwegträgt über Karst und Pflug, So tragen uns des Geistes Flügel Dann aus der kalten Nüchternheit Hin über Noth und Drang und Zeit Nach Edens magisch Hellem Hügel. D'rum komme Du, o ernste Nacht, Wenn uns die Sonne nicht gelacht, Noch hangt die Scholle zwar am Fuß, Noch drückt den Geist das Soll und Muß; Komm', Stunde, die schon oft im Flug Mich über daö Gemeine trug! Komm', Einsamkeit! du bist der Bronnen, Draus holen wir uns Kraft und Licht Für unseres Tages Amt und Pflicht Und für das Herz, wenn ihm sein Glück zerronnen. Adolph Müller.' > - -- , . , Auflösung der Schach-Aufgabe in Nr. 62: Weiß. Schwarz. 1. S. L7—b'S K. 65-V5 (L.) 2. D. L8-V4: K. V5-66 (L6)od. ander» S. S. kö-L7 (D- L4-L4 oder 64) Matt. L. 1.l. . . . K. 65-66 2. wie oben beliebig. 3. D. L4-64 (S. §5-L7) Matt. Andere Varianten leicht. 1896. „Augsburger Postzritung". M 64. Dinstag den 4. August Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Lilerarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbesttzer Dr. Mar Huttler). Gin furchtbares Geheimnis;. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) 4. Kapitel. Ich will nichts hören. Desdemona ist mir treu. Mit furchtbarem Schrei springt Sir Victor vor und reißt die ohnmächtige Frau aus den Armen des piraten- ähnltchen Mannes. „Zurück, höllischer Schurke!" schrie er heiser vor Wuth, „oder bei Gott es geht an Dein Leben. Wie wagst Du, mein Weib zu berühren?" „Ihr Weib? Ihres? Das gefällt mir. Wissen Sie nicht, daß es gegen die Gesetzgebung dieses engherzigen Landes ist, zwei Gatten zu haben? Beruhigen Sie sich, einem Baron geziemt nicht heftige Rede. Wie kommt er dazu, sie sein Weib zu nennen, Jnez?" „Sie ist es." „Der Kuckuck hole mich, wenn sie's ist. Da herrscht ein kleines Mißverfländniß. Ich heirathete Miß Mar- garetha Dobb vor zwei Jahren am 13. Mai zu Glasgow, wann heiratheten Sie dieselbe, Sir Victor?" Der Baron antwortete nicht. Er war bleich vor Wuth und Furcht. Meta lag wie todt da. „Siehst Du, Jnez", wandte sich der Junker an seine Schwester, „ich traf Meta vor zwei Jahren in Schottland, wir liebten uns und wechselten Photographien und Ringe. Du kennst ja selbst das Programm. Die Zeit der Trennung kam; Meta sollte ins Institut zurückkehren, ich eine Reise nach China antreten. Am Tage der Abreise nun wurden wir getraut. Ich leugne nicht, daß wir uns an der Kirchenthüre trennten und nicht wieder sahen, aber sie ist mein, da die Trauung legal war. Sie werden doch nicht eines Andern Weib wollen, Herr Baron?" „Sie kommt zu sich", sprach Jnez. Ihr Auge glühte. Sie kannte des Bruders Lügenhaftigkeit, wenn das aber doch wahr wäre und die Rache so bald sich einstellte? Meta schlug die Augen auf und richtete sich empor. „Was ist geschehen?" Da fällt ihr Blick auf den finstern Gast, und schaudernd verhüllt sie ihr Antlitz. „Fürchte Dich nicht", sprach Sir Victor und blickte herausfordernd den Gegner an, „der Feigling hat eine furchtbare Lüge gesagt, leugne es, Lieb', ich verlange nicht mehr und die Diener sollen ihn hinauswerfen." „Wirklich?" höhnte Junker Juan, „übrigens verstehe ich nicht, Meta, wie der Baron dazu kommt, Dich sein Weib zu nennen, Du kannst Dich doch nicht der Bigamie schuldig gemacht haben?" „Hörst Du's, Meta!" rief Sir Victor voll Angst, „o sprich, der bloße Anblick dieses Menschen macht mich wüthend. Sprich, weise die große Anschuldigung zurück." „Sie kann es nicht." „Ich kann und thue es!" sprach Meta mit blitzenden Augen, „'s ist eine gemeine Lüge. Schicke ihn fort, Victor, es nicht wahr — nicht wahr." „Erlauben Sie mir zwei Fragen an die Dame zu stellen, Sir Victor. Warst Du vor zwei Jahren in Schottland? Ist das nicht Dein Bild? Gabst Du mir nicht den Ring? Denke an die kleine Kirche in Glasgow und leugne, wenn Du kannst." Wie eine Löwin trat sie ihm jetzt entgegen. „Ich leugne es! Wie wagen Sie mit solcher Lüge hierher zu kommen? O höre mich, Victor, und vergib mir. Ich habe Unrecht gethan, Dir nicht sofort Alles zu sagen; aber ich glaubte ihn ertrunken, und meine Eltern widerriethen es, weil sie Dich zu verlieren fürchteten. Ich kannte Juan Chateron in Schottland, glaubte ihn zu lieben und nahm seine Photographie an." „Aha", lachte Juan, „die Wahrheit wird doch siegen. Sage die volle Wahrheit, Meta." „Still! Wagen Sie nicht so mit mir zu sprechen. Als ich die Ferien in Glasgow verlebte, lernte ich Mr. Chateron kennen, und er nistete sich in meine mädchenhafte Phantasie ein. Was wußte ich damals von Liebe? Als ich nach Hause wollte, wechselten wir Ringe und Bilder, und er führte mich in eine einsame Kapelle und ließ mich dort erklären, daß ich sein Weib sein wolle. Niemand außer uns war gegenwärtig. Auf dem Rückwege begegneten wir Papa, wir trennten uns und ich habe ihn nicht wieder gesehen. Beurtheile mich nicht zu hart, Victor, ich war ein Kind und fürchtete ihn. Sobald ich ihn aus den Augen verloren, mochte ich ihn nie mehr. Er schrieb mir, ich antwortete nur ein einziges Mal, um seine Briefe zurückzusenden und zu verlangen, daß er mich in Ruhe lasse. O vergib, mein Gatte, ich bereue so sehr." „Ich glaube Dir, Meta, Dein einziger Fehler war, daß Du mir das nicht längst gesagt. Sie aber, Juan Chateron, sind ein Schuft. Als Sie vor fünf Jahren Wechsel im Betrage von dreitausend Pfund auf meinen 486 Namen fälschten, warf ich Sie hinaus und ließ Sie gehen. Die gefälschten Wechsel aber habe ich noch. Betreten Sie nur noch einmal mein Haus und wiederholen die Lüge, dann beim Himmel, sollen Sie im Zuchthause zu Grunde gehen. Ich schonte Sie damals, Ihrer Schwester und des Namens halber, den Sie tragen und schänden; sobald Sie aber wieder mein Weib verleumden, bringe ich Sie an Ketten und wären Sie mein Bruder. Gehen Siel" Er warf die Thüre wett auf. Frech und mit einer unverwüstlichen Laune blickte Juan auf ihn. „Ei, wer hätte das gedacht? War doch sonst solch ein Milchbart. Ich gebe zu. Sie haben der Wechsel halber Macht über mich, und zwanzig Jahre Zwangsarbeit ist kein Vergnügen. Wenn Meta nicht kommen will, läßt sie's bleiben, aber 's ist schändlich, denn die Geschichte in Schottland war eine Trauung, man mag sagen, was man will. Natürlich zieht sie den reichen Baron dem armen Matrosen vor. Sei Du schwesterlich, Jnez, und besuche mich, ich wohne im Gasthaus zu Hes- holm. Adieu, meine Herrschaften! Wenn ich wieder heirathe, werde ich mich meines Weibes zu versichern wissen." Er ging hinaus, nickte Sir Victor freundlich zu und schüttelte die Haare zurück. „Adieu, alter William!" rief er dem Hausmeister zu, „ich gehe wieder, wie Du siehst. Sehr gastfreundlich ! Man hat mir nicht einmal ein Glas Wein angeboten. Gute Nacht, Kamerad!" Die Thür schloß sich hinter ihm. Er blickte zurück auf die erleuchteten Fenster und lachte. „Wenigstens hab' ich sie ordentlich erschreckt. Die Geschichte von der Heirath ist natürlich Fabel, aber es war doch ein Jux und die Komödie hat noch nicht ausgespielt, denn der blonde Baron ist eifersüchtig wie ein Großtürke. Hoffentlich besucht mich Jnez und gibt mir Geld. Wenn nicht, so muß ich sie aufsuchen." Als er fort war, herrschte Todtensttlle. Lichter brannten, Blumen dufteten, seltene Weine, tropische Früchte winkten, aber ein Gespenst saß zu Tisch. Viel Böses hatte Juan Chateron gethan im Leben, doch kaum verübte er eine ruchlosere That als heute. Aus Jnez' Augen leuchtete unerträglicher Triumph. Sie verabscheute den Bruder, nun aber hätte sie ihn küssen mögen. Die junge Frau hatte ihr Alles geraubt, Reichthum, Stellung, den Mann, den sie liebte, aber auch ihr Pfad war nicht mit Rosen bestreut. Todtenbleich setzte Sir Victor sich wieder an den Tisch. Niemand sprach. Glücklicher Weise begann das Kind zu schreien, und die junge Mutter eilte fort. Sie kehrte nicht wieder. Ueber eine Stunde saß sie an des Kindes Wiege, an seiner Seite fühlte sie sich ruhig und sicher. Ihr bangte vor der Begegnung mit dem Gatten. Sie hatte sich eines Mangels an vertrauender Aufrichtigkeit schuldig gemacht; würde er ihr je wieder Liebe und Vertrauen schenken? Endlich begab sie sich auf ihr Zimmer, fetzte sich an's Fenster und blickte hinaus in die sternenhelle Nacht. „Das ist mein Willkomm in meines Gatten Haus", dachte sie, „und die Thorheit meiner Jugend kehrt wieder mit dem furchtbaren Mai." Sie schauderte. „O, warum sagte ich's nicht? Warum verlangte die Mutter, daß ich es verberge? Sie fürchtete den Baron zu verlieren, und ich war schwach und feige." Er trat ein. „Ist das Fenster offen?" fragte er kühl, „entferne Dich sofort davon, Du möchtest Dich erkälten!" „O, vergieb mir, Victor", flehte sie. Er schwieg einen Augenblick. Wohl liebte er sie leidenschaftlich, aber noch zerrissen Zweifel und Eifersucht seine Seele. „Meta, warum täuschtest Du mich?" rief er endlich schmerzlich, „ich hätte geschworen, Du seiest die Wahrheit selbst, eine fleckenlose Lilie. Der Gedanke, daß ein Anderer sich Dir nahte und gerade Juan Chateron, macht mich verrückt." Sie sank auf die Knie und faltete bittend die Hände. „Ich war ja nur ein Kind, Victor, und wußte nichts von Liebe. Wohl that ich schweres Unrecht, daß ich Dir vie Wahrheit verhehlte, aber Du warst so eifersüchtig, und ich liebte Dich und fürchtete Dich zu verlieren." „Und ich war Baron. Hatte das nicht auch mit Deiner Furcht, mich zu verlieren, zu thun? Oder hat nur Liebe die Unaufrichtigkeit bedingt?" Es war das erste grausame Wort, das er je gesagt, und er bereute es sofort. Sie erhob sich und wandte sich ab. „Ich verdiene das. Einmal sagte ich Dir nicht die volle Wahrheit, warum solltest Du mir jetzt glauben? Das Weib, das Juan Chateron gekannt, könne Dein Weib nicht sein, sagtest Du, und darauf hin sollte ich noch bekennen? Ich verbarg die Wahrheit aus Furcht, Dich zu verlieren. Suche das Motiv worin Du willst. Es steht Dir auch frei über mich zu verfügen, und Du magst mich fortschicken." Sie sah in die Nacht hinaus. Er beobachtete sie ruhig. Sie wegschicken? Sie kannte ihn und wußte wohl, daß er nicht leben konnte ohne sie. Plötzlich umfaßte er sie leidenschaftlich. „Dich wegschicken, mein Lieb! Ich stürbe, verlöre ich Dich!" „So vergibst Du mir! Sieh, nur aus Liebe zu Dir verschwieg ich es", schluchzte sie, „nun aber will ich nie wieder ein Geheimniß vor Dir haben." Sie war noch fast ein Kind, die jugendliche Mutter, und als er das liebliche, flehende Gesicht, die großen, thränenvollen Augen, die bebenden Lippen sah, küßte er sie und vergab. 5. Kapitel. In der Dämmerung. „Keine Worte sind stark genug, Dein Benehmen zu tadeln, Victor. Du hast an Jnez schmählich gehandelt, hörst Du, schmählich, und Du bist der erste, der den Stammbaum verunreinigt hat. Herzogstöchter betraten Chateron Royals als Bräute, und Du hetrathetest die Tochter eines Seifensieders." So sprach Lady Helena Powys, vierzehn Tage nachdem er Weib und Kind heimgebracht, zu ihrem Neffen. Zornig hörte ihr der junge Mann zu. Während der letzten vierzehn Tage hatte Jnez ihm das Leben unsagbar verbittert, endlich war er zur Tante gekommen, um Hülfe zu holen und Trost, und nun wurde er so empfangen. „Das ist zu viel, Tante Helena, das ertrage ich nie, niemals von Dir. Die Abstammung meiner Frau ist der einzige Vorwurf, den man ihr wachen kann. 487 Jnez läßt's an Vorwürfen nicht fehlen, genug, um Jemand rafend zu machen, von Dir hätte ich's nicht erwartet." „Deine Frau beschuldige ich keineswegs, ich habe sie nur einmal gesehen und glaube, sie ist so gut wie hübsch. Gegen Dein Betragen wider Jnez aber muß ich Protestiren und wundere mich, daß sie's so ruhig erträgt." „So ruhig! Barmherziger Gott! Ich wollte, Du sähest es mit an. Sie quält meine Frau mit Nadelstichen und mein schuldiges Gewissen heißt mich schweigen. Seit Meta Chateron Royals betreten, hat sie keine glückliche Stunde mehr gehabt, und daran ist nur Jnez' teuflische Zunge schuld. Sie nehme sich aber in Acht, sie könnte sonst zu weit gehen." „Heißt das, daß Du sie verstoßen willst?" „Ja; Jnez ist meine Cousine, Meta meine Frau. Du würdest Dich um Erstere verdient machen, Tante, wenn Du ihr einen Wink gäbest." Er wandte sich, um zu gehen. „Gut, ich will es thun. Du bist zu tadeln, nicht das arme Kind. Ich werde mit Jnez sprechen und Dir, um Deiner Mutter willen, zu vergeben suchen. Sie hätte es verziehen, wenn Du ihr Herz gebrochen, ich will gleich ihr zu handeln versuchen, Besuche mich am nächsten Donnerstag; wenn ich Deine Frau empfange, empfängt sie sicher die ganze Nachbarschaft." „Ich danke, Tante, Du bist sehr gütig. Wir werden kommen." Er bot ihr die Hand. Sie allein hatte Notiz von seiner Frau genommen. Der Adel der Umgegend hatte beschlossen, es sei unmöglich, des Seifensieders Tochter zu empfangen. Wäre sie noch eine Banquierstochter gewesen, aber eines Seifensieders Tochter, eine heimliche Ehe, der Erbe von Chateron Royals in einer Stadtwohnung geboren und Miß Chateron schmachvoll hinter- gangen, nein, es war zu arg. Sie konnten Lady Chateron nicht besuchen, wenigstens nicht bis sie gesehen, wie Lady Helena Powys sie aufnahm. Es war das die einzige Schwester der seligen Mutter des Barons, und Sir Victor und Jnez sehr zugethan. Der Todten letzter Wunsch war gewesen, daß ihr Sohn seine Cousine hei- rathe. Er hatte es versprochen, und Lady Helena hatte erwartet, daß es geschehe. Wie ein Donnerschlag traf sie folglich die Kunde von seiner Mißheirath. Sie konnte das nicht vergeben und weigerte sich, seine Frau zu empfangen. Als er aber bleich und traurig zu ihr kam, erweichte sich ihr Herz, und ihr Mann, der die junge Frau in Chateron Noyals gesehen, ergriff sofort ihre Partei. „Was geschehen ist, läßt sich nicht mehr ändern", spxach er philosophisch, „und das Klügste ist, zum bösen Spiele gute Miene machen. Zudem ist sie reizend und meiner Treu, ich hätte sie auch geheirathet. Vergib ihm, Frau, junge Leute sind eben junge Leute, geh' und besuche sein Weib." Lady Helena gab nach, die Liebe war stärker als der Zorn. Sie ging, und in dem düsteren Saal von Chateron Noyals schwebt eine kleine Feengestalt mit goldenem, wallendem Haar, blauen Augen und einem solch' kindlichen Wesen, daß ihr ganzes Herz sich sofort mütterlich ihr zuneigte. „Du liebes Kind", sagte sie und küßte sie, als zähle sie erst acht Jahre. „Zeig' mir Deinen Kleinen, meine Liebe." Von der Stunde an waren sie Freundinnen. Dankesthränen im Auge, führte Meta sie in das Gemach, wo ihr Knäbchen schlummerte, und als die Dame es küßte, schwand aller Zorn aus ihrem Herzen. „Sie ist hübsch, artig, gut und eine vollendete Dame", bemerkte sie Jnez gegenüber, „und sie sieht auch recht glücklich aus. Sei nicht hart gegen sie, was kann sie für die Sachlage? Nur Victor ist zu tadeln, das fühlt Niemand mehr als ich. Ein wenig Liebe wäre für das arme blauäugige Kind so wünschenswerth." „Ich weiß, was ich meinem Vetter und seiner Frau schulde, und werde die Schuld abtragen." Lady Helena blickte sie ängstlich an, sie verstand sie nicht. „Ich verlange nicht, daß Du ihr Liebe entgegenbringst, Du vermagst das schließlich nicht, an Deiner Stelle aber würde ich sie in Ruhe lassen. Sie ist ja doch die Frau vom Hause, Du könntest zu weit gehen und dann —" „Würde mich Victor aus Chateron Royals vertreiben. Sagte er das? Verstelle Dich nicht, Tante, ich weiß es -ja doch. Also, wenn ich ihr nicht meinen Platz einräume, soll ich wegen der Seifensiederstochter verstoßen werden? Gut, daß Du mich darauf aufmerksam machtest, ich werde es nicht vergessen." Lady Helena war in Verlegenheit. Des Mädchens ernste Miene erschreckte sie. „Willst Du nächsten Donnerstag kommen? Verstehe wohl, ich dränge Dich nicht. Aus Liebe zu Victor will ich die Sache von der guten Seite nehmen. Ich gebe ein Diner und stelle Lady Chateron vor. Ich muß es thun. Wenn ich sie empfange, empfangen sie Alle. Wenn Du aber lieber nicht erscheinen wolltest, Jnez — —" „Warum sollte ich nicht? Victor mag ein Feigling sein, ich bin es nicht. Ich werde der ganzen Gesellschaft unter die Augen treten, ihr trotzen, wenn sie mich bedauert. Nimm Du die Seifensiederstochter auf, wenn Du willst, aber ich zweifle, ob Du mit all' Deiner Macht sie flott zu erhalten vermagst!" „Das arme Wesen!" dachte Lady Helena, als sie heimfuhr, „'s ist schön, die Herrin von Chateron Noyals zu sein, mit Jnez als Rivalin aber würde ich mich bedanken." Ja, daS arme Wesen! War Sir Victors Dasein verbittert genug, so war das seiner Frau geradezu unerträglich. Jnez wußte sicher zu treffen und trug den grimmigsten Haß in ruhigen, sanften Tönen zur Schau. Sie versäumte keine Gelegenheit. Ihre Zunge war ein zweischneidiges Schwert, und grausam beobachtete sie ihres Opfers Zuckungen. Meta ertrug es; sie liebte den Gatten, er fürchtete die Cousine, und seinethalben ertrug sie es. Einmal nur schrie sie auf: „O, Victor, ich gehe zu Grunde, bringe mich nach London oder wohin Du willst, nur befreie mich von ihr." Er beruhigte sie möglichst, ritt zur Tante, und den Erfolq kennen wir. Der Tag des Diners kam. Meta war ohnehin in Folge des endlosen Spottes, der schmähenden Worte, der stillen Verachtung der Cousine furchtbar aufgeregt, und das Fest wurde für sie zur Qual. Wie, wenn sie durch irgend einen Mißgriff den Gatten beschämte? Warum sollte sie denn überhaupt gehen? „Sei nur ruhig, liebes Kind", schmeichelte Victor, „zieh' ein hübsches Kleid an und schmücke Dich mit 488 Blumen und Perlen; Dein einfaches, liebenswürdiges Wesen wird allgemein gefallen." Als sie eine Stunde später in einem lichtblauen Seidenkleide, Lilien im Haar und Perlen um den Hals erschien, erinnerte sie an eine Fee. Jnez' schwarze Augen blitzten zornig. Mochte auch das Blut des Seifensieders in ihren Adern rollen, keine Fürstin konnte feiner und schöner aussehen. Miß Chateron selbst war pompös in dem weißen Seidenkleide, glühend von Rubinen. Stolzen Hauptes bestieg sie den Wagen. Lady Helena's Säle waren überfüllt; alle Einladungen waren angenommen worden. Alles wollte Sir Victors niedergeborenes Weib sehen und erfahren, wie Miß Chateron die ihr angethane Schmach ertrug. Lächelnd trat Jnez ein. Ihr Wesen schien zu sagen: „Bemitleidet mich doch, wenn ihr's wagt." Ihr folgte an Sir Victors Arm eine zierliche Gestalt. Lady Helena nahm die neue Nichte sofort unter ihre Fittige. Die Anwesenden wurden ihr vorgestellt, Komplimente ihr gesagt. Bei Tische saß sie am Ehrenplatz und war aller Augen Zielpunkt. Sie ertrug es ruhig, ihr Muth stieg, sie sprach unbefangen und eroberte Aller Herzen. „Ich gratulire, liebes Kind", flüsterte Lady Helena ihr zu, „der Anfang ist brillant. Die Herren sind entzückt, die Damen eifersüchtig." Bisher hatte Jnez nicht einen Giftpfeil entsendet; ihre Zeit aber sollte kommen. Nach Tische wurde must- ztrt. Lord Herriker, der jüngste und vornehmste Edelmann der Gesellschaft, nahm Lady Chateron förmlich in Beschlag. Er führte sie an's Piano, sie sang eine schottische Ballade, und Beifallsgemurmel erhob sich. Dazwischen tönte Jnez' sarkastisches Lachen. Capitain Barden schwärmt für sie, lehnt sich über ihren Sessel und erzählt ihr leise, daß Jack Singleton sich jüngst zum Gespött der Menschen gemacht, indem er die jüngste Miß Potter von Potter-Park geheirathet. „Wirklich", lachte Miß Chateron, „hatte der Vater nicht früher einen Kramladen und zog sich, zurück, als er genug Geld zusammengescharrt hatte? Und der arme Lieutenant Singleton hat die jüngste Miß Potter geheirathet? Wen die Götter verderben wollen, dem nehmen sie den Verstand. Nun, das Mädchen ist wohl hübsch und so süß, wie des Vaters Candis, so schmelzend wie dessen Butter. In manchen Familien ist es Sitte, das Wappen der Braut auf dem Familienschtld anzubringen. Ich denke, die Armatur der Familie Potter wäre wohl dann ein weißer Schurz und eine Käse." Unterdrücktes, schreckliches Lachen geht durch den Saal. Sir Victor ist wie mit Blut übergössen, Meta befindet sich noch an Lord Herrikcr's Seite und hat nur Gedanken an Flucht. Fort von dem grausamen Volke, fort von der scharfzüngigcn Jnez. Aengstlich blickt sie auf den Gatten; sollte sie dies ertragen? Er aber ist absichtlich blind und taub, er besaß nicht den Muth, den Handschuh für sein Weib aufzunehmen und der Cousine Schweigen zu gebieten. Nach Mitternacht fuhren die Gäste nach Haus. In Sir Victors Wagen herrschte Todtenstille. Meta lehnte bleich und stumm in der Ecke, Jnez besah sich die Sterne, der Baron zürnte sich selbst, haßte die Cousine und scheute sich, seine Frau anzusehen. Ihr Wesen ist eigenthümlich verändert, ihre Antworten sind kalt und kurz. Nicht ohne Grund verachtet sie den Mann, der nicht den Muth hat, sein Weib vor Verhöhnung zu bewahren. Am folgenden Tage erschien sie weder beim Frühstück noch bei Tische. „Mylady ist ausgegangen", meldete der Lakai, „vor etwa einer halben Stunde schritt sie mit einem Buche dem Lorbcerhain zu." „Ich werde sie suchen, man warte mit dem Essen", befahl Sir Victor, Meta war fort, weil sie nicht mehr mit Jnez Chateron an einem Tische Brod brechen wollte. Wäre das Münchener Bierhalle. MLLü Kind nicht, sie wäre längst aus dem Hause entflohen, wo sie immer die Rache eines Weibes verfolgte. Die Dämmerung senkte sich über die Bäume, finster hebt das Schloß sich vow Horizonte ab. Meta schaudert davor. Nur schmerzliche Tage hatte sie in diesen Mauern verlebt. Selbst ihre Liebe scheint in bitterer Verachtung zu ersterben, wenn sie daran denkt, wie er zu seiner Cousine Verhöhnung geschwiegen. Es ist kalt, sie hüllt sich fester in den Shawl und schreitet langsam auf und Gebäude für staatliche Anstalten und technischen Unterricht. Aus der Bayerischen Landesausstellung zu Ullrnberg 489 nieder. Thränen rollen über ihre Wangen, sie fühlt sich unsagbar allein, dem mitleidlosen Weibe preisgegeben. „O", stöhnte sie, „warum heirathete ich ihn überhaupt ?" „Wenn Sie Sir Victor meinen", spricht plötzlich eine Stimme, „so heiratheten Sie ihn eben, weil er Sir Victor war. Uebrigens kann eine Dame nicht zwei Gatten haben, und Sie wissen, daß ich Ihr gesetzlicher Gatte bin." Entsetzt weicht sie zurück; Juan Chaterons schwarze Gestalt steht in der Dämmerung vor ihr. Nürnberger Bierhalle. „Sie?" schrie sie auf. „Ja, ich I Wäre meine Schwester zu mir gekommen, hätte ich der Gegend wohl lange den Rücken gekehrt, so aber will sie mir nicht einmal die paar hundert Pfund geben, die ich unbedingt brauche. Zu Sir Victor kann ich aus zarten Gründen nicht gehen, folglich komme ich zu Ihnen. Geben Sie mir fünfhundert Pfund, und ich belästige Sie nie wieder." Er trat näher und streckte die große, braune Hand aus. „Zurück, Juan Chateron I" gebot sie, „wie wagen Sie hier einzudringen und mit mir zu sprechen?" „Wie ich's wage? Nicht übel! Wenn ein Mann mit seiner Frau nicht reden soll, mit wem soll er's dann? Es nimmt sich gut aus, wenn die Frau Baronin sich auf's hohe Roß setzen. Rathsamer dürfte sein, mir die fünfhundert Pfund zu geben und mich in Frieden ziehen zu lassen." „Wenn Sie sich nicht sofort entfernen, rufe ich meinen Mann." „Wollen Sie mir das Geld geben?" fragte Juan und kreuzte herausfordend die Arme. „Ich habe es nicht, und wenn ich's hätte, gäbe ich Ihnen doch keinen Heller." „Sie haben Diamanten", sprach er, auf ihre Hand zeigend, „geben Sie mir diese, oder bei Gott, ich erzähle die Geschichte Ihrer Bigamie in England." „Sir Victor hat Sie in seiner Gewalt, cr wird seine Drohung halten, wenn Sie die häßliche Lüge zu wiederholen wagen." „Werde ich die Juwelen bekommen?" „Nein, gehen Sie oder ich rufe um Hülfe!" „Sie wollen mir also die Ringe nicht geben?" „Nein! Es kommt Jemand, wir wollen sehen, wer sich fürchtet." „Gut, ich gehe, aber ich werde wiederkommen. Bemühen Sie sich nicht, Ihren heloenhaftcn Gatten zu rufen." — Pfeifend verschwand er hinter den Bäumen. „O, mein Gott, was wird morgen geschehen!" seufzte Meta verzweifelnd, „soll ich nie erlöst werden von dem Geschwisterpaar?" Sie wandte sich dem Schlosse zu, als ihr weißes Kleid ganz verschwunden war, tauchte Sir Victor aus dem Schatten hervor und der Mond beleuchtete sein todtenbleiches Gesicht. 6. Kapitel. Im Mondlicht. Er hatte kein Wort gehört, aber er hatte sie beisammen gesehen und das genügte. Wie betäubt stand er, als er seine Frau allein im Dunkeln mit Juan Cha- teron sah. Dieser hatte also Chesholm nicht verlassen, und sie wußte es. Wie oft hatten sie sich schon getroffen, wie, wenn sie doch sein Weib wäre? Wenn die Ceremonie in der schottischen Kirche bindend wäre? Und wenn sie Juan noch liebte? So lange cs ging, hatte Meta die Sache ihm verborgen, hatte ihn getäuscht, that es noch jetzt. So schön und so falsch. Ihm schwindelte. Er lehnte sich an einen Baum. „Ich will zu ihr gehen", sprach er endlich, „und hören, was sie sagt. Theilt sie mir die Begegnung freiwillig mit, so will ich ihr glauben, schweigt sie, so sei es ein Beweis ihrer Schuld." Er begab sich ins Haus. Ein Diener trat ihm entgegen. „Ein Bedienter von Powys Place hat dieses Billet gebracht, Herr Baron; den gnädigen Herrn hat ein Schlag getroffen, und Ihre Anwesenheit wird dringend gewünscht." Sir Victor brach das Siegel und las. Im Speisesaal traf er seine Frau nicht und begab sich in das Ktnderzimmer, wo er sie noch immer gefunden. Sie beugte sich über die Wiege. Die Amme stand in einiger Entfernung. Der Baron gewahrte sie nicht. „Ich erhielt eben ein Billet von Tante Helena, den Onkel hat der Schlag getroffen, und sein Befinden ist kritisch. Ich reise sofort ab und kehre diese Nacht nicht zurück." Kulmbacher Bierhalle. Sie sah ihn erschrocken an. Seine fahle Farbe mochte sich durch das Billet bedingen. Mit einigen Worten des Bedauerns beugte sie sich wieder zum Kinde. „Hast Du mir nichts zu sagen, ehe ich gehe?" Sie hob den Kopf, die Worte schwebten ihr auf derZunge. Aber die Amme war gegenwärtig, und warum ihn jetzt aufhalten, es war klüger, bis morgen zu warten. „Ich habe Dir nur Lebewohl zu sagen und Dich zu bitten, die Tante zu grüßen. Hoffentlich steht's mit dem armen Onkel nichl so schlimm." 490 Sie sah ihn dabei nicht an. Er wandte sich zur Thüre, Zweifel und Eifersucht tobten in ihm. Auf der Schwelle blieb er stehen. Etwas schien ihn festzuhalten. „Adieu, liebes Weib", sprach er mit erzwungenem Lächeln, „Du magst mich für thöricht halten, aber mir bangt, Dich heute Nacht zu verlassen. Gib recht Acht auf Dich, ich werde sobald als möglich wiederkehren." Sie blickte ihm vom Fenster aus nach. „Wie lieb er mich hat, der gute Victor", dachte sie, und als er sich umwandte, warf sie ihm eine Kußhand zu, „wie glücklich könnten wir sein, wären die Geschwister nicht." Bald darauf trat Jnez ein. „Ich suchte Victor und glaubte seine Stimme zu vernehmen. Wie geht es dem Erben von Chateron Royals?" Auch sie bemerkte die Amme nicht und beugte sich mit ihrem gewöhnlichen höhnischen Lächeln über das Kind. „Ob er wohl wirklich der Erbe von Chateron Royals ist? Ich lese eben Walter Scott's „Ehegesetze" und hege meine Zweifel. Wenn Sie Juans Frau sind, können Sie nicht Victors Gattin sein, folglich kann die Legitimität seines Sohnes ange—" Sie endete den Satz nicht. Es war der letzte Tropfen in dem überschäumenden Becher, eine Beleidigung, die nicht zu ertragen war. Mit feuersprühenden Augen trat Lady Chateron vor sie hin. „Sie haben Ihre letzte Bosheit verübt. Unter diesem Dache sollen Sie mir keine weitere Kränkung anthun. Ich bin Sir Victors Gattin und die Herrin von Chateron Royals, das Sie morgen verlassen werden. Sobald mein Mann wiederkommt, gehen Sie oder ich auf Nimmerwiederkehr." (Fortsetzung folgt.) — Die Bayerische Landesausstellung zu Nürnberg. (Mit Illustrationen.) (Schluß.) Die Gebäude sind aus Holz aufgeführt, mit Stuck bekleidet und mit plastischem Schmuck versehen. Bei letzterem zeigt sich ein wohlthuender Einfluß der modernen Richtung. Der Stil ist eine glückliche Modification des Barocks. Das Ganze macht einen ruhigen, harmonischen Eindruck, was wohl auch dem Umstand zuzuschreiben ist, daß die Entwürfe von einem einzigen geschickten Künstler, dem Director des Bayerischen Gewerbemuseums v. Krämer in Nürnberg, herrühren. Abseits von diesem Gebäudecomplex müssen wir im Park noch zwei officielle Bauten, die Kunsthalle und das Armeemuseum, welch' letzteres eine wohlgeordnete Sammlung von Waffen und Uniformstücken enthält, suchen. Von ersterem Gebäude lassen die umgebenden Bäume kaum mehr als die hohe Kuppel und das stilvolle Atrium sehen. Das Armeemuseum, das der Zeichner gleichfalls im Bilde festgehalten hat, ist zwar von bescheidenem Umfang, zeichnet sich aber durch reizende Architektur aus. Die officiellen Ausstellungsgebäude bedecken eine Fläche von 44,000 Quadratmeter. Und nun zu den leiblichen Genüssen! Für diese sorgt eine hinreichende Anzahl von Kosthallen, Restaurants, Cafes und Conditoreten, schmucke und zum Theil sehr ausgedehnte Bauten, die, von Gruppen mächtiger Bäume eingeschlossen, im Park verstreut liegen. Daß in Bayern in erster Linie für die Biertrinker gesorgt wird, ist selbstverständlich. Die Bterhallen sind deßhalb, wie aus den vorstehenden Abbildungen ersichtlich, nicht nur schmuck, sondern auch recht geräumig; sie vermögen Tausende von Durstigen zu fassen. Das originellste Gebäude dieser Art ist aber ohne Zweifel das Weinhaus, das einen von der Zeit arg mitgenommenen Rittersitz, der aus einem Kloster hervorgegangen zu sein scheint, vorstellt. Die ganze Ausstellung trägt einen vornehmen Charakter, und zwei größere Privatunternehmen, eine künstliche Eisbahn und ein trefflich gemaltes Panorama der Schlacht von Bazeilles, die sich in ihrem Gebiet befinden, thun ihr durchaus keinen Abbruch. Nürnberg, im Juli. Oskar Heinrich. Das Geheimniß von Dillingeu. *) (19. Juli 1796.) Von Heinrich Leher. Das Jahr 1796 brachte für Bayern schwere Schicksalsschläge: unser theureS Vaterland wurde überschwemmt von den französischen Heeren; Plünderungen, Brandschatzungen, Raub und Mord, kurz alle Drangsale des Krieges ergossen sich über seine Gefilde. Die politische Lage ist die denkbar traurigste und jämmerlichste. Es fehlt nicht an Lichtblicken, das sind die Ruhmestage von Amberg und Würzburg, an denen Oesterreichs siegreicher Held, Erzherzog Karl, die französischen Heere besiegte und Franken und Bayern von seinen Drangsalen befreite. Heute sei in Kürze des hundertjährigen Gedächtniß- tages eines merkwürdigen Ereignisses erwähnt, welches wohl heute vollständig vergessen ist. Der Schauplatz desselben war die damals der Herrschaft des Fürstbischofs von Augsburg unterstehende Stadt Dillingen; das Datum der 19. Juli 1796. An diesem Tage wäre das gute, harmlose Dillingen bald Zeuge der blutigen Szene eines Königsmordes geworden. Ludwig XVI. von Frankreich hatte sein edles Haupt auf dem Schafott verloren; sein Sohn, der Dauphin, in der Geschichte als Ludwig XVII. vorgetragen, war von dem Schuster Simon zu Tode mißhandelt worden. Erbe der Krone Frankreichs und dessen König war der Bruder Ludwig's XVI., der Gras von Provence, als Ludwig XVIII. geworden; er irrte als Flüchtling in Italien und deutschen Landen umher. Insbesondere war es der Kurfürst von Trier, der sächsische Prinz Clemens Wen- zeslaus, der zugleich Fürstbischof von Augsburg war, welcher ihm Zufluchtsstätte bot. Das Vordringen der republikanischen Heere im Frühjahr 1796 nöthigte den König bald, vom Nheine zu fliehen; er begab sich zuerst zur kleinen Armee, welche mit englischen Hilfsquellen Prinz Conde um sich gesammelt hatte, verließ aber dieselbe in Villingen, als die Nachricht erneuter Niederlagen der Oesterreicher eintraf. Als passender Zufluchtsort erschien zunächst das Augsburger Gebiet, welches, wie bereits erwähnt, ebenfalls dem Kurfürsten von Trier gehörte, mit welchem Ludwig XVIII. in innigster nächst- verwandtschaftlicher Beziehung stand. Die Mutter Ludwigs XVIII., Maria Josefa, war eine Schwester Friedrich Augusts III., Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen, dessen Sohn Kurfürst Clemens Wenzeslaus war. Am 19. Juli Abends -^10 Uhr traf Ludwig XVIII. im strengsten Inkognito, nur von drei Dienern begleitet, *) Wir entnehmen diese interessante Skizze der von Herrn Heinrich Leher trefflich redigirten Zeitschrist „Das Bayerland". Verlag vcn R. Oldenbourg in München. 491 in Dilltngen ein und nahm seinen Abstieg in dem heute noch bestehenden Kasthofe zum „goldenen Stern". Es wimmelte in Dillingen von Emigrierten; auch der Bruder des Königs, der Graf von Artois, der später als Kart X. den Thron von Frankreich bestieg, war daselbst angekommen. Der König blieb, wie bereits gesagt, im strengsten Inkognito; keine der Behörden von Dillingen wußte, welch' ein hoher Gast in den Mauern der Stadt verweile. Wir folgen bei Darstellung der Ereignisse des Abends dem Berichte, welchen der Herzog von Villequier dem im Lager zu Ueberlingen stehenden Prinzen von Conds erstattete. Der Herzog schreibt: „Der König arbeitete den ganzen Nachmittag in seinem Gasthause zunächst mit dem Grafen von Avaray, den er mit verschiedenen Briefen als Gesandten fortschicken wollte. Der Graf wollte soeben Se. Majestät den König verlassen, um sich in seine Gemächer zu begeben; es war etwa 10 Uhr Abends. Der König, müde von der Arbeit und von der Hitze, begab sich mit dem Herzog von Fleury ans Fenster. Der Mond schien helle, sein Licht fiel zwar nicht auf daS Haus, aber die hinter dem König auf dem Tische stehenden Kerzen beleuchtetenscharfdessen Haupt. Der König stand ungefähr eine Viertelstunde am Fenster, als plötzlich ein Schuß krachte, der aus einem gegenüberliegenden Bogengänge abgefeuert worden war. Die Kugel traf den König dicht am Scheitel, schlägt in die Mauer und fällt dann ins Zimmer. Auf die Bewegung des Königs schreit der Herzog von Fleury um Hilfe, der Herzog von Gramont läuft herbei, der Graf Fuße; sie glauben, ihr O Gasthof „zum goldenen Stern" in Dillingen. StStle des Attentate» auf König Kudwig XVUl. von Avaray folgt ihm auf dem Gebieter sei tödtlich verletzt, da sie sein Gesicht mit Blut überströmt sehen. Der König aber sagt ganz ruhig: „Meine Freunde, es ist nichts, gar nichts! Ihr seht, daß ich noch aufrecht dastehe, obwohl der Schuß dem Kopie galt." Es war im ersten Augenblicke kein Chirurg da, der des Königs war noch in Ulm beim Train der Armee. Man mußte das Blut stillen, das Haar wegschneiden, um die Tiefe der Wunde messen zu können; es war dies die Aufgabe der drei Kammerdiener Ludwigs, der bei der Operation ganz ruhig blieb und sogar scherzte. Bald darauf erschienen Arzt und Chirurg aus der Stadt und legten den ersten Verband an; um 4 Uhr Nachmittags des nächsten Tages kam der Leibarzt des Königs, der die getroffenen Anordnungen billigte und folgendes Bulletin ausgab: „Die Kugel war gegen den Obertheil des Kopfes gerichtet, die Schädeldecke ist leicht gestreift; der Patient hat kein Fieber; die Verwundung wird ohne ernste Folgen bleiben. Colon, Chirurg des Königs." Es wird folgende Bemerkung des Königs notirt. Als einer der Diener rief: „Ach, mein Herr und Gebieter, wenn der Elende nur ein Haar tiefer gezielt hätte!" „Dann, mein Freund", antwortete kalt Ludwig XVIII., ,dann würde der König von Frankreich heute KarlX. heißen." Militär- und Zivilbehörden von Dillingen haben sich aufs vorzüglichste benommen, sich dem Dienste des Königs und den Nachforschungen nach dem Mörder rastlos hingegeben, letzteres allerdings ohne Erfolg." Diese Bemerkungen sind um so wichtiger, als sie aus dem Munde eines Zeitgenossen die späteren Vorwürfe widerlegen, welche gegen die Behörden Dtl- ltngens erhoben wurden. Die Angaben des Herzogs von Villequier bestätigen in ausgedehntestem Maße, was Professor Dr. Englert im Jahre 1891 auf Grund genauer archiva- lischer Forschungen neuerdings darlegte: die Zurückweisung späterer, gehässiger französischer Berichte, welche die Stadt als einJakobiner- nestschilderten, indem der König aufs unhöflichste empfangen worden wäre, der Magistrat habe die Mörder, Jakobiner, welche dem Fürsten von Landau aus durch den damaligen Konvent nachgeschickt worden seien, in böswilligster Weise entschlüpfen lassen. Der Gastwirth habe zum Andenken des Frevels das Fenster, wodurch die Kugel eindrang, mit einer gelben Glasscheibe versehen und nicht erlaubt, den Fußboden vom Blute zu reinigen. Von allen diesen Behauptungen ist nur die erstere wahr, die gelbe Glasscheibe. Dieses geschah nicht aus Sympathie mit den Jakobinern, sondern aus Interesse für die historische Begebenheit. Das Loch, durch welches die Kugel drang, war bis vor wenigen Jahren - 492 noch vorhanden. In Wirklichkeit thaten die Behörden von Dillingen alles, was in ihren Kräften stand; diePolizei erfuhr erst durch das Attentat, daß der König von Frankreich in Dillingen weile. Sie machte sofort Anzeige bei der fürstlichen Regierung, und noch um Mitternacht wurden die Mitglieder derselben zusammenberufen, um die nöthigen Maßregeln zu berathen. Der Stadt- und Gerichtsarzt nebst einem Chirurgen wurde zur Untersuchung und Hilfeleistung zum König beordert und eine eigene Regierungskommission, bestehend aus einem Oberpolizeikommissär und zwei Regierungsräthen, bestellt, welche nicht nur die gehörige Untersuchung pflegen, sondern auch Maßregeln treffen sollte, wie der Thäter entdeckt und verhaftet werden könnte. Der Stadtkommandant Gardekapitain v. Schütz wurde beauftragt, eine eigene Wache im Gasthof aufzustellen und niemand ohne vorherige Erlaubniß und Untersuchung in denselben einzulassen. Die Stadtthore wurden sogleich gesperrt und mit Wachtposten umstellt; in der Stadt selbst zogen Patrouillen von Bürgern und Militär herum, um etwaige Gefangene festzunehmen. — Die Mühe war vergebens, der Attentäter blieb unbekannt, der Mordanschlag von Dillingen zählt heute noch zu den unenthüllten Geheimnissen der Geschichte. -- Allerlei. Durch die elektrisch geladenen Accumula- toren ist es nunmehr möglich, eine irgendwo in der ^ Welt vorhandene Kraft wie sonst eine Waare, in eine ! Kiste verpackt, beliebig anderswohin zu senden und daselbst zur Wirkung zu bringen. Einen interessanten Beleg dafür gibt uns eine Mittheilung vom Patent- und techn. Bureau von Richard Lüders in Görlitz. Auf die Welt- Ausstellung zu Chicago hatte die Stadt Venedig eine Anzahl der charakteristischen venetianischen Gondeln gesandt, welche, auf den Teichen und Kanälen des Aus- stellungSparkes fahrend, allgemeines beifälliges Aufsehen erregten. Als Gegenleistung hat nun die Ausstellungs- Commisfion den Venetianern eine schöne, durch elektrische Accumulatoren betriebene Bark als Präsent übermittelt, deren Accumulatoren auf den Niagarafall-Werken, wo bekanntlich die riesige Wasserkraft in Elektrizität umgewandelt wird, geladen wurden. Es ist also schließlich die Kraft des Niagarafalles, welche dann auf den Kanälen Venedigs die Gondel bewegt — gewiß eine technische Errungenschaft, von der man sich vor dreißig Jahren nichts hätte träumen lassen. * R Der Tabak kann in diesem Jahre auch ein Jubiläum feiern. Es war im Jahre 1496, als ein spanischer Mönch, Roman Pano, der sich der EntdeckungsExpedition des Christoph Columbus angeschlossen hatte, auf Domingo den Tabak kennen lernte und über diese Pflanze und ihre Verwendung bei den Eingeborenen den ersten Bericht nach Europa gelangen ließ. Der Tabak galt anfänglich als Arzneimittel, bald aber wurde er auch zum Rauchen — Tabaktrinken wurde es genannt — verwendet. Es sind somit 400 Jahre verflossen, seit das Labsal der Raucher, Schimpfer und — Kauer in Europa seinen Einzug gehalten hat. * Ihr Grund. Mutter: „Das war recht unartig von Dir, Edith, uns zu unterbrechen, als ich gestern Abend mit den Damen sprach. Du mußt stets warten, bis wir schweigen, dann darf auch ein Kind einmal reden!" — Edith: „Ja, Mama, das hab' ich auch versucht, aber .Ihr schwiegt ja niemals still!" * Geschäfts-Variante. Kleine Reparaturen erhalten die Kundschaft. -- Aus der „Nachfolge Khristi"?) Eitelkeit ist's, Reichthum suchen Und auf ihn die Hoffnung setzen; Eitelkeit, nach Lobe trachten, Ruhm und Rang und Ehrenplätzen. Eitelkeit ist's, auf des Fleisches Lust und Leidenschaft zu hören Und was sich durch schwere Strafe Später rächet zu begehren. Eitelkeit ist's, langes Leben Sich zu wünschen, statt ein gutes; Immer nur für's Jetzt zu sorgen, Um die Zukunft leichten Muthes. Eitelkeit ist's, das zu lieben, Was verweht wie Wind, der schauert, Aber nicht dahin zu trachten, Wo die Freude ewig dauert. *) Siehe „Des gottseligen Thomas von Kempen Nachfolge Christi in deutschen Reimen" von Hermann Jseke. Verlag von F. W. Cordier, Heiligenstadt (Eichsfeld). Preis brosch. M. 3.-, Salonband M. 4.50. InisnniLtzionalss IVlSistSn-ststunniSi' in ZinrnIberK. Wir tbeilen einige interessante partieen aus diesem Neister-I'uinisre mit. (blaebdruelc verboten, da das Ueebt der Publication von dem Lcbaebclub blnrnberA vorbsbalten rvurde. U. Red.) I. do Weiss: (Wmsrilra). 8ebvvarr: (Rußland). dL rS Weiss: SieinilL (Amerika). 8 e b vv a r r: I-sskei» (blnAland). i e2-et e7—e6 24 8. I3XIR2 1. e4 - b4 2 d2-d4 d7-d5 25 12—13 1. b4Xb2 3 8. bl—d2 e7-c5 26 v. b6—e7 1'. 1,2-bl-s 4 d4>(e5 In I8XeS 27 L. ssl-12 v. 1,5-b4f 5 8. d2—b3 In e5-b6 28 v. e7—§3 v. !,4> ausschließlich für humanitäre Zwecke. So erbaute er allein das Sebastiane» oder Priesterhaus und übergab dasselbe in das Eigenthum der Barmherzigen Bruder, die einen großen Pavillon hinzubauten, in welchem sich Fremdenzimmer, Sprechzimmer, Wandelbahn und die Bade-Anstalt befinden. Auf der Anhöhe prangt ein herrlicher Ziegelrohbau, das Kneipp'sche Kinder-Asyl, von ihm um 150,000 Mark erbaut, in welchem 120 Kinder von 2 bis 18 Jahren die sorgsamste Pflege von Seite der Franciscanerinnen erfahren. Nicht ohne stille Wehmuth durchschreitet man die reinlichen Räume, in welchen man diesen armen Kindern, mit den verschiedensten Krankheiten und Leiden behaftet, begegnet. Es gibt fast keine Krankheit, die hier nicht vertreten wäre, Kinder im zartesten Alter, die nicht selten die Sünden ihrer Eltern büßen, werden hier mit mütterlicher Sorgfalt behandelt und erhalten nebst der körperlichen Pflege auch einen entsprechenden Unterricht. Neben diesem Kinder-Asyl erhebt sich ein zweiter dreistöckiger Rohbau, welcher noch nicht ganz vollendet ist und den Prälaten 200,000 Mark kostete. Derselbe war für Lupus-Kranke bestimmt; allein da ihm von einer Seite, von der man es am wenigsten erwarten sollte, die größten Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden, will er es für ein Frauen-Spital bestimmen. Welche Verbreitung die Kneipp'schen Bücher gefunden, erhellt am besten aus der Thatsache, daß die Wasser-Kur bereits in der sechzigsten deutschen Auflage und daneben in fünfzehn verschiedenen Uebersetzungcn erschienen ist und das Werk „So sollt ihr leben" soeben die dreißigste Auflage erlebt hat. Wo ist je ein Werk in der Welt binnen zehn Jahren in so vielen Auslagen erschienen? Außer dieser tagtäglichen aufreibenden Thätigkeit hält Prälat Kneipp täglich abends *^5 Uhr einen populären Vortrag über verschiedene Krankheiten und deren Heilung, über zweckmäßige Kleidung in gemeinverständlicher instruktiver Weise, dem sämmtliche Cur-Gäste mit größter Aufmerksamkeit beiwohnen. Diese einstündigen Vortrage, die im Winter in einem Glashause gehalten werden, sind in der Regel mit interessanten Fällen, Beispielen und Vergleichen gewürzt und tragen zur Aufklärung der Massen sehr viel bei. Schließlich sei noch erwähnt, daß die Gemeinde Wörishofen einen neuen großen Friedhos mit einer schönen Umfassungsmauer erbaut hat und demnächst mit sehr großen Kosten den Ort mit Kanälen versehen wird. Viele Hunderte und Tausende leidender Erdenpilger sind im Laufe der Zeit hiehcr gewandert, und die Meisten haben Heilung oder doch wenigstens Linderung in ihren schweren Leiden gefunden. Alle ohne Ausnahme, welch Standes und welcher Religion immer, zollen diesem edlen Wohlthäter der Menschheit den Ausdruck innigster Dankbarkeit und Verehrung. Das Oberhaupt der Kirche, Papst Leo XIII., hat diesen Priestergreis in Anerkennung seiner barmherzigen Verdienste zu seinem Gcheimkämmerer ernannt und ihn bei seiner Anwesenheit in Rom mit einer Auszeichnung empfangen, wie sie einem einfachen Priester wohl noch nie zu Theil wurde. Der Patriarch von Jerusalem hat ihn kürzlich zum Commandeur des Ordens vom Heiligen Grabe ernannt, gewiß eine sinnreiche Auszeichnung für einen Mann, der so viele Tausende . dem nahen Tode entrissen und ihnen die Freude der j Auferstehung von ihren Leiden bereitet hat. Und welche Anerkennung wurde diesem edlen Greise von der Regierung feines Landes zu Theil? Wohl nie hat je ein Mann dem bayerischen Staate solche materielle Vortheile verschafft, als Prälat Kneipp, ganz abgesehen von seiner Thätigkeit. Bisher hat die bayerische Regierung nicht daran gedacht, diesem Priester auch nur ein Zeichen der Anerkennung zu geben — wohl aus Furcht vor den Männern der mcdicinischen Wissenschaft. Zum Glücke ist Prälat Kneipp nicht der Mann, welcher nach Menschengnnst und äußeren Ehren hascht. Sein Wirken fließt aus der reinsten katholischen Humanität, und seine größte Freude und Stolz ist, wenn er den Elendesten und Acrmstm seiner Mitmenschen seine Hilfe kann angedeihen lassen. Es wäre fast Schade, wenn der himmlische Lohn, der diesem frommen, demüthigen Priestergrcis gewiß beschicken sein wird, durch irdischen Lohn getrübt würde. Darum möge Gott ihn bis an die äußerste Grenze des menschlichen Lebens zum Wohle der leidenden Menschheit erhaltenl - - Hoffnungsfroh. „Was habe ich gehört? Ihr Kassier ist mit einem bedeutenden Betrage und Ihrer Tochter dnrchgebrannt?" — „Na, na, es ist nicht so arg. Er schreibt mir soeben, er werde mir alles zurückzahlen; die Tochter hat er mir schon zurückgeschickt." Kurz angebunden. Chef: „Nun, was sagte der Baron, als Sie ihm die Rechnung vorzeigten?" — Commis: „.Johann', weiter nichts!" ——- „Augsburgrr PostMung". « 66 . Dinstag, den 11. August 1896 . Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Lnglanä). 1 e2—e4 s7—e6 26 8. 14—e6 D. a4—ä? 2 ä2-ä4 ä7-ä5 27 8. e6X0ä8 T. a8Xä8 8 8. bl—c3 8. g8-k6 28 D. e3—«5 T. ä8—c8 4 e4—e5 8. g6-ä7 29 D. e5XDs7 X. e8Xe7 5 k2—k4 o7—e5 30 D. 12—e3 T. c8—e8 e ä4Xeö 8. b8-e6 31 D. e3—g5f X. e7—17 7 a2—a3 8. ä7X°5 32 T. 11—ei TXTt 8 b2—b4 8. cö—ä7 33 DXT T. b8—e3 9 D. ll—ä3 a7—a5 34 D. cl—sl b4—b3 10 b4- b5 8. e6-b8 35 §2XK3 1. e8—g8j 11 8. gl-13 8. ä7—c5 36 X. gl-12 aö—a4 12 D. e1-e3 8. b8-ä7 37 v. sl—b4 T. g8—g6 13 0 -0') g7—g6 38 X. 12—13 8.4 23 14 8. c3—e2 D. 13-«7 39 v. b4Xa3 T. g6Xbk 15 D. äl-el 8. ä7-l>6 40 D. a3—«5 T. b6-e8 16 8. l3-ä4 D. «8—ä7 41 D. cö—e7 X. 17-6? 17 D. ei—k2 8. b6 - a4 42 X. 13-14 b7—b6 18 T. al—bl b7—b5 43 b3—b4 T. e6—c8 19 b7-b6 8. c5Xä3 44 D. e7—b8 D. ä7—e8 20 c2Xä3 D. s?Xa3 45 X. 14X15 T. e6—b8 21 14-15 göXIS 46 D. b8-e?t X. e7—18 22 8. e2-l4 1i5-b4 47 v. c7—ä8 b6—bö 23 T. bl-al D. a3—e7 48 sö—s6 I. K6—b? 24 T. a1Xa4 D. ä?Xa4 49 X. 15—e5 b5-b4 25 8. ä4X«6 l?Xe6 SO D. ä8-ä6t aulgsgebeo. *) Kleine Koebaäs. _ Anmerkung. In obiger kartis bat äer jugenälicbs — 23zäbrigs — amerikanisebs Llsister, welcber, nebenbei bemerkt, im 1895er internationalen Turnier eu Uastings äen I. kreis errang, seinen kübnen ^.ngritk vom Beginn bis rum Lnäs mit leinen Oplerkombioationen siegrsieb äurebgelübrt; liessen gewaltiger 6egner musste trotr taxlerer Vertbeiäigung naek äem 50. 2ugs äis Vaklen strecken. Diese glänrenäe kartis äürlts bis jstrt äis meiste äll- wartscbalt auk äsn Kotbscbilä-kreis baden. Lins weitere, sebr elegante kartis rwiseben äem österreiebiscben bleistsr Llbin nnä äem Ungarn Lbaroussk lolgt in einer äer näcbsten Uuwwern. _ X. Holm ann. Vsiss. Ltellung naeb äem 25. 2ugs. X -— -—-»SLAWS-- « 68 . 1896. „Augsburger PostMung^. Dinstag, den 18. August Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS^^rabherrin Augsburg on Millfield, einer etwa fünf Meilen von Sandypoint entlegenen Fabrikstadt, nach Hause. Am frühen Morsien war sie mit einem Nachbar herübergefahren, um sich ein Kleid zu kaufen, und da sie den Weg gut kannte, machte sie sich gegen Abend auf den Heimweg. Den Merino trug sie als Talisman gegen Wind und Witter im Arm, unb voll froher Gedanken darüber, wie hübsch der Stoff sie kleiden würde, eilte sie flüchtigen Fußes dahin. Noch aber hatte sie kaum den dritten Theil des Weges zurückgelegt, als der Schnee in großen Flocken herniederzuwirbeln begann. Entsetzt blickte sie auf; es war ein Feldweg, der über Berg und Thal führte und den sie nicht zu finden vermochte, wenn es schneite. Die Nacht nahte schnell. Was war zu thun? Die Klugheit rieth ihr, umzukehren. Jugendliche Ungeduld und Uebermuth aber riefen „Vorwärts!" Sie eilte weiter; der große Haushund Bruno war ihr einziger Begleiter. Schneller und dichter fielen die Flocken, es wurde ein Schneesturm. Sollte sie umkehren? Furcht kannte sie nicht, mit Bruno's Hülfe glaubte sie den Weg zu finden, und so hüllte sie sich fester in ihren Shawl und ging muthig vorwärts. Wieder war eine Meile zurückgelegt, aber es war Nacht geworden, der Schnee fiel noch immer, und zwei englische Meilen lagen noch zwischen ihr und der Heimath. Ihr Herz begann zu pochen, Bruno suchte ängstlich, der Weg war förmlich im Schnee begraben, das Gewirbel der fallenden Flocken blendete sie, das Waten ermüdete sie furchtbar. Wenn sie sich verirrte und die Nacht herumliefe? Wenn sie nur irgendwo Licht sähe, sie wollte darauf zugehen und Schutz suchen vor Nacht Nacht und Sturm. Umsonst — es war nichts zu sehen. Vorwärts I Horch! Was war das? Bruno spitzte die Ohren. Unfehlbar ein Schrei, ein Angstschrei. Schwach und klagend tönte er auS der Ferne zu ihr. Edith zauderte nicht. Wie oft schon hatten Fremde diesen Weg gemacht und waren erfroren gefunden worden. „Such', Bruno, such', alter Bursche!" rief sie dem Hunde zu und wandte sich nach der Richtung, aus welcher der Hülferuf gekommen. „Wo sind Sie?" schrie sie laut hinein in die Nacht. „Hier!"klang es schwach über denSchnee, „hierlinks." Sie eilte vorwärts. Wo sie war, wußte sie nicht. Plötzlich sah sie im Schnee die dunkle Gestalt eines Mannes liegen. „Wie kamen Sie daher?" fragte sie und berührte des Fremden kaltes Gesicht. „Ich war auf dem Wege nach Sandypoint", entgegnen er schwach, „die Nacht überraschte mich, ich verlor den Weg, glitt aus und brach wohl den Fuß. Ich hörte Sie dem Hunde rufen und versuchte zu schreien. Wenn Sie nur am nächsten Hause sagen wollten, daß —" 518 Die Stimme erstarb. Das nächste Haus, wo war es § In einer halben Stunde war der Aermste erfroren, wenn ,r?e ihn allein liegen ließ; was sollte sie thun? Sie riß eiln Black aus ihrem Notizbuch und schrieb darauf: „Folgt kommt sogleich I" Dann befestigte sie es an ihrem Taschentuche und band dieses um des Hundes Hals. „Geh' heim, Brvmo, geh' heim und hole Papa." Die großen, klugnn Augen blickten sie an, sie schob ihn mit beiden Händen fvirt, und Bruno verstand sie. Nun war Edith allein »mit dem Erstarrenden, allein auf dem Schneemeere. Sie .hatte Zündhölzer gekauft, und neugierig, wie der Fremde au-^b-he, zünvete sie eines an. Es leuchtete zwei Sekunden und e-.rlosch. Sie hatte ein bleiches Gesicht mit geschlossenen Augen und schmerz- verzerrten Lippen gesehen. „Sie dürfen nicht schlafen", rief sie, ihn rüttelnd, „hören Sie!" „So — darf ich nicht?" fragte er schläfrig. „Sie erfrieren sonst; suchen Sie aufzustehen, sick wach zu erhalten. Ich schickte den Hund heim und will bei Ihnen bleiben, bis Hülfe kommt. Schmerzt Ihr Fuß sehr?" „Jetzt nicht — aber — ich bin — schläfrig und —" „Ich sage Ihnen, Sie dürfen nicht schlafen", und sie rüttelte ihn so heftig, daß er sich aufrichtete. „Sie müssen wach bleiben und mit mir reden." „Reden? Es ist sehr schön, daß Sie bei mir bleiben wollen, aber ich darf es nicht dulden, Sie würden selbst erfrieren." „Nein, mir fehlt nichts, und hätten Sie den Fuß nicht verletzt, so hätte es bei Ihnen keine Gefahr. Wenn ich nur etwas für Sie thun könnte; ich will Ihre Hände reiben, um Sie wach zu halten und etwas um Ihre Füße hüllen." Und mit hochherziger Selbstaufopferung entfaltete sie den granatrothen Merino und wickelte ihn um des Fremden Stiefel. „Sie sind zu gütig; wenn ich gerettet werde, habe ich Ihnen das Leben zu verdanken. Wie heißen Sie?" „Edith." „Ein hübscher Name, eine angenehme Stimme. Bitte, reiben Sie die andere Hand. Ich fühle mich schon besser." Edith blickte erstaunt auf den Fremden, das Abenteuer reizte ihren Sinn für Romantik. „Sind Sie hier fremd?" fragte sie. „Ja, und es war recht thöricht von mir, in diesem Sturm einen Weg finden zu wollen. Aber wäre es nicht besser, Sie gingen heim, Sie könnten sich sonst erkälten?" Diese Besorgniß um sie, in all' seiner Gefahr, rührte sie. Mit mütterlicher Zartheit beugte sie sich über ihn: „Mir ist warm, und ich habe nichts zu fürchten; wenn Sie übrigens glauben, ich würde irgend Jemand mit gebrochenem Bein dem Tod überlassen, so verkennen Sie mich. Ich bleibe bei Ihnen bis zum Morgen." Er drückte ihr dankbar die Hand. Bald aber stöhnte er laut und fiel in Ohnmacht. In unsagbarer Angst rieb sie Gesicht und Hände, rüttelte ihn und suchte ihn aufzurichten; aber stumm und regungslos lag der Fremde im Schnee. So verstrich eine Stunde, ihr däuchte es eine Ewigkeit. In ihrem ganzen Leben gedachte sie der Nacht. Aber Hülfe kam. Durch die Todtcnstille erschollen Stimmen. Laternen- licht beschien die Schneefläche, und Bruno sprang in mächtigen Sprüngen freudig bellend auf sie zu und leckte ihre Hände. Sie waren gerettet. Schwindelnd sank sie in des Vaters Arme. Einen Moment schien alles sich zu drehen, dann sprang sie gefaßt auf. Der Fremde wurde in Mr. Darrells Haus getragen. Seine Füße waren erfroren, das Bein nur geschwollen, er selbst ohnmächtig. „Geh' zu Bett", sagte die Stiefmutter zu Edith, „damit Du nicht auch krank wirst, der Fremdling wird mir ohnehin für die nächsten vier Wochen eine schöne Last sein." „Ja, geh' zu Bett, Dithy", fügte der Vater bei and küßte sie zärtlich, „Du bist ein wüthiges Kind und rettetest sein Leben. Ich bin stolz auf Dich." Fünf volle Wochen dauerte es, bis der junge Mann wst Krücken umhergehen konnte. Er hatte in Fieber- )elinr-n gelegen, und Edith war meistentheils die Krankenpflege zugefallen. Sie schien es natürlich zu finden. In den schlimmsten Stunden vermochte der Ton ihrer Stimme, die Berü-hrung ihrer Hand ihn zu besänftigen. Oft rief er nach s einer Mutter und Trixy. „Wer: war Trixy?" fragte sich Edith mit unerklärlicher Angsir. Noch ÜMmer wußte die Familie nicht, wer der Kranke war. Seine.: Kleider und Wäsche waren fein, er hatte eine werthvaster Uhr und Kette und einen prachtvollen Diamantring/ Papiere, Briefe und Karten bei sich. Seine Wäsche war r»it R. S. gezeichnet. Die Aprstssonne beleuchtete das Gemach, in welchem der Fremde bleich und abgemagert im Fauteuil saß. Edith arbeitete eifrig im Blumengarten, Mr. Darrcll trat ein und bat den Gast, seinen Namen zu nennen, daß man seine Familie benachrichtigen könne. „Meine Fam.stie? Sie sind sehr aufmerksam, aber wahrlich, meine Leu-te lassen sich meinetwegen kein graues Haar wachsen, sie find an meine Abwesenheit und mein Schweigen gewöhnt. Nächste Woche will ich übrigens selbst ein paar Zeilen schreiben. Mein Name ist Rudolf Stuart." „Stuart?" sagte Mr. Darrell, „ein Sohn des Banquiers Stuart in Nxw-Iork?" „Ja, James Str-art ist wein Vater! Kennen Sie ihn?" j Des Hausherrn Ge.stcht wurde ernst. „Ihr Vater ist Geschwisterkind mit Edith's Mutter. Hörten Sie nie von Levra Stuart reden?" „Die Friedrich Darrell heirathete? Freilich! Und Sie sind Mr. Darrell; ist's möglich, daß ich das Glück habe mit Ihnen verwandt zu sein?" „Mit meiner Tochter, wenn sie wollen, nicht mU mir. Ihre Familie hat/thr Anathema über mich ausge" sprachen, und ich werde mich nicht aufdrängen. Komm, Edith, und vernimm die Kunde." Das junge Mädchen warf den Spaten weg und kam lachend mit beschmutzten Händen herein. „Was gibt's? Hat nnser Gast den Fuß verrenkt?" „Das nicht." Und er theilte ihr t,ie eben gemachte Entdeckung mit. „Es ist ein Feenwürchen, wo schließlich Jeder ein Anderer wird", rief Edi^ freudig. „Sie sind also mein Cousin; und r " ^ „Trixy ist meine Schwester; woher wissen Sie etwas von ihr?" „Sie riefen im Fieber oft nach ihr." Edith Darrcll und Rudolf Siuart trafen sich selten, ohne sich zu zanken, sie sagten sich unverhohlen ihre Meinungen und waren stets kampfbereit. Dem jungen Mann schien das zu gefallen, sein Fuß wurde zusehends kräftiger, und doch verschob er die Abreise wieder. Ende April schlugen Rudolf und Edith die letzte Schlacht und schieden. Er kehrte in die Welt zurück, für sie begann wieder das düstere, öde Leben. Rudolf erzählte seinen Eltern die jüngsten Erlebnisse, und es entstand eine lebhafte Correspondenz zwischen Edith und den neuen Verwandten. Beatrice besonders schrieb oft, und viel und es gestaltete sich allmählich ein inniger Verkehr. Im Laufe des Sommers kam Rudolf auf vierzeft Tage nach Sandypoint zum Fischen, und der B"ffu, ^WWWW Herzog PHM"" M cleany »nd seine Kraut ildete eine Oase in Ed..^ » Wieder stritten sie die ganze Zeit und suchten sich doch immer. Nach seiner Abreise begannen die c'den Tage, das Kochen, Putzen und Flicken wieder, bis es dem Mädchen unerträglich wurde. So vergingen zwei Jahre'; Edith zählte achtzehn und war des Lebens müde. Und eben als ihr Ueber- druß greifbare Formen anzunehmen begann, kam Rudolf mit dem Briefe seiner Mutier, und von der Stunde an datirte sich die Geschichte von Edith Darrell's Leben. 3. Kapitel- Trixy's Gesellschafterin. Vierzehn Tage genügten zu den nöthigen Vorbereitungen für Edith's Abreise. Mr. Darrell hatte eingewilligt; was konnte er dem Liebling abschlagen? Und so verbarg er den Schmerz ob ihres Verlustes, so gut er es vermochte. Mrs. Darrell war froh, die Stieftochter, mit der sie stets in bewaffnetem Frieden lebte, los zu werden. „Es spricht sehr für Deine Liebenswürdigkeit, Ditbft/, neckte Rudolf, „daß man Deine Abreise hier so beschleunigt. Die vier kleinen Darrell's laufen im 'Hause umher mit dem Jubelgeschrei: „Dithy geht,,churrahl" Deiner Stiefmutter Gesicht strahlt vor Vergnügen, und selbst die Zöglinge scheinen sich erleichtert zu /fühlen. Deine Abreise muß wirklich ein unendlich angenehmes Ereigniß für Alle sein." Er lehnte sich zurück - .ud betrachtete die Cousine. Sie ließ die Arbeit sinkert. „Ich wundere mickh nicht, daß Du das sagst; ich weiß selbst, daß i> Europa nicht in Scene gesetzt wird, um Dich und Trixy zu verheirathenl" „Wirklich?" „Es befinden sich wohl viele Adelige auf Reisen, die ihre Kronen durch einen Bund mit dem Reichthum vergolden lassen wollen. Wohl manche Dame wartet auf das höchste Gebot." „Gleich Edith Darrell." „Ja, es ist ganz schön von Liebe zu reden und von der Oede des Lebens ohne ihren Glanz. In der Hinsicht haben mir aber die Romane den Kopf nicht verdreht; ich glaube, daß, wenn man Niemand liebt, als sich selbst, kein menschliches Wesen einen elend machen kann." „Eine Ansicht, deren Wahrheit Deinem Egoismus gleichkommt." „Die Egoisten aber kommen am besten durch die Welt, und ich gestehe, daß ich selbstsüchtig, weltlich, ehrgeizig und herzlos bin." „Ein unnöthiges Geständniß, mein Kind, die Thatsache ist dem oberflächlichsten Beobachter klar. Doch, ernsthaft gesprochen, angenommen, ich liebte Dich, Edith, ich läge zu Deinen Füßen, ich beschwört« Dich, Edith, mein Weib zu werden, würdest Du mich abweisen ob meiner Abhängigkeit vom Vater und meiner leeren Börse?" Er erfaßte ihre Hand und hielt sie trotz ihres Widerstrebens. „Ganz gewiß, und wenn Du mein ganzes Herz fülltest. Als ob ich nicht wüßte, was aus sogenannten Liebesheirathen wird! Meine eigene Mutter verließ die Hetmath und den Comfort des Lebens und heirathete Papa. Lange Jahre der Armuth kamen, aber sie zehrte ab und starb. Ich war, so lange ich denken kann, unzufrieden mit meinem Loos und strebte nach dem Glanz der Welt, der nur durch Heirath mir erreichbar wird. Bietet sich keine erwünschte Partie, so gehe ich als Edith Darrell zu Grabe." „Was kaum geschehen wird. Mädchen, die aus egoistischen, weltlichen Motiven suchen, erreichen gewöhnlich ihr Ziel. Ich wünsche Dir allen möglichen Erfolg bei Deinem lobenswcrthen Beginnen. Es ist gut, daß wir uns vom Anfange an verstehen, sonst könnte ich mich eines Tages versucht fühlen, mich zum Narren zu machen. Aber wo, um Himmelswillen, lerntest Du so hart, so unweiblich zu sein?" „Ist das unweiblich? Wenigstens bin ich ehrlich. Mein eigenes hartes Leben lehrte es mir, Bücher zeigten es mir, ich lernte es von meiner Mutter, hörte es von der Stiefmutter und fühle mich alt und müde mit achtzehn Jahren. Je nachdem mein Schicksal fällt, werde ich gut oder böse werden. Aber laß mich doch hier, wenn Du Dich vor mir scheust, sage Deiner Mutter, ich passe nicht zur Gesellschaft Trixy's." „Dich hier lassen? Warum nicht garl Was geschehen ist, ist geschehen. Ich gehe nicht ohne Dich, Du amüstrst und interessirst mich, bist mir eine Studie, so ganz anders als andere Mädchen. Nur bitte ich Dich, behalte Deine Offenheit für Deinen harmlosen Vetter und verbirg' sie vor der Welt. Millionäre gehen nicht in die Falle, wenn diese nicht unter Rosen sich versteckt. Komm', lass' uns einen Spaziergang machen, wer weiß, wann wir wieder den Sonnenuntergang an der klassischen Bucht von Sandypoint sehen." Sie gingen hinab zur Küste. Fischerboote schwammen auf den goldenen Wellen d em Ufer zu, froher Gesang hallte herüber. „Es erinnert mich an den Aprilabend vor zwei Jahren, wo wir uns hier verabschiedeten", sprach Rudolf, „damals weintest Du, weißt Du's noch? Du zähltest eben e^rst sechzehn Jahre und wußtest eS nicht besser, jetzt würdest Du wohl um keinen Mann der Welt mehr weinen." „Wenigstens nicht um Dich", lachte sie. „Und wenn ich wieder draußen läge im Schnee, riSkirtest Du wohl Dein Leben nicht wieder?" „Lebew. risktren? Unsinn. Uebrigens so herzlos und weltlich ich iauch geworden sein mag, ich glaube nicht, daß ich Weggänge und einen Unglücklichen sterben ließe." „Edith, -ich ahne, daß ich Dich eines Tages hassen werde. Ich hätte nicht viel gelitten, hättest Du mich damals erfrieren lassen; nun aber ahne ich, daß ich erst Dich lieben, von Dir hintergangen, Dich hassen und unsägliche Qualen ^erdulden werde." „Welch' ein Prophet! Wie wäre es übrigens, wenn wir das unangenehme Gespräch aufgäben? Dort ist ein Schiff; willst Du Dich mit Steuern befassen, so rudere ich Dich zum letztem Male über die Bai." Sie stoßen ab; , Rudolf drückt den Hut tief in die Augen und steuert, L-dith rudert eifrig. Schweigend fahre-n sie dann dahin. Der Purpur der untergehenden Soune erbleicht, die Nacht sinkt besternt hernieder. Es ijst die letzte Nacht ihres Bleibens in Sandypoint. Edith beobachtete das Aufgehen des Mondes und flüsterte lesise vor sich hin. „Was murmelst Du da?" „Ich wünsche mir etwas, das thue ich immer, wenn Neumond ist." „Einen reichen Gatten, natürlich. Wie wäre eS, wenn Du den Baron siechtest?" „Welch' vulgäre Sprechweise! Nein, ich lasse ihn Trixy. Wenn Du aber genug Mond- und Sternenlicht genossen, rudere ich heimwärts, ich habe Hunger." Sie fahren an's Ufer. Arm in Arm gehen sie den felsigen Pfad hinan. „So endet das aflte Leben", flüsterte Edith, „eS ist mein letzter Abend im elterlichen Hause, ich sollte wohl traurig sein, aber ich bin's nicht. Ich fühle mich sehr, sehr glücklich." Rudolf erfaßte ihre Hand. „Gedenke Deines Versprechens: was immer das neue Leben Dir bringen Mag, mich darfst Du nicht tadeln." 521 Der erste Zug von Sandypoint nach Boston entführte Edith Darrell und Rudolf Stuart. Die Frau des Müllers von Sandypoint reist nach New-Iork und hat die Rolle der Dame de Garde übernommen. Am M Die Ktalue des am 13. Juli enlhülllen Denkmals der Jungfrau von Vrlrans vor der Kathedrale in Uhrims. Modellirt von Paul Dubois. folgenden Tag ist Beatricen's Geburtstag, zu dessen Feier sie rechtzeitig eintreffen wollen. Am Ziele der Reise angekommen, verabschiedeten sie sich von Frau Rogers, bestiegen einen Wagen und rollten der prächtigen Heimath entgegen. Edith lehnte sich zurück, ihr Herz klopfte. Plötzlich streckte sie, wie ein hülf- loses Kind, Rudolf die Hand entgegen. „Mir ist furchtsam und scheu zu Muthe, verlaß mich nicht, mir ist als wäre ich verloren im fremden Lande." „Beruhige Dich, Dithy, ich verlasse Dich nicht." Der Wagen hält, Rudolf führt die Cousine durch die prächtigen Hallen in einen luftigen Saal, wo drei Personen beim Frühstück sitzen. Einen Moment fühlte sich Edith wie geblendet. Die Familie hat sich erhoben. Ein ehrwürdiger, alter Herr mit einem glänzenden Kahlkopf schüttelt ihr die Hand und bewillkommt sie, eine bleiche, kränklich aussehende Dame und ein großes, blühendes Mädchen küssen sie. Edith ist's, als besänge sie ein Traum. „Ich will Dich selbst in Dein Zimmer führen", rief Beatrice, „hoffentlich gefällt Dir's, ich ließ es ganz nach meinem Willen einrichten. O, wie freue ich mich, daß Du gekommen bist, ich habe Dich jetzt schon lieb. Und wie hübsch Du bist! Sieh', da ist Dein Zimmer, gefällt es Dir?" Edith war entzückt, und Beatrice führte sie im ganzen Hause herum und zuletzt in ihr Zimmer, wo sie ihr Ballkleid entfaltete und dessen Reiz pries. „Wenn das den Baron nicht fängt", lachte sie triumphirend, „so weiß ich nicht mehr was. Und sieh', das sind die Perlen, sind sie nicht prachtvoll?" „O Beatrice, was bist Du für ein Glückskind!" „Weil ich Perlen habe? Als ob Du nicht auch Diamanten und Perlen haben würdest l Du machst natürlich eine gute Partie, Brünetten sind jetzt Mode, und Du siehst bet Gaslicht gewiß schön aus. Was wirst Du heute Abend tragen?" „Ich habe nichts als ein weißes Mullkleid, und das paßt nicht für Eure Salons." „Mull paßt jetzt wohl für ein junges Mädchen, ich trug ihn viel in meiner ersten Saison. Ich fühle mich schrecklich alt heute. Einundzwanzig Jahre! Wahrhaftig, ich muß etwas anfangen, ehe der Winter kommt. Wollen wir das Kleid besehen? Ich habe ein ambrafarbiges Kleid, das ich nur einmal trug und das Dich trefflich kleiden würde. Nun, Du bist doch nicht böse?" „Gewiß nicht", entgegnete Edith erglühend, „wenn mein Mullkleid paßt, trage ich es, wo nicht, so bleibe ich in meinem Zimmer. Wohlthaten aber nehme ich nicht an." „Wohlthaten? UnsinnI Wer hat je an so etwas gedacht? " (Fortsetzung folgt.) --- 522 Die alte Wallfahrtskirche zu Vilgertshofen. (Mit Bild.) Im Kreise Oberbayern, im k. b. Bezirksamt Landsberg, nördlich von Epfach, zwischen Pflugdorf und Reich- ling, liegt in der kathol. Pfarrei Stadl am rechten Lech- ufer, gegenüber der Eisenbahnstation Asch-Leeder, der Weiler Vilgertshofen mit seiner alten Wallfahrtskirche, einem der schönsten Denkmäler deutscher Baukunst. Das hohe Alter von Vilgertshofen ist verschiedentlich bezeugt, und schon in den ersten Jahren, als das Christenthum in Bayern Eingang fand, soll an der Stelle, wo heute die große, schöne Kirche steht, ein Castrum gestanden haben, eine Tradition, die dadurch an Wahrscheinlichkeit gewinnt, daß die Lage der Kirche als eine solche ins Auge fällt, wie sie für ein Kastell jener Zeit geeignet war, auf einem Hügel, der gegen Osten und Süden steil abfällt, gegen Norden und Westen aber sich in einer Hochebene fortsetzt, die sich bis an den Lech ausdehnt, der bei Mund- raching eine starke Krümmung macht. Der Ort und die Kirche werden zum ersten Male in dem Kalen- darium des Wes- sobrunner Abtes Benedikt ('s 943) erwähnt. Ueber den Ursprung des hölzernen Marienbildes (einer Pietü) in Vil- gerlshofen ist nichts Näheres bekannt. Dem Stil nach stammt dasselbe aus der Zeit der Spät- gothik, aus dem Ende des 15. Jahrhunderts. Die in der Kunst des Sengens und Brennens bewanderten Schweden fanden die Figur und warfen sie ins Feuer; sie verbrannte aber nicht, sondern wurde nur stark beschädigt. Cölestin Leutner (1753) berichtet über den Zustand der Statue vor dem 30jäh- rigen Kriege in folgender Weise: „Die schmerzhafte Gottesmutter sitzt unter dem Kreuz und hält den Leichnam ihres Sohnes auf dem Schoß. Die Statue galt als Kunstwerk der Plastik, war eine Zeit lang verloren und wurde nach ihrer Wiederausfindung so kunstfertig bemalt, daß man im Zweifel war, ob dem Maler oder dem Bildhauer der Vorzug gebühre ..." Um sie etwas höher zu stellen, fertigte man 1618 einen Sockel an, auf dem sie befestigt wurde. Da die Kirche im Laufe der Zeit zu klein geworden war, so wurde 1281 von Abt Ulrich III. eine neue und größere gebaut. Zu dieser Zeit waren jedoch schlimme Zeiten im Lande; die Fehden zwischen den Herzögen Rudolph und Ludwig von Bayern, der Krieg des Kaisers Ludwig mit Friedrich dem Schönen von Oesterreich, in welchem 1315 Landsberg eingeäschert und Liessen zerstört wurde, ließen auch Vilgertshofen nicht unberührt. Nach dem 30jährigen Kriege hob sich die Wallfahrt wieder, namentlich unter dem würdigen Pfarrer Nikolaus Praun, der kurz vor seinem Tode (1682) nach Augsburg reiste und bet dem dortigen Ordinariat eine Vorstellung einreichte, in welcher er erklärte, daß bei der großen Anzahl von Kommunikanten, die sich jährlich in Vilgertshofen einfinden, diese Wallfahrt am besten dem Kloster Wessobrunn, zu dem sie vor dem 30jährigen Kriege gehörte, wieder zugewiesen werde, was nach seinem Tode auch geschah. In Wessobrunn regierte damals Abt Leonhard Weiß von Fürstenfeldbruck, aus der Bürgerfamilie, die heute noch das Post-Anwesen inne hat. Er übernahm die Kirche von Vilgertshofen und ließ sie in den Jahren 1687 bis 1692 durch den Baumeister Johann Schmuzer aus Wessobrunn um die Summe von 30,000 Gulden neu aufbauen. DieKirche faßt 6000 Menschen und ringt heute noch jedem Beschauer Bewunderung ab. Sehr viel für die Kirche that der Nachfolger des Erbauers Abt Virgilius Z Dallmayr.Er ließ das hölzerne Priesterhaus abbrechen und durch einen neuen Steinbau ersetzen, worauf er die Pfarrei von Jssing nach Vtl- gertshofen verlegte. Dies blieb so bis zur Säkularisation im Jahre 1803, in welchem Wessobrunn vom Staate eingezogen und die Kirche von Vilgertshofen — zum Abbruch bestimmt wurde. Allein trotz der wiederholten Abbruchbefehle blieb dieselbe stehen. Die Kirche zu Vilgertshofen ist in Kreuzesform erbaut. Den Chor umgiebt ein Umgang, der in den untern, nur durch Thüren mit dem Prcsbyterium verbundenen Theilen Sakristeiräume enthält, oben aber in hohen Bogensiellungen gegen die Kirche sich öffnet. Westlich schließen sich an den länglich rechteckigen Mittelraum zwei Thürme an, hinter welchen eine abgerundete Vorhalle mit 3 Eingängen folgt. Ausgebaut ist nur der Südthurm. In der Vorhalle befindet sich eine auf 6 Säulen ruhende Musiktribüne, welche von den Thürmen aus zugänglich ist. Von dem innern Kirchenraum wird die Vorhalle durch ein großes eisernes Gitter abgeschlossen. Die Wandgliederung des Innern der Kirche besteht 1896. 523 in korinthischen Mastern, welche Gesimsstücke tragen. Des weiteren sind 10 große Nischen angebracht, vor welchen überlebensgroße Gipsstatuen stehen von solchen Heiligen aus dem Benediklinerorden, welche sich durch besondere Verehrung der Gottesmutter ausgezeichnet haben. Die leeren Flächen des Gewölbes und zum Theil auch die Wände überzieht eine reiche Stuckdekoration. Erleuchtet wird die Kirche durch 20 große Haupt- senster, unter denen je wieder ein kleines rundes Fenster angebracht ist. In der Vorhalle ist rechts das Wappen des Abts Beda von Wessobrunn (1743—1760), der die Kanzel und den Stephansaltar in Vtlgertshofen stiftete. Die Kanzel wie auch der Stephansaltar sind beide vorzügliche Arbeiten. In der nördlichen Seitenkapelle befindet sich ein Der Choraltar hat kein Gemälde. Er wird durch zwei hochanstrebende Säulen gebildet, die sich zur Decke emporheben, und durch diese hindurch erblickt man den Altar auf der Emporkirche, so daß dessen Altarbild auch zugleich für den untern Altar dient. Dieses Bild stellt die Himmelfahrt Mariä dar und hat wenig künstlerischen Werth, dagegen macht das Deckengemälde des Chores, die schmerzhafte Mutier Gottes darstellend, auf den Beschauer einen geradezu überwältigenden Eindruck. Das Deckengemälde des Hauptraumes stellt ein großes Kreuz im Strahlenkranz vor. Zur Seite ober den beiden > Emporkirchen sehen wir den Gruß des Engels, die Geburt Christi, die Anbetung der Engel, die Beschneidung, die Flucht nach Aegypten und den Gang Mariä zu Elisabeth. Zwischen den Mastern an der Ost- und Westseite des Mittelbaues öffnen sich Bögen mit vortretenden Bal- . Dilgrrtshofen. Original-Aufncihme von Max Merz, Photograph in Diessen-Weilheim. ^Dervielfältigungtzrecht vorbehalten. Altar zu Ehren des heil. Ulrich. Das Hauptgemälde stellt den hl. Ulrich dar, wie er neben dem Kaiser Otto zur Hunnenschlacht ausreitet; im Hintergrund sieht man das Lechfeld. Unter diesem Bilde ist ein anderes, die Hunnen vorstellend, wie sie im Jahre 955 das Kloster Wessobrunn ausplündern und den Abt Thiento mit 6 Mönchen auf dem Kreuzberg enthaupten. Ober dem St. Ulrich- und St. Benno-Altar ist das Bildniß des letzteren als Schutzpatron von Bayern angebracht. Auf dem Tabernakel des Choraltars ist das aus Holz geschnitzte Gnadenbtld vom Ende des 15. Jahrhunderts aufgestellt; dasselbe ist mit Kleidern behängen und stellt die schmerzhafte Goitesmutter vor, wie sie den Leichnam Jesu nach der Abnahme vom Kreuz auf dem Schoß hält, auf goldenen Wolken thronend. kons. Die Brüstungen der Cboremporen zeigen Darstellungen von Gnaden und Heilungen, die auf die Fürbitte der Gottesmutter erlangt wurden. Die Außenseite der Kirche, welche ein Barockbau ist, zeigt schöne toskanische Pilaster und Gesimse. Die Kirche ist aber nicht nur künstlerisch werthvoll, sie ist auch von besonderem kunstgeschichtlichen Interesse als ein Werk der Wessobrunner Stuccatoren. —- Zu unseren Bildern. Die Derlodung des Herzogs Philipp von Drleans Mit der Erzherzogin Maria Dorothea von (Oesterreich. Am 15. Juli fand auf dem Schloß Alcsuth, d.r Sommerresidenz der Eltern der Braut, der Ringwechsel zwischen dem französischen Thronprätendenten Herzog Ludwig Philipp Robert 524 von Orleans und der Erzherzogin Maria Dorotbea Amalia, der ältesten Tochter des Honved - Obercommandanten Erzherzogs Joseph und der Erzherzogin Clotilde, einer Prinzessin aus dem Hause Sacbsen-Coburg und Gotha, statt. Die Vermählung wird im Oktober in Wien gefeiert werden, und das Ehepaar wird seinen Sitz in England aufschlagen. Die Verlobten wurden durch gegenseit-ge Neigung zusammengeführt, und die Politik spielt bei d-esem Ehebündniß nur insoweit eine Rolle, als der Herzog von Orleans, als anerkannter Führer der monarchischen Partei in Frankreich und Thronprätendent, in näherer oder fernerer Frist vielleicht dereinst berufen sein wird, den französischen Thron zu besteigen, als dessen legitimen Erben er sich betrachtet. Es ist seit lange bekannt, daß die am 14. Juni 1867 geborene Erzherzogin Maria Dorothea eine durch hervorragende Begabung und edle Charaktereigenschaften wie nicht minder durch Schönheit ausgezeichnete Dame ist. Sie zeigte seit ihrer frühesten Jugend einen ernsten Drang nach tieferer wissenschaftlicher Ausbildung und wußte es durchzusetzen, daß ihre Erziehung dem gelehrten Abt Holdhazy, dem Gouverneur ihrer Brüder, übertragen wurde, dessen eifrige und gelehrige Schülerin sie selbst in den mathematischen und naturwissenschaftlichen Disciplinen war. Aber auch in der Malerei und Musik hat sie sich zur Künstlerschaft emporgearbeitet. Gemälde von ihrer Hand, namentlich Landschaftsbilder, fanden auf Wiener und Budapester Ausstellungen den Beifall der Kenner; von ihr componirte Lieder und Tänze sind im ganzen Ungarland populär geworden. Auch als dramatische Künstlerin hat sie in engern Kreisen bewundernde Anerkennung gefunden. Ihre Liebenswürdigkeit, Güte und Mildthätigkeit werden durch zahlreiche im Volksmunde cursirendc Anekdoten illustrirt. Der durch einen Jagdunfall herbeigeführte Tod ihres heißgeliebten Bruders Ladislaus hat sie so rief erschüttert, daß sie'monatelang in tiefster Zurückgezogenheit lebte und nur mit Mühe von dem Entschlüsse abgebracht werden konnte, den Frieren eines Klosters aufzusuchen. — Der am 6. Februar 1869 geborene Herzog Philipp von Orleans trat zum ersten Mal in die Oeffentlickkeit, als er seinen Vater, den Grafen von Paris, nach Frohsdorf an das Todtenbett des Graten von Chambord begleitete. Er erhielt unter den Augen seines Vaters eine sorgfältige Erziehung, abiolvirte eine englische Cadettenschule und diente kurze Zeit als Offizier in der anglo-indischen Armee. Großes Aufsehen erregte es, als er, ohne Wissen seiner Familie, als Verbannter in Paris erschien und, auf sein Recht als französischer Staatsbüraer pochend, verlangte, seine Dienstpflicht in der französischen Armce erfüllen zu dürfen. Er wurde zu zweijährigem Gefängniß verurtheilt, aber vom Präsidenten Carnot nach dreimonatlicher Haft begnadigt. Nach dem am 8. September 1894 erfolgten Tode seines Vaters trat in der Lebenshaltung des in jugendlichem Ungestüm dahinlebenden Prinzen eine Wendung ein; er übernahm die Rolle eines Prätendenten und führte sie seither mit unleugbarer Würde und Schneidig- keit durch. Seine Anhänger, deren Zahl in steter Zunahme begriffen ist, rühmen ihm Thatkraft und Scharfblick nach. Er hat das „alte Cabinet", das unter seinem Vater die Propaganda leitete beseitigt, und junge Kräfte an seine Seite gezogen. Die Zukunft wird lehren, welchen Einfluß seine geistig hochstehende Gemahlin auf das dermalige Oberhaupt der „maison äs Kranes" ausüben wird. Auch in der relativ bescheidenen Rolle der Gattin eines Thronprätendentcn kann die begabte Tochter des Erzherzogs Joseph zu historischer Größe emporwachsen. Dias Jeanne d'Arc-Denkmal in Rheims. Im Jahre 1886 faßte die Akademie der alten Bischofsstadt RheimS den Beschluß, der Jeanne d'Arc ein Reiterstandbild zu emchten, um die Erinnerungen an den 17. Juli 1429 zu verewigen, wo Jobanna Karl VII., den Siegreichen, in der altberühmten Kathedrale dieser Stadt von dem Erzbischof Regnault de Chartres batte krönen lassen, nachdem die Rathsherren von Rbeims am Taae vorher dem mit seiner Armee vor den Thoren lagernden französischen König ihre Unterwerfung angezeigt batten. DaS war der Höhepunkt des Lebens und Wirkens der Jungfrau von Orleans, und von da ab ging es schnell mit ihr abwärtts. Deswegen hat Rheims nun eine historische Pflicht erfüllt, wozu es seit der Anregung des Gedankens immerhin zehn volle Jahre bedurfte. Die rbeimser Akademie beauftragte den bekannten Bildbaucr Paul Dubois, auch Dubois-Pigalle genannt, mit der Ausführung des Denkmals, welches 150 000 Francs kostete. Jeanne d'Arc zeigt sich auf ibrem Streitroß, das ener- gifch vorwärts schreitet. Sie hat es fest im Zügel. Ihre zarte, schlanke Gestalt steht fast aufrecht in voller Rüstung in den Steigbügeln. In der Rechten hält sie triumphirend das Schwert. Der Blick ist nach oben gerichtet und aibt Zeugniß von dankbarer Befriedigung über die vollbrachte Aufgabe und von glaubensstarkem Gottvertrauen. Die Gesammtwnkung des Standbildes ist anmuthig und kraftvoll zugleich. Nur der Kritiker kann sicb nicht ganz einverstanden erklären mit der Auffassung des Künstlers, denn er weiß, daß Jodanna sowohl bei ihrem Ein- als Auszug, bei der Krönung in der Kathedrale wie während ihres ganzen Aufentbalts in Rheims ihre historische Standarte keinen Augenblick aus der Hand ließ, und darum wundert er sich, sie nun auf dem freien Platz vor dem altehrwürdigen Bauwerk, dem sie den Rücken zukehrt, und aus dem sie hcrauszureiten scheint, mit dem Schlrcktsckwert in der Hand vor sich zu sehen. Der Sockel trägt vorn dieJwchrift: „4. äsanns ä'.4re. Kdeims. Vranee. — Lonserixtion onverts xar 1'aeaäsmis äs Rirsims. 1886 — 1896." Auf der Rückseite liest man das Datum: „17. äuiliet 1429". Trotzdem wurde das Denkmal merkwürdigerweise nicht am 17., sondern am 15. Juli feierlich enthüllt; aus welchen Gründen, ist bis jetzt unbekannt geblieben. Der Präsident der Republik, Faure, wobnte persönlich der Feier bei, die sich in jeder Beziehung zu einer imposanten gestaltete. Harrtet Reecher-Zilowe ch Die Verfasserin von ..Onkel TomS Hütte", wohl die einflußreichste und erfolgreichste Schriftstellerin, die je gelebt hat, die Sklavenbefreierin Frau Harriet Beecher-Stowe, ist zu New- Aork im Alter von 84 Jahren gestorben. Im Jahre 1851 war es, als sie für die Zeitschrift „National 8va" ihre weltbewegende Erzählung „Undo Vom's dabin" lieferte, die im nächsten Jahre als Buch erschien und nicht nur in Amerika, sondern in allen Eidtheilen eine derartige Sensation erregte, daß sie rascher und weiter verbreitet wurde, als die Schriften aller jener bedeutenden und berühmten Schriftstellerinnen, mit deren dichterischen Leistungen die schlichte, rührselige Erzählung der Verstorbenen nickt entfernt verglichen we: den darf. Der Erfolg der genannten Erzählung war beispiellos; in Amerika ist sie in nahezu einer Million Exemplaren verbreitet, in England erschien sie in etwa vierzig Auflagen, in Deutschland in fünf verschiedenen Ueber- setzungen und Bearbeitungen, die alle denselben großen Erfolg beim Publikum batten. Dieser fast zufällige ungeheure Erfolg von „Onkel Toms Hütte", der mehr in dein Stoffe und in der Tendenz als in dem Werthe des Buches begründet war, erhob Mrs. Harriet Beecher-Stowe nnt einem Schlage zu einer Welt- berühmtbeit, der ihre sonstige literarftche Befähigung aber nicht gewachsen war und die ihr deßhalb zeitlebens unbehaglich blieb. Ihre weiteren Schriften, meist religiöse Dichtungen, sind unbekannt geblieben, und selbst ihre kühnen Byron-Enthüllungen verloren sehr bald das Interesse der Leser. Harriet Beecbcr war am 14. Juni 1812 als Tochter eines Predigers in Connecticut geboren und hatte in ihrer Jugend reichlich Gelegenheit, das Elend der schwarzen Sklaven von Grund aus kennen zu lernen. Sie bildete sich für das Lehrfach aus, hcirathete 1836 den Professor Calvin Ellts Stowe und schrieb fünfzehn Jahre später ihr zweibändiges Hauptwerk, das einen Einfluß auf den Gang der Weltgeschichte nahm wie kaum ein anderes Buch, und das ihr auch reicke pekuniäre Erträge brachte, wiewohl der Schutz und der Ertrag geistigen Eigenthums noch nicht auf der heutigen Höhe standen. Auch für die Jugend bearbeitete sie den dankbaren Stoff unter dem Namen: „ü. xesp into linde l'om's eabin, kor dülären", und rief damit jene unzähligen Jugendbücher in die Erscheinung, die die Schicksale Onkel Sis — so hieß der Held der Erzählung ursprünglich — in allen Sprachen der Welt erzählen. Auch eine Dramatisirung von „Onkel Toms Hütte" wurde viel gespielt und war jahrelang das Haupt- repertoirestück der Neaertruppcn. Der Hauptheld der Erzählung war ein cewisser Josiah Hewon, ein Vollblutneger mit ver- krüpvelten Armen; die grausamen Züchtigungen seitens eines Sklavenaufsebers batten dieses Gebrechen verschuldet. Der Rubin von „Onk l Toms Hütte" erstreckte sich aucb auf Henson, der späterhin Prediger einer farbigen Gemeinde wurde, große Reisen machte und selbst in Windior Castle vom englischen Hofe empfangen wurde. Seine Selbstbiographie wurde von Mrs. Beecher- Stowe herausgegeben. Nach dem Tode ibres Gatten, der seine Professur niedergelegt und zuletzt ein literarisches Wochenblatt „Asartb anä doms" redigirt hatte, lebte sie in stiller Zurück- gezogenbeit, die .Irüchte ihres berühmten Backes, au welches sie zuletzt gar nicht mehr erinnert werden mochte, genießend, in Connecticut, schließlich in New-Aork, wo sie am l. Juli b. I. gestorben ist. »r « 69. Ireitag, den Ll. August 1896. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer vr. Max Huttler). Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) Der Tag verstreicht; die Damen ziehen sich zurück, um Toilette zu machen. Edith lehnte jede Hülfe ab und kleidete sich selbst höchst einfach in weißen Mull und einen Korallenschmuck ihrer Mutter. Sie steht sehr hübsch aus und weiß es. Beatrice rauschte herein, glänzend in Rosa-Seide, das blonde Haar in künstlichen Pyramiden aufgebaut und mit Camelien beladen. „Wie sehe ich aus, Dithy? Steht mir die Farbe? Und Du bist ja herzig, wer hätte geglaubt, daß sich die einfache Toilette so hübsch machte?" Sie eilt fort, Edith ist wieder allein, sie steht zum Fenster hinaus auf das Nachtleben der großen Stadt. Wagen um Wagen fährt vor, es überkommt sie im Gewirr dieses Lebens ein Gefühl der Verlassenheit. Ist es die alte Unzufriedenheit, die sie beschleicht? Wenn nur Rudolf heraufkommen dürfte, neben ihr sitzen und plaudern und rauchen, welche Wohlthat wäre das. Ohne ihm fühlt sie sich allein und unzufrieden. Während sie so nachdenkt, pocht es, und die Zofe tritt mit einem herrlichen Bouquet ein. „Eine Empfehlung von dem jungen Herrn, er erwartet Sie am Fuße der Treppe, um Sie in den Ballsaal zu führen, Fräulein." „Danke, sagen Sie Mr. Stuart, daß ich sofort erscheinen werde." Das Mädchen geht. Lächelnd betrachtete Edith die Blumen. „Lieber, guter Rudolf", flüsterte sie, „was würde aus mir ohne ihn." Sie wählt einige Blüthen, flicht sie kunstreich ins Haar und eilt hinab. Rudolf erwartet sie lächelnd und führt sie in den glänzenden Saal. Blumen, Gas, Juwelen, schöne Frauen, elegante Männer überall. Edith ist's, als träume sie. Einen Augenblick später befindet sie sich unter den Tanzenden, und nun glaubt sie im Himmel dahinzu- schweben. Sie wird Herren und Damen vorgestellt, ein Tänzer nach dem andern erbittet sich die Ehre einer Tour, bis sie endlich müde und erhitzt in einem Fauteuil ruht. Rudolf nähert sich mit einem blonden, jungen Mann Von freundlicher Erscheinung. Instinktiv erkennt sie ihn. „Edith, da bist Du ja, erlaube mir. Dir Sir Victor Chateron vorzustellen." 4. Kapitel. Unter dem Gaslicht. Zwei dunkle Augen blickten ernst auf Sir Victor. Beide verbeugten sich und murmelten ein paar nichtssagende Worte, und Edith Darrest ist mit dem Baron bekannt. Mit einem Baron! Gestern noch glättete und flickte und kochte sie zu Hause, heute ist sie im Ballsaal, umfunkelt von Diamanten, und ein fabelhaft reicher, adelsstolzer Baron bittet um die Gunst des nächsten Walzers. War eS ein Traum, und würde sie erwachen und der Stiefmutter schrille Stimme hören, die sie zur Hülfe in die Küche entbot? Was soll sie dem Baron sagen? Noch ist dem jungen Mädchen von Sandypoint die Gcscllschaftssprache Sanskrit, und sie zittert beinahe, während sie mit dem Fächer spielt. Sir Victor lehnt sich leicht an die Lehne ihres Stuhles und denkt, welch' reizendes Mädchen sie sei für eine Brünette. Brünetten sind nicht seine Passion, er hat sein Ideal und sieht in ihm die künftige Lady Chateron. Im fernen England weilt eine blonde, blauäugige Grafentochter, für ihn der Inbegriff edelster Weiblichkeit. An sie denkt er, ihr Bild schwebt ihm vor, als die Musik in donnernden Accorden intonirt. Wieder wendet er sich zu Edith, und in den Pausen des Tanzes unterhält er sich mit ihr über die bevorstehende Reise nach Europa. DaS junge Mädchen verliert die Schüchternheit, die sie erst befangen hatte, und wird wieder sie selbst. „Darf ich Sie meiner Tante vorstellen, Miß Darrell?" sagte der Baron am Ende des Tanzes, „sie wird Sie gewiß recht lieb haben." Erröthend nimmt Edith seinen Arm. Seine Artigkeit ist zweifelsohne nur Form und Gewohnheit, aber ungemein schmeichelnd. Jetzt schien es, als kenne er keine andere Dame der Schöpfung, als Miß Darrell. Langsam schreiten sie durch die glänzenden Räume, viele Augen heften sich auf sie; Jeder kennt den blonden Baron, den Meisten ist die dunkle Dame fremd. „Wer ist wohl das schöne, junge Mädchen?" fragen sich die Herren. „Wer ist das Mädchen in dem ärmlichen Mullkleid und den altmodischen Korallen?" flüstern sich die Damen zu; alle staunen, als sie die Antwort vernehmen: „Eine arme Cousine vom Lande, die als Beatricens Gesellschafterin mit nach Europa geht." Edith bemerkt die Blicke und erglüht. Stolz hebt sie das Haupt, sie fühlt, was über sie gesprochen wird, und kontrastirt des Barons Artigkeit mit dem sehr verletzenden Gegaffe der Anderen. Sir Victor intereffirt sie, eS liegt ein Schatten über seinem Wesen, und was konnte das Leben ihm geboten haben, als Sonnenschein und rosiges Licht? Neben Mrs. Stuart und einem fremden, besternten Herrn aus Washington sitzt eine ältliche Dame auf einer Art Ehrenthron, ihr stellt Sir Victor Miß Darrell vor, und das gütige Auge der englischen Matrone wendet sich dem schönen amerikanischen Mädchen zu. Nach einigen freundlichen Worten der Tante aber entführt der Baron sie wieder in den Ballsaal, und sie schwebt dahin in der duftgeschwängerten Atmosphäre, umwogt von den Klängen des Faustwalzers. Athemlos wirbelt Trixy an ihr vorüber, nickt lächelnd ihr zu und denkt, wenn es nur ewig währte. Aber wir Alle wissen, daß des Lebens goldene Momente fliegen. Die Stunden entrinnen. Einmal findet sich Edith neben Lady Helena, die mütterlich zu ihr spricht und des Mädchens ganzes Herz gewinnt. Sir Victor lehnt sich über der Tante Stuhl und hört ihr lächelnd zu, ihr Ton ist ein zärtlicher, wenn sie mit ihm spricht; es ist klar, daß sie ihn wie eine Mutter liebt. Bald ist alles vorüber. Wagen um Wagen fährt ab. Trixy's Geburtstagsfeier, Edith's erster Ball und der erste Abend ihres neuen Lebens — alles vorbei. 5. Kapitel. Alte Nummer des „Chesholm Courier". „Sir Victor hat viermal mit mir getanzt, Dithy, hörst Du, viermal." „Ja, ich höre." „Du siehst aber nicht so aus. Sag' einmal, sind vier Tänze nicht vielversprechend?" fragte Beatrice lebhaft, „ich versichere Dich, mir bricht das Herz, wenn er Mich nicht zur Lady Chateron macht." Miß Darrell hatte nur ein schwaches Lächeln. Sie lag im Salon in den Tiefen eines schwellenden Fauteuils, als hätte sie von jeher in solchen gelegen. Prächtig stach ihr dunkler Teint von den rothen Kissen ab. Im Schaukelstuhle daneben sitzt Trixy, der vollendete Typus einer jungen Dame New-Aorks. Sie kon- trastiren auffallend: Blondine und Brünette, Glanz und Bescheidenheit, Mode und klassische Einfachheit. Drinnen der reizend möblirte Salon, draußen der graue, sturm- durchheulte April-Nachmittag. „Als Tochter des Hauses mußte er mich natürlich öfter engagiren", fuhr Beatrice, Alles erwägend, fort, „doch glaube ich nicht, daß er viermal mit mir getanzt hätte, wenn-Edith, wie oft tanzte er mit Dir?" „Wie oft, was? Verzeih', ich verstand nicht, was Du gesagt." „Du schläfst ja halb; einen Pfennig für Deine Gedanken." „Sie sind keinen Heller werth. Was fragtest Du eben?" „Wie oft hat Sir Victor mit Dir getanzt?" „Ich glaube, dreimal." „Und mit mir tanzte er viermal und führte mich zum Souper. O, Dithy, der Gedanke, Mylady zu werden, macht mich verrückt." „Warum denkst Du denn daran? Beherzige Du lieber den Spruch vom Hühnchen zählen, ehe die Eier gelegt sind. Uebrigens mag sich die Sache noch immer gestalten. Sir Victor ist sein eigener Herr und kann thun was er will." „Allerdings, aber die Engländer geben ungeheuer viel auf Geburt und Blut, und wir haben das nicht. Es ist schön, daß Papa seinen Namen mit „u" statt mit „ew" schreibt und folglich für einen Abkömmling der schottischen Königsfamilie gilt, er schrieb auch jüngst nach England um ein Familienwappen. Warum lachst Du, Edith? Ich sage Dir, wir werden unsere Briefe bald mit einem Greife oder einem Thiere siegeln. Freilich ändert das nicht die Thatsache, daß Großpapa als Auskehrer in einem Laden begann und bis zur Revolution arm war. Lady Helena und Sir Victor sind sehr artig, wenn's aber zum Heirathen, kommt ist's ganz was Anderes. Aber, ist Sir Victor nicht hübsch? Haben seine Augen nicht den melancholischsten Ausdruck, den Du je gesehen?" „Das ist richtig, am Ende ist er ein Opfer unglücklicher Liebe." „Als ob das bei einem reichen Baron je der Fall wäre? Nein, Edith, es ist etwas viel Aergeres," fuhr Beatrice ernst und geheimnißvoll fort. „Aergeres? Mein Gott, es kann doch nichts Aergeres geben. Was ist's denn?" „Mord!" Edith Darrell riß die Augen auf. „Du willst doch nicht sagen, daß wir die ganze Nacht mit einem Mörder getanzt?" „Sei keine Thörin! Hab' ich behauptet, daß er Jemand getödtet? Nein, der Mord wurde begangen, als er noch ein Kind war." „Ein Kind war?" „Ja, seine Mutter wurde im Schlafe ermordet und man weiß noch nicht, wer eS gethan hat." „Erzähle doch, das klingt ja ganz interessant." „Gut; sein Vater, auch ein Sir Victor, heirathele die Tochter eines gewöhnlichen Geschäftsmannes. Damit läßt sich anfangen, ich bin auch die Tochter eines Geschäftsmannes. Hoffentlich setzt sich aber die Ähnlichkeit nicht auch nach der Heirath fort." „Das wäre höchst unangenehm für Dich, aber weiter, die Sache interessirt mich." „Er war aber auch verlobt, und zwar mit seiner Cousine Jnez Chateron, einer stolzen, schönen Brünette von sehr heftigem Temperament. Sir Victor scheint sie gefürchtet zu haben, und nicht mit Unrecht. Nachdem er etwa anderthalb Jahre verheirathet war und der jetzige Sir Victor drei Monate alt war, brachte er Gattin nnd Kind nach Hause. Heftige Scenen waren die Folge, und sechs Wochen später fand man die arme, junge Frau im Schlafe erdolcht. Sir Victor war zur Zeit abwesend und verfiel in Wahnsinn, als er es hörte. Miß Jnez Chateron hatte kurz vor dem schrecklichen Ereigniß mit der unglücklichen Frau Streit gehabt, sie hatte auch einen Bruder, der behauptete, vor Sir Victor mit dessen Gattin vermählt gewesen zu sein, es war eine verwickelte Geschichte, klar war nur, daß die Arme ermordet und Juan Chateron entflohen war." 627 „Im ganzen aber scheint es eine reine Familten- sache gewesen zu sein, und darin liegt ein Trost. Was geschah mit Miß Jnez?" „Sie wurde ins Gefängniß gesetzt, entfloh und blieb verschollen." „Aber woher weiß Du das Alles? Hat er Dir schon so bald seine Familienchronik ins mitleidige Ohr geflüstert?" „Nein, aber Mr. Hampson, ein uns bekannter Engländer, stammt ebenfalls aus Cheshire und hält noch heute den „CheSholm Courier"; durch ihn erfuhren wir Alles, ja, wir erhielten sogar die betreffenden Nummern." „O bitte, laß mich sie sehen." „Ja, ich will sie holen, es interesfirt mich selbst, sie wieder einmal durchzulesen." Beatrice kehrte bald mit einem halben Dutzend vergilbter Zeitungen zurück; es war der „Chesholm Courier" vor dreiundzwanzig Jahren. Beide Mädchen vertieften sich so sehr in dessen Spalten, daß sie es überhörten, als die Thüre geöffnet und Sir Victor gemeldet wurde. Bei seinem Eintritt sprangen sie, die Nöthe des Schuldbewußtseins im Gesicht, auf. Er näherte sich lächelnd. Trixy hatte das ZeitungSblatt noch in der Hand. Sein Blick fiel darauf, er las die in fetter Schrift gedruckten Worte: „Die Tragödie von Chateron Royals". Das Lächeln verschwand, Sir Vitors Lippen erblaßten, dann blickte er Mr. Stuart voll inS Gesicht. „Darf ich fragen, woher Sie die Zeitung haben?" fragte er ruhig. ^ „O, ich bedaure sehr — — ich wußte nicht — ich wollte nicht-verzeihen Sie, Sir Victor, wenn ich Ihre Gefühle verletzte." „Das wollten Sie natürlich nicht, Miß Stuart; erlauben Sie mir daher nochmals die Frage, woher Sie das Blatt bekamen?" „Es wurde uns von einer Dame geliehen, deren Vater aus Cheshire stammt. Ich wollte, es wäre nicht geschehen." „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Fräulein, Sie sind durchaus nicht zu tadeln. Ich hoffe, Sie und Miß Darrell haben sich von den Anstrengungen des Balles erholt?" Er setzte sich. Zwei dunkle Augen begegneten ihm, aber Edith sprach kein Wort. Beatrice machte verzweifelte Anstrengungen, den rechten Morgenbesuchsgesprächston zu finden. Umsonst, auf allen lag der Bann deS „Chesholm Courier", und es war eine Erleichterung, als Sir Victor sich zum Gehen erhob. „Lady Helena läßt sich empfehlen", sprach er, „sie interesfirt sich sehr für Sie, Miß Darrell, und hofft, Sie Beide heute Abend in der Oper zu sehen." „Gewiß", entgegnete Beatrice, „empfehlen Sie uns der gnädigen Frau." Der Baron verbeugte sich. „Da geht meine letzte Hoffnung", seufzte sie und blickte ihm trübe nach, „warum auch holte ich die elenden Zeitungen? Nun wird er mich nie mehr ansehen können." - „Das sehe ich nicht ein", rief Edith, „wenn ein Mord begangen worden, bleibt das kein Geheimniß. UebrigenS scheint der junge Mann es tief zu fühlen, und ich bedaure ihn sehr." „Bedaure ihn so viel Du willst, nur liebe ihn nicht. Als Rivalin kann ich Dich nicht brauchen, viel lieber als Schwägerin. O, brauchst nicht zu erröthen, ich sah es gleich, wie die Aktien standen, und Rudolf ist kein übler Junge. Da läutet es schon wieder, nun geht's so fort bis in die Nacht." Und so war es auch, ein Herr erschien nach dem andern, um sich nach dem Befinden der Damen zu erkundigen. Edith's Kopf schmerzte förmlich, und die Zunge war wie gelähmt von all' den Albernheiten der Gesellschaftssprache. Gegen Abend brachte ein Diener zwei Schachteln mit Sir Victors Empfehlungen. Die an Beatrice adressirte enthielt ein reizendes Bouquet von weißen Rosen, Lilien und Jasmin, die für Edith bestimmte einen Strauß von rothen und weißen Camelien. „Für die Oper!" rief Beatrice mit funkelnden Augen, „wie edel das von ihm ist." „Möcht' wissen, warum er Dir weiß sandte?" fragte Edith, „wohl ein Symbol fleckenloser Unschuld; und trage ich etwa Aehnlichkeit mit der Cameliendame? Wenn die Blumensprache wahr ist, magst Du noch hoffen." Zwei Stunden später rauschte die Familie Stuart in ihre Loge. Miß Stuart trug ein filbergraues Seidenkleid und hielt das jungfräulich weiße Bouquet in der Hand. Miß Darrell hatte das weiße Kleid von gestern, einen rothen Theatermantel und das Camelienbouquet. Die Primadonna sang eben, Edith lehnte sich vor und vergaß alles um sich her vor Entzücken. Eine Legion von Operngläsern richtete sich auf ihre Loge. Beatrice war bekannt, wer aber war das dunkle Mädchen? Der Vorhang fiel. Edith lehnte sich mit einem Ausruf der Bewunderung zurück und begegnete Sir Victors Blick. „Sie wußten nicht, daß ich hier sei", lächelte er, „und Sie waren so hingerissen, daß ich Sie nicht ansprechen wollte. Einst hatte es mich auch begeistert, aber die Tage sind bei mir vorüber." „ES ist wohl guter Ton, jeder Neigung abgestorben zu sein? Halten Sie mich für so kindisch und so unwissend, als Sie wollen, aber ich gestehe, daß ich Bla- strtheit nicht für einen Vorzug halte." „Wenn aber Blasirtheit Normalzustand geworden? Unser Publikum ist übrigens enthusiastisch genug, sie haben die Künstlerin herausgerufen." Der Sängerin Erscheinen verdoppelte den Applaus- Sie sang Wagners Lied an den Schwan. Sir Victor fühlte sich ergriffen, Edith athmete kaum. Als der letzte Ton verklungen, der Zauber gebrochen war und daS Haus von einem Beifallssturm erschüttert ward, wandte sich Edith mit bebenden Lippen, das brauen Auge voll Thränen zum Baron. Er beugte sich über sie. Rudolf Stuart beobachtete die Beiden. Sein Antlitz aber verrieth keine innere Bewegung, als er am Schlüsse der Oper seiner Mutter den Arm bot. In der Nacht verfolgte Sir Victor Chateron ein braunes, von Thränen umflortes Augenpaar. Edith setzte die Camelien sorgfältig ins Wasser. Sie träumte, sie stünde in Scharlach gekleidet, mit rothen Camelien gekrönt an Sir Victors Seite am Traualtar, als die Thüre sich öffnete, die ermordete Lady Chateron hrreinschritt und sie in Geisterarmen entführte. Sorch' aufregende Träume störten Miß Darrell'S Schlummer. 628 6. Kapitel. Eine Mondnacht. Am zehnten Mai sollten die Familie Stuart und Sir Victor und Lady Helena nach Europa abreisen. Für Edith Darrell waren die letzten Wochen nur eine Kette von Aufregung und Entzücken gewesen. Oper, Schauspiel, Diners, Abendgesellschaften, Spazierfahrten, Alles hatte sie mitgemacht, ihre Garderobe war vervollkommnet, das weiße Mullkleid hatte durch des alten Onkels Stuart Güte einen Zuwachs von einem halben Dutzend Seidenroben erhalten. Selbst einen Nubin- schmuck hatte er seiner Nichte gegeben, und obwohl sie sich sträubte, er bestand auf der Annahme, und sie nahm sich ungewöhnlich schön aus mit dem funkelnden Gestein. Am letzten Abend vor der Abreise war die Familie Stuart zu einem Feste bei Mrs. Fatrmann gebeten, einer jungen, verwittweten Dame, deren auffallendes Kokettieren mit Rudolf für Edith stets ein Dorn im Auge war. Sie weigerte sich zu gehen. „Ich fühle mich ermüdet und abgespannt und bleibe bei Tante Lotte zu Hause." Und so fuhr Beatrice in Begleitung von Vater und Bruder ab. Edith setzte sich an's Piano, sie sah in dem grünen Seidenkleide mit schwarzen Spitzen und der halb entblätterten Rose im Haar sehr hübsch aus. Wenigstens dachte das der junge Mann, der unbemerkt eingetreten war. Tante Lotte nickte im Fauteuil. „Wo kommst Du her, Rudolf", rief sie plötzlich auffahrend, „ich glaubte Dich bei Mrs. Fairmann." „Dort war ich auch; ich kam, sah und ging. Nun bin ich da, wenn Du und Dithy mich haben wollten." „Wir fanden uns ganz behaglich ohne Dich", ent- gegnete Mrs. Stuart, „wir hatten wenigstens Frieden, was nicht der Fall ist, wenn Du und Edith zusammenkommen. Du darfst nur unter der Bedingung bleiben, daß Du nicht streitest." „Ich streiten?" rief Rudolf und zog die Brauen in die Höhe, „aber, liebe Mntter, Du bist doch eigenthümlich befangen, wenn Du nicht einstehst, daß Edith ganz allein daran Schuld ist. Mein Grundsatz ist, mit Niemand zu streiten, weil es der Verdauung schadet und ermüdet." „Was thut Trixh?" fragte Edith lachend. „O, sie befindet sich in des Barons Nähe so wohl wie der Fisch im Wasser, übrigens erkundigte sich Sir Victor mit einer mir unwillkommenen Wärme nach Dir. Ein Baron als Schwager ist gut, ein Baron als Nivale wird nicht geduldet. Uebrigens könntest Du etwas singen, Dithy." Miß Darrell trat an's Klavier, sie war im innersten Herzen wohl befriedigt. Rudolf hatte den Ball und Mrs. Fairmann verlassen und war bei ihr. Sie konnte sich's nicht mehr leugnen, daß sie Rudolf liebte. In jüngster Zeit war es ihr aufgefallen, daß auch der Baron ihr auffallende Aufmerksamkeiten erwies, sollte er um sie werben, so würde sie natürlich ihm ihr Jawort geben, lieber konnte sie aber nur Rudolf. Es war ein herrlicher Abend. Mrs. Stuart nickte friedlich im Lehnstuhl. Rudolf neckte seine Cousine unbarmherzig, bis sie ärgerlich vom Stuhle aufsprang. „Zu sagen, daß ich wie eine Katze singe, ist doch zu arg, ich spiele nie wieder vor Dir." Ngch einem Wortwechsel, in dem sie wie gewöhnlich schmählich geschlagen wurde, setzte sie sich jedoch wieder und sang und spielte bis zwölf Uhr. Edith weckte Mrs. Stuart. „Komm', Tantchen. es ist spät geworden, und wir haben morgen einen schweren Tag vor uns. Gute Nacht, Rudolf." Sie nahm die schläfrige Tante bei« Arm und führte sie hinauf. Rudolf sah den Beiden nach. Edith's liebreiche Stimme hallte zurück: „Und Karl ist mein Geliebter, Mein Schätzchen, meine Lust, Ja, Karl ist mein Geliebter, Hat's selber nicht gewußt." Alles Neckische in ihrem Wesen brachte sie bei Rudolf zum Vorschein, mit Sir Victor sprach sie stets vernünftig und ernst. Der letzte Tag kam. Im Glänze der herrlichen Maisonne löste das Schiff Mittags zum Abschiedsgruße die Geschütze und dampfte der alten Welt entgegen. Edith lehnte sich über die Brüstung und betrachtete das zurückweichende Ufer. „Adieu, Heimath", seufzte sie, eine Thräne i« Auge, „wer weiß, ob ich Dich wiedersehe?" Keine Hand lüftete den Schleier der Zukunft, und es war gut. Die Tischglocke läutete, Alles strömte in den Speisesaal, wo zwei lange mit Krystall und Blumen geschmückte Tafeln standen. Wie schön war eine Seereise; aber Seekrankheit — bah ein Hirngespinnst. Nach dem Mahle suchte Rudolf ein besonderes Plätzchen für Edith aus; Beatrice paradirte an Sir Victors Seite auf dem Verdeck. Mrs. Stuart und Lady Helena begaben sich in Erwartung der kommenden Leiden in die Damenkajüte. Der Nachmittag verstrich, die Sonne sank, es erhob sich ein Wind, die See erwachte. Eben wankte Beatrice,. von Sir Victor geführt, bleich wie der Tod, an Edith vorüber. „O, Edith — mir wird schlecht — mir ist — als wär' ich — todt — als-" Sie riß sich vom Baron los, sprang zur Seite und Edith's dunkles Auge blickte lächelnd in Sir Victor's blaues. Dann eilte sie an Trixy's Seite und führte die bleiche Heldin in die unteren Regionen, woraus sie fünf ganze Tage nicht erstand. Das Wetter war schön, aber die See ging hoch und Jedermann fühlte sich ziemlich krank. Ein Tag Tribut von Edith genügte dem alten Neptun, später fühlte sie nie mehr etwas. Sie beschäftigte sich viel mit der Pflege der Tante und Beatricens. Letztere litt überdies an den Qualen der Eifersucht. „Ob wohl Sir Victor mit den Damen auf dem Verdeck spazieren ging?" O, es war schmählich, so daliegen zu müssen, ohne den Kopf hoch tragen zu können. Bei solchen Reflexionen hob sie ihn gewöhnlich, aber der Effekt war jammervoll. Ehe sie die hohe See erreichten, war es Vollmond, und keine Worte malten Edith's Entzücken. Vielleicht war es Mitleid mit Trixy, daß sie ihr nichts sagte von den vielen Spaziergängen, die sie mit dem Baron machte; wie sie, über die Brüstung gebeugt, die Sonne blutigroth ins Meer sinken und auf der anderen Seite die silberne Diana wie eine zweite Aphrodite den Fluthen entsteigen sahen; wie sie bei Tisch zusammensaßen er, ihr vorlas und sie freundschaftlich vertraut wurden. In zwei 629 Tagen wird man zur See bekannter als zu Land in zwei Jahren. War von Seite des Barons all' das nur Höflichkeit? Die eigenen Gefühle vermochte sie wohl zu analystren; von Liebe fühlte sie nicht die mindeste Spur. Rudolf Stuart beobachtete Alles. „Der Wille des Herrn geschehe", sagte er sich, „Seekrankheit ist schlimm genug, ohne das grünäugige Monstrum." Eines Abends begab sich Miß Darrell auf's Ver- deck, es war ziemlich leer. Mit magischem Licht versilberte der Mond die endlos wogende Fläche. Das junge Mädchen nahm einen Feldstuhl und setzte sich hinter das Radhaus. Wie großartig war daS stern- wimmelnde Firmament, der schrankenlose Ocean mit den meilenweiten silbernen Streifen. Ein eisiger Wind strich über das Verdeck, Edith aber achtete es nicht, sie war versunken in die Schönheit des Strahlen streuenden Mondes. Leise begann sie zu singen. Ein Schritt nahte. Es war Sir Victor. Edith erwachte aus ihren Träumereien und bewillkommnete ihn. „Ich hörte singen, Miß Darrell, und glaubte eine Najade triefend den Fluthen entsteigen zu sehen. Es ist eine wunderbare Nacht, aber fürchten Sie nicht, sich zu erkälten?" „Ich erkälte mich nicht." „Es ist halb zwölf Uhr, wissen Sie das? Alle Lichter sind gelöscht." „Guter Gott!" rief Edith aufspringend, „was wird Trixh sagen? Mondscheinbetrachtungen scheinen vollständig zu absorbiren; ich glaubte, es sei zehn Uhr." „Warten Sie einen Moment, ich möchte ein paar Worte mit Ihnen sprechen, Fräulein." Edith's Herz pochte, als Sir Victor aber sprach, fühlte sie sich sofort enttäuscht. „Es betrifft die alten Nummern des Chesholm Courier", begann er, „und die Tragödie von Chateron Nohals. Dreiundzwanzig Jahre sind seitdem verflossen, ich lag damals in der Wiege, und ich fühle noch denselben Schmerz, wenn ich davon spreche, als wäre es erst gestern geschehen." „Warum denn davon sprechen? Ich habe kein Recht eS zu hören." „Vielleicht nicht, und doch wollte ich die ganze Zeit mit Ihnen davon sprechen. Wer weiß, ob zwischen unS nicht eine geistige Verwandtschaft besteht?" Edith erröthete. „Es war so geheimnißvoll", fuhr Sir Victor fort, „und es ist noch in unergründliches Dunkel gehüllt. Meine Mutter war so jung, so schön, so gut, und es ist so schrecklich zu denken, daß eine menschliche Hand sich gegen ein solches Wesen mordend erheben konnte. Und doch ist es geschehen." „Es ist eine grausige Geschichte, aber man liest deren täglich in den Zeitungen. Sie sagen, das Verbrechen sei noch in unergründliches Dunkel gehüllt, dem „Chesholm Courier" schien eS nicht so." „Sie meinen Jnez Chateron; sie war unschuldig." „Wirklich?" „Sie wußte nur, wer es gethan, und verhehlte es. Das weiß ich gewiß." „Ihr Bruder Juan natürlich?" „Das ist nicht so sicher. Meine Tante glaubt an dessen Unschuld." „Wer war dann der Mörder?" „Ja, wer?" sagte der Baron traurig, „vielleicht erfahren wir das nie." „Doch, wir werden eS erfahren", sprach sie mit prophetischer Ruhe. „Meine Tante vermag noch jetzt nicht von der Sache zu sprechen; waS ich weiß, erfuhr ich von Anderen. Bis zu meinem achtzehnten Jahre wußte ich gar nichts. Meiner Mutter entsinne ich mich natürlich nicht; meine fernste Erinnerung ist, daß sich eine junge, schöne Frau über mein Bett beugte und mich weinend küßte. Meine Mutter war blond, das Gesicht aber, dessen ich mich entsinne, ist dunkel. Sie lachen wohl über den Träumer?" Sie blickte innig zu ihm auf. „Ich hoffe, Sie denken besser von mir; eS ist heut' zu Tage selten genug, Männer mit verehrungsvollem Andenken von ihrer Mutter sprechen zu hören, sei diese nun lebend oder todt." Der Baron schien entwaS sagen zu wollen, besann sich aber sofort und fuhr mit völlig verändertem Ton fort; „Aber, ich lasse Sie hier, egoistisch in der Kälte; bitte, Fräulein, nehmen Sie meinen Arm. Ich weiß nicht, warum ich mit Ihnen sprach; mit Andern wäre es mir unmöglich gewesen. Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Theilnahme." Er verbeugte sich an der Kajütenthür und verschwand. Ernst und gedankenvoll trat Edith ein. Beatrice schlief und ahnte nicht die verrätherischen Vorgänge. Edith beugte sich über sie; war ihr Thun ehrenhaft? „Arme Trixyl" seufzte sie und küßte leise ihre Stirn. Am folgenden Morgen beobachtete Rudolf Miß Darrell beim Frühstück mit unheilvoller Miene. Nach demselben führte er sie auf's Verdeck. „Warum warst Du gestern mit dem Baron zu solch' ungewöhnlicher Stunde oben?" fragte er schmollend. „Woher weißt Du das? Hast Du spionirt?" „Nein, ich schlief; ich geistere nicht in mitternächtlicher Weile umher." „Woher weißt Du das dann?" „Von einem Offizier deS Verdeckes." „Der könnte sich bessere Beschäftigung suchen, sag' ihm das mit meiner Empfehlung." „Du leugnest also nicht, daß Du hier oben warst?" „Nein." „Mit Sir Victor allein?" „Mit ihm allein." „Wovon spracht Ihr?" „Von Dingen, die ich zu Deiner Erbauung nicht wiederholen kann. Hast Du mehr zu fragen?" „Warb er um Dich?" „Nein", seufzte sie, „solches Glück blüht nicht für Edith Darrell." „Würdest Du ihn heirathen, wenn er um Dich würbe?" «Ob ich ihn heirathete? Bitte, frage doch vernünftigere Sachen." „Würdest Du ihn heirathen?" „Aergere mich nicht, Rudolf, sprich lieber vom Weiter, ist's nicht ein herrlicher Morgen?" Rudolf Stuart aber läßt sich nicht irre machen. „Antworte! Würdest Du Sir Victor heirathen/ wenn er um Dich werben würde?" Sie blickt den Mann, den sie liebt, fest an. „Wenn Sir Victor um mich wirbt, werde ich sein Weib? 630 7. Kapitel. Kurz und sentimental. Zwei Tage später zeigte sich am fernen Horizont Irlands felsige Küste. Mittags sollten sie in Queenstown landen. Rudolf summt ein Liebchen vor sich hin; so lange Edith nicht Lady Chateron ist, verbannt er Verzweiflung und Trübsinn. Sie selbst sprang auf mit einem Schrei des Entzückens. „O steh, Trixy, endlich ein Land meiner Träume, endlich grün Erin!" »Ich sehe", entgegnete Beatrice schläfrig und schlüpfte aus der Hängematte, „ich halte noch nicht viel davon. Ein Haufen zerklüfteter Felsen und auch nicht grüner als die Heimath." Seit drei Tagen war die Seekrankheit überstanden, sie konnte bei Tische erscheinen und an Sir Victors Arm auf dem Verdeck wandeln. Als hätte sie ein Recht, fing sie da wieder an, wo sie aufgehört. Seit der Mondnacht. von der glücklicherweise Trixy nichts wußte, waren zwischen dem Baron und Miß Darrell nur gleichgültige Worte gewechselt worden. Beatrice Stuart nahm ihn vollkommen in Beschlag, und ohne zu wissen wie, befand sich .der junge Engländer immer an ihrer Seite, unfähig von ihr loszukommen. Edith sah es und lächelte. „Heute mir, morgen Dir", dachte sie, „Trixy ma- növrirt wirklich so gut, daß es schade wäre, sich einzumischen." ' In den letzten Tagen war Rudolf ihr Kavalier. Beide nahmen das Gute, das sich ihnen bot, und sorgten nicht für den Morgen. Sie landeten, brachten eine Stunde in Queenstown zu, begaben sich dann nach Cork, wo sie zwei Tage weilten, Blarney Castle besuchten und sich nach Killarney aufmachten. Und immer noch war Sir Victor Trixy's Gefangener, immer noch hielten Rudolf und Edith ihre heilige Allianz. Lady Helena beobachtete ihren Neffen und die amerikanische Erbin, und ihr feines Gefühl sagte ihr, daß ihm von dort keine Gefahr drohe. „Wäre es die Andere", dachte sie, „aber es ist klar, wie die Sachen zwischen ihr und Cousin Rudolf stehen." Durch ganz andere Brillen betrachtete der alte Mr. Stuart die Sachlage. Es war seines Lebens Traum, seine Kinder mit der britischen Aristokratie zu vermählen. „Reichthum haben sie genug", sagte er sich stolz. „Jedes soll eine Million haben, und ihre Abkunft ist der besten würdig, denn das Blut der Stuart fließt in ihren Adern"; daß sein Vater noch Stewart unterzeichnet, das wollte er vergessen. Ueber die Fortschritte seiner Tochter lächelte der alte Herr vergnügt, des Sohnes Benehmen erzürnte ihn. „Bedenke, woran Du bist, junger Mann", sagte er eines Tages, „ich habe ein wachsames Auge auf Dich. Ich habe nichts einzuwenden gegen gewöhnliche Aufmerksamkeit für Fred Darrells Tochter, aber hüte Dich vor Thorheiten, verstehst Du? Wenn Du nicht hetrathest, wie ich will, gebe ich Dir keinen Schilling." Rudolf sah seinen Vater mit eigenthümlicher Miene an. „Beruhige Dich, Vater, ich heirathe Fred Darrells Tochter nicht, wenn Du das eine Thorheit nennst. Darüber sind wir längst einig." Unterwegs gesellte sich ein Reifender im Etlwagen zu ihnen, ein großer, junger Mann von militärische« Aussehen. „Hammond, beim Zeus, wo kommst Du her, alter Junge?" rief Sir Victor, „freut mich. Dich zu sehen; Hauptwann Hammond, mein Freund, Mr. Stuart aus New-Iork." Der Offizier verbeugte sich, Rudolf lüftete den Hut. „Fürwahr", sprach Ersterer heiter, „wer hätte Dich hier zu treffen geglaubt, es hieß, Du erforschtest Canada." „Einsteigen, meine Herren!" Sir Victor hatte beschlossen, sich neben Edith zu fetzen; was aber ist des Mannes Wille gegen der Frauen Entschlüsse? „Bitte, helfen Sie mir hinauf, Sir Victor, es ist so hoch, und bitte, setzen Sie sich zu mir und zeigen Sie mir die Schönheiten der Natur, man genießt sie viel besser, wenn man darauf aufmerksam gemacht wird." Was konnte Sir Victor thun? Und fort ging's über Stock und Stein, und die ganze Dorfjugend hinterher. „Was sagst Du zu Trixy's diplomatischem Talent?" flüsterte Rudolf Edith zu; „armes Kind, sie sucht nur des Vaters Gebot zu erfüllen." „Ehre den Vater, auf daß Du lange lebest u. s. w. Schade, daß sie keine Aussicht hat." „Meinst Du?" „Sir Victor, wer ist Ihr ernster Freund?" flüsterte Beatrice. „Es ist der ehrenwerthe Hammond, zweiter Sohn des Lord Glengary und Hauptmann eines schottischen Regiments." Mit neuer Ehrfurcht betrachtete Miß Stuart den großen, schweigsamen Krieger, den Sohn eines Lords. Es war ein herrlicher Tag; die Scenerie geistvoll, Sir Victor aber benahm sich einsilbig und zerstreut Und gab vor, etwas verstimmt zu sein. Hell und laut scholl Edith's Lachen herüber. „Auf der andern Seite wenigstens scheint gute Laune zu herrschen", bemerkte Lady Helena lächelnd, „Edith Darrell ist wirklich ein reizendes Mädchen." Beatrice warf einen Seitenblick auf den Baron. „Es ist eine bekannte Geschichte", sagte sie, „daß Rudolf und Edith nur glücklich sind, wenn beisammen. Ich glaube, mein Bruder wäre ohnehin nicht mit, wenn Edith nicht dabei gewesen wäre." „Es ist also eine alte Neigung?" fragte Lady Helena. „Ja, sehr alt, und Edith wird für mich eine reizende Schwägerin abgeben, glauben Sie nicht, Sir Victor?" Er versucht zu lächeln und etwas Verbindliches zu sagen, aber Beides mißlingt. Mürrisch sitzt er da und horcht auf die lustigen Stimmen drüben, überzeugt, daß auch er Edith Darrell liebe. Im Zwielicht erreichten sie Glengariff und fuhren beim Mondschein nach einer Insel. Ein glücklicher Zufall führt Edith an Sir Victors Seite, und Hauptmann Hammond huldigt Beatrice. Die Eltern, für welche Mondlicht auf der See längst seinen Zauber verloren, Thau und Nacht aber ihre Schrecken behalten haben, bleiben am Lande. Die irischen Bootleute spannen die Segel. Sir Victor hält sich dicht au Edith's Seite. Wie schön sie ist im Silberltcht des Mondes! „Komm' ich zu spät?" fragte er sich, „liebt sie ihren Vetter?^ Edith beobachtete Alles. Hätte sie je ihre Macht über ihn bezweifelt, jetzt war sie derselben gewiß. Sie lächelte und hatte nur Aufmerksamkeit und freundliche Worte für den Baron. „Wenn wir England erreicht haben werden, spreche ich", dachte dieser erleichtert, »Edith Darrell soll mein Weib werden." (Fortsetzung folgt.) -«-SSWSS—- Das internationale Schachmeisterturnier zu Nürnberg. G Das große Ringen auf den 64 Feldern um den schachlichen Siegespreis hat am Montag den 10. August spät Nachts mit der Partie Win - Tarrasch seinen Abschluß gefunden. Der Kamps in Bezug auf den ersten Preis (3000 Mark und ein werthvoller Pokal) war indeß schon am Samstag den 8. August entschieden, als Lasker über Or. Tarrasch in einer von letzterem überaus matt geführten Partie schon am Vormittage siegte. Mit oiesem Siege hatte es Lasker nämlich auf 13'/z Gewinn- partieen gebracht, ein Stand, den keiner seiner Mitbewerber mehr erreichen konnte. Die unerwartete Niederlage gegen Charousek in der letzten Runde war daher für Lasker belanglos. Lasker hat mit dem Gewinn des ersten Preises In diesem so bedeutungsvollen Turnier einen neuen Triumph zu verzeichnen, und zwar einen Triumph, nach welchem er schon lange geizte, da der Gewinn des ersten Preises in einem großen Turnier ihm bisher versagt war, so groß sonst seine Erfolge im Einzelkampse gegen die ersten Spieler seiner Zeit waren. Ganz ungetrübt blieb allerdings auch diesmal ihm der Sieg nicht, da er drei Partien gegen Charousek, Janowski und Pillsbury verloren hat. Namentlich der Verlust gegen Pillsbury wird Lasker nicht glcichgiltig gewesen sein, da dieser junge Amerikaner sich mehr und mehr als der einzige Schachmeister zeigt, der dem ersten Sieger gewachsen zu sein scheint. Die Partie, welche Pillsbury in diesem Turnier dem Champion abrang, war wiederum ein Meisterstück feiner und eleganter Strategie und zählt zweifellos zu den besten Leistungen des Turniers. Einen gewiß ziemlich unerwarteten Erfolg hat der junge Ungar Geza Maroczy aus Budapest zu verzeichnen, der zum ersten Mal an einem Meisterturnier mitspielt und mit 12'/„ Gewinnpartien den zweiten Preis (2000 M.) gewann. Sein Erfolg ist namentlich auch deßhalb bedeutsam, weil er der einzige Theilnehmer ist, der nur eine Partie (gegen Steinitz) verloren hat. Allerdings weist sein Turnierstand eine große Zahl von Remis- partien auf, ein Ergebniß der großen Vorsicht, die er bei seinen Kombinationen walten ließ. Von seinen Gewinnpartien sind namentlich jene gegen Janowski und Pillsbury zu verzeichnen. Den dritten und vierten Preis (1500 und 1000 M.) theilten Pillsbury und Dr. Tarrasch mit je 12 Gewinnpartien. Der junge Amerikaner hat zu Anfang des Turniers etwas lässig gespielt, dann aber eine großartige Spielweise entfaltet, die namentlich in der überaus feinen Gewinnpartie gegen Lasker ihren Ausdruck findet. Pillsbury hat in diesem Turnier zweifellos einen moralischen Erfolg ersten Ranges errungen, indem er alle die großen Matadore Lasker, Dr. Tarrasch, Steinitz und Tschigorin in überlegener Weise aus dem Felde schlug. Mit etwas mehr Aufmerksamkeit am Anfang hätte er leicht den ersten Preis erstreiten können. An Dr. Tarrasch wurde allseits die frühere Festigkeit und Energie, die seine Spielweise auszeichnete, vermißt. Er spielte sich sichtlich schwer, und seine Partie gegen Lasker zeigt geradezu eint bedauerliche Unsicherheit der Kombination. Fast scheint es, als habe er den Höhepunkt seines Glanzes bereits überschritten. Nur in wenigen Partien, wie gegen Charousek, Tschigorin und Steinitz, machte sich sein früherer Genius bemerkbar. Den 5. Preis (600 M.) hat sich Janowski, der Vertreter Frankreichs, erstritten, dessen ideenreiches Angriffsspiel die allgemeine Aufmerksamkeit erregte. Mit kühn forcirten Angriffen überwand er den schlauen Lasker und den bedächtigen Steinitz, und selbst Pillsbury entging nur mit Mühe der sicheren Niederlage durch ein momentanes Nachlassen seiner Aufmerksamkeit. Steinitz, der ruhmreiche Altmeister, muß sich mit dem 6. Preis (400 M.) begnügen. Wohl gab er auch diesmal glänzende Proben tiefdurchdachter Strategie, aber seine frühere Spannkraft hat ihn sichtlich verlassen, was übrigens bei dem 60jähr. Manne Niemand Wunder nehmen kann. ^ Den letzten Preis (200 M.) theilten Karl Schlechter aus Wien und August Walbrodt aus Berlin mit je 10'/, Gewinnpartien. Beide noch jung an Jahren, befleißigen sich einer überaus vorsichtigen Spielweise, welche die große Zahl Remispartien erklärlich macht, die sie auch diesmal wieder erzielten. Schlechter ist noch vorsichtiger gestorben, als er sich letztes Jahr in Hastings zeigte, woselbst er manches hübsche Angriffsspiel durchführte. Seiner zähen, jeglichen Risikos sich enthaltenden Spielweise verdankt er es, daß er nur zwei Verlustpartien gegen Janowski und Steinitz auszuweisen hat. Walbrodt hatte lange Zeit hindurch einen guten Stand in dem Turnier, bis schließlich seine Spannkraft nachließ. Die rasch sich folgenden Ver« lustparticn gegen Charousek, Teichmann und Blackburne drängten ihn dann in den Hintergrund. An die Preisträger reihen sich zunächst die beiden Russen Michael Tschigorin und Emanuel Schiffers mit je 9'/, Gewinn- partien. Nichts spricht wohl beredter für den geringen Stärkeunterschied der Turniertheilnehmer, als die Thatsache, daß ein so genialer Spieler wie Tschigorin außerhalb der Reihe der eigentlichen Preisträger zu stehen kommt. Es ist daher begreiflich, daß das Comits es nicht über das Herz bringen konnte, Meister seines Schlages ohne jedes Andenken von sich ziehen zu lassen, und daher den beiden Russen noch zwei weitere Preise stiftete. Das geringe Resultat Tschigorins ist übrigens ein erneuter Beweis für die mehr und mehr hervortretende Thatsache, daß gcgm die heranwachsende moderne Schachjugend und ihr nüchternes, berechnendes Spiel mit kühnen Angrisfs- wendungen nicht mehr viel auszurichten ist. Der sprachgewandte, feingebildcte Schiffers hat etwas zäher als sein Landsmann gekämpst, aber seine vielen Remispartien verhinderten auch ihn, einen besseren Stand zu erzielen. Den Preis für das beste Resultat gegen die Preisträger (100 M.) erhielt Harry Blackburne, der den britischen Schachruhm wie gewöhnlich mit Energie und in geistvoller Spielweise vertreten hat. Einen Beweis der ihm noch immer innewohnenden Kraft hat er durch seine Siege über Pillsbury, Tarrasch und Walbrodt gegeben; gleichwohl konnte er nur 9 Gewinnpartien erreichen. Auch für ihn bietet, gleichwie für Tschigorin, der moderne Spieltypus kein Feld mehr für das liebgewonnene, aber riskante Angriffsspiel. Als hauptsächlicher Vertreter der mächtig emporstrebenden Schachjugend ist in diesem Turnier Charousek, ein junger Ungar voll kühner Kombinationen, zu betrachten, der sich nebenbei ebenso als gewandter Theoretiker, wie als feiner Kenner des Endspiels erwies. Er erzielte 8'/z Gewinne, darunter Siege über Lasker, Janowski, Blackburne und Walbrodt und würde vielleicht ein noch besseres Resultat erzielt haben, wenn ihn nicht manchmal der jugendliche Wagemuth zu weit geführt hätte. Marco, der Repräsentant der bei den Zuschauern wenig beliebten Wiener Schule, hat es durch die diesem Typus anhängenden Remisen nur auf 8 Gewinnpartien gebracht. Feiner spielte sein Landsmann Adolf Albin, der zwar nur 7 Gewinnpartien auszuweisen hat, unter denen sich indeß zwei elegante Spiel- proben gegen Steinitz und Charousek befinden, die ihm alle Ehre machen und seine Beiziehung zum Turnier als durchaus gerechtfertigt erscheinen lassen. Bei Winawer, dem findigen Altmeister, machte sich neben der Zahl der Jahre wohl auch der Mangel an entsprechender Uebung geltend. Einen schwachen Trost mag diesem allseits beliebten jovialen Schachmeister der hübsche Sieg über Steinitz bieten, den seine 6'/z Gewinnpartien einschließen. Von Porges, dem Präger Meister, und dem Amerikaner Showalter hätte man ein besseres Resultat erwartet, als die 5»/, Gewinnpartien, welche sie mit Mühe und Noth erreichten. Einen ganz erheblichen Mißerfolg hat auch der deutsche Altmeister Emil Schallopp mit 4*/z Gewinnen zu verzeichnen. Wie leider schon häufig in früheren Turnieren, nahm dieser geistvolle Spieler auch diesmal die Sache zu leicht und verlegte sich zur Unzeit auf theoretische Finten, die meist zu seinem Nachtheil ausschlugen. Den Reigen schließt Teichmann mit 4 Gewinnpartien; dieses ungünstige Ergebniß des talentvollen, in englischen Schachkreisen sehr geschätzten Spielers, ist indeß nicht zum wenigsten auf die andauernde Unpäßlichkeit zurückzuführen, unter welcher Teichmann während des Turniers zu leiden hatte. Den Schlußstand des Turniers gibt die nachfolgende Tabelle: Internationales Schachturnier in Nürnberg. (Stand nach der IN. Runde.) Namen der Schachmeister Albin N «2 § Janowski A Marco Marüczy 8 N- Porges L, <2 d O Schiffers Schlechter Showalter Z Tarrasch Teichmann Tschigorin ^ Walbrodt Winawer ^ Summa Albin . 1 1 0 0 0 V. i 0 0 '/- 1 0 1 0 0 0 7 Blackburne 0 — 0 0 0 1 0 i 1 1 0 1 0 1 1 9 Charousek 0 1 — 1 1 V- 0 '/, 1 0 '/, 1 0 0 0 0 1 -/- 8'/, Janowski '/- '/- 0 — 1 1 0 '/- 1 1 1 1 0 1 0 1 0 1 1 II -/2 Lasker . 1 1 0 0 — 1 '/- 0 1 1 1 1 1 1 1 1 '/, 1 13-/2 Marco . 1 0 0 — 0 '/- 1 '/- 0 0 V, '/- '/- 1 8 Marüczy 1 '/, 1 1 '/- 1 1 1 1 0 '/- '/- -/- 1 12-/, Pillsbury 1 0 '/- '/» 1 1 0 — '/- 1 0 '/, 1 1 1 1 1 0 1 12 Porges . '/, 1 0 0 0 '/, 0 0 '/, '/, 0 '/, i 0 0 0 5'/, Schalopp 0 0 1 0 0 0 0 0 1 — 0 0 1 0 1 0 0 0 4'/- Sckiffers 1 0 '/- 0 0 1 '/, 1 — 1 0 1 '/- 9'/- Sä'lechtcr 1 '/- '/- 0 '/- '/, 1 '/, '/, 0 1 1 1 lO-/, Sbowalter '/, 0 0 1 0 0 0 0 0 0 -/, 1 1 0 0 5'/- Steinitz . 0 1 1 0 0 i 1 0 1 1 -/, 1 1 _ 0 1 1 -/, 0 11 Tarrasch 1 0 1 1 0 1 '/, 0 '/- '/- 1 '/- '/- 1 — 1 1 '/- 1 12 Teichmaun 0 '/. 1 0 0 '/, 0 0 0 0 0 0 0 0 _ 0 1 -/, 4 Tschigorin 1 1 1 1 0 0 1 1 '/- 0 0 0 0 1 _ 0 1 9'/- Walbrodt 1 0 0 0 '/, '/, '/, 1 1 1 '/- 1 '/, '/- 0 1 _ 1 10-/, Winawer 1 0 '/- 0 0 0 0 0 1 1 0 1 1 0 '/, 0 0 — 6'/. ALLssLeZ. Die größte Häuserbesitzerin der Welt ist die Königin von England. Sie besitzt in verschiedenen Theilen des Landes bei 600 größere Häuser, die keine Krongüter, sondern ihr Privateigenthum sind. Außerdem ist sie Eigenthümerin von vielen Pachtgütern, auf denen bei 6000 Wohnungen stehen. Auch die Schlösser OSborne auf der Insel Wight und Balmoral in den Hochlanden sind ihr Privateigenthum. Die Krongüter und Paläste, welche sie und die königliche Familie benutzen, müssen von der Nation unterhalten werden; so kostet der Unterhalt von Hampton Court den Engländern zum Beispiel jährlich bei 30,000 Mk. Dann stehen der Königin auch noch vier Jachten für ihre Reisen auf dem Wasser zu Diensten, von denen die eine die Kleinigkeit von 2,400,000 Mk. gekostet hat. Der Unterhalt dieser Fahrzeuge muß ebenfalls von den Engländern bestritten werden und beläuft sich auf 264,000 Mk. jährlich. ----SLWLS-. - Aerzage nicht! ES ist ein Kampf, ein steter Streit DcS Menschen Erdenpilgcrleben; Von Mühsal, Kreuz und bitt'rem Leid Wird fort des Dulders Herz umgeben. Doch — auf, mein Freund, verzage nicht Auf sturmbewegt-gepeitschtem Meere, Uns führt des Glaubens mächtig Licht, Das Trost und Kraft und Muth gewähre! Und an der Hoffnung grünem Band Gelangen wir zum heiß ersehnten Ziele: Wo ist der Liebe Vaterland, Wo unser Freuden harren viele! ^ Burkarb Auslosung der Schach-Aufgabe in Nr. 66: Weiß. Schwarz. 1. L. 86—61 87—86 (85) 2. 82—84 (83) 86—85 (84) 3. T. 81—82. DieS ist der entscheidende Zug, der ein Matt durch Doppelschach vorbereitet. Schwarz kann nur spielen: K. 84—84 worauf 4. T. 82—84 matt setzt. « 70 . 1896 . „Augsburgrr PostMung". Dinstag, den 25. August Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Drucl und Berlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). Ein furchtbares Geheimnis;. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) 8. Kapitel. In zwei Booten. Früh am nächsten Morgen bestiegen unsere Touristen den Wagen; sie saßen wie Tags zuvor, Sir Victor neben Beatrice, Rudolf neben Edith. Aber des Barons Düsterheit war vorüber, Hoffnung erfüllte sein Herz. Er war ein bescheidener Mann; daß die arme Amerikanerin unter ihm stand, bedachte er nicht; daß sein Rang, sein Reichthum sie beeinflussen konnte, träumte er nicht. Es war ein herrlicher, wolkenloser Tag voll frischer Gebirgsluft und prächtiger Gegend. Wilde Thäler, bemooste Felsen, donnernde Gießbäche, barfüßige Kinder, Menschen und Vieh unter einem Dach, Schmutz und Armuth, wie sie es nie erträumt hatten. Sie reisten eben in dem arm — gemachten Irland! „Mein Gott, wie kann man so erbärmlich leben!" rief Edith. „Deines Lebens Gespenst ist die Armuth", sagte Rudolf; „ich wette, die Leute essen, trinken, lieben, hei- rathen und sind glücklicher wie wir." „Welch' thörichte Rede! Heirathen und sind glücklich! Sie heirathen wohl, und in der Ecke grunzt ein Schwein, und jede Hütte wimmelt von Kindern — aber glücklich!" „In Deinem Wörterbuch sind Armuth und Elend synonym." „Synonym? Kein menschliches Uebel kommt der Armuth gleich!" — Arme Edith! Wie bitter wirbst Du enttäuscht werden! Spät Abends erreichten sie Killarney. Ueber den herrlichen See strahlte der friedliche Mond. Der Scene Schönheit spottete aller Worte. Sie standen am Ufer und betrachteten schweigend die wunderbare Gegend. „Dort sind Boote", sprach Sir Victor endlich, „ich schlage eine Wasserfahrt vor." „O ja, ja!" rief Trixy begeistert, „eine Fahrt auf dem Killarney-See. Edith, kannst Du's fassen?" „Willst Du mit mir fahren", wandte Rudolf sich an seine Cousine, „oder gehst Du lieber mit den Andern?" „Mein Gott, wie artig Du auf einmal wirst, wie bedacht auf Anderer Gefühle; es ist wirklich eine ganz neue Seite Deines interessanten Charakters. Natürlich gehe ich mit Dir, Rudolf Stuart, fromm wie ein Lamm, ist ein beachtenswerther Gegenstand." Er bot ihr lächelnd den Arm. „So seien wir den letzten Abend vergnügt beisammen." „Den letzten Abend? Was fällt Dir ein? Wenn Du auf Flucht sinnst, so sag's, Ungewißheit ist lästig." Der Baron und Trixy hatten sich bereits vom Ufer entfernt. Noch ein drittes Boot war abgestoßen, in ihm befand sich ein junges Mädchen mit einer Guitarre, ihre liebliche Stimme scholl über die See und fand in den Bergen hundertstimmiges Echo. Edith blickte auf zum Sternenhimmel. „O, welche Nacht! Wie schön ist die Welt, wie glücklich könnte man sein, wenn —" „Man jährlich dreißigtausend Dollar Rente hätte!" „Ja. Warum kann das Leben nicht so sein, warum kann man nicht Alles haben, was das Herz begehrt, und einen Gefährten, den man recht gern hat." „Den man recht gern hat? O, Edith, oft frage ich mich, ob Du mich gern hast, ob Du überhaupt jemand Andern, als Dich selbst lieben kannst?" „Danke, natürlich liebe ich mich selbst am meisten, das gebe ich zu, hernach —" „Nun, hernach?" „Kommst Du. Sei ruhig, Rudolf, Du wirfst sonst das Boot um. Warum sollte ich Dich nicht lieben? Bist Du nicht mein Vetter, verdanke ich Dir nicht all' mein Glück? O, ich segne jene Nacht im Schnee, sie war die glücklichste meines Lebens." „Und die unseligste des meinen. Edith, verständigen wir uns, und wäre es selbst auf Kosten einer Trennung." Sie erbleicht, wendet sich ab und blickt hinaus über das schimmernde Wasser. Früher oder später hatte es kommen müssen, jetzt war es da. Rudolf beugte sich auf die Ruder, sie schaukelten leise dahin. „Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß ich Dich liebe", fuhr er nach kurzer Pause fort, „Du weißt es zur Genüge, und ich hoffe, Du hast für mich ein antwortendes Gefühl. Set wahr gegen Dich selbst! Edith, willst Du mein Weib werden?" Leidenschaft zittert in seinem Tone, aus seinen Augen, aber treu dem Grundsatz, keine Scene zu erregen, bleibt er bei den Rudern sitzen. „Sprich, Edilh, vergiß den Cynismus, der Dir ja doch nicht von Herzen kommt, und sag', daß Du mein sein willst, mein, dessen Leben Du gerettet!" „Dein?" lacht sie, ihr Herz aber erbebt, „es wäre schön, aber es kann nicht sein." „Edith!" „Wir sind Cousins, Rudolf, gute Freunde werden wir immer sein — aber lieben — nein." „Und weshalb?" „Hab' ich Dir das nicht schon oft gesagt? Wenn Du mich noch für herzlos haltst, ist es meine Schuld? Ich weiß was ich mit meinem Cynismus will. Hättest Du Deines Vaters Vermögen, ich würde Dich morgen heirathen und das glücklichste Weib der Welt sein." „Bin ich Dir also nicht ganz gleichgültig?" „Gleichgültig? Siehst Du nicht, Rudolf, ich bin nicht ganz egoistisch, ich liebe Dich so, daß ich lieber stürbe, als Dich heirathen. Ich würde Dich nur unglücklich machen." „Mein Vater liebt mich, er ließe sich erweichen." „Nein. An dem Tage, wo er in Cork bet Dir war, saß ich hinter den Gardinen verborgen und hörte unabsichtlich, was der Vater sagte, sowie auch Deine Antwort. Mein erster Gedanke war, vorzutreten, seine Gunst zurückzuweisen und zu bitten, er möge mich heimschicken; als ich aber Deine ruhige Antwort hörte, verrauchte mein Zorn. „Ich und Fred Darrells Tochter heirathen nicht", sagtest Du, und ich bewunderte Deine Ruhe und Wahrheit. Dabei wollen wir bleiben, Du und Fred Darrells Tochter werden sich nicht heirathen." „Aber, Edith, Du kannst doch nicht glauben —" „Ich glaube von Dir nur Edles. Ich weiß, Du würdest Deinem Vater wüthig entgegentreten, wenn ich es duldete. Du sollst ihm aber nicht trotzen, und ich will keinen armen Mann heirathen." „Ich bin jung, stark und kann arbeiten, habe Hände und Kopf, eine gute Erziehung und viele Freunde, wir würden nicht hungern." „Nicht hungern?" wiederholte Edith mit traurigem Lächeln; „vielleicht nicht, aber wir würden ohne allen Komfort dahin leben und namenlos elend sein. Du kannst nicht arbeiten, bist nicht dazu erzogen, und ich kann, selbst um Deinetwillen, dem Ziele meines Lebens nicht entsagen." „Du kannst das nicht", sprach er bitter. Und so fuhr sie gesenkten Hauptes fort. „Zürne mir nicht, einst wirst Du mir's danken. Komm', lass' uns nicht mehr davon sprechen. Siehst Du denn nicht, daß wir unter den gegebenen Verhältnissen nicht glücklich sein können, daß wir folglich besser uns trennen?" „Ich bin ein schlechter Redner, und Deine Sophistik ist so klar, daß Jeder sie verstehen muß. Du warfst mich ohne Schmerz über Bord und willst den Baron heirathen. Noch aber bist Du nicht sein Eigenthum, noch nicht erkauft mit seinem Gelde, antworte mir denn, ob Du mich liebst." Ihr Haupt sank tiefer, das Auge füllte sich mit Thränen, ihr Herz war voll Weh. Ihn ohne Schmerz über Bord werfen? Edith wußte, waS es sie kostete, jetzt herzlos zu sein. „Antworte!" sprach er gebieterisch, „das wenigstens kann ich verlangen, liebst Du mich oder nicht?" „WaS hilft die Frage, Rudolf", entgegnete sie leise, „Du weißt es so gut wie ich." ^ Schweigen folgte. Aus der Ferne tönte des Mädchens Gesang. „Komme, was da wolle", sprach Rudolf endlich, „es ist besser, daß wir die Sache besprachen. Und wenn Du morgen Sir Victor heirathest, ich möchte die Vergangenheit nicht anders wissen. „Verachte Du mich nicht!" flehte sie mit gebrochener Stimme und begrub das Gesicht in die Hände, „ich kann nichts dafür, aber ich will lieber sterben als arm sein." Er weiß, daß sie weint, und ihre Thränen bewegen ihn seltsam. Er nimmt ihre Hand, und seine einzige Antwort ist: „Ich werde Dich lieben mein Leben lang." Auf dem anderen Boote spielte sich ebenfalls eine interessante Scene ab. Trixy sprach unaufhörlich. Zerstreut und träumerisch lauschte Sir Victor. Endlich entstand eine Pause. „Vergebung, Miß Stuart", begann der Baron. „Ich habe etwas auf dem Herzen, wovon ich heute noch mit Ihnen sprechen wollte." Beatrice richtete sich wie elektristrt auf. „Nun fängt er an", dachte sie. Eine peinliche Pause folgte. „Ja, Sir Victor", stammelte das Mädchen er- muthigend. „Ich wollte die Sache erst nicht berühren, bevor wir England erreichten", fuhr der Baron verlegen fort, „ich — ich fürchte eine Abweisung so sehr, daß ich mich zu sprechen scheue." Was sollte Beatrice sagen? Was paßt sich für eine gebildete Dame? „Wie kann er Abweisung fürchten?" dachte sie, „war je ein Sterblicher so bescheiden?" „Kürzlich erst lernte ich meine eigenen Gefühle kennen, als ich von einem Anderen erwiesene Aufmerksamkeit mit Vergnügen angenommen sah, ließ die Eifersucht mich begreifen, daß ich liebe." „Er weint den Hauptmann Hammond", sagte sich Trixy, „wie gut, daß wir uns trafen." „Und doch verzweifle ich nicht ganz! Glauben Sie, Miß Stuart, daß ich Grund zu Hoffnung habe?" „Ja, ich glaube es", stammelte sie. „Und werden ihre Eltern meine Werbung gut aufnehmen ?" „Meiner Ansicht nach werden sie eine solche sich nur zur Ehre rechnen", entgegnete sie in bebendem Tone. „Glauben Sie also, daß mein Herz und meine Hand nicht abgelehnt werden, falls ich spreche?" „Warum in aller Welt thut er's nicht?" dachte Beatrice, „er ist wahrhaftig verrückt." „Sie schweigen, Fräulein, wäre es möglich, daß bereits eine Verlobung existirt?" „Ich bin gewiß, Sir Victor wird keinen Korb erhalten." „Danke." Und ebenso, wie Rudolf Edith's, erfaßte er ihre Hand. Hierauf folgte Schweigen. Trixy's Herz war zum Zerspringen voll. Wäre sie nur am Lande, um Mama und Papa ihr Glück zu melden. Lady Chateron! Die Worte sind zu arm, solche Wonne zu beschreiben. Sie schloß die Augen und ließ sich in grenzenloser Freude dahinschaukeln. Als sie landeten, führte Sir Victor seine Dame schweigend ins Hotel. „Noch eine Gunst, Fräulein", bat er, bevor sie sich trennten, „lassen Sie unsere Unterredung ein paar Tage 535 Geheimniß bleiben unter uns. Meine Tante war mir eine zweite Mutter, und sie soll zuerst von meinen Gefühlen erfahren." „Gut, Sir Victor, Ihr Wille geschehe." „Gute Nacht." Miß Stuart eilte die Treppe hinauf. Sie wollte Edith sehen. Der Gedanke, zu ruhen war lächerlich, sie fragte sich, ob sie je wieder schlafen würde. Edith's Zimmer war dunkel, sie selbst stand am Fenster und blickte noch völlig angekleidet hinaus zu den Gestirnen. „Ganz im Finstern, Dithy, ist es nicht eine himmlische Nacht?" „Kommst Du, um mir das zu sagen?" „Nein, ich wollte Dir sagen, daß ich glücklich bin, daß es eine wunderbare Fahrt war. Hast Du Dich auch unterhalten?" „Unendlich", bemerkte Edith bitter. „Ich glaube, Du hast geweint." „Geweint? Nein, so kindisch bin ich nicht. Ich bin müde und habe Kopfweh. Gute Nacht, Trixy." „Wart' einen Augenblick,Edith,ich kann's ja nicht bei mir behalten, es drückt mir das Herz ab. Wünsche mir Glück, Sir Victor hat um mich geworben." „Trixy I" Sie konnte sonst nichts sagen, wie betäubt sank sie in einen Stuhl. „Ja, Edith, und ich bin ganz außer mir vor Freude, denke nur, ich werde Lady Chateron." Edith war todten- bleich geworden, sprachlos saß sie da „Uebrigens ist er ein sonderbarer Kauz", fuhr Beatrice fort, „konnte er nicht einfach wie ein Mann sagen: „Beatrice Stuart, wollen Sie mich heirathen?" Nein, er ging herum, wie eine Katze um den heißen Brei, sprach verwirrtes Zeug von einem Rivalen, und daß er mit Papa und Mama und Lady Helena reden wolle, sobald wir in England seien. Vielleicht machen es die englischen Aristokraten so, ich aber sehe nicht ein, weshalb er nicht direkt sprach, er hatte wahrlich Aufmunterung genug." — Die letzten Worte reizten Edith zum Lachen, aber es klang unnatürlich. „Du bist heiser wie ein Rabe und bleich wie ein Gespenst; das kommt, wenn man im Zug sitzt und den Mond beguckt. O, Edith, ich bin so glücklich, und wenn ich Lady Chateron bin, sollst Du immer bei mir weilen, bis Du wirklich meine Schwester bist und Rudolf's Frau." „Ich bin müde, ich friere." „Willst Du mir denn nicht Glück wünschen, Dithy?" „Ich wünsche — Dir — Glück." Ihre Lippen waren kreideweiß, sie bebte wieEspenlaub. Beatrice ging, und Edith athmete tief auf. AlsodochTrixyI Und sie hatte geglaubt, daß er sich für sie interessirte. Mit ihr hatte er gesprochen, sie betrachtet, wie nie Beatrice, bei ihrem Nahen war er errathet, sie hatte sein Herz pochen gefühlt, wenn sie sich auf seinen Arm stützte, und doch war es Trixy! Krank vor Aerger und Neid, legte sie den Kopf auf die Arme. „Eine hübsche Heldin", höre ich den Leser rufen, „ein niedriges, selbstisches, herzloses Geschöpf!' Ja, aber reine, edle Geschöpfe, die auf ihre Ideale verzichten, um Andere zu beglücken, finden sich wohl äußerst selten hieniedcn. 9. Kapitel. Arme Trixy. „Gott sei Dank, heute Abend geht unsere Pilgerschaft zu Ende", sprach Lady Helena acht Tage später im Zug zwischen Dublin und Kingston. Die ganze Reisegesellschaft war noch beisammen, auch Kapitän Hammond war der Einladung nach Powys Ptace gefolgt. Edith Darrest beugte sich über ein Buch. Seit der Botschaft hatte Beatrice ruhig und entschlossen von Sir Victor Besitz ergriffen. Sie glaubte, ein Recht dazu zu haben, und wenn ein Mann allzu bescheiden ist, darf dann ein Mädchen nicht etwas ihm entgegenkommen? Ehe Edith am folgenden Morgen ihr Zimmer verließ, 8«. stgk. Kostest Drin; Llupprecstt von Kagcrn als Major im königl. bayer. 2nfaiiterie-Leib-Rkgiment. 536 war sie zu Trixy gegangen und hatte sie herzlich geküßt. — „Verzeih' mir, ich war gestern thöricht und gereizt, vielleicht auch ein wenig neidisch. Doch das ist vorbei, und ich wünsche Dir von ganzem Herzen Glück. Du bist das beste, liebste Mädchen und verdienst das Glück." Ja, sie war das beste Mädchen, und wenn Sir Victor sie ihr vorzog, was sollte sie ihr zürnen? Gegen den Baron aber fühlte sie grimmen Zorn. Wie wagte er's, sie zur Vertrauten zu machen? Ihr bedeutungsvolle Blicke zuzuwerfen, wenn er Trixy heirathen wollte? Wie hätte sie sich Blößen gegeben, wenn sie weniger zurückhaltend sich benommen hätte? Seitdem war sie ihm, wenn auch nicht auffällig, ausgewichen, und wenn er es fühlte, verrieth er es in keiner Weise. Er dachte, Miß Stuart habe über ihre Unterredung etwas verlauten lassen, und hielt Edtth's Benehmen für mädchenhafte Scheu. Er liebte das und bemerkte auch mit Wohlgefallen, daß der traute Verkehr Edith's und Nudolf's aufgehört hatte. Kurz vor Mitternacht bestiegen sie den Zug in Holy- head. Fort ging's durch Wales, vorbei an Gebirgen, Stationen, zur Linken die endlose See, vorbei an Dörfern, Ruinen, Schlössern und Hütten, bis sie um zwei Uhr Morgens im Bahnhof von Ehester einfuhren. Zwei Wagen erwarteten sie, und eine Stunde später hatten sie Powys Place und das Ziel ihrer Reise erreicht. „Willkommen in Powys Place", rief Lady Helena, „ich wünsche nur, daß es Ihnen hier ebenso gut gefallen möge, wie mir in New-Aork." Als am andern Morgen Miß Stuart auf fabelhaft hohen Absätzen über den polirten Eichenboden eilte, glitt sie aus und verletzte sich das Bein. Sir Victor war der Erste, der ihr zu Hülfe eilte, und trug sie in ihr Zimmer, wo ihr Fuß sofort verbunden wurde. Bleich und müde kam Edith aus ihrem Zimmer. Auf der schlüpfrigen Passage erwartete sie Sir Victor. „Ich verlegte Ihnen absichtlich den Weg", begann er lächelnd, „damit Ihnen nicht ein Unfall zustoße. Es soll hier sofort ein Teppich gelegt werden. Aber Sie sind bleich, fühlen Sie sich krank?" Sein Ton verrieth so viel liebende Angst, wie es sich für einen Verlobten einer Andern nicht geziemt. Edith war zu deprtmirt, um es zu beachten. „Ich fühle mich ziemlich wohl, höchstens der Kopf ist etwas eingenommen." „Wollen Sie mit mir nicht etwas spazieren gehen? Der Park ist sehenswerth. Kommen Sie mit mir, Miß Darrell, es wird Ihnen gut thun." Sie zauderte, ging aber doch. Was lag daran, jetzt konnte Trixy nicht eifersüchtig sein, und sie bedurfte der Bewegung in der freien Luft. Und so ging sie den schicksalsschweren Weg. Es war ein Maitag, alles grünte und blühte, die Vögel sangen und die frische Luft hauchte Edith's Wangen rosig an. „Hier gefällt mir Powys Place am besten", sprach Sir Victor, „und wenn Sie mit mir die Anhöhe besteigen, kann ich Ihnen Chateron Noyals zeigen." Sie nahm feinen Arm und schritt die Anhöhe hinan. „Welch' wunderschöner Platz", rief sie; „Ihr Engländer, deren Ahnen hier lebten und starben, müßt jeden Stein, jeden Baum Eurer Besitzungen lieben. Wäre ich nicht eine Amerikanerin, so möchte ich eine Engländerin sein." Er betrachtete sie voll Liebe und Bewunderung. „Möchten Sie das?" rief er schnell, „würden Sie Amerika aufgeben und Ihr ganzes Leben in England zubringen, könnten Sie sich dazu entschließen?" „Das wäre kein großes Opfer." Die letzte Schranke brach. Er hatte sich vorgenommen, zuerst mit Lady Helena und Mrs. Stuart zu sprechen, jetzt war alle Ueberlegung vorüber. Er umfaßte ihre Hände und sprach sein ganzes Herz in jedem Wort. „O, so theilen Sie meine Heimath, werden Sie mein geliebtes WeibI Ich liebe Sie, liebte Sie vom ersten Augenblicke, da ich Sie sah!" „Arme Trixy!" war Edith's erster Gedanke, dann war's ihr, als müsse sie laut auflachen, nicht vor Triumph oder Freude, sie fühlte Beides nicht, sondern über das schreckliche Mißverständniß, das Triry angestellt hatte. Daß ein solches vorlag, war klar, sonst hätte doch Sir Victor nicht so gesprochen. „Ich wollte erst mit Lady Helena und Mrs. Stuart reden", fuhr er fort, „aber ich kann nun nicht länger mehr warten, muß von Ihnen mein Geschick erfahren. Ich liebe Sie, Sie sind die Erste, der meine Lippen solches gesagt, die Erste, für die ich Liebe gefühlt. Edith, darf ich hoffen?" Sie schwieg. Sie standen auf der Spitze des Hügels. Fern konnte sie die Wipfel der Bäume, die Schornsteine eines großen Gebäudes sehen, zweifellos Chateron Noyals. Es konnte ihre Heimath werden; der Baron stand neben ihr, bot ihr, der armen, niedern Edith Darrell, Rang und Reichthum. All' die Träume ihres Lebens waren erfüllt, und doch fühlte sie weder Triumph noch Freude und staunte schweigend über die eigene Apathie. „O, sagen Sie nicht es sei zu spät, sagen Sie nicht, daß schon Jemand ihr Herz gewonnen, ich ertrage es nicht. Ihre Cousine versicherte mich, daß ich eine günstige Antwort erhalten würde. Während der Bootfahrt zu Killarney sprach ich mit ihr, ich nannte zwar Ihren Namen nicht, sie aber verstand mich sofort und meinte, daß ich die Hoffnung hegen dürfte, daß-" Leidenschaft, Liebe und Furcht erstickten seine Worte, er wandte sich. „O, Trixy! Trixy!" dachte Edith, „welchen Unsinn hat das Kind angestellt!" Sie zeichnete mit dem Sonnenschirm apathisch Figuren in den Sand. Wäre ihr Leben davon abgehangen, sie hätte Sir Victor nicht antworten können. Allmählich mochte sie Freude empfinden, jetzt nicht. Er wartete auf Antwort, sie kam nicht. „Ich sehe wie es ist", sprach er traurig, „Sie lieben Ihren Cousin und sind mit ihm verlobt. Ich fürchtete es lang." Langsam hob sie das Auge zu ihm. „Mit meinem Cousin? Sie irren, ich bin mit Niemand verlobt und liebe Niemand." „Niemand? Auch mich nicht?" „Auch Sie nicht, Sir Victor. Wie sollte ich? Ich träumte nie davon." „Träumten nie davon? Mußten Sie nicht sehen, nicht wissen — —" s f „Ich dachte, Sie interessirten sich für Trixy." „Für Miß Stuart? Also hat sie Ihnen nichts gesagt von unserer Unterredung bei der Fahrt auf dem UM HWS AMmMKL «MKW WWW ^WK WW WßM- MKZ ME MWLM MMMH- MW WW OWWM -iWM '?/.^V'.^7.' 8M O-. Mtzd.-! WLÄÄüL MMWUMMMOM WWWWW -z^WW« AHMW -EE 538 See zu Killarney? Sie war mir eine gütige Freundin, eine sympathistrende Vertraute. Keine Schwester konnte aufmerksamer und aufmunternder sein, als sie." „Arme Trixy, eine SchwesterI" dachte Edith, „welche Scene wird es geben, wenn Du das hörst l" „Um Himmelswillen, sprechen Sie, Edith! Ohne Sie ist mein Leben elend, und warum soll ich nicht hoffen, wenn Sie frei sind? Ich verlange nicht, daß Sie mich jetzt lieben, ich will geduldig warten. Meine Liebe ist so groß, daß sie die Ihre erzwingen wird. Sagen Sie, daß Sie mein Weib werden wollen." „Sir Victor, ich weiß nicht, was ich sagen soll, ich habe ja weder Rang noch Reichthum." „Aber Schönheit, Grazie, die Güte eines Engels, und ich liebe Sie." „Lady Helena wird nicht einwilligen." „Sie willigt in Alles, was mich glücklich macht, meines Lebens ganzes Wohl liegt in Ihrer Hand, und ich kann, ich will Sie nicht verlieren." „Geben Sie mir Bedenkzeit, Sir Victor, morgen früh sollen Sie Antwort haben, jetzt schwindelt mir der Kopf von der unerwarteten Werbung. Ich bin stolz und dankbar ob der mir erwiesenen Ehre, aber ich gestehe offen, ich liebe Sie nicht." „Aber, Sie lieben Niemand, sagen Sie mir das noch einmal?" Sie erbleichte und blickte hinaus in die sonnige Landschaft. „Ich fürchte, ich bin ein herzloses, selbstsüchtiges Wesen, das vielleicht nie Jemand wirklich lieben wird. Das müssen Sie wissen, wenn Sie um mich werben. Ihre Frau zu sein, wäre mir die höchste Ehre — doch bitte ich um Bedenkzeit bis morgen früh." Er verbeugte sich und bot ihr den Arm. Im Salon waren alle versammelt. Trixy lag bleich auf dem Sopha. Lady Helena saß neben ihr, Rudolf in einer Fensternische. Alle drei betrachteten die Kommenden, Trixy mit Eifersucht. Wenn Sir Victor sie liebte, war sein Platz nicht an ihrer Seite? „Ich reite nach Drexel Court", sprach der Baron nach einer Weile, „ich versprach Hampton —" „Ja, Lady Arabella ist dort", unterbrach ihn Lady Helena lachend, „geh' und grüße sie, wir erwarten Dich aber zu Tische." Victor erröthete wie ein Mädchen, ängstlich blickte er auf Edith, die sich in ein Album vertieft hatte. „Wo warst Du und Sir Victor die ganze Zeit, Edith?" fragte Trixy, sobald sich Gelegenheit bot. „Im Park." „Wovon spracht Ihr?" „Von allerlei Dingen, von der schönen Aussicht, dem Wetter und dergleichen, hätte ich Dein Interesse geahnt, so würde ich die Unterhaltung notirt haben." „Spracht Ihr von mir?" »Ja, Dein Name wurde erwähnt." „Sagte er etwas von — von — Du weißt schon was ich meine?" „Er sagte kein Wort, daß er Dich lieben oder hei- rathen wolle, wenn Du das meinst. Aber beendige das Verhör und laß mich die Bilder betrachten." Zur Tischzeit kam Sir Victor, er sah bleich und angegriffen aus. Alle Fragen der Tante über die Familie Drexel beantwortete er so kuiz wie möglich. „Bist Du krank, Victor?" fragte die Tante ängstlich. „Krank? Nein, sei unbesorgt, mir fehlt nichts." „Aber Du bist bleich und schweigsam und issest nicht." „Morgen will ich Dir alles sagen, verschone mich bis dahin." Sie ahnte nicht die Wahrheit und drang nicht weiter in ihn. Edith war in heiterer Laune. An „morgen" wollte sie nicht denken. Heute war sie noch frei, morgen konnte sie bereits gebunden sein, Fesseln, wenn auch goldne, tragen. Sie spielte Schach mit Sir Victor, seine Hand bebte, die ihre war fest. Hauptmann Hammond bat um ein schottisches Lied. „Singe: „Und Karl ist mein Geliebter", sagte Trixy boshaft, „das ist ja doch Dein Lieblingslied." Rudolf saß auf einem Sopha daneben. »Ja, singe es, Dithy, Du hast es schon lange nicht mehr gesungen." „Und ich werde es auch nie mehr singen", lachte sie, „man wird der alten Lieder so bald müde." Sie sang es in neckischer Weise, und Sir Victor trank jeden Ton von ihren Lippen. Nachdem sie sich in ihr Zimmer begeben, setzte sich Edith an's Fenster und sann und sann. Sollte sie Sir Victor heirathen? Sie liebt ihn nicht, würde ihn vielleicht nie lieben. Ihr ganzes Herz gehört Rudolf. Wenn sie den Baron heirathete, besaß sie Reichthum und Rang, ein herrliches Leben, alle Freuden des Daseins. Sie liebte Vergnügen, Luxus und Rang. Liebe — nun, Sir Victor liebte sie, und für eine Frau ist es immer besser geliebt zu werden, als zu lieben. Auf der andern Seite konnte sie Rudolfs Weib werden, eine Zeit lang selig sein und dann arm — ihr ganzes Leben lang. Sein Vater würde ihn verstoßen, er müßte arbeiten, und die alte Geschichte jvon Armuth und Entbehrung begänne von Neuem. Schaudernd wandte sie sich von dem Bilde. Sie wollte nicht ihr und Rudolfs Leben verderben, und wenn auch ihr Herz bräche. An ihrem Verlobungstag aber mußte sie Rudolf auf immer entsagen. Ihr Wort mußte rein und unbefleckt erhalten bleiben, und Rudolf und sie durfte nicht mehr ein Haus beherbergen. Sie suchte sich vorzustellen, was das Leben sein würde ohne ihn. Es war ihr, als dächte sie keine Zeit wo er ihr nicht gehörte. Und jetzt sollte sie ihn auf immer aufgeben! Sie erhob sich und ging zur Ruhe, sie wollte nicht mehr denken, sondern schlafen, vergessen. Als sie erwachte, vergoldete die Sonne ihr Zimmer und sie sprang klopfenden Herzens auf. Sir Victor Chateron hatte um sie geworben, der Zweifel, das Zögern war vorüber. Sie sang beim Ankleiden und begab sich dann in den Garten. Eine wohlbekannte Gestalt schritt dort rastlos auf und nieder. Ein Blick in des Mädchens lächelndes Gesicht genügte. „Ich komme um meine Antwort, Fräulein." „Ich möchte Ihnen eine Freude machen, Sir Victor, was soll ich thun?" „Mir Jawort geben,Edith, o — sagen Sie nicht nein." Sie blickte ihn so frei und offen an, wie Mädchen in solchen Momenten wohl nie dem geliebten Manne in die Augen sehen, und legte die kleine Hand in die seine. „Wenn Sie es so sehr wünschen, so geschehe Ihr Wille, ja, ich nehme Ihre Werbung an." (Fortsetzung folgt.) 539 Die künstliche Seide. Von Dr. Julius Thilo (Mühlheim a. M.). Ein großer Theil der technischen Bestrebungen ist darauf gerichtete, Produkte, die von der Natur geliefert werden und die einen großen Masscnkonsum haben, entweder direkt der Natur nachzuahmen oder, wenn das nicht geht, durch irgend ein anderes Kunstprodukt von annähernd gleichen Eigenschaften, wenn auch nicht gle cher Zusammensetzung wie das Naturprodukt, zu ersetzen. Natürlich haben solche Bestrebungen nur dann Zweck und Erfolg, wenn es gelingt, das Kunstprodukt billiger zu fabriziren, als das Naturei zeugniß sich stellt, und zwar muß die Preisdifferenz um so wesentlicher sein, je mehr das Erstere in seinen Eigenschaften gegen das Letztere abfällt. Als ein industriell sehr bedeutsamer Versuch in dieser Richtung ist die Industrie der künstlichen Seide Verbindung der drei Elemente Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff, die die Salpetersäure bilden, eine aus Stickstoff und Sauerstoff bestehende Gruppe heraustritt und sich mit dem Glycerin verbindet. Diese Atomgruppe, die nicht blos dem Glycerin, sondern auch vielen anderen Substanzen bei ihrem Eintritt in dieselben gefährlich explosive Wirkungen ertheilt, heißt die „Nitrogruppe" (van Nitron, der Salpeter), und die chemische Thätigkeit des Einführens dieser Niliogruppe heißt „Nitriren". Der Holzstoff, die Cellulose, bietet nun für die Nitro- gruppe ein weites Operationsfeld. Die Cellulose kann stärker und schwächer nitrirt werden, je nachdem mehr oder weniger Nitrogruppen in dieselbe eintreten. Von einer gewissen Anzahl derselben an gewinnt nun die Cellulose explosive Eigenschaften, und zwar von so starker Natur, daß die entstehenden Körper wahre Sprengstoffe sind; die st u - - GadUngen. Original-Ausnahme von Gustav Baader, Photograph in Krumbach. sVervielsältigungsrecht vorbehalten.) zu betrachten, die seit einiaen Jahren besteht und wie es scheint vom Erfolg begünstigt ist. Im Prinzip beruht die Herstellung der künstlichen Seide etwa in Folgendem: Sie stellt sich nicht als eine Nachahmung der natürlichen Seide dar, sondern als ein Ersatz derselben; ihre chemische Beschaffenleit ist eine ganz andere als die der Naturseide. Die Cellulose oder der Holzstoff spielt eine sehr große Rolle im Haushalt der Natur und in der Technik; das Holz, die Baumwolle, das Papier bestehen im Wesentlichen aus Cellulose. Nun hat die Cellulose die für die Verwendung äußerst wichtige Eigenschaft, daß sie „nitrirt" werden kann. Der Charakter des „Nitrirens" sei an einem Beispiel geschildert: Das Glycerin, diese harmlose, ölige Flüssigkeit, wird, wenn es mit Salpetersäure in Wirkung tritt, zu dem Nitroglycerin, jenem bekannten furchtbaren Sprengstoff. Das geht so zu, daß aus der Schießbaumwolle, die auch den Hauptbestandtheil des rauchlosen Pulvers bildet, ist eine nitricte Cellulose. Die Nitrocellulose löst sich in einem Gemisch von Alkohol und Aether leicht auf, eine Lösung, welche in der Medizin und Photographie viel unter dem Namen „Col- lodium" verwendet wird. Die künstliche Seide ist nun eine nitrirte Cellulose, der nachher, um die Explosivität herabzumindern, der größte Theil der eingetretenen Nitrogruppen wieder entzogen wird. Der erste Erfinder der künstlichen Seide ist der Franzose Chardonnet, der zum ersten Mal auf der Pariser Weltausstellung im Jahre 1889 sein Produkt einem größeren Kreise vorführte. Als Cellulose-Material benutzte man zuerst Baumwolle; später aber gereinigten Holzstoff. Diese Cellulose wird affo mit einer Mischung von Salpetersäure und Schwefelsäure (die Letztere dient 540 nur zur Verdünnung der Salpetersäure), nitrirt und die entstandene Nitroccllulose in Alkohol-Aether-Mischung gelöst. Diese Lösung wird sodann in ein von Wasser um- spültes Rohr und von diesem in die sogenannten Fadenbilder gedrückt; diese Fadenbilder sind ebenfalls Röhren, die an das Hauptrohr angesetzt sind und eine sehr feine kapillare Oeffnung haben. Um die Oeffnung dieser Fadenbilder herum cirkulirt nun fortwährend Wasser, so daß der herausgepreßte Strahl von Collodium sofort ins Wasser fließt, dort erstarrt und seinen Alkohol und Aether ans Wasser abgibt. Die auf diese Weise erzeugte» Fäden können nun wie gewöhnliche Seide gespult werden. Ihrem chemischen Charakter nach leiden dieselben aber natürlich noch an zu großer Entzündlichkeit; sie verpuffen schnell, wenn sie an eine Flamme gebracht werden. Die künstliche Seide wird deshalb „denitrirt", d. h. es wird ihr der größte Theil ihrer Nitrogruppen entzogen und damit ihre Explosivität so weit herabgemindert, daß sie nicht entzündlicher als gewöhnliche Baumwolle wird. Die Mittel hierzu sind verschiedene. Es genügt auch schon kaltes Wasser, gewöhnlich aber wird das Produkt in einem Bade, welches Essigsäure und Schwefelverbindungen oder auch verdünnte Salpetersäure enthält, denitrirt. Die weitere Behandlung ist nun die der natürlichen Seide. Die Chardonnet'sche künstliche Seide, welche, wenn auch noch in geringem Maße, in Deutschland Verwendung findet, ist ein stark glänzendes, grauweißes Gespinnst; im Gefühl ist sie nicht so weich wie Seide. Sie hat auch sonst noch einige wesentliche Eigenschaften, in denen sie erheblich hinter der Naturseide zurücksteht. Zunächst ist ihre Festigkeit bedeutend geringer; auch ihre Elastizität soll der der Naturseide nachstehen, sie zieht auch noch stärker Wasser aus der Luft an und ist endlich in ihrem spezifischen Gewicht um 13 pCt. höher als die natürliche Seide. Verschieden sind die Urtheile über ihr Verhalten beim Färben. Während sie nach einigen Mittheilungen sich ebenso gut färben lasse wie Naturseide, verliert nach anderen fachmännischen Urtheilen der Faden beim Benetzen völlig seine Stärke und wird so schwach, daß er nur mit größter Vorsicht bearbeitet werden kann, und daß das Färben nur sehr geschickten Händen anvertraut werden darf. Die Industrie der künstlichen Seide ist in Frankreich bereits auf großem Fuße ausgebildet, und es wird sich im Laufe der nächsten Jahre zeigen müssen, ob sie geeignet ist, für zahlreiche Verwendungsarten die Naturseide zu verdrängen oder nicht. -- Zu unseren Bildern. Unter und Mutter zugleich. Noch nicht gar lange ist es her, dah man die treubesorgte, gute Mutter nach schwerer, hoffnungsloser Krankheit hinausgetragen hat auf den Ruheplatz der Todten. Die ungewohnten Anstrengungen, welche ihre Krankheit den schwachen schultern der jugendlichen Tochter aufgebürdet, die schlaflosen Nächte, welche dieselbe am Bette der theuren Kranken zugebracht, der ununterbrochene Aufenthalt in der dumdfen Luft der Krankenstube und schließlich der namenlose Schmerz über den unersetzlichen Verlust, haben sie selbst aufs Krankenlager hingestreckt. Der Vater, mehr gewohnt, im wilden Wintersturme draußen des Waldes unwirsche Gesellen zu fällen, als zarte, kranke Pflänzlein zu Legen und zu pflegen, reicht ihr besorgt in das Auge blickend, aus dem ihm das Bild der Mutter entgegen- strahlt, mit schwieliger Hand die kühlende Milch. Er ist jetzt Vater und Mutter zugleich und wird es dem theuren Kinde, dem einzigen Kleinod, das ihm noch geblieben, an nichts fehlen lassen, bis es wieder gesund geworden, die Stelle der Hausfrau übernehmen und ihm seine Liebe vergelten kann. Gadltngen. In Nr. 39 des Unterhaltungsbl. vom Jahre 1896 gaben wir ein Bild von Gablingen mit geschichtlichen Notizen, auf welche wir auch für das vorstehende sehr gelungene Bild verweisen. -- Goldköruer. Es gibt nur ein Glück: die Pflicht! ^ Nur einen Trost: die Arbeit! Nur einen Genuß: das Schöne! Carmen Sylva. InßsnnLz.ßiOna.Iss IViSistzSt'-l'tit'nisr' in AinrnlkvrK. Wir theilen hiermit 6is äritts Dartie aus äiessm Nsistsr- lurniere mit. (Kaehäruclc verboten, 6a äas Recht 6er Dubli- eation von äsm 8chacheluh Kurnber" vorbehalten rvuräe. D.R.) III. (Zebluss.) Italienische lÜrötknunA. IV siss: 4Il>in (Oesterreich). 8 e b rv a r r: OllUI 0 N 8 kK (Ungarn). dL rS Weiss: 41h >» (Oesterreich). 8 chrvarr: Oliuronzek (Dnoarn.) i s 2 —e4 s7—eS 18 e4x15 D. e 8 X 1 o 2 8 . 8 . l> 8 —e 6 19 8 . 27 D. 17—e4 1. H6-16 ll 8 . b>-cI 2 e7 —«6 ^28 1 . äl—c16 §7 —06 !2 D. e3>6 15 I. 11 —sl L. x 8 —b 8 32 8 . §5—e 6 8 . 16—Ii5 16 8 . 62-11 17—15 33 D. e2—e4 aulosLehon. 17 8 . 11 -B 8 . H5—14 *) Kleine Roehaäs. KnmsrlcunA. Diese Dartis ist bis in äis kleinsten Details ant 6as exakteste änrobgelührt. K. Dolmann. Lohrvare am 8u^s. 480DDDS8 Weiss. LtellunA nach äsn, 22. 2m^e von Weiss. ^ 71 . Ireilag, den L8. August 1896 . Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der MrS. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) 10. Kapitel. Wie Trixy es aufnahm. ES »lochte halb ein Uhr gewesen sein und Trixy faß allein und düster in ihrem Zimmer. Edith trat ein, schön und leuchtend wie der junge Morgen. „Guten Tag, Trixy, wie geht'S mit Deinem Fuß?" „Er thut sehr weh", entgegnete sie barsch, „es ist ein Unsinn, spiegelglatte Böden herzustellen. Seit wann bist Du auf?" — „Seit zehn Uhr." „Warst Du im Garten?" Im" ^Sa'hst Du Sir Victor?" «Ja." „Hat er nach mir gefragt? „Natürlich", entgegnete Edith, obwohl der Varon ganz vergessen hatte, daß Beatrice Stuart existirte. „Er ist ein sehr aufmerksamer Wirth", rief Beatrice bitter, „er weiß, daß eine Dame krank liegt, und steht nicht einmal nach ihr." „Aber, liebe Trixy, die Herren besuchen doch die Damen nicht in ihrem Zimmer, das schickt sich nicht." „Sage mir, Edith, ob er etwas sprach — Du weißt schon was." „Dich zu heirathen? Nein, Trixy, nicht ein Wort." Sie stellte sich hinter den Fauteuil und schlang ihre Arme um des jungen Mädchens Hals. „Glaubst Du nicht, es könnte in Killarney ein kleines Mtßverständniß obgewaltet haben?" „Mißverständniß? Ich verstehe Dich nicht", rief sie mit steigender Angst, „um Himmelswillen, komm' herüber, daß ich Dich sehen kann, stehe nicht wie ein böser Geist hinter mir." „Sei nicht böse, Trixy, ich habe etwas Unangenehmes zu sagen, und ich fürchte mich. Es war ein Mißverständniß damals." „Wie könnte es eines sein. Er sagte mir, daß er liebe, daß er einen Rivalen fürchte, mit Papa und Mama sprechen wolle; wo sollte da ein Mißverständniß möglich sein?" ' „Ja, Trixy, es ist doch so. Sir Victor wird heute Mit Deinen Eltern sprechen, aber nicht über Dich." „Edith!" Sie sprang auf mit bleichem Gesichte und mit funkelnden Augen. „Was willst Du sagen?" Edith umschloß sie fester und legte schmeichelnd die Hände an ihr Gesicht. „In dem Boote auf dem See von Killarney sprach Sir Victor von mir." „Von — Dir?" tönte es von Beatricen's erbleichenden Lippen. „Ja, meine Liebe, von mir, und er glaubt noch heute, daß Du ihn so verstanden. Set mir nicht böse, ich kann nichts dafür. Er warb gestern um mich." „Um Dich?" fragte Trixy wie betäubt, „und Du wiesest ihn ab?" „Ich nahm ihn an." Eine Pause folgte. Beatrice war leichenblaß vor Zorn, Enttäuschung und Erstaunen. Endlich brach sie in einen Strom von Thränen aus. „Trixy, liebe Trixy, weine nicht, ich wußte nicht, daß Du ihn liebtest." „Ihn lieben?" rief sie mit blitzenden Augen, „ich liebe ihn nicht; was aber brauchte er so zu schwätzen und Anspielungen zu machen?" „Es war freilich sonderbar, daß er überhaupt mit Dir dämm sprach, aber, siehst Du, er meinte, Du hättest ihn recht verstanden." „Ihn recht verstanden? Die Engländer sind lauter Narren und Sir Victor der größte darunter." „Weil er mich heirathcn will?" „Ja, gerade deshalb, Du kümmerst Dich keinen Deut um ihn." „Kümmertest Du Dich um ihn, als Du sein Weib werden wolltest?" „Jedenfalls mehr als Du, ich liebte wenigstens keinen Anderen." „Und wen liebe ich?« „Rudolf. Leugne es, wenn Du es wagst." Sie blickte Edith an. Ihr zorniges Auge, ihr ganzes Wesen glich so sehr Rudolf, daß sie momentan die Fassung verlor. Sie senkte die Augen. „Laß uns nicht streiten um eines Mannes willen, den wir Beide nicht lieben, wir, die wie Schwestern waren." 542 «Wie — Schwestern!" rief Beatrice bitter, »ich glaube, Du betrügst und intriguirst." „Beatrice!" „O, ich weiß was ich sage. Ehe Du nach New- Aork kamst, schenkte der Baron wir Aufmerksamkeit, und wäre ich nicht seekrank geworden, so hätte er mich gefreit. Auf dem Schiffe aber locktest Du ihn an Dich, ko- kettirtest dann mit Rudolf, um Sir Victor zu reizen. Du bist ein kluges Mädchen, Dein Plan ist gelungen, und ich wünsche Dir Glück." „Ich nehme mir nicht die Mühe, Deine Anklagen zu leugnen, Du weißt, daß sie falsch sind. Weder in New-Aork, noch aus dem Boote, noch sonstwo suchte ich Sir Victor auf. Wäre er ein Prinz gewesen, ich Hütte eS nicht gethan. Du kannst auch zu weit gehen, Trixy. Er erwies mir die Ehre, um mich zu werben, und ich nahm ihn natürlich an. Ich konnte nicht anders handeln. Und wenn er in Killarney Unsinn schwätzte, bin ich nicht dafür verantwortlich. Er glaubt, klar gesprochen zu haben, und ahnt nichts von einem Mißverständniß. Uebrigens will ich Dich jetzt verlassen, denn ich will mit Dir nicht streiten." Ihre Stimme brach. Sie wandte sich zur Thür, und Trixy wurde das Kleinliche ihres Betragens klar. Ihr großmüthiges Herz tadelte eS. „Bleibe, Edith, ich will auch nicht mit Dir streiten, und es ist verächtlich und erbärmlich, wenn ich nun um einen Mann weine, der keinen Funken Interesse für mich hat. Als ich Dir damals Mittheilung machte, gratu- lirtest Du mir, laß mich erst zu mir selbst kommen, und ich thue es auch. Die ganze Sache aber kommt so unerwartet, weil ich glaubte, Du liebtest Rudolf. „Freilich liebe ich ihn wie einen Bruder." „Wie einen Bruder, Unsinn! Liebet Ihr Euch wirklich nicht seit zwei Jahren!" Edith lachte. „Eine absurde Frage. Ich glaube, weder ich noch Dein Bruder können sich ernstlich verlieben. Er fände es fieberhaft und ermüdend, und ich — wenn Liebe jene Bücherleidenschaft ist, welche die Leute nicht essen und nicht trinken läßt, kannte ich sie nie?" „Aber Du liebst Rudolf." „Ja, ich liebe ihn so sehr, daß ich ihn nicht hei- rathen und zu Grunde richten möchte. An dem Tage, wo wir mehr als Freunde wären, würde sein Vater ihn enterben, und der Vater ist nicht der tobende Alte in der Komödie, der vier Akte lang wüthet und in dem fünften seinen Segen gibt. Rudolf und ich sind vernünftig, wir haben uns die Hand gegeben und uns gelobt, gute Freunde bleiben zu wollen." „Und weiß Sir Victor von diesem vetterlichen Uebereinkommen?" „Set nicht sarkastisch; ich habe Sir Victor nichts zu gestehen, und wenn ich verheirathet bin, soll weder Dein Bruder noch ein Anderer Platz in meinem Herzen finden." „So! Und wann soll die Hochzeit sein?" „Das weiß ich nicht; es mag lange dauern. Natürlich widersetzt sich Lady Helena." „Und fürchtest Du sie nicht?" „Nein, sie ist seine Großtante, seine einzig lebende Verwandte, aber er ist majorenn und kann handeln wie er will." Stolz wie eine Königin wandte sie sich zur Thüre. „Diesen Nachmittag soll eine Spazierfahrt stattfinden. Du wirst hinunter getragen werden und Hauptmann Hammond als Dein Kavalier fungiren." „Und Du?" „Sir Victor fährt mit." „Allein natürlich", sprach Trixy mit bitterem Höhne. „Natürlich allein", entgegnete Edith kalt und verließ das Gemach. 11. Kapitel. Wie Tante Helena eS aufnahm. Aber die Spazierfahrt kam nicht zu Stande, denn während zwischen Edith und Beatrice sich die unangenehme Scene abspielte, ereignete sich eine ähnliche in einem andern Zimmer des Schlosses. Lady Helena hatte sich in ihr Zimmer begeben, um nach der Morgcnpost, die ihr mehrere Briefe gebracht, zu sehen. Einen derselben ergriff sie begierig. Er trug das Postzeichen von London und sie erbrach hastig das Siegel. Während sie in des Schreibens Inhalt sich vertiefte, klopfte es, und ihr Neffe trat ein. Schnell zerknitterte sie den Brief, versteckte ihn und sah ihm lächelnd entgegen. Victor war ihr Augapfel, ihres Herzens Liebling. „Störe ich? Bist Du beschäftigt?" „Nein, Victor, ich wollte eben mit Dir über die Einladungen zum Ball sprechen; kommst Du deshalb?" „Nein, Tante, ich habe Dir Wichtigeres zu sagen." Sie faßte ihn näher inS Auge. Sein Antlitz war geröthet, sein Auge glänzte, glückliches Lächeln umspielte seine Lippen. „Du siehst ja ganz strahlend aus." „Ich habe Grund dazu, Tante, gratulire mir, ich bin der glücklichste Mann der Erde." „Und worin besteht dieses Glück?" „Erräthst Du es nicht? Ich glaubte, Frauen seien in dieser Hinsicht sehr scharfsichtig. Hast Du wirklich keine Ahnung?" Sie erbleichte jedoch. „Ich werde wich verheirathen." Sir Victor hielt inne, denn mit einem Angstruf erhob sich Lady Helena. Hätte er gesagt, „ich werde gehängt", ihre Bestürzung konnte nicht größer sein. Wie um einen Schlag abzuwehren, streckte sie die Hände aus. „Nein, nein, nicht heirathen! Um HimmelSwillen, Victor, sage das nicht." „Tante Helena!" „Es kann ja nicht sein, Du kanttst nicht heirathen wollen, was brauchen Jungen von dreinndzwanzig Jahren Frauen." Er lachte gutmüthig. „Ich halte Jungen von breiundzwanzig Jahren für ziemlich erwachsen und selbstständtg; mein Vater war ebenso alt, als er Gattin und Kind nach Chateron Royals brachte." Sie sank in einen Stuhl. „Du bist bleich, Tante, und mein vorschnelles Sprechen hat Dich erschreckt. Soll ich Wasser holen?" „Nein, bleibe! Gib mir Zeit nachzudenken." Er setzte sich; jede Scene war ihm peinlich, und der Anfang versprach nichts Gutes. Die alte Dame schwieg einige Minuten, unbewußt aber flüsterten ihre Lippen: „Die Zeit kam, die Zeit ist gekommen!" Sir Victor brach selbst das Schweigen. „Ich verstehe Dich nicht, Tante, und Deine Auf- 843 fassung Meiner Mittheilung gefällt mir nicht. Du mußtest Dich doch mit dem Gedanken vertraut gemacht haben, daß ich eines Tages heirathen würde, gleich andern Männern. Die Zeit ist gekommen, wie Du selbst sagst; ich sehe darin nichts Entsetzliches." „Aber nicht so bald",stöhnte sie, „oVictor, nicht so bald." „Dreiundzwanzig Jahre ist nicht zu bald, und ich liebe meine Braut von ganzem Herzen. Dank dem Himmel, daß sie mich angenommen hat, ich möchte ohne sie nicht leben." „Wer ist sie? Natürlich Lady Arabella." „Es ist Miß Darrell." Lady Helena starrte ihn entsetzt an. „Miß Darrell, die Amerikanerin? Du scherzest wohl, Victor?" „Ueber solche Dinge werde ich nie scherzen, Tante. Diesen Morgen machte mich Miß Darrell zum glücklichsten Mann der Welt, indem sie meine Werbung annahm. Aber, Tante, Du mußt es ja längst vermuthet, gesehen haben." „Ich sah nichts, ich bin eine alte, blinde Frau." Wieder folgte eine Pause, daS Wesen der Tante war m entruutbiaend. „Ich liebte Edith vom ersten Moment des Sehens", begann er wieder, „und ich mag nicht daran denken, was ohne sie mein Leben gewesen wäre. Du aber warst meine Mutter, so lange ich denken kann. Du wirst jetzt mein Glück durch Deinen Widerspruch nicht trüben wollen." "'""„Aber ich widerspreche ganz entschieden, mehr noch, ich verbiete die Heirath. Du bist zu jung; wenn Du dreißig Jahre alt bist, ist's früh genug an derlei zu denken. Reise, besieh Dir die Welt, geh' in den Orient, wie Du oft gesagt, nach Afrika, wohin Du willst. Niemand kennt sein eigenes Herz im lächerlichen Alter von dreiundzwanzig Jahren." ^ Sir Victor lächelte ruhig und entschlossen. „Ist meine Jugend also Dein einziger Einwand?" „Nein, ich habe deren mehr, die Idee ist in jeder Hinsicht verwerflich, und ich widersetze mich ganz entschieden. Du sollst nicht eine Amerikanerin ohne Familie und Stellung, die Du erst einige Wochen kennst, von der Du absolut nichts weißt, heirathen. Der bloße Gedanke ist absurd." Des Barons Stirne faltete sich. „Ich bin mein eigener Herr, will aber al? Deine Einwände beantworten, weil ich das schuldig zu sein glaube." „Miß Darrell steht unter Dir", zürnte Lady Helena, „die Chateron haben immer vornehm gehetrathet. Deine Großmutter war die Tochter eines Marquis." „Und meine Mutter die Tochter eines Seifensieders. Vergessen wir das nicht." „Warum sprichst Du mir von ihr? Du weißt, ich kann es nicht ertragen. O, warum sahst Du je die fremde Abenteurerin, warum kam sie je in unsere Nähe?" Lady Helena erregte sich furchtbar in einer dem Neffen ganz unerklärlichen Weise. „Du gehst zu wett, Tante", sprach er langsam, „Miß Darrell ist keine Abenteurerin, sie hat in keiner Weise mich zu gewinnen gesucht, und meines Glückes einziger Schatten ist, daß sie mich nicht liebt, wie ich sie liebe. Frei und offen gestand sie mir das, aber ich vertraue, daß meine Liebe Gegenliebe erzwingen wird. Jedenfalls ist es mein fester Entschluß, sie in thunltchster Bälde zu heirathen." Sie blickte ihn an, in seinen Zügen lag eiserner Wille. „Ich hätte wissen können", sagte sie bitter, „er ist seines Vaters Sohn. Dieselbe Hartnäckigkeit, dieselbe Verschlossenheit gegen jede Warnung. Früher oder später mußte es kommen, aber so früh." Langsam rollten Thränen über ihre bleichen Wangen, und das wirkte mehr als Worte. „Weine nicht, Tante, Du betrübst mich, und ich glaube. Du solltest mich nicht in dieser Weise tadeln. Ich liebe Edith, und damit ist Alles gesagt." „Du liebst sie? Armer, armer Junge." „Ich glaube kein Mitleid zu verdienen. Sage mir lieber einen vernünftigen Grund für Dein Benehmen." „Einen vernünftigen Grund?" „Nun, natürlich, glaubst Du nicht, daß ich sehe. Du habest noch einen andern Grund? Laß einmal hören. Sorgen sind wie die wilden Thiere, blickt man ihnen fest inS Auge, so ergreifen sie die Flucht. Weshalb sollte ich mit dreiundzwanzig Jahren nicht heirathen? Wäre mein Alter auch ein Hinderniß, wenn ich z. B. um Lady Arabella würbe?" „Du sollst gar nicht heirathen." „Was? Als alter Hagestolz zusGrabe gehen, daS ist doch etwas zu viel für eine vernünftige Dame." „Da ist nicht zu spaßen, Victor, es wäre besser Du heirathetest nicht, besser, der Name Chateron verschwände vom Erdboden." „Tante Helena!" „Ich weiß, waS ich sage, Victor, und Du würdest Mir beistimmen, wüßtest Du, waS ich weiß." „Laß mich denn Alles wissen und selbst urtheilen. Sobald Du mir ein vernünftiges Hinderniß sagst, mich überzeugst, daß eS unrecht sei vor Gott und den Menschen, wenn ich sie heirathe, so will ich sie aufgeben, so namenlos ich sie auch liebe." „Würdest Du eS thun, Victor, hättest Du die Kraft hiezu? Gott weiß, ich Möchte nicht hart sein, möchte Dich gern glücklich sehen, aber-" „So sage mir Alles und laß mich urtheilen." „Ich weiß nicht, was ich thun soll!" rief sie erregt, „ich versprach ihr, Dir's zu sagen, nun aber der Tag gekommen, kann ich es nicht." Er erbleichte in unbestimmter Furcht. „Du mußt, Tante, und ich bin kein Kind mehr, das vor Schreckgespenstern erschrickt. Welch' furchtbares Geheimniß birgt sich hinter all' dem?" „Ein furchtbares Geheimniß, ja, Du hast es gesagt." „Spielst Du auf meiner Mutter Tod an? Kanntest Du die ganze Zeit ihren Mörder und verbargst ihn?" Keine Antwort. Sie bedeckte das Gesicht und wandte sich ab. „Habe ich Recht?" Sie sprang auf. „Laß mich, Victor, dreiundzwanzig Jahre laug bewahrte ich das Geheimniß, glaubst Du, Du könntest es mir in einem Moment abringen? Welches Recht hast Du, mich zu fragen? Wüßtest Du Alles, so wüßtest Du, daß Du kein Recht hast, ein Weib an Dich zu ketten, kein Recht selbst auf den Namen, den Du trägst." Er stand erbleichend auf. Sprach Lady Helena im Wahnsinn? Ehe er noch zu sprechen vermochte, pochte es, und ein Diener brachte ein Billet. „Eine Dame wünscht Mylady in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen", meldete er. „Ich kann Niemand empfangen." 544 — „Mhlady entschuldigen, die Dame sagt, Sie würden sie sicher empfangen, lesen Sie das Billet." Lady Helena riß es auf und überflog die wenigen Zeilen, welche die Unterschrift „Jnez" trugen, mit einem Ausdruck der Erleichterung. „Führen Sie die Dame sofort herein." „Vergib, wenn ich in meiner Erregung Ungebührliches sagte", wandte sie sich, nachdem der Diener sie verlassen, an den Neffen, „gib mir Zeit und Du sollst bald hören, was Du wissen mußt. Diese Dame kommt sehr gelegen." „Soll das heißen, daß die Fremde Deine Vertraute ist und auch die meine werden soll, daß Du sie konsul- tiren willst, ehe Du mir das Geheimniß mittheilst, von dem mein Lebensglück abhängt?" „Ja, und Du wirst Alles verstehen. Die Dame gehört zu unserer Familie; mehr kann ich vorerst Dir nicht sagen. Geh' nun, Victor, Morgen womöglich sollst Du die Wahrheit hören." Er verbeugte sich kalt und ging. Was bedeutet all' das? Bisher war sein Leben friedlich verlaufen, nun tauchten auf einmal Familiengcheimnisse auf. „Mag der Morgen bringen, was er wolle", sagte er entschlossen, „Edith Darrell wird mein Weib." 11. Kapitel. Am Tage des heiligen Patrick. Beim Hinabgehen begegnete er einer schlanken, großen, tiefverschleierien Dame. Wer mochte sie sein? Er verbeugte sich und eilte vorüber, um Edith aufzusuchen. Des Mädchens Auge war scharf, und Sir Victor verstand es nicht, sich zu verstellen. „Lassen Sie sich wahrsagen, Sir Victor", lächelte sie, „ich sage Ihnen die Vergangenheit aus den Linien der Hand. Sie waren bei Lady Helena, theilten ihr Ihre Werbung mit und baten um ihren Segen; Sie wurden natürlich entrüstet abgewiesen." Der Baron erröthete. „Ich hielt Sie stets für eine Zauberin, nun weiß ich es gewiß. Können Sie die Zukunft prophezeien?" „Vielleicht; Lady Helena wird darauf bestehen, daß Sie das arme, unbekannte Mädchen aufgeben; sie wird triftige und vernünftige Gründe dafür vorbringen, und Sie werden mir eines Tages erklären, daß Sie bedauern, einen Mißgriff gemacht zu haben, und mich bitten, Ihr Wort zurückzugeben. Edith Darrell wird wieder in das Dunkel zurückkehren, aus dem sie gekommen." Er lachte; sie hatte seine Sprechweise genau nachgeahmt. Dann sprach er ernst und tadelnd: „Und so kennen Sie mich nicht besser? Ich liebe meine Tante sehr, aber alle meine Tanten der Welt könnten mich nicht von Ihnen trennen." „Vielleicht wäre eine solche Trennung für uns Beide besser. Werden Sie nicht böse, Sie wissen wie ich's meine. Ich bin nicht von aristokratischer Abkunft, mein Vater hat ein Knabenpensionat, ich bin eigentlich Miß Stuarts Gesellschafterin, jedenfalls nur eine arme Verwandte. Seien Sie weise, Sir Victor, so lange es Zeit jst, lassen Sie sich warnen, bevor es zu spät ist. Ich verspreche nicht zu zürnen, ja sogar Ihre Vernunft zu bewundern. Lady Helena war Ihnen eine Mutter, es lohnt sich nicht, sie meinetwegen zu kränken. ES gibt Dutzende von reichen, schönen, adeligen Mädchen, die Sie lieben werden. Geben wir uns die Hand und scheiden wir." Mit ungezwungenem Lächeln reichte sie ihm die Hand, die er mit Küssen bedeckte. „O, Edith, wie leicht sprechen Sie vom Scheiden! Ich aber lasse Sie nicht. Sie mein Weib zu nennen, ist meines Lebens Hoffnung. O, daß Sie wüßten, wie ich Sie liebe, wie leer und werthlos mir die ganze Welt ist ohne Sie. Es könnte für mich nichts Schrecklicheres geben, als Ihren Verlust." „Sie lieben mich also sehr?" „Ich stürbe für Sie, Edith!" „Sterben Sie nicht", lächelte sie hold, „leben Sie für mich, ich glaube, es ist nicht hart, Sie lieben zu lernen." „Sie wollen also nicht mehr vom Scheiden reden Sie wünschen es wirklich nicht?" „Hätte ich dann Ihre Werbung angenommen? Wenn wir uns je trennen, geschieht es von Ihrer, nicht von meiner Seite aus." „Von meiner Seite?" lachte er glücklich, „und wenn Sie sich frei glauben, will ich Sie sofort binden." Er zog ein kleines Etui hervor. „Sehen Sie, Edith, diesen Ring trugen die Frauen unseres Geschlechts seit zweihundert Jahren, es ist der Verlobungsring der Chaterons." Ihr dunkles Auge funkelte bei diesem Anblick. ES war ein wundervoller, großer Solitaire, wie ein in Gold gefaßter Wassertropfen. „Es knüpft an diesen Ring sich die Sage, daß die Braut eines Chateron, welche ihn nicht trägt, ein unglückliches Leben führt und eines unseligen Todes stirbt. Sie begreifen wohl, daß es nöthig ist, ihn eifrig zu tragen." Sie hob gedankenvoll ihr Auge. „Trug ihn Ihre Mutter, Sir Victor?" Er erbleichte. „Nein, mein Vater heirathete sie heimlich und dachte nicht an den Ring. Führen ein unglückliches Leben und sterben eines unseligen Todes", fuhr er fort, „sie trug ihn nie, und bei ihr traf es ein." „Ein seltsames Zusammentreffen", sagte Edith und betrachtete den blitzenden Stein an ihrer Hand, der Hand, die noch vor zwei Monaten im alten Hause am MeereS- gestade gewaschen und gearbeitet hatte. „Sprechen wir nicht von meiner Mutter", bat er, „mir ist es furchtbar, an ihren Tod zu denken." „Wissen Sie, daß ich gern Chateron Royals sehen möchte?" bat sie, „darf ich?" „Ich bin glücklich, Ihnen Ihre künftige Heimath zu zeigen, und wenn Sie soweit gehen können, wollen wir uns gleich auf den Weg machen und zu Tische wieder herüberführen." Es war ein herrlicher Weg über Felder und duftende Wiesen und entlang die stille Landstraße, auf der einst ein anderer Sir Victor auf ewig von dem geliebten Weibe fortgeritten. Vergoldet von den Sonnenstrahlen, umrauscht von alten Bäumen, zeigten sich Chateron RoyalS epheuum- wundene Mauern und hochaufstrebende Thürme. Furchtlos äs'te das Wild, Perlhühner stolzirten umher, ein Pfau flog aufgeschreckt empor. Ueberall feierliche Ruhe. „Willkommen in Chateron Royals, willkommen als dessen Herrin, meine liebe Braut", sprach Sir Victor innig. Sie hob den thränenvollen Blick zu ihm. Wie gut war er, wie dankbar mußte sie ihm sein! 545 Ein aller Diener ließ sie ein. An des Verlobten Arm durchschritt Edith die langen Zirnmerreihen, riesige Hallen, Salons und Gemäldegalerien. Welch' kolossales Gebäude! Sie betrachtete die funkelnden Rüstungen, bis ihr die Augen schmerzten. Voll scheuen Staunens durchschritt sie den Ahnensaal, wo ein halbes Hundert Cha- teronS düster auf sie herabsahen. Einst sollte auch ihr Bild hier prangen. Die Frauen, die sie sah, lagen vermodert in der Ahnengruft, einst würde man auch sie kalt und starr darunter legen und ihr ein Marmordenkmal errichten. Sie schauderte und athmete tief auf, als sie wieder an die frische Lust kamen. „Es ist ein wunderbarer Besitz", sprach sie, „aber ein Zimmer haben Sie mir noch nicht gezeigt, und ich fühle ein krankhaftes Verlangen es zu sehen. Sind Sie böse, wenn ich darum bitte?" „Ihnen böse? Sprechen Sie." „Es ist das Zimmer, wo — o, verzeihen Sie, ich hatte nicht darum bitten sollen." „Doch, und Sie sollen es sofort sehen. Ich bin in manchen Dingen feige." Sie standen auf der Schwelle. Es war finster, die Läden geschlossen, die Vorhänge heruntergelassen, wie es feit jener schrecklichen Nacht gewesen. Nichts war verändert. Dort stand die Wiege, dort der Tisch, auf dem der Dolch gelegen, dort der Stuhl, auf dem Meta Cha- teron den Todesschlaf begonnen. Todtenstille lag über Allem. Edith zog Victor mit sich fort. „Wer that es?" fragte sie, als sie wieder unter dem blauen Himmel standen. „Ja, wer? Tante Helena weiß es." Gesicht und Ton waren ernst. „Wie konnte man ungerächt sie im Grabe liegen lassen? Ohne Zweifel hat es ein Chateron gethan, und um des Namens Ehre zu retten, ließ man den Mörder unentdeckt." „Ich glaube nicht, daß es Jncz war." „So war es ihr Bruder; lebt er noch?" „Soviel ich weiß, lebt er, und ich habe im Sinne ihn der Gerechtigkeit zu überweisen." „Sprechen wir nicht von der Sache, es macht Ihnen Schmerz; aber wenn ich je Herrin des Schlosses werde, lasse ich da§ Zimmer zumauern." „Wenn Sie die Herrin werden, wann wollen Sie eS sein?" „Wer weiß; vielleicht nie. Ich kann mir nicht denken, daß ich es je werde." , „Bitte, bestimmen Sie den Tag, heute ist der letzte Mai, darf ich die erste Woche im Juli nennen?" „Nein, auch nicht die erste Woche im August; weshalb die Sache überstürzen?" „Warum verzögern? Ich ertrage es nicht?" „Ich werde Sie nicht heirathen, so lange Lady Helena nicht ihre volle freie Einwilligung gibt." „Das wird sie binnen einer Woche thun. Wenn Sie mich nur ein wenig lieb hätten, so gebrauchten Sie nicht derlei Einwände." „Doch; man heirathet nicht so stürmisch, zudem habe ich Mrs. Stuart versprochen, den ganzen Sommer auf dem Kontinent französisch und deutsch zu reden." „Als meine Braut ändert sich das, Sie werden das selbst einsehen." „Allerdings." „Sie erweichen, ich seh' es an Ihrem Gesicht", flehte er, „o, Edith, lassen Sie es wenigstens dke erste Woche des September sein." Sie lächelte wie damals, als sie ihm ihr Jawort gab. „So sei es denn; sprechen Sie aber nicht mehr von dem Eigensinn der Frauen." „Gut, die Trauung findet am ersten September statt, am Tage des heiligen Patrick." (Fortsetzung folgt.) - — - - Vor 100 Zähren. A« 30. August findet im benachbarten Lechhausen eine bemerkenswerthe historische Gedenkfeier statt. An genanntem Tage Vormittags 11 Uhr wird nach vorausgegangenem Gottesdienste eine Gedenktafel enthüllt, welche dem Andenken an den vormaligen Hohenlohe'schen Oberlieutenant FranxoiS de Bouchö gewidmet ist, welcher vor 100 Jahren als Fremder mit seiner Gattin durch Lechhausen auf der Reise begriffen war und bei Gelegenheit der Netirade der kaiserlichen Truppen und des Vorrückens der französischen Armee unter Mo- reau dem Orte Lechhausen ganz außerordentliche und beträchtliche Dienste geleistet hat. Herr Gemeinde-Sekretär Reich! hat über die damaligen Vorgänge eine längere geschichtliche Abhandlung veröffentlicht, der die Abendzeitung Nachstehendes entnimmt. Die Nheinarmee, welche, wie kürzlich auch in einer historischen Neminiszenz im „Sammler" geschildert, ihren Marsch vom rechten Donauufer her durch Brand und Plünderung bezeichnete, schien auch den Ortschaften am Lech und an der Jsar gleiches LooS bereiten zu wollen. Lechhausen lief dabei Gefahr, wenn auch nicht gänzlich vernichtet zu werden, doch zu verarmen, und an Stelle der jetzigen blühenden Gemeinde wäre vielleicht ein unansehnlicher Ort. Die Rettrade der kaiserlichen Truppen war allgemein. Unter heftigem Geschützfeuer setzten die Franzosen über den Lech. Für Lechhausen kamen schwere Stnnden. Die Geschosse schlugen in die Mauern, und manches Haus stand schon in Flammen, als der erste Schwärm Franzosen plündernd, mit den Waffen in der Hand, die Straßen des Ortes überfluthete. Auf das kurfürstliche Mauthamt war eine Rotte, reiche Beute ahnend, zuerst eingedrungen. Eigenthümlicherweise erregte das zahlreiche Mobiliar der ver- wittweten Grenzmauthnerin von Stubenrauch, welche nebst einer 60jährigen Magd die einzige Vertheidigung des Mauthamtes bildete, in so hohem Grade das Gefallen der Rotte, daß sie, die Mobilien sämmtlich raubend, von einer Plünderung der Mauth absah. Allmälig füllte sich der Ort, Plünderung und Mißhandlung wurde bald allgemein. Der Jammer der Bewohner, die durch fortwährende Einquartierung der kaiserlich-königlichen Truppen ohnehin schon schwer gelitten, kannte keine Grenzen. In der breiten Straße war ein großer Tumult. Geplünderte, welche, jammernd sich um ihr Eigenthum wehrend, mit Kolbenschlägen zurückgetrieben wurden, riefen einen Mann um Hilfe an, der bereits andere zu schützen schien. Dieser, von stattlicher Figur, in Zivtlkleidern, einen Degen in der Faust, war bemüht, gegen Hunderte Bajonnete die bei ihm Hilfe Suchenden zu schirmen. Mit erregter Stimme machte er den Franzosen in ihrer Sprache heftige Vorwürfe über ihr brutales Vorgehen. Es schien nicht ohne Wirkung zu bleiben, da ein großer Theil der Soldaten murrend abzog. Dieser Mann sollte Lechhau- 848 seris Beschützer sein. ES war der seit einigen Tagen in dem oberen WirthShause nächst dem kurfürstl. Mauth- amte wohnende französische Emigrant Fran^oiS de Bouchs. Auf einer Reise durch Bayern mit seiner der Niederkunft nahen Gattin begriffen, war er durch das rasche Vordringen der Franzosen veranlaßt worden, in Lechhausen Quartier zu nehmen. Bouchs, aus einer lothringischen Adelsfamtlte stammend, deren Besitzthum durch die Revolution zerstört war. trat in das Regiment, welches Ludwig Fürst v. Hohenlohe-Waldenburg, Marschall und Pair von Frankreich, für das Emigrantenheer organisirte und gegen die Republik führte. Nach dem siegreichen Sturm der Verbündeten unter Wurmser auf die Weißenburger Linien, 13. Okt. 1793, wurde Bouchs Lieutenant. Als das Kriegsglück sich wendete und schon am 16. Dezember Ptchegru die Oesterreichs und Preußen bei Weißenburg schlug und zum Rückzug über den Rhein zwang, folgte Bouchs dem Fürsten Hohenlohe nach dem Kriegsschauplatz in den Niederlanden. Als Lieutenant im Hohenlohe'schen Regiment focht derselbe in den Kämpfen bei Nimwegen, Tiel und wurde bei Bommel Oberlieutenant. Aber die Sache der Oesterreichs stand auch hier schlecht. Im Januar 1795 zog Ptchegru, von den Holländern mit Jubel empfangen, in Amsterdam ein. Nachdem Erzherzog Carl das Oberkommando der Reichs» armee am Rhein übernommen und Fürst Hohenlohe in dessen Dienste trat, nahm auch Bouchs, als das Regiment sich auflöste, seinen Abschied. In diese Zeit fällt seine Verheiratung und ein längerer Aufenthalt in der Pfalz. Sein erwähntes Verweilen in Lechhausen sollte diesem Orte zum großen Glück gereichen. WaS BouchS alles zum Wähle dieser ihm gänzlich fremden Gemeinde mit steter Lebensgefahr aus purer Nächstenliebe unternahm, ist aus verschiedenen Zeugnissen zu ersehen, welche sich in höchstem Maße anerkennend über sein Vorgehen aussprechen. So heißt eS u. a. am Schluß eines Zeugnisses der Theresia von Stubenrauch, verwittw. Grenz- Mauthnerin von Lechhausen, ä. ä. 1V. Oktober 1796: »Ich und eine alte 60jährige Magd waren einzig und allein, die wir in unserm versperrten Hause schon sicher und alles überstanden zu haben glaubten, da ich eben im obern Zimmer die zerstreuten Geräthe wieder zu sammeln beschäftigt wax, als zum zweitenmal 5 robuste Kerle mit schrecklichen Drohungen zu den Fenstern hereinfliegen. Von aller Welt verlassen, tu einer unbeschreiblichen Betäubung wie von Sinnen rannte ich auf die Straße. Die Vorsehung führte mich zu Herrn Bouchs, den ich allen Leuten beibringen sah. Mit gen Himmel gerungenen Händen sprach ich ihn um seine Hilfe an. Aber er ließ sich nicht lange bitten. Die Kerle zwang er auf der Stelle, ihres heftigen Widerspruches ungehindert, da hinaus zu steigen, wo sie hereingestiegen waren; sie durften nicht ein Stück mehr berühren, und von dieser Stunde an widerfuhr mir unter seinem unablässigen Beistand kein Leid mehr. Er versah mich mit dem besten Rath, wie ich das Gerettete gegen fernere Nachstellungen in Sicherheit bringen solle und wirklich brachte; obgleich eine Horde von wenigstens 100 Köpfen dasselbe anzufallen drohte, unter die er sich aber mit eigener Lebensgefahr wagte und durch seinen entschlossenen Muth, durch seine geistvollen Vorstellungen, durch seine eigenthümliche Würde und Ansehen, wofür der tollste Pöbel zurückbebt, siegreich bewirkte, daß sie von ihrem verruchten Beginnen abstund. So vertrieb er eine andere Räuberbande, die schon mitten in der Nacht ins Haus eingedrungen war. Ich würde die Grenzen eines gewöhnlichen Attestats weit überschreiten müssen, wenn ich alle seine preiswürdige» Handlungen sollte erzählen wollen. Eine dankbare Thräne entquillt mir, und ein unerklärbarer Schmerz durchgingt meine Seele, daß mir meine Glücks-Umstände nicht erlauben, seine unaussprechlichen Wohlthaten anders als nur mit dieser vergelten zu können. Der Himmel sei sein Belohnn." Josef Graf von Königsfeld, Propst zu Altenötting, und Max Graf von Seinsheim bezeugen, daß Bürger von Lechhausen zu ihnen gekommen seien und erzählten, daß sie die ihnen, den Bürgern, durch Herrn Bouchs beim Durchmarsch der Franzosen erwiesenen, öfters sogar unter Lebensgefahr bezeugten außerordentlich guten und beträchtlichen Dienste nicht genug rühme« konnten, ja dieselben bekräftigten sogar, daß sie ihre und ihres Wohnortes Erhaltung nach Gott Herrn Bouchs zu verdanken haben und nur bedauern, daß" ihre Vermögensumstände nicht zureichen, um demselben deßhalb dankbar genug sein zu können. Daß Lechhausen in der That zur damaligen Zeit enorme Ausgaben machen mußte, möge aus einer Spezifikation vom 10. September 1796 hervorgehen, laut welcher die Gemeinde Lechhausen in einem Zeitraum von vierzehn Tagen für Brod, Wein, Branntwein, Haber, Heu, Stroh, Bier und Fletsch an die Kaiserlichen und Franzosen 3109 Gulden 40 Kreuzer verausgabte. Diese Summe erscheint natürlich viel bedeutender, wenn man die billigen Preise der Lebensmittel von damals bedenkt; denn es kosteten: 1 Laib Brod 3 Kreuzer, 1 Maß Bier 4 Kreuzer, 1 Pfund Fleisch 3 Kreuzer, und sind 12,000 Pfund Brod mit 498 Gulden berechnet worden. An Quartierlast hat Lechhausen ge- tragen Kaiserliche und Franzosen 23,568 Mann und ; 12,831 Pferde. Der Verlust an Vieh betrug 1200 Stück. ! Nachdem Bayern einen für dasselbe höchst ungünstige» ! Frieden mit Moreau zu Pfaffenhofen, 7. September 1796, k zu Stande gebracht, räumten die republikanischen Truppen das Land, und Bayern athmete, allerdings nur für kurze Zeit, wieder freier. Bouchs verließ, nachdem sich seiner Reise kein Hinderniß mehr bot, mit seiner Gattin Lechhausen. Die ganze Gemeinde gab ihm mit Dankesthränen das Geleite. Familienverhältnisse bewogen denselben später, in München sein Domizil zu nehmen. AIS bald darauf auch Pfalzgraf Maximilian als Kurfürst von Bayern, vom Volke jubelnd begrüßt, in München einzog, erfolgte die Ernennung des Oberlieutenants v. Bouchß zur kurfürstlichen Suite. Die kommende höchst kriegerische Zeit hätte dem tapferen Offizier eine glänzende Zukunft eröffnet, hätte ihn nicht nur zu bald ein gar trauriger Tod im schönsten Mannesalter erreicht. Von einer Soirse der Kurfürstin heimkehrend, erkrankte er in derselbe» Nacht und starb nach wenigen Wochen an einer Gehirnkrankheit. — Hundert Jahre sind nun seit diesen Ereignissen verflossen. Der einzig noch lebende Enkel des Ober- lieutenants Frangois de Bouchs, der kgl. bayerische Hofglasmaler und Commercienrath Herr Carl deBouchä in München, will der Feier anwohnen, welche, wie Eingangs erwähnt, am 100jährigen Gedenktage der rühmlichen That seines Großvaters, am 30. August dS. Js., begangen werden soll. * » Auch Friedberg hat vor 100 Jahren vor den Franzosen gezittert, ist aber nicht so glimpflich weggekommen, eS wurde geplündert. Der 24. August, St. Bartholomäus- tag, ist dieser Schreckenstag. Die Wogen der großen französischen, welterschütternden Revolution gingen damals sehr hoch. Der Convent sandte seine 14 stehenden Heere nach allen Richtungen aus. Auch Bayern und die damalige freie Reichsstadt Augsburg bekamen den Besuch dieser ungebetenen Gäste. General Moreau leitete vom Ulrichsthurme aus den Lech-Uebergang, den der General Van- Lamme befehligte. Die Franzosen durchschwammen den Lech, das Gewehr und den Säbel, welcher an einem Strick befestigt war, hochhaltend, um 10 Uhr. Der damalige Bürgermeister Andreas Strixer und noch einige Raths- Witglieder gingen denselben bis an den Fuß des Berges entgegen, dem General eine werthvolle goldene Uhr anbietend, welche derselbe zurückwies mit den Worten: „Es nützt Alles nichts, Ihr werdet geplündert!" Darauf begann die Plünderung und dauerte von 12 bis 4 Uhr. Dabei kamen viele Kleidungsstücke, auch Pelzhauben der Frauen, in das Bivouac, das die Krieger bezogen hatten. i Es war ein fürchterlicher Schreckenstag. Die Thurmuhr , wurde gestellt. Die Leute hielten ihr Mittagsmahl, bestehend in einer Wassersuppe, in den Kellern. Hierauf drohten die Franzosen die Stadt an den vier Ecken anzuzünden. Es mußte eine große Brandschatzung erlegt werden. Deßwegen gelobte man, einen Dankgottesdienst > am Sonntag vor dem Feste des heil. Bartholomäus in Unseres Herrn Ruhe abzuhalten. Der Dankgottesdienst .am 16. August in der prächtigen Wallfahrtskirche war .sehr schön und erbauend, der Kanzelvortrag des hochw. Herrn Stadtpredigers Alberstötter ausgezeichnet. (Nach dem Frdb. Gmdeb.) Der Finger Gottes. Ludwig Riebt erzählt in seinen interessanten „Lebens- ^ erfahrungen eines Convertiten aus dein Volke" folgende ! Gottesgerichte: Mein Hauptmann und Compagniechef, ein sonst sehr gemüthlicher, heiterer und namentlich auch bei seinen Untergebenen wegen seiner Milde beliebter Officier, ledig Und katholisch getauft, der von der Pike auf gedient Hatte, war ein erbitterter Feind seiner Kirche und der Priester. Er bildete sich nicht wenig darauf ein, schon eine sehr lange Reihe von Jahren, ich glaube seit seiner ersten hl. Commnnion, die hl. Sakramente nicht mehr empfangen zu haben. Derselbe wurde auf einen öffentlich ausgesprochenen, wahrhaft entsetzlichen Priesterhaß plötzlich und auf die schauderhafteste Weise von einem Gottesgericht betroffen. Die Compagnie marschirte nämlich zum Scheibenschießen, es war, soviel ich mich noch erinnere, der 16. August 1857, auf den großen Epercierplatz. Bei dieser Gelegenheit passirten wir die Hintere Schlohstraße zu Ludwigsburg. Der jetzige Pfarrherr in Hundertsingen, der hochw. Herr Professor Nestle, war damals Vicar in Ludwigsbnrg. Dieser ging, mit der Sutane bekleidet und dem Cingnlum umgürtet, die Straße hinab zur katholischen Kirche im königlichen Schlosse, um dort das heilige Meßopfer darzubringen. Der Anblick dieses Priesters in seiner Kleidung versetzte den Hauptmann sin eine wahre Wuth. Er schimpfte darüber, daß man die katholischen Geistlichen in einer protestantischen Stadt in einer solchen Kleidung auf der Straße passiven lasse; dies sollte von der Polizei verboten und gesetzlich nicht geduldet werben, weil es eine „freche Herausforderung" (!) sei; ihm sei heute der ganze Tag verdorben. Der Oberfeldwebel Hofmann, ein gut katholisch gesinnter württem- bergischer Franke, bat den Hauptmann, er möchte doch nicht vor der Mannschaft in solcher Weise über die Priester seiner Kirche sprechen und das religiöse Gefühl der katholischen Soldaten so tief verletzen. Der Oberfeldwebel sprach dies ganz ruhig. Auf diese berechtigte Bemerkung hin kam eine Fluth von Schimpfwörtern über die Lippen des Hauptmanns, ja er vergaß sich in seinem Toben so weit, daß er den fürchterlichsten Ausdruck gebrauchte, er möchte dem nächsten Priester mit seinem Säbel im Gedärme herumbohren, und bezeichnete an seinem Leibe eine Stelle, wo er dies thun wollte. Jetzt sagte der Oberfeldwebel mit erregter und feierlicher Stimme: „Herr Hauptmann, He wären vielleicht noch froh, wenn ein Priester in Ihrer letzten Stunde zu Ihnen käme!" ' .,So etwas wird bei mir nie vorkommen, vor so etwas will ich behütet bleiben", entgegnete der unglückliche Officier. Wir marschirten in die große Allee ein. Kaum 150 Schritte von der Stelle, wo der Hauptmann die entsetzlichen Worte gebrauchte, fühlte er ein entsetzliches ' Stechen in seinen Eingeweiden, gerade an der Stelle, die er zum Durchbohren der Priester bezeichnet hatte. Fürchterliche Schmerzen nöthigten ihn, die Compagnie zu verlassen. Er gab dem Oberfeldwebel den Befehl, da er die Compagnie-Officiere vom Ausrücken dispensirt hatte, nach dem Scheibenschießen ihm den Schießrapport zu bringen. Das war nun nicht mehr möglich und nöthig, wie wir weiter hören werden. Der Hauptmann eilte, wie von Furien gegeißelt, von den gräßlichsten Schmerzen getrieben, nach Hans, wo sein alter, protestantischer Diener mit Entsetzen seinen ^ Herrn kommen sah. Diesem rief er schon von Weitem ! zu: „Johann, ich bitte Dich, eile, so schnell Du kannst, und hole den katholischen Stadtpfarrer, er möge gleich Alles mitnehmen, was zum Versehen nothwendig sei, aber ja recht eilen." Der Bediente wollte schleunigst den ' Befehl des Herrn vollziehen, allein der Hauptmann fiel mit einem entsetzlichen Aufschrei auf den Boden feines Zimmers und war sofort eine Leiche. Sein Aussehen sei alsbald ein entsetzenerregendes geworden. Man kaun sich den Schrecken und das Staunen der Compagnie denken, als dieselbe vom Scheibenschießen nach Hause kam und den schauerlichen Tod des Hauptmanns erfuhr. Mehrere Protestanten der Compagnie, Katholiken gab es nicht viele, meinten: „Den hat unser Herrgott gleich beim Wort gepackt."- Lei meinem Regiment, in meiner zweiten Kapitulation, nachdem ich schon zur katholischen Kirche übergetreten war, war ein Feldwebel (Sergeant) Namens Fidelis Müller, aus Hochdorf, O.-A. Waldsee, gebürtig. Derselbe hatte sehr fromme Eltern und war streng in kirchlichen und sittlichen Grundsätzen erzogen. Er erlernte das Schreinerhandwerk und kam in die Fremde. Wie er mir selbst gestand, war er rein und unverdorben, voll kindlichen Glaubens in die Fremde gegangen, habe lange Zeit die kirchlichen Gebräuche und Gebots auf's gewissenhafteste beobachtet, bis ihm einmal zufällig Waiz- manns Gedichte in die Hände gefallen seien, diese hätten ihn sehr angesprochen, besonders hätte ihm der oberschwäbische Dialekt seiner Heimath gefallen. Schließlich wurde er ein begeisterter Verehrer Waizmanns, aber auch ein Verächter der Kirche, der die heiligen Sakramente nicht mehr empfing und ein recht ungebundenes Leben führte. Mittlerweile kam er zum Militär; er hatte sehr gute Talente und wurde bald befördert. Von der Kirche sprach er nie anders als mit Spott und Hohn, und dekla- niirte stets Waizmanns wüste Possen zum allgemeinen Aergerniß. Ich hatte deshalb manchen Verdruß und vielen heftigen Streit mit ihm. In der Christnacht des Jahres 1864 war er Commandant der Kasernwache zu Stuttgart. Nachts 12 Uhr weckte er die Frau des Profosen mit einem solch frivolen Spott über das hochgebenedeite Christkind, daß mich jetzt noch ein Schauer durchrieselt, wenn ich daran denke. Jedoch die Gerechtigkeit Gottes gebot ihm Halt! Bis hierher und nicht weiter! Als er von der Kasernenwache abkam, war er leidend und mußte bald darauf als gefährlich krank in das Spital gebracht werde». Auch hier witzelte und spöttelte er fortwährend und wies den Empfang der hl. Sakramente höhnisch von sich. Doch auf einmal besann er sich eines andern, eines bessern. Er verlangte aus freien Stücken die hl. Sakramente und legte unter lautem Schluchzen eine zweistündige Beichte ab. Es war hohe Zeit. Kaum hatte er die hl. Sakramente empfangen, > so trat eine Erstarrung bei ihm ein. Er öffnete schauerlich und weit den Mund, die Zunge, die Gott, seine Kirche und Priester so oft gelästert hatte, hing entsetzenerregend über das Kinn herab. Vollständig, das sah man ihm an, war er bei Bewußtsein; so oft man zu ihm kam, sah er einen mit Thränen in den Augen an und wollte sich mit dem Kreuzeszeichen bezeichnen, was er aber nicht mehr konnte. Endlich nach acht Tagen erlöste ihn der Tod von seinen entsetzlichen Leiden. Diesen Anblick, aber auch die Leichenrede, die ihm der nunmehrige hochwürdige Herr Domkapitular Zimmerle hielt, der damals Kaplan in Stuttgart war, werde ich nie wieder vergessen. — Es war im Jahre 1869, als ich Forstgehilfe war. Eine halbe Stunde von meinem ständigen Posten war ein Dorf, das ich bei meinen Gängen im Walde passiren mußte. In diesem wohnte ein vermögender und weit bekannter Frucht- und Viehhändler, der viel Geschick für Handel und Wandel, aber auch eine ebenso große Feindseligkeit gegen die Kirche und die Geistlichkeit zeigte, über welche er öfter in der unfläthigsten und unsittlichsten Weise spottete, besonders wenn er zufällig in ihre Gesellschaft kam. Er war ein eifriger Leser der damals in Ulm erscheinenden kirchenseindlichen Zeitungen „Kirchen- fackel" und der „Ulmer Schnellpost' . Aus diesen schöpfte er seine eingebildete Weisheit und seine Kirchenfeindlich- keit. Er handelte genau nach dem Grundsatz, der auf dem Begräbnißplatz der „Freireligiösen" in Berlin am Thore angebracht ist: „Macht hier das Leben gut und schön, kein Jenseits gibt's, kein Wiederseh'n." Ich verbat mir öfter seine Gesellschaft und Zudringlichkeit; denn seine einzige Unterhaltung war, Gott, seine Kirche und die Priester zu beschimpfen und zu lästern. Eines Abends, als ich vom Walde heimkehrte, hungrig, durstig und sehr erschöpft war, es war an einem sehr heißen Tage des Monats August, kehrte ich in dem Garten einer an der Straße gelegenen Wirthschaft ein., Ich saß allein an einem Tische in der Ecke des Gartens.' Zu meinem größten Acrger sah ich aus einmal den Genannten am obere» Ende des Tisches sitzen, denn ich wußte mit Bestimmtheit, baß er sich wieder an mich machen werde. Ich nahm mir deshalb fest vor, gegen seine gewöhnlichen Provokationen mich ganz still zu verhalten und ihn mit Verachtung zu strafen. Richtig, meine Vermuthungen täuschten mich nicht. Kaum sah er mich, so rückte er in nieine Nähe. In der frivolsten Weise suchte er mich durch seine kirchenseindlichen Reden zu reizen. Zuerst ließ ich seine faden Reden zu einem Ohr herein und zum andern hinaus.. Allein schließlich wurde mir die Sache zu bunt, und ich verbat mir allen Ernstes jeden weiteren Discurs. Dies machte ihn nur noch zudringlicher. Ich erzählte ihm nun die vorerwähnte Geschichte meines Hauptmannes, um ihm nahe zu legen, wie Gott oft plötzlich die Kirchen- und Priesterfeinde strafe. Er sagte, dies sei bloßer Zufall, worauf ich erwiderte, es könne ihm vielleicht auch noch so ergehen, daß er vergeblich nach einem Priester verlangen werde; er jedoch brach auf meine Erwiderung in die schrecklichen Worte aus: „Eher soll mir der T.. wenn es einen gibt, als ein Pfaff an mein Sterbebett kommen!" Die Haare standen mir bei diesen Worten vor Entsetzen zu Berge, ich schrak zusammen und ging fort mit den Worten: „Herr E., es ist schrecklich, in die l Hände des lebendigen Gottes zu fallen! Was der Mensch säet, das wird er ernten!" Er rief mir noch höhnisch nach: „Es ist nur gut, daß Sie kein Pfaff geworden sind, Sie haben eine besondere Gabe, die Leute fanatisch, dumm und abergläubisch zu machen!" Tief in der Seele schmerzte mich die höhnische Verblendung dieses alten Mannes, und ich war jenen Abend so aufgeregt, daß trotz der großen Ermüdung kein Schlaf in meine Augen kam. Immer und immer wieder kamen mir die entsetzlichen Aeußerungen des Frucht- und Viehhändlers in's Gedächtniß. Aber diesem ging es nicht so gut, und er mußte bald erfahren, daß Gott seine unbefleckte Braut, die hl. Kirche, nicht ungestraft beleidigen läßt. Ihm ging es weniger gut als meinem Hauptmaune, der doch noch einen Priester verlangen konnte. Noch in derselben Nacht, kaum einige Stunden nach obigem Auftritt, fiel er in ein Delirium, > aus welchem er nicht mehr kam. In seinen Phantasiern sah er nur schreckliche und schwarze Kobolde, auch den Priester, der ihm die hl. Oelung spendete, sah er als einen solchen an. In diesem Zustande starb er nach > wenigen Tagen, ohne mehr zum Bewußtsein gekommen zu sein. Als man ihn beerdigte, war ich gerade im Walde und hörte das Grabgeläute. Ich muß es gestehen, es überkam mich ein großer Schauer, und ich mußte unwillkürlich an das denken, was zwölf Jahre vorher die Soldaten beim Tode meines Hauptmannes sagten. Doch hoffen wir noch das Beste für seine arme Seele; vielleicht ist er, unsichtbar der Umgebung, doch zu lichten Augenblicken gekommen und hat die Gnade einer vollkommenen übernatürlichen Reue erhalten; viele derartige Beispiele erzählt ja die Geschichte des Reiches der Gnade. -—-SW8-S--- Goldkörner. Ein neuer Rock und ein neues HauS, Gar stattlich nehmen sich beide aus, Doch sollen sie uns behagen, Dann müssen wir unter Lust und Leid Im Hause erst wohnen längere Zeit Und den Rock eine Weile tragen. c» „Nugsburger PotzMmg". « 72. Samstag, den L9. August 1898. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbefitzer vr. Max Huttler). Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary Agnes Flemmtng nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) 13. Kapitel. Wie Rudolf eS aufnahm. Für Beatrlce Stuart verstrichen indessen die Stunden öde und traurig. Sie hatte ihrer Mutter die Kunde von Sir Victor's Werbung um Edith'L Hand mitgetheilt. Tante Charlotte riß die matten Augen wett auf. „Sir Victor will unsere Edith Heiratheu? Ach, und ich dachte, er interessirte sich für Dich." Mehr wußte Mrs. Stuart darüber nicht zu sagen. „Ob wohl ein Erdbeben Mama'S Gleichmuth erschüttern könnte", dachte Trixy empört, „will doch sehen, wie Rudolf eL aufnimmt." Rudolf war mit Hauptmann Hammond ausgelitten, und die Sonne senkte sich bereits als die beiden Männer heimkehrten. „Wie geht's, Trixy", sprach Rudolf, sich gemüthlich auf dem Sopha ausstreckend, „ist Dein Fuß bald wieder hergestellt?" „Danke, es geht besser, aber ich habe Dir viel Wichtigeres zu sagen. Du erräthst eS gewiß nicht." „Ich versuche eS auch nicht, mein Kind. Wenn Dir etwas auf der Seele lastet, heraus damit! Ungewißheit ist peinlich." Er schloß die Augen und wartete. „Sir Victor hat um Edith geworben, und sie hat ihn angenommen." Rudolf öffnete die Augen und sah sie an, ohne Staunen oder eine Bewegung kund zu geben. „Ist das eine wichtige Neuigkeit? Armes Kind, nach all' der Mühe, die Du Dir gabst, ist es hart für Dich. Wenn Du aber glaubst, wich dadurch in Staunen zu versetzen, kennst Du mich schlecht. Mir war die Sachlage längst sonnenklar. Habe ich auch selbst jeder zarten Regung entsagt, so betrachte ich sie doch bei Anderen mit väterlichem Interesse. Und so wollen sie sich heirathen? Gott segne Euch, meine Kinder", sprach er, die Hände erhebend, „und seid glücklich." Das war Alles, und Beatrice hatte geglaubt, er liebe Edith. Rudolf schloß wieder die Augen, als wolle er einschlafen. „Rudolf, Du bist ein Dummkopf —" „Ueberwältigt von der unwillkürlichen Anerkennung seitens der Versammlung erhebe ich mich-" „Ja, Du bist ein Dummkopf, Du hättest Edith gewinnen können, wenn Du gewollt hättest, sie liebt Dich mehr als Sir Victor. Aber nein, Du mußtest herumbummeln und —" „Umherbummeln? Guter Gott! Trixy, ich frage Dich wie ein Mann den andern, sahst Du mich je herumbummeln?" „Geh' fort, ich habe keine Geduld mit Dir." Der alte Mr. Stuart allein nahm die Nachricht nicht so ruhig auf. „Also Freds bettelarme Tochter", brummte er, „so hast Du Dir doch den Baron lächerlicherweise durch die Finger gleiten lassen." Trixy weinte beinahe. „Ich ließ ihn nicht gleiten, ich hatte ihn ja nie in der Hand. Zudem ist Edith schöner als ich. Ich that mein Bestes und halte es nicht für recht, noch obendrein gezankt zu werden." „Weine nicht, es gibt noch andere gute Partien. Hauptmann Hammond ist der Sohn eines reichen Lords, und das ist mir schließlich lieber als ein Baron. Komm', zieh' Dich an, geh' in den Salon und mache Dich dem Offizier interessant." Trixy befolgte den väterlichen Rath und erreichte mit Hilfe ihres Bruders und einer Krücke das Speisezimmer, wo sie Lady Helena bleich und zerstreut fand. Bei Tische ruhte auf allen sichtlicher Zwang. „Der Tante ist's nicht recht", kicherte der alte Stuart, „nun, kann mir's denken, wäre mir auch so, wenn es Rudolf wäre. Uebrigens will ich diesen nach Tische auf Lady Arabella aufmerksam machen. Lady Arabella Stuart würde sehr vornehm klingen." Und so brachte er in nächster Gelegenheit auch die Sprache darauf. „Nimm Dir ein Beispiel an Edith, Junge", begann er, „sieh, was sie ohne einen Heller für eine Partie macht. Du bist reich und hübsch, warum sollst Du nicht auch in die englische Aristokratie Heiratheu? Lady Arabella, zum Beispiel, ist zwar unbegütert, aber sie ist eines Grafen Tochter. WaS hindert Dich, ihr zu nahen?" Rudolf blickte auf. „In allen Heirathsangelegenhetten betrachte ich mich als nicht existirend und thue vollkommen nach Deinem 650 Willen. Gefällt «L Dir, so werde ich sie heirathen, aber den Hof werde ich ihr nicht Wachen und verlange eine Werbung durch Deputation. Mache Du der Dame die betreffenden Vorschläge, mich kannst Du wie ein Lamm leiten.« „Und würdest Du sie wirklich heirathen?« fragte Beatrice. „Warum denn nicht? Wenn ich überhaupt hei« rathen muß, kann es Lady Arabella so gut sein, wie eine Andere.« „Aber Du hast sie nie gesehen!« „Was liegt daran? Nach HammondS Beschreiben muß sie ein prächtiges Wesen sein; er spricht von ihr, als bestände sie aus Metall und Edelstein. Sie hat goldenes Haar, eine Alabasterstirne, Saphiraugen, Perlen« zähne und meinetwegen auch eine Rubinnase.« Mit eigenthümlichem Lächeln trat der junge Mann an den Whisttisch. Mit Edith zu reden, hatte er noch keine Gelegen« heit gefunden, sie vermied ihn absichtlich. Hauptmann Hammond posiirte sich an Trixy's Seite, und Papa Stüart sandte manch' väterlichen Blick der Anerkennung vom Spieltische hinüber auf das junge Paar. Am Piano saß Edith und spielte träumerische Me- odien. Victor weilte in stillem Entzücken neben ihr. Gegen elf Uhr erhob sich Lady Helena und begab sich in ihr Zimmer. Sie sah müde, und krank aus und ihr Anblick weckte den Neffen aus seinem Glücksrausch. Er begleitete sie hinaus. MrS. Stuart folgte dem Beispiel. Edith war allein am Klavier und betrachtete des Diamanten Blitzen. „Du warst den ganzen Abend in Anspruch genommen«, sprach plötzlich eine bekannte Stimme neben ihr, „daß ich noch nicht Gelegenheit fand. Dir zu nahen. Trixy sagte mir die Neuigkeit, erlaube mir, Edith, Dir von Herzen Glück zu wünschen.« Sein ganzes Wesen bekundete Wahrheit. Er sah ihr mit brüderlicher Offenheit ins Auge. Sie erröthete und zürnte. „ES ist unnöthig, Cousin, ich bin so glücklich, daß jch keiner weiter» Glückwünsche bedarf.« „ES ist aber hergebrachte Sitte, und so muß ich sie Dir dennoch in aller Demuth darbringen. Jch gratulire Sir Victor ob seines guten Geschmackes. Du bist eine Braut, auf die ein Baron stolz sein kann, und ich wünsche Euch Beiden Glück.« War daö SarkasmuS oder nicht? Sie wußte es nicht. Sein ruhiges Antlitz bürgte für die Wahrheit seiner Worte und doch hatte er ihr erst kürzlich gesagt, daß er sie liebe. Eben kehrte Sir Victor zurück. Er war heimlich eifersüchtig auf Rudolf; er ahnte, daß Edith die Liebe, die sie ihm selbst nicht geben konnte, längst ihm geschenkt. „Bin ich zu vorschnell, wenn ich gratulire, Sir Victor", sprach Rudolf herzlich, „wenn je, so möge mich die Thatsache entschuldigen, daß Edith mir wie eine Schwester ist. Herr Baron, Sie sind ein glücklicher, be« neidenswerther Mann.« Sir Victors Miene klärte sich auf, und er bot Rudolf freundlich die Hand. Edith wandte sich erbittert ab. Wie wagte er eS, sie mit seinem Lächeln, seinen Glückwünschen zu reizen, wenn er wußte, daß ihr ganzes Herz ihm gehörte? Von nun an vermied sie Rudolf um so mehr und beschäftigte sich so ausschließlich mit dem Bräutigam, daß dieser wonnetrunken war. Nachdem Alle sich zurückgezogen, vermochte Sir Victor allein nicht zu ruhen. Er begab sich in den Garten und schritt im Halbdunkel auf und nieder. ES war beinahe Mitternacht und noch waren der Tante Fenster beleuchtet. WaS bedeutet das? Welches Geheimniß bewahrte sie? War die schwarzgekleidete Dame noch bei ihr? WaS sollte er morgen hören?« Noch um ein Uhr brannten die Lichter. Länger wollte er nicht warten. Er winkte Edith'S Fenstern ein herzliches „Gute Nacht« zu und begab sich zur Ruhe. Und keine warnende Stimme sagte ihm, daß es feines Lebens letzte wahrhaft glückliche Nacht sein solle. 14. Kapitel. Morgen. Trübe brach der Morgen an. Miß Darrell erschien wegen Kopfschmerzen nicht beim Frühstück, und in Abwesenheit seines Idols blickte Sir Victor traurig zum Fenster hinaus, an dessen Scheiben der Regen schwer und langsam schlug. ES war ihm eine Erleichterung, als er zu seiner Tante berufen wurde. Lady Helena war bleich, die Augen vom Weinen gerröthet, aber aller Zorn, alle Erregung war aus ihren Zügen gewichen. „Guten Morgen, liebe Tante, Du hast doch nicht geweint?« „Setze Dich, Victor; ja, ich habe geweint und habe auch guten Grund dazu. Ich sandte nach Dir, um Dir Alles Mitzutheilen, was jetzt Dir zu sagen räthlich ist. Zunächst aber bitte ich Dich, es zu entschuldigen, wenn ich gestern über Deine Verlobung irgend etwas sagte, das Dich verletzt.« „Sprich nicht davon, liebe Tante, Du hattest ein Recht zu widersprechen, wenn Du Gründe dafür zu haben glaubtest. Edith's Armuth und niedere Abkunft mußten natürlich bet Dir ins Gewicht fallen. Mir selbst liegt daran nichts, und ich weiß, daß Dir mein Glück teuer ist. Ohne Edith wäre ich der Unglücklichste der Sterblichen, und darum hoffe ich, Du werdest sie als Tochter begrüßen." „Gegen Miß Darrells Persönlichkeit habe ich nichts einzuwenden; ihre Armuth und Abstammung sind Fehler in meinen Augen, wenn sie es aber in den Deinen nicht sind, will ich sie nicht weiter betonen. Die Einwände, die ich gestern erhoben, hätte ich auch gemacht, wäre Deine Braut eine Herzogs-Tochter gewesen. Jch hatte gehofft, Dn würdest noch lange nicht, vielleicht nie an's Heirathen denken.« „Aber, Tante Helena —« „Eine absurde Hoffnung, nicht wahr, aber ich war von jeher feige und verschloß mein Auge der Wahrheit. Die Zeit ist gekommen, wo meine Liebe Dich nicht länger schützen kann, ehe Du jedoch heirathest, mußt Du vieles erfahren. Erinnerst Du Dich, daß ich gesagt, Du habest kein Recht auf den Titel, den Du trägst? Jch sprach die Wahrheit, denn Dein Vater — —« Sie rang nach Athem. „Mein Vater?« „Dein Vater lebt.« Er war wie betäubt. Was sagte sie? Sein Vater lebe, folglich war er nicht Sir Victor Chateron. Er er» hob sich halb. „Mein Vater lebt? Mein Vater, den ich, seit ich denken kann, todt geglaubt? Welch' ein Betrug liegt hier vor?- „ES liegt kein Betrug vor, und wenn Dir die Sache lange geheim gehalten wurde, geschah e8 nach Deines Vaters eigenem Willen. Er lebt, ist aber hoffnungslos wahnsinnig. Die Gesundheit kehrte nach jenem furchtbaren Ereigniß wieder, nicht aber die Vernunft. Wir brachten ihn fort, suchten die beste ärztliche Hilfe — umsonst. Jahre lang blieb er irrsinnig, aber vollkommen gutartig. Er war unheilbar, wollte nie seinen Titel behaupten, seine Gesundheit aber ist gut, und er kann noch lange leben. Warum Dich also der Rechte entkleiden? Die Welt sagt Dir, er ist todt; Du erwuchsest und nahmst seinen Platz ein, als deckte ihn das Grab. Gesetzlich aber hast Du keinen Anspruch auf Titel und Erbe!« Schweigend erwartete er das Weitere. „In letzter Zeit zeigten sich in unbestimmten Perto- pen Spuren von Verstand. Bei solchen Gelegenheiten sprach er von Dir und ich wünschte wiederholt, daß sein Leben verheimlicht und er für die Welt todt bliebe. Du brauchst nicht zu erschrecken, Dein Vater wird nie seine Rechte beanspruchen." „Weiter", sprach er düster. „Wenn Du in die Vergangenheit Dich zurückversetzest, erinnerst Du Dich nicht einer schönen, jungen Dame, die sich Nachts über Dich beugte, Dich Deine Gebete sagen ließ, und Dich in Schlaf sang?" „Ich erinnere mich." „Weißt Du, wie sie aussah?" „Sie hatte dunkle Augen und Haare; mehr weiß ich nicht." „Weißt Du nicht wer es war?" „Nein, wer war sie?" „Die Dame, die Du gestern sahst." „Und wer war diese?" Lady Helena hielt einen Moment inne. „Jnez Chateron", sprach sie dann. „Was?" rief Sir Victor, „die Rivalin, die Rivalin, die Feindin meiner Mutter, die ihr Leben verbitterte, bei ihrem Tode betheiligt war? Sie, die Du aus dem Gefängniß befreitest, und die doch direkt oder indirekt meiner armen Mutter Tod verschuldete?" „Wie wagst Du, so zu sprechen, Victor! Ich sage Dir, Jnez Chateron ist eine Mürtyrin, keine Mörderin. Sie hatte ein Recht, Deiner Mutter Rivalin zu sein, denn sie war Deines Vaters Verlobte, lang, bevor er Meta Dobb gesehen. Daß sie aber Deiner Mutter Rivalin war, war ihr einziger Fehler, und ihr ganzes Leben hindurch sühnte sie ihn. War es nicht genug, daß sie ob eines Anderen Blutthat mit lebenslänglicher Schande gebrandmarkt, auf ewig von HanZ und Familie verbannt worden?" „Wenn sie nicht schuldig war, so war es ihr Bruder, und sie sollte eS beweisen", bemerkte Sir Victor kalt. „Wer bist Du, daß Du richten willst? Den Mörder kennt der Himmel und rechnet mit ihm. Beschuldige Niemand, weder Juan noch dessen Schwester, alles menschliche Urtheil ist trügerisch. An Deiner Mutter Tod ist Jnez schuldlos, und durch ihn wurde ihr ganzes Leben geknickt. Sie weihte ihr Dasein Deinem Vater, war all' die Jahre hindurch seine Wärterin und Gesellschafterin» war ihm mehr als Mutter und Schwester. Ich hatt» ihn lieb, hätte aber nie geleistet was sie gethan. Er behandelte sie grausam, ihre Rache war lebenslängliche Aufopferung. Sie hat ihn all' die Jahre nicht verlassen, und wird bei ihm bleiben, bis er stirbt. Glaubst Du mir?" fragte sie gebieterisch. „Ich glaube Alles, was Du gesagt", entgegnete er traurig, „kann ich Miß Chateron sehen, um ihr zu danken." „Ja, Du sollst sie sehen; warte hier, ich schicke sie Dir. Sie verdient Deinen Dank, obgleich jeder Dank zu schwach ist für Jahre langes Martyrerthum." Lady Helena verließ ihn, er blickte hinaus zu den schwankenden Bäumen. Wachte oder träumte er? Sein Vater am Leben. Wie vernichtet saß er da. „Victor!" Er hatte die Thüre nicht öffnen, die Cousine nicht kommen hören. Sie stand neben ihm. . Ganz in Schwarz gehüllt, ein bleiches Antlitz, große, traurige Augen, einst von Gluth und Stolz, sahen auf ihn mit starrem, trauerigen Blick; die Lippen, einst in herber Verachtung aufgeworfen, hatte jahrelanger hoffnungsloser Schmerz gemildert. (Fortsetzung folgt.) Allerlei. Don Friedrich dem Großen wird in der Neu- mark erzählt, er habe häufig, in einen alten Soldaten- mantel gehüllt, die Wirthshäuser besucht, um daS Treiben seiner Soldaten zu beobachten. So traf er, wie der „Bär" erzählt, auch einmal einen Soldaten an, der weidlich zechte und ihn zum Mittrinken aufforderte. Nach einigem Sträuben willigte der alte Fritz ein und fragte ihn zugleich, wo er denn das Geld zu solcher Zeche hernehme, denn der Sold reiche dann doch nicht hin. „Ja", meinte der Soldat, „das ist eben der preußische Pfiff!" „Was ist das, der preußische Pfiff?" entgegnete der König. „Das kann ich Dir nicht sagen, Du könntest mich verrathen." Diese Antwort machte den alten Fritz gewaltig neugierig, und er drang in den Soldaten, bis dieser ihm das Geheimniß bekannte. „So höre denn", begann er, „ich verkaufe Alles, was zu verkaufen ist; es ist ja eben Frieden — was brauche ich z. B. eine stählerne Säbelklinge, die ist verkauft, siehst Du?" damit zog er den Griff seines Säbels heraus und zeigte dem König eine hölzerne Klinge. Dieser that befriedigt und ging weiter. Er hatte sich aber den Soldaten wohl gemerkt, und nach einiger Zeit kam der Befehl, das und das Regiment solle vor dem König zur Parade antreten. Der König erscheint, reitet einige Male auf und ab, und als er den Soldaten auf Grund seines vorzüglichen Gedächtnisses hatte, befahl er ihm und seinem Nebenmann hervorzutreten. Darauf sagte er zu dem Kameraden mit dem preußischen Pfiff: „Ziehe Deinen Säbel und haue Deinem Nebenmann auf den Kopf!" Der Soldat erschrickt, faßt sich aber schnell und erwidert: „Ach. Majestät, warum sollte ich das wohl thun? Mein Kamerad Nebenmann hat mir ja nichts zu Leide gethan!" „Zieh", ruft der König, „sonst soll Dir Dein Nebenmann den Kopf abschlagen!" Da bleibt dem Manne mit dem preußischen Pfiff nichts übrig, er legt die Hand an den Griff, blickt zum Himmel und ruft: „Nun denn, wenn es nicht andttS sein kann, so möge mich Gott vor Mord behüten und geben, daß meine Klinge zu Holz wird!" Und stehe da, wie er den Säbel herausgezogen hat, ist die Klinge von Holz. Der alte Fritz lachte und sagte: „Ich merke, Du verstehst wirklich den preußischen Pfiff.- -»t- Die Uhr in der Kriminalistik. Häufig spielt die Uhr im Strafprozeß die ausschlaggebende Rolle, und nicht selten hängt das Schicksal des Angeklagten von wenigen Minuten ab. Am schärfsten zu Tage tretend bei dem sogenannten Alibibeweis, erstreckt sich diese große Bedeutung der Uhr über daS gesammte kriminelle Gebiet. Der Kuriosität halber mag nur erwähnt sein, daß gerade die gewiegtesten Einbrecher die Gewohnheit haben, in den Räumen, in denen sie den Einbruch verüben, die Wanduhr zum Stehen zu bringen. Man hat sich in kriminalistischen Kreisen eine Zeit lang den Kopf darüber zerbrochen, weßhalb die Einbrecher diesem Gebrauch huldigen. Durch Aussagen von Verbrechern hat sich folgender Grund für diesen sonderbaren Gebrauch ergeben. Der Einbrecher, der bei der „Arbeit" ist und mit Anspannung aller Geisteskräfte auf jedes verdächtige Geräusch hört, wird durch daS Ticken der Uhr im Lauschen gestört; er hält die Uhr an, um desto besser auf jedes Geräusch horchen zu können. Gewöhnlich denken die Einbrecher nicht daran, bei ihrem Abzüge die Uhr wieder in Gang zu bringen, und so bildet sich für die Untersuchung ein wichtiges Moment, indem man aus dem Stand der Uhr den Zeitpunkt bestimmen kann, an welchem der Einbrecher in den Raum gedrungen ist. » Die englische Zunge. Die Boeren erzählen in folgender boshafter Weise, wie die Engländer zu ihrer Sprache kamen: „Mutter Natur wollte jedem Volk eine eigene Zunge und Sprache geben. Mit einem Messer und einer Scheere stand sie an einem Tisch, auf dem ein großes Stück Fleisch lag. Mit diesem Messer schnitt sie für alle diejenigen, die sie um eine Sprache baten, Zungen aus dem Fleisch, und mit der Scheere gab sie den Zungen ihre Eigenthümlichkeiten. Alle Völker kamen zu ihr: der Franzose, der Deutsche, der Niederländer, ja selbst der Buschmann, und für alle wurde gesorgt. Nur der Engländer kam nicht. Er war, um seinen Durst zu stillen, in eine Kantine gegangen und blieb da so lange, bis er sein ganzes Geld vertrunken hatte. Endlich ging er schweren HaupteS und vollständig heiser zu Mutter Natur. Es war jedoch nichts mehr für ihn übrig geblieben, und so konnte er auch keine Zunge, mithin auch keine Sprache mehr bekommen. Jedoch die gute Mutter Natur wußte zu helfen. „Weißt Du was", sagte sie, „auf dem Fußboden liegen so viele Abfälle, nimm davon ein halbes Dutzend und mach' Dir davon selbst eine Zunge." So geschah eS auch, und so bekam der Engländer seine Sprache." Mißverständniß. Richter: „Sie waren schon einmal wegen Milchfälschung angeklagt?" — Bauersfrau: „Ja." — „Wieviel haben Sie damals bekommen?" — „Bekommen hab' ich gar nichts; ich mußt' noch zehn Mark zahlen.* * Berufsmäßig. Violinvirtuose „Ich habe soeben eine Tournee durch ganz Deutschland mit größtem Erfolge beendet!" — Kritiker: „Da werden Sie sich wohl ein schönes Stück Geld zusammengekratzt Wen!".. Wertrau' auf Gott! All' uns're Hilfe kommt von oben, Dom Vater, unser'm Gott, Der seine Kinder nicht vergiftet, Wenn Unheil sie bedroht. Wenn wilde Stürme Dich umtoben, Blick' auf zu Deinem Herrn, Dem gutm, mächt'gen Himmelvater, Er ist Dein Hoffnungsstern. Wenn herber Kummer, schwere Sorgen Dein armes Herz umgibt Und schwarze Wolken, dunkler Nebel Den Seelenfrieden trübt: Dann lenke Deinen Blick nach oben, Dem Herrn Dein Leid vertrau', Ergib Dich Gottes heil'gem Willen, Auf GottcS Allmacht bau'! Die Wogen werden sich dann legen, Der Friede kehret ein, Von schweren Sorgen wird enthoben Dein trauernd Herze sein. L. Burkard. Mmmelsschau im Monat september. —X Merkur L, der sich am 13. am weitesten östlich von der Sonne entfernt, ist in den Abendstunden sichtbar. Venus Z steht nach Sonnenuntergang sehr niedrig im Westen und ist am 23. nördlich von Spika. Mars F geht zwischen den Hörnern des Stieres hindurch, kommt gegen 9 U. 30 M. über den Horizont und steht 5 u. 30 M. in Süden. Jupiter 2 z geht im Löwen vorwärts, kommt um 4 U. mgS. über den Horizont in Ost gegen Nord und steht vor Sonnen-Aufaang unterhalb nördlich von Negulus. Saturntz ist abds. nach Sonnenuntergang niedrig in Südwest und verläßt nach 7 u. unsern Gesichtskreis in WSW. In der Nähe des Mondes befinden sich am 6. Jupiter; am 8. Venus; am 9. Merkur; am 11. Saturn; am 28. Mars. Am 26. geht der Mond durch die Ple- jaden und bedeckt sie im Südrand. Vom Monde wird bedeckt Antarcs am 13. mgs. 6 U. -- I - Schachaufgabe. Von Heinrich Meyer. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt. -SÄWLK « 73 . 1896 „Augsburger Pojhritung". Dinstag, den 1. September Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabberr in Augsburg (Borbesttzer Dr. Mar Huttlerl. Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFieifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) Und so sah Sir Victor Chateron nach mehr als dreiundzwanzig Jahren das Wesen, das seines Vaters Untreue elend gemacht. „Victor!" Scheu bot sie ihm die Hand. Der Bann des Mordes hatte immer auf ihr gelastet. Wer wußte, ob er nicht im innersten Herzen sie desselben zieh? „Miß Chateron", sprach er herzlich und ergriff ihre Hand, „ich habe eben erfahren, daß mein Vater lebt, daß Sie Ihr ganzes Leben ihm geweiht; er hat es nicht um Sie verdient, lassen Sie seinen Sohn Ihnen von ganzer Seele danken." „Ich bedarf keines Dankes", entgegnete sie weich, „aber nenne mich nicht Miß Chateron, Victor, sondern „Cousine Jncz". Seit dretundzwanzig Jahren habe ich diesen Namen nicht gehört und Du glaubst nicht, wie seltsam es klingt." „Sie tragen also nicht Ihren Namen?" fragte er überrascht. „Doch hätte ich's ja wissen können, weil Sie - " „Unter dem Banne des Mordes liegen", ergänzte sie mit leichtem Schauer. „Als ich das Gefängniß verließ und mich nach London begab, nannte ich mich Miß Black und lebte in ärmlicher Wohnung in einem der überfüllten Stadttheile. Des Scheines halber nahm ich Näharbeit an. In all' den Jahren war das die trostloseste, elendeste Zeit. Dort verlebte ich vier Monate. Inzwischen war Dein Vater wieder gesund geworden, aber die Furcht, daß sein Verstand zerrüttet, hatte sich bestätigt. Lady Helena wußte nicht, was sie mit ihm anfangen sollte. Wohl gab es Privatirrcnanstalten, aber der Gedanke schien ihr unerträglich. Der Kranke war völlig irre, aber harmlos und ich beschloß, was jetzt meines Lebens Zweck ist. Lady Helena miethete ein entlegenes Haus in der Vorstadt St. John auf viele Jahre für Mr. und Mrs. Victor. Dorthin brachten wir Deinen Vater, und seit seinem Eintritt hat er die Schwelle nicht wieder überschritten. Mrs. Marsh, die alte Haushälterin von Chateron Royals, und Mr. Hooper kamen zu uns und sind noch bei uns, obgleich Beide jetzt alt und schwach geworden. Vom Anfange an, in den Tagen meines jugendlichen Glückes, gehörte mein Leben ihm, ihm soll es gehöen, bis er stirbt, und ich war in den letzten Jahren nicht einmal unglücklich." Voll Mitleid und Bewunderung lauschte der junge Mann ihren Worten. Nicht unglücklich I Gcbrandmarkt, verbannt, alleinige Gesellschafterin eines Irren! Kein Wunder, daß sie mit vierzig Jahren ergraut ist, daß jede Spur von Farbe aus ihrem Gesichte verschwunden war. Vielleicht verrieth sein Blick ihr seine Gedanken. „Nein, Victor, ich bin nicht unglücklich", lächelte sie, „Dein Vater ging mir von jeher über die ganze Welt, und so ist es noch. Er ist nur noch die Ruine von dem Victor, den ich geliebt, und doch bin ich lieber bei ihm, als sonst wo. Und ich war nicht ganz verlassen. Tante Helena kam oft und brachte Dich mit. Mir ist's, als hätte ich Dich erst gestern auf meinen Armen eingeschläfert und jetzt — jetzt sagte man mir, Du wollest heirathen." Er erröthete. „Ich wollte es, aber ich wußte nicht, daß mein Vater lebt, daß Titel und Erbe sein sind. Was wird Edith sagen?" „Liebt Dich Miß Darrell?" fragte Jnez ernst, „ob Du sie liebst, brauche ich kaum zu fragen?" „Ich liebe sie so sehr, daß, wenn ich sie verliere —" er wandte sich ab, „o, daß ich die Sachlage vom Anfange gewußt hätte. Wer weiß wie Alles jetzt endet?" „Glaubst Du, Du müßtest mit Titel und Erbe auch Miß Darrell verlieren?" „Das nicht; Edith ist edel und wahr, aber es ist, als hätte man sie getäuscht, und Verlust von Titel und Erbe ist auch schließlich keinem Weibe gletchgiltig." „Einem liebenden Weibe wohl." „Sie wird mich lieben, sie hat es mir versprochen, und Edith hält Wort." „Also hat sie Dir gestanden, daß sie Dich nicht liebt? Vergib mir, Victor, aber Dein Glück liegt mir am Herzen." „Sie gestand es mir mit edlem Freimuthe, aber Liebe, wie ich sie fühle, erzwingt Gegenliebe." „Nicht immer, Victor, wie glücklich wäre ich sonst gewesen. Liebt sie keinen Andern?" „Nein", entgegnete er, im tiefsten Herzen aber regte sich Eifersucht auf Rudolf Stuart. „Wenn Edith Darrell ist, wie Du sie beschreibst, wird kein Verlust von Titel und Erbe sie Dir untreu 554 machen. Uebrigens verlierst Du Beides nicht und brauchst ihr nicht einmal davon zu sagen." „Ich will vor meiner Verlobten keine Geheimnisse haben. Edith muß Alles wissen, bei ihr wird das Geheimniß so sicher sein als bei mir." „Gut", sprach Jnez ruhig, „Du weißt, was geschieht, wenn zufällig entdeckt wird, daß Mrs. Victor und Jnez Chateron ein und dieselbe Person sind. Doch thue wie Du willst. Dein Vater ist Dir und der Welt so todt, als lege er in der Gruft neben Deiner Mutter." „Meine arme, ermordete, ungerächte Mutter! Sie sind edel und muthig, Cousine, war eS recht, Ihrem Bruder zur Flucht zu verhelfen? Recht, den Mörder unbestraft zu lassen, auf daß Ehre und Name der Chateron unbefleckt bleibe?" Was malte sich in ihren Zügen? Unendliches Mitleid, unendliches Weh. „Mein Bruder," flüsterte sie, wie zu sich selbst, „der arme Juan war von jeher derSündenbock der Familie. Ja, Victor, es war ein grausamer Mord", fuhr sie nach kurzer Pause mit erhobener Stimme fort, „und doch glaube ich, daß wir Recht thaten, den Mörder zu schützen. Lass' das in der Hand des Allmächtigen." „Ich werde mit Ihnen nach London zurückkehren und meinen Vater besuchen." „Nein, das ist unmöglich. Es ist Deines Vaters eigener Wunsch, daß Du nicht zu ihm kommst." „Meines Vaters Wunsch? Aber — —" „Er kann keinen solchen aussprechen, willst Du sagen? In den letzten Jahren hat er lichte Perioden zu eigener Qual." „Glauben Sie also, es sei besser für ihn, irre zu sein?" „Viel, viel besser. Er denkt und leidet dann nicht. Erinnerung ist ihm Qual. Mit dem Gedächtniß kehrt stets die Angst und Verzweiflung jener entsetzlichen Zeit zurück. Hättest Du ihn gesehen wie ich, Du würdest mit mir wünschen, daß sein Verstand auf ewig um- nachtet bliebe." „Das ist schrecklich." „Wenn er bei sich ist, spricht er von Dir, und bei solcher Gelegenheit befahl er, daß Du ihn nicht besuchen sollst, bis —" Sie schwieg. „Bis?" „Bis er auf dem Todtenbette liege. Der Tag kommt bald, Victor. Die kurzen Vernunftzwischenräume verkürzen sein Leben, denn ich kann Dir nicht sagen, was er in denselben leidet. Auf dem Todtenbette sollst Du ihn sehen und die Geschichte von Deiner Mutter Mord erfahren. Ich kehre mit dem Mittagszug zurück, vorerst aber möchte ich Deine Braut sehen. Ich bleibe hier am Fenster, gedeckt vom Vorhang, kannst Du sie nicht unter irgend einem Vorwand hierher führen, auf daß ich sie sehe und selbst urtheile?" „Ich will es versuchen. Darf ich ihr sagen, daß mein Vater lebt? Mehr braucht sie nicht zu wissen." „Meinetwegen; wenn ich sie gesehen habe, sollst Du Dich erst von mir verabschieden." „Ich darf Sie zum Bahnhof begleiten, nicht wahr, Cousine Jnez? Edith soll hier vorüberkommen, wenn sie überhaupt fähig ist, das Haus zu verlassen. Sie erschien Kopfschmerzen halber, nicht beim Frühstück." Sir Victor begab sich in den Salon, Edith war nicht in demselben. „Sie geistert irgendwo im Regen umher", sagte Trtxy, „wahrscheinlich sind nasse Füße ein Hauptmittel gegen Kopfleiden." Er eilte hinaus und sah bald zwischen den Bäumen Edith's rothes Kleid. Ohne Regenschirm wandelte sie bleich im Regen umher. „Edith, Sie werden sich erkälten." „Ich erkälte mich nicht. Schon als Kind lief ich gern im Regen umher, und die kühle Luft soll meinen Kopfschmerz lindern!" Er führte sie langsam in der Richtung des Fensters, wo die Beobachterin stand. „Ich habe Ihnen etwas zu sagen, Edith, das ich eben erfuhr, das ich keine schlimme Kunde nennen darf und die mich doch beinahe niederschmetterte. Mein Vater lebt." „Sir Victor!" „Lebt, Edith, ist aber hoffnungslos irrsinnig. Heute erst sagte mir's die Tante." Sie war stumm vor Staunen. Sein Vater am Leben, Wahnsinn in der Familie. Das mochte schwerlich Jemand gute Kunde nennen. Sie waren unter dem Fenster. Er blickte hinauf und bemerkte ein bleiches Antlitz. „Wenn Ihr Vater lebt, sind Sie nicht Sir Victor", lauteten Edith's erste kaltgesprochene Worte. Des jungen Mannes Herz krampfte sich zusammen. „Er wird in meine Rechte nie eingreifen, in Wirklichkeit lebend, ist er der Welt todt. Edith, würde es bei Ihnen einen Unterschied machen, wenn ich Rang und Besitz verlöre, würde ich dann auch Sie verlieren?" Der flehende, liebevolle Blick hätte sie rühren sollen, ihr aber war's, als hätte sie einen Stein im Busen. „Ich bin kein sentimentales Mädchen, sondern vielleicht nur zu weltlich. Ja, ich gestehe, daß es einen Unterschied bedingen würde. Ich gestand Ihnen offen, daß ich Sie nicht liebe, und sage Ihnen ebenso offen, wenn Sie nicht Sir Victor wären, heirathete ich Sie nicht. Es ist viel besser, wenn ich ehrlich bin und Sie nicht betrüge. Sie sind tausend Mal zu gut für mich, und wenn Sie sich von mir trennen, thun Sie ganz recht. Ich werde mein Wort nicht zurückziehen, aber ich will offen reden. Wenn Sie fühlen, daß Sie mich nicht hei- rathen können, so sprechen Sie jetzt." Er hörte sie bleich an. „Edith, um Himmelswillen, wollen Sie mich aufgeben ?" „Nein; ich versprach, Sie zu heirathen, und werde Wort halten; wenn Sie aber aufopfernde Liebe von mir erwarten, sage ich offen, daß ich keine zu geben habe. Wollen Sie mich dennoch, so werde ich Ihnen ein treues Weib sein, und mit der Zeit wohl auch ein liebendes." Sie sprachen nicht weiter darüber; er führte sie ins Haus und begab sich zu Miß Chateron. „Sahen Sie sie?" „Ja, es ist ein schönes, stolzes, edles Gesicht, aber—" „Weiter, schonen Sie mich nicht." „Ich mag mich irren, aber etwas in ihren Zügen scheint mir zu sagen, daß sie Dich nicht liebt und nie lieben wird." „Das wird kommen; mit oder ohne Liebe will sie mein Weib werden, und das ist Glück genug für die Gegenwart." „Sagtest Du ihr Alles?" 555 »Ich sagte ihr, daß mein Vater lebt und irrsinnig ist, weiter nichts. Es soll das unsere Pläne nicht ändern, wir heirathen am ersten September." Lady Helena trat hastig ein. „Der Wagen wartet, Jnez, wenn Du den Zug nicht versäumen willst, mußt Du sofort gehen. Soll ich Dich begleiten?" „Nein, Tante", sprach Sir Victor, „ich begleite sie, kehre Du zu den Gästen zurück, sie fühlen sich sonst vernachlässigt." Wenige Minuten später führte der Baron eine tiefverschleierte Dame an den Wagen und stieg mit ihr ein. Als sie an dem Salonfenster vorbeifuhren, rief Trixy: „Wer ist die schwarze Dame, mit der Sir Victor fortfährt? Du mußt das doch wissen, Edith?" „Ich weiß es nicht." „Hat er Dir's nicht gesagt?" ^ „Ich habe ihn nicht gefragt." „Nun, ich hoffe, daß mein Bräutigam einmal keine Geheimnisse vor mir haben wird. Wenn er nun durchginge? Siehst Da, wie schnell der Wagen fährt?" Edith rührte sich nicht. Jnez erreichte mit Mühe den Zug. Als er vorübersauste, winkte sie Sir Victor ein letztes Lebewohl. Wie träumend bestieg dieser den Wagen wieder und fuhr nach Hause. 15. Kapitel. Lady Helena's Ball. Am fünften Juni sollte auf PowyS Place ein großes Diner mit darauffolgendem Ball stattfinden. Zahllose Gäste strömten in die strahlenden Säle, um Sir Victors Braut zu sehen. Die Verlobung war öffentlich angekündigt worden und bildete das Lieblingsgespräch der Gegend. Sir Victor trat in des Vaters Fußstapfen und brachte ein bürgerliches Mädchen als Gebieterin nach Chateron Royals. Das Blut der Dobb machte sich geltend. Eine arme Verwandte reicher Bürgersleute aus Amerika! Die töchtergesegneten adeligen Familien schüttelten das Haupt. Es war traurig, ein altes Geschlecht so entarten zu sehen. Aber in dem Blute der Chaterons lag die Anlage zum Wahnsinn, und das erklärte viel. Arme Lady Helena! Alle Familien der Gegend aber kamen dennoch zum Feste. Sir Victor war immerhin der reichste Baron der Grafschaft und seine Gemahlin eine nicht zu verachtende Bekanntschaft. Zudem trieb sie die Neugier, das amerikanische Mädchen zu sehen, das Sir Victor wie im Sturm erobert hatte. Selbst Trixy war nervös, wenn auch nur wenig, denn Selbstbeherrschung ist der Amerikanerin erste Tugend. Lady Helena war ganz bleich. Wohl war Edith schön und gut erzogen, stolz wie eine Fürstin; wie aber würde sie sich benehmen unter allen mitleidlosen Blicken, die jede Bewegung bewachten, den herzlosen Zungen, die sofort einen Feldzug gegen sie eröffnen würden? „Fühlst Du Dich nicht aufgeregt, Dtthy?" fraate Trixy, „fürchtest Du Dich nicht?" Edith hob verächtlich das dunkle Auge. „Ich sollte mich vor den Leuten fürchten, die heute kommen? Warum nicht gar. Ich weiß so gut wie Du, daß sie kommen, Sir Victors Wahl zu kritistren, ihn zu bedauern, mich eine Abenteurerin zu nennen, weiß auch, daß jede der Damen ihn selbst gern geheirathet hätte, daß ich seinen Geschmack und meinen eigenen Werth zu verfechten habe. Ich hoffe jedoch zu bestehen und selbst den Vergleich mit den Grafentöchtern bei Licht auszuhalten." „Bei Licht, das ist's ja, gerade bei Licht seid ihr Brünetten immer schöner. Möchte wissen, was Lady Arabella Drexel heute tragen wird, ich möcht' gern die schönst- gekleidete Dame sein. Weißt Du, daß Rudolf von Lady Arabella gefesselt ist? Neulich war er ja nach Drexel Court gebeten. Papa sähe es gern, und es klänge wirklich gut in New-Iork zu sagen: „meine Schwägerin Lady Arabella Stuart". Ich hielte es für eine sehr passende Partie für Rudolf." „Wahrhaftig, eine sehr passende Partie! Sie ist zehn Jahre älter als er, was aber macht eine solche Kleinigkeit, wo treue Liebe besteht? Er hat Geld, sie Rang, er ist hübsch und reich, sie hochgeboren und trägt einen schönen Namen. Wie gesagt, eine schöne, passende Partie!" Wieder beugte sich Edith über ihr Buch, ihre Stirn aber wurde finster, der Inhalt mochte ihr mißfallen. „Lies doch nicht den ganzen Tag", rief Trixy ungeduldig, „es ist die höchste Zeit Dich anzukleiden. Was trägst Du?" „Ich weiß es noch nicht; im Grunde ist es einerlei, ich will in Allem gut aussehen." Als die Wagen vorführen, trat Edith kampfgerüstet aus ihrem Zimmer. Sir Victor erwartete sie am Fuße der Treppe. „Gefalle ich Ihnen, Sir Victor?" Er sah sie an wie geblendet. Weiße und rosa Wolken schienen sie zu umhüllen; er wußte nur, daß zwei braune Augen ihm entgegenlachten. „Glauben Sie, daß Sie sich meiner nicht zu schämen brauchen?" fragte sie. „Schämen?" Er lachte darüber und führte sie stolz in die vollen Säle. „Ich will in Allem gut aussehen", hatte sie gesagt und Wort gehalten. Sie trug ein weißes Tüllkleid und Rosen, um den Hals schlang sich eine goldene Kette mit dem diamantenumstrahlten Bilde Sir Victors. An ihrem Finger blitzte der Verlobungsring. So schien sie wie von Wolken umhüllt, und ihr dunkles Auge übertraf der Diamanten Ge- funkel. Lady Helena athmete bei ihrem Anblick erleichtert auf. Beatrice seufzte. „Trüge man auch den Cohinoor, sie würden Einen überstrahlen", dachte sie, und den Hauplmann Hammond Alüert Memann. 556 mit dem Fächer berührend, fragte sie lustig: „Finden Sie nicht auch, daß Edith Darrell das schönste, eleganteste Mädchen im Saale ist?" „Mit einer einzigen Ausnahme, Fräulein." Rudolf war zweifelsohne der hübscheste Mann. Er sah seine Cousine am Arme des Bräutigams und wandte sich zu einer großen, ziemlich verblühten Dame, die ihn eben gefragt, ob alle Amerikanerinnen schön seien. „Ich dachte es, bevor ich Englands Töchter gesehen", entgegnete er, sich verbeugend. O, der Falschheit der Gesellschaft! Eben dachte er, wie bleich und welk Lady Arabella in der grünen Atlasrobe sich ausnahm, und was sein Leben wäre, fügte er sich des Vaters Wunsch. Die Dame selbst aber, die dreißig Sommer gesehen und fünf jüngere Schwestern hatte, war liebenswürdig genug gegen den jungen Amerikaner. Edith Darrell ist gefährlich schön; Sir Victor kennt nur eine Dame im Saale, sein Idol, sein Stolz, seines Lebens Wonne. „Ich bin stolz auf Sie, Edith, Sie übertreffen sich selbst", flüsterte ihr Lady Helena zu, und mit Thränen in den Augen küßte Edith ihr die Hand. Nur einmal tanzt sie mit Rudolf und weiß nicht, schwebt sie auf der Erde oder in der Luft; ihr ist's als sei sie im Himmel. Ob sie wohl je wieder mit ihm tanzt? Im innersten Herzen fühlt sie, daß sie sich gegen den Verlobten versündige, und doch wünscht sie, der Walzer würde ewig dauern. „War das nicht ein reizender Walzer, Rudolf? Niemand findet sich gleich Dir in meinen Schritt." „Hoffentlich lernt es Sir Victor", entgegnete er kalt. Der Junimorgen dämmerte bereits, als Lady Helena's fünfhundert theure Freunde sich zum Aufbruch rüsteten. 16. Kapitel. Der Cousin. Matt und müde kamen die Damen im Laufe des Tages aus ihren Gemächern. „Ich gehe nach Chateron Royals", sagte Sir Victor nach dem Frühstück zu Edith, „wollen Sie mich nicht begleiten, die frische Luft wird Ihnen gut thun?" „Bitte, lassen Sie mich hier liegen, ich bin so müde, so müde." Enttäuscht wandte er sich ab. Edith schloß die Augen und legte sich bequemer hin. Als er fort war, warf Trixy das Buch weg und rief: „O Du herzloses, kaltblütiges Geschöpf!" „Was gibt's? welch' neues Verbrechen habe ich begangen?" „Nichts Neues, 's ist Altes nur im Einklang. Völliger Egoismus ist Dein Normalzustand. Armer Sir Victor, der Dich errungen, armer Rudolf, der Dich verloren! ich weiß nicht, wen ich mehr bedaure." „Du brauchst Dein kostbares Mitleid an Keinen zu verschwenden", entgegnete sie ruhig. „Ich werde Sir Victor ein gutes Weib sein, und Rudolf mag sich mit Lady Arabella trösten." „Edith, hast Du ein Herz? wie kannst Du Dich so verkaufen? Sir Victor ist Dir vollkommen gleichgültig und Du heirathest ihn, meinen Bruder liebst Du und überlässest ihn der Lady Arabella." „Es ist etwas zu spät für solch' zarte Geständnisse; wenn es Dir aber besonders lieb ist es zu wissen, Trixy so gestehe ich Dir, daß ich Rudolf liebe." „Und gibst ihn auf? Wahrhaftig, Du bist ein unlösbares Räthsel. Rang und Titel sind sehr schön, wenn ich aber einen Mann liebte, würde ich ihn heirathen, und wäre er ein Bettler." „Ich glaube Dir, Trixy, aber Du bist eben anders als ich. Ich liebe Rudolf, mich selbst noch mehr. Aber lassen wir das, mein Kopf schmerzt und ich bin müde. Du hast Recht, mich ein herzloses egoistisches Geschöpf zu nennen. Ich werde Sir Victor heirathen und Du magst ihn bedauern, denn er ist ein edler Mann und liebt mich von ganzem Herzen. Dein Bruder aber bedarf Deines Mitleids nicht. Er ist ein guter Mensch und hat mich geliebt, aber er altertrt sich nicht ob meines Verlustes, solange er eine Cigarre hat." „Er kommt, am Ende hat er uns gehört." „Meinetwegen, es wird ihm nichts Neues sein." „Wie schade, daß Ihr Euch nicht vcrheirathet, bezüglich Eures Egoismus seid Ihr wahrlich für einander geschaffen", rief Trixy ärgerlich und verließ das Zimmer. Rudolf warf sich in ein Fauteuil. „Hast Du gehorcht, Rudolf?" „Gehorcht? Ich ging unter dem Fenster auf und nieder und hörte Euch. Offene Geständnisse sind gut, aber, Cousine, Du sollst sie nicht unumwunden machen. Sir Victor hätte es statt meiner hören können." Sie schwieg. „Armer Sir Victor!" fuhr er fort, „er liebt Dich ohne Zweifel abgöttisch, was aber würde er sagen, wenn er das hörte?" „Sag' ihm's meinetwegen, mir ist's einerlei; sag' ihm, ich sei weder seiner noch irgend einen gutes Mannes werth, ich sei blasiert mit neunzehn Jahren, was werde ich mit neunundzwanzig sein! Sag' ihm, daß ich ihn nicht liebe, nie lieben werde, weil ich nur ein halbes Herz besitze und die Hälfte einem Andern gehört. Ich glaube, er gebe mich auf und ich achtete ihn darob. Hast Du den Muth hierzu, so kannst Du dann mich veranlassen, Dich zu heirathen. Du kannst es, und wenn der Honigmonat vorüber ist und die Armuth zur Thür hineinkriecht, werden wir uns hassen und uns mit dem Gedanken trösten, daß wir alles aus Liebe gethan." Sie lachte. „Heute bin ich zu Allem fähig; was sind Liebe, Rang und Reichthum, gesehen durch katzenjämmerliche Brillen?" „Ich verstehe Dich nicht und muß mit Trixy fragen, warum heirathest Du Sir Victor?" „Vielleicht ob des Triumphes, einen Preis zu erringen, um den hundert Andere sich vergeblich bemüht; vielleicht weil er mich liebt, wie kein Sterblicher mich je lieben wird; hauptsächlich aber, weil er Sir Victor Chateron von Chateron Royals mit zwanzigtausend Pfund Renten ist. Da hast Du die nackte Wahrheit. Ich habe ihn lieb, aber ich liebe ihn nicht, demungeachtet aber will ich ihm ein gutes Weib sein und einige Tage vor der Hochzeit wollen wir uns die Hand reichen und uns nicht wiedersehen." „Nicht wiedersehen?" „Wenigstens nicht, bis wir der Thorheit der Vergangenheit lächelnd gedenken können, oder bis eine Mrs. Stuart, vielmehr eine Lady Arabella Stuart existirt, dann aber haben mein Bild und meine Briefe für Dich keinen Werth mehr, und dann bitte ich Dich, gib mir sie zurück." „Wenn Du unter „dann" den Zeitpunkt verstehst, wo ich Lady Arabellas Gatte sein werde, so hast Du vollkommen Recht; bis dahin aber erlaube mir, sie zu behalten. Wir sind verwandt — wie natürlich, daß wir unsere Bilder besitzen. Ich sehe auch, daß Du noch immer die Türkisbroche mit meiner Photographie aus der Rückseite trägst. Gib mir sie, Türkise stehen Dir nicht, ich will Dir dafür Rubinen geben mit Sir Victors Bild." Er streckte die Hand darnach aus. Edith sprang errathend auf. „Ich werde Dir die Bräche nicht geben und will sie behalten, so lang' ich lebe; wie kannst Du so etwas verlangend" Er war ebenfalls aufgestanden, hatte ihre beiden Hände gefaßt und blickte ihr fest in die braunen Augen. einer Hinsicht kein übles Weib sein — eine Zierde für die Gesellschaft, eine verheirathete Coquette. Vor Kurzem noch beneidete ich Sir Victor, jetzt bemitleide ich ihn." Er wandte sich; zum ersten Male hatten Liebe und Zorn sich zum Kampfe bei ihm erhoben. Edith war auf das Sopha zurückgesunken, gedemü- thigt wie noch nie im Leben. Ihn rührte ihr Schweigen. , Er hörte unterdrücktes Schluchzen, und sein Zorn schwand. „O, vergib mir, Edith, ich war grausam, aber ich mußte sprechen. Es war das erste, es soll das letzte Mal sein; es seien die letzten Thränen, die ich Dir erpresse." Die Worte, welche besänftigen sollten, verletzten noch mehr. „Es seien die letzten Thränen, die ich Dir erpresse" — in den Worten lag ein ewiges Lebewohl. Sie hörte die Thüre öffnen, sie schließen und wußte, daß derjenige, den sie leidenschaftlich liebte, sie auf immer verlassen hatte. (Fortsetzung folgt.) Alle Fabrik „Lass' mich, o lass' mich!" bat sie „wenn Jemand käme, die Dienerschaft oder — Sir Victor." Er lachte verächtlich. „Ja, wenn Sir Victor käme und sähe uns! Wie wenn ich ihm die Wahrheit sagte, ihm erklärte, daß Du mein bist durch die Gewalt der Liebe, daß ihm nur sein Titel und Geldrollen Dich erkauft I" War das Rudolf Stuart? Derselbe stets sich selbst- beherrschende und leidenschaftslose Rudolf Stuart? Sie hielt den Athem an; ihr Stolz wich. Hätte er es gewollt, sie würde jetzt Sir Victor sein Wort zurückgegeben und sich ihm gegeben haben. Rudolf wußte es, jedoch plötzlich ließ er ihre Hände los und sagte in bitterem, kaltem Tone: „Wenn ich Dich so betrachte, Edith, in Deiner Schönheit und Deiner Selbstsucht, weiß ich nicht, ob ich Dich mehr liebe oder verachte. Dich heirathen? Nein, Du bist es nicht werth. Für Sir Victor wirst Du in r Augsburg. Die G. Haindl'sche Papierfabrik in Augsburg. ^Mit Illustrationen.^ Die „Offizielle Ausstellungs-Zeitung" der Land es- Ausstellung in Nürnberg veröffentlicht einen interessanten Artikel über die Haindl'sche Papierfabrik in Augsburg, welchem die nachstehenden Illustrationen beigefügt sind. Wir entnehmen der Darstellung folgende Angaben von allgemeinerem Interesse: Gegründet im Jahre 1689, hatte das Unternehmen, besonders in Bezug auf die Wasserausnützung, mit vielerlei Schwierigkeiten zu kämpfen und konnte bis Mitte dieses Jahrhunderts von keinem Besitzer dauernd zu nutzbringender Frequenz gebracht werden. Das Werk kam im Jahre 1848 in Konkurs und wurde nach einjährigem Stillstand von Georg Haindl erworben. Mit 7 Arbeitern wurde noch im gleichen Jahre mit der Fabrikation begonnen, und schon drei Jahre später, 1852, erfuhr das 558 Geschäft durch den Erwerb und Umbau einer in unmittelbarer Nähe am Stadtbach gelegenen Sägemühle eine wesentliche Vergrößerung. Die dort aufgestellte Papiermaschine kam im Jahre 1854 in Gang, und während im Jahre 1849/50 die Produktion 2000 Zentner betrug, bestes sich dieselbe 1854/55 schon auf 6800 Zentner fertiges Papier. Mit diesem Zeitpunkt trat die Fabrik, auch über die Grenzen Bayerns hinaus, in Wettbewerb mit der Konkurrenz. In die darauffolgenden Jahre fällt die allmälige Herstellung einer vollständigen Neuanlage für Sortirung, Schneiden, Reinigen und Kochen der Hadern und für Lagerung der Rohstoffe. Die Wasserräder wurden zur vortheilhafteren Ausnützung der Waffer- das obere Werk der Haindl'schen Papierfabrik, dessen Wiederaufbau sofort in Angriff genommen und in oer- hältnißmäßig kurzer Zeit ausgeführt wurde, das erste, welches in Süddeutschland, angeregt durch die Rotations- maschtnen der Maschinenfabrik Augsburg, das sogenannte endlose Papier auf den Markt brachte. Bet Gelegenheit der Weltausstellung in Wien 1873, wo die erste rotirende Schnellpresse den Interessenten im Betrieb vor Augen gebracht wurde, war Haindl'sches Fabrikat in Verwendung. Im Jahre 1878 starb Herr Gg. Haindl, der Begründer des Etablissements. Mit ihm schied ein Mann aus dem Leben von hoher Begabung und seltener Arbeitskraft, der sich durch Wissen und Willen aus ein- ^'2. "1 , I >1 > II " 'S, 77ii>' I « ,'is>v, I I . 5, , , , 1 I , , I I IM«" LL'', Hatndl'lche Papierfabrik in Augsburg. kräfte durch Turbinenanlagen ersetzt, und während dem ursprünglichen oberen Werk im Jahre 1866 durch Aufstellung einer Dampfmaschine vermehrte Kräfte zugeführt wurden, erhielt das Werk am Stadtbach in Folge Ankaufs eines benachbarten Anwesens eine Verdoppelung der Wasserkraft und eine zweite Turbine. Die Fortschritte der Technik in der Papiererzeugung machten die Erstellung einer neuen Maschine und der dazu erforderlichen Räumlichkeiten im alten Werke nöthig, und im Jahre 1873 wurde dessen Einrichtung durch eine neue, breite, englische Papiermaschine mit allen Nebenmaschinen ergänzt. Nach kaum vierwonatlichem Betrieb zerstörte jedoch ein großer Brand die ganze Anlage bis auf die Grundmauern. In jene Zeit fällt die Einführung des Rotationsdruckes, und trotz des Brandunglückes war fachen Verhältnissen zu einer unabhängigen, achtunggebietenden Stellung emporgearbeitet hat. Das Etablissement ging an seine beiden Söhne, Friedrich und Clemens Haindl, über, welche ihm bereits in der Geschäftsleitung zur Seite gestanden waren. Im Jahre 1879 erfuhr die Anlage durch eine neue große Papiermaschine und alle Hilfsmaschinen eine vollständige Umwandlung; gleichzeitig wurde eine Compound- Dampfmaschine von 130 Pferdekräften aufgestellt. Von einer für den jetzigen Stand des Etablissements weitgehenden Bedeutung ist die im Jahre 1880 in den Besitz der Firma Haindl durch Kauf übergangene Ehner'sche Papierfabrik, gegründet 1786. Mit der Erhöhung der Wasserkraft wurde sofort eine vollständige Umgestaltung der ganzen Fabrikanlage vorgenomen. 559 Die Fortschritte auf dem Gebiete der Zelluloseherstellung, insbesondere durch dtevon Pros. Mitscherlich gemachte Erfindung der Sulfit-Cellulose, lenkten die Fabrikation des Maschinendruckpapieres in andere Bahnen. ES folgte daher im Jahre 1885 die Erbauung eines Cellulosewerkes. Die maschinellen Einrichtungen erfuhren darauf im Jahre 1891 wiederum eine ganz erhebliche Vergrößerung und Verbesserung. Die Gesammtproduktion des Etablissements an Papier betrug: 1819/50 2000 Ztr., 1860 8500 Ztr., 1870 11,000 Ztr., 1878 26,000 Ztr., 1890 70,000 Ztr., 1895 140,000 Ztr. Das Cellulosewerk erzeugt jährlich durchschnittlich 15,000 Ztr. lufttrockene Cellulose. — Zur Zeit verfügen die drei Haindl'schen Fabriken insgesammt über 900 Pferdekräfle, bestehend in 3 Turbinen mit 4 kleineren Dampfmaschinen zum allgemeinen Betrieb und 3 großen Zwillings- und Werk- und JllustrationSdruck erzeugt. Ferner Schreibpapiere, Stretchpapiere für Bunt-, Gold- und Silberpapiere, weiße und farbige Kartons, mittelfeine und feinste Packpapiere, Hülsenpaptere für Tüben und Cannetten. Noch in diesem Jahre gelangt im unteren Werk, den steigenden Anforderungen des Rotationsdruckes in Bezug auf Brette und Größe der Zeitungsformate Rechnung tragend, die fünfte Papiermaschine neuester, größter Konstruktion zur Aufstellung. Vor kaum einem Menschenalter mit 7 Arbeitern angefangen, werden heute 200 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt. Eine ^wesentliche Vergrößerung erfuhr das Etablissement durch die im Jahre 1887 zu Schongau am Lech erfolgte Gründung einer eigenen Holzschleiferei, die über eine Wasserkraft von 1800 Pferdekräften verfügt. Zur Zeit werden mit 1300 Pferdekräften jährlich ca. 200,000 Ztr. Holzstoff erzeugt. 'EW 2° S» Haindl fche Papierfabrik in Kchongau Compound-Maschinen als Beihilfe und vollständige Reserve für die Wasserkraft. Im Jahre 1891 schloß sich die G. Haindl'sche Papierfabrik der Augsburger Lokalbahn an, deren Geleise die Verbindung mit dem staatlichen Güterbahnhof herstellt. Der Bahnverkehr belief sich im Jahre 1895 auf 3000 Doppelwaggons, wovon 2500 Waggons mit 24^/z Millionen Kilogramm durch die Lokalbahn und 500 Waggons per Achse von und zur ,Staatsbahn befördert wurden. Mit allen Errungenschaften der Neuzeit ausgerüstet, schreitet die Haindl'sche Papierfabrik heute an der Spitze der Konkurrenz und ist in Bayern das größte Institut in der Branche, das sich im Einzelbesttz befindet. Als Spezialität werden Papiere für Rotations- und Formatdrucke von Zeitungen, für alle Sorten von Bücherdruck, feine satinirte Papiere für Die Holzstofffabrik Schongau Friedr. Haindl L Co. beschäftigt 80 Arbeiter und wird von Augsburg aus ad- ministrirt. Die G. Haindl'sche Papierfabrik wurde auf allen bisher beschickten Ausstellungen ausgezeichnet. Auf der Bayerischen Landes-Ausstellung zu Nürnberg 1882 war die Fabrik außer Preisbewerbung, da Herr Friedrich Haindl zum Vorsitzenden der Jury für Papierindustrie erwählt war. Aus den bescheidensten Verhältnissen hervorgegangen, gehört die G. Haindl'sche Papierfabrik heute zu den glänzendsten Namen in der Augsburger Großindustrie. Wir erfahren soeben noch. daß dieser Firma in Nürnberg der erste Preis, goldene Medaille, zuerkannt wurde. -- 560 (Zu unserem Bild Seite 555.) Albert Niemann. ,A. Niemann war unter den Genossen der Biihnenfestspiele von 1876 das eigentliche, Enthusiasmus treibende Element.- Rieb. Wagner. Das Motto spricht die Bedeutung des genialen Sängers erschöpfend aus, und zwar gerade Wagner darf als Autorität bei der Beurtheilung gelten. Man kann nicht sagen, daß er freigebig in solchem Lobe war, und „Tenoristen" hat er nur drei vollkommen gelten lassen, Tichatscheck, Schnorr v. Carols- feld und Niemann. Alle drei haben sich um Wagner's gesang- dramatiscbe Reformideen Verdienste erworben. Zuerst 1842 Tichatscheck, der erste „Rienzi", als Wagner, damals nur von wenigen gekannt, auf v. Lüttichau's Ruf von Paris nach Dresden kam und nach dem Rienzi-Erfolg königl. säcbsischer Kapellmeister wurde. Tichatschecks Stimme war trompetenhell, schmetternd, voll Temperament; sein Vortrag vielfach eckig, aber hinreißend zündend, sein Spiel minimal. Der zweite Wagnertenor, Schnorr, trat, von Wagner zäitlich geliebt und bewundert, als geist- und gefühlvoller „Tristan" 1865 auf den Plan und starb sehr jung; seine Stimme war dunkel, seine Figur sehr dick, im Gegensatz zu dem sehnig hageren Tichatscheck. Beide Genannte : übertraf Albert Niemann durch seine prachtvolle Hünenbaste Erscheinung und durch ein Spieltalcnt, das ihn zum größten Schauspieler befähigt haben würde. Er war 1861 (damals als hannöverisches Hofopernmitglied) der erste ..Tannhäuser" bei jenen berüchtigt skandalösen zwei Vorstellungen dieser Oper in Paris, und stand unerschrocken dem polternden, höhnenden und pfeifenden Jockeyklub gegenüber. Und weiterhin 1876 war er der erste „Siegmund" in der Walküre zu Bayreuth im Festspielhause. Tbc stimme hielt, was den Timbre anlangt, die Mitte zwischen beiden vorgenannten Kollegen. Sie war nicht zu hell, aber auch nicht dunkel, sondern wunderbar normal männlich, sowohl üle schäumend kraftvoll, wie auch tief empfindend, energisch, wo der Accent es verlangte, von blühender Weichheit in der Kantilene. Denn derselbe Länger, der die ^ Pilger-Erzählung im dritten Akte des „Tannbäustr" mit so großartigen erschütternden Accentcn vortrug, dessen wilde, un- > bußfertige Verzweiflung das Publikum fanaftsirte, dessen erste ! Phrase in den Nibelungen: „Weß Herd dies auch sei — hier ! muß ich rasten", nie, von keinem Tenor der Welt wieder er- re cht worden ist, war nickst minder als „Joseph" in Mehrils reizend lyrischer alter Oper so zart, daß auch diese Rolle von . keinem überboten worden in. Das Merkwürdigste ist: der Künstler, von welchem alle. die ibn gekört, mit schwärmender Bewunderung sprechen, machte gar nicht den Eindruck eines Sängers. Die Deklamation der Worte, jede Bewegung des i Körpers, die großen, ernstblickenden Augen, die stürmische Größe ! der Empfindung ließen den sckönen, hochragenden Mann zugleich ! als Sprecher, als plastische Statue, als klassisch lebensbew'gt, ja, als überlegenen Denker erscheinen, dem die malerischen Positionen völlig natürlick zu Gesickst standen. Also genau was Richard Wagner in seinen Schriften der vier-iger Jahre als den Typus des Kunstwerkes der Zukunft verkündete, die Vermischung aller Künste im dramatischen Kunstwerk, das war in Albert Niemann zur Wirklichkeit geworden. Bis 1861 hatte Wagner, der ja von 1849 bis dorthin in der Verbannung außerhalb Deutschlands gelebt hatte, Niemann nie gehört. Aber er hatte über ihn viel Rübmenswerthes gehört, und als jene ^ Vorstellungen des „Lannhäuser", welche die Fürstin Pauline Metternich angeregt und Napoleon III. befohlen hatte, vor sich gehen sollten, Roger aber, der einzig passende französische Tannhäuser, der in Betracht kommen konnte, versagte, ließ Wagner an Niemann, der des Französischen ausgezeichnet mächtig war, die Einladung ergehen. Niemann reiste nach Paris, sah, wie . die Sachen lagen, und kam nach höchster Anerkennung seines ^ Probesingens, mit dem Pariser Kontrakt in der Tascke, nach , Hannover zurück. Bekanntlich war in Paris für die armen Sänger jener Aufführungen keine Freude zu holen. Aber Niemann hatte das Seine gethan; die Erzählung von der Romfahrt, wie er sie leidenschastsglühend vortrug, bezwäng selbst die Feinde des Werkes und hob den für die Franzosen verständ- nißschwersten dritten Akt zur größten Wirkung. Niemanns Ruf stand nun fest. Aber die rechte Ausbreitung kam erst mit dem Jahre 1866, als er das stille Hannover mit Berlin vertauschte, ' in welchem er bis zu seiner Pensionirung ungezählte Triumphe ! feierte. Geboren ist Niemann, der jetzt in Berlin als Jagdliebhaber und Philosoph lebt, 1831 zu Eisleben. Sein Vater, ein Gastwirth, ließ dem Knaben eine tüchtige Erziehung geben; Maschinenschlosser, Mechaniker sollte der Sobn werden, und da dieser alles, wa^ er im Leben that, mit Tücht'gkeit durchsah'te, hätte Niemann welleicht als Techniker einen neuen Bühnenmechanismus oder einen ungekannten Motor erfunden, wenn n cht die Vermögen? Verhältnisse des Vaters zurückgegangen wären und ibm den Weg versperrten zu den höheren Studien der Mech rnik. Es galt, sich auf eigene Füße zu stellen, und so ging Albert Niemann muthig „zum Tbeater". In Dessau begann er, aber keineswegs als Sänger, sondern in winzigen Schauspiel- und dann in Chor-Rollen. Häufig übte er Gesang mit dem Baritonisten Nusch, nachdem Friedrich Schneider die prachtvolle Stimme erkannte. Vom Chor schwang er sich zu Solo Tenorrollen, ging von Dessau nach Halle und Von dort, bereits als Heldentenor von Ruf, nach Hannover. Von Hannover aus trieb ihn der Ehrgeiz nochmals zu Studien, die er bei Duprez in Paris machte. Meyerbeer, Wagner, Halevy, also das hochdramatischc Fach, war seine Domäne. Wer aber einen Blick in die Seele des hockg bildeten Künstlers thun wollte, der mußte ibn Schumann'sche Lieder singen hören. „Ich grolle nicht" gehört eben auch zu den Dingen, die ihm keiner nachsingt. Löwe, Schubert, Brahms, darin schwelgte die herrliche Stimme und der tiefergreifende Vortrag. Niemann verheirathete sich schon 1861 mit Marie Seebach, dem damals berühmtesten deutschen „Gretchen". Aber er ließ sich wieder scheiden, und 1870 nahm er ein anderes „Gretchen", Hedwig Raabe, die allerdings in dieser Rolle nicht gerade den Ruhm ihrer Vorgängerin errang. -- R — - Aus der „Nachfolge Khristi".*) Wenn ich schier auch alles wüßte, Dock nicht in der Liebe stände: Könnt' es wohl vor Gott mir helfen, Der die That nur wägt am Ende? Ist dein Wissen reicher, größer: Um so strenger wird dich richten Gott der Herr, wenn nickt auch strenger Du gelebt hast deinen Pflichten. Dieses ist die hehrste Kenntniß, Die gedeihlichste von allen: Daß uns selber wir erkennen, Daß uns selber wir mißfallen. Von sich selber nichts zu halten, Doch das Rühmlichste vom Nächsten: Das ist Weisheit, das ist Lugend, Solche Klugheit steht am höchsten. Siehst du an dem Nebenmenschcn Ein Verschulden, schlimm und schandhaft: Darfst du dich für besser schätzen? Kannst du schwören, daß du standhaft? *) Siehe „Des gottseligen Tbomas von Kempen Nachfolge Christi in deutschen Reimen" von Hermann Jseke. Verlag von F. W. Cordier, Heiligenstadt (Eichsfeld). Preis brchch. M. 3.-, Salonband M. 4.50. Auslviung ver L-cyach-Ausgabe m Rr. <2: Weiß. Schwarz. 1. L. 63-82 S. 64-82: (.4. 8, 6) 2. D. 67- 02 si K. 83—02: (82) oder L. 81-62: 3. S. 85-83 (03) Matt. 4. 1. K. 04-82: 2. D. 07—631- beliebig. 3. D. Matt. 8 . 1. S. 64—831- 2. K. 02-83 beliebig. 3. T. oeer S. Matt. 0. 1. 42-4.1 D. 2. S. 85—031- S. 64-86: 3. D. 67-86: Matt. s» ^ 74. Ireitag, den 4. September 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer vr. Max Huttleri Ein furchtbares Geheimnis;. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary AgneS Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) 17. Kapitel. Die Prophezeihung. Sir Victor ging an einem warmen Junitag über die Felder nach Chateron Royals. Er hatte Frieden mit sich und der Welt und sah zufrieden und glücklich aus, wenn auch manch' bitterer Tropfen in seinem Kelch sich befand. Edith liebte ihn nicht, würde ihn vielleicht nie lieben; er wußte nun, daß sein Vater lebte, daß Irrsinn in der Familie herrschte, vielleicht auch ihn er» greifen würde. Und was mochte nur die Zukunft bringen? Allmälig schweiften seine Gedanken auf angenehmeres Gebiet. Am ersten September sollte die Trauung stattfinden; schon waren die Arbeitsleute bemüht, das alte stolze Schloß schöner denn je erscheinen zu lassen und nach einem Ausflug auf den Continent wollte er die junge Frau zur Christfreude in die neue Heimath bringen. Jeder ihrer Wünsche sollte erfüllt werden, er wollte früh und spät bemüht sein, seines WeibeS Herz zu gewinnen, wollte Liebe und Treue ihr entgegenbringen und glücklich leben, lange, lange — In demselben Moment, wo er leichten Herzens da» Hinschritt, lag Edith Darrell in ihrem Zimmer und vergoß die bittersten Thränen. «Bitte, Sir Victor, die Großmutter braucht Sie", sprach eine kindliche Stimme neben ihm, und ein neun» jähriges Bübchen zog sein Mützchen. Sie standen neben dem Eingangsthor und der Junge zeigte auf die Thorwohnung. «Wer bist Du, Kind?" «Ich bin Johny Miller; Sir Victor und die Großmutter braucht Sie." «Wer ist die Großmutter?" „Sie ist die Großmutter und Mama'S Mutter. Sie käme heraus zu Ihnen, Sir Victor, aber sie ist krüppelhast und kann nicht gehen." „Gut, kleiner Mann, zeige mir den Weg." Der Junge lief voraus und öffnete die Thür. Sir Victor betrat das kleine Zimmer an dessen Fenster Rosen und Geranien standen. In einem großen Armstnhl saß eine kleine, seltsame Alte und strickte. „Das ist die Großmutter, Sir Victor. Sie müssen aber laut sprechen, weil sie nicht hört. Hier ist Sir Victor, Großmutter!" brüllte Johny ihr ins Ohr. „AHI" sagte sie und betrachtete mit den matten Augen des Barons schlanke Gestalt, „ja, das ist Sir Victor. Ich bin ein altes Weib, neunundachtzig Jahre alt auf Michaeli, aber ich kenne seines Vaters Sohn. Es ist dasselbe Gesicht, hübsch und lächelnd. Es ist eine seltsame Welt, sehr seltsam!" Sie wiegte das greise Haupt und wies auf einen Stuhl. «Wollen Sie sich gefälligst zwei Minuten setzen, Sir Victor, und Du, Johny, lauf fort und schließe die Thür. Ich bedaure, wenn ich Sie störe, aber ich bin ein altes Weib und habe viel erlebt in meiner Zeit. Ich bin neunundachtztg Jahre alt und solche Leute sehen und hören sonderbare Sachen." „Aber, gute Frau, wenn Sie mir etwas zu sagen haben, bitte ich, es sofort zu thun, ich bin auf dem Wege nach PowyS Place und habe Eile." „Powys Place, o, ich erinnere mich dessen", nickte die Alte, „er war in Powys Place in der Nacht, wo die schöne Frau ermordet wurde' O, es ist eine böse Welt, eine böse, böse Welt!" „Sprechen Sie von meiner Mutter?" „Ja, Sie waren damals noch ein Säugling, war Ihre Mutter doch selbst noch beinahe ein Kind, als man sie im Schlafe ermordete und ihr Mann den Verstand verlor. Jetzt liegt der arme Herr im fremden Land begraben, aber Euer Gnaden gleichen ihm so sehr, daß ich ihn wiederzusehen glaube. Man sagt, Sie hätten eine Braut von über dem Ocean." Sie blickte ihn fragend an. Der Baron nickte zustimmend. „So wird wohl wieder Hochzeit sein in Chateron Royals mit Freudengeläute und Festgepränge, vielleicht erlebe ich'S nicht mehr; ich bin ein altes Weib und habe Sonderbares erfahren. Ja, ja, die Alten müssen sterben und die Jungen heirathen! Doch, ob ich's erlebe oder nicht, ich will's Ihnen sagen; aber vielleicht wissen Sie es schon." „WaS denn?" fragte Sir Victor ungeduldig, „ich verstehe kein Wort von Ihrem Gerede." Die alten, wässerigen Augen blickten ernst auf ihn. „Die Prophezeiung." „Welche?" „Die Prophezeihung von Chattton. Dachte ich'- doch, daß Ste's nicht wüßten, daß Lady Helena es Ihnen nicht gesagt habe." »Eine Prophezeiung? Das wird interessant", lachte Victor, „wir haben unser Familiengespenst, warum nicht ivuch eine Prophezeihung l Lassen Sie hören, gute Frau; betrifft Sie wich?" „Sie und Ihre Braut, sonst ist ja Niemand «ehr da. Sie lachen. Junge Leute lachen immer, die Alten weinen. Sie werden die Prophezeihung nicht glauben, 'aber sie wird sich doch bis zum Schlüsse erfüllen." „Wollen Sie sie endlich mittheilen?" Aber der Alten eilte eS nicht. „Ich denke der Nacht, wo wir bet Ihrem Vater wachten, John Hooper und ich, der ist jetzt auch todt, so viel ich weiß. ES regnete und stürmte, die Dame lag unten mit dem Dolchstich im Herzen, ihr Gemahl tobte jm Gehirnfieber, Miß Jnez war im Gefängniß. Der ,irrste Theil der Prophezeihung hatte sich also erfüllt, und ich sagte zu John: „Du wirst sehen, daß das Uebrige anch eintrifft. Er ist jetzt ein Kind, aber die Zeit wird kommen, in der er freien und heirathen wird, am Trau« ungStage aber erfüllt sich die Vorhersagung." „Ich muß gehen", unterbrach Sir Victor die Alte, »wollen Sie mir die Prophezeihung sagen oder nicht?" „Ich erinnere mich derselben wohl", flüsterte fie, das Haupt wiegend, „die erste Strophe bezog sich auf den Mord." »Wenn einst ein Chateron gemeinen Mord vollbracht, So sinkt der Stamm dahin in Nebel und in Nacht." „Jedermann weiß, daß es Juan gethan hat, ein böser Junge mit dem Teufel in den schwarzen Augen und bösen Gedanken im Herzen." „Ich bin ein altes Weib, aber ich habe eS nicht vergessen." „Wenn ein Chateron an Mörders Stelle Geschmachtet in Chesholms Gefängnißzelle", das bedeutet Miß Jnez. Sie wissen ja, daß sie schuldlos ins Gefängniß kam. Der Nest muß erst eintreffen, der ist für Sie." „Weiter l" Die blöden Augen hefteten sich auf ihn, und die alten Lippen sprachen langsam: „Der Bräutigam am Hochzeitstag verwittwet steht: Erlischt der Stamm — der Name selbst vergeht." ES folgte eine Pause. Sir Victor war zum Mindesten überrascht. Er hatte Neigung zum Aberglauben, und der VerS machte ihn stutzen. „Ist das Alles, gute Seele?" fragte er endlich lachend. „Alles und gewiß genug, eS wird sich erfüllen wie daß Uebrige, bedenken Sie das." Sir Victor legte ein Goldstück in die runzelige Hand. „Sie meinen es gut, aber wiederholen Sie den Unsinn gegen Niemand, ich verbiete eS Ihnen." „Gut, ich habe dreiundzwanzig Jahre geschwiegen und will nun schweigen bis an's Ende. Aber es war «eine Pflicht Sie zu warnen. Sie mögen es Unsinn nennen, es wird sich doch erfüllen wie das Uebrige." Er eilte fort. Natürlich war eS Unsinn und Aberglaube, aber es war doch unangenehm und daS Wort der Alten: „es wird sich erfüllen wie das Uebrige", klang th« immer im Ohre wieder. „Der Bräutigam am Hochzeitstag verwittwet steht", dg- hieße, daß Edith stürbe. Er schauderte. Sobald er PowyS Place erreichte, suchte er die Tante auf und theilte ihr sein Erlebniß mit. „Die alte Martha? Ja, die war während Deiner Kindheit in Chateron Royals, und was sagte sie Dir?" „Etwas, was Dein Blut erstarren ließe, eine schauderhafte Prophezeihung. Oder hast Du schon davon gehört?" Lächelnd wiederholte er den Vers. Lady Helena lauschte schweigend. »Nun, ist Dir das bekannt?" „Ja, ich hörte und las es oft. Die Prophezeihung steht in einem Codex der Bibliothek in Chateron Noyals. Du Magst Dich selbst davon überzeugen." »Aber Du glaubst doch nicht daran?" »Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Es gibt «ehr Dinge unter dem Himmel, als Eure Schulweisheit sich träumen läßt. Die Prophezeihung wurde vor dreihundert Jahren gegeben, der erste Theil hat sich erfüllt." »Zufall, weiter nichts." »Mag sein; wenn sich aber der Schluß erfüllt, wird das auch Zufall sein?" »Um Himmelswillen, Tante, was redest Du da?- „Ich will Dich nicht erschrecken, ich habe Dir's ja auch nicht gesagt, da Du nun aber davon gehört, gestehe ich, daß —" „Daß Du an die Erfüllung glaubst, und diese Erfüllung schließt Edith's Tod am Trauungstage in sich." „Ich weiß eS nicht, jedenfalls wird es am Platze sein, mit ihr davon zu reden." „Warum?" »Damit sie der Gefahr, wenn eine solche vorliegt, aus dem Wege gehen könne. Thue was Du willst, ich meine «an sollte ihr eS sagen, weil es sie hauptsächlich angeht." „Aber, liebe Tante, die dumme Reimerei ist absolut lächerlich." „Dann könnt Ihr Beide darüber lachen, und Du hast Deine Pflicht gethan." Es folgte eine Pause. „Glaubst Du, daß eS fie erschrecken und zur Umkehr veranlassen könnte?" fragte Sir Victor endlich ängstlich. „Nein; Edith Darrell ist ein Mädchen von ungewöhnlicher Charakterstärke und praktischer Vernunft. Ich glaube nicht, daß so etwas sie beeinflußt!" Lady Helena hatte Recht; als einige Stunden später Sir Victor der Verlobten zaudernd die Prophezeihung Mittheilte, lachte sie ihm ins Gesicht. „Sind Sie wirklich so abergläubisch?" »Ich fürchte, ja, ich glaube an Träume und — * »An die grausige Prophezeihung?" Er schwieg. „Gut", fuhr Edith fort, „ich bin durch dieselbe- hauptsächlich berührt, und wenn Sie es riskieren, thue ich's auch. Ich fürchte mich nicht. Wenn ich den Kopf auf das Kiffen lege, träume ich nicht, meine Ruhe bleibt ungestört, und wenn mir die weiße Frau begegnete, mich würde daS nicht genieren. Ich habe kein Herzleiden, der Muskel hier", sie deutete auf das Herz, „arbeitet regelmäßig, und so wollen wir eS mit der Prophezeihung aufnehmen und am Tage der Hochzeit weidlich darüber lachen." Sie bot ihm die Hand, er küßte dieselbe innig. Freude, Hoffnung und Liebe hatten seine Schwermuth verscheucht. An dem Tage wurde die Prophezeihung vergessen. 18 . Kapitel. Auf immer. Als des Juni sonnige Tage sich zu Ende neigten, reisten die Gäste von Powys Place ab; nur Edith blieb. Seit dem Tage nach dem Ball war diese beständig auf der Folter. Sie hatte Rudolf von sich gestoßen wegen eines Titels, eines Vermögens, und jetzt, da sie sich seines wahren Werthes bewußt geworden, da seine Liebe in Verachtung erstorben war, sehnte sich ihr ganzes Herz nach ihm. Es war ihr eine tägliche Qual, ihn zu sehen, ihn zu sprechen, seine Aufmerksamkeiten für Lady Arabella zu beobachten. — Sie verlor an Fülle und Farbe und bleichte zum eigenen Schatten. Sir Victor war voll Unruhe. Lady Helena sagte nichts, ihr scharfes Auge aber durchschaute Alles. „Je eher die Gäste gehen, desto bester", dachte sie, „je früher sie den Rivalen aus dem Auge verliert, desto früher kehrt ihre Gesundheit wieder." Vielleicht begriff Rudolf selbst die Sachlage, denn er drängte zur Abreise. „Sehen wir uns ei« wenig das Londoner Leben an", sagte er zu seinem Vater, „auf dem Lande ist es sehr schön, aber ich sehne mich nach dem Gewühle einer Großstadt." Der alte Herr war mit dem Vorschlage zufrieden und der Tag der Abreise wurde bestimmt. „Liebes Kind", sprach Lady Helena zu Edith, „ich glaube Du bliebest bester hier." Ihre Betonung trieb Edith daS Blut in die Wangen. Sie senkte das Haupt und schwieg. „Gewiß bleibt Edith", unterbrach ste Sir Victor stürmisch, „als ob wir hier leben könnten ohne sie." „Ich bleibe", sprach das junge Mädchen leise. „Meiner Ansicht nach geht die Familie Stuart gern", fuhr der Baron fort, „der alte Herr scheint trübe und düster, hast Du'S bemerkt, Edith?" „Ja, ich glaube es hängt mit seinen Geschäften in New-Uork zusammen. Papa spielte im letzten Briefe darauf an." Mr. Fred Darrell hatte geschrieben: „In New-Iork bereitet sich eine große Geldkrists vor und wälzt unermeßlichen Ruin mit sich. JameS Stuart soll sehr dabei betheiligt und vom Aeußersten bedroht sein. Hoffen wir, eS sei übertrieben. Einst hielt ich seinen Sohn für eine brillante Partie für Dich; wieviel besser aber leitete es die Vorsehung. Nochmals, liebe Tochter, ich gratulire Dir zu Deinen Aussichten. Deine Stiefmutter läßt Dich grüßen, sie verfehlt nicht, die Wundermähr, daß die kleine Edith die Frau eines reichen Barons wird, überall zu verbreiten." Miß Darrells Stirne faltete sich, sie zerriß die väterliche Epistel in Stücke und zerstreute sie nach allen Windrichtungen. Unaufhörlich kamen Briefe an Mr. Stuart, fast täglich brachte man ominöse Kabeltelegramme in orangefarbener Hülle. Und der alte Mann wurde immer bleicher und düsterer. Seine Familie erkundigte sich theil- nehmend nach seinem Befinden. Er wies sie mürrisch ab und verlangte, daß man ihn in Ruhe lasse, er sei ganz wohl. Daß Bankerott drohe, ahnten sie nicht. Des Vaters Reichthum schien ihnen unbegrenzt, ein goldener Strom, aus goldenem Ocean. Eines Tages bot Mr. Stuart Edith eine Banknote von tausend Dollars. „Ich wollte Dir mehr geben, aber die Verhältnisse haben sich kürzlich geändert; ein Brautkleid aber kannst Du immerhin dafür kaufen." Freundlich aber bestimmt verweigerte sie die Annahme. „Ich danke, lieber Onkel, aber ich kann es nicht annehmen. Sie haben für mich schon mehr gethan, als je vergelten kann. Sir Victor nimmt mich ohne jedwede Aussteuer, und Lady Helena gibt mir ein weißes Kleid nebst Schleier." Der alte Mann legte die Banknote wieder in sein Taschenbuch, vielleicht war er froh, daß sie nicht angenommen wurde. Die Zeit war vorbei, daß ihm tausend DollarS nur ein Tropfen im Meere waren. „Also übermorgen gehen wir", jubelte Trixy, „packe sofort, Edith. Es war hier recht schön, aber nach und nach wird man der Idylle müde und sehnt sich nach Gaslicht, Flitter und Menschengewühl. Und denke nur, Hauptmann Hammond geht auch mit und Lady Portia und Lady Arabella. Aber warum siehst Du so mürrisch aus, freust Du Dich nicht?" „Auf was?" „Auf den Wirbel der Zerstreuung in London." „Ich gehe nicht mit." „Du gehst nicht mit?" fragte Trixy niedergeschmettert. „Nein, es wurde beschlossen, daß ich bleibe. Du wirst mich nicht vermissen, Du hast Hanptmann Hammond." „Ich will aber Dich haben. Was hast Du denn eigentlich vor?" — „Ruhig hier bleiben, bis — bis —" „Und Du willst Dich zwei Monate hier langweilen und Liebcsgeflüster anhören, das Dir nicht sympathisch ist? Brause nicht auf, ich weiß was Du darum gibst. Du magerst zum Schatten ab und sollst mit uns nach London gehen und Dich erholen. Die Idee, zwei Monate lang mit dem Bräutigam unter einem Dache zu wohnen! Du schützest natürlich Lady Helena vor, ich aber sage. Du gehst mit uns, denn uns gehörst Du bis zur Heirath." Edith seufzte.' „Ich habe versprochen zu bleiben, Sir Victor und Lady Helena wünschen es." „Fürchten sie, Dein Vertrauen zu verlieren, wenn Du außer Sicht bist?" „Laß mich, Trixy, ich bin müde und krank an Leib und Seele." Jede Fieber ihres Herzens sehnte sich mitzugehen, aber es durste nicht sein. „Ich, ich will Dich lassen", zürnte Trixy, „wenn wir jetzt uns scheiden, sei es auf immer. Dein Betrug gegen mich, Deine Herzlosigkeit gegen Rudolf waren schlimm genug, das ist der letzte Tropfen in den vollen Becher. Dn wirfst uns weg um der Freunde willen, zu denen wir Dir geholfen; das ist so der Lauf der Welt und von Edith Darrell nicht anders zu erwarten." Roth vor Zorn stürzte Beatrice aus dem Zimmer. Edith war allein. Wieder ein Freundesherz verloren auf immer! Nun, sie hatte Sir Victor, und das mußte ihr Alles ersetzen. Sie blieb den ganzes folgenden Tag in ihrem Zimmer. Sie war wirklich krank. Morgen mußte sie sich von den Stuarts trennen und übermorgen-weiter mochte ste nicht denken. Sie kam die Treppe herab sich zu verabschieden. Der alte Onkel schüttelte ihr schnell und nervös die — 564 Hand, Tante Charlotte küßte sie zärtlich, Trixy berührte mit den Lippen nur förmlich ihre Wangen und Rudolf legte zwei kalte Finger in ihre Hand und sagte lächelnd ihr Lebewohl. Sie waren fort. Die Räder der davoneilenden Wagen donnerten über die Straße; es war Edith, als führen sie über ihr Herz. Am gleichen Abend noch quartierte sich die Familie Stuart in einem eleganten Hotel ein. Aber, ach, die Vergänglichkeit menschlicher Hoffnungen! Die glänzende Zeit, auf die Trixy sich gefreut, erschien nie. Am Morgen nach ihrer Ankunft kam ein Telegramm für Mr. Stuart. Der alte Herr befand sich zufällig in seinem An- kleidezimmcr; er nahm das Couvert mit zitternder Hand und blutunterlaufenen Augen. Einen Moment später erscholl ein lauter Schrei, dem ein schwerer Fall folgte. MrS. Stuart fand ihren Gatten ohnmächtig auf dem Boden, — das Telegramm in der Hand. Hauptmanu Hammond hatte sich mit Rudolf Stuart au einem Diner verabredet. Als die Schatten der Dämmerung sich senkten, erwartete der Offizier ungeduldig , es Freundes Ankunft. Eine Viertelstunde später erschien er bleich und heilte Hammond die schreckliche Nachricht mit, daß der Vater sich in Spekulationen verwickelt, von der Krisis vetroffen und vollständig ruinirt sei. Rudolf erzählte es ruhig. „Wie nehmen es Deine Mutter und Schwester auf?" 'ragte der Offizier ruhig. „Die Mutter weint, Trixy vermag es nicht zu fassen. Sie pflegt den Vater, der in einer Lethargie liegt, aus a:r er nicht zu erwecken ist. Natürlich kehren wir sofort na-' New-Uork zurück. Bettler haben hier im Hotel nichts ;u nichen." Der Haupimann wollte sprechen, schloß aber düster di, Lippen wieder. „Ich habe sofort Plätze auf dem Dampfer, der in vier Tagen abgeht, belegt", fuhr Rudolf fort, „wenn Du meiner Mutter und Schwester noch ein freundliches Wort sagen willst, wär mir's lieb, denn eS hat sie furchtbar .angegriffen." Hammond sprang auf. „Alter Junge", begann er, kam aber nicht weiter, dcr Strom seiner Rede versiegte, ein Händedruck endigte sie. Am folgenden Tage reiste Rudolf nach Powys Place, um Edith Mittheilung von der Sachlage zu machen. „Sie verdient eS nicht", sprach Trixy, „sie hat kein Herz." Die Dienerschaft starrte ihn verwundert an, als er Powys Place erreichte. Im Empfangszimmer erwartete er Edith's Kommen. In Abendtoilette, strahlend von Juwelen, rauschte sie herein. Er blickte auf und sie standen sich schweigend gegenüber. Kurz und traurig theilte Rudolf ihr den Wechsel der Verhältnisse mit, sagte ihr, daß sie Plätze auf dem nächsten Dampfer genommen hätten und er, in Erinnerung vergangener Zeiten gekommen sei, ihr Lebewohl zu sagen. Edith's Brust hob sich. Armer Rudolf! Einen Moment war ihr'S, als müsse sie Alles aufgeben und mit ihm den Bettelstab theilen. »Laß «ich Dir Adieu sagen, Dithy, Du bist glücklich, Deine Zukunft ist gesichert, ich kann Deinem Vater gute Kunde bringen." „Lebewohl", entgegnete sie bleich und kalt, „grüße Trixy und lass' uns hoffen, daß die Sachlage sich besser gestalte, als wir glauben." Sie wandte sich zur Thür. In ihrer Brust tobte es. Es war ein ewiger Abschied von Rudolf. Ihr Stolz schwand, sie eilte zurück und schlang stürmisch die Arme um seinen Hals. „Leb' wohl, mein Rudolf, leb' wohl auf immer!" Sie riß sich loS und eilte aus dem Zimmer. Wenige Minuten später fuhr Rudolf Stuart wieder gen Ehester und als der Mitternacht Gestirne blinkten, war er auf dem Wege nach London. 1S. Kapitel. Ein Telegramm. Die Sonne erhob sich über Londons zahllosen Dächern als Rudolf vor dem Hotel, das seine Familie bewohnte, Vorfahr. Er eilte tn seines Vaters Zimmer und trak Trixy auf der Schwelle. „Du darfst die Eltern nicht stören, sie schlafen Beide", sprach sie leise, „geh' auch Du zur Ruhe, ich wecke Dich zum Frühstück. Hast Du sie gesehen?" „Meinst Du Edith? Natürlich, deshalb reiste ich ja hin." „Und was sagte sie?" fragte Trixy bitter. „Wenig, wir sahen uns kaum zehn Minuten. Edith war in Abendtoilette, und ich wollte sie nicht aufhalten. Sie läßt Dich herzlich grüßen." „Ich brauche ihre Grüße nicht, sie ist doch das herzloseste, undankbarste Geschöpf." Ein Blick des Bruders schnitt die Rede ab. „Genug, Trixy, Edith ist eine der weisesten Jungfrauen und hat den besseren Theil erwählt. Was sollen wir auch jetzt thun? Sie wieder nach Sandypoint in ihres Vaters ödes Haus zurückbringen? Und was die Dankbarkeit damit zu schaffen hat, sehe ich nicht ein. Wir nahmen sie ausdrücklich mit, damit ihre Sprachkennt- nisse uns nützten, sie hat wahrlich das Ihre gethan. Schweig Du lieber von Edith, wenn Du ihr nichts Gutes nachzusagen vorhast." Mit hastigen Schritten eilte er die Treppe hinauf. Trixy brach in Thränen aus. Es war schlimm genug, Alles, Alles zu verlieren, warum mußte sie auch noch Edith, die ihr so tief ins Herz geschnitten hatte, entsagen? Ein süßer Tropfen freilich war in ihrem Leidenskelche; Hauptmann Hammond hatte bewiesen, daß nicht die ganze Welt selbstsüchtig sei, und hatte in der Stunde der Trübsal um BeatrtcenS Hand geworben. Voll Ueberraschung und Freude hatte diese gezögert, gelächelt, Einwände gemacht und schließlich ihr „Ja" hervorge- schluchzt. So wäre Augustus Hammond, der Trixy wirklich liebte, ganz glücklich gewesen, hätte nicht der Gedanke, daß in wenigen Tagen zwischen ihm und ihr der Ocean rollen würde, seine Freude getrübt. Spät Abends öffnete er sein Herz dem Freunde und künftigen Schwager. Rudolf hörte schweigend zu. „Das ist Thorheit, Wahnsinn von Deiner Seite", rief er endlich, „vor einer Woche, da Trixy noch eine Erbin war, hätte ich Dir die Hand gedrückt und Dir meinen Segen gegeben, jetzt aber find wir Bettler und müssen arbeiten, wenn wir nach New-Iork kommen. Wie das gehen wird, weiß der Himmel, denn wir wuchsen auf, wie Lilien auf dem Felde. Ich rede nicht viel über 665 die Sache, ein Mann soll über derlei Verluste nicht klagen. Dein Vater ist reich und betitelt, glaubst Du, er würde Deiner Werbung geneigtes Gehör leihen?" „Was liegt daran, wenn Trixy will —" „Trixy will aber nicht auf solche Weise in eine Familie eingeführt werden, und ich sage Dir, eine Heirath ist für den Moment außer Frage. Liebt Euch nach Herzenslust, sendet Briefe ballenweise über den Ocean, bleibt verlobt, so lange ihr wollt; aber unter den obwaltenden Umständen heirathens Nein!" So endete eS. Selbst Beairice erklärte jetzt, die Eltern nicht verlassen zu wollen, und bat den Geliebten, auf bessere Zeiten zu warten. Am folgenden Tage begleitete der Hauptmann die Familie nach Liverpool und an Bord des Schiffes, von dem er auf der Dampffähre zurückkehrte. Als der Dampfer sich zu bewegen begann, lehnte Trixy weinend an ihres Vaters Arm, und Rudolf stand «eben der Mutter. So warfen sie ihren letzten Abschieds- ilick auf Englands zurückweichende Küste, nur von einem Freundesauge verfolgt. » » * Edith kehrte in den erleuchteten Salon zurück, wo Sir Victor's liebendes Auge sofort die Todtenblässe bemerkte, die sich über ihre Züge gebreitet hatte. Wenige Minuten später sank sie ohnmächtig vom Stuhle und ward in ihr Zimmer getragen. Als ihr dunkles Auge sich wieder öffnete und sie den Verlobten erblickte, der sich angstvoll und zärtlich über sich beugte, wandte sie sich seufzend ab. O, lass' mich allein", bat sie immer wieder, bis man ihrem Flehen nachgab. So lag sie stundenlang mit aufgelöstem Haar und gerungenen Händen regungslos, dumpfen Schmerz im Herzen, da. Oft schlichen sie während der Nacht herein und fanden sie immer mit weit- geöffneten Augen. Am Morgen erwachte sie aus unruhigem Schlaf mit brennender Stirn, trockenen Lippen und fieberhaften Augen. Der Arzt schüttelte den Kopf und erklärte den Zustand für Nervenüberreizung. Gefahr sei nicht vorhanden, Ruhe und liebevolle Pflege würde sie bald herstellen, und dann solle eine Luftveränderung das ihre thun. Sir Victor hatte von dem Portier von Rudolf Stuarts schnellem Kommen und Gehen gehört und peinigte sich mit tausend Möglichkeiten. Was bedeutete der seltsame Besuch? Gegen ihn war sie kalt, es schien ihr gleichgültig, ob er kam oder ging. Er war ihr nichts, sollte es immer so bleiben? Lady Helena fragte Edith, was den Vetter nach Powys Place gebracht und ihre Ohnmacht bedingt habe? Ruhig und ernst theilte diese ihr das Unglück mit, welches die Familie Stuart betroffen. Lady Helena bedauerte die Armen herzlich und hielt durch die Sachlage Edith's Gemüthsbewegung für hinlänglich erklärt. Ende Juli wurde sie in eine hübsche Villa gebracht, wo sie auf Tante Helena's ausdrücklichen Begehr allein mit ihr weilte. „Geh', lieber Victor, und dränge ihr Deine Nähe nicht auf. Selbst wenn sie Dich liebte, würde sie ein Bräutigam ermüden, der nie ihr von der Seite wiche. So sind alle Frauen. Willst Du, daß sie Dich lieben lerne, so gehe fort, schreibe ihr vernünftige, angenehme Briefe und komme in drei Wochen wieder.". „In drei Wochen? Ich möchte am ersten September heirathen." „Daraus wird nichts, Victor, Edith muß sich erst erholen und vor dem Oktober kann von Deiner Trauung keine Rede sein. Edith selbst wünscht die Verschiebung, lass' sie erst erstarken, Dich lieben lernen, und Du wirst sehen, daß es so viel klüger war." Er mußte sich fügen und kehrte nach Chateron Royals zurück. Edith athmete tief auf, als er sie verließt Welch' anderer Abschied, als der vor vierzehn Tagen! Sie suchte zu vergessen, das Antlitz zu bannen, das stets ihr vorschwebte, die Stimme nicht zu hören, die ihr im Ohre wiederhatte. Es gelang ihr theilweise. Die Seeluft stärkte und kräftigte sie. Sie sagte sich immer wieder, daß nur Sir Victor ein Recht auf ihre Gefühle habe, daß sie Rudolfs nicht gedenken dürfte. Nach und nach erholte sie sich, ihr Auge glänzte, Farbe, Gesundheit, Heiterkeit kehrten wieder. Täglich kamen Briefe von Sir Victor, die sie lächelnd las und beantwortete. Sie liebte ihn nicht, aber sie hatte ihn lieb, und als die drei Wochen vorüber waren, konnte sie mit freudigem Willkommen ihm entgegentreten. Ihm waren es drei Jahrhunderte gewesen; nun aber entschädigte ihn die Freude, die Braut so frisch und blühend zu sehen. Es war Mitte August. Trotz Edith's Protest wurden große Vorbereitungen zur Hochzeit getroffen. Chateron Royals verwandelte sich in einen feenhaften Aufenthalt. Wie geblendet durchschritt Edith an des Verlobten Arm die prächtigen Räume; war es ein Märchen? War das Alles für Edith Darrcll, die noch vor wenigen Monaten in Sandypoint alle Hausarbeit verrichtete? Sie vermochte nicht, sich als Herrin des fürstlichen Hauses zu denken. Von Tag zu Tag erschien es ihr unwahrscheinlicher. Ein schreckliches Erwachen mußte dem glänzenden Traume folgen. Es war vierzehn Tage vor der Heirath. Ihr war es, als müsse sich etwas ereignen. Und es geschah. Am Abend des achtzehnten September kam ein Telegramm an Lady Helena. Sir Victor war mit Edith im Salon am Klavier. Eilig sandte die Tante nach ihm. Er fand sie bleich, erschrocken, entsetzt. Stumm reichte sie ihm das Telegramm. Er las es langsam: „Komme sofort; bringe Victor; er stirbt Jnez." (Fortsetzung folgt.) —-- Komik im Kulturkampf. Daß sich in dem so ernsten und schweren Kulturkampf doch mitunter recht komische Szenen und Situationen ergaben, ist bekannt, und es kursiren da viele verbürgte und unverbürgte Anekdoten. Weniger bekannt dürfte jedoch das folgende drollige Stückchen sein, dessen Wahrheit durch den Umstand am besten bezeugt wird, daß es der Hauptbetheiligte, der selige Prälat Janssen, in seinen letzten Lebensjahren, nachdem längst Gras über die Geschichte gewachsen war, in Freundeskreisen einmal selbst zum Besten gab. Stand da öfters im „Franks. Volksblatt" an der Stelle, wo die für wohlthätige Zwecke eingegangenen Gaben verzeichnet werden, auch zu lesen: K66 - Don Herrn Pros. Janfsen (durch Dr. Petz) ... M... Pf. Es war gerade zur Zeit, wo die Jesuitenhetze in bester Blüthe stand und jeder Patriot glaubte, daS Vaterland vor der Gefahr des Untergangs retten zn uiüffen, die ihm von den leidigen Jesuiten, einerlei ob im Talar oder im Frack oder auch — im Unterrock, in aller Kürze drohte. Da fand denn auch ein Frankfurter Polizei- Beamter den Namen des Dr. Petz in jener Zeitung, und gewissenhaft, wie solche Leute sein müssen, schlug er gleich das grobe Buch nach, um die Personalien dieses DoctorS festzustellen. Aber wie groß war der Schreck, der den Mann des Gesetzes besiel, als er auch nicht das Geringste von dem Herrn Petz fand? Wer ist dieser mystische Doctor? Das war jetzt das Problem, das den armen, treuen Beamten unaufhörlich beschäftigte und ihn Tag und Nacht keine Ruhe finden ließ. Warum hat Professor Jansien diesen Herrn bei der Polizei nicht angemeldet, oder warum hat jener dies nicht selbst besorgt? Doch endlich ging unserem Polizisten ein Licht auf. Wenn der geheimnißvolle Doctor gar ein verkappter Jesuit wäre, wenn deßhalb seine Persönlichkeit in so tiefes Dunkel gehüllt wärel Grauen erfaßte den Vertreter der „heiligen Ordnung". Aber in anderen Städten trieb sich solches lichtscheue Gesinde! herum, warum sollte da nicht einer von ihnen auch das ehrsame Frankfurt unsicher machen? Auf der anderen Seite winkte der Lohn für denjenigen, der einen solchen Reichsfeind gefangen einbrachte. Der gute Mann sah schon die Orden auf seine breite Brust herniederregnen, und er griff schon nach dem farbigen Bündchen — wollte sagen, nach dem Knopfloch, das in Bälde damit geschmückt werden würde. Aber die Sache mußte mit Schlauheit angepackt werden, da diese Jesuiten, wie er wußte, auch nicht gerade auf den Kopf gefallen waren. Nun dafür war er ja ein Frankfurter Kind. Jetzt wurde der Feldzugsplan entworfen. Als ein richtiger Stratege ging unser Held natürlich nicht direkt auf die Festung los. Nein, zunächst machte er unter irgend einem Vorwand einen Besuch bei dem Herrn Stadipfarrer Münzenberger und suchte dann so nebenbei das Terrain zu sondiren und mit Aufwand aller ihm zu Gebote stehenden Diplomatie etwas Näheres über den unheimlichen Herrn Petz zu erfahren. Er mußte jedoch innerlich lächeln, als ihm Herr Münzenberger ganz ahnungslos mit der größten Gutmüthigkeit jede nur wünschenswerthe Auskunft ohne weitere Bemühungen gab. Freilich, daß Dr. Petz ein Jesuit sei, sagte er gerade nicht; aber das glaubte unser Beamter mit aller Sicherheit aus der Sachlage schließen zu dürfen. Also Herr Petz war ein guter Freund des Herrn Janffen, er wohnt bei ihm, geht niemals aus — sehr verdächtig; schon zehn Jahre lang lebt er in Frankfurt — und bei der Polizei nicht angemeldet, entsetzlich! Er beschäftigt sich mit Geldsammeln für wohlthätige Zwecke — ja, für die geheimen Fonds der Jesuiten, grauenhaft! Es war rein zum Rasendwerden, in Frankfurt, der Stadt der Intelligenz und Aufklärung, wird daS Auge des Gesetzes so lange in der schamlosesten Weise hinters Licht geführt und das auch noch von einem solchen Finsterling. Aber jetzt muß das Nest ausgehoben werden. Kalthöflich verabschiedet sich der Beamte von dem Herrn Stadtpfarrer, holt sich ein halbes Dutzend Schutzleute, denen er rasch auseinandersetzt, um was es sich handelt, und befiehlt ihnen, die geladenen Revolver bereit zu halten — und jetzt auf verschiedenen Wegen nach der Wohnung Janssens. Die Schutzleute werde» unten posiirt und harren voll Erwartung der Dinge, die da kommen werden; ihr Anführer steigt klopfenden Herzen- die Stufen hinauf. „Könnt' ich einen Augenblick den Herrn Professor sprechen?" „Gewiß! Bitte, wollen Sie eintreten." Gegenseitige Vorstellung und Komplimente. „Herr Professor, Sie werden gestatten, gleich aus den Zweck meines Besuches zu kommen. Dürfte ich Sie bitten, mich zn dem Herrn vr. Petz führen zu wollen?" „Mit dem größten Vergnügen. Aber ich brauche Sie nicht erst hinzuführen; er befindet sich hier i« Zimmer." „Herr Professor, Sie belieben zu scherzen." „Nicht im Geringsten! Wollen Sie gefälligst nur jenen herrlichen — ausgestopften Bären da in der Ecke betrachten mit dem Teller in der Pfote. Das ist mein — Dr. Petz." Kalter Schweiß trat unserem Beamten auf die Stirne; „Aber Herr Stadtpfarrer sagte mir doch." „Ach! ich begreife, Herr Münzenberger hat auch Sie angeführt. Aber erinnern Sie sich an das, was er ihnen von dem „Herrn" Dr. Petz sagte, und Sie werden finden, daß alles auch auf den Bären da paßt. Er wohnt schon zehn Jahre bei mir — da habe ich ihn nämlich gekauft. Er geht niemals aus und sammelt bei meinen Besuchern Gaben für wohlthätige Zwecke; und da Sie nun gerade da sind, bittet er auch Sie um ein Scherf- lein. Uebrigens nichts für ungut. Der gute Herr Pfarrer hat sich diesen Scherz schon mit mehreren geistlichen Herren erlaubt, und alle siud sie auf den Leim gegangen." „Aber das waren auch keine Polzeibeamten", dachte der aus allen Himmeln gestürzte Mann und griff entsagend nach dem Knopfloch. Mit der Bitte, der Herr Professor möge die Sache einstweilen nicht publik werden lassen und auch den Herrn Stadtpfarrer darum bitten, verließ der Getäuschte die Wohnung. Ob er vorher noch dem Herrn vr. Petz einen Beitrag zu wohlthätigen Zwecken gegeben hat, verschweigt die Geschichte. Aus der Hochsiaplerlvelt. In Paris ist von einem hochgestellten Polizcibeamtett ein sehr interessantes Buch erschienen, welches manchen tiefen Einblick in die Verbrecherwelt gewährt. DaS Such führt den Titel „karis vsoarxs", was sich ungefähr mit der Bezeichnung „Das unterirdische Paris" übersetzen läßt, und der Verfasser desselben ist der Polizcibeamte Charles Virmaitre. Die Geschichten, welche derselbe erzählt, sind sehr lehrreich, nicht bloß für Polizeibeamte, sondern auch für das Publicnm, da es stets gut ist, die Art, wie die Hochstapler „arbeiten", kennen zu lernen, um sich vor den Anschlägen derselben zu schützen. Aus dem interessanten Werke mögen zwei von den daselbst erzählten Vorfällen, welche seiner Zeit großes Aufsehen machten, reproducirt werden: Eine junge, sehr hübsche und sehr distinguirte Darm trat eines Tages in den Verkaufsladen des berühmten Pariser Juweliers Melkerin und sagte: „Ich bin Gräfin de Solle. Meine Schwester ist im Begriff, sich mit dem Director des großen Krankenhauses in der Straße Longchamp, Doctor Manuel, zu vermählen. Ich bin beauftragt, eine Anzahl von Schmuck- Kkgenständen für die Morgengabe einzukaufett. Wollen Sie dieselben liefern? Wir zahlen natürlich baar." Man kann sich die Freude des Juweliers vorstellen. Er legte seine schönsten Schmuäsachen vor, die Dame traf ihre Wahl als Kennen», verhandelte lange und genau um den Preis und sagte endlich, als man bezüglich des» selben übereingekommen war: „Ich bitte Sie, uns diese Gegenstände zuzuschicken oder selbst zu bringen. Bitte auch die saldirte Rechnung nicht zu vergessen. Wir erwarten die Sendung Punct 2 Uhr. Zur bezeichneten Stunde trat der CommiS mit seinem Packete ein. Er trat in das Consultatious-Zimmer des Doctors. Die Dame war da und sagte ihm: „Haben Sie die Güte, mich einen Augenblick hier zu erwarten. Mein Schwager ist im Garten. Geben Sie mir Schmuck und Rechnung." Der Commis überreichte ihr das Gewünschte ohne Zögern. Nach wenigen Augenblicken trat der Doctor in Begleitung der Gräfin ein. Ich weiß nicht, ob der Leser hie Scene errathen wird, die nun folgte: wir Polizisten find an derlei theatralische Entwickelungen gewöhnt. Die schöne Gräfin hatte tags zuvor den Doctor aufgesucht und zu ihm gesagt: „Ich bin an einen jungen, geistreichen, schönen Mann vermählt, welcher aber an Hallucinationen leidet. Deiner Mutter wurden einmal Diamanten in sehr beträchtlichem Werthe gestohlen. Kurz darauf stand er in einer Nacht auf, ging ans Fenster, öffnete dasselbe und schrie hinaus: „Da sind die Diebe, welche meine arme Mutter ausgeraubt haben!* Und seitdem wiederholt sich diese Scene sehr häufig. Ich suche ihn zu beruhigen, so gut eS geht, was ich am best?« damit erreiche, indem ich auf seine Manie eingehe. Wenn wir zusammen ausgehen, vermeide ich es, mit ihm an Juwelicrläden vorüber zu gehen, um ihn nicht aufzuregen. Im höchsten Grade auffallend ist es, daß er sich sonst ganz vernünftig beträgt und bloß Symptome des Wahnsinns zeigt, wenn man ihm über Diamanten oder sonstige Schmuckgegenstände spricht." „Das ist eine nicht unbekannte Abart des Größenwahns, Frau Gräfin!" erklärte der Doctor mit gelehrter Miene. Und so betrat er jetzt sein Consultations-Zimmer Mit der vorgefaßten Idee, es mit einem Wahnsinnigen zu thun zu haben, der bei dem bloßen Gedanken an Edelsteine außer sich gerathe. Der unglückliche Commis, mit welchem sich der Arzt Nunmehr in eine Conversation einließ, begann alsbald seine Diamanten oder seine hunderttausend Francs zu reclamiren. Die Gräfin warf dem Doctor einen Blick des Einverständnisses zu, der ihr ein Zeichen machte, sie solle sich entfernen, um den Kranken nicht aufzuregen. Daß sie den Wink befolgte, versteht sich von selbst, allein als der Commis sah, daß sie im Begriffe war, die Schwelle zu überschreiten, stürzte er sich ihr wie ein Rasender in den Weg. „Meine Brillanten!" schrie er. „Meine Brillanten!" Drei handfeste Männer warfen sich alsbald auf ihn, hielten ihn fest und banden ihn. Man legte ihm die Zwangsjacke an; er heulte wie ein Besessener, in Folge dessen man ihn unter die Douche brachte. Sein Zustand war ein so aufgeregter, baß man ihn in bke Abtheilung der Tobsüchtig« brachte. Der Juwelier Melkerin, welcher darüber beunruhigk wurde, daß fein Commis solange nicht zurückkam, glaubte, derselbe sei entweder mit dem Schmuck oder mit dem Gelde durchgegangen, und machte die Anzeige bei der Polizei; die Detective-Brigade setzte sich in Bewegung, allein es blieb Alles vergeblich. Der verzweifelte Juwelier ließ nun die Personalbeschreibung seines Commis in die Blätter inseriren und schrieb einen bedeutenden Preis für Denjenigen aus, der ihn aus die Spur desselben bringen würde. Eine dieser Zeitungen gerieth eines Tages dem Doctor Manuel in die Hände, der bei der Lectüre des Inserates Berdacht schöpfte. Er ließ seinen Patienten vorführen, fragte ihn aus und überzeugte sich, daß derselbe absolut nicht wahnsinnig sei, sondern daß sie beide die Opfer eines schlau ersonnenen Betruges waren. Die falsche Gräfin aber blieb geraume Zeit spurlos verschwunden; erst viel später ergaben sich gewisse Anhaltspuncte, welche auf die Vermuthung führten, daß die Diebin in der That eine große Dame war und daß die Familie, mit Rücksicht aus den zu befürchtenden Scandal, den Juwelier entschädigte. Die Polizei fand es gerathen, die Sache fallen zu lassen. Eine andere Geschichte aus dem betreffenden Buche ist vielleicht noch merkwürdiger, da es in diesem Falle der Polizeidirector selbst war, der durch einen mit großem Raffinement ersonnenen Streich düpirt wurde. Die Affaire spielte noch unter dem Kaiserreiche und bestand in Folgendem: Eine Dame, die nicht zu den „oberen Classen" gehörte, hatte eine Einladung zu einem der maskirten Bälle erhalten, welche in den Tuilerien gegeben wurden. Auf diesem Balle verlor die Dame ein Paar Ohrgehänge von geradezu unschätzbarem Werthe. Das Gerücht von dem Vorfalle verbreitete sich alsbald in den Salons. Es war klar, daß es sich hier um einen Diebstahl handelte. In dem Augenblick, als die Dame den Ball verließ und ihre Mantille umnahm, fand sie eins der Ohrgehänge, welches sich in die Spitzen der Mantille angenestelt hatte. Sie übergab dasselbe dem Chef der Sicherheitsbehörde, der zu jener Zeit Herr Claude war. Am nächsten Tage, als Herr Claude gerade über diese Affaire nachdachte, sowie über die Mittel, das Ohrgehänge zu finden, ohne der Jndiscretion der Zeitungen den Namen der betreffenden Dame preiszugeben, das heißt, ohne einen Scandal zu provociren, erhielt er die Karte eines Herrn, auf welcher die Worte standen: „Graf L..., Osficier der Ehrenlegion." Er gab alsbald Befehl, denselben zu ihm zu führen. Der Besucher war ein Mann von hohem Wuchst, brünett und von vornehmem Aussehen. Er nahm in dem ihm angewiesenen Fauteuil Platz und begann: „Ich bin", sagte er in Beantwortung einer Fragt des Polizeidirrctors, „der Bruder der Gräfin L... In der vergangenen Nacht hat man ihr ein Ohrgehänge gestohlen, das für sie auch den Werth eines kostbaren Andenkens hat. Der Kaiser hat Ihnen, Herr Polizeidirector, den Auftrag ertheilt, Alles aufzubieten, nm das gestohlene Object wieder zu finden, und die Gräfin hat Ihnen auch das andere Ohrgehänge eingehändigt, um Ihnen die Recherchen zu erleichtern." „Das ist richtig," entgegnete der Polizeidirector. 568 — Und gleichzeitig nahm er das Ohrgehänge aus seiner Schreibtischlade hervor. „Nun, Herr Polizeidirector", fuhr der Graf fort, „es ist unnütz, daß Sie sich weiter in der Affaire bemühen. Heute früh wurde meiner Schwester unter Cou- vert ein Brief mit der Bitte um Entschuldigung zugestellt, in welchem sich das bewußte Ohrgehänge befand. Hier ist dasselbe. Wenn Sie mir nun das andere Ohrgehänge übergeben wollen, welches sich bei Ihnen befindet, so werde ich beide meine Schwester überbringen." Der Polizeidirector fühlte sich glücklich, daß das unangenehme Abenteuer ein so ruhiges Ende nahm; er übergab ihm das in seiner Verwahrung befindliche Ohrgehänge, begleitete ihn bis vor die Thür und drückte ihm sein Bedauern darüber aus, daß er sich die Mühe genommen, ihn in seinem Bureau aufzusuchen. Noch am selben Tage stellte sich heraus, daß der angebliche Graf der Dieb war und sich auf diese beispiellos schlaue Art in den Besitz des zweiten Ohrgehänges gesetzt habe. Herrn Claude aber hätte diese Affaire beinahe seine Stelle gekostet. -- ALLexLeS. Abriß des Goliathhausesl Aus Regensburg kommt eine fast unglaubliche Nachricht. Jedem Besucher der alten, architektonisch, hochinteressanten Stadt, der einen Gang über die Donaubrücke gemacht hat, wird bei der Rückkehr durch die originelle Brückstraße das mächtige, burgartige Gebäude mit dem zinnengekrönten Thurm und zwei kleinen, aus breiter Wandfläche vorspringenden Mauerthürmchen aufgefallen fein, das neben dem Schmuck reizender, gothischer Säulenfenster das riesige Freskobild „Goliath und David" trägt. Baulich und malerisch noch fesselnder ist die Ansicht der Hauptfront gegen Süden am sogenannten Watmarkt, der überhaupt ein ganz eigenartiges Bild mittelalterlicher Architektur darbietet; — wie lange noch- Das Goliathhaus, eines der ältesten der Stadt, etwa gleich alt wie der Dom, soll demnächst niedergerissen werden, nicht wegen Baufälligkeit, sondern um einem modernen Miethshause Platz zu machen. Und somit soll eines der vornehmsten Wahrzeichen NegenS- burgS, HauS und Bild zu« Goliath, das nicht blos in der Erinnerung des Fremden mit dem Bilde der Stadt, sondern noch weit mehr mit dem lokalpatriotischen und lokalhistorischett Empfinden jedes an seiner Heimath hängenden NegensburgerS innig verwachsen ist, dem Zug der modernen Zeit zum Opfer fallen. Den Inwohnern des Hauses ist bereits gekündigt, und bald wird die alte Donaustadt, einst die bedeutendste Stadt Süddeutschlands» wieder eine historisch und architektonisch werthvolle Zierde verloren haben. Pietät und Kunstverständniß scheinen ganz und gar zu schwinden. * Die Anfertigung von Drucktypen auS Aluminium ist die neueste Anwendung dieses in letzter Zeit zu so hoher Bedeutung gelangten Metalles. Nach längeren Versuchen ist es nämlich (zufolge einer Mittheilung des Patent- und technischen Bureaus von Ntch. Lüders in Görlitz) nunmehr gelungen, Aluminium zur Verbesserung des Typenmetalls zu verwenden. Zu diesem Zwecke werden dem bisher gebräuchlichen Buchdrucker- metall, welches bekanntlich aus einer Legirung von 4 Thl. Blei und 1 Thl. Antimon besteht, 5—15 Proz. Aluminium zugesetzt. Die mit dem neuen Typenmetall angestellten Versuche haben ausgezeichnete Resultate bezüglich der Schärfe der einzelnen Buchstaben ergeben; auch solle« die neuen Typen im Vergleich zu den bisher gebräuchlichen eine bedeutend größere Haltbarkeit ausweisen. -» .j > < ^ > > - Hlockerrruf. Heller wird's — um dült're Tannenhügel Glänzt des FrühlichtS röthlich gold'ner Schein, Säuselnd trägt der Wind mit weichem Flügel Einen Gruß von Gott durch Thal und Hain. Fernher aber hör' ich'S lieblich schallen, Glocken öffnen den geweihten Mund; Bald in Andacht fromme Pilger wallen Zur Kapelle tief im Waldesgrund! Maximilian Dursch. keratdWZs- kiutio. Lmeritrh - QuM. 6espie1t am 17. 4ugnst 1896 von 9"—11'°4,beu4s Lwisebs» Ltsinitr : IIII. L. Obsrbabnamtsoltirial Raebmann uuä Häusler vom Sebaebclud LuAsbnrA im Llubiocal: Lake „^NANsta". 15 D. 18—46 20 a2—a4 L. e3-e? 8 42-44 8. 16—b5 21 r. al—ei I. »8—13 S 8. bl—e3 17—16 22 45—46f- o?X46 10 8. e5xss4 8. b5-83 23 8. e3—45t L. e7—e8 11 D. äl—13 b7—b5 24 8. 45—e7f L. e8-s7 12 8. 84-12 8. 83xb1 25 8. 67—451 Remis. 13 8. 12xb1 D. e8—8^ ^vmorkunA. Diese kartie ist sebr elegant gespielt sebrvarr vortbsiäigis sieb vorrüßlieb, so 4ass sebliessliei» rveiss nur 4ureb „ewiges Lebaeb" Remis balten konnte. _ Lasxar Lolmann. 8cbv?arr. Stellung naeb äsm 23. Auge. -- «75 1896. „Augsburger PostMung". Mnstag, den 8. September Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbefitzer vr. Max Huttlcr). Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) 20. Kapitel. In Paplar Lodge. Eine halbe Stunde verging und Sir Victor kehrte nicht zurück. Edith spielte düstere Melodien. Endlich erhob sie sich und trat an's Fenster. Was mochte das Telegramm enthalten haben? Sie blickte hinaus. Der Wind heulte durch die Bäume und trieb die gelben Blätter wirbelnd vor sich her, der Mond schien nicht, aber zahllose Sterne funkelten am Horizont. Endlich ertönte ein Schritt; sie wandte sich lächelnd und blickte in Sir Victors ernstes, bleiches Antlitz. „Brachte das Telegramm schlimme Kunde? Betrifft es die Stuarts?" „Nein, es ist aus London und meldet, daß mein Vater im Sterben liegt." Schweigend sah sie ihn an. „Es ist sonderbar, wenn man nicht weiß, soll man die Kunde von des Vaters nahem Tode als eine gute oder schlechte Botschaft bezeichnen. In Anbetracht des Lebens, das er seit dreiundzwanzig Jahren geführt, kann man sein Scheiden nur als Erlösung erklären; seltsam ist aber, wie Tante Helena die Sache aufnimmt. Man sollte sie doch wohl für vorbereitet halten, sollte glauben, sie würde sich freuen, ihn endlich von all' dem Jammer befreit zu sehen; aber ich sage Dir, sie ist förmlich entsetzt." Edith schwieg; sie schien betäubt, gelähmt von Schrecken. „Ihr Entsetzen scheint aber nicht feinet- oder ihretwegen, sondern meinetwegen da zu sein", fuhr der Baron fort, „erklären kann sie nichts, sie hat alle Geistesgegenwart verloren. Uebrigens ist keine Zeit zu verlieren, wir müssen noch diese Nacht abreisen, und ich weiß nicht, wann wir wiederkehren. Mir aber ist der Gedanke, daß des Todes Schatten unsere Ehe umdüstern soll, unerträglich; ich fürchte eine zweite Verschiebung, fürchte, Dich hier allein zu lassen." „Denke nicht an mich, ich werde mich mit Musikalten und Büchern unterhalten, und Lady Arabella wird mich gelegentlich besuchen. Selbstverständlich muß der Grund dieser schnellen Abreise Geheimniß bleiben." „Versteht sich, es würde sonst endloses Gerede bringen. Ich freilich sehe nicht ein, weshalb man die Sachlage von Anfang an geheim hielt? Wenn ein Motiv vorhanden war, wird die Tante es mir wohl unterwegs sagen, und mir graut eigentlich, noch mehr zu hören, als ich bereits vernommen." Düster blickte er in die Sternennacht, die Ahnung kommenden Unheils lastete schwer auf ihm. Die Vorbereitungen zur Reise wurden schnell getroffen. Lady Helena schien Edith ganz vergessen zu haben und reichte ihr nur mechanisch die Hand, als diese vortrat. „Glaubst Du an Ahnungen?" fragte der Baron seltsam bewegt seine Braut, „mir ist, als treffen wir uns nicht wieder, wie wir scheiden, als häite sich bis dahin etwas zwischen uns gedrängt." „Ich glaube nicht an Ahnungen, plötzliche nächtliche Reisen aber bedingen unheimliche Gefühle, über die Du morgen bei Sonnenlicht lachen wirst. Zwischen uns wird sich nichts drängen." Er eilte hinab und bestieg den Wagen. Die Pferde zogen an und fort ging's in die dunkle Nacht. Edith stand noch am Fenster, als das Gerassel der Räder längst verklungen war. Seltsames Schweigen schien das Haus befallen zu habeu. Sie setzte sich gedankenvoll. Unfehlbar war ein Geheimniß, das die ermordete Lady Chateron betraf, im Spiele. Der Schmerz mochte ihren Gatten wahnsinnig gemacht haben; warum aber dies geheim halten? Warum ihn für todt ausgeben? Warum Juan Chateron schützen und den Mord ungerächt lassen? Weshalb Lady Helena's Abneigung gegen jede Hetrath ihres Neffen? Wer wußte ob nicht schon Wahnsinn im Gehirn des Mannes lauerte, dem sie ihr ganzes Leben widmen sollte? Konnten Titel und Reichthum dafür entschädigen? Sie erbebte. Die Prophezeihung, über die sie erst gelacht, widerhallte in ihrer Erinnerung. In vollster Jugendkraft und Schönheit Hütte ihre Vorgängerin der Tod erfaßt; was mochte ihr bevorstehen? Das Haus war grabesstill und erst als die Turmuhr die Mitternachtstunde verkündigte, erhob sie sich und ging zur Ruhe. Unterdessen trug der Bahnzug Sir Victor dem Wendepunkt seines Daseins entgegen. Still und bleich lehnte Lady Helena in der Ecke, und wenn er mit ihr sprach, antwortete sie einsilbig mit vollständig veränderter Stimme. Morgens erreichten sie die Metropole. Schwer und trübe hing die Luft über dem Thewse-Ba- 570 bylon. Regen drohte und begann während der Fahrt langsam zu fallen. Sir Victor kam es unglaublich vor, daß er jetzt den Vater sehen sollte, den Vater, der wie aus dem Grabe erstanden war. Sie bestiegen einen Wagen, und bald kamen die Bäume vom Regents-Park in Sicht. Lady Helena gab dem Kutscher ein Zeichen, und sie hielten vor dem Thore der einsamen Villa Poplar Lodge. Es war ein ödes, gefängnißarttges Haus; die es umgebende Mauer war hoch, dichte Bäume verhinderten jeden Einblick durch das Gitter. Und hier hatte sich Jnez Chateron zweiundzwanzig Jahre lang mit einem Irren und zwei alten Dienstleuten begraben. Mehrere Minuten vergingen, bis ein schlürfender Tritt sich näherte und die Thüre geöffnet ward. Ein weißhaariger Mann stand vor den Kommenden. „Kommen wir recht, Hooper?" fragte ihn Lady Helena athemlos, „ist Dein Herr noch — —" „Am Leben? Ja, Mylady." Der alte Diener heftete sein trübes Auge auf Sir Victor. „Wie sein Vater", flüsterte er, das greise Haupt schüttelnd. Eine andere Thüre öffnete sich; Jnez erschien auf der Schwelle, ihr bleiches Antlitz schien durch nichts blässer werden zu können, aber ihr dunkles Auge heftete sich voll unendlichen Mitleids auf den jungen Mann. „Ist er bei Verstand?" fragte Tante Helena wieder. „Ja, er ist seit gestern ganz vernünftig und verlangte sofort, daß nach seinem Sohne gesandt und ihm die Wahrheit gesagt werde." Schluchzend bedeckte Lady Helena das Gesicht. Jnez' Züge behielten die marmorne Ruhe. „Wartet einen Augenblick, ich muß ihm melden, daß Ihr gekommen seid." Gefaßt erwartete Sir Victor das Ende; er wußte, daß die Tante weinte, bittere Thränen um ihn. Grabesruhe schien über dem ganzen Hause zu liegen. „ Kommt I" rief Jnez' weiche Stimme. Schweigend schreiten sie die Treppe hinauf. Man hörte nichts als das Rauschen der Bäume und das Fallen des Regens. Unzerstörbar heftete sich das Bild in des jungen Mannes Seele. Des Zimmers düstere Beleuchtung, das große, weiße Lager, das Todtenantlitz des Mannes, der in den Kissen lag und ihn mit hohlen Blicken ansah — sein Vater — endlich I Wie bezaubert nahte er sich ihm. Fest heftete sich das gespenstische blaue Auge auf ihn, und die bleichen Lippen flüsterten: „Wie ich — wie ich war — Meta's Sohn!" „Mein Vater!" Er ließ sich entsetzt auf die Knie nieder. Zum ersten Male war er in Gegenwart des Todes, und der Sterbende war sein Vater, den er noch nie gesehen. „Wie ich" — sprachen die blauen Lippen wieder, „mein Gesicht, meine Größe, mein Alter. Mein Gott, wird sein Ende dem meinen gleichen?" Entsetzen durchbebte Alle. Der Sohn suchte des Vaters Hand zu fassen, er zog sie zurück. „Warte!" sprach er schmerzlich, „berühre mich nicht, sprich nicht mit mir. Knie nicht, Du weißt nicht, was Du hören sollst. Jnez, sag' es ihm jetzt." Mit unveränderter Miene bedeutete Jnez die Besucher sich zu setzen — es war, als könnte nichts «ehr sie erregen — — küßte den Sterbenden und begann mit fester Stimme die Erzählung. Eine halbe Stunde mochte verstrichen sein. Die Geschichte war erzählt. Schweigen herrschte im Zimmer. Mit verhülltem Antlitz saß Lady Helena regungslos in ihrem Stuhle, der Sterbende starrte seinen Sohn an, fester und fester umklammerte ihn der Tod. Jnez hielt seine Hand. Der Sohn hatte sich erhoben und stand bleich mitten im Zimmer. Was hatte er gehört? Wachte oder träumte er? War all' das geisterhafter Spuk — oder o Himmel. war es wahr? „Laßt mich hinaus", lauteten seine ersten Worte, „ich ersticke hier oder werde wahnsinnig." Wie ein Betrunkener wankte er der Thüre zu. Mit thränenden Augen und ausgestreckten Armen folgte ihm die Tante. „Victor, mein Junge, um Himmelswillen, sprich!" Er machte eine abweisende Bewegung. „Fort von mir", sprach er heiser, „lass' mich allein, noch kann ich mit Niemand sprechen." Barhaupt ging er hinaus in den Garten und schritt im Regen auf und ab. Eine Stunde verging, er kümmerte sich um nichts, er war betäubt und unfähig zu denken. Sein Inneres war ein Chaos und lange währte es bis die Fähigkeit des Denkens wiederkehrte. Plötzlich hörte er einen lauten Schrei. „Komm', komm!" rief die Tante und eilte den Pfad entlang, „er stirbt!" Sie zog ihn ins Haus, die Treppe hinauf ins Zimmer des Sterbenden. Aber der Tod war ihnen zuvorgekommen. Bleich und starr lag die Leiche vor ihnen. Schluchzend beugte sich Jnez über den geliebten Todten und benetzte sein Antlitz mit Thränen. Wie ein Steinbild stand der Sohn daneben und starrte auf das Todtenantlitz. 21. Kapitel. Wie der Trauungstag begann. Sechs Tage später kehrte Sir Victor und Lady Helena zurück. Für Edith war die Zeit angenehm und ruhig verstrichen. Auffallend war nur gewesen, daß in der ganzen Zeit nur ein Billet von Sir Victor einlief, ein seltsamer unzusammenhängender Brief, der des Vaters Tod und dessen Bestattung auf einem städtischen Friedhof, damit das Geheimniß seines Lebens und Todes unverletzt bleibe, meldete, und die Kunde brachte, daß das traurige Ereig- niß die Hochzeit nicht verschieben, sondern dieselbe am dritten Oktober stattfinden sollte. Hätte Edith den Verlobten geliebt, so hätte sein Schweigen sie verletzen müssen. Spät am Abend des sechsten Tages kehrten sie zurück. Der Baron umarmte seine Braut in stürmischer Freude, kalt entzog sie sich seiner Liebkosung. „Ich freue mich, Dich wiederzusehen", sprach sie ruhig, „aber Du stehst nicht gut aus, der Verlust hat Dich sehr angegriffen." Wirklich schien er um Jahre gealtert, und in seinen Zügen lag ein unbeschreibliches Etwas. Um ihn so zu verändern, mußte sich mehr ereignet haben, als der Tod des ihm unbekannten Vaters. Neugierig blickte sie auf ihn. Ob er ihr die Erlebnisse wohl mittheilte? Er that es nicht. Düster schaute er in die rothe Gluth und wiederholte, wie eine auswendig gelernte Lektion den Inhalt seines Briefes. Etwas lag darunter, das sie nicht wissen sollte. „Bleibt Miß Chateron in Johns Wood?" fragte sie gleichgiltig, um doch etwas zu sagen. „Vorerst, ja, später beabsichtigt sie zu reisen." „Kommt sie nicht nach Chateron Royals zurück?" Schmerzlich zuckte es um Sir Victors Mund. „Nein. Ihr Leben lang liegt sie unter dem Bann des Mordes." „Und sie ist unschuldig?" „Ja", entgegnete er ängstlich, beinahe scheu. Sie sollte das Geheimniß des Mordes also nicht erfahren. Lady Helena ließ sich an dem Abend nicht sehen. lieren und folgte ihr wie ihr Schatten. Hatte das Gespenst des Irrsinns ihn bereits erfaßt? Der erste Oktober — täglich mehr trat der Wechsel in Sir Victors Wesen hervor, er vermochte nicht zu essen, nicht zu schlafen, und ging, wie von Furien ge- peischt, bis in die Nacht auf und ab. Edith quälte das Gefühl banger Sorge. Der Gedanke, daß etwas geschehen müsse, daß die Trauung nie erfolgen würde, bemächtigte sich ihrer immer mehr. Sie durchwandelte die Räume vom Chateron Royals und es war ihr, als sollte sie nie dessen Herrin sein. In Carnavan war eine reizende Villa am Meeres- ufcr gemiethet, wo das junge Paar die ersten Wochen verleben sollte; ihr war's, als solle sie dieselbe nie sehen. Grotzmüllerchens Märchenschatz. Nach dem Originalgemälde von H. Werner. WZW i' !! UM» ZUM »HZ WWW MU. UM LzMW Als sie am folgenden Morgen zum Frühstück kam, erschrak Edith über ihren Anblick. Die schöne, stattliche, ältliche Dame hatte sich in ein schwaches, altes Weib, mit unsicherem Schritt, bebender Hand und durchfurchtem Gesicht verwandelt. Wie gebannt haftete ihr Auge auf dem Neffen, ihre Stimme wurde weicher, wenn sie mit ihm sprach, sie liebte ihn sichtlich, mehr denn je. Des Barons aber hatte sich eine fieberhafte Unruhe bemächtigt, die ihn wie einen ruhelosen Geist von Powys Place nach Chateron Royals und von Chateron Royals nach Powys Place trieb. Manchmal saß er stundenlang mit gerunzelter Stirn in düstere Gedanken verloren, dann wurde er wieder unnatürlich lustig, lachte und sprach wild, so daß Edith ihn verwundert betrachtete. In keiner Gemüthsstimwung aber mochte er sie aus dem Auge oer- Eine Art Apathie ergriff sie, sie ließ sich von der Zeit fortreißen; was sein sollte würde geschehen. Es war früh genug, aus dem Traume zu erwachen, wenn sie daraus aufgeschreckt würde. Am Vorabend der Trauung bekam die Braut Hals- und Kopfweh in Folge einer Erkältung. Lady Helena bestand auf feuchtwarmen Umschlägen und sandte sie nach Tisch sofort ins Bett. Der kurze Oktobertag senkte sich, die Gardinen wurden zugezogen, die Lichter angezündet. Lady Helena blieb lange bei Edith und küßte sie beim Gehen zärtlich. „Gute Nacht, Kind", sprach sie mit bebender Sümme, „Gott gebe, daß er Dich und Du ihn glücklich machst." Noch zögerte sie, das Auge thränenumflort, das Herz so voll. Worte schienen auf ihren Lippen zu zittern, 572 Worte, welche sie nicht auszusprechen wagte. Gerührt schlang Edith die Arme um der Tante Hals und legte ihr Antlitz einen Moment an die mütterliche Brust. „Ich werde mich bemühen, ihm ein gutes, treues Weib zu sein", flüsterte sie. Edith war allein, lag wie gewöhnlich hoch in den Kissen, die Arme um den Kopf geschlungen, das dunkle Auge auf das Feuer gerichtet. So betrachtete sie den zitternden Feuerschein an der Wand, das bleiche Mondlicht, das durch die Gardinen sich hereinstahl, lauschte dem Aechzen des Windes, dem Ticken der Uhr. Neun, zehn, elf Uhr; eine Stunde nach der andern verrann, und immer noch lag sie, ohne sich zu bewegen, ohne zu denken. Als die Uhr die zwölfte Stunde verkündete, sprang sie entsetzt auf. Ein neuer Tag, ihr Trauungstag I Unmöglich konnte sie länger ruhig bleiben. Sie sprang auf, kleidete sich an und schritt auf und ab. Eine Stunde verstrich. Ein Uhr schlug die kleine Uhr, ein Uhr klang es dumpf vom Thurme. Sie zog ein kleines, sorgsam verschlossenes Kästchen hervor und öffnete es. Es enthielt Rudolfs Photographie und die Briefe, die er ihr nach Sandypoint geschrieben. Sie las sie alle, einen nach dem andern und betrachtete das geliebte Bild. Was mochte er jetzt thun? Zweifelsohne schlief er ruhig und hatte sie vergessen, wie sie es verdiente. Gut, sie hatte es so gewollt und durfte nicht klagen. Seufzend legte sie Alles wieder in das Kästchen und flüsterte: „Leb' wohl, Rudolf!" Sie konnte sich nicht entschließen, die teuren Reliquien zu vernichten. Es mochte ungerecht sein, wann aber hatte Edith sich je in günstigem Lichte gezeigt? So lange sie lebte und Sir Victors Frau war, wollte sie Bild und Briefe nicht mehr besehen, zerstören aber konnte sie dieselben nicht. Als sie das Kästchen schloß, schlug es sechs Uhr; ein Sonnenstrahl blinkte herein und erfüllte das Zimmer mit goldenem Glänze. Wolkenlos und strahlend hatte sich die Sonne an Edith's Trauungstag erhoben. 22. Kapitel. Wie der Trauungstag endete. Sie trat an's Fenster und blickte hinaus. Auf Gräsern, Blumen und Bäumen funkelten Millionen Thauperlen. Im Hause war Alles munter, Sir Victor machte seinen Morgenspaziergang im Garten. Wie bleich und mager er aussah, so gar nicht wie ein glücklicher Bräutigam am Hochzeitstage! Bald erschien auch Lady Helena mit der Zofe und Edith wurde bräutlich geschmückt. Wie schön sie war in dem weißen Seidenkleide; das stolze, dunkle Antlitz blickte sternengleich aus den mystischen Wolken des Brautschleiers, ihr Haar krönte ein Myrtenzweig, kostbarer Schmuck blitzte um ihren Hals, ein Geschenk von Lady Helena. Der Bräutigam hatte ihr ein fleckenloses, weißes Bouquet gesandt. Um elf Uhr bestieg sie den Wagen und fuhr zur Kirche. Waisenkinder streuten Blumen und sangen den Festchor. Sie lächelte herab auf die kleinen, verwunder- ungsvollen Gesichtchen. Die Kirche war überfüllt. War es der Mühe werth, sich zu drängen, zu drücken, um sie getraut zu sehen? Eine Schaar Brautfräulein erwarteten die Braut, am Altare stand der Rector von Chesholm, bereit das unlösliche Band zu schlingen. Ein Gewürme! der Bewunderung durchflog die Menge, als Edith an Lord Westmores Arm durch das Schiff der Kirche schritt. Einen Moment später kniete sie an Sir Victors Seite und die Ceremonie begann. Laut und fest sprach die Braut ihr „Ja", in gebrochenem Ton flüsterte es der Bräutigam. Und was Gott zusammenfügt, soll der Mensch nicht trennen. Es war vorbei, sie war Lady Chateron, und nichts hatte sich ereignet. In der Sakristei werden sie von den Freunden umringt und beglückwünscht. Edith lächelt, Sir Victor aber ist bleich und lächelt nicht. Seltsame Idee, aber Edith war's, als sehe er sie voll Furcht an. An des Gatten Arm verläßt sie die Kirche. Beim Frühstücksmahl bemühte er sich umsonst heiter und unbefangen zu erscheinen, versucht in einer Rede den Gästen zu danken und es mißlingt. Eigenthümliches Schweigen beschleicht die Gesellschaft. Bereut der Baron so bald die Heirath mit dem bürgerlichen Mädchen? Nachdem das Frühstück vorüber, kleidete sich die Braut um und nahm in heiterer Ruhe von Allen Abschied. Unter festlichem Glockengeläute verließen sie Powys Place und der Wagen rollte der nächsten Bahnstation entgegen. Kein Wort wurde gewechselt. Wieder tauchte in Edith der Gedanke auf, daß Sir Victor sie fürchte. Wie seltsam er aussieht, wie sonderbar er von ihr Abstand nimmt, wie unverwandt er zum Fenster hinaus- starrt und ihren Anblick vermeidet! War er irrsinnig? Die alte Prophezeihung hallt in ihrer Seele wieder, Geisterstimmen scheinen ihr ins Ohr zu flüstern: „Der Bräutigam am Hochzeitstag verwittwet steht: Erlischt der Stamm — der Name selbst vergeht." Sollte sich das erfüllen? Sie blickt auf ihren Gatten hatte je ein Mann am Trauungstage solch' steinernes Gesicht? Und doch hatte er sie aus Liebe geheiratet, nur aus Liebe. Wie sollte an seiner Seite sich ihr Leben gestalten? Golden neigte sich die Sonne gen Westen, als sie Wales erreichten und die Equipage sie nach der Villa in Carnavan brachte. Die junge Frau begab sich sofort in ihr Toiletten- zimmer. Sir Victor murmelte, er wolle am Strande eine Cigarre rauchen, während sie ruhe. Nachdem Edith Gesicht und Hände gewaschen, trat sie in den kleinen Salon und warf sich in ein Fauteuil am offenen Fenster. Purpurverbrämt sank die Sonne hinab, die Kämme der Wogen erblitzten gleich zahllosen Diamanten. Es ist wunderbar schön, aber einschläfernd; ihre Lider sinken, sie schlummert. Etwa eine Viertelstunde entfernt schreitet Sir Victor am Strande auf und ab, zu seinen Füßen murmelt und plätschert die unendliche See; über ihm trillern die Vögel, nirgends ist eine menschliche Seele. Rastlos geht er auf und nieder, die Hände geballt, die Lippen fest geschlossen. Jetzt bleibt er stehen und blickt verzweifelnd hinaus auf die schimmernde See. Wie beseelt von göttlicher Inspiration fällt er auf die Knie und breitet die Arme dem strahlenden Firmament entgegen. Ein stürmisches Gebet entströmt seinen Lippen. Niemand hört es, als die schlafende See, die zwischernden Vögel und Er, der sie ge- 8 Der Dom zu Mrtzlar. 574 schaffen. Endlich fällt er auf sein Angesicht und bleibt liegen wie ein Stein. Handelt und spricht so ein vernünftiger Mensch? Ueber eine Stunde liegt er regungslos, dann erhebt er sich schwerfällig. Seine Züge sind ruhiger, es sind die Züge eines Mannes, der einen verzweifelten Kampf gefochten, einen verzweifelten Sieg errungen hat. Ein eiserner Entschluß ist ihnen eingeprägt Geisterhaft bleich schreitet er der Villa zu und steht seine Braut friedlich am offenen Fenster schlummern. Sieht so lieblich aus, er aber bebt zurück wie von einem furchtbaren Schlage getroffen. „Schlafend", flüsterte er, „auch sie schlief." Einen Moment steht er wie gebannt, dann stürzt er ins Speisezimmer, wo Alles von Krystall und Silber funkelt. Hastig schreibt er einige Zeilen, faltet das Blatt und trägt es in das Zimmer, wo Edith schlief. Er legt es auf den Tisch, sinkt vor der jungen Frau auf die Kniee und küßte thre Kleidung, ihr Haar, ihre Hände. Sie bewegte sich im Schlaf, und wie von Furien gejagt, eilt er aus dem Hause. Eine Stunde später passirt der Courierzug nach London die Station Carnavan. Ein Passagier wartet auf dem Perron und veschwindet in einem Coupö erster Klasse. Die Lokomotive pfeift, keuchend setzt sich der Zug in Bewegung, und führt den Bräutigam gen Englands Metropole. (Fortsetzung folgt.) —-«-«« 4 —-- Das Londoner Wirthshaus. Im Jahre 1892 hat das englische Volk 140,866,262 L. für Getränke verausgabt, und nach der Berechnung des Mäßigkeits-Apostels Sir Wilfrid Lawson während der letzten 20 Jahre 250 Millionen Pfund Sterling, also über fünf Milliarden Franken, dem Bacchus geopfert. Mehr als ein Drittel des Gesammtein'ommens verdankt der Staat dem Alkohol und dem Tabak; übersteigt doch der Zoll und die Steuer auf Spirituosen 225 Millionen Franken. Die Steuer auf Bier beträgt 200 und der Zoll auf Tabak über 225 Milk. Franken. Man hat berechnet, daß im Jahre 1892, als sich die Einwohnerzahl im vereinigten Königreiche auf 38,109,329 Personen beließ eine Ausgabe von rund 80 Franken für geistige Getränke auf Männlein und Weiblein entfiel, und daß jede Familie, aus fünf Personen bestehend, in demselben Jahre circa 400 Franken im Wirkhshause draufgehen ließ. England verbrauchte in demselben Jahre 28,756,849 Faß Bier, Irland 1,289,019 Faß; England mit Schottland vertrank 34,035,522 Gallonen geistiger Getränke, wäbrend Irland sich mit 5,476,934 begnügte; die Weintrinker der beiden erstgenannten Länder vertilgten die anständige Menge von 13,161,011 Gallonen Wein, während die der ärmeren Schwesterinsel sich mit 1,462,334 Gallonen begnügten. . Kein Zweifel kann darüber obwalten, daß die unteren Klassen im Verhältniß zu ihrem Einkommen eine größere Summe jährlich für Getränke verausgaben als die höheren Klassen; ja, der Statistiker Professor Lcvi hat sogar berechnet, daß auf die englische Arbeiterklasse 60 Procent der jäbrlichen Ausgaben für Getränke entfällt, so daß dieser Berechnung zu Folge im Jahre 1892 über 70 Millionen Pfund aus den Taschen der Arbeiter in die der Schankwirthe flössen. Kein Wunder daher, daß sich die Temperenzler beim Durchlesen dieser Zahlen die Haare raufen und darauf hinweisen, daß diese Summe genügen würde, den Arbeitern eine Alterspension zuzusichern. Sie behaupten, daß vom Augenblick, wo die jährliche Getränkerechnung um die Hälfte falle, England zum irdischen Paradies sich umgestalten würde. Die Herren Wassertrinker werden aber noch lange warten müssen, ehe ihr Millennium auf solche Weise in England verwirklicht wird, denn anstatt abzunehmen, steigt die Getränkerechnung jährlich. Jahr um Jahr klagt der Schatzkanzler beim Vorlegen des Budgets scheinheilig über die vermehrten Einnahmen, die in den Staatssäckel aus den Taschen der Trinker fließen; Jahr um Jahr dankt dieser heimlich dem lieben Herrgott, daß die Trinker in England noch nicht alle sind. Soviel zur Einleitung. Sehen wir uns nun einmal an Hand eines Genrebildchens der „Straßb. Post" ein Londoner Wirthshaus näher an. Für einen Deutschen, der an „Gemüthlichkeit" gewöhnt ist, bietet das englische Durchschnittswirthshaus wenig Anziehendes. E euer Erde befinden sich gewöhnlich rechts und links vom Haupteingange zwei Schanktische, sogenannte Bars, an denen Getränke an Stehgäste verabreicht werden. Dieses Amt wird in den meisten Wirthshäusern von Damen, sogenannten izarrnaids, be- ' sorgt, gewöhnlich hübschen Mädchen, die gern bereit sind, sich mit den Herren Gästen in ein Gespräch einzulassen, auch Geschenke nicht verschmähen rc. Ihr Gehalt beträgt meist 10 bis 15 Franken per Woche. Die werthvollen Ohrringe, Broschen und Armbänder solcher starrnaläs in den bessern Schankwirthschasten sind gewöhnlich Geschenke ihrer zahlreichen Verehrer In mehreren Wirthschaften in der Altstadt findet man kleine, abgeschlossene Bretterverschläge — oastinots xartivuliors — wo der Citymann in Frieden mit seinem Kunden über einem Glase Wein sein Geschäft erledigen, Verträge unterzeichnen, Geld auszahlen kann. Wie großartig die über einem Glase Wein abgeschlossenen Geschäfte zuweilen sein können, wurde mir einmal klar, als ich in einer Kneipe nahe der Wollbörse in Coleman-Street zwei Geschäftsleute, wahrscheinlich Baumwollenmakier, über Waaren im Werthe von etwa 250,000 Franken unterhandeln hörte und sie sich den Kaufhandschlag geben iab. In den Wirthshäusern der journalistischen Fleet-Street werden die Heben häufig mit dem Vorlesen des witzsprühenden Aussatzes eines angehenden Journalisten, dem funkelnagelneuen Gedichte eines zukünftigen xoöts. laursatus erquickt. In der Mitte des Schankzimmers läuft gewöhnlich ein hohes, mit Spiegelglas ausgeschlagenes hölzernes Gestell; hier stehen auf den verschiedenen Brettern mit bunten Marken versehene Flaschen Whisky, Brandy, Wach- holderbranntwein, Portwein, Sherry und Liqueure aus aller Herren Ländern, die sich beim Gaslichte in allen möglichen Farben widerspiegeln. Auf einem anderen Gestell thürmen sich die Cigarren-Kisten auf; Cigarren kann man hier von einem Penny an bekommen; doch würde ich die Penny - Cigarre kaum meinem ärgsten Feinde empfehlen. Auf einem kleinen Servier-Tische laden Stilton-, Cheddar- und Gcuyörc-Käse zum Imbiß ein; daneben kann man sich an den sogenannten porlr- pies, d. h. Schweinefleisch-Pasteten, die mit Pickles aufgetragen werden, oder an warmen Würsten und Kartoffelbrei gütlich thun, oder sich mit den einfachen 575 Genüssen eines Bisenits oder eines sogenannten Sandwich — ein Schinkenbrödchen, das nach dem Namen seines Erfinders, des Carl of Sandwich, getauft ist — begnügen. Nebenbei gesagt, ist diese Erfindung die einzige That in der Lebensgeschichte des edlen Lords, die ihn zur Unsterblichkeit berechtigt; Fleischbrühe und gebratene Würstchen im Winter sind eine neue Einrichtung, die der englische Schankwirth erst vor Kurzem seinem festländischen Bruder abgelernt hat. Der englische Schankwirth hält sich so streng an den Stände-Unterschied wie der Jndier und sondert daher die gewöhnliche Heerde von den Gentlemen in einem besonderen Schankzimmer ab, auf dessen Thür mit großen Buchstaben zu lesen ist: „Oeffentliches Schankzimmer" (kubliv Bar), während die Gentlemen — ohne ihre Damen — die für sie reservirte Abtheilung mit der Aufschrift „Olöntlsmeu vul^" benutzen. Selbst im Ostende, im berüchtigten Ratcliffe Highway, einer Straße, die selbst der Polizei Schrecken einflößt, liest man auf den Wirthshausthüren die dort etwas sarkastisch klingende Inschrift „Oleut- löluön onl^!" Freilich muß der Gentleman auch dafür zahlen, daß er ein Gentleman ist, denn in der ihm vor- behaltenen Abtheilung kann er keine Getränke unter zwei Pence erhalten, während in der für das gewöhnliche Volk Bier und Rum für einen Penny das Glas zum Verschonte gelangt. In den bessern Wirths- bäusern im Westende sieht man in der O^ntlsruan Dar gewöhnlich noch dazu auf einem Schilde die Anzeige: „In dieser Abtheilung kosten die feineren Schnäpse durchweg drei Pence das Glas" — eine Anzeige, die viele Leute sofort in die öffentliche Abtheilung verscheucht, wo sie für dasselbe Geld die doppelte Quantität von Wachholderbranntwein zu sich nehmen können. Natürlich hat dieser Unterschied im Preise auch eine gewisse Scheidung der Stände zur Folge; in der einen Bar amüsirt sich die starken Tabak rauchende, spuckende, schmierig gekleidete Menge; in der andern der Gentleman im Cylinder, mit der Cigarre oder Cigarette im Munde. Eine andere Eigenthümlichkeit, die dem Fremden beim Besuch einer englischen Kneipe sofort auffällt, ist die, daß das gewöhnliche Volk fast immer aus großen Zinnkrügen trinkt, während der „Gentleman" ein Glas vorzieht. Die Zinnkrüge werden häufig von Falschmünzern gestohlen und zu halben Kronen umgeschmolzen; daher denn an der Bar die Bekanntmachung prangt: „Eine Guinee Belohnung dem, der einen Zinnkrugdieb erwischt!" und dieser reiht sich die zweite an: „Kein Fluchen und kein Wetten erlaubt!" Zur Erleichterung des Gastes, dem das schwere englische Bier zu Kopf gestiegen ist, finden sich vor dem Wirthshause Bänkelsänger aller Art ein, die mehr oder weniger gute Vortrüge geben und durchwegs vorzügliche Geschäfte machen. Dies ist besonders an Samstagen der Fall, wo die Zechbrüder ihr Wochengehalt in der Tasche haben und daher auch freigebiger sind. Die italienischen Drehorgelspieler, Musikanten auf der Flöte, Violine, Ziehharmonika und Harfe, ja, ganze Quartette finden vor dem Wirthshause ihren regelmäßigen Lebensunterhalt. Zu dieser Klasse gehört auch ein geheimnißvoller Sänger, der nach und nach die verschiedenen Viertel der Riesenstadt durchzieht. Auf einem mit einem Pferde bespannten Fuhrwerke, das von seinem eigenen Kutscher geleitet wird, steht ein echtes, salonfähiges Piano, davor sitzt der Sänger, mit einem großen, über die Stirn gedrückten Schlapphut und blauer Brille angethan, und begleitet seine wunderschöne, klangvolle Tenorstimme mit kunstfertigem Tastenspiel. Hört man den Mann so vor dem Wirthshause spielen, so kann es einem nicht entgehen, daß man es mit einem wirklichen Künstler zu thun hat. Der Kutscher sammelt das Geld und sagt „Nur Silber!" zu den Zechbrüdern. Thatsache ist, daß diesem Verlangen gewöhnlich Folge geleistet wird. Ein Künstler ganz anderer Art machte noch vor mehreren Wochen die Runde durch die Wirthshäuser — ich las kürzlich seinenNekro- log in der „Times" — und ergötzte die Trinkgäste, indem er Korkstöpsel, Ketten usw. verschlang. Gewöhnlich wettete er einenSchilling, er sei bereit, einen halben Penny, eineZeitung, eine Kugel zu verschlucken; die Wette wurde von den Stammgästen angenommen und — verloren, denn dem Schlunde dieses Künstlers kam alles recht, ob Wurst, ob Thonpfeife. In der pflichtgetreuen Ausübung seines Berufes ist er an zerlöcherten Eingeweiden dahingegangen; ein Opfer des „Kampfes ums Dasein". Der ärztliche Bericht sagt: Wir fanden in seinem Magen eine Kugel, 30 Korkstöpsel, 20 Stücke Staniolpapier, eine 18zöllige Schnur mit zwei daran befestigten Stöpseln und ein Ozölliges Stück Leder mit zwei Haken. Einer der Haken und ein Stück Staniol verursachten seinen Tod. Daneben wird das Wirthshaus von einer Unzahl von Hausireru heimgesucht, die ihre Waaren, als da sind Schuhriemen, Manschettenknöpfe, Streichhölzer und selbst Operngucker, leicht loswerden, denn ein Käufer, der drei oder vier Gläser starken Whisky getrunken, ist weder wählerisch, noch knauserig. Die Zeitungsverkäufer bringen hier jeden Abend pünktlich ihrem sportliebenden und wett- lustigcn Kunden, der regelmäßig um dieselbe Stunde in Uilla Uewman, das Elternhaus der deutschen Kaiserin. DWNU WM 576 derselben Ecke sitzt, sein Leiborgan, dessen Inhalt er mit gierigem Blicke verschlingt und dann, falls er gewonnen, mit lauter Stimme „einen Schoppen für Jedermann in der Bar" bestellt oder, falls er verloren, entsetzliche Flüche über sein gewöhnliches Pech zum Besten gibt. Der Engländer huldigt mit Leib und Seele der Göttin des Spielglücks, des Zufalls, und ein Monte Carlo in England würde die ganze Nation an den Bettelstab bringen. Er betritt mit einigen Fremden das Wirthshaus; sofort heißt es: die Münze auswerfen um die Schoppen. Nun zieht jeder eine Handvoll Pence aus der Tasche, legt sie auf den Schanktisch, und der Mann, der die wenigsten Pence mit dem Kopfe der Königin nach oben auszuweisen vermag, hat die Zeche zu bezahlen. — Vielleicht werden noch folgende Zahlen den Leser in- teressiren: London allein zählt über l 5,000 Wirthshäuser; England und Wales 123,868 oder eins auf je 287 Einwohner, und jeder Gastwirth, der mehr als 700 Pfund jährlich einnimmt, hat für seine jährliche Schankerlaubniß 60 Pfund an den Staat zu erlegen. 8» unseren Bildern Alte Märchen. Wenn ich ein Märchen hörte In meiner Jugendzeit, Von Lieb', die ewig währte Von Prinz nnd von Königsmaid, — Eine Sage aus goldenen Landen, Vom Drachenkampf ein Lied, Von Herzen, die sich fanden, Von Herzen, die man schied, — Dann mußt' ich vergessen im Frieden Des Traumes, was um mich ist, Vergessen, daß man hienieden Auch einmal mich vergißt. Mußt' suchen immer anf's neue Nach Schätzen im Märchenreich, Nach Muth, nach Kraft und Treue, Nach Liebe goldesgleich. Diese Schätze der Rittertugend Schloß ich in's Herz hinein, Erkaufte damit meiner Jugend Das Recht, unsterblich zu sein. Bruno Mohren. Der Dom zu Mrtzlar. Die im preußischen Regierungsbezirke Koblenz, am Einfluß der Dill in die Lahn, 145 Meter über dem Meere gelegene Stadt Wetzlar entstand aus einer königlichen Villa und wurde im 12. Jahrhundert freie Reichsstadt. In diese Zeit fällt auch die Gründung des merkwürdigen Domes dieser Stadt, an dem verschiedene Jahrhunderte mitgebaut baben und der noch beute unvollendet dasteht. Der Chor des Domes ist für den kathol. Gottesdienst bestimmt, während das Schiff den Protestanten zur Benützung überlassen ist, welch letztere ungefähr fünf Sechstel der Gcsammtbevölkerung ausmachen. Wetzlar, welches von 1693 bis zur Auflösung dcS Deutschen Reiches im Jahre 1806 Sitz deS ReickSkammergerichts war, ging seiner Reichsfreiheit durch den Reichsdeputationsbanptschluß anno 1803 verlustig Vor 100 Jahren, am 15. Juni 1796, fand bei Wetzlar ein Gefecht zwischen den Oestcrreichern und Sachsen unter Erzherzog Karl und den Franzosen unter Jonrdan statt, dessen Ausgang den Rückzug der letzteren bei Neuwied über den Rbein zur Folge hatte; zum Andenken an diesen Sieg ist vor 50 Jahren, 1846, auf dem Schlachtfelde ein Denkmal errichtet worden. Ein Jugendheim der deutschen Kaiserin. Nicht nur zu Dolzig in der Niederlausitz, woselbst sie am 22. Oktober 1858 das Licht der Welt erblickte, auch zu Gotha, Kiel, Primkenau und an den Ufern der Elbe verlebte die deutsche Kaiserin Viktoria Elisabeth Augusta Charlotte aus dem Hause Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg sonnige wie trübe Jugendtage. Trübe, denn sie war die Tochter ihres Vaters, Friedrichs VIII., eines echten Sohnes 1er Insel Alsen, der für sein Wort: „Mein Recht ist Eure Rettung" schlimme Erfahrungen machen, aber schließlich doch der politischen Nothwendigkeit Heerfolge leisten mußte. Die Kämpfe des Vaters waren aber auch die Kämpfe seiner ältesten Tochter, seine Thränen waren auch ihre Thränen, doch wenn sein Herz lachte, hat auch das ihrige gelacht, denn sie liebte den Vater über alles. Alte Kieler entnimm sich noch sehr wohl der Kaiserin, wie sie als Kind am Strande zu Düsternbrook kleine Kieselsteine über die Meeresfläche warf und Kuchen aus Strandsand formte. Unser Bild gibt eine Ansicht der Villa Newman in Nienstedten bet Hamburg wieder, in welcher die herzog'icke Familie eine Zeit lang domizilirte. Aber auch in diesem Eltcrnhause wird Friedrichs VIII. Licblingstochter schwerlich geahnt haben, daß ihr hellblondes Jngeborg-Haar noch dereinst von dem Diadem der deutschen Kaiserin umstrahlt werden würde. Die Villa macht einen durchaus bürgerlichen, bescheidenen Eindruck; bescheiden wie diese Villa ist das Herz der Kaiserin geblieben. ^V. L. Allerlei. Ein junger Kaufmann in Aachen mußte dringender Geschäfte halber nach Köln reisen. Der junge Mann wickelte seine Geschäfte schneller ab, als er dachte, und wollte am dritten Tage heimkehren. Am Nachmittag erhielt seine Frau von ihm folgendes Telegramm: „Komme heute Abends 7 Uhr." Damit wollte er nur sagen, daß er Abends 7 Uhr hier sein wollte; weil nach dem kaufmännischen Briefstile der Kürze halber das „Ich" weggelassen war, fuhr seine Frau sofort nach Erhalten der Depesche nach Köln, um, dem Wunsche ihres Mannes entsprechend, Abends 7 Uhr dort zu sein. Welch' beiderseitiger Schrecken! Er hier, sie dort! Er eilte auf's Telegraphenbureau und telcgraphirte seiner Frau nach Köln: „Komme morgen mit dem ersten Zuge." Damit wollte er kaufmännisch kurz sagen, daß er andern Tages mit dem ersten Zuge nach Köln reisen werde, um sie zu holen. Seine Frau faßte die Depesche wieder auf wie jedes andere Menschenkind und reiste am andern Tage mit dem frühesten Zuge nach Aachen, um ihren Gatten doch endlich wiederzusehen. Doch welche neue Täuschung! Jetzt reiste er, ohne zu telegraphiren, sofort nach Aachen zurück; er fand seine Frau in Thränen gebadet zu Hause. -—-- Me Aase. Sah am Weg ein Röslein steh'n, Wollt' es brechen mir vom Strauch; Denn micb nimmer weitergeh'u Ließ der zarten Düfte Hauch. Doch als ich das Röschen brach In dem rothen Blüthenkleid, Unverseh'ns ein Dorn mich stach, Und um's Pflücken war's mir leid. Menschenkind, im Taumel hier Trinkst den Freudenbecher du, Freudumrauschet sage mir: „Fandst du die ersehnte Ruh'?" „Ach, die Freud' der Rose glich! Wollt' genießen sie das Herz, Bald die reine Freude wich; Denn sie war gemischt mit Schmerz." Robertus, 8. I). 8. --EZS-- M76. Freitag, den 11. September 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Ein fnvchtbaves Geheimnis;. Dem amerikanischen Originale der MrS. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) 23. Kapitel. Am folgenden Tage. Des Sonnenunterganges letzte Nöthe war verblichen, silbern blinkten die Sterne, der Mond spielte sich in der See, als Edith lächelnd erwachte. Im Traume war sie in Sandypoint, an Rudolfs Seite gewesen, hatte die auf immer verschwundenen Zeiten durchlebt. Nun erwachte sie, um das Mondlicht hereinsirömen zu sehen, der Nachtluft Geflüster, das sanfte Anschlagen der Wellen an die Küste zu hören, und erhebend, sich als Sir Victors Weib wiederzufinden. Es war ihr Hochzeitstag. Ihres Lebens ehrgeizigen Träume waren glänzend erfüllt, und doch lag ihr Herz wie ein Stein iu der Brust. In der Stunde fürchtete sie sich und ihren Mann. Sie erhob sich fröstelnd und blickte in dem vom Mondlicht schwach erhellten Zimmer umher. Sir Victor war nicht da. Dreiviertel auf sieben Uhr; natürlich erwartete er sie ungeduldig im Speisesaal. Unbeachtet lag das Billet auf dem Tische. Sie läutete. „Ist Sir Victor im Speisezimmer, Jamison?" fragte sie den vertrauten Diener, in dessen Zügen sich Staunen malte. „Sir Victor? Mylady, ich — ich dachte, Sir Victor wäre hier." „Sir Victor ging nach unserer Ankunft an den Strand, ich fragte, ob er zurückgekehrt sei?" „Ich sah ihn vor mehr als einer Stunde. Mylady schliefen am Fenster, als er kam. Er begab sich in den Speisesaal, schrieb einen Brief und trat dann hier ein." Edith horchte mit steigender Verwunderung. „Wenn Mylady erlaubt, zünde ich die Kerzen an und sehe nach, ob Sir Victor in einem andern Zimmer ist." Sie nickte bejahend. Als es hell geworden, bemerkte Jamison sofort das Billet auf dem Tische. „Hier ist ein Brief, Mylady." „Gut", sprach sie kurz und sich mühsam beherrschend, „wenn ich Sie brauche, werde ich läuten." Er verließ das Zimmer mit einer Verbeugung. Sie zauderte, das Siegel zu erbrechen. Was sollte das bedeuten? Warum schrieb ihr Sir Victor und entfernte sich? Endlich ermannte sie sich und las die hastig geschriebenen Zeilen: „Um Himmelswillen, bemitleide mich und vergib. Wir werden uns nie mehr sehen. O, Geliebte, glaube, daß ich Dich nie halb so sehr liebte, als jetzt, wo ich Dich verlasse. Liebte ich Dich weniger, ich wagte zu bleiben. Mehr kann und darf ich nicht sagen, mich bindet ein dem Todten und den Lebendigen gegebenes Versprechen. Ein schreckliches Geheimniß, Sünde, Schande und Schuld sind dabei betheiligt. Geh' zu Lady Helena, mein geliebtes Weib und leb' wohl! Mein Herz bricht beim Schreiben des grausamen Wortes, das geschrieben werden muß. Leb' wohl! Ich habe nur ein Gebet im Herzen, nur einen Wunsch in der Brust, daß mein Leben kurz sei. Victor." Sie stand wie betäubt. War das ein Traum oder war ihr Mann plötzlich dem Irrsinn verfallen? Sie saß ruhig nnd versuchte zu denken; wieder und wieder las sie den Brief. Konnte ein vernünftiger Mensch ihn schreiben? „Ein schreckliches Geheimniß, Sünde, Schande und Schuld sind dabei betheiligt." Betraf daS Geheimniß seiner Mutter Tod? Doch wie sollte er sie deshalb verlassen? Welch' furchtbare Enthüllung war ihm an seines Vaters Todtenbett geworden? Seit der Zeit war er nicht mehr er selbst gewesen. Ein Gedanke durchzuckte ihr Gehirn, schrecklich und unnatürlich genug, aber wie sollte selbst das, falls es wahr wäre, ihn veranlassen, sie aufzugeben? „Liebte ich Dich weniger, so wagte ich bei Dir zu bleiben", welche Notomontade war das? Beweisen Männer ihre Liebe dadurch, daß sie ihre Frauen verlassen? Es schien außer Zweifel, daß er irrsinnig geworden, ob des Vaters Tod. Zeitweise war er sichtlich vor ihr zurückgebebt, schien sie zu fürchten. Es war das Aufdämmern des Familienwahnsinns. Des Vaters fixe Idee war, sich einzusperren und sich für todt auszugeben, jene des Sohnes, die Braut am Hochzeitstage zu verlassen. Welch' herrliche Nacht es wart- Was that man in Sandypoint? WaS that Trixy, was Rudolf? Sie hatte beschlossen, nicht mehr an ihn zu denken, jetzt schwebte ihr fein Bild im Strahl deS Mondes vor, bleich, ernst, verachtungsvoll. „Wie muß er mir zürnen, mich verachten", dachte sie. „WaL immer Dir das neue Leben bringen mag, mich darfst Du nicht tadeln", hat er mir an jenem regnerischen Morgen in Sandypoint gesagt. Wie lange scheint das her, welche Ewigkeit seit jener Nacht im Schnee! O, daß ich damals an seiner Seite gestorben wäret". 578 Sie ließ den Kopf auf das Fenstergesimse sinken und bewegte sich nicht. Stunde um Stunde verrann. Sie weinte nicht, sie fühlte nur einen dumpfe'.!, unbeschreiblichen Schmerz im Herzen. Sie hatte das ersehnte Ziel errungen, war die Gemahlin eines reichen Aristokraten, um dessenwillen sie dem geliebten Manne entsagt, und das war das Ende! Gegen Mitternacht erst legte sie sich zur Ruhe. Oft find Sorgen das beste Schlafmittel, traumlos schlief sie bis zum Morgen. Als sie erwachte, richtete sie sich auf und blickte verwirrt um sich. Da blitzte der Gedanke an die Ereignisse deS gestrigen Tages auf, und sie rüstete sich entschlossen zur Abreise. Wie schnell waren ihre Flitterwochen zu Ende. Sie lächelte seltsam bei diesem Gedanken. Gegen Abend erreichte sie Powys Place, erschrocken wich der Bediente zurück bei ihrem Anblick. „Ist Lady Helena zu Hause?" Sie war zu Hause; noch blickte der Mann sie entsetzt an. Sie eilte an ihm vorüber und begab sich unangemeldet zu der Dame Privatgemächern. „Herein!" rief eine bekannte Stimme. Edith trat ein. Lady Helena stieß einen Schrei aus und blieb wie verzaubert vor ihr stehen. „Edith!" keuchte sie endlich, „was ist'L? Wo ist Victor?" „Ich weiß es nicht, ich habe ihn seit gestern Nachmittag nicht mehr gesehen." Lady Helena bewegte stumm die Lippen. Sprachloser Schrecken hatte sie befallen. „Ermüdet von der Reise schlief ich am Fenster ein", erzählte Edith ruhig, „nachdem Sir Victor mich verlassen, um, wie er sagte, am Strande spazieren zu gehen. Ich erwachte um sieben Uhr und befand wich noch allein. Er war inzwischen gekommen und gegangen." „Gegangen?" „Ja, und diesen Brief hat er hinterlassen; Sie sehen, daß ich nur auf seinen Wunsch hierher zurückkehre." Die Tante las das Billet erbleichend. „So früh", flüsterte sie, „o, ich fürchtete es." „Sie fürchteten es? Heißt das, daß Sie den Brief verstehen?" „Ich glaube, ja." „Habe ich einen Irren geheirathet?" Lady Helena stöhnte. „Wahnsinn liegt im Blute Chaterons", fuhr Edith fort, „sein Vater starb im Irrsinn, hat der Fluch nun auch den Sohn an seinem Hochzeitstage befallen?" Lady Helena schluchzte krampfhaft, es war ihre einzige Antwort. „Für Sie ist eS traurig", sprach die junge Frau düster, „denn Sie liebten ihn." „Und Du nicht?" fragte die Tante tonlos, „hei- r'Ähetest Du meinen Neffen ob seines Ranges und Reichthums? O, besser wäre es für ihn gewesen, er wäre gestorben bevor er Dich gesehen!" „Viel, viel besser für ihn und mich. Ja, ich hei- räthete ihn ob seines Ranges und Reichthums, ich liebte ihn nicht, ich liebte meinen Vetter und verdiene Alles, was über mich geht. Nun habe ich die Wahrheit gesagt und frage nicht, von welchem Geheimniß er spricht, aber ich möchte Sie bitten, nach ihm forschen zu lassen; wenn er irre ist, sollte er nicht sich selbst überlassen bleiben." „Irre? Er ist so wenig irre wie Du." „Nicht irre?" flüsterte Edith erbleichend, „nicht irre, und — er verläßt mich." „O, mein Gott, was habe ich gesagt? Vergib mir, Edith, ich weiß nicht, was ich rede. Lass' mich allein, auf daß ich die Sachlage zu fassen suche." „Gut, ich werde Sie heute nicht mehr stören." Sie wandte sich zur Thür; Lady Helena folgte ihr und umarmte sie weinend. „O, mein Kind, es ist schrecklich für Dich und mich, aber warum bist Du so eigenthümlich kalt? Du siehst aus wie erstarrt." „Ich fühle mich so", stöhnte sie, „ich kann nicht weinen, ich glaube, ich habe kein Herz." Langsam schritt sie aus dem Zimmer und begab sich in die liebgewordenen Räume. Der Abend war stürmisch und regnerisch. In später Stunde läutete es, und der Bediente erblickte in der Dunkelheit eine verhüllte Mannesgestalt. „Ist Lady Helena zu Hause?" fragte eine heisere Stimme. „Ja, aber zu solcher Stunde empfängt sie keine Besuche." „Geben Sie ihr daS, und sie wird mich empfangen." Trotz der Verhüllung lag im Wesen und der Stimme deS Fremden etwas Bekanntes. Der Bediente brachte den Brief seiner Herrin. „Weise den Herrn sofort in die Bibliothek", befahl sie, «ich komme." Der Fremde behielt Hut und Mantel an. Das Zimmer war schwach erleuchtet, er blieb im Schatten stehen. Lady Helena erschien bleich auf der Schwelle. „Bist — bist — Du eS?" stammelte sie. Sie nahte langsam und richtete den entsetzten Blick auf das verhüllte Gesicht. „Ja, ich bin'S, bitte, schließe die Thür." Sie entsprach und Sir Victor warf die ihn verhüllenden Kleider ab. 24. Kapitel. Der Tragödie zweites Ende. Trübe und regnerisch graute der Morgen über Powys Place. Edith schritt stundenlang im Zimmer auf und nieder. Das Bild ihres verlassenen, verlorenen Lebens rollte sich auf. Verlassen in der Stunde des Triumphes, gedewü- thigt wie noch nie eine Braut, der Gegenstand des Hohnes, des verächtlichen Mitleids aller Welt. Und was würden Rudolf und Trixy sagen, wenn sie davon hörten? Um Reichthum und Rang hatte sie sich verschachert, und das war das Ende. Sie litt furchtbar, ihre Züge verzerrten sich vor innerer Qual. Als sie aber zum Frühstück hinabging, hätte der schärfste Beobachter nichts davon bemerkt. Was auch kommen mochte, sie schien zu Allem bereit, auf Alles gefaßt. Bleich und zitternd erwartete sie Lady Helena. „Als ich eben aus meinem Zimmer trat", begann Edith nach der ersten Begrüßung, „flüsterten zwei Bediente im Corridor. Als sie mich sahen, schwiegen sie sofort, aus den wenigen Worten aber, die ich vernommen, schließe ich, daß mein Mann gestern hier war." Die Tante ließ klirrend den Löffel fallen. „Ich soll vielleicht das auch nicht wissen?? fuhr die 57S junge Frau fort, „wenn Sie mir'S aber sagen würden, könnte es meine Maßregeln beeinflussen." „Deine Maßregeln?" „Ja; wir wollen später darauf zurückkommen, zunächst fragt es sich nur, ob Ihr Neffe gestern hier war oder nicht?" „Ja." Sie verbarg das Gesicht in ihre Hände. „Helfe mir der Himmel, es ist mehr als ich ertragen kann. Und was soll ich Dir sagen, mein Kind, wie Dir betstehen in dem großen Leid, das Dich betroffen hat?" „Sie sind sehr gütig, ich bedarf keines Beistandes und habe mein Schicksal reichlich verdient. Aus Gewinnsucht heirathete ich Ihren Neffen, ohne einen Funken Liebe, und wer weiß, ob mein Herz sich ihm je zugeneigt hätte. Nun bin ich verlassen und verwittwet am Hochzeitstag." Sie lachte bitter. „Ich will nicht zu viele Fragen stellen, will nicht mit dem Schicksale kämpfen, sondern mich ihm ergeben; das nur möchte ich wissen, warum mich Sir Victor, der mich, so wenig ich eS auch verdiente, liebte, am Hochzeitstage verlassen konnte, wenn er nicht wahnsinnig ist! Und ich bitte Sie, Tante Helena, mir so offen zu antworten, wie Sie es vor Gott thun würden; ist mein Mann irre oder nicht?" Eine Pause folgte. „Gott sei Dir und ihm gnädig", sprach Lady Helena endlich,'„er ist nicht irre." Sie verhüllte ihr Antlitz und weinte. Am Fenster stand Edith regungslos und sah hinaus auf den fallenden Regen, den grauen Himmel, die sturm- aeveitschten Bäume. „Nicht irre? Sind Sie dessen gewiß? Nicht irre, und er hat mich verlassen?" „Er hat Dich verlassen. O Kind, wenn ich nur wagte, Dir alles zu sagen, Dir zu sagen, wie er nur aus großer, edler Liebe Dich verläßt. Hättest Du ihn gesehen, wie ich gestern, zum Schatten geworden in einem Tag, nach dem Tode sich sehnend, als den einzigen Befreier, selbst Du hättest ihn bedauert." „Ich verstehe all' das nicht, und doch bin ich dem Geheimniß, das er in seinem Briefe andeutet, vielleicht Näher, als er und Sie denken." „Was meinst Du?" fragte die Matrone erschrocken. „Daß das Geheimniß, das ihn von Mir treibt, sich auf den Mord seiner Mntter bezieht; soll ich Ihnen sagen, wer den Mord vollbracht?" Die Dame bewegte stumm die Lippen; wie gebannt blickte sie auf Edith. „Nicht Jnez Chatcron, die deshalb im Gefängniß lag; nicht Juan Chateron, auf den sich noch heute der Verdacht heftet — Sir Victor selbst hat kaltblütig sein Weib ermordet." Ein leiser Schrei ertönte; war das Entsetzen über das schreckliche Wort oder über die kühn gesprochene Wahrheit; wer wußte es? „Ich glaube, Sir Victor war ein feiger Mörder", fuhr Edith fort, „so feige, daß er den Verstand verlor, als er sah, was er gethan, und die Folgen ermaß. So bezahlte die Schuld seines Lebens mit Wahnsinn. DaS Motiv freilich vermag ich nicht zu ergründen, vielleicht war es Eifersucht auf Juan Chateron." Bleich und schreckvoll blickte Lady Helena auf die Sprecherin. „Und wenn dem so wäre — bedenke, ich stimme Deinen grauen Ansichten nicht bei — würde daS Deine- Mannes Fortgehen entschuldigen?" „Nein!" rief Edith blitzenden AugeS, „nachdem er mich geheirathet, sollten zehntausend Familiengeheimnisse ihn nicht veranlassen können, sich von mir zu trennen. Wäre er vor der Trauung zu mir gekommen und hätte mir Alles gesagt, wie es seine Pflicht gewesen wäre, so hätte ich ihn von ganzem Herzen bemitleidet, und wenn irgend etwas mich ihm als Gattin näher gebracht hätte, so wäre es dieses Mitleid gewesen. Jetzt aber wenn er käme und auf den Knien um Wiedervereinigung bäte, ich würde lieber sterben." Zürnend schritt sie auf und nieder. „All' das Gerede, daß er mich aus Liebe verlassen, ist barer Unsinn, von dem wir lieber nicht sprechen wollen. Kein Geheimniß auf Erden soll den Mann von seinem Weibe trennen, davon bin ich fest überzeugt." „Und doch hat er recht gehandelt", sprach Tante Helena mit feierlichem Pathos. „Ich begreife es nicht, ich vermag kein Motiv zu ergründen, das auch nur einigermaßen sein Benehmen rechtfertigen könnte. Ich hielt ihn für irrsinnig, Sie sagen, er sei es nicht; ich glaubte, er habe an mir ein schmähliches Unrecht begangen, Sie behaupten, er habe Recht gethan." „Einst wirst Du Alles erfahren, auf dem Todten- bette will er Dir den Schleier lüften, und je eher der Tag kommt, desto besser ist es für ihn. Gestern kam er, um bezüglich Deiner Zukunft mit mir zu sprechen." Seltsames Lächeln überflog Edith's Züge. „Was geht meine Zukunft ihn an?" „Welche Frage l Du bist ehrlich genug, zu gestehen, daß Du ihn ob seines Ranges und Reichthums geheirathet, und in der Hinsicht wenigstens sollst Du nicht getäuscht werden. Der Ehccontract wurde, wie Du weißt, sehr großmüthig festgesetzt, und dazu will er Dir jeden Heller geben, der ihm anfällt. Er beabsichtigt, nach dem Orient zu gehen, und hält sich nur die nöthigen Subststenzmittel vor. Sehen will er Dich nicht mehr, weil er sonst nicht fähig wäre, Dich zu verlassen. Du tadelst ihn, Dtt hassest ihn, aber ach, Du würdest ihn bemitleiden, ihm vergeben, wüßtest Du, wie er leidet, wie schrecklich ihm die Trennung ist und wie sie doch unvermeidlich ist." „Ich weiß eS nicht, jetzt aber fühle ich nur, daß er mich verlassen, und daß ich darob ihn, hasse und ihm nicht vergeben könnte, auch wenn er stürbe. Seine Groß- muth habe ich nie bezweiselt; meinen schnöden Eigennutz habe ich gestanden; aber es gibt Dinge, die eines KöntgS Reichthum nicht ersetzen kann, und hierher rechne ich es, die Braut am Hochzeitstage zu verlassen. Lassen Sie uns jetzt nicht weiter davon sprechen, morgen sollen Sie erfahren, was ich bezüglich meiner Zukunft beschlossen habe." - Sie wandte sich zur Thür. „Ich bedaure Sie vom Grunde meines Herzens und wünsche nur, Sie trösten zu können." „Das kannst Du; bleibe bei mir, sei meine Tochter, ersetze mir den Sohn, den ich verloren." Edith's bleiches Gesicht milderte sich nicht. „Morgen wollen wir das entscheiden", sprach sie. Sie verließ daS Zimmer und kam den ganzen Tag nicht wieder in die Familiengemächer. In ihrem Zimmer packte sie den kleinen Koffer, der, als sie nach New-Iork kam, all' ihre Habe enthalten hatte. Sie packte nur. 580 töäS dävials sie besessen. All' die Naben, Juwelen und kostbaren Geschenke, die sie von ihrem Gatten und dessen Familie erhalten, ließ sie zurück. Sie behielt nicht einmal den Trauring. Als Alles geordnet, schrieb sie an Lady Helena: „Ich gehe, liebe Freundin, um mir selbst einen Weg zu bahnen im Leben. Suchen Sie nicht, mich aufzufinden, denn nichts vermag meinen Entschluß zu ändern. Meine Habe, die ich bet meiner Ankunft hier besessen, befindet sich in dem schwarzen Koffer, den ich Sie bitte nach Verlauf einer Woche auf die Caston Station zu senden. Zwei Bücher von Ihnen nehme ich als Andenken mit, alles Andere lasse ich zurück. Von Sir Victor nehme ich nichts mit, nicht einmal seinen Namen. Sie werden einsehen, daß ich die letzte Spur von Stolz und Selbstachtung verlieren müßte, würde ich seinen Namen führen oder auch nur einen Heller von ihm annehmen. Adieu, liebe, gute Helena! Wenn wir uns im Leben .vicht wiedersehen sollten, so glauben Sie doch, daß in meinem Herzen sich nur Gefühle des Dankes und der Liebe für Sie befinden. Edith.« Mit bebender Hand schloß sie den Brief. Ihr ganzes Vermögen belief sich auf zwölf SovereignS. Damit wollte sie der Zukunft entgegentreten, und die Frage: „was thun?« erhob sich ernst und drohend vor ihr. „Geh' in die Welt und arbeite um's tägliche Brod. Blicke der Armuth, die Du so sehr gefürchtet, daß Du um ihr zu entgehen, Dich verkauft, kühn ins Auge. Geh' nach London, dort mußt Du Arbeit finden." So lautete die Antwort, die eine innere Stimme ihr gab. Sie schrak vor dem Gedanken zurück, arm und allein den Kampf mit dem Leben um das Leben aufzunehmen, sie entschloß sich dennoch. Kein Gedanke, nach Amerika heimzukehren, tauchte auf. Was bot ihr die Heimath? Sie wollte nicht wieder nach Sandhpoint und zu dem verhaßten Einerlei zurückkehren, abgesehen davon, daß sie hierzu nicht einmal die Mittel gehabt hätte. Sie litt furchtbar in der letzten Nacht ihres Aufenthaltes in PowyS Place. , - „Nette mich, Himmel, denn die Wasser der Trübsale strömen mir ins Herz!" lautete ihr wildes, werth- loseö Gebet. Ihr Leben war zerstört, ihr Herz verödet, als Bettlerin mußte sie hinaus in den Kampf ums Dasein. Und sie hätte Liebes Heimath und Rudolf besitzen können! . Gibt es einen «schmerz, der größer ist, als der, den wir selbst über uns bringen? , Sie sank auf die Kniee, bedeckte ihr Gesicht und weinte blutige Thränen. - Verloren! Verloren Alles, was das Leben lebens- werth macht! So verstrich die unglücklichste Nacht ihres Lebens. Fern im Osten erhellten sich die Berge, als Edith leise durch die Seitenthür hinausglitt. ES war rauh und kalt, ein heftiger Wind blies, aber es regnete nicht. Nach einem langen letzten Blick auf Lady Helena's Fenster flüsterten die bleichen Lippen wehmüthig: „Lebewohl! Lebewohl!" und entschlossen eilte die junge Frau den Pfad entlang und war bald aus dem Bereiche des Schlosses entschwunden. (Fortsetzung folgt.) -- » > , , , .>«—- „HerMlatter."*) F. W. Webers letzte Gabe! Er selbst hat diese Sammlung noch vorbereitet, aber ehe sie beendet war, mußte der greise Sänger sich zur letzten Fahrt rüsten. Wie er sich dieses letzte Buch gedacht hat, das hat er in der Widmung noch selbst sagen können: Vergilbtes Laub, farblose Blätter nur: Die karge Spende der Nvvemberflur; Mit blauem Enzian die Herbstzeitlose Und eine kranke, spätcrblühte Rose! Hätt' ich nicht achtlos in den Wind gestreut, Hätt' ich umhegt und wohlgepflegt bis heut', Was mir der Lenz, der lange Sommer gönnte, Welch voller Kranz, den ich euch bieten könnte! Wie Distcldauuen flog'ö in alle Welt; Nun rafft' ich, was ich fand im öden Feld: Ein letzter Strauß, schier eines Bettlers Gabe; Mag denn auch er vcrweh'n auf meinem Grabe. - Also ein poetischer Nachlaß; aber keineswegs ein ärmliches, mühsam aus allen Schubfächern zusammengesuchtes Werk. Die Herausgeberin hat nach dem Tode des Dichters dessen Absicht etwas erweitern zu dürfen geglaubt und eine ganze Anzahl von Dichtungen in die Sammlung aufgenommen, die uns einen kleinen Einblick in den Entwickelungsgang des Dichters gestatten. Als Sechzigjäriger zwar gab er erst fein „Dreizehnlinden" heraus; aber auch schon der junge Student war begeistert für die Schönheiten der deutschen Sprache und hat in manchem formvollendeten Gedicht seine Gedanken und Stimmungen festgehalten, ehe er daran dachte, mit den Ansprüchen eines zeitgenössischen Dichters vor die Welt zu treten. An anderer Stelle ist bereits bemerkt worden, daß man vielleicht besser dies letzte Werk Webers ganz so gelassen hätte, wie er es ursprünglich geplant hatte; zu einer Sammlung früherer Dichtungen hätte sich wohl noch Gelegenheit gefunden. Der Charakter des Buches wäre dadurch einheitlicher geworden, die Stimmung des Dichters wäre auch in einer kleineren Sammlung fühlbar zum Bewußtsein des Lesers gekommen. Dafür bietet man uns jetzt allerdings ein reichhaltigeres Buch, das Ernstes und Heiteres, sinnende Weisheit des reifen Mannes und frohen Jugendmuth des Werdenden, Eigenes und Fremdes vereinigt. Und auch dieses Buch zeigt uns den ganzen Weber, den kindlich-gläubigen katholischen Christen voll Liefen Lebensernstes und voll freudiger Begeisterung für alles Herrliche in der Gottesnatur, für alles Hohe und Ideale, was das-Herz des Christen- menschen bewegt. Es ist derselbe fromme Dichter, der am Ende von Dreizehnlinden als „armer Schreiber" um das Gebet der Leser fleht. An der Schwelle seines neunten Jahrzehntes blickt er zurück auf sein arbeitsreiches Leben mit der bangen Frage: „Nur Traum?", aber auch mit der gläubigen Bitte: „Der dunkle Fährmann winkt in seinen Nachen: — O gebe Gott ein seliges Erwachen!" Auf Weber paßt wohl das Wort vom frommen Sänger, der seine herrliche Kunst bescheidentlich in den Dienst Gottes stellt, dem er Alles dankt und auch die kleine Laute: „Wie arm ihr Spiel auch sei, es war des Klausners Trost manch trübes Jahr." Demüthig sagt er: „Nie möcht' ich mit den Schwänen streiten, Die himmelhoch die Flügel breiten: Horcht doch ein stiller Wand'rer auch » Dem Finkcnschlag in Busch und Strauch. *) Nachgelassene Gedichte von F. W. Weber. Paberborn, Ferdinand Schöningh. 681 Dem Niesenstrome Preis und Ehre. Der Masten trügt und wogt zum Meere: Doch Dank wird auch dem Bach gezollt, Der Wiesen tränkt und Räder rollt." Weil er nie nach dem Effect, nach dem Ruhme deS Tages gehascht hat, darum gerade zeigt sich uns F. W. Weber überall als der wahre, echte Dichter, der alles selbst durchlebt und durchdenkt, der mit der Welt, die ihn umgibt, lebt und fühlt, sich freut und leidet. Nie- wand wird sich wundern, wenn er bei solchen Charakter- Eigenschaften des Dichters auch schon bei dem jungen Studenten und Arzt jenen tiefen Lebensernst findet, der aus allen seinen Werken überzeugungsvoll zu uns spricht. Zu« Christtag 1836, da hat man ihm keinen Christbaum angezündet; er war fern von der Heimath und wehmüthig gestimmt: Und der mein Christbaum werden sollt' Der steht im wilden Hag Und wächst, von Geisterhand gepflegt, Noch manchen lieben Tag. Sein Bruder war'S, der mich als Kind An seinem Schatten barg: Sein Vater war die Wiege mir, Er selber wird — mein Sarg. Doch blieb der „Weltschmerz", der so viele Dichter jener Zeit gepackt hat, dem klaren Auges in's Leben blickenden Weber fern. Ein Christ kennt nicht das thatenlose Hindämmern in der Trauer um das Unvollkommene in dieser Welt; er mag es betrauern, aber er nimmt eS hin als Schickung des allmächtigen, allwetsen Schöpfers. Und für allen Schmerz gibt es eine große Samariterin, .die naht, Stumm, ungeseh'n, wenngleich sie Niemand bat, Die stillste, treu'ste der barmherzigen Schwestern. Ob Allen fremd, doch Allen wohlbekannt. Ist sie von je daheim in jedem Land, In Dorf und Stadt, in Hätt' und Burg. Sie reitet Auf einem Roß, das sacht, doch stetig schreitet. Und trifft sie einen, der geschlagen ward, Sie traust ihm lindernd Oel, berührt ihn zart Mit weicher Hand und haucht und flüstert leise Ihm Trost und Hoffnung zu nach Frauenwcise. Sie nimmt ihn auf und gibt ihm daö Geleit Zur stillen Herbcrg, oft auf dunklem Wege, Daß sein der milde Vater liebreich pflege. Wer ist die Samariterin? — Die Zeit. Aber auch ein Grübler und Kopfhänger ist der Dichter nicht gewesen in seinen jungen Jahren. Auch er hat den Becher der Jugendlust getrunken in vollen Zügen. Daß er sich daran übernommen hätte, davor schützte ihn sein gläubiger Sinn. Wenn der Einundzwanzigjährtge betet: „O leuchte mir, Du cw'ges Licht Durch Deinen heil'gen Namen! Du lieber Gott, verlaß mich nicht, Verlaß mich nimmer. Amen." — um den ist es wohlbestellt, der wird nicht so leicht der Versuchung unterliegen. So konnte auch der Greis ohne Neue „Im Herbst" zurückblicken auf die Tage der Rosen: „Ich ahne schon des Winters Tosen Und gäbe gern, so karg ich bin, Für eine Handvoll Frühlingsrosen Des Herbstes ganzen Reichthum hin." Webers kraftvolle Natur offenbart sich uns namentlich in seinen Liebesliedern. Wenn der junge Arzt in finsterer Sturmnacht seiner Pflicht folgte, denkt er an seine liebe Braut: / „Weit überschwillt die Ufer des Bachs empörte Fluch, Ihm graust nicht, denn er reitet in guter Geister Hut; Er hat in Stromes Mitte an sein FeinSlieb gedacht, Und seine Lieder klingen hinaus in Sturm und Stacht. Das ist die Lust der Eiche, wenn Wetter sie umweh'n. Das ist des Mannes Freude, im heißen Kampf zu steh'», Zu ringen mit dein Leben, wie feindlich es auch droht, Und um das Leben wieder zu ringen mit dem Tod. Du aber, meine Rose, Du mußt in Frieden blüh'n, Dir müssen alle Stürme harmlos vorübcrzich'n. Dir strahl' im milden Glanz: der Acther immerdar Blau, wie Dein frommes Auge, wie Deine Seele klar." Nichts von Weltschmerz, von jener weichlichen Erotik, die alle Liebespoesie dem Gespülte überantwortet hat! Und doch, bei aller Kraft der Empfindung, zart und sinnig! Solcher Natur ist auch der kernige Humor nicht fremd, wie in Herrn „SchnäufleinS Frühlingsfreude". Eine kostbarere Persiflage philiströser Frühlingsempfindung ist bald nicht zu finden: „Frühling! Auf den Emmerwiesen Gch'n in: Kümmel bald die Lämmer, Und die besten Kümmelkäse Macht GcrtrudiS an der Emmer. Blondes Haar und blaue Augen Hast Du, niedliche Therese; Doch Gertrudis, Deine Schwester, Macht die besten Kümmelkäse." Den Schluß des ersten Buches machen zahlreiche formvollendete Uebertragungen englischer, schwedischer, dänischer Dichter, wie denn der Dichter für die nordische Poesie eine große Liebe hegte. Im zweiten Buche treffen wir wieder auf einen reichen Perlenkranz eigener Weber- scher Dichtungen, christliche Lebensweisheit in der unmuthigsten, wechselnden Form. Wir würden der Heraus- geberin vorgreifen, wollten wir eine Auswahl aus diesen Liedern und Sprüchen hierherstellen. Es genüge der Hinweis, daß weitaus das Meiste von dem hier Abgedruckten vollkommen auf der Höhe der Weber'schen Schaffenskraft steht. Und wenn nicht jede Zeile original ist, so nehme man willig des Dichters Rath hin: „Ein gutes Wort, ein wahres Wort, DaS darf man zweimal, dreimal sagen; Ein Samenkorn am rechten Ort Wird Wurzel schlagen und Früchte tragen." Zu den alten germanischen Necken führt uns das dritte Buch zurück mit dem einleitenden Gedicht „Wodan auf den Karpathen" in der Dreizehnlindenstrophe, die der Dichter auch hier gar meisterlich handhabt. Balladenartig, in düster-ernsten Bildern spricht uns „Tristans Tod" an. Eine Perle der Lyrik ist wiederum das Gedicht „Uhlands Tod". Als Uhlands Arzt, der beim Hinscheiden des großen Dichters zugegen gewesen, dessen Haus verließ, hörte er von ferne das bekannte Uhland'sche Lied „vom guten Kameraden" singen. Diese Angabe hat in sinniger Weise der Dichter in sein Lied verflochten; Und ob im Todeskampfe Das deutsche Herz Dir brach: Dein Geist wird uns umschweben, Denn Deine Lieder leben Bis an den jüngsten Tag. Der Mond. der schien so helle. Der aus den Wolken trat, Im Neckar sang cS leise Und fern verklang die Weise: „Mein guter Kamerad". Die wenigen Proben mögen genügen, um dem Leser ein Bild zu geben vom Nachlaß Fr. W. Webers. Niemand wird es bereuen, dieses Buch gekauft zu haben. 582 Er hat darnit einen treuen Freund, einen Genossen mancher still-sinnenden Stunden zu sich in's Haus genommen. Die prächtige Ausstattung macht zudem das Werk zum Schmuck jeder Bibliothek. Möge es an Zahl der Auflagen seinen Vorgängern nicht nachstehen! ---sr-v-se-"- Der gesellschaftliche Gruß. Die Achtung seiner Mitmenschen zu besitzen, ist ein Wunsch, den jedes noch nicht ganz verdorbene Individuum in hohem Grade hegt, und darum ist es erklärlich, daß jeder Mißerfolg in dieser Richtung innerlich schwer verletzen muß. Eine der vornehmlichsten Ausdrucksweisen dieser so sehr erstrebten Achtung ist der Gruß, und es ist deßhalb begreiflich, daß die Menschen bei ihren Begegnungen eine große Aufmerksamkeit darauf zu richten pflegen, ob sie gegrüßt werden und wie dieser Gruß beschaffen ist. Das Versagen eines Grußes, eine nachlässige, verdrossene, kurze Art des Grüßens verstimmt den Gegrüßten in demselben Grade, wie ihm umgekehrt ein ehrerbietiger, artiger, freundlicher Gruß eine angenehme Erregung des Selbstbewußtseins und eine wohlwollende Stimmung gegen den Grüßenden hervorruft. Es ist also dieses Grüßen ein um so härterer Kampf, als er sich täglich erneut und ganz im Stillen ausgefochten zu werden pflegt, und es lohnt wohl die Mühe, diesen täglichen Kampf in seinen Einzelheiten einer kurzer Betrachtung zu unterziehen. — Das Militär, das in praktischen Maßnahmen dem Civil vielfach ein gutes Beispiel gibt, hat auch bezüglich der Art deS GrüßenS seine ganz bestimmten Vorschriften, und Niemand ist bet ihm darüber in Zweifel, wer zu grüßen hat, wen und wie man zu grüßen hat und wie der Gegrüßte danken muß, und wenn sich auch mitunter hochgestellte Militärs erlauben zu können geweint haben, statt die Hand an den Helm zu legen, dieselbe bloß etwas zu erheben und wieder sinken zu lassen, so haben sie doch bald genug erfahren müssen, daß das nicht gut thut. Das Militär ist deßhalb auch in der angenehmen Lage, wenigstens dieses Kapitel nicht in seinem sonst nicht eben dünnleibigen Buch der Aergernisse vorzufinden. Andets ist das beim Civil. Hier ist für Jedermann ein gänzlich freier Spielraum gelassen, Vorschriften gibt es nicht, und gerade deßhalb ist dieses Kapitel in psychologischer Beziehung ein äußerst interessantes. Der Respekt, vielleicht der Egoismus, gebieten selbstverständlich, jeden Vorgesetzten zu grüßen. Ist der Vorgesetzte ein liebenswürdiger, humaner Herr, so fliegen die Kopfbedeckungen fast freiwillig vor ihm herunter, und freundliche, dankbare Mienen sagen ihm, wie gerne man ihm den Tribut der Achtung zollt. Ist er ein harter, stolzer Mann, so wird ihm der Gruß in verschiedener Weiss dargebracht. Der selbstbewußte Untergebene grüßt artig, aber kalt; der devote Streber dagegen reißt seinen Deckel bis auf die Erde herab, verbeugt sich und hält dabei seinen Hut mit flehender Geberde vor sich hin, als wolle er einen Brocken Gnade hineingeworfen haben. Diese Sorte kennt ihre Leute, und sie spielt ein heuchlerisches und deßhalb unverschämtes Spiel, weil sie sich einbildet, den Vorgesetzten glauben zu machen, daß ihr Ersterben und ihre Ehrfurcht der Ausdruck tiefinnigster Ueberzeugung sei, und weil sie hofft, zu ihrem Vortheil den Vorgesetzten zu überlisten. Der unbetheiligte Zuschauer dieses Spiels kaun sich aber leicht ein Urtheil über den Gegrüßten wie den Grüßenden bilden. Viel interessanter ist jedoch das Beobachten des Grüßens der von einander unabhängigen, einander dienstlich oder gesellschaftlich gleich gestellten oder wenigstens nicht untergeordneten Personen. Von großen Städten, in welchen Bekannte sich seltener begegnen, ist dabei abzusehen; höchst amüsant ist dagegen in Städten mittlerer Größe, in denen sich die Leute meist kennen, das Studium der seelischen Vorgänge beim Grüßen, und man sagt gewiß nicht zuviel, wenn man behauptet, daß das Grüßen ein ewiger, stiller Kampf, ein immer sprudelnder Quell des stillen Ingrimms, der Enttäuschung und deS Dranges nach Vergeltung sei. Da kommt ein penfionirter höherer Offizier, ein mißvergnügter Adeliger, das Militär grüßt schon zum Theil gar nicht, zum Theil nur in höchst nachlässiger, geflissentlich gleichgültiger Weise. Er hat ja nichts mehr zu befehlen und hat vielleicht in der Zeit seiner Gewalt die Leute genug geärgert, und nun heimst er die Früchte ein. Und nun vollends das Civil, dem er jetzt zur größeren Hälfte angehört und das er immer so sehr von oben herab angesehen hat. Selten lüftet ein Civilist den Hut vor ihm, der vielleicht in einer Gesellschaft mit ihm in Berührung gekommen ist; auf anfangs artige Grüße hat er vielleicht, um sein früheres erborgtes Ansehen zu wahren, recht herablassend gedankt. Der Mann vom Civil sieht aber diesen Grund nicht ein, er hat sich damals über den nachlässigen Gegen- gruß geärgert, und das nächste Mal, gerade als der Pen- sionär recht artig grüßt, grüßt der Civilist recht nachlässig, und mit stillem Ingrimm denkt der Pensionirte nun seinerseits: „Na warte, das nächste Mal." — Da begegnen sich zwei ganz gleichgestellte Beamte. Jeder erwartet den ersten Gruß, beide fahren mit den Händen ein wenig in die Höhe „hutwärtS", jeder erwartet den Augenblick, daß der andere den Hut zuerst erfaßt haben wird, und sucht ihn dazu zu verlocken, um dann recht, liebenswürdig zu danken, allein der Moment kommt nicht,' — langsam sinken die Hände herab, kalt gehen die Herren an einander vorbei, und jeder sagt innerlich: „Aufgeblasener Kerll" — Der Herr Finanzmann, der täglich in großen Geldsummen wühlt, die freilich meistens anderen Leuten gehören, ist nach und nach zu der Ueberzeugung gekommen, daß er denn doch ein sehr wichtiges Individuum ist, und grüßt Niemand mehr zuerst. Jeder Gang über die Straße ist infolge davon ein Spießruthen- laufen für seinen verletzten Stolz, denn, ach! auch ihn grüßt Niemand mehr und Jeder, der das nicht thut, ist in seinen Augen ein unverschämter Mensch, und es ist doch recht hart, unter solchen sein ganzes Leben zubringen zu müssen. Anders macht es der strebsame Herr Inspektor. Vor jedem männlichen und weiblichen Wesen reißt er seinen Hut herab, als wolle er einen Groschen erbitten und innerlich denkt er dabei: „Die loben Dich alle, so wirst Du Carriöre machen." Allein auch er macht trübe Erfahrungen. Am schlimmsten ist der Herr Volksvertreter daran; er hat ja so unendlich viele Freunde; jeden muß er möglichst zuerst grüßen. Auch der größte Lump hat ihm seine Stimme gegeben und will dafür honorirt sein: ein versagter Erstgruß und eine Stimme ist für die nächste Wahl unwiederbringlich verloren. Armer, geehrter, geplagter Mann! Du mußt es Dir sauer werden lassen! Eine eigenthümliche Welt! Närrische Leute überall! Ueberall Ansprüche, Dünkel, Enttäuschung, Aerger, Rachedurst, Schmerzen, die um so grimmiger packen, als sie ganz im Stillen verbissen werden müssen. Welch' klein- liche, erbärmliche Naturen, die sich nicht zu dem Gefühl gesellschaftlicher Freiheit und dem internationalen humanen Grundsatz bekennen können: „Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt!" oder zu der philosophischen Höhe: „Wer meinen Gruß nicht erwidert, oder wer mich nicht grüßt, der — läßt es eben bleiben, meine Hutrasse kann nur dabei gewinnen." Aber nun noch für einen Augenblick zu dem schönen Geschlecht. Im Allgemeinen werden die Damen anerkennen Müssen, daß von Seiten des stärkeren Geschlechts ihnen ein nicht geringes Quantum von Ehrerbietung entgegengebracht wird. Viele weibliche Personen aber werden dadurch verwöhnt, und während ein Theil von ihnen in unmuthig freundlicher Weise den Gruß des Herrn erwidert, muß man auch häufig genug wahrnehmen, daß der Gegengruß einer großen Anzahl dann in einer Weise erfolgt, die zur Vermuthung Anlaß gibt, man habe die Schöne eben erst aus's Tiefste beleidigt, während man doch beabsichtigt hatte, ihr etwas Angenehmes zu erzeigen. Besonders viele junge Damen haben eine Art, selbst älteren Herren, die nicht die mindeste Verpflichtung ßabeu, sie zu grüßen, in einer so hochmüthigen, schnippischen Art zu danken, daß sie erst nach und nach durch Versagen des Grußes zur Einsicht gebracht werden müssen. Wie artig wird dann solch ein Backfischchen, doch auch welchen Aerger hat es hinuntergeschluckt, bis es zur Einsicht gekommen ist, daß, wenn man nichts weiter ist als das Töchterchen eines einflußreichen Papa'L, man doch besser thut, sein Naschen etwas weniger hoch zu tragen. — So spinnt sich alltäglich der stille, aber trotzdem heftig brennende Kampf weiter, und er wird fortdauern, so lange in Folge einer verkehrten Erziehung Ueberhebung, Hochmuth und zu großes Selbstbewußtsein im Menschenherzen wohnen. --- Verlorene Liebesmüh.' Herr Versicherungsagent Jfidor Schnapper geht fleißig auf die „Candidaten"- Suche aus. Unter anderm macht er einem ihm nur per Adreßbuch bekannten Herrn Müller einen „Acquisittons"» Besuch, trifft aber nur die Frau vom Hause an. Zwischen dieser und Herrn Schnapper entspann sich folgender Dialog: Schnapper: „Verzeihung, Herr Müller wohl zu sprechen?" — Frau Müller: „Mein Mann? bedauere sehr —— Schnapper: „O bitte, das macht vorläufig nichts, ziehe sogar vor, zuerst mit der Dame vom Hause eine kleine Rücksprache zu nehmen, sie in meinen menschenfreundlichen Bestrebungen zur — xuräon — Verbündeten zu machen. Habe die Ehre, ZWen mich als Vertreter der Neuen Neust-Greiz-Schleiz-Gera-Lobenstein'schen Allgemeinen Lebens- und Beamten-VerstcherungS-Gesellschaft auf Gegenseitigkeit vorzustellen." — Frau Müller: „Ah ..." — Schnapper: „Ja, und Sie zu bitten, mit mir vereint auf Ihren geehrten Herrn Gemahl einzuwirken, daß er baldmöglichst unserer höchst segensreich wirkenden Gesellschaft beitritt. Unsere Prospecte" — — (führt die Rechte Zur Brusttaschej. — Frau Müller: „Ich danke sehr, mein Herr, mein lieber Mann . . ." — Schnapper: „Ihr Herr Gemahl ist Spediteur, führt also ein ziemlich unruhiges, arbeitsvolles Leben — — Frau Müller: „Sie irren, mein Mann hat . . ." — Schnapper: „Ruhe? Das ist's eben, Ruhe, Ruhe! Stillsitzen, dickes Mut. Schlagfluß!-Herr Müller neigt natürlich zur Fettleibigkeit?" — Frau Müller: „Das war allerdings früher der Fall, aber jetzt . . — Schnapper: „Wieder Abnahme? Ein böses, sehr böses Zeichen, unregelmäßige Ernährung, Verdauungsstörungen ..." — Frau Müller: „Bitte sehr, davon ist ja keine Rede ..." — Schnapper: „Verzeihung, wenn das nicht der Fall, um so besser, ein regelmäßig lebender, solider Mann ist unsern humanitären Bestrebungen am leichtesten zugänglich. Sie, Vereinteste, haben ohne Zweifel auch großen Einfluß auf ihn?" — Frau Müller: „Einfluß? Leider ..." — Schnapper: „Ei, das wäre? Also ist Ihr Gemahl zum Widerspruch geneigt?" — Frau Müller: „O, nicht im Geringsten . . ." — Schnapper (eifrig): „Dann ist er unser! Helfen Sie mir, gnädige Frau: bedenken Sie, es gilt das eigentlichste Interesse Ihrer sowohl, als Ihrer Kinder ..." — Frau Müller: „Ach, wie gerne sähe ich, wenn mein lieber Fritz ..." — Schnapper (in Extase): „sich versichern wollte? Nun, was für ein Aber gicbts denn noch, wenn Sie für die Sache gewonnen sind? Was die Frauen wollen, will auch Gott!" — Frau Müller: „Ach wie schön Sie reden können, bester Herr. Aber es ist ja unmöglich, rein unmöglich, denn ..." — Schnapper (überschnappend vor Erregung): „Denn? denn? . . ." — Frau Müller: „Denn mein lieber Mann ist leider vor drei Monaten gestorben!" * StarhembergS Unerschrockenheit war so groß, daß man von ihm sagte: „Er würde, wenn der Himmel einfiele, die Farbe nicht ändern." Einst ließ Prinz Eugen von Savohen bei einer Tafel im Lager hinter dem Sitze StarhembergS unerwartet, als des Kaisers Gesundheit ausgebracht wurde, einige Böller losbrennen und in demselben Augenblicke, als das Zelt rückwärts zusammenstürzte, von allen Seiten die Feld- musik erschallen. Allein Starhemberg trank, ohne sich nur umzusehen, das Glas langsam aus und lächelte kaum. ^ * " ThenreS Andenken. Frau A.: „In dem Medaillon haben Sie wohl ein theures Andenken?" — Frau B.: „Ja, da ist eine Locke von meinem Mann drinn." — Frau A.: „Na, Ihr Mann lebt aber doch noch?" — Frau B.: „Ja, aber seine Haare leben nicht mehr." --- Maria KeömL?) Septembermorgen bricht heran, Die ersten, weißen Nebel zieh'n, Doch trägt die Linde noch ihr Blatt, Im hellen, sommerfrischen Grün. Dicht noch umspielt ihr zitternd Laub Das Kleinod an dem Stamm, dem grauen, Waldvöglein flattern im Gezweig, Und klug zum frommen Bild sie schauen. * Heut' ist der frohe Tag, An dem uns ward gesendet Die Jungfrau sündenfrei Durch die das Leid gewendet. *) Aus „Maricn-Leben" von Sophie von Künsberg. Und noch im wirren Kampf Die Erde bang sich mühte, Da sank hernieder leis Die erste Himmelsblüthe. So hold, so engelrein, Born Gnadenstrahl umgeben, Die einst als süße Frucht Uns sollt' den Heiland geben. Sie, deren hoher Sinn Sich auf zum Höchsten wandte, Und deren junges Herz Von Gottesminne brannte. Die schon als zartes Kind Sich ganz dem Herrn gegeben. Und ihre Demuth wahrt Durch's ganze Erdenleben. O jubelt laut und danket, Daß eine Jungfrau lebt, Die Gott aus Allen jetzt Zu seiner Braut erhebt, Die auf die kranke Welt Den Heiland niederzieht^ Und aus der wunderbar Der Retter aufgeblüht. Maria Mimen.*) Es rauschen froh die Zweige Im lauen Winde, so sacht, Als wär' gar holde Kunde Dem alten Baume gebracht. AIS klang' ein trauter Name Im wald'gen Grunde fort, Thaufrische Blumenkinder Die flüstern duftend das Wort. Und was der späte Sommer An Blüthen noch freundlich bringt, In farbenreichen Ranken Den Stamm der Linde umschlingt. « In tiefer Stille harrt die Schöpfung andachtsvoll Auf jenes süße Wort, das heut' erklingen soll. Die heil'gen Chöre all', sie lauschen auf den Laut, Der grüßt die Gottesmutter und die Himmelsbraut. Es jubelten die Höh'n, die Hölle bebend stand, Als dieses Kindes Name ward genannt: Maria. Uns Allen aber ward ein mächtig Wort gegeben, Das Sturm besiegen lehrt, das Wunden heilt im Leben. Ein Himmclsschlüssel ist's, wenn gläubig wir ihn kennen, Wenn wir als Mittlerin sie voll Vertrauen nennen: Maria! *) AuS „Maricu-Lcben" von SoblNe von 6i"nSberg. ^aobäruok verboten.) LxLrüLoks Lespielt am 12. Lugust 1398 von Herrn Ingenieur lticbarcl Uns vorn 8cbachclub Lugsburg in Simpsons Divan 2 U Dondou gegen äsn englischen Altmeister dir. Lircl. dc IVeiss: Dur (Lugsburg). 8cbwarr: vii-d (Dondon). 8: IV e i s s: Dur (Lugsburg). Sebwarr: vird (Dondon). i e2—«4 e7-e5 t9 D. e3—d4 D. X 2 8. gl—f3 8. b8—c6 20 I.dlxD.d4 L. d8—e7 S D. kl-b5 d7—d6 21 1'. ei—eis D. fö—e6 4 d2—d4 D. c8—d7 22 f2-f4 §7—g6 5 D. b5x8.c6 D. d7XD.c6 23 §2—g4 °7-k6 6 d4Xe5 d6Xo5 24 g4—g5f Iv. f6-f5 t 7 D.d1Xv.d8 V. a8XD.d8 25 L. §1—?2 H7—H6 3 8. k3xe5 D. c6Xe4 26 H2—b4 bOXgö 9 0-0*) D. c4Xc2 27 k4Xg5 r. b8-c8 10 8. bl—c3 D. k8—bt 28 L. §2-g3 r. c8-c5 11 8. c3-b5 c7—c6 29 r. el—e3 r. c5—d5 12 8. böXa? 8. g8—f6 30 r. d4X3l.d5 D. o6xr.d5 13 8. a7Xe6 b?X8.c6 31 a2—a4 D. dö—o4 11 8. e5Xe6 D. b4—e7 32 a4—a5 ! 8. d7—c5 15 8. c6XV.d8 L. c8X3-d8 33 b2—b4 8. c5-d3 16 D. ei—e3 8. f6—d7 34 r. elXD ! L. f5XV.e4 17 1'. al-cl D. c2—f5 35 a5—a6 18 I. fl-dl D. e7-f6 *) Heine Itocbade. Anmerkung. Line lehrreiche und von IVeiss vorzüglich äirigirte Vartis! — lüs durchschaute schon gleich Ln- kangs die „wohlmeinenden" Lbsicbten von Lchwarr, vereitelte solche lcure entschlossen clurclr energisch forcirten Lbtausclr und verschallte sich damit sofort äie günstige Position, sowie die Offensive. Durch späteren nochmaligen „Annäherungsversuch" des Lügners liess sich tVeiss nicht im Leringsten irre machen, sondern erwiderte darauf prompt nach Lebülir, behauptete seinen Vortheil konsequent auch im weiteren Verlaute der Dartio und führte letztere dann unter wohldurchdachten Opksrkomhinationen auf elegante IVeiss rum Löwinn. Schwärn sog nach dem 35. 2ugo noch rechtzeitig die Kapitulation einem unausbleiblichen „mat" vor!- Caspar Dokmann. Lebwarr. Ltellung nach dem 30- 2ugs. -SLWLS-- M 78. Ireitag, den 18. September 1896. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.BerlePsch. < Fortsetzung.) 3. Kapitel. Wie sie sich trafen. Miß Stuart begab sich zurück ins Arbeitszimmer, in dem sich über ein Dutzend junger Mädchen befanden. Diese bemerkten nicht, daß sie bleicher war als gewöhn» lich; auch ihr Schweigen fiel nicht auf, sie waren daran gewöhnt. Edith hielt alle in würdevoller Entfernung und war zudem bei Madame Mirabeau und der Vorarbei- terin beliebt. Folgerichtig konnten die Gefährtinnen sie nicht leiden, ihnen war ihr schweigsames, abgeschlossenes Wesen zuwider. Eine Atmosphäre des Geheimnisses umgab sie. In all' dem Gewühle war sie wie ein Fels im Meer. Aeußerlich hatten die zehn Monate sie wenig, innerlich war sie sehr und schwerlich zum Besten geändert. Lang und bitter hatte sie gekümpft, bis sie den sicheren Hafen gefunden. Monatelang trieb sie ohne Steuer und Compaß, ohne Lotsen umher auf dem men- schenumwogten London. FreundloS und allein war sie gekommen mit wenig Geld und Kenntniß des Stadtlebens. Eine Wohnung fand sie leicht und suchte nun Stellung als Erzieherin und Gesellschafterin. Dutzende wurden in den Zeitungen verlangt, sie aber hatte keine Referenzen, und alle Thüren schlössen sich vor ihr. Jung, hübsch, ohne Empfehlungen, Geld oder Freunde, wie sollte es ihr gehen? Die geringe Baarschaft war bald verausgabt, sie versetzte ihre Juwelen und Kleider. Bleich, hohläugig wurde sie in der schrecklichen Zeit, schwarze Verzweiflung erfaßte ihr Gemüth. Sollte sie dienen oder verhungern? Selbst als Zofe bedurfte sie Zeugnisse. In solch' dunklen Stunden las sie Madame Mirabeau's Gesuch um Arbeiterinnen und wandte sich an sie. Geschickte Mädchen brauchte diese; sie wurde angenommen. Wochenlang hielt man sie in strenger Aufsicht, dann war man überzeugt, daß sie keine Absicht hege auf die kostbaren Stoffe und werthvollen Spitzen der aristokratischen Kundschaft, daß sie wirklich Arbeit wolle und vollbrachte. Sie erwies sich so anstellig, geschickt und geschmackvoll, daß Madame Mirabeau sich schmeichelte, einen Schatz gefunden zu haben. Im Laden zu bedienen, weigerte sie sich entschieden. „Ich habe Gründe, mich geheim zu halten", sagte sie offen, „im Laden dürfte ich erkannt werden, und dann müßte ich Sie sofort verlassen." Madame Mirabeau wollte ihre beste Arbeiterin nicht verlieren und gab nach. Die sentimentale Französin dachte, Miß Stuart sei von Rang und verberge sich unglücklicher Liebe wegen vor ihrer Familie. Da aber eine hoffnungslose Leidenschaft dem Kleidermachen nicht im Wege stand, behielt sie das Mädchen, und Edith war nach unsagbar viel Schmerz, Angst und Sorge gelandet. Nun floß ihr Leben öde, sanft und ereignißlos dahin. Den ganzen Tag in der Arbeit, Abends im Sommer gelegentlich einen kurzen Spaziergang, dann begab sie sich, müde an Geist und Körper, sofort zur Ruhe. So war ihr äußeres Leben. Was soll ich von ihrem inneren sagen? Sie selbst konnte keinen Aufschluß geben. Wir bekommen irgendwo Kraft, das Unglück zu ertragen und zu leben. An den Gatten dachte sie nur mit Haß, sie verabscheute ihn. Das Paket- chen Briefe von Rudolf war ihre einzige Freude; sie las sie hundert Mal und betrachtete das Bild, bis das lächelnde Auge, die geliebten Züge überall vor ihrer Seele schwebten. Die Türkisbroche trug sie immer und küßte sie Morgens und Abends. All' das war unrecht, der Begriff aber war ihrem Geiste nicht klar, sie wußte nur, daß sie Rudolf liebte. Wie oft dachte sie an das, was hätte sein können. Rudolf arm, aber sie sein eigen, ihm vermählt, er arbeitete für sie, sie that das Ihre, um ihr Loos behaglich zu machen und ihn glücklich. Solchen Bildern hing sie nach, bis sie zur Qual wurden, und immer wieder erklangen in ihrem Herzen die Worte: „Was immer Dir das Leben bringe, mich darfst Du nicht tadeln." Die Zeit hat ihr Einsamkeit, Armuth und Verzweiflung gebracht — durch ihre Schuld; das war der bitterste Gedanke. Sie hatte die Armuth gefürchtet und deshalb sich und ihr Herz verkauft, und nun hatte ungeahnte Armuth sie befallen. Wäre sie wahr gewesen gegen sich selbst, wie glücklich wäre sie geworden? Znm Glück war sie meist zu müde, um zu denken. Bis zu Jnez' Besuch hatte sich in ihrem gleichförmigen Dasein nichts ereignet. Nun war ihr Herz voll bitteren Tumultes; alles Sanfte, Vergebende ihres Wesens schien erstürben, ihr Mann hatte sie schmählich beleidigt, was lag daran, wenn er starb? Dann war sie frei! An dem Abend wurden die Arbeiterinnen länger als gewöhnlich zurückgehalten, und als endlich die Feierstunde schlug, regnete und dunkelte es. Miß Stuart beachtete es nicht, daß eine verhüllte 594 Gestalt sie erwartete und ihr folgte. Nasch eilte sie dahin und gelangte an eine Stelle, wo sie über die Straße wußte. Wagen und Omnibusse fuhren zahllos vorüber, sie wartete mehrere Minuten, aber keine Unterbrechung machte sich fühlbar. Ungeduldig versuchte sie, die gefährliche Passage zu überschreiten. Es war naß und schlüpferig. Die Kutscher gaben Warnungsrufe. Sie verlor die Geistesgegenwart und streckte die Arme aus, wie um den Wagen abzuhalten. Plötzlich fühlte sie sich erfaßt und hinübergetragen. Am entgegengesetzten Randstein aber traf eine Wagencichse ihren Retter und schleuderte ihn zu Boden. Edith stand unverletzt auf dem Trottoir. Die Menge sammelte sich sofort um den Unglücklichen. Man trug ihn in die nächste Apotheke. Wie betäubt folgte Edith. Ihretwegen hatte der Fremde den Unfall erlitten. Sein Gesicht wurde von Blut und Schmutz gereinigt und — war sie noch betäubt, oder war es Sir Victors Antlitz, blutlos und leichenhaft? Sie stützte sich auf den nahen Tisch. Alles schien sich mit ihr zu drehen. Hatte er bet ihrer Rettung sich den Tod geholt? „Kennt ihn Jemand?" fragte der Apotheker. Niemand antwortete. Der anwesende Polizist schaute scharf auf Edith, deren Züge zu deutlich verriethen, daß sie wußte, wer er war. „Sie kennen ihn, Fräulein, nicht wahr, indem er Sie rettete, geschah ihm der Unfall; wer ist er?" „Sir Victor Chateron." „Dacht' mir's, daß er ein vornehmer Kauz sei. Wissen Sie wo er wohnt?" „Nein", sagte sie mechanisch, „vielleicht trägt er Karten oder Papiere bei sich. Sie glauben doch nicht, daß er todt ist?" Eine Stunde früher hätte sie vielleicht seinen Tod gewünscht, jetzt schien es ihr schrecklich. „Nein, Fräulein, todt ist er noch nicht, obgleich er darnach aussieht. Hier ist seine Visttenkartentasche. „Sir Victor Chateron, Baronet, Fentons Hotel", holen wir einen Wagen und lassen wir ihn heimbringen. Jemand aber muß ihn begleiten; ich kann nicht, hoffentlich können Sie, Fräulein?" „Ist es nöthig?" fragte Edith wiederstrebend. „Versteht sich", entgegnete der Polizist, „der arme Mensch sieht sonderbar aus, und wenn er unterwegs stürbe —" „Ich werde mitgehen", sprach Edith entschlossen. Der Wagen wurde geholt und der bewußtlose Baron hineingetragen. Edith nahm schweigend neben ihm Platz; was konnte sie thun? Es war schließlich mir eine Forderung der Menschlichkeit. „Fürchten Sie sich nicht", tröstete der Apotheker, „er ist nicht todt und wird wahrscheinlich bald wieder zu sich kommen." — Der Wagen rasselte fort. 4. Kapitel. Wie sie sich trennten. Entsetzt dachte Edith später an die Fahrt. Soviel als möglich wandte sie den Blick ab von den starren, bleichen Zügen, und doch zog es sie unwillkürlich immer wieder hin. So hatte Miß Chateron wahr gesprochen: der Tod stand auf seinem Gesicht. Wie, wenn doch ein Geheimniß vorlag, mächtig genug, um sein Vergehen zu rechtfertigen? Warum aber hatte er ihr dann keinen Aufschluß gegeben? ^ Sie erreichte.! das Hotel; Jamison erschrak VÄ dem Aussehen seines Gebieters und dem Anblick seiner Gemahlin. „Mylady l" stammelte er, als habe er ein Gespenst gesehen. „Ihr Gebieter hatte einen Unfall, bringen Sie ihn zur Ruhe und senden Sie nach einem Arzt. Sollte Lady Helena in der Stadt sein —" „Sie ist hier, Mylady, wollen Sie nicht gefälligst eintreten und warten, bis sie kommt." Edith überlegte einen Moment. Jemand mußte zur Erklärung da sein; sie konnte nicht fort, ohne zu wissen, ob er sich in ihrem Dienste tödtlich verletzt habe. „Ich werde bleiben; senden Sie sofort zu ihr." Sie folgte ihm in ein elegantes Gemach. Welch' seltsames Abenteuert Wie oft hatte sie die Freiheit ersehnt, jetzt schien sie ihr nahe und sie erbebte bei dem Gedanken. „Mir wird wie einer Mörderin zu Muthe sein, wenn er stirbt", dachte sie. Langsam verstrich die Zeit; eS war weit nach St. Johns Wood, und Edith schlummerte endlich ermüdet ein. Plötzlich erwachte sie mit dem Bewußtsein, daß Jemand bei ihr sei. Lady Helena betrachtete sie mit thränenvollen Augen. „Edith l" „Ich glaube, ich bin eingeschlafen", sprach sie verlegen; „aber ich war so müde und Alles um mich so ruhig. Wie geht es ihm?" „Besser; er schläft. Der Arzt gab ihm ein Opiat. ES war lieb von Dir, daß Du kamst." „Es war nur eine Pflicht der Menschlichkeit", entgegnete Edith und erzählte kurz den Vorfall. „Armer Junge!" rief Lady Helena mit schwerem Herzen, „gern stürbe er, Dir einen Moment des Schmerzes zu ersparen, und mußte Dir doch das größte Leid thun. Du kannst es nicht verstehen; wenn Du aber einst Alles erfährst, wirst Du ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. O, daß Du Jnez' Anerbieten angenommen hättest, er trüge dann leichter die Trennung. So aber tödtet es ihn, und Worte künden nicht, was er seit jenem ver- hängnißvollen Hochzeitstag gelitten. Sein Herz brach, als er Dich verließ. Aber auch Du littest, liebes Kind." „Sprechen wir nicht davon, Lady Helena, was ge< schehen ist, ist geschehen, und die schlimmste Zeit ist für mich überstanden. Ich bin froh, daß Sir Victor, indem er mich rettete, keine ernstliche Verletzung sich zuzog, und hoffe, daß er sich bald erhole. Jetzt aber ist es spät geworden und höchste Zeit, daß ich heimgehe." „Heimgehen, um diese Zeit? Gewiß nicht. Du mußt die Nacht über hier bleiben, ich habe bereits Befehl gegeben, daß ein Zimmer für Dich bereit gehalten wird." Edith gab nach und wurde alsbald in das betreffende Gemach geleitet. So sollte sie die Nacht unter einem Dache mit Sir Victor zubringen. Wie zornig hätte sie vorher den Gedanken zurückgewiesen! Früh am folgenden Morgen pochte Jnez an Ediths Thür. „Lady Helena wartet mit dem Frühstück auf Sie, bitte, kommen Sie bald." „Wie geht's Sir Victor?" „Besser; er weiß nun, daß Sie im Hause sind und bittet, Sie einen Moment sehen zu dürfen. Haben Sie Mitleid mit dem Sterbenden und begeben Sie sich Zu ihm." Edith entfärbte sich. „Daraus kann nichts Gutes entspringe», wenn er es aber sehr wünscht, will ich zu ihm gehen, verlasse ihn aber sofort, falls er eine Wiedervereinigung erstreben sollte." „Er wird es nicht thun, er weiß wie hartnäckig Sie sind. Nur eine letzte Bitte will er an Sie richten." Sie gingen hinab. Edith aß wenig; trotz ihres Stolzes, ihrer Selbstbeherrschung bangte sie vor dem Zusammentreffen. Endlich erhob sie sich bleich und ernst. Jnez führte sie an die Thür des Krankenzimmers und klopfte. Ediths Herz pochte laut. „Sagen Sie Sir Victor, Jamison, daß LadyCha- teton ihn zu sehen wünsche." Der Bediente verschwand. „Sir Victor bittet Mylady, sofort einzutreten." Edith trat ein und stand vor ihrem Gatten. Das Gemach war nur halb erleuchtet, dennoch bemerkte sie seine blutlose Blässe. """ „Sie wünschen mich zu sehen, Sir Victor?" Kalt und förmlich sprach sie die Worte. „Edith!" Das Wort entrann sich voll Liebe und Angst seinem Herzen, selbst ihr gegen alles Mitleid gewappnetes Wesen erzitterte. „Ich bedaure, Sie krank zu sehen und —" Sie stockte, selbst ihr schienen die Gemeinplätze unerträglich. „Edith!" wiederholte er in namenloser Verzweiflung, „vergib, habe Mitleid! Du hassest mich, und ich verdiene es, aber selbst Du ließest Dich erweichen, wüßtest Du Alles." Ein Stein hätte sich dieser Stimme voll Herzensangst erbarmt. „Ich bedaure Sie, Sir Victor", sagte Edith sanft, „aber vergeben kann ich Ihnen nicht; ich wurde behandelt wie nie ein Mädchen vor mir, und ich kann es niemals vergessen." Er bedeckte das Gesicht mit den Händen, und sie hörte ihn schluchzen im stummen Elend. „Es wäre besser gewesen, ich wäre nicht gekommen", fuhr sie weich fort, „Sie sind krank, und die Aufregung wird Ihnen schaden." „Ich bat Dich, zu kommen, auf baß Du wir versprächest, zu erscheinen, wenn ich auf dem Todtenbette nach Dir sende", sprach er traurig, „bevor ich sterbe, muß ich Dir das schreckliche Geheimniß sagen, das mein Dasein vernichtet, das im Leben zu enthüllen ich nicht den Muth fand. Wenn Du Alles weißt, wirst Du mir vergeben, Edith; o versprich, daß Du kommen wirst, wenn ich Dich rufe!" „Ich verspreche, zu kommen und anzuhören, was Sie mir sagen werden, nun leben Sie wohl, Sir Victor." Sie wandte sich, ohne eine Antwort abzuwarten. Als sie die Thüre öffnete, rief er klagend: „O, bleib' bei mir, Edith, meine Geliebte, mein Weib l« Sie eilte fort. So hatten sie sich getroffen und getrennt, nur der Tod sollte sie wieder vereinigen. Sie trat hinaus in den glänzenden Morgen, das Herz voll unwillkürlichen Mitleids mit dem Manne, den sie soeben verlassen. 6. Kapitel. Des Geheimnisses Enthüllung. Edith begab sich in das Arbeitszimmer in der Oxfordstraße, zurück zu dem alten Einerlei, und eine seltsame Ruhe kam über sie. Ihr war es, als seien die Ereignisse der verflossenen Nacht ein böser Traum gewesen. Immer wieder schwebte sein bleiches Antlitz ihr vor, tönte sein verzweifelter Aufschrei ihr im Ohr. All' ihr Haß, ihre Rachegedanken waren verschwunden! Sie verstand die Sachlage nicht mehr als früher, aber sie bedauerte ihn von Herzensgrund. Man störte sie weder durch Briefe, noch Besuche. Nur bemerkte sie im Laufe der Zeit, daß jeden Abend eine Gestalt ihr folgte. Sie wußte, wer es war, und gewöhnte sich daran. Sie verstand sein Motiv, wußte, daß er kam, sie zu schützen vor jedweder Gefahr. Er glaubte sich unbemerkt, und nur zwei Mal sah sie vorübergehend sein Gesicht. Wie todtenähnlich es war! „Armer Mensch", dachte Edith, und ihr Herz wurde weich, „wie treu er ist und wie er mich liebt." Die Tage vergingen und es war Mitte September geworden. Nie fehlte ihr Schatten auf seinem Posten. Wie man sich an Alles gewöhnt, so gewöhnte sie sich so sehr an ihn, daß sie nach ihm aussah. Endlich fehlte er. Abend um Abend verstrich, und sie kehrte allein nach Hause. Etwas war vorgefallen. Die ganze Zeit über war es sein erster Gedanke beim Erwachen, seine einzige Freude gewesen, daß er Abends seiner Frau folgen und ihre Gestalt sehen dürfte, vor ihrem Hause zu wachen, die erleuchteten Fenster zu beobachten und endlich, als es kälter wurde, heimzukehren und sich auf das nächste Wiedersehen zu freuen. Bei jeder Witterung war er gegangen und oft durchnäßt und erkältet heimgekehrt. Schlaflose, fieberische Nächte und körperliche und geistige Niedergeschlagenheit waren die Folge. Doch so lange er stehen konnte, erschien er auf seinem Posten. Endlich aber forderte die Natur gebieterisch ihre Rechte; es kam der Morgen, wo Sir Victor nicht mehr aufstehen und ein fester Wille den schwachen Körper nicht mehr beherrschen konnte. Voll Angst holte der treue Diener Lady Helena, die sofort nach dem berühmten deutschen Arzt, den sie längst zu konsultiren gewünscht hatte, sandte. Dieser hatte mit dem Kranken allein eine lange Unterredung, und als er endlich ihn verließ, trugen seine Züge den Ausdruck von Schmerz und Mitleid. Sir Victor sandte nach seiner Tante. Er lag auf einem Divan neben dem Fenster; die Abendröthe strahlte verklärend auf sein Gesicht. Träumerisch blickte sein Auge auf die sinkende Sonne, schwaches Lächeln umspielte seine Lippen. Es war ein seltsames Bild, das der Tante Herz erstarren ließ. „Was wünschest Du?" fragte sie leise. „Hast Du von zum Tode Verurtheilten gehört, Tante, die in letzter Stunde begnadigt worden? Ich glaube, mir ist jetzt so zu Muthe. Meine Befreiung naht." „Sagte Doctor Weither, daß Du Dich erholen würdest, Victor?" „Er sagte, ich leide an Atrophie des Herzens und würde keine drei Wochen mehr leben." Sie waren in Chateron Royals; auf seinen Wunsch hatte man ihn dorthin gebracht, so lange es noch ging. Noch immer war das Schloß herrlich geschmückt für die Braut, die nie gekommen war. '' Der September nahte seinem Ende. Seit des ArM 896 Besuch hatte es sich schnell verschlimmert und eine Lähmung der unteren Extremitäten stellte sich ein. Am letzten September erschien Doctor Weither zum letzten Male. „Ich kann nichts thun", sagte er zu Lady Helena, „menschliche Hilfe ist hier machtlos, Sir Victor überlebt diese Woche nicht." Der Baron hatte die Worte gehört und heftete mit jener, Sterbenden oft eigenen Heiterkeit den Blick auf den Arzt. „Sind Sie dessen gewiß, Doctor?" Ja, Sir Victor, ich sage meinen Patienten immer die Wahrheit." Lächelnd wandte er sich zur Tante. „Endlich, endlich darf Edith zu mir kommen und ich ihr Alles sagen. Danke Gott dafür und lasse sie sofort holen." Mit dem Nachtzug fuhr Jnez Chateron nach London und als Madame Mirabeau's Arbeiterinnen kamen, wartete sie auf Miß Stuart, die alsbald mit ihr das Geschäft verließ, um nicht wiederzukehren. Es war der zweite Oktober, der Jahrestag des Hoch- zeitsvorabendes. Und so kam die Braut endlich heim. Welch' schreckliches Jahr war es für sie gewesen, wie ein böser Traum. Endlich aber sollte sie Alles hören und der Tod Alles sühnen. Sie sprach auf dem ganzen Wege kein Wort. Ihr Herz war voll Leid und Furcht. Als sie die Säulenhalle von Chateron Royals betrat, dunkelte eS. „Sir Victor befindet sich sehr schlecht", meldete Ja- Mison, „und sehnt sich nach Mylady's Ankunft." Lady Helena empfing sie auf der Treppe und geleitete sie, nachdem sie sich erfrischt, ins Krankenzimmer. Bebend trat sie ein, Tante Helena schloß die Thüre, und sie war allein mit dem Sterbenden. Beim schwachen Schein von zwei Wachskerzen sah sie das bleiche Gesicht, auf dessen Augen selbst der Tod die Liebe nicht verbannen konnte. Edith kniete neben dem Lager nieder. „Es ist besser so", flüsterte er, „viel besser. Das Leben war eine Qual, und das hätte nie anders werden können. Wie oft dachte ich an Selbstmord, der Himmel aber hat gnädig mich davor bewahrt. Der Tod kommt von selbst und hat Dich nun auch mir gebracht. Du hast gelitten", sprach er zart, „ich wollte Dich vor jedem Leide schützen, Dein Dasein zu einem Traum des Glückes machen, und sieh, wie ich es that. Du hassest mich mit Recht, kannst mir vielleicht nicht einmal vergeben, wenn Du Alles weißt; und doch handelte ich, wie ich handeln wußte, und könnte nicht anders, wenn Alles wieder käme. Für Dich aber ist es hart." Selbst im Tode also galten feine Gedanken nur thr. Und als sie ihn anblickte und bedachte, wa§ er noch vor einem Jahre gewesen, schien es ihr zu viel zum Ertragen. „O, stille, stille, Victor", schluchzte sie „Du brichst mir das Herz." Ein seliges Lächeln verklärte seine Züge. „Ich will Dich nicht betrüben, Edith, und ich fühle mich heute glücklich, als hätte ich keinen Wunsch mehr, als wäre ich Deiner Vergebung gewiß. Es ist Glück genug, Dich hier zu sehen, Deine Hand in der meinen zu fühlen, zu wissen, daß ich Dir endlich Alles sagen darf. Mit unendlicher Sehnsucht erwartete ich diese Stunde, nur Vergebung und Tod, «ehr wollte ich nicht. Was wäre das Leben ohne Dich? Ob Du wohl je meine Liebe bezweifelt hast?" „Ich weiß eS nicht", entgegnete sie leise, „manchmal hatte ich schwarze, verzweifelte Gedanken, es war Nacht in mir und um mich, ich wage nicht, Dir zu sagen, wie böse mein Herz gewesen —" „Armes Kind, Du warst so jung, und Alles kam so plötzlich uno unerklärlich. Setze Dich neben mich und höre." Wortlos zog sie einen Stuhl an sein Lager und lauschte der Geschichte des Geheimnisses, das so lange sie getrennt. „ES datirt sich von der Nacht, wo mein Vater starb", begann Sir Victor, „wo ich das Geheimniß des Mordes meiner Mutter erfuhr und meinen Vater namenlos bemitleiden lernte. Der unglückliche Mann hat sein Weib selbst getödtet. Tante Helena und Jnez wußten es längst, Juan vermuthete es. Trotzdem schwieg er. Meines Vaters Hand durchbohrte meiner Mutter Herz. Warum hat er es gethan? frägst Du. Weil er wahnsinnig war, lange bevor Jemand es ahnte. Selbst seine Frau hatte keine Idee davon. Er litt an Mordmanie, Wahnsinn ist erblich in unserer Familie. Sein Wahn bestand im Morden. In jeder anderen Hinsicht war er bei Vernunft. Noch vor Ende der Flitterwochen entwickelte sich die Manie, sein Weib zu morden, und das Verlangen war kaum zu bewältigen, wenn er mit ihr allein war. Der Wahn entsprang aus der Macht und Tiefe seiner Gefühle. Er liebte sie von ganzem Herzen und fühlte immer mehr das wahnsinnige Sehnen, sie zu tödten, weil sie dann ganz sein sei. Er kannte seinen Irrsinn, wich entsetzt davor zurück, kämpfte mit dem gräßlichen Verlangen und bezwäng sich ein Jahr. Juan Chateron kam und forderte meine Mutter als sein Weib, und Eifersucht vollendete, was die unselige Manie eingeleitet. An dem verhängnißvollen Abend hatte er die Beiden im Park beisammen gesehen und war wüthend darüber. Da kam die Aufforderung, zur Tante Helena nach Powys Place zu kommen. Er ging. Unterwegs flüsterte ihm der Dämon der Eifersucht zu: „Deine Frau ist jetzt bei Juan, gehe heim und überrasche sie." Wie ein Rasender kehrte er um, die letzte Spur von Beherrschung war verloren. Er traf die Mutter nicht in Vetters Gesellschaft, sondern friedlich schlummernd am offenen Fenster. Auf dem Tische daneben lag ein Dolch, der als Papiermesser benutzt wurde. Zu dieser Zeit war er völlig verrückt. In einem Moment stak der Dolch in ihrer Brust, er zog ihn heraus, und sie lag todt vor ihm. Da ergriff ihn ein furchtbarer Schrecken. Er wandte sich zur Flucht. Seltsamer Weise begegnete er Niemand. Als er daS Thor passirte, schleuderte er den Dolch in daS Gebüsch und enteilte. Er ritt nach Powys Place, und bevor er es erreichte, kehrte die Schlauheit deS Wahnsinns zurück. Er durfte die Leute nicht wissen lassen, daß er es gethan, sie würden sonst denken, daß er verrückt sei, und ihn inS Irrenhaus sperren. Wie er es bewerkstelligte, wußte er nie. Niemand verdächtigte ihn, nur Jnez, die im Zimmer war, hatte Alles gesehen, den tödtlichen Stoß, die eilige Flucht, und stand sprach- und regungslos. Er erinnerte sich später an nichts mehr, des Wahnsinns Nacht umgab ihn völlig und hellte sich nur zeitweise auf. DaS ist die schreckliche Geschichte, die mir in jener Nacht erzählt wurde. 597 die sein und Dein und mein Leben vernichtete. Sprach' los vor Entsetzen hörte ich zu. Noch ist's, als klängen mir des Vaters letzte Worte im Ohre wieder: „Ich sage Dir's, theils weil ich glaube, daß Du's wissen sollst, theils, weil ich Dich warnen muß. Du willst heirathen, Victor, bedenke, was Du thust. Die schreckliche Ansteckung ist in unserem Blute, Du liebst Deine Braut, wie ich das Weib, das ich gemordet. Nimm' Dich in Acht, laß Dich warnen, sonst dürfte mein Geschick das Deine, Deiner Mutter Loos das ihre werden. Ich wünsche, wenn ich wagte, würde ich befehlen, daß Du Dich nie verwählst, daß Du den Namen und den Fluch aussterben lassest." Ich konnte nicht mehr hören und stürzte aus dem Zimmer, aus dem Hause — hinaus in Regen und Dunkelheit, als sei der Fluch schon über mich gekommen. Was ich that, wußte ich nicht. Endlich kam die Tante und sagte mir, daß der Vater todt sei. Ich schlug mir seine letzte Warnung aus dem Sinn und schwur, Dich nicht zu verlassen. Von der Stunde an war mein Geschick besiegelt. Ich kehrte nach Powys Place zurück, ein Anderer, als ich gegangen. Ich war wie gehetzt. Tag und Nacht verfolgte mich des Sterbenden Warnung, und als Refrain tönte mir die Prophezeihung der Alten im Ohr. Ich hielt es unmöglich, dem zu entgehen. Meiner Mutter Loos", fuhr Sir Victor fort, „mußte das Deine sein, am Hochzeitstage mußte ich Dich tödten. Es stand geschrieben. Niemand konnte eS ändern. Ich weiß nicht, lag es in meinem Blute, oder war es bedingt durch das endlose Brüten über das Gehörte, das Schicksal erreichte mich, ich verfiel der Mordmanie. O Edith, ich fühlte eS, hörte das schreckliche Flüstern in meinem Ohre, und in meinem Herzen regte sich der grause Wunsch, Dich zu tödten. Oft und oft floh ich Deine Gegenwart, wenn mir's war, als könnte ich der Versuchung nicht länger widerstehen. Und doch wollte ich Dich nicht aufgeben. Das kann ich mir nie verzeihen. Der Gedanke, Dich zu verlieren, schien mich zu vernichten, und ich wagte nicht, Dir die Sachlage mitzutheilen, weil ich fürchtete, Du würdest zurücktreten. Unser Hochzeitstag kam; er sollte der glücklichste meines Lebens werden und war der unseligste. Die ganze Nacht vorher und am Morgen kämpfte der Dämon mit mir. Ich vermochte nicht, ihn zu beschwören, am Altare stand er zwischen uns. Auf der Hochzeitsreise wagte ich kaum, Dich anzusehen, weil ich fühlte, daß ich sonst die Beherrschung verlieren und Dich todten würde. Was ich litt, vermag keine Zunge aus- zusprechen. Ich wußte, daß ich verrückt sei, daß der Wahnsinn mich früher oder später überwältigen würde. In Carnarvon überkam eS so wich gewaltig, daß ich von Dir entfloh. Der Gedanke, daß ich Dich tödten würde, Dich, die mir vertraut, die mich geheirathet, ahnungslos, daß Du ein blutdürstiges Ungeheuer an Dich gekettet, verfolgte Mich. Ich fiel verzweifelnd auf die Kniee, hob die Hände gen Himmel und flehte um Hilfe und Beistand. Eine Stimme schien mir zu antworten: „Verlast' sie, so lange eS noch Zeit ist. Sie liebt Dich nicht und wird sich nicht grämen. Besser, daß Dein Herz bricht, als daß Du ihr ein Haar krümmst." Entschlossen erhob ich mich, unsagbarer Friede erfüllte mein Herz. Alles schien leicht. Ich allein sollte leiden, nicht Du. So kehrte ich in die Villa zurück, und mein erster Blick traf Dich schlafend am offenen Fenster, wie meine Mutter an dem schrecklichen Abend, Hätte mein Entschluß noch gewankt, das hätte ihn gestärkt. Ich schrieb die Abschiedsworte, küßte Deine Hände und ging auf immer von Dir. ES brach mir das Herz. Ich konnte nicht leben ohne Dich. Nun hab' ich Dir Alles gesagt; entweder mußte ich Dich verlassen oder tödten. Es wäre eingetreten. Nun ist eS an der Zeit, zu erklären, ob Du mir vergeben kannst." Weinend sank sie vor ihm auf die Kniee, umarmte ihn und küßte zum ersten Male die Lippen des Mannes, den sie geheirathet. „Dir vergebend" schluchzte sie, „o, mein armer Gatte, Du mußt mir vergeben, Du bist fürwahr mehr als ein gewöhnlicher Sterblicher, Du bist ein Engel!" (Fortsetzung folgt.) -«-SWW8—- Amerikanische „Mammrtth-Gcschäsle". Von Philipp Berges. - (Nachdruck verrolm.) Wir sind in der Metropole des Westens, in Chicago, dem verkehrsbrausenden Herzen der Vereinigten Staaten; noch aber ist es still in den schnurgerad gestreckten, unendlich langen Straßen, deren längste, die State Street, ihre 18 englische Meilen mißt. Nur das Surren der Kabel, die, durch einen schmalen Spalt von der Straße getrennt, in ihren unterirdischen Kanälen laufen, bestimmt die ungeheure Last der Straßenbahnzüge fortzubewegen, klingt durch die Ruhe des Morgens. Die Metropole zwischen den beiden großen Wassern, die Königin des Westens, gleicht dem erstarrten Traum von einer kommenden Welt. Im Innern freilich bietet auch sie das typische Treiben der amerikanischen Großstädte, äußerlich aber vergleicht sie sich mit keiner andern Stadt. Ihre breiten Straßen, ungekrümmt, ohne Ecken und Winkel, verlieren sich fernab im Morgeuncbel; sinnverwirrende Kolossalgebäude streben empor, deren Giebel, wie die Häupter des Gebirges, ein Kranz von Wolken ziert. Doch während hier für die Dauer einer Meile Palast an Palast sich reiht, deren prunkende Schaulädcn auf Erden ihresgleichen suchen, artet dort die Straße plötzlich in verwahrloste Prairie aus, die auf beiden Seiten ein bilderbeklebter Bretterzaun vom Straßenraum trennt. Zu schnell und in zu riesenhaften Dimensionen ist die Pilzstadt aus dem Boden emporgewachsen, um überall schon gleichartig bebaut zu sein. Neben dem Palast steht noch das elende Blockhaus, neben dem prachtstrahlendsten Straßcnzug schlummert noch die öde Prairie. Was in den kleinen Städten scharf markirt, für die großen Städte der Union charakteristisch ist, hier artet es, wie alles Andere, in'S Ungeheure aus: vielmetcrlange Reklamcschilder leuchten von den Dächern, den Häuserwänden, den Bretterzäunen, ja sogar von den Fußsteigen; Theater- und Concert- Anzeigen in phantasievollen Bildern und wahrhaft exotischen Farbentönen glänzen an allen Seiten, jedes freie Plätzchen der Gaste, bis zum ungehobelten Pfahl der Telegraphenleitung, ist mit Kundgebungen der Reklame ausgefüllt. Wer früh Morgens plötzlich in das Herz von Chicago versetzt würde, vermöchte schon hieraus zu erkennen, daß er sich in einer großen und verkehrsreichen Stadt befinde. Wie unbeschreiblich gewaltig aber dieser Verkehr ist, das vermöchte er sich nun und nimmer vorzustellen, und kannte er selbst daS Treiben der Städte London und Paris und würde es miteinander addiren. Wenige Stunden nach Anbruch des Tages schon haben sich diese Straßen im Herzen Chicago's zu brausenden Strömen und fluchendem Leben verwandelt. Die Fahrwege sind buchstäblich gefüllt mit Wagen jeder Gattung und mit Menschen, durch deren Getriebe die Züge der Kabelbahnen, die mit der Geschwindigkeit unserer Pcrsonenzüge dahinsausen, sich glocken- läutend einen Weg bahnen. Im letzten Moment stets, so scheint es uns, öffnet sich das Gewühl, um sich gleich hinter dem Zuge wieder zu einer festen Mauer zu verdichten. Die Trottoirs überströmt unaufhaltsam eine Kopf an Kopf gedrängte Menge, die erst verebbt, wenn die Nacht hereinbricht. Kinder dieses Verkehrs, der die großen und populären Verkaufsläden zu wahren Bienenkörben macht, sind die Mammuth-Geschäfte, jene riesenhaften Detailhäuser, die die ganze Stadt zu umschließen scheinen, aber auch für die Bedürfnisse einer ganzen Stadt ausreichend zu sorgen im Stande sind. Vom Hosenknopf bis zur Luxus-Equipage, vom Schweincschinken bis zum Brillantschmuck ist in diesen Geschäften alles zu haben. Auch in Europa sind Häuser dieser Art bekannt, ich erinnere nur an den „Louvre" und an das Haus dorr LIai-eüs" in Paris, auch in New-Aork nicht minder, „Macy's" Geschäftsräume allein bieten den Boden für artige Fußwanderungen, allein Mammuth-Häuser von der immensen Ausdehnung wie diejenigen in Chicago gibt es eben nur in Chicago. Tausende von Menschen strömen hier täglich aus und ein, und es drängt sich hier in ebenso compaltcn Massen, wie draußen auf der Straße. „The Hub", „The Fair", „The Columbus" (denn alle diese Häuser haben ihre besonderen Namen), vor Allem aber die berühmte Firma „Siegel, Cooper L Co.", das find die gewaltigsten dieser Mammuth-Häuser. Es liegt auf der Hand, daß das typische amerikanische Geschäftsleben nirgends ausgeprägter in die Erscheinung treten kann, als hier. Man sucht fortwährend nach dem leichtesten und modernsten Weg, um die ungeheure Summe der Ansprüche, welche das nach vielen Tausenden zählende Publikum stellt, blitzschnell zu befriedigen; man wartet nicht gern in Amerika, rasch muß alles gehen, wenn es den Namen des „Geschäftlichen" führen will. Zur Bedienung der Menge stehen deshalb Tausende von Verkäufern und Verkäuferinnen, Einkäufern, Inspektoren, Kassirern und Comptoiristen bereit, die wieder untereinander sich leicht und schnell in Verbindung setzen müssen. Hier, wo die Arbeitslast eines Tages derjenigen eines ganzen Jahres in manchen und nicht kleinen anderen Geschäften gleichkommt, versteht man erst das viel angewendete Wort „Mws is mons^!" versteht man erst die knappe, nach unseren Begriffen fast grobe Art des persönlichen Verkehrs im amerikanischen Gcschäftsleben, und man wundert sich nicht mehr über die mechanischen, elektrischen, pneumatischen und ballistischen Vorrichtungen, die zur Erleichterung der Communikation und Controlle die weiten Geschäftsräume netzartig mit Drähten, Schienen und Bändern überspannen.-— " Um zunächst einen Begriff von der Ausdehnung eines der größten dieser Mammuth-Häuser zu empfangen, genügt es, eine ihrer Annoncen vorzuführen und sie zu erläutern. Jede einzelne Annonce bedeckt gewöhnlich eine ganze Seite der großen Tageszeitungen und stellt eigentlich nur einen Wegweiser vor. ,^Am Kopfe der Annonce sieht man eine etwas steife Abbildung des „Blocks" oder Häusergevierts, welches «Siegel, Coyper L Co." einnehmen, darüber die Firma; unten lttiks eine VkgNtte mit der Inschrift: „Das größte Ladengeschäft der Welt", und ein Band mit den Worten: „Ein Palast, gefüllt mit Waaren jeder Gattung." Am meisten jedoch intercssiren zwei Tafeln mit statistischen Angaben, von deren Nichtigkeit sich ja der Besucher auf der Stelle überzeugen kann. Die Aufzählung der „Departements", in welche das Geschäft eingetheilt ist, und deren jedes ein Geschäft für sich darstellt, ist so interessant, daß ich hier eine wörtliche Wiedergabe folgen lasse: 1. Schmucksachcn. 2. Bücher und Schreibmaterialien. 3. Apotheke und Droguerie. 4. Tüll und Tücher. 5. Knöpfe und Besatz. 6. Wollenwaaren. 7. Seide und Sammet. 8. Handschuhe. 9. Kleiderstoffe. 10. Haushaltungsgegenstände. 11. Herrcnartikel. 12. Schuhbazar. 13. Arzt. (0r. Beda.) 14. Bänder und Fächer. 15. Irdene Waaren, Porzellan. 16. Leinen. 17. Küchengegenstände. 18. Unterkleider. 19. Mantel und Shawls. 20. Musselin-Unterkleider. 21. Luxusartikel. 22. Schneiderei (Herren). 23. Putzgeschäft (Damen). 24. Kaffeehaus. 25. Teppiche. 26. Polsterei. 27. Spielwaaren. 28. Bilder und Bilberrahmen. 29. Korsetts. 30. Schirme. 31. Tapeten. 32. Branntweine und Tavake. 33. Mobilien. 34. Futterstoffe. 35. Haare und Verschönerungsmittel. 36. Kolonialwaaren, Gemüse. 37. Kohlen. 38. Schlächterei. 39. Sportartikel. 40. Postburecni(VcrsandtorbreS) 41. Kinderbekleidung. 42. Rcisekoffer. 43. Reit- und Fahr-Requisiten 44. Musikinstrumente. 45. Leder, Lederwaaren und AlbumS. 46. Optische Waaren. 47. Kurzwaaren. 48. Betten und Reisedecken. 49. Hüte und Mützen. 50. Pclzwaarcn. 51. Japanische Waaren. 52. Gummiwaaren. 53. Schneiderei (Damen). 54. Schleier. 55. Photographie-Atelier. 56. Konfekt. 57. Barbierstube. 58. Zahnarzt. 59. Oesen und Herbe. 60. Bankgeschäft. 61. Zuschneidemuster, Zeichnungen. 62. Auskunfts-Buream Sie staunen mit Recht, meine Herren! Zwciund- scchzig Geschäfte, Verkaufslokale meistentheils, unter einem Dach und mit einem gemeinsamen Mittelpunkt, dessen Chef auch von der kleinsten Bewegung in einem dieser Räume unterrichtet sein muß. Das ist ein staunenS- werthes Wunder des modernen amerikanischen Geschäftsgeistes. Man versetze sich nur im Geiste einmal recht in diese Unternehmung hinein, die eine einzige Firma leitet, und sehe dabei ganz von den Verkaufs-Departements ab; selbst dann noch bleibt eine staunenswcrthe Verbindung der widersprechendsten Zweige des Verkehrs übrig. Da ist zunächst ein Auskunsts-Bureau, in dem über alles Mögliche und Unmögliche, wie im Briefkasten einer Zeitung, und zwar unentgeltlich, mündliche Auskunft ertheilt wird; da ist ferner ein Cafs für die Damen, eine Branntweinhandlung (mit Probirstube natürlich), ein Tabakladen für die Herren, neben dem Photographie-Atelier hat der Zahnarzt seine Behausung, neben dem Raum des Consultations-Arztes ist die Apotheke, neben der Bankoffice die Barbierstube. Nicht mit Lager-Artikeln begnügt man sich hier, auch eine Schlächterei ist vorhanden, eine Kramerei und eine Gemüsehandlung. Es ist eine Universal-Markthalle, dieses Haus, eine commercielle Stadt. Bei Weitem aber sind die Departements mit diesen 62 nicht erschöpft, es sind nur die, welche das Publikum intercssiren; mit den Departements der inneren Verwaltung könnte man leicht eine neue, ebenso große Tabelle füllen. Zunächst ist hier der Kreis der Centralverwaltung: das 599 Comptoir, die Kasse, das Lager, das Einkaufsdepartement, die Controlle, die Hauspolizei, die Ncclame zu nennen; dann folgen die Druckerei, Tischlerei und Schlosserei, denn Alles wird im Hause angefertigt; die Maschinen, die Packerei, das Fuhrwesen. Zur Bedienung aller dieser Abtheilungen beschäftigt die Firma 2532 Angestellte; zur Beförderung der Käufer von einem Departement zum andern unterhält sie 12 große Dampffahrstühle (Elevators) von einer täglichen Besörderungs-Kapazität von 100,000 Personen, sowie 6 weitere Fahrstühle für Waaren mit einer täglichen Kapazität von 10,000,000 Pfund; zur Bewegung aller dieser Elevatoren arbeiten unausgesetzt 7 Dampfmaschinen von je 150 Pferdekraft; zur Heizung dieser Dampfkessel endlich werden täglich 50 Tons Kohlen verbraucht. Vier Dynamos speisen 5200 Glühlampen, sieben größere Dynamos speisen 500 Bogenlampen. Das Haus bedeckt einen Grund von 18 Acres; der innere Wandraum, könnte man ihn auf dem Boden ausbreiten, tvürde 20 Acres umfassen und die Gesammtfläche der Fensterscheiben etwa einen Acre. (1 Acre — 40*/, Ar.) Diese Ziffern sprechen eindringlicher als jede Schilderung. Doch genug der Ziffern! Treten wir also durch eine der 18 Thüren in das Haus ein — doch nein, betrachten wir es erst einmal von außen. Es ist ein Colossalbau von großartigen Dimensionen, der ein ganzes Häusergeviert vollständig bedeckt und in 10 Stockwerken, größeren und kleineren, in die Luft emporsteigt. Das Gebäude ist schmucklos, aber nicht unschön; mit seinen weißen Quadersteinen, seinen breiten und tiefen Fenstern macht es einen imposanten Eindruck. Nur die Fenster zu ebener Erde sind mit Schaustücken angefüllt, die oberen in allen anderen Stockwerken sind leer. Von der Eckspitze des Giebels leuchtet ein durchbrochenes Firmenschild, ein zweites über den Schaufenstern nimmt,die ganze Länge des Gebäudes ein — das ist aber auch Alles. Nur eins fällt noch auf: kleine Kästen mit GlaSdeckeln, neben jeder Eingangsthüre einer, in denen an einer schwarzen Stange sämmtliche Stockwerke verzeichnet, neben jedem ein rother, niedrrhängcnder Arm. Das ist ein Feuer-Direktionssignal. Bricht z. B. im achten Stock nachts ein Feuer aus, so drückt man hierauf einen Knopf und telegraphirt zu gleicher Zeit an die Feuerwehrstation und in den Kasten hinab, wo der rothe Arm zur rechten Seite des achten Stockes sich aufrichtet, um der anlangenden Feuerwehr die Lokation zu bezeichnen. Aehnliche Vorrichtungen, freilich zu anderen! Zwecke, sind auch an sämmtlichen Fahrstühlen angebracht. Hier hängt ebenfalls ein Glaskasten mit einer Stufenleiter sämmtlicher Stockwerke, an welchen ein Zeiger auf- und abläuft, welcher genau angibt, wo der Fahrstuhl sich befindet, ob er still steht oder in Bewegung ist, auswärts oder abwärts fährt, so daß man genau weiß, ob man ihn erwarten oder herbeiklingeln muß. Eintrittt und Austritt, Spazier- gänge durch alle Stockwerke und Räume, Fahrten in den Elevatoren sind natürlich in diesen großen Geschäften für Jedermann frei, eine Controlle ist hier unmöglich, und es ist gleichgiltig, ob ein Neugieriger, nachdem er sich stundenlang von einem Ladentisch zum andern herumgetrieben hat, etwas kauft oder nicht. Tausende von Damen, obne die geringste Absicht etwas zu kaufen, bringen ihre Nachmittage hier zu. Faulenzer aller Art wärmen sich hier ini Winter. Taschendiebe und Ladendiebinnen finden hier eines der ergiebigsten Felder ihrer Thätigkeit, aber auch eines der schwierigsten und gefährlichsten. Doch das gehört bereits in'S Innere des HanseS. — Das Innere des Hauses gleicht einem gigantischen Ameisenhaufen. Ein tausendköpfiges Publikum drängt sich in allen Gängen und Räumen, bevölkert die Treppen und belagert die Eingänge zu den Fahrstühlen. Nach allen Himmelsrichtungen laufen die langen Verkaufstische, hinter denen sowohl Herren wie junge Damen dem Verkehr mit dem Publikum obliegen. Drei Typen sind es, welche hier sogleich dem Kundigen in die Augen fallen: erstens eine Unzahl von kleinen Jungen und sehr jungen Mädchen, die ersteren zum Botendienst, die anderen zur Communikation zwischen den Verkaufstischen und der Kasse; zweitens langsam durch die Menge schreitende Herren, die sich am Verkauf nicht betheiligen, daS sind die „Floorwalker", eine Art Aufseher, welche die Kunden an das richtige Departement dirigiern, Streitigkeiten schlichten und allgemeine Controlle ausüben; drittens endlich die Mitglieder der Hauspolizci, eine kleine Armee von Detektives in Bürgerkleidung, die rastlos das Gedränge durcheilen und nach Dieben und Diebinnen suchen. Wer ertappt wird, kommt unfehlbar zur Polizei — die Beamten der Hauspolizei, die eingeschworene und staatlich anerkannte Detektives sind, sorgen für Anklage und Verurtheilung, ohne daß einer der sonstigen Angestellten des Hauses dadurch in Mitleidenschaft gezogen würde, es sei denn zu einer eventuellen Zeugenaussage. Ein sehr großer Theil des Verkaufspersonals hinter den Ladentischen besteht aus jungen Damen, jedem Tisch aber und vor allem jedem Departement sind auch einige Herren beigegeben, die alle in gleichem Range stehen; denn Rang- abstufungen liebt man nicht in amerikanischen Geschäften. Einer ist es nur, der einen wirklich höheren Rang einnimmt, das ist der sogenannte „Superintendent", der Vertreter des Chefs. Der Wechselverkehr zwischen den vielen Angestellten regelt sich nach den einfachsten Methoden fast von selbst. In jedem Departement befindet sich ein Angestellter, dem die Pflicht obliegt, täglich das Lager seiner Artikel zu revidiren und, falls einer derselben am Ausgehen ist, eine Ordre an die Central-Office gelangen zu lassen, von wo aus für Ergänzung des Vorraths gesorgt wird. Alle Artikel sind nicht mit Chiffren, sondern mit deutlichen Ziffern ausgezeichnet, und zwar nach Preis und Nummer, so daß ein Kind sie verkaufen könnte. Die schwierigste Seite eines Massenverkehrs ist unstreitig die Kassenrcgulirung, die Kassencontrolle, aber gerade sie ist in der lächerlich einfachsten Weise überwunden. Eine der ausfallenden Erscheinungen im Innern der Räume sind unzählige Drähte, die sich nach allen Seiten ausspannen, und an denen unaufhörlich, durch einen unsichtbaren Mechanismus bewegt, kleine geschlossene Kästchen hin- und herlaufen. Diese Borrichtung steht mit der Kassencontrolle in Verbindung. Demonstriren wir durch einen kleinen Einkauf es uns selber aä ooulos, wie die Sache arbeitet. Wir befinden uns in der Abtheilung der Handschuhe! Gut! Ein reizendes Kind — schwarze Haare, dunkle Gluthaugen, bräunlicher Taint, echt westlicher Typus — bedient uns. Im Nu stehen sechs Schachteln mit Handschuhen vor uns. Wir wählen ein Paar zum Preise von 4 Dollars aus, und das Geschäft ist beendet. Die Verkaufsdame schreibt nun eine regelrechte Rechnung aus, gibt sie aber nicht uns, sondern dem mechanischen Apparat. Ein Kästchen nimmt die Rechnung aus. Das Kästchen wird an einen der Drähte gehängt und rollt nun schnell, 600 in Folge seiner eigenen Schwere, fort. Wohin rollt es? In die Central-Office, hier wird Gegenstand und Betrag gebucht, die Rechnung gestempelt und vermittelst eines anderen Drahtes zurückgesandt zum Ausgangspunkt. Inzwischen sind die Handschuhe verpackt worden, und der Käufer begibt sich zur Kasse des Departements, begleitet von einem kleinen Jungen oder Mädchen (damit er nicht entwischt), hier zeigt er die Rechnung, „berappt" und geht seiner Wege. Am Abend ober müssen die Notirungen der Central-Office mit den Einnahmen aller Kassen stimmen. Eine doppelte Buchführung, Lamms il kaut! In manchen Geschäften wird mit der Rechnung zugleich der gekaufte Gegenstand mitsammt dem Gelde in die Central-Office geschickt, so daß die Kassen in Wegfall kommen. Jedenfalls ist auf diese Weise die Controlle auf die einfachste Manier zu handhaben. Die Räume im Allgemeinen gleichen einem einzigen ungeheuren Schaukasten. Der allgemeinen Sitte entsprechend, wird nichts in geschlossenen Kästen verwahrt, sondern alles offen zur Schau gestellt, womöglich mit weithin sichtbaren Preisen versehen. Von der Decke hängen riesige Schilder mit der Bezeichnung des' betreffenden Departements herab, an drei Stellen erhebt sich vom Boden bis zum Dach ein breiter, viereckiger Lichtschacht, um welchen sich die Stockwerke, ebenfalls mit gigantischen Schildern versehen, gallerieartig gruppiren. Hwr sind auch die Eingänge zu den Elevatoren, die mit einem Condukteur und einem Führer ausgestattet sind. Bei jedem Stockwerk hält das Gefährt still, und die verschiedenen Departements werden laut abgerufen. Einen eigenen Eindruck macht es auf den Besucher, wenn er nach stundenlanger Wanderung durch alle möglichen Waaren plötzlich in eine weite Kaffeehalle hineinsieht, in welcher Hunderte von Damen ihren Mokka schlürfen, um nach dieser Erholung auf's Neue an's Kaufen zu gehen. Die Office des Arztes, des Zahnarztes, die Barbierstube, die Apotheke, die Fleischerei und Gemüsekrämerei, alle natürlich hochnobel eingerichtet und nach denselben Principien geleitet wie die Verkaufsläden, interessiren uns weiter nicht — es genügt, daß sie da sind. Nur noch einen verstohlenen Blick in die Central- Office, bevor wir aus dem Gewühl der Käufer und Verkäufer scheiden. Die Central-Office, die Office in Amerika überhaupt, ist der Ort, wo man es stets eilig hat. Höflichkeit ist hier nicht zu Hause. Die Buchhalter, Correspondenten, Principale sitzen da mit den Hüten auf ihren gesegneten Köpfen und in Hemdärmeln. Auch der Besucher behält den Hut auf dem Kopfe. Man sagt nicht „Guten Tag!*, sondern „Hallo!" oder noch besser gar nichts. Geschwätz, Unterhaltung gibt es hier nicht. Man hat zu viel zu thun. Die Geschäftsstunden gehören dem Geschäft. Man schiebt keine Arbeit, die diesem Tage gehört, bis morgen auf, aber man arbeitet auch keine Sekunde über die Geschäftszeit. Um 6 Uhr Abends werden alle Offices, alle Läden, alle Geschäfte von Rang geschlossen. Das Schild, welches den Besucher von allen fänden grüßt und etwa bedeutet: „Heute habe ich meinen eiligen Tag*, sagt ihm, wie er sich zu benehmen hat: Lstis is wzr bnszr äaz?! t -" - Goldkörrier. .Durch Eile treibet dich des Satans List rur Schuld; Der Schlüssel wahren Glücks, mein Freund, ist die Geduld. Ju l. Hammer. ALAsVksr. Vom Alkohol. Folgendes Gedicht in BecherforA findet sich in den „Mittheilungen des deutschen VereinS gegen den Mißbrauch geistigen Getränke": Der Alkohol spricht: Wollt ihr Wunder und Zeichen (Lauen, Kommt zu mir, ihr Männer und Frauen, Laßt mich nach meinem Willen nur handeln, So kann ich die ganze Welt euch verwandeln. Arm mach' iL die Reichen, krank die Gesunden, Aus Arbeitern schaff' ich euch Vagabunden, Aus Frommen Spötter, aus Weisen Verirrte, Aus Fleißigen Faule, aus Guten Verwirrle, AuS züchtigen Jungfrauen schamlose Weiber, NnS tüchtigen Männern Diebe und Räuber AuS häuslichem Glücke Elend und Noth, AuS Nahrung Gift, aus Leben Tod. Wie ich das kann? Folgt mir heranl Das Naß Im Faß Thut das Jn's Glas, Dann an die Lippen Zum Kosten und Nippen, Dann nur munter Hinunter! Nur mehrl Gebt her! Und wieder Hernieder Und immer wieder! So nähr' ich das Feuer, ihr trinket und trinkt, BIS euch der Abgrund der Hölle verschlingt! ---SWMS--- Aus der „Nachfolge Eßristr"?) Jedem Wort und jedem Einfall Sollst du nicht zu hastig trauen; Jedes Ding mit Uckerlegung Mutzt du erst vor Gott beschauen. Sich im Handeln überstürzen Ist die Weisheit eines Narren; Gleicherweise, starren Trutzes Auf dem eig'nen Sinn beharren. Allen Reden aller Menschen Blind zu glauben zeigt den Thoren; Ebenso, das kaum Gehörte Einzublasen fremden Ohren. Mit gewissenhaftem Manne Pflege Rath erst und Verbindung! Folge bess'rer Unterweisung Statt der eigenen Erfindung! *) Siehe „Des gottseligen Thomas von Kempen Nachfolge Christi in deutschen Reimen" von Hermann Jseke. Verlag von F. W Cordier, Heiligenstadt (Eichöfeld). Preis brosch. M. 3.-. Salonband M. 4.50. Arithmogriph. 1 2 3 4 5 6 7 ein Ort Für Jung und Alt zum frohen Sport. 2 7 7 ein kleiner Fluß, Den man im Süden suchen muß. 3 5 6 7 1 wird abgesetzt, Und von der Hausfrau sehr geschätzt. 4 5 7 7, verderblicher Strahl, Wen's traf, der trug des Sünders Mal. 5 3 2 1 7 such' in der Ferne, Wo blinken der Märchen schönste Sterne. 6 5 6 7 streitbarer Gesell Mit einer Stimme kräftig hell. 7 5 3 1 bekommt man nicht gern, Hoch wird's gehalten von stolzen Herrn. ^-——— « 79 1896. „Augsburger PostMung". Vtustaz, den 22. September Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbefitzer vr. Max Huttlerl. Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary Agnes Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Fortsetzung.) 6. Kapitel. Der Tragödie Schluß. Als Lady Helena eine Stunde später leise eintrat, fand sie des Kranken schwaches Haupt in den Armen der Knieenden, ihr Antlitz verborgen und naß von Thränen. Ein Blick in sein strahlendes Antlitz sagte ihr Alles. Die Verhältnisse waren mitgetheilt und vergeben. Ein Jahr nach der Trauung waren die Beiden endlich vereint. Es bedurfte keiner Worte. Die Tante küßte Beide. „Es ist spät geworden, Edith, und Duwirstmüdesetn", sprach sie, „begib Dich nun zur Ruhe, ich will bei Victor wachen." Aber Edith schmiegte sich nur um so inniger an ihn und sah flehend auf. „Nein, ich bin nicht müde und will ihn nie wieder verlassen. O Tante, warum wußte ich nicht früher Alles, warum kannte ich Sir Victor nicht! Wie unfreundlich war ich gegen ihn, ach, und er litt für mich! Wenn er stürbe, käme ich mir vor wie eine Mörderin." Ihre Stimme erstickte in Thränen; sie hatte ihn gehaßt, seinen Tod gewünscht, und all' die Zeit opferte er sein Leben für sie. „O, lass' mich bei Dir bleiben, Victor", bat sie wieder, „schicke mich nicht fort. Wir waren lange genug getrennt, lass' uns nun vereint bleiben." Mühevoll zog er ihre Hand an seine Lippen und lächelte selig. „Sie spricht, als ob sie mich fast liebe." „Dich lieben! O Victor, hätte ich doch Alles gewußt!" „Und wenn ich gewagt hätte, Dir Alles zu sagen, wärest Du nicht vor wir, wie vor einem Ungeheuer zurückgeschreckt, wärest Du bei mir geblieben?" „Hätte ich gewußt, wieDeinVater Deine Mutter ge- tödtet, wie seinWahn auf Dich übergegangen, so hätte ich Dich von Herzen bedauert und in Folge dessen geliebt. Ich hätte Dich nie verlassen, nie gefürchtet, und was Du scheutest, wäre nie eingetroffen." „Glaubst Du das?" „Ich weiß und fühle es. Du hättest dagegen gekämpft, ich hätte es nicht gefürchtet, und mit der Zeit wäre die fixe Idee verschwunden. Du bist von Naiur abergläubisch und krankhaft erregt. Die absurde Pro- phezeihung, die grause Geschichte und des Vaters Warnung waren zu viel für Dich allein. Hättest Du es mir gesagt, so wären die hypochondrischen Ideen halb getheilt gewesen. Ich hätte Dich nie verlassen, uno Du hättest mir nie ein Haar gekrümmt." Ihr fester Ton schien ihn zu überzeugen, sein Gesicht überschattete sich. „So war Alles umsonst, all' die Leiden und Opfer, Prinz Feräinnnä von Konrbon unä seine Verlobte, Prinzessin Marin von Kagern. , > ' 602 all' die schrecklichen Monate der Trennung", sprach er betäubt. Wieder nahte sich die Tante. „Du mußt nun gehen, Edith, wenn Du da bleibst, schläft er keine Minute, und wer steht dann für die Folgen? Sage ihr, Victor, daß sie Dich verlassen müsse, sie wird Dir gehorchen." Er sah, daß die Tante recht hatte. „Geh' auf ein paar Stunden", flüsterte er schwach, „wir bedürfen der Ruhe, und ich habe Dich dann morgen den ganzen Tag." „Gute Nacht", flüsterte sie, ihn küssend, „o, daß das Lebenselixir keine Fabel, die Zeit der Wunder nicht vorüber wäre. Wie glücklich wären wir, wenn er genäse I" Edith begab sich in ihr Zimmer. Mit welch' anderen Gedanken betrat sie es jetzt. Wohl erinnerte sie sich noch der Nacht vor zwölf Monaten, wo sie Abschied genommen von Rudolfs Bild und Briefen und auf die Morgenröthe des Trauungstages gewartet hatte. Als sie am Morgen erwachte, war ihr erster Gedanke: „Lebt Victor?" Sie läutete. Jnez erschien selbst. „Ich weiß, was Sie zu wissen wünschen", sprach sie herzlich, „ja, er lebt, ist aber sehr schwach. Die Erregung und Freude der letzten Nacht waren zu viel für ihn. Und er gedenkt noch des Jahrestages." Edith wandte sich ab, das Herz voll Pein. „Hatte ich es nur gewußt", rief sie schmerzlich, „wenn Sie, wenn er es mir gesagt, Alles wäre gut gewesen." „Ich glaube es nun selbst; Sie sind so stark und wüthig und hätten ihm diese Gefühle eingeflößt. Jetzt aber ist es zu spät, und wir können ihn nur glücklich machen, so lange wir ihn noch haben." „Zu spät! Zu spät!" widerhallte es trostlos in Edith's Herz. Sie war so nahe daran, den Gatten zu lieben. Sobald sie angekleidet war, eilte sie ins Krankenzimmer. Victor lag bleicher als das Linnen in seinem Kissen. Jetzt erst bemerkte sie die geisterhafte Blässe, sah, daß sein Haar mit Grau gemischt war, daß in seinem Gesicht die Anzeichen der nahen Auflösung sichtbar wurden. Er athmete schwer. Die ganze Nacht hatte er an Herzkrämpfen gelitten. Der Schmerz war vorüber, aber er war erschöpft, vom Eis des Todes angehaucht. So lag er, das Wrack des edlen, hoffnungsvollen, schönen Mannes, den sie vor einem Jahre geheirathet, und doch umspielte das alte Lächeln seine Züge, als er sie erblickte. Unfähig zu sprechen vor innerer Bewegung, setzte sie sich an seine Seite. Er bat sie, ihm Alles mitzutheilen, was sie erlebt seit jenem verhängnißvollen Tag, da er sie verlassen. Sie entsprach dem Wunsche, erzählte ihm, wie es ihr ergangen von der Flucht von Powys Place nach Chateron Royals. Die Schattenseite ließ sie ziemlich unberührt, aber er verstand sie und wußte, wie ihr Stolz gelitten und geblutet hatte. „Ich dachte nicht, daß Du so handeln würdest", flüsterte er, „aber ich hätte Dich besser kennen sollen. Meiner Absicht entsprechend, wärest Du bei Tante Helena geblieben und hättest genommen, was Dir gebührte; als ich von Deiner Flucht hörte, war ich wie betäubt und suchte Dich überall. Weißt Du, daß ich in Amerika war?" „Jnez sagte eS mir." „Ich konnte aber weder Deinen Vater, noch die Familie Stuart ausfindig machen. Dich selbst sah ich zufällig in Madame Mirabeau's Laden, und es war meine letzte Hoffnung, als ich Jnez zu Dir sandte. Sie litt Schiffbruch, und das war am schwersten zu ertragen." „O, daß ich's gewußt hätte!" „Ja, das war der Fehler; mit Deinem Stolz konntest Du nicht anders handeln, und doch gefällt mir Dein Wesen. Ich sehe Dich im Geiste als eines edlen Mannes glückliche Gattin; lass' dann aber nicht den Stolz zwischen Dich und Deine Zukunft treten. Edith, ich werde friedlicher im Grabe ruhen, wenn ich auf Erden Dich glücklich weiß." „O, Victor, Deine Güte bricht mir das Herz." „Um eins aber muß ich Dich bitten, Edith, willst Du mir es gewähren?" „Könnte ich Dir's versagen?" „Versprich mir, daß Du nach meinem Tode nimmst, was Dir gebührt. Kein falscher Stolz soll Sir Victor Chaterons Wittwe beeinflussen. Juan Chateron ist mit einer Creolin verheirathet und lebt gebessert auf der Insel Martinique. Er erbt gesetzlich den Titel Chateron Royals und dessen Revenuen. Das Uebrige gehört Dir. Meiner Großmutter bedeutendes Vermögen ist Dir testamentarisch gesichert, und es ist mein letzter Wunsch und Befehl, daß Du Alles ohne Zögern annimmst, auf daß ich Dich ruhig verlassen kann. Versprich es mir, Edith." „Ich verspreche es", flüsterte sie. Er sammelte glühende Kohlen auf ihr Haupt. Langes Schweigen folgte. Er lag mit geschlossenen Augen, erschöpft, aber glückselig. Des Todes Bitterkeit war vorübergegangen, er hatte heiligen Frieden. An der Seite des geliebten Weibes mochte er ruhig sterben, denn er wußte, daß in ihrem Herzen nur Liebe wohnte und Vergebung, daß sie einst glücklich sein würde. Edith verließ ihn keinen Moment. Tante Helena und Jnez theilten gelegentlich ihre Wache, sie alle sahen, daß das Ende nahte. „Lies mir vor", sprach er zu Edith während deS Tages. Sie las über des Lebeus Leiden und Versuchungen: „Aber das Ende wird kommen und alle Thränen sollen getrocknet werden, und es soll nicht mehr sein Trauer noch Schmerz. Danket dem Herrn für die Auflösung." Er sah sie begeistert an; ihre Stimme brach, sie legte das Buch weg. Als der Sonnenuntergang das Fenster vergoldete, erwachte er und blickte hinaus in die purpurne Gegend. „Oeffne das Fenster, Edith, ich möchte noch einmal des Tagesgestirnes Sinken sehen." Ambrosisches Licht durchstrahlte das Zimmer, wie des Paradieses Pforten leuchtete der Horizont. „Herrlich! O, wenn die Erde schon so schön ist, wie göttlich muß der Himmel sein!" Und leise wiederholte er die Worte, die sie gelesen: „Und es soll nimmer sein weder Trauer noch Klage noch Pein." Er athmete tief auf. „Du bist bleich, Edith, geh' ein Weilchen ins Freie, Du magst mich ruhig verlassen." Sie küßte ihn und ging. Ihr ganzes Leben war sie froh, daß sie mit einem Kusse von ihm geschieden. Sie ging hinab in den Garten und blieb etwa fünfzehn Mi- 603 nuten. Allmälig erlosch im Westen die Abendröthe, bleich blickte der Mond auf die ruhende Erde. Sie kehrte zurück. Noch lag er, wie sie ihn verlassen, und sie glaubte ihn schlafend. Sie beugte sich über ihn tiefer und tiefer. „Und das Ende wird kommen und es soll nimmer sein weder Trauer, noch Klage, noch Pein!" Ein Schrei durchzitterte die Luft, gequälter Wittwen- brust entrungen. Auf die Kniee sank sie neben dem Lager deS Todten. Eine Stunde später erklang vom Thurme in Ches- holm dumpf die Todtenglocke; sie klagte um Sir Victor Chateron, der zu früh zu den Vätern geschieden. 7. Kapitel. Zwei Jahre später. Ein schönes Schiff dampfte an einem Augustnachmittage Majestätisch hinaus in die offeneSee. Alle Kajüten waren gefüllt, alle Länder schienen vertreten. Man lernte sich kennen. Eine dunkle, schöne Dame in Wittwentracht erregte allgemeines Interesse. Auf der Passagierliste stand sie als Lady Chateron, eine reiche, adelige Engländerin, mit Dienerschaft. Die Zofe erzähltenach Weiberart so viel sie wußte. Lady Chateron war seit zwei Jahren Wittwe des verstorbenen Sir VictorChate- ron, der im ersten Jahre ihres ehelichen Lebens starb und ihr einen unendlichen Reichthum hinterließ. Mehr wußte Sarah Betty nicht, sie war erst in London engagirt H worden, um mit Lady Chate-' ron auf dem Continent zu reisen. Nun begebe sich diese nach Amerika, weshalb, wisse sie nicht. Allüberall wurde die Dame bewundert, aber sie schien kalt wie Marmor, stolz und gleich- giltig gegen Alles. Die Gesellschaft besuchte sie nicht, der Verlust ihres Gatten habe ihr das Herz gebrochen. Das war Betiy's Geschichte; der Bediente war ein würdiger, schweigsamer Mann, den man unmöglich fragen konnte. Er machte keine Mittheilungen, man mußte mit den Nachrichten der Zofe sich begnügen. So wurde Lady Chateron an Bord die Heldin des Tages. Sie machte keine Bekanntschaften. Ihr Schweigen aber konnte man kaum auf Rechnung des Stolzes setzen. Noch vor Ende der Reise war sie oft bet den Zwischendeckpassagieren, spendete reiche Gaben und wurde von Segenswünschen begleitet. Gewiß nicht Stolz — die tiefen, unergründlichen Augen waren so wunderbar weich — und doch hatte sie etwas so Unnahbares, daß Niemand ihr zu nah zu treten wagte. Vom Anfang an war Lady Chateron interessant und geheimnißvoll und blieb es bis zum Ende. Ja, es war Edith — Edith, die nach Hause ging. Ihr Vater sehnte sich nach seinem Kinde. Hoffte sie noch andere Freunde zu sehen? Je näher sie Amerika kam, desto heftiger schlug ihr Herz; sie wurde ruhelos. Sie erreichte New-Iork, und schon am folgenden Tage reiste Lady Chateron ohne alle Begleitung nach Sandypoint. In der Dämmerung eines Augusttages betrat sie das Hcimathstädtchen und schritt langsam durch dessen Straßen. Vor drei Jahren hatte sie es verlassen, ein glückliches, hoffnungsvolles Mädchen von achtzehn Jahren, als einsame, trauernde Wittwe kehrte sie nun zurück. Wie verändert war Alles, und doch so bekannt! Hier waren die Läden, in die sie zu gehen pflegte, um Einkäufe für den Familienbedarf zu machen. Hier dehnte sich die lachende See aus, auf der Rudolf und sie zu schiffen pflegten. Dort lag die Wiese, auf der sie in jener Nacht sein Leben gerettet. Wäre es nicht besser gewesen, wenn damals Beide gestorben? Da war das Riff, wo er ihr unter strömendem Regen seiner Mutter Brief gegeben, worauf ihr Leben neu zu beginnen schien, dort die Thür, an deren Schwelle er gesagt: „Was auch immer die Zukunft Dir bringe, mich darfst Du nicht tadeln." Und sie tadelte ihn nicht. Das Glück des Lebens war vor ihr gelegen, sie hatte es von sich gestoßen. Die Thüre öffnete sich, und ein ältlicherMann trat heraus. Mit einemAufschrei derFreude lag sie in des Vaters Armen. Sie blieb eine Woche; wie bekannt schien ihr Alles und doch so fremd. DieKinder lärmender denn je; der Vater grauer, stirngefurchter; die Stiefmutter immer gleich sauertöpfisch, doch gegen sie höchst willfährig. Die Leute, die sie kannten, kamen sie zu sehen, oder starrten sie von Weitem an. Eine Zeitlang unterhielt sie das, dann überkam sie die alte Ruhelosigkeit und Sandypoint war, selbst um des Vaters willen, nicht mehr zu ertragen. Sie wollte in die Metropole zurückkehren, im Gewoge der Menschen würde sie Ruhe finden, hoffte sie. Und so ging sie, nachdem sie den Vater der materiellen Sorgen für die Zukunft für immer überhoben hatte. Die Zeit verstrich; sie traf alte Bekannte, von der Familie Stuart aber vermochte sie nichts zu erfahren. Sie war verschwunden, und Edith begann sich nach England zurückzusehnen, zu Tante Helena und Jnez, mit welchen sie ein behagliches Stillleben zu führen und zu vergessen suchen wollte. Vor ihrer Abreise machte sie noch einige Einkäufe. Sie betrat ein Magazin am Broadway und verlangte schwarzen Seidensammt zu sehen. Der junge Mann, der WWM MWWDtztz Prinz Max, Herzog zu Sachsen 604 sich zu ihrer Bedienung genähert, antwortete nicht, sie blickte auf und erkannte — Rudolf Stuart. (Schluß folgt.) .- Wacht in Uom Das Abendroth ist still verglühet, Verklungen längst der Glockenton, Der Römerherzen aufgefordert Zum Gruß der Mutter mit dem Sohn. Und leise nun hat sich gesenket Die Nacht herab auf's ew'ge Rom, Ich stehe sinnend hier am Fenster Und schaue nach St. Peters Dom. Da steht der hohe Riesenwächter, Die Hallen meines Gott und Herrn, In gold'nem Schimmer ihn beleuchtet Vom Himmel friedlich Stern bei Stern. Nun schau' ich hin zum Vatikane, Dort strahlet noch ein kleines Licht — Der Völkerhirt — der große Leo — Er wachet noch — er schlummert nicht. O vor Mariens reinem Bilde Er kniet jetzt noch vielleicht und fleht, Und himmelwärts die Engel tragen Für Christi Heerdc sein Gebet. Wir schlummern friedlich, und in Müben Der Hirte betend für uns wachr, Gruß dir, du treubesorgter Hirte, O heil'ger Vater, gute Nacht! Rom. Robertus, 8. v. 8. --vSSiSOVS—- Grönenbach. (Mit Illustration.) ' -—^Nachdruck verboten.) Die erste geschichtlich bekannte Erwähnung von Grönenbach, welches an einem subalpinen Hügel anmuthig erbaut ist, geht ins 8. Jahrhundert zurück, indem ein gewisser Gottschalk von Grönenbach im Kampfeder Schwaben gegen die Franken anno 727 gefallen ist. Die erste freiherrliche Familie in Grönenbach nannte sich bald nach Wolfertschwenden, Ochsenhausen und Grönenbach. Länger blühte die Linie von Grönenbach. Zu ihren letzten noch bekannten Gliedern gehören Volpert und Hatto; dieser bezeugte die Stiftung des Klosters Ochsenhausen 1099 und war auch Zeuge der bischöflichen Bestätigung des Klosters Ursberg 1130. Noch 1152 schenkte Ruppert von Grönenbach die „Jttelsburg" bei Grönenbach an Ottobeuren und gleichzeitig 1150 der edle Bertholt» von Grönenbach als Pfarrer daselbst ein Gut mit 9 Huben in Niederdorf an dasselbe Kloster. Das die Schicksale Grönenbachs bestimmende Geschlecht waren aber die Herrn von Rotenstein und ihre Erben, die Marschälle von Pappenheim, indem dieselben die bedeutendste Herrschaft innerhalb der Graf- schaft Kemplen, die gegen Kempten lehnbare Burg Rotenstein, innehatten. Schon frühe kamen nämlich auf unbekanntem Wege die Gemeinden Grönenbach, Zell und Woringen, welch letzteres 1414 für immer den Rotensteinern verloren ging, an dieses Rittergeschlecht. Auch Grönenbach war denselben einige Zeit entfremdet, denn es fiel erblich an Hans Rizner von Mem- hölz und kam von diesem an Hans Sürgen, geboren zu Vöhringen, welcher das Schloß und die Herrschaft Grönenbach an Conrad und Ulrich von Rotenstein verkaufte. 1460 besaßen Rotenstein Thomas und dessen Gemahlin von Crivelly, Grönenbach aber Ludwig von Rotenstein und dessen Gemahlin Utta von Hirnheim; beide waren ohne Leibes-Erben. Umsomehr aber lebten dieselben durch ihren frommen Sinn in Grönenbach fort. Nachdem nämlich vom Bischof Walther von Augsburg 1136 die herrlich auf einem Berge gelegene Pfarrkirche zu Ehren der hl. Apostel Philippus und Jacobus geweiht worden, wurde dieselbe von Ludwig v. Rotenstein 1479 zum Stiftscollegium mit reicher Dotation erhoben. „Ich, Ludwig v. Rotenstein, zu Leostein Ritter, will nach reifer Bedenkung, daß nichts gewisser als der Tod und daß nach demselben nichts folgt als die guten Werke, daß die genannte Pfarrkirche mit allen Nutzen, Gilden und Renten zu einem Stift und Collegtat gemacht werde. Der Decan soll mit den 12 Chorherrn bei einander in dem aufgebauten Stifte wohnen, bet einander essen, in einer Stube, an einem Tische, einer Tafel und aus einem Hafen, während der Lector vorliest. Sie sollen aus ihnen einen Schaffner wählen, der ihnen über Einnahmen und Ausgaben Rechnung thut; sie mögen einen Heiligpfleger setzen, der ihnen jährlich treulich Rechnung macht, die Kirch mit Glocken und allem Nothdürftigen und Zierde hält. . . Im Spital und in dem Schloß, wenn in demselben eine Kapelle ist, soll alle Tage Messe gelesen werden. . . Ich habe an Obgenannte Pfarrer gegeben: Gilden, Zehnten u. Renten rc., so meine Hausfrau Utta von Hirnheim gereicht und gestiftet. Ich gib an das Stift das Panholz mit all seiner Weide und das Holz im Hirschstall ..." An diese hochherzige Stiftung erinnert noch daS Doppelwappen an der Nordseite des großen Pfarrhauses. Desgleichen verdankt das frühere Spital sammt Kirche zum hl. Geiste, sowie das Frühmeßbenefizium in Altusried den genannten frommen Edelleuten ihre Entstehung, deren Andenken in dem schönen Grabsteine in der Pfarrkirche mit der Inschrift erhalten wird: ,,^rmo ävvaini 1482 am 8. Tag Mai starb der edle Herr Ludwig v. Rotenstein und Leostein Ritter, Stifter dieses würdigen Stiftes, Unno äonainl 1501 am 15. Tag April starb die edle Frau Utta von Hürnheim, sein Hausfrau. Den Gott gnad." Bon der einzigen Schwester Ludwigs, nämlich Corona, die letzte dieses Stammes, kam nun durch Heirath mit Haupt von Pappenheim und Erbeinsetzung die Herrschaft an die pappenheimische Linie. Aus dieser Ehe entsproß ihr einziger Sohn Alexander, unter dessen Befehle die schwäbischen Reichsstädte ihre Truppen nach Flandern sandten, um den 1488 in die Gefangenschaft seiner untreuen Bürger in Brügge gerathenen Kaiser Maximilian zu befreien. — Einer seiner vier Söhne, nämlich Wilhelm, vergröberte den pappenheimischen Besitz durch Ankauf von Jttelsburg. Dieses Dorf bildete nämlich mit der gleichnamigen Burg eine eigene, vom Stifte Kempten lehnbare Herrschaft, die den Herren von Jttelsburg gehörte, von diesen an das Kloster Ottobeuren kam, 1354 von Berchtold von Jttelsburg wieder ausgelöst wurde, 1400 an Franz v. Wauler fiel, sodann 1406 wieder an Ottobeuren verkauft und 1410 an Hug Gerwig von Rotenstein zu Albrechts veräußert wurde. Die Rotensteiner verkauften aber bald Jttelsburg an Conrad Leulkircher von M zier letzte Mit. Nach dem Gemälde von G. Urlaub 606 Memmingen, von welchem dasselbe an den Mitbürger Zwicker kam; Hans Zwicker erbaute auf der sogenannten Heidelburg eine neue Feste Jttelsburg, die aber schon 1457 von den Kemptern gebrochen wurde. Von den Erben dieses Zwicker, an dessen Herrschaft ein noch vorhandener Meßkelch mit Wappen in der Ftlialkirche erinnert, kaufte Dorf und Gericht Jttelsburg 1496 der genannte Wilhelm Pappenhetm. In der auf einem Hügelausläufer gelegenen Burg,Falken' behauptete sich der Woringer Zweig der Roten- steiner bis ins 15. Jahrhundert, wornach sie an Memminger Bürger veräußert, von Heinrich von Notenstein 1492 aber zurückgekauft und neu auferbaut wurde. 1558 starb Herr Wolf von Pappenheim, von welchem in der Pfarrkirche ein sehr gut erhaltenes Grabdenkmal erhalten ist, als des hl. römischen Reiches Erbmarschall noch gut katholisch. Er hinterließ 3 Söhne, nämlich Alexander, Philipp und Christoph, welche das hl. Land besuchen wollten. Zwei davon, Philipp und Christoph, haben aber ihren Entschluß in Venedig geändert und gingen in der Schweiz zur reformirten Kirche über. Philippus kam mit einem im Handel verunglückten Eisenkrämer aus Basel nach Grönenbach und brachte in und um Grönenbach seine Unterthanen nach dem in jener Zeit allgemein üblichen Grundsätze „vujua i6§io, ajua reli^io" d. h. daß der Unterthan dem Glauben seines Herrn folgen müsse, zu seinem reformirten Bekenntnisse und sicherte dieses dadurch, daß er nach langen Streitigkeiten mit der katholischen Linie seines Hauses zu Grönenbach 1577 eine Theilung des Vermögens des schon 1550 bis auf den Decan und einen Chorherrn zusammengeschrumpften Stiftes durchsetzte. Jeder der beiden Theile durfte un- genirt vom Andern zur Versetzung seiner Religion und des Gottesdienstes Personen annehmen, und zwar Alexander drei katholische Priester, zwei Alumnen, einen Schullchrer und Meßner, Philipp einen Prädicanten und Lehrer. Jeder katholische Priester soll 104 fl., der reformirte Prädicant und Lehrer zusammen 216 fl. und 24 Klafter Holz erhalten. Die Stiftskirche diente zugleich dem katholischen und reformirten Gottesdienste. Weßhalb das Stift Kempten, dem die Lehenshoheit und die hohen Gerichte über Grönenbach zustanden, nicht gegen das Eindringen der damals im Reiche noch nicht anerkannten reformirten Religion sofort Gegenmaßregeln ergriffen hat, bemerkt Dr. Baumann, bleibt räthselhaft; erst nach dem 1619 eingetretenn Tode des Marschalls Philipp, der in seinem Testamente 1613 die Erhaltung seines Glaubens in seiner Herrschaft seinen Erben eingebunden hatte, gingen der Fürstabt von Kempten und der Bischof von Augsburg, denen der Kaiser 1601 den Schirm über das Stift eigens anbefohlen hatte, gegen das reformirte Bekenntniß daselbst vor, vermochten aber die pappenheimischen Unterthanen nicht zu ihrer Kirche zurückzubringen. Die Herzöge von Bayern und Württemberg, denen der Kaiser die Regelung dieser Dinge übertragen hatte, bestimmten nur, daß in Grönenbach an die Stelle der reformirten die Augsburger Konfession zu treten habe. Diesen Entscheid nahm auch der Marschall Maximilian von Pappenheim an, indem er damals zustimmte, daß in Grönenbach Stift und Pfarrkirche ausschließlich den Katholiken, die Spitalkirche der Augsburger Konfession zugehören solle. Obwohl jetzt Marschall Maximilian in seinen Besitzungen die Memminger Kirchenord- nung einführte, so erhielt sich doch das reformirte Bekenntniß, weil die Wittwe des Marschalls Philipp im untern Schlosse den reformirten Prediger Langhaus predigen ließ, bis ihn die kemptischen Beamten im „Schulerloch" gefangen nahmen und ihm die Rückkehr nach Grönenbach verwehrten. Seitdem gingen die Grönenbacher Reformirten in die Kirche zu Herbishofen, wo die Landeshoheit der Pappenheimer ihren Glauben schützte, bis auch hier und zu Teinselberg der Kaiser 1630 die reformirten Prediger auswies. Sie wurden aber schon 1632 von den Schweden zurückgeführt, ja in Grönenbach ereignete es sich, daß die Schweden den dortigen lutherischen Prediger, also ihren Glaubensgenossen, beseitigten, für ihn einen reformirten Diener am Worte einsetzten und diesem auch die Stiftskirche überwiesen. Dieses endigte durch die Schlacht bei Nördlingen, die den Katholiken in Grönenbach die Herrschaft zurückgab. Als 1633 daS Hospital und die Spitalktrche abbrannten, ließ der Stiftsdecan den lutherischen Pfarrer wieder in die Stiftskirche; die Reformirten aber setzten ihre Religionsübung in der rotensteinischen Vogteibehausung fort. Endlich machte der westfälische Friede den bisherigen Streitigkeiten wenigstens auf einige Zeit ein Ende, indem am 19. März 1649 eine Signatur von der constanzischen und württembergischen Commission erlassen wurde, wornach den Reichsmarschallen Pappenheim das Patronatsrecht in der Stifts- und Pfarrkirche Grönenbach, wie es am 1. Januar 1624 hergebracht war, zurückgestellt wurde und sie den reformirten Gottesdienst in der Spitalkirche wieder einzuführen befugt sein sollten. Da aber diese abgebrannt war, wollten die Reformirten im oberen pappenheimischen Amtshofe eine Kirche erbauen, erhielten aber eine solche 1650 unten im Markte und einen Prediger nach pfälzischer Ktrchenordnung. Noch in demselben Jahre wurden die beiderseitigen Differenzen in folgender Uebereinkunft geschlichtet: Das Präsentationsrecht auf die Stiftsgetstlichen soll den katholischen Herrschaften zustehen; der Sttftsschaffner soll abwechselnd von Fugger und Pappenheim gewählt, aber immer katholisch sein; die Heiligenrechnung soll beiden Herrschaften zugleich gestellt werden; die Ftlialkirche in Jttelsburg nur den Katholiken gehören; der katholische Meßner soll gemeinschaftlich ernannt werden, in den Kirchen beider Confessionen dienen und von allen Pfarr- genoffen die Gefälle ziehen; der Spitalmeister soll gemeinschaftlich ernannt werden. Als die pappenheimischen Besitzungen 1692 an das Stift Kempten übergingen, übernahm Chursachsen die Gewähr, daß dort in Religionssachen alles ungestört bet dem bisherigen Zustande verbleiben werde. So blieb es auch im ganzen wirklich in Grönenbach, nur wurden die Reformirten angehalten, die katholischen Feiertage mitzufeiern, die Angabe im Heidelberger Katechismus wegzulassen, daß die hl. Messe eine vermaledeite Abgötterei sei. Eine in diesem Jahrhundert ausgebrochene Streitigkeit wegen Gefälle wurde gütlich dahin 1833 beglichen, daß die reformirte Kirchengemeinde sich verbindlich machte, die zur katholische Kirche reclamirten Renten ferners an die katholische Kirchenadministration abzuliefern und an den katholischen Meßner wie früher die normirten Natural- und Geldreichnisse zu verabfolgen habe. Die beiden Confessionen leben nun einem von Fremden oftmals bewunderten religiösen Frieden, welcher gottlob nicht auf dem psychologisch ungereimten und dogmatisch unsinnigen Satze des Lesebuchs für Sonntagsschüler beruht: „Ehre (anerkenne) fremden Glauben", sondern auf dem durch die bayerische Staatsverfaffung geforderten Motive: „der gegenseitigen Achtung." 607 Zum Verständnisse der äußern Geschichte müssen wir nachholend bet Alexander, dem katholisch gebliebenen Sohn des Reichsmarschalls Wolfgang, anknüpfen. Dieser starb als kaiserlicher Rath und Oberster, ein altlöblicher Regent, 1612. Seine Tochter Anna hatte sich 1611 an Philipp von Rechberg verheirathet, nach dessen Tod aber mit Otto Heinrich Fugger, Ritter des goldenen Vließes, und ihn, weil aus dieser Ehe auch kein Leibeserbe vorhanden war, zum Universalerben ihrer Güter eingesetzt. Dieser Fugger hat auf Seite der katholischen Liga und des Kaisers den 30 jährigen Krieg bis zu seinem Tode 1635 mitgemacht und sich durch Tapferkeit ausgezeichnet. Von Otto Heinrichs Nachkommen kaufte den Besitz Roten- stein 1693 und Grönenbach 1695 um 100,000 st. der unermüdliche Fürstabt von Kempten, Ruppert v. Bodmann, dessen Wappen noch den Kirchthurm der kathol. Pfarrkirche ziert. Unter diesem umsichtigen Regenten wurde auch das hiesige Bräuhaus erbaut und das im 16. Jahrhundert erbaute Schloß erweitert.Für dieFörderung der Landwirthschaft wurde auch vondenFürst» übten hierorts die Verein- ödung durchgeführt. Grönenbach bekam auch von denselben ein „Pflegamt", wozuGrönen- bach, Altus- ried, Lachen, Zell, Jttels- burg, Herbis- ried und Ziegelberg als einzelne Gemeinden gehörten, deren Vorsteher „Hauptmann" hießen, wie dieses jetzt noch ver Hausname auf einem Anwesen in Ziegelberg bekundet. Dieses Pflegamt hatte auch eine eigene Landschaftskasse, die gemeinsam von einem katholischen und reformirten Kassier verwaltet wurde; dasselbe hatte auch eine zehn- köpfige Landschaft, welche die ehedem pappenheimischen Unterthanen desselben mit Berücksichtigung der beiden Konfessionen — 7 katholische und 3 reformirte Pflegeausschüsse — wählten. Bezüglich des Collegiatstiftes kam zur Hebung und Festigung desselben zwischen dem Fürstabte Honorius von Kempten und Clemens Wenzeslaus, Bischof von Augsburg, am 1. Mai 1784 ein Uebereinkommen zustande, wornach das Stift niemals auf den Stand einer einfachen Pfarrei hätte reducirtwerden können; aber die unersättliche Säkularisation erklärte 1804 dasselbe für aufgelöst, und das reich dotirte Stift Ludwigs von Roten- stein zerfloß im Staatssäckel, wie auch am 19. März 1873 sein Schloß Rotenstein den Hügel daselbst hinabkollerte. Wohl hat die katholische Pfarrgemeinde 1814 und 1843 unterm Vicar, dem späteren Prälaten Merkle das Pfarr- vermögen, welches mit dem Stifte seinerzeit unirt worden, durch wiederholte Vorstellungen zurückerhalten wollen, allein dieses wiederholte Untertauchen zur Holung des „goldenen Bechers" blieb erfolglos. Auch für den Chorregenten waren die täglichen 3 Glas Bier aus dem ärarialischen Bräuhause verloren, indem solche Bezüge als bloße gratis, krinoipiZ des Fürstabtes vom Aerare erklärt wurden. Von diesem Schicksalsschlage der Säcularisaiion ist aber die mit dem hiesigen Collegiatstifte incorporirte Pfarrei Zell mit ihren Groß- und Kleinzehnten verschont geblieben. Von den Decanen des Stiftes verdienten der Mitwelt zum dankbaren Andenken besonders erwähnt zu werden: Andreas Weiß, 1589—1613, welcher die Bibliothek sehr bereicherte; Georg Megglin, welcher 1663 die Stiftskirche restaurirte; Georg Huber, welcher bei seinem Tode 1762 bet 3000 fl. zum salestanischen Seminare in Dillingen vermachte,damit von deren Zinsen Stu- dirende der katholischen Pfarrei unterstützt werden, eine für eineLand- gemeinde seltene und noch jetzt wohlthätig wirkende Stiftung. Auch die noch in unserer Gegend existtr- enden Geschlechter der „Dodel* und „Epple" hatten Decanats- und Canonikersitze in Grönenbach inne. Desgleichen gab Grönenbach auch der Kunst und Wissenschaft seinen Zoll, z. B. in dem theologischen und kanonischen Schriftsteller Benedict Schmier, 1682 — 1744, und in dem Kupferstecher Johann Gottlieb, welcher 1739 daselbst geboren und dessen Werke seinerzeit beliebt waren. An diese geschichtlichen Notizen sollen sich zum Schlüsse einige Züge von dem Bilde reihen, welches das jetzige, 1485 zum Marktflecken erhobene Grönenbach darbietet. Oben auf dem Berge steht weithin im Jllerthale sichtbar die dreischiffige, gothische, neu restaurirte Hallenkirche mit einer geräumigen romanischen Krypta, auf deren Kreuzgewölbe der Chor ruht und die 1884 wieder dem gottes- dienstltchen Zwecke zurückgegeben wurde. Auch die reformirte Kirche, früher Spitalkirche, hat seit 1880 durch einen neuen Thurm mit pfarrlichem Geläute eine Verschönerung erfahren. Wenn auch 1879 das Landgericht aufgehoben wurde und in dem Schlosse eine Lehranstalt für Photo- Grönenbach. Original-Aufnahme von Gustav Baader, Photograph in Arumbach (Vervielfältigungsrecht vorbehattenf 608 graphie rc. sich nun befindet, so ist doch der nahe herrliche Tannenwald mit seinen einladenden Spaziergängen und unerschöpflichen Heidelbeerplätzen, sowie die lohnende Aussicht vom „Kornhofer Bänkle" undvom „Sommersberg" auf einen sehr großen Theil der Alpenkette geblieben, und jeder Besucher kann in dem an drei Weihern idyllisch gelegenen Bad Clevers durch eine erquickende Cur Körper und Geist erfrischen. Quellen: Geschichte des Allgäus von vr. Baumann; Acten des katholischen Pfarramtes Grönenbach; Intelligenz- blatt des Jllerkreises 1816 x. 447 ff. -- Zu unseren Bildern. Prinz Ferdinand von Hourdon «nd seine Drrlobte, Prinzessin Maria von Daqern. Prinzessin Maria, die Zweitälteste Tochter des präsumtiven Thronfolgers Prinzen Ludwig, hat sich mit dem PrinzenFerdinand, Herzog von Calabrien, verlobt. Am 6. Juli 1872 in Villa Amsee bei Lindau, der Besitzung ihres Vaters, geboren, genoß sie, gleich ihren zahlreichen Geschwistern, eine vortreffliche Erziehung, wie denn das Familienleben im Elternhause als muster- giltig allgemein anerkannt wird. Die Prinzessin ist geistig und körperlich bevorzugt; sie zeichnete stcb von jeher durch Anmuth, Natürlichkeit, gewinnende Liebenswürdigkeit, vor allem aber durch rührende Herzensgüte aus. Zu Idealen neigend und von Wissensdrang beseelt, erwarb sie sich hervorragende Kenntnisse auf dem Gebiete der Litteratur, der Kunst und besonders der Gesckichte: sie beherrscht fast alle neuern Sprachen, zeichnet und malt mit auffallender Begabung und hat im Klavierspiel eine Fertigkeit erlangt, die weit über den gewöhnlichen Dilettantismus hinausgeht. Dabei zeigten sich stets als Grundzüge ihres vorzüglichen Charakters schlichte Einfachheit, Frische der Anschauung und Streben nach Wahrheit. Bereits von frühester Jugend an körperlich abgehärtet, ist die schlank und elegant gewachsene, holdselia erblühte Prinzessin eine tüchtige Touristin und erklärte Freundin des Schwimm- und Rudersports. Kein Wunder, daß die so glücklich Veranlagte nicht nur im Elternhaus- sozusagen auf den Händen getragen, sondern auch von allen, die ibr nahe stehen, geliebt und verehrt wird. Erbprinz Ferdinand Pins von Sizilien, wurde am 25. Juli 1869 zu Rom geboren. Er ist der Sohn des Grafen Alfons von Caserta, eines Halbbruders des Königs Franzll. von Sizilien. Nach dem vor zwei Jahren erfolgten Tode dieses Fürsten nahm Prinz Alfons alle Rechte und Titel des Verstorbenen für sich in Anspruch, erklärte jedoch, vorläufig den Titel „Graf von Caserta" führen zu wollen. Durch seinen vor elf Jahren verstorbenen Oheim, den Grafen Ludwig von Trani, der die Prinzessin Mathilde von Bayern als Gemahlin heimgeführt hatte, ist der Bräutigam, der in spanischen Militärdiensten steht, bereits mit dem Wittels- bacher-Hause verwandt. _ Prinz Max. Herzog zu Dachse«. Durch die am 26. Juli d. I. in der Schutzenaelkirche zu Eichstätt von dem apostolischen Vicar des Königreichs Sachsen Bischof vr. Wahl an dem Prinzen Max, Herzog zu Sachsen, vollzogene Priesterweihe in Verbindung mit der Primizfeier des prinzlichen Priesters in der Josephinen-Stiftskirche zu Dresden am 1. August ist eine Angelegenheit zum Abschluß gekommen, über die seit 1893, in welchem Jahre Prinz Max aus freien Stücken den bunten Rock des Ulanenoffiziers mit dem schmucklosen Kleide des Priesterseminarzöglings, die freundliche Garnison Oschatz mit den stillen klösterlichen Räumen von Eichstätt vertauschte, gar viel geredet und geschrieben worden ist. Bei der Priesterweihe des Prinzen Max von Sachsen waren auch sein Vater und seine Geschwister zugegen, an der Feier des ersten heil. Meßopfers betheiligten sich außer diesen seinen nächsten Verwandten und den ersten katholischen Geistlichen des Königreichs Sachsen auch das sächsische Königspaar, sowie die Bischöfe von Eichstätt, Frhr. v. Leonrod, und von Straßburg, vr. Fritzen; jener hatte den Prinzen zum Priesterberuf vorbereitet, dieser war der Religionslehrer seiner Kindheit gewesen. Die Festvredigt bei letzterer Gelegenheit hielt der Dresdener Bischof vr. Wahl, dem seinerzeit der Prinz die erste Mittheilung davon gemacht hatte, daß er in den Dienst der Kirche einzutreten Willens sei. Der Vater des Prinzen Max, Prinz- Feldmarschall Georg, war vom ersten Augenblick an mit dem Vorhaben seines Sohnes einverstanden, und der Papst hatte dazu im August 1893 seinen Segen gesandt. Am 28. August 1893 erhielt Prinz Max vom Bischof Frhrn. v. Leonrod zu Eichstätt bereits die Tonsur. Die hervorragenden Theologen von Eichstätt — so sagte Bischof vr. Wahl in seiner Festpredigt — fanden gar bald, dast dem jungen Wettiner alle Eigenschaften die dem Priester nöthig sind, soll er in Segen wirken, in hohem Grade eigen waren, unk bei der Primizfeier in Dresden verlieh ihm nun der Festprediger unter Hinweis darauf, daß er sich selbst nach absolvirvm Studium der Rechtswissenschaften an der Landesuniversität Leipzig bereits den Doctortitel erworben, den Ehrentitel eines voetor wissriooräiao: das sei ein Lehrer und Meister der Barmherzigkeit! Das Priesterkleid, das Prinz Max trug, als er in der Josephinen-Stiftskirche zum ersten Mal die heil. Messe celebrirte, hatte ihm Königin Carola eigenhändig gestickt. Das Wort aber. das Bischof vr. Wahl am Schluß seiner Predigt dem jungen Priester mitgab auf seinen fernerm Lebensweg und als Leitstern des selbstgewählten Berufes, lautete: „Und nun ziehen Sie hinaus und üben Sie mit Milde und Umsicht, nicht mit Härte Ihr Amt!" Prinz Max steht nun, wie j der andere Priester, im Dienste der heiligen katholischen Kirche und ist bereits segensreich in der Seelsorgern London thätig. _ Der letzte Dill. Sternenhell ist die Sommernacht, Und es spielt der Mondenschein Am Brombeer hin, der überdacht Der Felsen nacktes Gebein. Ein Geist geht um in der Sommernacht,i Ahnend zittert das Laub. Silberblitze werden entfacht, Wo der Huf aufwühlt den Staub. Ein Reiter zieht in stillem Trab ^ Wobl über das Heidemoor. Walküren schweben hinab, hinab Und locken die Seele empor. Gleich wie ein Regen von Blüthenschneej Rieselt des Mondes Licht. Der Rei'er starrt in wildem Weh In ein mondfahl Leichengesicht. „Deiner Wange Rose glühte so warm, Der Sieg zur Seite dir ging, Stolzliebliche Maid dir ruhte im Arm, Hell blitzte dein Panzerring. O Todeswunde, du Nordlicht roth! O Welt, du Wüste von Eis!" Er küßte den Sohn, und der war todt. Mit dem Tod ritt heim der Greis. Karl Bleibtreu. Kreuzcharade. 1 2 3 4 So lang' es eine Menschheit gibt, Hat's auch gegeben 1 und 2, Bald überschätzt, verehrt, geliebt, Und bald in stumpfer Sklaverei. 3 4 ist als Befehl gemeint, Auch nennt es einen Menschenfreund. 3 2 sei, wo die Noth ist, gern. 4 2 verräth des Fasses Kern. 1 4 wiegt sich auf starken Schwingen Weit über 2 3, Thäler, See'n; Willst 3 14 nach Haus du bringen, Mußt in's 3 4 3 oft du geh'n. Auflösung des Aritbmogriphs in Nr. 78: LisbuLn. — Inn, Lahne, Dann, 4.sien, Lahn, Nase. --SÄ888SS- -- ostzeMW LL 8V. IreiLag, den 25. September 1898. k?ür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer vr. Max Huttler). Ein furchtbares Geheimniß. Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary AgneS Flemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch. (Schluß.) 8. Kapitel. Vergeben und vergessen. Rudolf Stuart, das Original des Bildes, das Tag und Nacht auf ihrem Herzen ruhte. Ihr schwindelte vor Ueberraschung, sie lehnte sich an den Ladentisch und blickte ihn ungläubig an. „ Rudolf I" „Edith!" Ja, es ist seine Stimme, sein Lächeln, er reicht ihr die Hand über den Ladentisch. Sie sinkt in einen Stuhl, Alles schien sich zu drehen, ihr Herz hüpft vor Freude, sie hatte den wiedergefunden, nach dem sie unbewußt sich gesehnt. Rudolf faßte sich zu erst, wenn er die Fassung überhaupt verloren hatte. „DaS ist einmal eine Ueberraschung", sagte er, «ich glaubte, Du seiest abgereist." „Wußtest Du, daß ich hier war?" „Natürlich, ich lese täglich den Anzeiger und weiß folglich, welche vornehme Fremden ankommen. Nach Deinem Befinden brauche ich nicht zu fragen, Du sahst nie besser aus." „Du wußtest, daß ich hier sei", rief sie vorwurfsvoll, „und besuchtest mich nicht? Wußte Trixy es nicht?" „Nein, ich glaube es wenigstens nicht; denn wenn sie es irgendwie erfahren, hätte sie unfehlbar davon gesprochen und sich vielleicht auch die Freiheit genommen, Dich zu besuchen." Mit stummem, schmerzlichem Tadel erhob sie ihr Auge zu ihm. Er steht unbefangen vor ihr, spricht in gleichgiltiger Weise und sieht aus, als habe er jede Erinnerung der Vergangenheit begraben. „Darf ich Deine Mutter besuchen?" fragte Edith nach einer Pause verlegen» „ich möchte sie so gerne wiedersehen." „Gewiß, es wird sie sicherlich sehr frenen, wenn Lady Chateron sie beehren will." Er sprach mit der alten Nonchalance, aber mit der deutlichen Absicht, sie nicht zu verschonen. „Hier ist die Adresse", fuhr er fort, „wir bewohnen allerdings kein aristokratisches Quartier, und Trixy kommt vor sieben Uhr nicht nach Hause. ^ Sie ist in einer Mode- waarenhandlung in Kondition, ich hole sie gewöhnlich nach Ladenschluß und begleite sie dann nach Hause." Kleinlaut und mit bebender Hand nahm Edith die Karte. „Ich will gleich hingehen und bei Deiner Mutter warten bis Trixy kommt." „Wie Dir's beliebt; ich bedaure nur, Dich nicht begleiten zu können, meine Stelle verhindert das natürlich." Wie träumend verläßt Edith den Laden und fährt in die betreffende Straße. Die angegebene Adresse ist ein großes Miethhaus; sie eilt die Treppe hinauf, läutet, und Mrs. Stuart öffnet die Thür. „Tante Lotte!" „Mein Gott! Edith, Du bist's?« Ja, Edith küßt und umarmt. sie und seht sich in dem kleinen Zimmer neben die überraschte Matrone. Wie ganz anders ist eS hier, als einst in der Pracht des Hauses in der fünften Avenue, wie anders das schwarze Alpaccakleid, als die schwere Seide, die echten Spitzen der damaligen Zeit! Tante LottenS gutmüthiges Gesicht aber ist das gleiche. Tausend Fragen wurden gestellt und beantwortet. „Und so bist Du so jung Wittwe geworden, armes Kind", sprach die Tante bedauernd, „Hauptmann Ham- mond schrieb es uns, er steht mit Trixy noch immer in Correspondenz." „Ja, es waren trübe Zeiten; wie aber ist eS gegangen, Tantchen?" „Anfangs sehr schlimm; mein Mann erlag dem Jammer. Alles wurde verkauft, wir sahen uns am Bettelstab. Arbeit war schwer zu erhalten. Ich erkrankte und Rudolf verzweifelte beinahe. Alle alten Freunde waren verschwunden, und hätte uns die Vorsehung nicht Julie Seton geschickt, wir wären zu Grunde gegangen." „Wer ist Julie Seton?" „Sie war eine Jnstitutsfreundin von Trixy; ihre Eltern geriethen früher ebenfalls in beengte Verhältnisse, und sie kam uns wie ein Engel zu Hilfe. Ihr verdankt Trixy ihre Stelle, mich pflegte sie wie eine Tochter, und Rudolf beruhigte und erheiterte sie in den schwärzesten Stunden." „Ist sie jung?" fragte Edith beklommen. „In Trixy's Alter und sehr geistreich. Sie hatte die litterarische Bahn betreten und befindet sich in ganz behaglichen Verhältnissen. Wir zählen sie ganz zu unserer Familie, und ich glaube, sie wird auch heute mit Rudolf und Trixy kommen, sie sind immer beisammen. DaS er« 61V iNNttt mich, daß es Zeit ist, Thee zu machen, Du entschuldigst mich wohl gütigst." Sie geht, und Edith sitzt im kleinen Zimmer allein. Ihr ist schwer um's Herz; was sie verloren, hat die brave Julie wohl gewonnen. Sie verdient es, und doch empört sich ihr Herz bei diesem Gedanken. Die Minuten verstrichen langsam; es ist beinahe sieben Uhr. Wie wohl Trixy sie empfangen würde? Hatte sie großmüthig die Vergangenheit vergessen, oder würde sie es sie fühlen lassen gleich dem Bruder? Mrs. Stuart richtete den Tisch; wie sonderbar, Tante Lotte arbeiten zu sehen! Bald ist Alles bereit, das Aroma des Thees durchzieht duftend den Raum. Auf der Treppe machen sich Schritte hörbar, die Thür fliegt auf, und Trixy ruft laut: „Ist der Thee fertig, Mama? Julie und ich sind entsetzlich hungrig. Wie im Salon; feierlich gedeckt! Besuch?" Edith erhebt sich bleich. Trixy sieht die regungslose Gestalt und fährt mit einem Schrei zurück. „Trixy!" „Sie ist's, sie ist's!" ruft sie, stürzt auf Edith zu und umarmt sie, lachend, weinend und küssend in einem Athem. 9. Kapitel. Der Abschied. Der Empfang war nicht kalt, die unangenehmen Erinnerungen der Vergangenheit waren vergessen, Trixy's warmes Herz kannte nur Liebe und Vergebung. „O Edith, wie freue ich mich, Dich wiederzusehen?" ruft sie jubelnd, „aber Rudolf, wo bist Du, kennst Du Edith nicht?" „Gewiß kenne ich sie und sagte ihr auch. Du würdest Dich freuen, sie zu sehen." „Sagtest es ihr, wo? Wann?" „Heute Nachmittag im Laden, wo sie schwarzen Seidensammt wollte, den sie, nebenbei bemerkt, nicht bekam. Erlaube mir übrigens, Edith, Dich offiziell zu versichern, daß wir ein schönes Sortiment auf Lager haben. Aber, Trixy, wo sind Deine Manieren, Du hast ja Julie noch nicht vorgestellt. Da muß ich wohl den Eerrmoniennreister machen: Lady Chateron, Miß Seton." Beide verbeugten sich und betrachteten sich forschend. Edith sah ein junges Mädchen vor sich, nicht schön, aber sehr anmuthig. Die blauen Augen, der lächelnde Mund mußten sofort die Herzen gewinnen. Es war eine gefährliche Rivalin. „Lady Chaterons Name ist mir geläufig", lachte Miß Seton, „Trixy erwacht mit ihm und geht mit ihm zur Ruhe. Lady Chateron weiß nicht, wie eifersüchtig ich bisher auf sie gewesen." Mit Thränen in den Augen reichte Edith der Cou- ,me die Hände. „Du liebe, liebe Trixy!" rief sie gerührt. „So, nun laufe ich fort", sagte Julie, „Tantchen wartet auf mich, und Trixy wird tausend Dinge zu sagen und zu fragen haben. Nein, Trixy, kein Wort, Rudolf, was thun wir mit Ihrem Hut? Legen Sie ihn gleich Weg, ich brauche Sie nicht und gehe lieber allein." „Als wenn ich das erlauben würde." Er blickte sie lächelnd an, und Edith fühlte alle Dualen der Eifersucht, als die Beiden plaudernd sich entfernten. «Ist Julie nicht ein liebes Ding?" fragte Trixy, „und was ohne sie aus uns geworden wäre, mag ich nicht denken, gewiß ist, daß sie Mama'8 und Rudolf's Leben rettete." „Sein Leben?" stammelte Edith. „Es war eine schreckliche Zeit, wir verhungerten buchstäblich. All' unsere alten Freunde hatten uns verlassen, Arbeit fanden wir nicht, zum Betteln schämten wir uns. O, hättest Du damals den armen, hohläugigen Rudolf gesehen, sein Anblick hätte Dich tief bewegt. Den lieben langen Tag suchte er Beschäftigung und kam immer wieder enttäuscht, müde und verzweifelnd heim. In einer regnerischen Abendstunde fand ihn Julie am Fluß. O, Edith, er war nicht so sehr zu tadeln, ich glaube, er war nicht mehr bei sich. Was sie that oder sagte, weiß ich nicht, aber sie brachte ihn uns wieder. Am nächsten Tage sandte die Vorsehung den Platz im Laden. Ich weiß nichts von seinen geschäftlichen Vorzügen, aber er ist bei den Damen sehr populär. Wenn andere Com- mis beredt die Waaren anpreisen, schweigt Rudolf und läßt die Kunden reden. Faktum ist's, daß man ihn sehr gern hat. Du siehst, daß eS uns nun gut geht, ich habe beinahe ganz vergessen, daß wir einmal reich waren, schöne Kleider trugen und kostbar tafelten." „Bist Du glücklich?" fragte Edith erstaunt. „Ganz glücklich, und nun ich Dich habe, kenne ich keinen Wunsch mehr." Edith seufzte tief und verglich ihre Feigheit Mit Trixy's Muth, ihre Härte mit deren Großherzigkeit. Eine peinliche Pause folgte. „Seit wann bist Du in New-Iork?" fragte Trixy, „und ist es wahr, was Hammond schrieb?" „Was schrieb er?" „Daß es Unannehmlichkeiten gegeben und Du und Dein Mann Euch am Hochzeitstage getrennt hätten. Wir wollten es natürlich nicht glauben." „Es ist wahr, wir trennten uns am Hochzeitstage, um erst an seinem Todtenbette unS wieder zu vereinigen. Doch ich darf davon nicht sprechen. Zwei Jahre sind dahingegangen, mein Schmerz aber ist sich gleich geblieben. Ich war ein elendes, gewinnsüchtiges Geschöpf und er der beste, edelste Mann. Gottlob, daß wir versöhnt geschieden. Doch lassen wir die trübe Vergangenheit, sag' Du mir lieber, ob mit Deinem Glücke Hauptmann Ham- mond zu schaffen hat." „Nun, Dir kann ich's sagen, daß wir um Weihnachten Hochzeit haben." „Hochzeit?" „Ja, wir verlobten uns vor drei Jahren, als wir England verließen. August wollte damals gleich hei- rathen, davon aber konnte natürlich keine Rede sein. Wir waren verarmt, und er hatte nur seine Gage und seine Aussichten. Kürzlich nun kam ein schwarzgeränderter Brief und brachte die Kunde, daß seine Großmutter gestorben und August zum Erben eingesetzt habe. Um Weihnachten will er kommen, und, Edith, er ist ein guter Mensch und ich bin das glücklichste Mädchen in New-Aork." „Du wirst dann wohl in Schottland leben?" „Natürlich, die Mutter bleibt bei Rudolf, und Julie wird meine Stelle ausfüllen; wäre sie nicht eine reizende Schwägerin? Doch, da kommt Rudolf, trinken wir endlich Thee, ich habe gräulichen Hunger." Die kleine Lampe wurde angezündet und das Abendbrod eingenommen. 611 — Edith fühlte sich fremd, zwischen ihr und Rudolf lag eine nicht zu überbrückende Kluft. Sie erhob sich bald, um zu gehen. Umsonst bat sie Trixy noch länger zu bleiben. „Soll Rudolf einen Wagen holen?" fragte die Tante, „oder gehst Du lieber?" „Sie wird gehen", bemerkte der junge Mann plötzlich, „und ich begleite sie." Die Nacht ist sternenhell und herrlich. Die alten Zeiten kehren wieder, das alte Gefühl zufriedener Ruhe, mit dem sie sich auf Nudolf'S Arm stützte. „O, wie heimisch ich mich fühle", rief sie, „mir ist, als hätte ich erst gestern Sandypoint verlassen, als zeigtest Du mir wie damals die Wunder New-Iorks." „Erinnerst Du Dich, was ich damals zu Dir sagte? Hast Du in den drei Jahren nie gewünscht, ich möchte Dich nicht von Sandypoint weggeholt haben?" „Nein; ich habe auch Niemand getadelt, als mich. Meines Lebens Unglück habe ich mir selbst geschaffen; käme aber Alles noch einmal, ich ginge wieder. Ich habe viel gelitten, aber auch geliebt." „Ich freue mich, das zu hören, es hat mich oft beunruhigt. Um zu erfahren, ob Dn mich tadelst, wollte ich Dich heimgeleiten und um —", er stockte, „um Dir Lebewohl zu sagen." „Lebewohl?" wiederholte sie erbleichend. „Ja, und nachdem unsere Lebensbahnen so weit auseinandergehen, ein Lebewohl auf immer. Morgen reise ich nach Saint Louis, wo unser Haus eine Filiale hat und ich dauernd bleiben werde. Die Firma schenkt mir Vertrauen, es eröffnen sich mir glänzende Aussichten. Zu Weihnachten kehre ich allerdings wieder auf kurze Zeit hierher zurück. Trixy wird Dir gesagt haben, weshalb, dann aber bist Du wohl wieder nach England abgereist." „Trixy hat mir nichts gesagt", antwortete Edith und wunderte sich über die Festigkeit ihrer Stimme. „Nicht? Und da soll das Zeitalter der Wunder vorüber sein? Trixy bewahrt Geheimnisse! Nun, ich kehre zur Hochzeit wieder, und nach derselben begleitet mich die Mutter in meine westliche Heimath." Edith ist wie betäubt, sie versteht nichts. Die „Hochzeit" ist natürlich feine Hochzeit mit Julie Seton; Trixy hat sie in ihrer Aufregung ganz vergessen. Sie fühlte, oaß die Zeit des Leidens nun erst recht für sie begann. „Ich wünsche Dir von ganzem Herzen Glück." „Nun ja", entgegnete er kalt, „eine Heirath in der Familie ist stets ein Gegenstand der Glückwünsche, und ich muß sagen, sie hat sich als das beste, bravste Mädchen erwiesen. Wie lange gedenkst Du noch in New- Uork Zu bleiben?" „Ich werde sofort abreisen." Sie waren dem Hotel nahe. Unwillkürlich klammerte sie sich au Nudolf'S Arm. Ihr war's, als müßten in fünf Minuten die Wasser tosend über ihrem Haupte zusammenschlagen und Alles ein Ende haben. „Hier sind wir", sprach er, „ich freue mich, Edith, daß Du die Vergangenheit nicht bereust und die Zukunft reich und schön vor Dir liegt. Und nun leb' wohl, Gott segne und behüte Dicht" In stummem Schmerz hebt sich das Auge zu ihm, und er ahnt, daß Edith ihn liebt, daß das Herz, für das er sein Leben gegeben hätte, endlich ihm schlug. Er hält ihre Hand und blickt ihr tief ins Auge. Jemand geht vorüber und sieht sich um. Rudolf will auf der Straße keine Scene veranlassen. „Lebewohl!" ruft er nochmals, drückt ihr die Hand und eilt fort. Wie eine Statue steht Edith, sie fühlt, daß er auS ihrem Leben gestrichen war. 10. Kapitel. Zum zweiten Male vermählt. Am nächsten Morgen kam Julie Seton, um Rudolf Adieu zu sagen. Bleich nimmt er von ihr Abschied. Edith's stummflehendes Auge hatte ihn die ganze Nacht hindurch verfolgt, folgte ihm nach, noch als der Zug westwärts dampfte. Edith liebte ihn. Er halte es nie bezweifelt, nun aber brauchte er nur ein Wort zu sagen und sie würde ihm die Hand reichen, und Arbeit und Trennung wären vorbei auf ewig. Dieses Wort aber wollte er nie sprechen; was Edith Darrell ihm einst verweigert, sollte Lady Chateron mit all' ihrem Reichthum von ihm nicht erlangen. In Saint Louis fand er keine Zeit, sentimentalen Gedanken nachzuhängen, im Herzen des Amerikaners erstickten Geschäftsangelegenheiten der Liebe zarte Saat. Ein Brief von Trixy meldete, daß Edith i« Laufe der folgenden Woche nach Europa zurückkehren werde. „O Rudolf, warum muß sie überhaupt gehen? Wenn Edith Darrell Dich lieb hatte, ist das bei Edith Chateron um so wehr der Fall; sie erzählte mir die Geschichte ihrer Ehe, und Niemand kann sie tadeln." Ernst und gedankenvoll liest er den Brief, aber er erschüttert nicht seinen Vorsatz. Die Tage vergingen; eines Abends erhielt er ein Telegramm: „New-Iork, 28. Oktober 1670. Edith gefährlich erkrankt, ist sterbend. Komme sofort. Beatrics." Er laS es wieder und wieder. Edith am Sterben. Da fühlte er, daß all' seine Härte und Gleichgiltigkeit nur erkünstelt waren, eine Mauer von Hochmuth, welche die leiseste Berührung einstürzen ließ, daß die alte Liebe sein Herz noch entflammte. Er reiste, nachdem er feine Anordnungen getroffen, Tag und Nacht, und stand endlich bleich und müde an der Mutter Haus. Eine Ewigkeit hattte ihm die Fahrt geschienen. „Komme ich zu spät?" fragte er heiser. „Nein, sie lebt noch", entgegnete Trixy weinend. „Was fehlt ihr?" „Der Arzt erklärt es für Gehiruiyphus und gibt sie auf." «Ist keine Hoffnung?" „So lange sie lebt, ist Hoffnung! DaS Schlimmste ist, daß ihr am Leben nichts liegt, daß sie nichts zn haben scheint, wofür zu leben ihr der Mühe werth dänchte. „Mein ganzes Leben ist ein Mißgriff", sagte sie zu mir. „Stolz und Selbstsucht führten mich auf falsche Wege, und es ist besser, wenn ich sterbe." In den ersten Tagen ihrer Krankheit machte sie ihr Testament und vererbte Dir beinahe Alles, worüber sie frei verfügen kann. „Bei Lebzeiten hätte tch mir nicht erlaubt, ihm etwas anzubieten", meinte sie; „der Todten Wünsche sind heilig. Mein ganzes Leben lang habe ich ihm nur Kummer und Enttäuschung bereitet, mein letztes Gebet soll ihm Glück erflehen." Wenn sie phantafirt, K12 ruft sie immer nach Dir, bittet Dich, wiederzukehren, ihr zu vergeben, und deshalb telegraphirte ich." „Weiß sie das?" „Nein, sie wollte, daß ihre Leiche in Sandypoint neben ihrer Mutter beerdigt und nicht nach England geschickt würde. Du solltest erst nach ihrem Tode die Geschichte ihrer Heirath erfahren; soll ich sie jetzt Dir erzählen ?" Rudolf nickte. Leise erzählte Trixy Alles; es war bereits dunkel, als sie endigte. Regungslos hörte er ihr zu. „Wann darf ich sie sehen?" fragte er endlich. „Wann Du willst, der Arzt glaubt, Deine Anwesenheit dürfte gut thun. Gegenwärtig ist die Mutter bei ihr. Julie pflegt sie aufopfernd, und denke, sie meint, Du seiest mit Julie verlobt." , Eine halbe Stunde später betraten die Geschwister daS Krankenzimmer. Die Patientin befindet sich sehr schlimm, und mit besorgten Blicken betrachtete sie der Arzt. „Ihre Gleichgtltigkeit gegen den Tod ist das Aergste", sprach er, „wenn sie sich zum Leben zwänge, wäre sie vielleicht zu retten." Langsam und widerstrebend trat Rudolf näher. „Großer Gott, ist das Edith?" rief er und sinkt in einen Stuhl neben ihr Bett. Sie erwacht, die Lider heben sich, das dunkle Auge trifft Rudolf. „Rudolf!" flüsterte sie kaum hörbar und ein Strahl ruhiger Freude fliegt über das bleiche Gesicht. „Dachte ich's doch, daß es nicht schaden würde", nickte der Arzt zufrieden, „lassen wir die Beiden eine Zeit lang allein, meine Damen, es dürfte von günstiger Wirkung sein. Ich bitte Sie jedoch, Mr. Stuart, die Kranke nicht durch vieles Reden aufzuregen." Die Mahnung schien überflüssig; er war nicht zum Sprechen geneigt. Er hält ihre Hand fest, legt sein Gesicht auf ihr Kiffen und schweigt. So verstrichen mehrere Minuten. „Wann kamst Du, Rudolf?" fragte Edith schwach. „Vor einer Stunde." „Wer sandte nach Dir?" „Trixy. Aber Du sollst nicht sprechen, Edith." Wieder legte er sein Haupt auf ihr Kissen. „Ich glaube, Du weinst, Rudolf, hassest Du mich also doch nicht?" „Dich hassen?" war seine einzige Antwort. „Einst sagtest Du's, und ich verdiente es. Wenn ich todt sein werde und sie Dein glückliches Weib ist —" Ihre Stimme brach; selbst im Tode war ihn zu verlieren bitterer, als der Tod. „Wer?" „Julie; sie ist Deiner werth und ich war eS nie. Sie liebt Dich und —" „Du irrst; Julie liebt mich wie Trixy auch, sie ist meine zweite Schwester. Was ich auf dem See von Killarney gesagt, werde ich halten wein Leben lang. Wenn Du mein Weib nicht sein kannst, will ich nie heirathen. Kein Wesen der Welt könnte mir sein, was Du mir warst und bist." Eine Pause. „Endlich, endlich, wenn eS zu spät ist!" „O Rudolf, wie ganz anders würde Alles sich gestalten, könnte ich die Vergangenheit zurückrufen. Ich glaube aber, ich würde glücklicher im Grabe ruhen, stünde Edith Stuart auf meinem Leichcnsteine." Er beugte sich über sie. „Also müßte es Dich lebend und todt glücklicher machen, mein Weib zu sein?" „Es ist zu spät", flüsterte sie. „Es ist nie zu spät, wir lassen uns noch heute Nacht trauen." „Rudolf!" „Du darfst nicht mehr sprechen; ich werde Alles besorgen und einem mir bekannten Priester die Sachlage erklären. O Geliebte, Du solltest längst mein Weib sein, und selbst dem Tode trotzend, mußt Du eS noch werden." Er eilte fort; Edith hat das Gefühl, daß sie so glücklich gewesen, endlich würde sie Nudolf's Weib sein. Ruhig und entschieden theilte er den Ucbrigen die Sachlage mit. „Die Aufregung tödtet sie", bemerkte der Arzt, „ich werde solch' dramatische Effekte nicht zugeben." Aber er läßt sich doch bereden. ^ Dem Priester ist eine Heirath auf dem Todtenbette nichts Neues. Die zehnte Abendstunde wird bestimmt und Beatrice und Julie treffen die wenigen Vorbereitungen. Sie zieren das Zimmer und das Lager mit Blumen, hüllen Edith in ein weißes Nachtgewand und richten sie in den Kissen auf. In ihrem Gesichte und Blicke glüht das Fieber. Und doch ist sie unendlich glücklich. Ernst und bleich tritt der Bräutigam ein. Weinend umstehen die Andern das Krankenlager. Welch' seltsame traurige Trauung! Der Priester beginnt die Ceremonie. Sie reichen sich die Hände. Edith wendete kein Auge von Rudolf. Sie antwortete schwach, er unsagbar traurig. Der Ring ist an ihrem Finger, sie ist endlich, was sie längst hätte sein sollen — Rudolfs Weib. Er beugte sich über sie: mit aller Kraft erhebt sie sich zu einer Umarmung, aber schwer sinkt ihr Haupt zurück und kalt und leblos legt er seine Braut in die Kissen, ob todt oder in todtenähnlicher Ohnmacht — wer wußte es? 11. Kapitel. Der Abend. Mit Tagesanbruch erwachte sie aus der todgleichen Erstarrung und blieb tagelang am Rand des Grabes. Die Reaktion war gekommen. Bleich, stumm und regungslos lag sie. Selbst die geliebte Stimme hörte sie nicht, ihr Auge starrt in's Leere. Ein Erwachen aus dieser Lethargie war zweifelhaft. Tod und Leben rangen um die Oberhand. Es war eine trostlose Zeit, die Rudolf nie vergaß. Er verließ sie kaum je, thränenlos saß er an ihrer Seite, beinahe ebenso bleich und hohläugig wie die Sterbende, und hielt gelegentlich einen Spiegel an ihre Lippen, um sich des Athems zu vergewissern. Düster standen die Aerzte dabei. „Die Aufregung der Trauung hat ihr den Nest ge- gegeben", brummte der Eine, „ich hab' es ja gleich gesagt." Ein schwarzgerändeter Brief aus England lief ein und Meldete Lady Helena's Tod. „Sanft und friedlich ist sie eingegangen zur ewigen Ruhe", schrieb Jnez, „und hat ihr großes Vermögen testamentarisch zwischen Dir und mir getheilt. Es wäre gut, wenn Du bald nach England kämest, denn ich be- 613 ab sichtige, in ein Kloster in London zu treten und den Rest meines Lebens den Kranken und Hülflosen zu widmen. Mein Bruder gebietet nun in Chateron Royals, er ist in jeder Hinsicht zu seinem Vortheile verändert und wird kein unwürdiger Nachfolger des Geschiedenen sein. Sein Weib und seine Kinder lassen nichts zu wünschen übrig. Also komme bald, liebe Edith, zu Deiner Dich liebenden Jnez." Wieder hatte Edith ein Vermögen geerbt, war nun unermeßlich reich — alles Gold der Erde aber vermochte ihrem Leben keine Sekunde zuzusetzen. Welch' bittere Ironie! Die siebente Nacht brachte eine Krisis. „Morgen werden wir wissen, ob sie stirbt oder nicht", bemerkte der Arzt. „Also noch Hoffnung?" fragte Trixy. „Es wäre ein Wunder, wenn sie's überstünde und die Zeiten der Wunder sind wohl vorbei. Uebrigcns sollten Sie Mr. Stuart heute nicht wachen lassen, er ist von den beiden letzten Nächten zu angegriffen." „Wenn er weiß, daß die Krisis eintritt, wird er nicht gehen wollen. Geben Sie mir einen Schlaftrunk für ihn, und wenn's zum Aergsten kommt, kann man ihn ja wecken." Der Doctor willfahrte. „Ich komme mit Tagesgrauen wieder", sagte er. Sie kehrten an's Krankenlager zurück, weinen konnten sie nicht mehr. Wie stumpfsinnig saß Rudolf neben dem Bette. „Ruhen Sie jetzt ein wenig, Rudolf", bat Julie. „Heute Nacht?" fragte er schmerzlich, „die letzte Nacht? Nein, ich verlasse sie nicht." „Nur eine Stunde sollen Sie sich niederlegen, Rudolf, thun Sie's mir zu Liebe. Ich verspreche, Sie bei der geringsten Veränderung zu wecken." Nach längerem Drängen gab er endlich nach. „Trinken Sie noch dieses Glas Wein", bat Julie. Er trank es und ging. „Gott sei Dank", rief Trixy, „ich hätte ihn heute nicht hier sehen können. Wenn sie stirbt, wird eS ihn tödten." Juliens Lippen bebten. Was Rudolf ihr gewesen, wie ihr ganzes Herz ihm gehört, wußte selbst Trixy nicht. Ihres Lebens schönster Traum war vorüber. Ob Edith lebte oder starb, in seinem Herzen hatte kein anderes Weib mehr Raum. Die Stunden verstrichen. Schwach flimmerte die Lampe. Alles ist still. Im Nebenzimmer lag Rudolf angekleidet auf einem Bette. Als er erwachte, war es bereits Tag. Er richtete sich auf und starrte verwirrt vor sich hin. Alles fiel ihm ein. Der Morgen war da, er hatte geschlafen, während sie dem Tode nahe war. Dem Tode! Wer sollte ihm sagen, daß Edith nicht todt war? Wie trunken erhob er sich und ging auf die Thüre zu. Ueberall herrschte tiefste Stille. Dnrch'S Fenster drangen der erwachenden Sonne erste Strahlen. Unfähig, weiter zu gehen, blieb er stehen; sollte er Leben finden oder Tod? Geräuschlos öffnete sich die Thür. Julie kam bleich näher. Voll Angst schaute er auf sie. „Gottlob, der Arzt sagt, wir dürfen hoffen." Das Schlimmste zu hören, war er vorbereitet, nicht darauf. Er machte einen Schritt vorwärts und sank ohnmächtig zu Boden. 12. Kapitel. Der Morgen. Der Morgen war da und Edith lebte noch. Sie erwachte von einem erfrischenden Schlummer und lächelte Trixy schwach zu. Die Krisis war vorüber. Sie ließen Rudolf nur zu ihr, wenn sie schlief, doch das war leicht zu tragen — Edith sollte ja nicht sterben. „Es gibt Heilmittel, die entweder tödten oder retten", sprach der Arzt zu Rudolf, „Jhre Heirath war ein solches. Ich glaubte sie brächte den Tod und sie hat Heilung gebracht." Viele Tage kehrte Edith das Gedächtniß nicht zurück, sie aß und trank begierig und fiel dann wieder in erquickenden Schlaf. Endlich vermochte sie, sich wieder zu erinnern, und Trixy bemerkte, daß ihr immer wieder eine Frage auf den Lipp m schwebte. „Was möchtest Du denn eigentlich wissen?" „Wie lange war ich krank?" „Nahe an fünf Wochen; siehst Du, an mir sind nur mehr Haut und Knochen; was wird August sagen, wenn er kömmt?" „Ich war zeitweise wohl im Delirium?" „Freilich; aber deshalb brauchst Du nicht so betrübt auszusehen. Jetzt ist ja Alles gut." „Ja", seufzte sie, „Ihr wäret Alle sehr liebevoll mit mir. Es war wohl doch nur ein Phantasiegebilde?" „Was?" „Ich — o Trixy, ich glaubte, Rudolf sei bei mir gewesen." „So, nun das war er auch." „Ihre Augen leuchteten, wieder zitterte eine Frage auf ihren Lippen. „Weiter, es liegt Dir noch etwas auf dem Herzen, heraus damit!" „Ich fürchte, Du lachst mich aus, und eS ist ja wohl nur ein Traum, aber ich dachte, Rudolf und ich wären —" „Nun was?" „Verheirathet. Sag ihm aber nichts davon, aber der Wahn schien so deutlich, daß ich Dir's mittheilen wollte." Sie wandte sich ab. Trixy küßte sie. „Arme Dithy, Du liebst Rudolf, nicht wahr? Nein, eS ist kein Wahn, ihr wurdet vor vierzehn Tagen getraut. Meines Lebens Hoffnung realistrte sich, Du bist meine Schwester und Nudolf's Frau." Mit leichtem Aufschrei verhüllte sie das Gesicht. „Er ist im Hause", fuhr Trixy fort, „der Arzt aber wollte ihn nicht zu Dir hineinlassen, wenn Du wachtest, weil er die Aufregung fürchtete. Jetzt kannst Du daS Wiedersehen aber wohl ertragen, nicht wahr?" Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie aus dem Zimmer. „Deine Frau wünscht Dich zu sehen", sagte sie zu Rudolf, „bleib' aber nicht zu lange und sprich nicht zu viel." Er wirft hastig die Zeitung weg, springt auf und eilt die Treppe hinauf. * * * MrS. Rudolf Stuart erholte sich schnell. Ihre — 614 Jügendkraft und die beglückende Thatsache, daß sie endlich Nudolf's Weib sei, bedingte daS. Es kam ein Tag, wo sie zusammen sitzen konnten. Sie sprachen, wer weiß, wovon? Zwei Seelen und ein Gedanke, zwei Herzen und ein Schlagt Vierzehn Tage später begaben sie sich auf die Hochzeitsreise, drei Wochen wollten sie im Süden verweilen und zu Trixy's Hochzeit zurückkehren. Weihnachten kam und brachte August Hammond, der sein Bräutchen in's friedliche Schottland entführen wollte. Es war eine prächtige Hochzeit, bei der Julie Seton als erstes Brautfräulein glänzte. Mr. und Mrs. Hammond reisten sofort nach Europa ab; Rudolf, der seine Frau vergötterte, begab sich mit ihr noch einmal nach Florida. Seine Mutter sollte mit Julien zusammen- wohnen, bis die beiden jungen Paare sich häuslich niedergelassen hätten, worauf sie immer sechs Monate bei Rudolf und sechs Monate bei Trixy verleben sollte. Auch Rudolf und Edith wollten ganz nach England übersiedeln, dort war Ediths Vermögen und beide liebten das schöne Land. Im Mai verließen sie die alte Hei- «ath, um zunächst ein Wanderleben auf dem Kontinent zn beginnen. An einem prachtvollen Sommertage betraten sie die altgothische Kirche, in der die Gebeine der Chaterons ruhten. Der Sonne Licht vergoldete die hohen Fenster, ein Mädchen entlockte der Orgel klagende Accorde. Trauer erfüllte Ediths Herz, als sie vor dem Grabe stand, dem letzten in der langen Reihe, in dem Victor schlummerte. Sie zog den Schleier über das Gesicht und weinte die ersten Thränen seit ihrer Trauung mit Rudolf. Auf einem Piedestal von schwarzem Marmor steht ein gebrochener Säulenschaft aus kanarischem Marmor und darunter in goldenen Lettern: „Sir Victor Chateron, Baronet, gestorben am 3. Oktober 1867, im 27. Jahre seines Lebens. Seine Sonne versank noch am Tage." —-»-- Was ist denn los in Südafrika? Wir hofften vom letzten Christbaum allerlei goldene Früchte zu pflücken und glaubten, wie gute Kinder, unfehlbar sie zu bekommen. Aber Herr Papa hat sie uns verweigert. Ich sage: wir; denn mit Arisnahme eines kleinen Bruchtheiles wünschen alle Europäer sowohl als Afrikaner (in Afrika Geborne), eine große Familie in Süd- Afrika zu bilden, in der alle Kinder die gleichen Rechte genießen, sowohl in sozialer als religiöser Beziehung. Wozu denn diese Grenzpfühle, diese Zolle, diese verschiedenen Nationalfarben? Diese Beschränkungen, Ungleichheiten und stiefmütterlichen Verkürzungen fühlen die Europäer besonders in der Bauern-Nepnblik Transvaal, aber auch in den extremsten Theilen dieses neuen Afrika fühlt man Unbchaglichkeiten von Blutstockungen und Beengungen; z. B. auch Missionäre finden Widerstand betreffs religiösen Lebens innerhalb der Grenzpfühle dieser Bauernwirthschaft. Um nur Eines zu erwähnen, in Transvaal sind die Katholiken mit Juden auf eine Stufe gestellt. Weder die Einen noch die Anderen dürfen Aemter verwalten. Wahlrecht haben blos die Boers (Bueren), alle Einge- wanderien aber erst nach vierzehn Jahren der Ansässigkeit. Nun sind aber in neuester Zeit in der Bueren-Republtk Goldgruben entdeckt worden, wahrscheinlich die reichsten der Welt, und von allen Welttheilen strömen die Goldgräber und Eolddurstige zusammen in dieser Republik, besonders von Europa, Amerika und Australien. Das Centrum dieser Goldfelder ist Johannesburg geworden. Wo vor 10 Jahren noch keine Hütte stund, liegt jetzt eine Stadt, die bei der letzten Volkszählung über 136,000 Einwohner ausweist. Paläste, Kaufgewölbe, Bank- und Kaffeehäuser wetteifern an Pracht mit den schönsten von Europa. Da drinnen wohnen viele Millionäre und überhaupt Herren, die in ihrem Leben gewohnt sind, ein großes Wort mitzusprechen. Kleinere Goldstädte, wie z. B. Baber- ton, gibtS noch mehrere im Lande, die alle von Fremden d. h. Nichtbueren gegründet wurden. Den Grund und Boden aber haben sie den Bueren theuer bezahlt. Vor Entdeckung der Goldfelder war die Republik bettelarm und nahezu bankerott; seit der Eröffnung dieser goldenen Felder macht die Republik jährlich Millionen xlus. Das kommt daher, daß dieser Buerenstaat den Fremden daS goldreiche Land, das die Bueren selbst umsonst den Kaffern abgenommen, um hohe Preise verkauft und seither den Goldgräbern große Steuern abnimmt. In letzter Zeit hat der Staatspräsident eine neue empfindliche Steuer den Einwohnern der großen Goldstadt auferlegt, nämlich für die Einfuhr aller Lebensmittel in die Stadt, die ohnehin schon fabelhafte Preise hatten. Gegen diese Verpflichtungen weigern sich die Fremden oder Ausländer (holländisch Uitlanders) nicht, wenn sie mit den Inländern (Boers) auch dieselben Rechte genießen könnten. Das ist aber durchaus nicht der Fall. Denn die BoerS gewähren den Uitlandern erstens kein Stimm- und Wahlrecht in das Parlament (Volks- raad von den Bueren genannt), zweitens gewähren sie den Ausländrrn nicht dasselbe Recht der Sprache, noch gewähren sie nicht holländischen Schülern einen Grant, d. h. Unterstützung. In wie weit diese Klagen der Uitlanders berechtigt sind, ist mir nicht genug bekannt. Da aber unter den 136,000 Bewohnern von Johannesburg nur 15,000 Holländer sind, so kann Niemand verlangen, daß alle Schulen die holländische als Unterrichtssprache haben. Und wenn alle Ausländer zn den Schulgeldern beitragen, warum soll nicht auch Allen Schulgrant gewährt werden? Wo in der Welt ließe sich ein civilistrtes Volk eine solche Ungleichheit gefallen, zumal wenn die Civilifirten Unterthanen sind, und die Nichtcivilisirten am Staatsruder fitzen? Ich nehme zum Beispiel die Deutschen in Bosnien. Das Verbosthal ist meistens von Deutschen besetzt. Ich setze den Fall, sie hätten sich auch so schnell vermehrt, wie die Fremden in Transvaal. Ließen diese dann sich daS gefallen, daß sie blos Verpflichtungen und Abgaben gegen eine uncivilisirte türkische Regierung, aber keine Rechte haben? Man erlaube mir einen Vergleich zwischen einem holländischen Boer inTransvaal und einem mohamedanischen Bosniaken. Weder der Eine noch der Andere hat als Bauer so viel Bildung, daß er lesen und schreiben könnte. Sitzt er aber im Volksraad, oder in Medschlis, so ist der Grund vielleicht blos der, daß er mehr Geld hat und es nebenbei zum Lesen und Schreiben gebracht hat. Es gibt aber auch im türkisch-bosnischen wie im holländischen Volks- raade solche, die weder lesen noch schreiben können. Während meiner vielen Reisen in Deutschland fand ich so Viele so begeistert für diese südafrikanischen Holländer. Ist dem» 615 bc>8 etwas Großes, daß sie auf nacktem Pferde so behend reiten können? Das kann jeder Türke, ja jeder Roßbube auf ungarischen Steppen. Oder ist es etwas Großes, daß er mit seinem Stutzen so sicher hantieren kann? Der türkische Bosniake hantiert noch viel sicherer mit seinem Handjar und der Koffer mit seinem Affagai, und für Handjar und Affagai braucht'? größere Kraft als für einen Hinterlader, und vielleicht auch mehr Muth, denn der mit dem Hinterlader versteckt sich, jener mit dem Haumesser muß heraus aus dem Busch. Nimmt man aber die Boers als Nation, was haben sie denn Großes gethan in Süd-Afrika s Dasselbe, was alle nomadischen Völker heutzutage im Orient thun. Viele Viehherden lassen sie wachsen und liegen dazu hin. Und hätten sie doch dieses Vieh verbessert Wer in Südafrika hat denn je gehört von einer verbesserten Viehrace in Transvaal. Zur Bodenkultur haben die Bueren bis jetzt gar nichts gethan in Transvaal. Wo man sie an andern Orten noch trifft, wachsen ihnen die Dornen zu den Fenstern hinein. Betreffs anderen Fortschrittes in Industrie, Eisenbahnen, Handwerken, Maschinen u. s. w. find sie noch keinen Schritt weiter als die Chinesen, und derselbe Aberglaube hat sie bis in die letzten Jahre vor dem Dampfrosse erschreckt. Wodurch die Boers alle anderen Nationalitäten in Südafrika übertreffen, ist der Fanatismus. Sich halten sie für das auserwählte Gottesvolk, alle andern aber um sie herum für Madianiter, Ebioniter und Moabiter, die gelegentlich auszurotten sind. Ist das etwas Rühmliches? Solchen, denen das an den Bueren gefällt, wünschte ich blos, 14 Jahre unter diesen Helden leben zu müssen, um dann auch holländische Boers zu werden. Zum Glück hat man nicht überall solche Ansichten wie einige Boersenthusiasten in Berlin und Frankfurt. Im Gegentheil war der weitgrößte Theil der Ausländer, sowohl der amerikanischen wie australischen, bis an den Hals herauf satt der Buerenwirthschaft und der Liebenswürdigkeit dieser „Helden", von den Engländern gar nicht -u reden. Ich kann es gar nicht begreifen, wie solche Leute, die Johannesburg aufgebaut, die alle von Ländern der Freiheit herkommen (Nordamerika), die nie ein anderes als ein konstitutionelles Volksleben gewohnt waren, so viele Jahre sich geduldet haben, ohne Rechte zu genießen. Dies kann man nur dadurch erklären, daß sie zu sehr mit sich und der Erbauung der Stadt von fast andert- halbhunderttausend Einwohnern in diesen 9 Jahren beschäftigt waren, um an den socialen und bürgerlichen Druck zu denken, wie auch arme und unterdrückte Kinder an gar keinen Christbaum mehr denken. Endlich dieses Jahr pflanzte man in Johannesburg dem Volke einen Christbaum auf, und an diesem Christbaume hingen die goldenen und glänzenden Früchte: „Stimmfrriheit", „Sprachen- gleichheit," „Schulglcichheit". Schon vorher hatte sich unter den UitlanderS (jeder Farbe und Sprache) eine National-Union gebildet, die ein Komitee aus sich wählte Mit einem Ch. Leonhard an der Spitze. Von diesem Komitee erschien gerade in den Weihnachtstagen ein Programm, in dem alle jene Rechte aufgezahlt waren, welche sie von nun an gleichheitlich mit den ungebildeten Boers verlangen, resp. genießen wollen. — Da wurde jeder, der noch Nerven und Adern im Leibe hat, in ganz Südafrika elektristrt, ich glaube der Boer nicht weniger als alle Eingewanderten auf der entferntesten Farm der Nhodesia und englischen Kolonien, nur mit dem Unterschiebe, die meisten entwickelten Positivs Elektrizität, die Bueren aber negative. Es war beabsichtigt, jeder sollte dieses Programm studieren, und am 6. Jänner (hl. 3 Könige ist in Südafrika kein gebotener Feiertag) sollte es in Johannesburg zu einem großen Meeting (Zusammenkunft) kommen. Da sollten diese Rechte besprochen werden, und dann wollte man den alten Fuchs Krüger, den Präsidenten dieser Buerenwirthschaft, um Gewährung der Gleichheit aller angehen. Bis hieher konnte jeder beistimmen, denn daS Bitten ist ja keine Sünde. Die Aufregung in Johannesburg wuchs von Stunde zu Stunde. In einem Tage werden alle Vorräthe von Heu, Hafer und Mais, sowie alle eingemachten Früchte zusammengekauft für eventuelle Belagerung der Stadt, in wenigen Tagen alle Goldgruben geschlossen, Kaufmannsgewölbe verbarrikadirt, — kein Geschäft mehr. Arbeiter (Kaffern), Weiber und Kinder stürzen auf allen drei Eisenbahnlinien fort, hinaus über die Grenzen von Transvaal. Schon bilden sich Kompagnien von Freiwilligen zur Vertheidigung von Eigenthum und Leben. Man fürchtet mit Recht, die Bueren werden die Stadt umzingeln und das Meeting der UitlanderS verhindern. Alle Tageszeitungen in Afrika erleben 2—3 Auflagen, alles will Zeitung lesen, man belagert die Druckereien. Sogar in Evans ist der einzige Zeitungsleser elektristrt. Tausende in Natal und Cap-Colonie möchten als Freiwillige ihren Brüdern in Johannesburg helfen — aber es ist ihnen verboten, laut früherer Verträge. Während man so liest, politisirt und kombinirt, kommt auf einmal die Kunde: „Schon Blut geflossen"! Einer ließ sich nicht aushalten, seinen Landsleuten zu helfen — vr. Jameson kam mit 900 Bewaffneten, meistens berittenen Polizeisoldaten, von Nordwesten her (von Betschuanaland) und — überschritt die Grenze. Das war gefehlt, es war Friedensbruch. In Eilmärschen ging's gegen Johannesburg, zwei Tage hatten weder Mannschaft noch Pferde etwas genossen. Hungrig, hundsmüde und halbtodt kamen sie in Krügersdorf, drei Stunden vor Johannesburg, an; werden aber in fast doppelter Ueberzahl von den Bueren überfallen. Wie Löwen kämpfen Jameson und die Seinen. Aber unbedingt muß er sich an die Bueren ergeben. Niemand durfte ihm während des Gefechtes zu Hilfe eilen, denn in diesem Momente hatte der englische Kommissär (Gouverneur von Cnpstadt) mit dem Präsidenten Waffenstillstand erwirkt. Jameson mit 460 seiner Leute wird als Kriegsgefangener nach Pretoria, Residenz der Bueren-Negierung, abgeführt — und das projektirte Meeting (Volksversammlung) in Johannesburg wird aufgehoben — verboten! Denke man diesen Umschlag! So viel Tausende schauen gierig, freudig entzückt auf den glänzenden Christbaum, langen schon nach den goldenen Aepfeln — auf einmal ein Patsch, alle Lichter ausgelöscht, die Kleinen stehen in der Finsterniß! Was ist loS? Gar nichts ist loS von dem vielversprechenden Christbaum. vr. Jameson mit seinen 400 wird auf Vermittlung des englischen Kommissärs Robinson nach England abgeführt — „zur Bestrafung"; auf allen Stationen in Südafrika wird er mit Jubel empfangen. In Johannesburg werden alle bewaffneten UitlanderS entwaffnet, die Widerspenstigen aus Stube oder Bett abgeholt und eingekastelt. Ganz Johannesburg steht da mit offenem Munde und zurückgehaltenem Athem — die Bauern, die „Helden" von Südafrika triumphiren. Während der ganzen Affaire 616 - hörte man oft die Frage: „Wo tst Mr. Rhodes?" (Dieser Herr sspr. Noihdsj ist eine Art Napoleon, der Dirigent der Nhodefia, die größer ist als Deutschland und Oesterreich zusammen, und zugleich Premierminister von der Cap-Colonte.) Dieser läßt sich nirgends sehen noch hören; sobald aber der Cap-Gouverneur nach Johannesburg eilt, Frieden zu vermitteln, resignirt Rhodes seine Stelle in Capstadt, ein Beweis, daß ihm ein solcher Friede nicht konvenirt. Bald nach dem Nummel taucht er auf in Kimberley, der Diamantenstadt. Da wird er mit Jubel empfangen, wie sein Statthalter Jameson als Gefangener in Natal. Was er da sagt, ist kurz, aber viel, nämlich: „Man hat geglaubt, meine öffentliche Carriere (Laufbahn) sei zu Ende, ich glaube aber, sie fängt erst an". Meine Ansicht ist: Von nun an schauen in Südafrika noch viel mehr auf RhodeS als zuvor, und — wer zuletzt lacht, lacht am besten. Es wird nicht zu lange gehen, dann wird man sehen, was in Südafrika los ist. -- A L s e V L s ll. I^x. Der Barometer als Wetterprophet im verflossenen Sommer. Wohl in keinem Jahre haben die Wetterpropheten so viel Spott und Hohn, aber auch Zank und Tadel, ja sogar Verwünschungen über sich ergehen lassen müssen, wie im heurigen Sommer. Die Ackerbau und Viehzucht treibende Landbevölkerung hoffte oft tage-, ja wochenlang zur Verrichtung der Feldarbeiten geduldig auf gutes Wetter. Doch manchmal riß der Geduldfaden der guten Leute, wenn sich alle Vorher- sagungen der Wetterpropheten und Kalendermacher, von Falb angefangen bis zu den reimvollen Bauernregeln herab, nicht erfüllen wollten. Es ist dem Landvolke nicht zu verübeln, wenn es bei fortgesetzter Enttäuschung und anhaltender naßkalter Witterung. übler Laune wurde und mißgestimmt Aeußerungen machte, wie die folgenden: „Ich könnte meinen Barometer gleich 'runterhau'nl" oder „Der Kempter (Kalender) errathet Heuer auch nichts." — — Wenn der erstbezeichnete drohende Ausspruch erfüllt worden wäre, so hätte es dem leblosen Luftdruckmesser an der Wand am schlimmsten ergehen müssen; denn zu tausend Theilen wäre die Glasröhre mit dem Queck- stlberinhalte zerstückelt worden, und blos deßhalb, weil der Barometer so hartnäckig war und nie „in die Höhe" wollte. Jedoch zur wirklichen Vornahme eines solchen Vernichtungsaktes ist es nicht gekommen, denn man wußte wohl, daß dieser Wetterprophet ein sehr empfindsames Mobiliarstück sei und vielleicht später noch ganz verlässige Dienste leisten könnte. Wenn nun das Quecksilber nur eine geringe Steigung auswies und die Sonne durch den düsteren Wolkenschleier zu blicken sich würdigte, so legte sich auch der Aerger und die Mißstimmung des Hausherrn, und siehe I eS wurde auch bei ihm besser Wetter, indem sich in seinem Herzen eine heitere Stimmung und eine freudige Hoffnung regte. Aber mit dem Steigen des GemüthsbarometerS wuchs auch die Achtung und Bewunderung vor dem Queckfilberbarometer, als dem ver- lässigsten Vorherbestimmn des Wetters. Ja, man zollte ihm wieder wie früher den ihm »gebührenden Respekt", denn die schwache AufwärtSbewegung »brachte", wenn auch nur für kurze Dauer, doch gutes Wetter, und man konnte vMrW mit. der Fcjdgrhejt einen Schritt vorwärts kommen. Und sind nächstens die Arbeiten auf dem freien Felde vollendet, so kommt der Barometer wieder eher in Geltung, als eL im heurigen nassen Sommer der Fall war. Er, als sicherster und verläsfigster Wetterbestimmer, mußte die feindseligsten Beschuldigungen erdulden. Und wie wäre es ihm in einem trockenen Sommer ergangen? Der Hartnäckige wäre nicht gesunken (wie im Sommer 1893), und es wäre der dienstbare Witterungsverkünder von Undankbaren desgleichen gescholten worden. Möchte nun dieser leblose Wetterprophet unter allen Kalender- machern und Verfassern von Witterungsregeln wie bisher auch fernerhin der sicherste und ver lässigste bleiben! » Grabsteine aus Glas. In Amerika ist soeben eine Gesellschaft auf Aktien gegründet worden, welche Grabsteine aller Art aus Glas anfertigen will. So sonderbar dies im ersten Augenblick auch klingt, darf man doch nicht außer Acht lassen, daß man aus auf eine eigene Art gehärtetem Glase bereits Eisenbahnschienen angefertigt hat, und daß die dicken Glasplatten, welche die Kabinen- fenster der Dampfschiffe schließen, der stürmischsten See Widerstand leisten und beinahe unzerbrechlich sind. Glas ist unzerstörbar, wenn nicht großartige Kräfte darauf wirken, und die gläsernen Lrlchenstetne werden folglich nach Hunderten von Jahren noch eben so neu aussehen als am ersten Tage, während man nach 50 Jahren kaum noch die Inschrift an Grabmonumenten aus Stein entziffern kann; denn Regen, Schnee, Wind, Hitze und Kälte üben einen großen, zerstörenden Einfluß darauf cuts. ' " » — i-AüN' d ^ -- Keröst. Im Spotlicht tanzet ein Mückenschwarm, Es schien die Sonne so wohlig warm, Roth zittert es über die Halde. Hoch in den Lüften die Schwalben flieh'n, Ein gelbes Blatt fährt wegwärts hin, Der Herbst kommt, wie balde, wie balde! Vom Baume fallet die reife Last, Sie reißt mit herunter den dürren Ast, Fort muß das welke, das alte. Die Astern am Hause blühen noch roth, Vielleicht eine Nacht nur, dann sind sie tobt, Der Herbst kommt, wie balde, wie balde 1 Im Dörflein schlagen die Glocken an, Es ging eine Seele die letzte Bahn, Die Baume rauschen im Walde. Jetzt sind wieder Glocken und Bäume still, — DaS Herz erschauert, was werden will, Der Herbst kommt, wie balde, wie balde! Das Leben hat wenig Sonnenschein, Oft bricht das Sterben mit Macht herein, Wie drüben über die Halde. Hienieden die Lust wie ein Hauch vergeht, Die Blüthe stirbt und der Duft verweht, Der Herbst kommt, wie balde, wie balde! Adolph Müller. — . . > > ' -> -- » Auflösung der Kreuzcharade in Nr. 79: Weiber, gehe! (Gehe), Geber, Heber, Weihe, Berge, Geweihs Gehege. -EZS-- M „Augsburgrr PostMung". M 81 . viastag, den 29. September 1896 . Für die Redaction verantwortlich: vi. Theodor Müller in Augsburg. Trust und Berlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Die Zettelträgcriu. Erzählung von D. Duncker. lNachdruck verboten.^ In einem der kahlen, unfreundlichen Hinterzimmer deS Gasthofs „Zur Königsburg" saß die Gabel'sche Theatergcsellschaft und blickte trübselig in die mit dünnem Punsch gefüllten Gläser, oder über dieselben hinweg, einander in die betrübten Gesichter. Die Vorstellung war noch nicht lange zu Ende. Sie war wenig besucht gewesen, wie sämmtliche Vorstellungen vor ihr, und wie es muthmaßlick sämmtliche nach ihr sein würden, wenn es nicht gelang, irgend etwas Besonderes herauszufinden, was die Bewohner von Küm- meritz in den Theatersaal der „Königsburg" zog. Diese Aufgabe war nicht leicht, vornehmlich da im Grunde keine maßgebenden Ursachen für den Mißerfolg der Theatergesellschaft ersichtlich waren und der bejahrte, außerordentlich gutmüthige Direktor der Truppe, der für seine Mitglieder sorgte wie für seine eigene Familie, sich nicht zu Unrecht bisher stets vergebens die Frage gestellt hatte: Wen trifft die Schuld? Er konnte keine Antwort auf diese Frage finden, die daS Leben so häufig aufgiebt und ebenso häufig unbeantwortet läßt. — Kümmeritz war eine kleine Fabrikstadt mit wohlhabenden, ja zum Theil recht begüterten Einwohnern. Weder im Städtchen selbst, noch in seiner näheren Umgebung bot sich irgend etwas Sehens- oder Hörenswerthes; eine Konkurrenz war nach keiner Richtung hin zu fürchten gewesen, so daß „die Gabel'schen", wie sie im Volksmund hießen, vollauf berechtigt gewesen waren, mit einem ganzen Sack voll froher Hoffnungen in das Städtchen einzuziehen. Erfreute sich doch die Truppe unter ihresgleichen eines beneidenswerth, guten Rufes; weshalb also sollte sie nicht erwarten, als hochwillkommene Abwechselrng in dem Einerlei des Kümmerttz'schen Alltagslebens begrüßt zu werden? Um so größer war die Enttäuschung, daß das gerade Gegentheil der Fall zu sein schien, um so bitterer die Verzweiflung, als nun schon durch manche Woche Tag für Tag den auf den Brettern sich redlich Abmühenden ein leerer Saal entgegengähnte. Der halbwüchsige Knabe, der in den Morgenstunden Theaterzettel und Einlaßkarten „zur Bequemlichkeit des hochverehrten Publikums" von Haus zu Haus trug, mochte in noch so beredten Worten „die allerneuesten Novitäten", „die prachtvolle Ausstattung nach Meininger Muster", „das Renommö der großen und berühmten Künstler und Künstlerinnen der Truppe" preisen, die Vorstellungen mochten in ihrer Art noch so annehmbar sein, die rothbezogenen Bänke in dem großen Festsaal der Königsburg wollten sich nicht füllen. Anfangs hatte das im Grunde leichtlebige Völkchen seinem guten Stern vertraut; dann war, wie schon gesagt, eine Aera tiefer Bedrückung, bitterlicher Verzweiflung gekommen. Heut' galt es, aus der Passivität der Empfindungen herauszutreten, einen thatkräftigen Entschluß zur Aufbesserung der Verhältnisse zu fassen, oder aber ein jähes Abbrechen der Beziehungen zu dem undankbaren Kümmeritz zu beschließen, falls nämlich der Wirth zur Königsburg und mit ihm etliche andere Küm- meritzer gewillt waren, ein, wohl auch zwei Augen zuzudrücken und die „Gabel'schen" ihres Weges ziehen zu lassen, ohne kleinerer und größerer Verbindlichkeiten, die man eingegangen, zu gedenken. Wohl eine Stunde schon hatte die Gesellschaft in dem dumpfigen Hinterzimmer beisammen gesessen, ohne daß zu diesem oder jenem Ende ein irgendwie beachtens- werther Vorschlag gemacht worden wäre. Eine Art stumpfsinniger Lethargie hatte sich der meisten Mitglieder bemächtigt. Wie sollte man Abhülfe schaffen, wenn man nicht einmal die eigentlichen Ursachen des Mißerfolges kannte? „Schlaft nicht, Kinder, redet", hatte der Alte schon zu unterschiedlichen Malen die Gedankenmüden angerufen, doch der Anruf war bisher antwortlos verhallt. Endlich aber erhob sich eine Stimme und zwar ein überaus sanfter und sympatscher Alt, der bisher den ganzen Abend über, geschwiegen hatte. „Um zu reden, alter Freund, muß man doch erst etwas zu sagen haben, und das hat hier, mit ziemlichem Recht, gar niemand, wie es scheint." Die Sprecherin war eine Frau, ansang der Fünfzig, der man es ansah, daß sie einmal von großer Schönheit gewesen sein mußte. Aber Gram, Krankheit, Entbehrung, ja die brutalste Noth, hatten mehr als die Jahre an diesen schönen Zügen genagt, und die damals hohe, fast königliche Gestalt gebeugt, wie die, einer Greisin. „Mama Leibig", und der Direktor sah die Frau sich gegenüber, die seit Jahren zu seiner Gesellschaft gehörte, an, als ob ihr Anblick ihm etwas vollkommen Neues, Ungewohntes sei, „Mama Leibig", seine Blicke 618 wurden immer eindringlicher, ja beinahe durchbohrend, „jetzt weiß ich auf einmal was uns fehlt — Sie, Sie ganz allein tragen die Schuld an unserm Mißgeschick." Eine lange, verblüffte Pause. „Ich — ?" sagte die Angeschuldigte endlich und sah den Direktor mit einem müden Lächeln an, „ich alte Frau, die eigentlich hier nur noch ein Gnadenbrod ißt — ich sollte „Gnadenbrod! Reden Sie keinen Unsinn, Mama Leibig l" brummte der Alte, der eine große Verehrung für die still-leidende Frau im Herzen trug. „Ich bleibe dabei, es ist so — Sie ganz allein sind schuld an unserm Unglück." „Aber um's Himmelswillen — „Lassen Sie mich doch ausreden. Ich wiederhole es, Sie ganz allein; denn von dem Augenblicke an, da Sie Ihr Amt als Zettelträgerin aufgaben, und das geschah erst hier in diesem elenden Nest, ist es bergab mit uns gegangen." Die Tischgenossen, die bisher stillschweigend zugehört, brachen nun auf das Stichwort ihres Direktors hin, ein lautes Durcheinander aus. „Ja, Mama Leibig trägt die Schuld." „Sie muß wieder Zettel austragen gehen." „Wenn sie zu den Vorstellungen einladet, sagt niemand nein." „Mama Leibig, Sie müssen uns retten." So stürmte es, von bittenden und anschuldigenden Geberden und Mienen begleitet, auf die blasse Frau ein. Der Aberglaube, ein bei dem Völkchen der Schauspieler alles besiegender Faktor, hatte sich, durch das wie eine Bombe in die Tafelrunde einfallende Wort des Direktors entzündet, blitzschnell der Gesellschaft bemächtigt und wenn sämmtliche guten und bösen Geister des Himmels und der Hölle sich diesen Augenblick in der Hinter- stube der „Königsburg" versammelt und den „Gabcl'schen zugeschrieen hätten, daß Mama Leibig an den Mißerfolgen in Kümmeritz unschuldig sei wie ein neugeborenes Kind, jetzt hätte ihnen niemand mehr geglaubt. „Also, meine gute Leibig, die Sache ist abgemacht, gleich morgen werden Sie Ihr Amt wieder übernehmen. Der Sonntag ist ein guter Tag zum Anfangen." Mama Leibig antwortete nicht gleich. Dann sagte sie in einem Ton vollkommenster Resignation: „Wenn Ihr wirklich glaubt, daß ich Euch helfen kann, so muß ich's ja wohl thun, obgleich mtr's bitter hart ankommt, unter Menschen zu gehen." Niemand antwortete. Nur die Nachbarin der Leibig, eine junge, schmächtige Brünette mit großen, traurigen Augen, drückte ihr mitleidig die Hand. „Wenn es nur was hilft", fuhr Mama Leibig fort, als sie sah, daß niemand gewillt schien, das Opfer zurückzuweisen. „Unser Willy da ist ein frischer, kecker Bursch, der den Mund auf dem rechten Fleck hat; wenn er nichts ausrichtet, was soll denn ich alte, gebeugte Frau —?" „Nein, nein", rief es wiederum durcheinander. „Sie dürfen nicht mehr zurück. Sie haben so was Besonderes, Mama Leibtg, so was furchtbar Gebilvetes, so ein gewisses Etwas, was den Leuten imponiert. Nein, Sie müssen wieder gehn!" „Natürlich müssen Sie. Besonders draußen in der Villenvorstadt werden Sie Furore machen, Verehrteste", fuhr daS scharfe Organ des Charakterspielers, der sich bisher ganz wieder seine Gewohnheit sehr zurückgehalten hatte, nun plötzlich durch die Stimmen der Andern. „Da draußen wohnt die oräws der Kümmeritzer Gesellschaft, da sind Sie unter Ihres Gleichen." Die Angeredete zuckte bei dieser ironisch gemeinten Bemerkung zusammen, aber der „Franz Moor" der Truppe ließ sich nicht beirren. „Im übrigen aber ist's mit Mama Leibigs Bildung allein denn doch nicht gethan", fuhr er mit souveräner Stimme fort, „irgend etwas Neues, zu dem uns're treffliche Fürsprecherin einladen soll, wird denn doch noch gefunden werden müssen, und ich glaube, ich habe es schon." „Reden, reden!" drang eS von allen Seiten auf den im stillen Gefürchteten ein. „Mit den alten Schmarren" — er warf einen verächtlichen Blick auf den Direktor — „sind wir hier nicht weit gekommen. Weihnachten ist vor der Thür, die Erwachsenen haben nicht angebissen, vielleicht thun's die Kinder. Wie wär'S, wenn wir eine Anzahl von Ktndervorstellungen veranstalteten?" „Hm, nicht schlecht, nicht schlecht die Idee." Der Sprecher zog die spitzen Schultern bis an die Ohrlappen. „Nicht schlecht — ausgezeichnet ist die Idee! Ich habe da so ein paar Dinger bei mir" — fuhr er nach einer Kunstpause mit gemachter Gleickgütigkeit fort — „in denen der Teufel eine bedeutende Rolle spielt." — Die übrigen Mitglieder blinzelten sich zu, als wollten Sie einander sagen: „Merkt Ihr was?" aber sie wagten nicht den Gefürchteten zu unterbrechen, der doppelt entsetzlich war, sobald ihm eine Rolle streitig gemacht werden sollte. „Weiß der Himmel, der Teufel zieht immer", lachte er frivol, „darum, meine verehrte Mama Leibtg, werden Sie es morgen gar nicht schwer haben, gleich einem zweiten Rattenfänger von Hameln, uns die Kinder dieses bisher so renitenten Städtchens mit der Aussicht auf den Teufel, einzufangen und in die „Königsburg" einzuliefern. Damit, denke ich, wäre die Sache Wohl erledigt und der Beginn einer neuen Aera gemacht." Mit diesem inhaltsschweren Wort erhob sich der große Mann und verließ das kleine Zimmer, und wenige Augenblicke später folgten ihm die Uebrigen nach, um ihre Ruhestätten auf den Böden der Königsburg aufzusuchen. Nur zwei Personen blieben in dem kalten, öden Raum zurück; Mama Leibig und die schmächtige Brünette mit den traurigen Augen. Sie wußten Beide, daß sie noch lange keinen Schlaf finden würden; sie kannten es Beide, was es heißt, sich ruhelos mit quälenden Gedanken auf dem Lager zu wälzen. Die Qual der Nacht kam ihnen Beiden noch früh genug. Die Junge hatte nach dem Fortgang der Anderen den kleinen Kopf mit dem schwarzen, kurzgeschnittenen Kraushaar in die Hand gestützt und starrte rathlos eine lange Weile in den graublauen Qualm, der das Zimmer füllte, dann legte sie mit plötzlicher Energie ihre sehr feine, jugendliche Hand auf die welkere der älteren Frau, und sagte kurz: „Warum haben sie nicht nein gesagt, Mama Leibig?" Die Alte lächelte schmerzlich: „Weil ich selten mehr ein „nein" gesprochen habe, seit ich es einmal zur rechten Zeit zu sprechen versäumt." Dann strich sie der Jungen liebreich über das dunkle Haupt. „Wollen Sie nicht schlafen geh'», Marinka? Es ist spät, und bei Ihnen kommt der Schlaf wohl noch." Aber die Brünette schüttelte lebhaft abwehrend den Kopf. „Nein, Mama Leibig — schicken Sie mich nicht fort! Es ist zu schrecklich, mit seinen Gedanken allein zu sein!" - Dann schmiegte sie sich, einer plötzlichen Eingebung folgend, dicht an die ältere Frau an, und bat leise: „Bitte, bitte, Mama Leibig, Sie kennen meinen Kummer — wollen Sie mir den Ihren nicht endlich anvertrauen? Oder glauben Sie mir noch immer nicht, daß ich Ihnen ergeben bin, daß ich Sie lieb habe, wie eine Tochter ihre Mutter?" Bei den letzten Worten zuckte die Alte zusammen. Es war ein beinah wilder Schmerz, der sich auf dem faltigen Gesicht spiegelte, ein Schmerz, wie man ihn nur in jungen Augen, auf bleichen, aber glatten Stirnen zu finden pflegt. Aber sie faßte sich schnell und dem jungen Weibe mii der müden Hand über das blasseAntlitz streichelnd, sagte sie sanft: „Ja, Sie haben recht, Marinka — ich willJhnen endlich meine Geschichte erzählen, gleicht sie auch der Ihren in keinem Punkt, denn ich — ich wurde nicht verlassen, ich verlieb, ich verstieß, aus guter Absicht, o ja — und niemand geringeres, als mein Kind, wein einziges Kind,meineTochter! Dieser „vernünftige Schritt", einstens so viel belobt, ist der Fluch meines Lebens geworden. Hören Sie, wie es begann und wie es endete, enden mußte,denn eine Mutter, die ihr Kind verschenkt, wer weiß, vielleicht verkauft, ist keines besseren Schicksals werth." Sie machte eine kurze Pause, dann fuhr sie ruhiger fort. „Ich hatte sehr jung geheirathet, kaum achtzehn Jahre alt, dem Willen meiner Eltern entgegen. Mein Mann war beim Theater; ich folgte ihm auch bald in seinen Beruf. Zeitweise wirkten wir bei derselben Bühne, häufiger roch getrennt. Wenige Monate, nachdem meine kleine Martha geboren worden war, eröffnete sich uns in einem Augenblick peinlichster materieller Noth die Aussicht auf ein gemeinsames Engagement bei einem leidlichen Stadttheater. Mein Mann folgte dem Rufe sofort, ich selbst konnte — es war mitten im Winter — mich mit dem kleinen Kinde nicht sogleich auf den Weg machen, auch hatte das Wochenbett und die anstrengende Pflege des zarten Geschöpfes meine Klüfte so sehr mitgenommen, daß ich mir kaum getrauen durfte, schon wieder an die Ausübung meines Berufes zu denken. Zunächst schien es, als ob meinem Manne, obgleich er während der Verhandlungen über mein Zurückbleiben sehr verstimmt gewesen war, mit dieser Trennung nun, da sie vollzogen, kein übler Gefallen geschehe. Es mochte ihm genehm sein, der Familienmisäre der letzten Monate entrückt zu sein, auch deuteten seine Briefe darauf hin, daß es der Direktion in jener fernen Stadt im Grunde weit mehr um ihn, als um mich zu thun gewesen sei. Aber nicht lange, so wendete sich das Blatt. War's Wahrheit, war's eine Lüge, ersonnen, nur um so sicherer das Ziel zu erreichen, das ihm seit der Geburt des Kindes, un- verrückt vor Augen stand, ich weiß es noch heute nicht, aber es gewann mit einem Male den Anschein, als sei auch ich an jener Bühne auf's dringenste nothwendig geworden, ja, als würde ich der Stellung verlustig geh'n, wenn ich mich nicht bald entschlösse, zu kommen. Ich sah mein Kind, meine kleine Martha an. Lieblicher ward sie von Tag zu Tag, aber noch immer war sie zart und schwach; der Winter schien kein Ende nehmen zu wollen, und jene Stadt lag im fernsten Osten des Reichs. Ich besann mich nicht lange und schrieb ein „Nein, noch nicht —" und nach kurzen Pausen wieder und wieder ein „Nein." Mitnehmen konnte ich das Kind in ein noch rauheres Klima nich: — es zurückzulassen, daran dachte ich nicht einmal. Ich hatte zu leben. „Mein Mann schickte gerade soviel, daß wir nicht zu verhungern brauchten, aber das genügte mir. Hatte ich nicht das Kind? Nachholen im Beruf ließ sich Versäumtes wohl, versäumte Pflicht an einem so jungen Menschenkinde niemals. So schrieb ich's meinem Manne, aber er wollte nichts davon hören. Immer dringender wurden seine Briefe, ihm zu folgen, meine Karriere, meinen Beruf nicht zu ruinieren und das Kind, das all' meine Kräfte und Gedanken in Anspruch nähme, wenn ich denn gar so ängstlich darum besorgt sei, einstweilen dort und anderen Händen zu überlassen, wie es Hunderte von Frauen in meiner Lage vernunftgemäßer Weise zum Besten ihrer Kinder thäten. — Das war die erste Masche des Netzes, in dem ich mich verfangen sollte. Und die Quittung auf meine entrüstete Antwort über dieses Ansinnen? Die Geldsendungen meines Mannes blieben aus. „Plötzlich, eines Tages, kam er selbst, trotz der weiten Entfernung, und trat mit der trotzigen Forderung vor mich hin, ihm auf der Stelle zu folgen, da unsere Fächer sonst ohne Aufschub anderweitig besetzt würden. Er habe keine Lust wegen des Wurmes in der Wiege da um alles betrogen zu werden, was er noch von mir und dem Leben erwarte. Zögernder kam er dann mit EU -LrÄL-. Das Grad der allrrseUgsten Jungfrau Maria 620 der Enthüllung heraus, daß ich das Kind unter allen Umständen für diese Saison zurücklassen müsse. Als Aequivalent für mein langes Zögern habe der Direktor diese Bedingung gestellt. Ich sollte an seiner Bühne für unverheiratet gelten, eine ledige Liebhaberin sei für die männliche Jugend der Stadt eine bedeutsamere Zugkraft, als eine verheirathete Frau und Mutter. „Ueber der Todesangst, mich auch nur auf kurze Zeit von meinem Kinde trennen, es fremder Pflege überlassen zu sollen, merkte ich nichts davon, daß diese „Bedingung des Direktors" nichts als eine plumpe Falle meines Mannes war, fühlte nichts davon, mit welch' vcrabscheuungswürdiger Frivolität, er, wenn auch nur seinem falschen Spiel zu Liebe, sein eigenes Weib zum Lockvogel für andere Männer stempelte. Einzig der Gedanke beherrscht mich, mein Kind behalten zu dürfen. Aber trotz allen Sträubens — mein Gatte war klüger als ich. Er überlistete mich fein und fing mich in meinem eig'nen Netz. „Wohl ausgedacht war die Komödie, die er spielte. Er heuchelte plötzlich selbstlose Liebe zu dem Kinde — welche Mutter hätte ihm nicht geglaubt? Er beklagte es um seiner unsicheren Zukunft willen, um einer Zukunft, der es stets an einem geordneten Heim und allem, was ein solches schmückte, fehlen würde. Und als er mit kläglichen Sophismen mich und meine befltzheischende Liebe endlich in meinen eigenen Augen zur ungeheuerlichsten Egoistin gemacht, kam er langsam, ganz langsam damit heraus, daß er wohl eine Heimath, eine gesunde Atmosphäre für das Kind wisse, und daß, wenn ich es wahrhaft liebte, ich die letzte sein dürfte, dem Kinde solche Zukunft zu verschließen. „Zu welchem Zweck, Marinka, die übermenschliche Qual jener Tage in allen Einzelheiten wieder heraufbeschwören? „Sie wissen ja längst, wie es kam! Binnen kurzem hatte er mich durch seine spitzfindigen Teufeleien zu dem Ungeheuerlichen gebracht, daß ich es selbst als eine That edler Selbstlosigkeit erachtete, mein eigenes Fletsch und Blut, mein heißgeliebtes Kind wildfremden Leuten für alle Zeit zu überlassen, und mir noch überdies das Versprechen ablocken ließ, meine kleine Martha nie wieder zu sehen, mich niemals als ihre Mutter zu bekennen." Die Zettelträgerin hielt inne. Trotz der inzwischen eisig gewordenen Luft in dem düstern Hofzimmer, stand ihr der Schweiß in dichten Perlen auf der Stirn. Sie fuhr mit dem Tuch darüber hin, athmete ein paar mal schwer und heftig auf, und fuhr dann ruhiger fort: „In den ersten Wochen, nachdem Entschluß und Trennung einmal überstanden waren, schien sich mein Leben ganz erträglich zu gestalten. Die Neigung meines Mannes, die von dem Augenblick an, da ich Mutterhoffnungen nährte, bedenklich in's Schwanken gerathen war, schien sich wieder zu befestigen, die gemeinsame Thätigkeit in bescheidenen aber gesicherten Verhältnissen that mir nach der Zeit endloser Aufregungen und Entbehrungen verhältnißmäßig wohl, aber dieser Zustand währte nicht lange. Die Reue, in die grausamste Unnatur gewilligt zu haben, kam mit vernichtender Gewalt über mich, und ließ mich niemals wieder los. Hätte ich zehn Kinder zu warten und zu pflegen gehabt, sie hätten mich nicht mehr von meinem Beruf abziehen, mich nicht untauglicher machen können, als das eine, das ich fortgegeben, um mich meiner Thätigkeit mit Ruhe und Muße widmen zu können. Meine Leistungen wurden unter dem Druck der unablässigen Gewissensqual von Jahr zu Jahr unbedeutender, schlechter, unmöglicher. Von meinem Manne trennte ich mich. Ich konnte den, der mich zu dieser teuflischen That überredet, nicht länger vor Augen sehen. Tag und Nacht verfolgte mich der Blick, die Stimme meines Kindes. Ich meinte, seine kleinen, hilfeheischenden Händchen zu fühlen, das runde, weiche Köpfchen, das sich verlangend an meine Brust drängte. Von Tag zu Tag wuchs die Schwere meiner Schuld in meinem Bewußtsein an. Ich wußte wohl, das Kind lebte in einer anständigen, sorgenlosen Atmosphäre; aber wußte ich auch, ob es geliebt war, geliebt mit jener Liebe, die nur eine Mutter geben kann? Wußte ich, ob es diese Liebe nicht täglich, stündlich vermißte? Ob es sich nicht insgeheim, instinktiv vielleicht nur, nach der Mutter sehnte? Ach, Marinka, darüber kann kein Weib! Für den Mann, der uns die Treue gebrochen, giebt eS vielleicht Ersatz und Trost — um daS Kind aber, das die Mutter unter dem Herzen getragen und das sie freiwillig von sich gestoßen, trägt sie lebenslange Reue — bitterliche Verzweiflung!" Die Frau legte den Kopf in beide Hände und schluchzte leise auf. Dann faßte sie sich wieder und griff nach einer schwarzen Schnur, an der sie ein kleines goldenes Kreuzchen mit einem Gottesauge unter dem Kleide auf der Brust trug. Sie zog den unscheinbaren Goldschmuck hervor. „Das ist das einzige, was mir von meinem Kinde geblieben. Es hat es vom ersten Tage an auf seinem kleinen rosigen Leibe getragen, einer Freundin zum Gedenken, die mir es nach der Geburtsstunde gab. — Und nun kommen Sie, es ist Morgen geworden." Langsam und schwerfällig stiegen die beiden leid- gebeugten Frauen die schmale hohe Treppe zu ihren Schlafkammern unter dem Dach hinauf. — Es war ein klarer, sonniger Wtntermorgen, an dem Mama Leibig ihren Gang antrat. Eine wohlthätige Feiertagsruhe lag über Kümmeritz gebreitet. Die Straßen waren still, fast ausgestorben. Nur von der Chaussee her, die in weitem Bogen nach Westen zu, die Stadt umgürtet, tönte von Zeit zu Zeit Jubeln und Aufkreischen herüber: die Stimmen der Knaben, welche die Sonntagsfreiheit benutzten, um sich mit Schneebällen und Schlittenfahren zu vergnügen. Auf den Dachfirsten und Vorsprängen der Häuser lag der Schnee, von dem scharfen Frost der letzten Nacht zu festen Streifen gebannt, wie blinkende Silberbänder in der Frühsonne da. Hinter den blanken Scheiben standen blühende Blumenstöcke, und zwischen ihnen durch, lugte manch altes und manch junges Gesicht in die Straße hinaus und blickte der hohen, heut' wunderlich aufrecht gehenden Gestalt der Zettelträgerin nach. Von Schritt zu Schritt wurde der langsam Schreitenden leichter zu Sinn. Die mit so schwerem Herzen übernommene Aufgabe wollte thr nun, da sie dicht vor der Erfüllung stand, nicht mehr allzu bedrückend dünken, und der meist so trübe gesenkte Blick des Weibes schweifte weit hinaus über die Dächer und ragenden Schlote des Städtchens, fort in die in Sonnenschein gebadete Landschaft hinein. Er umfaßte die nahe Hügelkette, die glänzend und gleißend ausgebreitet lag, den Strom, der reißend das tiefgelegene Thal durcheilte, und in die müde, gequälte Brust der Wanderin verirrte sich einer der Mil- MW -WM MWA Klalllrasö-ir. ««-- SÄ-- U^W WWW- «WuM« - "k WWW !N«K MW 8E -MMi -WÄ: HMHK ssssi ->MZ! MW WMU MÄ MW! ^KL 622 liarden tanzenden Sonnenstrahlen, und ein Gefühl von Licht und Wärme, wie sie es seit Jahrzehnten nicht gekannt, durchzuckte Leib und Seele des Weibes. War's die Rückwirkung des Geständnisses, das sie in dieser Nacht — mehr noch vor sich selbst, als vor der traurigen Marinka — abgelegt? War's der lachende Tag und das erhebende Gefühl, noch zu etwas in der Welt nütze zu sein, — selbst elend und zermartert, andern Bedrängten noch hilfreich sein zu dürfen? Sie wußte es nicht. Sie fühlte nur, daß an diesem Morgen, auf diesem stillen, einsamen Gange zum erstenmal seit langen, langen Jahren wieder sanftere Gefühle ihr Herz durchzogen, daß die wilde Empörung gegen ihren Gatten einer Art milden Mitleids wich, und die herzbeklemmende Angst um ihr dahingegebenes Kind sich in das schwache Hoffnungsfühlen wandelte, daß ihre Martha, all' ihrer finsteren Sorge zum Trotz, am Ende doch nicht liebeleer durch's Leben wandle. — Ganz im Gegensatz zu den meisten Frauen, denen Tod oder Leben ihre Kinder geraubt haben auch zu denen, welchen Muttcrglück überhaupt versagt geblieben ist, und in deren aller Herzen oft eine völlige Empfindungslosigkeit, öfter noch Bitterkeit und Härte gegen Kinder einzuziehen pflegt, fühlte Mama Leibigs trauriges Gemüth warm und zärtlich für die kleine Welt, und dieses Fühlen kam ihrer heutigen Mission zu gut. Wohin sie kam, wußte sie so beredt und eindringlich den Kleinen die Wunder des Märchenzaubers zu schildern, die sich von den Brettern her ihnen erschließen sollten, so ganz das rechte Wort für das Auffassungs- und Anschauungsvermögen der Kinder zu treffen, daß die Jugend von Kümmeritz mit ahnungsvollen Schauern die Wunder der zu schauenden Herrlichkeiten vernahm und nicht anders glaubte, als Frau Holle oder irgend eine andere ihrer geliebten Märchengestalten sei leibhaftig zu ihnen herabgestiegen, sie in ihr Reich zu entführen. Der unfehlbare Charakterspteler hatte mit seiner Behauptung, daß Mama Leibig in Kümmeritz die weibliche Rolle des Hamelner Rattenfängers spielen würde, wirklich einmal recht gehabt. Mit stetig sich füllender Börse und naturgemäß ebenso stetig abnehmendem Einlaß- kartenvorrath schritt Mama Leibig von Haus zu Haus. So war es beinahe schon Mittag geworden, als sie die eigentliche Stadt hinter sich hatte und in das Villenviertel hinauspilgerte, in dem die wohlhabenden Fabrikanten des Städtchens, fern vom Qualm ihrer rauchenden Schornsteine, ihren Wohnsitz hatten. Ohne besondere Wahl betrat die Zettelträgerin die erste Villa linker Hand, die ziemlich weit von der Landstraße entfernt in einem verschneiten Garten lieblich eingebettet lag. — In dem geräumigen, wohldurchwärmten Vorflur spielten mehrere blondhaarige Knaben und Mädchen Haschen, blieben aber wie festgezaubert vor Mama Leibtg stehen, als sie hörten, daß die Frau, die da plötzlich, wie mit den neufallenden Flocken hineingeweht, zwischen ihnen stand, Karten zu Märchenvorstellungen anbot. Eine Theatervorstellung und gar ein Märchen I O, da mußte Mutter „Ja" sagen, „Ja" um jeden Preis. Und die kleine lebhafte Schaar bat mit glänzenden Augen und rasch gerötheten Wangen, doch ein paar Minuten, zu warten, Mutter würde gewiß eine Menge, Menge Karten kaufen; sie selbst wollten sie bestürmen, und ein kleiner Pfiffikus fügte mit großen Augen und wichtigen Mienen hinzu: „Sie können sich fest darauf verlassen, denn Vater ist nicht zu Hause, der arbeitet selbst heut', am Sonntag in der Fabrik, und wenn er nicht da ist, thut uns Mutter nochmal so leicht den Willen." Und fort waren sie, in den ersten Stock hinauf. Nach Minutenfrist erschienen sie wieder — wie ein Blüthenstrauß an einem Stiel erwachsen — an der Mutter hängend, einer Frau in der Kraft und Fülle der Jugend, blond und blauäugig wie ihre Kinder. Ein unbändiger Schmerz erfaßte die Brust des kurz vorher noch fast frohgestimmten Weibes bei diesem holden Anblick. So heiß wallte das bitter brennende Weh plötzlich in der Einsamen auf, daß sie, nach Athem ringend, zu ersticken wähnte und die Knöpfe ihres ärmlichen Mantels weit voneinander reißen mußte, nur um Luft zu schöpfen, die plötzlich versagende Sprache wieder zu gewinnen. Dann athmete sie erleichterter und zugleich bestürzt auf. Wie viele Mütter und Kinder hatte sie an diesem Morgen schon zärtlich beieinander gesehen? Wie kam ihr plötzlich bei diesen gerade, der heiß aufwallende Schmerz, als umfasse sie gerade hier mit einem einzigen, furchtbar hellsehenden Blick alles, was sie verloren hatte? Wie durfte ein Glück sie erschüttern, wie durfte sie eines beneiden, um daS sie sich selbst betrogen l Die herbe Erkenntniß machte sie gefaßt; ruhiger trat sie der jungen Frau entgegen und brachte schlicht ihr Anliegen vor. Der Herrin des Hauses, im Herabsteigen von den Kleinen umkost und umplaudert, war die jähe, mühsam zurückgedrängte Erregung der Zettelträgerin bisher entgangen. Nun erst. als die leise wohllautende Stimme der Frau ihr an's Ohr schlug, als sie in das gramdurchfurchte Antlitz sah, bemerkte sie, daß das arme Weib, das ihren Kindern ein Jubeln ohne Gleichen in's Haus gebracht hatte, leichenbleich und wie von Fieberfrost geschüttelt, zu Tode erschöpft, vor ihr stand. Sie ergriff die kalte Hand und zog die Fremde, wie einen lieben Gast, gütig auf einen Stuhl nieder. ^ „Sie sind krank, liebe Frau. Ruhen Sie aus und erwärmen Sie sich — dann wollen wir über die Märchenvorstellung sprechen." Und scherzend, das gramvolle Antlitz aufzuheitern, fügte sie hinzu: „Hoffentlich reicht Ihr Kartenvorrat noch für meine begehrliche Schaar, die am liebsten Haus und Hof mit hineinschleppen möchte, in die lang ersehnte Wunderwelt." Mama Leibig wollte erwidern, aber eine plötzliche, unüberwindliche Mattigkeit überfiel sie, und die Augen schließend, sank sie wie in tiefer Ohnmacht zurück. Sie hörte nur noch die Stimme der lieblichen Frau, welche leise sagte: „Maxi, ein Glas Wein — aber schnelll" Dann verließ sie das Bewußtsein. — Sie erwachte nicht in dem geräumigen Treppenflur, sondern auf einem bequemen Ruhebett in einem mit traulicher Behaglichkeit ausgestatteten Gemach. — Ihr erster Blick fiel auf die junge blonde Frau, die mit angstvoll starr auf sie gerichteten Augen vor ihr stand. Verwirrt erhob sich die Zettelträgerin und blickte von der jungen, fast leblos dastehenden Frau auf sich selbst. Man hatte ihr Hut und Mantel abgenommen und das Oberkleid gesüftet. Mit einer raschen Bewegung schloß sie die Falten des Kleides wieder zusammen und tastete dabei instinktiv nach dem Kreuzchen mit dem Gottesauge auf ihrer Brust. Die suchende Hand fuhr entsetzt zurück. Das Kleinod war verschwunden. Laut auf stöhnte die Frau. Es war der erste Ton, der zwischen diesen beiden Schmerzgebannten hörbar wurde. Dann trat die junge Blonde nahe auf sie zu, legte eine kalte bebende Hand auf die der Alten und fragte stockend und kaum hörbar: „Suchen Sie — ein Kreuz — das Kreuz — Ihres Kindes? Hier — nehmen Sie —" und sie ließ den Schmuck in die hastig ausgestreckte Rechte seiner Besitzerin zurückgleiten. Ihres Kindes! Was war das? Was wußte diese Fremde von ihrer verlorenen Tochter? — Und doch — blitzschnell fuhr eS der Alten durch den Sinn — wenn sie eine Spur von ihr hätte? Wie emporgeschnellt sprang sie auf, um in den Zügen der Anderen zu forschen. (Schluß folgt.) -- Das Grab der allersel. Jungfrau Maria. Von Dr. G. Müller. (Mit einer Original-Abbildung.) Seit den frühesten Jahrhunderten hören wir von der Verehrung, in welcher das Grab der Mutter Jesu bei Gethsemani in Jerusalem stand, und die Geschichte der heiligen Stätten Palästina's berichtet uns, daß auch über der einstigen Ruhestätte Mariens eine herrliche Basilika sich erhob. Nach uralter Tradition der jerusalemitischen Gemeinde ist die Gottesmutter auf Sion gestorben, von den Aposteln im Thal Josaphat, unweit vom Garten Gethsemane, in einer Felsengruft — wohl der Begräbnißstätte ihrer Eltern — beigesetzt und nach wenigen Tagen bei lebendigem Leibe von ihrem göttlichen Sohne in den Himmel aufgenommen worden. Die historische Kritik bestätigt die Thatsache, daß in den Tagen der Kaiserin Eudoxia dteGrabkirche Mariens aus dem Schutt und der Vergessenheit bedrängter Zeiten wiedererstand, und daß man das Grab leer und darinnen nur Tücher fand, in die der hl. Leib einst gehüllt gewesen war. Der Ort des Grabes und die thatsächliche stete Erinnerung an seine Echtheit ist bezeugt durch die Tradition der Jahrhunderte und die hohe Wahrscheinlichkeit der Umstände. Wir geben hier eine Abbildung der Grabkirche, die für das von mir herausgegebene „Illustrierte Centralblatt für christliche Alterthumskunde" eigens angefertigt worden ist. Die Kirche ist in eine obere und untere getheilt, zu welch letzterer 4 Stufen hinabführen, als der eigentlichen Felskapelle mit dem Grabe Mariens. Das Gebäude ist ein kleiner Ueberbau über der Grabeshöhle, welcher eigentlich nur ein Dach der Eingangstreppe zur unteren Grabkapelle bildet. Dieser Ueberbau in der Form eines plattgedeckten Hauses ragt ansehnlich über den vertieften Vorplatz, unbedeutend aber über den an die Ost-, Nord- und West-Seite des Gebäudes stoßenden Erdboden hinauf. Das Innere der Kirche ist geschmückt mit einer Menge von Lampen und mit Altären der christlichen Bekenntnisse. Die Grabkapelle ist viereckig und so klein, daß sie nur für wenig Personen Raum hat. Das Grab Mariens stellt einen ziemlich hohen Sarkophag vor, dessen Deckel schwarzgeäderter Marmor ist. Teppiche und Seide bekleiden Altar und Wände, das Aeußere zeigt wieder die Spitzbogen-Architektur. Drei dünne Wand-Säulen zu beiden Seiten des Spitzbogen-Einganges tragen ein verziertes Horizontal-Gesims, auf welchem die Spitzbogen aufsitzen, die der Anordnung der Wandsäulen conform so eingestuft sind, daß der weitere äußere die beiden kleineren inneren Bogen über dem Eingangsthor einschließt. Auch hier ist die Bedachung flach. In den Zeiten des Königreiches Jerusalem befand sich hier eine Benediktiner- Abtei, welche Gottfried von Bouillon stiftete und reich dotirte. Das Kloster war südlich angebaut, so daß der jetzige viereckige Vorplatz den Klosterhof bildete. Gegenüber der uralten jerusalemitischen Tradition, wonach Maria in Jerusalem starb und dort begraben wurde, kann die viel jüngere, willkürliche Legende, daß die Hochgebenedeite bei Ephesus starb, nicht aufkommen. Die neuesten Forschungen haben die volle Richtigkeit der alten Ueberlieferung und die Echtheit des Grabes Mariä in Jerusalem unwiderleglich erwiesen. - — Zu unseren Bildern. Dr. Eugen Jäger, Redacteur und Besitzer der „Mälzer Zeitung" in Spever, vertritt seit dem Jahre 1887 den Wahlkreis Dillingen in der bayerischen Abgeordnetenkammer. Er ist geboren am 28. August 1842 zu Ann- weiler in der Pfalz, studirte an den Gymnasien in Mannheim und Speyer und besuchte das Polytechnikum in Karlsruhe, München und Zürich und die Universität München. Herr Dr. Jäger hat eine Reihe von wichtigen socialpolitischen und volkswirtbschaftlichen Schriften verfaßt und ist besonders dadurch bekannt geworden, daß er zu Beginn der letzten Landtagspenode, unterstützt vomCentrum, eine Reihe von tiefeinschneidenden Anträgen zu Gunsten der Landwirthschaft stellte, welche zum Theil in der im heurigen Sommer zu Ende gegangenen Session des Landtags Gesetzeskraft erlangt haben. KtaUtragSdie. Eine ungewöhnliche Erregung herrscht heute in dem zur Nachtzeit sonst so stillen Stalle. Kein Wunder! — ist es doch der List des durchtriebenen Meister Reinecke, der unserer friedlichen Hühnerfamilie längst Tod und Verderben geschworen hat, endlich gelungen, derselben seinen „halsumdreherischen" Besuch abstatten zu können. In ängstlicher Eile sucht die Henne ihre Küchlein, die vor Schrecken in buntem Gewirr über einander purzeln, mit ihren breiten Flügeln zu decken, während der Hahn im Gefühle seiner Verantwortlichkeit als Haupt der Familie sich dem Eindringling gegenüber energisch zur Wehre setzen will. Doch da wird er wenig ausrichten: Meister Reinecke ist ein geriebener Raubmörder, er hat schon manchem tapferen Hahne den Hals umgedreht, worauf es ihm dann ein Leichtes ist, mit den übrigen — vollends aufzuräumen. -. > . Goldköruer. Das schönste Glück des denkenden Menschen ist: das Er- forschliche erforscht zu haben, und das Unerforschliche ruhig zu verehren. Goethe. _ . ..ä Dr. Eugen Jäger. -««8WS— 6S4 Allerlei. Die Macht der Annonce. Die praktischen Engländer und Amerikaner verstehen am besten den ungeheuren Nutzen des Inserats und der Ankündigung zu würdigen, und sie wissen, daß die großen Summen, die sie für diese Zwecke verwenden, Zinsen und Zinseszinsen tragen. Es gibt Unternehmungen, die nur durch die kolossalste Publizität die größten Erfolge erzielt haben; überall findet man sie, überall stößt man auf ihre Namen. Der Reisende, welcher z. B. über den Aermelkanal fährt, um England zu besuchen, erblickt, noch einige Meilen von der Küste entfernt, eine Tonne im Meere, auf welcher mit Ntesenlettern geschrieben steht: „?6a.r's 8onx" (Pears Seife). Bei dem ersten Blicke, der auf die Kreidefelsen von Dover fällt, liest man sofort wieder: „Pears Seife", und auf Schritt und Tritt, in jedem Bahnhöfe, auf den Pflastern der Städte, an jeder Mauerccke, in jeder Zeitung und in allen Gassen finden sich Bilder und Zeichnungen, die zuweilen mit künstlerischem Geschmack ausgeführt sind und auf denen wieder zu lesen ist: „Pears Seife". Das ganze Unternehmen ist auf einem in solchem Umfange vielleicht noch niemals durchgeführten System von Ankündigungen und Plakatierungen aufgebaut. Pear hat Volkssänger und Bänkelgesellschaftcn bezahlt, nur zu dem Zwecke, daß sie populären Gassenhauern einen Text unterlegen, in dem Pears Seife empfohlen wird. Vor einem Jahre wurde dieses Unternehmen in eine Aktien- ^ gesellschaft verwandelt, und diesem Umstände verdanken , wir einige Kenntniß über das Verhältniß zwischen den Auslagen für Ankündigungen und dem Reingewinn. Im Jahre 1885 hatte Pear für Ankündigungen den Betrag ! von 31,159 Pfund ausgegeben, und der Gewinn stellte sich auf 95,106 Pfund. Im Jahre 1886 summirten sich die Kosten der Ankündigung mit 58,884 Pfund und der Gewinn mit 117,565 Pfund. Im Jahre 1887 wurden für Annoncierungen 82,312 Pfund ausgegeben; der Gewinn bezifferte sich mit 128,109 Pfund. Im Jahre 1888 erforderten die Ankündigungskosten 86,491 Pfund, und der Gewinn stellte sich auf 133,706 Pfund. Im Jahre 1889 stiegen die Ausgaben von Annoncierungen auf 119,902 Pfund, der Gewinn auf 149,770 Pfund. Im Jahre 1890 betrugen die Ankündigungskosten 126,994 Pfund, der Gewinn stellte sich auf 165,355 Pfund. Für das Jahr 1891 werden die Annoncierungskosten mit 103,596 Pfund und der Gewinn mit 175,920 Pfund berechnet. Pear hatte also im Laufe von sieben Jahren mehr als 12 Millionen Mark ausgegeben und mehr als 17 Millionen Mark als Reingewinn erzielt. » In Eisenberg hat ein Herr Kaufmann ein Licht erfunden, das er Sonnenglanzlicht nennt. Seine Erfindung beruht auf einem Bewunderung erregenden und doch einfachen Mechanismus, welcher die denkbar geringste Bedienung erfordert. Durch einen Fingerdruck wird der Apparat in beliebig lange andauernde und selbstthätige Bewegung gesetzt. Eine durch einen sinnreichen Mechanismus betriebene Pumpe füllt, so oft es nöthig, den Gaserzeugungsapparat mit neuer Luft, und in Verbindung mit dieser wird nun aus der Gasstofffüllung ein billiges, geruchloses, jede Explosionsgefahr ausschließendes, zu BeleuchtungS-, Koch-, Heiz- und vielen anderen Zwecken verwendbares Gas erzeugt. Das mit diesem Gas erzeugte Licht steht dem elektrischen Lichte nicht nach und bietet nicht nur diesem, sondern auch allen anderen Beleuchtungsarten gegenüber nicht geringe Vortheile sowohl in sanitärer, als auch in pekuniärer Hinsicht. Da der Apparat nur einen geringen Raum (ca. 1*/? stm) beansprucht und an jedem beliebigen Orte aufgestellt werden kann, so ist es möglich, daß jeder größere Haushalt, ob ! in Dorf oder Stadt, jede Villa, jedes Gut oder Schloß, ^ jede Fabrik, jede öffentliche Anstalt ihre eigene billige Gasanstalt und ein hellstrahlendes Licht erhalten kann. * Die „13" gilt bekanntlich als Unglückszahl. Wie viele Personen gibt es, die an einer Tafelrunde von 13 nicht sitzen mögen! In den meisten Gasthöfen gibt es kein Zimmer Nummer 13, sondern neben 12 liegt gleich 14. Dem gegenüber ist es nicht uninteressant, festzustellen, daß der einzige Passagier, welcher beim Schiffbruche des „Drummond Castle" gerettet wurde, Herr Marquardt aus Stuttgart, auf dem untergegangenen Dampfer gerade die Kabine 13 bewohnt hatte. Ob Nummer 13 jetzt, wenigstens für Schiffe, eine Glückszahl werden wird? — » V ^ - Der Abendstern. Ost schaut in stiller Abendstunde Mein Aug' hinaus in weite Fern', Blickt still empor zum blauen Himmel, Schaut sinnend nach dem Abendstern. Ost stand ich da in süßer Freude, Ost auch in bitt'rem Herzensweh, Und meine sturmbewegte Seele Glich d nn der aufgetrieb'nen See. Da hab' ich ruhig nach dem Himmel Und nach dem Abendstern geschaut, Hab' alle Leiden, alle Freuden Dem Sternlein hoffend anvertraut. Mir ist, als ob im Abendsterne Still meines Gottes Auge blickt, Und ob zu ihm ein frohes Schauen Das bange Herze neu erquickt. Rom. Robertus, 8. v. 8. Himmelsschau im Monat Olrtober. —Merkur L erreicht in der letzten Hälfte seine größte westliche Entfernung von der Sonne und ist in der Jungfrau morgs. in Osten aufzusuchen. Venus Z ist Abendstern, aber noch lichtschwach und steht niedrig in WSW. Mars «L geht vom Stier gegen die Zwillinge, wird immer Heller und kommt anfangs 8 U. 30, zuletzt vor 7 U. über den östlichen Horizont. Jupiter h noch verhältnißmäßig wenig hell, geht zuerst nach 2 U. früh, zuletzt vor 1 U. auf. Saturns verschwindet in den Strahlen der untergehenden Sonne. In der Nähe des Mondes befinden sich am 4. und 31. Jupiter; am 8. Venus; am 9. Saturn; am 26. Mars. Vom Mond werden bedeckt Regulus am 3. abds. 10 U. und am 31. mgs. 7 U. Antares am 10. nchm. 2 U. Am 18. findet ein Sternschnuppenfall statt nordöstlich vom Orion, besonders in später Nacht. Am 23. geht der Mond durch den südlichen Rand der Plejaden. --KMZS-- HL82. Areitag, den 2. Oktober 1896. Mr die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabhcrr in Augsburg (Borbefltzer vr. Max Huttler). Km fehlendes Wort. Original-Novelle von C. Borges. —-- (Nachdruck verboten.) I. Es war ein herrlicher Frühlingstag. Der warme Sonnenschein lockte die Veilchen aus ihrem dunklen Versteck, färbte die knospenden Bäume, schlüpfte durch die grünlich schimmernden Ziersträucher und legte sich breit und erwärmend auf die weiten Rasenflächen, von welchen längst die glitzernde Schneedecke verschwunden war. Lautes Vogelgezwitscher, melodisches Summen der Mücken und Käfer harmonierten lieblich mit dem märchenhaften Säuseln und Flüstern des leisen Zephyrs, der in den Kronen der uralten Tannen und Fichten spielte. In der säulengetragenen Vorhalle einer stolzen Villa in der Vorstadt einer süddeutschen Residenz saß in einer Fensternische die verwittwete Frau von Schalldorf, Herrin eines bedeutenden Vermögens, des weitläufigen Parkes, der sich vor ihren Augen ausbreitete, und des prächtigen Hauses. Sie athmete mit Behagen die balsamische, würzige Frühlingsluft, die ungehindert einströmte, und freute sich über die malerische Scenerie der neu erwachenden Natur, die sich vor ihren Augen ausbreitete. Vor ihr stand ein Tischchen mit weiblichen Handarbeiten. Doch ihre Hände waren auf den Schooß hinabgeglitten und hielten nur die feine Stickerei, ohne daran zu arbeiten, während sie träumerisch zu dem klaren, tiefblauen Früh- ltngshimmel hinaufsah. Neben ihr, mit gesuchter Koketterie hingegossen, in halb liegender, halb sitzender Stellung, lag in einer bequemen Chaiselongue ihre jüngere Schwester, Frau Karoline Neumann, eine längst verblühte Schönheit mit hellen, Wasserblauen Augen, gelangweiltem Gesichtsausdruck, einer langen, spitzen Nase, einem großen Mund, der sich beim Oeffnen bedenklich schief zog. Obgleich längst die Vierziger überschritten, und Mutter von fünf Kindern, fand Frau Neumann immer noch Gefallen daran, sich durch Hilfe der verschiedenartigsten Toilettenkünste ein jugendliches Ansehen zu bewahren, ohne zu ahnen, wie lächerlich sie sich in den Augen der Welt machte. Sie schmückte sich mit Vorliebe mit rothen Korallen- schnüren als Arm- und Halsbänder; rothe Korallensterne hielten das leicht gekräuselte blonde Haar zusammen, das noch bis vor Kurzem in langen ungeordneten Locken herabfiel. „Wie geht es Dir heute, meine liebste Mathilde flötete sie jetzt in ihrer klanglosen Stimme und weckte dadurch die Schwester aus ihrer süßen Siesta. „Keine wesentliche Veränderung ist seit gestern in meinem Befinden eingetreten, als Du dieselbe Frage an mich richtetest", lautete die sarkastische Antwort. Ohne aufzusehen, fühlte Frau Neumann die Blicke ihrer Schwester vorwurfsvoll auf sich ruhen, doch sie war zu weltklug, um ihren Unmuth darüber offen zu zeigen. Mit der reichen, kinderlosen Wittwe war nicht zu spaßen; sie hatte ihre Eigenheiten, aber vermuthlich — noch kein Testament gemacht, und da Karoline Neumann es meisterhaft verstand, sich überall einzudrängen, zweifelte sie keinen Augenblick an der Erfüllung ihres Lieblingswunfches, das Vermögen der Schwester sich oder ihren Kinder» zu sichern. Sie hatte früh, kaum der Kindheit entwachsen, ge- heirathet. In dem kleinen Provinzialstüdtchen, in dem ihre Eltern und Geschwister Glück und Zufriedenheit gefunden, genügte ihr das gesellige Leben nicht. Selbst das Elternhaus befriedigte ihrem unzufriedenen streitsüchtigen Gemüth nicht den Hang nach den Zerstreuungen und Vergnügungen, die das Leben einer Großstadt bietet. Die unbärttgen Jünglinge, die ihre Tanzstunden interessant machten, liebten die herzlose Kokette vielleicht umso begeisterter, je schlechter sie von ihr behandelt wurden. Nur einer machte eine Ausnahme. Der junge Jurist Neumann schaute mit unverhohlenem Spott und Verachtung auf seine Freunde, die um die Gunst der koketten Schönen eiferten, der die Liebe ein Spiel war. Er konnte nur lieben, sobald er an Herzensgüte, Wahrheit und Treue glauben konnte, und diese Tugenden konnte er in dem Herzen der vielumworbenen, stolzen Lina nicht entdecken. Diesen ernsten, strebsamen jungen Mann als Sklaven zu ihren Füßen zu sehen, war fortan das Streben der selbstbewußten jungen Dame. In äußerst liebenswürdiger Weise wußte sie sein Interesse zu fesseln; der zwanglose Verkehr und die Künste der Koketterie lockten ihn bald in ihre Netze. Als ein Muster aller Tugenden und des Wohlwollens täuschte sie leicht ihre arglosen, guten und treu ergebenen Freunde und umstrickte das Herz des jungen Anwalts, der durch die heuchlerischen Vorspiegelungen irre an sich selbst geworden war. Und so geschah es, daß er bald Name, Herz und Hand der jungen Sirene anbot, auf ihren Wunsch sich als Notar in der süddeutschen Residenz niederließ, wo 6L6 — er mit einer geringen Praxis für die Existenz seiner Familie täglich ringen mußte. Die ältere Schwester Mathilde hatte ein glücklicheres Loos gezogen. Der reich begüterte Laudedclmann von Schalldorf hatte kurz vor seinem Tode, vor kaum Zwei Jahren, in Ermangelung eines Erben, seine umfangreichen Besitzungen veräußert, um behaglich mit seiner Gattin die Früchte seines Reichthums zu genießen. Er kaufte eine prachtvolle Villa, mit großem Park umgeben, aber schon nach wenigen Wochen stand seine weinende Wittwe am Sarge des theuren Gatten, den eine kurze, heimtückische Krankheit so früh von ihrer Seite gerissen hatte. Sie hatte kein Kind, das ihren Schmerz lindern, der Trost ihres Alters werden konnte, hingegen ihre Schwester Lina hatte deren fünf. Kein Wunder also, daß Letztere ein fast täglicher Gast in der Villa war und der Gunst der Schwester sich vergewissern wollte. Kein mißzuverstehender Wink, keine spitze, sarkastische Bemerkung seitens der reichen Verwandten vermochten diese Besuche einzuschränken; mit verblüffender Kühnheit stellte sich Tante Lina, oft sogar mit ihren Kindern, immer wieder in der Villa ein, die auch von andern Gliedern der Verwandtschaft allzu häufig besucht wurde. Man machte der reichen Wittwe bei jeder Gelegenheit Geschenke, die sie nicht gebrauchen wollte oder konnte; zu jedem kleineren oder größeren Familienfeste erhielt sie die erste Einladung, obgleich dieselben niemals angenommen wurden. Man bat um ihren Rath in jeder Familienangelegenheit und zollte ihr jede Aufmerksamkeit, die ein Tribut derjenigen sind, über die das launische Geschick das Füllhorn der irdischen Güter so verschwenderisch ausgeschüttet hat. Mit fünfzig Jahren war sie immerhin noch eine stattliche Erscheinung, mit dunkeln feelenvollen Augen, obgleich zahlreiche Silberfäden ihr dunkelblondes, glatt gescheiteltes Haar durchzogen. In ihren wohlwollenden Zügen spiegelten sich innere Zufriedenheit und Seelenfrieden, die aber einen härteren Ausdruck annahmen, sobald sie, wie jetzt, von ihren Verwandten belästigt wurde. Auch heute war Lina Neumann nicht allein, sondern in Begleitung ihrer ältesten Tochter Mathilde gekommen, die nach der reichen Wittwe genannt und deren Pathen- kind sie war. Mathilde Nenmann war kaum achtzehn Jahre alt. Sie hatte von ihrer Mutter die schlanke ebenmäßige Gestalt, vom Vater die feinen, edel geschnittenen Gesichts- züge geerbt; ihr Wesen schien gutherzig und ohne Berechnung — was man ihrer Mutter nicht nachsagen konnte. Durch ihr naives Geplauder gewann sie das Vertrauen der reichen Wittwe, die ihre Aufmerksamkeiten und kleinen Zeichen der Liebe gern und dankbar hinnahm. „Mathilde Neumann ist die einzige meiner Verwandten, die mich liebt", dachte oft die einsame Frau, oie so reich und gleichzeitig so bemitleidenswerth arm war; daher erhielt diese ihre Lieblingsnichte sehr häufig Einladungen zum Kaffee oder Thee, die den Neid der übrigen Verwandten erregten, da diese, wenn auch nicht seltener, so doch ungeladen kamen. „Wie ist es heute mit Deinen Kopfschmerzen, mein Kind ? Du klagtest gestern darüber", fragte theilnehmend die Tante, das krause, widerspenstige Haar ihres Lieblings streichelnd. „Ja, Tantcheu, das ist auch kein Wunder, da ich Meinen armen Kopf täglich so sehr anstrengen muß", klagte die Angeredte. „Bedenke doch, die vielen Stunden in der Selekta, dann der Musikunterricht, die fremden Sprachen, und zu alle dem steht das Gouvernanten-Examen im nächsten Jahrs als Schreckgespenst in dem Hintergrund." Frau Neumann seufzte, und sich aus ihrer beguemen nachlässigen Stellung halb aufrichtend, versetzte sie: „Du weißt doch, Mathilde, daß Du als älteste Tochter des Hauses bald auf eigenen Füßen stehen und Dir den Lebensunterhalt selbststündig verdienen mußt! Eine gute Erziehung ist alles, was wir Dir geben können." Mathilde zuckte die Achseln, Zog ein niedriges Ta- bonret herbei, setzte sich zu Füßen der Tante, ließ mit einem schelmischen Blick ihr viclgeplagtes Köpfchen in deren Schooß sinken und spielte mechanisch mit den Fingern, die liebkosend ihre Wangen streichelten. Die Tante freute sich über diese kindlichen Liebeserweisungen und duldete sie gern. „Möchtest Du gern in Deinen Sommerferien eine Nheinreise mit mir machen?" flüsterte sie ihr zu. Das junge Mädchen sprang von seinem Sitze auf, schlug in freudiger Erregung die Hände zusammen, dann tanzte sie in der geräumigen Halle umher. „Eine Nheinreise!" jubelte sie. „O, liebste, beste Tante, wie gern möchte ich eine Rheinreise mit Dir machen I" „Mathilde, beherrsche Dich! Sei nicht so ausgelassen, das schickt sich nicht für eine angehende Erzieherin", mahnte die Mutter im strengsten Tone, dann wandte sie sich an ihre Schwester. „Es ist mir sehr lieb, daß Du meiner Tochter diesen Vorschlag machst; die Abwechselung wird ihr gut thun. Offen gestanden, bedürfen wir alle der Erholung, meine fünf Kinder sowohl wie mein Gatte und auch ich." Die Wittwe fuhr, ohne die geringste Notiz von dieser Bemerkung zu nehmen, fort: „Mathilde soll eine Zerstreuung und Abwechselung haben; sie sitzt zu viel bei ihren Büchern, es ist unbedingt für ihre Gesundheit erforderlich —" „Dort kommen Tante Nosalte und Koustne Mathilde", unterbrach das junge Mädchen plötzlich, nach dem breiten Parkwege zeigend, auf dem soeben zwei Damen sichtbar wurden. Das Antlitz der Mutter umwölkte sich. «Schon wieder!" murmelte sie zwischen den Zähnen, dann fügte sie, zu ihrer Schwester sich wendend, laut hinzu: „ES scheint mir, die Familie Schalldorf ist beständig hier anzutreffen! Biete doch den Verwandten Deines Gatten lieber ein Obdach in Deinem Hause an, dann ersparst Du ihnen den täglichen Weg hierher." „Ich fürchte, sie würden dieses Anerbieten annehmen", lautete die gelassene Antwort, „aber die Schalldorfs sind nicht die einzigen Verwandten, die mich recht häufig mit ihren Besuchen beehren." Frau Nosalie von Schnlldorf mit ihrer ältesten Tochter Mathilde betraten in diesem Augenblicke das Gemach, die ältere Dame warf einen vernichtenden Blick auf Tante Lina, wie die Gattin des Anwalts von der ganzen Familie allgemein genannt wurde, dann begrüßte sie die reiche Wittwe. Mathilde von Schalldorf, ebenfalls ein Pathenkind der Tante, deren Namen sie trug, reichte mit unbefangener Offenheit allen Anwesenden die Hand zum Gruß entgegen. „Ihr lieben, guten Menschen müßt doch täglich viel Zeit erübrigen können, um Besuche zu machen", begann 627 s die Wittwe. »Es wundert wich, wie Ihr mit Eurer zahlreichen Familie darnach Euren Haushalt einrichten könnt!" „Du sollst Dich doch nicht von uns vernachlässigt fühlen, meine liebe Mathilde", entgegnete Frau von Schalldorf, Gattin eines pcnsionirten Offiziers, „wiewohl ich nicht begreifen kann, daß andere", hierbei warf sie einen bedeutungsvollen Blick auf Frau Neumann, „so häufig im Hause entbehrt werden können." „Das ist ganz meine Anficht", höhnte Tante Lina, „besonders, wenn ich bedenke, daß in manchen Häusern die Behaglichkeit durch die häufige Abwesenheit der Hausfrau bedeutend beeinträchtigt wird." Dabei warf sie der ihr gegenübersitzenden Dame, deren Schritte sie argwöhnisch beobachtete, einen feindseligen Blick zu. Die reiche Wittwe schien sich um die Unterhaltung ihrer beiden Verwandten wenig zu kümmern. Sie wußte nur allzu gut, daß die häufigen Besuche, die vielen Aufmerksamkeiten nicht ihrer Person, sondern nur ihrem Vermögen galten, und dieser Gedanke erfüllte ihr Herz mit Bitterkeit. Daher streichelte sie ihren Hund, einen kleinen schwarzen Pudel, der sich beständig in ihrer Nähe aufhielt, um ihre Gedanken von dem Gespräch der beiden Damen abzulenken. Sie hatte eine große Vorliebe für Thiere, besonders für Hunde, denn, wie sie oft zu sagen pflegte, entspraug die Treue und Anhänglichkeit der unvernünftigen Kreatur reineren Trieben, wie manchen Menschen, die unter dem Deckmantel der Liebe und Hingebung nur ihre eigenen Zwecke verfolgten. „Ich wollte Dich daran erinnern, meine liebe Mathilde", begann die Majorin von Schalldorf, „daß Du hier in Deiner Einsamkeit doch ein viel zu ruhiges und abgeschlossenes Leben führst. Dein lieber Gatte ist nun schon seit zwei Jahren todt, die Trauerzeit ist längst vorüber und da bist Du eS doch der Gesellschaft schuldig, aus Deiner Zurückgezogenheit hervorzutreten und an den geselligen Freuden wieder theilzunehmen. Wenn ich Dich nur überreden könnte, meinen gut gemeinten Rath zu befolgen!" „Wie oft habe ich schon wiederholt, daß ich mein jetziges, ruhiges Leben dem Geräusch der Welt vorziehe", versetzte die Wittwe gereizt. Die beiden jungen Damen hatten sich während der Unterhaltung der Mütter still und unbemerkt zurückgezogen; sie saßen hinter hohen Blattpflanzen und Palmen versteckt, aber ihre Interessen gingen zu wett auseinander, um eine Unterhaltung im Gange halten zu können. Mathilde von Schalldorf war ein schlankes, großes Mädchen, etwa zwei Jahre älter wie ihre Cousine, und im Gegensatz zu dieser prägte sich in ihren Zügen Charakterstärke und Willenskraft aus, und ihre dunkeln, feelenvollen Augen bekundeten deutlich, daß ihr der Ernst des Lebens nicht fremd geblieben war. „Aber Du hast Pflichten gegen die Welt und die Gesellschaft, der Du Dich nicht länger entziehen darfst", beharrte die Majorin. „Die Welt kümmert sich wenig um mich, und Pflichten habe ich ihr gegenüber nicht zu erfüllen", lautete die ruhige Entgegnung, „und was meine Einsamkeit anbetrifft, wie Du mein Leben hier zu nennen beliebst, so glaubst Du doch selbst nicht daran, weil es mir niemals an Besuchern mangelt." Die beiden Gegnerinnen warfen sich bei diesen Worten einen bedeutungsvollen Blick zu. „Selbst hier in meiner Zurückgezogenheit fehlt eS mir nicht an kleinen Freuden", fuhr die Wittwe lächelnd fort, „und diese erhellen wie ein lichter Sonnenstrahl mein trübes Dasein. So konnte ich gestern noch einem armen Wesen helfen, daS bei mir Schutz suchte." Tante Lina horchte bet diesen Worten entsetzt auf. „Ist es wirklich wahr, daß sie die Kühnheit hatte, Dich hier aufzusuchen? Das ist unerhört!" rief sie, vor Zorn bebend. Die Schwester lachte bei dieser Erregung laut auf. „Warum ereiferst Du Dich und regst Dich so unnütz auf, liebe Lina", gab sie heiter zurück. „Ja, ein armes, halb verhungertes Wesen stellte sich gestern in unserer Küche ein, und es scheint gar keine Lust zu haben, unser Haus wieder zu verlassen." Tante Lina konnte ihren Zorn kaum noch länger beherrschen, dunkle Nöthe färbte ihre Wangen, die sogar trotz der weißen Schminke sichtbar wurde. „Das ist zu arg, das dulden wir nicht", rief sie empört aus. „War es denn nicht genug, daß sie sich bei mir eindrängen wollte! Und Du hast ihr wirklich ein Obdach in Deinem Haufe gewährt! — Eine Frau, von der wir nicht wissen, wer sie ist, und woher sie stammt, die unsern armen Bruder Herbert bethörte und ihn in ihren Netzen verstrickte!" Die Züge der reichen Wittwe waren plötzlich sehr ernst geworden, finster und zugleich überrascht blickte sie ihre erregte Schwester an. „Karoline, wir verstehen uns augenblicklich gar nicht, und Deine unbegründete Heftigkeit kann nur auf einem Mißverständniß beruhen", begann sie langsam. „Das arme, halbverhungerte Wesen, das mein Mitleid erregte, war eine kleine Katze, die sich in unserer Küche einstellte, Du kennst ja meine Vorliebe für Thiere. Was meinst Du aber von der Gattin unseres armen Bruders? Ist sie hier in der Stadt? Hat sie um Deine Hilfe gebeten?" Tante Lina erbleichte. Unter keiner Bedingung durfte die Schwester von der Anwesenheit der neuen Verwandten in der Stadt erfahren, und vorn Zorn hingerissen, hatte sie in der Uebereilung Worte fallen lassen, die sie jetzt bitter bereute, und die sie gern zurückgerufen hätte. Herbert Wendtland, der einzige jüngere Bruder, hatte vor langen Jahren in Neapel die Verbindung mit einer jungen deutschen Dame geschlossen, die sich dort als Erzieherin in einer reich begüterten italienischen Familie aufhielt. Die beiden älteren Schwestern traten energisch dieser Verbindung entgegen; nicht aus persönlichen Rücksichten, denn die erwählte Dame war ihnen ja vollständig fremd, wohl aber, weil der Bruder fein eigenes Vermögen leichtsinnig verschwendet und sich nicht die Fähigkeiten erworben hatte, für die Existenz eines eigenen Hausstandes zu sorgen. Er war ein Künstler, mst außerordentlichen Talenten begabt, allein es fehlte ihm Energie und Ausdauer, und feine wenigen Gemälde erzielten hohe Preise. Nach einem unstäten Wanderleben raffte ihn der unerbittliche Tod von der Seite seiner Gattin, sie mit ihrem kleinen Sohn in der äußersten Noth zurücklassend. Niemand wußte, was aus ihnen geworden war oder in welcher Gegend sie sich ein neues Heim gegründet hatten. Die ältere Schwester Mathilde hatte ihren jüngeren Bruder aufrichtig geliebt und nach seinem Tode sich oft gesehnt, das zurückgebliebene Kind in die Arme schließen zu können; ebenso gern hätte sie nach besten Kräften d« 628 Mgen Wittwe geholfen. Tante Lina hingegen dachte stets nur an ihr liebes Ich; sie war keiner besseren Regung fähig, aber ihre eben ausgesprochenen heftigen Worte erweckten das grösste Interesse und die Neugier ihrer Schwester. Lina wußte zu gut, daß es zu spät war, die übereilten Worte zu widerrufen oder durch eine lügenhafte Ausrede dieselben zu vertuschen. „Vor kurzer Zeit kam eine Frau zu mir, die sich als Herberts Wittwe ausgab", gestand sie kleinlaut, „sie habe sich hier in der Stadt mit ihrem Sohne niedergelassen, um Beschäftigung zu suchen, gab sie vor. Sie war vielleicht nur eine Betrügerin, denn ich konnte mich nicht vom Gegentheil überzeugen. Ich habe sie selbstredend sehr kühl empfangen, und sie wird wahrscheinlich mich nicht wieder belästigen." Das Antlitz der älteren Schwester verfinsterte sich immer mehr und mehr. „War das Kind bei ihr, als sie Dich besuchte?" fragte sie streng. „Nein, sie kam allein. Aber selbst wenn sie die Wahrheit gesprochen hätte, so würde es uns in unserer Stellung doch unmöglich sein, sie als Verwandte anzuerkennen", fuhr die herzlose Schwester fort. „Sprach sie ihre Absicht aus, mich aufzusuchen?" „Sie sagte etwas derartiges", gestand Lina, „aber ich gab ihr die Versicherung, daß Du gar nicht von Fremden belästigt sein wolltest, und daß Du mit der Verbindung mit unserem Bruder durchaus nicht einverstanden gewesen wärst. Natürlich wollte die Person nur Geld von Dir erpressen." „Eine Absicht, in der andere ihr längst zuvorgekommen sind", rief unwillig die sonst so ruhige Wittwe. „Ein anderes Mal, Karoline, überlaß mir die Regelung meiner eigenen Angelegenheiten; ich bin, Gott sei Dank, noch selbstständig genug, um für mich selbst sprechen und handeln zu können. Hat sie Dir vielleicht ihre Adresse gegeben?" „Sie hat davon gesagt, aber da ich sie nicht aufschrieb, habe ich sie wieder vergessen." „Wenn Dein Gedächtniß so kurz ist, wird das meinige in späteren Tagen gewiß nicht besser sein", fuhr die Wittwe finster fort. Diese versteckte Drohung übte auf Tante Lina den gewünschten Erfolg aus, so daß sie die Wohnung Josephstraße 16 angab. Die beiden jungen Mädchen und die Majorin hatten mit gesteigertem Interesse der immer erregter werdenden Unterhaltung der Schwestern gelauscht, doch angesichts einer neuen drohenden Gefahr beschloß die Majorin, mit ihrer Gegnerin gemeinsame Sache gegen einen gemeinsamen Feind zu machen. „Wenn Dein Bruder gegen Deinen Willen einen Bund geschlossen hat, meine liebe Mathilde", wandte sie deshalb ernsthaft ein, „so darfst Du — als die Aelteste und das Haupt der Familie — sie nicht als eine Verwandte anerkennen; Du bringst sie dadurch nur in eine falsche Stellung." „Das Beste wäre, gar keine Notiz von ihr zu nehmen", schlug Tante Lina vor. Die Wittwe lächelte wehmüthig. „Karoline, Du müßtest doch als Gattin eines Juristen wissen, daß man keinen Rath unerwünscht und gratis geben soll", sagte sie schneidend. „Ich bin noch im Stande, meine eigenen Angelegenheiten zu ordnen, und ohne Euren Rath weiß ich recht gut, was ich zu thun und zu lassen habe." ^Natürlich", Pflichtete die Majorin bei, „aber mit Deinem Hang zur Freigebigkeit kannst Du leicht das Opfer einer berechnenden Abenteurerin werden. Hast Du die Absicht, die Frau in der angegebenen Wohnung aufzusuchen?" „Ich bin noch nicht fest entschlossen", versetzte die Angeredete, „wenn Herbert's Wittwe Beschäftigung sucht, so würde eS nur Christenpflicht sein, ihr nach Kräften zu helfen. — Ach, Herr Lieutenant", unterbrach sie sich, als ein breitschultriger schmucker Dragoner-Offizier vom Diener hereingeführt wurde, „wie gut, daß Sie heute kommen! Es hat fast den Anschein, als hätte ich heute meinen Empfangstag." Lieutenant Benno von Römer gehörte zu ihren Günstlingen. Er stammte aus einer altadeligen, reich begüterten Familie, und war in der einsamen Villa ein häufiger und gern gesehener Gast. Die beständige Furcht, nur um des elenden Goldes wegen nicht vernachlässigt zu werden, wich beim Erscheinen ihres jungen Freundes, denn er war selbst reich genug, ohne daran denken zu müssen, sein hochadeliges Wappenschild mit fremden Schätzen vergolden zu müssen. Diesen jungen, strebsamen Offizier dereinst mit ihrem Liebling Mathilde Neumann vereint zu sehen, war ein unausgesprochener, aber still gehegter Wunsch der reichen Wittwe. An ihrem Hochzeitstage wollte sie als gute Fee hervortreten und dem jungen Paare eine bedeutende Summe als willkommene Gabe in den Schooß legen. Das war ein schöner Traum, aber um ihn zu verwirklichen, ließ sie keine Gelegenheit unbenutzt vorübergehen, die Beiden in ihrem Hause zusammen zu bringen. Auch jetzt warf sie ihm einen verständnißvollen Blick zu, und gleich darauf verschwand er hinter den hohen Palmen, wo die beiden Cousinen ein lauschiges Plätzchen gefunden hatten. Mathilde von Schalldorf war viel zu ernst und reif für ihr Alter, um an den launischen und witzigen Scherzen des jungen Mannes Gefallen zu finden, daher nahm sie ein Buch und schritt durch die geräumige Halle dem Park zu. „Das Glück hat mir heute wieder huldvoll zugelächelt", begann der Lieutenant, sich neben Tante Ltna'S ältester Tochter in einen bequemen Sessel werfend. „Wie meinen Sie das?" fragte Mathilde naiv. „Ich finde Sie hier, Fräulein Neumann", versetzte er, mit einem vielsagenden Augenaufschlag. „Wie kommt es, daß ich Sie jetzt so selten treffe?" „Ich werde zu sehr mit den lästigen Schularbeiten geplagt", gestand sie, „aber meine Tante hat mir für den Sommer eine schöne Zeit in Aussicht gestellt. Ich darf eine Nheinretse mit ihr machen I" In ihrer Freude hatte sie auch ihrer Cousine von der verlockenden Aussicht erzählt, doch kein trüber Schatten des Neides war in ihren Zügen sichtbar geworden. „Das freut «ich für Dich", hatte sie geantwortet, „hoffentlich kehrst Du körperlich und geistig gekräftigt zurück, um mit frischem Muth Deine Arbeit wieder aufzunehmen." „Sie beneidet mein Glück — sie gönnt mir die Frende nicht", hatte die jüngere Cousine bei sich selbst gedacht, „nur will sie mir ihre Gefühle nicht zeigen. Ich an ihrer Stelle würde mich ärgern, zurückgesetzt zu werden." Als kurze Zeit später die Gäste die einsame Villa verlassen hatten, saß ihre Bewohnerin noch lange Zeit, das Haupt in die Hand gestützt, in tiefes Sinnen versunken. 629 „Hubert'S Gattin und sein Kind sind hier in der» selben Stadt — und ich wußte eS nicht!" stöhnte sie endlich. „Mein armer, guter Bruder, er hat allzufrüh Schiffbruch in seinem Leben erlitten, und ich! — Ist es mir besser ergangen?" (Fortsetzung folgt.) --» >i » *, »--<» -' Die Zettelt! ägerm. Erzählung von D. Duncker. (Schluß.) Vergebens. Die blonde Frau lag abgewandt in einer» Sessel, das Antlitz mit den Händen bedeckt. Ein Beben durchlief die kräftige, lebensvolle Gestalt und schluchzend und stockend stieß sie abgebrochene Worte zwischen den bergenden Händen hervor. „Es kann nicht sein — es ist unmöglich — daS alte Bild — es trügt — aber das da — das Kreuz — das Gottesauge — und darunter — der Tag der Geburt — und jene, die ihr's gab — und ruir's erzählte — daß ich fortan keine Ruhe mehr fand — o, mein Gott!" — Sie löste die Hände mit einer raschen, leidenschaftlichen Bewegung von dem Antlitz und sah der Alten mit brennendem Weh und sehnsüchtigem Verlangen tn's Auge. „O, mein Gott, ist eL denn möglich, daß Sie meine Mutter — meine arme, langersehnte Mutter —" Und schluchzend brach das junge Weib zusammen. Wie ein gewaltiges Wetter brauste das Unbeschreibliche über die alte Frau hin. Völlig umnachtet waren ihre Sinne. Sie wußte nichts davon, daß und wann endlich ihre Lippen stammelnd „Martha — Martha?" fragten. — Sie sah und hörte und fühlte nichts, bis sie eng umschlungen in den Armen ihrer Tochter lag und die Ströme dieser lang getrennten Herzen ineinander flutheten, als wollten sie in einer einzigen köstlichen Stunde nachholen, was ihnen ein langes Leben grausam geraubt hatte. Wortlos, stumm, in grenzenloser Bewegung schienen sie Eins im Andern aufgehen zu wollen ohne Ende. Nach einer Zeit, für die es Beiden niemals ein Maß gegeben, drückte Martha die Mutter auf das Ruhebett zurück, und zu ihren Füßen knieend, erzählte sie in hastenden Worten, was sich zuvor nur in abgebrochenen Lauten losgerungen. Daß sie vor Jahren durch einen Zufall jener Jugendfreundin begegnet sei, die dem Neugeborenen daS verhängnißvolle Kreuzchen umgehängt. Sie habe ihr entdeckt, was Martha längst empfunden, daß ihr das Mutterherz in frühester Kindheit geraubt worden sei, daß die, die sie Mutter nannte, ihr in Wahrheit niemals Mutter gewesen sei. Von jenem Tage an habe sie unablässig gesucht, obwohl jene Freundin ihr vertraut, daß die Mutter unter fremdem, auch ihr unbekanntem Namen lebe, und nach ihrer Verheirathung ihr Mann, — der in allen Dingen denke und fühle wie sie — mit ihr. Ach, jedes kleine Goldkreuz, das sie erschauten, habe ihnen den Athem stocken gemacht und die freudige Furcht erregt, ein Gottesauge und das Datum eines gewissen LageS darauf zu finden. Vergebens, immer vergebens! In wie viel Zügen hatten sie geforscht, die dem Keinen Jugendbtld, das jene Freundin ihr gegeben, zu (gleichen schienen! Umsonst, immer umsonst! Bei jedem Kinde, das ihnen neu geboren würden, hatten sie auf der Mutter Segen gewartet — gehofft — er blieb aus — immer aus. „O Mutter, Mutter, um wie viel seliges Glück hat das Schicksal uns gebracht!" Und wieder sanken sie einander in stummer Ergriffenheit aus Herz. Aber nur auf einen kurzen, schmerzlich-süßen Augenblick. Dann löste die alte Frau sich aus den Armen ihrer Tochter, umfing die blühende Gestalt mit einem langen, wehmüthig zärtlichen Blick, streckte ihr die welke Hand entgegen und sagte mit müder, gebrochener Stimme; „Habe Dank, meine Tochter, daß Du die Mutter, die sich so schwer an Dir vergangen, mit Kindesliebe an Dein Herz nahmst. Dich als glückliche, beglückende Frau wiedergefunden zu haben, ist mehr als ich je gehofft, mehr, weit mehr als ich verdiene. Nun kann ich meine Augen dermaleinst in Frieden schließen. Leb' wohl, leb' wohl, mein Kind!" „Leb' wohl? Mutter! Mutter! Meinst Du ich ließe Dich, nun, da ich Dich endlich gefunden, auch nur auf Augenblicke wieder von mir? — Und Du sprichst und blickst, als gälte es neue Trennung? Kannst Du selbst daran denken auch nur auf kürzeste Frist wieder von mir zu gehen? Nein, geliebte Mutter, Du bleibst jetzt und auf immer. Ich rufe die Kinder — sie werden Dich lieben mit ihrer holden Kindesliebe — sie haben nie ein Großmutterherz besessen. § Und mein Mann, Deinen Sohn? Willst Du auch nur auf Stunden gehen, bevor Du ihn gesehen, der Deine Martha so über- schwänglich, glücklich macht? O, Mutter, er ist der beste Mann der Welt und unbeschreiblich lieb' ich ihn", und dabei erröthete die Frau wie ein junges Mädchen, dessen Lippen zum ersten Mal von Liebe stammeln. „Nur einen Fehler hat der Geliebte", fuhr sie eifrig fort, da die Mutter sie mit keinem Laut unterbrach, „er arbeitet zu rastlos. Allzu glänzend möchte er mein und der Kinder Loos gestalten. Und dieser rastlose Fleiß, diese nimmermüde Sorge für fein Geschäft, sie trennen uns nur allzu oft." Sie zog die alte Frau an'L Fenster. „Siehst Du dort drüben über dem letzten grauen Schieferdach linker Hand einen Schlot rauchen, den einzigen in der ganzen Stadt? Das ist unsere Fabrik. Selbst heut' am Sonntag gönnt er sich keine Ruh'. Er erprobt mit feinem ersten Ingenieur und ein paar ihm besonders ergebenen Arbeitern eine neue Erfindung. Es heißt, sie solle bedeutend, epochemachend sein. O, Mutter, glaube mir, mein Karl ist ein Prachtmensch! Besser und klüger als alle auf der Welt!" " Mama Leibig strich der jungen Frau zärtlich über den Scheitel, unverständliche Worte murmelnd. Dann küßte sie die Tochter noch einmal sanft auf die Stirn. „Grüße Deinen Karl von mir und sage ihm meinen innigen Dank dafür, daß er Dich glücklich macht." „Sag' ihm das selbst, geliebte Mutter!" Mama Leibig schüttelte den Kopf. „Nein, nein, mein Kind — ich — ich gehe „Aber Du kommst zurück. In ein, zwei Stunden erwarte ich Dich. Nein, ich hole Dich selbst — oder besser noch, ich gehe mit Dir. O, welch' ein Festtag wird das werden!"- „Martha, mein Kind — nein — erwartet mich K30 — NW — ich komme nicht wieder — nicht heute, noch morgen — niemals." „Mutter!" „Ich habe kein Recht, in euren Frieden, euer Glück einzudringen. Eine Mutter, die ihr Kind verlassen, da es klein und ihrer bedürftig war, hat das Recht verwirkt, ihren Lebensabend von Kindesliebe gestützt und getragen zu genießen; ihr bleibt nichts, als stille Buße zu thun." „Mutter! Um Gott, Mutter!« „Gott segne Dich, mein Kind, und erhalte Dir Dein Glück." Als Frau Martha sah, daß es der alten Frau furchtbarer Ernst mit diesem Scheiden, mit einem Scheiden auf immer war, brach sie weinend zusammen. Aber auch der Tochter Thränen konnten den Entschluß der Frau nicht wankend machen. „Hätte ich Dich arm und unglücklich gefunden, hätte ich Dir geben, nun endlich geben dürfen, bei Gott — ich hätte Dich nicht verlassen. Aber dem Himmel sei Dank, Du bedarfst meiner nicht. Er hat gut gemacht an Dir, was ich Schlechtes an Dir that — Lebewohl — Lebewohl — Du darfst in Frieden meiner gedenken", und ohne sich auch nur einmal noch zu wenden, schritt die alte Frau zur Thür hinaus auf den geräumigen Vorplatz, auf dem die Kinder bei ihrem Kommen jubelnd umhergetobt. Jetzt lag tiefe Stille auf dem Platz. Auch der warme, wohlige Hauch, der ihn zuvor durchströmt, war verschwunden. Die Hausthür war zu einem breiten Spalt geöffnet und eisige Winterluft drang hinein. Auf der obersten Treppenstufe, vor der Hausthür, stand ein Mann in einer grauen Arbeiterblouse. Seine schwielige Hand war's, die die Thür geöffnet hielt. Angstvoll umherspähend, blickte er in den Flur. Dann wandte er sich zurück, rief ein, der alten Frau unverständliches Wort hinab, und gleichzeitig wurden schwere tappende Schritte laut, die Thür wurde weit geöffnet, und die Stufen hinauf schritten vier Männer mit einer Trage, auf der sorgfältig gebettet, ein Todter oder Schwerkranker lag. Mit einem einzigen, mehr ahnenden als verstehenden Blick hatte Mama Leibig das Furchtbare erfaßt: todt oder schwerverletzt wurde der geliebten Tochter der angebetete Gatte heimgebracht. Zwei Worte hin und her gewechselt, bestätigten ihr, daß sie recht gefühlt. Es war der Hausherr, durch einen Unglücksfall, der sich bei dem Experiment in der Fabrik zugetragen, dem Tode nahe gebracht. Vorerst dachte Mama Leibig nur das eine, wie sie die Tochter zartfühlend vorbereiten, ihr in dieser schwersten Lebensstunde liebreich beistehen könne! Geräuschlos ließ sie den Besinnungslosen in ein Hinterzimmcr bringen, das der begleitende Ingenieur anzugeben wußte. Erst dann trat sie in das kleine Kabinet zurück, in dem Frau Martha, der Mutter jähen Abschied beweinend, in dumpfem Schmerz zusammengesunken saß. Beim Anblick der alten Frau sprang sie mit freudig verklärter Miene auf, aber als sie ihr in's Antlitz sah, wußte Martha, daß etwas Furchtbares die Mutter zurückgebracht haben müsse. — Nächte um Nächte wachten Mutter und Tochter fortab am Lager des schwerkranken Mannes. Wahre Wunder der Mutterliebe vollzog die alte Frau an dem leidenschaftlich verzweifelnden jungen Weibe. Endlich dämmerte ein schwacher Hoffnungsschein auf. Langsam, ganz langsam kam die Genesung, und als der durch lange Wochen Besinnungslose endlich wieder zum Lebensbewußt» sein erwachte, fand er Mutter und Tochter in einer Vereinigung wieder, die nur der Tod zu trennen vermochte. Mama Leidig war zum Frieden mit sich selbst gekommen. Sie glaubte zum mindesten einen kleinen Bruchtheil ihrer Schuld an ihrem Kinde abgetragen zu haben. Die Kinder des Hauses haben das so sehnlichst herbeigewünschte Märchen nicht besucht. Aber sie haben es niemals bedauert: das Märchen ist zu ihnen gekom- mer; es sitzt fortab alle Tage leibhaftig mitten unter ihnen, herzlicher und inniger geliebt, als alle Märchenbücher oder Märchenstücke der Welt. Und wie die blonde Schaar zuvor gemeint, daß eS keine Kinder auf der Welt gebe, die eine Mutter, einen Vater besäßen, der dem ihrigen vergleichbar, so meinten sie jetzt, daß keine Großmutter auf der weiten Erde, die der ihren, lang gesuchten, endlich gefundenen, ähnlich sei. -—--SWW8-»- Warum Zorg Kainz nicht hcirathete. Von Dr. Josef Hcrbeck. ^Nachdruck virboten.I Jörg Kainz war ein wüthiger Mann, der vor keinem Abenteuer zurückschreckte. Allenthalben war er als dies bekannt. Bekannt aber war er in weiten Kreisen. Und wer ihn je gekannt hat, dem ist die Erinnerung an ihn geblieben. Mancher hat schon dies und jenes aus Kainzens Leben da und dort erzählt. Seinem Muthe kam seine Freude, die er an Geselligkeit und an einer von Aufschneidereien belebten Unterhaltung fand, gleich. In traulicher Gesellschaft versagte ihm der Redestrom nicht leicht. Dies war besonders der Fall, wenn er mit seinem Freunde Reimar zusammen war, der die Kunst des Zuhorchen- in erhöhtem Maße besaß. Jörg Kainz war Förster zu B. im bayerischen Walde und Neimar ebenfalls; Jörg Kainz gefiel dem Reimar, und an letzterem hatte der erstere nichts auszusetzen. Sie hatten gleich am ersten Tage ihre Bekanntschaft miteinander im Jägerlatein gesprochen, und dem braunen Nationalgetränke deL Bayerlandes war Jeder der Beiden in gleichem Grade hold. Es blieb unentschieden, welcher von den edlen Duumvirn kräftiger aufzuschneiden oder zugiger zu trinken vermochte. Kurz und bündig: Jörg Kainz und Reimar waren die besten Freunde. Die Liebe Zum Feuchten und der Haß gegen das Trockene hatten ihre Herzen geeint. Jörg Kainz war von mittlerer Statur. Ein gewaltiger Schnurrbart streckte seine beiden Enden spitz und kühn hinaus, während ein Knebelbart sein Kinn zierte. Seine Haare glichen an Schwärze einer glänzenden Kohle, und seine Mgen funkelten, wie brombeerschwarze böhmische Perlen. Diese Augen sprangen von Gegenstand zu Gegenstand wie zwei Kobolde. In der Freude leuchteten sie auf, wie Bergfeuer am Namensfest Seiner Majestät. Zielten sie auf ein Wild, so schienen befiederte Pfeile von ihnen auszufliegen. Hatte ihr Besitzer aber eins Schelmerei im Kopf, so tanzten elektrische Funken darin. Schelmereien jedoch und Flunkereien waren KainzenS Kapitalvergnngen. Er war auch Meister in dieser Branche. Auf die Pürsche pflegte Jörg Kainz schon vor TageS- anbruch zu gehen. Einen erlegten Bock schon der aufgehenden Frau Sonne zu zeigen, war sein Plaisir. Er krappelte die Zcllerwand hinan, durchquerte das Nißloch und erklomm die Gipfel des kleinen und großen Arber. Bei diesen frühen Ausflügen ereignete es sich zuweilen, daß er das Bett zuvor nicht gesehen hatte, aus lauter Zuneigung znr Geselligkeit. Wer je in der Mooshof- wirthschast bei B. gesessen, der weiß, daß die Wirthin durch prickelnde Speisen dem Durst zu ungeahnter Höhe zu verhelfen vermag. Der Durst unsers Jägers, schon unter gewöhnlichen Verhältnissen phänomenal, vergrößerte fich bei solchen Schmausereien ins Maßlose. Daß Jörg Kainz einen maßlosen Durst mit ebenbürtigen Waffen bekämpfte, war selbstverständlich. Aß er wie ein griechischer Heroe, so trank er wie ein mittelalterlicher Held. Dabei vertrug er allein eine Getränke- menge, die mehrere Andere unter den Tisch gebracht hätte. Hatte er sich einmal am Wirthstische festgesessen, so schien er ehernes Sitzfleisch zn besitzen. Von einem Gewölks Tabaksqualm umgeben, der seiner Pfeife entquoll, verschwommen die Umrisse seiner Figur ins Undeutliche. Eines Abends vor einer festgesetzten Frühpürsche saß Jörg Kainz mit seinem erprobten Freunde Neimar bei Speise und Trank im Mooshof. Das Essen, besonders der gebratene Rehrücken mit gebackenen Knödeln als Beilage, war vorzüglich. Jörg Kainz war in seinem Elemente, und seine Schnurren und Windbeuteleien ließen bei Männern und Weiberleuteu das Lachen nicht verstummen. Der Zuhörerkreis bestand zumeist aus Holzknechten und aus Mägden, die am Spinnrocken thätig waren. Es war spät in der Nacht, als Jörg Kainz seinen letzten Maßkrug austrauk und schweigend die Stube verließ; denn die einzigen Übriggebliebenen, der Wirth und Neimar, saßen zwar am Tisch, aber ihre Häupter ruhten schlaftrunken auf demselben. Mit einem Seufzer über die Schwächlichkeit des Jahrhunderts begab sich Jörg Kainz aus dem Hause. Die Nachr war stark finster, und der Wind pfiff aus den Schluchten des Gebirges. Nach einiger Zeit trat der halbe Mond aus einer schwarzen Wolke hervor und suchte mit mattem Schein das Dunkel da und dort zu durch- dringen. Jörg Kainz drückte seinen Hut fest ins Hinterhaupt und ließ seine heiße Stirn vom Winde kühlen. »Das ist eigentlich kein Wetter Mr Pürsche", sagte er zu sich. Deßungeachtet wanderte er gegen den Wald hin weiter, regelmäßige Zickzacke auf der Straße beschreibend. Nach einiger Zeit verließ er die Straße und stieg, an dem sausenden Gewässer des Hochfalls angelangt, einen Bcrgpfad aufwärts. Zn seinen beiden Seiten ragten jhurmhohe Felswände in den Nachthimmel empor. Unbekümmert um alle Schrecken der Nacht schritt Jörg Kainz rüstig weiter und pfiff laut ein altes Waldlerlied kn die Finsterniß hinein. Jedermann sieht ein, daß Jörg Kainz bei der herrschenden Finsterniß noch nicht zn fürchten brauchte, mit seinem Pfeifen um ein jagbares Wild zu kommen und daß er ferners keinen besonders tiefen Gedanken nachhing; er trabte eben ganz prosaisch der Diensthütte auf der Höhe des Vorbergsattels zu, völlig ohne Ahnung dessen, was kommen sollte. Allerhand Lieder, die er in feinem Gedächtniß vor- räthig fand, herunterpfetfend, gelangte er schließlich an das obere Ende des Nißloches, einer gewaltigen Felsenschlucht. Er verwandte wenig Augenmerk auf die im schwachen Mondlicht wie Schaumsilber viörireuden Kaskaden des Gebirgsbaches, sondern strebte unaufhaltsam höher auswärts der Diensthütte zu. Sein Athem ging schneller, und sein Pfeifen verstummte. Endlich lichtete sich der dichte Forst, und auf einem weiten Plan, unsicher vom Mond beleuchtet, lag die kleine Diensthütte vor Kainzens Augen. Die Dicnsthütte, für gewöhnlich Zugesperrt, war ein hochgelegener Ruhcpunkt für Jäger; Jörg Kainz besaß einen Schlüssel zu derselben. Kainz öffnete das Schloß, in der einzigen Stube des Gebäudes zündete er eine Kerze an, dann setzte er sich, das Gewehr zwischen den Füßen, auf einen Stuhl, und so wollte er die Morgendämmerung abwarten. Das Licht auf dem Tische flackerte bei den Windstößen, die das ganze Haus durchstöhnten, unruhig hin und her. Bald rasselte der Wind in den Sparren des Daches der Diensthütie, bald toste er im Keller derselben, wo Kaiuz Bier, in Flaschen abgezogen, aufzubewahren pflegte. Wunderlich tönte in das Sausen das gleichmäßige Ticken des Holzwurms m den fichtenen Wänden der Untcrkunftsstcitts. Jörg Kainz gedachte der vielen naturwüchsigen Frühstücke, die er schon hier oben eingenommen hatte, worunter Rehleber, nach seiner eigenen Methode am Herd der Hütte bereitet, eine große Rolle spielte. Er erinnerte sich mancher Kameraden und mancher Abenteuer. Seinen Rücken bequem an die Wand lehnend, die Füße von sich spreizend, schloß er die Augen und siel in einen Schlummer, aus dem er seltsam geweckt wurde. Aufwachend rieb er sich die Augen und sprang verwundert empor. Nie vernommene Stimmen drangen von der Flur her, welche die Hütte umgab, an seine Ohren. Leben und Getümmel umwogte die sonst stille Behausung. Als er unter die Thüre trat, sah er Treiber mit Ratschen, Bediente mit Windlichtern, zahlreiche Jäger. Jörg Kainz schaute unbeweglich und starr in das Getriebe. »Es ist höchste Zeit", sagte Jemand zu ihm, der ihm auf die Schulter klopfte. „Sie werden einen guten Standplatz erhalten. Kommen Sie m-.tl" „Ich?" rief Jörg Kainz sich umwendend aus. „Freilich, Sie." Der sonst redegewandte Jörg Kainz brachte kein Wort über die Lippen. Er sah immer mehr Menschen auf der Waldwiese vor der Hütte hin und her gehen und kannte keinen von ihnen. Sie kamen aus dem Forst, durcheilten den Plan und verschwanden wieder im Forst. Die Leute trugen Kleider, wie er sie nur ans alten Bilderbüchern her kannte. Jörg Kainz schaute und schaute und kam zn keiner Klarheit. „Werden Sie bald in den Wald gehen?" fragte ihn der eine Perrücke tragende Mann, welcher ihn zuvor angeredet hatte. „Werden Sie bald in den Wald gehen?" fragte er, eine Laterne vor das Gesicht des Jägers haltend. „Mit Laternen?" sagte Jörg Kainz, einen Schritt zurücktretend. „Was soll denn das Ganze bedeuten?" »Es ist heute große Jagd," erwiederte der Andere. „Es muß noch nicht weit von Mitternacht weg sein," sagte Jörg Kainz. Der Andere antwortete ganz ruhig; „Nein". „Hat man auf mich angetragen," sagte Jörg Kainz. „Gewiß," sagte der Andere. „So, scll', sagte Jörg Kainz, „nun, wir werben ja sehen".- „ES geht oer Verwand zu", sagte der Andere. „Schnurstracks vour Arber zum See hinab! Hurrahl" Während so gesprochen wurde, stand plötzlich vor Jörg Kainz ein junger Herr in der Kleidung, wie sie böhmische Adelige im vorigen Jahrhundert trugen. Die Stoffe der Kleider waren hochfein, und Goldstickerei war an den Verzierungen nicht gespart. Der junge Herr trug kurze, schwarzsammtne Hosen, schwarzseidene Strümpfe, hirschlederne Schuhe, Spitzenmanschetten, einen dreieckigen Hut, einen Degen an der Seite, ein Gewehr unterm Arm. Seine Weste war von grüner schillernder Seide, und die Flügel seines gelbseidenen Halstuchs, das lässig geknöpft war, hingen weit herunter. Sein Benehmen war aristokratisch gemessen. Während Jörg Kainz noch das Gewand des Junkers musterte, trat eine Dame in grünem Sammet- klei'oe herzu. Ein schwarzes Barett schmückte ihr Haupt; ihr Antlitz war bildschön, wie Jörg Kainz sich ausdrückte. Jörg Kainz war außer sich vor Begeisterung beim Anblick dieser Erscheinung. Ein huldreicher Augeuaufschlag der Dame traf Jörg Kainz. Das Betragen des jungen Herrn gegenüber der Dame schien das eines Bruders seiner Schwester gegenüber zu sein. Ein äußerst ergeben dareinsetzender Leibjäger in pstaumenfarbigem Kleide folgte dem Paare. Die Dame hatte Jürgens Herz ganz für sich eingenommen. „Die Jagd kann losgchen", rief der junge Herr, die Hand an den Degen legend. „Die Jagd kann loSgehen", wiederholte der Leib- jäger, sich tief verbeugend. Jörg Kainz nahm den Hut ab, verneigte sich unmuthig vor der Dame und setzte seinen grünen Filz wieder auf. „Man stelle sich in Zugordnung auf!" schrie der Letbjäger im pstaumenfarbigen Kleide den Bedienten und Treibern zu; dabei deutete er auch Kainz an, sich seinem Winke zu fügen. „Ich werde meine eigenen Wege gehen", rief ihm der Förster zu. Der Pflaumenfarbene machte sofort ein bitterböses Gesicht; als aber sein Herr nichts dawider redete, ließ er die Sache bewenden. Als auch noch ein begütigender Blick der Dame den Letbjäger traf, nahm dessen Gesicht die gewohnten blöden, devoten Züge wieder an. „Wenn es den Herrschaften recht ist", sprach Jörg Kainz gemüthlich, „werde ich mich ihrem Letbjäger anschließen und besonders bei den drohenden Abgründen auf die zarten Füße der hohen Dame Acht haben. Kollega, reichen Sie mir Ihre Hand!" Der Leibjäger schlug zaghaft und wie gezwungen in die dargebotene Rechte, während der ganze Troß von Bedienten und Treibern dieser Scene großäugig und schier ungläubig zuschaute. „So etwas Wunderbares ist mir doch noch nie vorgekommen", sagte Jörg Kainz für sich. Der Zug setzte sich in Bewegung, voraus die Treiber, darnach die Bedienten mit Windlichtern, hinter diesen kam eine Sänfte, in welcher die hohe Dame saß, von vier Dienern getragen, zur Seite der Sänfte ging der Baron, und unmittelbar darauf folgten Leibjäger und Förster. Binnen kurzem schlug der Zug ein rasches Tempo an, und Kainz mußte mehr laufen als gehen. Er wollte die Träger der Sänfte tadeln, da letztere bei diesem Tempo sehr schwankte, aber er wagte es nicht, denn er sah, daß die Dame selbst zu rascher Gangart aneiferte. Deßungeachtet verwandte er sein Auge nur selten von der Dame. Diese sah sinnend in die Weite, der Kavalier schaute fast ehrerbietig zu ihr empor, und der Pflaumenfarbene schien eifersüchtig auf den Förster zu sein, den er in Aufmerksamkeit für die Dame zu überbieten versuchte. Sein Auge hing in abgöttischer Verehrung an ihr. Jürgens Gefühle waren zwischen Neugierde und auflodernder Liebe zu der Dame getheilt. Er konnte sich nicht entsinnen, je ein schöneres Müdchenbild gesehen zu haben. Und an schönen Gesichtern ist doch unter den Jungfern deS bayerischen Waldes kein Mangel. (Schluß folgt.) Auch ein Stammbuch. „Was haben Sie denn in diesem Buch alles anfnotirt?" — „Sämmtliche Kriege, die ich während meiner dreißigjährigen Ehe mit meiner Alten führte! Achtundzwanzig Schlachten hat sie gewonnen, ich dagegen dreißig — verloren!" Anzüglich. „Mensch, wo kommst Du denn her so in Gala?" — „Habe Schwiegermutter besucht!" — „Ach, deßhalb hast Du die Angströhre aufgesetzt!" Kind, hast du deine Mutter noch? Kind, hall du deine Mutter noch? Dann möcht' ich dich beneiden! Wie reich bist du, wie glücklich doch Selbst in der Armuth Leiden! Des Lebens Sorgen werden nicht Dein leichtes Herz bedrücken; Die Mutter sieht, was Dir gebricht, Weiß, was Dich kann beglücken. Und ob sie selbst die Dornen stechen, Sie sucht das NöSlcin dir zu brechen. Kind, hast du deine Mutter noch? O halt' sie hoch in Ehren! O folge jedem Winke doch, Horch' ihren frommen Lehren! Und hüte dich, das Mutterherz, Das treueste von allen, Zu quälen je mit Leid und Schmerz, Du würdest Gott mißfallen. Und täglich fromm die Hände falte Und fleh', daß Gott sie dir erhalte. Kind, hast dn keine Mutter mehr. Dann möcht' ich mit dir weinen Wohl bist Du zn beklagen sehr; Und dennoch will es scheinen, Als habe Gott im Himmel dort Besonders lieb die Waise. Er nahm zn sich die Mutier fort Und spricht in's Herz dir leise: „Ich selbst, o Kind, ich ganz allein Will Vater dir und Mutter sein!" S ch e r z r ä t h s e l. Mit b inögst du es reich besitzen, Bekommst mit u du's, mög's dir nützen! Mit s ist es ein harmlos Thier — Mit i sind's Geschöpfe voll Nanbbegier. Mit x ein wundersames Wort, Erkennst den Münchner d'ran sofort. « 83 . 1896 . „Augsburger PostMung". Dinstag, den 6. Oktober Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Kin fehlendes Wort. Original-Novelle von C. Borges. (Fortsetzung.) II. Ungeachtet ihres großen Reichthums, der den Neid vieler Menschen erweckte, die weniger mit Glücksgütern gesegnet waren, führte die reiche Wittwe ein trostloses, liebeleeres Leben. Seit den frühesten Jahren einer glücklichen Jugendzeit hatte sich plötzlich eine feste Eisrtnde um ihr Herz gelegt, die weder Zerstreuungen der Welt noch der spätere Reichthum zu sprengen vermochten. Als junges Mädchen von kaum achtzehn Jahren hatte Mathilde Wendtland mit der ganzen Kraft ihres jugendlichen Herzens einen jungen Ingenieur, Erich Waldhausen, geliebt. Anfänglich schien kein dunkles Wölkchen das Glück der Liebenden trüben zu wollen, und eine heitere, sonnenhelle Zukunft lag vor ihnen. Doch wie ein Blitz aus heiterer Höhe war das Unglück plötzlich hereingebrochen. Von allzu großer Liebe beseelt, waren die Augen der jungen Dame geblendet, so daß sie die Vernachlässigung mit Eifersucht zu sehen glaubte, ohne den geringsten Grund für diese Vermuthung zu haben. In ihrer Liebe sah sie überall Gespenster, und in ihrer Aufregung ließ sie sich zu heftigsten Worten hinreißen, die sie bitter bereute, sobald sie ihren Lippen entschlüpft waren. Der junge Mann war von seiner Unschuld zu fest überzeugt, um sich gegen einen unbegründeten Verdacht zu rechtfertigen; mit einem tieftraurtgen Blick schied er von ihr, und der kurze Liebestraum hatte ein jähes Ende erreicht. Der junge Ingenieur verließ seine Heimath und wanderte nach Amerika aus, und nach ungefähr Jahresfrist verbreitete sich die Nachricht von seinem Tode. Wer dieselbe ausgestreut und ob sie auf Wahrheit beruhte, wußte man nicht, aber Mathilde Wendtland trauerte um ihn; ihr Lebensglück war dahin und ihr Herz gebrochen. So waren Jahre vergangen. Da bot ihr der reichbegüterte Landedelmann von Schalldorf Herz und Hand an. Sie gelobte sich, ihm eine treue Gattin zu sein; aber die Wunden ihres Herzens konnten weder die Zeit noch der Gatte heilen; nur wurden sie nach und nach gemildert, ohne in ihrem Innern den Stachel der Bitterkeit zu verlieren. Nur eine kurze Spanne Zeit schien die Sonne des Glückes daS bekümmerte Herz erwärmen zu wollen. Selbst die Erinnerung an ihr kurzes Liebesglück verschwand durch das süße Lallen eines Kindermundes, und zwei kleine, weiche Händchen streichelten die Wangen der glücklichen Mutter, die in dem kleinen Liebling das rechte Erdenglück fand. Aber schon nach kaum zwei Jahren öffneten sich die Thore des Paradieses, um das kleine Wesen aller irdischen Noth zu entrücken unv es der Schaar der Englein einzureihen. Ein vorzügliches Oelgemälde in Lebensgröße war alles, was der armen Mutter von ihrem Liebling geblieben war. Es hing über ihrem Bette, und in langen, schlaflosen Nächten wandte sie keinen Blick von demselben ab, und wenn sie am Morgen nach kurzem, traumlosem Schlaf erwachte, der ihr keine Erquickung gebracht, so fiel ihr Auge wieder auf das kleine Mädchen, mit dem sie das letzte Glück ihres Lebens begraben hatte. Jetzt war sie eine einsame, alte Frau, umgeben zwar mit allem Luxus, den der Reichthum gewähren kann, aber dennoch unglücklich. Nur Mathilde Neumann und der junge Lieutenant von Römer schienen sie aufrichtig zu lieben, und diese Liebe wollte sie ihnen reichlich lohnen. Was sie in ihrem Leben vermißt hatte, wollte sie in dem jungen Paare später wieder finden. Die vielen Enttäuschungen des Lebens hatten sie weder verbittert noch egoistisch gemacht, und sie glich durchaus nicht ihrer herzlosen, koketten Schwester Lina Neumann. Jetzt warf sie einen Blick auf die sie umgebende kostbare Ausstattung ihrer reizenden Villa. Da waren orientalische Seltenheiten und werthvolle Kunstschätze aufgespeichert, dabei die verschiedenartigsten Ntppes im bunten Mosaik zusammengewürfelt, wie sie die Neuzeit so verschwenderisch zusammenstellen kann. Dann schweifte ihr Auge über die herrliche Umgebung. Dort dehnte sich der Park mit seinen uralten Tannen und Fichten aus, vor demselben der spiegelklare Teich, in dem Gold- und Silberfische im Sonnenschein spielten und stolze Schwäne majestätisch ihre großen Ringe zogen. Sie hatte wirklich ein schönes Heim, aber sie war allein, mit Ausnahme der täglichen, unwillkommenen Gäste. Aber halte sie denn Niemand, mit dem sie ihr häusliches Glück theilen konnte? Ihre Gedanken schweiften hinüber zu der unbekannten Fremden, Herbert's Wittwe, mit ihrem Kinde. Sie hatte dem Bruder gezürnt, der gegen ihren Willen eine Ehe geschlossen hatte, aber er war todt, und sie zürnte ihm nicht bis über das Grab hinaus. Sie 634 wollte noch heute die Wittwe aufsuchen und nach besten Kräften ihr helfen. „Lina würde kein Wort von ihr gesagt haben, wenn dieses lächerliche Mißverständnis; nicht ihr Geheimniß entlockt hätte", dachte sie bei sich selbst. „Sie ist zu engherzig und berechnend, will sich in meine Gunst einschmeicheln, um nach meinem Tode mein Vermögen sich oder ihren Kindern zu sichern. Ihre Habgier soll bestraft werden. Ja, wein Entschluß steht fest, ich will noch heute die neue Verwandte aufsuchen." Sie hatte Wort gehalten; schon im Laufe des Nachmittags hielt eine elegante Equipage vor einem kleinen Hause in der entlegenen Joscphstraße. „Wohnt Frau Wendtland hier?" fragte Frau von Schalldorf, als eine ältliche, reinliche Frau, augenscheinlich die Hauswirthin, die Thüre öffnete. „Ja, bitte, treten Sie hier ein", entgegnete die Angeredete, und die Thür eines kleinen Wohnzimmers öffnend, rief sie: „Hier ist eine Dame, Frau Wendlland", dann zog sie sich zurück. Frau von Schalldorf stand jetzt einer Dame in schlichter Trauerkleidung gegenüber. Vor dem Tische saß em rothwangiger, schwarzlockigec Knabe von circa acht Jahren, ein Bild blühender Gesundheit und Lebensfrische. Er war emsig mit seinen Schularbeiten beschäftigt, denn Bücher und Hefte lagen vor ihm auf dem Tische ausgebreitet. Die Augen der reichen Wittwe wurden feucht, als sie aufmerksam die Züge des Kleinen betrachtete, in denen sie getreu die ihres Bruders wiederfand. „Ich muß mich Ihnen selbst vorstellen", begann sie dann, und ihre Stimme hatte die gewöhnliche Festigkeit verloren. „Ich bin Ihre Schwägerin, Frau von Schalldorf, und wenn ich recht vermuthe, sind Sie die Wittwe meines einzigen Bruders Herbert." Die jüngere Dame verneigte sich, doch ihre Lippen blieben fest aufeinander gepreßt; kein freundliches Wort des Willkommens begrüßte die arme, reiche Frau, die mit einem Herzen voll Liebe diese Schwelle betreten hatte. Schweigend deutete Frau Wendtland auf einen Sitz, und als die ältere Dame Platz genommen hatte, ließ sie ihre Blicke im Zimmer umherschweifen und zuletzt auf dem Antlitz ihrer jungen Verwandten ruhen. Sie sah in ein seines, aristokratisches Antlitz, doch die dunkeln Augen blickten finster, fast feindselig auf sie herab. „Ich hörte erst heute von meiner Schwester von Ihrer Anwesenheit hier in der Stadt", unterbrach Frau von Schalldorf die peinliche Stille. „Ist das — Her- bert's Sohn?" fuhr sie mit bebender Stimme fort, auf den hübschen Knaben deutend. „Ja! Willy, gib der Dame die Hand; sie ist die Schwester Deines Vaters." Der Knabe gehorchte augenblicklich. „Ich bin Deine Tante Mathilde, mein liebes Kind", verbesserte Frau Schalldorf, dann zog sie den Kleinen zu sich heran und küßte ihn. „Du siehst Deinem Vater sehr ähnlich", und zu der Mutter gewandt fuhr sie fort: „Um meines Bruders willen bitte ich um Ihre Freundschaft und biete Ihnen meine Hilfe und meinen Beistand an." Frau Wendtlimds Lippen preßten sich noch fester aufeinander, doch dann versetzte sie im gereizten Tone: „Sie meinen es vielleicht gut, gnädige Frau, aber ich bedarf keiner Hilfe, weder für mich noch für Willy. Es st mir gelungen, eine hinreichende und lohnende Be- schäfligung zur Bestreitung unseres Unterhaltes zu finden. Als ich vor längerer Zeit Frau Neumann aufsuchte, geschah es nur in der Absicht, die Verwandten meines so früh verlorenen Gatten kennen zu lernen — aber nicht um eine Unterstützung oder um ein Almosen zu bitten I" Frau von Schalldorf schlug verwirrt die Augen zu Boden, sie fühlte die Schuld ihrer herzlosen, koketten Schwester Lina, die diese anmuthige, hoheitsvolle und stolze Frau so schnöde behandelt hatte. „Ich fürchte, meine Schwester Lina hat Ihnen großes Unrecht gethan", bemerkte sie daher verlegen. „Ich verließ ihr Haus in der festen Absicht, von nun an die Verwandten meines Gatten vollständig zu ignoriren, wie man bisher von meiner Existenz nicht die geringste Notiz genommen hatte", lautete die Entgegnung. „Karolina ist herzlos und unberechenbar in ihren Launen", fuhr jetzt die reiche Dame entrüstet auf, denn es schmerzte sie zu tief, daß sie hier um Liebe bettelte, die ihr durch die Herzlosigkeit ihrer Schwester nicht gewährt wurde. Dann fügte sie zu ihrer eigenen Entschuldigung hinzu: „Wir konnten auch mit der Wahl unseres Bruders nicht einverstanden sein und seinen Schritt nicht eher billigen, als bis wir überzeugt waren, daß er selbstständig für die Erhaltung eines eigenen Hausstandes sorgen konnte." Frau Wendtland's dunkle Augen flammten zornig auf. „Ich weiß es", versetzte sie bitter, „aber unsere gegenseitige Liebe machte uns unsere bescheidene Häuslichkeit zum Paradiese; ich hätte Armuth und Mangel an seiner Seite gern ertragen und wäre doch beneidens- werth glücklich gewesen." Die reiche Frau fühlte einen Stich in ihrem Herzen. Diese einfache, arbeitsame Frau hatte wahres irdisches Glück reichlich genossen, während sie sich vergeblich darnach sehnte. „Können wir nicht Freunde werden?" flehte sie noch einmal, „wenn Sie auch meinen Beistand ablehnen, gilt Ihnen denn auch meine Liebe nichts? Für das herzlose, unfreundliche Benehmen meiner Schwester Lina dürfen Sie mich doch nicht verantwortlich machen. — Darf ich fragen, in welcher Weise sie Ihren Unterhalt erringen — geben Sie wieder, wie vor Ihrer Verheiratung, wissenschaftlichen Unterricht?" Frau Wendtland lächelte. „Nein", versetzte sie, „es war freilich anfänglich meine Absicht, aber ich merkte bald, daß ich dabei nicht bestehen konnte. Ich habe hier in meinem Hause ein Atelier für Damen-Confektion eingerichtet, und jedes Kostüm, welches unter meiner Leitung angefertigt wird, ist ein Kunstwerk!" „Unmöglich!" rief Frau von Schalldorf sichtlich entsetzt. „Sie sind eine „Wendtland", wenn auch nur durch Heirath, und da ist es mir ein drückendes Gefühl, daß sie als Schneiderin ihr Brod erwerben." „Ich sehe nichts Entehrendes in dieser Beschäftigung", wandte die junge Verwandte lächelnd ein. „Viele Damen aus guter Familie können in die Lage kommen, sich durch Fleiß ihr Brod zu verdienen; ich würde ein Geschäft angefangen haben, allein es fehlte mir das erforderliche Kapital. Jetzt halte ich mir ungefähr zehn bis zwölf Damen, die oben in meinem Atelier arbeiten, und ich führe die Oberaufsicht. Wir fertigen größten- theils Hochzeits- und Äesellschaftsroben an, und ich gebe Ihnen die Versicherung, daß diese Arbeit eine sehr anregende und lohnende ist." K'N« KWU E.W A'L»D'-^' MM MM MKMWr MM WV KWLL-<^ ML v ".MR SW MEv DMLP: WLZSKi Ä 7 WH !E MKZMU M'y I'/.M ' 7 DS 5 -' ?>'W MMWGM^M LLEÄLvMi-Ä^MsW 8 SLM L 2 L WW MD UWW MW S«W SDM NM KMS -WE'A MWW ^.85 ML S« MM L'-L^LK 636 „Mir gefällt diese Idee durchaus nicht", gestand die reiche Dame. „Würden Sie diese Beschäftigung ganz und gar aufgeben, wenn ich für Sie und für Willy sorgen wtude?" „Nein, gnädige Frau, ganz entschieden nicht. Ich ziehe vor, für mich und für Willy zu arbeiten, ohne die Wohlthätigkeit fremder Menschen in Anspruch zu nehmen, selbst wenn dieselbe freundlich angeboten wird. So lange ich im Stande bin zu arbeiten, würde ich meine Selbstachtung verlieren, wenn ich fremde Hilfe in Anspruch nähme. Willy soll eine gute Erziehung haben, damit er späterhin seinem Namen Ehre macht, aber nur auf meine eigenen Kosten." „Bedenken Sie aber, wie peinlich es für mich werden könnte", wandte jetzt Frau von Schalldorf ein, „wenn ich in einer Gesellschaft mit Damen zusammentreffen würde, denen die Gattin meines Bruders die Kostüme angefertigt hat." Ein spöttisches Lächeln umsvielte die Lippen der jungen Frau. „In diesem Falle", versetzte sie in ihrer gleichmäßigen Ruhe, „werden Sie hoffentlich meinen Leistungen Beifall zollen, denn meine Kleider haben alle „ostio" und sitzen vorzüglich." Frau von Schalldorf überlegte. Nach ihren Begriffen schien die junge Verwandte ihren eigenen Vortheil außer Acht zu lassen, und es schmerzte sie tief, daß sie jeden Beistand hartnäckig zurückstieß. Wie ganz anders würde ihre habgierige Schwester Lina dieses Anerbieten ausgebeutet haben, deren lästige Aufmerksamkeiten ihr jetzt doppelt widerwärtig erschienen. „Da Sie sich hartnäckig weigern, meine Hilfe anzunehmen, und in ihrer jetzigen Stellung verharren wollen, so können Sie nicht von mir erwarten, Sie in Zukunft als meine erste Verwandte anzuerkennen", entgegnete sie jetzt mit eisiger Kälte. „Erlauben Sie mir, daran zu erinnern, daß ich diese Begegnung nicht gewünscht habe", lautete die ebenso kühle Antwort, „ich werde nie die Wege der Verwandten meines Gatten durchkreuzen." Die reiche Frau wandte sich jetzt an den Knaben, den sie so gern mit sich genommen hätte; er erinnerte zu sehr an ihren früh verlorenen Bruder. „Adieu, lieber Willy", sagte sie, ihm die Hand reichend, „Deine Mutter ist Schuld, wenn wir uns nicht wiedersehen." „Nein, nein, meine Mutter ist nicht schuld daran; ! alles was sie sagt ist recht und gut", rief der Kleine ! und umschlang den Hals der geliebten Mutter. ! Die Lippen der reichen Frau zitterten bedenklich, als sie sich der Thüre näherte. Frau Wendtland merkte die innere Bewegung und sagte besänftigend: „Ich bedauere, daß unsere erste Zusammenkunft sich nicht besser gestaltete. Sie meinten es gewiß gut mit uns, und ich bin nicht undankbar über das Anerbieten Ihrer Hilfe. Aber so lange ich die Kraft zur Arbeit habe, will ich lieber unabhängig sein." „Wieder eine herbe, bittere Enttäuschung", stöhnte die reiche Wittwe, als sie auf leichten Gummirädern geräuschlos ihrer einsamen Villa zufuhr. „Wie viele Bitterkeit des Lebens werde ich noch durchkosten müssen, ehe ich Ruhe im Grabe findel Wie gern hätte ich ihr geholfen, aber mit königlicher Würde schlug sie jede Hilfe aus! Und das Kind, das Kindl Wenn ich nur das ?tnd ab und zu bei mir sehen dürfte, wie glücklich würde S mich machen, seinem Spiel im Park und Garten zuschauen zu dürfen! O, diese Erfahrung raubt mir das letzte Lebensglück I Karoline darf meine heutige Niederlage nie erfahren, sie ist zu demüthigend für mich, und sie hat kein Verständniß für mein tiefes Seelenleiden." „Fräulein Neumann war hier; sie will morgen wiederkommen und hat diese Blumen gebracht", berichtete der Diener, als Frau von Schalldorf in ihrer Villa eintraf. „Das liebe, gute Kind! Ja, Mathilde Neumann meint es noch gut mit mir", flüsterte mit wehmüthigem Lächeln die reiche Dame, als sie die ersten Frühlingsblumen , Veilchen und Primeln, ins Wasser stellte. „Ihre kleinen, bescheidenen Gaben erfreuen mich uwso- mehr, da ich weiß, daß sie mir aus gutem Herzen dargebracht werden. Aber was ist das?" fuhr sie in ihrem Selbstgespräch fort, als sie einen offenen Brief vom Teppich aufnahm. „Fräulein Mathilde Neumann, Fürstcn- straße" las sie laut die Adresse. „Zweifellos der Brief einer Schulfreundin, den sie hier aus Versehen aus der Tasche gezogen hat; morgen will ich ihn ihr wiedergeben. Drei engbeschriebene Seiten I Was sich doch Schul- freundinnen alles zu sagen haben, die doch täglich mehrere Stunden beisammen sind!" fuhr sie dann fort. „Von Amalie Westen", las sie dann, einen Blick auf die Unterschrift werfend, „es ist gewiß kein Geheimniß darin und kein Unrecht, ihn zu lesen. Es zerstreut mich ein wenig, und es ist schon so lange her, seitdem ich einen Brief von einem jungen Mädchen gelesen habe; ich habe ja schon längst vergessen, was Schul- und Pensionsfreundinnen einander schreiben." Mit einem Lächeln auf den Lippen setzte sie sich in einen Sessel und las die engbeschriebenen Seiten. Doch das Lächeln war schnell verschwunden und das Antlitz aschfahl geworden; die zitternden Hände konnten kaum das Papier halten und die thränenumflorten Augen keine Silbe mehr entziffern. „Auch Du, Mathilde", stöhnte endlich ihre gepreßte Brust, „Du, mein geliebtes Kind, dem ich vertraute und dem ich glaubte! O, mein Gott, mein Gott! Was habe ich gethan, daß Du mich so hart bestrafst? Giebt es denn keine Seele auf Erden, die mich liebt? Ja, das unselige Gold verbittert mir das Leben; wie viel Unheil hat es über mich gebracht I Du allein trägst die Schuld, Du stolze, übermüthige Schwester Karoline. Deine Habgier und Herzlosigkeit sind der Giftbaum, der im Herzen Deines Kindes diese Früchte gezeitigt hat. — Ja, meine kleine, liebe Mathilde, wollte Gott, Dein Wunsch wäre erfüllt und ich todt und Du meine Erbin, wie es aus diesen Zeilen Deiner Freundin zu erkennen ist, der Du gewiß schon oft Dein Herz ausgeschüttet hast!" Stundenlang saß die unglückliche Frau regungslos in ihrem Zimmer, den Kopf in die Hand gestützt, in tiefes Sinnen versunken. Die Dämmerung war längst hereingebrochen, sie merkte es nicht, sah nicht, wie der Diener die silberne Astrallampe anzündete, hörte nicht seine Worte, ob er das Abendbrod servilen sollte. — ' Endlich erhob sie sich und schwankte in ihr Schlafzimmer, ! das sie fest hinter sich verriegelte, nachdem sie die er- ^ schrockene Zofe mit der Weisung entlassen hatte, sie bedürfe heute ihrer Hilfe nicht, da sie Kopfschmerzen habe und ungestört sein wolle. ! In früher Morgenstunde wurde der alte Diener ! durch ein unheimliches Geknister und Knattern aus seinem Schlaf erweckt. Er sprang auf. Dichter Rauch erfüllte I^emm'ln ' , , 7 vr 1 I«»»Ä^MIäI»«» M»U» Liliksr W ,^ea , , ... Nach einem Tableau des photographischcn Ateliers von HanS WciS, k. v. Hof-Photograph n, Memmingrn. lV.rviclfälticiungSrecht vorbehalten.) 638 das ganze Gemach, und Heller Feuerschein machte die Nacht zum lichten Tage. „Feuert Feuert" schrie er in Todesangst und stürzte auf den Hausflur, wo in diesem Augenblick sämmtliche Dienstboten schreckensbleich erschienen. Sie schliefen alle in den unteren Räumen. Nur die Herrin allein hatte ihr Schlafgewach in der oberen Etage. Das ganze obere Stockwerk stand bereits in hellen Flammen, schon die Treppe war von dem entfesselten Element ergriffen, aber mit unerschrockenem Todesmuth stürzte der alte, treue Diener hinauf und erreichte mit Gefahr seines eigenen Lebens die fest verschlossene Thür des Schlafzimmers seiner Herrin. „Frau von Schalldorf — gnädige Fraut Um Gotteswillcn, öffnen Sie die Thür — das ganze Haus steht in Flammen!" rief er mit der ganzen Kraft seiner Stimme. Vergebens — es erfolgte keine Antwort, und nur mit Mühe konnte der treue Diener das eigene Leben retten. Die Feuerwehr war schnell zur Stelle. .Dort sind die Fenster des Schlafzimmers", riefen die Diener durcheinander, „rettet Frau von Scholldorf l" Die erfahrenen Feuerwehrleute schüttelten ihr Haupt. „Da ist jede Hilfe zu spät", erklärten sie, „in jenen Räumen arhmet kein lebendes Wesen mehr. Gerade dort ist der Herd des Feuers, es muß dort ausgebrochen sein." Sie arbeiteten rastlos und mit aller ihnen zu Gebote stehenden Kraft, aber sie konnten des Feuers nicht Herr werden, und schon nach wenigen Stunden standen nur die rauchgeschwärzten Außenmauern um einen dampfenden Trümmerhaufen. (Forts, folgt.) Kunstmaler Merkte vr. 8. L. Aus Schwaben. Am 21. August lfd. Js. entschlief der in weiten Kreisen wohlbekannte und allgemein geachtete Kunstmaler Herr Andreas Merkte in seiner Hcimath Hammel bei Augsburg. Er war geboren am 22. November 1822 in Hammel als Sohn der Söldmrsehcleute Johann und Fravziska Merkte. In seiner Jugendzeit leb.'e in Ottmarshausen, zu dessen Pfarrgcmeindc Hammel gehört, ein Dorfkünstler, Namens Cornelius Hipp (si 1. Januar 1834), welcher bei dem berühmten Huber in Wcißenhorn eine Zeit lang gelernt halte und sich sein Brod damit verdiente, daß er Heiligenbilder, Scenen aus der hl. Schrift rc. an die Häuserwände al Irvsoo malte. Derselbe hatte entschiedenes Talent, frische Farben, kecken Pinsel und kräftige Zeichnung, wie man an dem Kreuzweg, dem Abendmahl rc. in der Kirche von Ottmars- bausen seken kann. Leider blieb sein Talent unausgcbildet. Der junge Andreas hat oft diesem Dorstenie zugeschaut, wie es in 1—2 Stunden die Giebelwändc mir Fresken zierte. Das erweckte in ihm das Verlangen, auch Maler und zwar Kunstmaler zu werden. Merkte bewahrte ihm daher ein pietätvolles Andenken. Nachdem Merkte in Kricgs- bader die allerersten Handgriffe seiner Kunst erlernt hatte, bezog er 1844 im Herbst die Akademie in München. 1894 feierte er in oller Stille dre 50. Wiederkehr jenes für ihn so bedeutungsvollen Tages. Nach Absolvirung der Akademie, wo er sich zuweist dem Porträlfache gewidmet hatte, erweiterte er seine Kenntnisse durch Reisen. Leider waren ihm zum Besuche Italiens kaum 2 Monate gegönnt. Als die Pdotographie allgemein wurde, verlegte er sich auf die religiös Malerei, und wir sehen ihn von da an in den verschiedensten Kapellen, Kirchen und Klöstern thätig, sei es, daß er neue Compofitionen lieferte, sei es, daß er alte Gemälde mit pietätvoller Hand restaurirte, sei es, daß er seinen geschätzten, kunstverständigen Rath er- tbeilte. Die letzten Jahre seines Lebens hat er größtenteils bei den Benediktinern in Augsburg gearbeitet, und durch die Liebenswürdigkeit des hochw. Hmn Abtes und der hochw. Herren Patres ist ihm das Kloster St. Stephan zu einem Tuskulum geworden. In seiner Heimathkirche hat er 1858 die Fresken an der Decke angefertigt, 1879 wurden die drei neuen, von dem Söldner Sebastian Mahler (si 14. Sept. 1876) mit 5000 fl. gestifteten Altäre unter seiner Leitung bezw. Mitwirkung (das Altarblatt und die übrigen Gemälde sind von seiner Hand) sehr schön und kunstvoll hergestellt. Und damit er auch noch nach dem Tode für die Zierde seiner Pfarrkirche thätig sei, hat er 1895 der Kirchenstiftung 500 M. übergeben, deren Zinsen von Zeit zu Zeit zur Reinigung und Restaurirung der Gemälde, Schnitzereien rc. verwendet werden sollen. Daß die Kirche von Ottmarshausen einen so hübschen und freundlichen Eindruck macht, ist ihm zu verdanken. Besonders ist weiterhin sein Kunstverständniß hervorzuheben. Wie viele Kunstqegenstände hat er vor Vernichtung oder Verschleuderung seitens der unkundigen Besitzer bewahrt! Trotz all seiner Kenntnisse und seiner angesehenen Lcb-nsstellung blieb Merkte immer der einfache, schlichte, bescheidene Mann, der aus sich nichts machte. Darum war er auch bci Allen beliebt, die mit ihm verkehrten. Seine Begeisterung für die Kunst war warm und aufrichtig und verließ ihn selbst in den Tagen der Schmerzen nicht. Dabei war Merkte ein überzeugter Christ und Katholik, und ist auch als solcher wohl vorbereitet durch ein langes, schmerzliches Krankenlager und gestärkt durch den öfteren Empfang der beiligen Sacramcnte im Alter von 74 Jahren in die ewige Ruhe eingegangen. Einst schrieb Merkte über die Thüre seiner Heimathkirche die Psalmenworte: „Herr, ich habe lieb die Zierde Deines Hauses und den Ort, wo Deine Herrlichkeit wohnt." Er hatte Recht: diese Worte sprechen das aus, was der Inhalt seines Lebens, Wirkens und Schaffens war. Möge es ihm nun vergönnt sein, den Urquell alles Schönen, die Herrlichkeit Gottes, von Angesicht zu Angesicht zu schauen! R. I. k. Memmin gen. (Mit Illustrationen.) Memmingen, eine unmittelbare Stadt, liegt in hübscher fruchtbarer Gegend an der Ach, einem Zufluß der Jller, eine Stunde von diesem Flusse entfernt. Die Stadt hat über 10,000 Einwohner, darunter gegen 3000 Katholiken; der größere Theil der Bevölkerung ist evangelisch. Memmingen ist Sitz eines Landgerichtes, HauptzollamteS, Landbauamtes und sonstiger Behörden. Die Bayerische Notenbank, sowie die Deutsche Reichsbank haben dort Filialen. Die Stadt ist eingetheilt in zwei protestantische und eine katholische Pfarrei. An Bildungs- und Erziehungsanstalten besitzt Memmingen eine sechskursige Realschule, Progymnasium, eine höhere Töchterschule und in Verbindung damit eine Präparandinnenanstalt und ein Volksschullchrerinnenseminar; an Wohlthätigkeitsanstalten weist die Stadt außer einem Pfründespital und einem wohleingerichteten Krankenspital viele milde Stiftungen auf, welche neben sehr bedeutendem Kapitalvermögen ins- besondere Besitzer großer Waldcomplexe sind. An industriellen Etablissements sind zu verzeichnen eine mechanische Leinenspinnerei und Weberei (System Prälat Kneipp), eine Tuch- und Jacquarddeckenfabrik, Eisengießerei und Fabrik landwirthschaftlicher Maschinen, Glockengießerei und Brückenbaugeschäft, Pulverfabrik u. s. w. Besonders blühend sind die Kunstmüblen, Gerbereien, Bierbrauereien, sowie die Seifen- und Bürstenfabrikation. Besonders zu erwähnen ist der sehr ansehnliche Hopfenbau im Stadtgebiet, sowie der Getreidebau in der Umgebung. Memmingen treibt starken Handel mit Hopfen, Butter, Käse, Wolle, Leder und Getreide; jedes Jahr findet im Oktober großer Jahrmarkt, im Juni Wollmarkt statt; die allwöchentlich stattfindenden Schrannen, sowie die Viehwärkle sind stets sehr gut besucht. Memmingen ist eine mittelalterliche, hübsche, fast ganz Meisters Julius v. Roeck, gestorben 1884, ausgeführt von Bildhauer L. Müller zu München. Das Ralhyaus beherbergt auch das städtische Museum, eine sehr geordnete Sammlung der herrlichen und besten Erzeugnisse Memminger Gcwcrbcfleißes. Die bedeutendste Kirche ist die St. Martinskirche, protestantische Hauptkirche, im gothischen Stil ausgebaut 1791, mit 67 Cborstühien in reichster spätgothischer Holz- sculpiur von Memminger Meistern, welche bei der fanatischen Bilderstürmerei im Jahre 1531 leider zum Theile verstümmelt wurden. Außer der Martinskirchc ist zu erwähnen die protestantische Pfarrkirche zu Unser Frauen, von hohem Alter. Herrliche Freskogemälde wurden in der Reformaiionszeit übertüncht und erst in den letzten zwei Jahren mit ungeheurer Mühe wieder ans Tageslicht geföroert. Die- 8 s 8 « 8 8 H 8 Z >ij sU' «i ^^5 l MSN Großer Markt in Memmingen mit dem Gtockenthurm der katholischen Kirche im Hintergründe. Original-Ausnahme von iSusta» Baader, Photograph in Nrumdach. süjermllsüiligungsriHr oordehali-n.s mit Mauern umgebene Stadt und bildet den Knotenpunkt für die Bahnlinien Kempten—Ulm einerseits, sowie München—Buchloe—Memmingen und Aulendorf—Memmingen andererseits. Von der Stadt und den umliegenden Höhen aus bietet sich nach Süden ein imposanter Ausblick auf die vorlegende Alpenkette. An hervorragenden Gebäuden hat die Stadt eine sehr große Anzahl. Das Ralhhaus am Hauptmarkt wurde 1589 mit einem Kostenaufwand von 30,000 sl, erbaut. Dasselbe enthält in den Gewölben zu ebener Erde das reichhaltige, wohlgeordnete städtische Archiv mit jausenden von Urkunden, Copialbändcn, Nechnungsbüchern u. dergl. Die Zahl der älteren Urkunden (vom Jahre 1010 bis 1599) beträgt allein 4052. Ueber 2 Treppen sind die großen Sitzungssäle des Stadtwagistrats und der Gemeindebevollmächtigten ; im ersteren befindet sich die Büste des um das Gedeihen der Stadt hochverdienten Bürger- selben (besonders ein Bildercyclus den Marienkultus darstellend) bilden eine Perle der mittelalterlichen Malerei. Die in die Häuserreihe eingebaute katholische Kirche (ehemalige Augustinerkirche) enthält hübsche Fresken. Den Katholiken ist der Thurm der ehemaligen Kreuzhcrrnkirche (nunmehr Zollhalle) zur Benützung zugewiesen. Die Stadt besitz! eine reichhaltige Bibliothek im ehemaligen Münzgebäude, dem sogenannten Sleucrhnuse. Die Anfänge dieser Bibliothek gehen bis zum Jahre 1479 auf den Hochmeister des Antonius-O^denS Llibs a. Oaprurus in Memmingen zurück; dieselbe enthält gegen 300 Jncunabeln, viele Werke theologischen, juristischen, medicinischen, philosophischen und historischen Inhalts und in durch Schenkungen und Ankäufe bis auf etwa 11,000 Bände angewachsen. Sehenswerth sind auch der Begräbnißplatz mit den Denkmälern alter Patriziergeschlechter, die verschiedenen 640 Stadtthore, von denen das Einlaßthor als unverfälscht erhaltener Nest der reichsstädtischen Befestigung geblieben ist, sowie die Häuser der alten Patrizier, von denen nur wenige Familien mehr ihren Wohnsitz in der Stadt haben. Aus der nächsten Umgebung Memmingens ist zu erwähnen das Schloß Eisenburg, zu Anfang des 13. Jahrhunderts urkundlich nachgewiesen als Eigenthum eines gleichnamigen Geschlechtes, welchem verschiedene Memminger Patrizierfamilien im Besitze folgten. Von den dortigen Höhen aus bietet sich ein herrliches Gebirgspanorama. Gegenwärtig befindet sich das Schloß im Besitze der Förster, Fabrikbesitzer in Augsburg. Außer dem in diesen Blättern bereits vorgeführten Schloßgut Buxheim ist noch zu erwähnen Bad Dickenreis, schon seit 1435 als eisenhaltiges Quellenbad frequentirt, '/, Stunde südlich von der Stadt, beliebter Vergnügungsort der Memminger. Auf dem dort befindlichen Höhenzug findet man mehrere alte Befestigungen und Hochäckerpartien. Die Gegend derStadt Memmingen gehörte in derNömer- zeitzurLandschaftVindelicien. Burgstellen,Hochäcker ».Grabhügel erinnern ringsum an die vorgeschichtlichen Perioden. Nach Strabo wohnten in dieser Gegend und weiter hinauf gegen die Alpen die Estionen. Das Alter der Stadt reicht nach ihrer Namensbildung (Mammingen, Maemmingen) mindestens bis ins 8. Jahrhundert hinauf. Urkundlich kommt die Stadt zum erstenmale im Jahre 1010 vor im Fundationsdiplom des Spitals zum heiligen Geiste. Nach dieser Urkunde war Memmingen zu dieser Zeit bereits eine mit Thoren versehene Stadt, allerdings von sehr beschränkter Ausdehnung. Im zwölften Jahrhundert gehörte die Stadt den Welsen und wurde 1129 vom Hohenstaufen Friedrich II«, Herzog von Schwaben, im Kriege gegen Heinrich den Stolzen von Bayern niedergebrannt. Nach dem 1191 im Schottenkloster zu Memmingen erfolgten Tode Weiss VI. fiel die,Stadt an den Hohenstaufen-Kaiser Heinrich II. Nach der Enthauptung Konradins von Hohenstaufen 1268 fiel Memmingen an das Reich. Kaiser Rudolph von Habsburg verlieh der Stadt 1286 bedeutende Privilegien, die von seinen Nachfolgern bestätigt und erweitert wurden. Seit dem Jahre 1403, unter König Rupprecht, hatte Memmingen ein aus der Wahl der Bürger hervorgegangenes Stadtregiment, hohe und niedere Gerichtsbarkeit, ein eigenes Stadtrecht und Sitz und Stimme auf den Reichstagen. Das fünfzehnte Jahrhundert ist ausgefüllt mit Kämpfen der Geschlechter und Zünfte um das Stadtregiment; erstere behaupteten es von 1552 an bis zum Ende der Reichsfreiheit. Im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert erhoben sich Handel und Gewerbe zu hoher Blüthe. Von besonderer Bedeutung war die Leinwandfabrikation, die viele fleißige Hände beschäftigte und zu lebhaften Handelsbeziehungen mit den mächtigen oberitalienischen Städten führte. Ein reicher Memminger Handelsherr aus dem Geschlechte der Vöhlin ließ sich in Gemeinschaft mit dem Hause Weiser in Augsburg sogar in überseeische Handelsunternehmungen ein, die ihm reichen Gewinn brachten. Die Reformation wurde in der Stadt durch Ambrosius Blarer und den Prediger Schappeler, einen Freund Zwinglis, eingeführt, welche trotz der Excommunication durch den Bischof von Augsburg durch den Rath der Stadt unterstützt wurden. Im Jahre 1525 wurde in der Martinskirche die Messe eingestellt und der katholische Gottesdienst abgeschafft. Im Bauernkriege wurde die Stadt, die eine Besatzung des schwäbischen Bundes aufgenommen hatte, von den Aufrührern belagert, durch Truchseß von Waldburg aber entsetzt. Die Anhänger der Bauern in der Stadt wurden, soweit sie nicht entfliehen konnten, enthauptet. Auf dem Reichstage zu Speyer 1529 trat Memmingen den protestirendcn Ständen bei und wurde Mitglied des schmalkaldischen Bundes 1531. Im gleichen Jahre wurde der Führer der altgläubigen Partei unter den Bürgern, der frühere Stadtschreiber Vogelmann, trotz kaiserlichen Geleitbriefes hingerichtet. Aus allen Kirchen wurden auf Geheiß des Rathes Tafeln, Altäre und „Götzenbilder" entfernt und was man nicht zerstören konnte verstümmelt, so das herrliche Gestühl der Martinskirche, ein Kunstwerk der Schreinerei. Das Messelesen wurde bei Strafe verboten und die widerstrebenden Priester aus Stadt und Gebiet verwiesen; Ornate, Meßgewänder, Kelche u. s. w. wurden verschleudert, die schönen, auf Pergament geschriebenen Meß- j bücher als Einbanddecken verwendet. Die Stadt neigte anfangs den Schweizer Reformatoren zu, nahm aber später das lutherische Bekenntniß an; der Religionsabschied von Nürnberg 1532 ermöglichte es, ungestört das neue Kirchenwesen auszubauen. Der dreißigjährige Krieg versetzte auch Memmingen einen harten Schlag. Bald von den Schweden, bald von den Kaiserlichen besetzt, war die Stadt unaufhörlich bedrängt und der Wohlstand der Bürger fast vernichtet. 1634 wurde sie von den Schweden unter Horn, 1647 von den bayerischen Truppen unter de la Pierre belagert und beschossen. Von 1702 bis 1704 war Memmingen von französischen Truppen besetzt, deren Anwesenheit die Stadt auf 800,000 fl. zu stehen kam. In den napoleonischen Feldzügen hatte die Stadt durch Einquartierungen, Erpressung und Plünderung viel zu leiden, bis sie durch den Frieden von Luneville 1802 Bayern einverleibt wurde. Am 29. November dieses JahreS erklärte ein kurpfalzbayerischer Commisiär dem versammelten Rathe, daß Seine kurfürstliche Durchlaucht Maximilian Joseph von Pfalzbayern sich veranlaßt gesehen, Civilbesitz von der Stadt zu ergreifen. Rath und Behörden wurden vereidigt, an den öffentlichen Gebäuden die reichsstädtischen Wappen und Jnsignicn mit den bayerischen vertauscht. Im Dezember schickte der Rath eine Deputation i an den neuen Landesherr«, um demselben im Namen der Stadt zu huldigen. Während bis zur Mitte unseres Jahrhunderts die Entwicklung der Stadt fast stille stand, kam dieselbe durch Einziehung in das Eisenbahnnetz zu großer Blüthe. Durch den Ausbau der Bahn nach Württemberg wurde Memmingen der Stapelplatz für das Württembergische Allgäu und erfreut sich einer rasch zunehmenden Bevölkerungszahl. Alle Dekannle. (Zu unserem Bild Seite 635.) Bei Leuten von dem Schlage der drei Gesellen, wie sie unser Bild zeigt, ist die Erinnerung des Wiedersehens, die sonst den Menschen erfreut, nicht immer rosig, namentlich nicht, wenn der Begegnende in dem Gewände eines Sicherheitswächters steckt. Doch keine Regel olme Ausnahme. Die Drei kommen schon seit Jahren in regelmäßigen Zwischenräumen in die Gegend und sind dem Gendarmen längst als ungefährlich bekannt. Sie gehen ja nur ihrem Geschäfte, das sie eben darin erblicken, der Arbeit aus dem Wege zu gehen, nach, und sprechen hin und wieder mildthätige Leute um eine. Unterstützung in diesem mühsamen Berufe an, und wenn sie Hiebei von dem Gendarmen nicht gestört resp. erwischt werden, warum sollten sie sich des Wiedersehens mit demselben nicht erfreuen? - 4 — -*>-«' - -N 84. Areitsg, den 9. Oktob«,. 1896. Tür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarilchen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (LorLefitzer vr. Max Huttier). Kin fekkendes Wort. Original-Novelle von C. Borges. (Fortsetzung.) III. Die Flammen hatten so heftig gewüthet, daß der Einsturz des Hauses viel schneller erfolgt war, als man vermuthet hatte. Es war fast unmöglich, unter den rauchenden Trümmern die Ueberreste der Unglücklichen zu suchen, die ein so jähes Ende gefunden hatte. Die Dienerschaft umstand zitternd die Unglücksstätte; sie war selbst mit genauer Noth einem schrecklichen Tode entgangen. Gegen acht Uhr erschienen der Major von Schalldorf und der Advokat Neumann auf dem Schrcckensplatze. Der Major, ein alter Herr mit silberweißen Haaren und von Gicht fast gelähmt, ging gestützt auf den Arm seines Sohnes Ernst. Erst seit kurzer Zeit war der junge, kaum 23jährige Btann von der Universität zurückgekehrt, wo er verschiedene Semester sich den Genüssen des Lebens hingegeben hatte, ohne an seine Studien zu denken. Ein Onkel hatte versucht, den leichtsinnigen, verschwenderischen jungen Mann in seinem Comptoir als Kaufmann heranzubilden, aber schon nach wenigen Tagen war der hoffnungsvolle Neffe ausgerückt, da ein arbeitsames Leben seinem Charakter durchaus nicht entsprach. In früheren Zeiten hatte er durch List und Schmeichelei von der reichen Tante oft bedeutende Summen erhalten, die aber sehr bald vergeudet oder verspielt waren, bis die Tante ihn nicht mehr in seinem Leichtsinn unterstützen wollte, es an ernsten Mahnungen nicht fehlen ließ und, als alles nicht fruchtete, ihm ihr Haus verbot und ihre Hand gänzlich von ihm abzog. „Das ist eine traurige Begebenheit", wandte sich der Anwalt an den Major, und dieser nickte beistimmend. „Niemand weiß, auf welche Weise das Feuer ausge- brochen ist; meine liebe Lina will sich gar nicht über das traurige Geschick ihrer Schwester trösten lassen und weint, als ob ihr das Herz brechen will. Sie ist immer so sehr gefühlvoll, sogar der Tod ihr ganz fernstehender Bekannten regt sie so sehr auf, daß sie kaum ihren Thränen gebieten kann." Der Major warf dem Sprecher einen verächtlichen Blick zu. Er kannte die „gefühlvolle" Tante Lina zu gut und wußte, daß sie mit ihren Thränen sehr häufig nur nach Effekt haschte. „Es ist eine fatale Gewohnheit, die Thüre des Schlafzimmers zu verriegeln, sie hätte sonst vielleicht gerettet werden können", brummte er, dann sagte er halblaut zu sich selbst: „Das wird wieder eine große Schneiderrechnung werden, wenn der Trauerstaat angeschafft wird." „Ist sie — die Leiche meine ich — aufgefunden worden?" fragte der Jurist. „Wir müssen warten, bis die Nachsuchuugen beendet sind", versetzte der Major. „Aber was fehlt Dir, Ernst", wandte er sich an seinen Sohn, „Du siehst ja leichenblaß aus und zitterst wie Espenlaub!" „Sprich doch nicht mit Gewißheit davon, daß die Tante todt ist, ich kann's nicht ertragen", flüsterte der junge Mann. „Bist Du denn auch so gefühlvoll? Geh' nach Hause, wenn Deine Nerven zu schwach für diesen Anblick sind; wir können Dich hier gut entbehren", brummte der alte Bater. „Dort kommt Herr Almer, der Anwalt der armen Tante", rief der junge Mann, auf einen ältlichen Herrn deutend, der sich schnellen Schrittes der Unglücksstüite näherte. „Meine Herren, ist es wahr, was ich soeben höre", begann der Ankommende fast athemlos, „ist Frau von Schalldorf ein Opfer der Flammen geworden?" „Leider ist es so. Meine unglückliche Schwägerin ist die Einzige, die nicht gerettet werden konnte; der Qualm hat sie zweifellos erstickt, denn auf lautes Rufen hat sie nicht mehr geantwortet", berichtete der Major. „Ich habe länger als zehn Jahre ihre Geldangelegenheiten geordnet", fuhr der Anwalt fort, „und be- daure aufrichtig ihr schreckliches Ende. Was nun ihr Testament anbelangt, so-", er hielt plötzlich inne. Der Major sowohl wie Herr Nenmann brannten vor Begierde, mehr über das Testament zu hören, und wechselten verständnißvolle Blicke, aber sie wagten doch nicht, direkt darnach zu fragen. „Sie wollen bemerken —" flüsterte der Major leise dem Anwalt zu. „Ach, ja", fuhr Herr Almer wie aus einem Traum erwachend fort, „es mögen vielleicht sechs Monate her sein, da machte Frau von Schalldorf in meiner Gegenwart ihr Testament, sie wollte gern bei Zeiten ihre Angelegenheiten ordnen." Der alte Major seufzte erleichtert auf. „Ist das Testament in Ihrem Besitze?" fragte Herr NeNtänn, der eS nicht vergessen konnte, daß seine Verwandte nicht seinen Rath in Anspruch nehmen wollte. „Leider nicht!" entgegnete Herr Almer. „Die Verstorbene wollte daS Testament selbst aufbewahren, um vielleicht noch Veränderungen oder Bedingungen hinzuzufügen." „Hatte sie denn das Schriftstück in ihrem Hause?" „Ja!" „Guter Gott, dann ist eS verbrannt!" stöhnte der Major. „Das glaube ich nicht", beruhigte der Anwalt. „Die Verstorbene hat einen feuerfesten Schrank für ihre Werthpapiere, und ich will hier warten, bis der Schutt abgeräumt ist, damit ich ihn, als ihr Anwalt, so lange aufbewahre, bis das Testament gelesen werden kann." Der Major und Herr Neumann eilten bet diesen Worten selbst nach der Brandstätte, um die Arbeiter zu bewachen, während Herr Almer von ferne gelassen zuschaute. Mehrere Stunden hindurch wurden unermüdlich Schutt und einige halbverbrannte Möbel fortgeschafft, aber von den Neberresten der unglücklichen Frau konnte keine Spur aufgefunden werden. Endlich fand man einen kleinen, feuerfesten, eisernen Schrank, den Herr Almer sich in seinen Wagen tragen ließ, um ihn in seinem Comptoir bis zur Verlesung des Testamentes in Verwahrung zu nehmen. In allen Zeitungen las man am nächsten Tage Artikel über den traurigen Unglncksfall, und Jedermann bedauerte das Geschick der armen Frau, die ihres Reichthums wegen allbekannt war. Gewöhnlich wird mit dem Verlesen des Testamentes bis nach der Beerdigung der Erblasser gewartet, aber hier in diesem Falle fand keine Beerdigung statt, und die gefühlvolle Tante Lina hatte sich gleich am nächsten Tage soweit beherrscht, um ganz energisch auf die Verlesung des Testamentes zu dringen. Zu diesem Zwecke versammelte sich eine große Zahl Erblustiger im Comptoir des Anwalts Almer: der Major von Schalldorf mit seiner Frau und Tochter Mathilde, beide in tiefer Trauerkleidnng, und sein Sohn Ernst, der heute gespenstig bleich aussah; der Anwalt Neumann mit seiner Frau und ältesten Tochter; beide Damen wußten, daß ihnen die elegante Trauerkleidnng gut stand, und suchten durch mühsam erpreßte Thränen Aufsehen zu erregen. Auch Lieutenant von Römer fehlte nicht; er war auf Anregen des Anwalts Almer gekommen und sah fast ebenso bleich wie sein Freund Ernst von Schalldorf aus; und im Hintergrund stand das ganze Dienstpersonal des Verstorbenen. Der alte Anwalt Almer ließ mit feierlichem Ernst auf einen Wink den kleinen, feuerfesten Schrank durch einen Diener herbeischaffen. Er war noch uneröffnet, und da kein Schlüssel vorhanden war, ließ man ihn durch einen Schlosser öffnen. — Ein leises Gemurmel, wie das Flüstern eines Windes in hohen Baumwipfeln, lief durch den Saal, als jetzt das Schloß aufsprang und der Anwalt vor den Augen aller Anwesenden daS wichtige Dokument zum Vorschein brachte. ES war noch unversehrt, zwar vom Rauch und Qualm vergilbt, aber noch deutlich zu lesen. Mit lauter, vernehmbarer Stimme las der Anwalt der athsmloS lauschenden Menge die letzten Bestimmungen seiner Clieutin vor. Den treuen, lang erprobten Dienern ihres Hauses vermachte sie einem jeden ein ansehnliches j Legat, ihrer Schwester Karoline Neumann nur ein ge« > ringeS Kapital von dreitausend Mark; sie begründete diese unbedeutend kleine Summe mit dem Bemerken, die Schwester habe bereits seit vielen Jahren hinreichende Geldgeschenke erhalten, die ein ansehnliches Kapital reprä» sentirten. Dieselben Bestimmungen waren für den Verwandten ihres Mannes, den Major von Schalldorf, getroffen ; auch er erhielt nur ein kleines Kapital von dreitausend Mark. Ernst von Schalldorf war mit eintausend Mark bedacht; die Verstorbene fügte diesem Legat die besten Wünsche für das Fortkommen ihres Neffen und die feste Hoffnung bei, er möge jetzt sein leichtsinniges Leben aufgeben und sich ernstlich bemühen, feinem Namen Ehre zu machen. Dann hieß es weiter: „Mein ganzes Vermögen von mehr als einer Million, das in Staatspapieren gut angelegt und in Aufbewahrung meines treuen Rechtsanwalts, Herrn Almer, sich befindet, vermache ich meinem PaLhenkinds und Lieblingsnichte Mathilde — sobald sie ihr vierundzwanzigstes Lebensjahr vollendet hat. Ich mache aber die Bedingung, daß mein junger Freund, Lieutenant Benno von Römer, ihr die Hand Zum Bunde für's Leben reicht. Sollten Beide meinen Wunsch nicht erfüllen, so sollten sie eine halbe Million unter sich theilen, während sich die andere Hälfte zum Bau eines Waisenhauses der Stadt vermache." Wie ein brausender Sturm brach der Unwille der Verwandten nach Beendigung der Verlesung los. Ein Jeder, mit Ausnahme der Dienerschaft, warf feindselige Blicke auf den Anwalt, der mit triumphirendem Lächeln im Kreise umherschante. „Mathilde? — Welche Mathilde ist gemeint?" riefen Frau Neumann und die Majorin von Schalldorf gleichzeitig. „Meine Tochter war das Pathenkind der Verstorbenen", warf der Major ein. „Die meinige ebenfalls", sagte Tante Lina, „Es sind hier zwei Pathenkinder, Beide tragen den gleichen Namen; Sie haben nur deu Vor-, nicht den Zunamen genannt, Herr Almer. Welche von den Beiden ist die Erbin?° „Diese Frage zu beantworten, steht leider nicht in meiner Macht", erwiederte der Anwalt. „Ich bedauere, daß das Testament meiner Clientin unvollständig und daher die Bestimmungen nicht zu erfüllen sind. Es fehlt in der That ein ganz wichtiges Wort, und es ist außerordentlich schwer zu bestimmen oder nur zu errathen, welche von den beiden Nichten als Erbin bestimmt ist. Die leere Stelle hinter dem Vornamen Mathilde ist nicht ausgefüllt worden." Tante Lina's Augen füllten sich mit Thränen — Thränen des Zornes und der Entrüstung, welchem Beispiel auch ihre Tochter Mathilde folgte. „War die Auslassung des fehlenden Wortes ein Zufall oder eine Absicht?" fragte der Major finster. „Die Verstorbene gab einer ihrer Nichten den Vorzug", versetzte der Anwalt und blickte dabei Mathilde Neumann an, „und wollte diese zweifellos als Erbin einsetzen, gleichzeitig das Glück ihres Günstlings, Lieutenant von Römer, befördern. Andererseits wollte sie der anderen Nichte gegenüber nicht ungerecht sein, sie hatte zwar ihre Zuneigung nicht gewonnen, wollte dieselbe aber noch prüfen und erst später eine endgtltige Bestimmung treffen." „Kurz gesagt", rief der Major zornig, „meine Schwägerin wußte gar nicht, was sie wollte, wenige — 643 - Frauen können einen festen Entschluß fassen. Aber sie hatte doch einen starken Willen! Das Testament, wie «s jetzt ist, ist null und nichtig!" „Die Verstorbene hat trotz ihres Reichthums ein trauriges Leben geführt", fuhr der Anwalt fort. „Die beständige Furcht, daß die Verwandten nicht ihrer Person, sondern nur des Vermögens wegen sich fast täglich in ihrer Villa aufhielten, erregte ihr Mißtrauen. Als sie vor sechs Monaten das Testament machte, sagte sie mir: „Eine meiner Nichten soll meine Erbin sein, ich weiß aber noch nicht, welche von den Beiden. Lassen Sie nach dem Worte Mathilde eine leere Stelle, die ich später ausfüllen werde." „Sie muß ihrer Stimme nicht mächtig gewesen sein", brummte der Major. „Im Gegentheil, ich kann behaupten, daß sie ebenso gut zurechnungsfähig war, wie' Sie und ich, sie war nur mißtrauisch. Ich bemerke, daß jede Veränderung im Testament unzulässig sei und später beglaubigt werden müsse. Sie wußte eZ sehr gut und versprach mir, mich holen zu lassen, um in «einem Beisein daS fehlende Wort zu ergänzen. Sie hat mich nicht «ehr rufen lassen, und der Tod ist ihr zuvorgekommen, ehe das Wort ersetzt wurde." Lieutenant von Römer erhob sich: „Unter diesen Umständen gestatten Sir mir, mich zurückzuziehen", sagte er, zu den Anwesenden gewendet. „Aber ehe ich gehe, möchte ich noch bemerken, daß ich keine Ahnung von der Erwähnung «eines Namens i« Testament der Verstorbenen hatte. Wie peinlich cS für mich ist, denselben in Verbindung «it einem andern Na«en zu finden, kann sich Jeder leicht vorstellen. Ich kann mich jetzt nur entfernen und überlasse es der Versammlung, allein die sonderbaren Bestimmungen zu erörtern." Kau« hatte sich die Thür hinter dem jungen Offizier geschlossen, als die Anwesenden freier aufathmeten und der Sturm von allen Seiten losbrach. „Die Bestimmungen sind lächerlich — meine Schwägerin muß geistig gestört gewesen sein", rief der Major erregt, „was soll jetzt geschehen, wie haben wir nnS zu verhalten?" „DaS kann ich jetzt noch nicht sagen; ich muß mit einem Kollegen berathen", versicherte der alte Anwalt Almer. „Wir wissen ja nicht, welche Nichte den Vorzug erhalten sollte." „Das unterliegt nach meiner Ansicht gar keinem Zweifel", siel die habzierige Tante Lina ein. „Ein Jeder weiß, daß meine Tochter Mathilde der Liebling war. Sie wurde mir Geschenken überhäuft und erhielt oft Einladungen nach der Villa." „Das beweist noch gar nichts", versetzte die Majorin gereizt. „Meine Tochter erhielt ebenfalls häufig Geschenke." „Mama, ich bitte Dich, rege Dich nicht unnütz auf und mache keine Einwendungen", flüsterte die junge Dame. „Schweig', Mathilde", lautete die unfreundliche Antwort der Majorin. Ueberlass' es Deinem Vater und mir. Deine Interessen zu wahren. Niemand kaun behaupten, daß die Verstorbene auch nur mit einer Silbe Mathilde Nrumann als ihre Erbin besti«mr hat!" „Wäre ich der Rechtsbeistand der Verstorbenen gewesen", wandte der Advokat Nenmann ein, „so würde dieses Masco nicht gemacht worden sein. Ich würde meiner Clientin die Thorheit eines solchen Testamentes vorgestellt haben." „Das ist geschehen, wenn auch nicht durch Sie, mein verehrter Herr Kollege. Aber reiche Damen lassen sich nicht leicht beeinflussen, wie Sie wohl wissen."' „Eines der beiden Mädchen ist Erbin — aber welches?" wiederholte der Major. „Natürlich knüpft sich die Bedingung noch daran, daß sie den Lieutenant hei- rathe, aber das ist jetzt nur Nebensache. Dir Hauptsache ist die Gewißheit, wer die Erbin sein wird." „Wenn ich Ihnen gut rathen soll, so fangen Sie keinen Prozeß an, der zu großen Weitläufigkeiten führen würde", rieth Anwalt Almer. „Wenn das nutzlos und die Wittwe ohne rechts- giltiges Testament gestorben ist, so fällt die Erbschaft ihren nächsten Verwandten, also «einer Frau Karoline zu", rief Herr Neusrarm siegesbewußt. „Die Frage ist doch recht einfach zu lösen. Die beiden Schwestern —" „Ich übergebe die Sache «einem Nechtsanwalt", brauste der Major auf. „Rissen Sie auch, mein verehrter Herr, daß ursprünglich das ganze Vermögen von meinem Bruder herstammte?" „Ganz recht", gab Herr Neumann zu, „aber ihr Bruder vermachte sein Vermögen seiner Wittwe, der Schwester meiner Frau, folglich — —" „Kein Wort weiter! Ich sage Ihnen, der Prozeß soll entscheiden", rief gereizt der Major. Dann wankte er, gestützt auf den Arm seiner Gattin und gefolgt von seinen Kindern, dem Ausgange zu. Der alie Herr von Römer war bei der Nachricht deS Todes der reichen Wittwe gleich nach der Residenz gekommen und war ebenso entrüstet wie sein Sohn über die unbegreifliche Klausel im Testament. „Das ist eine fatale Sache, Benno, und ich bin um Deinetwegen bitter enttäuscht. Was kann nur eine vernünftige Frau veranlaßt haben, ein solches lächerliches Testament zu machen?" „Die Frauen sind oft unberechenbar", entgegnete Benno düster. „Auf Deinen Rath, Vater, machte ich die Bekanntschaft der reichen Frau und that «ein Bestes, ihre Gunst zu erwerben. Ich hoffte, eS wäre mir gelungen, und sie hätte mich in ihrem Testament mit eine« ansehnlichen Sümmchen bedacht, anstatt die Bedingung einer Heirath daran zu knüpfen, noch dazu da der Name meiner Zukünftigen nicht vollständig und klar bezeichnet ist." „DaS wäre nicht so schlimm, wenn das wichtige Wort nicht fehlte; so aber ist das Dokument werthlos." „Ganz entschieden." „Es ist ein großes Unglück für uns, daß der Zuname ausgelassen wurde", fuhr der alte Herr seufzend fort, „denn selbst wenn sie Deine Hand verweigert hätte, würdest Du in den Besitz eines ansehnlichen Kapitals gelangen. Wir stehen am Rande des Bankcrotts. Unser Gut ist so hoch verschuldet, daß wir uns unmöglich lange halten können; wir sind ruinirt." „Kannst Du kein Geld mehr leihen?" fragte der Sohn. „Nein. Ein Jeder, der einen Blick in unsere Papiere wirft, verweigert mir seine Hilfe. Die letzte Hilfe ist für Dich eine reiche Heirath. Schon seit Jahren ist unser Vermögen zusammengeschmolzen; unglückliche und verfehlte Spekulationen beschleunigten das Verderben. Meine letzte Hoffnung beruhte in dem Vermögen der reichen Wittwe — Dn mußt doch versuchen, Bruno, die Hand der Erbin zu gewinnen; wenn wir nur wüßten, wer die richtige wäre." „Das ist leichter gesagt, wie gethan", murmelte ver« 644 drießltch der junge Lieutenant. „Mit der kleinen, leichtherzigen Mathilde Ncnmann würde cch im Leben schon fertig werden, auch glaube ich, daß ich ihr nicht gleichgültig bin. Wäre sie die Erbin, so würde ich ihr gleich Herz und Hand anbieten." „Wie gefällt Dir denn die andere Nichte?" „Mathilde von Schalldorf? Na, ein kaltes, unzugängliches und verschlossenes Mädchen, ich würde mit ihr nie glücklich leben können." „Wie dem auch sein mag, eines der beiden Mädchen ist die Erbin, und die ist für Dich bestimmt, Bruno. Ich bedauere Dich unendlich, denn Du befindest Dich in einer argen Zwickmühle, die Ungewißheit der Erbschaft verbietet Dir jetzt die Wahl einer Braut — Du könntest die falsche wählen." Der junge Mann runzelte unwillig die Stirn. „Die ganze Geschichte ist schon in unserem Klub bekannt", grollte er finster, „und das ist mir sehr ärgerlich. Der leichtsinnige Ernst von Schalldorf hatte nichts Besseres zu thun, als nach Verlesung des Testaments die Sache schön ausgeschmückt überall zu erzählen. Jeder spottet jetzt über meine unerträgliche Lage. Wenn daS so weiter fortgeht, werde ich Urlaub nehmen und auf einige Zeit die Stadt verlassen." „Nein, thue das nicht, mein Sohn; bleibe ruhig hier und biete der Verspottung die Stirn. Warte vorläufig das Resultat des Prozesses ab. — Es wird ein großartiger Prozeß werden", fuhr der alte Herr fort, als sein Sohn schweigend und mit finster gerunzelter Stirn sich zurückziehen wollte, „und die Advokaten werden den größten Profit davon haben. Nur zwei Klassen von Leuten sollten sich diesen Luxus erlauben — die Reichen, die mit dem Golde spielen können, und die Armen, die nichts zu verlieren haben. Was willst Du heute Nachmittag machen, Benno?" „Zuerst will ich Neumann's besuchen. Ich habe für Mathilde Blumen und Bücher bestellt, ich bin fest überzeugt, daß sie, nicht ihre Cousine, als Erbin bestimmt war." „Uebereile Dich nicht und halte Dich vorsichtig auf der Mittelstraße", ermähnte der alte Herr. „Bevorzuge nicht eine Familie, Du kannst es mit der anderen sonst leicht verderben, revvirl" (Fortsetzung folgt.) - — Warum Zorg Kainz nicht heiratete. Von Dr. Josef Herbeck. (Schluß.) Jörg Kainz konnte sich nicht verhehlen, daß die Augen der Dame mit Wohlgefallen auf ihm ruhten. Ihr behagte seine Begleitung. Die Liebe, die er zu diesen Augen trug, machte ihn vergessen, daß er in völlig fremder Gesellschaft zu nachtschlafender Zeit den gefährlichen Gehängen der Srewand zuschritt. Freilich war er allzeit ein tollkühner Geselle gewesen, und das verleugnete er auch jetzt nicht. Plötzlich hielt die Sänfte, und der Baron forderte seine Schwester zum Aussteigen auf. „Wie? hier hält der Zug?" rief Jörg Kainz. „Hier", sagte der Lcibjäger. „Die Wand fällt hier tausend Fuß tief in den See ab", sagte Jörg Kainz. „Sie sind ein Feigling", schnaubte ihn der Leibjäger an. „Für mich fürchte ich nichts", sagte Jörg Kainz. Die Dame war indeß aus der Sänfte gestiegen und schaute zu dem vom Mondschein schwach erhellten See hinab. Ihr Bruder stand neben ihr. „Mir schwindelt", sprach sie plötzlich und reichte Jörg die Hand. Er zog sie vom Rand des Abgrundes fast heftig zurück. „Sie gehören nicht zn uns", sagte der Leibjäger. Jörg Kainz sah ihn unmuthig an, ungewiß, ob er ihm eine Ohrfeige verabreichen oder schnellstens mit der Dame in den dunklen Wald flüchten sollte. Er that indeß keines von beider», sondern wartete ab, was sich weiter ereignen würde. Der Baron und die Dame blieben auf dem Felsenkegel, der in den Abgrund hinaus vorgeschoben war. Der Leibjäger und Jörg Kainz hielten sich hinter ihnen. „Warum müssen wir allein auf solch gefährlicher Höhe halten", sagte Jörg Kainz zu den Sänsteträgern, die mit der Sänfte in Sicherheit ein paar Minuten von dem Felsvorsprung entfernt auf dem Moos des Waldes lagerten; „wohin sind die Nebligen gegangen? Ha, jetzt beginnt das Ratschen der Treiber und das Hallohrufen!" Er hatte laut gesprochen, und ein Blick der Dame rief ihn an ihre Seite zurück. Ihre Augen schienen ihn um Hilfe bei allenfallsiger Gefahr anzuflehen. „Diese hohe Dame ist meine Schwester", redete ihn der Baron an. „Wissen Sie, daß sie die Fürstin des Ossa-Gebietes, daß ihr der ganze Grenzstrich zwischen Böhmen und Bayern zu eigen ist?" „Ich wußte es nicht", erwiederte Jörg Kainz, „aber ich las Hoheit in den Zügen Ihrer Schwester." Ein stolzer Augenstrahl Kainzens zuckte zu dem Baron auf, der besagte, daß, wenn auch des Försters Eltern keine Adelige gewesen, er einen Adelsbrief in seinem Herzen trage, das von niedriger oder feiler Gesinnung nichts wußte. Der Angenstrahl setzte den Baron und den Leibjäger in Verwirrung. Mild aber senkten sich die Blicke Jürgens auf die Augensterne der Dame, Vertrauen und Liebe erweckend. „Halloh, wir werden sehen, was der Fremde von der Jagd versteht", sagte der Leibjäger, indem er Hirschfänger und Gewehr vor sich auf einen Felsblock niederlegte. Der Baron setzte sich in die Haltung, um ein unter dem Felsen vorbeistrcichendes Wild auf seinem gachen Pfads erlegen zu können. Windlichter und Fackeln irrten da und dort umher, und der Mond gab seinen Schein dazu, so daß ein Zielen nicht unmöglich war. Plötzlich stieß die Dame einen durchdringenden Schrei aus. Jörg Kainz besaß ungewöhnlich viel Muth und Geistesgegenwart. Er hatte bisher der gespensterhaften Scene als schier unerschrockener Theilnehmer beigewohnt; was aber nun kam, machte doch seine Nerven beben: Ein Sechzehnenber stürzte mit seinen gewaltigen Schaufeln gerade gegen den Felsenvorsprung, so daß der Förster nur eben Zeit fand, die Dame bei Seite zu reißen. Der Baron sprang hinter einen Baum, und der Pflaumenfarbige stürzte in die Kniee. Der Hirsch aber kehrte sich kampfeslnstig' auf der Spitze des Felsenvorspruugs gegen seine Gegner. Seine Schaufeln wühlten das Erdreich auf, und seine großen Augen funkelten vor Wuth. Aus der Tiefe drang empor das Geplärre der Treiber 645 mit ihren Ratschen, und lodernde Flammen tanzten im Walde hin und her. Unfähig, hier mit dem Gewehr etwas zu leisten, zog der Förster sein großes Jagdmesser aus der Scheide. Der Hirsch schien es in seiner Wuth besonders auf die Dame im grünen Sammetkleide abgesehen zu haben und machte sich sturzbereit. Rasend geworden durch den vom Echo vervielfältigten Lärm, stieß er mit den Schaufeln umher und scharrte mit den Läufen das Moos vom Erdreich. Nun sprang er vor; aber in demselben Moment glitt die gewandte Gestalt des Försters unter ihm hin und stieß ihm das Messer in die Brust. Der Hirsch heulte laut auf, daß die Felswände davon wiederhallten. Er machte einen Satz in die Höhe und fiel über das Gewände in den Abgrund. Man hörte die gewichtige Masse im Gebüsche unten aufschlagen. Derpflaumenfarbige Leibjäger lag in Zappelnder Jämmerlichkeit auf dem Boden. Ein verächtlicher Blick Kainzens streifte die bebende Gestalt. „Sie haben mir das Leben gerettet", rief die Dame unter Thränen und schlang ihre Arme um seinen Nacken. „Vielleicht", sagte Jörg Kainz. Er war etwas mißvergnügt darüber, daß der Bruder der Dame gar kein Wort der Anerkennung für ihn hatte, sondern ihm nur gemessen die Hand drückte. „Wir dürfen keinen Augenblick hier verlieren", sagte die junge Dame. „Es möchte nochmals^AehnlicheS sich ereignen und schlimmer ablaufen." „Sehen Sie, auch Ihr Leibjäger richtet sich wieder auf", sagte Jörg Kainz, spöttisch nach dem sich vom Erdreich reinigenden Pflaumenfarbigen hinblickend. „Er hätte mich den Schaufeln des Hirsches preisgegeben", eiferte die Dame mit zorngeröthstem Antlitze. „Pfui über solche Diener!" „Fluch seiner Feigheit!" rief Jörg Kainz aus, dem Leibjäger den verächtlichsten Blick zusendend. „Wohlan, lassen Sie uns eilen, ins Schloß zu gelangen", fuhr die junge Dame fort. „Die Zeit drängt. Rasch über die Seewand hinab! Eilt Euch mit der Sänfte!" Nochmals sank sie, überwältigt von ihren Gefühlen, Jörg Kainz in die Arme; dann bestieg sie die Sänfte. Jörg Kainz hielt sich enge an ihrer Seite. Bisher jeder wärmeren Zuneigung zu irgend einem weiblichen Wesen bar, suhlte jetzt Jörg Kainz die Gluth der Liebe in seinem Herzen aufsteigen. Es konnte auch nur eine so ungewöhnliche Erscheinung, wie diese Dame, es vermögen, sein Herz in Flammen zu setzen. Seine Pulse klopften, wenn er in diese schönen schwarzen Augen hineinsah, und es wäre zweifelhaft gewesen, ob er jetzt noch mit seinem Messer einen so sicheren Stoß gegen die Brust des Hirsches zu führen im Stands gewesen wäre. Eins wundersame Rührung überkam ihn. Diese Angen hatten es ihm angethan. „Werden Sie mich verlassen?" lispelte die junge Dame. „Nie", erwiederte Jörg Kainz und meinte es auch so. „Mein theurer Retter!" rief sie aus, „mein geliebter, hilfreicher, ritterlicher Befreier aus bedrohlicher Gefahr!" „O still, still!" sagte er. „Warum soll ich von Ihrem Edelumthe schweigen?" fragte sie. „Weil", antwortete er, „ich für Sie durch Noth und Tod ginge." Die junge Dame lächelte aufs anmnthtgste Jörg Kainz an. Er konnte sich nicht enthalten, einen ehrerbietigen Kuß auf die Hand der Dame zu drücken. Und die Dame war dem Förster darob nicht böse. „Horch!" rief die junge Dame zusammenschreckend aus. „Hören Sie das Plätschern der Wellen des See's?" „Ja, ja", sagte Jörg Kainz, aber es war von keinem Plätschern die Rede, denn die Fluchen oes Arbersees tosten und brandeten. „Angehalten!" rief die junge Dame und schlug in die kleinen Hände. „Die Flöße herbei und zum Schlosse hinab!" Jörg Kainz sah zwei Flöße in den See schieben und den ganzen Troß mitsammt dem erlegten Wilde dieselben besteigen. Jörg Kainz drückte nochmals einen Kuß auf die linke Hand der Dame und schickte sich an, das Floß zu besteigen, auf das ihre Sänfte getragen worden war. „Wollen Sie auch nie eine Andere lieben, als mich — nie eine Andere heirathen?" sagte die junge Dame. Jörg Kainz versprach es mit den feierlichsten Beiheuerungen. Die Dame bewilligte seine Mitfahrt, und das Floß glitt in den erregten See. Kaum waren die Flöße in der Mitte des Sees, als ein jäher Sturmwind daö Gewässer in seinen Tiefen aufwühlte. Von einem Wirbelwind erfaßt, tanzten die Flöße wie Kinderspielzeug auf den schwarzen Fluthen, bis sie an einander zerschellten. Die feuchte Tiefe öffnete ihren Nachen, Weherufe hallten durch das Revier; Jörg Kainz war gegen das Ufer geschleudert worden, er schwamm, dann tappte er durch das N sse gegen den Rand der unglückseligen Fluth, er schrie nach seiner Dame, stampfte auf dem feuchten Moos des Gestades vor Aufregung mit den Füßen und sah, — daß der Tag anbrach, und saß auf dem hölzernen Stuhl der Diensthütte vor der heruntergebrannten Kerze; draußen rauschte der Regen, und einzelne Tropfen fielen durch die durchlässige Decke auf ihn, er schauderte vor Kälte und Feuchtigkeit und stampfte mit den Füßen, um sich zu erwärmen. Er drehte den Kopf hin und her, aber kein böhmischer Baron, keine Bedienten, keine Treiber, kein pflaumenfarbiger Leibjäger und auch keine junge Dame waren mehr zu sehen. Er sah sofort ein, daß etwas Geheimnißvollcs hinter der Sache stecke, und hat später immer die Geschichte so erzählt, wie ich sie vermeldet habe. Er hielt den Schwur treu, den er der Dame geleistet hatte, schlug die verlockendsten Partieen aus und blieb Junggesellr. Er rühmte sich, der einzige Zeuge einer Geisterjagd auf der Seewand gewesen zu sein. „ES war gut, daß du bei der Beschaffenheit deines Magens und deiner Gurgel Junggeselle geblieben bist, denn bei deinem Einkommen hättest du doch unter sothanen Umständen eine Familie nicht versorgen können", sagte später einmal der Mooshofwirth, nachdem er die Geschichte von dem Schwur am Arbrrsre zum xtenmal mit großer Aufmerksamkeit angehört hatte. „Es war gut", entgegnete der Förster. „Und so ist dir die ArLersceprinzessin zum wahren Heil gewesen", sagte der Wirth. „Kellnerin! dem Herrn Förster einschenken!" Goldköruer. DaS ist die Blume dc§ Lebens, doch nur Lein Größeren wird sie Trunken und weise zugleich, froh und erbaulich zu sein. Geitzel. Die Bootfahrt des Lebens. Jerome K. Jerome, der wohlbekannte englische Hmnorist, hat eine neue Geschichte geschrieben, die in deutscher Uebersctzung unter dem Titel „Drei Mann in einem Boot (vom Hund ganz zu schweigen)" soeben im Magazin für Literatur zu erscheinen beginnt. Im Anfang der Erzählung, in der diesmal der Dichter seine Vorliebe für illustrirende Abschweifungen etwas ausarten läßt, ist von den Vorbereitungen die Rede, die drei junge Leute für eine längere Bootfahrt auf der Themse treffen. In dieser Darlegung stoßen wir auf folgenden hübschen Exkurs: „Die erste Lifte, die wir zusammenstellten, mußte vernichtet werden; es war klar, der Oberlauf der Themse wäre nicht breit genug gewesen, um das Boot zu tragen, das die in jener Liste verzeichneten Sachen alle enthielte. So zerrissen wir denn die Liste und schauten einander an. Georg meinte: „Wir sind allcsammt auf dem Holzwege! Wir müssen nicht an alles das denken, was wir ^rauchen könnten, sondern an das, was wir absolut richt entbehren können." Georg hat manchmal einen ganz verständigen Einfall, >o erstaunlich das auch klingt. Ich heiße das Weisheit in höchster Potenz, nicht nur in Bezug auf die gegenwärtige Frage und Reise, sondern in Bezug auf die LebenSreise überhaupt. Wie viele Leute laden für diese Reise ihr Boot mit einem Haufen »«nöthiger Sachen voll, sodaß es beständig in Gefahr schwebt, umzukippen! All diese Sachen halten sie für unerläßlich zu ihrem Vergnügen und ihrer Behaglichkeit, während sie in der That ganz unnützer Ballast sind! Wie häufen sie doch das arme, kleine Ding an mit schönen Kleidern, mit großen Häusern, mit einer Bande fauler Bedienten, mit einer Schaar schmarotzender Freunde, die sich keinen Pfifferling um sie kümmern, und um die sie sich selbst keinen halben Pfifferling kümmern, wie beladen sie es mit kostspieligen Festen, an denen Niemand ein wirkliches Vergnügen findet, mit Förmlichkeiten und Modethorheiten, mit Anmaßung und Herausforderung, und — o schwerster und dümmster Ballast! — mit der Furcht, was wird mein Nachbar dazu sagen? Mit Luxus, der doch nur Tünche, mit Vergnügungen, deren wir doch bald überdrüssig werden I Mit leeren Schaustellungen, die unser Haupt schmerzen und bluten machen, wie die eiserne Krone, die man ehedem dem Verbrecher aussetzte! Ballast ist's, ihr Leute, lauter Ballast! Werft ihn über Bord! Er macht nur, daß euer Boot so schwer vorwärtszubringen ist, daß ihr beinahe darüber erliegt! Er macht, daß euer Boot so mühsam und gefährlich zu steuern ist, daß ihr niemals auch nur für einen Augenblick der Angst und Sorge ledig seid; daß ihr euch niemals, auch nur für einen Moment, dem üolea kau nisnts hingeben dürft, daß euch keine Zeit bleibt, die flüchtigen Schatten zu beobachten, wir sie über die Untiefen weghuschen, oder die glänzenden Sonnenstrahlen zu verfolgen, wie sie auf den kräuselnden Wellen umherhüpfen, oder das Auge zu weiden an den hohen Uferbäumcn, die ihr eigen Bild in der Tiefe betrachten, an den Wäldern mit ihren gold- grüuen Wipfeln, an den weißen und gelben Lilien, an den düstcrwogcnden Ried- und Schilfgräscrn, an den blassen Orchideen oder den blauen Vergißmeinnicht-Augen! Werft ihn über Bord, ihr Menschen, den Ballast! Laßt euer LcbenSschifflein leicht dahinschwebm, nur mit dem Nöthigsten beschwert! Ein heimliches Nest mit seinen stillen Freuden, ein oder zwei Freunde, die dieses NamcnL werth; Jemand, den ihr liebt, und Jemand, der euch liebt; eine Katze, ein Hund, eine Pfeife oder zwei; Kleidung und Nahrung, soviel man braucht; und etwas Ueberfluß an trinkbarem Stoff, — denn der Durst ist gefährlich! Dann werdet ihr das Boot leichter fortbringen, und es wird weniger der Gefahr des Umkippens ausgesetzt sein, und es wird auch nicht viel schaden, wenn es ein- vder das andremal umschlägt; gute, richtige Waare muß auch einmal naß werden dürfen! Ihr habt dann Zeit zum Nachdenken sowohl als zur Arbeit, Zeit, des Lebens Sonnenschein einzusaugcn, und Zeit, den Aeolsharsentönen zu lauschen, welche Gottes Winde auf den Saiten des MenschenherzenS erklingen lassen.* (Franks. Ztg.) - s« » Ku - E' > Dir Bedeutung dee ZsrSrn in der Pflanzenwelt. (Nach einem Vortrage von Dr, Meyer in Köln.) Nicht um des Menschen willen tragen die Pflanzen schöne und ausfallende Farben an sich, sondern ihrer selbst halber. Für manche Blume und Pflanze ist die sogenannte ISechselbefruchlung nothwendig, d. h. der befruchtende Blüthsnstaub einer «ärmlichen Blume muß hinübergefüyrt werden zu einer weiblichen Blüthe einer anderen Pflanze derselben Art. Diese Übertragung kann auf verschiedene Weise geschehen. Bei den «eisten Blumen wird sie bewirkt durch Insekten, die des süßen Saftes wegen die Blumen besuchen, in dieselben hineinkriechen, auf ihre« Leibe den befruchtenden Blüthsnstaub Mitnehmen und denselben auf andere Pflanzen abstreifen. Die leuchtenden Farben treffen das Auge der die Luft durchschwirrrnden Bienen, Hummeln, Sch«etterltnge u. a., sie «achcn die Blume um so «ehr bemerkbar, je «ehr sich die Farbe v»W Untergrund abhebt. Der goldgelbe Hahnenfuß auf dunkelgrüner Wiese, die blaue Kornblume am Rande des reifenden, der gelben Farbe sich zuneigenden AehrenfeldrZ können nicht übersehen werden, sie locken vielmehr willkommene Gäste von allen Seiten herbei. Bei nicht wenigen Blumen soll die Befruchtung durch Nachtschruetierlinge und Insekten der Finsterniß bewirkt werden, daher tragen sie dir weiße oder hellgelbe oder einen sonstwie auch in der Nacht sich bemerkbar machenden Farbenton an sich. Hierhin gehören Geißblatt, Nachtkerze, Königin der Nacht u. a. Zwar laden viele derselben auch durch süßen Duft zu freundliche« Besuch ein, wie das Geißblatt, aber das eine Lockmittel wird noch verstärkt durch das zweite, die leuchtende Farbe. Während das echte Veilchen so stark duftet, daß es durch den lieblichen Geruch sich genügend bemerkbar macht und einer lockenden, auffallenden Farbe entbehren kann — auch wenn es im Verborgenen blüht, wird es von den lüsternen Gästen aufgefunden —, strahlt das ihm nahe verwandte, aber dnftlosr Stiefmütterchen in leuchtender, lockender Farbenpracht. Die Blumen, bei denen die Befruchtung nicht durch Insekten bewirkt zu werden braucht, bei denen der Wind den befruchtenden Staub von der einen zur andern trägt, ermangeln der Farben gänzlich. Grau und unscheinbar sind die Blüthenkützchen der Haselnußstaude, der Erle, der Birke. Während nun bei gewissen Pflanzen die Blüthe in schöner Farbe prangt, läßt eine andere ihre Frucht für das Auge besonders auffallend erscheinen. Die leuchtend — 647 rothe Farbe der Kirsche, der Vogelbeere ruft die Vogel des Himmels herbei, daß sie sich nähren sollen von diesen Gaben der allsorgenden Mutter Natur. So kommen die Samen dieser Pflanzen, die Kerne der Früchte tn die Verdauungsorgane der leicht beschwingten Gäste; dort wird ihre Keimkraft nicht nur verringert oder zerstört, wie es scheinen könnte, sondern sogar, wie bestimmte Versuche bewiesen haben, noch vergrößert, und wo sie abgesetzt werden und die Bedingungen ihres Daseins finden, sprossen Pflanzen und Blumen auf, selbst auf unzugänglichen Felsen und Mauern. Die anlockende rothe Farbe auf dunkel« Untergründe der Blätter zeigen die Kirschen, die Preißelbeere, die Stechpalme u. a.; in der Reife blaue Beeren machen sich bemerkbar auf gelb werdendem Laub der Waldbesrs, des Holunders, des wilden Weines; in leuchtendem Weiß, einer sehr seltenen Fruchtfarbe, schimmert auf grauem Strauchgeäste die Schneebeere am St. Petrusstrauch. Von ganz besonderem Interesse ist ein Farbentvn in der Blumen- und Pflanzenwelt, der zwischen Gelb und Noth steht und in der Pflanzenkunde den Namen Anthokyan (Blumenblatt) erhalten hat. Am auffallendsten macht er sich bemerkbar an den absterbenden Blättern des Ahorns, bcS wilden Weines, des Götterbaumes, der Eiche. Wem ist nicht das wunderbare Farbenbrld des im Herbste seines Lebens stehenden Laubwaldes bekannt, und wer hat sich noch nicht die verwunderte Frage nach Grund und Zweck dieses seltsamen Farbenschcmspiels vorgelegt? Allbekannt ist, daß der junge Spargeltrieb, wenn er sich aus der Erde hervorhebt, am Kopfe sich bläulich färbt, daß junges Eichenlaub, das im Juni sich bildet und Johannistrieb genannt wird, bräunlich erscheint. Gewisse Flechtenarien färben sich zu heißer Sommerszeit roth hoch oben in den Alpen. Alles das ist Anthokyan. Wozu diese ganz eigenthümliche Farbenbildung? Zum Gedeihen fast aller Blumen und Pflanzen ist unbedingt nothwendig das sogenannte Chlorophyll, Blattgrün oder Pflanzengrün, ein Stoff, der, bei passender Beleuchtung, aus den unorganischen Nährstoffen, nämlich aus Kohlensaure und Wasser, organische, aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff zusammengesetzte chemische Verbindungen unter Ausscheidung von Sauerstoff erzeugt. Die Pflanze ist nur, weil sie, und nur, wenn sie Chlorophyll besitzt, zu dieser für sie charakteristischen Ernährungsweise geschickt. Dieses so unbedingt nothwendige Blattgrün leidet nun unter allzugrcller Beleuchtung, und deshalb deckt, wie schon oben gesagt, das dunklere Anthokyan (Blnmenblau) dasselbe ab bei jungem Spargeltrieb, frischem Somsrereichenlaub und gewissen Flechten in den von der Sonne allzugrell bestrahlten Alpen. Bei absterbenden Blättern bewirkt Anthokyaik, daß durch die dunkler gefärbten Blattrippen und Blattstiele die Nährstoffe leichter zurückgelettet werden zu Zweigen, Achten und Stamm, e§ begünstigt, indem es Licht in Wärme umsetzt, die Aufspeicherung der Nährstoffe in der eigentlichen Pflanze. Aus demselben Grunde bildet sich An- thckyan, wenn im Wachsthum der Pflanzen besonders starke Zubereitung der Nährstoffe nothwenoig ist, wie das deutlich erkennbar ist tn der röthlichen Färbung der jungen Nhabarberstengel und der jungen Nußbau»:Rätter. Möglichst starke Ausnutzung des Lichtes, Umsetzung desselben in Wärme ist bei vielen anderen Pflanzen Zweck der Anthokyanbildung. Während die aus dem Wasser schwimmenden Blätter der Teichrose auf der Oberfläche dunkelgrün und lederartig hart sind, damit sie gegen auffallende Schädlinge geschützt erscheinen, ist die Unterseite des Blattes röthlich gefärbt, weil sie das nur in geringem Maße zu ihr gelangende Licht auffangen und zu Wärme entwickeln will. Dieselbe Erscheinung findet sich noch bei vielen anderen Pflanzen, besonders solchen, die im Wasser oder im Schatten des Waldes ihr Dasein fristen. Eine röthliche Schicht auf der Unterseite der Blätter ist auch zu bemerken bei kurzlebigen Pflanzen, die also mit größter Intensität ihre Lebenssäfte zur Ausgestaltung bringen müssen. Als Beispiel fei genannt das allverbreitete und vielgeliebte Alpenveilchen. -- ALLsrrZsr. Die Erfinder deS Fahrrades Eine alte Nürnberger Chronik berichtet, daß dort im Jahre 1649 ein von einem gewissen Hans Hautsch hergestellter Kunstwagen aufgetaucht ist, „welcher in einer Stunde 2000 Schritte geht, man kann still halten, wenn man will, man kann fortfahren, wenn man will, und ist doch alles von Uhrwerk gemacht". Kurze Zeit darnach fertigte gleichfalls ein Nürnberger Uhrmacher, Stephan Farflex, nachdem er zuerst einen solchen vierrädrigen Kunstwagen gebaut, einen mit drei Rädern. Das dürste das älteste Dreirad fein. Nürnberg kann also in der Erfindung von Fahrwerk- zeugen, die man ohne Zuhilfenahme irgend welcher thierischer oder sonstiger Naturkraft fortbewegen kann, das Vorzugsrecht in Ansprnch nehmen. Daß auch das erste Zweirad in Bayern gemacht und praktisch benutzt wurde, ist nachweisbare Thatsache. In Schweinfnrt verfertigte sich der 1812 geborene Jnstrumeritenmacher P. Moritz Fischer zu Anfang der 50er Jahre em Aweirad mit Tretkurbeln, welches er zu seinen Geschäftstouren benutzte. Fischer, der schon vor vielen Jahren gestorben ist, theilte das LooS aller Erfinder; nur ein kleiner Kreis zeigte Interesse für sein Zweirad, von der Mehrheit wurde er verspottet und ausgelacht. Verrathen. Gatte: „Alle Wetter, nun Labe ich die Schlüssel zu meiner Kassette tm Bureau gelassen und von Dir paßt auch keiner, nicht wahr?" — Gattin: „Nein, ich habe mich auch schon darüber geärgert." ^Lllo Reedts vordeLslierr.) ÄAsselrivIrtO 4 a6—a5 S De2Xa4 t7—kö 30 b4—b5 Lb8-k3 10 De4-d3 tö—t4 31 b5—b6 Da4Xa2 11 Le3-d2 e6—«5 32 Lo4xk4 Lk8-b3 12 d4X«5 Le8—g4 33 1>6xg71- Lk6Xg? 13 Dd3—b3(a) 8c6—d4 34 Ik4—e4(o) Da2—als 14 Db3-d1 Lg4xk3(b) 35 Lo1-d2 Lb6Xb2f 15 g2X13 Lks-15 86 Ld2—e3 Lb8—f8 16 Lkl—d3 LföXoS-s- 37 f3—k4 Dal—a2 17 Ld3—e4 Dd8-d7 38 Lo3xb2 Da2Xb2 18 Ld2—o3 e?—c5 39 Lei-bl b7—b6 19 Ddl-d3 Las—08 40 Le4—e5 Lk8-b8 20 0-0-0 Dd7—a4 41 Ldö—e4(f) Dg7Xs5 Llj Lei-bl Lo7—f6 42 LdlxdOs- Lb8-g7 Weiss gibt die Dartis auk (g). a) Luf 13. Ld2—e3 würde 8e6—b4, 14. Dd3—e4,Lg4—k§ folgen. b) sogleieb 14. Lk8—f5 wäre nael» stärker. v) Damit begibt sieb Weiss in eins ganr unnötbigs 6s- fabr, indem er den gegnerisebon Lbürmen eins vortbeilbaftö Lvgriikslinio öffnet. Wenn es steinitr durobaus um einen Dauern r.u tbun war, wessbalb rog er dann niebt 22. Le4Xb7j-, was gekadrlos geseboben konnte? d) statt des Lönigsxugos konnte 28. Ld5—f7 geseboben; stoinits fürebtsts offenbar die lfortsetsung Lb6Xb2j-, 29. De3Xb21, Lb8Xb2f, 30. LblXb2, 8c3—o2f-, die indess an 31.Lb2-b1.Da4- b4f, 32.Dd3-b3, Db4X6lt, 33.Lbl— c2 sebeitert. s) statt dessen konnte Weiss mit 34. Le4Xd4, o5Xd4, 35. Le3Xd4 der gsfabrdrobeuden Lage sieb entsieben. f) Der Länksrxug ist notbwendig, um dem drobenden Lb8—b3 xn begegnen. g) Ironie des sebicksals! stsinit^ gibt die Dartio bier auf, in einer stsllung, in der er sie unsebwer remis balten konnte; er glaubte offenbar, dass der Verlust der Dame dureb Lb3—l>3 nun unvermeidlieb sei. sebrvars (danowski). stellung naeb dem 42. Auge. Lnf wclebs Weise Remis möglieb ist, das berausruündev überlassen wir vorerst dem sebarfsinno unserer Leser, denen wir die vorstebends stellung als Lndspielstudis vorfübren und die Lösung später mittbeilen werden, steinitr, der wäb- rend seines jüngsten Lukentbaltes dabier auf das Remis aufmerksam gemaebt wurde, war darüber böoblieb erstaunt, erklärte es aber alsbald für rutreikend. Die Minen jener sebaebfreunds, welobo die Endspiels sowie Droblems ete. ricbtig lösen und reebtroitig einsenden, werden in entspreebenden 2eitabsebnitten an dieser stelle veröikentliebt. _ (D D. in L.) Destsn Dank für Ibrs freundliobon Wunsebs, mögen dieselben naeb jeder Dicbtung bin in Erfüllung geben! Llles auk das sebacb Desügliebs ist ausnabmslos 2 u adressiren: „Ln die Redaction des Lugsburger sellueb- blutt — Lake Lugustu — Lugsburg." "WU! Algebraische Gleichung. u — t-s-b-s-v — X a) wichtige Verkehrseinrichtung, d) Nahrungsmittel, o) russischer Fluß, x) als mächtiger Gott aus der griechischen Mythologie bekannt. Auflösung des Scherzräthsels iu Nr. 82: Habe, Haue, Hase, Haie, Haxe. - t jjs ^ » D« ^ - « 85 . 1896 . „Augsburger Postzrüung". Viustag, den 13. Oktober Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des iliterarischen Instituts von Haas L Grabderr in Augsburg lVorbesttzer vr. Mar Huttler). Kin fehlendes Wort. Original-Novelle von C. Borges. (Fortsetzung.) Lieutenant von Römer schlenderte langsamen Schrittes dem Hause des Advokaten Neumann zu. Er hatte bald sein Ziel erreicht, als er Fräulein von Schalldorf bemerkte, die mit einem Hündcben an der Leine rasch vor- übereilte. Die junge Dame bestieg einen Omnibus und war bald seinen Blicken entschwunden. „Selbst wenn ich die Erbin wäre und Niemand mein Recht bestreiten könnte, würde ich mich nicht überreden lassen, die Hand des Lieutenants anzunehmen", dachte sie bei sich selbst, als das schwerfällige Gefährt langsam über das Straßenpflaster rasselte, „selbst wenn mein Herz nicht Rudolf Wieser gehörte. Der Lieutenant ist reich, jung und unterhaltend, aber es liegt etwas in seinem Wesen, was mir mißfällt, und ich könnte ihm nie vertrauen." Der Omnibus hielt in einer entlegenen Straße der Vorstadt. Die junge Dame ging nur noch wenige Schritte, dann blieb sie vor einem kleinen Häuschen stehen. Ein junges, sehr reinliches Hausmädchen mit schneeweißer Schürze öffnete die Hausthür und führte sichtlich erfreut die Dame in ein kleines, aber behaglich und sauber gehaltenes Wohnzimmer. Eine ältliche Dame mit silberweißen Haaren und edeln, aristokratischen Gestchtszügen lag auf einer Chaiselongue. Sie war fast gelähmt und konnte sich nur mit Hilfe der Krücken, die zur Seite standen, mühsam und mit Anstrengung fortbewegen. „Mein liebes Kind, das ist eine angenehme Uebcr- raschung", rief sie mit einem glücklichen Lächeln aus, „wie wird sich Rudolf freuen, wenn er Dich hier findet!" Mathilde von Schalldorf rückte ein niederes Tabouret herbei und ließ ihr Haupt in dem Schooß der alten Dame ruhen, die leise ihre Hand auf die Schulter ihrer jugendlichen Freundin legte. Es lag eine tiefempfundene Herzlichkeit in dieser leichten Berührung, und einen Augenblick sahen sich die beiden Damen mit unendlicher Liebe an. „Mein Vater hält jetzt täglich Berathungen mit seinem Anwalt, und meine Mutter ist bei einer Freundin", berichtete das junge Mädchen, „und da mußte ich doch die gute Gelegenheit benutzen und hierher eilen, wo ich am liebsten immer bleiben möchte." „Wir freuen uns auch immer, Dich hier zu sehen", versicherte die alte Dame, „so, mach's Dir bequem, mein Kind, dann erzähle ich Dir auch etwas Neues. — Wir haben endlich die beiden Zimmer vermiethet; das vordere große Wohnzimmer und das große Schlafzimmer, das nach dem Garten geht; eine ältliche und gewiß alleinstehende Dame wohnt seit gestern bei uns." „Wie heißt sie?" „Fräulein Winter. Wir merken kaum, daß sie im Hause ist; wir haben sie in Kost und Logis, aber sie ist sehr anspruchslos und wir hätten es niemals besser treffen können." „Wirklich?" Die junge Dame schielte besorgt nach einer dünnen Tapetenthür, die das Zimmer von den Räumen der neuen Hausbewohnerin trennte und die daher, ohne zu lauschen, jedes Wort hören mußte. „Ist sie jetzt in ihrem Zimmer?" fragte sie ängstlich. „Ja, sie geht fast gar nicht aus, höchstens nur spät am Abend." „Kann sie wohl hören, was wir sprechen?" „Wir wollen uns im Flüstertöne unterhalten. Es wäre für beide Theile besser, wenn die Zimmer getrennt oder durch eine feste Thür geschieden wären. Aber, mein Kind, Du hast ja heute einen Hund mitgebracht! Wie kommst Du dazu? Du hast doch sonst keine Liebhaberei für Thiere." „Waldmann! komme hierher", rief Mathilde, als der Hund anfing, an der dünnen Tapetenthür zu kratzen und zu scharren, und endlich knurrte und bellte. „Er gehörte meiner armen, unglücklichen Tante", fuhr sie fort. „DaS arme Thier wäre beinahe in den Flammen umgekommen, und da weder meine Eltern noch Neumann's Hunde leiden können, sollte das arme Thier getödtet werden. Aber meine arme Tante hatte ihn sehr lieb, und um ihretwillen habe ich mich seiner angenommen. Er folgt mir auf Schritt und Tritt. Aber Waldmann, was hast Du denn heute?" fuhr sie fort, als der Hund wieder von dem Schooße gesprungen war und bellend an der Tapetenthür scharrte, „Du bist doch sonst nicht so unruhig." „Das hast Du gut gemacht, Kind, daran erkenne ich Deinen edlen Charakter. Gerade da Deine Tante Dir so wenig Liebe erwiesen hat, freut es mich doppelt, daß Du Dich eines hilflosen Wesens annahmst, das sie liebte." „Es war nicht ihre Schuld; es gibt ja so wenig Leute, die mich gern haben", erwiderte das junge Mädchen mit einem Anflug der Bitterkeit. „Ich verstehe es zu 6ö0 wenig, wich einzuschmeicheln, und meine eigenen, Verwandten verstehen mich nun einmal nicht. Ehe ich Rudolf kennen lernte, hat Niemand Liebe oder Zärtlichkeit für mich verschwendet, aber jetzt, da ich weiß, daß ich seine Liebe gewonnen habe, hat das Leben neuen Reiz für mich bekommen." Sie sah in diesem Augenblick so strahlend glücklich und zufrieden aus, daß das Urtheil des Lieutenants: „kalt, verschlossen und unzugänglich" gar nicht am Platze war. Glück und Liebe hatten die schlummernden guten Eigenschaften im Herzen der jungen Dame geweckt. „Ich glaube", fuhr sie dann sinnend fort, „wenn meine Tante arm, anstatt so unermeßlich reich gewesen wäre, so würden wir beide sehr gut mit einander harmonirt haben. Ihr Geld bildete eine unüberwindliche Kluft zwischen uns. Ich wußte sehr gut, daß sie uns allen mißtraute und sich in dem Wahn befand, wir trachteten nur nach ihrem Erbe. Daher kam es vielleicht, daß ich kalt und zu wenig entgegenkommend gegen sie war, obgleich ich im Grunde des Herzens sie aufrichtig liebte." „Mein Sohn Rudolf war über die Bestimmung des Testamentes sehr erregt", gestand die alte Dame. „Er fürchtet, daß, wenn der Prozeß zu Deinen Gunsten ausfällt, Deine Eltern Dich zwingen würden, die Hand des Lieutenants anzunehmen." Die Lippen der jungen Dame preßten sich fest aufeinander. „Selbst nicht um meinen Eltern zu gehorchen oder ihre Wünsche zu erfüllen, könnte ich mich für's Leben unglücklich machen", versetzte sie entschieden. „Nein, Rudolf's Furcht ist ganz unbegründet, denn ich werde niemals die Erbin meiner Tante werden. Die geschicktesten Rechtsgelehrten der Welt können doch nicht ergründen, welches Wort die Verstorbene zu schreiben gedachte; ich weiß aber ganz genau, daß sie meiner Cousine den Vorzug gab." Ein leiser Schritt im Nebenzimmer erregte wieder die Aufmerksamkeit des Hundes, der laut zu bellen anfing ; zur selben Zeit ertönte der schrille Ton der Hausglocke. „Jetzt kommt Rudolf", rief die Mutter, „verbirg Dich einen Augenblick hinter der Thür, dann ist später seine Ueberraschung doppelt groß." Mathilde gehorchte. Den Hund auf den Arm nehmend, verbarg sie sich hinter einer schweren Portiere, als gerade der junge Mann das Zimmer betrat. „Hast Du heute Nachricht von Mathilde gehabt, Mutter?" fragte er, sich in einen Sessel niederlassend. „Ich bin heute so müde; die Knaben machten mir in der Klasse viel zu schaffen, es war ohnehin ein anstrengender Tag für mich. Na, was soll das bedeuten?" rief er aufspringend, als der Hund hinter der Thür zu bellen anfing. „Es bedeutet, daß Mathilde hier ist", jubelte das junge Mädchen, schnell das Versteck verlassend. Der junge Professor breitete feine Arme aus; seine Müdigkeit war verschwunden, sein Antlitz strahlte vor Freude. „Ich ahnte nicht, daß mir heute Abend noch diese Freude bevorstand; wir haben uns in letzter Zeit so selten gesehen." Rudolf Wieser war ein junger, bleicher Mann mit ernsten, seelenvollen Augen. Ein großer, dunkler Voll- bart umrahmte sein schmales Antlitz und ließ ihn älter erscheinen, als er in Wirklichkeit war. Als Professor am Gymnasium lag er treulich seinen vielfachen Pflichten ob, und als junger Gelehrter widmete er alle seine freie Zeit wissenschaftlichen Studien. Vor ungefähr Jahresfrist hatte er die Tochter des Majors von Schalldorf kennen und lieben gelernt. Es widersprach seinem rechtlichen Charakter, diese Gefühle geheim zu halten, und er trat vor den Major, um die Hand seiner Tochter zu erbitten. Unbegreiflicher Weise war der Major über dieses Geständniß der Liebe höchst aufgebracht. Er beschuldigte den Professor, die Pflichten gegen seinen ältesten Sohn in früheren Jahren und jetzt gegen die jüngeren Söhne nicht erfüllt zu haben, und legte ihm die Schuld bei, daß der Direktor des Gymnasiums mit der Entlassung der wenig befähigten, aber zu jedem schlechten Streich und zu jeder Unthat bereiten Knaben gedroht hatte. Er entließ ihn mit der Versicherung, seine Bitte zu erfüllen, falls die Knaben in der Anstalt bleiben und sogar bet der nächsten Versetzung in eine höhere Klasse aufgenommen werden sollten. Professor Wieser gab sich redliche Mühe, auf die Knaben nach besten Kräften einzuwirken. Er gab ihnen Privatunterricht, half bei den Aufgaben, suchte ihr Ehrgefühl zu wecken — alles war vergebens; die Knaben beharrten in ihrer Trägheit und sannen nur weiter auf lose Streiche. Als nun wirklich die Entlassung erfolgte, verbot der alte Major in seinem Zorn dem Professor, die Schwelle seines Hauses zu überschreiten, und seiner Tochter jede Zusammenkunft und jeden Briefwechsel mit dem Geliebten. Mathilde gab jedoch nicht das verlangte Versprechen. Sie versicherte dem Vater, daß sie nach wie vor die arme gelähmte Mutter des Professors besuchen werde, da diese sich in ihrer Hilflosigkeit an ihre kleinen Dienstleistungen gewöhnt habe und sie es für Christenpflicht halte, dieselben weiter zu üben. Sie versprach aber, mit einer Verbindung mit dem Geliebten so lange zu warten, bis die Eltern ihren Segen zu dem Bunde geben würden. „Mein lieber, guter Rudolf", sagte sie jetzt, als der kleine Kreis gemüthlich um den runden Theetisch saß, „Du hast Dir heute ganz unnütze Sorge gemacht, denn ich werde niemals die Erbin meiner Tante werden, und selbst wenn ich es würde, so machte das in meinen Gefühlen für Dich keinen Unterschied. Wenn ich nicht Deine Gattin werden darf, so sterbe ich lieber als alte Jungfer." Er küßte sie zärtlich und flüsterte ihr Liebesworte zu, die liebliches Roth auf ihre bleichen Wangen zauberten. Als das einfache Mahl beendet war, trat Mathilde den Heimweg an, begleitet von dem Professor. „Hat Fräulein Winter ihr Abendbrod bekommen?" fragte Frau Wieser, als das Mädchen den Speisetisch räumte. „Nein; sie verlangte nicht darnach. Sie klagte über Kopfschmerzen und hat sich früh zur Ruhe begeben." (Fortsetzung folgt.) -— - - Zwei Tage aus dem Leben Pipin's des Kleinen. Von Antonie Haupt. 1. Es war um die Mitte des achten Jahrhunderts. Papst Zacharias, „der heilige Friedensfürst", saß auf dem Stuhle Petri mild und voll Güte, ein treuer Vater, ein guter Hirte. Hoch ragte auf dem südlichsten Hügel Rom's der 651 stolze Palast der alten Lateraner über seine schöne Umgebung hervor. Er war seit Kaiser Constanttn's Bestimmung Sitz und Eigenthum des Nachfolgers Petri, des römischen Papstes. Die weiten Räume des Palastes, Patriarchtum genannt, sind mit großer Pracht mit Marmor, kostbarem Wandschmuck und goldstrahlendem Bildwerk ausgestattet. In seiner Lieblingshalle, die mit vollendet schönen Marmor-Statuen, den Bildern Jesu Christi, der heiligen Maria und der Apostel geschmückt ist, und deren in leuchtender Mosaik strahlende Wände vielfach von Schriftrollen und Folianten, kurz, von einer reichen Bibliothek verdeckt sind, finden wir den Vater der Christenheit. Zacharias ist eine hohe, vornehme Erscheinung mit klassisch fein geschnittenen Zügen. Wenn das Alter auch leuchten in gebieterischer Gluth. Das Feuer mildert sich jedoch zu sanftem Glänze, wenn sein Blick dem des Oberhauptes der Christenheit begegnet. Der Papst redet mit ihm, wie mit einem lieben Freunde. Und ein treuer Freund, ein treuer Sohn der Kirche war auch derjenige, der ihm gegenüberstand. Der kleine und doch so große Mann war Pipin, der mächtige Major- Domus, der eigentliche Beherrscher des Frankenreiches. König Childcrich. der stumpfe Abkömmling eines morsch gewordenen Geschlechtes, war ja nur ein Lchatteukönig. Längst hatte der Papst den Gast zum Sitzen eingeladen, lange schon hatten die beiden hervorragenden Geister in zündender Zwiesprache sich über mancherlei Zustände und Gebresten der Christenheit wie des Frankenreiches ausgesprochen. Da^ sagte Pipin endlich mit Vasall bereits sein Haupthaar gebleicht hat, so ist der Glanz seiner dunkeln Augen noch unvermindert. Geistige Bedeutung, unendliche Herzensgüte leuchten daraus hervor. Der Statthalter Christi ist nicht allein. Vor ihm steht ein Mann, der trotz seines kleinen gedrungenen Körperbaues etwas gewaltig Zwingendes, etwas von der Majestät eines geborenen Herrschers hat. Er trägt die einfache, eng anliegende Tracht der Franken von feinem Hirschleder. Nur das juwelenfunkelnde Schwertgehenke und der golddurchwirkte, mit Purpur verbrämte Mantel lassen auf hohen Rang des Besitzers schließen. Doch umwallen sein Haupt nicht die reichen Locken, wie sie nur die Könige der Franken tragen; sein blondes Haar ist kurz geschoren, ein langer Schnurrbart unter der scharf gebogenen Nase schmückt das ernste charakteristische Antlitz. Seine großen, kühn blickenden blauen Augen -Insel. raschem Entschlüsse: „Gestattet, heiliger Vater, daß ich Euch den eigentlichen Zweck meiner Romreise darlege." „Sprecht, theurer Freund, Ihr findet ein williges Ohr", ermuthigte Zacharias freundlich. „Nun wohl", begann der Frankcnfürst, „ich stehe als Bittender vor Euerer Heiligkeit, und zwar — nennt mich nicht unbescheiden — begehre ich nichts Geringeres von Euerer Gnade, als eine heilige Reliquie, vielleicht ein Andenken an unsern Erlöser selber. Ich begehre es für die von den Vorfahren meiner Gemahlin gegründete Klosterkirche in der Eifel. Erfahret: Bertrada von Mürlen- bach, aus dem edelsten fränkischen Geschlechte, faßte den Entschluß, mit ihrem Sohne Chartbert, dem Vater meiner Gemahlin, ein für ihre Familie und für die weite Umgegend segensreiches Werk zu schaffen. In einem von wilden Wäldern umgebenen lieblichen Wicsenthale zu 652 Füßen der Schnee-Eifcl, allwo die Flüßchen Prüm und Dettenbach zusammenfließen, erbaute sie eine Kirche und ein Kloster und schenkte dazu ihr halbes Erbtheil. Sie ließ das Kloster auf die Namen der heiligen Maria, der Apostelfürsten Petrus und Paulus und des heiligen Martinus weihen, dann gab sie es den Jüngern deS heiligen Benedictus zum Wohnsitze. Fast dreißig Jahre lang erflehen nun fromme Mönche alldorten Tag und Nacht die Barmherzigkeit Gottes. Fast dreißig Jahre lang wirken die eifrigen Söhne des heiligen Benedictus rastlos, nimmermüde und segensreich im weiten rauhen Eifellande. Bertrada, wein trautes Eheweib — ich sagte schon, sie ist die Enkelin der Klosterstiftertn — erbittet nun durch wich, ihren Gesandten, das Gnadengeschenk, eine Reliquie des Heilandes, damit es dem Kloster und seiner Umgebung zur Freude und zum Heile gereiche." Ernst neigte der Papst das Haupt. „Euere Bitte sei gewährt, mein Fürst. Ich verwahre in der Basilika des Laterans gar manche Reliquie des Heilandes. Ihr sollt eine kostbare in Empfang nehmen für Euere Kirche. Ich werde sie noch heute in Euere Hände legen. Doch, ehe ich Euch ersuche, mich an jene Stätte zu geleiten, wo die ehrwürdigen Schätze geborgen ruhen, lasset uns hier noch einiges besprechen." Und rasch, mit forschendem Blicke fragte er: „Wie befindet sich Euer König, der junge Childerich?" „Körperlich ganz wohl", lautete die Entgegnung. „Körperlich?" wiederholte der Papst und schaute sinnend vor sich nieder. Dann sah er mit festem Entschlüsse empor. „Mein Fürst, ich weiß, daß die Großen, der Adel und das Volk der fränkischen Nation einstimmig sich entschieden haben, Euch, einen kräftigen Herrscher, statt des geistig kranken Schattenkönigs auf den Thron zu erheben. Ich weiß, im Frankenreiche gilt noch das alte Recht: die Versammlung der freien Männer, so einmal im Jahre auf dem Maifeld zusammenkommt, darf einen untauglichen König absetzen und einen neuen König wählen." „Heiliger Vater, eine solche Wahl werde ich nicht annehmen", entgegnete Pipin erregt, „es sei denn, daß auch die Bischöfe sich für mich entscheiden. Diese aber tragen gerechtfertigte Bedenken, der Merovingischen Königs- famtlie ihr altes Erbe zu entreißen." Der Papst wiegte das Haupt. „Die Absetzung des armen Childerich ist keine unrechtmäßige, sondern eine gebotene Handlung, wozu das fränkische Volk befugt, ja sogar gezwungen ist. Für das Abendland ist es dringend erforderlich, daß ein kräftiger Herrscherstamm an Stelle eines entarteten, ohnmächtigen Geschlechtes tritt." Pipin's Auge flammte. Er richtete sich empor. „Ich fühle den Beruf und die Kraft in mir, das Geschick des Frankenlandes, das Geschick ganzer Völker vielleicht für Jahrhunderte lang zum Guten zu lenken, aber . . ." „Kein aber!" fiel Zacharias ein. „Die entscheidende Stimme der Bischöfe werdet Ihr haben." „So werde ich den fränkischen Thron besteigen!" rief Pipin in hoher Freude. Er kniete nieder. „Ich bitte um Euern Segen zu meiner hohen Aufgabe." „Den Segen ertheile ich Euch, dem baldigen Allein- beherrscher des Frankenreiches, mit Freuden. Ich habe den Wink Gottes erkannt und weiß, daß ich durch den päpstlichen Segen nur dem, was die Vorsehung seit langem im Stillen vorbereitet hat, gewissermaßen die irdische Beglaubigung gebe. Eine Stimme sagte es mir mit Euerer Thronbesteigung ist entschieden, daß nicht der Halbmond über Europa herrschen, sondern daß ein großes Deutsches Reich erstehen wird, das Christenthum, geistiges Leben und Cultur bis zu den fernsten Grenzen Europa's tragen soll." Der Statthalter Christi erhob sich. Seine geistvollen Züge belebten sich, sein dunkles Auge leuchtete. Er sprach den Segen über den Knieenden aus. Alsdann sagte er: „Folget mir in das Heiligthum." Zu der in allen Zeiten als besonders heilig erachteten Stätte, zu der an den Palast sich anschließenden, von Kaiser Konstantin erbauten Kirche des allerheiligsten Erlösers, schritt Papst Zacharias dem Frankenfürsten voran. Die „Goldene Basilika" wurde diese Kirche vom Volke genannt, denn Kaiser Constantin hatte sie durch seine Weihegeschenke im Innern wahrhaft mit Gold über- kleidet. Seine Mutter, die heilige Helena, hatte von ihrer Pilgerreise viele kostbare Reliquien aus Jerusalem, aus dem ganzen heiligen Lande nach Rom in die Kirche des Laterans gebracht. Zahlreiche Reliquien der Apostel ruhten hier. „Sehet, dieser goldstrahlende Altar, an dem ich täglich das heilige Opfer feiere, umschließt den Holztisch, auf dem der heilige Petrus einst in den Katakomben das heilige Meßopfer darbrachte. Der Baldachin, so den Altar überschattet, trägt die Häupter der Apostelfürsten", flüsterte der Papst. Die Beiden sanken in Andacht nieder und beteten lange mit Inbrunst. Dann folgte Pipin dem Papste in eine Gruft. Zacharias schloß eine Lade auf und entnahm derselben ein kunstvoll gearbeitetes Kästchen. Darin lag auf weißer Seide ein Stück feines, weiches Leder von gelbbrauner Farbe. „Sehet, einen Theil der Sandalen des Herrn, von denen Johannes gesagt: Ich bin nicht würdig, die Riemen seiner Schuhe aufzulösen! Auf diesem Leder ruhte der Fuß des Welterlösers, als er den letzten schweren Gang zum Calvarienberge that. Die Kaiserin Helena brachte die Reliquie von Palästina hierher." Tief ergriffen kniete Pipin vor dem unscheinbaren heiligen Kleinode nieder und berührte es ehrerbietig mit seinen Lippen. „O Herr, sei meiner Seele gnädig durch die Wunden deiner durchbohrten Füße", sprach er. „Dieses Heiligthum sollt Ihr für Euere in Prüm gegründete Kirche in Empfang nehmen", sagte Zacharias. Mit Staunen und Rührung vernahm Pipin diese Worte. „Wäre es möglich, heiliger Vater? Mit solch' hohem Gnadengeschenk wollt Ihr mich, wollt Ihr das Kirchlein zu Prüm auszeichnen! O, habet Dank, heißen Dank! Ihr sehet mich fassungslos vor Freude. Ich werde eifrig auf die Verehrung der Reliquie bedacht sein und diesem Zeugniß von unseres Herrn Erdenwallen, diesem kostbaren Schatz eine würdige Umhüllung, eine würde Aufbewahrungsstätte in Prüm schaffen. Ja", rief er von plötzlicher Eingebung erfaßt, „ich will dem Erlöser einen prächtigen Tempel bauen, der, wenn ich zum König erhoben bin, auch königlich ausgestattet werden soll. Ich werde das kleine Kloster zu Prüm zu einer der mächtigsten und reichsten Abteien des Frankenreiches machen. Das sei mein dem Herrn gezollter Dank für die Erhebung auf den Königsthron." „Der Herr wird Euch segnen für diesen hochherzigen z. § M <. ->«LW -'»< .? -„^ ^ «-?< >. ' 7' ML§_LQL-I W^DWW -WW8WM "2-^, E^ - GMGW LK-SL ,2 « E«W WN ZLZM MG 's^.'l, t"! 654 Entschluß. Euere Stiftung wird eine stehende Bitte zu dem Erlöser um die Wohlfahrt des Reiches sein", sprach Zacharias ernst bewegt. Dann begaben sich die beiden Männer in den päpstlichen Palast zurück, wo dem Frankenfürsten und seinem Gefolge Gastfreundschaft zu Theil wurde. (Schluß folgt.) -- 4 - 4 - >» Basalt und Basallinseln. (Mit Bild.) Zu den im Unterschied von den Krystallfoimen sogenannten Massengesteinen, die gleich der Lavagluth flüssig der Erde entströmten, um nachher zu erhärten, gehört namentlich auch der Basalt. Der Stein, dessen Name syrischen Ursprungs ist, ist ein außerordentlich hartes, meist dunkles, ja tiefschwarzes Gestein, in welches meist in krystallförmigen Bestandtheilen Olivin*) eingesprengt ist. Eine merkwürdige Eigenschaft dieses Gesteins, die sogenannten Kontrakttonsformen, die sich nicht nur in Bildung von Platten, sondern namentlich auch in einer säulenförmigen Absonderung geltend macht, führt zu den denkwürdigsten und phantastischen Formationen, welche neben ihnen noch manche andere Plutonische und vulkanische Gesteine ausweisen. Es sind Säulen, mehr lang als dick, immer kantig und ebenflächig, und zwar zumeist mit 5 oder 6, überhaupt mit 3 bis 9 Seiten und Kanten. Meist außerordentlich zierlich und regelmäßig, sind sie gar oft durch Querklüfte gegliedert, und zwar so, daß diese Theilungsklüfte eine Säulengrnppe in einer Fläche durch alle Säulen hindurchgehen, nicht in verschiedenen Höhen die Säulen gliedern. Berühmt durch solche Bildungen ist namentlich dieFingalshöhle auf der Insel Staffa an der Küste von Schottland; doch hat man auch am Rhein Gelegenheit, solch wunderbare Gebilde zu Gesicht zu bekommen. Die Basalte, welche zuweilen sichtlich mit erloschenen Vulkanen in Verbindung stehen, weisen demgemäß auch gar oft eine große Aehnlichkeit, wenn nicht gar vollständige Uebereinstimmung mit den Auswurfmassen unserer thätigen Vulkane auf. Neben dem Basalt selbst sind es namentlich Dolerite und Anamestte, Mandelsteine und blasige schlackige Massen, welche die gleiche Formation mit diesem zeigen. Außer diesen finden sich dann gar mannigfaltig gebildete Erzeugnisse der Zertrümmerung, Verkittung und Umschmelzung, wie dieselben bei gewaltsamen Vorgängen der Natur nicht anders erwartet werden können. Die äußere Gestalt der basaltischen Formationen ist im allgemeinen die der Trachyte?), allein ihr Gestein ist mehr verbreitet und bietet an den einzelnen Bildungsstätten weit beträchtlichere Berge und Gebirge als jene. Im Leitmeritzer Kreis Böhmens hat ein solches Gebirge die Länge von 8 und die Breite von 2 Meilen. Der Vogelsberg in Hessen bildet eine ganz aus Basalt bestehende Basaltdecke mit einem Flächenraum von 40 Quadratmeilen. Verschwindend klein aber sind die deutschen Basaltgebirge gegen diejenigen in Indien, wo der Basalt ein etwa 1200 Meter hohes Tafelland bildet, das eine fast horizontale Schichtung mit steil abhängenden Rändern *) Olivin — Mineral aus der Ordnung der Kieselsäure- salze (Silikate). ') Trachyte — jungvulkanische, gemengte krystallinische Gesteine. und tiefen Spaltungsthälern zeigt. Indessen hat auch Europa selbst eine Menge solcher GestetnSformationen auszuweisen. Die Eifel, das prächtige Siebengebirge unterhalb Bonn, Westerwald und Rhön, Habichtswald, Vogelsberg, das Lausitzer- und Riesengebirge, und neben ihnen die vulkanischen Berggebiete von Zentralfrankreich, die erloschenen Vulkane Kataloniens, die nordische Vulkanzone, die italienischen Feuerberge beweisen ebenso wie die riesigen Schlöte in den Anden und auf Teneriffa, „daß der großartige Anlauf zur Feuerthätigkeit, den nach der langen Ruhe während der mesozoischen^) Zeit die alternde Erde mit dem Miocän^) wieder genommen hat, noch gegenwärtig fortdauert, sowie daß zwischen der heutigen Lava und den etwas älteren Trachyten und Basalten keine oder nur eine fließende Grenze zu ziehen ist." Eines der schönsten Beispiele für das Auftreten einer säulenförmig abgesonderten Basaltdecke ist eine Landschaft am Rio Colorado in Nordamerika, wo sich ein freilich nicht sehr dicker Strom von eruptivem^) Metall über die Gegend ausbreitete, ehe ein Thal an dieser Stelle vorhanden war. Darüber kamen neue Ablagerungen, und als sich später hier ein Fluß sein Bett wühlte, legte er hochoben an den Gehängen einen Schnitt durch die Basaltdecke bloß. Mitten aus den brandenden und schäumenden Meeres- fluthen hebt sich eine schwarz glänzende, kahle Masse; es ist ein wundersames, in seiner Farbe unheimliches, in seiner Ausgestaltung anziehendes Gebilde. Aus lauter einzelnen Säulen scheint das Ganze zusammengesetzt, da und dort ragen noch aus dem Meere kleine Säulen hervor, über welche die Brandung hinweghuscht. Dies ist eine jener Basaltinseln, deren es noch gar manche gibt. Es ist, als hätten ein solches Wunderwerk Riesen mitten in die Gewalt der Meereswellen hineinstellen wollen, um ihre Kraft daran zu erproben. Aber kein Fuß betritt diesen Strand! So steht die Basaltinsel in einsamer, aber darum nicht weniger glänzender Höhe mitten im Meere, ein mächtiger und beredter Zeuge jener Jahrtausende langen Entwicklung unserer Erde, an deren Ende wir noch lange, lange nicht angelangt sind! -«L-v-kSe-—- Die heißen Quellen Neuseelands. (Mit Bild.) Zu den wundersamsten Gegenden unseres Erdballs zählt jener Theil Neuseelands, welcher sich vom oberen Waikato nördlich bis zur Plentybai erstreckt. Warme Seen, heiße Sprudel, siedende Quellen und dampfende Erdspalten, das sind die Ueberraschungen, die Neuseelands Seenland (IHre-äisIriol) dem staunenden ") Man unterscheidet im Aufbau der Erdkruste unter Beachtung der Gesteinszusammensetzung, der Lagerungsweise und der eingeschlossenen Versteinerungen folgende Schichten: s a) die azoische oder archäische Formation — älteste, noch Versteinerungsleere Schicht, l .b) die paläozoische Formation — Reste einer eine von der jetzigen vollständig verschiedene Thier- und Pflanzenwelt einschließenden Schicht, «)) die mesozoische Formation — der heutigen Formation sich nähernde und k^ ä) die känozoische Formation — in die jüngste Formation übergehende Schicht. .<) Miocän — Stufe der Terttärformation, in welche die känozoische Formation gehört. °) Eruptiv — von einem vulkanischen Ausbruch herrührend 655 Gaste vorführt. Ein unheimliches Gefühl überkommt den Fremdling, wenn ihn der ortskundige Führer zwischen den brodelnden, qualmenden Tümpeln hindurchfühlt, wenn er die wüthende Gluth, welche tief unter ihm frißt, durch die Lavaschichte hindurch fühlt, wenn ihm im buchstäblichen Sinne der Boden unter den Füßen brennt. Und wenn es dann urplötzlich aufwallt in einer der gährenden Pfützen, und er nur durch schleunige Flucht sich vor dem siedenden Schlammguß retten kann, dann glaubt er wohl, daß höllischer Brand da unten tobt, und daß fürchterliche Gewalten sich in der Tiefe bereit halten, in gräßlichem Ausbruch alles zu vernichten und zu verderben. Neben diesen schauerlichen Wundern bietet aber dieses Seeland auch die Reize erhabener Ruhe und sanfter Milde. — Man hatte die vulkanischen Kräfte, die Neuseeland durchpulsen, schon im Ersterben geglaubt, man hatte angefangen, sich der dämonischen Schönheit dieses Wunderlandes ohne Furcht zu freuen, und namentlich der Roto-mahana (der warme See) war es gewesen, dessen unvergleichliche Reize Bewunderer aus allen Weltgegenden herangezogen. Kleine Sprudel hatten hier im Laufe derZeitenWunder- werke geschaffen, wie sie sonst nirgends auf Erden bestanden. Unausgesetzt sprang das dunkelgrüne siedende Wasser aus den Kalksalze und Kieselsäure führenden Geysern') Unaufhörlich floß es an den sanft abfallenden Hügelwänden nieder, und Tröpfchen für Tröpfchen, Stäbchen für Stäbchen setzte sich aus den Niederschlügen des Wassers ab, und daraus wuchsen herrliche Sinterterrassen 2 ) auf. Wie ein riesiges Bauwerk von Künstlerhand SA rosafarbene Sinterterrasse gewiß die schönste. Vom frischen Grün der Hügel umrahmt, mit einem zarten Schimmer vom duftigsten Hellrosa übergössen, machte dieses entzückende Bauwerk einen überwältigenden Eindruck. Und neben seiner einzigartigen Schönheit spendete dieser Bau noch alle Annehmlichkeiten eines wohleingerichteten Bades. Da waren kleine Wannen für Etnzelbäder und große Becken für „Schwimmer", alle von der Mutter Natur eigenhändig erbaut, gespeist und geheizt vom Siedgrad bis zum lauen Bade. Der warme See selbst war ein Wunder für sich, seine Wasser waren nicht gleichmäßig warm, sondern zeigten Temperaturunterschiede, die zwischen 15 und 40° schwankten. Da kam der 10. Juni des Jahres 1886. Drohende Zeichen: Erdstöße, unterirdisches Grollen, rasende Stürme waren vorangegangen; früh morgens um 2 Uhr erfolgte ein fürchterlicher Ausbruch des Tarawera, eines Berges, der seit unvordenklichen Zeiten keine Spur vulkanischen Lebens gezeigt und längst für erloschen gegolten hatte. In wenigen Stunden waren die Wunderwerke jahrtausendelangen Schaffens vernichtet, die Terrassen verschwunden, und an Stelle des See's dehnte sich eineschlammtge Fläche aus, bedeckt mit unzähligen Kratern, dampfenden Quellen und rauchenden Erdspalten. Wie auf dieser Fläche dampft es noch an vielen Stellen des Imlre- äistrivt unaufhörlich aus dem Boden. Unser Bild führt uns an die bekannten heißen Quellen von Ohinemutu. Dieses Städtchen liegt an den hügelumsäumten Ufern des Roto-rua (Lochsee). Still und schweigsam breiten sich die herrlich blauen Wasser des etwa bis in die feinsten, zier- Da» Dachfensicrchen. Nachdem Gemälde von I. G. Meyer von Bremen. 9 Kilometer umfassen- lichsten Einzelheiten sorgfältig ausgearbeitet, hingen diese stufenförmig absteigenden Becken am Hügelhang. Siedendheiß sprang oben der Wasserstrahl aus dem Boden; von Becken zu Becken niederfließend, kühlten sich die Wasser allmälig und ergossen sich unten angelangt mit einer Wärme von etwa 20° 0.°) in den Roto-mahana. Von den Terrassen, welche sich auf diese Art am Roto-mahana gebildet, war die ') Geyser — heiße Springquellen. °) Sin erterrassen — Treppenstufen aus den Nicderschlägen des Wassers. °) 20° 6. — Wärmegrade nach der von dem schwedischen Astronomen Anders Celsius (6) geschaffenen Eintheilung des Thermometers (Wärmemessers) in 100 Theile oder Grade zwischen Gefrier- und Siedepunkt. denSee's vor uns aus. An seinem Gestade aber siedet und wallt es ohne Unterlaß, und dichte Dampfwolken erfüllen die Luft. Die Eingeborenen, Maoris/) haben dicht bei den kochenden Quellen ihre Hütten aufgeschlagen; ein schönes, mit phantastischen Schnitzereien bedecktes Berathungshaus ist der einzige Schmuck dieses Dorfes. Die Maoris sind wahre Künstler in Schnitzarbeiten, und ihre Kunstwerke haben dem Geschmacke der fremdländischen Besucher so sehr entsprochen, daß die Eingeborenen sich veranlaßt sahen, die eigenartigen Zieraten von Wänden und Dächern zu reißen, um dafür die klingende Münze, welche die Bewunderer in überreicher Menge dafür boten, einzusacken. Dem Aus- °) Maori — Eingeborener von Neuseeland. 656 sehen des Dorfes ist dies allerdings nicht zu gute gekommen, die Sammelwuth und Habgier haben es in einen Zustand des Verfalles gebracht, der von der Pracht des allein unangetasteten Berathungshauses grell und traurig absticht. Sie haben es bequem, diese Herren Maoris, die Natur hat ihren Haushalt in gütigster Weise vereinfacht. Da hocken sie an ihren Wassertümpeln und kochen sich in den heißen Quellen ihre Lebensmittel ab. Dort baden sie ihre Leiber in den warmen Wasserlöchern und waschen ohne weitere Beschwer ihr bißchen Wäsche in den geeigneten Naturkesseln. Ja sogar Dampfbäder haben sie sich ausgesucht und zugerichtet, und ein von der Mutter Erde selbst geheiztes Wärmehaus bietet ihnen eine wohlige Zufluchtstätte in kälteren Tagen. Wer sie aber um diese Vortheile beneiden möchte, der vergesse nicht, daß die Quelle dieser Annehmlichkeiten von einem unterirdischen Feuerherde ausgeht, der über kurz oder lang einmal herbe Buße für die geleisteten Dienste heischen kann. -—-«ÄS!*— - Allerlei. Kann schonsein. Tochter: „Ach, Du siehst wieder 'mal zu schwarz, Mama — Carl Schmidt ist ein entzückender Mensch!" — Mama: „Das bestreit'ich ja gar nicht, liebes Kind; aber er ist Agent für ein Bicycle- Geschäft, und paff' 'mal auf: sobald er Dir ein Rad verkauft hat, läßt er sich nicht mehr bet uns sehen." Grobe Höflichkeit. Junger Dichter fvoll Begeisterung einem Redacteur sein erstes Epos vorlesendj: „Verzeihen Sie nur, wenn ich die einzelnen Blätter meines Gedichtes auf den Fußboden fallen lasse—" — Redacteur fgemüthlichf: „Bitte, bitte, Sie können Sie ja nachher alle hier in den Papterkorb werfen." * Anzüglich. Dichter sM einem Kritiker, den er schon oft wegen Recensionen belästigt^: „In Bälde erscheint wieder ein neues Bündchen....." — Kritiker: „So — haben Sie glücklich wieder einmal Ihren — Pegastnus bestiegen?!" * Beim Wort genommen. Sommerfrischler seine junge Dame in der Hängematte schaukelnd^: „Ich und müde?! Wo denken Sie hin? So könnte ich Sie mein ganzes Leben schaukeln!" — Fräulein T sschnell^: „Bitte, sprechen Sie mit Mama!" * Immer Photograph. Lehmann: „Wie ich höre, hat Schulze mit seinem Haarwuchsmittel, das er uns so sehr anpries, nicht den gewünschten Erfolg." — Krüger ^begeisterter AmateurphotograpU: „Nee — er entwickelt jetzt die Platte." * So 'was kommt vor. „Merkwürdige Erscheinungen, die das Skatsptel hervorbringt!" — „Wieso?" — „Sehen Sie 'mal den Schneider Braun, der mauert fortwährend, und der Maurer Schwarz ist Schneider!" *> Gleich und gleich gesellt sich gern. „Kellner, alles was Sie mir vorgesetzt haben, ist ungenießbar, rufen Sie 'mal den Wirth." „Lassen Sie den nur weg, der ist auch ungenießbar." Nicht seefest. Kellner sän Bord eines Dawpfersj: „Mein Herr, darf ich Ihnen eine Seezunge anbieten?" — Passagier sseekrank^: „Nee, Seezunge! Mensch, bringen Sie 'ne Landzunge!" (Zu unserem Bild Seite 655.) Das Dachfensterchen. Der Mensch sieht gerne auf seine Mitmenschen herab, und wenn es auch nicht — was leider freilich oft genug der Fall ist — aus Hochmuth geschieht, so geschieht es doch mit Vorliebe von einem hohen Berge, einem weitschauenden Thurme oder wenigstens einem hochgelegenen Fenster aus, wie wir den drei Kleinen, die unser Bild zeigt, am Gesichte ablesen können. Der kleine Pausback in der Ecke, der mit dem Kinn kaum über das Gesimse reicht, schaut so stolz darein, als ob er die ganze Welt in die Schranken fordern wollte, während sein älterer Bruder die Sache mehr vom gemüthlichen Standpunkte aus betrachtet, da ihm hier oben seine Kameraden nichts anhaben können, mit denen er nicht immer auf gutem Fuße steht. Ohne derartige Gedanken schaut der beiden Schwesterchen zum Dachfenster hinaus, sie freut sich des schönen Ausblicks und winkt mit ihrem buntfarbigen Tuche den vorübergehenden Bekannten und Gespielinnen zu. -«88-S- Mtagsmenschen. Für nichts sich begeistern, Jede Regung bemeistern, Nur nach außen sich zierlich Und immer manierlich Mit Form überkleistern! In alles sich schicken! Mit spähenden Blicken Den Vortheil erlauern! Nach oben mit Schauern Von Ehrfurcht sich bücken, Um aufwärts zu klimmen — Nach untenhin drücken! JmStrome stets ichwimmen Mit lächelnden Mienen Froh allzeit geschienen, Ob Sorge die Seele Und Eifersucht quäle! Sich schmiegen und fügen, Nicht mucken, sich ducken, Wie'sHerz auch mag zucken !— Der Alltagsmensch zeigt sich so — Traurig und echt! O hole der Kuckuck Dies Schattengeschlecht! Schachaufgabe. Von B. Deutsch. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt Auflösung der algebraischen Gleichung in Nr. 84: Poseidon (Post, Ei, Don). M 8K. AreiLag, den 16. Oktober 1898. sküc die Redaction verantwortlich: Vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen JnüitutS von Haas L Gradherr in Augsburg (Dorbefitzcr vr. Max Huttler). Ein fehlendes Wort. Original-Novelle von C. Borges. (Fortsetzung ) IV. DaS fehlende Wort im Testament der Tante war eine Quelle bitterer Enttäuschung für Mathilde Neumann, die sich ihrem Ziele so sicher und so nahe geglaubt hatte. Ihre schönen, lang gehegten Träume von Glück und Reichthum waren so schnell wie eine glänzende Seifenblase vergangen und nichts davon übrig geblieben, als das bittere Gefühl unbefriedigter Habgier. Ganz wie ihre Mutter in früheren Jahren cS gethan, machte Mathilde durch ihre Launen und Herzlosigkeit das Leben im elterlichen Hause sich und den klebrigen zu einer unerträglichen Last. Sie dachte nur an ihr liebes Ich und erging sich in den unziemlichsten Ausdrücken über die Verstorbene, von der sie nach ihren Aussagen betrogen und hintergangen war. Der Verlust des Briefes hatte sie anfänglich heftig erschreckt. Sie hoffte nur, ihn auf der Straße verloren zu haben — dann war aber am selbigen Abend das Feuer in der Villa auSgebrochcn, der entsetzliche Tod der Tante, das fehlende Wort im Testament, dieses waren sich auf einander folgende Ereignisse, die das Vermissen' des Briefes schnell vergessen machten. Aber Mathilde Neumanu grollte der unglücklichen Tante noch über das Grab hinaus. Warum hatte sie so lange gewartet, daS fehlende Wort zu ersetzen, bis es zu spät war! Sie hätte gern die Verpflichtungen erfüllt, die mit der Erbschaft verknüpft waren, denn wenn sich ein besseres Gefühl in ihrem Herzen regte, so war es nur für den Lieutenant Römer, der es verstanden hatte, ihrer Eitelkeit zu schmeicheln. — Er war jung, schön, von seinem märchenhaften Reichthum erzählte man Wunderdinge; sie ahnte gar nicht, daß fein äußerer Glanz bald wie ein Kartenhaus zusammenstürzen mußte, und daß er in Wirklichkeit ebenso arm war, wie sie selbst. Würde er ihr jetzt die Hand bieten oder der Cousine Aufmerksamkeit erweisen und sich erst nach Beendigung des kaum begonnenen Prozesses entscheiden? Das waren Fragen, die daS hochmüthige, junge Ding gern beantwortet hätte. Wenn er sie wirklich liebte — und sie zweifelte gar nicht daran — so durfte er nicht warten, bis sie als rechtmäßige Erbin anerkannt war, denn was lag an dem Gelde? Diese Gedanken folterten Mathilde Neumann be» ständig. Da sah sie zufällig die Cousine in Begleitung des jungen Professors Wieser und beschloß, diese Entdeckung zu ihrem Vortheil auszubeuten. Die Liebesgeschichte dieser Beiden war ihr hinlänglich bekannt; die Eltern hatten häufig genug darüber gesprochen und das Verhältniß scharf verurtheilt. „Also immer noch", murmelte sie halblaut, als sie mit den Augen das Paar verfolgte. „Das muß Lieutenant von Römer erfahren, denn wenn er jetzt noch zwischen mir und meiner Cousine unschlüssig ist, so muß dieser Vorfall zu meinen Gunsten entscheiden. Sobald er zu uns kommt, will ich ihm erzählen, wie sehr sich die Beiden lieben." Sie hielt Wort. Mit vielen Ausschmückungen erzählte sie die gemachte Entdeckung, und Tante Lina durfte diese Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen lassen, der Majorin in ihrer herzlosen, verletzenden Weise die gröbsten Uebertreibungen von heimlichen Zusammenkünften ihrer Tochter zu berichten. Der leicht erregbare Major gerieth außer sich vor Zorn. „Du mußt selbst zu Frau Wieser gehen", gebot er seiner Gattin, „und darauf bestehen, daß ihr Sohn jeden Umgang mit unserer Tochter aufgibt." Er hatte schon zu oft seiner Tochter mit Enterbung gedroht, diese aber darauf bestanden, übernommene Pflichten bei ihrer gelähmten mütterlichen Freundin weiter zu erfüllen, besonders da sie im väterlichen Hause weder Freude noch Verständniß für ihre Gefühle finde. ES war doch immerhin noch eine Möglichkeit vorhanden, daß der Prozeß zu Gunsten der Tochter ausfiel, und dann wollte der Major schon Mittel und Wege finden, eine Verbindung mit dem Lieutenant von Nömer zu Stande zu bringen. Mit klopfendem Herzen erfüllte die Majorin den Befehl ihres Gatten. In lauten, drohenden Worten redete sie auf die arme Frau Wieser ein, gab ihr die Versicherung, daß ihre Tochter zweifellos schon bald die Erbschaft der Tante antreten werde, und beschuldigte den Professor, sich des Vermögens bemächtigen zu wollen. Diesen ungerechten Anschuldigungen gegenüber hielt Frau Wieser eine Rechtfertigung unter ihrer Würde. Sie bat nur die erregte Frau, ihre Stimme ein wenig zu mäßigen, da sie eine neue Hausbewohnerin habe, dir nachgedrungen jedes Wort hören müsse, da die Scheidewand eine sehr dünne sei. Mit dem demüthigenden Gefühl, eine neue Niederlage erlitten zu haben, trat die Majorin ihren Heimweg an. „Wenn sie wirklich das Erbe erhält, werden doch Manche Leute Dich für einen Glücksritter halten, Rudolf", sagte Frau Wteser, als sie später ihrem Sohne das Er- lebniß des Tages mittheilte. „Sie wird keinen Pfennig erhalten, da das fehlende Wort nie ersetzt werden kann", behauptete der Sohn, „aber horch» sind das nicht Fräulein Winter's leise Schritte dicht an der Thür", fuhr er tm Flüsterton fort. „Ja, lass' uns leise sprechen, eS ist ein höchst unbequemes Gefühl, immer belauscht zu werden. Nun, rathe aber, welche Ueberraschung ich heute hatte! Ueber den Besuch der Majorin hätte ich fast heute diese Neuigkeit vergessen." „Ich bin nicht geschickt im Näthselrathen. Es scheint ja heute ein ereignißvoller Tag zu sein." „Eine große, große Kiste ist angekommen!" „Eine Kiste? Wer hat sie gesandt?" „DaS weiß ich nicht. Sie wurde hier abgegeben; ver Name und die Adresse standen ganz deutlich darauf geschrieben. Sie enthielt gegen dreißig Flaschen alten, schweren Wein, einen Schinken, Würste, einige fette, geschlachtete Hühner, Weintrauben, Südfrüchte, einen großen Kuchen und noch verschiedene andere Sachen. „Wir haben aber gar keine Freunde oder Bekannte in der Stadt, die uns derartige Sachen schicken könnten", warf der Sohn ein. „Diese Kiste war zweifellos für einen Empfänger bestimmt, dessen Name mit dem unsrigen gleichlautend ist." „Wir haben gewiß einen unbekannten Wohlthäter", entgegncte lächelnd die Mutter. „Ich werde wenigstens wagen, die herrlichen Sachen zu verspeisen. Die Hühner sollen morgen gebraten werden, und dann will ich Fräulein Winter bitten, hier bei uns zu speisen. Die arme Dame sitzt ohnehin immer allein in ihrem Zimmer, denn außer Frau Wendtland und den kleinen Willy erhält sie nie Besuche." „Ja, lade sie ein, Mutter. Aber wir werden in eine fatale Lage kommen, wenn sich der Eigenthümer der Kiste meldet und die Herrlichkeiten fast verzehrt sind." „Die Adresse war ganz richtig", betheuerte die Mutter, „aber ich möchte doch wissen, wem wir zu Dank verpflichtet sind. Es machte mir eine große Freude zuzusehen, wie das Mädchen auspackte. Hoffentlich kommt Fräulein Winter morgen zu uns; ich bedaure wirklich, daß sie vorzieht, ihre Mahlzeiten allein in ihrem Zimmer einzunehmen." Fräulein Winter nahm die Einladung gern an und erschien zum ersten Male am folgenden Tage im Wohnzimmer der gelähmten Dame. Eine schöne Photographie in einem Stehrahmen auf einem kleinen Seitentischchen erregte sofort ihre Aufmerksamkeit. Sie trat hinzu und betrachtete das Bild aufmerksam. „Darf ich nach dem Namen des Originals fragen?" begann sie mit seltsam bebender Stimme. „DaS Bild stellt meinen Bruder Erich Waldhausen vor", versetzte Frau Wieser in ihrer gewohnten, liebenswürdigen Weise. „Er ist Ingenieur, führt aber schon seit einer langen Reihe von Jahren ein ruheloses Wanderleben. Wir haben längst die Hoffnung aufgegeben, daß er nach Deutschland zurückkehrt, denn wir haben seit Jahren vergebens darum gebeten, aber er scheint gar keine Lust daran zu haben. Vor wenigen Wochen bekamen wir nach langer Zeit wieder einen Brief von ihm." „Erich Waldhausen — Ihr Bruder?" kam es von den zuckenden Lippen der Dame, die noch immer keinen Blick von dem Bilde abwandte. „Lebt er noch?" Frau Wieser blickte sichtlich überrascht die fremde Dame an. „O, gewiß lebt er noch! Warum sollte er auch nicht, er ist doch immer noch ein rüstiger Mann inmitten der Fünfziger. Wir wünschen so sehr, ihn wiederzusehen, aber, wie schon gesagt, er denkt gar nicht daran." „Zieht er das Leben im Auslande vor?" fragte Fräulein Winter gespannt. „Hm — ja — der arme Mensch hat in seiner Jugend eine herbe Erfahrung gemacht, die sein ganzes Leben verbitterte", erklärte Frau Wieser. „Der Grund seines ruhelosen Wander- und Junggesellenlebcns liegt in bitteren Enttäuschungen, die Wunden seinem Herzen geschlagen, die aber noch keine sanfte Hand zu verbinden oder zu heilen verstand." Fräulein Winter wandte ihr Antlitz ab, sie war leichenblaß geworden, dann stellte sie mit zitternden Händen das Bild wieder auf den Platz zurück. „Ist ihr Bruder seit jener Zeit niemals nach seinem Vatcrlande zurückgekehrt?" fragte sie leise. „Nein. Nach jenen traurigen Ereignissen schiffte er sich nach Amerika ein. Das Schiff scheiterte, und das Gerücht von seinem Tode verbreitete sich schnell. Aber schon nach wenigen Wochen widersprach Erich selbst diesem Gerücht; er war voneinem Schiff aufgenommen worden, das ebenfalls seinen Kurs nach Amerika nahm. Dort hat er wohl Reichthum erworben, aber nie Heilung für seine Wunden gefunden. Eine Dame hat aus unbegründetem Verdacht sein ganzes Lebrnsglück zerstört, aber solche Sünden werden gewöhnlich an den Urhebern am schwersten gestraft." DaS Eintreten des Professors und die Meldung der Küchenfee, daß das Essen servirt sei, machte der Unterhaltung ein schnelles Ende. Die Speisen waren vorzüglich zubereitet; die Hühner waren zart und weich und mundeten vortrefflich, aber dennoch berührte Fräulein Winter dieselben kaum, zum größten Leidwesen der freundlichen Wirthin. Selbst als zum Nachtisch Weintrauben und Konfekt aufgetragen wurden, nahm sie nur wenige Beeren, und unter dem Vorwande heftiger Kopfschmerzen zog sie sich bald in ihr eigenes Zimmer zurück. „Fräulein Winter scheint viel Noth und Elend deS Lebens durchgemacht zu haben", flüsterte der Professor seiner Mutter zu, „aber ihr Gesicht gefällt mir; ich muß sie auch schon im Leben gesehen haben, nur kann ich mich nicht entsinnen, wo und wann. Aber jetzt darf ich hier nicht länger bleiben, Mutter, ich habe noch Privatunterricht zu ertheilen. Wer weiß, ob nicht heute der rechtmäßige Eigenthümer der Kiste sich einstellt und seine Hühner verlangt, die wir verspeist haben", scherzte er, das Zimmer verlassend.- Aber es kam Niemand, und Frau Wteser sann noch immer nach dem Absender der Kiste. DaS launenhafte Glück schien doch endlich einen Anfang machen zu wollen, aus seinem großen Füllhorn Gaben auf Mathilde Neumann's Haupt ausschütten zu wollen. Ein Onkel, von dessen Existenz sie kaum eine Ahnung gehabt oder dieselbe längst vergessen hatte, war ge» starben und vermachte ihr ein Legat von sechstausend Mark. Zwar nur ein Tropfen im Vergleich zu der Erbschaft der Tante, die sie mit Bestimmtheit erhoffte, aber die Eltern, ganz besonders die Mutter, ließen es nicht an Hindeutungen fehlen, daß in kurzer Zeit der Prozeß zu Gunsten der Lieblingsnichte ausfallen müsse. DaS Gerücht der Erbschaft verbreitete sich mit Windeseile; die tausendzüngige Fama fügte nur eine Null und später noch eine andere hinzu. Tante Lina lächelte geheimnißvoll, aber sie widersprach nicht. Die junge Erbin wurde von allen Seiten umringt, man wünschte ihr Glück, heimlich aber lächelte man mitleidig, denn die Größe der angegebenen Erbschaft wurde von vielen in Frage gezogen. Auch Lieutenant von Nömer hörte von diesem plötzlichen Glückswechsel, und er überlegte. Mit sechshundert Tausend Mark wurde Mathilde Neumann immerhin eine begehrenswerthe Partie, selbst wenn die verlockende Million der Tante nicht in dem Hintergrund gestanden hätte. Er bedurfte des Geldes und wollte nicht zögern, bis es zu spät war und ein Anderer den Goldfisch weggeangelt hatte. Tante Lina merkte seine Absicht und spielte ihm vortrefflich in die Hände. Sie ließ es nicht an kleinen Winken fehlen, daß diese Erbschaft nur der Anfang sei, größere würden schon folgen. Sie arrangirte eine kleine Festlichkeit, freilich nur entrs nous, da ja die Trauerzeit um die gute Tante noch nicht abgelaufen war und die „gefühlvolle" Tante Lina sich zu einer größeren Festlichkeit nicht entschließen konnte. Doch der Lieutenant wurde hingezogen. Er durfte zwar nicht ahnen, daß gern eine große Festlichkeit veranstaltet worden wäre, wenn nur die Mittel gereicht Hütten, auch konnte in einem kleineren Kreise der Zweck besser erfüllt werden. Tante Lina hatte sich nicht geirrt. In einer Fensternische entdeckte sie die beiden Liebenden und erlauschte noch einige leise geflüsterte Liebesworte, die ihr stolzes Herz mit triumphierender Freude erfüllten. Mathilde hatte unmuthig ihre Augenlider gesenkt, ihr Köpfchen ruhte leicht gegen die starke Schulter des jungen Lieutenants, und die rosigen Lippen flüsterten: „Liebst Du mich denn auch wirklich?" Er küßte ihr die Worte von den Lippen. „Du bist das beste Mädchen der Welt, und ich weiß, daß wir zusammen recht glücklich leben werden", entgegnete er mit nie gekannter Freude. „Was wird Dein Vater sagen? Wird er einwilligen und unserem Bunde seinen Segen geben?" „Er sehnt sich nach dem Augenblick, sein Töchter- chen in seine Arme zu schließen. Wir müssen bald Hochzeit feiern, meine Kleine; eine lange Verlobungszeit taugt nichts." „Schon so bald? Wie ungeduldig Du bist", versetzte sie mit lieblichem Erröthen, „aber ganz wie Du willst, soll es geschehen." „Je kürzer die Verlobungszeit, desto geringer ist die Gefahr der Entdeckung der ganz geringen Erbschaft", dachte die lauschende Mutter in ihrem Versteck und nickte befriedigt. In aller Eile wurden die erforderlichen Vorkehrungen zur Hochzeit getroffen, die trotz der Trauerzeit mit großartigem Pomp gefeiert werden sollte. Die altadelige Familie von Nömer stand ja in dem Ruf eines fabelhaften Reichthums, was lag also daran, daß der Lieutenant hinsichtlich der Mitgift seiner Braut getäuscht wurde? Schon nach wenigen Wochen ward die feierliche Handlung vollzogen und Mathllde Neumann mit Lieutenant von Römer zum treuen Bunde fürs Leben vereint. „O Mathilde", flüsterte die Mutter ihrem 4inde zu, als das junge Paar den Wagen bestieg, um die Hochzeitsreise anzutreten, „ich hoffe, er wird Dir ein guter Gatte sein, wenn er erfährt, daß Du so gut wie arm bist." „Er wird's nie erfahren; er ist ja selbst reich genug", erwiderte mit glücklichem Lächeln auf den Lippen die herzlose junge Frau. V. Wochen waren vergangen. In einem der größten Hotels in PariS saß Lieutenant von Römer mit seiner jungen Gattin am Frühstücksttsch. Frau Neumann hatte nicht unterlassen, ihrem Kinde den Nest deS ererbten Vermögens von kaum dreitausend Mark nachzusenden, da die andere Hälfte für die Hochzeitsfeierlichkeit hingegeben war. Der Lieutenant pflegte noble Passionen, und im Getriebe der Weltstadt mit Theater, Konzerten und rauschenden Vergnügungen war daS Geld nur allzu schnell verflogen. Auch hatte die junge Frau in den großartigen Magazinen so vielerlei unnütze Kleinigkeiten gesehen, die aber alle sehr viel Geld kosteten und, wie sie meinte, für den neuen Hausstand ganz unentbehrlich waren, daß sie stets mit leerer Börse in ihr Hotel zurückkehrte. „Benno, willst Du mir etwas Geld geben?" sagte sie deshalb leichthin, als sie ihm am Speisettsch gegenüber saß. Er wischte sich verlegen mit der Serviette den Schnurr- bart, strich mit der Hand über das Antlitz, um den gelangweilten Zug daraus zu verbannen, und versetzte stockend: „Ja — die Sache ist — ich habe augenblicklich selbst kein Geld. — Wir führen hier ein theureS, verschwenderisches Leben und berechnen gar nicht die täglichen Ausgaben. Ich wollte Dich schon um Geld bitten, muß aber jetzt schon warten, bis wir wieder in unserer Hcimath sind." Die junge Frau öffnete weit ihre Augen und sah ihn ungläubig an. „Du willst wich um Geld bitten?" wiederholte sie kopfschüttelnd. „DaS kann Dein Ernst nicht sein, Benno, da Du doch fabelhaft reich bist." Der junge Gatte wechselte schnell die Farbe. „Die Ansichten über Reichthum gehen sehr weit auseinander", entgegnete er, nervös mit seiner Serviette spielend, „aber die Wahrheit muß doch gesagt werden. Schon seit Jahren haben unglückliche Spekulationen unseren Reichthum untergraben, und wie die Sachen jetzt stehen, werden wir vorläufig von Deinem, nicht von meinem Gelde leben müssen." „Was bedeuten Deine Worte? Willst Du mir sagen, daß Du arm bist?" fragte die junge Frau erbleichend. „So ist es. Ich kann nur hoffen, daß sich das Glücksrad bald wendet und es besser mit meiner Lage wird." „Aber Deine Güter?" wandte die junge Gattin ein. „Du meinst die Güter meines Vaters? — Ihm gehört kein Fußbreit Land, kein Ziegel auf dem Dache, so sehr ist er verschuldet." Mathilde brach in Thränen aus. „Du hast mich 660 schändlich betrogen", schluchzte sie, „Du ließest mich glauben, ein reicher, wohlhabender Mann zu sein." Der junge Offizier stand auf und schritt unwillig dem Fenster zu. „Ich glaube nicht, daß ich vor unserer Hochzeit jemals eine Anspielung auf meinen Reichthum gemacht habe", versetzte er düster. „Bin ich etwa zu tadeln, wenn Du Dir eine falsche Vorstellung gemacht hast? Ich dachte aber, Du hättest mich ein wenig geliebt. — Hast Du denn nur an mein Vermögen gedacht?" „Du hast mich absichtlich betrogen", beharrte sie, mühsam ihre Thränen bekämpfend. „Jetzt weiß ich aber, weßhalb Du die Hochzeit beschleunigt hast; Du hast befürchtet, Deine finanziellen Verhältnisse würden klar gelegt werden." Er trat dicht zu ihr und legte besänftigend seine Hand auf ihre Schulter. „Sei vernünftig, Mathilde", bat er leise, „eS ist jetzt zu spät, mir Vorwürfe zu machen. Wenn wir uns nur gegenseitig lieben, so kann nichts unser« Glücke fehlen." Sie trocknete schnell ihre Thränen und blickte zornig den jungen Ehegatten an. „Lieben?" höhnte sie. „Können denn Leute allein von der Liebe leben? Kann denn Liebe unsere Hotelrechnungen, unsere Reisen und unsern Haushalt bezahlen? Wie sollen wir unsere gesellschaftliche Stellung aufrecht erhalten. Ich hätte Dich doch für klüger gehalten, Benno, als mit dieser verbrauchten Phrase von Liebe mich hinhalten zu wollen." „Aber Liebe vereint mit Reichthum kann unS die Welt zu einem Paradiese verwandeln", sagte er mit ruhigem Ernst. „Wahrlich, Mathilde, Du wirst mir doch nicht einige Brocken von dem Ueberfluß Deines Reichthums wehren, wenigstens so lange, bis mein Gehalt steigt?" In den Augen der jungen Frau blitzte eS freudig auf; plötzlich kam ihr der Gedanke, daß sie durch ihre eigene finanzielle Lage ihrem Gatten nicht allein mit gleicher Münze, sondern mit Zinsen heimzahlen konnte. „Du sprichst von meinem Reichthum? Hast Du Dich durch meinen Reichthum bestimmen lassen, mir Herz und Hand anzubieten?" fragte sie langsam. „Da hast Du Dich doch arg verrechnet, Benno. Sechstausend Mark war doch wahrlich eine geringe Summe, um die Hochzeitsfeierlicbkeiten und unsern jetzigen Aufenthalt zu bestreiten." „Was?" rief der Gatte entrüstet, „Du sprichst doch nicht von Deinem Vermögen?" „Ganz gewiß", entgegnete sie gelassen. „Mein Onkel vermachte mir sechstausend Mark, nicht mehr und uicht weniger. Diese Summe «achte meinen unerschöpflichen Reichthum aus, auf den Du so zuversichtlich gerechnet hast, und jetzt ist die Summe dahin." „Ich ließ Dich in Ungewißheit über meine Ver- mögensoerhältnisse, und das war ein Unrecht, aber Deine Schuld ist noch viel größer", versetzte er unwillig. „Guter Gott! Wenn ich bedenke, welch' ein Gerede Deine Familie von dieser jämmerlichen Kleinigkeit machte, da konnte ich doch nicht anders glauben, als Du habest mindestens eine halbe Million geerbt! Sechstausend Mark, e§ ist ja rein lächerlich!" «Ich dachte. Du hättest mich ein wenig geliebt, hast Du denn nur an mein Vermögen gedacht?" Er preßte fest die Lippen aufeinander, als sie ihm feine eigenen Worte zurückgab, doch seine natürliche Gut- viüthigkeit gewann bald die Oberhand. „ES scheint, wir haben uns Beide über unsere Verhältnisse iw Irrthum befunden", lenkte er deshalb begütigend ein, „und wir müssen die Folgen so gut wie möglich tragen. Wir dürfen uns gegenseitig keine Vorwürfe machen; diese würden nur unsere Lage verschlimmern. Das Beste ist, wir reisen so schnell wie möglich ab, sonst sind wir nicht «ehr im Stande unsere Rückreise zu bezahlen." „Was werden unsere Bekannten zu dieser Entdeckung sagen", schluchzte die junge Frau. „Ich erzählte überall, wir würden uns eine prächtige Villa kaufen und ein großes Haus wachen! Ich wollte lieber todt sein!" Benno sah, daß er seine Gattin nicht trösten konnte, deshalb nahm er seinen Hut und verließ daS Hotel. Am folgenden Tage traten sie wieder die Reise in die Heimath an; die schönen Flitterwochen hatten ein schnelles, trauriges Ende genommen. Mit Thränen in den Augen erzählte Mathilde ihren Eltern von den zerrütteten Vermögensverhältntssen deS Gatten. Tante Linas Zorn kannte keine Grenzen, sie hoffte nur, daß der alte Herr von Römer noch gute Freunde finden würde, die in der augenblicklichen Noth eine rettende Hand bieten würden. „Sage unsern Verwandten nichts davon; die Majorin und Mathilde dürfen nie erfahren, wie schlecht es mir ergangen ist", flehte die Tochter, als sie das Elternhaus verließ. Aber die Frau des Majors von Schalldorf war zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt, um sich um andere zu kümmern. An jenem verhängntßvollen Abend, als das Feuer in der Villa ausgebrochen war, hatten drei Personen, deren eine ein Polizist, gegen nenn Uhr Abends einen Mann das Haus verlassen sehen. Nack> diesem Manne wurden eifrig Nachforschungen gehalten, und plötzlich verbreitete sich die Nachricht, Ernst von Schalldorf sei erkannt, er habe sich an jenem Abend im Hause der Tante aufgehalten. Wer daS Gerücht ausgebreitet hatte, wußte man nicht, aber dir Spatzen zwitscherten bereits das Geheimniß auf den Dächern, und der junge Mann konnte uicht «ehr das Haus seines Vaters verlassen, ohne von mißtrauischen Blicken verfolgt zu werden. War er der Mörder seiner Tante, und hatte er nach dem Verbrechen das HauS in Brand gesteckt, um die Spur zu verwischen? Dieser furchtbare Argwohn hing wie eine gewitterschwüle Wolke über dem Haupte des Jünglings und lastete centnerschwer über seinem ganzen Hause. Angesichts dieser neuen, schweren Sorge vergaß der Major seine verhältnißwäßig geringeren und bemerkte es kaum noch, daß seine älteste Tochter die täglichen Besuche im Hause ihrer mütterlichen Freundin, Frau Wteser, fortsetzte. Bei jedem Ton der Hausglocke gericth der alte Herr in fieberhafte Aufregung; er fürchtete das Eintreten der Polizeibeamten, die den Sohn verhaften und für immer seinen Namen mit Schande bedecken würden. Ernst selbst ging mit verstörtem Antlitz und niedergeschlagenen Augen einher; er wagte kaum seinem Vater zu begegnen, noch weniger das HauS zu verlassen, das, wie er wohl wußte, von Geheimpolizisten scharf bewacht wurde. Leider trafen auch viele Umstände zusammen, die zu Ungunsten des jungen Mannes sprachen und den Verdacht gegen ihn bestärkten. Nicht allein, daß er an jenem vcrhängnißvollen Abend das Haus seiner Tante betreten hatte und er» kannt worden war, er hatte auch seine Schulden bezahlt und verfügte immer noch über eine gefüllte Börse, ohne sich genügend über den Besitz des Geldes rechtfertigen zu können. Endlich konnte der alte Vater den quälenden Argwohn nicht länger ertragen, er ließ den Sohn zu sich kommen und herrschte ihn in strengem Tone an: „WaS hast Du im Hause Deiner Tante gemacht? So viel ich weiß, hatte sie Dir ein für alle Mal Deine Besuche verboten!" „Ich weiß es", gestand der Sohn, und Leicheu- blässe bedeckte sein sorgenvolles Antlitz, „aber es ging mir zu schlecht, und ich befand mich in großer Geldverlegenheit. Da wollte ich noch einmal meine Tante um Hilfe bitten. Ich wußte wohl, daß sie den Diener beauftragt hatte, mich nicht einzulassen, darum verbarg ich mich im Schatten des Hauses, um eine günstige Gelegenheit abzuwarten und ohne sein Wissen zu meiner Tante zu gelangen. DaS Glück schien mir günstig. Ich sah den Portier daS Haus verlassen, jedenfalls wollte er einen Brief, den er in der Hand hielt, zur nahen Post tragen, und zu meinen Gunsten ließ er die Hausthüre offen. Ungesehen betrat ich das Wohnzimmer der Tante, es war leer; ich klopfte an ihr Schlafzimmer, rief ihren Namen, erhielt aber keine Antwort. Da fiel mein Blick auf ihren Schreibtisch; fünfhundert Mark in Geldscheinen lagen offen da. Sie hatte mir früher oft die doppelte Summe gegeben, und ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, das Geld zu nehmen. Daß eS Unrecht war, wußte ich, aber ich war fest entschlossen, noch am selben Abend meiner Tante einen Brief zu schreiben, ihr meine That zu bekennen und sie um Verzeihung zu bitten. Schnell verließ ich das Haus, und ehe ich eine Ahnung von der furchtbaren Katastrophe hatte, war mein Brief fertig. Ich trage ihn seither in meiner Tasche, hier ist er — ein Beweis meiner Schuld. So, jetzt weißt Du alles, Vater!" „Du hast Dich eines Diebstahls schuldig gemacht," stöhnte der alte Herr, „und wenn daS bekannt wird, wer wird dann glauben, daß Du vor einem viel größeren Verbrechen zurückschreckst?" Der junge Mann schauderte. „Gott ist «etn Zeuge, daß ich weder an dem Brande noch an dem Tode meiner Tante schuldig bin", versetzte er heiser. „Ich schwöre Dir, daß ich nur daS Geld genommen, aber kein bitteres Gefühl gegen die Tante gehegt habe." „Du hast in letzter Zeit viel Geld ausgegeben, das hat zuerst Verdacht erregt", murmelte der Major. Er war fest überzeugt, daß der junge Mann ihm die Wahrheit gesagt hatte, schon der Brief in seiner Hand zeugte dafür, aber so lange die Ursache des Feuers nicht entdeckt war, blieb der Verdacht auf ihm haften. Auch im Hause des Professors Wieser wurde die traurige Angelegenheit ernstlich besprochen. Mathilde konnte dort über den Verdacht, der auf dem Bruder lastete, ihren Thränen freien Lauf lasten, unbekümmert um Fräulein Winter, deren leise Schritte man oft im Nebenzimmer hörte. Man war schon so sehr daran gewöhnt, daß die neue Hausbewohnerin jedes Wort verstand, und kümmerte sich daher wenig darum, ganz besonders, da die alte Dame fast nie das Haus verließ und man noch nie gehört hatte, daß sie irgend einen Gebrauch von den Gesprächen im Nebenzimmer machte. Da ertönte plötzlich ver schrille Ton der Hausglocke, daß Mathilde erbleichte und erschreckt den Arm des Geliebten umklammerte. Sie schwebte in beständiger Furcht nicht allein um den Bruder, sondern sie fürchtete auch ihren Vater, der offen sein Mißfallen über die täglichen Besuche seiner Tochter aussprach und schon oft gedroht hatte, sie selbst von dort fortzuholcn. Noch ein langer Augenblick, dann führte das Hausmädchen einen ältlichen Herrn in das trauliche Gemach. — Es war eine schöne, stattliche Erscheinung. Durch Bart und Haupthaar zogen sich zwar einzelne Silberfäden, aber sein Gang war leicht und elastisch, und seine Be« wegnngen waren von einer Frische, um die ihn mancher Jüngling hätte beneiden können. Die leuchtenden dunklen Augen sahen sich schnell in dem kleinen Kreise um, dann ging er mit ausgebreiteten Armen auf die gelähmte Dame zu und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. „Ja, Erich!" klang es jetzt laut von den Lippen der überraschten Frau. „Erich Waldhausen, Dein alter, treuer Bruder, den die Sehnsucht nach der Heimath endlich wieder aus fernen Landen trieb", versetzte er heiter. Es waren glückliche Stunden, die jetzt folgten. Der heimgekehrt Bruder wußte so viel von seinem ruhelosen Wanderleben zu erzählen, schilderte so anmuthig die Sitten und Erlebnisse im fremden Lande, daß die Zeit nur zu schnell verging. Mathilde vergaß ihre drückenden Sorgen, und Niemand dachte an das arme Fräulein Winter, daS leise weinend dicht an der Tapetenthür saß. (Schluß folgt.) - - Zwei Tsge aus dem Leben Pipin's des Kleinen. Von Slntonie Haupt. (Schluß.) 2. Pipin, der alle Vorzüge seiner Ahnen: Tapferkeit, Klugheit, Milde, Gerechtigkeit und Frömmigkeit, besaß, besten Haupt mit Ruhm gekrönt war —, war im Anfange des Jahres 752 in der Stadt Soissons durch die Wähl des ganzen FrankenrcicheS unter dem Zujauchzen deS Volkes zum König erhöben und von den ersten Bischöfen Galliens, vornehmlkch dem heiligen Bonifalius, gesalbt worden. Mit dem Könige war seine Gemahlin Bertrada gesalbt und nach alter Sitte auf Schild und Thron gehoben worden. Vorher hatte eine Frankenverfammlung durch Gesandte, worunter auch hohe geistliche Würdenträger sich befanden, öffentlich beim Papste Zacharias in Norn anfragen lassen: ob es besser wäre, daß derjenige König heiße und fei, der alle Macht in Händen habe und dem alle Reichsgeschäfte oblägen, als derjenige, welcher mit Unrecht König genannt werde. Und Zacharias hatte die Antwort gegeben: Es scheint nützlicher, daß derjenige König heiße und sei, der alle Sorgen deS HerrschcrthumS trägt, als jener, welcher unthätig bleibt und «it Unrecht König genannt wird. Mit dieser günstigen Botschaft waren die Gesandten heimgekehrt, und Piptn wurde König der Franken. Seitdem war ein Jahrzehnt verflossen. Stetes Sprossen, Wachsen und Gedeihen herrschte am Ufer der lieblichen Prüm. Neben dem von Bertrada gegründeten 662 Klösterlein erhob sich in Folge von Pipin's Freigebigkeit nun stolz ein mächtiges Abtcigebäude. Zu dem ungewöhnlich feierlichen Gottesdienste in der Klosterkirche strömte fortwährend das Volk aus der Eifel zusammen. Während früher nur wenige Häuser sich um daS Kloster geschnart, so mehrten sich nun die Ansiedelungen zusehends. Ja, Handel und Verkehr begannen sich im stillen Eifelthale zu entfalten. Das war dort ein reges, frisch-fröhliches Wetteifern aller menschlichen Kräfte. Und Gottes reicher Segen ruhte darauf. Im Anfange des Herbstmonats aber, als man schrieb 762, da regte es sich auf allen Höhen der Eifclgaue. Von allen Seiten strömten Völker herbei, in Schaaren geordnet, mit wehenden Fahnen. Alle stiegen hinab in daS gesegnete Thal der Prüm. Eine überraschende Freudenbotschaft war ja in die Eifel gedrungen: Der König naht! Der König, der eben einen siegreichen Feldzug nach Aquitanieu ausgeführt, naht im Triumphe! Ja, König Pipin kommt selber in Begleitung der Königin Bertrada, seiner Söhne Karl und Karlmann, vieler Großen des Reiches und vieler Bischöfe, um in seinem geliebten Prüm der Grundsteinlegung einer neuen, herrlichen Kirche zu Ehren deS ErlöserS beizuwohnen. Auch Dill er viele kostbare Reliquien, vor allem ein Stück der Sandalen des Heilandes, mitbringen. Der vornehme Bote, welcher die Nachricht verkündete, hatte zugleich eine von dem König, der Königin, ihren beiden Söhnen, zwölf Grafen und neun Bischöfen zu JrisgodroS unterzeichnete Stiftungs-Urkunde überbracht, wonach Pipin eine große Reihe reicher Schenkungen und Privilegien dem Kloster zuertheilte und die Abtei für reichsunmittelbar erklärte. Die Beweggründe zu dieser königlichen Stiftung hatte er am Anfange der Urkunde angegeben. Abt Assuerus zögerte nicht, den königlichen Brief den herbeigeströmten Gläubigen vorzulesen. Die Urkunde begann mit den Worten: „Weil die göttliche Fürsehung Uns auf den Thron erhoben und gesalbt hat, geziemt es sich, waS Uns gegeben ist, im Namen Gottes zu verwenden, damit Wir um so mehr Gottes Gnade und Wohlgefallen gewinnen mögen. Da Wir der Worte des Evangeliums gedeuken: „Wer den Willen «eines Vaters thut, der im Himmel ist, der wird eingehen in das Himmelreich", und ferner, da „die Könige von Gott ihre Herrschaft haben", und da er Uns in seiner Barmherzigkeit Völker und Reiche zu regieren übertragen hat, so haben Wir darauf Bedacht zu nehmen, daß Wir auch nachahmungswürdige Führer in Werken feien und die Armen nach der Liebe Christi zu regieren und zu erziehen nicht verabsäumen. Gott hat dem Gesetzgeber Moses eine Stiftshütte auszuschmücken befohlen; auch des König Salomo Tempel ist im Namen Gottes erbaut und ausgeschmückt worden. Und so wünschen denn auch Wir, Gott dem Herrn mit seiner Hilfe nach Vermögen hinzugeben, weil, wie der Apostel sagt, „wir nichts in diese Welt mitgebracht haben und unzweifelhaft auch nichts mit hinausnehmen werden", und dasjenige, was Wir mit opferwilligem Herzen von den vergänglichen Dingen dem Herrn geben, zum Heile Unserer Seele gereicht." Es folgten nun die Privilegien der Abtei und schließlich die Aufzühluna aller d'ir dem Kloster geschenkten Güter. DaS Volk hätte mit Freuden und Staunen zugehört. Vor allem erfüllte die Eifelbewohner der eine Gedanke mit Glück und Begeisterung: Der König kommt! Der siegreiche König kommt selber hierher! Er bringt uns Heiligthümer, er legt den Grundstein zu einem neuen, herrlichen Gotteshaus in Prüm! Der ersehnte Tag der KönigS-Ankunft ist gekommen. Welches Leben herrscht in dem sonst so stillen Eifelgebirge l Auf allen Höhen lodern Freudenfeuer empor. Von allen Höhen strömt noch daS Volk herab in Festkleidern, mit flatternden Fahnen in allen Farben. Die Glöcklein der Klosterkirche übertönen hell das Jubelrufen der Schaaren. Jetzt ertönen Trompeteuklänge — sie verkünden daS Nahen des KönigS. Die feierliche Musik erhebt die Herzen der Harrenden. Im Strahle der Morgensonne erglänzen die Rüstungen der voranreitenden Krieger. Wie das blitzt und schillert! Den Gewappneten folgt ein Neitertrupp, so überaus prächtig und reich gekleidet, wie man es im Eifellande nie gesehen hat. Das sind adelige Herren, Große des Reiches. „Wer sind die so einfach gekleideten hochragenden Jünglinge? Knabenhaft fast im Aeußern, und doch spricht eine Welt von Muth und Kühnheit aus ihren Zügen, just als ob sie schon Hrldenkraft bewiesen hätten." So fragt ein Eifelländer den fremden Kriegsmann an seiner Seite. „Das sind die Königssöhne Karl und Karlmann. Kein Wunder, daß sie so stattlich Hinreiten, haben sie doch i« Feldzuge gen Aquitanien Muth genug bewiesen ...!" Also gibt der Gefragte stolz und freudig zur Antwort. Seine Worte werden übertönt durch den brausenden Jubel des Volkes: „Heil, Heil dem Könige! Heil Pipin! Heil dem Sieger!" Auf feurigem, kaum zu zügelndem Araber zeigt sich inmitten seiner stattlichen Leibgarde der König. Er, der sonst der Einfachste ist, trägt heute dem Tage zu Ehren ein golddurchwirktes Kleid, umgürtet mit goldenem Schwerte, edelsteinbesetzte Schuhe, einen hermelinverbrämten Purpur- mantel, von goldener Spange gehalten, und um die königliche Stirne einen juwelenfunkelnden Goldreif. Seine männlich schönen Züge zeigen herzgewinnendes Wohlwollen. Er erwidert die Zurufe und das Jauchzen des Volkes mit freundlichem Blick und huldvollem Grüßen, so daß die Menge immer wieder auf's neue ihr „Heil Pipin!" mit aller Kraft erschallen läßt. Doch jäh verstummt das laute, jubelnde Zurufen; ehrfurchtsvolle Stille tritt ein. Der nachfolgende Ritter auf weißem Rosse trägt hoch die Purpurfahne mit dem Bilde des Erlösers. Ihm nach reiten würdevoll in bischöflicher Pracht neun Kirchenfesten: es sind die Bischöfe von Laon, Le Mans, Lattich, Noyon, Meaux, Würzburg, Köln und Speyer. In ihrer Mitte reitet der gelehrte Bischof Weomad von Trier. Vier Grafen auf schlohweißen Rossen halten einen goldstrahleuden Thronhimmel über sein Haupt. Bischof Weomad ist auserkoren, das Heiligthum zu tragen, welches Pipin für die Prümer Kirche bestimmt hat. Noch ist die Reliquie verhüllt in ihrem kostbaren Behältniß. Bischof Weomad hält einen kunstvoll gestickten Prachtschuh hoch empvr. Die Königin Bertrada selber hat den Prachtschuh, die Umhüllung des heiligen Kleinods, verfertigt. Alles Volk sinkt schweigend auf die Kniee, um den Segen der Bischöfe zu empfangen, sinkt auf die Kniee 663 vor dem verhüllten Zeugen des Erdenwallens unseres Heilandes. Und dann erheben sich alle und möchten rufen, jauchzen, jubeln: „Heil Bertrada l" Denn Königin Ber- trada mit ihren Edelfrauen folgt dem Heiligthume unmittelbar. Doch sie schweigen und beugen sich grüßend. Der Augenblick ist zu ernst, um laute Freude kund zu geben. Mit Entzücken ruhen die Augen der Menge auf der milden Frau. „Wie schön sie ist, wie freundlich, wie holdselig!" Golden erglänzt ihr lang wallendes, blondes Haar unter dem köstlichen Stirnreif und dem zarten Schleiergewebe. Es umrahmt ein edelgeschnitteneS, nur leise geröthctes Antlitz mit seelenvollen blauen Augen. Ein weißseidenes Gewand, hell blitzend von funkelndem Gestein, umfließt die schönen Formen der majestätischen Frau. Die Schultern der Königin umgibt ein von prächtiger Spange gehaltener golddurchwirkter Pupurmantel. Mit Anmuth und Würde reitet sie ruhig und feierlich dahin. Der Königin folgt ein wahrer Blüthenkranz von junger Ehrendamen. Das wogte heran in bunt schillernden Farben: blau, gelb und weiß, in Seide und Gold, mit glitzernden Edelsteinen, goldenen Binden, goldgestickten Schleiern, zobelverbrämten Purpurmünteln. Das rauschte und klang, das blitzte und glitzerte, daß man den Blick nicht ersättigen konnte. Gewappnete Krieger in ernster, stattlicher Haltung bildeten den Schluß des Festzuges, der sich jeden Augenblick vermehrte durch den Anschluß freudig zuströmender Eifelbewohner. Die Glocken der Kirche läuteten. Vor dem Portale des Gotteshauses stand im Fest-Ornate mit allen Abzeichen seiner hohen Würde der ehrenreiche Abt Assuerus. Er stammte aus edler Familie, dem Könige anverwandt. Mit Geistes- und Körper-Gaben reich ausgestattet, war er schön von Gestalt, beredt und bewandert im Latein wie in der Muttersprache; vor allem galt sein Ruhm dem Beschützer der Armen, Witiwen und Waisen. In der Mitte seines Conventes stand er da, um den König zu empfangen. Rührung, Freude und Liebe spiegelten sich in seinen Zügen, als Pipin nahte. Der aber stieg sogleich vom Rosse und beugte sich demüthig vor dem Abte, um dessen Segen zu erbitten. Assuerus segnete den König feierlich, dann begrüßte er ihn in lateinischer Rede, und der König sprach freudig bewegt seinen Dank aus. Darauf traten alle wohlvorbereitet zur Andacht in das mit grünen Laubgewinden, lieblttzen Blumen, duftigen Tannen prächtig geschmückte Innere der Kirche. In Schaaren zogen sie ein. Doch kaum ein Drittel der Herbeigeströmten fand Platz darin. In weiter Runde schlössen sich draußen die Pilgerschaaren an. Das erhebende Schauspiel gemahnte an die Bergpredigt des Heilandes. In der Kirche selber aber erstieg Weomad, der Bischof von Trier, die Stufen zum Hochaltar. In athem- loser Stille sah das Volk, wie der Trierer Obcrhirte die Hülle von dem Heiligthum, von der Reliquie des Herrn sinken ließ. Nieder auf die Kniee zog es alle mit wunderbarer Gewalt. Das Pontificalamt begann. Wer hätte in diesem Hochamte der Rührung sich erwehren können! Welches Gefühl durchbebte alle Herzen, während das Credo gesungen wurde! „Lt luauruatus est!" So tönte wie mit Engelsstimmen die Botschaft von der Menschwerdung Gottes vom Chöre nieder Und im Staube lagen alle vor dem Zeugen des Erdenwallens unseres Heilandes. Schauernd empfanden alle die Tiefe des Leidens, deS Sterbens unseres Erlösers; sie empfanden es mit erschütternder Wahrheit, wie nie zuvor. Die Reliquie der Sandale predigte so eindringlich vom Erdenwallen unseres Herrn. Thränen flössen von aller Augen. In Bußgesin- nung und Zerknirschung wohnten alle dem heiligen Opfer bei, als ob sie beim ersten Opfer auf dem Calvarien- berge zugegen gewesen wären. „Großer Gott, wir loben Dich, Herr, wir preisen Deine Stärke!" Also tönte vieltausendstimmig das Tedeum am Schlüsse der Feier. Es brauste mächtig durch die Kirche und hallte draußen von den hohen Eifelbergen wider. Als der Lobgesang verklungen war, schritt König Pipin und gingen alle geistlichen und weltlichen hohen Würdenträger, begleitet von einer großen Menge Volkes, zu der nicht fernen Stelle, allwo der König den Grundstein zur neuen großen Kirche des Erlösers legte. DaS geschah unter großen und erbaulichen Feierlichkeiten. * Der königliche Stifter hat die Vollendung der Kirche nicht wehr erlebt. Sein berühmter Sohn, Karl der Große, aber führte aus, was der Vater begonnen hatte. Jener wohnte im Jahre 799 am Feste der heiligen Anna der Einweihung der Salvatorkirche in Prüm bei. Papst Leo der Dritte hat selber daS prächtige Gotteshaus eingeweiht im Beisein von vielen Cardinälen und 360 Bischöfen. Die Reliquie der Sandale wurde damals unter feierlichem Umzüge in die neue Kirche übertragen, alldort zur Verehrung ausgestellt und sorgsam aufbewahrt. An Stelle der von Pipin einst gegründeten Kirche steht heute ein anderes großartiges Gotteshaus dem aller- heiligsten Erlöser geweiht da. Die Kirche, welche Pipin gegründet, ist im Laufe der Jahrhunderte verfallen. Prüm aber hat seinen kostbaren Schatz, die Sandale des Herrn, durch alle Stürme der Zeiten, durch alle Jahrhunderte gerettet und ihn bis auf den heutigen Tag glücklich bewahrt. — Am Sonntag den 11. Oktober 1896 begann wieder eine vierzehntägige Festfeter zur Verehrung deS Hciligthums. Tausende strömen herbei, gleich wie vor 1100 Jahren, vor dem sichtbaren Zeugen des Erdenlebens unseres Heilandes zu knieen und zu beten zu dem, der die Sandale einst geheiligt hat, als er ein Mensch unter uns aus- und einging, wohlthuend, tröstend, belehrend und heilend, bis er endlich die Höhe des Cal- varienberges bestieg, um dort für uns zu'sterben. --—- ALKsLLei. 8.-8.-0. Die kaiserliche Jacht „Standort", in welcher der Czar dieser Tage seine Reise nach Schott- land zurückgelegt hat, dürfte das kostbarste und prächtigst eingerichtete Fahrzeug dieser Art sein, welches existirt. Schon in seinen Dimensionen überragt es alle anderen Nachten der übrigen gekrönten Häupter. Der „Standart" hat eine Länge von 113 in, eine Breite von 15 na und geht 6,10 va tief. Es sind dies Abmessungen, wie sie etwa ein Passagierdampfer von 4 — 5000 Brutio- Negistertons ausweist, nur daß beim „Standart" die 664 Breite im Verhältniß zur Länge eine größere ist, als wie dies bei den Schiffen der genannten Art üblich zu sein pflegt. Der „Standart" hat drei Stahlmasten, von denen der mittelste, der Großmast, 55 rn hoch ist. Die Segelfläche beträgt etwas über 1000 Quadratmeter. DaS Schiff hat Doppclschrauben, die durch zwei von einander unabhängige Maschinen getrieben werden. Nach der Berechnung sollte das in Kopenhagen erbaute Fahrzeug 21 Knoten laufen; die wirkliche Leistung auf der Probefahrt ist aber wesentlich unter der veranschlagten geblieben. Es konnten nu- 19 Knoten erzielt werden. Eine Eigenartigkeit in ihrer Construcrion weist die Kaiseryacht insofern auf, als Maschinen und Kessel bedeutend weiter nach vorne gerückt sind, wie sonst üblich. Es ist dies zum Zwecke möglichster NauAgcwimmng für die von den hohen Personen zu benutzenden Kabinen geschehen. Die Wohnräume liegen um einen kleinen Speisesaal gruppirt, dessen Täfelung und Möbel aus geschnitztem Eichenholz bestehen. An der einen Wand dieses Salons befindet sich eine allegorische Darstellung der daS russische Reich begrenzenden vier Meere, der Ostsee, des Schwai-en und Weißen Meeres und der Kaspischeu See. Von den kaiserlichen Gemächern führt eine breite Treppe nach dem Oberdeck in den StaatS-Spciscsaal, der bei einer Länge von 30' und einer Breite von 20'reichlich 70 Personen zu fassen vermag. Die Wände und Möbel sind aus hellfarbigem Holz, die Stühle mit graublauen Lederpolstsm überzogen. Die Besatzung besteht aus 20 Ossi zieren, 350 Matrosen und Unteroffizieren. ^UA8tiurA6r lailo Uoclito vorbollLltoo.l ^uf8ads Kr. 1. 11s erstes Problem lüüren V/U' unseren Lesern die nacb- stsbendo Aufgabe vor, welcbs unserem Llilardeiter I,. L. von dem Lcbacbelub ru KeAövsburA ^e^viäiuet worden ist. Lebwarr. I» K Weiss. Weiss riebt an unä sotrt in drei Aü8«n matt. Mttelirlekivn an« ,acbverIaZ von Veit L Oomp. in Deipr.i'F ist ersebieneu: ,,Das internationale Lebaebtnrnier ?.u Lastings 1895"; eins LammlnnZ äor sammtlieben Kariioen mit auslübrliebeu Anmerkungen, äem Lildniss nnä äer L!o- xrai^biv der LivFür ete., bearbeitet von Kmil Lcballoxp. Kreis 7 LI. 50 Kk§. _ MvliriolwAe. Die dentseben Lcnacblreunda baden in diesem 8ommsr den Verlust sweier bervorra^ender und verdienter 8cbaeb- spielor rn beklagen xebabt. Der eins davon ist Dr. Kanl Loullert aus Kassel, welobor rnletrt seinen Wobnsitr in dlüncben xenemmen batto und daselbst sowobl im Lebaeb- club ^Itinnneksn als im ^kademiseben Lebacbelub, dessen Vorstand er war, eins eitrige Kbäti^keit entfaltete. Kanl Lonüert, der als starker Lpioler, boebZebildetor Kbeoretiker und liedenswürdixer Oesellsclialtor allseitig beliebt war, bat sieb rn Lntanß ^»Anst into!§e eines bsmütblsidons in einem Walde bei WürrbnrA erscbossen. Von seinon scbacblieben Krtolxen ist banptsäeblicb rn vrwäbnen, dass er 1893 rn Kiel mit v. Outtsoball und MotZer den 4. und 5. Kreis tbeilto. Au DeipLiF ist ferner am 29. ^.uZust ds. äs. der Astronom Ricbard LekuriZ, einer der Dezründer der berübmton LolmebAesellsebatt „Lngustea", im 72. Dobenssabro gestorben. 8elmri^ war nicbt nur ein sebr starker, praktisebor Lpiolor, sondern aueb ein überaus sebarlsinni^sr Krodlomautor, als weleber er rablroielm treülicbo LebaebaukZaben, namentliob soxsnannto Loldstmatts, verfasste. Kino besondere Vorliebe batte er — seinem matbomatiscben 8erufe entsprecbend — kür scbwieri^s, tiefsinnige Kndspiolstuäien. ^Is Leweis seiner sedaeblicben LsAadunA diene tollende, bübseb durebAekübrts Kartio: Kartie Kr. 2. bespielt im Rrübsabr 1849 su Dviprix, und swar beiderseits obne Lnsiebt dos Lretts. dv Weiss: Lobwarr: Weiss: 8 e b w a r r: SoburlA Dr.A.lbLnxoH^ 8eboiiA vr.N. I-LiiFS i 12—14 e7—ek 13 Vc2—k2 K7-K5 2 e2—e4 o7—eO 14 82—x4(a) b5X«4 3 . d2—d4 d7-ä5 15 Dd3—o2 Vd8—o7 4 e2—e3 D18-«7 16 A4—A5 d6X§5 5 8l-1—e3 8g8-k6 >7 14X§5 8d?Xeö 6 8»1-k3 0-0 18 d4Xs5 8k6—b7 7 D11-d3 De7-b4 19 Da3—d6 Ve7—ä? 8 0-0 Db4Xc3 20 §5—86 17X8» 9 K2X-3 a7—a6 21 De2X§6 1'e8—s? 10 Lei—a3 Kf8-e8 22 D86XK7-!- K88XÜ7 11 Ddl—e2 K7-K6 23 V12 -b4f Kb7—88 12 813—e5 8b8-d7 §24 Ld6Xe7 aukAeLoböll. a) Lngesicbts äes Lrsttos würde Weiss bior äou ungleicb stärkeren Äu§ 14. 8o5Xe6 sieberliek nickt übergeben baben. IldT' Dl:i27. Die Hamen sonor Lebaebkrounäe, wolobs unsere Knäspiols unä Kroblome ricbtiA lösen unä die Dösunxen innorbald äroiWoebon einsenden, werden stets an dieser Ltelle ver- üüentliebt. Llles auf äas Lobacb Lerö^liebe ist ausnabmslos rn aäressiren: „Ln die Redaction "des.INFSburAkr 8 ebaeü- blutt — Vukv LiiAnstr» — « 87 . 1896 . „Augsburger PostMung". Dinstag, den 20. Oktober Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg lVorbesttzer Dr. Mar Huttler). Kin fehlendes Wort. Original-Novelle von C. Borges. (Schluß.) VI. Wieder waren Wochen vergangen. Der Sommer mit seinem üppigen Blumenflor ging rasch seinem Ende entgegen, und das buntgefärbte Laub auf den Bäumen kündete einen frühen Herbst an. Im Hause des Majors von Schalldorf waren noch keine Veränderungen eingetreten. Zwar bewachten Geheimpolizisten nicht mehr den Sohn auf Schritt und Tritt, aber der schwere Verdacht ruhte noch immer auf ihm und hatte den leicht erregbaren Vater in einen lebensmüden Greis verwandelt. Da traf ein Brief des Advokaten Almer ein, der für den folgenden Tag zu einer festgesetzten Stunde den Major mit seiner Gattin zu sich in sein Comptoir bitten ließ. „Was mag er nur wollen?" brummte ärgerlich der alte Herr. „Neues hat er uns doch nicht zu sagen, denn der Prozeß scheint noch lange kein Ende nehmen zu wollen; ich behaupte doch, daß weine Tochter die rechte Erbin ist und ihr das Vermögen zuerkannt wird." Jedoch am nächsten Tag fand er sich zur bestimmten Stunde ein und wurde vom Diener in ein großes Empfangszimmer geführt. Kaum hatte er es sich mit seiner Gattin bequem gemacht, als die Thüre wieder geöffnet wurde und der Anwalt Neuwann mit Tante Lina eintrat. Der Major warf den Beiden einen feindseligen Blick zu: „Was wollen die hier, da ich hierher bestellt bin", drückte sich deutlich in seinen Mienen aus. Jetzt traten auch der Lieutenant von Römer mit seiner jungen Frau ein — das Erstaunen des Majors wurde immer größer, — oann Frau Wendtland mit ihrem kleinen Willy, — sogar seine eigene Tochter Mathilde und zu seinem größten Aerger noch dazu an der Seite des Professors Wieser, und zuletzt folgt,, sein Sohn Ernst von Schalldorf. „Ich denke, wir sind jetzt alle versammelt", ertönte jetzt oie Stimme des alten Notars Almer, der unbemerkt eingetreten war und lächelnd im Kreise umschaute. „Darf ich fragen, weshalb sie uns hier zusammengeführt haben, was soll es bedeuten?" fragte Herr Neumann mit finster gerunzelter Stirn. „Ich sehe hier ja alle Verwandten meiner verunglückten Schwester", warf Tante Lina spöttisch ein, denn sie konnte über das Erscheinen Frau Wendtlands und deren Sohnes Willy ihren Zorn kaum bcmeistern. Herr Almer schaute triumphirend die zornig erregten Gesichter im Kreise an, dann entgegnete er mit fester, vernehmbarer Stimme: „Die Beantwortung dieser Fragen überlasse ich meiner Clicntin", und ehe noch die Anwesenden den Sinn seiner Worte verstanden hatten, zog er eine schwere Portiere zurück, und im Thürrahmen stand mit glücklichem Lächeln auf dem edlen Antlitz die Todtgeglaubte, und zwar am Arm eines stattlichen fremden Herrn. Die Anwesenden waren so sehr vor Ueberraschung und Schreck gelähmt, daß sie kein Wort hervorbringen konnten. „Meine Gattin, Frau Waldhausen", rief jetzt der Fremde mit lauter Stimme, inmitten des Saales schreitend. Aber selbst diese Worte vermochten immer noch nicht den Bann zu lösen, man glaubte ein Gespenst zu sehen. „Lina, hast Du mir nichts zu sagen?" fragte jetzt die Eintretende, ihrer Schwester die Hand entgegenstreckend. Sie sah frischer und lebensfroher aus, wie in früheren Jahren, alle Härte und Bitterkeit war aus ihren Zügen gewichen, und ihre Stimme hatte einen weichen, melodischen Klang angenommen. „Mathilde! Bist Du's denn wirklich?" rief Tante Lina, endlich ihre Sprache wiederfindend. „Was bedeutet es nur? Wo bist Du die ganze Zeit gewesen? Wer hat Dich gerettet? O, diese Ueberraschung ist mir zu viel — sie wird mich noch tödtenl" Dann brach sie nach alter Gewohnheit in krampfhaftes Weinen aus. „Ich war gar nicht in meinem Hause, als das Feuer ausbrach, konnte also auch nicht gerettet werden", versetzte Frau Waldhausen. „Du warst nicht in Deinem Hause?" riefen der Herr Major und Herr Ncumann gleichzeitig. „Nein." „Warum ließest Du uns denn in dem Glauben, Du seiest in den Flammen umgekommen?" stieß Tante Lina hervor. „Das war grausam von Dir, gar nicht zu verantworten. Bedenke doch die Unkosten, die wir uns um die Trauerkleiduug wachten!" „Das ist auch meine Meinung", kam das Echo des Gatten. 666 „Ich gebe zu, daß ich eine Erklärung schuldig bin", versetzte die reiche Wittwe, jetzt Frau Waldhausen. „An dem ereignißreichen Tage, der dem Feuer voranging, suchte ich Frau Wendtland, die Wittwe unseres Bruders Herbert, auf. Ich lernte sie als eine strebsame Frau kennen, die es vorzog, sich durch eigenen Fleiß ihren und ihres Sohnes Unterhalt zu erwerben, und meine Hilfe ablehnte." Bei diesen Worten warf sie ihrer Schwägerin einen liebevollen Blick zu, der die Anwesenden überzeugte, daß Freundschaft und Vertrauen zwischen beiden Frauen bestand. „Darauf kehrte ich in meine einsame Villa zurück", fuhr die Sprecherin fort, „und fand einen Brief, den meine Nichte Mathilde Neumann in meiner Abwesenheit verloren hatte." — Dunkle Nöthe bedeckte bei diesen Worten das Antlitz der jungen Frau. — „Es war der Brief einer Schulfreundin, ich las ihn, und — wie Schuppen fiel es von meinen Augen; Mathilde, die meinem Herzen so lieb und theuer gewesen war, stand jetzt ebenso falsch und habgierig vor mir, wie ich leider so viele meiner Verwandten kennen gelernt hatte. In einem vorhergegangenen Briefe hatte sie der Freundin den Wunsch meines baldigen Todes geäußert, da sie bestimmt hoffte, in meinem Testamente bedacht zu sein, und in dem Antwortschreiben machte ihr die Freundin über diesen unnatürlichen Wunsch gerechte Vorwürfe." Die junge Frau senkte beschämt den Blick zu Boden; sie ärgerte sich, daß sie durch ihre Unachtsamkeit das Vertrauen der reichen Tante verscherzt hatte. Der Lieutenant warf seiner Gattin einen vorwurfsvollen Blick zu. „Als ich den Brief gelesen hatte, war ich vollständig niedergeschmettert", erzählte Frau Waldhausen weiter. „Mathilde war mein Liebling gewesen, die langen, traurigen Jahre meines Lebens hindurch hatte sie meine Einsamkeit wie ein lichter Sonnenstrahl erhellt. Jetzt war mein Vertrauen erschüttert, und ich fühlte mich trostlos, einsam und verlassen in meinem Reichthum. Da kam mir wieder der Gedanke an meine Schwägerin, Frau Wendtland. Sie allein hatte mich nicht aufgesucht; sie hatte sogar meine Hilfe verweigert, und einer augenblicklichen Eingebung folgend, entschloß ich mich, sie noch einmal am selben Abend aufzusuchen, obgleich es schon neun Uhr war. Wir waren vor einigen Stunden nicht freundlich von einander geschieden, jetzt reifte aber der feste Entschluß in mir, die Freundschaft und Liebe der jungen Frau zu erringen. Unsere Unterredung dauerte bis gegen Mitternacht, und ehe wir uns trennten, wußte ich, daß wenigstens ein treues Herz für mich schlug. Als ich in der stillen, lauen Sommernacht allein den Rückweg zu meiner entlegenen Villa antrat, bemerkte ich einen hellen Feuerschein. Nichts Böses ahnend, setzte ich ruhig und in glücklicher Stimmung meinen Weg fort. Die Feuerwehr stürmte an mir vorüber, und bald wurde es mir zur schrecklichen Gewißheit, daß mein eigenes Haus in hellen Flammen stand. Vor Schreck gelähmt, versagten die Füße mir den Dienst, doch die Worte eines vorbeieilenden Mannes: „Die ganze Dienerschaft ist gerettet, nur die Besitzerin der Villa ist in dem Feuermeer umgekommen", gaben mir meine Kraft zurück. Da fiel es mir auch centnerschwer auf die Seele, daß ich selbst die Schuld an dem Unglück trug. In meiner Eile, das Haus ungesehen zu verlassen, hatte ich die Lampe in meinem Schlafzimmer brennend und leider zu nahe der Portiere stehen gelassen. Diese mußte sich entzündet und dadurch den Brand verursacht haben. Die Worte des Mannes halten mich nachdenklich gemacht, Jedermann hielt mich für todt; es bot sich mir eine günstige Gelegenheit, meine Identität zu verbergen und ein Leben abzustreifen, das mir unerträglich geworden war. Unter einem anderen Namen wollte ich ein neues Dasein beginnen." „Du hast gar nicht an unsere Gefühle gedacht", schluchzte Tante Lina, die noch immer die unnützen Kosten der Trauerkleidung nicht verschmerzen konnte. Frau Waldhausen lächelte. „Das gebe ich zu", gestand sie, „aber ich war zu begierig auf Euer Benehmen nach meinem vermeintlichen Tode. Aber ich hatte noch einen triftigeren Grund zu dieser Handlung. Geld und Reichthum hatten mir kein Glück, keine Freundschaft gebracht, jetzt wollte ich versuchen, in bescheideneren Verhältnissen glücklich zu werden. Einige tausend Mark, die ich vor Jahren auf einen andern Namen in der Bank deponirt hatte, standen mir jeden Tag zur Verfügung, diese schützten mich vor Mangel, und durch das fehlende Wort in meinem Testament blieb mir mein Vermögen gesichert. Nun kehrte ich in derselben Nacht zu Frau Wendtland zurück, erzählte ihr, was sich ereignet hatte, enthüllte ihr meinen Plan für die Zukunft und bat um ihre Verschwiegenheit. Sie unterstützte mich nach besten Kräften. Einige Tage blieb ich bei ihr, dann fand sie ein Logis für mich bei Frau Wieser — —" „Tante", unterbrach Mathilde von Schalldorf erregt, „ist es möglich, daß Du mit „Fräulein Winter" identisch warst?" „Ja, mein liebes Kind", lautete die im herzlichen Tone gegebene Antwort, dabei umschlang sie zärtlich ihre Nichte. „Denke nur meine Ueberraschung, als ich von Deiner Verlobung mit dem jungen Professor hörte! Du hast eine gute Wahl getroffen, mein Kind", fügte sie dann hinzu, auch dem Professor ihre Hand reichend, „und ich hoffe, Du wirst sehr glücklich werden. Ich war fast wie eine Gefangene in meinem Zimmer, denn ich wagte nicht, es zu verlassen, aus Furcht, erkannt zu werden." „Jetzt verstehe ich auch, weshalb ich niemals einen Blick von „Fräulein Winter" haschen konnte", fiel die Nichte belustigt ein. „Die Thür war so dünn, daß ich jedes Wort ohne lauschen zu wollen hören mußte", lächelte die Tante, „und so hörte ich auch manches Wort, was nicht für meine Ohren bestimmt war. Ich lernte, daß ich mich in Dir getäuscht hatte. Du wärest mir eine treue Freundin geworden, nach der sich mein ganzes Herz sehnte, wenn ich mir nur die Mühe gegeben hätte, Dich besser zu verstehen." „O, Tante! Du warst immer so einsam und traurig", flüsterte das junge Mädchen. „Nicht als ich im Hause der guten Frau Wieser wohnte Hier machte ich viele neue Erfahrungen. Ich merkte, daß Du mich wirklich geliebt hattest, und freute mich, daß Du um meinetwillen Dich meines kleinen Hundes annahmst. Das gute Thierchen mußte meine Nähe spüren, denn es scharrte und kratzte fortwährend an der Thür. In meiner vermeintlichen Dürftigkeit empfing ich auch manche Beweise der Liebe, die ich früher nie erfahren hatte und die meinem Gemüth jetzt doppelt wohl thaten." „Jetzt weiß ich auch, woher eine gewisse Kiste kam die unlängst in unserem Hause abgegeben wurde", warf der Professor lachend ein. „Frau Wieser lud mich zu dem Mittagessen", lächelte Frau Waldhausen, „um mir eine Freude zu machen, und ich muß gestehen, daß dieses der glücklichste Tag meines Lebens wurde. Ich hörte, daß Erich Waldhausen noch lebte, er war der Bruder meiner Wirthin, und hier sah ich zum ersten Mal nach langer Zeit sein Bild wieder. — Ganz unerwartet kehrte er nach Deutschland zurück wir sahen uns, beschlossen eine baldige Hochzeit, und bis zu diesem Tage wollte ich wein Jncognito bewahren." „Seit wann bist Du wieder verheirathet?" warf Tante Lina mit verächtlicher Kopfbewegung ein, denn es verdroß sie, daß jetzt auf keine Erbschaft mehr zu hoffen war. damit Alle die Einzelheiten der letzten Wochen aus meinem Munde hören konnten." „Das war wirklich für uns alle eine großartige Ueberraschnng", rief der Major erstannt. „Wenn Ernst vorhat, ein neues Leben zu beginnen, so will ich ihm behilflich sein", nahm jetzt Herr Waldhausen das Wort. „Ich glaube, die letzten Wochen sind ihm segensreich gewesen, und ich bin überzeugt, daß er ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft werden kann, wenn er nur will. Ein Ingenieur in Amerika hat bald sein Glück gemacht; an Kenntnissen mangelt es ihm nicht, und was ihm noch fehlt, kann er sich leicht aneignen. Ich habe drüben noch viele Freunde, die sich gern seiner annehmen ; übergeben Sie ihn meiner Obhut, Herr Major, und es wird bald die Zeit kommen, daß Großvaters Friseur. Nach einem Originalgemälde von W- Roegge. «W „Die Trauung fand gestern in aller Stille statt", versetzte die Angeredete. „Schon seit Wochen hatte ich von dem schweren Verdacht gehört, der auf meinem Neffen Ernst lastete; ich allein konnte ihn davon befreien und benachrichtigte die Polizei durch meinen Freund Almer, daß ich noch am Leben und das Feuer in der Villa zufällig ausgebrochen sei. Mein Neffe wurde nicht belästigt, und daß kurze Zeit der Verdacht auf ihm ruhte, hat ihn hoffentlich dazu veranlaßt, in Zukunft sein leichtsinniges Leben zu ändern. Die an jenem Abend mitgenommenen fünfhundert Mark lasse ich ihm gern; es genügt mir zu wissen, daß er noch in derselben Nacht in einem Briefe an mich die That bekannte und um Verzeihung bat, die ihm gern gewährt wird. Schließlich bat ich Herrn Almer, alle Glieder meiner Verwandtschaft heute hierher zu bitten, Sie mit Stolz und Freude zu ihrem Sohne Hinaufblicken." — Der alte Major war sichtlich bewegt, stumm reichte er seinem neuen Freunde die Hand. „Ich will ein neues Leben beginnen und mich des Vertrauens würdig zeigen", gelobte ernstlich der junge Mann. Jetzt wandte sich Frau Waldhausen an den Major. „Nun komme ich als Fürsprecherin für meine liebe Nichte", begann sie bittend. „Sie wissen, wie sehr sich die beiden jungen Leute lieben, aber ohne Ihren Segen können sie nie glücklich werden. Geben Sie Ihre Zustimmung, damit Sie nicht das Lebensglück zweier Herzen untergraben. Meine zerstörte Villa soll in früherer Schönheit und Pracht wieder aufgebaut werden, und reichlich ausgestattet zieht dann das junge Paar ein, und sicherlich 666 werden sie dort ein glücklicheres Leben führen, als wie ich eS gethan habe." Der alte Major konnte nicht länger widerstehen. „Sei glücklich mit dem Manne Deiner Wahl", sagte er feierlich und drückte seine vor Freude weinende Tochter fest an sein Herz, dann reichte er auch dem Professor die Hand, die er nach alter Soldatenart kräftig schüttelte. „Wenn später der Lag kommen wird, daß im vollen Ernst mein Testament verlesen wird, so soll es rechtskräftig in meinem Nachlasse gefunden werden", nahm zum Schluß Frau Waldhausen das Wort. „Damit sich aber Niemand trügerischen Hoffnungen hingibt" — hierbei warf sie einen Blick auf ihre Schwester Lina — „und da ich Gelegenheit hatte, in den letzten einsam verlebten Wochen meine wahren Freunde kennen zu lernen, so verkündige ich hiermit feierlich, daß meine Nichte Mathilde von Schalldorf oder deren Kinder und die Wittwe meines Bruders Herbert, Frau Wendtland, oder ihr Sohn Willy meine Haupterben sein werden. Ein neues, voll- giltiges Testament soll bald verfertigt werden, und es soll keinerlei Veranlassung zu Uneinigkeiten geben durch ein fehlendes Wort!" i- < » . I Ueber das Heben gesunkener Schiffe. 8.-8.-0. Es bestehen z. Z. zwei Hauptmethoden zum Heben gesunkener Fahrzeuge, die je nach der Beschaffenheit der zu hebenden Wracks und der Lage, in der sie sich befinden, angewandt werden. Ist der Schiffsrumpf nur wenig beschädigt, so daß eine provisorische Dichtung desselben durch Taucher ausführbar scheint, so'wird das Wrack, nachdem es zuvor so gut wie angängig wasserdicht gemacht ist, ausgepumpt und zum Schwimmen gebracht. Bei dieser Art des Hebens muß besondere Rücksicht darauf genommen werden, ob das Deck den auf ihm ruhenden Wasserdruck auszuhalten vermag. Um ein Durchbrechen zu verhüten, wird dasselbe, nachdem man zuvor so viel wie angängig von der Ladung gelöscht, durch Streber abgestützt. Luken und andere Dccksöffnungen müssen durch dicke Bohlen verschlossen und vorsichtig abgedichtet werden; ebenso darf die Oeffnung, durch welche das Saugrohr der Pumpe hindurchgeht, nur gerade groß genug sein, um dieses durchzutasten. Die Luftzufuhr geschieht mittelst kleinerer bis über die Wasseroberfläche emporreichender Röhren. Sind alle Vorkehrungen getroffen, so werden die Pumpen, die auf in der Nähe der Wrack- stelle verankerten Fahrzeugen aufgestellt sind, angesetzt. Geht Alles gut, so hebt sich das Schiff; besondere Sorgfalt muß indessen beobachtet werden, um ein Umschlagen zu verhüten. Liegt das Schiff in beträchtlicher Tiefe, so wird der Wasserdruck so groß, daß das Deck ihn nicht auszuhalten vermag. Man baut alsdann eine wasserdichte, bis an die Oberfläche reichende Kammer aus schweren Balken und Brettern über dem Wrack und bedeckt sie mit einer Plattform, auf der die Pumpen aufgestellt werden. Das Wasser wird hierauf ausgepumpt und das Schiff, in dem Maße, wie es sich hebt, höher auf den Strand hinaufgezogen. Wenn das Deck über Wasser kommt, so entfernt man den Aufbau, setzt die Pumpen auf das Deck, um dann mit dem Auspumpen des Wassers aus den Schiffsräumen fortzufahren. Auf diese Weise sind große Schiffe aus beträchtlicher Tiefe gehoben worden, wie z. B. das vor mehreren Jahren im Hafen von Gibraltar gestrandete Auswandererschiff „Utopia". Die Methode ist allerdings umständlich, kostspielig und nicht ohne Gefahr, es ist aber die einzig mögliche Art, um große Dampfer wieder an die Oberfläche zu fördern. Ist die Wassertiefe so groß, daß die Anbringung und Befestigung einer Kammer an dem Wrack nicht mehr ausführbar ist, so hört natürlich die Möglichkeit des Hebens mittelst dieser Methode aus. Handelt es sich um das Heben von Fahrzeugen aus großer Tiefe, so wird neuerdings mit Erfolg eine zweite Methode angewandt. Dieselbe besteht darin, daß dicke Stahldrahttaue unter dem gesunkenen Schiffe hindurchgezogen werden, und zwar, je nach der Größe und dem Gewicht des gesunkenen Sckiffes, in mehr oder minder großer Zahl. Ueber dem Wrack werden Pontons verankert und nach diesen die Drahttaue hingeleitct. Liegt das Wrack an einer Stelle, wo Ebbe und Fluth auftritt, so benutzt man das Steigen des Wassers, um das gesunkene Schiff zu heben. Die Trossen (Taue) werden beim niedrigsten Wassersland steif gesetzt und an den Pontons befestigt. Steigt dann das Wasser, so werden diese letzten hochgehoben, und mit ihnen hebt sich das in den Stahltrossen hängende Wrack. Bei Hochwasser werden Schiff und Ponton nach einer paffenden flachen Stelle am Strande geschleppt und an Grund gesetzt. Mit der nächsten Ge- zeit wird dann das Experiment wiederholt, das Wrack wieder um eben so viel höher gefördert, als der Unterschied zwischen Ebbe und Fluth beträgt, und weiter so hoch nach dem Strande hinaufgebracht als wie nur möglich. Ist man auf diese Weise so weit gelangt, um das Schiff bei Niedrigwaffer trocken legen zu können, so wird es provisorisch reparirt, worauf es bei der nächsten Fluth flottgemacht und in ein Trockendock zur endgültigen Reparatur gebracht wird. Selbstverständlich müssen die Pontons zusammengenommen genug Tragfähigkeit besitzen, um das Gewicht des Wrackes im Wasser heben zu können, ebenso müssen die Stahl- trossen von genügender Stärke und Zahl sein, und ferner soll eine möglichst gleichmäßige Vertheilung des Gewichts auf sämmtliche Hebcfahrzeuge und Taue stattfinden, eine Aufgabe, deren Lösung namentlich bei unruhiger See, oder wenn sonstige hindernde Umstände obwalten, durchaus nicht leicht ist. Tritt an der Unfallstelle Ebbe und Fluth nicht auf, oder ist der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwaffer nur gering, so ist man bei dieser Methode zum Höherbringen des Wracks auf Maschinen- kraft angewiesen. Die zu diesem Zwecke anwendbaren Vorrichtungen sind in den letzten Jahren bedeutend vervollkommnet worden. Namentlich die Fortschritte, die man in der Herstellung von bieg- und schmiegsamen Drahtseilen gemacht hat, haben es ermöglicht, daß man heute weit größere Gewichte zu heben vermag, als früher, wo man für diesen Zweck ausschließlich Ketten benutzte. Die Drahtkabel werden durch Schächte, die in der Achse des Pontons liegen, nach unten geführt, sodaß die Kraft stets in der Mitte wirkt und das volle Deplacement nutzbar gemacht werden kann. Die Pontons sind durch Längs- und Querwände (Schotte) in eine Anzahl wasserdichter Kammern getheilt, welche theils als Maschinen- kammern und Aufenthaltsräume für die Mannschaft, theils als Wafferkammern zur Regelung des Deplacements dienen. Jeder Ponton hat elektrisch bewegte Winden, welche senkrecht zu seiner Längsachse verschoben werden können. Die seitliche Verschiebbarkeit der Winden ist noth- >!!!« K *v< Koliman-Kula, der schwarze Thurm in Ktobuk (Herzegowina). Von Pros. P. Zwerina, MVW INWM, -, «L z W« E -V' ^ ^ S» ^ -- 's»-' 070 wendig, um bei verschiedenen Breiten des zu hcbendcn Wracks stets eine vertikale Zugkraft in den Kurbeln zu behalten und zu verhindern, daß die Pontons sich einander nähern. Man hat neuerdings in England solche Pontons bis zu einem Deplacement von 1000 Tons hergestellt, sodaß vier derselben, an einem Wrack angebracht, ein Gewicht von nahezu 4000 Tons zu tragen vermögen. Beim Heben werden je zwei Pontons nebeneinander gelegt und das Wrack mit Hülfe elektrischer Winden bis nahe an den Boden derselben aufgewunden; dann werden letztere um die Breite des zu hebenden Fahrzeuges von einander entfernt und dieses alsdann weiter in die Höhe gefördeit und in seichtes Wasser gebracht. Die beiden vorstehend e> wähnten Metboden des H bcns mittelst Auspumpens und unter Anwendung von Stahltrossen dürften in der Mehrzahl der Fälle, wo eine Hebung überhaupt möglich ist, heute zur Anwendung kommen. Versagen beide Auskunftsmittel, sei es, weil der Boden des zu hebenden Fahrzeuges gänzlich offen gerissen ist, auch Kabel aus irgend welchen Gründen nicht unter dem Kiel hindurchgezogen werden können, oder schließlich das Gewicht zu groß ist, um mittelst Pontons gehoben werden zu können, so bleibt nur noch das Mittel des Einbauens einer Plattform in das Schiff und nach- herigen Auspumpens des darüber befindlichen Raumes übrig. Dasselbe ist indessen nur dann angängig, wenn das Wrack nicht tief liegt und bei Ebbe das Deck aus dem Wasser kommt. Die Methode erfordert sorgfältige Berechnung, ohne die der Bcrger leicht großen Schaden nicht nur an Gut, sondern unter Umständen auch an Menschenleben erleiden kann. In erster Linie muß bekannt sein: das Gewicht des Schiffskörpers, der Ladung und der in das Schiff gebrachten Bergungsgeräthschaften, dann der Kubikinhalt des Theils des Raumes, sofern ein solcher vorhanden ist, der durch Leerpumpen zum Heben des Schiffes beitragen kann, und schließlich der Kubikinhalt der Ladung, die oberhalb der Plattform aus dem Laderaum herausgeschafft werden muß, um dem Schiff genügenden Freibord zu geben, wenn das Auspump-n stattgefunden hat. Große Schwierigkeiten erfordert das Anbringen einer tiefen Plattform, und wo immer genügende Schwimmkroft erzielt werden kann, legt man sie so hoch wie möglich. Es bleibt dann mehr Zeit zwischen Steigen und Fallen des Wassers, um die Arbeiten auszuführen. Die Plattform muß in der Form den erforderlichen Umständen des Falles angepaßt werden, genau an die Schiffsseite anschließen und überhaupt wasserdicht sein. Erwähnung verdienen noch einige veraltete Methoden, die heute kaum mehr angewandt werden dürften, oder wenigstens nur da, wo moderne Hilfsmittel nicht zugänglich sind. Es ist dies zunächst die Anwendung von Luftsäcken, die im Raum der Schiffe befestigt und alsdann ausgepumpt werden. Die Erfolge, die man damit erzielt hat, sind nicht bedeutend. Das größte Fahrzeug, das auf diese Weise gehoben wurde, war der Raddampfer „Prince Consort" von 607 Brutto-Registertons, der im Hafen von Aberdecn gesunken war. Das System hat den Nachtheil, daß es nur bei leeien oder fast leeren Fahrzeugen anwendbar ist, und ferner sind die Säcke sehr der Beschädigung durch scharfe Gegenstände, wie vorstehende Bolzen rc., ausgesetzt. Aucki mst der Anbringung von Caissons, die außen am Schiffe befestigt werden und aus denen dann das Wasser durch Luftpumpen ausgetrieben wird, hat man selten gute Erfolge erzielt. Die Befestigung der Behälter durch Taucher gelingt selten so, wie man es wünscht. Aus den vorstehend beschriebenen Methoden des Hebens gesunkener Schiffe wird der Leser eine oberflächliche Vorstellung von der Art und Weise, wie derartige Arbeiten ausgeführt werden, wie von den Schwierigkeiten, mit denen man bei diesen Arbeiten zu kämpfen hat, zu gewinnen vermögen. So groß auch die Bergelöhne sind, die zeitweilig für das Heben gesunkener Wracks bezahlt werden, so lassen sie doch selten für den Bcrger einen entsprechenden Profit. Die Anschaffung und Erhaltung des Materials stellen hohe Anforderungen, zudem werden die Bergungskontrakte stets auf der Basis „kein Erfolg, keine Bezahlung" abgeschlossen. Gelingt es dem Unternehmer nicht, das Wrack zu heben, so hat er all' seine Mühe und die großen Kosten umsonst gehabt. ->S-»WS«—- Der Pelz in der Mode. Pelz auf den Hüten, an Mänteln und Kleidern, Pelz an den Handschuhen, den Stiefelchen und Pantoffeln, Pelz an Fächer, an Handtasche und Portemonnaie! Die Preise selbst der kostbarsten Felle sind herab- gegangen, die Nachahmungen zu lächerlich billigen Preisen zu haben, so daß selbst die weniger Bemittelten sich eine wärmende Umhüllung anzuschaffen vermögen. Die luxuriösen Kreise haben wohl noch niemals sich einem derartigen srnbarras ckv rlokosos in Bezug auf Pelz gegenüber gesehen, wie in der abgelaufenen Wintersaison. Vor Allem ist zu erwähnen, daß man sämmtliche Pelzarten nicht mehr, wie früher, lediglich zu Besatz oder Futter verwendet, sondern sie als Außenseite der Kleidungsstücke (Oberzeug) trägt, was reich und prächtig aussieht. Für den Salon hat die Mode ein Rauchwerk in den Vordergrund geschoben, das lange Jahre hindurch lediglich Repräsentationszwecken bei Hoff und Staatsactionen diente: den Pelz der Kaiser und Könige, den Fürstinnen über das Parkett von Schloßsälen schleifen: den Hermelin. Die kaum handgroßen Fellchen sind von außerordentlicher Kostbarkeit. Sie sehen schneeweiß aus und tragen auf schwefelgelber Ansatzstclle das kohlschwarze Schwänzchen des reizenden kleinen Thieres. Nicht nur zur Verbrämung von Prunk-Toiletten und Abcndmänteln wird der Hermelin verwendet, ganze Kragen und Capes, sowie weitärmelige Jacken von wahrhaft fürstlichem Aussehen stellt man daraus her. Das Futter wird in lichter, abstechender Seide, in Damast, Brokat mit metallflimmernden Blumen gewählt, oder aber — und das ist der Gipfel der Eleganz — es besteht ebenfalls aus Hermelin. Nächst diesem Pelz gilt als das kostbarste Fellwerk der echte Kamtschatka-Biber (See-Otter), von dem ein tadelloses Fell 2000 Frcs. im Preise steht. Sein fein dunkles Haar hat einen fabelhaften, beinahe glitzernden Schimmer. In dritter Reihe erst folgt sibirischer Zobel; dies weiche, duftige,^ entzückend kleidsame Pelzwerk, das durch die dichte Stellung seiner seidenfeinen Haare erwärmt, wie kein anderes. Zobelfutter (als Neuheit wird 671 dazu Zobelklaue, Zobelkopf, Zobelkehle, Zobelseite verwendet) gilt als das allerleichteste und somit zu stoff- reichen Pelzen geeignetste. Seit zwei, drei Saisons hat sich die Mode eingebürgert, die kostbaren, an der Außenseite aus Zobel gefertigten Mantel und Capes mit den lose herabhängenden Schweifen des Thieres zu schmücken, was weniger geschmackvoll als originell erscheint. Höchstens als Franse kann man die sonderbare Zier gelten lassen. Zobel ist der vornehme Stroßenpclz xar sxoel- Isuov, erfreut sich aber auch zum Besatz eleganter Toiletten großer Beliebtheit. In schmalen, rundgebogenen Streifen tragen ihn die jüngsten Mädchen zu hellen Tuchkleidern. Wundervoll hebt sich sein warm getöntes Braun von perlweißem, goldgesticktem Atlas ab, sowie von purpurrothem, grünem oder lila Sammt. Der amerikanische Zobel ist bedeutend billiger als der sibirische, wird auch entsprechend geringer bewerthet. Im Range folgt nun der Silberfuchs oderderBlau- suchs, kostbares Rauchwerk, das jugendlichen Erscheinungen angemessener erscheint, als der ernsthaft aus- sehcndeZobel, aber gleich ihm nur gold- gefülltenHän- den erreichbar ist. Auch der Seeal (Biberseehund aus Alaska),dieser seit Jahren so beliebte und gesuchte Pelz, ist noch ziemlich theuer. Er gleicht prachtvollem Hochflor- Seidenplüsch von tiefbrauner Farbe und ist kurzhaariger, als die übrigen edlen Pelzsorten. In Folge dieser Eigenschaft ist er besonders zu eng die Gestalt umschmiegenden Jacken und Paletots geeignet. Auch wird er von Damen für Fahr- und Reisepelze bevorzugt. Man stellt ganze Ulsters, Kaisermäntel und Rotunden daraus her, auch das Futter vornehmer Herrenpelze. Etwas Weicheres, Schmeichelnderes als Seal kann man sich kaum vorstellen, und etwas Einfacheres auch nicht. Er gehört so recht der Jugend. Sehr begehrt ist der hochmoderne Astrachan neben dem sich immer noch in der Gunst behauptenden Persianer. Der Letztere gleicht dichtgelocktem Nege'haar, der Erstere sieht aus wie das Fell eines edlen, hingemordeten Neufundländers. Aeußerst apart und fesch nimmt sich ein Bolerojäckchen aus Astrachan mit malerisch weiten Aermeln zu hechtgrauem oder russischgrünem Tuch aus. Der Nerz, das dem Zobel ähnlichste, aber bedeutend vulgärere Pclzwerk, ist augenblicklich ebenfalls sehr beliebt und wird gleich seinem kostbaren Doppelgänger vielfach mit Schweifen garnirt. Als eine hervorragende Pelzsorte gilt der Biber. Sein etwas buschiges Haar ist lichtbraun und kurz. Auf der spiegelnden, gefrorenen Fläche macht dem 'Biber freilich der so beliebte und kleidsame Chinchilla (Haselmaus) Concurrcnz. Er ist ziemlich theuer, dabei nicht praktisch; denn das silberschimmernde Grau, das er ausweist, und das wie mit Schnee bestreut erscheint, färbt sich während des Tragens gelblich. Wer ein Pelzwerk von kräftiger Eleganz, das nebenbei fast unverwüstlich ist, erwähl n will, der sei auf den Skunks (Bär) hingewiesen. Zu Herrenpelzen äußerst beliebt, hält er sich seit Jahren in der Gunst für einfachere Confection, für Muffe, Kragen und besonders für Boas, wozu auch der elegante Marder sich vortrefflich eignet. Die weiterhin in Betracht kommenden Pelzwerke sind nicht theuer, zum Theil aber hervorragend kleidsam. Es sind: grauer Krimmer, Waschbär, Luchs, Goldfuchs, Iltis, Kasto- rette, Bisam und Kanin. Das Färben des Letzteren hat eine ganze Industrie hervorgerufen. Weißer Kanin ist für die Kleinen und Kleinsten beliebt. Der Febpelz einfach grau, sowie weißgrau, kommt nur zu Futterzwccken in Betracht. Milliarden der kleinen Fehthierchen müssen alljährlich ihr Leben lassen für die Eleganz und das Wohlbefinden der Damen. Besonderer Erwähnung als pompös aussehendes Futter und Garnirung für raantsanx äs dal verdient noch das langlockige, weiße Fell des Thibetschafes. Wie aus Schneeflocken zusammengeweht erscheint dieser Pelz. Er ist in allen Farbcn-Nuancen bis zum tiefen Schwmz hinab zu haben, obgleich es sonst das löbliche Bestreben der Pelzhändler ist, keine gefärbte Waare in den Handel zu bringen. Bei den ganz billigen Sorten läßt sich das freilich nicht vermeiden. (Luz. Vaterld.) Sega«. Vriginal-Aufnahme von Gustav Baader, Photograph in »rumbach. lvervielsLltigungireiht vorbehalten.; WM WW 672 Zu unseren Bildern. Großvaters Friseur. Einen so geschickten lieben kleinen Friseur, wie der Großvater, hat Niemand im Haus. D'rum ist der alte Mann auch kreuzvergnügt, weint nicht wie die Grete, wenn ihr die Mutter den dicken Blondzopf sträblt, sondern schmunzelt beim Fristren, als ob ihn Engelshände über den greisen Kopf strichen. Engelsbände stnd's auch im Grunde, wenn auch recht kleine, dicke, mit Grübchen versehene und nicht immer mit übertriebener Sauberkeit behandelte, die Händchen der kleinen, braunen Lori, des jüngsten Enkelchens des Alten. Gründlich thut das Kraus- köpfchen sein gutes Werk; mit der großen Kleiderbürste, mit der der Vater Sonntags den dunkelblauen Kirchenrock putzt, fährt sie über des alten Mannes kahlen Schädel und über die wenigen silberweißen Fäden, die ihm als letzter Ueberrest seines einstigen kräftigen Lockenwuchses verblieben sind. Als ihm vor fünfzig Jahren die Hand seiner jungen Liebsten bewundernd und kosend über den glänzenden Hauptschmuck strich, lächelte er auch; aber ob mit so freundlichem Behagen wie heute, bei LorchcnS Frisirversuchen? — Ich glaube nicht! KoUman-Kula. Die wilde, mordlustige Schaar, welche im Thale die Bataillone des Kaisers aufzuhalten gedachte, ist zersprengt. Die splitternden Granaten rissen weite Lücken in ihre Reihen, und vor den blitzenden Bajonnctten, vor dem donnernden Hurrah der Söhne Oesterreichs wandten sich die Bcgs zur Flucht. Ein Häuflein sucht Zuflucht in dem Thurm, der vom steilen Abhänge trotzig herniederstebt; wild und düster ist der Bau, ein Raubnest, ähnlich dem Horste des Geiers, dem Verwesungsgeruch entströmt. Altes zerfallendes Gemäuer, überbaut mit Holzwerk, unwohnlich und unheimlich, wie die Menschen, die hier Hausen. Unter Allahgeschrei sind sie ausgezogen, um gegen die Fremden zu kämpfen und die Christen zu tödtcn. Bei den Luken sieht man sie hängen, auf langen Stangen ober dem Dache sieht man sie schwanken: die Trophäen, heimgebracht vom Schauplatze eines hinterlistigen Ueberfalls. Der christliche Fübrer der Tragtbiercolonne büßte es mit dem Leben, daß er den Soldaten den Weg gezeigt. Doch die Rache naht jetzt. Im Sturmschritt drängen den Fliehenden die Soldaten nach, klettern den steilen Hang hinauf. Die Bergkanonen senden ihre Geschosse herüber auf das Raubnest. Einer nach dem Andern der wilden Gesellen sinkt, und Jene, die mit verzweifeltem Trotze da oben noch ausharren, Kugel um Kugel aus den langen Flinten versenden, sie werden wobl kaum den Abend des Tages sehen. Sie kannten kein Erbarmen und wollen keine Schonung, sie werden kämpfen, so lange noch Pulver und Blei in ihrem Sacke ist, so lange noch ein Winkel ist, der sie birgt, eine Luke, um das Gewehr hinauszustrecken. — Unser Bild stellt Soliman-Kula, auch Kara Kula oder Erna Kula (Schwarzer Thurm) in Klo- buk dar. Die Bergveste Klobuk in der Herzegowina, an der montenegrinischen Grenze gelegen, war eines der berüchtigtsten Raubnester, sie galt als uneinnehmbar und unzerstörbar, da sie auf steiler, schwer zugänglicher Felsenhöhe lag. Den schwarzen Thurm soll Soliman II. erbaut haben, er war von jeher einer der gefürchtetsten Gefängnißthürme und Richtstätte. An dem äußeren Geländergang von Eichenholz waren ringsum Fallthüren angebracht, durch welche gleichzeitig 16 Justificirte hinaus- gehängt werden konnten. Im letzten Aufstand wurden Alle, die es nicht mit den Türken hielten, hier aufgeknüpft, so daß oft ein ganzer Kranz von Gehenkten den Thurm umgab. Die Berg- vestc Klobuk mit dem Thurme, in welchen sich die geschlagenen Insurgenten der Herzegowina geflüchtet hatten, wurde von der österreichischen Artillerie innerbalb 3 Stunden in Trümmer geschossen. Heute ist das ganze Raubnest zerstört. Kega«. Die Pfarrkirche in Legau wurde erbaut, soweit bekannt, im Jahre 766; erweitert im Jahre 1785; eingeweiht 8nd titulo sauotorum blari^ram 6oräiani st 8pimaelü ; das Patrocinium ist am Gcdächtnißtage dieser Heiligen, am 10. Mai. Der Tag der Consecration und der Name des Consecrators ist unbekannt. Die Kirche hat 5 Glocken mit den Tönen 6, v, 8, 61, ist 44 m lang mit Einschluß des Chores, Länge des Chores 12 m, Breite des Schiffes 12 m, jene des Chores 8 m, die Höhe der Kirche (innen) 12 m ohne Säulen, Backsteingemäuer. Im Jahre 1890 wurde das Innere der Kirche im polychromen Stile reich bemalt, was einen Kostenaufwand von ca. 30,000 M. erforderte. Die Pfarrei zählt gegenwärtig 1700 Einwohner. —«Mies-- ALLerLeL. In der Geschtchts stunde. Lehrer »ocirend^: ..Und so hat das Volk die Eigenthümlichkeit, die Namen seiner Herrscher mit gewissen bestimmten Prädikaten zu schmücken, die die Eigenschaften der Herrscher auch für die Nachwelt in knapper Weise veranschaulichen, wie z. B. Friedrich der Große, Philipp der Schöne, Karl der Kühne .... Nun, sage Du mir einen andern solchen Herrscher mit einem Beinamen." - Erster Schüler: „Ludwig der Fromme." — Lehrer: „Schön, nun Du!" — Jtzig Kohn: „Gott der Gerechte!" -- Hkauöe. Wie ein Quell den müden Wand'rer Labt und seine Kraft erneut. Wie des Mondes freundlich Leuchten Uns in dunkler Nacht erfreut: Sei der Glaube dir ein Stern; Folge diesem Lichte gern! Wenn die Stürme dich umbrausen, Find'st bei Menschen du nicht Trost, Wenn du keinen Freund kannst finden, Dich der wilde Schmerz erloost: Lenkt der Glaube deinen Sinn Hoffnungsvoll zum Himmel hin. Was in deinem Herzen blühet Still verborgen, fromm und rein. Wird im Lichte wahren Glaubens Himmlischer und schöner sein: Denn der Glaube ohne Trug Adelt deiner Seele Flug. Dieses Gut laß dir nicht rauben, Bleibe deinem Glauben treu. Wenn du nie im Glauben wankest, Wird dir Gottes Huld stets neu. Wohnt der Glaub' in Herz und Sinn, Schaut Gott liebend auf dich hin. Bete, daß die große Gnade Wahren Glaubens bleibe dir! Wenn einst naht die letzte Stunde, Wenn dein Leben endet hier, Mög' dein Glaube fromm und rein Führen dich zum Himmel ein. F. W. Wierleuker. Kreuz-Aäthser. 1 2 3 4 1 wirst in Rom du finden, 2 ist bei Riesen stets, 3 ist die 4 von hinten Im Inhalt des Gebets. 1 2 erfreut die Sinne Als ein Symbol der Minne. 3 4, willst du es sehen, Mußt du zum Meere gehen. 3 1 kennst du als Flüßchen In einem fernen Land. 1 4 bringt dir ein Küßchen Schenkst du's der Frau galant. 4 2 wird gut gebunden In jedem Haus gefunden. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 85: Weiß. 1. D. 64—84 2. 82-81 3. S. 85—66 (64) Matt. Schwarz. T. 85-84: T. 84 (L. 62) — 84: HL 88. Ireitag, den 23. Oktober 1898. svür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas ,nd dos llleistei-lnrnivi 8 an Budapest nach der IX. Runde vom 17. Oktober I8S6. Rillsburr)' j-6'/z,lVinawery6'/z, Obarousek 15'/,, lsobigorin fö'/z. älbin -j- 5, LIaröcax p 4'/,, dannowskx f 4, lValdrodt j- 4, Schlechter p ö'/„ Dr larrasch s 3'/„ Nareo p 3, Dr. Koaf2, v. Lopiel p 1. — Die Dorren älaxin und ülakowota haben bei Beginn des lurniers ihre lbeilnabme wieder aurück- gerogen. — Luserlesene Lartien von diesem lurnier folgen demnächst. Die Kamen jener Schaebkrounds, welche unsere Endspiels und Broblcme richtig lösen sowie die Lösungen innerhalb drei lV »oben einsenden, werden stets an dieser Stelle vor- vlköutlioht. ä.IIes auf das Scbach Leaügliobo ist ausnahmslos au adressiren: ,.5n die Redaction dos äugsbnrgei'Sebkolt« blatt — dnkv ängustu — ängLbui-g." "UM « 89 . 1896 . „Augsburger Postxeitung". Dinstag, den 27. Oktober Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabberr in Augsburg lBorbesitzer vr. Max Huttler). „W a g d a." Zwölf Monate eines modernen Lebensbildes. Der Wirklichkeit nacherzählt von Beda v. Ballheim. (Fortsetzung.) April. — Frühlingsstürme. Mit jenem Aschermittwoch trat in Magda's innerem Leben eine große Veränderung ein. Sie blieb nicht mehr auf der Schwelle des Kirchleins, sondern eilte, so oft es ihr möglich war, ihrem kindlichen Herzen Genüge zu thun, zu Füßen der Himmelskönigin. Aber merkwürdig — sie wagte über dies Alles, wie sehr es sie auch bewegte, keine Frage an ihre Eltern. Die alte Marianne allein besaß ihr Vertrauen, und mit glühendem, unermüdlichem Eindringen in den einfachen Schatz der alten Magd entlockte sie derselben bald Alles, was diese selbst wußte. Die Alte war ein lebendiges Legendenbuch. In bunten Reihen führte sie vor des Kindes Blicken die hehren Helden und Heldinnen vorüber, welche mit Seligkeit in den Martertod gingen, um den Glauben an den Heiland, den iie lebend verkündet, sterbend zu besiegeln. Aus den einfachen Worten der alten Marianne schufen die lebhafte Phantasie und die natürliche dichterische Begabung der Kleinen eine farbenprächtige, strahlende Welt des Leidens und der Demuth. Wenn Magda des Abends in ihrem Bette die Augen schloß, begann die glücklichste Zeit. Dann war sie selbst in seligen Träumen, in einer Sehnsucht des Leidens um Gottes und der heiligen Jnng- frau willen und jener heiligen Ueberwinderinnen. Mit der wunderbaren Empfänglichkeit des kindlichen Nervensystems empfand Magda fast selbst die Schmerzen des Martyriums, das dann immer in einer unbeschreiblichen Seligkeit endete, wenn sie in den großen, wehenden, blauen Raum erhoben wurde, in welchem strahlend die Mutter Gottes schwebte. Diese streckte ihr die Hand entgegen, und Magda's Sinne verließen sie in der Seligkeit, dieselbe berühren zu dürfen. Auf das äußere Sein des Kindes hatte diese merkwürdige innere Arbeit einen bedeutenden Einfluß. Es war demüthiger, freundlicher und gehorsamer als sonst, und die Eltern fragten sich oft verwundert nach der Ursache ihrer Umwandlung. Sie ließen es gewähren, wenn es beim Schlafengehen und Aufstehen lange knieend betete. „Diese Zeit der Inbrunst liegt in jeder Kinderseele", sagten sie sich, „sie geht vorüber, um so schneller, je weniger dagegen eingeschritten wird." Als aber Magda's Vater dieselbe eines Tages überraschte, wie sie beim Beten das Zeichen des heiligen Kreuzes machte, verwies er ihr dies sehr ernsthaft; das sei Aberglaube und Unsinn und der Gottesähnlichkeit des Menschen unwürdig. Wie Brausen und Donnern tönten diese Worte in der kleinen, stillen Welt. Sie verehrte und liebte ihren braven und ehrenwerthen Vater aus ganzer Seele, — wie sollte sie diese ihrem unschuldigen Heiligthume so fremde Sprache damit vereinen? — Für die damals zwölfjährige Magda begannen dadurch schmerzliche Kämpfe. Sie wagte Niemand zu fragen, aus Furcht, mehr von sich zu verrathen, wie, ihrem Gefühle nach, verstanden werden konnte. Nicht einmal mit der alten Marianne getraute sie sich über diesen Vorfall zu reden, weil sie gehört, wie der Magd mit Entlassung gedroht worden war, wenn sie ferner dem Kinde ihren „Hocuspocus" lehren würde. In die Kirche schlich sie sich jedoch stets noch, wenn sie es irgend unbemerkt thun konnte, und betete dort mit solcher Inbrunst und oft so heftigen Thränen vor dem Bilde der allerheiligsten Mutter, daß dieses eigenartige Kind dem alten Geistlichen, welcher nur an bestimmten Tagen den Gottesdienst in dem Filial- orte abhielt, auffiel. AIs Magdg eines TageS auch wieder vor dem Altare kniete, ging er vorüber, berührte freundlich ihr langes Haar und sagte, auf das Bild deutend: „Fahre nur fort zu bitten, mein Kind, sie wird Dich erhören!" Ungefähr ein Jahr darauf beschlossen Magda's Eltern, das Mädchen zum regelmäßigen protestantischen Confirmandenunterricht in die Stadt zu schicken. Das war ein Donnerschlag. Jetzt faßte das zaghafte Kind ein Herz und gestand der Mutter unter strömenden Thränen, daß es eigentlich, so lange es denken könne, an die Mutter Gottes glaube, daß diese es immer zur Artigkeit gelenkt und getröstet habe in all' seinen kleinen Schmerzen und Bedrängnissen, und daß es ihm unmöglich sei, an einem Religionsunterrichte theilzunehmen, nach welchem dieser Glaube eine Sünde sei. Die Eltern erschraken tief. Von einer Konversion ihres einzigen Kindes konnte keine Rede sein. Ihre alten protestantischen Traditionen machten dies ebenso unmöglich, wie ihre, wie sie es nannten, durch die Pflege der Wissenschaft errungene humanitäre Klarheit. DaS Kind, dessen seltene Gaben ihr Stolz und ihre Freude waren, in die „Nacht des Aberglaubens" versinken zu sehen, 682 nein, lieber wüßten si- es im Grabe. Liebevoll, aber fest bestanden sie auf ihrem Willen. Traurige Tage begannen für Magda. Ohne die Eltern in ihrem Herzen anzutasten, richtete sie einen an Haß grenzenden Widerwillen gegen den aufgedrungenen ^ Religionslehrer, den Superintendenten jener Stadt. Die j ganze stolze Ungebundenheit, die brillante Schlagfertigkeit I ihres Geistes wandte sie gegen sein merkwürdig ungeschicktes Benehmen, das t« Verirren begriffene Schaf seiner Heerde wieder zuzuführen. Die fromme, reine Welt ihres kindlichen Glaubens erblaßte in diesem skeptischen Kampfe. Es trat die Kritik an die Stelle der Andacht und gerade das, was sie im Glauben befestigen sollte, machte sie — glaubenslos. Das fremde, vielfach anregende Leben in einer größeren Stadt, in welcher sie jetzt zu dem genannten Zwecke längere Zeit zubringen mußte, so ganz anders, als ihre eigenartig stille Kind- heitSwelt, führte sie zu neuen Anschauungen und Zerstreuungen. Sie war dabei nicht glücklich. Ihre reh- artige Unbefangenheit wich mitunter einer fast geschraubten Fremdartigkeit und, vas Aufsitzen, welches die selten musikalische Begabung und die körperliche Schönheit des großen, schlanken Mädchens machten, dessen Frühreife die fünfzehn Jahre nicht anzusehen waren, fing an verderblich auf Magda's innere Gestaltung zu wirken. Doch ihre heiße Seele konnte nicht ausdauern ohne Ideal. Die Ausbildung ihrer ungewöhnlich schönen Stimme brachte sie in Berührung mit dem Theater. Mit der ihr eigenen enthusiastischen Weise erfaßte sie diese bunte Flitterwelt, welche sie, wie Alles, mit ihren Idealen in sich vertiefte und verklärte. Trotz mancher innerlichen und äußeren Kämpfe fanden Magda's Eltern sich früher, als man hätte erwarten sollen, in eine theatralische Zukunft ihres einzigen Kindes. Das dringende Zureden einiger musikalischen Freunde und das durchweg glänzende Urtheil Sachverständiger über Magda's stimmliche und schauspielerische Begabung trugen dazu ebenso viel bei, als die unwahre, unserem vom falschen Humanismus getränkten Zeitalter eigene Anschauung, daß eine künstlerische Bethätigung an dem Theater in seinem gegenwärtigen Zustande ein edler Daseinszweck sein könne, während doch diese Welt des Scheines nach außen, der Lüge, Intrigue und Charakterentartung, nach innen besonders die Reinheit des Weibes unwiederbringlich verdunkeln muß. In der Charwoche eines an Gewittern und warmen Tagen ungewöhnlich reichen April sollte Magda confir- mirt werden und nach dem Osterfeste gleich in die Residenz zu einer befreundeten Familie übersiedeln, um dort bei einem berühmten Gesanglehrer ihre Studien zu vollenden. Sie hatte inständig gebeten, noch einen Tag in ihrem Heimathsdorfe zubringen zu dürfen, ehe sie am Altare ihren ersten Schwur leistete, dessen Wahrheit ihr Herz noch immer dringend verneinte. Einer der schönsten, mildträumerischen Frühlingstage fluthete mit dem ganzen Zauber der Erinnerung über das junge Mädchen, als eS den theuren Boden betrat. Von Ort zu Ort trug es hastig sein Fuß, voll athmete die Brust, und wie lauter von den Eindrücken der letzten Jahre nur überdeckte Keime und Blüthen sproß die Vergangenheit ihrer Seele in Magda wieder auf. Sie kam zum Bache. Drüben über dem Walde hing eine von Frühlingsthränen schwere Gewitterwolke — und vor demselben, da lag ja das Ktrchlein, mit seinen im ersten Grün glänzenden Gräbern! Mächtig bewegt, schaute sie zur Wolke auf. Auch in ihrer Seele hing eine solche. — Träumerisch shritt sie durch den Bach, nicht achtend seiner Wellen. Sie betrat den Kirchhof. — Wie nahe der Heimathl Thränen stürzten aus ihren Augen, ihre Brust durchdrang unnennbar wehe Sehnsucht. Zwischen den Gräbern wandelte still sinnend der alte Priester, den eine kirchliche Handlung in der Gemeinde hergeführt hatte. Einen Augenblick stutzte Magda, als sie ihn erblickte. Dann trat sie auf ihn zu. „Wollen Sie mir einen Augenblick schenken, mein Vater?" Er hatte sie schon lange gesehen. An der Hand führte er das zitternde Kind liebevoll in die Sakristei, und dort erschloß eS ihm in langer, stürmischer Wort- fluth alle Kämpfe, alle Schmerzen seiner Seele. Mit tiefem Ernste, feuchten Auges hatte er es angehört. Dann schwieg er im Gebete. „Vertraue auf den Allmächtigen, mein Kind", schloß er eine längere, eindringliche Zuspräche, „nimm' in Demuth die Prüfungen hin, die er Dir schickt. Seine Wege sind oft wunderbar. Ich will Dir eine Hilfe mitgeben auf Deinen schweren Pfad. Sie wird Dir immer nahe sein, verlasse auch Du sie nie!" Damit nahm er von seinem Halse eine silberne Medaille mit dem Bilde der „unbefleckten Empfängniß", küßte sie und hielt sie Magda hin, welche inbrünstig ihre Lippen daraufdrückte. „Sie ist vom heiligen Vater geweiht", fuhr er fort, indem er sie ihr umhing. „Und nun komm', mein Kind, ich will mit Dir beten." Unter den Blitzen des inzwischen heraufgezogenen Gewitters, während der warme Frühlingsregen an die Fenster schlug und der Sturm draußen die grünenden Fliederbäume an den Grübe« bog, in dem wildjauchzenden Auferstehungstaumel der Natur, knieten der Greis und das Kind unter dem schützenden Fittige des zitternden Kirchleins vor dem Marienaltare und beteten: „O, Maria, ohne Sünden empfangen, bitte für uns!" Magda's „Konfirmation" nach protestantischem Ritus hatte stattgefunden, und sie selbst befand sich in der Residenz zu ihrer Ausbildung für den dramatischen Beruf. Auch in ihrem äußeren Leben waren die letzten Wochen sturmvoll gewesen. Seit Monaten hatte ein Brustleiden des Vaters die Familie um so mehr beunruhigt, als gleichzeitig pekuniäre Verluste das bis dahin immer noch durch einen bescheidenen Wohlstand angenehme Leben im elterlichen Hause nun in die engsten Grenzen der äußersten Nothwendigkeit zwängten. Ohne die Unterstützung einer hochstehenden Gönnertn der Familie, der Fürstin Waldenau, wäre die Ausbildung des jungen Mädchens nicht möglich geworden. Alle diese Umstände aber legten Magoa die heiligst aufgefaßte Verpflichtung auf, mit allen Kräften dahinzustreben, baldmöglichst die Vorstufen zu überwinden und in der von ihr ebenso, wie von den Eltern und Freunden absolut ideal angeschauten Laufbahn zugleich die Befreiung ihrer Theuren von Kummer und Sorgen zu erreichen. Sie überwand daher tapfer die Bangigkeit und Aengstlichkett, welche sie den ihr fremdartigen Gewohnheiten und scharfgeschliffenen Gedankenkreisen der großen, absolut Protestantischen Hauptstadt gegenüber empfand, wie unsäglich ihr Herz auch darunter litt. Durch die 683 Verbindung ihrer Familie war sie in dem Hause eines Gelehrten, deS Professors Holth, untergebracht, welcher, durch seine Frau dem höheren Adel verwandt, in Gesinnung und Geschmack aber den humanistischen Ultras der liberalen Richtung angehörte, die besonders durch Würdigkeit und ungezwungene Herzlichkeit sie noch am meisten anzog. Es war einer jener kühlen Maitage, welche unS für das frühe Vertrauen in die Allmacht des Frühlings strafen und oft den Blüthenflor des Jahres heimtückisch 2WA WW MW U . ÄWUWN» WE MW UM WM MW Es AM M'-' '8-MZ ' - MW MMWWWKK8W KWM^WWWL ^MAMKWWWVMÄ AS§K Der Ainsgroschen. Nach dem Gemälde von Tizian. das in der ganzen Welt verbreitete und vielgelesene Witzblatt „Das Stachelschwein" vertreten waren. Auch Magda hatte schon einige Male Gelegenheit gehabt, in dem Hause des Hauptredakteurs desselben, des bekannten Literaten Dauß, zu Verkehren, und in dessen Frau das erste Geschöpf in der Fremde gefunden, dessen Liebens- tödten. Die Musikmappe am Arme, öffnete Magda in der späten Nachmittagsstunde die Thüre zu dem lauschigen Salon der Frau Dauß. „Darf ich?" fragte sie. j „Nur herein, mein Kind I" rief diese aus der Tiefe j eines Fauteuils, in welchem die zierliche Gestalt vor dem Kiutoretto an der Leiche seiner M. Nc iner M. Nach dem Gemälde von H. Koch 686 Kaminfeuer behaglich zusammengerollt lag, wie ein Kätzchen. „Ich vermuthe, Sie suchen Tante Holth. Sie ist nicht mehr hier, hat mir aber für heute Abend pfleg- mütterliche Autorität eingeräumt. Und nun näher, wein Liebling!" Damit streckte sie Magda ihre beiden Hände entgegen, welche freudig mit der zutraulichen Scheu des durch Menschennähe gezähmten Wildes auf sie zuflog. „Wie das Kind kalt ist", fuhr die kleine Frau in ihrer nachlässig liebenswürdigen Weise fort, indem sie mit anmuthiger Kopfbewegung das offen getragene Haar zurückwarf. „Wollen Sie mein Reh magnetistren, lieber Seifflich", wandte sie sich dann an einen kleinen Mann mit ausgesprochen semitischen Zügen, der, offenbar von Magda's blendender Erscheinung frappirt, ein in der Fensternische eifrig geführtes Gespräch mit der ältesten Tochter des Hauses, Laura, unterbrochen hatte. „Lassen Sie mich lieber Sie einander vorstellen." Der Name des berühmten Abgeordneten, welcher damals auf Aller Lippen war, goß tiefes Erröthen über Magda's Antlitz. Sie verbeugte sich, ohne Erwiderung auf seine Anrede zu finden, und wagte kaum einen schüchternen Blick auf die ausnehmend häßliche Gestalt, deren in jenen Kreisen hochgepriesenen Geist ihre lebhafte Phantasie in eine der Wirklichkeit durchaus nicht entsprechende äußere Erscheinung gekleidet hatte. „Mein Gott, wie kann man so klein sein, wenn man so groß ist!" flüsterte sie Frau Dauß zu, während Seifflich wieder zu Laura zurückkehrte. „Süperbes Geschöpf!" sagte er, den Blick noch immer auf Magda gerichtet. „Mentel" erwiderte Laura, auf die Stirne deutend. „Das ist nicht wahr!" rief ihre Mutter. „Das Kind hat eben ein köstliches Bonmot gemacht, das Ihr nun zur Strafe nicht hören sollt!" „Wird sich zeigen, wird sich zeigen!" rief einer der drei Herren, die in diesem Augenblicke im lebhaftesten Gespräche eintraten. „Ah! Seifflich — da ist ja der Fuchs, von dem man sprach!" so begrüßten sie mit eifrigem Hände- schütteln den Abgeordneten. Magda kannte schon das berühmte Redaktions-Trio des „Stachelschweines". „Was wird sich zeigen?" fragte Frau Dauß, ohne aufzustehen, dazwischen. „Ob dieser große Cato hier auch dabei bleiben wird, daß die Militärnovelle fallen muß." Rudolph Kohlberg strich seinen rothen Bart, als er dies sprach. „Wenn ihm aber die Regierung das goldene Kalb einer Jahresrevenue von zehntausend Thalern schlachtet, nebst einem eigens gestifteten Militärverdienst-Orden", sagte satirisch der dicke Pembes. Mit einem ungemein pfiffigen Lächeln, das seinem Gesichte einen vollkommenen Iltis-Ausdruck gab, sah der kleine Seifflich Jeden an. „Und was gebt Ihr?" sagte er dann. Alle, sogar Frau Dauß, brachen in lautes Lachen aus. „Bravo, großer Cincinnatl" rief ihr Mann, „wir geben nichts, denken aber von dem Gerichte goldener Rübenschnitten mitzuspeisen, welches Dir das dankbare Volk durch die Subscription vorsetzen wird und zu welcher unsere nächste Nummer alle Theile der Erde aufruft, so weit die deusche Zunge lallt. Wie ist's, Laura", wandte er sich an eine Tochter, „Du hast das Ding ja geschrieben ?" Das junge Mädchen war mit gespanntem Interesse dem Gespräche gefolgt. „Wirksam, Dicker!" antwortete es kurz und bedeutend dem Vater, den es in seiner höchst eigenartigen Auffassung zarter Kindesliebe so zu nennen gewohnt war. „Uebrigens", sprach Pembes, „hat der kleine Fellheim, was kann kaufen oie Welt und alle Kunst, den Reigen schon eröffnet mit zehntausend Thalern, Baruch- leben folgt mit sechstausend, es dürfte eine reiche Ernte werden — nun, Cäsar am Rubicon?" „Theure Mitesser, denn das seid Ihr doch auf alle Fälle, wenn es Geld heißt." „Selbstverständlich!" bestätigte ein Unisono. „Vergeht nicht, daß in dem Führer Eurer Partei das Ideal eines Volkstribunen vor Euch steht — unbestechlich, stets nur das Gesammtwohl erwägend! Schießt Eure Appellation schleunigst los, unter dem Eindrucke der Subskriptionsliste werde ich uneigennützig und unparteiisch untersuchen und handeln! Uebrigens", fuhr er unter dem Gelächter der Anwesenden fort, „schwebt mir augenblicklich ein Gut vor, welches mir alle Ueber- legung raubt und das zu erlangen ich zu jedem Opfer fähig wäre l" Seine Augen suchten dabei verstohlen Magda, welche, an dem Fauteuil der Frau Dauß lehnend, halb erstaunt, halb träumerisch diese ihr durchaus unverständlichen Dinge anhörte. Ein faunisches Lächeln flog über die Gesichter der drei Männer. Laura zuckte ungeduldig die Schultern. „Lass' ab, verirrter Cato", spottete Pembes. „Deine Leidenschaft könnte Dich sonst mit Säbel und Pistolen in nähere Beziehungen bringen, als Dir trotz Deines eventuellen Militärverdienstordens irr sxs lieb sein würde!" „Die Fürstin Waldenau läßt die Kleine ausbilden", flüsterte Dauß dem kleinen Abgeordneten ins Ohr, der eine unüberwindliche Antipathie gegen Waffen jeder Gattung hatte, „und der bekannte componirende Attache Baron Faurier überwacht im Auftrage der Fürstin Magda's Studien; übrigens rein platonisch, wie ich sicher ermittelte." „Nein, das ist zu toll!" schrie jetzt hastig, die Thüre aufreißend, ein untersetzter Mann, dessen langes, schwarzes Haar ein blasses, eckiges Gesicht umflatterte, „der alte Filz läßt sich lieber übermorgen mit dieser blutigen Satire achtzigtausend Mal abdrucken, ehe er zahlt!" Damit warf er ein Blatt auf den Tisch,j welches einen bekannten Großindustriellen der Residenz in verwunderlicher Position sehr treffend skizzirt zeigte. „Was — nicht die elenden fünfhundert Thaler?" „Und unsere Waldmeisterbowle?" „Und der Executor, der mir morgen droht?" So rief es in dem Kreise durcheinander. „Gemeines Gesinde!I Kein Respekt mehr vor der Presse; aber nun soll er doppelt daran!" (Fortsetzung folgt.) -—- Goldkörner. Wahrheit ist das leichteste Spiel von allen; Stelle dich selber dar, Und du läufst nie Gefahr, Aus deiner Rolle zu fallen. -- Rückert. 687 Ein Lindaurr Kind als Missionär für Afsam in Asien. I'* Von einigen Seiten ist der Wunsch geäußert worden, es möchte Näheres mitgetheilt werden über den Missionspriester, welcher am Sonntag den 11. ds. Mts. sowohl im Arbeitervereine wie im Kath. Casino verschiedene Skioptikonbilder mit Erklärung vorgeführt hat. Es ist der aus Lindau i. B. gebürtige k. Pius M. Steinherr, Priester der Gesellschaft des göttl. Heilandes. Von 1892 bis 1896 im Frühjahr bekleidete er im Marien- colleg genannter Gesellschaft in Tivoli bei Rom die Stelle eines Lateinschullehrers, versah nebenbei das Amt eines Bibliothekars und Ceremoniars des Collegs und half in der Seelsorge der Stadt Tivoli aus. Das Colleg unterliegt baulichen Veränderungen, und so ward im Frühjahr die Schule in's Hauptcolleg nach Rom übertragen, während k. Steinherr ebendort inzwischen das Amt des Ceremoniars übernahm. In den Tagen des Juli und August begleitete er den von Assam in Ostindien eingetroffenen apostolischen Präsekten Hochw. ?. Angelus Münzloher bei seinen Ausgängen in Rom und ließ sich nach Einziehung der verschiedensten Mittheilungen über die Mission bestimmen, um die Versetzung dorthin nachzusuchen, und erhielt nach Ablegung des hiefür erforderten Examens bei der Propaganda am 24. August die Ernennung zum apostolischen Missionär für Assam nebst den diesbezüglichen Vollmachten. Die Abreise dürfte im Dezember oder Anfang Januar erfolgen. Diese Mission umfaßt die ostindischen Provinzen Assam, Bhutan und Manipur, von welchen Bhutan noch selbstständig ist. Die Mission zählt mehr denn 7 Millionen Seelen, welche meist noch dem Heidenthum angehören und der Früchte der Erlösung theilhaftig gemacht werden sollen. Sie zeigen vielerorts großes Verlangen nach dem Lichte des Christenthums und bitten um Priester und Katecheten, welche ihnen aber aus Mangel an Mitteln noch nicht in gewünschtem Umfange zugetheilt werden konnten, denn die Spesen sind enorme und die Mittel geringe. Zuschüsse kamen allerdings schon vom Ludwigsmisstonsverein wie auch von Paris und Lyon, aber es reicht bei weitem nicht aus, das ungeheure Gebiet erfolgreich zu bearbeiten. Mit den Unterstützungen von Frankreich und München und jenen opferwilliger Christen haben die wenigen Patres ordentlich gewaltet und gearbeitet und auch nennenswerthe Früchte errungen. Dabei stehen bleiben zu wollen, hieße aber den Rückgang des Werkes wollen. Das zu verhüten, geschehen seitens der Missionäreimmer wieder neue Opfer und neue Anstrengungen, die oft ganz bedeutende sind. Mancherlei über das Wirken der Patres findet der geneigte Leser im „Missionär" und in den verschiedenen Jahrgängen des Apostelkalenders, der namentlich für 1897 hübsch ausgestattet und sehr interessant ist (Preis 60 Pf.). — Wir sind von k. Steinherr ganz abgekommen. Wir wollten noch bemerken, daß auch er die Kosten der Expedition und der vierwöchent- lichen Reise nicht aus der Luft greifen und bezahlen kann. Viel Geld kostet die Einrichtung für die im Bau begriffene Kirche der Station Raliang, welche I?. Pius beziehen wird. Der bereits dort arbeitende k. Thaddäus Hofmann aus Würzburg klagte vor Kurzem seine Noth und theilte brieflich mit, daß er Gefahr laufe, wegen Mangels an Mitteln den Bau der Kapelle einstellen zu müssen. Die ganze Einrichtung von Raliang's Nothkapelle besteht im Reisealtarkoffer, welcher nur das Aller- nothwendlgste an Paramenten enthält. Viel Geld kosten Bücher, Wäsche u. s. w. — denn was nicht mitgenommen wird, ist in dem von aller Civilisation ganz abgeschlossenen Raliang (in den Khasi-Hügeln AssamS) durchaus nicht erhältlich. Es müssen Schreiner-, Schlosser-, Maurer- und Gärtner-Werkzeuge mitgenommen werden, und jeder weiß, daß man sie schwerlich umsonst bekommt, in Assam aber gar nicht. Ganz besonders liegt aber den Patres die Erhaltung des Waisenhauses von Raliang, das ca. 30 Knaben birgt, am Herzen, weil sie große Hoffnung hegen, nach guter Erziehung und Heranbildung derselben zu wackeren Katholiken später vermittelst derselben auf das übrige Volk bedeutend einwirken zu können. Woher aber sollen die Mittel für Schulunterricht, Kleidung, Nahrung rc. der armen Knaben gewonnen werden, zumal die Landwirthschaft dort zu Lande noch sehr zurücksteht. Auch eine kleine Druckerei ist absolut nöthig, um den beständigen Wühlereien der methodistischen Presse entgegentreten und das Volk im Glauben schützen zu können. Die engl. Prediger bieten im Grund genommen viel mehr Schwierigkeiten als das Khast-Volk selbst. Aber wiederum — die Mittel dazu, woher sollen sie genommen werden? Die Almosen der Gläubigen sind unzureichend, zumal diese Misston in Deutschland eigentlich verhältnißwäßig noch wenig bekannt ist. Und soll sie etwa blos wegen Geldmangels aufgegeben, — die Neuchristen sich selbst überlassen und der Gefahr des Rückfalles in's trostlose Heidenthum ausgesetzt werden? Mit nichte» I Nie und nimmer. Aber darum bitten wir auch ebenso dringend wie inständig, jetzt dem k. Pius Steinherr noch Mittel zu überweisen, damit er nicht mit leeren Händen seine Missionsstation betritt, für deren Wohlergehen er bereit ist. Alles zu opfern: seine Schule in Tivoli, an der sein ganzes Herz hing, und seine Heimath und das alternde Mütterlein und den Bruder und kurzum Alles zu verlassen und Gesundheit und Leben auf's Spiel zu setzen. Und könnten die Bayern einen Bayern im Stiche lassen? k. Pius nimmt sowohl Geldmittel wie Gegenstände, Geräthe und Instrumente an, zumal es leichter expedirt werden kann, wenn er's selber über das Meer mitnimmt. Geld und anderes kann, wer ein gutes Herz hat, am besten nach Lindau im Bodensee senden (Kirchgasse 7). Werkzeuge für Gärtner, Schuster, Schreiner, Schlosser und Maurer, Tuch und Leinwand, Sämereien, Kirchen- geräthe, Bücher und Geldmittel können dorthin übersandt werden. Es wird alles Geschenkte seine Reise machen bisBombay, Calcuita, den Fluß Brahmaputra hinauf bis nach Raliang und wird im edelsten Dienste, den es geben kann, Verwendung finden. Man sage nicht engherzig: wir haben für's Inland genug zu thun I Inland ist die ganze kath. Kirche auf Gottes großem, weitem Erdboden, und nirgend findet sich wohl solches Bedürfniß für Unterstützung wie gerade in manchen Missionen und darunter auch die von der Gesellschaft des göttlichen Heilandes anno 1890 übernommene Mission Assam-Bhutan-Manipur im fernen Asten. Gott wirds reichlich lohnen! 688 Allerlei. , ** Eine neue Abonnements-Einladuna bat ^ ein geschickter Buchdrucker iu folgender Form erfunden: > Warnung. Ein Mensch, der keine Zeitung liest, ist auf das Tiefste zu bedauern. Er weiß nicht, was in der Welt vorgeht, er kann nirgends mitreden und wird vielfach von Andern bei Unterhaltungen ausgelacht. Immer wird er als ein nur halb- oder gar ungebildeter Mensch behandelt, er erfährt nichts über die geschäftlichen Verhältnisse, wird in Folge dessen mich überall übervortheilt und kommt so immer mehr und mehr herunter. Hat er dazu nun auch Frau und Kinder, so wird er ein rechter Haus- tnrann, da er nicht, ivie viele Andere, über der Lektüre im Familienkreise die täglichen Sorgen vergißt und sie seine Angehörigen mitfühlen läßt, so daß er sich und auch seiner Familie sehr zur Last wird. Schließlich sieht er dann so aiis, wie wir ihn hierneben abgebildet haben. Das Bild ist das Porträt eines jener Unglücklichen. * Eine neue Zeitrechnung. Während Amerika und England auf dem Gebiete des Maß' und Gewichtssystems, letzteres auch noch dazu in seinem Münzwesen, sich absolut nicht dem fast überall eingeführten Dezimalsystem zur Vereinfachung der Rechnungen anzuschließen geneigt sind, geht bezüglich der Zeitrechnung von Amerika eine Neuerung aus, die von England auf das Wärmste unterstützt wird. Darnach soll das Jahr in 13 Monate getheilt werden, von denen die ersten zwölf je 28 Tage, der dreizehnte jedoch 29 resp. 30 Tage haben sollten. ES würde hierdurch der gewiß nicht zu unterschätzende Vortheil geschaffen, daß in sämmtlichen Monaten eines Jahres die Tage der Woche stets auf dasselbe Datum fallen würden, was in vielen Beziehungen ganz beträchtliche Vereinfachungen und Erleichterungen bieten würde. Seitens der Anhänger dieser Zeitrechnung, zu denen gewiß auch viele Angestellte gehören dürften, wird schon jetzt große Propaganda hierfür gemacht, und soll diese Frage gelegentlich der nächsten Pariser Weltausstellung einem internationalen Congresse unterbreitet werden. Ob sich die anderen Staaten für diese Umwandlung der Zeitrechnung erwärmen werden, bleibt noch eine große, kaum zu bejahende Frage. * Die Begründung. A.: „ES ist unrecht von Dir gewesen, daß Du mir neulich die 20 Mark nicht pumptest; bei Freunden soll immer Einer dem Andern helfen!" — B.: „Hm — Du willst aber immer der Andere sein." -««»es—- Zu unseren Bildern. Her Jinsgroschen. Am 22. Sonntag nach Pfingsten wird das Evangelium vom Zinsgroschcn verlesen. Die Pharisäer wollten dem göttlichen Heilande eine Falle stellen, um ihn entweder beim Judenvolke, das dem römischen Kaiser die Steuer nur widerwillig zahlte und sogar behauvtete, das sei ihm verboten, zu dis- kreditiren, wenn er die Zahlung der Steuer anbefabl, oder ihn wegen Aufwiegelung den Römern denunzircn zu können, wenn er die Juden in ihrem Vorhaben der Steuerverwcigerung bestärken sollte. „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was GotteS ist!" Damit hat Christus di« Frage entschiede». Das berühmte Tizian'sche Bild hält den Moment fest, in welchem ein Pharisäer dem Gottessöhne den Zins- groschen vorzeigt und Christus die Antwort gibt. Tintoretto an der Deiche seiner Tochter. Im gewöhnlichen Gange der Natur steht die Jugend klagend am Todtenbette derer, denen sie das Leben verdankt, doch in Gottes unerforschlichem Rathschlusse ist häufig ein Anderes beschlossen. Wie ein kalter Reif der jungen Maicnpracht nicht selten ein jähes Ende bereitet, so tritt auch der kalte Tod oft an ein junges Menschenleben heran, das sich kaum noch zu blühender Knospe entfaltet hat. Noch nie hat Meister Tintoretto, der so oft als Porträtmaler in Anspruch genommen wurde, so ungern zum Pinsel gegriffen, wie heute, da er an der Leiche seiner Tochter steht, um sie, die er schon so oft gemalt, zum allerletzten Male zu Porträtiren. Für immer find die lieben Augen, die ihm sonst so dankbar entgegenstrahlten, geschloffen; leblos find die Hände, die ihm liebend die Wangen streichelten und der Mund, der ihm des Tages Last durch fröhliches Geplauder leichter machte, ist still und ruhig geworden für immer. Ihr ganzes Leben läßt sich der alte, schwergeprüfte Vater nochmals, im Geiste vorübergehen, um ja keinen Zug derer, die sein Stolz und seine Hoffnung war, auf dem Bilde, das ihm nunmehr allein noch von ihr bleiben soll, zu vergessen. - Nimmelrfcllau im Monat November. —1. Merkur ist Morgenstern, aber für das unbewaffnete Auge nicht sichtbar. Venus Z im Skorpion und Schützen wird als Abendstern sichtbar, geht aber schon 1 bis 2 Stunden nach der Sonne in SW. unter. Mars L geht abends 7 U. auf, wird sehr hell und ist rückläufig im Stier nahe den Zwillingen, nördlich von Orion. Jupiter H wird Heller und geht anfangs 1 U>, zuletzt 11 U. nachts im Löwen auf. Saturn H kommt gegen Mitte des Monates in Conjunction zur Sonne und wird unsichtbar. Am 13. findet der Sternschnuppenfall der Leoniden statt, besonders in später Nacht. Diese Sternschnuppen waren bisher selten, nehmen aber jetzt an Anzahl zu, da sie 1899 das Maximum ihrer Häufigkeit erreichen, wie dieses in den Jahren 1833 und 1866 der Fall war. In der Nähe des Mondes befinden sich Merkur am 4.; Saturn am 5.; Venus am 7.; Mars am 22.; Jupiter am 27. -—t«8!4—- AritHmogripy. 13 4 13 gibt schönen Klang, 2 6 5 3 steck' nie in fremde Sachen, 3 4 5 3 2 im Blut und in der Erde, 4 5 4 5 Gottheit eines alten Volkes, 5 3 4 2 3 in Frankreich, 3 113 braucht der Landmann, 2 3 4 1 3 was übrig bleibt. 6 5 4 3 2 der Menschheit Wiege, 7 2 5 4 2 2 soll Niemand reden. Sind die Wörter richtig gefunden, ergeben ihre Anfangsbuchstaben im Zusammenhang den Namen eines um Deutschland hochverdienten Feldherrn. Auflösung des Kreuzräthsels in Nr. 87: Ro sen Eb be «om, Riesen, Gebet. Rosen. Ebbe. Robe, Ebro, Besen. --EZS-- « 9V. Areitag, den 3V. Oktober 1896. s?ür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). „Magd».« Zwölf Monate eines modernen Lebensbildes. Der Wirklichkeit nacherzählt von Beda v. BallheiM. (Fortsetzung.) Der eben Angekommene, Julius Wischek, der geschickte Zeichner der berüchtigten Caricaturen deS „Stachelschweins", stürzte zum Tische. Mit wenigen Strichen tauchte eine zweite Figur neben der ersten auf — eine weibliche. „Sublime!" rief Seisflich. „Ja, sie zahlt!" schrien die Anderen. „Schnell zu ihr; aber fordere taufend Thaler!" „Im E.nst, Kinder", sprach Dauß, während der Maler forteilte, „so kann es nicht fortgehen, wir leben nur noch vom Deficit, trotz derachtzigtausend Abonnenten!" „Das infame Eisenbahn-Unrernehmen ist's, das uns jetzt ganz aufsitzen läßt!" warf Kohlberg dazwischen. „Und vorerst keine Hoffnung auf Besserung", ent- gegnete Dauß, einen Brief entfaltend. „Da lest selbst. Mein Sohn ist in Verzweiflung über das tiefgehende Interesse, welches die hohe Regierung jetzt den Arbeiten widmen zu müssen glaubt." „Kann man ihr eigentlich nicht verdenken", lachte PembeS. „Vier Dammrutschungen und ein Brückeneinsturz in der ersten Betriebswoche des ersten Viertels der Strecke!" „Wir waren zu hitzig", sagte Kohlberg, den Brief, welchen er mit Interesse gelesen, seinem Kollegen reichend, „jetzt muß entschieden für einige Zeit solider gebaut werden, um nach allen Seiten hin Beruhigung zu geben; dann kann's ja wieder nach alter Manier weitergehen; unsere Presse thut ohnehin Alles, die fatalen Geschichten zu vertuschen." „Hoffentlich bringt zunächst Wischek die tausend Thaler für sein Stillleben", sprach Dauß. „Ueberdies muß der alte Stachelschweinvater, unser würdiger Verleger, wieder einmal in die gespickte Lasche greifen und mir aus der fatalen Lage helfen, welche mich sonst morgen aus diesem goldenen Käfig auf die Straße wirft." Frau Dauß hatte mit ihrer liebenswürdigen Nonchalance Seisfllch und Magda während dieser Scenen in ein lebhaftes Gespräch gezogen. „Ich vermuthe, Pembes", sagte sie jetzt, als die eifrige Unterredung der Anderen einen Augenblick schwieg, „daß Sie Hunger haben?" „Wie Sie in die Tiefen schauen, holde Zauberin; aber wo fließt noch unser Pactolus?" „Wenn Sie etwas Neues wissen aus Ihrem Ressort, eine pikante Medisance, eine medisante Pikanterie, so sollen Sie essen", war die feierliche Antwort. „Das Neueste dieses Genres kennen Sie vermuthlich schon, die „Carriere über Nacht" der kleinen Bcllan- zini, rsots Blanztg. Gestern noch verlorenes Gänschen im Chor, tritt sie übermorgen als Dinorah im Neustädte! Theater auf." Magda, aufmerksam geworden, wandte den leuchtenden Blick auf den Sprecher. „Ja, wie denn das?" sagte sie, „Andere brauchen doch Jahre zu diesem Schritt?" „Sie zum Beispiel nicht, mein Fräulein", wandte sich der kleine Abgeordnete zu ihr, „mit Ihrem Exterieur beherrscht man die Zeit, ohne alles Studium, selbst ohne Stimme." „Sagen Sie ihr das doch nicht", unterbrach ihn Laura, „das geht über ihren provinzialen Horizont. Wie war es mit der Bellanzini, lieber Pembes, wer prote- girt sie?" „Eine sehr, sehr hohe Persönlichkeit, mein Kind." Das „Kind" richtete sich auf und warf einen Blick i auf ihre prachtvolle Haarmähne, welche sie offen, gleich I der Mutter, umwallte. Der dicke Pembes spitzte belustigt den Mund. „Hat auch schon Equipage", fuhr er fort, „und Diamanten" — Da ging die Thüre auf, und ein Kellner mit weißverdecktem Eßkorbe trat ein, hinter ihm jubelnd die drei jüngeren Kinder Dauß'. Auch Laura stürzte hervor. „Ah, seht nur, seht nur, Pasteten, Salm und Hummern, Rheinwein zur Waldmeisterbowle, Champagner!" so riefen die vier Mädchen durcheinander und packten, zur kaum versteckten Belustigung des Trägers, die Speisen aus. „Die Antwort Wischek's! Das sieht ihm gleich. Hat also Erfolg gehabt mit seinem Stillleben!" Zugleich erschien auch eine dienende Hebe, ein großes Tablet mit Gläsern tragend. Im Augenblicke, wo sie es auf den Tisch stellen wollte, kniff Kohlberg sie unversehens in den fetten Arm. „Herr Gott!" schrie sie auf, und die Gläser klirrten zu Boden. Da richtete sich Laura mit ernster Würde auf. „Herr Gott? Wer ist der Herr? Ist mir nicht vorgestellt! Veraltete Institution! Räume das Zeug fort, und bringe andere Gläser, schnell!" „Deine Tochter, Dauß", lachte Kohlberg, „die kommt nicht aus der Fassung!" Magda hatte sich in diesem allgemeinen Tumulte betäubt und mit einem ängstlichen Gefühle auf die Veranda zurückgezogen, welche auf einen reich blühenden Garten hinausging. So sehr Frau Dauß' liebenswürdige Herzlichkeit ihr in dem neuen Leben fast erdrücktes junges Gemüth anzog, so unverständlich und verwirrend war ihr der ganze Ton im Hause, welcher mit dem ruhigen, taktvollen und doch geistig regsamen der Heimath in absolutem Widersprüche stand. Und doch befand sie sich jetzt in der blendenden Welt, in welcher die Ideale ihrer Seele sich verkörpern sollten, doch waren diese Menschen die berühmten Koryphäen geistigen Lebens, die „Träger der Kultur"! Als sie einst leise Fragen über das, was ihr in jenen Kreisen unstatthaft erschien, an ihre Pfleger zu richten wagte, antwortete man ihr, sie dürfe über geistig so hoch über ihr Stehendes nicht urtheilen, weil sie eS nicht begreife, da hinten in der Provinz habe man veraltete Anschauungen und verrottete Ideen von Leben und Streben. In der frischen, scharfen Luft fühlte sich Magda wohl. Kalt und freundlich lag der letzte, rothe Tagesschein auf den schauernden Blüthen, welche, in ihrem Erstaunen über die unsanfte Berührung ihres Freundes Mai, das Duften vergaßen. Magda's Blick flog über den Blüthenschnee der Baumkronen. „Morgen können sie alle erfroren sein", dachte sie, und eine wehe Ahnung berückte ihre Seele. Sie lehnte an der Brüstung der Veranda, den Kopf gegen einen der beiden Orangenbäume gestützt, die Niemand gegen die kommende kalte Nacht zu schützen gedachte, und schloß die Augen, wie, um innerlich klarer zu schauen in dem Tumult ihrer Brust. Da fühlte sie sich plötzlich umschlungen, ein glühender Kuß brannte auf ihrem Munde, und eine heiße, zitternde Stimme flüsterte: „Wunderbares Geschöpf, ich liebe Dich." Wetter kam er nicht, denn mit einem Schrei sprang Magda empor und starrte mit wildem Ausdrucke in das leidenschaftsglühende Antlitz des kleinen Abgeordneten. Wie sie hinaus in den Garten und durch ihn auf eine ihr fremde Straße gekommen, mußte sie nicht. Nath- loS, zitternd war sie unbewußt in einen Thorweg getreten, um vielleicht Jemand zu finden, der ihr einen Wagen verschaffen könne, um schleunigst nach Hanse zu gelangen.' Als sie noch zögernd ihre außergewöhnliche Situation überlegte, kam ein hoher, eleganter Mann die Treppe herunter. Er sah sie erstaunt an, ein ironisches Lächeln erstarb auf seinen Lippen, als er Magda erkannte. „Mein gnädiges Fräulein, wie kommen Sie hierher?" fragte er gespannt. Sie hob den Kopf. „Herr Baron", stammelte sie, „o bitte, wenn ich nur einen Wagen hätte, um nach Hause zu kommen, ich war bet Dauß' — ich mag dorthin nicht zurückkehren, — nach Hause, ach, nach Hause!" Einige Minuten später saß Magda in einem Wagen, der fie und ihren Schützer, den Baron Faurier, ihrer Wohnung zuführte. Faurier hatte mit vollendetem Takte keine weitere Frage an sie gerichtet. Stumm und zitternd, in tiefer, innerlicher Scham und Erniedrigung saß sie neben ihm, und ebenso suchte sie ihr Zimmer auf. Nur ein Gefühl bewegte sie, war ihr klar, fort, fort in die reine Heimath, an daS Mutterherz, und wie eine Vision zog der alte Priester an ihr vorüber. Unter strömenden Thränen schrieb sie sofort an ihre Eltern, Alles, Alles, was so lange in ihr quälend wie ein dumpfer Traum gelegen. „Laßt mich nach Haufe, um Gotteswillen, meine Theuren!" Das war der Schrei aus jedem Worte. Sie hörte nicht, daß Frau Professor Holth, welche sich umsonst bemüht hatte, das Räthsel ihrer unerwarteten Rückkunft unter so eigenthümlichen Umständen zu ergründen, leise eintrat, und sich über sie beugend, ihren fliegenden Schriftzügen folgte. Jetzt legte sich die knöcherne Hand der Dame auf das Papier. „Das wirst Du nicht abschicken, mein Kind", sagte sie ruhig, indem sie den Brief zerriß. „DaS Leben Deines Vaters" — dabei legte sich ihr kalter, grauer Blick wie Schnee in des Mädchens Seele — „Deiner Eltern sorgenfreies Alter darf an Deiner Empfindelei nicht zu Grunde gehen!" Als nach einer Stunde die Frau Professor das arme Kind verließ, lag dieses gebrochen auf den Knieen — ein Opfer kindlicher Liebe. Während draußen die kalte Mainacht launisch daS warme Blüthenleben erstarrte, war Magda's thränen- müdes Haupt aus die Kissen gesunken. Im Traume umhüllte sie ein dichtes Schneegestöber, wankend strebte sie auf unebenem Boden vorwärts, zu einem milden Scheine, der in weiter, weiter Ferne durch den fallenden Flocken- schleier strahlte. In heißer Sehnsucht hob sie die Hände, der zitternde Fuß versuchte zu eilen, aber von Neuem peitschte ein wilder Sturm Eisstücke in ihr Antlitz. Endlich brach sie erschöpft zusammen, vor ihrem ersterbenden Blicke aber erglänzte das Marien-Bild des KirchleinS ihrer Heimath mit der Inschrift: „Q, Maria, ohne Sünden empfangen, bitte für uns!" Juni. — Das Verhängntß. Drei Jahre später saß in dem eleganten Unter- richissalon des berühmten Gesanglehrers Professor Bath- now-Lusson, im eifrigsten Gespräche mit diesem, der Redakteur Dauß, die Seele des „Stachelschweines". „Einigen wir uns, lieber Bathnow", sprach derselbe, „es nutzt Alles nichts, die Harkhoff muß absolut nächsten Monat in H. singen." „Ich habe Ihnen aber doch eingehend bewiesen, daß ihre Ausbildung noch nicht fertig ist", entgegnete der Professor erregt, «vor Herbst kann ich ihr nicht erlauben, öffentlich aufzutreten, mein Ruf als Lehrer, meine künstlerische Ehre —" „Theuerster", fiel ihm der Andere lachend ins Wort, „keine Phrasen mir gegenüber, wir sind ja unter unS! Ihr Ruf als Lehrer sott in unserer Presse neuerdings — zum xten Male — herausgestrichen werden, daß er glänzt wie gewichste Stiefel. Ihre künstlerische Ehre aber wird sich in diesem Falls mit der Aussicht auf die große, goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft zufrieden geben, die wir Ihnen vorn Fürsten verschaffen." „Erlauben Sie, verehrter Freund —" „Schlagen Sie ein, abgemacht", schnitt Dauß, sich erhebend, jeden weiteren Einwand ab, „wird sind ohne» 6S1 hin generös, — Sie misten ja selbst, was Reklame „überm Strich" sonst kostet! Morgen stellen Sie die Harkhoff dem Intendanten vor, und die Angelegenheit ist erledigt." Der Professor nahm die dargebotene Hand an und geleitete den Redakteur durch einen zweiten, kleineren Salon zu einem ebenfalls luxuriös ausgestatteten Vorzimmer, in welchem mehrere der zahlreichen Schülerinnen Bathnow's dem Winke des Meisters harrten, um dann eine Viertel-, höchstens eine halbe Stunde des kostbaren, theuer erkauften Unterrichtes theilhaftig zu werden. Auch Magda befand sich unter denselben. Die Zeit, welche feit jenem Mai-Abend verflossen war, hatte auf ihre äußere Erscheinung eine mächtige Wirkung ausgeübt. Sie war eine voll aufgeblühte, imponirende Schönheit geworden, die, trotz gewandter Bewegung, dennoch den rehartigen Reiz ihres Wesens nicht verloren hatte. Freudig begrüßte sie ihren „väterlichen Freund", den Redakteur, und folgte dann dem Professor in das Unterrichtszimmer. „Nun, lieber Professor", sprach sie, „wie steht es mit dem Engagement nach H.S Sie wissen, ich lege die Entscheidung ganz in Ihre Händel" „Es hat mich große Ueberwindung gekostet, dem Drängen Ihrer Freunde nachzugeben, mein Kind", ent- gegnete dieser. „Sie wissen selbst, was Ihnen noch fehlt. Doch sollen sie meinetwegen morgen vor dem Intendanten singen." „Ach ja, stellen Sie mich vor, Profestorchen, liebes Profestorchen, ich habe Sie auch so lieb!" Sie war näher zu ihm getreten. Er erfaßte ihre Hände. „Haben Sie wich wirklich lieb, Magda?" Er zog sie auf einen Stuhl neben sich und sah ihr tief in die Augen. Der Blick des jungen Mädchens erwiderte voll und treu den seinigen. „Gewiß", sagte sie, „wem danke ich, daß ich nun bald am Ziele bin, wie viel Mühe —" „Danke nicht, Magda" — sein Blick wurde heißer — „es gibt ein Lieben, so tief, so heiß, zitternd, Magda, in Lust und Schmerz —" Magda bebte leise, tiefe Nöthe stieg an ihren Wangen auf. „O", murmelte sie, „ich liebe Sie, wie einen Wohlthäter, einen Vater." Er sprang ärgerlich auf. „Und morgen?" „So kommen Sie, unverbesserliches, ewiges Bsbßl Ich will Ihrem Glücke nicht im Wege stehen. Um elf Uhr werden Sie Probe fingen." Während nun Bathnow und Magda sich in eifrige Vorbereitungen für den Glanz deS morgigen TageS vertieften, hatte sich im Vorzimmer die Zahl der harrenden Schülerinnen noch vermehrt. Jetzt trat ein junger, auffallend schöner Mann herein, dem sich sofort die allgemeine Aufmerksamkeit zuwendete. Es war Dr. Friedrich Rothner, ein junger Schauspieler, der eines Halsleidens wegen seit einigen Monaten sein Engagement aufgegeben und die Residenz aufgesucht hatte, um sich der Behandlung eines renommirtcn Arztes zu unterziehen. Als Jugendfreund deS Sohnes täglicher Gast im Dauß'schen Hanse, kam er, ein gewandter früherer Journalist, der Redaktion des „Stachelschwein" sehr willkommen, da das Restort der Theaterscandalosa durch einen leichten Schlaganfall, der den dicken PembeS „in seiner Fülle Maienblüthe" getroffen, für den Augenblick verwaist war. In dem mit den Theaterverhältniffen in allen Phasen auf das Intimste vertrauten und zugleich ihre Interessen auf das Eifrigste — oft nur zu extrem — verfolgenden jungen Freunde fanden Dauß und Genossen eine für den Moment durchaus brauchbare Kraft. Seine gegenwärtige Stellung, sein Vortheilhaftes Aeußere und sein gewandtes, sich jeder Situation und Person anschmiegendes Wesen gaben Rothner eine gewisse Macht, besonders über das weibliche Geschlecht, die er auch auf das Weitgehendste auszubeuten wußte. Kein Wunder daher, daß auch die angehenden und theilweise schon engagirten jungen Schülerinnen deS berühmten Gesangslehrers, die er seinen Zwecken manchmal dienstbar machte, um seine Gunst geizten. „Sie kommen gerade recht, lieber Doktor", rief eine schon etwas abgeblühte Dame, welche die Jahre der Schülerinnen bereits hinter sich hatte, dem Eintretenden vom Sopha aus entgegen, wo sie lang ausgestreckt lag und ihren kleinen Hund aus einer Bonbonniere fütterte. „Sie wissen ja Alles. Wir streiten uns wegen der Harkhoff — kommt sie nach H.?" Neugierig spitzten sich alle Ohren, und forschend umdrängten den Angekommenen einige seiner Intimeren. „Höchst wahrscheinlich", erwiderte Rothner mit seinem diplomatischen Lächeln, dem seine näheren Bekannten die Bestätigung der Thatsache unterzulegen gewohnt waren. „Durch wen? Durch wen?" fragte es im Kreise. „Durch den Baron Faurier, der sie ja rasend pro- tegiren soll, seit Beginn ihrer Studien", sprach die Schön« vom Sopha. „Schatz, diesmal irrst Du", entgegnete Rothner, „der Protektor ist eine Dame, gegen alle Regeln unserer Sitten und des Herkommens, die Fürstin Waldenau, die Tante des Fürsten." „Dann begreife ich allerdings Vieles", sprach mit herber Betonung eine üppige, etwas frech dreinschauende Person, „denn Stimme und Talent hätten ihr das Engagement nicht verschafft. Mir stellte der Professor dasselbe ganz sicher in Aussicht, jetzt kann ich es ja gestehen —" „Wahrscheinlich in Folge Ihrer neuesten Photographie, liebe Browska", fiel eine kleine, matte Blondine ein, welche sich in einem hellblauen Rembrandt-Hute mit langer weißer Feder anscheinend ausnehmend gut gefiel und kokette Blicke zwischen dem Spiegel und Rothner theilte. „Lassen Sie sich diese neueste Aufläge unserer Collcgin zeigen, lieber Doktor, und staunen Sie!" „Höhnt nur, Ihr neidischen Racker", entgegnete die Browska, „es steht Euch ja frei, mich an Emanzipation vom Coftüme zu überbieten, so weit die vorhandenen Mittel es Euch gestatten. Eine künstlerische Studie, Doktor", wendete sie sich herausfordernd an diesen, ihm eine Photographie hinreichend. „Sie dürfen dieselbe behalten und" — fetzte sie leise hinzu — „bringen gelegentlich daS Bild nebst einigen entsprechenden Worten in der „Theaterwelt", nicht wahr? Meiner Dankbarkeit sind Sie ja stets sicher." Rothner betrachtete eingehend das Bild, welches die junge Künstlerin in einer die Grenzen der Decenz allerdings stark übersteigenden Aufnahme zeigte. „Brillant!" rief er, ihren Blick erwidernd, „Du 692 wirst Carriere machen, mein Kind, das lasse ,az mir gefallen, geniale Auffassung!" In diesem Momente öffnete sich die Thüre, welche zu den Salons des Professors führte, und Mazda trat ein. Nothner verbeugte sich kalt. „Nicht wahr, Harkhoff, Sie gehen nach H.?" fragte es von allen Seiten. „Ich hoffe, ja", erwiderte diese ruhig und grüßte, um zu gehen. „Bleiben Sie doch noch ein wenig, erzählen Sie uns." „Ich werde bet Dauß' im Garten erwartet", schnitt Magda mit einem schnellen, verstohlenen Blicke auf Nothner jede weitere Unterhaltung ab und eilte fort. Es war ein üppiges Hochzeitleben in der Natur. In wonniger, sonniger Pracht breiteten die Wiesen ihren Blumenteppich dem tiefblauen Himmel entgegen, und Bienen und Schmetterlinge flatterten schwer und trunken darüber hin. Das Kornfeld wiegte sich träumerisch im letzten Dufte der Blüthe und senkte schon die brodduftende Aehre im Beginne der Fruchtbarkeit. Athemlos, bald eilig, bald zögernd schritt Magda auf dem einsamen Wege zwischen beiden daher. Sie trug einen Strauß blauer Chanen, welche sie im Gehen gepflückt hatte, in der Hand und vergrub oft das plötzlich von einem hellen Freudenblitze erröthende Antlitz in die duftenden Blüthen. Ach, wie war die Luft so lau! Wie zärtlich umspielte der leise Wind ihre blühenden Wangen und ließ den Rosen- und Jasminduft, den er im Durchstreifen irgend einem Garten geraubt hatte, in ihren dunkeln Locken zurück. Da war der Wald, der geliebte Kindheitsgeführte, mit seinen Hochzeitskerzen, den treibenden Johanncsspitzen, dort das blaue Mlge eines Sees — und dort — und dort. Magda stand still. Sie breitete die Arme aus. O, wie fühlte sie das Leben! Ihr selbst unverständlich, aber groß und gewaltig wuchs es in ihrer Seele, losgerungen von ihrer Vergangenheit, erschien es ihr fremd und doch traut, beängstigend und doch unsagbar entzückend, was in ihr mächtig emporquoll und ihre Adern mit schneller pulsirendem Blute füllte. Jeder Nerv bebte wie die Blätter der Zitterpappeln am Wege, wenn der sanfte West sie berührte, und ohne daß sie es wußte, rannen Thränen über ihre Wangen. So steigt in der warmen, kurzen Johannisnacht des Fraucnherzens aus märchenhafter Tiefe, unter dem glänzenden Sternendom des Ideals, die blaue Wunderblume der Liebe empor. Selten bricht und behütet sie ein Sonntagskind. Wehe dem Frevler, der stein gieriger, Hand zerdrückt! Und nun schritt Magda weiter, langsam, zögernd. O, sie kannte und liebte diesen See, so weit von der Stadt gelegen, daß es einer kurzen Eisenbahnfahrt bedurfte, um ihn zu erreichen. Wie oft hatte sie in fröhlicher Gesellschaft hier die zwischen den Mauern und Häusern schmerzlich vermißte Natur aufgesucht. Aber so allein, und zu einem Zwecke wie heute, war sie noch nie hier gewesen. Allmälig legte cS sich wie Nebel und Zweifel auf ihre heiße Seligkeit, und die leise am Ufer plätschernden Wellen schienen zu murmeln: Entfliehe, entfliehe l Sie beugte sich gegen sie hin und lauschte innerlich, halb mit dem Sinne nach außen gewendet, wie das Wild, wenn es das erquickende Naß aufsucht, bereit zu entfliehen bei leisestem Geräusche. „BöseS Mädchen", rief ihr eS da entgegen, „so lange läßt es mich harren!" Und Dr. Nothner kam eilig zwischen den Bäumen her auf sie zu. Magda fuhr mit einem Schrei zusammen, einem tiefen Erröthen folgte geisterhafte Blässe, und ihr Fuß wandte sich zur Flucht. Aber wer entflieht dem eigenen Ich — dem Schatten, der an uns gebunden, ob wir auch in Wüsten uns begraben wollten. „Magda!" Sie stand still, und schon stand er an ihrer Seite. Sie regte sich nicht. Endlich erhob sie das Haupt, ihre Augen brannten in die seinen, und im selben Augenblicke legten sich zwei weiche Arme um seinen Hals — ein süßer, duftiger Mund berührte seine Lippen. Dann stand sie da, die stolze, prächtige Gestalt, magdlich und demüthig, in holdem Erröthen der Scham über dieses plötzliche Aufflammen ihrer heißen und zutraulichen Natur. „Magda, Du bist ein bezauberndes Geschöpf!" rief Nothner entzückt. „Und mein, nicht wahr, mein durch alle Zeiten und Ereignisse hindurch!" „Daß ich gekommen bin, Friedrich", antwortete sie, und der Blick ihres wunderbar glänzenden Auges fiel warm, wie die jetzt groß und klar sinkende Juni-Sonne, in seine Seele, „sagt Dir mehr als jedes Wort, wie ich Dich liebe. Das erste Unrecht — o, es ist ein Unrecht, das fühle ich hier — das thue ich für Dich!" „Süße Schwärmerin, daß die Liebe ein Unrecht sei, steht in keinem Codex. Sie ist das Höchste, dem besonders das Weib Alles opfern muß, — singst Du nicht so etwas Aehnliches, Liebchen? Nun gar die Künstlerin ohne Liebe, ohne Leidenschaft, wie wäre die denkbar?" Er hatte ihren Arm durch den seinen gezogen, und so gingen sie auf dem weichen Rasen unter den Kronev der alten Buchen dahin. „Es ist also entschieden", fuhr er fort, „daß Du morgen vor dem Intendanten singst und vielleicht schon in acht Tagen nach H. übersiedelst?" „Ja, Friedrich; wäre unser heutiges Zusammensein nicht ein Abschied, so würde ich nicht gekommen sein." „Abschied? Kind, wir nehmen nie Abschied und wenn Du heut von mir gehst, halte ich Dich für immer in meiner Hand." Etwas unbeschreiblich Niedriges zog auf einen Augenblick durch seine Züge. „Aber nach H. wirst Du recht oft kommen, nicht wahr?" fragte Magda. «Ach, wie viel leichter würde mir mein erstes Auftreten, wüßte ich Dich in meiner Nähe!" „Bewahre, Kind", rief Nothner eifrig, „das ist unmöglich, — wie leicht könnte man unser Verhältniß errathen !" „Nun — und weshalb soll man cS jetzt nicht kennen?" sagte das junge Mädchen einfach und sah ihn mit ihrem Kindesblick so offen an, daß er einer leichten Verlegenheit sich nicht erwehren konnte. „Da steh' einer den KindeLkopf, — jetzt weniger denn je! Einfach deshalb nicht, weil unsere Carriere hin wäre, Deine und meine. Denkst Du, daß sich der Fürst für Dich interesstrt wenn er weiß, Du hast einen Geliebten oder gar einen Verlobten? - Du brauchst H., meine Süße, um für die große Laufbahn fertig zu werden, denn das bist Du noch nicht und ein so günstiger Anfang findet sich selten. Es wäre Wahnsinn, ihn zu zerstören! Ohne die dringende Empfehlung der Fürstin Waldenau würdest Du das Engagement ohnehin kaum erhalten haben. Der Professor war entschieden dagegen. und nur das Eingreifen des Baron Faurier, der gerade zur rechten Zeit zurückkam und die Sache im Auftrage der Fürstin mit dem Intendanten schon so gut wie abgemacht hatte, erzwäng unter Mitwirkung des alten Dauß seine Einwilligung. — Der wunderbare Attache- Komponist will ja feine neue Oper, die er in Italien ausgebrütet hat, in H. einstudtren, und vielleicht blüht Dir eine Partie in dem Monstrum." „O, sprich nicht so von dem Attache", bat Magda, „er erwies sich als ein feiner und edler Mann in der kurzen Zeit seines damaligen Hierseins." „Nun, die Augen wird er aufmachen", fuhr Rothner fort, „wenn er sieht, was in den drei Jahren aus seinem Schützling geworden ist. Der scheue Wildling, der bei jedem Scherz davonlief, daS bist Du nicht mehr." „Weil ich nun die Scherze selbst bestimme, Friedrich", sagte sie mit einer gewissen Betonung, die ihn einlenken machte. „Mein Liebling, mein Alles", schmeichelte er zärtlich, „weiß schon das rechte Maß überall. Du wirst auch den liebenswürdigen Ton dem Fürsten gegenüber finden. Darfst nie vergessen, daß Deine Laufbahn, Deine Zukunft in seinen Händen liegt." Magda, die sinnend zu Boden geblickt hatte, schaute auf. „Ach", sprach sie, „mir ist durch die vielen Reden und Vorschriften hin und her diese Laufbahn und das Engagement und der Fürst nun gar, fast zuwider! Ich möchte mit Dir ganz allein wohnen, dort in diesem Häuschen mitten im See, — daß wir allein wären, ganz allein — und dann wollte ich Dir dienen und Dir singen, so schön wie nie, weil nur Du und der Himmel und der See mich hörten." „Schön gedacht, süßeS Herz, aber zu früh l Erst die Welt und die Laufbahn, dann die Hütte! Doch, bis in meine Arme haft Du ja nicht weit, mein Alles!" Er preßte sie feurig an sich. Wie ein goldener Schleier lag jetzt der Schein der sinkenden Sonne über dem Walde. Kein Blatt rührte sich. In ahnungsvollem Schweigen harrten die Bäume, daß der Abendwind mit ihnen flüsterte und der See ! plätscherte sein Abendlied. Sie gingen tiefer in den Wald. Magda erschauerte unter Nothner's glühenden Küssen. In einer unnennbaren Sehnsucht, einer unsäglichen Angst versuchte sie ihn von sich zu drängen.- Die Wunderblume war geknickt, die Arme gekettet an den, welcher der Fluch ihres Lebens werden sollte. „O, Maria, ohne Sünden empfangen, bitte für sie!" (Fortsetzung folgt.) -—«2-V-VS—- Die Frauen in China. Von vr. Joseph Wiese. Das zurückgezogene und durchaus orientalische Leben der chinesischen Frauen liefert der Neugier nur wenig Stoff zur Befriedigung. Man sieht sie niemals, man hört sie selten, und auch nur dann, wenn der Vater oder Gatte, die einzigen Menschen, die sich ihrer Gesellschaft erfreuen, die Erlaubniß gcgcbrn. Die chinesischen Frauen leben unbekannt, in einer Abhängigkeit, in einer Nichtbeachtung, daß schon allein der Gedanke daran unsere Frauen erschrecken würde. Hauptsächlich haben wir bei unseren Ausführungen die reichen und hochgestellten Frauen im Auge, denn die aus dem Volke führen in allen Ländern wohl dieselbe Existenz; ihre Armuth, die sie zur Arbeit zwingt, bringt sie zugleich in nähere Berührung mit dem Mann, dem sie von Nutzen sind, und dessen Kinder sie ernähren helfen. Diese Frauen aus niederem Stande sind indessen in China nie von der Schönheit, welche man bisweilen bei denen in Europa findet. Das hat seinen Grund darin, daß sich selten ein junges Mädchen mit hübschem Gesichte und schönem Wüchse findet, das nicht mit 14 Jahren schon verkauft oder irgend einer hohen Persönlichkeit zum Geschenke gemacht wird. Bei der Thronbesteigung eines neuen Kaisers führen die ersten Persönlichkeiten des Reiches ihm ihre Töchter zu, damit er unter ihnen seine Frauen wähle. Die Auserkorenen bringen ihrer Familie, die zugleich auch einen bedeutenden Einfluß gewinnt, große Ehre. Aus gleiche Weise bietet man auch allen Prinzen des kaiserlichen Hauses die Frauen an. Die Gemahlin ist die Herrin des Hauses und der anderen Frauen. Jeder Chinese hat nur eine Gemahlin, die allein ihm vor dem Gesetze die Erben schenkt. Gewöhnlich ist es die hübscheste und liebenswürdigste des Harems; denn der Titel „Gemahlin" wird von ihr weder durch die hohe Abkunft erworben, noch durch das Vermögen, da die Frauen niemals eine Mitgift mitbringen und nach dem Gesetze von jeder Art Erbschaft ausgeschlossen sind. Die Erhöhung hängt einzig von dem Grade der Zuneigung ab, die der Mann für sie empfindet, nnd von dem Reiz, den sie auf ihn auszuüben versteht. Die Frau kann niemals die Scheidung verlangen, die der Gatte oft unter der sonderbarsten Motivirung leicht bewerkstelligt. Kinderlose Ehe oder der Mangel an Söhnen nach der Geburt von drei Töchtern, schlechter Charakter, Ungehorsam gegen die Eltern des Mannes, Schwatzhaftigkcit und eine lose Zunge, chronische Krankheit, Ehebruch und Dicbstahl sind Scheidungsgründe. Dieser letztere wird uns etwas überraschend vorkommen, aber es ist zu beachten, daß die chinesische Frau derart degradirt ist, daß sie für ihre Handlungen nicht einmal die Verantwortung trägt; der Gatte allein ist der Justiz die Rechenschaft für die Handlungen seiner Frau schuldig, wie der Vater vor der Verheirathung der Tochter. — Vvm siebenten Jahre an dürfen die Töchter der Reichen und der Mandarinen nicht einmal mehr mit ihren Brudern zusammen essen. Mit zwölf Jahren hören sie auf auszugehen und sehen dann die Welt nur noch durch Jalousien und Vorhänge oder in den Spiegeln, die sie vor den Fenstern anbringe!,. Den jungen Mädchen gibt man Lehrerinnen, die vor allem sie lehren, richtig zu sprechen und sich als unterwürfige und abhängige Wesen zu betrachten. Unter ihrer Leitung lernen sie nähen, Seide und Leinwand weben, sticken, Blumen malen, den Göttern Opfer und Gaben darbringen, die heiligen Gefäße in schicklicher Weise ordnen, Parfüms verbrennen. Ueber alles andere werden sie in Unwissenheit gehalten. Sie können weder lesen noch schreiben; ihre Erziehung und ihre absolute Zurückgezogenheit berauben sie auch der Kenntnisse, die sie eines Tages zu thcilnehmcnden Gefährten ihrer Männer machen könnten und nicht zu ihren Dienerinnen und Sclavinnen. Mit 15 Jahren ist ihre Erziehung beendet, aber erst mit 20 Jahren dürfen sie heirathen. Nach der Hochzeit 694 — gehört die junge Frau ganz ihrer neuen Familie an. Sie sieht ihre eigene Familie mit Ausnahme des Vaters selten. Wenn sie in der Sänfte ausgetragen wird, so ist sie für das Publikum unsichtbar. Gegenseitige Besuche der Frauen finden statt, aber höchst selten. Im klebrigen regelt sich das alles nach dem Range, den der Gatte einnimmt, und nach dem Grade von Auszeichnung, die die Frau für sich in Anspruch nimmt. Die Zurückgezogen- heit und Abhängigkeit sind nämlich besondere Kennzeichen von hohem Reichthum und Ansehen, und wie die Europäerinnen sich darin gefallen, herrlichen Schmuck zur Schau zu tragen, so findet die Eitelkeit chinesischer Frauen darin ihre Rechnung, daß sie noch einer härteren Knechtschaft sich unterwerfen, als ihnen die Männer ohnehin auferlegen. Nach unseren Anschauungen ist in dieser Beziehung die Kaiserin am übelsten daran, die bei ihrem Ausgange von Wächtern begleitet wird, welche Jedermann vorher entfernen und sogar Thüren und Fenster der Häuser schließen, an denen die Herrscherin vorüberkommt. Die Frauen, die in China als die hübschesten gelten, die die Zierde des HoseS, das Entzücken des Kaisers und der Mandarinen bilden, stammen aus den Provinzen Tche-king und Fo-chang. Doch ist ihre Schönheit eine relative; diese Frauen, die den Chinesen so bcgehrens- werth erscheinen, würden in Europa wohl wenig Enthusiasmus erregen; einige würden hier sogar als häßlich gelten. Die chinesischen Frauen haben eine weiße Haut, kleine, ovale Augen, lange und magere Arme. Ihre durch die Mode verunstalteten Füße veranlassen euren schwerfälligen, gewissermaßen hölzernen Gang. Bekanntlich erhält man denselben dadurch, daß man die Zehen des noch sehr jungen Kindes unten mittelst seidener, straff angezogener Bündchen festbindet. Der Fuß kann, da die Emulation des Blutes kaum geschieht, nicht natürlich wachsen; er bleibt klein, wird aber nicht elegant, und ohne den großen Zehen, den man länger werden läßt, würde er einem Pferdefuße nicht unähnlich sein. Dieser Tortur müssen alle Töchter der Reichen sich unterziehen und wenigstens eine aus jeder armen Familie, die aus eine gute Heirath speculirt. Nur die tartarischen Frauen machen diese Mode nicht mit. Die kleinen und immer in dem weiten Aermel ver- borgengehaltenen Hände sind fast ebenso bemerkenswerth, wie die Füße, wegen der Länge der Nägel, die man wachsen läßt, und deren Entwickelung man mittelst silberner Krallen begünstigt, die man unter ihnen anbringt, und die als Stütze dienen. Obgleich die Frauen in China das Embonpoint unter die Schönheiten eines Mannes rechnen, betrachten sie es doch als einen großen Fehler ihres Geschlechtes und bemühen sich, eine recht schlanke Taille sich zu erhalten. Sie waschen die schon ohnehin schöne Haut mit einer Mischung von Milch und Bleiweiß, färben Wangen, die Lippen und das Zahnfleisch roth und ziehen über die Augenbrauen eine bogenförmige, dünne Linie. Bisweilen verschwindet die Augenbraue ganz, um einem feinen Weidenblatt Platz zu machen, das sie als geschickte Malerinnen bemalen. Die Stirn ist frei, die Haare werden nach hinten gekämmt und auf dem Hinterkopfe in mehrere Flechten geknotet. Niemals vernachlässigen sie es, sie mit Katürlichen oder künstlichen Blumen zu schmücken. Dies gilt von den Frauen des Landes und denen der Stadt, den alten und armen, den jungen und reichen. Mit Ausnahme derjenigen vom Hofe und von hohem Range, welche Mützen von schwarzem, mit Diamanten geschmücktem Sammt tragen, haben die Frauen keine andere Kopfbedeckung, als ihren Haarschmuck, über den sie beim Ausgehen einen Schleier werfen. Junge, heiraths- fähige Mädchen lassen die Haare an den Schläfen herab- wallen. Die chinesischen Frauen tragen niemals Leinwand. Den Oberkörper bedeckt zunächst ein Netz, das, wie alles Uebrige, aus Seide ist. Darüber liegt das Unterkleid und ein weites Beinkleid, die beide durch eine Satinrobe mit bauschigen Aermeln verdeckt werden; letztere legt sich mittels eines Gürtels anmuthig um den Körper. Im Winter tragen sie dazu Pelze von oft fabelhaft hohem Werthe. Die verschiedenen Theile des CostümS sind nicht von derselben Farbe, und in ihrer Auswahl entfaltet sich der Geschmack der Trägerin. Im Allgemeinen scheinen die dem Manne verbotenen Farben, nämlich Rosa und Grün, vorzuherrschen. Vergeblich aber würde man in dem Putz selbst der elegantesten Frauen Spitzen, Batist und alle jene feinen und kostspieligen Artikel aus Leinwand suchen, die das Entzücken der Europäerinnen bilden. Alle Stickereien sind aus Seide, Gold- oder Silberfäden, und selbst die Taschentücher sind aus Seide gestickt. Die Frauen der Mandarinen unterscheiden sich von den anderen durch ihre Toilette; sie sind mit Schmucksachen bedeckt und tragen jene herrlichen orientalischen Shawls, welche die Männer als Gürtel benutzen. Die Frauen mit dem kleinen Fuße legen keine Strümpfe an, das überlassen sie den Männern und den armen und tartarischen Frauen; sie ersetzen sie durch Seidenstreifen, die sie um Fuß und Bein winden. Ihre Schuhe aus Stoff haben eine weiße, dünne, aus Papier- blättern zusammengesetzte Sohle, die, da die Frauen nur in ihren Zimmern umherwandeln, lange vorhält. Die Frauen aller Klassen rauchen und beginnen schon als Kinder damit. Im Gürtel tragen sie eine Tabaksdose, daneben das Taschentuch und ein Kästchen, in dem die Araknuß aufbewahrt wird. Tragen sie den Fächer nicht in der Hand, so ruht er in einem ebenfalls am Gürtel befindlichen Etui. Sie kennen die bezaubernde Fächersprache gar wohl und machen einen Gebrauch von ihr, daß selbst die Spanierinnen noch von ihnen lernen könnten. Jede Frau besitzt eine ganze Anzahl von Fächern in allen Farben und Formen. Das Theater besuchen die chinesischen Frauen nie; aber in ihrem Hause findet oft eine Vorstellung statt, der sie hinter Fenstergittern beiwohnen. Aehnlich ist es bei Festen; denn die chinesische Sittsamkcit besteht nicht darin, die Frauen des Anblicks der Männer zu berauben, sondern zu verhindern, daß sie gesehm werden. Die Frauen aus dem Volke, besonders die der Bauern, werden nach dem Verhältniß ihrer Kraft und Gesundheit geschätzt. Sie nehmen Theil an allen Arbeiten.des Mannes, der ihnen oft das schwierigste Stück derselben zuweist. Beispielsweise geht der Mann im Pfluge, während die Frau, an die Seite des Ochsen gespannt, ziehen muß. Diese Bäuerinnen sind ihrer Familie eine große Stütze, denn sie erziehen nicht nur ihre Kinder und sorgen für ihren Unterhalt, sondern sie werden auch für die meisten Feldarbeiten verwendet. Ihr Fleiß hindert indessen die Männer nicht, rohe Gewalt gegen sie anzuwenden. Am 695. — berühmtesten wegen ihrer Kraft und Stärke sind die Franen aus der Provinz Kiang-Si; sie sind daher für die Bauern und Farmer die gesuchtesten. Die Frau, von welchem Range sie auch sei, ist wenigstens insoweit gut daran, daß sie Wittwe bleiben muß. Sie ist zwar nicht viel freier, als die verheiratete Frau, denn sie steht alsdann unter der Gewalt ihres ältesten Sohnes oder kehrt in's Vaterhaus zurück, aber die rohen Unterdrückungen, denen sie bei dem Manne ausgesetzt war, haben doch aufgehört. Die Behandlung der chinesischen Frauen seitens ihrer Männer erregt gewiß mit Recht unser Mitleid mit jenen; sie ist in der That eine barbarische. Wenn man bedenkt, daß das Christenthum die Würde der Frau sanktionirt und ihr die Freiheit gegeben hat, deren sie sich im Abendlande erfreut, daß wir sie die bessere Hälfte des Menschengeschlechtes nennen, daß die Civilisation ihr säst alle Fortschritte in der Feinheit und Gesittung unserer Bräuche verdankt, so muß man sagen, daß die tiefe Stellung der Frau in China zu bedauern ist. Dennoch rühmen sich die Chinesen ihres Systems. „Gerade dieser Knechtschaft, dieser Sklaverei der Frauen", sagen sie, „verdanken wir die gesellschaftliche Stabilität, deren wir uns seit 5000 Jahren erfreuen." Vielleicht wird im Laufe der Zeit, wenn einmal die, wie es scheint, in die Wegs geleitete Anbahnung von Beziehungen mit Europa und seiner Gesittung weitere Fortschritte gemacht haben wird, auch den Frauen ein besseres LooS zu Theil werden. (Beilage zur „Germania".) --8-MW-- Das soulirrmre Fürstenthttm Liechtenstein. Einem Veilchen, das im Verborgenen blüht, gleicht das souveräne Fürstenthum Liechtenstein. Man spricht wenig von ihm, denn es ist nicht tonangebend im europäischen Staatenconcert. Gleichwohl hat es seine Unabhängigkeit besser bewahrt als die übrigen sünfunddreißig Staaten, an deren Seite es im deutschen Bunde einst Sitz und Stimme hatte. Die fünfunddreißig zum Theil Duodezstaaten schnarchen heute unter der Hut Preußens, und ihre Fürsten spielen eine mehr oder minder bedeutende Rolle im „Gefolge" des deutschen Kaisers. Der regierende Fürst von Liechtenstein fährt wohl nicht im Suitewagen zu KrönungSfcsten und dergleichen, dafür ist er wirklicher Souverän eines Landes, das Ende des Jahres 1893 — 8750 fl. Staatsschulden besaß. Der Cabinetsrath des Fürsten von Liechtenstein, Carl von In der Mauer, hat in einer Broschüre die Constitution und die Verwaltung des Fürstenthums geschildert. In der Einleitung entwirft Herr v. In der Mauer ein Bild der historischen Entwicklung Liechtensteins. Die reichsunmittelbaren Herrschaften Vaduz und Schellenberg wurden im Jahrs 1719 zu einem Reichs- fürstenthum vereinigt und auf dem Wiener Congreß dem deutschen Bunde einverleibt. 1818 trat dort eine land- ständische Verfassung in Kraft. Mit dem Jahre 1866 hörte die Zugehörigkeit Zum deutschen Bunde auf. Die Thronfolge im Fürstenthum ist derart geregelt, daß dem im Sinne der Erb-Union vom Jahre 1606 nach der Primogenitur in das Majorat-Hauvrfideicommiß succcdi- renden männlichen Mitgliede des fürstlichen Hauses, als dem Chef des letzteren, jederzeit auch die Regierung des Fürstenthums mit der souveränen Würde zutommt. Das gesetzmäßige Organ der Lcmdesangchöngen gegenüber der Regierung ist der Landtag, der fünfzehn Mitglieder zählt, wovon drei durch den Landesfürstcn ernannt, sieben durch indirecte Wahl aus dem Oberlande, der ehemaligen Herrschaft Vaduz, fünf durch Wahlmänner des Unterlandes, der ehemaligen Herrschaft Schellenberg, auf die Dauer von vier Jahren entsendet werden. An der Spitze der Regierung, welche in Vaduz ihren Sitz hat, steht der Landcsverweser, welchem zwei vom Landesfürsten für je sechs Jahre ernannte Landräthe und zwei Landraths-Slellvertreter beigegebcn sind; die politische Necurs-Justanz befindet sich in Wien; hier befindet sich auch das Appcllationsgericht; das Oberlandes- gcricht in Wien versieht laut Staatsvertrag für Liechtenstein die Functionen eines obersten Gerichtshofes. Die Stellung der österreichischen Finanzorgane in Liechtenstein findet ein Analogon in der Stellung der französischen Doucmcnbcamten in Monaco; die österreichischen Finanz- commissäre haben dem regierenden Fürsten Treue und Gehorsam anzugeloben. Als Landesbehörde fungirt die fürstliche Regierung in Vaduz; von dieser depcndirt die Kassenverwaltung (für die Steuer-Erhebung und Verwaltung der öffentlichen Fonds), während die Buchhaltung gleich der Domänen- Verwaltung der fürstlichen Hofkanzlci in Wien untersteht. Oberste Justizbehörde ist das k. k. Oberlandesgericht in Innsbruck. Für das Civil- und Strafrecht gelten die österreichischen Gesetze. Die Staatsrechnung weist für das Jahr 1870 an Einnahmen 50253 fl. und an Ausgaben 43952 fl. österr. W. nach. Das Militär ist seit 1868 ausgelöst, und die Bevölkerung ist gegenwärtig von der Wehrpflicht entbunden. Durch Vertrag vom 23. December 1862 bildet Liechtenstein einen Bestandtheil des allgemeinen österreich.-ungarischen Zoll- und Steuergebiets und erhält infolge dessen jährlich ca. 20,000 Gulden von Oesterreich ausgezahlt. Münzen, Maße und Gewichte sind die österreichischen ; auch die Post wird von Oesterreich verwaltet. Das Landeswappen enthält fünf Felder und ein Mittelschild, welches das Zeichen von Liechtenstein (Gold über Noth quer getheilt) enthält; die Landesfarben sind Noth und Blau. «z« » j« KLLexleß. Völker ohne Feuer. Man sollte glauben, daß das Feuer, diese mächtige, erhabene und belebende Naturkraft, eines der ersten Hilfsmittel gewesen wäre, auf welches die Menschen durch die sie umgebende Natur selbst hingewiesen worden» 'und dennoch berichten uns Erzählungen aus den früheren Zeiten vieler nachmal wegen ihrer Bildung und Gesittung hochberühmter Völker, daß ihnen der Gebrauch des Feuers lange Zeit unbekannt gewesen. So erzählt Plinius, daß die alten Acgypter das Feuer nicht kannten und höchst erstaunt waren, als der berühmte Astronom EuxuduS es ihnen zeigte. Die Perser, Phönizier, Griechen und Chinesen gestehen ebenfalls die gänzliche Unwissenheit ihrer Vorfahren über diesen Punkt ein, und Pomponins, Mela, Plutarch und mehrere andere alte Schriftsteller berichten von Völkerschaften, die selbst in der Zeit, wo sie schrieben, den Gebrauch des Feuers gar nicht kannten oder doch soeben erst kennen gelernt hatten. Auch die Geschichte späterer Jahrhunderte hat ähnliche Beispiele auszuweisen; denn die Bewohner der 1551 entdeckten Inselgruppe der Mariannen hatten nie eine Idee von dem Dasein dieses Elements gehabt, und alsMagelhaenS an einer der Inseln landete und das Schiffsvolk ein 696 Feuer anzündete, kannte die Verwunderung der Eingeborenen keine Grenzen bei dessen Anblick, sie hielten es für ein sich von Holz nährendes Thier. Die Bewohner der Philippinen und der Kanarischen Inseln befanden sich im gleichen Zustande der Unwissenheit und in Afrika leben noch bis zum heutigen Tage Völkerschaften, die keine Ahnung von dem Dasein dieser „Himmelskcaft" haben. FindigeAankees. In New-Dork gibt es Leute, die sich ausschließlich damit beschäftigen, schwer einzutreibende Schulden einzukassiren. Eine wirksame Methode, dieses ärgerliche Geschäft zu erleichtern, fand ein schlauer „Kollektor schlechter Schulden", der an der Decke seiner Kutsche folgende Inschrift mit fetten Buchstaben anbringen ließ: „Dieser Wagen hält vor den Häusern von Leuten, welche mit ihren Schulden im Rückstände bleiben." Alle Leute, besonders die Geschäftsleute, fürchten diesen Wagen so, daß sie seinen Insassen mit den lange zurückgehaltenen Dollars förmlich bombardiren, um ihn nur schleunigst wieder loszuwerven. -- --SÄSWS- Gvldkörner. Ein leichtes Herz kennt keinen langen Schmerz. Da du einst geboren warst au's Licht, Weintest du, es fieuteu sich die Deinen; Lebe so, vaß, wein: dein Auge bricht, Du dich freust, die Menschen aber weinen. Gerok. kZekuelldlKit. fLUs Rsedto voi'deLaltou-l kartio Nr. 2. Die folgende interessante kartie entstammt äsr 1. Runds des Budapester Turniers. ?rLN2ös!8vLs?art!s. 8 « Weiss: killsburx (Now-Vork). Sebwarr: Llbiu (Wien). kc -s W eiss: killsburx (New-Vork). Sebwarr: 41kin (Wien). i o2—e4 s7—e6 >8 8b5-d6f Ke8-d8 2 d2 d4 67-d5 !9 813-g5 Kd8—c? 3 Sbl—e3 8g8 t6 20 8g5Xt7 Ke7—b8 4 e4 eö 8t6-d7 21 Db?Xb5(a) Bb6—d4 5 12—14 o7—e5 22 Bai—a2 8d7-e5 6 d4Xcö B18Xe5 23 Db5—gk 8o5—e4 7 Ddl—g4 g7—g6 24 b4—bö De7-e7 8 b2-I>4 b7—bö 25 BK1—b3 Bdl—c3s- 9 Dg4--g3 8b8- «6 26 Kel—tl b7-b6 10 a2—a3 8e6-d4 27 Ktl-gl b4-b3 11 Bkl-d3 8d r-fö 28 Bb3Xe3 Dc7Xc3 12 Bd3Xi5 g6XtS 29 Ba2-b2 De3-e1s 13 Dg3-g7 Bb8-t8 30 Kgl—b2 DsIXol 14 Sgl-13 Dd8—s7 3l Bb2Xb3 DolXttf- 15 b2-b4 Bo5—b6 32 Kb2—gl Dt4-k2f- 16 Dg7—1,7 a7—ao 33 Kgl—b2 8e4-d2 17 8e3-b5 aöXb4 34 Bb3—e3 Ba8—a4 Weiss gibt die kartie ant. a) killsburv bat nun rwar aut der Königsssite materielles Debsrgewicbt erlangt, dabei ist zedoob seine Stellung auf der Damenseite so sekwaeb geworden, dass es Llbin gelingt, dieselbe ru dnrebbreeben und sodann durok einen vortrelklieb getübrten Lngriik den teindlieben König in entsebeidender Weise ru bedroben. Diese kartie bestätigt aut's Neue den Orundsatr, dass man kleine watsriello Vortbsile lieber vermeiden soll, nenn ibr Oewinn mit Naobtbeilou in der eigenen Ltellung verknüpft is* Wirten rrn« 8vI,a«I>vv«It. Dg.8 internationale Sebaebmeisterturnier ru Ludaxesi. Das Turnier wurde am Idittwocb den 21. Oetobsr e. beendet und Zeigte naeb Vollendung der letzten Hunds naeb- stebenden Scblussstand: .S s O s Z Z >» Q cZ S e4 O s L cä 8 L-I 2) -r cS '-Z 1 Ldolk ^lbill . . 0 0 1 0 '/- 1 1 1 0 0 0 5 2 Rud. Obarousek . i — 0 0 i 1 1 1 1 1 8',. 3 David danowski . i 1 — i 1 1 0 0 0 0 1 7 4 6sorg blareo . . 0 I 1 0 0 0 1 0 '/- 0 4'/. 5 66ra Naroer^ . . i 0 0 '/- 0 0 1 1 0 1 0 5 6 Dr. doset Noa . . '/, 0 0 0 i — 0 1 '/- '/- 0 0 4 7 B. N. killsbur^ . 0 0 '/, 1 i 1 — I 0 1 1 7'/- 8 Ignar v. kopiel . 0 0 0 1 0 0 0 — 1 0 0 0 0 2 9 10 11 Karl Sebleektsr . Dr.Siegb. 1'arrascb Niebael Bsebigorin 0 '/- 1 '/- 0 1 1 1 1 0 1 '/- 0 1 '/, 1 0 1 1 '/- 0 '/- 1 1 0 '/, 1 1 1 0 '/, 7 6 8'/. 12 Karl4.ug. Walbrodt 1 1 '/, 0 1 0 1 '/- 0 0 — 1 6'/. 13 Simon Winäwer . 1 0 0 1 1 1 0 1 0 1 0 Sonaeb Sticbkampt rwiscbsn Dbarousek (Budapest) und Bselngürin (8t. ketersburg) bei so 8'/, Bewinnpartieo, um die beiden ersten kreise von 2500 bcrw. 2000 Kronen (Sieger, wer Zuerst rwei kartien gewinnt; remis räblt niebt). — III. kreis killsburrx (Amerika) 1500 Kronen bei 's 7'/,; IV und V. getbeilt rwiseben danowski (karis) und Sebleobtsr (Wien) mit 1000 und 600 Kronen bei ss f-7 ; VI. und VII. getbeilt rwiseben Walbrodt (Berlin) und Winawer (Warsebau) mit 400 und 200 Kronen bei ss (k/?. — Kinon Sperialxrsis kür das beste Resultat gegen die kreisträger orbält noeb l)r. Barrascb (Nürnberg) mit 's 6; — es folgen dann rllkin (Wien) und dlarüerx (Budapest) mit zs 5, LIarco (Wien) mit 4*/,, Br. Nua (Oesterreieb) niit 4, söwio v. kopiel (Bembsrg) uiit 2 gewonnenen kartien. _ (Vom Kltmeistsr William Stsinitr aus New- Vork.) Derselbe bat sieb bekanntlieb im rlnseblusss an seinen bissigen Lesueb am 20. August o. direkt naekWöris- botsn begeben, um dureb Oebrauek der Kneipp'seben Kur Heilung von einem langjäbrigen Beiden ru sneben. — Wie nun aus einer von Stsinitr aus Wörisboten an unseren lVlit- arbsiter K. II. unlängst geriobteten sebr berrlioben 2nsebritt bervorgebt, bat sieb sein Befinden vorrüglieb gebessert und siebt derselbe in kolgs dessen dem am 1. November c. in Noskau beginnenden Nateb gegen Basksr um die Weltmeister- sebatt — kreis 5000 Rubel — mit groser Auversiebt entgegen. — Wäbrend seines llukentbaltss in Wörisboksn, der bis rum 23. d LI. dauerte, war Stsinitr immer 6egenstand visier Aufmerksamkeiten; so wurde ibm unter Anderem die ^usreiebnung ru tbeil, von Seiner Küniglieben Ilobeit dem Ilsrrog von die eklen bürg in Osssllsekatt gezogen au werden, um llöobstdossen Osmablin mit den l?sinbeiten unseres königliobsn Sebaebs vertraut ru maebsn. — Kbsnso datts sieb Stsinitr stets der xorsönlioben Lebandlung und kürsorgo des Herrn krälaten Kneipp ru erfreuen. — In liebenswürdig launiger Weiss gab der Altmeister seine grosse Befriedigung über unser in's Beben getretenes »Lugsburger Sebaebblatt" kund, wobei er besonders bervorbob, dass speciell die kresse in Bauern mit böebst anerkennenswertber 2u- vorkommenbeit der edlen Scbacbknnst ibro Spalten ölknet, um das Interesse kisfür aueb weiterbin ru fördern. — Wir wünseben Stsinitr, weleber am 24. ds. Ms. naeb Noskau abreiste, um sieb daselbst, wie er bemerkte, einige läge vor Beginn des LIatebss ru aeelimatisiren, den besten Krtolg und werden unseren Besern über. den Verlaut des interessanten Wettkamxtes entsprecbend beriebten. Die Namen sensr Sebaobtrsunde, wslobs unsers Kndspislo und kroblems riebtig lösen, sowie dis Büsungen inner bald dreiWoebsn einsenden, werden stets an dieser Stelle ver ölksntliebt. 8^" H-Ilss auf das Sebaeb Berügliobs ist ausnabmslos ru adressiren: „Ln die Redaction des Lugsburger Scbneli- blatt — Duke Lugnsta — Augsburg." « 91 . 1896 . „Augsburgrr Poftxeitung". Dinstag, den 3. November Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbefitzer Dr. Max Huttler). Allerseelen. Was bleibt uns noch in diesen Herbstestagen? Daß wir an Gräbern um die Todten klagen, Mit Astern rings ihr friedlich Haus bestecken Das schwarze Land mit Immergrün bedecken, Darein die Liebe letzte Rosen flicht Wie einst im Licht. In Menschenseelen steigt's dann auf und nieder, Und die Vergangenheit kehrt geisternd wieder, Und Töne rauschen wie aus alten Zeiten. Und wenn die Nebel durch den Abend schreiten, Manch' lieber Mund in Treuen zu Dir spricht Wie einst im Licht. Ihr stillen Schläfer tief im schatt'gen Grunde, Frei ist ein Wort an euch in solcher Stunde: Grau kommt der Tag, denn ihr habt uns verlassen, Geschrei und Streit füllt uns'res Lebens Straßen, Nicht linde mehr weht's uns um's Angesicht Wie einst im Licht. Die Liebe starb, die's fromm mit uns gemeinet, Das Auge brach, das für uns oft geweinet, Die Hände modern, die in Trauerstunden Den Balsam legten auf die Seelenwunden; Die Menschen trösten, doch so ist es nicht Wie einst im Licht. D'rum, Welt, fahr' wohl mit Deinen bunten Farben Kurz währt Dein Glück, trugvoll sind Deine Garben, Laß einsam mich um meine Todten weinen, Süß wird Entsagung nur an Leichensteinen, Wo durch's Gewölk der Liebe Sonne bricht Wie einst im Licht. Adolph Müller. -SÄ88NS-- „Magd a." Zwölf Monate eines modernen Lebensbildes. Der Wirklichkeit nacherzählt von Beda v. Ballheim. (Fortsetzung.) Juli. — Zu spät erkannt. Auf dem Grunde einer engen Thalschlucht, welche durch hohe, theils dicht bewaldete, theils nackte und scharfkantige, eng ineinander geschobene Berge gebildet wird, liegt das Bad H. Ringsum hatten die Gnomen ihre Schätze ausgestreut. Der Reichthum der Berge an Silber und Blei war indessen anscheinend erschöpft und die Ausbeutung der Werke seit langer Zeit eingestellt, weil der Ertrag nicht einmal mehr die Betriebskosten deckte. Die romantische Lage des Ortes aber, ein ziemlich starker Säuerling, verbunden mit der kräftigen, reinen Waldluft, hatten das Städtchen zu einem beliebten Gesundheitsorte, vorzugsweise für Norddeutsche, gemacht. Besonders kam es als Sommeraufenthalt der Städter in Mode, seit der Fürst des Ländchens alljährlich einige Wochen daselbst zuzubringen pflegte. Die diesjährige Saison war durch zahlreichen Besuch besonders glänzend, ohne doch dem Leben der Gesellschaft den ungenirten, familienähnlichen Charakter zu nehmen. Auch die Redaktion des „Stachelschweins" finden wir unter den Namen der Badegäste vertreten. Der junge Dauß war mit der Ausführung einer neuen Bahnlinie durch das Ländchen betraut — wie gewöhnlich unter dem mächtigen journalistischen Protektorate seines Vaters und dessen Freunde, was die öftere Anwesenheit derselben in H. veranlaßte. Wir haben schon gesehen, wie das edle RedaktionsTriumvirat die Machtstellung, welche es in der Presse einnahm, zur Grundlage ausgedehnter Unternehmungen zu machen wußte, bestimmt, den übermäßigen und ungeordneten Luxusbedürfnissen der Chefs zu dienen. So waren es auch weitgehende und großartige Pläne, welche diesen kleinen Badeort gegenwärtig als Operationsbasts günstig erscheinen ließen. Seit einiger Zeit befand sich die ganze Gegend in Aufregung. Der alte Reichthum der Erde kehre wieder, hieß es. Der Ingenieur Dauß, ein geschickter, in aller Art ober- und unterirdischer Meßkunde, mehr aber noch in findiger Benützung gegebener Verhältnisse erfahrener Techniker, hatte, wie man erzählte, eine nächst H. an durch die neue Bahnlinie für den Verkehr besonders 698 günstiger Stelle gelegene verlassene Erzgrube untersucht und mittelst eines nur ihm gehörigen Verfahrens einen neuen, unermeßlichen Zukunftsfonds in ihr entdeckt. Während diese Kunde die Welt durchlief, war das „Stachelschwein" so vorsichtig gewesen, das Stück Land, in welchem dies neuerstandene Eldorado sich befand, käuflich zu erwerben. Es gehörte zum Besitzthum des Hauptpastors des Ortes, welcher dasselbe mit der Tochter eines wohlhabenden Großbürgers angeheirathet hatte. Da aber die Mythe, daß die Gruben einst wieder fruchtbar werden dürften, stets unter dem Volke umgegangen war, so hatte sich der Besitzer, durch das besagte Ankaufsgelüste aufmerksam gemacht, nur unter Sicherung eines gewissen Antheiles an der Ausbeute und jedem eventuellen anderen Gewinne zur Veräußerung herbeigelassen. Dem unlauteren Spekulationsgeiste von Dauß und Konsorten war es gegenwärtig um einen möglichst raschen Abschluß der bereits eingeleiteten Verhandlungen über den Weiterverkauf der Werke an den sehr reichen Fürsten des Landes zu thun. Derselbe, selbst Dichter, genoß den Ruf eines Mäcen der schönen Künste, besonders des Theaters, und liebte in dieser Eigenschaft die regenerirende Sonne des Geschmacks genannt zu werden. Im Momente unserer Erzählung beschäftigten ihn besonders die Vorbereitungen für die Darstellung einer eigenartigen, musikalisch-dramatischen Dichtung, welche Idee und Text ihm selbst, die Musik aber dem Attachö Baron Faurier, einem entfernten Verwandten seines Hauses, verdankte. Die Wahl der Sängerin für die Hauplpartie des Werkes war der Gegenstand der skrupulösesten Untersuchungen, in welche die verschiedenen Intriguen des kleinen Hofes hineinspielten. Wie wir wissen, hatte Magda's Gönnerin, die Fürstin Waldenau, das kleine Hoftheater als günstigsten Schauplatz für das Debüt derselben ausersehen. Die Herren vom „Stachelschwein", denen in dieser Beziehung das Zusammentreffen der Umstände sehr gelegen kam, hofften daraus größtmöglichsten Nutzen für ihre Operation zu ziehen. Nachdem das junge Mädchen unter ihrer Mitwirkung bereits engagirt und seit einigen Tagen in H, eingetroffen war, galt es zunächst, dasselbe dem Fürsten, trotz ihrer Anfängerschaft, für jene Rolle möglich zu machen. Den voraussichtlich großen Einfluß, den sie dadurch gewinnen würden, betrachteten sie als ihre wohl auszubeutende Domaine. Der nach dem Geschmacke des Fürsten reich und künstlerisch schön ausgestattete Concertsaal des Schlosses, welcher nur den Privatzwecken des Landesherrn diente, war mit einer glänzenden Versammlung gefüllt. Es fand eines der sich allwöchentlich ein- bis zweimal wiederholenden Concerte statt, bei denen die Mitglieder des sürstlicben Hoftheaters, oft auch fremde Künstler von Ruf mitzuwirken pflegten, und welche stets ein distinguirtes Publikum anzuziehen wußten. Im Munde aller Anwesenden war die Oper des Fürsten, aus welcher man heute eine Orchesternummer in das Programm aufgenommen hatte, die Präliminarien ihrer ersten Aufführung zur Eröffnung des Wintertheaters der kleinen Residenz, und endlich die Frage, wem die Hauptpartie in derselben anvertraut werden würde. Man besprach laut und leise das heutige Auftreten einer neu engagirtcn, von der Presse überaus günstig eingeführten jungen Sängerin, Magda v. Hark- hoff, welche man neben der seit Jahren bewährten Primadonna des Hoftheaters mit dieser Frage in Verbindung brachte, und fühlte sich gewissermaßen berufen zum richtenden Urtheile in dem heutigen Wettstreite der beiden Künstlerinnen. Sehr geschickt vertheilt saß die Garde des „Stachelschweines", gerüstet für den Nothfall zum Claque- kampfe für Magda, das heißt für ihr Projekt. Einige Nummern waren vorüber. Jetzt erschien der Fürst in seiner Loge, in Begleitung Faurier's und des Finanzrathes Tiefenborn, des ausschlaggebenden, stets zuverläßlichen Rathgebers seines Herrn in Budgetangelegenheiten. Die Primadonna erschien, — eine nicht mehr ganz junge, aber recht präsentable Blondine. Sie warf perlende Tontropfenschnüre in die lauschende Menge. Ihre Leistung zeigte große Routine einer immer noch schönen Stimme, und als der Fürst, nachdem sie geendet, mit seinen weißbehandschuhten Händen, über die Brüstung der Loge hinweg, lebhaft klatschte, stimmte das Publikum unisono ein. Es folgte ein Orchesterwerk, dann kam Magda's Nummer. Als sie erschien in ihrem weißen, wallenden Kleide, eine einzige Rose an der Brust, keinen anderen Schmuck als die verschwindend dünne, blauseidene Schnur, an welcher die Muttergottesmedaille hing, ging ein gewisses Rauschen durch den Saal, — ein unwillkürlicher Tribut der wunderbarsten Schönheit. „Superbei" hauchte es fast unbewußt von den Lippen des Fürsten. Mit magdlicher Demuth verneigte sich die Debütantin, während ein glühendes Erröthen wie Morgenlicht über ihre Züge flog. In süßer, durchsichtiger Klarheit schwebte ihr Gesang durch den Raum. Es war eine Fülle, eine Innigkeit, ein Seelenklang in dem Tone, — unwillkürlich vergaß man den Ort, ja selbst die herrliche Gestalt dort — man lauschte athemlos, das Herz voll glückseliger Empfindungen, und in jeder Seele stand hell und glänzend das Theuerste, was sie besaß, — eine Mutter, eine Braut, ein Kind — oder auch ein Grab. Magda hatte geendet — noch schwieg Alles, noch tönten die Klänge in den Herzen, noch sahen die feuchten Augen nur gebrochen das bebende Mädchen, welches stumm das Haupt senkte, in zitternder Erwartung seines Urtheiles, — da brach auf einmal — und man wußte nicht, wo er angefangen, ein frenetischer Jubel los, wie ein Donnerschlag, der nicht enden wollte. Immer wieder mußte die junge Künstlerin erscheinen — und sie weinte und lachte zugleich und breitete unbewußt entzückt die Arme aus. Als sie aber in das Foyer zurückkehrte, trat ihr der Fürst entgegen. „Sie haben die Partie", sprach er noch ganz bewegt, „keine Andere, wie Sie, vermag das Ideal meiner Dichtung zu verwirklichen!" — Am andern Morgen lag ein köstlicher Himmel wie ein Zeltdach von tiefblauer Seide über dem Thale. Magda saß auf einem Felsblocke, unfern der in den Bergwald an die steile Wand geklebten kleinen Villa, welche sie mit ihrer Duenna, der inzwischen verwittweten Frau Professor Holth bewohnte. Ueber ihr tönte das eigenthümliche Rauschen in den Wipfeln der Bäume, neben ihr murmelte ebenso eintönig und doch seltsam plaudernd eine im dicken Moos verborgene Quelle — und doch war es tief still umher. Das Thal drunten und der Wald über ihr träumten in der warmen Julisonne den Farbentraum des Sommers, und jenes Geräusch schien gleichsam das Athemholen der Schlummernden zu sein. Magda saß unbeweglich^ ihr Auge starrte 699 ausdrucklos in die Ferne, und vergeblich umschmeichelte sie der starke, süße Duft der Nadelbäume und der Thymians zu ihren Füßen. Sie achtete weder sein, noch des immer heißern Strahles der Hundstagssonne, des auf ihren Scheitel fiel. Das unermeßliche Weh der an sich selbst verzweifelnden Seele kämpfte in ihr. Gemeine Naturen haben kaum eine Ahnung davon. Die junge Künstlerin fühlte in diesem Augenblicke ihres ersten Triumphes ein Elend, endlos und qualvoll für Zeit und Ewigkeit. Ihr Vertrauen mißbrauchend, hatte Rothner sie zur Eingehung einer geheimen Ehe zu überreden gewußt, seit einigen Wochen war sie an ihn gekettet für's Leben, aber diese kurze Zeit hatte genügt, sie seinen niedrigen Charakter in seiner ganzen Häßlichkeit erkennen zu lassen. Rothner, ein kaltherziger Genußmensch von rücksichtsloser Energie, scheute kein Mittel zur Erreichung seiner Zwecke. Magda's eigenartige Schönheit, ihr seltenes Talent, welches eine bedeutende Zukunft versprach, hatten in ihm den Wunsch rege gemacht, sie dauernd an sich zu fesseln. Von seiner Seite hatte die kälteste Berechnung, nichtLiebe, denBund geschlossen; zerrüttet in seinen finanziellen Verhältnissen, war ihr Talent seine letzte Hoffnung, sollte ihm die versiegende Geldquelle wieder öffnen, zur Befriedigung seiner mannigfachen Leidenschaften, worunter das Spiel die erste Stelle einnahm. Einstweilen bedurfte Magda noch ihrer fürstlichen Gönner, um die Höhe zu erklimmen, wo angelangt ihr Talent ihr weiter Bahn brechen mußte, dabei konnte '' das Bekanntwerden ihrer Ehe nur ^ hindernd wirken. Das war der Grund, weshalb die Ehe vorerst noch ein Geheimniß bleiben sollte. Nach und nach war Magda zur Erkenntniß dieser Sachlage gekommen, sie sah sich als Opfer einer schnöden Spekulation, für die Dauer ihres Lebens an einen Mann gekettet, den sie nicht mehr lieben konnte, nachdem sie aufhören mußte, ihn zu achten. Trostlos, freudlos lag die Zukunft vor ihr, was war ihr noch das Leben? Eine Hand legte sich auf ihren Scheitel. „Aber find Sie wahnsinnig, Kind, sich der Sonne so auszusetzen! Ihr Haar fühlt sich brennend heiß an — Sie können den Tod haben!" Magda blickte verstört auf in das besorgte Gesicht Faurier's. „O", murmelte sie, „käme der Tod!" „Da haben wir schon die Folgen der Sonne", lachte , er, „an der Schwelle der glänzendsten Zukunft — der Tod! — Aber", fügte er ernster hinzu, indem er ihre Hand ergriff, um sie emporzuziehen, „kommen Sie nur mit mir, ich habe Ihnen viel zu sagen, Magda, und dazu müssen wir den Schatten aufsuchen." Wie schon früher empfand sie auch jetzt den unbeschreiblich milden und wohlthuenden Einfluß seines sicheren und zarten Wesens und ließ sich willig von ihm höher August Graf v. plalen Dir sage" hinauf geleiten, wo die scharfe Schneide der glühenden Sonne durch die Zweige und das Waldlaub abgestumpft und seitwärts gewandt wurde und ihr Glanz sich zu nebelartig abgeschwächten Dämpfen vertheilte. Dort hieß er sie niedersitzen ins schwellende Moos. Sie lehnte den Kopf zurück an einen Baumstamm, und der Blick ihrer prachtvollen Augen verschwand unter dem langen Schleier der gesenkten Wimpern. Mit unverhohlenem Entzücken betrachtete sie Faurier einen Augenblick. „Magda", sprach er dann mit weichem Wohllaute, „ahnen Sie, wovon ich mit Ihnen reden will?" Sie sah ihn überrascht an, aber ihr Auge fiel vor dem strahlenden Glanz des seinigen nieder, und ein wunderbar süßes und brennendes Wohlgefühl ging durch ihre Seele. „Wissen Sie, theueres Kind", fuhr er fort, „daß der gestrige Abend Ihnen eine herrliche Zukunft erschlossen hat? Mit der durch Ihren Fleiß wachsenden Macht Ihres Gesanges, mit der Gewalt Ihrer zauberischen Schönheit werden Sie allgemach — vielleicht im Fluge — die Welt erobern und müde von Gold, Ehre und Triumph vielleicht einst Ihre Hand nach einer Krone ausstrecken können." Ein kindlicher Glanz ging einen Augenblick bet diesen Worten im Antlitze des Mädchens auf, wie das Lächeln der Kleinen am Weihnachtsbaume. Er schwieg bewegt. „Und wenn ich es nun dennoch wage, Magda — theure Magda", begann er dann leiser und beklommen, sich über sie beugend, „wenn ich Ihren Blick von all' dieser Pracht wegwenden will auf ein Herz, Magda, ein Herz, das Sie liebt, in dem diese Liebe treu und heiß und männlich gewachsen ist seit Jahren — ein Herz, dessen Kleinod Du bist, Magda" - sie zitterte heftig und Gluth wechselte mit Erbleichen in ihrem Antlitze — „wenn ich seine Stimme war zum leisen Flüstern herabgesunken — „wirf ihn von Dir, den gefährlichen Glanz, der hohl ist und kalt und kein wahrhaftes Glück gibt, und werde das Weib eines Mannes, der ein bescheideneres Loos, ein einfaches Haus für Dich zur Burg und zum Tempel machen kann; werde mein Weib, Magda." Mit einem Schrei sprang sie empor und hielt die Hände vor ihr Gesicht. „Niemals!" rief sie, und ein Strom glühender Thränen stürzte aus ihren Augen. — So hotte sie noch nie geweint. — Alle Bitterkeit, aller Schmerz der Erde hob ihre krampfhaft zitternde Brust. Als sie, Herrin des wilden Kampfes geworden, aufblickte, war Faurier verschwunden. Sie preßte die Hände in wilder Ver- schlingung zusammen, und ihr zuckender Münd schluchzte: „O, Maria, ohne Sünden empfangen, bitte für uns!" Jener Antrag Faurier's war das Resultat einer durch die Verhältnisse herbeigeführten Kombination seiner 700 tiefen und heißen Liebe zu Magda und der edlen Ritterlichkeit seines Herzens. Reich, unabhängig und geistig bedeutend, gehörte er zu jenen in unserer Zeit immer seltener werdenden Männern, welche Selbstachtung und wahre Schätzung der idealen Bestimmung des Menschen dem weiblichen Geschlechte gegenüber stets in einer gewissen Reserve hält. Da ihm zugleich vielfache künstlerische und Lebenserfahrung zur Seite stand, so glaubte damals die Fürstin Waldenau in ihm den besten Anhalt für ihren unerfahrenen, kindlichen Schützling in dem gefahrvollen Treiben jener Kreise, in welche die Vorstufen ihrer Carriere Magda führen mußten, um so mehr gefunden zu haben, als seine musikalischen Arbeiten ihn zu derselben in mannigfache Beziehungen brachten. Die durch eine absonderliche Erziehung begünstigte seelische Eigenart des jungen Mädchens, welche dasselbe von der Gewöhnlichkeit scharf abhob, fand einen äußerst sympathischen, im weiteren Verkehr sich vertiefenden Anklang in Faurier. Auch Magda empfand mit verehrender Hinneigung lebhaft die Wohlthat der gütigen und decenten Unterstützung des bedeutenden Mannes, der, nie den Edelmann verleugnend, ohne irgendwie geistig durch denselben eingeengt zu sein, doch so gänzlich verschieden war von den anderen Herren, mit denen sie umzugehen Gelegenheit hatte, namentlich von jenen des „Stachelschweinzirkels". Dieser angenehme Verkehr hatte indessen nur kurze Zeit gedauert, da die diplomatische Laufbahn den Attache nach wenigen Wochen unverhofft auf Jahre in fremde Länder führte. Nur so war es möglich geworden, daß Rothner'S allerdings blendende äußere Erscheinung zwischen die Seelen zweier von Gott für einander geschaffener Menschen treten konnte, um sie zu trennen, — um sie zu vernichten. Als Faurier Magda in H. wiedersah, fand er sie so wunderbar entwickelt, daß das innige, für sie stets bewahrte Interesse, das er sich selbst nicht eingestanden hatte, in die helle Flamme einer glühenden Leidenschaft auSbrach, welche um so mächtiger war, je mehr er anfangs aus tausend in seinem Charakter liegenden Gründen die gewohnte Beherrschung aller seiner Empfindungen auch auf sie ausdehnte. In Magda's Seele drängte ebenfalls die mächtige Gewalt ihrer früheren Sympathie eine lebhafte Freude, in welche nur das Bewußtsein der jüngsten Vergangenheit tiefe Schatten warf. Faurier's erfahrener Blick erkannte bald die der jungen Künstlerin schon beim Eintritt in ihre Laufbahn drohenden Gefahren, durch gemeine Berechnungen von Magda's journalistischen Freunden. Dies alles hatte ihn dazu gedrängt, seine Reserve zu verlassen, um mit einem Schlage daS wiedergefundene Kleinod in die echte Fassung seiner Liebe zu setzen. Es lag in seinem Charakter, daß er, nach dem momentanen Resultate seiner Unterredung mit dem jungen Mädchen, mit feinem Takte den status WWH WWE UM- ^WM MMZW KMW -^>e- WM K-E 5K^ HMW NZM :sEK WWW '-ZqKs NAD 702 Zwischen zwölf Uhr Nachts und drei Uhr Morgens braucht nicht einmal ein Naturforscher eine Uhr. Wer sich nach diesem duftigen Zeitmesser richtet, weiß wohl: wieviel es in — Upsala geschlagen hat, denn fnr die dortigen Verhältnisse, also für Gegenden von 60 Grad nördl. Breite, gilt die Aufstellung Linns's. Eine andere, für Innsbruck, hat der Wiener Botaniker Hofrath Keiner in seinem „Pflanzenleben" angegeben. In Tirol begrüßt die wilde Rose den goldenen Tag, das Eiskraut wendet sich der Sonne um Mittag zu, und die bleiche Kratzdistel schließt ihre, dem Erdboden aufliegenden Strahlen angesichts der Abendröthe. Da wir nicht annehmen können, daß sich die Blumen öffnen und schließen, um uns den flüchtigen Schritt der Zeit erkennen zu lassen, muß es wohl einen andern Grund für diese Erscheinungen geben. Einen solchen deutet die auch für jedes Gewächs bestehende Verpflichtung sich fortzupflanzen an. Wären die Blumenblätter die ganze Nacht hindurch offen, so würde durch den Thau der Pollenstaub derart durchnäßt werden, daß ihn die Insekten am nächsten Tage nicht einfach von den Fäden abstreifen und auf eine Narbe des Fruchtknotens tragen könnten. Andererseits öffnen sich die zarten, so bunt bemalten Blüthentheile, um die in der Lust schwirrenden Sechsfüßler zum Besuche einzuladen. Von den letzteren hat jeder seine Specialität und seine bestimmte Flugzeit. So z. B. stecken die großen, schlanken Abend-Schwärmer unter den Schmetterlingen ihre langen Rüssel nur in solche Kelche, welche sich zu dieser Zeit erschließen. Die nächtliche Silene nickt eigentlich nicht dem Monde, sondern einem dieser Falter zu. Man hat auch der Natur in's Handwerk zu pfuschen gesucht, indem man die Bedingungen für diese periodische Thätigkeit der Kinder Flora's künstlich nachzuahmen suchte. Ein echtes Kind der Berge — der blaue Enzian — zeigte bei diesen Experimenten, daß es namentlich die Wärmestrahlen sind, welche seine schön gefärbten Glocken öffnen. Die „leuchtenden" Strahlen wandelt die Pflanze durch einen besonderen Farbstoff — das Anthokyan — in „wärmende" um. Darum findet sich dieser an der Außenseite der Blüthen, so sind die weißen Bündchen des gewöhnlichen Gänseblümchens an ihrer Rückseite oben bläulich oder violett angelaufen. Weit lebhafter, als dies die Kräuter vermögen, verkünden die Thiere den raschen Verlauf der Zeit. Wenn es Abend wird, steigen die Gespenster der Tiefe an die Oberfläche des Meeres, um mit der Morgenröthe wieder in den dunklen Grund zu versinken. Mit ihren beflügelten Füßen durcheilen sie zu Millionen die Fluthen. Es sind dies die sogenannten Pteropoden, deren oft nur wenige Centimeter große Körper fast durchsichtig sind. Auch andere Wesen tauchen in der Salzfluth periodisch auf und nieder. Die Uhr des Meeres, welche der Wellenschlag regulirt, hat noch keinen Linus gefunden; hingegen hat Professor Habcrlandt, gelegentlich feines Aufenthaltes in Java, eine Art Thier-Uhr für die Tropen angegeben. In dem Urwalde von Tjiboda gibt es nach seiner Schilderung früh Morgens zwischen sechs und a ch t Uhr zunächst ein großes Singvogel-Concert: ein lustiges Zwitschern und Trillern, zumeist aus recht kräftigen Vogelkehlen. Dann folgt eine Pause, worauf zwischen neun und zehn Uhr die zahlreichen Tauben ihr lautes, fast melancholisches Girren und Gurren ertönen lassen. Mit hohlem Baßtone läßt sich die große oolumsta asnsL vernehmen; dazwischen ertönt ein lautes Schnarren und der einem Glockenton ähnliche Ruf des japanischen Kuckucks. Zur Mittagszeit hört auch dieses Gurren und Rufen auf, und nur zuweilen unterbricht der Schrei eines Pfaues oder der melodische Flötenton eines einsamen Sängers die Stille des Urwaldes. Zwischen fünf und sechs Uhr Abends, nach den Gewittern und Regengüssen, beginnen Plötzlich, wie mit einem Schlage, die Grillen- und Cikadenheere ihr Concert. Das ist ein Zirpen, Knirschen und Schnarren, ein Kreischen und Schreien, das um so lauter wird, je dichter die Nebel des Abends durch das Geäste der Bäume ziehen. Es ist, als ob ein geheimnißvoller Dirigent den Taktstock über diesen geflügelten Massen schwingen würde. So singt, gurrt und zirpt es nun Tag für Tag genau nach derselben Zeiteintheilung. Fast auf die Minute genau läßt sich die Pünktlichkeit der Sänger kon- troliren, die offenbar eine Folge der großen Regelmäßigkeit ist, mit welcher sich die meteorologischen Erscheinungen täglich wiederholen. Der thatsächlichen Ausführung eines botanischen Zeitmessers steht die Schwierigkeit im Wege, daß man nicht alle vorhin angeführten Pflanzen an einem und demselben Platz findet und daß sie nicht sämmtlich zu gleicher Zeit blühen. Auch ein zoologischer Chronometer ließe sich bei uns schwer beschaffen; er hätte außerdem den Nachtheil, daß man die Stunde schlagen hören müßte, auch wenn man dies nicht wollte. Da beide Arten von Uhren den ganzen Winter über stehen bleiben, so haben unsere Uhrmacher vorläufig keinerlei Konkurrenz seitens der Mutter Natur zu fürchten. (Frkf. Ztg.) -» -z- v -4- -» Zu unseren Bildern. August Graf o. Pinien. Am 24. Okt. waren es hundert Jahre, daß Graf August von Platen zu Ansbach als einziger Sohn des Oberforstmeisters Grafen von Platen-Hallcrmündc das Licht der Welt erblickte. Kaum zehn Jahre alt trat er in das Kadettenkorps zu München ein, kaum vierzehn, in das Pageninstitut. Schon mit achtzehn Jahren wurde er Lieutenant und machte als solcher den Feldzug 1815 mit. Doch es duldete ihn nicht in dem geistig begrenzten Dasein eines Militärs. Nach Friedensschluß trat er in das Privatleben zurück, um sich an den Universitäten Würz- burg und Erlangen wissenschaftlichen Studien hinzugeben. Von seinem Fleiße gibt der Umstand Zeugniß, daß er in sehr kurzer Zeit zwölf Sprachen beherrschen lernte. Sein angeborener Wandertrieb ließ ihn jedoch nicht ruhen. 1824 reiste er durch die Schweiz nach Italien — das war das Land, das er „mit der Seele suchte." Von 182b ab kam er nur noch zwei Mal auf ganz kurze Zeit nach Deutschland. Er konnte aber auch um so ruhiger im Lande der Kunst leben, als er zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften in München ernannt wurde und vom König von Bayern ein Jahrgehalt erhielt. Im Jahre 1835 trieb ihn die Furcht vor der Cholera, die damals in Neapel grassirte, nach Sicilien. Daselbst erkrankte er und in der Meinung, es sei die Cholera, gebrauchte er die entsprechenden Mittel dagegen. Diese verschlimmerten sein Leiden, so daß er am 5. Dezember starb. Die Platen'sche Dichtung, so erhaben auch der Eindruck ist, den sie auf uns macht, sie wird uns innerlich immer fremd bleiben. Sie ist nur Kunst — „mannorschön" hat man sie genannt — deren einzelne Bestandtheile von reiner Schöne sind, aber es fehlt ihr das Leben. Er wähnte, die Stimmung lieae in der äußeren Form und dieser Wahn wurde um so verhängnißvoller, als er antike und morgenländiscbe Versmaße gebrauchte. Trotz alledem aber bat Platen doch ein Verdienst, um dessentwillcn wir ihn ehren müssen: er hatte das redliche Bestreben, eine reine und große Kunst zu schaffen. Nie Keichrnkarawane. Nach einer Orignalzeichnung von'E. Berninger. Allerseelen ist das große Fest der Liebe, welcbes die Seelen verbindet, jener Liebe, die Raum und Zeiten überwindet. Schon in den ältesten christlichen Zeiten ist es gefeiert worden, und so geschieht es noch heute allerwärts in frommer Erinnerung und unter liebgewonnenen Gebräuchen. Sein sichtbarer Ausdruck ist es, die Gräber der Verstorbenen mit Blumen und Lichtern zu schmücken und dort zu beten für die Ruhe der Abgeschiedenen, eingedenk der Worte des heiligen Augustiners: „Es ist kein Zweifel, daß die Gebete der heiligen Kirche, das heilsame Opfer und das Almosen (des Gebetes), welches man für die Verstorbenen darbringt, ihren Seelen gedeihlich und dazu behülflich sein können, daß Gott barmherzig und gelinder mit ihnen verfahre, als sie durch ihre Sünden verdient haben." — Unser Bild „Allerseelen in Tirol" vereinigt die innere Schönheit des Gegenstandes mit der Idylle der äußeren Gewandung zur glücklichsten Harmonie. _ Nie Keichenkarawane. Blutigroth sinkt die Sonne im Westen. In den Duft der Abenddämmerung gehüllt liegen die unübersehbaren Trümmerfelder von Babylon. Aus der sumvfigen Niederung des Euphrat steigen dunstige Nebel emvor und schleichen vom Äbendwind getragen über die einsame, wüstenartige Landschaft. Aus der Ferne ertönt das beisere Gebell des Schakals, und einige Geier ziehen still ihre Kreise im.dunklen Aether. Suchen sie ihr Nest zur Nachtruhe oder wittern sie Beute? — Da zieht von ferne heran, über die Hügel herauf, in langer, unabsehbarer Reihe eine Karawane. Stumm kommt sie heran; keines jener schwer- müthigen Lieder, mit denen der Kameelführer sonst die lange Reise kürzt, ertönt. Mund und Nase der Begleiter sind mit Tüchern verhüllt, und die bewaffnete Escorte hält sich in scheuer Entfernung zu beiden Seiten der Kamecle. Immer näher beran schwanken die Dromedare Jetzt kann man ihre hohen Lasten ! deutlich erkennen; es sind Särge — es ist eine Leichcnkarawane. I — Entsetzt weichen wir vor dem gräßl-chen Geruch zurück, den ! jetzt der Wind zu uns herüberführt. Eins der müden Th'ere bricht unter seiner Last zusammen; herunter poltern die Todten- kasten. Es össnet sich der Deckel; ein halbverwester Leichnam grinst uns entgegen — hinweg, du Bild des Entsetzens I Südlich von den wüsten Trümmerhaufen, welche die Stätte bedecken, wo einst Babylon und Niniveh standen, in der Ebene des Euphrat liegen Nedschef und Kerbel«, die berühmten Wallfahrtsorte der Mchamedaner. Dort ruhen die Gebeine Alis, des mohamcdanischen Reformators, des Begründers der Sekte der Schiiten, welcher vorzüglich die Perser angehören. So ist es nun der höchste Seelenwunsch eines frommen Persers, nach seinem Tode an dem Orte zu ruhen, der die Ueberreste seines Propheten birgt. — Das sogenannte Canalland, durch welches sich die Pilgerstraße Hinzieht, noch im 12. Jahrhundert mit den schönsten Palmenwäldern bewachsen, ist nach der Schilderung eines Reisenden in der „Allgem. Ztg." heut öde und verlassen, und nur festungöähnlicbe Karawanserais oder Chans unterbrechen die trostlose Einförmigkeit der Strecke. In solchen Chans, die alle besondere Namen haben (meist nach den Gründern, wie: Kjaja-Chan, Jskenderie-Chan, Jzaid-Chan u. s. w.) ist gute Rast für die geängstigten, oft die kostbarsten Schätze mit- führenden Karawanen. Aber der Reisende, der das Sicherheitsgefühl innerhalb der gewaltigen Mauern inmitten des Raubgebietes der Zobetd-Araber sehr zu schätzen weiß, bezahlt es dennoch zu Zeiten sehr theuer, wenn mit Sonnenuntergang die Leichcnkarawane durchs hohe Thor einzieht und in weitem Hofraum die Vesthauchenden Särge ablagert. Zwar behaupten übereifrige Zeloten: es sei alles Jasmin- und Rosenduft, aber der bekannte Reisende VLmbsry ist gleichwohl Leuten auf ihrem Pilgerzuge begegnet, die sich weitab von den Tragthieren hielten und ihre Nasen verbunden hatten. Selbst die Thiere werden mit der Zeit dienstunfähig; sie versagen und fallen um. Die Karawanserais sind weitläufige im Quadrat, oder Rechteck aufgeführte Bauten, im Innern mit arcadenumsäumtem Hofe, wo der Brunnen und die Lagerplätze für die Tragthiere sind. Doch haben die meisten Chans für letztere, sowie für die Waaren, eigene Räumlichkeiten im Erdgeschosse, während das erste Stockwerk zcllenartige Kammern für die Reisenden enthält. Eine solche Wohnstätte darf freilich nicht nach abendländischem Maßstabe gemessen werden, denn sie besitzt weder Ameublement noch Fenster- oder Thürvorrichtungen. Auf dem geborstenen Estrich tummeln sich Inletten und Skorpione, und an den Wänden zie' en sich ganze Ketten von schlummernden Fledermäusen, welche Nachts ihr lustiges Geflatter beginnen. Als Warte, von der aus weite Rundschau möglich ist, dient ein Thurm zunächst des Eingangs. Indeß sind die Karawanen innerhalb solcher Nachtstationen jederzeit sicher, keineswegs aber auf dem Marsche selbst; und Karawanen, die besonders koubare Waaren oder Geschenke für die Grabdome mitbringen, müssen oft von ganzen Bataillonen der Bagdader Garnison begleitet werden. Ganze Schiffsladungen von Leichen werden jährlich über das Kaspische Meer gebracht, um dann auf Dromedaren verladen die weite Reise nach Alis Grabdom anzutreten. So zieht denn die Karawane durch jene sumpfigen, fieberhauchenden Niederungen. Viele der Thiere und Begleiter erliegen der entsetzlichen Atmosphäre, welch- die Karawane umgibt. Ihre Leichen fallen den Schakals und wilden Hunden zur Beute, welche der Karawane folgen. „Welch ein Anblick für Gläubige mag die schimmernde Goldkuppel am rothgelben Wüstcniaume sein! Wonnetrunken stürzen sie auf den brennenden Sand nieder und küssen ihn mit dem Rufe: „O Ewiger, es haftet an unserem Halse dein kostbares Blut I" Und durch die ganze Karawane rauscht's wie von gedämpften Lobhymnen, indessen die todmüden Kameele mit ihrer Leichenlast auf den Boden niedertaumeln, um erst wieder emporzuschnellen, wenn das heisere „Kril Kri!" ihrer Treiber ertönt. Von weitem sieht man nur die mit vergoldeten Kuvferziegcln gedeckte Kuppel und die Goldhauben zweier Minarets. Den Dom umgeben hohe, mit Glasurziegeln bedeckte Mauern, und zwei Thore führen in den Hofraum. Es ist begreiflich, daß der Andrang ein ungeheurer ist. Aber gar so rasch mit der Befriedigung des letzten Wunsches der mitgebrachten Todten geht es keineswegs, denn die schiitisthe Geistlichkeit läßt sich die Ruhestätten theuer bezahlen — abgesehen on allen Geschenken, welche seit einem Jahrtausend im Innern des Grabes aufgehäuft worden sind." In welch leichtsinniger Weise die Bestattung geschieht, bezeugen die Kleiderfetzen und menschlichen Glieder, an denen die halbwilden Hunde auf den Begräbnißstätten herumzerren. So steigt denn aus jenen Gräbern, aus den Stätten der Verwesung, das furchtbare Gespenst der Pest un' schwingt seine Geißel über die traurigen Einöden, mit ibrer spärlichen, physisch und moralisch heruntergekommenen Bevölkerung. Die persischen Leichenkara- wanen durchziehen Jahr für Jahr das Bagdader Gebiet und jene gottverlassenen Steppen und Wüsten, in welchen einst der „Garten des Gottes Dunu", das biblische Eden, lag. „Nur in solchen Contrasten erkennt der Mensch die ganze Bedeutung des wechselvollen Völker- und Culturlehens und den Unbcstand alles Erdenglückes." Schachaufgabe, Schwarz. Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt Auflösung des Arithmogriphs in Nr. 89: Heize, Aase, Visen, Isis, Seine, vgge, Neige, listen, Unsinn. G n e i s e n a u. -- M SS. Ireitag, den 6. November 1890. s?ür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Berlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbcsitzer vr. Max Huttler). „W agd a." Zwölf Monate eines modernen Lebensbildes. Der Wirklichkeit nacherzählt von Beda v. Ballheim. (Schluß.) Das Einstudtren der Oper beschäftigte den Fürsten so lebhaft, daß er beschlossen hatte, bis zum Beginne der Mntersaison in H. zu bleiben. Magda, die sich «it großem, künstlerischem Ernst ihrer Partie widmete und mit der ihr eigenen kindlichen Gefügigkeit den Intentionen der Autoren entgegenkam, entzückte den Fürsten vollständig. Ihre Schönheit übte kaum einen größeren Reiz auf ihn aus, als die feine Natürlichkeit ihres Wesens, welchem jede, so oft fälschlich mit der Eigenartigkeit des Genies interpretirte Launenhaftigkeit und Leichtfertigkeit der Künstlerinnen fremd war. Faurier wachte über ihr mit der umfassenden, unsichtbaren Gewalt einer Vorsehung, und seiner Geschickltchkeit war es zuzuschreiben, daß der Enthusiasmus des hohen Herrn wenigstens bis jetzt in den Grenzen der Courtoifie blieb. Dauß und Konsorten hingegen sahen mit großer Befriedigung den rasch wachsenden Einfluß ihres Schützlings und hielten es an der Zeit, durch denselben auf die prompte Erledigung ihres Hauptcoups, den Ankauf des Werkes durch den Fürsten, hinzuwirken. Mit bewunderungswürdiger Verwendung aller ihrer „Druck- und Preßapparate" hatten sie es möglich zu machen gewußt, den da und dort und oft recht laut auftauchenden Zweifeln an der neuen Rentabilität der Grube die Spitze abzubrechen. Alle namhaften Parteiblätter des Reiches flössen über von den Schätzen, welche sich binnen Kurzem wieder über die Gegend ergießen würden. Kommissionen Sachverständiger hatten sogar zu wiederholten Malen den Befund untersucht und das günstigste Prognostikon gestellt. „Die Presse ist allmächtig, sie läßt sogar das Silber tn der Erde wachsen!" hatte sich mit spitzem Lächeln der Finanzrath Tiefenborn dem Fürsten gegenüber geäußert. Er war der einzige, aber mächtige Gegner des Kaufprojektes. Ein Mann von praktischem Blicke, seit lange betraut mit der Verwaltung des bedeutenden fürstlichen Vermögens und auf dessen Vermehrung mit großer Treue bedacht, hatte er, trotz aller Zeitungsreklame und Sachverständigengutachten, kein Vertrauen zu der Rentabilität einer zu jenem Ankaufe zu verwendenden Million Thaler — denn nicht geringer bezifferte sich die geforderte Summe. »Ihre Zukunft, Kind", hatte Danß mit väterlicher Autorität wiederholt zu Magda gesagt, „ist in unseren Händen; was Sie sind und sein werden, erfährt das Publikum durch uns, und nicht allein das Publikum hier, sondern in der Residenz, im ganzen Reiche und weit über dessen Grenzen. Wir stellen fest, wie es um Sie steht Von der angebeteten und bejubelten Stimme eines Engels aber löschen wir, wenn es uns zweckdienlich ist, leise und unbemerkt Strich um Strich, Farbe um Farbe, und nach Kurzem fragt die Menge verwundert, wie sie solchem Schatten einst huldigen konnte. Noch, mein Kind, ist Ihre Zukunft sehr klar", hatte er lächelnd hinzugefügt, „und bei Ihnen steht es, Nebel und Wolken ferne zu halten." „Was kann ich dazu thun?" war darauf Magda's bestürzte und beklommene Frage gewesen. „Zunächst muß jetzt der Fürst das Bergwerk kaufen, und", hatte Dauß bedeutsam geantwortet, „dazu können Sie ihn leicht bringen." Klarer und immer klarer wurde eS in ihr, noch hoffte sie, wenn auch schwach, daß wenigstens Rothner in keinen Beziehungen zu dem verbrecherischen Complott stehe, in welches man sie zu verstricken gedachte. Noth- ners Ankunft sollte sie auch hierüber aufklären, verlangte er doch von ihr unumwunden und immer dringender die Unterstützung dieser Pläne, von deren Gelingen seine ganze Existenz abhängig sei. Mit Abscheu hatte sie sich da von ihm abgewandt, lieber sterben, als sich von ihm in die abschüssige Bahn des Verbrechens führen zu lasten. Aber war sie nicht durch unauflösliche Bande au ihn gefesselt, ihm nicht vielleicht Gehorsam schuldig? O, wie drückten jetzt diese Fesseln, die sie im jugendlichen Leichtsinn sich selbst geschmiedet l Würde sie auf die Dauer die Kraft besitzen, dem Drängen ihres Gatten zu widerstehen, und was war dann das Ende? Ihre reine Seele schauderte davor zurück. Sie fühlte, sie stand am Scheidewege. Unwillkürlich sank sie in höchster Seelenqual auf ihre Kniee, wiederum tauchte die Erinnerung an ihre Kinderjahre vor ihr auf, sie erinnerte sich der Kapelle, wo sie mit solcher Inbrunst zur Mutter Gottes gebetet, unwillkürlich wiederholten ihre Lippen die Worte: „O, Maria, Du unbefleckt Empfangene, bitte für uns", und himmlischer Trost träufelte herab in ihre Seele, licht wurde eS in ihren Gedanken. Hier gab es nur einen Ausweg, die Flucht. 706 Rasch entschlossen richtete sie sich zum Ausgehen. Ein Gedanke blitzte dabei in chr auf. Seit längerem hatte ein Theateragent sich wiederholt Mühe gegeben, sie für eine Kunstreise zu gewinnen. Kurze Zeit darauf stand sie in seinem Empfangssalon. Nachdem sie sich seiner Verschwiegenheit versichert, machte sie ihn mit ihrer veränderten Stellungnahme seinen Anträgen gegenüber bekannt. Magda fand den Agenten von der entgegenkommendsten Freundlichkeit. Wer mochte auf ihn, der zu solchem Interesse nur durch die Aussicht auf sicheren pekuniären Vortheil bewogen werden konnte, eingewirkt haben ? „Was sagen Sie zu einer Tournee durch Amerika?* kam er nach der Begrüßung auf den Kernpunkt der Verhandlung. „Der Impresario Thomson bedarf noch einer neuen Kraft, besonders geeignet, die Goldmänner drüben zu clektrisiren. Ich habe Sie ihm genannt, liebes Kind", setzte er im Protektortone hinzu. „Ein Kenner, dessen Wort ich trauen kann, machte mich auf S iiaufmerksam." Eine wehmüthige Freude zog durch die Seele der jungen Sängerin, sie erröthete und richtete sich unwillkürlich höher auf. Sie fühlte unzweifelhaft die theuere Hand, welche ihrem wankenden Dasein in der Kunst die neue Stütze bot. „Alphousl" dachte sie; wenn auch für immer getrennt, war es ihr doch eine traurige Seligkeit, daß sie sein Herz ihr eigen wußte. Unter dem unsichtbaren Einflüsse und Drucke dieses „KeunerS" kam denn auch das Engagement mit wunderbarer Schnelligkeit zum Abschlüsse. Agent und Impresario überboten sich in Zuvorkommenheiten, und Magda war schon am nächsten Tage in der Lage, ihre Eltern von dem Glücksfall zu benachrichtigen, welcher selbstredend ihren plötzlichen Weggang von H. zur Genüge motivirte. Zugleich konnte sie eine ziemlich bedeutende Summe, welche sie als Vorschuß erhalten hatte, zwischen diesen und den für die nächste Zukunft unumgänglichen Vorbereitungen theilen — die erste Unterstützung, welche sie mit freudigem Herzen ihren Theuren zuwendete. Und so sagte sie denn an einem vollentwickelten, echten Spätherbsttage der Heimath Lebewohl. DaS allmächtige Meer, das nur langsam mit den scheidenden Küstensäumen seine gewaltige Herrschaft auf ihre Seele legte, sog allgemach Wehmuth und Wünsche, welche mit ihrem feuchten Auge an dem entschwindenden Vaterlande hingen, in sich auf, und eine heftige Sehnsucht nach dem Leben der künstlerischen That zog sie hinüber über die großartige Wasserschwelle in die neue Welt, der sie entgegeneilte. Das Neue des einförmigen und doch so bewegten Treibens des SchiffSvolkes, das familienartige Beisammensein so vieler einander fremden Menschen auf dem engen Raume inmitten der großen Wasserwüste regten Magda, die nur wenig von der Seekrankheit litt, außerordentlich an. Die kindlich forschende, Alles zu ergründen suchende Seite ihres Wesens trat hier, verbunden mit ihrer gewinnenden Liebenswürdigkeit, so lebhaft in ihr Recht, daß die junge, anmuthige Frau bald der allgemeine, verwöhnte Liebling war. Passagiere und Schisssvolk wetteiferten darin, ihr zuvorzukommen, ihr kleine Freuden und Bequemlichkeiten zn verschaffen. Unter der Gesellschaft der ersten Kajüte befand sich auch eine reiche amerikanische Familie, welche von einer europäischen Nundtour zurückkehrte. Mit den Kindern derselben hatte Magda große Freundschaft geschlossen. besonders daS jüngste, ein allerliebster vierjähriger Knabe, Robert, wurde ihr unzertrennlicher Begleiter. Es war gegen das Ende der Fahrt, als ein besonders warmer Abend Magda aus dem Salon gelockt hatte. Sie lehnte, ganz versunken in das Schauspiel der dem Untergang zueilenden Sonne, am Geländer des Decks. Die See war bewegt unter der Oberfläche. Noch lagen die goldenen, zitternden Strahlen des Tagesgestirns tausendfach gebrochen in den unruhigen Wellen, und vom fernen Horizonte blickte die Sonnenkugrl im feurigen Halbkreise zu ihr herüber. Magda fühlte sich berauscht von dem Anblick des Meeres, von diesem unendlichen Horizonte — dem Bilde der Ewigkeit, Untheilbarkeit und Einheit: Gott. Und als jetzt neue Welten und Wolken sich vor der glühenden Abendröthe aufthürmten, da zauberten sie ihr lebendig die Hügel und Wälder der Heimath vor die Seele, sie unterschied so manches licbgewordene Plätzchen darin, mit ihren Freuden und Leiden durchweht — auch das kleine Klrchlein mit seinen eingefallenen Gräbern stand da. Sie legte sich weit über den Rand und breitete mit glänzenden Augen die Arme aus. „Das gibt eine unruhige Nacht", sagte ein alter Bootsmann, der oft Magda'S Wißbegierde mit Aufklärungen befriedigte, im Vorübergehen auf die Wolkenschicht deutend. In diesem Augenblicke vernahm die junge Frau ein Kinderlachen. Robert war, um sie zu necken, auf den Rand des Geländers geklettert, sie fühlte seine blonden Locken, sein Händchen an ihrem Gesichte, — dann ein Fall — ein Schrei — das Kind verschwand in den Wellen. Ohne einen Laut, in rascher Entschlossenheit sprang Magda, eine tüchtige Schwimmerin, dem Kleinen nach und erfaßte ihn glücklich im Augenblicke, da er wieder emportauchte. „Brave Seele!" rief der alte Bootsmann, der ihr sofort zu Hilfe kam und unter dem eifrigen Beistands einiger Matrosen die beiden Triefenden glücklich an Bord brachte, so rasch, daß sich die übrige Reisegesellschaft deS Unglücksfalles kaum noch bewußt geworden war. Auf der sonst immer gleich unbeweglichen Stirn der amerikanischen Mr. Papa standen aber in diesem Augen blicke dicke Schweißtropfen, und die gelbe Farbe seines Ge sichteS war aschgrau geworden. Er drückte, während dt Mutter ihr Kind mit Thränen in die Arme schloß, die Hand der Retterin. „Well, Mrs. Noihner", sprach er, „ich calculire, Sie haben sich einen festen Freund gemacht in John Erittenden." „Das will was sagen", raunte, sich freudig die Hände reibend, der kleine Impresario ihr zu, „denken Sie an die fünf Journale, deren Eigenthümer er ist!" Und dann lief das Schiff eines Morgens im frischen, hellen Sonnenschein in die Bai von New-Mrk ein, und Magda'S entzückte Seele genoß das wundervolle Schauspiel der Einfahrt in den Hafen der Weltstadt. Unter dem wolkenlosen Himmel lagen im reinsten Lichte die beiden Inseln, welche die Bai begrenzten, getaucht in den glühenden Farbenreichthum, mit dem der Herbst hier das Laub färbt, — dann die mächtigen Strandbatterien — und endlich der herrliche Hafen selbst, der weitgespannt daliegt, als wolle er alle jene Schaaren hoffender Menschen gastlich empfangen, welche, müde des alten Europa, in das ungeheuere Festland strömen, das ihnen Erfüllung ihrer Wünsche und neue Hoffnungen geben soll. Wieder sind Jahre verflossen. Die neue Welt war 707 Magda's Hoffnungen in Bezug auf Geld und Ruhm nichts schuldig geblieben. John Crittenden hatte der Retterin seines Sohnes Wort gehalten. Die glänzende, echt amerikanische Einführung der Künstlerin durch seine zahlreichen Preßorgane ebnete ihr den Weg zu einer seltenen enthusiastischen Anerkennung ihrer reichen natürlichen Gaben. Ihr Verhältniß zu ihrem Gatten, das der Welt übrigens noch immer ein Geheimniß war, hatte sie durch ihren Anwalt seit Langem regeln lassen. Trotz der namhaften Summe, die sie ihm von ihren Einkünften zukommen ließ, fehlte es nicht an Bettelbriefen der dringlichsten Art. Neben der reinen Freude, welche ihr die Ausübung ihrer Kunst gewährte und die mit der reifenden Vollendung ihres Talentes wuchs, fand Magda die größte Befriedigung mitten in diesem Leben der Triumphe und des Glanzes, deren Hohlheit sie nur zu bald in der Leere ihres Herzens fühlte, in dem Bewußtsein, daß es ihr nun doch gelungen war, den mit schmerzlichen Opfern erkauften Zweck ihrer Laufbahn: die sorgenfreie, behagliche Lage ihrer Eltern, zu erreichen. So sammelte sie, und der Fonds ihres Kapitals war zu ansehnlichen Höhe gestiegen, als neue, vorthrilhafte Anerbietungen sie wieder nach Europa führten. Seit einigen Wochen waren sie nun in Europa, und das erste Gastspiel Magda's fand in derselben Residenz statt, in welcher sie ihre Studien gemacht hatte. Ihr Ruf war schon so zweifellos begründet, daß sie es ohne Furcht vor früheren Drohungen wagen konnte, Dauß und seiner Garde gegenüberzustehen. Der Erfolg bewährte dies glänzend. Ihre ehemaligen Protektoren, deren Macht durch eine ihrer Partei für den Moment ungünstige politische Zeitströmung bedeutend ins Schwanken gebracht worden war, so daß selbst die Existenz deS „Stachelschweines" gefährdet schien, näherten sich ihr sehr verbindlich und waren froh, durch die Großmuth der Künstlerin daS übliche Honorar, welches eine gewisse, leider dominirende Presse als selbstverständlich für ihre „objektive" Beurtheilung beansprucht, sehr reichlich ausfallen zu sehen. Magda blieb nun doch einmal für den Augenblick ein Stern erster Größe, Wolken des Hasses konnten sie jetzt nicht verdunkeln. Schon nach wenigen Vorstellungen hatte sie das Publikum in allen Kreisen enthusiastisch erregt und besonders die Sympathien eines sehr hochstehenden musikalischen CirkelS gewonnen, welcher mit großem Verständnisse speziell der Pflege ernster Musik oblag. Der Graf Kollhoven, die hervorragendste Persönlichkeit desselben, versammelte häufig auf seinem unfern der Stadt gelegenen Landsitze die ersten musikalischen Kräfte der Residenz, um die Kompositionen neuerer Meister vor einer ebenso durch feinen Geschmack wie durch hohen Rang ausgezeichneten Gesellschaft, in welcher sich oft Mitglieder des Herrscherhauses befanden, aufführen zu lassen. ES galt in der Künstlerwelt für eine besondere Ehre, in diesen Privatkonzerten mitwirken zu dürfen. Magda empfing eines Tages den Besuch deS Grafen selbst, welcher sie mit ausgezeichneter Courtoisie einlud, die Hauptsolopartie in einem neuen, größeren Werke zu übernehmen. Es war ein Requiem, und ein solches wurde alljährlich am Allerseelentage, einer alten Tradition gemäß, in seinem Schlöffe zum Andenken an eine düstere, für sein Geschlecht wichtige Begebenbeit früherer Zeiten aufgeführt. Die Musik wechselte in den Meistern. Von dem Autor der vorliegenden erfuhr man nur, daß er ein intimer Freund des Grafen sei, in Italien lebe und daß Jener den Komponisten, welchen er bei sich erwartete, mit der ohne Kenntniß desselben vorbereiteten Aufführung überraschen wolle. Magda unterzog sich der Aufgabe mit einer besonderen inneren Lust, weil ihr die Komposition wunderbar lieb und sympathisch erschien. Je mehr sie sich in dieselbe vertiefte, um so mehr wehte sie daraus etwas so süß Heimisches an, als habe sie diese Gedanken schon selbst empfunden, als spräche eine Seele zu ihr, welche, der ihrigen vertraut, deren eigenes, inneres Leben zum Ausdruck gebracht hätte. Sie studirte mit großem Eifer, und oft fühlte sie mitten im Gesänge ihr Gesicht in Thränen gebadet, die aus einer unendlich wehen und doch glücklichen Empfindung flössen. Die kleine Cilli, welche ihre Mutter so wenig wie möglich verließ, wenn dieselbe daheim war, saß dann still spielend in einem Winkel des Zimmers und richtete verwundert ihre glänzenden Augen auf die geliebte Mama. Der Tag des Konzertes war einer jener wild- stürmischen Novembertage, welche der letzte Kampf der Natur gegen die eisige Erstarrung des Winters zu sein scheinen. Ein durchdringender Wind jagte über die öde Flur und fegte im Wirbel das raschelnde Laub die Straße entlang, auf welcher Magda im bequemen Wagen zum Schlosse des Grafen fuhr. Sie war ernst und traurig. Das Bild draußen sah ihrem innerlichen Leben so gleich; sie schaute zum Himmel, er hing voll dichter, grauer Wolken, welche vereinzelte kleine Schneesterne herabsandten. Dann ward es Abend. Die angenehme Atmosphäre eines warmen, nach Cedernholz duftenden Zimmers umgab sie einschmeichelnd, und im anstoßenden Raume hörte man schon das leise Knistern und Rauschen der Seiden- roben, das Kommen und Gehen und die gedämpfte Unterhaltung der sich sammelnden vornehmen Gesellschaft. Die gefeierte Künstlerin betrat den Saal, leidenschaftlich bewundert wie immer. Die Aufführung begann. „Requiem avtsruam äona, sie Darwins", begann der Chor mit klagender Bitte; „Dies irrrs, äiee iltu", brauste es dann erschütternd durch die Herzen der Zuhörer und zerriß den Vorhang vor dem letzten der Tage. Woll ergoß sich jetzt Magda's herrliche Stimme in die Klage: „(juiä 8UM missr tuno äieturug" (WaS soll dann ich Armer sagen): es war ein Weh und ein Elend, ein Schmerz, so groß und tief wie das All', der auS diesen Tönen sprach. Die großartig schöne Komposition schien geboren in dieser Seele voll Trauer und Verzweiflung. nLalva wo kon8 pietatis" (Rette mich, Quell' deS Erbarmens), rang die Bitte in heißem Flehen, und voll Ergebung erstarken die Töne in dem Zittern der Scham: „Luxxliennti pures Deus" (Höre, Gott, mein heißes Flehen). Todtenstille lag über dem Zuhörerraume. Magda fühlte nicht, daß sie unter Menschen war, daß sie sang. Ihr inneres Leben strömte dahin in seiner Anklage und Verzweiflung. Die Töne wurden ihre Worte und Thaten, sie stiegen empor wie ihre eigenen Gedanken, und über den Wellen des Chores schwebte in Klängen voll und zauberisch die mächtige, wilde Demuth des seinen Stolz besiegenden Sünders: „Oro sunplex st ueolinis" (Tief im Staub ring' ich die Hände). Der Satz war zu Ende. Kein Summen und Plan- 708 dern, kein Laut im weiten Saale. Alle Herzen bebten in tiefer Erschütterung. Als Mazda später sang: „Ltabat raatsr äolo- rosu", da legte sich alle Sehnsucht ihrer Brust wie ein Liebeshymnus an die Mutter der Schmerzen. Das Ich war überwunden, geopfert vor dem Kreuze, an dem der sterbende Heiland die sündige Menschheit, auch sie, erlöste, und unter welchem die heiligste Mutterliebe die Welt in den ausgebreiteten Armen empfing, denen das eigene göttliche Kind in grausamen Leiden entrissen ward. „0, guaw tristis st aüiiota" (O, wie traurig, gram- beladen), klagte Magda, und tausend Thränen lagen in der Stimme, wie die Antwort der sich verfinsternden Natur klang dazu der Chor dumpf und gepreßt. Diese Mutterliebe, diese Erlösuugsliebe stieg empor, eine mächtige, heilige Flamme, alle Herzen brannten darin, und die Sehnsucht des OpfernS kam über Alle. „Oruviüxi Lgs Ooräi mso valiäs" (Präge des Durchbohrten Wunden meinem Herzen kräftig ein); bat Magda. „l?ao ras xlaZis vulnsrari" (Lass' mit Wunden mich bedecken); dringender und inniger bot sie die Brust den Schmerzen, um endlich in die jauchzende Ueberzeugung auszubrechen: ^Inüamiuatu8 st aoosnsns, kor ts,ViiAv, »um äsksnsus In ärs juäioii" (Ob des Glühens, ob des steten — Wirst, o Jungfrau, mich vertreten, — An dem Tage des Gerichts). ES war ein so überirdischer Gesang gewesen, das Antlitz der Sängerin strahlte von einem so heiligen Glänze, daß alle Mitwirkenden, hingerissen, ebenfalls Ungewöhnliches leisteten. Der Komponist konnte zufrieden sein. Er war es — Faurier. Da stand er vor ihr, hoch und bleich, das ganze Leben konzentrirt in dem blitzenden Auge. Sie erstaunte, erschrak aber nicht, sie lächelte verklärt. »Ich wußte es", sprach sie leise, indem sie ihm die Hand hinstreckte. Der Strom der Entzückten, welche nun den Komponisten und seine hervorragendste Jnterpretantin umgab, trennte sie. Als Faurier sich selbst wieder angehörte, war Magda verschwunden. Sie hatte, Ermüdung vorschützend, dringend nach Hause verlangt. Was sie diese Jahre her mit eiserner Hand der Pflicht zurückgedrängt in ihrer Seele, was sie überwunden glaubte, das strömte nun voll und glühend hervor, und sie «einte zu sterben in der schmerzvollen Seligkeit. Aber da war auch die Ueberzeugung des Opscrns. »st'ao ms xla§is vulnsrari", betete sie in unaussprechlichem Dränge der Leiden und in Demuth zur Erde gebeugt, schlug sie die Brust in wilder Heftigkeit, richtete sich auf in leidenschaftlicher Geberde und bot dem Himmel ihre ganze, herrliche Schönheit, ihr ganzes Ich zum Kreuze dar. Thränen strömten aus ihren Augen, so heiße, rastlose Thränen, alle Lavafluthen ihrer unendlichen Empfindung. Dann wurde es still — das Opfer war vollbracht. Vor ihrer Seele stand das Marienbild in dem Kirchlein ihrer Heimath, und geduldig legte sie zu den Füßen der Gebenedeiten diese Liebe, die — an sich so rein — für sie eine Sünde war; sie legte dahin das Wiedersehen — Alles — bis aus den Gedanken. Es war das Requiem ihres Herzens. Und als sie leer und arm geworden und nichts mehr besaß von dem, was sie, wider ihr Wissen, die Jahre her aufrecht erhalten, als sie ein großes, schweres, kaltes Leiden freudig auf sich genommen, da ward es mild und warm in ihr, und wie Engelsstimmen um- tönte es sie: „O, Maria, ohne Sünden empfangen, bitte für uns!" Zur Beethoven-Feier sollte sie die „Leonore" singen. Diese Partie kostete sie, so oft sie darin auftrat, stets einen moralischen Kampf. Es lag eine zu bittere Ironie auf ihre eigenen Verhältnisse darin. Dunkle Schatten stiegen wider ihr Wollen aus der GrabeShöhle ihrer geopferten Liebe in ihrem Herzen auf und wollten sich zu der Gestalt verdichten, für welche der Schrei: „Todt' erst sein Weib!" eine wildselige Wahrheit gewesen wäre — und daneben der entweihte Opfertisch, auf dem ihr Dasein verblutete! Auf den Tag der Aufführung hatte Rothner eine Kette von Gemeinheiten gehäuft, besonders drohte er mit allerhand wilden Ungeheuerlichkeiten, wenn Magda ihm nicht eine bedeutende Summe zur Tilgung dringender Verlegenheiten überlassen werde. Sie hatte sich geweigert wie immer. Ein jäher, brennender Schmerz in ihrer Brust erschütterte sie, es quoll leise darin anf, und als sie das unwillkürlich vor den Mund gedrückte Taschentuch wegnahm, war ein Heller, röthlicher Schaum darauf. Eine schreckliche Mahnung! „Hinreißender als je!" flüsterte eS im Publikum nach ihrem ersten Erscheinen, „sie ist heute wie eine Glocke, welche der Schmerz zu zersprengen droht!" Und mit immer steigendem Interesse und endlose« Beifalle begleiteten die Zuhörer diese großartige, herrliche Interpretation der reinsten Gattenliebe. „Tödt' erst sein Weib!" klang es gewaltig und erschütternd. Das war die gesprungene Saite, der letzte Ton der gequälten Brust hieniedeu. Noch Jahre nachher hallte er in den Herzen Derer, welche ihn damals gehört hatten. Mit ih« sank die Sängerin bewußtlos nieder. Der Vorhang fiel, und die Oper konnte nicht zu Ende gespielt werden. Während Magda noch schwer erkrankt darniederlag, rief sie eine Depesche an das letzte Letdensbett ihres Vaters. Ihr eigener Zustand machte die Reise unmöglich; doch wußte sie denselben ihren Eltern zu verschweigen. Sie erfuhr sein bald darauf erfolgtes Ableben erst durch einen Brief der Mutter, welche zugleich ihre Absicht ankündigte, nach nothwendigster Ordnung der Angelegenheiten des Verstorbenen zu der geliebten Tochter zu eilen, um sich nie von ihr zu trennen. Nach jenem letzten wilden Anlauf war Nothner wenig zu Hause. Er hatte ein anderes Mittel gefunden, seinen Willen bezüglich des Geldes durchzusetzen. Feindselig und in sich gekehrt, mied er das Zusa««ensein mit seiner Frau. Der letzte Tag des Jahres kam heran. Am Vormittage hatte der Arzt aufs Bestimmteste erklärt, die Kranke dürfe unbedingt längere Zeit nicht nur nicht singen, sie müsse auch schleunigst einen Luftkurort aufsuchen. Als Magda mit wilder Hast in ihn gedrungen, ob sie wieder in den Vollbesitz ihrer Sti««mitiel gelangen «erde, stellte er ausweichend die Bedingung sofortiger Abreise nach Italien. Und das alte Jahr ging zu Ende. Feierlich erklangen die Glocken von den Thürmen, Jubel und Jauchzen aus den Straßen: Glück zum neuen Jahrs! Glück! Wie lange lag das hinter Magda, und doch, wie nahe war es! Die offenen Augen schloß kein Schlaf, eine unnatürliche Erregung floß wie ein Feuerstrom durch die krankheitsmatten Glieder. Die Zeit stand still für sie; ob Minuten, ob Stunden, sie stand in ihrer Seele 709 vor der Ewigkeit. Gegen Morgen kam ein stolpernder Schritt die Treppe herauf, schwankte durch den Vorfaal. Jetzt tappte eins Hand unsicher an der Thüre des Zimmers, schwerfällig ging sie auf. Rothner taumelte herein. Sein gerathetes Gesicht zeugte in seiner Verzerrung von der wüst durchlebten Nacht. „Weißt Du auch, daß ich wich dort, wo sie noch lustig sind, losgerissen habe aus purer Freundschaft für Dich? Wollte Dir doch den Neujahrsgruß bringen!" Er hielt ihr ein Zeitungsblatt dicht unter die Augen. „Sieh hier — die Nachricht! Deinen alten Liebsten, den feinen AttachZ, den Wundermann Faurier hat der Teufel geholt! Todt ist er, hörst Du? Todt! Todt!" Er johlte die Worte in schaudervollem Entzücken. Sie zuckte zusammen. Aber es war wohl nur eine seiner Gemeinheiten. „Du bist betrunken", sagte sie, mit Mühe ihrer Stimme Festigkeit behauptend. „Nüchtern genug, um Dir die Wahrheit zu beweisen. Höre!" Und er las laut und langsam: „Der in der musikalischen Welt als Komponist rühmlichst bekannte Attachö Baron Alphons Faurier ist nach längerem Leiden am 25. ds. Mts. in Nom gestorben." Mazda griff mit schneller Bewegung nach dem Herzen, dann blieb sie unbeweglich, todtenblaß, aus dem hinausgedrängten Auge floß langsam ein großer Tropfen der Qual die Wangen hinunter. Und dann stand sie auf der Straße. Die Sterne blitzten in Myriaden an dem tiefen Horizonte, der Schnee 'mischte unter den Füßen. „Neujahrsnacht hell und klar, bringet ein gesegnet Jahr", sagt ein altes Sprichwort. Auch auf Mazda wartete der Segen. Sie wanderte mechanisch durch die ihr hie und da begegnenden heimkehrenden Nachtschwärmer. Viele waren betrunken, auch redete sie da und dort einer mit loser Rede an; sie hörte es nicht, und wenn gar Jemand einen frechen Blick unter die Capuze wagte, so taumelte auch der Kühnste zurück vor dem leichenhasten Antlitz. Wohin? Sie ging über eine Brücke, tief unten lag der schöne Strom; sie starrte hinunter; die blauen Wellen waren gefangen umer eisiger Decke. Weiter, weiter! Die Zähne klapperten im Froste, kaum trugen sie noch die Füße. Da lag ein großes, dunllcs Gebäude — eine breite steinerne Treppe. Sie schleppte sich die Stufen hinan, auf die oberste setzte sie sich, wie im Traume. Es war nur noch der Instinkt des Lebens in ihr, nicht mehr das Bewußtsein. Jetzt begann dicht über ihrem Haupte das FrühglScklein zu läuten. Sie schrak auf aus der beginnenden Erstarrung. Wie aus weiter Ferne hörte sie die Glocke, und es schien ihr als riefe Jemand: „Komm', komm', komm', komm!" Wer konnte sie rufen, wer verlangte nach ihr, der Verstoßenen? Aber mächtiger und näher tönte das „Komm, komm!" Und jetzt klang eS so süß, so feierlich, so dringend. O, das war eine liebe Stimme; sie kannte sie, oft war sie in ihr Herz gedrungen; sie begriff nicht, warum sie ihr nicht nachgegangen alle die Jahre. Und der Wald tauchte vor ihr auf und das Kirchlrin ihrer Hei- math. Die Thüre war weit aufgcthan. Lichterglanz und Weihranchdust strömten aus dem Innern. Sie saß wieder auf einem Grabhügel, und da drinnen rief es nach ihr so sehnsüchtig und liebend. Jetzt kam die alte Marianne leibhaftig zwischen den Gräbern daher, in deren einen! sie doch langst schon schlief; sie nickte und winkte und zeigte auf die offene Thüre. „O, ja, ich komme", sagte Magda für sich. Sie erhob sich. Nun erst gewahrte sie, daß sie auf den kalten Stufen gesessen, und das Gesicht verschwand. Aber die Stimme tönte fort und fort über ihrem Haupte, und da stand sie auch vor einer großen, schweren Thüre, und alte Mütterchen, die sie aufmerksam anschauten, fingen hinein. Es war Magda, als wenn die Stimme mit Wärurestrahlen in ihr Herz, in ihre Glieder dringe. Sie fühlte sich durchschauert von sehnsüchtiger Wchmuth. O, wie wallte es auf in ihrer Brust, und aus dem Nachtdunkel schwebte auf den Glockentönen näher und näher jenes süße Muttergottcs-Antlitz, das sie in ihren Kind» heitsträumsn schützend angeblickt; es neigte sich dicht an das ihrige, und ohne zn wissen, was sie that, zog sie die Medaille hervor und preßte sie an ihre Lippen. GrheiAnißvolles Wunder der Bekehrung einer Seele durch die Einwirkung der Medaille von der unbefleckten Empfängniß! Von der Höhe des Himmels hatte die Gottesmutter einst das fromme Kind Magda ansersehen, und als sie durch ihr Erscheinen in dem geschwärzten Bilde, vor welch:« die alte Magd betete, die Gluth einer heiligen Sehnsucht in dem Herzen desselben entzündete, da sagte ihr liebevoller Blick: „Du wirst mein eigen sein!" Die Kurzsichtigkeit der Eltern verhinderte den geraden Gnadenweg, die Welt und die Lust und die Lüge überschatteten ihr Herz. Aber durch die Hand deS alten Priesters hatte die allerseligste Jungfrau mit der Medaille den Eigenthnwsstempel auf diese Seele gedrückt, und das treueste Mutterange folgte ihr auf allen Irrwegen. Gottes Weisheit bediente sich derselben, um sie endlich in die himmlische Heimath zu geleiten. Verstoßen und verlassen, arm und krank zum Tode, sollte sie in der ewigen Liebe vollkommene Gcnesung finden. „O, Maria, ohne Sünden empfangen, bitte für uns!" --- Ermllenttrgrn an Ungarn. Von A. v. C. (Nachdnit virbole».) Wenn ich in Gedanken meine Neise-Erlcbnisse auffrische, so nimmt das schöne, rcichgesegnete Ungirn k nien untergeordneten Platz ein. In mehrjährigem Aufenthalte lernte ich sowohl das Leben auf dem Lande, als in der Stadt keimen und will es nun versuchen, meine geehrten Leser mit diesen Erinnerungen bekannt zu machen. Als ich bei Gelegenheit der eisten Reise nach Ungarn die schöne Kaiscrstadt Wien zum ersten Mal sah, verfehlte sie nicht, einen großartigen Eindruck auf mich zu machen, doch nur von kurzer Dauer war mein damaliger Aufenthalt, mein Reiseziel war in der Gegend von Stuhl- wcißenbnrg, cmch Alba genannt. Ueber Prcßburg und Naab ging es nach dieser ältesten Krönungsstadt der Arpaden, welche am Abhänge des Bakony Waldes liegt. Ich erinnere mich, daß mährend dieser Fahrt insbesondere dir weidenden Rinder mit ihren großen Hörnern und die Maisselder meine Ansmcrlsamkcit aus sich lenkten. In Stuhlweißenbnrg wurde ich empfangen, und dann ging es per Wagen nach der Pußta (xnsLber). Auf der Landstraße fuhren wir immer in einer Staubwolke, und meine beinahe ängstliche Frage, ob denn das immer so ,1V fei, erregte große Heiterkeit; ich wurde später noch oft damit geneckt. Ueberhaupt war auf der Pußta S. ein recht gemüthliches Zusammenleben, wie es auch wünscheuswerth ist, wenn ein kleiner Kreis von Menschen ausschließlich auf sich angewiesen ist und nur an den festgesetzten Gesellschaftstagen sich ein benachbarter Gutsherr oder Pächter, der Geistliche des Nächstliegenden OrteS oder ein Osficier einsinket, welchen der Dienst jahrelang an einem abgelegenen Orte festhält. Noch sehe ich das Herrenhaus mit dem Ziergarten vor mir, umgeben von den bescheidenen Wohnungen der Zugehörigen und den großen Oekonomiegebäuden. Der Nutzgarten hatte auch viele Maulbeerbäume, doch während die veredelte Maulbeere als beliebtes Dessert galt, wurden die anderen Arten gar wenig beachtet — das Feder Vieh machte sich das zu Nutzen. Doch sind gerade die Blätter des weißen Maulbrrrbaumes das Futter der Seidenraupe. Je nach der Farbe der Frucht unterscheidet man zwei Arten des Baumes, den schwarzen und weißen. In ziemlich weitem Umkreise konnte man die sogenannten „Tristen* sehen, denn es ist nicht möglich, alles Stroh unter Dach und Fach zu bringen. Diese malerischen Derschanzmigcn mußten manchmal bei heiteren Spielen der Jngend herhalten. In einer Einfriedung waren mitunter 30—40 Fohlen, der Stolz des Csikos. Weit und breit wechselten wogende Aehrenfelder mit ungeheuren Maisfeldern und Weideplätzen, dann kamen wieder endlos sich ausdehnende Akazien-Alleen. Hier darf man sich aber nicht die Kugel-Akazie vorstellen, welche sich bei uns zuweilen als Zierde öffentlicher Plätze findet; das waren herrliche, weitverzweigte Bäume, welche stolz zum Himmel ragten und zur Zeit der Blüthe herrliche Düfte entsandten. Weit und breit sah man keine menschliche Wohnung, dafür gewahrte man da weidendes Rindvieh, dort eine Hcerde Schafe und dann wieder Schweine mit ihren Hirten. Unter diesen gibt es eine Art Kasten-Einthcilung. Der Schweinehirt steht auf der untersten Stufe, dann folgen Rinder- und Schafhirt, obenan steht der Csikos, der kühne Nosscbändiger und Nossedicb, dieser echte Sohn der Pußta. Was der Ungar im eigentlichen Sinne des Wortes unter Pußta versteht, ist bekanntlich die weit«rsgedehnte, öde, wasserarme Fläche, welche mit brauner Heide über- kleidet und baumlos ist. Diese wird manchmal durch Ziehbrunnen und die Tanja unterbrochen; in der letztem finden die Hirten ihre Verpflegung, und das Leben und Treiben daselbst gestaltet sich oft zu einem recht fröhlichen. — Pußta, im Sinne von Eirrschicht, nennt man aber auch ein einzeln stehendes Haus mit den dazu gehörigen Oekonomiegebäuden. Die Pußta, welche ich damals bewohnte, war eine Stunde von der nächsten Ortschaft entfernt, nach Stuhlweißenburg kamen wir auch öfters. Einmal wurde eine Partie an den Plattensee gemacht, welcher uns schon so oft herrliche Fische gespendet hatte. Der so beliebte „Fogasch" findet sich meines Wissens nur in diesem See. Auf die Tafelfreuden wird überhaupt in Ungarn großer Werth gelegt, hauptsächlich spielt der Truthahn eine Rolle und die Paprikahühner, so genannt, weil bei der Zubereitung dieses so beliebte Gewürz nicht gespart wird. Ganz neu waren mir die verschiedenen Strudel, als Krautstrudcl, Kartoffelstrudel rc. Daß es natürlich nicht an auserlesenen Weinen fehlt und zu seiner Zeit der Nachtisch die edelsten Trauben, Zucker- und Wasser-Melonen und andere Früchte ausweist, ist selbstverständlich, ober doch möchte ich — schon einmal beim Kapitel der Mahlzeiten — noch ein paar ungarische Lieblingsgerichte erwähnen, welche uns nicht bekannt waren. Der junge zarte Mais, in Ungarn auch Kukuruz genannt, wird nämlich in Salzwasser gekocht und als Delikatesse gegessen, ebenso kamen die Schweif- chen der Lämmer gEackeu auf den Tisch, und auch die Akrzienblüthe wurde in Brandteig getunkt und gebacken. Wie überall, so wurden auch hier die Gaben der verschiedenen Jahreszeiten freudig in Empfang genommen, aber auch die Zeiten selbst hatten ihren Reiz. Wie schön war nur das Erwachen der Natur auf dem Lande, wie entzückend Ssatengrün und Lrrchenjubel, mit einem Worte, alles was zum Gefolge des Frühlings gehört. Sogar die eine Zeit lang währenden allabendlichen Froschconccrte gehörten in den Rahmen dieses landschaftlichen Bildes. Mit Vorliebe besuchte ich im Sommer die Schnitter, nachdem ich mich das erste Mal durch eine Geldspende losgekauft hatte, denn es ist Sitte, daß man mittels Aehren gebunden wird. Aehulich ist es auch bei der Schafschur; ehe man sich's versieht, hat man einen Strick an den Händen, doch ich gab dem muntern Völkchen gerne. Die abendlichen Gesänge der Schnitter hörte ich mit Freuden, die ungarischen Volkslieder haben überhaupt ihren eigenthümlichen Reiz. Da und dort ist eS Sitte, daß — wenn die Ernte vorüber — die Schnitter dem Hrrrenhause eine Art Ovation darbringen. Da werden dann Aehren und Blumen zu Kronen und Kränzen gewunden und der Herrin überreicht. Hieran schließt sich eine kleine Festlichkeit für die Schnitter. Bei diesen und ähnlichen Vsanlassungen, namentlich bei Hoch- Zeiten, hat man so recht Gelegenheit, das muntere Treiben des Volkes zu beobachten, namentlich wenn es sich mit voller Lust dem beliebten Nationaltanz (Lsarclao) hingibt. Ich habe denselben übrigens auch in seiner Gesellschaft, bei Gelegenheit eines Hausballes, tanzen sehen und in diesen Kreisen die gleiche Begeisterung dafür gefunden. — Wenn die reiche Gottesgabe in diesem gesegneten Lande eingebracht ist, dann sieht man überall die Dreschmaschinen in vollster Thätigkeit. Die reiche Obsternte und die Weinlese bringen später neue Freuden, auch die emsigen Bienen haben reichen Vorrath gesammelt. In großen Weinbergen finden Festlichkeiten mit Tanz statt, nicht selten wird auch ein Feuerwerk abgebrannt. Hier möge auch eine Bemerkung über ungarische Gastfreundschaft gestattet sein. Sie ist sehr ausgedehnt, und es wurde mir gesagt, daß sich auch der ärmste Mann im vorkommenden Falle derselben nicht entzieht und eher noch die letzten Bissen theilen würde. Auch auf der Pußta wurden die Gesellschaftstage eingehalten. Zur schönen Jahreszeit machte man nicht selten Gesellschaftsspiele im Freien, wie Kegelspiel und andere, im Winter wurde Musik getrieben, einmal auch die Kinder- stnfonie von Haydn aufgeführt. Die Hauptanziehmigs- kraft übte aber immerhin der Spieltisch aus, namentlich in Herrenkreisen. Die Jngend suchte an frostigen Winter- tagen gerne den nahegelegenen Weiher auf, um sich bei fröhlichem Schlittschuhlauf gesunde Bewegung zu machen. Ich erinnere mich noch gerne der beiden Winter, welche ich auf der Pußta verlebte. Selbst St. Nikolaus fand — 711 — seinen Weg dorthin, und am Christabende erstrahlte eine herrliche Tanne im Lichterganz und erinnerte an die deutsche Heimath. Bei einbrechender Dunkelheit erschienen die Kinder und die jungen Burschen, welche zur Pußta gehörten, und sprangen wiederholt um das Herrenhaus herum. Sie hatten Schellen anhängen, oder Glöck- chcn in der Hand, und nachdem diesem Weihnachtsbrauch gehuldigt war, wurden sie mit Aepfcln, Nüssen und kleiner Münze beschenkt. An den langen Winter-Abenden kam die Jugend regelmäßig, um sür die Herrin Federn zu schleißen; der Lohn dafür war der sogenannte „Federnball", welcher seinem Namen alle Ehre machte, denn die ganze Dekoration des Raumes deutete schon daraus hin. Zieht dann der Frühling wieder in's Land und mit ihm das schöne Osterfest, so wird man mit einem neuen Brauche bekannt gemacht. Am ersten Feiertage müssen sich's die Damen gefallen lassen, von den Herren begossen oder doch wenigstens angespritzt zu werden, und man darf sich's sogar noch zur Ehre rechnen, wenn man nicht umgangen wird, denn es gilt als Zeichen von Werthschätzung. Da gibt es manchmal heiße Schlachten, wenn beim muntern Frühstück die Wassergläser erhoben werden und die Damen zu entfliehen trachten. Der Ostermontag ist übrigens der Tag der Rache; da wird von der anderen Seite offen oder mit List gekämpft. In Städten trägt man Ringe, an denen kleine Gummibälle, gewöhnlich mit Eau-de-Cologne gefüllt, befestigt sind. Ganz entgegen dieser Art des Osterbrauches machen es die Landleute. Da kommt nicht selten der Bursche und läßt es auf diesen Probierstein ankommen. Ist ihm der Gegenstand seiner stillen Verehrung nicht gewogen, so läßt sich das Mädchen nicht finden; soll er aber ermuntert werden, so wird ihm das Suchen sehr erleichtert, und mit Jubel geht's dann zum Brunnen, um diesen Bund gleich recht kräftig zu besiegeln. — Der Sitte des Maibaumes wurde aus der Pußta auch gehuldigt. In Ungarn wird die Landwirthschaft und Viehzucht großartig betrieben. Ein Magnat theilt nicht selten seinen Besitz in verschiedene Pachtungen, und jeder Pächter beherrscht wieder einen ausgedehnten Wirkungskreis. Auf der Pußta wurden an einem Tage gleich Hunderte von Schafen verkauft; auch die Schweinezucht wurde in großem Maßstabe betrieben. Wenn in Zwischenräumen die Schweine für den eigenen Bedarf geschlachtet wurden, dann gab es alle Hände voll zu thun mit Sprckfchneideu, und Alles drängte sich zu dieser Arbeit, welche unter heiterem Ge- plauder vor sich ging. Das Federvieh war auf der Pußta reichlich vertreten, und ich hörte da etwas aus dem Leben dieser Thiere, was nicht allgemein bekannt sein dürfte. Die Kapaune werden nämlich nicht selten dazu benützt, Eier auszubrüten. Man gibt dem Thiere eine unschädliche Dosis eines geistigen Getränkes, um es zu betäuben, und in diesem Zustande wird es aus die Eier gesetzt. Nüchtern geworden, bleibt der Kapaun dann ruhig sitzen und führt später die Küchlein spazieren trotz der sorgsamsten Henne. Einmal wurde das patriarchalische Leben auf der Pußta durch einen jähen Schrecken unterbrochen. Ein heftiges Gewitter entlud sich zur Nachtzeit, und der Blitz zündete; ein großes VorrathShaus wurde ein Raub der Flammen. Nach Jahren mußte ich in Ungarn zum zweiten Male alle Schrecknisse eines nächtlichen Brandes miterleben; auch das trostlose Bild einer durch Hagelschlag vernichteten Ernte war mir nicht erspart. (Schluß folgt.) AKLexLei« Quacksalberei in vergangenen Tagen. WaS die „Aerzte" in alter Zeit ihren Patienten zu verschlucken zumutheten, davon legen die Verordnungen zweier Söhne Aeskulaps, der Leibärzte Gustav Wasa's, Zeugniß ab. Als am 29. September 1560 der Schwedenkönig Gustav Was« auf dem Sterbebette lag, wurden ihm von Meister Jakob und Meister Lukas Brahe, seinen Aerzten, im Verlauf von 24 Stunden folgende „Heil- und Stärkungsmittel" in abwechselnder Aufeinanderfolge dargereicht: Veilchensyrup, Granatapfel, Endivienwasser, Cichorie, purgirender Trank, Mandelmilch, weichgerührte Eier, Pomeranzen-Confect, gesottene Haselhühner. Da der Magen des Kranken, wie leicht erklärlich, dieses Durcheinander von Medizinen und Speisen nicht bei sich zu halten vermochte, so klagte der König noch kurz vor seinem letzten Athemzuge, wie traurig eS sei, daß er sich mit allem seinem Reichthum nicht einen „geschickten Arzt" erkaufe» könne. « Unerwartete Wendung. Sie: „Du glaubst also an nichts?" — Er: „Ich glaube nur das, was ich verstehe." — Sie: „Nun, das kommt auf dasselbe hinaus." Rsoktv vordoLsItoir.) 6iv8vl>iv1»4« «t«8 8v!»rrv!r8x»Lvl8. III. Nasser dem sebaebliobenäen Lalikeu Ilutasim Dillak sind uns indessen aueb noob andere Hamen von bervorragevden 8cbaebsxielern aus jener Lpocbe arabisebsr 8okaobkunst er- baltsn geblieben. 8o erfreute sieb namentlieb äer imäabro 899 neck 6kr. rn Lagäaä verstorbene Xrrt Lbul L,bbas, äer sogar eins 8cbrikt über das 8ebaebspiel verfasst baben soll, unter seinen scbacbfrsunälicben Danäsleuten eines uiebt geringen ^nsebsns. Die Vorliebe äer Xraber kür äas 8xis1 sobeint rismlieb lange angeäauert ru baben, äa aus äer Zeit von 930—950 naeb Obristus uns nocb niedrere 8xielor von Ruf, wie Ldali, ^1 8uli unä Lajlaj, mit äein ausärücklioben Demerken benannt werden, äass sie sieb auob literariseb mit äein 8obacb bescbäktigt bätten unä so go- wissermassen als äie Debrmeister ibrer Volksgenossen ?.u bs- traebten wären. Zweifellos ist, äass äie 8araoeoen auf ibren Lriegsrügsn äas 8obaeb in äas Lbenälanä verpflanzt baben, worauf sebon der Umstand binweist, äass äie erste Dlütbereit äss 8ebaebs in bluropa auf spanisebem unä italioniscbem Loden, also geraäs in äev beiäen Dänäern sieb entfaltete, welebe am längsten von äer Invasion äer 8araoenen beimgesucbt waren. Xussor in arabiseben Landsebrikten ilnäot jeäoeb äas 8ebaob um jene Zeit aueb in äer incliscben Ditsratur mebrfacbs Dr- wäbnung, so bei äein Lasmirer Latnakara in äer ersten Hälfte äes neunten äabrbunäorts naeb Obristus unä bei Ludrata in äer rweiten Hälfte äes glsiobvn äabrbunäorts. Unter äen bleupsrsern feiert um äas äabr 1000 äer ^nnalvnsebreiber Diräusi in sebwungvoller V/eise äas 8ebavb unä äer anno 1030 verstorbene Diebter Dnsuri widmete dem Obaswaniden Nabmuä ein sinnreicbes 8ebaebgeäiebt. — Vls Lsweis dafür, äass äas 8ebaeb wabrsebeinlieb durek bobes 8pielen um 6elä, damals aber aueb ru ^ussebreitungen kübrto, kann andererseits wobl die Vbatsaebo gelten, dass ru derselben Zeit, um welebo die obsngsnannton Diebter das 8pisl feierten, der Xalik Dakun su Xairo dasselbe allgemein unä strenge verbot. (Dortsetruug dieses ^bsebnittes in 14 Vagen.) 712 ^.ukgake Nr. 3. va.s nackstekenäe siunbilälicks kroklem, welcl«os von 8. Bnckkeit in Regensburg kerrükrt, äürkts — wenn äio vösung Lack keine bssonäoren Lekwicrigkeitan maekt — wogen seiner originellen läse unseren Hern imworkin Vergnügen bs- r»itsn. Klotto: „Dar gesprengte Oarrä." Lckwarr. Weiss riebt an unä sstrt in rwsi 2ügsn mat. 1i»»e1irlellr1ei» arr« «Ivr l8vli»«l»vrv!t (Buäapost.) — Internationales bckackturnier. In äem klntsekeiäungskampks um äsn ersten kreis rwiscksn Okarousok nnä ksekigörin trat Okarousok, uaokäsm er am 26. Oktober äis erste kartis verloren katte, Zurück IsekigSrin (8t. keters- burg) orkivlt demgemäss äsn ersten kreis (2500 krönen), 6karousok (Budapest) äen rwoitsn (2000 krönen). kartis Nr. 4. Die kolgsnäs kartis, welcks ani 9. Oktober gespielt wurde, räklt ru äsn intersssantestsu äes Luäapestor üloistsr-kurniers. LxLLisolio kartis. VL W siss: Walkroät (Berlin). 8 ckwars: ^auowski (karis). 4) oc. -S Weiss: Wnldroät (Berlin). Bebwarr: dauowskl (karis). 1 e2—e4 e7—08 16 A2"-g3 1'k4-k7 2 8g1-k3 8K8-e6 17 8e5Xk? Rg8Xk7 3 Rk1-K5 8g3-k6 !8 c2—e4(e) e6—e5 4 0-0 8t6X«4 19 Dc2—K5^ Rk7-s7 8 ä2-ä4 8v4—ä6 20 8e4Xe5 Rb6Xe5 6 RbSXeö ä7X«S 21 DKSXeZf Lo7—e8 7 ä4Xe5 8ä6-e4 22 vcä—K5-)- Lo8—k8(ä) 8 väl—o2 8s4—e5 23 DK5XK7 Lk8-k7 9 kkl-äl Re8-ä7 24 käl—ä3 Vä8-e8 10 8bl-c3 Rk3-e7 25 kä3-k3-j- Lk7—s7 11 Del—e3 0-0 26 VK7X8?1 kal—älf Lo7-ä6 12 Re3Xe5 I,e7X«5 27 Lä6—c6 13 8c3—o4 Rcä—K6 28 1k3-ä3 Ia8—ä8 14 iß! o5—e6(a) 8k3-o5 k7X«6 M—k4(b) 29 K2-K4 3ckwars gibt ä. kartis auk. a) Die LIsistorsckakt Walbroät's borubt eigontlick mek: in äsr räken Vertksiäigung sekwierigor Stellungen; kio lernen wir ibn inäess auek als Kulmen ^ngriü'sspioler kennen b) Hin aukWegnakmo äesväuksrs mit 16. Vä8—K4 rnn 6ügenai>grikf ru gelungen. e) Hier lässt Weiss äis naekkolgenäs nocli stärkere kort sotrung ausser Botraekt: 18. Ve2-K5f, Lk7—v7; 19. käl—ä3 Vä8-e8; 20. VK5—g5-j-, L°7—k8; 21. kä3-I3f, Rk8-g8 22. 8e4—161° mit vamengswinn. ä) 2lit Le8—e7 konnte sieb 8ckwarr länger kalten. Nie Lnästellung äen kartis Nr. 1 Bteinitr: laaowski (!n Nr. 81). kür äis Bskauptung, äass 8toinitr in äer orwäknten 8tellung nocb keinerlei Veranlassung katte, äes 8pisl aukrugeben, kübren wir au» äen vielen einseblägigell Varianten äis nacbstebenäon als Beweis vor: 4K. 43. kk7-i- Lg8 44. k4X°5 kb:! 45. Bäb-j- 46. '1'k8f Lk8 Lo7 47. 1'k7-j- Lä8 48. RK8-j- 49. kk7-j- Le7 LK8 50. 1'K8 Ro7 (nickt La7 wogen '1a8p nebst 1'b8-j-). «. 43. Ng8 44. Rä5t(a) Rk8 45. Xe4 RK3 46. väl VK2XI2 47. 1'k7-j- Xo8 48. Lv1Xe5 vo.3-1- 49. Rä6 1'b6k 50. Le7 unä stobt sickor. 43. . . ^ . . kkS 44 k4X°5 kl>3 4S. kk8-j- Ls7 46. kk7-i- Le6? 47. Räk-j- Xe6Xo5? 48. k4p Lk6 49. 1k7ch » 43. Lg8 44. Dä5-i- 45. '147-5 Rt8 Le8 (nickt 45. Ls4 Rg7) 46. Ls4 Rä6 47. väl 8ckwarr ist im Vortkoil. Unter obigen Varianten ist also nur eins, äis äem 8ckwarren äsn errungenen Vortbsil sickert unä wird bei äer merkwürdig vernickelten 8tellung wokl Niemauil bokauptsn können, äass äanowski vor seinem 41. 2ugo alle äiese Varianten äurekgsreeknot bat, eben so wenig als es rutrokkonä ist, äass 8toinitr in «leren Rrksniitniss die kartis aufgab! — 8tsinitr versickerte uns vielmekr vvivävrkolt persöulicli, äass, wenn er äie blögliokkeit obiger kortsstr- ungen erkannt kätto, er äis Okaneen eines eventuellen Remis selbstredend nickt nnbsnütrt gelassen unä äie kartis also gewiss nickt aufgegeben kabsn würde! — kür ein Remis waren aber äie Aussiebten sckon um deswillen nickt ungünstig, weil äanowski knapp am Rnäo seiner ärittsn 8pivl- stunäs wob! kaum mokr äie 8sit gefunden kätts, von äen versviiiedenvn Varianten äie kür ikn allein vortkeilkakto noek seknell kerausruklügoln!!- Die Besungen wurden riektig angegeben von: k. 6artk, eanä. matk. in Lonn; O. Binse in Orossseköuaek (Laäen); N. L. in W.; Hugo Häusler, 6g. Lunstmann, Ose. bla/inger unä vi. Rüäelkeiwer kisr. a) kalsck wäre 44. k4xs5 wegen Vb2—elf; 45. Vä3—ä2, IK8-b3-j-; 46-Bs4-ä3, kb3-ä3-j-,- 47. Le3xä3, vel-bl^-! 0. B. in Orossseköliaek: Der vroirüger — Aufgabe Nr. 1 — bat keineswegs eine unmögliekoStellung, inäsm äsr Banker b8 äurek beklagen eines kauern von a7 oäer o? in äio Dame sekr wokl entstanden sein Kanu, wäkrenä äer Ranker auk cl krüksr von einer keinälieken kigur gescklagen wuräs. 8oleks äiebteriseke kreikviten sinä äem kroblsm- eomponistsn sckon erlaubt! Die kointv äer ltukgabs rukt übrigens nickt in äem ersten Auge, sonäern in äsn Varianten äes Zweiten I4ugos. Dass sie nickt gar so einkaok ist, wirä äaäurek bewiesen, äass von äsn vielen Rösungen, äio wir orkielten, erst eine vollständige eingetroffen ist, weleks alle Varianten umfasst. Wollen 8ie nickt noekmals äiess Aufgabe näkor beseken?!- Die Namen )onor 8obaobkronnäs, weleko unsers knäspiols unä kroblomo riektig lösen, sowie äisBösungeo inner kalk äroiWoeksn einssnäen, weräsn stets an äieser 8tsIIs ver- öikentliokt. ^llss auk äas 8ekack Rorüglioko ist ausnakmslog ru aäressiren: „^tn äis Redaction äes Lugskurger 8okaek» dlatt — kakv Lugusta — ltvgsbllrg.^i "WM « 93 . 1896 . „Augsburgrr Postxeitung". Dinstag, den 10. November Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas lichen Schmerzen ihrer Dienerin wenig achtete, so war ^ deren Antlitz doch so arg entstellt, daß sie unter keiner Bedingung ihren Gästen diesen Anblick zumuthen mochte. Was war da zu thun? Frau von Bornfeld lebte keineswegs in so sehr glänzenden Verhältnissen; außer den beiden Dienerinnen hatte sie nur noch eine alte praktische Köchin, die sich aber durchaus nicht zur Bedienung der Gäste eignete. Dann mußte diese auch nothgedrungen im Hause zurückbleiben, um eilig ein feines Abendessen zu bereiten, falls, wie die glückliche Mutter zuversichtlich erwartete, Herr Wilmer mit ihrer Tochter als Brautpaar heimkehrte. „Emilie ist sehr geschickt und flink, sie wird mit der Bedienung bei Tisch gut allein fertig", schlug Lydia vor, die selbst über ihr geschwollenes Gesicht sehr bekümmert war und sich auf diesen Tag im Walde nicht wenig gefreut hatte. „Das wäre schon gut", seufzte die Wittwe, „aber wer soll jetzt mit Emilie hinausfahren? Es ist die höchste Zeit, daß sie hinfährt, denn sie darf keine Minute verlieren, um zur rechten Zeit fertig zu werden. Aber sie kann ohne Hilfe die vielen Vorbereitungen im Försterhause nicht allein schaffen, und es ist viel zu spät, um an fremde Hilfe zu denken." Plötzlich schien ihr ein glücklicher Gedanke zu kommen, denn die Falten ihrer Stirn verzogen sich, und ein Lächeln umspielte die scharfgeschnittenen Mundwinkel. 714 Mit fliegender Hast eilte sie die Treppen hinan, erst im obersten Stockwerk vor einem kleinen Mansardenzimmer Halt machend. Hier war das Arbeitszimmer, in dem sämmtliche Costüme ihrer Töchter nnd ihre eigenen verfertigt wurden. Nicht von bezahlten Händen einer Schneiderin, von den geschickten und fleißigen Fingern einer „armen Verwandten", die Frau von Bornfeld „aus Mitleid" in ihr Haus aufgenommen hatte. War es wirklich nur Mitleid? Rosalie von Bornfeld legte sich diese Frage wohl täglich — so oft sie daran erinnert wurde — vor, aber jedesmal schüttelte sie das müde Haupt — und mit bleichen, eingesunkenen Wangen und thränenfeuchten Augen nahm sie dann ihre Arbeit wieder auf. So lange der Onkel noch lebte, war das Loos der armen kleinen Waise noch erträglich gewesen, denn er schickte das zwölfjährige Mädchen in eine gute Pensionsanstalt, besuchte sie dort von Zeit zu Zeit und gab ihr, wonach sich ihr gutes Herz sehnte, väterliche Liebe. Aber als vor drei Jahren der Onkel plötzlich starb, änderte sich die Sachlage für die arme Waise. Die Wittwe erklärte, den Pensionspreis für Rosalie nicht mehr bezahlen zu können oder zu wollen, sie sei alt genug, um sich selbstständig ihr Brod in der Welt zu verdienen. Aber die Penstonsvorsteherin hatte das Kind lieb gewonnen, sie behielt ihren Zögling unentgeltlich noch ein Jahr, bis das Lehrerinnenexamen gemacht war, und half ihr dann zu einer Stellung als Gouvernante bei einer reichbegüterten Familie. Die arme, junge Erzieherin! Sie war so klein und schwächlich, daß sie mit ihren achtzehn Jahren selbst noch wie ein Kind aussah. Sie war talentvoll und strebsam, leider mangelte ihr aber gänzlich die Aufrechthaltung der Disciplin ihrer zwölfjährigen Schülerin gegenüber, und nach kaum sechs Monaten sah sie sich von ihrer Stellung entlassen. Die Pensionsvorsteherin nahm sie nun selbst in ihr Haus, um die jüngeren Zöglinge zu unterrichten, aber hier ging's nicht besser, Rosalie war selbst noch zu sehr Kind und konnte sich keine Autorität verschaffen, und schon nach wenigen Monaten mußte sie das Anerbieten ihrer Tante annehmen, in deren Hause sie jetzt Aufnahme fand. „Bleibe dort, bis Du ein wenig älter geworden bist", hatte ihre mütterliche Freundin beim Abschied tröstend gesagt, „Du weißt, Rosa, Du siehst noch allzu kindlich aus. Ein Jeder, der Dich nicht kennt, hält Dich kaum für fünfzehn Jahre alt." Das war vor einem Jahre geschehen. Rosalie hatte im Hause ihrer Tante ein Heim gefunden, aber es war für die arme Waise eine harte, traurige Zeit gewesen. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend hatte sie einen Tag wie den andern ununterbrochen in der kleinen Mansarde gesessen und die Garderobe ihrer glücklicheren Cousinen gemacbt. Sie hatte rastlos gearbeitet wie eine Magd für tägliches, kärgliches Brod und dabei täglich anhören müssen, daß sie nur „aus Mitleid" im Hause geduldet wurde. Es war kein Pfennig in ihrer Tasche, sie hatte kein freundliches Wort von ihrer Tante noch ihren drei Cousinen gehört. Schnell entschlossen trat jetzt Frau von Bornfeld bei ihrer armen Nichte ein und befahl ihr kurz und bündig, sogleich mit dem Hausmädchen hinauszufahren, um im Forsthause an den Vorbereitungen zu der Festlichkeit zu helfen. „Natürlich hilfst Du nur, ehe die Gäste erscheinen, die Bedienung bei Tisch übernimmt Emilie allein", sagte die Wittwe in ihrer hochmüthigen, herben Weise. „Du hältst Dich dann später in dem Hintergrund und kannst Dich im Walde aufhalten, bis wir Deiner bedürfen." Die arme Rosalie I Diese Demüthigung erschien ihr unerträglich. Sie bat, flehte, von dieser Aufgabe befreit zu werden, ihre Tante war jedoch unerbittlich. „Du solltest dankbar für dieses Vergnügen sein", fuhr die Tante entrüstet fort. „Im Walde ist's um diese Jahreszeit jetzt ganz herrlich, und es wird Dir schon gut dort gefallen. So — nur schnell — Emilie wartet bereits auf Dich, thue nur ganz, wie sie sagt, sie hat die nöthigen Anweisungen." Es blieb kein Ausweg. Mit Thränen in den Augen half sie Emilie, die hurtig und geschmackvoll die große Veranda vor dem Forsthause in einen feenhaften Blumengarten verwandelte und die Tische für die Gäste bereitete. »Ist Frau von Bornfeld schon hier?" Bei dieser unerwarteten Frage sah die arme Rosa erschreckt auf und sah vor sich einen jungen, breitschulterigen Herrn stehen, der gewiß schon lange dem Treiben auf der Veranda zugeschaut hatte und jetzt diese Frage an die fleißigen Mädchen richtete. Es war der reiche Gutsbesitzer Wilmer. Er hatte sein Pferd an einen Baum gebunden und war unbemerkt dem Forsthause zugeschritten. „Meine Tante wird gleich hier sein", versetzte Rosa verlegen, „es ist Alles zum Empfang der Gäste bereit." „Sind Sie eine Verwandte von Frau von Bornfeld?" »Ich heiße auch Bornfeld", stammelte das jnnge Mädchen. „Sie sind gewiß zum Sommerfest gekommen", meinte er lächelnd und wunderte sich im Stillen, daß das junge Mädchen nur ein schlichtes, abgetragenes Wollkleid trug, und daß die Tante ihr zu diesem Tage kein neues Kleid angeschafft habe. „O nein, ich wohne immer bet ihr." „Aber ich sah Sie dort niemals", beharrte er weiter. „Ich bin sehr beschäftigt. O, dort kommen die Wagen schon!" fuhr sie erschreckt fort, als in der Ferne eine Staubwolke sichtbar wurde. „Bitte, Herr Wilmer, bleiben Sie nicht hier, meine Tante möchte eS nicht gerne sehen, wenn Sie bei mir sind." Herr Wilmer war zu sehr Gentleman, um das junge Mädchen in diese Verlegenheit zu bringen, daher wandte er sich um, ihr noch die Worte zurufend: „Wir sehen uns beim Essen wieder." Etwas entfernt von der Veranda stand Emilie, das Hausmädchen. Herr Wilmer kannte sie, und rasch auf sie zutretend, fragte er im Flüstertöne: „Wer ist die junge Dame dort?" „Sie ist die Nichte meiner Herrin, und das Blut kocht in meinen Adern, wenn ich ruhig mit ansehen muß, wie schändlich das arme Ding behandelt wird", gab sie ebenso leise zurück. „Sie wird nur aus Mitleid im Hause gehalten, aber sie arbeitet unverdrossen für das tägliche Brod. Keine Magd würde sich das gefallen lassen, was dem armen Fräulein Rosa aufgebürdet wird! Man hat sie hierher gesandt, um mir zu helfen, obgleich sie viel besser ist. wie alle ihre Cousinen." »Ist Fräulein Georgine nicht freundlich gegen die arme Cousine?" Emilie zuckte verächtlich die Schultern. „Sie behandelt sie wie eine Sklavin", gab sie bitter zurück, „ich 715 wollte lieber die allergeringste Stellung in der Welt einnehmen, als dort im Hause eine arme Verwandte zu sein." Herr Wilmer war nicht gerade verliebt in Georgine von Bornfeld, aber er war hoch in den Zwanzigern und zu dem Entschluß gekommen, möglichst bald zu heirathen. Georgine schien ihm eine praktische Hausfrau; ihr freies, offenes Wesen gefiel ihm, sie war gastfrei und mitleidig gegen Arme, und so glaubte er, mit ihr vereint glücklich durch dieses Erdenleben zu Pilgern. Ja, er war sogar entschlossen, das bindende Wort noch heute bei dieser Festlichkeit von ihren eigenen Lippen zu hören, aber die Worte der Dienerin machten ihn stutzig und gaben ihm zu denken. Nicht, daß er auf ein müßiges Geschwätz der Dienstboten irgend welches Gewicht legte, aber das kummervolle, bleiche Gesichtcken der armen Verwandten, das schlechte, abgetragene Kleid zeugten gegen die Familie von Bornfeld. Er war ein häufiger Gast in dem Hause der Wittwe, hatte aber noch niemals die arme Verwandte gesehen, das war ein neuer Beweis einer ungehörigen Zurücksetzung. Aber Herr Wilmer war ein kluger Weltmann, der seine Gefühle geschickt zu verbergen verstand. Mit ausgesuchter Höflichkeit begrüßte er seine Wirthin, ohne den Eindruck werken zu lassen, den er soeben empfangen hatte. Frau von Bornfeld strahlte vor Freude, als sie ihn sah, besonders als sie das liebliche Eriöthen ihrer Tochter Georgine beobachtete, die ihn geschickt an ih>e Seite zu fesseln verstand. Lachend, scherzend und plaudernd setzte man sich zu Tisch; eine ältere Dame ließ wohlgefällig ihre Blicke üver die reichbesetzte Tafel schweifen, dann erbleichte sie jäh und stieß den heiseren Schreckensruf aus: „Ach, wir sind dreizehn!* Man scherzte belustigt über die Angst und den Aberglauben der alten Dame; ein Jeder wußte von Beispielen zu erzählen, wo diese gefürchtete Zahl Tischgenossen vereint beim fröhlichen Mahle beisammen gewesen, ohne daß ein Unglück eingetreten sei. Herr Wilmer schlug vor, sich getrennt von der Gesellschaft an ein Seitentisckchen allein setzen zu wollen, doch Georgine widersetzte sich diesem Plane ganz energisch, denn ! sie hielt ihn heute für ihr ganz spezielles Eigenthum. ! Daher flüsterte sie ganz leise ihrer Mutter ins Ohr: „Rosalie muß sich mit zu Tische setzen Du siehst, es ist keine andere Hilfe!" Die arme Verwandte weigerte sich, aber ihre Wünsche blieben unberücksichtigt. Am Ende der Tafel wurde ihr der Platz angewiesen, und mit verschleierten Blicken schaute sie auf ihr dunkles Kleid herab, das einen schreienden Kontrast zu den duftigen, reich mit Spitzen garnirten Sommerkleidern der anderen jungen Damen bildete. Eine der reichsten und schönsten Damen des Festes war Comtesse Alice von Rohberg, eine Cousine des Gutsbesitzers Wilmer. Diesem gelang es, der gefeierten Schönheit einige Worte zuzuflüstern, worauf sich dieselbe von ihrem Cavalier am Ende der Tafel an Rosa's Seite führen ließ. Sie nahm sich der armen Waise so freundlich und liebevoll an, scherzte und plauderte mit ihr wie mit einer alten Bekannten, und achtete wenig der zürCardinal Prinz Hohenlohe ch. nenden Blicke, die die Wirthin vom andern Ende der Tafel der kleinen heiteren Gruppe -»schleuderte. Herr Wilmer wich nicht von Georginens Seite, und auch nach beendetem Mahle, als sich die jungen Leute im Walde amüstrten, während die älteren zu einer kurzen Siesta sich ins Forsthaus zurückzogen, wäre er gern in ihrer Nähe geblieben, um jetzt die verhängnißvolle Frage an sie zu richten, wenn die junge Comtesse ihn nicht durch einen bezeichnenden Wink an ihre Seite gebannt hätte. „RosalieI" rief jetzt die Tante in herrischem Ton, „komm' sofort her, ich bedarf Deiner Hilfe." „Bitte, lassen Sie die Kleine bei mir", nahm Comtesse Alice das Wort, „sie hat noch nie hier diesen Wald gesehen, und ich möchte mit ihr jenen Hügel dort besteigen, von dem man durch eine herrliche Aussicht reichlich belohnt wird. Roland", wandte sie sich dann an Herrn Wilmer, „leiste Du in unserer Abwesenheit Frau von Bornfeld Gesellschaft, wir werden uns nicht allzu lange entfernen." Bereitwillig und als liebenswürdige Wirthin verzichtete Frau von Bornfeld auf die Hilfe ihrer Nichte, ganz besonders da Herr Wilmer sich von den Damen trennte und jetzt auf ihren Wunsch Georgine aufsuchte. „Es ist besser so", dachte die Mutter und zog sich dann auch zu einem ruhigen Schlummerstündchen in das Forsthaus zurück. Herr Wilmer durchstreifte eine kurze Zeit allein den Wald, dann sah er die hellen Gewänder der jungen Damen durch das dunkle Waldesgrün schimmern, hörte ihr silberhelles Lachen, die witzigen Scherzworte der sie umgebenden Herren, und als er, selbst unbemerkt, sah, daß Georgine den Mittelpunkt dieser kleinen Gruppe bildete, zog er sich schnell zurück, um von der anderen Seite den Hügel zu besteigen, auf dem er seine Cousine mit der armen Rosalie wußte. Ein ganz unerwarteter Anblick bot sich auf der Spitze des Hügels seinen Blicken dar. In seiner malerischen Tracht stand ein junges Zigeunermädchen den beiden Damen schweigend gegenüber. Jetzt nahm es die Hand der jungen Comtesse und schaute prüfend hinein. „Da komme ich gerade zur rechten Zeit", scherzte Herr Wilmer, „läßt Du Dir die Zukunft vorhersagen, Alice? Ich hätte doch nicht gedacht, daß Du an solchen Unsinn glaubst." Die junge Zigeunerin warf dem Störenfried einen zürnenden Blick zu, doch ließ sie sich in ihren Beobachtungen der Handlinien nicht stören. „Sie haben anstatt Gold und Reichthum Liebe gewählt", sagte sie in ihrer weichen, melodischen Stimme, die nur den südländischen Zigeunern eigen ist, „Sie werden niemals Ihre Wahl bereuen, denn das Herz, dem Sie vertrauen, ist treu wie Gold." (Fortsetzung folgt.) - - Goldkörner. Ehrlich ist ein hohes Wort und bedeutet sehr viel. viel mehr, als die Meisten gewöhnlich dareinlegen. Arndt. -— l' > iüiiiiüiWW !!!!!!!!!!> öHHiÜii'iÜ!,!!! Hm-iiüW M WWW Fahrübuin Lii ÄÜ! iUiKüV M Abwehr eines durch einige Reiter mal Aas bayerische AadfaHrerdetachement. NaO m üb> «ent DMA HAiZMWMWD Zahrübmin Linie. mSWUMm LN ter matn überraschenden Kavallerie-Angriffs. NachpAentaufnahmen von M. Stuffler in München. WWMM ' - r -q « I»! > - 2 US- WM -K^MWHWM iMWWkWWW iiKMÄKM-DMMLA MÄi LÄ ßMW DWH SM MBW DDM UWM WsWW «W WM MjM 718 Erinnerungen an Ungarn. (Schluß.) Als Pußtaerinnerung möchte ich noch etwas aus dem Leben der Dame des Hauses in Kürze anführen. Vor Jahrzehnten waren einzelne Comitate durch Räuberbanden unsicher gemacht, und so mußte sie sich einmal in Abwesenheit ihres Gemahls und in Ermanglung jedes andern männlichen Schutzes dazu bequemen, ein ge Räuber zu bewirthen und sogar noch mit dem Anführer zu tanzen. Hierauf zogen dieselben friedlich von bannen. Ein paar Jahre meines ungarischen Aufenthaltes brachte ich in einer Stadt zu, welche der kleinen ungarischen Tiefebene angehört, und hatte von hier, wie auch später von Pest aus, schöne Landaufenthalte. In den mir bekannten ungarischen Städten, namentlich in Stuhlweißen- burg und Pest, wurde — namentlich in Geschäften — viel deutsch gesprochen. Natürlich würde man sich da und dort ohne die ungarische Sprache schwer zurechtfinden, namentlich in den echten Magyarenstädten, wie z. B. Dcbreczin, Szegedin rc. Bei Gelegenheit eines Landaufenthaltes kam ich auch in die schöne, wcinreiche Gegend von Erlau und konnte einen Theil der herrlichen Karpathen, nämlich das Matra- Gebirge erblicken. Bei sonntäglichen Kirchenbesuchen sah ich dort auch alte Ungarn, welche Mäntel aus Thierfellen trugen; die gefetteten Haare hingen ihnen in langen Strähnen herunter. Die Kleidung der Ungarn im Allgemeinen ist da und dort, in Wort und Bild schon geschildert worden. Man kann sich somit eine Vorstellung machen von der Pracht der Magnaten, deren manch einer bei festlichen Gelegenheiten sogar noch am Sporn einen Diamanten tragen soll, ebenso wie man sich die malerische Tracht des Volkes vergegenwärtigen kann. Die Ungarinnen auf der Pußta trugen beim Kirchengange, selbst um die Weihnachtszeit, kurze, helle Röcke; doch ich erinnere mich, daß es damals auch milde Winter waren. In kleineren ungarischen Städten gibt es sehr viele Zigeuner, so daß ihnen gleich ganze Gassen und Viertel eingeräumt sind. Wenn man ausgeht, sieht man sich oft von einem Schwärm hübscher, aber zerlumpter Kinder umringt, welche betteln. Am besten thut man dann, wenn man den zudringlichen Begleitern Kupfermünzen zuwirft und sich dann während ihrer lustigen Balgerei rasch aus dem Staube macht. Die Zigeunermusik hat ihren besonderen Reiz; ich hörte sie immer mit Vergnügen. Nicht selten werden die Zigeuner beauftragt, da und dort ein Ständchen zu bringen; sie lassen sich auch nicht leicht eine Gelegenheit entgehen, Geld zu verdienen; am 1. Mai z. B. erscheinen sie schon am frühesten Morgen und ziehen von Haus zu Haus. Eine schöne Sitte ist es, daß sie am hl. Weihnachtsabende vor allen christlichen Häusern ein einfaches, aber sinniges Weihnachtslied vortragen. Aber nicht nur beim Volke spielt die Zigeunermusik eine Rolle, auch in. den höchsten Kreisen wird sie beigezogen, wenn es sich um festliche Gelegenheiten, Hausbällc und dergleichen handelt. In manchen ungarischen Städten spielen die Zigeuner täglich auf dem Bahnhöfe, während die Passagiere zu Mittag speisen; einzelne berühmte imuckav haben auch schon größere Reisen untcrnommem und sich vor den höchsten Herrschaften hören lassen. Die meisten Zigeuner, welche ich sah, waren arm und zerlumpt, doch kamen aus ihren Wanderungen auch solche, welche reichlich mit silbernen Münzen geschmückt waren. Aber auch mit diesen läßt man sich nicht gerne ein, da sie sich als zudringliche Wahrsager erweisen und immer gut bezahlt sein wollen. Da das Leben in kleineren Städten nicht viel Bemerkenswerthes bietet, mögen der Hauptstadt Ungarns noch einige Erinnerungszeilen geweiht sein. Imposant ist hier der Anblick der Donau, welche majestätisch zwischen den vereinigten Städten Pest nnd Ofen dahinfließt. Die Verbindung ist durch hübsche Brücken hergestellt, worunter mir besonders die Kettenbrücke in Erinnerung geblieben ist. An den Quais herrscht reges Leben, namentlich gegen Abend, wenn der von W'en kommende Dampfer erwartet wird und die Ofener Berge in schöner Beleuchtung den landschaftlichen Reiz erhöhen. Die hochgelegene Burg ist die Residenz des Königs, welcher alljährlich dort Aufenthalt nimmt. Die jetzige Krönungsstadt ist Ofen; der Hügel, auf welchem der König bei Gelegenheit der Krön- ungsfeierlichkeitcn steht, um seinen Schwur zu leisten, wird aus der Erde von sämmtlichen ungarischen Comitaten aufgeworfen. Ofen liegt sehr malerisch und ist nach dieser Richtung hin dem flach gelegenen Pest vorzuziehen, auch hat diese altehrwürdige Stadt, welche schon als römische Colonie stark befestigt war, heiße Quellen. Während das rebcn- bedeckte Hügelgebiet der Umgebung von Ofen mit Dörfern dicht besäet ist, reicht die Pußta bis in die unmittelbare Nähe von Pest. Der Blocksberg gehört zu den nächsten und beliebtesten Ausflügen im Ofener Gebiete; an den Osterfeiertagen ist dort immer für Volksbelustigungen gesorgt. Doch hat auch des Pester Stadtwäldchen seine Reize und wird von Jung und Alt gerne besucht. Es ist dort allem Möglichen Rechnung getragen, was die Schaulust anregt und die Behaglichkeit fördert; zur Winterszeit ist da auch für den Eislauf-Sport gesorgt. Ein weiterer beliebter Ausflug ist die nahe gelegene, reizende Margarethen-Jnsel, welche unter anderen Annehmlichkeiten auch Badegelegenheit bietet. Sowohl Pest als Ofen haben herrliche Kirchen und großartige öffentliche Gebäude. In Ofen wohnte ich einmal dem sonntäglichen Gottesdienste in der schönen Rauchfangkehrer-Kirche an. Dieselbe hat ihren Namen daher, weil die Kosten zu ihrem Bau größtentheils von der Zunft der Kaminkehrer aufgebracht wurden. An der Ausschmückung der Sophien-Kirche in Pest wurde zur Zeit meines dortigen Aufenthaltes noch gearbeitet. Mit Vorliebe besuchte ich die Scrvitenkirche, da dort auch in deutscher Sprache gepredigt wurde. Hier machte ich auch eine erhebende Aufcrstehungsfeier mit. Während bei uns die feierliche Procession in der Kirche stattfindet, bewegte sie sich in Pest von einem Gottcshause zum andern mit militärischer Begleitung. Da bei der Rückkehr Dunkelheit eingebrochen war, machten die vielen, im Lichterglanz erstrahlenden Fenster einen weihevollen Eindruck. An kleineren Orten läßt bei dieser kirchlichen Feierlichkeit die Zigeunermusik ihren ganzen Osterjubel ausklingen. — Cäcilien-Musik ist's freilich nicht, aber jedenfalls auch gut gemeint. Nach jahrelangem Aufenthalte in Ungarn kehrte ich nach Deutschland zurück, und freue mich heute noch der Eindrücke, die ich im Lande der Magyaren gewonnen habe. 719 Das Fahrrad in der bayerischen Armee. (Mit Illustrationen.) Die Frage, ob Radfahrerabtheilungen im Kriege mit Vortheil Verwendung finden können, wird in den Armeen heute heftiger umstritten wie je. Die einen wollen ganze Corps bis zu 10000 Mann und darüber auf Fahrrädern fortbewegen und sehen hierin das Problem berittener Infanterie gelöst, die andern, allen militärischen Neuerungen, wie der Verwendung des Luftballons, der Brieftauben, der Kriegshunde und so weiter, feindlich gegenüberstehend, bewahren ihre schroff ablehnende Haltung auch jener Frage gegenüber und erklären alle derartigen Versuche für ebenso kostspielig und aussichtslos, wie etwa die der Franzosen mit ihren berüchtigten Mitrailleusen vor dem großen Kriege. Es ist anzunehmen, daß die Wahrheit in der Mitte liegt, und es bleibt daher das Verdienst vorausblickender höherer Truppenführer, daß der Entscheidung der Frage nach der Möglichkeit und den Grenzen der Verwendbarkeit radfahrender Infanterie-Abtheilungen durch praktische, dem Ernstfälle angepaßte Versuche näher getreten wurde. In der französischen wie in der österreichischen Armee wurden in den letzten Jahren derartige Versuche angestellt. In der deutschen Armee war es zuerst Graf Waldersee, der kommandirende General des IX. preußischen Armeecorps, welcher während der Manöver des vergangenen Jahres eine Radfahrer-Truppe, mit Gewehren ausgerüstet, bildete und ihr eine bestimmte Aufgabe zuwies. Alle diese Versuche krankten jedoch an dem einen Umstände, daß die Abtheilungen für den bestimmten Zweck jeweils erst kurz vorher aus Einzelfahrern gebildet und hierbei die Qualität und Art der Räder, sowie die Fahrfertigkeit und Ausdauer der Fahrer und deren Kenntniß in der Behandlung der Maschinen fast gänzlich außer Acht gelassen wurde. Die Uebungen des im verflossenen Sommer durch den kommandirenden General des königlich bayerischen I. Armeecorps, Prinzen Arnulf von Bayern, versuchsweise gebildeten Radfahrerdetachements, von welchen eines unserer Bilder eine Fahrübung, das andere die Abwehr eines durch einige Reiter marktrten überraschenden Kavallerie- Angriffs veranschaulicht, waren auf eine sicherere Basts gestellt. Zur Entscheidung der Frage nach der Beschaffenheit eines kriegsbrauchbaren Militärrades, und ob Pneumatikoder Polsterreifen, fand im Mai vergangenen Jahres bei München eine Tag und Nacht fortgesetzte Probefahrt mit Rädern verschiedener Systeme statt, bei welcher eine Strecke von — hin und zurück — 20 Kilometern fünfzigmal hintereinander gefahren wurde, so daß di: Räder im ganzen 1000 Kilometer liefen — eine Entfernung, welche der Stromlänge des Rheines vom Bodensee bis zur Nordsee gleichkommt. Als Fahrer standen 36 ausgesuchte Mtlitär- Erzdischof vr. Johannes Christian Uoos j-. radfahrer zur Verfügung, welche mit Ablösung fuhren; die Fahrtcontrolle geschah durch 9 Offiziere. Die Fahrt selbst dauerte — nur durch den Wechsel der Fahrer und das Nachsehen der Maschinen unterbrochen — 81 Stunden, das ist 3 Tage und 9 Stunden, und geschah auf ausgesucht schlechtem Wege und von Anfang bis Ende bei strömendem Regen. Der Ausbildung in der Kenntniß der Maschinen und der Behandlung derselben vor, während und nach der Fahrt diente im November vorigen Jahres ein Cur- sus, zu dem 12 Offiziere und 24 Unteroffiziere — alle des Radfahrens vollkommen kundig — kommandirt waren. Diese, für die Folge als Lehrer bestimmt, sollten die im Cursus erworbenen Kenntnisse in die Armee hinaustragen. Die Uebungen bestanden im Unterrichten im Saale und in bei Tag und Nacht unternommenen Ausfahrten, bei denen die zu Hause erlernte Zerlegung und Wiederinstandsetzung der Maschine im Gelände praktisch angewendet wurde. Erst nach diesen Vorbereitungen wurde im Sommer dieses Jahres versuchsweise ein Radfahrerdetachement zurVer- wendung in taktischer Beziehung gebildet. Das Detache- ment bestand aus 4 Offizieren, 54 aus dem ganzen I. bayer. Armeecorps besonders ausgewählten Unteroffizieren und Mannschaften, 1 Militärarzt und 1 Lazarethgehilfen — sämmtlich des Radfahrens vollkommen kundig. Die Führung war dem Hauptmann und Batteriechef Burckart des bahr. 3. Feld-Artillerie-Regiments übertragen, welcher auch die vorerwähnte Probefahrt und den Lehrcursus zu leiten hatte. Bekleidung, Ausrüstung und Bewaffnung der Mannschaften bestanden in Schirmmütze, Litewka, Tuchhose mit Gamaschen, Schnürschuhen, Mantel, Feldflasche, Brodbeutel, Tornisterbeutel, Leibriemen mit Seitengewehr und Meldetasche, Karabiner und 40 Platzpatronen. Die ersten Uebungen des Detachements bestanden in Fahrten auf Straßen und Wegen in Colonnen zu zweien und einem, ferner in Fahrten auf Wiesen- und Haide- boden in Linie (Abbildung 1). Die fernern Uebungen bezweckten, die Fahrer gewandt zu machen in der Fortbewegung abseits der Straßen, also auf Fußwegen, Feldrainen, Waldpfaden, Eisenbahndämmen und dergleichen. Ein Gegenstand besonderer Ausbildung war die Abwehr von Kavalleriepatrouillcn durch einzelne Radfahrer, die Abwehr größerer Kavallerieangriffe durch das ganze De- tachement (Abbildung 2). Nach diesen Vorübungen wurden taktische Aufgaben gelöst, bei denen meist die gegnerischen Truppen und Stellungen markirt waren. Solche Aufgaben waren Erkundung eines Gelände-Abschnittes, einer feindlichen Stellung, eines feindlichen Anmarsches, Besetzung eines weit vorwärts gelegenen DefileeS, Deckung eines wichtigen Bahnhofs oder Etsenbahnknotens gegen feindliche Kavallerie- 720 Unternehmungen, Zerstörung von Eisenbahnlinien und Telegraphen, Sprengung von Brücken, Wegnahme feindlicher Bagagen und Trains, Alarwirung eigener weit auseinander nächtigender Truppen, Wegnahme eines feindlichen Postens, Belästigung feindlicher Vorposten und Bivouacs und dergleichen mehr. Während die Durchführung derartiger Aufgaben durch Kavallerie die doppelte bis dreifache Anzahl von Reitern erheischt, außerdem in Folge der großen Entfernungen und des verrätherischen Geräusches der Pferdefortbewegung in den meisten Fällen von zweifelhaftem Erfolg sein dürfte, haben die angestellten Versuche mit aller Bestimmtheit erwiesen, daß Radfahrerdetachements — etwa in der Stärke von 80 bis 100 Mann — solche Aufgaben jederzeit und selbst bei den ungünstigsten Witterungs- und Wegverhältnissen zu lösen im Stande sein werden, jedoch nur dann, wenn sie als besondere Abtheilungen organistrt, ausgebildet und mit dem denkbar besten Pneumatikrade und dem Karabiner ausgerüstet sind. -- Zu unseren Bildern. Cardinal Gustav Adolph Hohenlohe, ^ der am 29. Oktober l. Jrs. plötzlich gestorben ist, war geboren zu Rotenburg in Mittelfranken am 26. Februar 1823. Als Jüngling kam er nach Rom, um sich in der Akademie für die Geistlichen von adeligem Stande für die Prälatcn-Laufbahn heranzubilden. Ptus IX. gewann ihn besonders lieb und zog Hn als wirklichen gebeimen Kämmerer an seinen Hof. Als dieser Papst am 16. Nov. 1848 aus Rom fliehen mutzte, folgte ihm Msgr. Hohenlohe nach Gaeta, wo er im Jahre 1849 in der Domkirche die Priesterweihe empfing. Gegen Ende 1857 wurde er zum geheimen Almosenier Sr. Heiligkeit und Titular- Erzbischof von Edeffa ernannt und Pins IX. selbst ertheilte ihm die bischöfliche Weibe. Am 22. Juni 1866 zum Cardinalpriester vom Titel 8ta Llaria in Iraspontina ernannt, wurde er im Frühjahre 1878 Erzpriestcr der Liberianischen Basilika (8ta. Llaria Naxiors) und am 12. Mai 1879 durch Option Suburbicarbischof von Albano. Jedoch verzichtete er im Konsistorium vom 10. Nov. 1884 auf dieses Bisthum, um in die Classe der Cardinalpriester zurückzutreten, wobei er den Titel von St. Callixtus erhielt, welchen er am 2. Dezember 1895 gegen denjenigen von St. Laurentius in Lucina vertauschte. Aus dem Leben des Kardinals verdient noch besonders hervorgehoben zu werden, daß Bismark im Jahre 1872, als eben die Kulturkampsgesetze in Vorbereitung waren, dessen Person und Würde in eigenthümlicher Weise zu mißbrauchen suchte. Während Cardinal Hohenlohe in Berlin weilte, erledigte sich der Posten eines preußischen Gesandten beim Vatikan. Ohne erst die übliche Anfrage an die Kurie zu richten, ob die gewünschte Person genehm sei, und ohne sich zu vergewissern, ob die Kurie einem Cardinal überhaupt gestatte, einen fremden Souverän bei ihr zu vertreten, wurde Cardinal Hohenlohe zum preußischen Gesandten beim Vatikan ernannt. Der Papst verweigerte selbstverständlich seine Einwilligung dazu, daß ein Cardinal die Vertretung einer fremden Macht beim Vatikan übernehme, und damit war die Bismark'sche Intrigue zu dessen großem Aerger gescheitert. Cardinal Hohenlohe ist seitdem wenig in die Ocffent- lichkeit getreten. _ Trrbilchof Johannes Christian Moos. -j- Am 22. Oktober starb zu Freiburg i. Br. nach längerer Krankheit Erzbischof Dr. Johannes Christian Roos. Derselbe war am 28. April 1828 zu Camp am Rhein geboren, studirte in München und Bonn und wurde am 22. August 1853 von Bischof Peter Joseph Blum von Limburg zum Priester geweiht. Im Jahre 1856 wurde er Pfarrverwalter in Hochheim. Vier Jahre darauf ernannte ihn der Bischof von Limburg zu seinem Sekretär. 1864 erhielt er die Professur der Moral und Pastoraltheologie am dortigen Priesterseminar. Nachdem er 1869 zum Domherrn und Stadtpfarrcr von Limburg berufen war, gelangte er im Februar 1885 auf den erledigten Limburger Bischofsstuhl. Bald nachher, am 2. Juni 1886, wurde er zum Erzbischof von Freiburg erwählt. Von den ersten Tagen seines erneuten Wirkens an war Erzbischof Roos bemüht, mit Ruhe und Festigkeit die Rechte und Freiheiten der Kirche in Baden zu reclamiren und seine diesbezügliche Thätigkeit war auch mit Erfolg gekrönt. Außerdem erwarb er sich große Verdienste um die Hebung des katholischen Lebens durch Förderung und Unterstützung des katholischen Vereinswesens, um die Vermehrung der Würde und Erhahenheit des Gottesdienstes, um die zahlreichen kirchlichen Neubauten und um die christliche Kunst. Ueber den Fortschritt der katholischen Bewegung und besonders über die Erfolge des badischen Centrums war er hocherfreut. Seinen Lieblingswunsch, die religiösen Orden in seine Erzdiöcese zurückkehren zu sehen, sah er nicht in Erfüllung gehen. Er wurde abberufen, nachdem er 10 Jahre lang das Haupt und die Zierde der Freiburger Kirche gewesen war. Möge ihm für seine Mühen und Sorgen, für seine Treue und seine Tugenden die Krone des ewigen Lebens zu Theil werden! * -- Aus der „Nachfolge ßhristi"?) Menschen wünschen und begehren Sonder Ordnung im Gelüsten: Wenn sie damit nur die Ruhe Nicht zugleich begraben müßten! Denn der Stolz hat keine Ruhe, Und der Geiz hat keinen Frieden; Doch der Armuth und der Demuth Ist ihr vollstes Maß beschicken. Thöricht ist, wer Hoffen, Lieben Will durch Kreaturen stillen, Weise, wer als arm will gelten, Andern dient um Christi willen. Auf dir selbst darfst du nicht stehen, Hoffnung nur auf Gott ist nütze, Thu' das Deinige: der Himmel Reicht zum Stab dir seine Stützei Baue nicht auf deine Klugheit, Noch auf and'rer Geistesstärke: Nur auf Gnade, die der Demuth Hilft, doch stürzt der Stolzen Werkei *) Siehe „Des gottseligen Thomas von Kempen Nachfolge Christi in deutschen Reimen" von Hermann Jseke. Verlag von F. W. Cordier, Heiligenstadt (Eichsfeld). Preis brosch. M. 3.—, Salonband M. 4.50. — -««WS- Zahlenräthsel. 123456789 Macht dir die Stimmung voll Sonnenschein, Scheucht dir hinweg der Grillen Heer, Doch allzuviel macht's den Kopf dir schwer. 2 3 4 4 8 9 als Dichter bekannt, Einst eine Waffe in eines Gottes Hand. 3 2 7 8 7 hat Jedermann, Stolz ist, wer viele nennen kann. 4 3 5 5 8 trägt der Schulbub meist, 5 3 6 8 manche Romanze preist. 3 9 4 8 8 des Landes Wehr, 6 9 3 7 ist gar nicht schwer. 7 3 1 2 8 7 trägt dich über'n Fluß, 8 6 6 8 der Bauer haben muß. 9 3 1 2 8 nimmt das Weltkind gern, Der Christ überläßt sie Gott dem Herrn. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 91: Weiß. Schwarz. 1. L. V3—87 beliebig. 2. D. ^.6—86 beliebig. 3. D. 66-83 (84) Matt. Zieht Schwarz 1. L. 85—86 folgt von Weiß: 2. D. L6—86:f rc. --EZH-- HL 94. Areitag, den 13. November 1896. Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas ae8r!vl»tvn ES «Ivr 808 ne!; woll. Lnglanä.— Im 8cptember e. fand im Ilötel Imperial ru Lristnl ein interessantes Lmateurtnrnier statt, an welchem sieh eine Loibs der besten Spieler 8üä-8nglanäs, wie Ltkins, LIaks, Ounston, Jakobs, Lamdert, äones unä Rumboll betbeiligten. In der ersten Xlasse erstritt L t k i n s äsn ersten, LIaks äen zweiten kreis; in äer rweiten Xlasse üe! äer erste kreis an Niss Lnägo, in äer ärit- ten an Nr. Lorke. Australien. — Im keruier um äis Vorkämpferscliaft von blew - 8üä - Wales 7.u Ndbourns gewann äer unermüdliche lüsling (ein geborener Hannoveraner) bei 20 klisiluelimern mit 17:1:1 äen ersten kreis. Zweiter wurde kul 1 idgs mit 14:1:4, äritter 8oägson mit 14:4:1. ' Lugsburg. — (8ebaeh-Lenäervous.) Im„Lak6 Lugusta' finden krennäe äes 8ebaebs auch an äen 8onntagen 8aeb- mittags stets Oelcgsnbeit nur ktlege desselben, was unseren I-esorn biedurcb rur gefälligen Xenntniss äienen möge. Mekrslox. Die britischen 8cbaebfreunäo baden äen Verlust eines ilirer rührigsten Amateurs ?,u beklagen. Lm blontag äen 14. September äs. äs. ist nämlicb ru Null äer Kaufmann Xäwarä krssborough einem wiederholten 8chlaganka11 erleben. Derselbe war am 18. Lugust 1830 su Hüll geboren unä betrieb äas 8ebaeb seit trüber .lugend. Xr war niobt nur ein ssbr starker praktischer Spider, sonäern aueb ein sebr gewandter Sebacbsdiriktsteller, in weleb' letzterer Xigen- scbakt er rwei äureb ibrs leiebtkasslicbe unä klare Darstellung rübmenswsrtbe Werke über Lpivl-Xröilnungen unä -Xnd- ungen bearbeitete. Der englischen Lehaebreitung „kbe Lritisk Lbess Llagarüne'' lieferte er lange äalirs überaus sebätabare Leiträge. Lueb mit Lobaebproblemsn beschäftigte sieb kres- borough niebt obneXrkolg, wie äie nacbstebonäs geistvoll o 8 oba ob ausgab e beweist. In seinem persönlieben Dmgang van äen liebenswüräigsten Lärmen, wird äer Verlust äieses hingebenden Sobaobkrounäss von seinen Danäsleuten mit Rocbt tief emxlunäen. Lukgabo dir. 4. Von 8. kresburougb in 8ull f. Scbwars. Weiss. Weiss niebt an unä seist in vier 2ügen mat iln die Herren Dösvr von Lllfgaben: Wir erlauben uns biemit äarauk aufmerksam su macben, äass oino Lösung nur äann als vollstänäig benw. riebtig vraebtet wer- äsn kann, wenn äieselbs alle Üanplvariunteu äer betrikd. Lufgabv angibt. Die eingegangenen Düsungen äer obigen Ausgabe — 8r. 1 — waren grösstentbeils mit äsm Nangel bebaktet, äass sie äis schwierig su Lnäende Variante L nicht enlbidten. Xs wirä äaber gebeten, äis Düsungen künftig möglichst vollLtünäig wieäcrsugoben. kartie 8r. 5. Nachstehend geben wir eine weitere kartie aus äem weebselreioken kurnisr su Luäapest. LxLQisvdö Partie. 6espidt am 14. Oktober 1896. Weiss: 8ebwarr: Weiss: 8 edwarr: dk r0 Luuovvskl Winawer dL -S äanowsbi Winawer (karis). (Warschau). (karis). (Warschau). i e2—e4 s7—eö 12 Del—a3 Dä8—c7 2 8g1—13 8b8-e6 13 Dä!—13 Df6Xe3 3 Lkl-bö 8g8-k6 14 ä2Xo3 b7—b6 4 0-0 8t6Xa4 IS Dk3-14 c6—e5 5 kkl-ei 8e4-ä6 16 Dk4-b6 17—kS(e) 6 813X^5 8e6Xv5 17 Dä3—e4-!-(ä) 3'18-f7 7 LelXkö-j- Lk8—o7 18 Le4Xt7-i- Lg3Xf7 8 Lb5-ä3(a) 0-0 >9 DbOXl'7'i- Xt7—18 9 8b1—c3 Lo7-16 20 Db7Xg6(e) kal—sl De8-b7 10 1e5-e3 g7—g6(b) 21 8ä6-f? 11 b2—b3 c?-c6 22 I'e3-g3 Lukgegeben. a) Xin niebt su unterscliätsenäer Lngriikssug. b) Lei äissem unä äem nächsten Auge ist äer sonst so Lnäigs Winawer von einer Lrt 8cbacbblinäbeit befallen, welche ikm äis heimtückischen Absiebten seines Oegnors vollstänäig entgehen lässt, bis musste hier oäer wenigstens im 11. Auge 1t'8—v8 geschehen. e) (legen äis Drohung 1o3 —b3 gibt es keine andere Deckung; 8ä6—e8 scheitert an 17. Dä3Xg6 nebst Xe3—«7 oäer ke3—b3. ä) Hübsch gespielt, auf 17. 8ä6>2-b4ch. kiebtigo Düsungen gingen ein von: R. 8. in D.; Lilger, Oottmaäingen (Laden); ,1. kiukl, Orossschönenkelä; 8. L. in W.; L. Weber in Nunningen; 0. Dinss, Orosssekünaob (Laden); L. Wachter Lürgermeister, Ilarbatsbofen; sodann von Ll. 8. 8äuslsr, 0. Lunstmann unä 0. Naxinger in Lugsburg, sowie L. Lezmr in Ilaufbeuren (auch kartie 8r. 1). Lnlässlieb der uns namentlich auch von auswärtigen Lehaehfreunäen wiederholt rugegrngenen Lrieko, worin äis kreuäe über unser in's Leben gerufenes „8ehaebb!att" in liebenswürdig anerkennenden Worten sieb kundgibt, glauben wir eine angenehme küiebt ru erfüllen, indem wir biemit kür äis freundlichen Wünsche bestens danken! Olsiebreitig ersuchen wir unsers 8obacbfreunäe, durch üdssigs Linsenäung äer Lösungen unserer Lukgaben, sowie durch Llebermittlung von LIlem, was auf äas 8ebad> Lerug bat, ibr Interesse auch ferner bekunden ru wollen unä erblicken wir hierin die schönste Lnerkennung kür unsere Le- mübungen. — Nit sehaehfronnälichem Orussv! Llles auk äas 8cback Lsrügliebo ist ausnahmslos Lu aärcssiren: ,,Ln äie Leäaction des Lngsbnrgor 8ebne!i- blatt — Ori-Iü Lugusta — Lugsburg." « 95. 189k. „Augsburger Postzritung". Dinstag, den 17. November Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Gradherr in Augsburg lVorbefitzer vr. Max Huttler). Zm fremden Lande! Erzählung von C. Borges. (Fortsetzung.) „Meine Verwandten werden sich freuen, wenn ich ihnen nicht wehr zur Last falle. Wohnt Herr Lambrecht denn ganz allein?" fragte Rosalie weiter. „Er hat einen Sohn, der jetzt vierundzwanzig oder sechsundzwanzig Jahre zählt. Aber bedenken Sie es wohl, mein Fräulein, Sie haben kein geselliges oder luxuriöses Leben zu erwarten; Herr Lambrecht ist ein einfacher, aber biederer Geschäftsmann, dem es vielleicht gar nicht in den Sinn kommt, Sie mit den vielen angenehmen Kleinigkeiten des Lebens zu umgeben, die Ihnen möglicherweise unentbehrlich geworden sind. Eine einfache, bequeme Häuslichkeit, ein treues, liebevolles Herz — mehr dürfen Sie keineswegs erwarten." „Dafür würde ich von Herzen dankbar sein", versetzte Rosalie, und ihre Stimme klang fast wie ein Jubelruf, „es war für mich kein freudevolles Dasein, in einer kleinen Mansarde Tag ein Tag aus zu sitzen und die Garderobe meiner Cousinen anzufertigen." „Nun, diese elende Beschäftigung hat ein Ende", lächelte der Notar. „Wie bald könnten Sie also zur Abreise nach Afrika bereit sein?" „Nach Afrika?" „Ach, ja! Ich vergaß, Ihnen zu sagen, wo Herr Lambrecht wohnt. Er wohnt in Marydale in Afrika, also weit genug von Ihrer Tante entfernt, um eine Begegnung nicht leicht möglich zu machen." „Aber die weite Reise!" seufzte Rosalie, „sie würde gewiß viel Geld kosten." „Gewiß, aber das macht keinen Unterschied", tröstete der väterliche Freund. „Sie bedürfen auch für das heiße Klima dort drüben eine ganz andere Ausstattung wie hier zu Lande. Herr Lambrecht stellt Ihnen zu diesem Zwecke ganz unbeschränkte Mittel zur Verfügung. Leider bin ich ein Junggeselle und kann Ihnen daher keinen Rath ertheilen, aber meine Schwester lebt bei mir, sie hat Erfahrung in solchen Sachen und wird Ihnen gern helfend zur Seite stehen. Das Beste wäre, Sie blieben vorläufig ganz bei uns — Ihre Tante dringt ohnehin morgen auf eine Entscheidung — seien Sie unser Gast, bis wir eine passende Reisebegleitung für Sie gefunden haben. Nun, was sagen Sie zu diesem Plane?" „Ich bin überglücklich, aber — —" „Kein Aber; die Sache ist abgemacht. Sie kommen zu uns, so bald Sie wollen, dann überlegen wir es mit der Reise in aller Ruhe." Rosalie stand ganz verwirrt, aber sie brachte kein Wort hervor. Vielleicht ahnte Herr Hollmann den Grund ihrer Verlegenheit, denn er sagte in seiner jovialen Weise: „Sie werden noch Mancherlei bedürfen, wollen auch gewiß gern der Dienerschaft im Hause zum Andenken Geschenke machen. Hier, es ist Ihr Geld. Herr Lambrecht wünscht es so. — Sagen Sie kein Wort, Sie haben noch eine große Summe bei mir stehen." Er hatte ihr bei den letzten Worten mehrere Goldstücke in die Hand gedrückt, und als sie jetzt nach längerer Zeit ins Freie trat, glaubte sie wirklich, ein schöner Traum hätte ihr neckend liebliche Zukunftsbilder vorgegaukelt, nur das glitzernde Gold in der Hand rief sie in die Wirklichkeit des Lebens zurück. Es war schon sehr spät, die gewöhnliche Stunde des Mittagessens bei der Tante längst vorüber, deshalb beeilte sich Rosalie auch gar nicht, ging in ein Restaurant und ließ sich Essen vorsetzen. Hier sann sie über die Ereignisse der letzten Stunden nach; ein glückliches Lächeln erhellte ihre Züge, als sie der Prophezeihung der Zigeunerin gedachte, die gesagt hatte: „Ehe der Vollmond am Himmel steht, werden Sie Ihr jetziges Heim verlassen." Es war drei Uhr des Nachmittags geworden, als Rosalie endlich ihre kleine Mansarde wieder betrat und Emilie sich gleich bei ihr einstellte. „Die Damen sind alle ausgegangen", berichtete sie freudestrahlend; „soll ich Ihnen Ihr Essen Heraufbringen?" Rosalie schüttelte das Haupt. „Morgen verlasse ich dieses Haus", jubelte sie, „o, Emilie, Sie glauben gar nicht, wie leicht und glücklich ich mich fühle." „Hoffentlich werden Sie es besser haben, wie Sie es hier hatten", versetzte die gute Dienerin. „Es ist gut, daß Sie fortgehen; ich wundere mich nur, daß Sie es überhaupt hier so lange aushalten konnten." Am nächsten Morgen stand der kleine Koffer fertig gepackt. Mit leichtem Herzen ging Rosalie in das Frühstückszimmer, und ihre Tante und Cousinen wunderten sich, daß gerade heute das arme, geplagte Mädchen so zufrieden und glücklich aussah. 730 III. Die brennenden Sonnenstrahlen fielen senkrecht auf die üppigen Gartenanlagen, in denen exotische Pflanzen und stark duftende Blumen große Beete ausfüllten. Alles athmete hier Vornehmheit und wohlthuende Ruhe. Ein hohes, geräumiges Landhaus erhob sich wie ein stolzes Feenschloß; eine breite Terrasse vor demselben mit bequemen Schaukelstühlen oder Hängematten lud zur behaglichen Ruhe ein. Eine breite Flügelthür führte in die inneren Räume des Hauses. Reichthum und Eleganz waren hier vereint, um jedem einzelnen Gemach Bewunderung abzugewinnen, und erinnerten an das Märchen von „Tausend und eine Nacht". In dem Schatten eines mächtigen Baumes lag ein junger Mann von ungefähr sechsundzwanzig Jahren in dem weichen Grase hingestreckt. Mißmuthig schaute er den Ringeln seiner Ctgarette nach, dann schleuderte er sie unwillig von sich, sich aus seiner nachlässigen Haltung emporrichtend. „Halloh, alter Freund! Was fehlt Dir? Du stehst ja aus, wie beständiges Negenwetter", ertönte plötzlich eine heitere Stimme dicht an seiner Seite, und ein junger Mann, einige Jahre älter wie der Freund. Thomas Lambrecht, stand vor ihm auf dem weichen Rasen. „Dein Diener wollte mich zuerst nicht einlassen, Du seist beschäftigt, sagte er mir, aber ich drang doch vor und muß Dich jetzt vor Langeweile schützen." Thomas lächelte gezwungen. Sie waren die besten Freunde der Welt, obgleich der eine ein junger Arzt war und nur mühsam den Kampf mit dem Leben aufnehmen konnte, der andere hingegen der Sohn und Erbe des reichsten Mannes in Marydale. Aber Richard Manners verstand es, sich in der Stadt populär zu machen, hatte sich in der kurzen Zeit seiner Praxis schon einen Namen erworben, und darum sah er auch getrost und freudig der Zukunft entgegen. „Setze Dich zu mir und verplaudere mir die schlechte Laune", bat der reiche Freund, „denn ich fühle mich in einer Stimmung, die kaum zu beschreiben ist." „Warum denn?" fragte der Freund, sich behaglich in einer Hängematte ausstreckend. „Gehen die Geschäfte nicht mehr flott? Sind einige Deiner Schiffe gescheitert?" „Bah! An die Geschäfte denke ich gar nicht. Selbst wenn ich bedeutende Verluste erlitten, würde mir der Gedanke keinen unruhigen Augenblick machen. Das Geld hat für mich nicht den allergeringsten Werth, aber- mein Vater macht mir Sorge." Der junge Arzt fuhr bestürzt aus seiner nachlässigen Stellung auf. Er hatte noch vor zwei Tagen den alten Herrn Lambrecht gesehen, und zwar in blühender Gesundheit und vollkommener Manneskraft. „O, er ist ganz gesund", erwiderte Thomas auf die unausgesprochene Frage seines Freundes, „aber er besteht auf der lächerlichsten Idee der Welt, und nichts kann ihn davon abbringen." „Darf man fragen, was das für eine Idee ist?" „Die ganze Stadt wird es ohnehin in wenigen Tagen wissen — er will eine Tochter adoptiren." Der junge Arzt war höchst erschrocken; die Cigarre entfiel seinen Fingern, dann sah er ungläubig seinen Freund an. „Warum will er das thun?" fragte er sichtlich bestürzt. „Das wag der Himmel wissen — ich weiß es nicht. Ein Mensch, der zweimal in seinem Leben verheirathet war und stets mit der zweifelhaften Gabe einer Tochter verschont geblieben ist, sollte doch nach meiner Meinung allen Grund zur Dankbarkeit haben." „Ist sie noch sehr jung?" „O nein, sie ist längst erwachsen; wenigstens zwanzig Jahre, vielleicht auch doppelt so alt. ES kam meinem Vater ganz plötzlich.der lächerliche Gedanke, daß seinem Hause eine Dame fehle; er schrieb deshalb an einen ihm befreundeten Rechtsanwalt in Deutschland — und das Resultat ist die baldige Ankunft einer Dame. Bis vor einigen Tagen hatte ich von den Plänen meines Vaters gar keine Ahnung, und ich muß offen gestehen, wir hatten einen heftigen Wortwechsel — sogar den ersten Streit in unserem Leben — als ich davon hörte." „Will er sie denn als Tochter adoptiren?" „Was weiß ich davon", stöhnte Thomas, und sein Antlitz legte sich wieder in drohende Falten, „ich sage Dir ja, ich war in überreizter Stimmung und der schlechtesten Laune der Welt, daher sagte ich meinem Vater, er würde sie schließlich noch wohl heirathen wollen. Was sollte sie denn auch anders hier in unserem stillen, friedlichen Hause ? Mein Vater war ganz empört und sagte, er habe Fräulein von Bornfelds Mutter sehr gut gekannt, und die junge Dame solle die Stellung einer Tochter in seinem Hause ausfüllen." Der junge Arzt schwieg. Er kannte die Familie Lambrecht sehr genau, war er doch als früh verwaister Knabe in diesem reichen Hause erzogen und hatte Kindesrechte dort genossen. Damals lebte noch die erste Gattin seines Wohlthäters, die er aus Deutschland mit herübergebracht hatte, und Thomas war noch ein kleiner Knabe. Doch der unerbittliche Tod riß allzu früh die treue Lebensgefährtin von der Seite ihres Gatten und vernichtete mit grausamer Hand das häusliche Glück. Als Thomas dann größer wurde, schickte ihn der Vater zu seiner weiteren Ausbildung zuerst nach Deutschland, später ein ganzes Jahr auf Reisen. In dieser Zeit gab der reiche Kaufherr seinem Hause eine neue Herrin; sie war eine geistreiche, anmuthsvolle Dame und war drei Jahre hindurch die Freude und der Sonnenglanz des Hauses. Thomas hatte seine Stiefmutter nie kennen gelernt, denn als er nach längeren Jahren in die Heimath zurückkehrte, stand der Vater trauernd und tiefgebeugt an einem frischen Grabeshügel, der sein Liebstes barg. Vater und Sohn schloffen sich jetzt inniger aneinander denn je, und dieses Band der Liebe und Freundschaft befestigte sich von Jahr zu Jahr. Es kam dem jungen Arzt selbst ganz unerklärlich vor, daß dieses häusliche Glück durch die Anwesenheit einer fremden Dame getrübt werden sollte. „Es ist vollkommener Ernst", nahm Thomas wieder das Wort, denn er schien die Gedanken seines Freundes zu lesen, „ich fürchtete anfänglich, der liebe alte Vater sei geistesschwach geworden. Ja, ich will Dir noch mehr sagen, er ist bereits nach der Kapstadt gereist, um seinen Schützling bei der Ankunft des Schiffes selbst in Empfang zu nehmen." „Nun, alter Freund", tröstete der Arzt heiter, „wenn Du mit der neuen Hausgenossin nicht gut leben kannst, so bist Du ja immerhin reich genug, um unabhängig und allein zu leben. Du bist ja der Theilhaber im Geschäft Deines Vaters, da kannst Du doch wohnen, wo Du willst." „Warum sprichst Du Deine Gedanken nicht offen und ehrlich aus und sagst, ich solle heirathen?" 731 Der Arzt lächelte. „Nun, warum thust Du eS nicht?" fragte er dann. Ein cynisches Lächeln spielte momentan um die Mundwinkel des reichen Jünglings, dann entgegnete er nicht ohne Spott und Bitterkeit in seiner Stimme: „Weil ich den Glauben und das Vertrauen an das ganze schöne Geschlecht verloren habe. So lange die Damen jung und schön sind, denken sie nur an Putz und Vergnügungen; werden sie alt, so können sie sich nicht über ihre Haus- und Küchenangelegenhetten emporschwingen." „Das ist ein hartes Urtheil; Du wirst aber Deine Meinung noch ändern." „Niemals." Der Freund schaute den Jüngling ernst und durchdringend an. „Hast Du bittere Erfahrungen gemacht?" fragte er dann langsam. „Hast Du etwa eine Treulose gefunden, die Dein gutes Herz gegen ihr ganzes Geschlecht vergiftet hat? Ist es so, Thomas?" „Hm, vielleicht hastDu recht." Der Arzt spielte nervös mit seiner Cigarre. „Dann muß es vor drei Jahren in Natal gewesen sein — denn seit dieser Zeit merkte ich eine wesentliche Veränderung bei Dir." „Ja, es war vor drei Jahren in Natal. Ich war längere Zeit inGeschäftsangelegenheiten dort. Sie war ein bildschönes Mädchen mit feurigen Augen und schwellenden, kirschrothenLippen. Sie schwur mir Liebe und Treue, und was sonst junge Mädchen dergleichen Sachen weiter sagen. Ich war gerade im Begriff, meinem Vater die Sache mitzutheilen, ihn um seinen Segen zu unserer Vereinigung zu bitten, als-ich meine Geliebte in den Armen eines Anderen überraschte. Unterlass' es mir, Dir die Einzelheiten zu berichten. Er war Commis im Geschäft ihres Vaters, sie bereits Jahre lang mit ihm verlobt gewesen und hatte versprochen, zu warten bis er selbstständtg sei. Natürlich zog sie jetzt den reichsten Mann in Marydale ihrem armen Geliebten vor. Dieses letzte täls-a-täts sollte der Abschied sein; ich überraschte daS Paar und verzichtete natürlich auf die Hand der Treulosen. Merkwürdiger Weise wußte der Commis meine Großmuth gar nicht zu würdigen; er wollte weder vergessen noch verzeihen, und bis heute ist die Falsche noch immer unverhetrathet." „Sie muß eine herzlose Kokette gewesen sein." „Das sind die meisten jungen Mädchen." „Hast Du sie denn noch immer nicht vergessen?" „Ich denke nur noch an ihre Falschheit. Bitte, sprich nicht mehr davon, es ist ja lang vorbei." „Weiß Dein Vater etwas davon?" „Er hat nicht die geringste Ahnung." „So oft er bei uns ist, spricht er davon, daß Du gar nicht daran denkst, Dir eine eigene Häuslichkeit zu gründen. Ich glaube, es geht ihm sehr zu Herzen." „Davon bin ich fest überzeugt." Dr. Manners wohnte in unmittelbarer Nähe von Marydale auf einem kleinen Gute, dem Waldhof, das ihm Herr Lambrecht als Hetrathsgabe geschenkt hatte. Seine junge Gattin war eine zarte, schwächliche Dame, die nur selten ohne körperliche Schmerzen und sehr häufig auf das Krankenlager gebannt war. Drei kleine Kinder trugen nicht wenig dazu bei, die Lasten des kleinen Hausstandes zu vermehren, aber trotz aller Sorge zählen sich die jungen Eheleute zu den glücklichsten Menschen ! der Welt. „O Richard", rief Hilda Manners, als sie ihres Gatten ansichtig wurde, „komme und setze Dich zu mir her, ich habe Dir wunderbare Neuigkeiten zu erzählten! Denke nur, der gute, alte Lambrecht will wieder hei- rathen; seine zukünftige Gattin kommt aus Deutschland herüber, und er ist schon nach der Kapstadt gereist, um sie abzuholen. Thomas soll ganz empört darüber sein; er hat sich in seine Gemächer eingeschlossen und spricht mit keinem Menschen." Der Doktor erzählte den wahren Sachverhalt, und als er geendet hatte, meinte Hilda ernst und nachdenklich: „Ich kann mir denken, wie sehr verstimmt und erregt der gute Thomas ist, ich würde auch ganz empört sein." „Denke aber auch an den alten Herrn, meine liebe Frau, er ist reich, und es macht ihm eine Freude, ein armes Mädchen glücklich zu machen. Ich habe noch nie einen Herrn kennen gelernt, der so sehr wie Herr Lambrecht die Gesellschaft einer Dame entbehrt, und ehe er Fräulein von Bornfeld kommen ließ, hat er seinen Sohn zu überreden versucht, doch bald zu heirathen." „Na, ich fürchte, die Fremde wird nicht seinen Wünschen entsprechen. Sieh' nicht so finster drein, Richard, wenn sie zu uns kommt, soll sie einem freundlichen Empfang entgegensehen." (Fortsetzung folgt.) - » -t- 4> » Das Iarmariussefi in Neapel. Von Clemens Mühlbauer. (Nachdruck verbaler,.) Wer möchte nach Italien reisen, ohne Neapel zu sehen? Die unvergleichliche Lage an dem von einem Kranze malerischer Berge und Inseln umschlossenen Golfe, die Pracht der Vegetation, welche auf dem vulkanischen fruchtbaren Boden der Umgebung in üppigster Weise gedeiht, der meist heitere Himmel, der sich über Land und Meer ausspannt und die wundervollsten Farbentöne darüber- Mac Kintey, erwählter Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika. WWW KUMW MMM 732 zaubert, die originelle Bauart der Stadt und die eigen» artigen Sitten ihrer Bewohner, all das macht Neapel zu einer der schönsten und merkwürdigsten Städte der Erde. Auch ich hatte mich gesehnt, diese Wunder zu schauen, doch sie waren nicht der einzige Grund, warum ich, meinen Aufenthalt in Rom unterbrechend, nach Neapel zog. Was mich vor allem dazu bewog, das war eine Thatsache, ebenso eigenartig und merkwürdig wie die Stadt selbst, trotz oder vielmehr wegen der konstanten Sicherheit, mit der sie sich stets wiederholt. Im Dom von Neapel, dem heiligen Januarius geweiht, der als Bischof von Benevent im Jahre 305 zu Puteoli den Martertod erlitt, bewahrt man außer dem Leibe des Heiligen zwei Fläschchen mit dem Blute desselben auf. Solche Blutsläschchen finden sich auch anderwärts, namentlich in Rom; denn die frommen Christen der ersten Jahrhunderte schätzten das Blut, das ihre Mitbrüder für ihren heiligen Glauben zu vergießen gewürdigt waren, als eine kostbare Reliquie und suchten sich desselben, wo es immer anging, zu bemächtigen, indem sie dasselbe mit Schwämmen sammelten und in Fläschchen ausdrückten. Auf solche Weise wurden auch die beiden Blutsläschchen des hl. Januarius gewonnen und kamen bei der Uebertragung der Reliquien mit nach Neapel. Alljährlich nun, am 19. September, dem Feste des Heiligen, und am ersten Sonntag im Mai, dem Feste der Reliquienübertragung, geräth das Blut in Wallung, sobald es dem Haupte des Heiligen nahe gebracht wird, und wird flüssig, wie frisches lebendiges Blut. Das neapolitanische Volk weiß diese Gnade, welche ihm ein Beweis für die gnädige Gesinnung seines Schutzpatrones ist, wohl zu schätzen, und mit der feurigen Begeisterung und der Prachtliebe des Südländers gestaltet es das wunderbare Ereigniß zu einem der großartigsten Feste. Am Vorabend des Festes wanderte ich durch die lange, sanft ansteigende Domstraße, die in gerader Linie vom Meer bis zur portu 8. Ctennaro sich erstreckend die ganze Stadt quer durchschneidet und neben der Toledostraße die Haupt- verkehrslinie der Stadt bildet. Ich fühlte mich unbehaglich inmitten des unbeschreiblichen Gewühles und des grellen Lärmes, um dessentwillen Neapel fast sprichwörtlich geworden. Es gehören starke Nerven dazu, um bei dem ewigen Wagengerassel, dem rasenden Peitschenknallen, den fürchterlichen Tönen der unzähligen Packesel, dem Hämmern der Schuster und Schlosser, dem zudringlichen Geschrei der Kutscher und Kleinwaarenverkäufer seinen Gletchmuth zu bewahren. Unter den wandernden Waaren- verkäufern bemerkte ich viele, welche verschiedene Festandenken feilboten: Statuetten des Heiligen, Bilder, auf denen er stets dargestellt war, wie er mit der segnenden Rechten den gefahrdrohenden Ausbruch des Vesuv unterdrückte, Beschreibungen des Festes und des wunderbaren Vorganges und dergleichen. Allenthalben die ganze Straße entlang waren eifrige Hände damit beschäftigt, Blumenguirlanden von einem Dache zum andern (über die Straße) zu spannen, so daß sie gewissermaßen einen großen farbenprächtigen Baldachin über der Straße bildeten: für das Auge des Fremden ein seltsamer Schmuck. Um der in der Restauration begriffenen Fassade des Domes während des Festes ein würdiges Aussehen zu verleihen, hatte man das Gerüst durch eine aus bemalten Brettern und Teppichen hergestellte Scheinfassade verdeckt. Sie war nicht besonders künstlerisch; die schreienden Farben der Malerei machten einen unschönen Eindruck; allein grelle Farben liebt der Neapolitaner über alles, und diese kostspielige Arbeit wegen eines einzigen TageS war mir ein neuer Beweis für den Eifer eines Volkes, das kein Opfer scheut, um das Fest seines geliebten Patrones möglichst glanzvoll zu gestalten. Als mich am Abend mein Weg wiederum an der Kathedrale vorbeiführte, bot sich meinen Augen ein neues, über die Maßen prächtiges Schauspiel dar. Die ganze Straße, so weit das Auge reichte, strahlte in einem wahren Meere von Licht, welches Hunderte von verschiedenfarbigen Lampen verbreiteten; die aufgeregte, lärmende und heftig gestikulirende Menschenmenge, welche auf der Straße hin- und herwogte, gewährte bei dieser Beleuchtung einen fast phantastischen Anblick. Auch in anderen Straßen, namentlich dem Meere entlang, wiederholte sich das gleiche Schauspiel; denn der Italiener kann sich kein Fest denken ohne Illumination, sie bildet stets einen Glanzpunkt bei jeder Feierlichkeit. Am frühen Morgen des Festtages eilte ich mit mehreren Reisegefährten wiederum zum Dome, dessen weite Hallen bereits mit einer Menge Andächtiger gefüllt waren. Freilich war die Andacht dieser Leute nicht eine Andacht in unserem Sinne; denn sie benahmen sich mit einer Ungenirtheit und Lebhaftigkeit, als ob sie nicht wüßten, daß sie sich im Hause Gottes befanden. Allein man thäte den Neapolitanern Unrecht, wenn man behaupten wollte, sie besäßen kein religiöses Gefühl. Die Lebhaftigkeit ist eben der Hauptzug im Charakter des Neapolitaners; sie begleitet ihn bei allem was er spricht und thut; kein Wunder, daß sie ihn manchmal zu einem Benehmen hinreißt, das dem kühlen Nordländer weniger passend erscheint. Wie tief der religiöse Sinn im Herzen des neapolitanischen Volkes eingewurzelt ist, davon sah ich selbst mehrere Beispiele. Die Beichtstühle im Dome waren von Beichtenden förmlich umlagert, und manche derselben, namentlich Männer aus den niederen Ständen, knieten ohne viel Umstände vor dem Beichtstuhl auf das Pflaster und beichteten statt durch das Gitter durch die Thüre. An einem Madonnenbild am Eingang des Domes ging selten ein Neapolitaner vorbei, ohne demselben einen Kuß zuzuwerfen; die Frauen thaten dies in der lebhaftesten Weise zu wiederholten Malen. Vor einem anderen Madonnenbild sah ich zahlreiche Votivgeschenke aufgehängt, darunter einige von ganz besonderer Art; es waren Dolche und verschiedene Mordwaffen, die sicherlich zur Sühne eines in der Hitze der Leidenschaft verübten Verbrechens der Madonna waren geopfert worden. Die Volksmenge wuchs von Minute zu Minute und drängte sich dem Eingänge einer dem rechten Seitenschiffe angebauten, mit einem Gitter verschlossenen Kapelle zu; es war die eigentliche Schatzkapelle, der tesoro des hl. Januarius, welcher das wunderbare Blut des Heiligen birgt und in der auch regelmäßig das Wunder vor sich geht. Um womöglich unter den Ersten die Kapelle betreten zu können, drängten wir uns ebenfalls an das Gitter heran, waren aber nicht wenig erstaunt, die Neapolitaner, welche aufs heftigste miteinander um die besten Plätze stritten, gegen die korastL (so heißt im Volksdialekte der korsstisrs oder Fremde) ungemein zu vorkommend zu finden. Noch größer war unsere Ueber- raschung, als plötzlich ein Canoniker der Kathedrale auf uns zukam und uns aufs freundlichste einlud, mit ihm in die Kapelle zu kommen. Von ihm erfuhren wir auch den Grund dieser Zuvorkommenheit. Es ist seit Jahren üblich, daß die zum Feste erscheinenden Fremden bevor- § UM!!:!'! 734 zugt werden und stets die ersten Plätze erhalten; es ist ja auch von größter Wichtigkeit, daß gerade die Fremden alle Einzelheiten des wunderbaren Vorganges mit eigenen Augen sehen und prüfen können, um die Wahrheit desselben in aller Welt bestätigen zu können. Noch war niemand vom Volke in die Kapelle zugelassen, und so war es möglich, unter Führung des liebenswürdigen Priesters dieselbe aufs genaueste zu besichtigen. Im 17. Jahrhundert „von der dankbaren Stadt dem Bürger, Schutzpatron und Befreier geweiht, der sie von Hunger, Krieg, Pest und Feuer des Vesuv durch sein wunderthätiges Blut gerettet", zeigt sie den damals herrschenden Stil und ist mit geradezu verschwenderischer Pracht im Sinne jener Prunkliebenden Zeit ausgestattet. Was an kostbaren Marmorarten und edlen Metallen zum Bau und Schmuck der Kapelle verwendet worden, besitzt einen fast unendlichen Werth; Fresken von der Hand der besten Meister, wie Domenichino und Ribera, bedecken Wölbungen und Wände und geben dem Beschauer Kunde von dem glorreichen Martyrium und der hohen Wunderkraft des Heiligen. Hinter dem Hochaltar birgt ein wohl verschlossener Silberschrein die Monstranz mit den beiden Blutfläschchen, sowie das Haupt des Heiligen in einer lebensgroßen silbernen Büste. All das hatte uns unser Führer mit größtem Eifer gezeigt und erklärt; man sah es ihm an, mit welcher Liebe und Ehrfurcht er für das Heiligthum beseelt war, und wie sehr ihm daran lag, auch unser Interesse dafür zu erwecken. Zuletzt führte er uns noch in die zur Kapelle gehörige Sakristei, deren Schränke die kostbarsten Weihegeschenke füllen; die für die Büste des hl. Januartus bestimmte Mitra allein ist mit 3700 Edelsteinen besetzt, darunter viele von bedeutendem Werthe. (Schluß folgt.) -SÄMkS- Die Drei-Kaiser-Elke. Mit Bild.) Im äußersten Südosten unseres Vaterlandes, da, wo die drei Kaiserreiche Deutschland, Oesterreich und Rußland zusammenstoßen, liegt als letzte preußische Station der Breslau und Krakau verbindenden Eisenbahn Mys- lowitz, eine gewerbthätige, lebhafte Stadt mit etwa 11,000 Einwohnern. Von' den Hügeln, auf denen dieser Ort sich erhebt — den letzten Ausläufern des kohlenretchen Tarnowitzer Höhenrückens - genießt man einen wetten Ausblick nach Russisch-Polen hinein, das hier durch die etwa 25 Meter breite Schwarze Przemsa, die sich nach einem Laufe von zehn Meilen in die Weichsel ergießt, von Deutschland getrennt ist. Myslowitz unmittelbar gegenüber erblickt man die russische „Stadt" Modrzejow, einen Haufen von elenden Holzhäusern mit etwa 600 Einwohnern. Wem daran gelegen ist, das Treiben in diesem Orte zu beobachten, kann auch ohne den sogenannten Halbpaß (eine auf acht Tage ausgestellte Legitimation für den Grenzverkehr) bis dicht an das russische Zollamt vordringen; die Holzbrücke, die Myslowitz und Modrzejow verbindet, ist fortwährend von Fuhrwerken belebt. Auf dem Marktplatze, den man von ihr aus zum größten Theile übersehen kann, herrscht stets ein lebhaftes Handelstreiben, besonders mit Borstenvieh; im Zollamt gehen unaufhörlich Leute aus und ein, und Grenzkosaken, die vor einem Schilderhause sitzend oder stehend daS Ende der Brücke bewachen, lassen sich ohne Scheu vor den Augen der Fremden von den Vorübergehenden kleine Geschenke zustecken. Von dem am südlichen Ende der Stadt Myslowitz gelegenen Bahnhof gelangt man an einigen villenartigen Häusern vorbei, die von reizenden, bis an die Przemsa sich herabziehenden Gärten umgeben sind, auf einen Weg, der nach dem nahe der Drei-Kaiser-Ecke gelegenen preußischen Dorfe Slupna führt, dessen Name (von slux^, Pfähle) schon die Lage an der Grenze andeutet. Der Weg zieht sich zunächst zwischen den schönen, saftigen Przemsawiesen zur Linken, sowie einem hohen Bahndamm zur Rechten entlang; letzterer ist in seiner ganzen Ausdehnung mit Gebüsch bepflanzt, um ihm dadurch mehr Festigkeit zu verleihen, da er auf sogenanntem schwimmendem Gebirge, einer unterirdischen wasserführenden Schicht, errichtet ist. Nach einem Spaziergang von einer knappen halben Stunde, der uns durch ein anmuthtges Birkenwäldchen führt und besonders in seinem letzten Theile hübsche Ausblicke auf die Przemsa gewährt, die zwischen Weidengebüsch in sehr starken Krümmungen da« hinströmt, gelangt man nach Slupna. Hier lag einst das im vorigen Jahre abgebrannte „Schloß" des fürstlich Sulkowskischen Geschlechts, ein einstöckiger Holzbau, der sich in seinem Aeußern kaum von den Häusern der Dorfbevölkerung unterschied. Um so merkwürdigere Dinge weiß uns der Geschichtskundige von den beiden letzten Abkömmlingen dieses Geschlechts zu berichten, von denen der erste, Johann Sulkowskt, in der Zeit Napoleons I. an der Spitze eines Corps von zweihundert polnischen Aufrührern der preußischen Regierung in Oberschlesien eine Zeit lang viel zu schaffen machte, bis er endlich von der österreichischen Regierung, gegen die er ebenfalls eine Empörung anzettelte, ins Gefängniß geworfen wurde, in dem er starb. Noch ärger trieb es sein Sohn Max, der in seinem Hause jahrelang die schlimmsten Orgien feierte und schließlich eine seiner Kreaturen zur Ermordung seiner edlen Mutter anstiftete, noch heute aber von der irdischen Gerechtigkeit nicht ereilt ist. Sobald man das letzte Haus des Dorfes hinter sich gelassen, hat man das ganze eigenartige Panorama der Drei-Kaiser-Ecke vor sich. Zwischen dem preußischen Ufer, das ziemlich hoch ansteigt, und dem der Nachbarstaaten, das von weithin sich erstreckenden Wiesen gebildet wird, eilt in heftiger Strömung die Schwarze Przemsa dahin, die zunächst die Grenze zwischen Deutschland und Rußland, sodann zwischen Deutschland und Oesterreich bildet; von Osten ergießt sich in sie die Weiße Przemsa, die Oesterreich und Rußland voneinander scheidet. Beide Flüsse tragen ihren Namen nicht mit Unrecht. Das Wiffer der Schwarzen Przemsa sieht in Folge der vielen Grubenwässer, die es während seines Laufes aufnimmt, schmutzig trübe, das der Weißen, das einen sandigen Untergrund hat, hell und klar aus, und noch eine weite Strecke unterhalb der Vereinigung sieht man deutlich die Gewässer beider Flußläufe durch eine scharf erkennbare Linie getrennt. Während früher nichts die idyllische Ruhe der Drei- Kaiser-Ecke störte, bietet diese seit dem vorigen Jahre ein belebteres Bild, da die russische Regierung auf ihrem Antheil, der mit einem spitzen Winkel in den Fluß vorspringt, eine Station zur Verladung der Kohlen angelegt hat, die von den nahen Gruben auf einer Kleinbahn hicrhergeschafft werden. Außer einigen hölzernen 735 Gebäuden, in deren düsteres Schwarz nur die gelbliche Farbe der Thüren und Fensterkreuze ein wenig Abwechslung bringt und über denen die weiß-blau-rothe russische Flagge weht, sieht man hier am Ufer der Schwarzen Przemsa ein hölzernes Bollwerk, bis zu dem die Bahn- geleise unmittelbar herabführen; vermittelst fünf Rollen können von hier aus ebenso viele Brücken bis dicht über den Wasserspiegel herabgelassen werden, an die dann die Kähne unmittelbar anlegen, die den Kohlenverkehr nach den Weichselstädten vermitteln. Diesesogenannten Galeeren, sehr primitive flache Fahrzeuge, sind etwa 18 Meter lang, 4 bis 5 Meter breit und mit einfachem Steuerruder versehen; mitten darauf befindet sich eine kleine Bude, die für Geräthe bestimmt ist. Sie werden stromaufwärts von Pferden gezogen, die ohne Sattel von den sogenannten Trybarze (Treibern) gelenkt werden, und brauchen für die Strecke von der Dret-Kaiser-Ecke bis zu ihrem führenden Bahn dahinbraust, wird in näherer oder weiterer Entfernung sichtbar, zunächst Modrzejow, dahinter die in neuerer Zeit außerordentlich aufblühende russische Grenzstation Sosnowice. Mit Vorliebe macht man von der Drei-Katser-Ecke aus einen Abstecher auf das nahe österreichische Gebiet, mit dem Preußen durch die über die Przemsa führende Eisenbahnbrücke verbunden ist, und das man ohne Paß betreten darf. Ein Häuschen auf der Brücke ist für den „Finanzwächter", einen aus Krakau oder Lemberg ab- kommandirten Soldaten, bestimmt, der zur Verhinderung des Schmuggels hierher gesetzt ist, uns aber mit echt österreichischer Gemüthlichkeit das Ueberschreiten der Brücke und das Betreten des Bahndammes gestattet. Gern werfen wir von der Brücke, die auf drei mächtigen, 20 Meter hohen Pfeilern ruht, einen Blick auf den tief unter uns rauschenden Fluß und seine Umgebung; aber Vellrnberg. Original-Aufnahme von Gustav Baader^,Photograph in Krumbach. fVerviclfältigungSrccht vorbehalten.; Endziele Krakau sechs bis acht Tage. Stromaufwärts, bis Myslowitz, bringen sie die Erzeugnisse Galiziens, besonders Thon und Bretter, auch Kartoffeln. Uebrigens hofft man, daß in nicht zu langer Zeit eine Dampferverbindung der Dret-Kaiser-Ecke mit Krakau und Warschau hergestellt werden wird. Nicht weit von der Verladestation liegt das russische Dorf Niwka mit einem großen Kohlenbergwerk; das Dorf bietet aus der Ferne durch die hohe hölzerne Kirche und die mächtigen alten Bäume, die die Blockhäuser der Einwohner überragen, einen freundlichen Anblick; am Ende des Dorfes erkennt man die Ruine eines massiven Gebäudes, des ehemaligen katholischen Pfarrhauses, dessen letzter Bewohner den polnischen Aufstand des Jahres 1863 begünstigte und dafür auf Lebenszeit nach Sibirien verbannt wurde, während man sein Haus zum abschreckenden Beispiel zerstörte. Eine Anzahl russischer Ortschaften, zwischen denen gelegentlich ein Zug der nach Warschau weit lockender noch ist bei klarem Wetter der Blick von hier nach Süden auf die Beskiden, den nördlichen Zug der Karpathen, die in bläulichem Schimmer sich in langem Zuge am Horizonte dahin erstrecken. Machtvoll liegt vor uns die 1725 Meter hohe Babia Gura, auf deren Nordabhang wir mit bloßem Auge eine Menge von scharfen Riffen und Spalten erkennen können, in deren Umgebung außer im Hochsommer stets wette Schneefelder sichtbar sind. Ostwärts ziehen sich endlose Kieferwaldungen auf österreichischem Gebiete entlang, über die mehrere Höhen hinausragen, von deren einer das galizische Städtchen Jaworzno mit seinem hohen Kirchthurm niederblickt. Eine Kapelle, die wir von der Brücke aus auf dem nahen preußischen Höhenzuge wahrnehmen, weiß uns von dem einzigen Gefecht, das an dieser Grenzscheide 1866 auf deutschem Boden (am 27. Juni) stattfand, zu erzählen. Schreitet man den Bahndamm hinab, so gelangt man auf einem Wiesenpfade zu dem galizischen Dorfe Jenzor, 736 dessen alleiniger Anziehungspunkt in seinem Gasthause besteht, das uns um, billiges Geld einen guten Ungarwein bietet. R. Palleskc. -—- Bellenberg. (Mit Bild.) Vier Stunden oberhalb Ulm liegt links von der Bahnlinie nach Memmingen am Bergabhang in reizender Lage das Dorf Bellenberg. Vom Scheitel des Berges, der sich über dem Dorf erhebt, leuchtet eine freundliche Kapelle in's schöne Jllerthal. Schon der halblateinische Name des Dorfes verkündet die Schönheit des Berges, denn Bellenberg heißt zu deutsch „Schöneberg" (Bel- mont, Alants döllo — schöner Berg) — ein Name, den wohl in alter Zeit ein poetischer Rittersmann oder schon die Römer dem Orte gegeben, welche vor 1700 Jahren auf und an dem schönen Berge saßen. Da, wo heute die Kapelle steht, stand ein römischer Wachtthurm, zum Schutze der Römerstraße, welche von Jllertifsen her über Bellenberg nach Finningen und von da über Straß und Bühl nach Günzburg (Lluntia.) lief. Wohl 200 Jahre lang trieben die römischen Soldaten im Wacht- thurme ihr Wesen; unter ihrem Schutze hatten sich wohl auch römische Ansiedler am Berge seßhaft gemacht. Da kamen die wilden Alemanen, brachen den Wachtthurm und vertilgten, wie überall, auch hier die römischen Co- lonisten. Nun kam eine lange Nacht in der Geschichte von Bellenberg und Umgebung. Erst im Mittelalter wird es wieder etwas helle. Nach Karls des Großen Zeit kam Bellenberg als Zugehörde zu dem alten Schwaben- lehen Laupheim mit mehreren Resten des alten Jller- gaues an die Grafen von Kirchberg. Nach deren Auk- sterben erscheinen eigene Ritter von Laupheim, welche auf den Ruinen, des römischen.WachtthurweS auf Bellenberg eine mittelalterliche Burg erbauten, die Jahrhunderte lang die Gegend zierte und erst im Jahre 1374 im Städtekrieg von den Ulmern zerstört wurde. Nach dem Aussterben der Ritter von Laupheim fiel das Schwabenlehen Laupheim, wozu Bellenberg gehörte, am Anfange des 14. Jahrhunderts an die Herzoge von Oesterreich. Diese verpfändeten um das Jahr 1407 die Beste Laupheim sammt Bellenberg an Ritter Hans den Langen von Ellerbach, der damals auf Neuburg an der Kammel saß. Fast 200 Jahre lang blieb das Geschlecht der Ellerbach im Besitz von Bellenberg. — Im Jahre 1570 hinterließ es Eitel Hans von Ellerbach bei seinem Tode seinen 3 Töchtern Anna, Apollonia und Ursula als Erbeigenthum, doch so, daß jede der Schwestern je */, von Bellenberg besaß. Anna stiftete im Jahre 1585 das Spital in Laupheim für Arme von Bellenberg und Laupheim, und vermachte dazu ihren dritten Theil und 20,000 Gulden an Bellenberg. Ein Drittheil von Bellenberg kam im Jahre 1582 wahrscheinlich — sei es durch Heirath oder Erbschaft — an die Herren von Weiden als Inhaber von Laupheim, das andere Drittel an die Herren v. Rechberg, von welchen einer in einem Anfall von recht übermüthiger Junkerlaune den ganzen Ort an einen Herrn von Pappenheim gegen ein Reitpferd verkauft haben soll. Thatsache ist, daß die Pappenheim das Dorf und den Schloßberg vom Anfang des 17. Jahrhunderts bis 1753 besaßen, wo sie die Ritterherrschaft Bellenberg an den Herrn v. Stein in Niederstotztngen verkauften, während die Herren v. Melden vom Jahre 1582—1778 auf die Pfarrei präsentirten. Im Jahre 1764 löste Graf Leo v. Rechberg Bellenberg, diese alte Besitzung seiner Familie, wieder zurück, verkaufte sie aber schon im Jahre 1784 wieder um 82,000 fl. an Philipp Adolph v. Hermann, einen Memmtnger Patrizier, der auf dem Berge wieder ein Schlößchen baute und den Landsitz mit Gärten verschönerte. Bei der Säkularisation verkaufte Bayern im Jahre 1804 das von Frhrn. v. Hermann erbaute Schloß sammt den in 2 Höfe abgetheilten Oekonomiegebäuden und einer Hammerschmiede an Frhrn. v. Weiser. Das Dorf zählt heute etwa 540 Einwohner. ->» -t - - Mac Kinley, Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika. (Mit Porträt.) Der Lebenslauf Mac Kinley's ist echt amerikanisch. Er ist am 26. Februar 1844 zu Niles in Pennsylvanien geboren. Mac Kinley ist daher 52 Jahre alt. Sein Vater war ein kleiner Eisengießer, besten neun Kinder darauf angewiesen waren, ihr Brod durch eigene Arbeit zu verdienen. Der jetzige Präsident William Mac Kinley mußte bereits im Alter von siebzehn Jahren für seine Bedürfnisse selbst sorgen und begann sein'' Laufbahn als Lehrer in einer Schule und später als kleiner Beamter in einem Postbureau. Der Vater wollte ihm jedoch eine höhere Carriere erschließen, und mit den größten Anstrengungen gelang es, William an einer Rechtsakademie zu Poland unterzubringen. Während des Krieges wurde er Adjutant des berühmten Generals Hahes. Vierzehn Monate stand er unter den Waffen. Mac Kinley zeichnete sich durch Tapferkeit und sein organisatorisches Talent derart aus, daß ihm der Präsident Lincoln das Majorspatent verlieh. Nach Beendigung des Krieges verließ Mac Kinley die Armee im Alter von 22 Jahren als rühmlicher Soldat im Range eines Majors, aber ohne irgend welche Mittel des Unterhaltes. Er beendigte rasch seine Studien und etablirte sich im Staate Ohio als Advocat. Die ganze Misere eines Anwaltes ohne Clienten hatte Mac Kinley durchzukosten. Er heirathete bald darauf die Tochter eines Advocaten. Seine Ehe war jedoch nicht glücklich, da seine Frau schon zwanzig Jahre lang schwer leidend ist und die Zeit damit verbringt, im Lehnsessel warme Strümpfe für arme Kinder zu stricken. Dieser Schlag traf Mac Kinley sehr hart, denn er hat einen warmen Familiensinn, und in ganz Amerika ist die Verehrung bekannt, mit welcher er seine greise Mutter behandelt, die jetzt noch die Freude erlebt, ihren Sohn als Präsidenten der Vereinigten Staaten zu sehen. Im Jahre 1877, im Alter von 33 Jahren, trat Mac Kinley als Abgeordneter von Canton in Ohio in den Congreß ein. Mac Ktn- ley führte die nüchternste und mäßigste Lebensweise und war im Congresse so angesehen, daß er zum Sprecher vorgeschlagen wurde. Er unterlag jedoch bei der Wahl, und nach alter Sitte wurde ihm die Obmannschaft des Budgetausschuffes zugewiesen, was gleichbedeutend ist mit der Führung des Repräsentantenhauses. Nun begann Mac Kinley seine Agitation für den Schutz, und es gelang ihm, den Hochschutzzöllnerischen Tarif des Jahres 1890 durchzusetzen. An den Namen Mac Kinley knüpfte sich damals die größte Gewalt in den »Vereinigten Staaten. -—«M-cs-- Kombinations-Riithsel. koke, Leiter, Dumm, Herren, Vier, 8i»unue, 8onne, Letter, Hirn, Lamm, IViinI, Lest. Aus jedem der vorstehenden Wörter ist durch Umwandlung eines Buchstabens ein neues Wort zu bilden. Die umgewandelten Buchstaben ergeben im Zusammenhang einen muthigen Wahlspruch. _ Auflösung des Arithmogriphr in Nr. 93: vhampagner. Lämmer, .ihnen, Aappe, Lage, rtrmee, Kran, Aachen, Lgge, Lache. -S-WÜNS- HL 96. Kreitag, den 20. November 189k. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Berlag des Literarilchen Instituts von HaaS L Grabberr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Am fremden Lande! Erzählung von C. Borges. (Fortsetzung.) DaS große, eiserne Passagierschiff „Trojan" hatte fein Ziel, die Kapstadt, bald erreicht. Am nächsten Morgen sollten sich die Reisenden trennen, die während der langen Ueberfahrt sich in enger Freundschaft anein- andergeschlossen hatten. Die älteren Damen waren in den Kajüten mit dem Einpacken ihrer Koffer beschäftigt, während die jungen Leutchen gruppenweise auf Deck standen, Versprechungen nahmen und gaben, durch rege Correspondenz die neuen Freundschaftsbezichungen auch fernerhin zu unterhalten, oder — was freilich seltener geschah — einen nahen Besuch in Aussicht stellten. Etwas getrennt von dieser heiteren Gesellschaft faß eine junge Dame in leichtem crsme-farbenem Spitzenkleide und einen leichten, seidenen Shaw! graciös um die Schulter geschlungen. Sie war nicht aus dem Grunde allein, weil sie keine Freundschaft am Bord des Schiffes gefunden hatte, nein, ein jeder der Reisenden fühlte große Zuneigung zu dem „kleinen, lieblichen Fräulein Nosalie", und Madame Darby, eine muntere, kleine Französin, deren Schutz die junge Dame anvertraut war, dachte oft im Stillen, ihr lieber Schützling würde das Schiff als glückliche Braut verlassen. Aber Rvsalie von Bornscld wollte heute am letzten Tage ihrer Reise Mit ihren Gedanken allein sein. Sie stand ja am Wendepunkte ihres Lebens und grübelte vergebens darüber nach, was wohl die Zukunft für sie bringen würde. Selten war auch wohl in der äußeren Erscheinung einer jungen Dame in so kurzer Zeit eine solche wesentliche Veränderung hervorgerufen, wie es in den wenigen Wochen bei Nosalie der Fall gewesen war. Die Schwester des alten Herrn Hollmann hatte sich mit mütterlicher Liebe und Sorge der armen, verlassenen Waise angenommen, nicht allein für eine elegante, dem heißen Klima angemessene Garderobe gesorgt, sondern ihr «ehr gegeben, als man durch Gold und Reichthum erringen kann — ein Herz voll von hingebender, treuer Liebe. In diesem warmen Sonnenscheine entwickelte sich die welke Menschenblüthe zu kaum geahnter Pracht und Schönheit; und als nach mehreren Wochen die Zeit der Abreise herannahte, war der ängstliche, leidende Zug aus dem jugendlichen Antlitz gänzlich verschwunden und hatte einem lieblichen, freudevollen Ausdruck Platz gemacht. Madame Darby, eine reiche, kinderlose Wittwe, die anch nach Afrika reiste, hatte gern die junge Reisegefährtin unter ihren mütterlichen Schutz genommen und schenkte ihr auch dieselbe Liebe, die Fräulein Hollmann im Herzen der jungen Dame gesäet und die so herrliche Früchte gezeitigt hatte. Es war schon spät geworden; viele der Passagiere stiegen nach und nach in ihre Kajüten hinab, nur Nosalie blieb noch allein. ES war ein herrlicher Abend. Tausende von glitzernden Sternen funkelten am tiefblauen hohen Himmel, und in diesen majestätischen Anblick versunken, wurde sie plötzlich durch eine leise Stimme ganz in ihrer Nähe gestört: „Kommen Sie an die andere Seite deS Deckes, gnädiges Fräulein, da können Sie den Mond sehen, der sich silberweiß im Wasser wiederspiegelt." Vielleicht war es nur das anziehende Licht des Mondes, vielleicht auch der Grund, daß es an der anderen Seite des Schiffes ganz menschenleer war, Nosalie stand traumverloren von ihrem Sitze auf und nahm den angebotenen Arm eines reichen Engländers, Mr. Leslie, und schritt langsam an seiner Seite der entgegengesetzten Richtung zu. Doch zum Erstaunen der jungen Dame wandte er seine Aufmerksamkeit gar nicht dem leuchtenden Himmelsgestirne zu, sondern begann in seiner kurzen, gemessenen Weise: „Ich bin kein Freund von vielen Worten, aber ich liebe Sie mit der ganzen Kraft meines Herzens, und wenn Sie einwilligen, meine Gattin zu werden, soll es mein stetes Bestreben sein, Sie glücklich zu machen." Nosalie erbebte; ein kalter Schauer durchrieselte ihre zarten Glieder trotz des heißen Sammeltages. Sie achtete den reichen Engländer sehr hoch, sie hielt ihn auch für edel, treu und großmüthig, sie liebte ihn wie einen Freund, aber ein tieferes Gefühl hegte sie nicht für ihn. „Bitte, sagen Sie das nicht", flüsterte sie leise, „ich achte Sie sehr hoch, aber ich ahnte nicht, daß Sie solche Gedanken hegten." „Ich liebe Sie so sehr", fuhr der Engländer un' beirrt fort, „daß mir alle Schätze der Welt gering gegen Ihren Besitz erscheinen. O, meine Geliebte, wollen Sie das Glück Ihres Lebens nicht in meine Hände legen und geduldig warten, bis Sie gelernt haben, mich zu lieben?" Er erfaßte ihre zarten Finger und führte sie ehrfurchtsvoll an seine Lippen. Sie ließ eS ruhig geschehen, doch antwortete sie fest: 738 „Ich kann es nicht.« „Denken Sie an sich selbst, wenn Sie nicht an wein Glück denken wollen, Rosa, Sie sind viel zu jung und viel zu schön, um ohne Beschützer durch dieses rauhe Erdcnlcben zu pilgern. Darum kommen Sie zu wir, als meine geliebte Gattin, selbst wenn Sie jetzt nur das Gefühl der Freundschaft für mich hegen.« Doch die junge Dame schüttelte nur traurig mit dem Kopfe. „Sie sind noch so jung, kaum zwanzig Jahre alt", beharrte Mr. Leslie, „als meine Gattin würden Sie mit der Zeit lernen, mich zu lieben.« „Ich glaube nicht, daß Liebe gelernt werden kann. Liebe kommt plötzlich, in einem einzigen Augenblick; sie kann weder erkauft noch verkauft, ebenso wenig aber auch gelehrt oder gelernt werden.« „Sie haben Recht«, gab der Engländer zu, „aber, Fräulein Nosalie, ich würde Sie glücklich gemacht haben. Ich bin nicht ein armer, unbedeutender Reisender, für den Sie mich vielleicht halten, ich habe eine große, reiche Besitzung in England, jedoch irdische Schätze haben für Sie keinen Werth, andere Mädchen würden dadurch geblendet sein. Darum sagte ich Ihnen nur von meiner Liebe.« „Liebe ist besser als Gold und Reichthum«, versetzte Nosalie träumerisch, „aber ich freue mich für Sie, daß Sie reich sind und es mir gesagt haben, Herr Leslie, Sie wissen nun doch, daß dieser Glanz mich nicht bethörte.« „Der Himmel segne Sie, mein Liebling, und gebe Ihnen viel Glück, wenn auch dasselbe sich auf den Ruinen meiner zertrümmerten Hoffnungen erhebt." „Rosa! — Rosa!« rief plötzlich eine helle Stimme. „Hat Niemand Fräulein Nosalie gesehen? — Rosa, mein Kind, wo sind Sie?« Mr. Leslie drückte noch einmal die kleine, zitternde Hand, dann führte er die junge Dame ihrer Beschützerin zu. „Das Fräulein ist hier, Madame Darby", sagte er verbindlich, „ich Habs ihr den Mondschein im Wasser gezeigt." Die Französin bezweifelte seine Worte, aber sie sagte nichts. Erst als sie allein mit der jungen Dame in der Kajüte war, fragte sie freundlich: „Darf man grntuliren?" Nosalie schüttelte das Haupt. „Ich konnte nicht „Ja" sagen«, gestand sie schüchtern, „aber Madame Darby, wie konnten Sie das errathen ?" „Mein liebes Kind, ich bin doch nicht blind! Ein Jeder hier auf dem Schiffe merkte die Absicht des Engländers; wir glaubten auch, seine Liebe würde erwidert.« „Er ist sehr gut, aber-« „Aber er ist nicht der Rechte", ergänzte die alte Dame heiter. „Ich glaube, viele Leute würden es Ihnen arg verdenken, diese verlockende Partie ausgeschlagen zu haben, aber ich tadle Sie deshalb nicht. Mr. Leslie ist zwar reich, aber es steht schlecht mit seiner Gesundheit, und seine Gattin würde bald Wittwe sein.« „Daran habe ich gar nicht gedacht." „Ich weiß es, aber da Sie jetzt die Hand des reichen Engländers ausgeschlagen haben, möchte ich Ihnen vor unserer Trennung noch eine gute Lehre mit auf den Weg geben. Ich habe noch gar nicht mit Ihnen über die Familie Lambrecht gesprochen, und ich hatte guten Grund dazu.« „Ich glaubte, die Familie sei Ihnen gar nicht bekannt, Sie wohnen doch von Marydale so weit entfernt«, versetzte Rosa. „Hm, ich kenne die beiden Herren sehr gut. Der alte Herr ist ein guter Mann; er Hai das beste Herz von der Welt, aber ich halte es für meine Pflicht, Sie vor seinem Sohne zu warnen. Thomas L anbrecht ist ein jähzorniger, aufbrausender Mensch, dabei falsch und heuchlerisch.« „Ich werde wahrscheinlich nicht viel mit ihm zusammenkommen«, lächelte Rosa, „er ist ja kein Kind mehr, sondern längst zum Manne herangereift.« „Er ist etwa sechsundzwanzig Jahre, ein selbstbewußter, anspruchsvoller Mann und vollständig herzlos. Vor drei Jahren verlobte er sich mit einer meiner Nichten in Natal. Linda River ist ein liebevolles, treues Mädchen, und, gänzlich mittellos, war es für sie ein Glück, eine glänzende Partie zu machen. Aber selbst die engcls- sanfte Linda konnte seine Launen nicht ertragen. Nach kaum vierwöchiger Verlobung löste sie ein Verhältniß, das sie nach dieser kurzen Frist nicht länger ertragen konnte. Die ganze Familie River ist arm, daher wäre es ein Glück gewesen, mit der reichsten Familie im Lande verwandt zu sein, aber Linda hatte wohl Ursache, die Trennung zu veranlassen.« „Ist Ihre Nichte jetzt verheiratet?« „Nein, er aber auch nicht. Vielleicht hat er seinen Fehler eingesehen und ist jetzt zu stolz, Linda um Verzeihung zu bitten.« Nosalie glaubte jedes Wort. Es war ja Niemand hier, der Madame Darby widersprach, und diese ahnte selbst den Irrthum nicht, in dem sie sich befand. — Als Thomas Lambrecht seine Geliebte in den Armen eines Anderen überraschte, hatte er ihr selbst angeboten, ihrem Vater und ihrer ganzen Familie gegenüber alle Schuld der Trennung auf sich zu nehmen. „Du kannst sagen, Du habest Dich in Deinen Gefühlen gegen mich getäuscht und liebtest mich nicht«, sagte er Linda. „Gib Deinem Vater irgend einen Grund an, den Du willst, ich werde niemals widersprechen. ES würde ihm ja ohnehin schmerzlich sein, die Wahrheit zu erfahren, und daß ich Dich in den Armen eines anderen Mannes gefunden habe.« Linda befand sich nun in einer peinlichen Lage. Sagte sie die Wahrheit, so mußte sie fürchten, ihr langjähriger Bräutigam könnte das Geschäft ihres Vaters und die Stadt verlassen. Folgte sie dem Rathe des großmüthigen Thomas, so mußte sie den Zorn ihres Vaters fürchten. Sie hatte noch vier Schwestern, keine war versorgt, das Geschäft des Vaters stand schlecht, und oft befand er sich in den größten Geldverlegenheiten. So erdachte sie sich nun die Geschichte seines Jähzorns und wußte denselben so haarsträubend zu schildern, daß Herr River ganz außer sich über den schlechten Charakter des jungen Mannes gerieth. Einige Geschäftsfreunde, die den jungen Lambrecht kannten, nahmen ihn in Schutz, aber vergebens. Herr River kannte die Liebe feines Kindes für Gold und Reichthum; sie mußte also triftigen Grund haben, diese glänzende Verlobung schon so bald zu lösen. Doch das Glück schien von dem Hause zu fliehen. Lin- da's erster Verlobter erbte ein bedeutendes Vermögen, gründete ein eigenes Geschäft und heirathete ein anderes Mädchen. Das Geschäftshaus River mußte seine Zahl- ungen einstellen. Der Vater war nach längerer arbeits- loser Zeit froh, eine untergeordnete Stellung zu finden. Seine Gattin und seine fünf Töchter gerieten in Noth und Elnrd, so daß die Mutter oft rief: „Ob jähzornig oder nicht, es wäre doch besser gewesen, Linda hätte Thomas Lambrecht gcheirathet." Madame Darby war die einzige reiche Verwandte dieser hartbedrängten Familie, und oft hatte ihre stets gefüllte Börse die bitterste Noth gelindert. Während der langen Seereise hatte sie Nosalie von Bornfeld lieb gewonnen und in der besten Absicht das junge Mädchen vor dem heftigen Temperament des jungen Larnbrecht gewarnr. Vielleicht beurtheilte sie die ihm angedichteten Fehler auch allzu streng, wenn sie bedachte, daß die hilfsbedürftige Familie einen großen Theil ihrer Sorgen auf seine Schultern gewälzt haben würde, sobald er mit Linda vereint lei, jetzt hingegen mußte sie dieselben fast gänzlich allein tragen. „Wer weiß, vielleicht versöhnen sich die Liebenden wieder", meinte Rosa nachdenklich, „wenn sie sich wirklich lieben, so wird Thomas um ihretwillen lernen, seinen Zorn zu beherrschen." „O nein, mein Kind, daran ist gar nicht zu denken. Ich will nur hoffen, sein Vater wird Ihnen stets zur Seite stehen und niemals dulden, daß er Sie in seinem Hause beleidigt." Es war noch früh, als Nosalie am nächsten Morgen erwachte. Doch Madame Darby stand schon angekleidet bereit, eine kleine Reisetasche in der Hand und fertig, die Kajüte und das Schiff baldmöglichst zu verlassen. Rosa machte schnell Toilette. Dank der treuen Fürsorge Fräulein HollmannS hatte sie eine große Auswahl in ihrer Garderobe. Sie wühlte ein leichtes, graues Reise- kleid, welches durch elegante Einfachheit die Anmuth der jungen Dame nur erhöhte. Dann eilte sie auf Deck, wo sie jetzt nur wenige Passagiere antraf. Die meisten der Reifenden befanden sich bereits auf dem Festlande, andere standen auf der Landungsbrücke und wurden dort von ihren Freunden oder Verwandten umringt und stürmisch begrüßt. Rosa stand allein. Ein namenloses Gefühl des Elends und der Einsamkeit be- schlich sie beim Anblick der vielen fremden Menschen und deS neuen Erdtheils, den sie nach wenigen Minuten betreten sollte. Doch ehe sie wußte, wie ihr geschah, fühlte sie sich von zwei starken Armen umfaßt, zwei leuchtende blaue Augen schauten liebevoll auf sie herab, und sie fühlte einen Kuß auf ihren heiß erröthenden Wangen. Ein großer, breitschultriger Mann stand vor ihr, der in seinem stattlichen weißen Vollbart älter aussah, als er in Wirklichkeit war. „Willkommen in Afrika!" rief er heiter. „Du mußt meine kleine Rosa sein, denn Niemand anders als Du kann die Augen Deiner Mutter haben. Hoffentlich können wir Dich in Deinem neuen Heim glücklich machen." Nosalie schaute den fremden Herrn lange an; ihre Augen füllten sich mit Thränen der Freude und des Dankes. Diesem Manne konnte sie vertrauen; er würde sie schützen gegen die Launen seines leicht erregbaren Sohnes. „Ja, ich bin Nosalie", sagte sie leise, «eS ist sehr, sehr gütig von Ihnen, mir bis hierher entgegenzukommen." „So darfst Du nicht mit mir reden", scherzte er heiter, „Du mußt mich „Onkel" und „Du" nennen. Deine liebe Mutter war meine Pflegeschwester, also habe ich ein Anrecht auf diesen Namen und auf Deine Liebe; also: „Onkel Robert", willst Du es auch nicht vergessen?" Jetzt kam auch Madame Darby herbei. Der alte Kaufherr dankte ihr herzlich für den Schutz, den sie seiner lieben Rosa hatte angedeihsu lassen, dann aber wandte er sich seinem neuen Schützlinge wieder zu. „Also, Du fürchtetest Dich gar nicht, die weite Reise zu machen, um bei einem alten Manne zu bleiben, den Du noch niemals gesehen hattest?" „Ich freute mich, daß ich kommen durfte, Onkel Robert, denn ich las Deine Briefe an Herrn Hollmann und wußte, daß Du mich liebevoll aufnehmen würdest." „Hm, ja, ich hätte Dich schon gern vor dem Tode Deines Vaters hier gehabt, aber ich wollte warten, bis Du älter warst und selbstständig wählen konntest. Wenn Du bei Deinen Verwandten glücklich gewesen wärest, so hätte ich Dich ruhig dort drüben gelassen, und Du hättest niemals von mir gehört." „So lange der Onkel lebte, hatte ich nicht zu klagen." „Ich weiß es, Herr Hollmann hat mir alles geschrieben. Es ist gut, daß Du zu unS gekommen bist, und ich hoffe nur. Du fühlst Dich bald heimisch im fremden Lande. Wir haben noch eine weite Reise bis Marydale vor uns, fast zwei Tagereisen, aber wir bleiben erst hier in der Kapstadt, um alle Sehenswürdigkeiten gründlich in Augenschein zu nehmen." Herr Larnbrecht hatte in dem größten Hotel der Stadt Mehrere Zimmer gemiethet, er wollte längere Zeit hier wrilen, und er freute sich, daß Rosa so großes Interesse für alles Sehenswerthe zeigte. Nur über Eins wunderte sie sich. Herr Lambrecht erwähnte nie den Namen seines Sohnes, trotzdem er seine Häuslichkeit, sein Leben und Treiben in Marydale ganz genau schilderte. Endlich trat der alte Herr die Heimreise an. Es war am Abend des zweiten Tages, und es dunkelte bereits, als Herr Lambrecht plötzlich fragte: „Schläfst Du, Rosa?" und als sie verneinte, fuhr er fort: „Das ist gut, denn ich muß Dir etwas sagen, was ich lieber in der Dämmerung, als i» hellen Tageslicht thue. — Es ist mein Sohn Thomas, von dem ich mit Dir reden wollte. — Er ist ein guter, braver Mensch, stattlich und groß, ein tüchtiger Geschäftsmann, aber-", sichtlich verlegen hielt er inne. „Er ist doch nicht krank?" fragte Rosa theilnehmend. „Durchaus nicht; er ist noch niemals in seinem Leben krank gewesen. Aber er hat einen Fehler — eS ist auch der einzige, den ich entdecken kann — — er haßt alle Frauen." Rosa lächelte, aber das Antlitz des VaierS war so ernst und traurig, daß sie Mitleid mit ihm fühlte. „Glaubst Du, daß ihm mein Kommen in Marydale unlieb ist?" fragte sie leise. „Mein Kind, er war ganz empört, als ich mit ihm darüber sprach", gestand der Vater ganz offen. „Er sagte mir, Du feist gewiß dreißig oder vierzig Jahre, und noch viel mehr Sachen sagte er mir vor, die ich alle wieder vergessen habe." „Aber Du weißt doch, wie alt ich bin", fiel Rosa ein. „Gewiß, aber es nutzte nichts, mit ihm zu rechten. Ich ließ ihn reden, waS er wollte, und sagte ihm schließlich, daß, wenn er keine Anstalten machte, mir eine Tochter zu geben, ich die Pflicht habe, mir selbst eine zu verschaffen. Ferner sagte ich ihm, Du seift eine 740 Gesellschaft für mich und nicht für ihn; aber ich zweifle nicht, daß er bald seine Gesinnung ändern und sich als liebenswürdiger Gentleman zeigen wird, wie er auch in Wirklichkeit ist." Nosa schwieg, Madame Darby hatte zu viel. von ihm erzählt. „Ich wollte es Dir nur vorher sagen", fuhr der alte Herr fort, „damit Du es nicht als persönliche Beleidigung ansiehst, wenn Thomas anfänglich etwas zurückhaltend ist. Es ist keine Dame in Marydale, die sich eines freundlichen Wortes von ihm rühmen kann, ausgenommen die junge Frau Dr. MannerS, die so leidend und schwach ist, daß sie die Hälfte ihres Lebens auf dem Sopha zubringen muß. Habe aber Nachsicht mit ihm, er kann gewiß nicht anders gegen Damen sein, es liegt so in seinem Charakter." (Fortsetzung folgt.) Das Zaunariussest in Neapel. (Schluß.) Mittlerweile war auch die Volksmenge eingelassen worden und hatte bald das letzte Plätzchen der geräumigen Kapelle ausgefüllt, mit Ausnalime des durch Schranken verschlossenen Raumes um den Hochaltar, der, wie es schien, ausschließlich den Fremden vorbehalten war. Neugierig betrachtete ich von hier aus die unruhig hin- und herwogende Menge; es waren meist Leute der untersten Klasse, doch fehlte es auch nicht an Mitgliedern der höheren Stände. Nach und nach kam etwas Ordnung in die Versammlung, doch trat keine Stille ein, sondern man begann jetzt zu beten und zu singen. Lateinische Anrufungen wechselten mit italienischen, halblautes Getümmel mit lärmendem Geschrei, und dazwischen hinein erklang wieder die Strophe eines Liedes, dessen im neapolitanischen Dialekte gesungenen Text ich nicht verstand; deutlich jedoch vernahm ich den immer wiederkehrenden Refrain: I'assi, Lan dsnnaro, il wiraaolo I (Heiliger Januarius, wirk' uns das Wunder!) Mein höchstes Interesse erweckte eine Anzahl Frauen, allem Anscheine nach aus der niedersten Klasse der Lazza- roni, die, in den vorderen Reihen sitzend, die Lieder und Gebete bestimmten und alle übrigen im Schreien zu überbieten suchten. Ein junger Priester neben mir, an den ich mich wandte, erklärte mir, diese Frauen bildeten die Familie des heiligen JanuartuL; sie rühmen sich, von der Amme des Heiligen abzustammen, und behaupten seit unvordenklichen Zeiten das Recht, die ersten Plätze einzunehmen und Neihedienfolge der Gebete zu bestimmen. Etwa eine Stunde mochten Gebet und Gesang gedauert haben, als die fungirende Geistlichkeit am Hochaltäre erschien. Die Büste mit dem Haupte des Heiligen und die Monstranz mit den Blutfläschchen wurden aus dem Tabernakel geholt und auf den Altar gestellt. Nach einem feierlichen Gebete betrat ein Priester den Altar und begann die Blutfläschchen den Fremden zu zeigen, die sich dicht um den Altar und auf die Stufen desselben drängten. Diese Handlungsweise erschien mir anfänglich wenig ehrfurchtsvoll, zumal ich nicht auf allen Gesichtern der Anwesenden ein Gefühl der Andacht, wohl aber Neugierde und sogar ungläubigen Spott lesen zu können glaubte. Allein es ist durchaus nothwendig, daß jeder, der will, ohne Unterschied der Gesinnung, das Wunder wie einen natürlichen Vorgang genau prüfen kann; nur so ist es möglich, allen Einwürfen eines Betruges zu begegnen, die man zu machen geneigt wäre, wenn man den ganzen Vorgang nur von ferne sehen könnte. Mit vieler Mühe gelang es mir endlich einen Platz auf der obersten Altarstufe zu erringen, und ich stand nun unmittelbar vor dem Kanoniker, der die Blutfläschchen herumzeigte; er drehte dieselben fortwährend, jedoch langsam und ohne zu schütteln, um, indem er die Monstranz abwechselnd bei der Handhabe und dem oberen, mit einem Kreuze versehenen Ende faßte; ein zweiter Kanoniker stand neben ihm und beleuchtete zeitweilig mit einer Kerze den Inhalt der Fläschchen, um denselben möglichst sichtbar zu machen; es zeigte sich keine Bewegung an der dunklen, braunen Masse, sie blieb starr und fest. Die Andacht der Menge hatte sich bet Beginn der Handlung noch gesteigert; das Gebet wurde immer lauter und dringender; mit einer Stimme, die fast nicht mehr menschlich war, schrie eine Frau aus der Familie des hl. Januarius ein über das andere Mal: Lauts la- uuari, ora pro uvbis, und der ganze Chor wiederholte die Worte in derselben Weise. Für ein deutsches Gemüth hatte diese Art und Weise zu beten wenig An- dachterweckendes. Allein der Italiener ist, wie schon bemerkt, leidenschaftlich auch im Gebete. Gerade diese heftigen Ausbrüche schienen mir ein Beweis des lebendigsten Glaubens und des festesten Vertrauens zn sein. Auch sonst ist es keine Seltenheit, daß man in der Kirche vor einem Altar oder Heiligenbild Leute antrifft, welche mit lautem Gebet und unter lebhaften Gebärden dem Himmel ihre Anliegen vorbringen. Schon über eine halbe Stunde lang hatte der Priester, auf der obersten Altarstufe hin- und hergehend, unausgesetzt die Monstranz gezeigt; die Spannung aller Umstehenden war aus's Höchste gestiegen, auS dem Gebete des Volkes schien bereits einige Ungeduld heraus- zukliugen. Da ging Plötzlich eine freudige Bewegung über das Antlitz des Priesters und der Zunüchststehenden, und mehrere Stimmen riefen zugleich: II wirucolo ö latto (das Wunder ist geschehen). Mit Blitzesschnelle flog dieses heiß ersehnte Wort von Mund zu Mund, und nun brach ein so brausender Jubel los, daß alles bisherige Singen und Schreien wie schwaches Gcmnrmcl erschien, und unter Glockengeläute, Orgelklang und Trom- petengeschmetter erscholl aus dem Munde der dankes-- freudigen Menge ein vteltausendstim-niges 1s Demo. Beim Eintreten des Wunders stand der Priester gerade auf der anderen Seite des Altares, so daß ich das Emporwallen und Flüssigwerden des Blutes selbst nicht beobachten konnte. Doch kam er alsbald wieder auf mich zu, und jetzt konnte ich deutlich die Veränderung sehen, die an dem Inhalte der Fläschchen vorgegangen war. War vorher derselbe bei allen Wendungen unbeweglich geblieben, so floß jetzt derselbe, sobald das Gefäß gewendet wurde, von einer Seite znr andern; auch war das Quantum desselben größer geworden; vorher waren die Fläschchen zu Dreiviertel gefüllt, jetzt stieg das Blut fast bis an den Hals derselben. Mehrmals ließ ich mir die Monstranz zum Kusse reichen und verlangte das Wunder zu sehen; stets wiederholte sich beim Umwenden des Gefäßes dasselbe Schauspiel. Die Thatsache, daß das Blut flüssig geworden, war augenscheinlich, und jeder mußte das anerkennen, der nicht den offenkundigsten Thatsachen sein Auge verschließen wollte. 741 Nachdem die Fremden am Altare das wunderbare Blut gesehen und verehrt, wurde es auch dem Volte an den Schranken zum Kusse gereicht. Gegen 11 Uhr wurde es in feierlicher Procession und unter lautem Jubel des Volkes auf den Hochaltar der Kathedrale übertragen, unter dem der Leib des heiligen JanuariuS ruht. Nun folgte daS feierliche Pontifikalamt, celebrirt von dem ehrwürdigen Kardinalerzbifchof Wilhelm Sanfelice, der, ehemals ein einfacher Benediktinermönch, auch mit dem Purpur geschmückt, die Demuth des OrdensmanneS nicht verleugnet. Die Canontker des Domkapitels, etwa 30 an der Zahl, sämmtlich in Prachtgewändern und mit der Jnful ausgezeichnet, bildeten gewissermaßen das glänzende Gefolge des hohen Kirchenfesten. Rauschende Musik begleitete die heilige Handlung. Gegen 1 Uhr waren die Feierlichkeiten zu Ende; das heilige Blut jedoch blieb den ganzen Tag auf dem Hochaltars ausgesetzt und wurde zeitweise zum Kusse gereicht. Erst am Abend wurde eS in die Kapelle zurückgebracht und im Tabernakel verschlossen, wo es auch sofort seine feste Gestalt annahm. Am nächsten Morgen und die ganze Oktav hindurch erneuert sich dasselbe Wunder stets unter der gleichen Betheiligung des gläubigen, begeisterten Volkes. D'Waiz. Eine Spukgeschichte, wie sie sich ror 100 Jahren einmal in Mbapern zugetragen hat. --- (Nachdruck vcrboicn.) Sie wurde mir vom alten Kutscher-Schneider erzählt. Warum hieß der Mann Kutscher-Schneider? Mit seinem wahren Namen hieß er Peter Lambrecht, aber sein Vater war auf dem Schloß, das noch vor dreißig Jahren bestand, gräflicher Kutscher. Als das Schloß abgerissen wurde, weil cs baufällig sein sollte, und der Herr Graf nicht die nöthigen Moneten hatte, es mieser aufzubauen, konnte die Herrschaft auch nicht mehr dort wohnen, und so wurde der Sohn ein Schneider. Einen solchen gab'S im Dorfe noch nicht, und da nun einmal das Haus „beim Kutscher" hieß, so nennt man den Schneider M noch den Kutscher-Schneider. Also der alte Kutscher-Schneider erzählte mir die Geschichte, wie er sie von seinem Großvater gehört hatte, der sie mit erlebt haben wollte. Bei dem Schlosse wurde eine mittlere Oekonomie betrieben, nebst einem Brauhaus, wie dies ja bei den meisten adeligen Landgütern und Klöstern in Bayern der Fall war. Die Ockonomie-Gebäudc nebst Braubans bestehen heute noch. Der Braumeister ist zugleich Verwalter der Gutswirthschaft. Ein solcher Braumeister war nun ein gar schlauer Kumpan. Er liebte es gar sehr, wenn die Herrschaft auf einem andern Gute weilte. War der Gras fort, dann hielt er sich nämlich anstatt zwei Kühe, wie ihm gestattet war, deren vier bis sechs, und statt vier Schweine deren zehn bis zwanzig, und trieb in der nahen Stadt einen flotten Fleisch- und Milch-Handel; auch liebte er es gern, Uebersndcn zu machen, d. h. aus einem bestimmten Quantum Malz mehr Bier zu sieden, als ihm erlaubt war — zum Schaden der Bauern, welche den „Plempl" trinken mußten. War der Graf anwesend, so konnte er alle diese Gaunereien nicht offen und 'Mgenirt treiben. Es war ihm nun bekannt, daß die Frau Gräfin an einer krankhaften Aengstlichkeit litt; heutzutage würd- man sagen, sie wäre nervös gewesen. Sie konnte nicht die geringste Aufregung ertragen. Nun war im Thurm im obern Stock ein Zimmer, das gemieden wurde. Denn dort sollte ein französischer Offizier, der während des Krieges auf einem Durchzug für kurze Zeit mit seiner Compagnie Rast auf dem Schlosse gemacht hatte, eine Kammerzofe ermordet haben, weil sie seinen Gelüsten und Versprechungen kein Gehör schenken wollte. Der Offizier soll dann bald daraus in einem nahen Gefechte mit Oester- reichern gefallen sein. Dieser Umstand kam dem schlauen Bräumeister sehr zu statten. War die Herrschaft anwesend, so fing es in dem gemiedenen Zimmer stets an zu „waizen", wie der Altbayer sagt. „Der Franzus geht nm!" hieß es dann. Sonderbarer Weise hörte der Spuk immer bald auf, wenn die Herrschaft wieder fort war. Der Graf hatte schon Verschiedenes versucht, de? Sache auf die Spur zu kommen — vergeblich. Die Diener schwuren auf ihre Seel' und Seligkeit, daß eine weiße Gestalt mit Blutflecken behaftet Nachts umgehe und den Namen der ermordeten Kammerzofe beständig ausrufe. Besonders der Braumeister, Dicht! mit Namen, wollte am meisten gequält werden. Er wußte nicht genug von dem „Waiz" zu erzählen. Der Gräfin wurde iu ihrem krankhaften Zustand der Aufenthalt auf dem Schlosse verleidet. Die Herrschaft kam immer seltener, und wenn sie kam, dann blieb sie nie mehr lange. Ein Mal kam nun die Herrschaft doch wieder auf das SLloß — aber der Spuk ging auch bald wieder los. Der Graf, unmuthig über die Geschichte und über das Gejammer seiner Gemahlin, ließ den Braumeister kommen. Der Braumeister war nicht, wie sonst die Braumeister find, groß und dick, sondern mager und gebeugt, aber ein schlaues, verschmitztes Lächeln umspielte oft sein sonst so ehrlich aussehendes Gesicht. „Nun, Dichtl," redete ihn der Graf an, „sind Sie immer noch nicht hinter die Geschichte gekommen?" „Von meiner Seite ist alles geschehen, um hinter die Sache zu kommen, aber Geister sind halt schlauer wie wir." „Ach was! Ich glaube halt immer noch nicht daran; mir scheint die Geschichte noch ein loser Unfug zu sein." „Wie Herr Graf meinen, so wird's wohl sein." „Haben Sie noch nie in dem Zimmer wachen lassen, Dichtl?" „Herr Graf meinen doch nicht, daß man in dem Zimmer eine Nacht zubringen soll?" „Doch, gerade das meine ich. Haben Sie das noch nie versucht?" „Herr Graf, so sehr ich Ihnen ergeben bin, o verlangen Sie das nicht von mir ... ich würde sterben vor Schrecken; so muß ich schon so viel Angst ausstehen." „Aber Sie sind ein Hasenfuß! Wüßten Sie denn sonst niemand, der den Muth hätte, eine Nacht in dem Zimmer zuzubringen? Ich will'mal, daß die Geschichte aufhöre. Kaum ist man hier, so muß man schon wieder fort, weil man keine Ruhe hat. Also wissen Sie niemand?" „Ich wüßte niemand, Herr Graf, der dazu Muth genug hätte. Ich glaube nicht, daß man jemand findet." „Und wenn ich hundert Gulden biete?" „Hundert Gulden, Herr Graf? . . . Vielleicht findet man dafür doch jemand." „Nun, so schauen Sie nur, daß Sie jemand finden." Der Bräumeister drückte sich. Wieder umspielte das verschmitzte Lächeln seinen Mund. Er ging in's Gesinde- zimmer, wo die Tagwerker gerade ihre Maß Schöps, das heißt Nachbicr, tranken zum „Dreibrod". Die Bediensteten waren nämlich meistens Dorf-Eingesessene, die ihr HäuSl und ihre Familie hatten. Da war nun der Gimpl-Sepp, ein gewaltiger Sprecher, der 'mal einige Jahre ein paar Stunden weit weg als Knecht gedient und dann sechs Jahre „g'spielt" hatte, das heißt Soldat gewesen war. Ader man erzählte sich, daß man ihn bei den Soldaten nach einem halben Jahre wegen Unbrauchbarkeit fortgeschickt hatte. Er sprach indeß immer von vollen sechs Jahren. Der wußte nicht genug Abenteuer aus seiner Burschen- und Soldaten-Zcit zu erzählen. Man lachte zu seinen Aufschneidereien, aber glauben that sie ihm niemand. Dann war da der Ochs'rer- Pcter; er war der erste Fuhrmann bei den Ochsen, ein guter, langer und steifer Gesell, der manches von seinen steten Begleitern, den Ochsen, angenommen hatte. Dann war da der „Vorgcher" oder Vorarbeiter, schon etwas pfiffiger. Er stand im Gerede, daß er mit dem Braumeister an einem Seil zog. Er wohnte neben dem Braumeister innerhalb der Schloßmauer. So saßen sie zusammen, die „G'schlMer", wie man die Schloßarbeiter jnannte, und die „Ochs'rer", die mit den Ochsen fuhren. Gimpl-Scpp spielte natürlich wieder die erste Violine. Man sprach gerade über die Waizcn. Gimpl-Sepp erzählte, wie er einmal als Knecht in einem Walde sieben Geister erlöst hätte, aber keiner wollt's ihm so recht glauben, obgleich er es hoch und theuer verschwor. „Nun, wenn du schon sieben Geister erlöst hast, wüst leicht einen erlösen," sagte der Braumeister eintretend und dem Gimpl-Sepp auf die Schulter klopfend. „Glauben's ebba not, Vraimoaster?" „O g'wiß, i woaß ja, was du für a Schneid hast. I sog ja, wenn du sieben Geister erlösen ko'st, do ko'st van oanz'gen leicht erlösen." „Natürli ko dös da Sepp," ließ sich kichernd der Vorgcher vernehmen. , „Dös moan i a," kam hintcndrein der Ochfrer- Petcr. „Scherz bei Seit', Sepp! Der Herr Gras wünscht, daß du den Geist erlösen sollst." „Was net goar! Da Franzus? Na, der vcrdient's uet. Der soll nur waizen. Warum hat er die Jnugscr Kathi — Gott hab' s' selig — um'bracht!" „Ja aber der Herr Graf wünscht es, hörst, Sepp, und hundert Guiden kriegst, wenn's der gelingen thut." „Oho! hundert Guiden. Die wären schon recht!" meinte der Sepp. „Woas, hundert Guiden! Dös is vni (viel)," meinte lauernd der Vorgcher, „dafür thu i's a." „Na, der Sepp soll's alloan verdien«. Also moagst oder net? Fünf Guiden kriegst glei und die andern nacha, wenn d' G'fchicht guat außageht." „Do wär i glei dabei," grunzte der Ochs'rer-Peter. „Ja das Geld wär scho recht, aber . . und da kreiste der Sepp sich hinter den Ohren. Aber sie ließen ihn nicht mehr aus. „Schau! sieben Geister will er erlöst hoben, und jetzt fürcht' er oan oanz'gn," hieß es von allen Seiten. „Host cbba koan Schneid net?" „Geh' weiter und blamir di uet," nahm wieder der Braumeister daS Wort. ,,J bleib scho bei dir. Freund!; wennst schreist, do stimm i und helf dir. Kurasch mußt hob'n; surrst sogn'S glei: Sprccha ko a scho, aber Knraschi Hot a net für koan Hella. Schau, fünf blanke Guidei. und noch a ganz Sackl vui blanki Guiden sind bei, wenn's guat außa geht." Endlich nach langem Schlucken und Krcilen war der Sepp bereit, das Wagniß zu übernehmen. Mit einer halbblinden Laterne ausgerüstet, geht Sepp in später Abendstunde, vom Bräumeister begleitet, ganz verzagt aufs Thurmzimmer. Selbst mehrere Maß Bier, die ihm der Braumeister zur Stärkung hatte vorher einschenken lassen, hatten seine Stimmung nicht zu verbessern vermocht. Da sitzt nun der Sepp allein im kalten, düstern Zimmer und wartet knieschlotternd auf den Geist, den er nach seinem Begehr fragen soll, wie ihn der Bräumcister angelernt hat. Er hat jetzt Zeit zum Nachdenken, und da findet er manchen schwarzen Punkt in seiner Vergangenheit. Einmal hat er, nebst andern Unthaten, die er jetzt der Reih' nach laut bekennt, sogar dem Pfarrer ein Schwein gestohlen. Es wird ihm immer schwerer zu Muth, je mehr die zwölfte Stunde näher rückt. Laut sagt er, wie ihn der Braumeister unterrichtet hat, her: „Alle guaten Geister loben ihren Monster", und da er schnell und immer schneller spricht, macht er die Verwechselung: „Alle gute» Moaster loben ihre Goaster." Endlich beginnt die Thurmnhr auszuholen, um Zwölf zu schlagen. Sie schlägt eins, zwei, drei bis zwölf. Mit dem letzten Schlag entsteht ein gewaltiges Gepolter und Gerassel, und an einem alten Kastenschrank springt die Thüre auf, und ein Geist, mit weißen Tüchern behängen, tritt heraus und langsam näher. Er macht sich groß und wieder klein — furchterregend anzusehen. „Wer bist du, Fremdling, der du es wagst, die Gnstcrrnhe zu stören," spricht der Geist mit dumpfer, hohler Stimme. „I bin ... i bin da Gimpl-Scpp!" „Gimpl-Scpp, was willst du? Sprich!" „I soll . . . i soll di erlösen!" „Du willst mi erlösen und hast dem Pfarrer ein SÄwciu gestohlen? Zurrst mußt du büßen für deine Frevelthat." „I . . . i . . . will ja gern." „Lege dich aus dein Angesicht." Der Sepp gehorcht. „Wenn du dich rührst, dann bist du verloren." Nun wirft der Geist eine große Decke über ihn, so daß der arme Sepp kaum schnaufen kann; er wagt nicht das geringste Muckser! zu thun. Es entstand nun ein gewaltiges Gerassel und Gepolter um den armen Sepp herum. Plötzlich war alles wieder still, und der Spuk war vorüber. Der Sepp blieb aber noch immer wie todt liegen. Endlich trat der Bräumcister ein. „Nun, Sepp, wo bist denn?" Keine Antwort. Er hebt die Decke auf. „Ah, da bist ja. Wie kommst dahin? Nun, hast den Geist erlöst?" Der Sepp stöhnt nur. „Ah, Sie sind's, Herr Brai- moaster? Scind's auch wirkli?" „Ja, i bin's schon. Narr! Hast den Geist erlöst?" „O, der wollt' sie goar net erlösen lassen," meinte Sepp, nachdem ihm der Muth etwas wiedergekehrt war. „Na, dann mußt's noch a anders Mal probiren, daß dein, hundert Guiden verdienst!" 743 „Na, um ko tausend Guiden nimma! Da Geist Hot scho g'wußt, daß i dem Pfoarra sei Schwein g'stoin hätt'." „Oha! Das hat er scho g'wußt? Da glaab i dir scho, daß d' nixen ausrichten ko'st." Am andern Tage war die Heldenthat des Gimpl- Sepp schon im Schloß bekannt, und noch fürchterlicher, als sie in Wirklichkeit war. Wen lief eine Gänsehaut nach der andern über. Keiner hätte mehr um alle gräflichen Reichthümer zum zweiten Mal die Erlösung gewagt. Was blieb dem Grafen übrig? Er mußte wieder seiner Gemahlin nachgeben und das Schloß verlassen. Die Frauen behalten ja immer Recht, meinte der alte Kutscher- Schneider, als er mir die Geschichte erzählte. jDies Mal mußte der Graf um so mehr nachgeben, weil auch die alte Kammerfrau nicht mehr im Dienst bleiben zu können erklärte, wenn man auf dem Schlosse bleibe. Man war gerade am Rüsten zur Abreise am andern Tage, als ein flottes Gräflein zum Schloß geritten kam. Es war Graf Hugo, ein Neffe des Schloßbcsitzers. Er sollte in Jngolstadt, wo damals die Hochschule noch war, die Rechte studircn, um sich dem Staatsdienst zu widmen. Sein Bater war im Kriege gefallen, und der Herr des Schlosses war sein Vormund. In den letzten Jahren hatte das Gräflein seinem Vormund wenig Freude bereitet durch seine tollen Streiche; aber er hatte doch eine Staatsprüfung gut bestanden und wartete jetzt auf eine Anstellung. Er wollte mit dieser Nachricht seinen Onkel und Vormund überraschen. Er kam nun gerade recht. Er staunte über das Durcheinander im Schloß und fragte einen Diener. Da war er bald in die Geschichte eingeweiht. „So, eine Geistergesch'chtc? Wie romantisch! Schade, daß die ermordete Kammerzofe nicht mehr lebt und nicht eine Prinzessin ist, da würde ich als Held und Befreier auftreten können. Melde Er mich noch nicht der gnädigen Herrschaft, sondern rufe Er mir den Braumeister Dichtl. Versteht er mich?" „Jawohl, Herr Graf. Gerade pfiff er ein Studentenliedl, als der Bräu- meister Dichtl eintrat unter tiefen Buckeln und demüthigen Begrüßungen. „Aber der Herr Graf treffen es gerade nicht gut; die gnädige Herrschaft gedenkt morgen abzureisen!" „So? Wegen der Spukgeschichte! Aber Herr Dichtl, wie wär's, wenn ich 'mal probirte, den Geist zu erlösen?" „Um Gottes willen, wagen Sie es nur nicht!" Jetzt erzählte er den fürchterlichen Hergang der Geschichte des Gimpl-Sepp, wie er diesen noch gerade vom Tode errettet habe. „Ja, ich bin aber doch kein Gimpl-Sepp! Ich will nun einmal die Sache probircn. Ich sag' Ihnen nur, daß Sie mich auf das verhexte Zimmer führen. Sorgen Sie für meinen Fuchs, und dann bringen Sie Wein und Speisen auf das Zimmer. Verstanden! Aber das sag' ich Ihm, daß Er mir reinen Mund hält; der Herr Onkel und gnädige Frau Tante dürfen von mir und meinem Vorhaben nichts erfahren, bis ich meine Aufgabe gelöst habe." Der Braumeister mußte sich fügen. Er dachte aber, dem wird's wohl noch schlechter ergehen, daß er nicht mehr zum zweiten Mal die Geister zu erlösen verlangen wird. Der junge Graf machte es sich bequem auf dem Zimmer. Er hatte Wein genug, um sich frisch zu halten, und vertrieb sich die Zeit so gut es ging. Neben ihm lagen zwei geladene Pistolen. Endlich schlug es Zwölf, und die nämliche Geschichte wiederholte sich wie beim Gimpl-Sepp. Der Graf war aufgesprungen und hielt eine Pistole vor. „Keinen Schritt weiter, oder ich schieße I" donnerte der junge Mann das Gespenst an. Aber das Gespenst kam näher und machte sich recht groß. Da schoß der Graf und traf eine Stange, welche davonflog; auf der Stange war ein Hut aufgepflanzt gewesen, und darüber hatten lange, weiße Linncntücher gehangen. Jetzt war der ganze Umhang weggeflogen, und vor dein Grasen auf den Knieen lag — der Braumeister Dichtl und flehte um Gnade. Das war also der Geist! Vielleicht hätte der junge Gras sich durch die demüthigen Bitten des winselnden Mannes auch erweichen lassen und hätte ihm das Versprechen abgenommen, die Spnkcrei ein für alle Mal einzustellen; aber da stürmte auch schon der Herr Onkel, der noch wach gewesen war und den Schuß gehört hatte, herein im Schlafrock und mit blankem Degen, von einigen Dienern und Bräuburschen gefolgt. Wie stutzte der Onkel, als er die Scene sah: seinen Neffen mit der Pistole in der Hand und den alten Dichtl vor ihm auf den Knieen. Wir können uns nun kurz fassen. Der Graf übergab den alten Betrüger seinem Kammerdiener in Verwahr und eilte mit seinem Neffen zu seiner geängstigten Gemahlin, um ihr das Ende des Spukes zu verkünden. Dieser Streich des Neffen machte alle andern Streiche wieder wett, und der Neffe lernte die Huld seines Onkels und Vormundes, der nur eine Tochter, aber keinen männlichen Erben besaß und ihm zeitlebens dankbar blieb, später genugsam schätzen. -»-SWWS-«- ALLerLei. Sonderbares Neujahrsgeschenk. Ein Pariser Ehepaar beräth sich über das Budget der Nenjahrsgaben. «Waö habe ich Dir denn eigentlich letztes Jahr gegeben?" fragte er. — „Nun meinen Pelzmantel; Du hattest ihn aber auf Credit gekauft." — „Ja, ganz richtig! Nun weißt Du was? Als heuriges Neujahrsgeschenk werde ich ihn für Dich bezahlen." * Verschnappt. Hanswirthin szu dem Wohnung suchenden Studentenj: „Die Miethe muß selbstverständlich pünktlich bezahlt werden .... nun, daS wissen Sie ja." — Studiosus: „Natürlich.sonst hätte ich ja in meiner alten Wohnung bleiben können!" Boshaft. „GeheimrathS Ludmilla ist ganz stolz darauf, daß Studiosus Zippe! sie gestern aus dem Kasino abgeholt hat." — „Na, der hat schon manchen Affen nach Hause gebracht!" ^u§8l)uig6r Loünvlililntt. »Ila livolirs vorkcUMdi.I IV. lZines äer ältesten Zeugnisse kür das Lebacb im iVbend- lando ist die Ueberlieferung, rvonaed im dabro 764 na cd Dkristus kixin der Kleine dem Kloster LIaussac ein Lebaebspivl aus Kristall rum Oesebenk gemaebt bade» soll. Das älteste dandscdriktliede AeuZniss kür das Lebacb speriell 744 in Doutseblanä ist äas dsäiobt dos klönebos kruomont von Isgvrnses, in wel obern des 8ebaebs Erwäbnuog ge- soliiebt. Dieses Ooäielit stimmt aus äom äabro 1000 naeb Obristus. Lus äom äabrv 1040 naeb Obristus wird sodann be- ricbtet, dass die Ltiöbecker Dauern (ein Dort bei Dalberstadt) von einem Wendvnkürston, äsn äsr Discbok von Dalbsrstadt ilirom üewalirsam anvertraute, das 8ebaeb erlernten, äureb äessen allgemeine Debung äis Divwobnei äisses Dorfes in der 8eliacbwelt einen vortbeilbaften Ruf sieb erworben beben. Linen weiteren Lnbaltspnnkt für äis Oesebiebte äss 8ebaebs in bluropa bietet ein Dericbt des Xardinals Detrus Damiani von Ostie an l'apst LIexandsr II. aus äom labre 1050 naeb Obristus, in wvlcbem jener fromme Xircbenfürst über einen Discbof sieb beklagt, äen er zu Vlvrenz ailru eifrig äem Lcliacb bubligend augetroXeu bette. Xndliob vvirä aus äem Ibbre 1087 beriebtet. dass Xöoig Deinriob I. von Xn^ land zu karis mit Duäwig — äem 8obne äss Xönigs kbilipp — älter 8cbaeb gespielt bebe. (Fortsetzung äisses Ldsebnittss in 14 lagen.) Lutzabo blr. 5. (Lus einem altpersiseken klanusei ipt.) Von Xbaja Lli 8datranji. 8cbwarz. Weiss. Weiss riebt an unä setzt in aobt 2ügen mat. M. kür äisse Lufgabs Zeiten äie gloiobon 8pisl- regsln wie bei blr. 2 angegeben! btaelirielitvn »«s äer 8r!in«LnsIt. Klos kau. — Lei äom am 7. äs. begonnenenNateb um äie Woltmeistersebakt rwisebon Lteinitr unä Dasksr musste krstoror in äer Xröbnungspartis — itaiieniseli — als b'übrer äer Woissen mit äem 45. 2ngs äis Dartio autzsbeo. — Der vom krsiborrn LIbsrt von Dotbsebilä in Wien seinerzeit ausgesetzte bikrsnprsis von 300 klark für äie sobönste Dartis des intsrnationaisn Ll eister- lurniors in klürnberg wurde, wie vorausrusebsn, äem jungen, genialenKleisterD.kl. Dillsburr^ ausklow-Vork für seine gewonnene Dartio gegen Dasksr zuerkannt. — In äer Kollage vom 14. Lugust o., worin äie Dartis voröXentliebt war, ist bereits äarauk bingswiesen woräen. Wien. - Oifsnbar angeregt äurek äas Dsster 'furnier, bsrrscbt zur 8eit ein reges Lobacbiebsn in Wien. Wäbronä äis Lite Wiener Lebaebgeseilscbaft einen kleinen Wettkampk von fünf Dartion zwisebsn Dertbolä Xnglisob nnä Dills- burrx arrangirt bat, veranstaltete äer bleue Wiener Lobaobklub (Wien I, Lebottengasss 7) zwisebsn äen von Dest rurückkobrenäen kleistern Llbin. Klaroo, 8eblseliter, Danowski, Wiuawor unä äem zufällig anwosenäsn äaegues blies es ein interessantes l'urnisr, zu äem äis Xlubloitung, äer 2abl äer Ibeiinebmer entsxreebonä, 6 kreise stiftete. Dieses lurnior, weicbes am 3. blovember begann unä am 10. blovsmber e. snäets, batte folgendes Xrgebniss: 1. Daviä IanowsIci mit 3'/, Oowinnprrtien, 2. XarI8cbloobtor 3, 3. unä 4 .laegues blies es unä Limvn Winawor 2'/^, 5. "4eorg klares 2. 6. Läolf Llbin 1'/,. Lm Konntsg äen 15. blovembsr begann soäann ein von äem rnbrigen Vorstand äss Heuen Wiener Lebaobbiubs arrangirtsr Wettkampk von sieden Dartieu zwisebsn lanowski unä Winawsr. In äem Wett- kampk Dngiiseb-kiiisburrx blieben äie beiden ersten kartion remis. LIIs äisse Veranstaltungen maoben äas äabr 1896 auf äem Oebieto äosLobaeks rn einem äsr tbatonreiebsten aller leiten! — Lnäapsst. — Die lstrtbin von äer Wiener „Serien kreisn Dresse" gebraebts klittbsilung über äsn Leblusskamxk awisebsn Obarousek unä ksebigörin ist äabin nu ergänzen, äas.s nicbt eins, sondern vier blntsobsiäungsxartien ausgekämpft wurden. Von diesen gewann Isebigürin äie 1., 2. unä 4., Dbarousok äis 3. unä erstritt äementsprecbonä, wie sebon beriebtet, 'Isebigürin äsn ersten, tlbaroussk äen zweiten kreis. Die folgende kartis ist äie zweite des Zeblusskampkss. kartio klr. 6. LwsIsxrinZsrsxisl im I7LvIi2liZ. -S Weiss: Igobigörin (ketsrsburg). 8ob warz: Obarausek ^Duäapsst). 7 XeS—ä4 8. o2—e3f Lä4—ä3 9. Dä7—f5H. Itiebtig gelöst von R. II. in D. k>. D. in W. — Dosten Dank für äsn eingesandten Dreisitzer! Wir woräen denselben prüfen unä eventuell golegont- lieb verwenden. Die Hamen jener 8ekaebfreunäs, welebs unsere blnäspiols unä Drobloms riebtig lösen, sowie die Dünungen innorbalb ärsiWooben einsenden, werden stets an dieser 8tsIIe ver- öikentliebt. Lllos auf äas 8ebaek Dsnitzliobo ist ansnabmslos ru aäreszirsu: „Ln die Deäaetion des Lugsdurger 8oliaob- blutt — /.r^.' >- MM MUK AM MM , ^ WW AKM iKNÄ MME s,sF>4>r-iMk->' --L^^S-LZNV WM M-D-M -sL «-E MSWW DM -'ÄÄ MtzK k'/l . MG MN WWKWMWW D^W 750 „ich will ihren Namen sogar nicht wieder hören", dann eilte sie dem Hause zu, Thomas auf der Rasenbank allein lassend. „Das gute Kind", flüsterte der Jüngling, „sie meint jetzt jedes Wort, wie sie es sagt, aber wie lange wird ihr freies offenes Wesen anhalten? Gewiß nicht lange. Mein Vater — so lieb er sie auch hat - wird sie dem ersten besten, reichen Mann verheirathen, und dann wird sie sich nicht über ihre eigene Häuslichkeit emporschwingen. Bah! Was geht's denn mich an? Sie kann unmöglich immer jung und hübsch, ein Mädchen von zwanzig Jahren bleiben. Und dann ist es besser, sie heirathet, damit sie vor dem traurigen Loos einer alten Jungfer bewahrt bleibe." (Fortsetzung folgt.) Am englischen Hose. Es muß gewiß als eine auffallende Erscheinung bezeichnet werden, daß bei dem englischen Volke weder die Stürme der französischen Revolution, noch die politischen Bewegungen der Jahre 1830 und 1848 die monarchische Idee auch nur im Mindesten zu erschüttern vermochten. Im Gegentheil sind die Engländer besonders während der nun fast 60jährigen Regierung der Königin Viktoria noch monarchischer geworden, als sie es zuvor schon waren, und es läßt sich das weder durch glücklich geführte Kriege, noch durch ungewöhnliche Erfolge der Diplomatie erklären. Bei alledem ist die Freiheit der Rede und der Presse in dem Jnselreiche aller Fesseln ledig, und in keinem andern Lande werden selbst die hervorragendsten Persönlichkeiten einer schärferen öffentlichen Kritik unterzogen. Obgleich diese kritische Sonde manchmal bis hinauf in die königliche Familie zu verspüren war, ist die Anhänglichkeit des englischen Volkes an sein Herrscherhaus vornehmlich während des letzten Halbjahrhunderts nur gewachsen, und wenn auch die Königin Viktoria ihre Schwächen hat wie jedes andere Menschenkind, so gerieth sie doch während der langen Zeit ihrer Regierung kaum in eine einzige ernste Differenz mit dem Parlamente. Aber das letztere ist es gerade, worin ihre Stärke besteht: der hoch entwickelte konstitutionelle Sinn der Königin hat den englischen Thron mehr denn je befestigt, und ihre stete Bereitwilligkeit, dem souveränen Willen des Volkes unverzüglich und unter allen Umständen sich zu fügen, hat ihr die Achtung und Anhänglichkeit aller Parteien und Bevölkerungskreise gesichert. Mag auch ihre persönliche Neigung und Ueberzeugung manchmal eine andere sein, sie säumt dennoch keinen Augenblick, den Parlamentswahlen sofort zu entsprechen und diejenige der beiden großen politischen Parteien an das Staatsruder zu berufen, für welche der Volkswille sich ausgesprochen. Selbst den alten Gladstone, der ihr persönlich unangenehm war, hat sie sich wiederholt als Premier gefallen lassen und sich darüber weggesetzt, daß er weder zu schmeicheln verstand, noch irgendwelche Rücksichten auf kleine weibliche Schwächen nahm. Sogar daS verzieh ihm die etiketten- strenge Königin, daß der „große alte Mann" bei der Audienz manchmal im Gehrock, statt in der goldgestickten Uniform, erschien und nicht einmal immer ganz frische Wäsche angelegt hatte. Dieser Kardinaltugend echt constitutionellen Sinnes gegenüber vermögen die mancherlei Vorwürfe nichts auszurichten, welche mit mehr oder weniger Berechtigung gegen die greise Monarchin erhoben werden. So verübelt man es ihr z. B., daß sie seit dem Tode ihres Gemahls, des Prinzen Albert von Coburg-Gotha, in allzu strenger Zurückgezogenheit lebt. Trotzdem sich die Gruft über diesem allerdings trefflichen Manne schon vor 34 Jahren geschlossen, hat die Königin das schwarze Trauergewand und den Witwenschleier artch heute noch nicht abgelegt, und nur die verschiedenartigen Spitzen, die Diamanten und andern Edelsteine bringen sammt den bei öffentlichen Anlässen angelegten Orden etwas Abwechslung in die düstere Einförmigkeit ihrer äußeren Erscheinung. Wollte man sich auch noch gefallen lassen, daß die ehemaligen Privatzimmer des Prinz-Gemahls in Windsor heute noch genau so aussehen, wie er sie verlassen, so ist es doch entschieden zu weit getrieben, daß die Stiefel des Verstorbenen noch täglich geputzt werden — ohne große Mühe allerdings I Als ein Erbstück ihres verewigten Gatten hat die Königin u. A. auch dessen Diener John Brown in so hohen Ehren gehalten, daß selbst der berühmte Staatsmann Beaconsfield um seine Gunst buhlte und Prinzen und Prinzessinnen den Mächtigen Einfluß fürchteten, welchen der heimtückische Kammerdiener auf seine königliche Gebieterin ausübte. Alles athmete erleichtert auf, als der viel beneidete und noch mehr gehaßte Mensch im Jahre 1893 seiner Leidenschaft für den Whisky erlag. Mit der übertriebenen und oft laut getadelten Zurückgezogenheit der Königin hängt ein anderer Vorwurf gegen sie zusammen, den nur ihre einstigen Erben nicht erheben — es ist die allzugroße Knauserei der hohen Frau. Als sie am 20. Juni 1837 als Erbin ihres kinderlosen Oheims, König Wilhelms IV., den Thron bestieg, benahm sich das Parlament bei Feststellung der Civilliste der 18jährigen Königin insofern sehr vorsichtig, als es genau bestimmte, wozu das viele Geld verwendet werden solle. So wurden bewilligt: Für den Haushalt „ Gehalte der Hofbeamten „ die Privatbörse 60,000 „ „ „ Almosen 13,200 „ „ „ beliebige Ausgaben 8,400 „ „ Es macht das zusammen 385,000 Pfd. St. oder 7'700,000 Mark (über 9*/g Mill. Fr.), gewiß ein nettes Sümmchen, mit dem sich auskommen läßt. Die Königin brachte dieses Kunststückchen denn auch fertig, aber sie behielt alljährlich noch viel und seit Beginn ihres langjährigen Wittwenstandes sogar sehr viel übrig. Das auch ist es, was ihr die Engländer zum Vorwurf machen, indem sie gleichzeitig mit Recht behaupten, die Ucberschüsse in den einzelnen Rubriken müßten dem Parlamente zur Verfügung gestellt werden, was allerdings nie geschah. Kann man sich auch nicht wundern, daß die Haushaltsausgaben der einfacher als manche Bürgersfrau lebenden Königin weit hinter dem Ansatz des Parlaments zurückbleiben, so verschnupft es doch ernstlich, daß auch der für Almosen ausgeworfene Betrag nie säuberlich aufgebraucht wird und so überall nette Bröck- chen übrig bleiben. Rechnet man dazu noch die anderen Einnahmequellen der hohen Dame — so z. B. 1 Million Mark jährlich aus dem Herzogthum Cromwell — dann wird man begreifen, daß sie es bei ihrem langen Leben zu etwas bringen mußte. Und in der That liefern ihr die Zinsen ihrer riesigen Kapitalien, sowie ihre Privat- Besitzungen in Großbritannien und Amerika so ungeheure Jahreseinkünfte, wie sie selbst ein Rothschild nicht hat, 172,500 Pfd. St. 131,260 „ „ 751 und die greise Königin dürfte wohl unbestritten als die reichste jetzt lebende Persönlichkeit bezeichnet werden. Auch durch Schriftstellerei hat die Monarchin noch ein kleines „Nebenher" verdient. Sie führt nämlich ein genaues Tagebuch und hat daraus schon ab und zu Aus- züge publizirt, für welche der Verleger gewöhnlich recht hohe Honorare zu zahlen hatte. Für ihr letztes derartiges Werkchen, welches in einfach schöner Sprache, aber in - . . Kchloß am Kee. monoton sich hinschleppenden Wiederholungen das Alltagsleben in dem schottischen Schlosse Balmoral schildert, mußte der Verleger 5000 Pfund (100,000 Mark) zahlen. Aber da das nette Büchelchen trotz seines schönen Einbandes dem verehrlichen Publikum für zehn und eine halbe Mark doch zu theuer war, setzte es der Buchhändler auf 7*/z, dann auf 4 Mark herab, und jetzt ist es sogar für 1 Mark 90 Pf. zu haben — ein Beweis dafür, daß Verleger auch mit königlichen Autoren Pech haben können. — Innerhalb der eigenen Familie führt die Herrscherin ein so strammes Regiment, daß sie von Söhnen und > Töchtern, Enkeln und Schwiegersöhnen selbst in den unbedeutendsten Angelegenheiten um ihre Willensmeinung gefragt zu werden verlangt. Wer das kann und es z. B. über sich gewinnt, bei Mama zu fragen, ob er diese oder jene Einladung annehmen dürfe, der ist ihr lieb Kind. Ihrer besonderen Gunst erfreute sich der Vater der jungen Zarin, der letztverstorbene Großherzog Ludwig IV. von Hessen. Er brachte alljährlich mehrere Monate bei der gestrengenSchwiegermama zu, und als er, des Wittwen- standes müde, der kurz vorher geschiedenen Frau vonKolemtne die „linke" Hand gereicht, da war es einzig der Wille der Königin von England, welcher den kaum geschlossenen Ehebund wieder zerriß. Böse Zungen wollten damals die häufigen finanziellen Schwierigkeiten des Großherzogs mit dessen großer Liebe zur Schwieger- mama in Verbindung bringen. Wäre der eheliche Bund mit Frau von Kolemine nicht gar zu un- ebenbürtig gewesen, die Königin hätte die Lösung desselben gewiß nicht betrieben. Denn Liebende zu beschützen und Ehen zu stiften ist eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen, und man kann nicht anders sagen, als daß sie Glück damit hat. Es steht wohl einzig in der Geschichte da, daß eine königliche Großmama so viele regierende oder voraussichtlich doch zur Regierung gelangende Kinder und Enkel hat: die Kaiserin Friedrich und der Herzog Alfred von Coburg-Gotha sind ihre Kinder, der deutsche Kaiser, dicZartn, das großherzogltchePaar vonHes- sen, die Erbprinzesstn von Mei- ningen, die Kronprinzessin von Griechenland und die Gemahlin des rumänischen Thronfolgers ihre Enkelkinder. Die Königin zeigt sich ihrem Volke nur höchst selten, und auch die sogenannte hoffähige Gesellschaft ist mit dem Glücke persönlicher Begegnung nur sparsam bedacht; denn Concerte, Theatervorstellungen, Bälle und andere Festlichkeiten sind am englischen Hofe völlig unbekannte Dinge, und der Abhaltung von Empfängen oder Hoffesten (Ora^vinArooms) ist während des ganzen Jahres alles in allem nur eine Woche gewidmet, für welche Zeit die Königin von Schloß Wtnd- sor, ihrem vornehmltchsten Aufenthaltsorte, nach dem Buckinghaw-Palaste kommt, jenem ungeheuer großen Gebäude, das im Westen Londons, am Ende von St James' 752 Park gelegen ist. Ein solcher Empfang wickelt sich übrigens außerordentlich rasch ab. Nachmittags präcis 2 Uhr öffnen sich die Thore des Palastes, und eine fast endlose Reihe feiner Equipagen fährt in den Schloßhof. Die imHof- Costüm erscheinenden Herren und die in reicher, mit Diamanten gezierter Toilette steckenden Damen stellen sich im Innern des Palastes reihenweise nach der Zeit ihres Eintreffens auf oder sie bilden „Queue", wie eS in der Hofsprache heißt. Endlich naht der große Augenblick. Präcis 3 Uhr Nachmittags öffnet sich das Thronzimmer, wo die von ihrer Familie und den hohen Würdenträgern umgebene Königin ihren Sitz eingenommen hat. Der Ceremonienmeister ruft jetzt laut und deutlich die Namen der Erschienenen auf, die sich dann schleunigst in Bewegung setzen, vor der Majestät die vorschriftsmäßige tiefe Verbeugung machen und ihr die Hand küssen, um dann ohne weiteren Aufenthalt durch die Thüre am entgegengesetzten Ende des Saales wieder zu verschwinden. Nur selten richtet die Königin an bekannte Personen einige Worte, und um 4 Uhr, also nach Verlauf einer Stunde, hat die ganze noble Gesellschaft den Palast wieder verlassen, während die Königin nie später als 5 Uhr mit dem an der Paddington-Station bereitstehenden Extrazug nach Windsor zurückkehrt. Am folgenden Tage bringen alle Zeitungen die Namen der Auserwählten, welche bei dem gestrigen Drawingroom der Herrscherin die Hand küssen durften, und glücklich ist, wer sich in dieser Liste aufgeführt steht. Die gesammte Repräsentation, wie überhaupt die ganze Last, welche die königliche Würde nach außen mit sich bringt, ruht seit vielen Jahren auf den Schultern des Thronfolgers, des Prinzen von Wales, der trotz seiner mancherlei Schwächen in England großer Beliebtheit sich erfreut. Bei der Unmasse von Festlichkeiten aller Art, denen er dem Herkommen gemäß beiwohnen muß, wäre das Anhören von Ansprachen und das Selber-Reden noch nicht das Schlimmste. Härter würden manchem die Festessen vorkommen, mit welchen der Vertreter der Krone sich oft täglich in der Mehrzahl abzufinden hat. Aber der königliche Prinz ist in diesem Punkte mit einer geradezu bewunderungswürdigen Gabe ausgestattet. Trifft ihn des Vormittags um 10 Uhr das erste Frühstück, so vermag er gleichwohl um 1 Uhr ein zweites, noch umfangreicheres zu vertilgen, ohne daß ihm deßhalb der Appetit zu dem offiziellen Lunchen um 3 Uhr abhanden käme. Und will es des Schicksals Tücke, daß Abends 8 Uhr noch ein Bankett (dinnor) stattfindet, so stellt der Thronfolger auch da wieder seinen ganzen Mann. Aber wer viel ißt, kann nach Ludwigs XI.' berühmtem Ausspruche niemals ein schlechter Mensch sein. Der Prinz von Wales beweist diesen Satz schon durch seine äußere Erscheinung, welcher die vollendete Gutmüthigkeit aufgeprägt ist. Daß er viel ißt und auch mittrinken, plaudern, spielen, tanzen und scherzen kann, sich mit einem Worte zeigt wie andere Sterbliche auch, das ist es gerade, was ihn bei Hoch und Nieder populär macht. (Luz. Vtld.) ZuunserenBildern. Ein Ungeheuer. Die einst die furchtlosen und wüthigen Vertheidiger ihrer Herren werden sollen, hat eine Kröte, die ihnen bisher noch nicht vor Augen kam, gewaltig erschreckt. Mit den gewagtesten Kletterübungen suchen sie sich vor dem Feinde in Sicherheit zu bringen. Und gerade in so gefährlichen Augenblicken muß die Hündin abwesend sein! Der Drandstifter. Im Dorfe ist ein Haus abgebrannt. Die Ortsfeuerwehr die Nachbarfeuerwehrcn, die Ortsbewohner haben redlich zu- sammengeholfen, die benachbarten Anwesen zu schützen und vor dem verheerenden Elemente zu bewahren. Schon als man das Feuer bemerkt hatte, tauchte allgemein die Meinung auf, nur die Hand eines Frevlers könne namenloses Unglück über eine arme Familie gebracht haben, und der Verdacht sollte sich alsbald bestätigen. Nur einen Feind hatten die ihrer Habe Beraubten im Dorfe, einen finsteren, verschlossenen Mann, der erst vor Kurzem einen Prozeß mit ihnen angefangen und verloren hatte. Man hielt ihm alsbald vor, er sei der Brandstifter. Der Mann leugnete die That nicht, gab vielmehr seiner höllischen Befriedigung über die Sättigung seiner Rache Ausdruck, und so wurde er von einigen handfesten Ortseinwohnern dingfest gemacht und vor das Ortsoberhaupt geführt. Das Gemälde von Fr. Hiddemann stellt den Moment dar, in welchem der Verbrecher vor dem Bürgermeister erscheint. Zichloß am Kee. Der Mond dringt eben durch die dichte Wolkenwand und beleuchtet ein mit Reben bewachsenes altes Gemäuer, das einer Burg als Umwallung diente. Von der Zinne des Thurmes genießt man einen herrlichen Ucberblick über den See, der schon zu Zeiten der Raubritter einen sehr lebhaften Verkehr vermittelte. Gar oft ist die raublustige Schaar ans Ufer geeilt, wenn die Thurmwache das Herannahen des Fahrzeuges eines reichen Kaufherrn anzeigte, und hat reiche Beute geholt. Jetzt ist das Schloß zum Theil verfallen und dient nur mehr als bequem zu erreichender Aussichtspunkt. Aus der „Nachfolge Kyristi"?) Sei nicht stolz auf hohe Freunde, Rühme dich nicht deiner Habe, Nur des Herrn! Denn Er gibt alles Und sich selbst als beste Gabe. Prahle nickt mit deiner Schönheit Und der Wohlgestalt der Glieder: Eine Krankheit — und was prangte, Ist verwelkt und blüht nicht wieder! Denke nicht mit Selbstgefallen. Deiner Einsicht und Talente, Weil der Herr, der alles schenkte, Dir zum Unheil, zürnen könnte! Schätze dich nicht über and're In vermeff'nem Tuqenddünkel! Um so nied'rer wirst du gelten Dem, Der kennt die Herzenswinkel. Was du Gutes etwa thatest, Denk' es nicht mit Ueberhebenl Daran, was die Menschen preisen, Kann vor Gott ein Tadel kleben. Hast du Gutes: das noch Bess'rc Von dem Nebenmenschen glaube, Daß der Feind den Schatz der Schätze, Deine Demuth, dir nicht raube! Daß du allen nach dich ordnest, Ist der Seele nicht zum Schaden; Doch Erhebung über einen Bringt dich um sehr viele Gnaden. Demuth hat beständig Frieden; Aber in die Brust des Stolzen Schnellen Eifersucht und Aerger Ihre gift'gen scharfen Bolzen. *) Siehe „Des gottseligen Thomas von Kempen Nachfolge Christi in deutschen Reimen" von Hermann Jseke. Verlag von F. W. Cordier, Heiligenstadt (Eichsfeld). Preis brosch. M. 3.-, Salonband M. 4 50. Algebraische Gleichung, rr ^ l» — x a beliebtes Reiseziel, d Soldat. x ein für Häuserspeculanten wichtiges Object. ---SÄWSS-- -r M 98. Kreitag, den 27. November 1896. Für die Redaction verantwortlich: Vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Litterarischen Instituts von Haas L Grabpcrr in Augsburg lBorbesitzer vr. Max Huttler). Im fremden c-lande! Erzählung von C. Borges. (Fortsetzung.) V. Weihnachten, das Fest der Freude! Aber welch' ein Weihnachtsfest im Vergleich zu den Festen, die Nasalst von Bornfeld in ihrer früheren Heimath gefeiert hatte! Die Nasen blühten in üppiger Fülle, dunkle Clematis und weiße Kletterrosen schützten die Terrasse vor den sengenden Sonnenstrahlen, und Nasalst fand es im Hause und im Freien zu heiß zu irgend einer Beschäftigung, selbst das Buch entfiel ihren Händen, denn auch im schattigsten Winkel war es zu heiß, um zu lesen. Obgleich Herr Lambrecht fast sein ganzes Leben hindurch hier in Afrika gelebt hatte, wollte er doch von den deutschen Sitten und Gebräuchen am Weihnachtsfeste nicht lassen. Wenn das Thermometer auch noch so hoch stand, er mußte nicht allein einen Weihnachtsbanm haben, sondern liebst es auch, zu diesem Feste eine Schaar Freunde um sich zu versammeln. „Wie gefällt Ihnen die Weihnachtszeit hier, Fräulein Nosa?" fragte Thomas ungefähr drei Tage vor dem Feste und ließ sich dann an ihrer Seite in die Hängematte fallen. „ES ist fast zu heiß, um zu athmen; möchten Sie nicht ein wenig von dem Eis und dem Schnee hcrübcrzaubern können, der um diese Zeit in Ihrer alten Heimat!) das ganze Land bedeckt?" Vier Wochen waren vergangen, seitdem Thomas die Unterredung mit Nosalie über Linda River hatte, und seit dieser Zeit war mit dem Jüngling eine wesentliche Veränderung vorgegangen. Der Vater beobachtete ihn genau und freute sich im Stillen, daß er mit der neuen Hausgenossin auf einem so guten Fuße stand. Er begleitete oft ihre Lieder, sang mit ihr Duette, lehrte sie reiten nnd begleitete sie aus ihren Spaziergänger: im nahen Walde. Nosalie ihrerseits war aufrichtig betrübt, daß sie, durch falsche Vorspiegelung geblendet, den Charakter des jungen Mannes so schlecht beurtheilt hatte. Sie fühlte inniges Mitleid mit ihm, noch mehr aber zürnte sie Linda Niver, die durch ihre Heuchelei sein Lebensglück — wie sie meinte — doch zerstört hatte. „Wir werden beide gut miteinander fertig", sagte sie in ihrer schlichten, offenen Weise zu Frau MannerS, „obgleich wir noch nicht gute Freunde sind. Aber er duldet doch jetzt meine Gegenwart, und er sagt auch kein böses Wort mehr gegen Damen." Dr. MannerS lachte heiter, als seine Frau ihm diese Worte wiederholte. „Ist Nosa denn wirklich noch ein so harmloses Kind?" „Das ist sie ganz gewiß. Sie ist so frei und aufrichtig, wie ein unerfahrenes Kind von zehn Jahren." „Glaubt sie denn wirklich, Thomas wäre gleichgiltig gegen sie?" „Daran ist gar nicht zu zweifeln, und ich glaube, sie hat darin auch vollkommen Recht. Thomas wird niemals für eine Dame ein Interesse zeigen, sie müßte denn eine alte Jungfer oder eine verhcirathete Frau sein, die also nicht die geringsten Ansprüche auf seinen Namen mehr macht." „Hm!" machte der Doktor gedankenvoll, „vielleicht hast Du Recht; ihr Frauen müßt ja immer Recht behalten — aber — —" „Aber waS?" fragte Hilda ungeduldig. „Wenn Thomas wirklich ganz gleichgiltig gegen Fräulein Nosalie ist, warum war er denn vor einigen Tagen so sehr empört, als der junge Farmer Gervin um ihre Hand anhielt? Er und Thomas waren früher die besten Freunde; gestern sagte er mir aber, er wünsche, der Farmer sei tausend Meilen weit von hier und ließe sich niemals wieder in Marydale sehen, weil er gewagt habe, Rosa für sich zu gewinnen." „Meinst Du denn — —" „Ich meine gar nichts, durchaus gar nichts", unterbrach der Arzt schnell seine Gattin. „Sollte sich Thomas aber einmal ernstlich verlieben, so kann es nur in die liebliche Nosa sein." Unterdessen saßen die Beiden an diesem heißen Dczembertage im kühlen Schatten auf der Terrasse. Nosa versicherte scherzend, sie sehne durchaus nicht Eis und Schnee herbei, und ein heißer WethnachtStag sei ihr so neu» daß er einen gewissen Netz für sie habe. „Die Wahrheit zu gestehen", fuhr sie heiter plaudernd fort, „hatte ich noch gar nicht daran gedacht, daß in anderen Erdtheilcn dieses schöne Fest in die heißeste Jahreszeit fällt, erst im letzten Juni hörte ich zuerst davon reden." „Bei welcher Gelegenheit?" Nosa errathest heftig, und Thomas, der sich über diese Verlegenheit belustigte, wiederholte seine Frage dringender. 754 „Sie werden gewiß über mich lachen", flüsterte sie leise, „aber eine Zigeunerin sprach zuerst davon." „Sie glaubten doch nicht dem Gerede einer Zigeunerin ?" „Nein — ja — ich weiß eigentlich nicht." „Bah, ich hielt Sie für vernünftiger", sagte Thomas verächtlich. „Na, Sie werden doch darüber nicht weinen? Ich wollte Sie wirklich nicht beleidigen." „Ich kann nicht anders", gestand sie, gewaltsam ihre Thränen zurückdrängend, „ich muß immer weinen, wenn ich an jene Zeit und an die Worte der Zigeunerin zurückdenke." „Sie lebten doch in einer großen Stadt, wo sahen Sie denn eine Zigeunerin?" „Meine Tante veranstaltete ein Sommerfest, und ich mußte vorher hinausfahren, um dem Hausmädchen zu helfen, die Tische für die Gäste zu bereiten." Thomas sprang entsetzt aus seiner nachlässigen Stellung empor. „Wurden Sie nicht wie eine Tochter im Hause gehalten?" fragte er erregt. „Ich war dort so unglücklich, daß ich jetzt oft noch weine, wenn ich an jene Zeit zurückdenke. Ich mußte den ganzen Tag in einer engen Mansarde sitzen und die Kleider meiner Cousinen nährn, bis mir dir Finger schmerzten. Wenn Besuch da war, so durste ich nicht einmal zum Essen hinuntergehen. Niemand sagte mir ein Wort, ich mußte nur täglich mit anhören, daß ich ans „Mitleid" im Hause geduldet würde. Ich hatte schon den Plan gefaßt, mich als Kinder- oder Hausmädchen zu verdingen, da machte mir Ihr Vater das Anerbieten, hierher zu kommen." „Das war für Sie ein hartes Leben. Aber wie war's mit dem Sommerfest und der Zigeunerin? Bitte, erzählen Sie." „Sie werden nur darüber lachen." „Erzählen Sie nur!" „Nun, einer der eingeladenen Gäste erschien nicht, und so mußte ich mich mit zu Tische setzen, damit die gefürchtet« Zahl „dreizehn" vermieden wurde. Eine der Damen — sie war so schön und dabei höchst elegant gekleidet — war so freundlich zu mir, daß ich mein ärmliches Kleid ganz darüber vergaß. Sie mit ihrem Vetter, Herrn Wilmer, bereiteten mir frohe Stunden, daß wir die flüchtige Zeit darüber vergaßen. Dort im Walde trafen wir auch die Zigeunerin, die mir die Zukunft enthüllte." „Nun, was sagte sie?" „Zuerst sagte sie mir, ich habe jetzt viel Sorge und Noth, aber ich würde bald in einem besseren Lande sein. Ich glaubte, ich würde bald sterben, doch sie sagte nein, ich hätte ein langes Leben vor mir und stände jetzt vor einem Wendepunkte. Ehe der Vollmond am Himmel stände, würde ich das Haus meiner Tante verlassen haben." „Versprach sie Ihnen keinen Gatten?" Nosalie beachtete diese Frage nicht und fuhr fort: „Ferner sagte sie, sobald die Noscn am Weihnachtsfeste blühen, würde der Stern meines Glückes aufgehen." „Wad weiter?" „Weiter nichts. Meine Tante zürnte mir sehr und drohte, mich fortzuschicken, weil ich so lange mit der reichen Dame und deren Vetter allein im Walde gewesen war, doch da erhielt ich den Brief von Herrn Hollmann, und der gut: alte Herr nahm mich in sein Hans auf." „Und was haben Sie mir weiter von dem Vetter der reichen Dame zu sagen — wollen Sie ihn heirathen?" „Wahrlich, Thomas, Sie treiben Scherz mit mir", rief Nosalie heiter lachend. „Ich sah den Herrn ja nur dieses eine Mal. In der letzten deutschen Zeitung, die ich in der vorigen Woche erhielt, las ich feine Heiraths- anzeige, und es war mir lieb, daß er nicht meine Cousine Georgine gewählt hatte." „Nun", sagte der junge Herr gedankenvoll, „die Rosen stehen bereits in voller Pracht, und in drei Tagen ist Weihnachten. Der Stern Ihres Glückes muß sich jetzt beeilen, um rechtzeitig am Himmel zu erscheinen." Rosa wollte antworten, doch ihre Lippen blieben geschlossen, denn gerade in diesem Augenblick trat der alte Herr auf die Terrasse hinaus, einen offenen Brief in der Hand haltend. Ein zufriedenes Lächeln erhellte sein gutmüthiges Antlitz, als er die beiden jungen Leute so heiter plaudernd beisammen fand. „Gute Nachrichten, Thomas!" rief er lebhaft. „Die ganze Familie Davidfohn hat unsere Einladung angenommen; sie kommen Me. Morgen treffen sie ein und bleiben bis nach Neujahr." Der junge Mann schien bei dieser Eröffnung wenig erfreut. „Ich kann nicht begreifen, welches Vergnügen Du darin findest, das ganze HauS mit Gästen anzufüllen", erwiderte er unwillig. „ES wäre viel besser, wir blieben zum Feste allein." „Am W-ihnachtsfeste muß ich einen großen Kreis fröhlicher Gesichter um mich sehen; so hab' ich es gern", beharrte der alte Herr. „Na, jetzt wird Dein Wunsch erfüllt. So viel ich weiß, sind sieben kleine Sprößlinge in der Familie Davidsohn, außerdem hast Du noch Gäste aus der Stadt geladen." „Ich erwarte zwanzig Personen", rechnete der alte Herr, still vergnügt. „Zwanzig Personen mit der Familie Davidsohn, die auch ihre Gouvernante mitbringt. Die Mutter wollte die Erzieherin der Kinder nicht gern allein zurücklassen, und da sie so weit entfernt — in Natal — wohnt, wollte sie auch für die wenigen Tage die Heimreise nicht antreten. Sie soll eine angenehme junge Dame sein, die Dir gewiß gut gefällt, Rosa." Thomas und Nosalie wechselten verständnißvolle Blicke; ein gleicher Gedanke durchzuckte ihre Seele, doch sie wagten nicht, ihn in Worte zu kleiden. Herr Lam- brecht beachtete dieses Schweigen nicht und fuhr heiter fort: „Du wirst ihr doch einen freundlichen Empfang bereiten, nicht wahr, Rosa? Ich meine, der Gouvernante. Sir gehört einer alten Kausmannsfamilie in Natal an, aber sie hatten viel Unglück und leben jetzt in kümmerlichen Verhältnissen. Denke nur, diese Linda River — so heißt sie — ist eine Nichte der Madame Darby, mit der Du die Seereise machtest." Jetzt war kein Zweifel mehr über die Identität der Gouvernante. Rosa wagte nicht, Thomas anzusehen, aber sie fühlte ihre Wangen sich purpurn färben. Zum Glück verließ der alte Herr bald die Terrasse und Thomas seufzte laut: „Was in aller Welt soll ich nun thun?" „Fürchten Sie sich?" fragte Rosa. „Fürchten? Nein! Ich würde mein Herz nicht noch einmal an Linda Niver verlieren, selbst wenn sie die einzige Frau in ganz Afrika wäre." — 755 „Was fürchten Sie denn?" „Ich sagte niemals, daß ich mich fürchte." „Sie sind aber entsetzich aufgeregt, Thomas. Nun, für Sie ist's nicht so schlimm, Sie haben konsequent Dl'mengcsellschaft gemieden, bleiben Sie Ihrem Grundsätze auch jetzt getreu und ziehen Sie sich zurück. Für mich ist es viel schlimmer, ich soll für die Unterhaltung der Gouvernante ganz besonders sorgen." Sie glaubte, Thomas würde ihre Worte belächeln, aber sein Antlitz war ernst, als er sagte: „Sie kennen sie nicht. Ich gäbe mit Freuden Tausende, wenn ich sie von Marydale fern halten könnte." „Sie fürchten doch nicht für Ihren Vater? — O, Thomas, denken Sie das doch nicht; er kann ja noch immer nicht den Schmerz über den Verlust seiner Gattin lindern." „Für meinen Vater fürchte ich nichts, aber dennoch würde ich kein Opfer scheuen, um Linda fern zu halten. Ich weiß, Sie hassen mich, Nosa, aber ich bitte Sie, einen guten Rath von mir anzunehmen." „Ich hasse Sie nicht. Welchen Rath geben Sie mir?" „Vermeiden Sie Linda'S Gegenwart so viel wie möglich. Sie streut gern Eiftsaat aus — sagen Sie ihr kein Wort, was nicht die Spatzen auf den Dächern zwitschern dürfen." „Ich habe keine Geheimnisse, und wenn ich welche hätte, so würde ich sie Fremden nicht mittheilen", versicherte Nosa. (Schluß folgt.) --S28SLS--- In der Vrrg- und Glrtschriivrlt der Berner HochnlM.") Von Dr. Naimund Schäfer (Baben-Daden). (Wetterhorn. — Eiger. — Mönch. — Jungfrau. — Finsteraarhorn. — Schreckhorn.) Die Bergbahn hielt, und ich befand mich in Grindelwald. Hans Brawand wurde mein Führer. Unberührt von Europas übertünchter Höflichkeit, von stählernem Bau, kühnen Zügen, welche durch den langen, braunen Bart eine gewisse Wildheit erhielten, schien er wie geschaffen, den Gefahren der Alpen zu trotzen und sie zu besiegen. Am Tage nach der Ankunft war ich mit ihm auf dem Wege zum Wctterhorn. Wir gingen in Gesellschaft des Herrn James Drummond und seiner beiden Führer. Herr Drummond trug einen Photographischen Apparat, den er mit bewundernswürdiger Zähigkeit in allerlei gefährlichen Situationen benutzte. An Punkten, wo es schon schwierig war, ein freundliches Gesicht zu machen, verlangte er allgemeine Pose. Auf unserem Wege zur „Glccksteinhütte" hatten wir den Oberen Grindelwaldglctscher zu überschreiten und viele abschüssige Felswände zu erklettern. Nach etwa sechsstündiger Wanderung erreichten wir die Hütte. Sie steht friedlich auf einem Vorsprung des Berges. Im Glänze des feurigen Strahlenmeercs, mit welchem die Abendsonne uns und unsere herrliche Umgebung überflutete, entwickelte sich nun jenes romantische Zigeunerleben, welches einen so großen Reiz der Alpenwanderug bildet. Das Lager wurde hergerichtet, Feuer angezündet, Wasser herbeigeschleppt, der Proviant ausgepackt und entsprechend zubereitet. Wir entnehmen diese anziehende Schilderung dem Feuilleton der „Frankfurter Zeitung". Als die Nacht hereinbrach, tauchten tief unten die Lichter Grindelwalds auf, und die Abendglocken sandten ihre Klänge empor. Um diese Zeit brannten wir zwei Raketen ab. Die eine hatte keine Lust, in die Höhe zu steigen; sie cxplodirte und vertheilte sich unparteiisch unter den Unterstehenden. Nachdem unsere Nerven sich wieder etwas beruhigt hatten, hüllten wir uns in Decken, legten uns auf das Strohlager in der Hütte und schliefen bis 3 Uhr Nachts. Aldann kochten wir schnell Kaffee und stiegen mit Laternen versehen in Nacht und Felsen hinein. Wir brauchten fünf Stunden, um den Gipfel zu erreichen. Er ist steil und mit Firn bedeckt. Zahlreiche Dohlen flatterten umher, und hoch über unsern Häuptern flogen einige Naubvögel, welche die Führer für Adler hielten. Die Aussicht war großartig. Die zunächstlicgenden Gipfel des Vordergrundes sind es im Wesentlichen, welche uns an der bald angepriesenen, bald angezweifelten Schönheit der Hochgipfelaussicht entzücken. Mit jeder Orts- und Zeitveränderung wechseln die Berge Rahmen und Beleuchtung, und jede Aussicht in den Alpen ist deshalb eine neue Aussicht. Aber die hunderterlei Ansichten, die ein Berg gewähren kann, geben jeder Gipfelausstcht ihren besonderen Charakter. Um sich in dem Chaos der fernliegenden Berge zurechtzufinden, bedarf man, abgesehen von auffallenden Bergformen, einer genauen Kenntniß der Alpen. Derjenige, der hier Berge wiedersieht, auf welche er vor Jahr und Tag seinen Fuß gesetzt hat, heftet seine Augen voller Freude auf die alten Bekannten in dem gestaltenreichen Zug im Hintergründe des wundervollen Bildes, dessen letzte Ausläufer sich in den Dünsten des Horizontes in matten Umrissen verlieren. Dort unten herrscht dumpfe Schwüle, hier athmet die Brust jenen unvergleichlichen Aether, der den jungfräulichen Schnee der höchsten Gipfel umfluthet. Der Abstieg vom Wetterhorn bot nichts Bemerkenswerthes. Am Tage nach der Wetterhornbesteigung fuhr ich mit Herrn' Drummond und einem Herrn Clayton mit der Zahnradbahn nach der Wengern-Schcidegg, an den Fuß des Eiger und der Jungfrau. Am darauffolgenden Tag bestiegen wir den Eiger. Herr Drummond hatte seine alten Führer, und der andere Engländer hatte den bekannten Chr. Allmer, sowie den Führer Kauffmann aus Grindelwald engagirt. Wegen deS starken Nebels kamen wir erst um 8 Uhr zum Abmarsch. Nach Ueberschretten einiger Nasenhänge und Schutthalden erreichten wir die schroffen Kalkkiippen des Eiger. Wir kletterten rastlos empor, bald auf scharfen Graten, bald an Abgründen entlang, welche losgelösten Felsblöcken freien Fall boten. Um 2 Uhr Mittags standen wir auf dem Gipfel, und der Knall eines Salutschusses drang schwach an unser Ohr, ein Zeichen, daß wir von den Gästen deS Hotels mit dem Fernrohr verfolgt worden waren. Der schmale, schisfskielförmige Gipfel deS Eiger vermochte uns kaum zu fassen. Er ist stark vereist und von einer Schneewächte gekrönt. Stoßen wir ein Loch durch den Schnee zu unseren Füßen, so erblicken wir unter uns den zerklüfteten Vieschergletfcher, der etwa 1000 Meter tiefer liegt. Rings umher befinden sich todbringende Abstürze, die sich von oben schlimmer aus- nehmen als von unten, und unwillkürlich Gedanken an das Jenseits erregen. Aber man empfindet daS Dasein nie reizvoller, als wenn man Gefahr läuft, eS zu verlieren. Jeder gefahrlose Nnhepunkt erzeugt eine Art beneidenswerter Neconvalescentenstimmung. In dieser 756 — Gemüthsverfassung genießt man die Schönheit der Umgebung doppelt. Dort, die in trotziger Kühnheit emporragende Fclsklippe des Schreckhorns — dort, in einem Meer von Gletschern, die glänzenden Viescherhörner. In unmittelbarer Nähe des Eiger erheben sich seine mächtigen Geschwister, der gewaltige Mönch und die blendende Jungfrau. Tief unter uns liegen die grünen Thäler mit den Silberadern der Bäche, und über uns wölbt sich der tief- dunkelblaue Himmel des Hochgebirges. Wir verweilten etwa eine halbe Stunde auf dem Gipfel und traten hierauf den Abstieg an, der durch den herrschenden Steinfall etwas gefährdet war. Vom Wetter wurden wir begünstigt, die Sonne, welche sich dem Horizonte näherte, beleuchtete die Schneefelder, die wir betraten, und die Wolken, die sich am Berge gelagert hatten, mit wunderbaren röthlichen Farben. Als die Sonne verschwunden war, trat Alpenglühen ein. Dieses Gebirge gewährte jetzt ein unheimliches, gewaltiges Schauspiel. Die finsteren Felsmassen und die rothglühenden Eisfelder wurden von flammenden Nebclwogen umbrandet. Keinen Augenblick blieb sich das phantastische Bild gleich, denn ein Sturm herrschte, der die Wolken zerriß, sie am Berge emporjagte und jedes lose Tuch, jedes Papier blitzschnell in den Ocean der Lüfte entführte. Leider war es uns wegen der späten Stunde nicht vergönnt, der landschaftlichen Herrlichkeit längere Zeit zu widmen, da wir unaufhaltsam abwärts eilen mußten. Bei unserm Erscheinen im Hotel empfing uns seitens der Gäste der echt englische Sports-Enthusiasmus. Den Comfort und die Annehmlichkeiten eines modernen Hotels empfindet man nach einer solchen Strapazen verzehnfacht. Uebrigens hielt diese epikureische Stimmung nur bis zum folgenden Tage an, denn ich schmiedete an demselben, in Gemeinschaft mit Herrn Drummond, den Plan zu einer neuen, sechstägigcn Wanderung, die uns auf die Gipfel von Mönch, Jungfrau, Finsteraarhorn und Schreckhorn führen sollte. Wir wollten Jeder getrennt gehen, aber wegen der gegenwärtigen Vereinsamung der Berge (es war Ende September) womöglich am gleichen Tage das Gleiche unternehmen. Da wir 4—5 Tage lang jeder menschlichen Behausung fern blieben, so mußte der Proviant und das Brennholz für diese Zeit ausreichen und bildeten in Folge dessen eine gewaltige Traglast, die jedoch von Tag zu Tag abnahm. Nach Erledigung all' der Kleinigkeiten, die nicht vergessen werden durften, brachen wir am zweiten Tage nach der Eiger-Besteignng Morgens um 7 Uhr auf und marschirten 9 Stunden bis zur Berglihütte des Schweizer AlpenclubS (3299 m) am Grindelwald-Vieschergletscher, in der wir vor Besteigung von Mönch und Jungfrau übernachten wollten. Oberhalb des „Eismeeres" und der „Kalli", einer Wand. die uns manchen Schweißtropfen kostete, hielten wir die erste Nast, denn die Führer hatten hier unter einem Geröllhaufen eine Theemaschine aufbewahrt, welche wir mit großer Genugthuung benutzten. Von hier aus konnten wir bereits die Berghütte erblicken. Dieses Unikum steht mitten in dem wilden Viescherglctscher auf einem Felsen, der von den ungeheuren Eismassen verschlungen zu werden droht. Neben dem Gebäude ist auf dem Felsen kein Platz mehr, obgleich dasselbe nur dreimal so geräumig ist, als eine Hnndöhütte. Es ist aber viel einfacher konstruirt. Nämlich aus einer Felswand, zwei Reihen aufgeschichteter Steine und einem Dache. In der Hütte befindet sich eine Anzahl Decken und ein kleiner eiserner Ofen, dessen Nohr quer durch den Raum geführt ist, um Wärme zu sparen und offenbar auch um Rauch zu erzeugen. Ob ich mich außerhalb oder in der Hütte aufhielt — ich fror und hustete abwechselnd; außen nahm die Wlte, innen der Rauch zu. Wir schmolzen Gletschereis, um Grog und Suppe bereiten zu können. Mit dem Einbruch der Dämmerung verstummte in der überwältigenden Gletscherwelt, die uns umgab, jedes Geräusch; das Rauschen der Schmelzwasscrbäche, der Donner der Lawinen wich einer unendlichen Ruhe. Wir legten uns bald auf's Ohr und versuchten die wenigen Stunden, die uns bis Ein Uhr, unsere Aufbruchszeit, blieben, zu ruhen, denn einer der Führer hielt uns durch Schnarchen, Ränspern und Niesen so munter, daß ich Gott dankte, als ich im Freien stand. Der frostige Nachtwind verscheuchte bald alle unangenehmen Symptome einer durchwachten Nacht, und wir fühlten uns frisch und fröhlich, als wir über das bequeme Mönchsjoch an die Felsen des Mönch wanderten. Nach einigen Stunden standen wir auf den Schnee- und Eishängen, welche den steilen Gipfelkamm des Mönch bedecken. Kälte und Sturm leisteten hier Beträchtliches, um uns zur Umkehr zu bewegen; man fror wie ein Nordpolfahrcr, der seinen Pelz versetzt hat. Bei jedem Windstoß mußte man sich mit dem Pickel verankern, sonst verlor man das Gleichgewicht, nnd am Gespräch war man durch Zähneklappern verhindert. Endlich 7 Uhr Morgens, waren wir auf der Spitze. Der Wind brauste hier mit aller Macht, der von unsern Fußtritten gelockerte Firnschnee wurde in die Luft geblasen, und der Aufenthalt war ganz unerträglich. Es kostete mich einige Ueberwindung, mit einem Halstuch eine Fahne zu improvisiern, die von der Wengern-Scheidegg, welche tief zu unsern Füßen lag, gesehen werden konnte. Von dort mochte der breite Gipfel des Mönch in der Morgen- beleuchtung so rosig als möglich aussehen — für uns war jedoch jeder Naturgenuß unmöglich, und wir kehrten zurück, um an diesem Tage noch den Gipfel der Jungfrau zu erreichen. Um zu diesem Berge zu gelangen, überschritten wir vom Fuße des Mönch aus die ungeheuren, grcllbels chtetcn Firnfelder des Notthales, in welchem der Sage nach die „Herren vom Rotthal" Nachts ihren Spuk treiben, wenn der Sturm an den rostbraunen Felskllppcn heult und schüttelt. Mühsam erklommen wir hierauf das steile Schneefeld unterhalb des ersten Bergschrundcs der Jungfrau und überlegten uns, wie wir auf die andere Seite des SchrundeS kommen sollten. Die Merkmale eines BergschrundeS, die starke Neigung der Eisfläche und die vertikal gegen einander verschobenen Ränder der Kluft, waren im vorliegenden Falle besonders ausgeprägt. Aber trotz der ungünstigen Verhältnisse konnte die entferntere, überhängende EiSwand von meinem Führer erklettert werden. Hans schlug sich, nur durch das Seil gesichert, tiefe Löcher für Hand und Fuß in das Eis, wobei die Bruchstücke mit unheimlichem Geräusch auf den Grund der Spalte sausten, schmiegte sich dicht an die Wand nnd stemmte sich daran empor. Oben angelangt trieb er den Pickel tief in die Firndccke, schlang das Sei! darum und forderte mich auf nachzukommen. Dies war Kinderspiel gegen seine Arbeit, zumal ich mich hierbei, zu meine: angenehmen Zerstreuung, von Herrn Drummond Photo- graphirt fühlte. Als wir um 2 Uhr auf der Spitze der herrlichen. 757 vielbesungenen Jungfrau eintrafen, war die Luft so klar und mild, daß wir längere Zeit oben blieben. Wieder lagen die gesummten Alpen, vom Montblanc bis zum Großglockner, zu unseren Füßen, diesmal nicht so düster wie vor 7 Stunden, sondern in warmem, sonnigem Glanz. Die Fels- und Schneehänge grell in dem Kontrast von Schwarz und Weiß, die Häupter blendend in der Ueber- fülle des Lichts, Alles überstrahlend die Jungfrau. Ihr Gipst! war zum Theil fast schneefrei, er fällt nach Süden zu schräg, nach Norden zu sehr steil ab und besteht aus Gneis. Der Abstieg regte uns nur an den Bcrgschründen etwas auf, da die eingehauenen Stufen inzwischen zerschmolzen waren. Beim unteren Schrunde zogen wir es vor, einfach über die Kluft hinweg auf den Firnschnee hinabzuspringcn. Nun marschirten wir den riesigen Aletsch- gletscher hinab und erreichten so gegen 7 Uhr Abends die „Concordia-Hütte", nachdem wir im Ganzen 20 Stunden unterwegs gewesen. Diese Hütte ist weder sauber noch schön, aber sie befindet sich in einer erhabenen Gebirgslandschaft, und man muß ihr deshalb diese Fehler verzeihen. Während wir bei der Suppe saßen, wurden wir durch die Ankunft von Gcmsjägern überrascht. Diese Leute, drei wilde verwetierte Gestalten, gedachten ebenfalls in der Hütte zu übernachten, sie luden ihre Beute ab, eine Gemse und ein Murmelthier. Die armen Kerle hatten außer einem Stück Brod nur einen Brocken gedörrtes Schaffleisch bei sich. Dasselbe besaß die Härte, den Geschmack und das Aussehen des Mahagoniholzes, und ich habe mir davon mühsam mit dem Messer ein Stück abgesägt. Genügsamere Gesellen, als diese drei Jäger, sah ich selten; in der Nacht legten sie sich, der größeren Wärme wegen, in einen Knäuel zusammen und bedeckten sich mit einer gemeinsamen Decke. Für den kommenden Tag hatten wir uns vorgenommen, das Finsteraarhorn kennen zu lernen. Die Gemsjäger behaupteten, es gäbe schlechtes Wetter, und wir verzögerten deshalb unsern Abmarsch bis 5 Uhr Morgens. Als sich jedoch um diese Zeit ihre Prophezeiung nicht zu erfüllen schien, nahmen wir Abs r ied und stiegen zunächst über eine» Paß, die Grünhornlücke, um in das Gefilde deS Berges zu gelangen. Beim Abstieg von der Paßhöhe sahen wir das Finsteraarhorn bereits in seiner ganzen dämonischen Wildheit vor uns liegen, und nach einer Stunde standen wir an den Felsen, die zu seinen Eishängcn am „Hugisattel" cmporführen. Eine kurze Rast in einem Felskamin machte uns wegen des kalten Windes wenig Freude, und ebenso erschienen uns die steilen Schneefelder, die das Gletschereis gefährlich bedeckten, recht unangenehm. Wären wir nicht hierhergekommen, um etwas überflüssige Energie auf gute Art loS zu werden, so wären wir vielleicht wieder umgekehrt. Aber beim Marsche über die endlosen Schneefclder entfernte sich der Geist bald von der rauhen Wirkichkeit, und uran erblickte in Gedanken irgend eine angenehme Fata Morgaua,z. B. ein glänzend erleuchtetes elegantes Cafö mit anatomisch gebauten Divans und dem spezifischen Geruchspotpourri von Cigarettcn, Parfums und Getränken. Mein Führer Hans war schlechter Laune; seine Cognacflasche war beim Rutschen über eine Schneebrücke zerbrochen. Als wir den „Hugisattel" erreicht hatten, kehrte bei der heftigen Kletterei, die nun folgte, aller Wagemuth zurück, und Punkt zwölf Uhr standen wir auf der Spitze des höchsten Gipfels der Berner Alp:n, des Finsteraarhorns. Der Tag war wundervoll, und wir legten uns vergnügt in die Mittagssonne der Windschattenseite auf das schöne Diorit-Gneisgestein, welches den Gipfel bildet. Der Abstieg nach der Grimsel zu, den wir sehr bald antreten mußten, um wenigstens nicht auf den Gletschern von der Nacht überrascht zu werden, verlief nicht ohne Zwischcn- fälle. An der Gamsilücke, einem kleinen Paß, entgingen wir knapp einem Steinfall. An brennendem Durst leidend, erstiegen wir das Obcraarjoch, einen zweiten Paß, und schritten den Oberaargletscher seiner ganzen Länge nach hinab. Wir rasteten kurze Zeit auf demselben, kochten Thee und zehrten den letzten, traurigen Rest unseres Proviantes auf. Die Landschaft war auf der ganzen Strecke von hochalpiner, imposanter Schönheit; häufig boten sich entzückende Fernblicke auf die Berge der Monte Nosa-Grnppr dar. Beim Sonnenuntergang warfen die Bergspitzen lange Schatten über die erbleichenden Eisflächen, deren Klüfte eine eisige Luft aushauchten. Da uns allen die Strecke, die uns von der Grimsel noch trennte, unbekannt war, so zündeten wir nach Verlassen des Gletschers die Laternen an, um einen Pfad zu finden, falls ein solcher da war. Unten, in der finsteren Schlucht, hörten wir das Brausen der Aar, und zu beiden Seiten erhoben sich die Bergwände des ehemaligen Glctscherbettcs. Vergebens suchten wir auf den schroffen Wänden den richtigen Weg, wir geriethen bald auf glatte Felsabstürze, bald blieben wir im hohen, nassen Gras und im Dickicht des Unterwaldes stecken. Wir waren von der Aussicht, unter einem Felsen übernachten zu müssen, keineswegs erbaut. Da sah Hans unter uns den heiß ersehnten Pfad! Zwei Stunden, die letzten einer lOstündigen, fast ununterbrochenen Wanderung, trennten uns noch vom Grimsel- hospiz, in dem wir um Mitternacht eintrafen. Endlich — und zwar schon nach fünf Minuten — schliefen wir wieder in einem ordentlichen Bett. Um die Mittagszeit sagten wir dem Hospiz Lebewohl und wanderten zur „Dollfußhütte", der reinlichsten und zweckmäßigsten Clubhütte, die ich je kennen gelernt habe — um hier zur Besteigung der Strahlegg und deS Schreckhorns zu übernachten. Ein Uhr Nachts waren wir wieder unterwegs. Erst nach vierstündiger Wanderung über den Unteraar-Gletscher wurde es hell, und nach dem Aufstieg zur Strahlegg lagerten wir uns auf der Paßhöhe zum Frühstück. Wir schwenkten alsdann nach rechts, zum Schreckhorn-Gletscher, der mit geringeni Gefälle gegen den gewaltigen Felsgrat deS Schreckhorns hin ansteigt. Der Gletscher zeigt nur wenige, aber riesenhafte Spalten, welche prächtige Profile durch den Gletscher boten. ^ Die Felsen der südwestlichen Flanke des Groß- Schreckhorns wurden durch eine zweistündige Kletterei überwunden, und wir erreichten so die tiefste Einsattelung des Grates, an der wir Halt machten und die bevorstehenden Dinge, eine sehr steile EiSwand und den scharfen Felsgrat, kritisch betrachteten. Hans nannte die Eiswand frivol das „Elliotzwängli", als diejenige Stelle, wo der Bergsteiger Elliot ausgeglitteu und ausgelitten. Die spiegelblanke Wand, die sich über 1000 Fuß an der Bergfeste in die Tiefe erstreckt, sah fürchterlich genug aus. Als wir dieselbe hinter uns hatten, — Hans nach langer, harter Arbeit mit dem Pickel, und die Urbrigen nach starker Nervenanspannung in der körperlich und geistig angreifenden Situation —, athmeten wir Alle auf. Wir kamen vom Regen in die Traufe, aber es war doch Ab- 753 wechslung. Um sich vom Kommenden, dem Gipfclkamm, ^ ein Bild zu machen, stelle man sich eine hohe, schmale, durch den Zahn der Zeit baufällig gewordene Mauer vor, auf der man aufrecht gehen soll. Näher dem Gipfel ging es besser, und das Bild war weniger abenteuerlich — die Füße der Vorangehenden waren nicht mehr hoch über den Köpfen der Nachfolgenden. Es war ein herrlicher Augenblick, als wir den weltentrückten Gipfel betraten, ein Augenblick, der sich tief in meine Seele eingrub. Nicht blos das starke Gefühl der Befriedigung war die Ursache hiervon, sondern das lebhafte Bewußtsein eines erhabenen, seltenen Genusses. Zum letzten Male sahen wir auf dieser Wanderung von einer himmelstürmenden Spitze aus weit über die Alpen hin und ließen unsere Blicke über die stolzen, kalten Berge schweifen. Nur der Gedanke an den Abstieg erschien unS wenig heiter. Wir sollten wirklich die Gefährlichkeit des BergeS, die seinen Namen rechtfertigt, erst auf dem Rückweg kennen lernen. Nach Verlassen des Gipfels, dessen grünlicher Gneis zahlreiche Blitzspnren ausweist, waren wir fortwährend auf dem „(Zu vive". Bis zum Sattel ging Alles gut, die steile Mauer balancirten wir kühnlich hinab, und mit größter Vorsicht stiegen wir das „Elliotzwängli" hinunter. Wir gelangten wieder glücklich auf die Felsen des Grates und der Flanke und kletterten zum Schrcckhorngletscher hinab. Hierbei wurden wir durch Steinfälle äußerst gefährdet. War es beim Aufstieg hier noch ganz harmlos gewesen in dieser Hinsicht, so pfiffen jetzt unaufhörlich Steine an uns vorüber, bald einzelne, bald ein förmlicher Regen. Sie besaßen Faust- bis Kopfgröße. Weder Fatalismus, noch Stoizismus nützten etwas, wir entwickelten eine hals- brechende Schnelligkeit. Am Bergschrund, wo der Steinfall am lebhaftesten war, glitt Hans in Folge der Hast aus. Merkwürdigerweise fiel er nicht in den Schrund hinein, sondern darüber hinweg, dorthin, wo ich schon stand. Als wir in Sicherheit waren, ruhten wir im Schatten eines großen Eisblockes aus, denn die Firnfelder glühten im Sonnenglanz. Gemeinschaftlich mit Herrn Drummond's Karawane, die von jedem Unfall verschont blieb, stiegen wir nun eine Schlucht hinab, deren Boden mit Gletschereis bedeckt war. Dies war die unangenehmste Kletteret des ganzen Tages. Herr Drummond verlor seinen Pickel, er flog in kühnen Sprüngen abwärts und entschwand in einer Eisspalte. Lange waren wir schon abwärts geklettert» als das Felsband, das wir benutzten, plötzlich ein Ende nahm und der Bach, der uns bisher begleitet hatte, als Wasserfall zum Gletscher hinabstürzte. Nach kurzer Nathlosig- keit ließ ich mich von Hans an das Ende eines 20 Meter langen Seiles binden und wurde von ihm über den Fels- vorsprung auf den Gletscher hinabgelassen. Bei dieser Gelegenheit kletterte ich so lange, als es anging, dann kam der unvermeidliche Ruck, durch welchen mein Leben an ein Seil gehängt wurde und ich, von Hans allein gehalten, immer tiefer sank. Hinunter hatte ich noch nicht gesehen; ich bemerkte nun zu meiner Ueberraschung, daß unter mir kein Kletscherboden kam, sondern eine mehrere Meter breite Kluft zwischen Eis und Felswand. Das Seil reichte gerade bis zum Niveau des Gletschers, und es glückte mir durch Hin- und Herschwingen denselben zu erreichen. Hans ließ nun auf die gleiche Weise Herrn Drummond und seine beiden Führer hinab, und er selbst — im Nothfall hätte er das Seil oben festgebunden und i geopfert — kletterte an einer seitlich gelegenen, leichteren Stelle herab, auf welche er von uns aufmerksam gewacht wurde. Und hierauf holte der Unermüdliche den Pickel des Herrn Drummond aus der Spalte hervor. Da die Nacht hereinbrach, liefen wir in thunlichster Eile den Gletscher hinab. Kaum waren wir etwa 10 Minuten entfernt, so erscholl plötzlich ein gewaltiges Donnern, und wir gewahrten, rückwärtsblickend, wie sich unmittelbar über unserer Abscilstelle ein Stück des Schreckhorn- Gletschers, der hier in starker Särac-Bildung begriffen ist, loslöste und in die Schlucht stürzte. Einige Blöcke kamen bis zu uns herangerc-llt, an unsern Gefährten vorbei, die sich verloren glaubten und einander, durch daS Seil verbunden, stark hin- und herzerrten. Unsere Ab- seilstelle sah jetzt ganz anders aus und war durch eine gigantische Schutthalde von Eisblöcken ganz leicht gangbar geworden. Wir hatten Alle genug vom Schreckhorn. In der Schwarzegg-Hütte rasteten wir einige Minuten, versahen das Fremdenbuch mit einer Notiz und versuchten uns an den Gedanken eines weiteren, fünfstündigen Marsches zu gewöhnen. Der Weg, der zahlreiche steile Leitern und Kletterstellen ausweist, ist an sich schon eine tüchtige Tour. Daß wir sehr müde waren, brauche ich nicht zu er» wähnen; sobald wir uns niedersetzten, schliefen wir ein. Wir waren glücklich, als wir die Lichter von Grindelwald schimmern sahen. Es schlug Zwölf, als wir im Dorfe eintrafen. Am Morgen stand ich frühzeitig auf und war Abends in Luzern. Es ist wunderbar, wie man durch aufregende Erlebnisse das Dasein stärker und tiefer empfindet. Wie eS Tage gibt, die eindrucksarm an uns vorüberziehen, gibt eS auch solche, die den Inhalt von Wochen an Gedachtem und Erlebtem in sich bergen und wieder die Fülle ihres Erinnerungsbildes das Leben länger erscheinen lassen, während sie es in Wirklichkeit eher verkürzt haben mögen. Solche Tage erlebt man aber nur im Kampfe, in diesem Falle mit der wilden Gebirgswelt — und deshalb schon ist der Kampf an sich das Erstrebenswerthe, ganz abgesehen von der ästhetischen Bedeutung und der ethischen Wirkung des mit ihm verbundenen Naturgenusses. Im Hochgebirge lernt die Persönlichkeit eine harmonische Macht über sich selbst behaupten und erhebt sich damit über den Wechsel der irdischen Dinge. Der Muth schlügt den Schwindel todt an Abgründen — und wo stünde der Mensch nicht an Abgründen? --SS-«--»»- Sand- und Lichtbäder. Schon seit langer Zeit kennt man auf Jschia, an den Küst.'N des mittelländischen Meeres, ferner in Nordcrney, in Travemünde und an den Gestaden der Ostsee die Anwendung von durch die Sonne erwärmten Sandbädern. In der Bretagne, besonders in der Umgebung von Anray, sind die Saudbädcr bei den Bauern allgemein üblich, indem man die an Rheumatismus, Podagra, Rachitis und ähnlichen Krankheiten Leidenden in warmen Sand steckt. Der Arzt M. Suchend hat ähnliche Bcrsnchc an den llfcrn der Rhone angestellt. Aber der von der Sonne erhitzte Sand halte ungenügende und veränderliche Temperatur. Seit 1865 erwärmt: man in Deutschland den Sand künstlich; der Doctor Flcmming in Dresden und der Doctor Sturm in Kostritz erzielten die ersten Erfolge. 759 Diese Erfolge veranlaßten nun den oben genannten Arzt Suchard, ebenfalls die künstliche Erwärmung einzuführen, und er hat in Lavcy eine Anstalt errichtet, die die deutschen Einrichtungen in großartigem Maßstabe angenommen und durchgeführt hat, und in der alljährlich Tausende von Bädern verabreicht werden. Man nimmt sehr reinen und von allen organischen Stoffen befreiten Sand. Dann setzt man ihn in einem großen Ofen einer Hitze aus, daß er bis zu 65 Grad Wärme annimmt, und rüttelt ihn, um eine gleichmäßige Wärme zu erzielen, häufig mittelst Schaufeln durcheinander. Darauf vermischt man mittelst Rechen den warmen Sand mit frischem Sand, bis die gewünschte Temperatur erzielt ist. Im Allgemeinen verabreicht man das Bad bei 45 und selbst. 50 Grad; bei weniger Grad hat man ein unangenehmes Gefühl. Bei Hüftweh und lokalisirtcm Rheumatismus geht man sogar bis zu 60 Grad. Die ersten Lagen des in der Badewanne ausgebreiteten Sandes haben 45 Grad. Wenn der Kranke auf diesem Sandbette liegt, bedeckt man ihn mittelst Schaufeln mit Sand. Der Bauch wird nur mit einer Lage von 10 Centimetcr bedeckt und die Brust mit einer noch geringeren, um die Athmung nicht zu behindern. Der Kranke muß, um den Sand nicht zu verrücken, unbeweglich bleiben. Nach dem Bade finden 25—45 Minuten lang dauernde Reibungen und Douchen statt, deren Wirkungen rapid sind: energisches Schwitzen, Gewichtsverlust von 800 bis 1000 Gramm. Das Sandbad übt also eine Wirkung aus wie die trockene Lust der Schwitzstuben, aber es zieht den Schweiß energischer aus dem Körper, und seine Wirkung ist vollständiger. Auch bringt die Hautausdünfiung eine günstige Abkühlung hervor. Das Hinströmen der Flüssigkeiten zu der Haut und die Nöthe derselben sind beträchtlicher als bei jedem anderen Bade. Endlich, und das ist sehr wichtig, kann der Sand in demselben Bade auf verschiedene Temperaturen erwärmt werden, so daß man nach Belieben die therapeutisch wirkende Kraft auf diesen oder jenen Körperthcil bringen kann. Das partielle Bad ist sehr wirksam; man verabreicht cS in besonderen Kästen und kann in diesem Falle die Temperatur bedeutend steigern. Kurz, der Sand wird ein Beförderungsmittel kostbarer Wärme, das dazu dient, die Wärme an den kranken Stellen zu lokalisiren. Daher wird auch das partielle Bad am häufigsten angewandt. Man darf behaupten, daß die Behandlung besonders heilbringend wirkt bei rheumatischen, tuberkulösen Leiden, bei Wunden, NückcnmarkSlciden, Krankheiten des Gefäßsystems, Rachitis u. s. w. Der Doctor Suchard hat bereits ganz bcmerkenswcrthc Heilungen auszuweisen. Ausgehend von dem Grundsätze, daß der Mensch, wie die Pflanze, zum Leben Lust und Sonne braucht, und daß, wenn eines dieser Elemente fehlt, das Blut dünner wird und Blutarmuth eintritt, verordnen mehrere Aerzte Luftbäder und setzen ihre Kranken viele Stunden hindurch den Strahlen der Sonne aus. Die Amerikaner haben diese Heilmethode verbessert, und um im Stande zu sein, zu jeder Stunde und an jedem Orte die praktische Anwendung zu machen, ziehen sie den Sonnenstrahlen die allzeit verfügbaren Strahlen des elektrischen Lichtes vor. Zu diesem Zwecke existnen augenblicklich in Ncw-Dork und in Philadelphia Einrichtungen der elektrischen Photothcrapic, die unaufhörlich : von Jahr zu Jchr, bei Tag wie bei Nackt, in Thätigkeit find. Eines der berühmtesten dieser Etablissements ist dasjenige der Frau A. Clcaves in New-Aork, wo die besten Resultate erzielt worden sind. Diese berühmte Aerztin wendet Bogenlampen an mit Wcchsclströmungcn, die Lampen sind mit Reflektoren derart versehen, daß sie das Lichtbüudel auf einen speciellen Punkt leiten, und hängen in den Winkeln eines kleinen Zimmers; wenn nun der vollständig entkleidete Kranke mit verhülltem Gesicht auf einem Bette liegt, so empfängt er 15 bis 30 Minuten lang eine Lichtdouche, bis eine gelinde Transpiration erzeugt ist. Miß Cleaves hat in einem Berichte an die mcdi- cinische Akademie zu New-Iork die wunderbaren Heilungen erörtert, die stattfanden in zahlreichen Fällen von Neur- asthemie, Blutarmuth, Verdauungsstörungen, nervösen Leiden, bei entstehender Tuberkulose und Krankheiten der Athmiingsorgane. Die Elektricität scheint auch bestimmt zu sein, in einem Kampfe, den Hygiene und Schönheitsgefühl seit langer Zeit vergeblich führen, in dem Kampfe gegen das Corsct, ein gewichtigtes Wort zu sprechen. Im Namen der Wissenschaft, im Namen der Elektrotechnik, hat sich ganz Calisornien gegen diesen Apparat moderner Tortur erhoben und fordert die Abschaffung oder wenigstens eine radicale Verbesserung. Ein Professor Meads gab den ersten Anstoß z» diesem Vcrnichtungskampfe. Beauftragt, in der höheren Töchterschule zu Oakland in das Gehirn der jungen Damen die Anfänge der Lehren Faradays, Ampcres, Ohms u. a. zu pfropfen, unterstützte er seine Vortrüge mit Experimenten. Als aber ein junges Mädchen sich den empfindlichen Instrumenten, die die Exaktheit der verkündeten Lehren beweisen sollten, näherte, fingen die Spitzen der Galvanometer an, einen wahren, zügellosen Tanz aufzuführen. Obwohl Meads wußte, daß seine Instrumente sehr empfindlich seien, konnte er dennoch nicht glauben, daß sie aus Entzücken über die Schönheit der jungen Californieriuncn aus Rand und Band gerathen seien. Seine Untersuchungen führten zu dem Ergebniß, daß die Stahlstangeu in den Corsets die alleinigen Schuldigen an dieser Störung seien. Trotz eines strengen Verbotes, weiterhin Corsets zu tragen, dauerte der Zustand fort. Die Direktion der Schule mischte sich in die Sache, und es wurde beschlossen, daß nach einem namentlichen Aufruf und einem Versuche am Galvanometer alle Schülerinnen, die einen „ungünstigen Einfluß" auf die Apparate ausüben würden, ohne Nachsicht entlassen werden sollten. Das gab dann Thränen, Beschwerden, Verstimmung und Feindschaft. Aber die Direktion ließ sich nicht erweichen und hat somit das Verdienst, den ersten erfolgreichen Kampf gegen das Corset eingeleitet zu baden. Möge cr weiter von Erfolg sein! ^nF8dui croi' 8ekinvliI>killt. cloi krntlm eit. ^ngslinrg. — Dieses itlotto galt DU- eins vergossene Leinester beim Lelürclilrinli Augsburg vollaul. nie Altmeister Lteinitr. in. seiner letzten ^nsclrrilt treibend Iienierlrte. — zVesentlicb angetnelit dnreli das grosse Inrnier in Nürnberg Irnm lins lvlublelien ivälirend der Loiimierperiodo nielit ini Geringsten rinn Stillstand, sondern allerseits Iierrselite reges Interesse: namentlieli jene Llitglieder, rveleliv s. A. als «laste rles Xüinlierger Illulis dortselbst anncsend ir.aren, rverden sieli stets der angeiielimen Isindiiieke gerne erinnern; 760 besonders Anerkennung verdient die Lulmerksamkeit der Herren Outmanu, 8 obrödor und Wertboimor des Nürnberger Klubs, belebe nntoiuander wetteiferten, nm den kiesige» Klub von Allein, was Interesse bot, in erster Linio nnd stets sofort an nntcrriebten Dasselbe gilt aneb — last not least — dem nnermüdlieben Lnndessecretair Herrn kost- official Kürs ebner. — In ebenso angonvbmor Erinnerung ist bei allen klitgliedorn der Desucb von Kleister Lteinitr. — Inawiseben batto aucb eines der stärksten klitglieder des Klubs, Herr Ingenieur Ilicbard Dur, Oolegenbeit, denselben in London bestens au vertreten, indem er in Limpson's Divan daselbst den britiscben Lltmeistor Lird glanrend besiegte. — Lucl> das Wintersemester bat unter sebr günstigen Zuspielen begonnen; gleiebsam als Einleitung bat vor Kuraoni ein engerer klatcb awiseben den Herren Lacbniann, Häusler, Kunstmann und Kla^lngor stattgefunden, wobei Ilr. Häusler als erster und Ilr. Olticial Daebmann als aweiter Dreisträger borvorging. — Lnscblissseud bieran liat nunmelir aneb das Dnrnior begönne»; bieran betlieiligen sieb ^otat sebon 18 klitglieder, darunter die stärksten Kämpen des Klubs, so dass solobes in seinem Verlaufe bücbst interessante Klomente bieten dürfte; gespielt wird in drei Klassen, wclcbo mit Dreiser) aus- reiclisnd dotirt sind, wodurcb aneb den scbwäeberen Dbeil- nebmern Aussiebt auf einen solcbcn geboten ist; ausserdem erbalten die Lioger der ersten Klasse wieder kunstvolle Diplome. — Im weiteren Verlaufe des Wiutorsomestors sind noeb Veranstaltungen von Dlindlings- uud Limultan-Lpielen etc. vor- geseben. — 6egenwärtig aäblt der Lcbacliklub Lugsburg 7 Kliren- und 4l aktive klitglieder und ist im Verbände des Dayerissben, sowie Ventscben Lebacbbundes; er verfügt über ein sebr bebagliebes Klublokal, vortrolkliebos Lpielmaterial und rsielibaltige Libliotbek. — Ln Daobaeitscbrlfton liegen wäbrend der Lpielabcnde aur Lenütanng für die Klitglieder auf: 1) „Deutsebo 8ebaobaeltung" — Loipaig; 2) ,.Veutsebos Woebenscbaeb'' — Derlin; 3) ,,Derl!ner 8ebacbaeiluug" von 0. L. Walbrodt; 4) „Da 8trategio" — Daris; 5) ,,'I'be Dritisb Obess klagaaiuo'' — Kngland. Die Lpielabende sind wie seitber Dienstags und Dreitags von 8 b. Lbeuds an im Klublokal — Oafö Lugusta — Keparat- aimmer. — Lebacbfreunde willkommen! Reüiiolozx. Die englisebcn Lebaebfrvnnde babvn sebon wieder den Verlust eines ibrer — wenn aueb nicbt gerade stärksten — so doeb genialsten Lobaebmoistor au beklagen. Lin 3. Oktober starb nämlieb au Datb (im Hanse seines Vaters) William Ilenr^ Krause Dollook iw Liter von nicbt gana 38Iabrou. Dolloek war am 21. Debruar 1859 au Obelten- bam geboren und fand seine Kraiobung auf dem Lomerset- sbire-Oollege au Datb. Kr wiilmeto sieb dem modiainisebeu Ltudium und erwarb siclr sein Diplom 1882 au Dublin, woselbst er sieb aneb iw dortigen Lckaebklub seine scbaeblicben Kenntnisse aneignete. Luf irisebem Loden vollbracbte er aueb seine grösste Scbaebtbat, indem er auf dem Kongress au Lel- fast 1886 Dlaekburne und Durn besiegte und damit den ersten Dreis erstritt. Im Ilobrigen war seine öftere Dvtboiligung au grösseren 'I'urnieren meist von wenig Krfolg begleitet, da er einerseits sieb bäubg in ungesunden tbeoretiseben Keuorungen vcrsucbte und dann im Lllgemeiuen das Durnierspiel aueb niebt mit .dem nötbigen Krnst betrieb. Oleicbwobl ist es ilim stets geglückt, beaebtonswortbo Kinavlorfolgo au erringen. 8o ist seine Oewinnpartie gegen IV ei ss i in K o w- Vorker Durnier 1889 durcb seine geniale Lpielfübrung geradezu berübmt geworden Lueb au Ilastings 1895 blieb er in drei überaus gewandt goiubrten Lpielen gegen Kleister wie Onnsberg, Lteinitr und Dr. Darrascb Lieger. 8eit 1890 blelt er sieb in Kord-Lmerika auf, woselbst er längere Toit au Dalümoro die 8ebaebspalte in den ,>Daltimore 8undax Dimes" in sebr anvrkennenswertbcr Weise leitete. Tuletat bildete er in klontreal den Klittvlpuukt der kanad- iseben 8cbaclibostrebungen, bis ibn annebmendo Kränkllcbkeit awaug, im Vaterbauro Krbolnug und Oenosung au sucben, leider obno Krfolg. Unter den 8ebaebspielern war Dolloek wogen seines einnebmenden Wesens, wie wegen seines originellen und geistvollen 8 pielos sebr beliebt. Dretflicbo Droben des letzteren befinden sieb in Ludwig Daebmann's 8 cbaeliwerk: „Oeistroiebe Lcbaebpartion alter und neuer Toit" (Vorlag von 0. Drügel L 8obn in Lnsbacb) unter Kr. 248, 268, 269, 277, 303 und 353. Lufgabe Kr. 6. Do/r //. L. r/r 8cbwara. Weiss. Weiss riebt an und sotat in awei Tügen mat. Die folgende kartis gebort au den sebönston des Desto r Kleiste rturniers, wolebes üborbaupt dureb die unternebwende 8pielweise, deren sieb die meisten der Dbeil- nobmer belleissigten, bemorkenswertb ist. Ks sclioint fast, als ob der muntere 'Don dos Lebens in der ungariseben Hauptstadt aueb die ernsten 8ebaebmeister unternobmungslustigoi gemacbt bat. — Dartio Kr. 7. -s Weiss: killst) M'5 (Kew-Vork). 8 ebwarr: Winnw'vr (Warscbau). 3: Ä Weiss: killsbnix (Kew-Vork). 8 ebwar 2: Winawer (Warscbau). i d2-d4 d7—d3 12 Lei—o3 Vd8—o? 2 c2—c4 o7—e6 !3 Dd1-d3 Df8-o8 3 8bl—c3 o7—06 14 c4—c5 Ld6-f8 4 o2—e3 8g8-f6 15 8k3-e5 LfSXo-5 5 8g1-f3 Lk8-d6 16 Le3Xb6(b) Le5Xd4 6 Lfl—d3 8b8-d7 17 Dd3Xd4 g?Xb6 7 0-0 0-0 18 Dd4-f4 8f6-d5 8 e3—e4 43X^4 19 D14Xb6 f7—f6 9 8o3Xo4 8f6Xo4 20 12—f4 Do8—o7(o) 10 Ld3Xe4 8d7-f6 21 8eö—g6 8obwara gibt 11 Ld3—e2 b7—b6?(a) dieDartio auk. a) Kiebtgut, aber es drobt 12. Lei-gö nebst I3.vdl—d3! b) Kine überaus feine Oombination, wolcbs die geniale 8piolweise des jungen Lmerikaners trelllieb cbarakterisirt. 8ebwara darf den Läufer letal. nicbt nebmcn, da er sonst dureb 17. Dd3—g31 seine Dame einbüsst. e) 8cbwara bat keine Vertboidiguug mobr, auf20.Ds7—gr folgt 21. Vb6—l>5 mit der vermeidenden vrobung 'DU—f3. r-7/r-r. Ebb, rr/L/-..' Deston Dank für das originelle 8gbcrrproblom, wclebvs wir eventuell gclogentlicb verwertben! -- Ibra liebenswürdig anerkennenden Teilen baben uns sebr erfreut und werden wir ank die darin entbaltene Lnirage demnäebst aurllekkommon! — Die Kamen louor 8cbaobfreunde, wolclie unsere Kndspiels und Droblome ricbtig lösen, sowio die Lösungen inner balb drei Wo eben einsenden, werden stets an dieser 8tcIIo ver- öllentliebt. WA" Llles auf das 8ebacb Deaügliebo ist ausnabmslos au adressiren ^ ,.Ln die Redaction des Lugsbnrgor 8ebacb- blLtt — Oats Lngnstg, — Lngsbnrg." « sd. 1896 . „Nugsburger Postzritung". Viustag, den 1. Dezember Iür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Lilerarischen Instituts von HaaS L Grabderr in Augsburg lVorbefitzer Dr. Mar Huttler). Advent. Umtost von kalten Lüften, Den Fuß auf Blumengrüften — Eilt still ein Pilger hin. Die Lande um ihn schweigen, Die grauen Nebel steigen, Die Wolken dunkel zieh'n. Die Zeiten gingen schnelle, Er war nur eine Welle Im wetten Ocean. Sein Glück hat er begraben, Und auch die Menschen haben Ihr Theil dazu gethan. Sie sagten: Warten, warten, Bis auch in Deinem Garten Die Düfte milder weh'n. Er hat in Tag und Jahren Das alte Lied erfahren, Die Sehnsucht blieb besteh'n. Sein Herz hat laut gestöhnet Nach einem, der's versöhnet Und ihm den Kelch versüßt. Da sah er ein Gesichte: Es hat der Herr voll Lichte Sein müdes Haupt geküßt. Adolph Müller Im fremden Wandel Erzählung von C. Borges. (Schluß.) VI. „Diese hier ist meine liebe, kleine Nichte und Adoptivtochter — Rosalie von Bornfeld." Mit diesen Worten stellte Herr Lambrecht seinen Liebling vor, als die ganze Familie Davidsohn, die Eltern, sieben Kinder, von zwölf Jahren an abwärts steigend, und die Gouvernante dem großen, schwerfälligen Omnibus entstiegen. Rosalie fühlte die großen, stechenden Augen der Erzieherin durchbohrend auf sich gerichtet, als sie die freundliche Begrüßung der Eltern und der kleinen Schaar herzlich erwiderte. „Fräulein River freut sich auf diesen Besuch nicht weniger wie wir", versicherte die Mutter mit gönnerhaftem Lächeln. „Das Leben auf unserer Farm bietet wenig Abwechselung, es ist sehr einsam, besonders wenn man an die Zerstreuungen des Stadtlebens gewohnt war." Die Gäste waren in ihren Gemächern, um sich von den Strapazen der mühsamen Reise zu erholen. Rosa saß allein in ihrem Zimmer, als nach einem leisen Pochen an der Thür Thomas zu ihr eintrat. „Nun?" „Was wünschen Sie?" „Einige Informationen. Sehen Sie nur nicht so überrascht drein; ich weiß, daß sie da sind. Was denken Sie von ihnen?" „Frau Davidsohn scheint eine prächtige Dame, auch ihr Gatte gefällt mir gut. Die Kinder sind süße, kleine Geschöpfe." „Zugegeben. Die Mutter ist kaum zweiunddreißig Jahre trotz ihrer kleinen Heerde." „Sie sieht älter aus." „Die Frauen altern schnell hier in diesem heißen Klima. Was haben Sie weiter zu sagen?" „O, ich weiß wohl, was Sie wissen wollen. Ich habe Linda River gesehen und finde sie sehr schön. Frau Davidsohn sagte, sie habe sich auf diesen Besuch sehr gefreut, und sie hofft, wir sollen Freundschaft schließen, da sie mit mir im gleichen Alter steht." „Sie ist achtundzwanzig Jahre", verbesserte Thomas. „Mag sein, aber sie gefällt mir nicht." „Das freut mich." Dann fuhr er nach einer kleinen Pause fort: „Sie kennt Ihre Tante und Ihre Cousinen." „Wirklich?" Rosa's Stimme klang ganz ungläubig. „Wie ist das möglich? Meine Tante war niemals in Afrika." „Nein, aber Fräulein River war ein ganzes Jahr lang in Deutschland und hat dort mit Ihren Verwandten enge Freundschaft geschlossen. Sie hat sämmtliche Photographien und steht bis jetzt noch mit ihnen in reger Korrespondenz." „Die ganze Familie haßt mich", sagte Rosalie traurig, „aber glauben Sie, daß Ihr Vater mich fortsenden würde, selbst wenn meine Tante etwas Nachteiliges von mir an Linda River geschrieben hätte?" 762 „Mein Vater wird Sie niemals fortsenden", beruhigte er, „aber Linda wird sich bemühen, Ihr Lebensglück zu zerstören, darum wünsche ich so sehr, sie wäre niemals gekommen." Es war am Tage vor Weihnachten. Die anderen Gäste waren noch nicht erschienen; sie wohnten in der Stadt und wurden erst für den folgenden Tag erwartet. Aber die Davidsohn's, Groß und Klein, wachten schon eine bedeutende Gesellschaft aus, und das Antlitz des alten Herrn strahlte vor Freude, als er den Kreis seiner fröhlichen Gäste anschaute. Sein Sohn und Erbe war weniger erfreut. Der Zufall hatte es gewollt, daß er beim Mittagsmahl seinen Platz an Linda's Seite fand; er hoffte nur, daß sie in diesem großen Kreise keinen Versuch machen würde, auf alte, längst vergangene Zeiten zurückzukommen. Er hatte sich getäuscht. Bei dem heiteren Geplauder der Kinder hoffte sie, nur von ihm verstanden zu werden, denn ihre ersten Worte lauteten: „Vor drei Jahren hatte ich nicht gedacht, als Ihr Gast die Schwelle Ihres Hauses zu betreten." Die Anspielung war deutlich genug, doch Thomas war derselben vollkommen gewachsen. „Als meines Vaters Gast", verbesserte er mit der größten Ruhe. „Fürchten Sie nichts, Fräulein River, er hat von dieser kleinen Episode in unserem Leben keine Ahnung." „Haben Sie die Zeit vergessen?" „Nein", er sah ihr fest in die Augen, „es gibt Augenblicke im Leben, die ein Mann nie vergessen kann. Wenn es Ihnen aber eine Beruhigung ist, so seien Sie versichert, daß ich Ihnen vergeben habe." Linda River war schlau und listig, obgleich sie durch eigene Schuld so früh in ihrem Leben Schiffbruch erlitten hatte. Sie wußte, daß sie keine Hoffnung auf den Besitz des Namens dieses reichen Kaufherrn hegen dürfe, und sie ahnte, daß sein Herz einer Anderen gehöre, aber wer war ihre Nebenbuhlerin? Ehe die Tage des Weihnachtsfestes vorüber waren, wußte sie mehr, als sie in den wenigen Tagen zu erfahren gehofft hatte. Ohne Thomas' Wissen hatte sie ein Gespräch belauscht, welches er mit Frau Davtdsohn führte, und von dieser Stunde an waren ihre Augen geöffnet. Die alte Dame hatte ihre Freude über Rosa's liebliche und anmuthsvolle Erscheinung offen ausgesprochen und den Entschluß des Herrn Lambrecht sehr gelobt, eine Tochter zu adoptiren. „Natürlich ist er reich genug, ein halbes Dutzend Töchter zu adoptiren", schloß sie ihre lange Rede, „aber viele Söhne würden es nicht gerne sehen, ihre Rechte geschmälert zu finden." Der junge Mann lächelte. „Ich gönne ihr gern einen Platz im Herzen meines Vaters, aus dem sie mich niemals verdrängen wird", versetzte er sorglos. „Es war das Beste, was er je in seinem Leben gethan hat, als er sie zu sich in sein Haus nahm. Sie erhellt unser Leben wie das Sonnenlicht, und ein Jeder, der sie kennt, muß sie lieben." Linda hörte diese Worte, und sie biß die Zähne aufeinander in ohnmächtiger Wuth. „Er soll sie niemals heirathen, niemals!" knirschte sie. „Diese kleine Person, die von der ganzen Familie Bornfeld so verachtet wurde, soll meine Nebenbuhlerin nicht sein, ich will ihren Plan schon kreuzen, so listig er auch angelegt ist." Georgine von Bornfeld hatte vergeblich auf das Glück gewartet, die Gattin des reichen Gutsbesitzers Wil- mer zu werden. Als dieser sich aber mit einer anderen Dame verlobte, kannte ihr Zorn keine Grenzen mehr; sie gab Rosalie allein die Schuld und wollte sich an ihr rächen, trotzdem das Weltmeer zwischen ihnen lag. Da gedachte sie ihrer früheren Freundin Linda River. Natal und Marydale lagen zwar weit von einander getrennt, aber ihre Kenntnisse in der Geographie waren sehr allgemein, und sie dachte, daß die Einwohner Afrikas schon Gelegenheit finden würden, sich zu treffen. Darum schilderte sie das Benehmen und den Charakter der entfernten Verwandten in den grellsten Farben und legte ihr hauptsächlich zur Last, alle hetrathsfähtgen jungen Herren aus dem Hause zu vertreiben. „Ich halte es für meine Pflicht, Dir über den Charakter dieser Heuchlerin die Augen zu öffnen", schloß sie ihren ausführlichen Bericht, „denn Du wirst gewiß Gelegenheit haben, sie zu sehen, und ich warne Dich, denn es wäre mir sehr schmerzlich, wenn Du oder Deine Geschwister durch ihre Falschheit und Koketterie unglücklich gemacht würden. Rosalie versteht es, durch Trug und List die jungen Herren an sich zu fesseln und macht sich kein Gewissen daraus, das Lebensglück Anderer zu zerstören, wie sie es auch bei mir gethan hat." Linda River hatte die Zeilen ihrer ehemaligen Freundin kaum beachtet, aber jetzt kreuzte Rosalie ihren Weg — sie entsann sich jedes Wortes des Briefes und wollte ihren Vortheil daraus ziehen. Das Wethnachtsfest war vorüber. Dr. Manners hatte die Gäste seines Freundes nach dem Waldhof eingeladen, dazu auch viele Bekannte aus Marydale. Auf diesen Abend setzte Linda ihre größte Hoffnung. Sie erschien in einem einfach eleganten Spitzenkleide, das rabenschwarze Haar mit zierlichem Vergißmeinnicht geschmückt, kleine Sträußchen derselben Blumen befestigte sie am Hals und am Gürtel. Frau Davtdsohn, die gern ihre Gouvernante an diesem Vergnügen Theil nehmen ließ und deshalb bei ihren Kindern daheim blieb, schaute sie wohlwollend an und prophezeite ihr, daß sie die Schönste aller Schönen auf dieser Festlichkeit sein werde. Doch Thomas, an den diese Worte besonders gerichtet waren, achtete weder darauf, noch antwortete er; seine Augen hingen an der zarten, elfenhaften Gestalt, die jetzt die Treppe herab kam. Es schien ihm, daß Rosalie in ihrem schlichten weißen Kleide mit dunkelrothen Rosen die Königin des Festes sein würde. Es herrschte eine drückende Schwüle in den festlich geschmückten Räumen des Arztes, viele Gäste zerstreuten sich im Garten, um unter den hohen, schattigen Palmen und Kokosnußbäumen erfrischende Kühlung zu suchen. Auch Thomas Lambrecht schritt hinaus. Er kannte eine versteckte Nasenbank, die ihn zur Ruhe einlud, aber plötzlich hörte er eine nur zu bekannte Stimme, die laut und vernehmlich, daß viele Umstehende es hören konnten, sagte: „Ich kann es Ihnen versichern, es ist die volle Wahrheit. Die ganze Familie von Bornfeld ist mir sehr befreundet, und die älteste Tochter Georgine hat es mir ausführlich geschrieben, um mich gegen diese Heuchlerin zu warnen." „Aber das müßte Herr Lambrecht doch wissen! Ich hoffe bestimmt, Sie irren sich, Fräulein River, denn wir Alle haben die kleine Rosalie sehr lieb gewonnen." „Ich wünschte selbst, es wäre ein Irrthum, liebe Frau Parker", fuhr Linda herzlos fort, „aber es ist gar nicht daran zu zweifeln. Um vollständige Sicherheit zu haben, fragte ich gestern, ob sie die Nichte der Familie von Bornfeld in B. sei, und sie sagte ja. Die guten Leute haben oft versucht, ihr eine Stellung zu verschaffen, aber überall wurde sie schon nach wenigen Wochen wegen ihrer Heuchelei und Falschheit aus dem Hause gejagt. Dann hat die Tante sie selbst in ihr Haus aufgenommen und sich bemüht, sie zu bessern, aber sie wollte ihre Fehler nicht ablegen. Durch herzlose Koketterie suchte sie wie eine Schlange junge Herren in ihre Netze zu ziehen, sogar den Bräutigam ihrer Cousine hat sie durch List und Bosheit aus, dem 'Hause vertrieben. Sie — — „ Still,still" unterbrach Frau Parker, „ich kann's nicht glauben." „Aber es ist so",be- harrte Linda eifrig. „Sie ist eine vollendete Heuchlerin, und wie ich höre, treibt sie hier dasselbe Spiel wie in ihrer alten Heimath." Sie war zu weit gegangen; mitzornsprühen- den Augen stand Thomas plötzlich vor der kleinen Gruppe. „Sie kennen mich seit meiner Kindheit, Frau Parker", sagte er mit vor Erregung bebender Stimme, „und Sie werden mir doch das Zeugniß gehen, daß ich die volle Wahrheit spreche. Ich bitte daher, kein Wort von dem zu glauben, was Sie soeben gehört haben." Frau Parker schaute verlegen zu Boden. „Wirklich, Herr Lam- brecht, ich wußte-", stammelte sie, verwirrt und hielt inne. „Sie werden ^diesem Geschwätz keinen Glauben schenken", fuhr er erregt fort, „aber Andere, die diese Worte gehört haben, könnten es thun, und heute möchte ich gern ein für alle Mal diese Angelegenheit erledigen. Nosalie ist eine chrenwerthe Dame von untadelhaftcm Charakter, die aber im Hause ihrer Verwandten unterdrückt und wie eine Sklavin behandelt wurde. Für das kärgliche Brod, das ihr kaum genügend gereickt wurde, hat sie wie eine Magd gearbeitet, und ihr einziger Fehler ist, daß sie sich dieser empörend schlechten Behandlung nicht energisch widersetzte." Er hielt inne. Seine Worte hatten auf die Anwesenden einen sichtlichen Eindruck gemacht. „Georgine von Bornfeld hat es mir aber selbst ge- chrieben", beharrte Linda River. „Sie sagte, Rosalie ei eine heuchlerische Kokette, die nur darnach strebe, junge Herren an sich zu fesseln." Thomas lächelte überlegen; er beachtete die Worte der Sprecherin nicht und fuhr zu Frau Parker gewendet fort: „Wie sehr muß sich doch Fräulein Nosalie in den wenigen Monaten ihres Hierseins geändert haben! Denken Sie nur, mein Vater hat nicht wehr und nicht weniger als sechs Herren abweisen müssen, die um ihre Hand anhielten; und als vor einiger Zeit wieder einer kam, der sie als Gattin begehrte, bat sie meinen Vater, ihr nichts mehr davon zu sagen, da sie fest entschlossen sei, bei ihm zu bleiben." „Vielleicht hatte sie guten Grund dazu", höhnte Linda, „es sind ja zwei reiche Herren im Hause, und sie wird wohl wissen, wem sie den Vorzug geben soll." Jetzt erschien Frau Parkers Tochter. Es war Allen eine Erleichterung, daß sie Ltnda's Arm nahm und sie der kleinen Gruppe entführte, um sie einem Freunde vorzustellen. „Warum haßtsieFräu- lein Rosalie so sehr?" fragte Frau Parker im Flüstertöne. „Ich weiß nicht; es müßte denn sein, daß alle schlechte Frauen die guten hassen. Ich wünschte nur, mein Vater hätte diese Worte gehört, er würde sie besser zum Schweigen gebracht haben." „Das glaube ich nicht", sagte.eine alte Dame, die schweigend der Scene gelauscht hatte. „Ein Jeder weiß, wie sehr der gute, alte Herr das Fräulein liebt, aber daß Sie,Herr Thomas, der Sie doch niemals Damen in Schutz nehmen, Fräulein Rosa so glänzend vertheidigt haben, ist der beste Beweis von Linda's Verleumdung." „Ich hoffe, sie wird nie erfahren, was hier gesagt wurde; es würde ihr sehr schmerzlich sein", sagte der junge Mann ernst. „So viel an mir liegt, soll sie kein Wort erfahren", versicherte Frau Parker, und die anderen Damen pflichteten ihr bei. Thomas Lambrecht durchwanderte den großen Garten; er suchte Rosa und wußte nicht, wo er sie finden sollte. Linda's schmähliche Verleumdung des unschuldigen Mädchens hatte ihn heftiger erregt, als er sich selbst gestehen wollte, und er fürchtete, ob nicht ein verletzendes Wort zu ihr gedrungen sei. Aber Rosa war nicht im Garten. Er ging in das Haus, Niemand hatte sie dort gesehen. Hilda Manners versicherte ihn, sie sei noch vor einer Stunde bei dem Onkel gewesen, seitdem aber nicht mehr gesehen worden. Aber der alte Herr saß gemüthlich bei einigen älteren Erika Wrdrkind Herren und war so vertieft in seine Whistpartie, daß er die Frage seines Sohnes nach Rosa ganz überhörte. Thomas wurde immer unruhiger. Jetzt wurde das Zeichen zum Abendessen gegeben, und die zahlreichen Gäste versammelten sich gruppenweise in dem Speisesaal, doch Rosa war nicht unter ihnen, so sehr der junge Herr seine Augen und alle seine Sinne anstrengte, um eine Spur von ihr zu entdecken.Z Langsam schlenderte er nach dem Palmen- garten zurück, er wußte kaum, was er dort wollte, denn dort war er schon so oft gewesen und hatte sie nicht gefunden. Alle Nasenbänke, Sessel und Hängematten waren leer, schon wollte er zurückkehren, als er hinter einer breitblätterigen Daturusstaude ein weißes Gewand schimmern sah. Schnell eilte er vorwärts, bald hörte er ein unterdrücktes Schluchzen und wußte jetzt, daß Linda's herzlose Worte das arme Mädchen in tiefster Seele verwundet hatten. „Rosa!" Keine Antwort erfolgte. „Rosa!" rief er abermals, „ich habe Sie schon so lange gesucht." Er beugte sich zu der Weinenden herab, richtete sie auf und führte sie mit sanfter Gewalt zu einer Rasenbank. „Rosa", wiederholte er und erfaßte ihre zitternden, kalten Hände, „warum weinen Sie, was ist geschehen?" „Ich — ich kann es Ihnen nicht sagen", schluchzte sie. „Ich weiß alles. Ich kam gerade noch zur rechten Zeit, um Linda Niver's Worte zu hören." „Glauben Sie denn, was sie gesagt hatte?" „Ich weiß, daß es Verleumdung ist!" „O! Es war hart und grausam. Ein Zeder wird es glauben; — ich will fortgehen und mich verbergen." „Ja, es war grausam", gab Thomas zu, „aber Sie wissen, Rosa, Niemand glaubt es, der Sie kennt. Granville zum Beispiel glaubt es nicht." „Ich kümmere mich wenig darum, ob Granville es glaubt." „Nun, Dr. Manners und seine Frau glauben es auch nicht, und ich ganz gewiß nicht." „Ich dachte, Sie würden sich darüber freuen." „Sie beurtheilen mich falsch", versetzte er ruhig. „Aber Sie hassen doch alle DamenI" „Sie sind eine Ausnahme." „Nun", sagte das junge Mädchen, gewaltsam die Thränen zurückdrängend, „Ihr Leben soll durch meine Gegenwart nicht länger getrübt werden; noch heute will ich Marydale verlassen." „Wohin wollen Sie denn gehen? Ich möchte es gern bald wissen, denn ich gehe auch fort und muß noch einige Vorbereitungen treffen." „Sie scherzen wieder." „Nein, Rosa, ich scherze nicht." Er sprang auf, und ohne daß sie es hindern konnte, umschlang er sie fest mit seinen Armen. „Rosa, Geliebte I" rief er stürmisch, „weißt Du denn nicht, daß ich Dich liebe? Ich kannte das Ge- i!>> heimniß meines Herzens selbst nicht eher, M bis ich Linda's grausame Worte hörte, obre da gingen mir plötzlich die Augen auf. Ich würde heute noch nicht so offen mit Dir gesprochen haben, aber wenn Du in der Welt umher wandern willst, so gehe ich mit Dir, damit Du doch einen Beschützer hast." „Ich dachte-Sie haßten mich." „Ich wollte Dich hassen, aber es gelang mir nicht. Als ich Dich zuerst sah, hielt ich Dich für Frau Manners Gesellschafterin, und schon damals fühlte sich mein Herz zu Dir hmgezogen." „Es wäre besser gewesen, ich wäre niemals gekommen; Fräulein Rivers Worte könnten mich dann nicht so sehr verletzt haben." „Als meine Gattin können Dich ihre Worte nicht mehr verletzen. Sage mir offen, mein Liebling, willst Du das Glück Deines Lebens in meine Hände legen?" „Ich will niemals heirathen." „Warum nicht, liebst Du mich nicht ein wenig ?" „Mehr wie „ein wenig". O, Thomas, ich wollte immer bei Dir und bei dem Onkel bleiben", flüsterte sie heiß erröthend. Er schloß sie in seine Arme und küßte sie leidenschaftlich. „Rosa", sagte er dann, „die letzten Worte der alten Zigeunerin sind erfüllt; am Weihnuchtsfest ist der Stern Dewes Glückes aufgegangen; das rst der Stern der Liebe." „Das waren gar nicht die letzten Worte", erwiderte sie schelmisch und schmiegte sich fester an seine Brust. „Nicht? Hat sie Dir vielleicht den Mann Deiner Wahl beschrieben?" „Jetzt beantworte ich keine weitere Fragen", lachte Rosa, „aber sieh' dorthin, Thomas. Die Thüren des Speisesaals sind geöffnet, das Essen ist beendet, die Gäste kommen schaarenweise in den Gartl-n. und man wird uns hier finden." „Lass' uns nach Hause gehen", schlug er vor, „denn unser täto-ü-tsts soll noch nicht in der ersten Stunde gestört werden." Der alte Herr Lambrecht war schon vor dem Essen heimgekehrt und saß auf der Veranda, gemüthlich mitFrau Davidsohn plaudernd. Thomas trat auf ihn zu und rief heiter: „Endlich erfülle ich Deinen Wunsch, lieber Vater. Ich will eine eigene Häuslichkeit gründen, und Rosa wird mir dazu verhelfen. Gratulire uns l" Der alte Herr stand auf und schloß tief bewegt das erröthende Mädchen in seine Arme. „Du hast mir den größten Wunsch meines Herzens erfüllt, mein Sohn", versicherte er gerührt, „möge sie Dich glücklich wachen." Nun folgten frohe, glückliche Tage; Linda River schützte Kopfschmerz vor und verschloß sich in ihrem Zimmer, worüber die Kleinen ganz glücklich waren, denn sie fürchteten sich vor ihrer schönen Gouvernante. Thomas drang auf eine schleunige Hochzeit und wollte nicht länger als bis Anfang Februar warten; doch Frau Davidsohn meinte, die Verlobungszeit sei viel zu kurz, in 766 so wenigen Wochen könnten ja kaum die Hochzeitsgeschenke von Deutschland herüber kommen. Rosa lachte und gab die Versicherung, sie erwarte gar keine Geschenke, da sie in der alten Heimath keine Freunde hinterlassen habe. Doch darin halle sie sich geirrt. Mit dem nächsten Dampfer, der noch vor dem Hochzeitstage landete, erhielt sie drei werthvolle Geschenke: einen goldenen Armreif von Herrn Hollmann, einen kostbaren seidenen Spitzen- shawl von seiner Schwester und einen Diamantschwuck von dem reichen Engländer Mr. Lislie. „Ich kann das gar nicht begreifen, ich sah den guten Engländer doch nur ab und zu auf dem Schiffe", meinte Rosa nachdenklich. Doch Thomas Lambrecht erhielt von ihm mit derselben Post einen ausführlichen Brief. „Er hat Dich unendlich geliebt", sagte er nach dem Rosa's Gegenwart erleichtert, und als das junge Paar nach wenigen Wochen nach Afrika zurückkehrte, war es zwar um ein bedeutendes Vermögen reicher, aber um einen Freund ärmer geworden. „Er war der einzige Freund, den ich autzer Herrn Hollmann und seiner Schwester hatte", sagte sie gerührt. „Du hattest aber noch eine andere Freundin, hast Du sie vergessen?" „Welche?" „Die Sibylle, die Dir „ein besseres Land" versprach und vorher sagte, Dein Glück würde kommen, wenn die Rosen am Weihnachtsfeste blühen." „Mein Glück ist vollkommen. O, Thomas, Du bereust doch nicht, daß ich nach Afrika gekommen bin?" „Thorheit, Kleine. Ich bin von Herzen dankbar; ich habe nur einen Wunsch, den ich gern erfüllt sehen möchte." Anstcht von Ueu-Ulm über die Donau auf Alt-Ulm. von »»mav «aaver, Photograph tn «rumvalv. lverv,klfaiNgung«req>i vororhalten j I«» >, »L» MG' «'S» - Lesen des Schriftstückes, „aber er freute sich, Rosa, daß Du damals seine Hand ausgeschlagen hast, denn er hätte nur bald eine Wittwe hinterlassen. Er fühlt sein Ende herannahen, und nach Ausspruch der Aerzte kann er kaum bis zum Mai leben," „Ich will ihm schreiben und ihm für seine Güte danken." „Er verlangt mehr von Dir, Rosa. Er wünscht, Dich noch einmal vor seinem Ende zu sehen, und bittet Dich, nach England zu kommen. Er hat Dich zu seiner Erbin gemacht." „Ich sehne mich nicht nach seinem Reichthum." „Willst Du nach England reisen?" Sie zögerte. „Allein?" fragte sie dann. „Glaubst Du, ich ließe Dich allein reisen? Nein, mein Lieb, wohin Du reist, begleite ich Dich." Die letzten Tage des Sterbenden wurden durch „Welchen?" „Ich kenne noch nicht die ganze Prophezeiung de* Zigeunerin. Sagte sie Dir, Du würdest heirathen?" „Sie sagte, ich würde nicht den ersten, auch nicht den zweiten und dritten heirathen, der um meine Hand anhielt, aber vor Jahresfrist würde ick an der Seite meines Gatten glücklich sein." „Es ist kaum ein Jahr vergangen, denn wir sind erst im Mai; sie war wahrlich eine ausgezeichnete Frau/ „Lache doch nicht darüber", bat Rosa schmeichelnd „Ich lache nicht. Bis an mein Lebensende werde ich für Deine Liebe dankbar sein und nie das Glück der-' gessen, was mir zu einer Zeit kam, da die Rosen blühten/ Die katholische Stadtpsarrkirche und Stadtpsarrei Neu-Ulm. (Mit Illustrationen.) (Nachdruck verboten.; In Folge der im Jahre 1807 eingetretenen Terri- tortal-Aenderungen zwischen der Krone Bayern und der Krone Württemberg wurden die am rechten Donau-Ufer wohnenden Katholiken der Gemeinde Neu-Ulm und Umgebung der katholischen Pfarrei Burlafingen einverleibt. Angesichts der stets wachsenden Bevölkerung und der durch den Bestand der Bundesfestung Ulm herbeigeführten Garnisonsverstärkung haben die Bischöfe von Augsburg die Errichtung einer eigenen Seelsorgestation in Neu- Ulm angestrebt, und Beiträge der kgl. Staatsregierung, des Kretsfonds und der Rentenüberschüsse katholischer Stiftungen der Diöcese Augsburg machten es möglich, eine katholische Kirche in romanischem Stil zu bauen. Die Grundsteinlegung zu dieser Kirche erfolgte am 13. Juni von Augsburg, und erster Stadtpfarrer wurde der ehemalige Expositus und nunmehrige Domdccan Dr. Joh. Wolf in Regensburg. Leider ist jetzt die Stadtpfarrkirche viel zu klein und der Seelsorge mit Stadtpfarrer und einem Hilfsgeistlichen nicht genügend Rechnung getragen, da die Zahl der Katholiken über 5000 Seelen mit Militär sich erhöht hat. Auf dem katholischen Kirchenplatze wurde den im Feldzuge 1870/71 Gebliebenen des kgl. bayer. 12. Infanterie-Regiments ein Monument Anfang der 70 er Jahre errichtet und in der katholischen Stadtpfarrkirche eine Gedenktafel zur Erinnerung an die in Neu-Ulm heimathberechtigten und im Kriege gefallenen katholischen Militärs angebracht. - —- Katholische Kirche und Krieger-Denkmal in Neu-Ulm. Original-Aufnahme von Gustav Baader Photograph in Krumbach. sDervielfältigungsrecht vorbehalten) 1857, am Feste des hl. Antonius von Padua. Vollendet wurde der Bau bis zum 26. November 1860, so daß nach vorangegangener einfacher Benediction am 28. November, als am Geburtsfeste Sr. Majestät des Königs Max II., der erste feierliche Gottesdienst gehalten werden konnte. Da nun die katholische Bevölkerung Neu-Ulms die Zahl von circa 1800 Seelen mit Militär erreicht hatte, wurde durch Allerh. Rescript vom 10. April 1861 die Errichtung einer eigenen Pfarrei genehmigt, und laut Urkunde des hochw. bischöfl. Ordinariats Augsburg vom 19. Juni 1861 erstreckte sich dieselbe auf die Katholiken der Stadtgemeinde Neu-Ulm, der Ortschaften Pfuhl und Offenhausen und mehrerer Höfe an der Jllerbrücke, welche von der Pfarrei Burlafingen abgetrennt wurden und fortan den Sprengel der neuen Stadtpfarrei bildeten. Die Consecration der Stadtpfarrkirche erfolgte am 18. Mai 1862 zu Ehren des hl. Johannes des Täufers vom Hochw. Herrn Bischof Dr. Pancratius von Dinkel Zu unseren Bildern. Erika Medekind. die hochgefeierte Hofopernsängerin in Dresden, einer der glänzendsten GesangSsterne, die je am musikalischen Himmel aufgegangen sind, ist hier in Augsburg keine unbekannte Persönlichkeit mehr. Schon im Vorjahre hat die gottbegnadigte Künstlerin, die in Lenzburg, Kanton Aargau in der Schweiz, das Licht der Welt erblickte, in einem Kaimconcerte sich die Sympathien des hiesigen Publikums in einem Maße erworben, wie es wohl noch keiner anderen Sängerin vor ihr gelungen ist. Am letzten Donnerstag sollte sie im hiesigen Stadttheater als „Regimentstochter" auftreten, telegraphirte aber ohne Angabe von Gründen in letzter Stunde ab. Frl. Wedekind besitzt eine höbe, in allen Registern ausgeglichene Sopranstimme, die in allen Tonlagen leicht anspricht und in jedem Tone sicher und rein einsetzt. Sie trillert mit einer Virtuosität, die besonders beim Pianissimo wahrhaft verblüffend ist; sie schmettert ganze Trilleiketten neben perlenaleick gebrachten chromatischen Läufen heraus, verschleift geschmackvoll die Ein,eltöne, versteht das An- und Abschwellen der Stimme und der lang vorhaltende Athemzuge steht ihr zu Gebote. Und wie weiß die bescheidene Erika 768 all' das Bedeutende, was sie kann, ohne Prätension vorzubringen! Kurz, sie ist eine durchaus künstlerisch veranlagte Sängerin und auch in ihrer Anspruchslosigkeit vorbildlich für Concertsängcrinnen, deren Dünkel größer ist als ihr Können. Der hl. Franztskus Javerius tröstet die Armen. Am 3. December feiert die katholische Kirche das Fest eines ihrer grössten Heiligen, des hl. Franz Xaver, des Apostels der Inder. Derselbe wurde im Jahre 1506 auf dem Schlosse Xeviero in Navarra geboren und studirte später in Paris, wo er mit dem hl. Jgnatius von Loyola den Plan zur Stiftung des Jesuitenordens entwarn Nachdem er einige Zeit in Brasilien als Missionär gewirkt hatte, unternahm er 1541 eine Missionsreise nach dem portugiesischen Ostindien, Ceylon, Malaka und selbst nach Japan und bekehrte viele Eingeborene. Er starb am 3. Dezember im Jahre 1553 auf dem Wege nach Gra, wo er auch begraben liegt. Unser Bild zeigt uns den Heiligen, wie er, der für alle Lcidm der Menschheit ein so theilnehmcndes Herz hatte, die Armen tröstete nach dem Worte des Herrn: „Was Du dem geringsten meiner Brüder gethan, das hast Du mir gethan!" —t-nro-l-»-- Allerlei. 8 Ein interessanter Fund. Bet den Erdarbeiten, welche vor Kurzem an den Ufern des Shea Creeks bei Botany in Australien vorgenommen wurden, wurde ein untergegangener Wald, welcher ca. 3'/z Meter unter dem niedrigsten Wasserstande sich befand, aufgedeckt. Wie uns das Patent-Bureau von G. Dedreux in München mittheilt, waren die Bäume, besonders die Wurzeln, noch so gut erhalten, daß man die Art, zu welcher die Bäume gehörten, erkennen konnte. Es wurde festgestellt, daß die Bäume zu heute noch vorhandenen Arten gehörten. Der Untergang des Waldes dürfte in vorgeschichtlicher Zeit svermuthlich Steinzeit^ erfolgt sein. worauf die Auffindung von 4 Steinäxten, sowie das Skelett einer Seekuh hindeutete. Die weitere Aufdeckung resp. Bloßlegung des Waldes dürfte sowohl über die Zeit des Bestandes, als auch die Art des Unterganges nähere Anhaltspunkte liefern. -«- Tröstlich. Ein Familienvater kehrt von einer längeren Reise zurück. Auf dem Bahnhof fliegt ihm sein kleiner Junge an den Hals. „Na, Karlchen, wie geht's zu Hause?" — „Alles munter, Papa. Ich bin gesund und Minchen gleichfalls." — „Aber Mama?" — „O, da kannst Du ganz ruhig sein, die lebte ordentlich auf, als Du fort warst." * Ein Ehrlicher. Lehrer: „Wer hat Dir bei dem Aufsatz geholfen, Hans?" — Hans: „Niemand." — Lehrer: „Sei ehrlich, Hans, hat Dir nicht Dein älterer Bruder geholfen?" — Hans: „Nein." — Lehrer: „Dann hast Du also den ganzen Aufsatz allein gemacht?" — HanS: „Nein, Er hat ihn allein gemacht." Netter Gesang. A>: „VerzeihenSie, HerrBrüller, die Hausbewohner lassen Sie ersuchen, Ihre Gesangsübungen doch bei geschlossenem Fenster abzuhalten!" — B.: „Geht nicht! Bei geschlossenem Fenster halt' ich's selber nicht aus!" * Modern. Köchin sim Modistinladen^: „Ich möchte einen Hut, aber diesmal nur etwas Gewöhnliches, ungefähr so einen, wie meine Gnädige hat." Begreiflich. Schauspieler: !„Wenn ich spiele, da vergesse ich alles um mich her, das Publikum verschwindet vollständig." — Freund: „Wer wird dem Publikum das verübeln?" * Mißverstanden. Postbeamter: „Wie heißt denn der Name hier auf der Adresse? Ich kann ihn nicht lesen." — Mann: „Hubler." — Postbeamter: „Vorname?" — Mann: „Nein, Nachnahme!" VomJägerttsch. A.: „Wie, einen Walfisch haben Sie auch schon erlegt?" — B.: „Ja, mußte Beute aber schwimmen lassen, hatte Jagdtasche vergessen." - Kimmelssckau im Monat Dezember. —/. Merkur ist Abendstern und geht gegen Ende des Monates 2 Std. nach der Sonne in SW. unter. Venus Z wird immer Heller und verschwindet zuletzt 3*/z Std. nach Sonnenuntergang. Mars ^ wird der hellste Stern am Himmel, kommt am 11. der Erde am nächsten und ist zwischen den Hörnern des Stieres und den Füßen der Zwillinge die ganze Nacht sichtbar. Jupiter H geht auf zwischen 11 U. und 9 U. abds., steht gegen 6 U. mgs hoch im S. Saturn H geht vor 6 U. mgs. in SO. gegen O. auf und kann sich vor Tagesanbruch zeigen. In der Nähe des Mondes findet man am 3. und 31. Saturn; am 5. Merkur; am 7. Venus, um 3 U. nachm. bedeckt; am 19. Mars; am 25. Jupiter. Antares wird vom Monde bedeckt am 31. abds. 9 U. «rAkes-- Schachaufgabe. Von Hermann Lehner. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt Auflösung des Kombinationsräthsels in Nr. 95: Rahe, Heller, Lamm, Heizen, Lier, Spinne, lonne, Vetter, Horn, Harm, Wand, Nest. — Allzeit voran. Auflösung der algebraischen Gleichung in Nr. 97: a Bad, b Ulan, x — Bauland. -- M 1W. Ireilag, den 4. Dezember 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in AuaSburg. Druck und Verlag des Literariichen Instituts von Haas L Grabberr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). Ihv rvstev Roman. Novelle von Antonie Haupt. -- (Nachdruck »erboten.) I. Auf einer der tannenumraufchten Höhen, die zum Hofstaate jenes gewaltigen Harzbeherrschers, deS granit- gekrönten Blocksberges, gehören, erhebt sich mitten in tiefster Waldeinsamkeit eine gastliche Halle. Welcher Germanensprosse, dessen steiler Pfad hier vorüberführt, wird die unmuthige Verlockung zurückweisen, wird die holde Rast und Erquickung verschmähen, welche das „Gasthaus zur steinernen Renne" ihm zusichert! So lange der Deutsche den Erbsegen seiner Ahnen, die angestammte Liebe zum Walde, bewahrt, wird ein Ruhesitz, wie ihn die Höhe der „Steinernen Nenne" bietet, ihn unwiderstehlich fesseln. Hoch streben hier die Pfeiler der mächtigen Tannen zum Himmel empor, und darüber wölbt sich in weiten Bogen daS schattige, sonnendurchleuchtete Gezweige. Zur Seite aber braust wildschäumend der Waldstrom über phantastische, schwarze Steingebilde in die Tiefe hinab. Die abenteuerlichen Felsgestalten glänzen im Wasserduft, und diamantengleich funkeln die Wasser- stäubchen in den magisch einfallenden Strahlen der Sonne. Und das klingt und singt so lieblich, Und so lieblich rauschen drein Wasserfall und Tanncnbäume, saug Heine. Es ist ein schöner, milder Septembertag. In der schatteukühlen, harzdurftigen Halle, welche in der Volkstracht des Sommers Menschen aller Nationen zür kurzen Rast vereinigt, finden wir heute nur zwei junge Männer. Beide, hoch und schlank, sind urkräftige Vertreter deS germanischen Stammes, und doch ist ihr AeußereS sehr verschieden. Der im Vollgenuß der Ruhe dort lehnende etwa Dreißigjährige Zeigt getreu den historischen Typus der alten Sachsen. Flachsblond ist sein plüschartig geschorenes Haupthaar, röthlich der kurze Bart, von auffallender Bläue sein scharfblickendes Auge; um die Zartheit und Frische seiner Farben dürfte ihn eine junge Dame beneiden; er ist eine nordische Erscheinung, wie sie uns in Hannover häufig begegnet. Sein, um wenige Jahre älterer Reisegefährte dagegen, der hochaufgerichtet an der Balustrade steht und das große, graue Auge träumerisch sinnend auf dem Waldgebirge ruhen läßt, ist eine jener reckenhaften stolzen Gestalten, wie man sie im Rhein- lande unter den Nachkommen der Franken nicht selten findet. Dunkelblonde Locken umschatten seine hohe Stirn, und lang wallt ihm der dunkelblonde Vollbart auf die Brust. Aus seinem Antlitz, dessen eigenthümlich dunkle Färbung eher auf einen längeren Aufenthalt in den Tropen schließen läßt, als auf die Wirkung der rheinischen Sonne, spricht Muth und Selbstbewußtsein, aber auch etwas von edler Schwärmerei, von unbegrenzter Herzensgüte. Tiefer Ernst liegt augenblicklich auf seinen Zügen, denn eine erhabene Landschaft stimmt jederzeit das menschliche Gemüth zur Andacht. „Wenn ich", so richtete er das Wort an seinen Freund, „im dämmerigen Tannenforste jenem Rauschen der Krone lausche, welches wie ein Hauch aus überirdischer Welt den Wald so geisterhaft durchweht, so begreife ich, daß unsere Vorfahren „das heiligste Geheimniß des ahnenden Geistes" mit dem Eindrucke der ticfgrünen WaldeS- nacht verwoben, wie Tacitus uns berichtet. Ist eS nicht, als stünden wir hier zwischen den mächtigen Säulen eines NiesendomS, wo der Weltenschöpfer selbst das Geheimniß seiner Nähe predigt? Der deutsche Wald allein hat diese tiefe, feierliche, ehrfurchterweckende Kirchenstille; und gerade hier umfängt mich voll und ganz das süße Heimaihsgefühl, das bei meiner Rückkehr mich so mächtig überkam." Der Andere nickte sinnend. „Ja, daS empfinde ich mit Dir. Es ist wunderbar", fügte er lächelnd hinzu, „wie Du, der rastlose Weltumsegler, Nordpolfahrer, Afrikaforscher, der mit den Kalmücken Brüderschaft trank und mit den Eskimos Freundschaft schloß, deutschen Sinn, deutsches Gemüth und selbst deutsches AeußereS bewahrt hast. Wahrhaftig, Otto, eS fehlt nur der Streithelm mit dem gewaltigen Flügelpaar auf Deinen Locken, das Bärenfell malerisch um Deine mächtigen Schultern ge- chlungrn, und der Cheruskerfürst, der Held des Teuto- burger Waldes, scheint neu erstanden. Schade, wirklich schade, daß man Dich nicht Hermann nannte; der Name würde Dich, den Freiherr« von Saarstein, Rittergutsbesitzer auf Schloß Saarstein, zum Inbegriff aller germanischen Vollkommenheit stempeln." „Ich trage den Namen, den seit Jahrhunderten der älteste Sohn unserer Familie führte, ebenso wie ich daS Majorat mit sämmtlichen Rechten und Pflichten übernehmen mußte", versetzte der Freiherr lächelnd. „Höre, Otto, ich begreife nicht, wie Du, der so lange ungebunden nach Lust und Neigung in fremden Erdtheilen umherschweifte, Dir mit den Lasten und Mühen 770 dieser großen BefitzthumS eine Fessel schmieden ließest; wie Du, dessen Forschungen und Erfolge das Aufsehen der Menschheit erregten, das Leben erträglich findest in der idyllischen Selbstverwaltung Deiner Güter!" rief der Hannoveraner auS. „Und ich begreife nicht, wie Du Dich darüber wundern kannst", entgegnete Freiherr von Saarstein. „Ich trat diesen traditionellen Wirkungskreis an, in welchem ich den würdigsten und schönsten Beruf eines Edelmannes erkenne und empfinde große Befriedigung darin, daß ich reich genug bin, um Gutes zu fördern und Andere glücklich zu machen. Die Erfahrungen, die ich in meiner langen Reisezeit gesammelt, verwerthe ich jetzt praktisch, sie kommen mir nnd meinen Untergebenen zu Nutze, und ich finde in meinen Schöpfungen Quellen der reinsten Freude." „Ihr Idealisten bleibt immer die glücklichsten Menschen", seufzte der Andere. Du thust gerade so, als ob Du im Materialismus der heutigen Zeit vollständig versumpft wärest", lachte Otto; „nnd dennoch habe ich die Anregung zu allem höheren Streben von Dir empfangen. Mit welcher Liebe studirten wir während unserer gemeinsamen akademischen Bildungszeit klassische Philologie, mit welcher Begeisterung besuchten wir dann zusammen die Stätten, die einst dem Leben und Wirken der alten NSmer und Griechen zu« Schauplatz? dienten! Die sonnigen Jugendtage, diese Tage der Begeisterung, werden mir unvergeßlich bleibe». Du wandtest Dich nach Vollendung Deiner Studien dem Lehrfache zu, und ich, als vorläufig freier und unabhängiger Mensch, folgte der einmal erwachten Sehnsucht, den Ueberrestcn einer glorreichen Zeit an Ort nnd Stelle nachzuspüren, ich wanderte nach Palästina, dann ging es mir wie Odysseus: Zeus verleitete mich, mit küsten- umirrenden Räubern weit nach Aeghpios zu schiffen." „Während mir das Vergnügen zu theil wurde, die hoffnungsvolle Jugend meiner Vaterstadt in den Anfangsgründen der alten Sprachen zu unterrichten", schaltete fein Freund seufzend ein. „Gefährlich ist's, 'en Leu zu wecken, Professor. Mein Forschungstrieb schwoll im Lande deS Nils zu wahrer Leidenschaft an", fuhr Saarsiein fort. „Aus dem" Archäologen ward ein Naturhistoriker, der unter tausend Gefahren die ganze Welt durchpilgerte." „Und durch Veröffentlichung seiner Tagebücher auch daS Erstaunen der ganzen Welt hervorrief", fügte der Hannoveraner hinzu. „Du bist zum hochgefeierten, berühmten Manne gewcrden, man überhäuft Dich mit Anerkennung und Ehren, und Du vermagst es dennoch, Dich von dem Schauplatze Deiner Triumphe zurückzuziehen, um als ländlicher Gutsbesitzer — freilich ein kleiner Fürst — im Verborgenen zu wirken!" Der Sprecher schüttelte bedenklich den Kopf. „Du glaubst nicht, mein Freund", rief der Freiherr aus, „welchen Reiz die alte Heimath nach dem fast zehnjährigen unstäten Umherschweifen auf mich ausübte, mit welcher Lust ich die leichten Regentensorgen übernahm, von denen ich nie vergessen hatte, daß sie meiner warteten t" „Fast bedaure ich, daß ich die Feiertage nicht dazu benutzte, um Dich in Deinem jetzigen Wirkungskreise zu belauschen", sagte der Philologe. „Doch es schien mir so verlockend, wieder einmal mit meinem alten Freunde zweck- und ziellos über Berg und Thal zu schweifen, daß ich, statt Deiner freundlichen Einladung nach Saarstein zu folgen. Dich zu einer gemeinsamen Harzreise hierher rief." „Und ich freue mich, daß ich auf Deinen Ruf gehört habe, alter Junge", versicherte Otto heiter. „Ja, wir wollen allen Sorgen den Abschied geben, wir wollen lustig fein wie in den Tagen unserer Bnrschenzeit. Komm', ich brenne vor Begierde, mich auf dem Blocksberge von den Gespenstern bedienen zu lassen." „Wohlan, ich glaube nicht, daß wir den Teufels- spnk erst zu beschwören brauchen, das Abenteuer läßt auf diesem Tummelplatz der Hexen und Kobolde nicht lange auf sich warten, ich kenne das aus Erfahrung." Mit diesen Worten erhob sich Herr Georg Hesse, um nach freundlichem Abschied von dem jungen Wirth mit seinem Reisegefährten fröhlich bergan zu steigen. Bald zeigte sich über den waldigen Wipfeln links die schöne Felfenpartie der Hohneklippen, und gerade vor ihnen stand wie ein Wachtposten, den der mächtige Ge- birgsfürst ausgesandt, der granitgepanzerte Nennekenberg. Die Herren zogen das Reisehandbuch zu Rathe, und nach kurzer Zeit war ein Fußweg aufgefunden, der zwischen Tannen und verstreuten schwarzen Steinblöcken steil zur Höhe leitete. Nachdem sie eine Weile schweigend aufwärts gestiegen waren, that Doktor Hesse plötzlich die Frage: „Dachtest Du während der zwei Jahre Deiner einsiedlerischen Landesvaterschaft denn nie daran. Dich zu vrrheirathen, Dir eine glückliche Häuslichkeit zu gründen?" „Nein, Georg, dazu hatte ich bis heute weder Zeit noch Gelegenheit", lautete die Entgegnung. „Hm", meinte der Philologe, „als wir vor länger als einem Jahre uns auf der Hochzeit Deines Brnders zum letzten Male sahen, erwartete ich mit Bestimmtheit Deine baldige Verlobung." „Aber, Mensch, was berechtigte Dich dazu?" „WaS «ich dazu berechtigte? Glaubst Du, ich habe nicht bemerkt, wie jene reizende, brünette, junge Wittwe nur Augen für meinen interessanten Freund hatte S Einem viel verbohrteren Bücherwurm, als mir, hätte es auffallen müssen." „Sprichst Du vielleicht von Frau von Elzd" „Jawohl. Ich hatte an jenem Tage ein unveräußerliches Recht aus ihr Interesse, da ich sie zur Kirche wie zur Tafel führte, und dennoch machte ich ihr nicht den geringsten Eindruck. Gleichgültig, nachlässig hörte sie meiner Unterhaltung zu, entzückend verdrießlich sah sie drein, wenn Du Dich ausschließlich der sehr jungen Dame widmetest, deren eigentlicher Ritter Du sein mußtest. Wie leuchtete es aber auf in ihren Zügen, wenn Du mit ihr sprachst, wie wechselnd war der Ausdruck, der dieses geistvolle, pikante Gesichtchen belebte, wenn sie die Rede an Dich richtete!" Otto lachte. „Ich glaube, Du hattest Visionen und Hallucinationen!" „O, Du Pharisäer!" ereiferte sich Georg Hesse. „So war die Episode mit der Rose wohl auch nur eine Vorgankelung meiner Einbildungskraft?" „Wohl möglich, denn ich kann mich keiner Nosen- Evisode erinnern." „Nicht? So will ich sie Dir inS Gedächtniß zurück, rufen, heuchlerischer Barbar! Die Tafel war aufgehoben, der Tanz hatte noch nicht begonnen. In einem jener lauschigen Nevengewächcr, wohin ich die Frau von Elz geführt hatte, war es meiner UnterhaltungSgabe endlich gelungen, einiges Interesse bei ihr wachzurufen; ich er- 771 zählte ihr nämlich von unserer gemeinsamen Nömerfahrt. Da erschienst Du mit Deiner Dame. einer kleinen Blondine mir fein gezeichnetem, aber herzlich unbedeutendem Gesichtchen. Du beugtest Dich zu ihr nieder und batest in einem weichen Tone, wie ich ihn nie von Dir vernommen, um eins Rose aus ihrem Bouquet. „Wenn Sie Rosen lieben, so plündern Sie doch diese Vase", sagte die Kleine und lief davon. Da standest Du ziemlich verblüfft, als Frau von Elz mit unnachahmlicher Grazie auf Dich zuschwebte und Dir die wundervolle, halb erschlossene Nose, welche sie selbst an ihrer Brust getragen hatte, mit einem Angenaufschlag überreichte, der mich um alle Fassung gebracht hätte." „Ich bewundere Dein Gedächtniß", äußerte Otto lächelnd. „Der kleinen Begebenheit erinnere ich mich jetzt allerdings mit allen Einzelheiten. Selbstverständlich hatte ich als Bruder des Bräutigams die einzige junge Verwandte der Braut, Fräulein Lily von Arendal, in die Kirche und zur Tafel zu führen. Du hast Recht, die Kleine sah überaus jung, fast kindisch aus; ihre Züge hatten auf den ersten Anblick durchaus nichts Blendendes, doch nach der ersten halben Stunde schon schien mir ihr Aeußerss eigenthümlich fesselnd. Sie wußte mit großer Anmuth zu plaudern und hatte stets eine paffende, von munterem Geiste zeugende Antwort bereit; dennoch war sie weder eitel noch vordringlich und liebte es, mehr zu lauschen als zu sprechen, aber ihre leuchtenden, tiefblauen Augen redeten die lebendigste Sprache ohne Laut. Nach nicht gar langer Zeit befand ich mich derart im Zauber- bann der kleinen Elfe, daß ich mich zu der Thorheit hinreißen ließ, sie um eine Nose zu bitten. Weßhalb sie mir dieselbe verweigerte, ist mir heute noch unklar." „Mir nicht", lachte Georg. „Offen gestanden, ich hätte als junge Dame in diesem speciellen Fall genau so wie Fräulein Lily gehandelt." „Und warum, wenn ich fragen darf?" „Nun, weil Du, Halbkndianer, die Gunst begehrtest nicht allein vor Zeugen, sondern sogar vor einer Zeugin, die mit Argusaugen beobachtete." „Also darin bestand mein Verbrechen? Ich glaube wirklich, daß ich mich in die VerkehrLsormen sämmtlicher wilden Völker, die ich kennen lernte, eher zu schicken weiß, als in diejenigen unserer Salonwelt", scherzte der Freiherr. „Höre, Georg, wir find nun schon so lange aufwärts gestiegen, daß wir füglich aus dem Kamme des Nennekenberges, wo wir den Holzfahrweg treffen sollen, sein könnten. Von einem Holzwege, der unsern Pfad kreuzt, sagt unser Reisehandbuch nichts, wir stehen jedoch vor einem solchen, also ist dieses der bezeichnete, dem wir nach rechts zu folgen haben." „Meinethalben", sagte der junge Doktor zerstreut und lenkte in den Holzweg ein. Nach einer Pause fragte er: „Hast Du die schöne Frau seit jener Hochzeitsfeier nicht mehr gesehen?" „Ob ich sie gesehen habe? Frau von Elz ist ja meine nächste Guisnachbarin." „Ah das wußte ich nicht." „Gewiß, die Dame wohnt in der schönen Jahreszeit meist aus ihren Gütern an der Saar, die sie mit einer bei Frauen ungewöhnlichen Umsicht bewirthschaftet. Nicht selten kommt die kühne Amazone zu meiner Besitzung herübergeritten, um meine Pläne und Verbesserungen in Augenschein zu nehmen. Ich habe eine gelehrige, begabte Schülerin an ihr; der Unterricht, mit dLA wir Beide es wirklich ernst nehmen, macht mir Freude." „Selbstverständlich", sagte der Doktor. Ohne die Bemerkung seines Freundes zu beachten, fuhr Otto fort: „Im Winter stürzt sie sich in den Gesellschaftstrubel. Sie bewohnt alsdann ihr HauS in der nahen Provinzialstadt, wo auch unsere Familie ihr Winterquartier hat." „Und da trefft Ihr Ench natürlich Tag für Tag auf dem Parquetboden?" „Mit Nichten. Dn weißt, was ich von der Salon- welt halte. Ich habe nur die Nöthigsten Besuche gemacht, bet Frau von Elz und den Spitzen der Behörden." „In welchem Verhältniß stehst Du denn zu Fräulein von Arendal?" „In keinem. Die kurze, herbe Weise, mit der sie meine kleine Bitte damals so unbegründet z rückwies, hatte mich doch ein wenig gekränkt, und ich glaube, daß ich sie bei der nächsten Gelegenheit auffallend kühl behandelte. Wenn wir uns jetzt zufällig einmal treffen, so gehen wir sehr gleichgültig an einander vorüber. Ich begreife nicht, wie ich eine Sekunde lang flüchtiges Interesse für die Kleine hegen konnte. UeSrigenS scheint mir dieser Holzweg nicht auf den Kamm des Berges zu führen; wir werden uns wohl dazu bequemen müssen, uns selbst einen Pfad auf die Höhe zu bahnen." „Das kommt mir bedenklich vor, allein ich füge mich", lautete die Antwort. Junger Schuß von Tannen, von Brombcerstauden und dornigem Gestrüpp hielt den Abhang dicht besetzt; doch die Freunde drangen muthig aufwärts. Häufig zwang sie ein riesiger Granitblvck, eine abenteuerlich geformte Felsengruppe, oder eine ihnen entgegensprudelnde Quelle, die eingeschlagene Richtung zu ändern. Es war ein mühseliges Klettern, und die Unterhaltung wurde immer einsilbiger. Nach geraumer Zeit hatten sie den Bergscheitel erreicht. Gebirge und Thäler, Wiesen und Wälder, Felsgruppen, Städte und Dörfer in sonniger Pracht ließen sich mit einem Blick umfassen; doch auf der Hohe war Alles urwaldartig verwachsen, kein Pfad wollte sich zeigen. Noch einige Schritte drangen sie vor, und siehe — düster und stolz, in stiller Majestät stand der Blocksberg ihnen gegenüber. „Heureka! Das Ziel ist in Sicht", rief Otto. „Aber die Götter wissen, was uns noch von ihm trennt", bemerkte Doktor Hesse mißmuthig. „Diesem orkusartigen Abgrund traue ich nicht; sobald der Urwald aufhört, fängt wahrscheinlich ein tückisches Moor an. Wenn Du Dich durchaus in die nächtlichen Gefilde stürzen willst, so thue es auf Deine Gefahr hin allein, ich tauche nicht mit in diesen Schlund." „Das ist ja offene Rebellion!" sagte der Freiherr belustigt. „Ucbrigens bestehe ich nicht auf der unheil- drohenden Thalfahrt. Ich glaube, daS Klügste wäre, zu unserem vor einer Stunde verlassenen Pfade zurück- zusteuern, um dort, wie SisiphuL zwar, jedoch mit füschem Muth den Aufstieg von neuem zu beginnen. Der Pfad mündet ohne Zweifel in die Fahrstraße zum Brocken." „Ich vermuthe wirklich, Otto, der verwünschte Zauber- spuk, das geheimnißvolle.Walten der Hexen und Kobolde hat schon begonnen, und wir lassen uns recht tüchtig bei der Nase herumführen. Doch ich will Deinen Vorschlag annehmen, so trostlos und nichtswürdig er auch ist." Ohne lange Wahl ging eS nun wieder hinab, wo 772 — man gerade stand, und zwar über Hals und Kopf. Mit Gewalt drangen die Beiden durch wildvcrwachsenes Gezweige, verschwanden plötzlich in mit Gestrüpp verdeckten tiefen Löchern, wachten nähere Bekanntschaft mit heimtückischen Wasserfallen, kletterten und sprangen gemsen- arttg von Fels zu Fels. Thurmähnliche ungeheuere Granitblöcke ragten hier scheinbar endlos dicht neben einander auf. „Ich glaube, Professor, wir find in die auf unserer Spezialkartc „Zeters Klippen" benannte Felspartie gerathen", rief Saarstctn lachend, als sie nach längerer Trennung sich im Gestein einmal wieder zu Gesicht bekamen. „Und ich behaupte", rief Hesse zurück, „daß dieses unheimliche Steinlabyrinth, wo man sich im tollsten Springen nach allen Himmelsrichtungen üben muß, und das mir wie ein Kirchhof von Niesen aussieht, daS sicherste Anrecht auf eine andere Bezeichnung unserer Karte hat, ich glaube nämlich, daß wir uns in der „Hölle" befinden. Ein unangenehmeres, halsbrecherisches Fortbewegen ist mir in meinem Leben nicht vorgekommen." Nach dieser Versicherung voltigirte er weiter. „Mich erinnert diese Lustsprungpartie lebhaft an einen Tag unserer Nordpol-Expedition, und zwar an eine Entdeckungsreise auf der Bäreninsel", so vernahm Doktor Hesse aus der Ferne die Stimme seines Freundes. „Diese Bäreninsel mit ihren ins Eismeer herabhängenden Felsenriffen und vorspringenden Klippenspitzen sollte eigentlich Vogelinsel . . . ." Der Erzähler verstummt plötzlich. Georg hört einen schweren Fall, ein eigenthümliches, langgedehntes „Ah", dann wird es stille ringsumher. „Otto, Otto!« Keine Antwort. „Was ist geschehen, Otto?" Alles bleibt lautlos wie zuvor. Da faßt eine namenlose Angst den gutmüthigen Philologen. Wenn der Freund verunglückt wäre, mit zerschmettertem Schädel oder zerbrochenen Gliedmaßen in einer Felsenkluft läge! — Entsetzlich! Wo sollte er menschliche Hilfe hernehmen? Und selbst wenn er nach stundenlanger unsäglicher Mühe hilfvereite Menschen gefunden, war es möglich , ohne Ariadnefaden wieder die Unglücksstelle zu erkennen? Ja, auf welche Weise gelangte er überhaupt jetzt zu dem ver- hüngnißvollcn Orte? Diese Vorstellungen und Zweifel marterten sein Hirn, während er rufend und suchend das Felsenlabyrinth durchforschte. Eine geraume Zeit stolperte er umher, ohne eine Spur von Saarstein zu entdecken. Da plötzlich blieb er mit weitaufgerisscnen Augen regungslos stehen; was er sah, dünkte ihn unerhört stauncns- würdig. „Sollte man es für möglich halten!" platzte er endlich entrüstet heraus. „Sitzt der Patron wie ein Troglo- dyt in seiner Felsenkluft häuslich eingerichtet, in einer Lectüre vertieft, läßt mich irren, jammern, rufen, gibt keine Antwort, sondern liest in irgend welchen Runen wie verrückt. Mensch, was ist's mit diesen Hieroglyphen?" Er sprang hinzu und wollte dem Freunde über die Schulter sehen. „Halt!" donnerte ihm der Freiherr entgegen und sprang empor. „Kein profanes Auge soll auf diesen Blättern rnhen." „Hm, wie mir dünkt, gebührt Deinen Augen das eben genannte Epitheton gerade so wie den meinen diesen zierlichen Runen gegenüber", erlaubte sich Georg zu bemerken. „Doch nicht so ganz, mein Freund! Ich habe ein reizendes, von Damenhand geschriebenes Tagebuch gefunden, mußte natürlich suchen, den Namen der Eigentümerin zu erkunden, fand ihn nicht, statt dessen aber den meinen, und zwar in schmeichelhafter Weise erwähnt. Die Dame hat meine Neisewerke gelesen und ist mehr davon entzückt, als sie eS verdienen. Du wirst zugeben, daß ich, wenn auch gerade kein Recht, so dock eine Entschuldigung habe, wenn ich ein wenig in dem Buche blätterte, das mit sehr viel Geist, frischer Lebensanschauung und tiefem Gemüth geschrieben ist. Die, nach ihren Aeußerungen zu schließen, noch junge Dame hat soeben fast dieselbe Reise gemacht wie ich. Der betreffende Band wurde erst auf dieser Reise, und zwar in Frankfurt, begonnen, das letzte ist in Wernigerode am gestrigen Tage geschrieben. Die Aermste hat jedenfalls gleiches Schicksal mit uns gehabt; wenn wir uns beeilen, so werden wir sie vielleicht noch auf dem Brocken antreffen, wo sie hoffentlich glücklich hingekommen ist. Ich bin begierig, die geistvolle, liebenswürdige Verfasserin dieser Zeilen kennen zu lernen." „Höre, Otto, die wunderbare Auffindung der Dich bezaubernden verwunschenen Handschrift scheint mir auch in das Programm der Bergkobolde zu gehören, deren Tücken wir heute unrettbar verfallen sind", erklärte der Doktor. „Wenn wir überhaupt einmal, was ich noch sehr bezweifle, auf dem Blocksberg angelangt sind, so wirst Du statt des verhexten Buches eine Hand voll Staub und dürrer Blätter aus der Rocktasche ziehen." „Daraus lasse ich es ankommen. Vorläufig wollen wir vertrauensvoll das Unsere thun, um wieder in civili- sirte Gegend zu gelangen." „Versuchen wir es", sagte der Pädagoge einigermaßen verstimmt. Dann setzten sie sich in Bewegung. „Triumph! Der Holzweg liegt wieder vor uns", rief Otto nach nicht langer Zeit. „Jawohl, die Sisiphusarbeit kann sogleich von Neuem beginnen", murrte der Hannoveraner, indem er sich anschickte, eine haushohe Felsenwand hinabzurutschen. Hiermit war die letzte Schwierigkeit, welche sie von menschlichem Pfade trennte, besiegt. Mit großer Befriedigung gewahrte Georg ganz nahe den aufsteigenden Rauch eines Kohlenmeilers. „Da werden wir hoffentlich sichere Auskunft über die einzuschlagende Richtung erhalten", sagte er vergnügt. „Meinem Feinde wollte ich es nicht rathen, sich Deiner Ciceronenschaft anzuvertrauen." (Fortsetzung folgt.) -- Das Schlangerrailge. Von Paul Gilchrist. Deutsch von E. Hanrieder. — (Nachdruck virbowi.) Ich habe seinerzeit viele Abenteuer erlebt , aber keines davon war seltsamer als das, welches ich jetzt erzählen werde. Die Croffthwaithes waren alte Freunde zu mir. Besonders an's Herz gewachsen war mir Lady Pawcla, ein mutterloses Mädchen von großer Schönheit. Kaum erwachsen, brach wegen einer unglücklichen Licbrsaffaire 773 viel Unglück über sie herein. Ein gewisser Laurence Carroll, ein armer Subalternossizier, hatte eine heftige Leidenschaft für sie gefaßt, die sie erwiderte. Aufregende Scenen fanden statt, da die beiden jungen Leute geschworen hatten, allen Hindernissen zum Trotz, sich treu zu bleiben. Carroll war adelig von Geburt, aber sorglos und leichtlebig und steckte tief in Schulden. Deshalb betrachtete ihn die Familie Lady Pamela's nicht als passende Partie für das junge Mädchen. Graf Attrill verbot ihm das Haus — Lady Pamela war wie gebrochen, wurde schwer krank und erreichte erst nach Verlauf eines Jahres wieder einigermaßen ihre frühere Gesundheit und Lebenslust. Damals hatte man mich um Rath befragt, und ich freute mich daher aufrichtig, als ich die Nachricht von Lady Pamela's Verlobung mit dem richtigen Manne erhielt. Jedem Anscheine nach hatte sie jetzt ihre ganze Liebe einem gewissen Kapitän Mainwaring, einem allgemein bekannten Reisenden und außerordentlich tapferen Offizier, geschenkt. Er besaß eigenes Vermögen und einen tadellosen Charakter. Er war zwanzig Jahre älter als seine hübsche, junge Braut, aber in den Augen ihrer Verwandten bildete dies kein Hinderniß. Auf Lady Pamela's dringende Bitten hatte ich versprochen, auf jeden Fall bei ihrer Hochzeit zu erscheinen- Diese sollte mit großem Gepränge im Monat Mai dieses Jahres 1896 stattfinden im Hause der Crossthwaithes in Portland-Square. Der Bräutigam traf gerade eine Woche vorher aus Indien hier ein. Er war ein großer, feiner Offizier, und seine Braut wurde mit Glückwünschen überhäuft. Diese Gratulationen steigerten sich zu einem gewissen Enthusiasmus, als man entdeckte, daß der Kapitän seiner Braut unter anderem einen Diamanten von außerordentlicher Größe und Schönheit verehrt habe. Am Abende nach Kapitän Mainwaring's Rückkehr aus Indien dinirte ich bei den Crossthwaithes, und nach dem Essen durfte ich den Edelstein sehen. Er ruhte auf einem Sawmetetui in einem Glasbehültnisse. Dieses stand auf einem kleinen Tischchen in demselben Raume, in welchem auch die anderen Hochzeitsgeschenke ausgestellt waren. Das Zimmer wurde nicht nur von einem Detektive, sondern auch noch von einem alten, erprobten Diener der Familie bewacht, der es nur verlassen durfte, wenn der Detektivs anwesend war. Der Diamant machte einen seltsamen, eigenthümlichen Eindruck; er war in Form eines Kobra-AugeS geschliffen, mit einigen sprühenden Strahlen im Mittelpunkte, die einer Pupille ähnelten, in Gold gefaßt. Wie er so auf seiner purpurnen Unterlage funkelte und glitzerte, sah er aus wie das Auge eines bösen, unheimlichen Wesens. Abgesehen von dem Werthe, welchen der Stein durch seine eigenartige Form und seinen Schliff hatte, war er auch noch bedeutend durch fein Gewicht, das mehr als dreißig Karat betrug. Ein Blick genügte, mir zu zeigen, daß er wasserhell und frei von der geringsten Wolke oder Unvollkommenhcit war. Je nachdem man ihn betrachte, sprühte er in rothen oder blauen Farben. „Sie möchten gewiß gerne die Geschichte jenes seltsamen Diamanten hören?" sagte Kapitän Mainwaring, der zu mir getreten war, als er sah, daß ich den Edelstein betrachtete. „Er bietet einen wirklich einzigen Anblick", antwortete ich, „er muß eine Geschichte haben." „So ist es — er ist in der That das Auge eines indischen Götzen. Ein Rajah, dem ich das Leben rettete, gab ihn mir. Als er mir den Stein anbot, stellte er eine sonderbare Bedingung. „,Er gehört einem Stamme, mit dem ich und mein Volk seit langem im Kriege sicherst, sagte er. ,Wie ein Blick Ihnen zeigen wird, ist er das Auge einer Brillenschlange — wir in Hindostan nennen es Lannx I(es dickst — was Schlangenauge bedeutet. Der Geldwerth dieses Steines ist ein ungeheurer, deshalb ist sein Besitz für mich sehr gefährlich. Ich wäre in der That sehr froh, wenn ich seiner los wäre. Wenn Sie die Verantwortlichkeit auf sich nehmen wollten, können Sie ihn unter einer Bedingung haben? „Ich versicherte ihm, daß ich nicht ängstlich sei und gerne die Verantwortlichkeit für einen so werthvollen Gegenstand tragen würde. „,Sie retteten mein Leben, und ich bin Ihnen verpflichtet', erwiderte der Rajah, ,der Stein sei Ihr Eigenthum, wenn Sie meinen Diener Gopinath als dessen Hüter nehmen wollen. Ich möchte nicht an Ihrem Tode schuld sein, und Sie würden England gewiß nicht lebend erreichen, wenn Gopinath den Diamanten nicht für Sie hüten würde. Er ist Brahmane, ein ausgezeichneter Bursche. Er wird Ihnen Tag und Nacht dienen und den Stein beschützen. Nehmen Sie ihn mit nach England. So lange er in Ihren Diensten bleibt, ist der Diamant sicher? „Nachdem der Rajah so gesprochen hatte, lüftete er einen Vorhang, und Gopinath erschien. Es war eine hübsche Gestalt, groß, mit der glänzenden Haut, den geschmeidigen Gliedern und den blitzenden Augen seiner Landsleute. Ich bedurfte damals gerade eines Dieners und nahm den Hüter sammt dem Geschenk dankbarst an. Gopinath hat mich nach England begleitet und ist so anhänglich an mich und das Schlangenauge, daß wir uns, aller Wahrscheinlichkeit nach, sobald nicht trennen werden." „Sie haben unterwegs also keine Gefahren zu bestehen gehabt, als Träger und Besitzer eines Edelsteine? von so großem Werthe?" fragte ich. „Mehrere, aber Gopinath war immer mir zur Seite und ich glaube, daß er öfters zwischen mir und de» Tode gestanden." Andere Gäste sammelten sich nun um das Glas käsichen, und Mainwäring fing neuerdings an, den Stein, den Rajah und Gopinath zu beschreiben. Ich hörte nur mit halbem Ohre zu, so versunken war ich in die Betrachtung des prächtigen Diamanten. „Was sagen Sie zu diesem indischen Wächter?" fragte ich Lady Pamela, die gerade auf mich zutrat. „Meinen Sie Gopinath?" antwortete sie lächelnd; „er ist ein gelungener Bursche." „Ich möchte ihn gar zu gerne sehen", bat ich. „Er ist im Hause, ich werde ihn gleich holen", erwiderte sie. Sie eilte fort und kehrte nach wenigen Augenblicken mit dem Brahmanen zurück. Dieser trug einen prächtigen Turban und war nach der Sitte seines Landes gekleidet. Er begrüßte mich mit einem ehrfurchtsvollen „Salaam", als das junge Mädchen mir ihn vorstellte. Seine glänzenden Augen hefteten sich auf mich und dann auf den Stein. Einen Moment später war er in einem dunklen Theile des Saales verschwunden. „Herbert will den Diamanten anders fassen lassen, und ich soll ih» tragen, wenn ich nach der Hochzeit zu 774 Hofe gehe", sagte Lady Pamela. „Später möchte ich ihn dann auf die Bank schicken. Es ist nicht angezeigt, einen solchen Schatz im Hanse aufzubewahren." „Gewiß nicht, außer Sie beabsichtigen, Gopinath zu behalten." „DaS ist noch nicht entschieden, aber ich glaube, er will nach Indien zurück. Uebrigens werde ich den Stein nicht oft tragen — er ist zu prachtvoll, und es ist etwas an ihm, das mich erschreckt." „Ich betrachte ihn auch «ehr als Werthobjekt, denn als Schmuckgegenstand. Er ist zu groß und sieht, wie Sie sagen, einem Schlaugenange zu sehr ähnlich, um einen wirklich angenehmen Eindruck zu machen." „DaS eben verleiht ihm seinen Werth", bemerkte Kapitän Mainwaring, der soeben hinzugetreten war. „Uebrigens glaube ich nicht, Pamela, daß eS nothwendig ist, die Fassung zu ändern. Ein Edelstein wie dieser ist ein Besitz — und muß dereinst ein Erbstück werden, wie?" Bet diesen Worten traf ein liebevoller Blick des Offiziers das junge Mädchen, das bald seine Frau werden sollte — ihre Augen begegneten sich auf einen Augenblick, dann sah sie nach der Thüre. In einem Augenblick änderte sich ihr ganzer Gestchts- ausdruck; sie wurde todtenbleich und umklammerte den nächsten Stuhl, wie um sich zu stützen. Eine Dame kam heran, um mit dem Kapitän Mainwaring zu sprechen, er wandte sich um und antwortete ihr höflichst. Im selben Momente sah ich einen großen Mann mit blassem Gesichte hastig vorwärts kommen. Ich erkannte ihn sogleich, und sein Erscheinen hier befremdete mich nicht wenig — eS war Pamela Crossthwaithe'S ehemaliger Verlobter, Laurence Carroll. Er ging geradeswegs auf sie zu und bot ihr seine Hand, ohne ein Wort hervorzubringen. Der unruhige Ausdruck in ihren Augen trat noch mehr hervor, und trotz aller Anstrengung, sich zu fassen, zitterte sie heftig. Kapitän Mainwaring wendete sich nun wieder zu ihr. All' ihre Kraft zusammennehmend, legte sie ihre Hand auf seinen Arm. „Ich stelle Dir hiemit meinen Freund Laurence Carroll vor", sagte sie, „Herr Carroll — Kapitän Mainwaring." Der Kapitän verneigte sich und beehrte Carroll mit einem kurzen Blicke — daS nervöse Flackern verließ Carroll's Augen — sie Wurden heiter und hell. Er fing an, eifrig zu sprechen, und Pamela folgte seine« Beispiele. DaS Gespräch lenkte sich wieder auf den Diamanten. Kapitän Mainwaring schloß das Glaskästchen auf, nahm den Stein in die Hand und gab ihn dann mir und Carroll, um ihn ganz in der Nähe zu besehen. Wir tauschten unsere Meinungen aus in Bezug auf die Schönheit und Seltenheit des Steines, aber so bald Carroll sich unbemerkt glaubte, folgten seine Augen der sich eben entfernenden Lady Pamela. Ein Blick genügte, mir zu zeigen, daß seine Leidenschaft für sie stärker war als je. Bald darauf kamen Lady Pamela und ihre Freundinnen wieder an ihm vorüber. Sie sprach kein Wort, er aber streckte seine Hand aus, als wollte er sie zurückhalten. Daraufhin wendete sie sich um und blickte ihm voll in das Gesicht. „Ich kam heute Abend hierher", sagte er, „um Zhnen Ihr Versprechen und Ihr Geschenk zurückzugeben." Er drückte ihr einen Brief in die Hand und verließ sogleich daS Zimmer. Bald darauf nahm auch ich Abschied und kehrte in meine Wohnung in Bloomsbury zurück. Dort habe ich mir ein Laboratorium hergerichtet und verbringe einen guten Theil meiner Zeit in diesem Sanktnm. Es war elf llhr vorüber, als ich nach Hause kam; mein Diener, ein Ungar, NamenS Silva, wartete auf mich. Ich hieß ihn zu Bette gehen und begab mich in mein Laboratorium. In den letzten Tagen hatte ich verschiedene interessante Experiments gemacht, insbesondere entwickelte ich gerade mehrere Photographien, die ich mit Hilfe der Röntgen-Strahlen ausgenommen hatte. Die neue Entdeckung bildete zur Zeit daS Steckenpferd der ganzen gebildeten Welt, und ich natürlich that in Gesellschaft von anderen Männern der Wissenschaft mit. Ich besaß mehrere Hittorf'schen Röhren und alle nothwendigen Apparate, um die Nöntgen'schen Strahlen herzustellen. Meine Meinung ging dahin, daß die neue Entdeckung große Fortschritte machen und besonders nach der medizinischen Seite hin von ungemeiner Wichtigkeit sein werde. Soeben hatte ich mich in meine Dunkelkammer zurückgezogen, um einige Photographien zu entwickeln, als an der Hausthüre geläutet wurde. Für einen Besuch war es zu spät, und einigermaßen überrascht ging ich hinaus, um zu sehen, waS es gebe. Silva war noch nicht zu Bette gegangen, er öffnete die Thüre, führte Jemanden herein und kam darauf zu mir. „Herr Carroll, Herr — er möchte Sie auf einige Augenblicke sprechen." „Carroll", rief ich aus, „und zu dieser Stunde — wo hast Du ihn eintreten lassen?" „In das Laboratorium", antwortete Silva. „Ich werde ihn empfangen", erwiderte ich. „Bleibe nicht länger auf. Ich kann Herrn Carroll selbst hinaus- lassen." Ich kehrte in das Laboratorium zurück. Carroll stand an der Stelle, wo die Strahlen des elektrischen Lichtes voll auf sein Gesicht fielen. Er sah leichenblaß aus — seine Wangen waren hohl, seine Augen hatten einen trüben, gläsernen Ausdruck. Als ich in das Zimmer eintrat, hielt er einige Korrekturbogen von mir in der Hand, welche nebenan auf einem Tische gelegen. Sie waren mir von einem medizinischen Blatte, für das ich beständig schreibe, zugeschickt worden. Als er meine Schritte vernahm, warf er die Blätter weg und ging mir entgegen. „Ich kann mich für mein spätes Kommen nicht entschuldigen, denn die Sache, die mich hierher geführt, ist von großer Wichtigkeit. Nebenher gesagt, dieser Artikel über Gift ist höchst interessant — ist er für eine medizinische Zeitschrift?" „Er ist für die nächste Nummer des „Lauert" bk» stimmt", erwiderte ich. Dann fügte ich hinzu: „Aber der Inhalt wird für Sie kaum von Interesse sein." „Er interessirt mich doch außerordentlich", antwortete Carroll, der Artikel behandelt ein sonderbares Gift." „Das gefährlichste, welches bis jetzt bekannt ist. Da Sie einen Theil meiner Ausführungen gelesen haben, will ich Ihnen sagen, wie ich dazu kam, Vorliegendes zu schreiben. Die Röntgen - Strahlen interessiren mich in hohem Grade, und so stelle ich mit dem neuen Lichte viele Experimente an. Während ich vor einigen Tagen mit Cyan-Kalium Versuche machte, fand ich zufällig, daß ich als Nebenprodukt jenes gefährliche Gift, wasserfreie Blausäure, erhalten hatte. Der Artikel, von dem Sie 575 eben einen Theil gelesen haben, ist in der Absicht geschrieben, die Gefährlichkeit deZ Giftes in weiteren Kreisen bekannt zu machen. Ein stärkeres Gift ist, wie ich soeben bemerkte, nicht bekannt. Schon das Einathmen verursacht plötzlichen Tod, und die Herstellung desselben kann bei Außerachtlassung gewisser Vorsichtsmaßregeln verhängnißvoll werden." „Würde das Opfer leiden?" fragte er plötzlich. «Nein, der Tod würde augenblicklich eintreten." „Und Sie haben dieses Gift wirklich gemacht, Mchrist?" „Ja, vor einigen Tagen ganz zufällig, wie mein Artikel erklärt." „In der That, dieser Gegenstand ist interessant", sagte Carroll — bei diesen Worten ließ er sich in den nächsten Stuhl fallen. „Es gibt Momente", fuhr er fort, mich mit stechenden Augen ansehend, „es gibt Momente im Leben, wo die Giftsrage eine fascinirende Wirkung auf den Menschen ausübt." „Ich hoffe, daß in Ihrem Leben ein solches Moment nie erscheinen wird", sagte ich, ihn ernst anblickend — seine Augen vermieden, den meinigen zu begegnen — er schlang seine Hände fest ineinander. „Nun, um zu meinem Anliegen zurückzukommen", sagte er, — „ich kann mich wegen dieses späten Besuches nicht entschuldigen — meine Gemüthsverfassung und weine Lage stehen über aller Entschuldigung. Ich bin heute Abend hierhergekommen, um Sie um Rath zu fragen." „Wenn ich Ihnen dienen kann, lieber Freund, mit größtem Vergnügen." „Sie sehen vor sich den unglücklichsten Menschen in der ganzen Christenheit." „O, kommen Sie", sagte ich, „so schlecht kann eS nicht stehen." „Sie wissen alle? über Lady Pamela und wich?" „Ja, Carroll, ich kenne die Geschichte. Ich brauche Sie nicht zu versichern, daß ich Sie bemitleide — Sie haben jetzt gerade eine harte Zeit zu überwinden, aber glauben Sie mir —" „Ich kann jetzt keinen Trost anhören", erwiderte er, weine wohlgemeinten Worte unterbrechend. „ES ist besser, wenn ich gleich zur Sache komme. Diese Heirath darf nicht abgeschlossen werden, das ist meine Absicht." „WaS wollen Sie damit sagen?" „Pamela Crossthwaithe wird Kapitän Mainwaring nicht heirathcn." „Sie sind nicht bei Sinnen!" rief ich aus. „Wie wollen Sie diese Heirath verhindern?" Er lachte gezwungen. „Ich habe heute Abend einen Hemmschuh an das Glücksrad des vrrd— Kapitäns gelegt", sagte er. „Ich habe Pamela einen Brief gegeben, der ihr wenigstens eine qualvolle Nacht bereiten wird." „Sie thaten sehr unrecht daran." „Ich bin nicht Ihrer Meinung — ich wünsche sie vor dem größten Unglück, welches über ein Weib hereinbrechen kann, zu bewahren. Im besten Falle ist eine Heirath etwas Entsetzliches, aber an den unrechten Mann verheirathet sein, ein Marterleben." (Fortsetzung folgt.) AliekLer« Schwedens Reichthum. In keinem anderen Lande EnropaS liegen noch so ungeheure Naturschätze unbenutzt, wie in dem nördlichen Schweden, in der Provinz Norrland, welche bis über den 69. Grad hinaus- reicht. An Umfang nimmt diese Provinz fast den vierten Theil von Schweden ein, aber sie ist nur bewohnt von reichlich 100000 Menschen, darunter etwa 4000 Lappen und 19 000 Finnen. Der Schwede nennt Norrland daS „Land der Zukunft", und das mit Recht; denn außer den ungeheuren Waldstrecken findet sich hier ein unermeßlicher Reichthum an Eisenerz, von welchem zur Zeit nur ein verbältnißmäßig geringer Theil benutzt wird, indem die meisten ausgedehnten Erzlager noch der Bearbeitung harren. Die Bedeutung dieser nordschwedischen Erzlager ist um so größer, als Aussicht vorhanden ist, daß das Eisenerz, welches sich bisher in reichlicher Menge auf dem Weltmarkt zeigte, wahrscheinlich nur noch etwa 20 Jahre aus den bisher benutzten Lagern gewonnen werden wird. Wenn diese Zeit vergangen ist, dann wird die Ausnützung der Eisenlager in Schweden möglicherweise eine Nothwendigkeit werden. Die einzige große Eisengewinnung, welche in diesen Gegenden von Schweden stattfindet, stammt aus dem berühmten Eisenberg zu Gelivara, dessen Inhalt auf weit über 300 Millionen Tons Eisen geschätzt wird. Wenn man den jährlichen Verbrauch auf etwa 600,000 Tons veranschlagt, so würde dieser Berg also für ein halbes Jahrtausend ausreichen. Die Ausnutzung der Eisenlager zu Gelivara ist erst mög« lich geworden, nachdem die lange Eisenbahn von Gelivara nach Lulea gebaut worden ist, denn auf dieser wird daS Eisen nach Lulea tranSportirt und geht von dort inS Ausland. Im verflossenen Jahre wurden nur 400 TonS exportirt, aber in diesem Jahre wird der Export ein weit größerer sein. Gelivara ist übrigens nicht der einzige bedeutende Eisenberg in diesen Gegenden. Hier finden sich außerdem Luossavara und Kirunavara, welch, nach den stattgehabten Berechnungen jährlich Ift? Mil lionen TonS liefern können. Wenn man, niedrig ge schätzt, den Ertrag von Gelivara, Luossavara und Kiruna vara auf 2 Millionen TonS veranschlagt und den PreiL pro Tonne mit 7 Kronen annimmt, so ergirbt sich ein» jährliche Einnahme von 14 Millionen Kronen oder drei mal so viel, wie sich der Ertrag gegenwärtig stellt. In dem nördlichen Schweden findet man übrigens nicht allein Eisen, sondern auch Blei, Kupfer, Gold, Platina u. s. w. Selbstverständlich. Vetter: ..Na, und was macht der Mann?" — Junge Frau: „Lieber Vetter, welche Frage, doch immer was ich Willi" » Vom Katheder. ...... Die AuSnützung der Dampfkraft war unseren Ahnen noch ein mit sieben Siegeln verschleiertes spanisches Dorf." Heftuelrftlrett. irtzelitL vcndeUalteo.l V. den dltssten Lbendldndiüeben gelinkten, vclebs 8lcb -cnsseblivslieli mit dem Lelirccb boeebilktigen, scililen die im debre 1180 ru 1?Äris von Neekccm vsr- 776 küssten sobaebrogolii, welcbe offenbar einem vorbando- nen Lodürknisso eiitspraclisn und so den Leweis iickern, dass das spiel damals in der kranrüsisclien Hauptstadt scbon riem- licb verbreitet war. — Locli sebeint es daselbst bald eino barardmässigs Ausbeutung gefunden ru linden, weil nicbt nur der im dalirs 1208 verstorbene Liscbok bin des do 8»I Ix ein entscbi'edoner Oegner des sonst aucb bei der Ooist- licbkeit beliebten 8p!olss war, sondern aucb K ö n i g Ludwig IX. von Lrankroieb im dabre 1254 das scbacb in seinein ganren Lande mittelst eines eigenen Kdiktes untersagte. Dass ?.u jener ?,cit das sebaeb nucb in Leutseli- Innd Ausbreitung und Kingang in die b öcbsten Kreise gefunden lintts, borsuge» die bistorisebon Ileberlietcrungen, wonaeb Kaiser Lbilipp von sebwabon auk der Aiten- burg bei Lamberg im dabre 1203 von Otto von Wittelsbacb in dein Augenblick« ermordet wurde, nls er oben mit dem Liscbok beim sobnobspiel snss und ferner dem jungen K o irrn din ?.u Keapel 1208 das von Liiilipp von Anjou über ibn verbängto Lodesurtbeil verkündigt wurde, wäbreud er im Kerker mit seinem dugendkrenudo Kriodrieb von Laden dos scbacbspiels püegto. Wolcb boben 6rnd von Ausbildung scbon dniunls einzelne Lpieler erreicbt battcn, reizt uns eine selincblicbo Veranstaltung, welcbe der saraüsno Lureeca 1206 r.u Klore»:'. auk eine Kinladung des Ouido duKovolli, des bekannten Oünners dos borülimten Vicbters Laute, in dessen Hans rum Losten gab. Lnreoea spielte drei Lar- tien gloiclireitig gegen vorscliiodeus Oegner, wovon er rwoi oline Ausiebt des scliacbbrottos kübrte. Kr gewann Irisvou riwei spiele und maebto das dritte un- entsobioden, gewiss ein rübmlicber Krkolg! — (Lorlsetrung dieses Absebnittes in 14 Lagen.) irr Hrt6n »ri» slvr 8elia«lr^velt. Der WoltkampfLaskel-soinit?: in Lloskau. Die 6. Lartie des lllatclies wurde steinitr nrsprüngliob naeb dem 48. 8ugo wogen Tleitübersebroitung als verloren ge- reebiist; wäbreud er nämlieb bei den ersten 45 Augen mit der ibm au Oobote »tobenden Aeit von 1 stunde für 15 Auge auskam, braucbto derselbe für die näebsten 3 Aögo über 1 stunde, olleiibsr weil er nacli einem Ausweg sucbto, um die stvllung noeb ru retten. Lasksr batto dieKoblosse, auk die Outsebrikt der Lartie ru versiebten, wessbalb sie am 26. Kov. weitcrgefübrt wurde; er dirigirte den Angriff aueb liier unter Hualitatsopfcr wieder bvcbst originell und nacb dem 58. Auge gali steinitr auf. — Kunmeliriger stand Lasker -f- 5, stoinir -j- 0, Komis 1 (r.älilt niebt). Oiv Lortsetrung des Natcbos erfolgt erst wieder ab 4. Lcrombsr eurr. — Lie folgende Lartie ist die rweito dos Wettkampfo» und von Lasker mit feinem Lositionsversiändniss gekübrt. Lartie Kr. 6. ZxLvisods?artis. cOXdl Le5-b6 25 8d2-b3 KI>8-g8 8 8bl-c3 0-0 26 8g3—e4 Kg8—k7 S »2—a4 a7—ab 27 g2—g3 KI7—«8 10 Lbb—e4 b7—Ii6(a) 28 Lei—«2 Ke8—d7 11 b2-k3 d7-d6 29 Lei-ei Lc7-b6? 12 Lei—e3 8e6—e7 30 Le3-k4(o) Lb6-e7 13 Lkl-el e7—c6 31 I>3-b4 l>6-bü 14 Vd1-b3 Lb6—e7 32 Lk4-g5 Le7—d8 15 6i3-d2 La8-b8 33 g3-g4 l>5Xg4 16 Lal—ol b7—b5 34 K4-K5 8g6-kS 17 a4Xb5 a6xb5 35 8e4— e5p d6Xeö 18> Lei—d3 Kg3-b3 36 LbdXoöl Kd7—d6(d) »1 Kotf, wendig, da auk 10. d7—d6, 11.813—gü, 1,7—b0, 18. Ddl—1>5 folgen könnte. stellung naeb dem 36. Auge von sebwara- .7 sebwarr. L A a ^ L ^ Weiss svtat nun in 5 tilgen mat. Anmerkung: Lies bsrausruKuden, überlassen wir vorerst unseren Lesern und werden wir die Auflösung in der näebsten Kummer bringen. — Auflösung dos scborr-Lroblems — Kr. 3 — von II. Luebbeit: (Der weisss Lburm gobört statt auk K1 auk ei.) 1 ) Lei—dl 2) 8a3—bö oder sg3—15^:; oder 8e3Xd1 oder 8e3Xd1; 1 ). 2) Ld1Xd2ch. — d3—d2. Liebtig gelöst von: Lr. .7. sclnessl, Weissouborv; 8. Lovcr, Kaukbeuren; O. Link, Orosscbönacb (Laden); .1. blaurer, Lassau; Waebter, Ilarbatriioken; K. L. in bl.; K. Weber, lllunningen; d. Laggenmüllcr, Lobingsv; Land. inatb. 6artb, Lonn; L. II. in L.; K. V. in W.; Krnst sebindelbsek, Lrei- sing; ferner bl. A., A. II., d. Luebwioser, L. Kissler, II. Häusler, O. Ltlaumer, Hans Ottmanu, 0. Nazlnger, Ilaiis Lraun und II. Lbicme bier; sowie d. Livkl in Orosssebönenfeld. 1t. / Leider missglückt, wenn niclit viel- leicbt nur ein Irrtbum Ikrerseits in der Kelderboseiebnung. g!» Lörr,-,- In Aufgabe Kr. 4 sebeitert die angegebene Lösung von 2ug 1: Lk8—o7 an 1)ve6Xe7,2) Lbl—b4 've?-e6! 3) e3—e4 LeO-e2! Lie Kamen .jener sebaebkreundo, wolebo unsere Lndspiels und Lrobloms riebtig lösen, sowie dioLösungen innerbalb drsiWoebon einsenden, worden stets an dieser stelle ver- öll'entllebt. Alles auk das sebaeb Lmügliebo ist ausnabmslos ru adressirsn: „Lu die Ledactiou des Angsbnrger 8el!,ie!l» bla.1t — Lake August» — Augsburg." b) LI8—k6 worauf Weiss 24. Os6—g4 riebt, ist aucb niobt besser. e) Kntselieidend; soblägt scbwarr den Läufer, so gewinnt Weiss dureb 31. se4—k6j°. d) Auf 36. Kd7—e? nimmt Weiss sunäebst den springcr e? und scbwarr Kanu den alsbaldigen Verlust aucb nicbt abwebren. Las seliiussspisl ist sebr spannend! — « 101 . 1896 . „Augsburger postxeitung". Vtustaz, ven 8. Dezember Iür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabberr in Augsburg lVorbefitzer Dr. Max Huttlert. Ihr erster Roman. Novelle von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) „Ich hoffe noch mehr", versetzte Baron von Saarstein, die letzte Bemerkung überhörend, „ich erwarte bei diesem Waldmenschen einen Labetrunk zu finden. Holla, wein Freund!" rief er dem hervortretenden Köhler zu. „Wir sind am Verschmachten; habt Ihr einen Trunk für unsere durstigen Kehlen?" Der Berußte zeigte eine Reihe blendend weißer Zähne und deutete auf den Eimer, der neben ihm stand. „Wasser? Pahl Gehaltloses Quellwasser hätte uns auch der Berg ohne Vermittelung gespendet. Verfügt Ihr über nichts Geistvolleres?" „Ja, wenn die Herren einen Zug aus meiner Feldflasche nicht verschmähen wollen, so steht dieselbe zu Diensten." Der schwarze Mann griff in die Tiefe seiner Tasche, brachte den erwähnten Gegenstand zu Tage und bot ihn dem Freiherrn dar. „'s ist selbstgebrannter Wachholder", erklärte er, freundlich einladend. Der Weltumsegler überwand ein unwillkürliches kleines Widerstreben und nahm einen Schluck von dem aromatischen Feuerwasser. „Der Fabrikant ist thatsächlich empfehlenswerth", sagte er, indem er die Flasche dem Pädagogen darreichte. Der Schwarze schmunzelte geschmeichelt. „Ja, das sagte die junge Dame auch, welche vor einigen Stunden davon nippte", bemerkte er. „Was? Eine junge Dame trank aus Eurer Schnaps- flasche?" rief Otto lachend. Der Bergbewohner nickte grinsend. „Das arme Hexlein wollte auf den Brocken, ist aber dort oben in die Klippen gerathen, wo in hundert Jahren kein Mensch sich hin versteigt, und war halb todt vor Mattigkeit und Schrecken, als es zu mir wieder herunter kam und nach dem rechten Wege fragte." Otto horchte hoch auf. „War die Dame ganz allein?" forschte er. „Nein, es waren deren zwei." „Wie sahen sie denn aus?" fuhr Saarstein iu seinem Verhör fort. „O, die, welche aus meiner Flasche trank, hatte ein Mäulchen, wie Preißelbeeren so roth, ihre Augen waren glänzend, wie die schwarzen Kirschen, oder eigentlich so, wie meine glühenden Kohlen da, und ihr krauses Haar war auch glänzend und schwarz. Das bildhübsche Ding weinte und lachte zu gleicher Zeit und hatte in einer Minute zehnerlei verschiedenen Ausdruck im Ge- sichtchen." „Das war ja das reinste Chamäleon", schaltete Georg ein. „Bewahre der Himmel!" rief der Schwarze förmlich entrüstet. „So 'n Trawpclthier habe ich einmal in Goslar gesehen, es wurde herumgeführt mit einem Beffchen auf dem Höcker. Das leichtfüßige, zierliche Hexchen kann man mit so einem Kamelium gar nicht vergleichen; weit eher mit dem schillernden Falter dort." Doktor Hesse lachte unbändig. „Ihr werdet ja ordentlich poetisch im Lobe der jungen Dame", rief er. „Doch sprecht Ihr immer nur von der Einen; wie sah denn die Andere aus?" „Die Andere . . ." Der Köhler stockte. „Ja, die Andere habe ich mir eigentlich nicht angesehen", erklärte er nach einigem Besinnen aufrichtig. „So war sie wohl eine alte Tante, wie sie in der Walpurgisnacht auf Besenstielen dort Hinaufreiten?" „Alt war sie nicht und häßlich auch nicht; aber sie sagte nichts, und mit der Ersten hatte ich genug zu thun", lautete die entschiedene Antwort. „Erwähnte diese nichts von verlorenen Gegenständen?" betheiligte sich Otto wieder am Gespräch. „Du lieber Gott, ja! Sie sprach von verlorenen Büchern und Kleidungsstücken. Aber wenn an die Stellen, wo die begraben liegen, nicht zufällig einmal ein Jäger hinkommt, so mögen sie ein Jahrhundert lang ungestört dort liegen." „Nun, solltet Ihr die Dame noch einmal sehen, so theilt ihr mit, daß ich eines ihrer Bücher gefunden habe. Hier ist meine Adresse." Der Freiherr überreichte dem erstaunten Mann nebst seiner Karte eine ansehnliche Geldspende und ließ sich den nächsten und sichersten Weg zum Brocken beschreiben; dann schieden die Freunde mit herzlichem Lebewohl von dem biedern Waldbewohner. Der jetzt eingeschlagene Fußpfad leitete nach verhältnißmäßig kurzer Zeit in die bequeme Fahrstraße, auf welcher unsere Wanderer ohne weitere Abenteuer zur Höhe gelangten. Nach einer Stunde lag die Welt zu ihren Füßen, der Blocksberg war erstiegen. Ein unendlich weites Rundbild erschloß sich dem Blick. Die Schaar der nahen Bergriesen stellte ihre wildesten und anmuthigsten Formen, zackigen Felshörner, 778 sanfte Wellenlinien, tiefe Schluchten und wuldbedeckte Kuppen zur Schau. In leisem Duft zeigten sich die in unermeßlicher Ferne den Horizont begrenzenden Gebirgs- züge und, von ihrem Rahmen umschlossen, viele hundert Städte und Dörfer. Ueber den wetten Schauplatz goß die Sonne ihren letzten purpurnen Lichtglanz; Höhen und Thäler schienen wie in flüssiges Rothgold getaucht. In andächtigem Schweigen standen die Männer, bis die Tageskönigin gluthstrahlend zur Rüste gegangen war. Dann erst traten sie in das gastliche Haus. II. Trotz der vorgerückten Jahreszeit summte und schwirrte es im.Brockenhause von Gästen, wie in einem Bienen' korbe. Die Schulferien waren ja eröffnet; zudem hatte eine Karawane von Engländern sich heute den Blocksberg als Reiseziel erkoren. Der große Saal, welchen unsere Freunde betraten, bildete einen sehr behaglichen Gegensatz zu dem etwas zugigen Aufenthaltsort im Freien. In einem riesigen Ofen flackerten lustige Flammen, die in dem ganzen Raume wohlthuende Wärme verbreiteten. Heitere Menschengruppen hatten sich an allen Tischen zusammengefunden. Etliche suchten ihre gesunkenen Lebensgeister durch eine Glühbowle wieder aufzufrischen. Andere nahmen bereits ein frühes Abendbrod ein, während ein Theil sich dem Genusse eines späten Nachmittagskaffees hingab. Die Ankömmlinge ließen sich an dem ersten freien Tische nieder, um vorläufig dem Beispiele der Mokkatrinker zu folgen. „Fürwahr, ich freue mich darauf, die Ctrce kennen zu lernen, welche den ehrlichen Köhler durch ihre liebenswürdige Erscheinung und meinen vernünftigen Freund gar durch das bloße geschriebene Wort in einen Zustand totaler Bezauberung versetzt hat", gestand Georg, während sein Auge spähend über die Gesellschaft hinglitt. Auch Otto hielt mit dem Ausdruck gespannter Erwartung sorgfältige Umschau im Saale. Da zeigten sich fröhliche, lärmende Studenten aller Art, unglaublich gelehrte, stubenblasse Professorengesichter, ergötzlich pedantisch aussehende Schulmonarchen mit und ohne Familie. Dort dehnten hoffnungsvolle Söhne Albions mit mehr Ungebundenheit als Anmuth ihre hünenhaften Gliedmaßen; hier hatten stramme Offiziere in Civil sich inS Skatspiel vertieft; daneben kannegießerten Berliner Jünglinge beim Domino und gaben mit lauter Stimme so viele politische Ansichten kund, als sie Köpfe zählten, während in harmloser Ungenirtheit spießbürgerliche Familien mit Kind und Kegel sich häuslich eingerichtet hatten. An Damen war kein Mangel; doch schienen die Gesuchten nicht unter den hier Anwesenden zu sein, die alle mit männlicher Begleitung gekommen waren. „Ich fürchte, unsere Circe sagte dem Brocken schon Valet, und wir haben nicht einmal das Nachschauen", bemerkte der Hannoveraner, um gleich darauf in freudigem Ton hinzuzufügen: „Ah, da sind die Damen!" Ein Engländer, dessen herkulischer Rücken ein gut Stück Aussicht verdeckte, hatte sich erhoben, und durch die entstandene Lichtung gewahrte man wirklich in einer entfernten Fensternische zwei etwas auffallend gekleidete Damen. „Schade, daß sie uns den Rücken kehren", flüsterte Georg. „Die mit dem genialen dunklen Lockenkopfe scheint zu zeichnen, und die mit den kindlich herabhängenden blonden Flechten schaut andächtig zu. Es müssen reizende Backfische sein. Wenn Du Dich dem schwarzen Lockenköpfchen näherst .... Alle guten Geister, was ist das?" unterbrach er sich entsetzt. „Die vermeintlichen Backfische sind mindestens vierzig Jahre alt." Die Schwarze halte ihr Sktzzenbuch zugeklappt, und beide Damen schritten nun, den Kneifer auf der Nase, mit unternehmungslustiger Miene durch den Saal. „Hat der Köhler aber einen kannibalischen Geschmack!" brummte der Pädagoge. „Es ist eigenthümlich", sagte Otto ziemlich kleinlaut; „wir Männer verzeihen dem Weibe alle anderen Fehler eher als Häßlichkeit." „Und beanspruchen höchst ungerecht und anmaßend von der schönen Seele auch einen schönen Körper", fügte Doktor Hesse lachend hinzu. Wenigstens verlange ich von der wirklich vorhandenen schönen Seele, daß sie ihren Stempel auch dem häßlichen Antlitz aufpräge", versetzte Saarstein. „In jedes Menschen Gesicht steht seine Geschichte, sagt, glaube ich, Mirza-Schaffy, und ein Körnchen Wahrheit liegt in dem Spruche. In diesem scharf markirten, mit tiefen, unangenehmen Runzeln lätowirttn Gesicht lese ich aber nichts von innerer Schöne, und die in reichster Fülle um den Mund abgelagerten Falten reden von allem Andern eher als von Liebenswürdigkeit. Ich kann mich unmöglich entschließen, der Dame das Tagebuch, worin sie meiner so ehrenvoll erwähnt, selbst zu überreichen, sondern werde es auf Umwegen zu ihr befördern. Zunächst müssen wir uns vorsichtig erkundigen, ob sie in der That dasselbe vermißt. Auf ein Wort, Herr Wirth", wandte er sich in leisem Tone an den eben Eintretenden. „Kamen heute etwa zwei Damen hier an, welche klagten, daß sie sich verirrt, daß sie verschiedene Dinge verloren . . . ." „Gewiß, gewiß, mein Herr, ganz wie Sie sagen. Zwei sehr distinguirt aussehende Damen trafen vor einer Stunde hier ein, gaben an, daß sie in die Klippen am Nennckenberg gerathen und dort einen Theil ihrer Effekten verloren hätten. Waren Sie vielleicht so glücklich, etwas davon zu finden?" „Ich hoffe so", entgegnete der Freiherr diplomatisch. „Sind die Damen hier im Saale?" fügle er etwas zögernd und unsicher hinzu. „Leider, nein. Sie schienen sehr erschöpft und zogen sich sogleich auf ihr Zimmer zurück." „So haben Sie die Güte, mich melden zu lassen. Hier ist meine Karte. Benachrichtigen Sie, bitte, die Damen, daß ich ein wcrthvolles Manuskript gefunden habe, und daß es wir eine große Ehre sein würde, ihnen weine Aufwartung machen zu dürfen", sagte Otto in auffallend verändertem, freudigem Ton. Als der Wirth mit einer tiefen Verbeugung gegangen war, rief Otto aus: „Gottlob! Die Täuschung wäre doch gar zu niederträchtig gewesen. Wenn der Mensch sich in dem schriftlichen Ausdruck seiner Gedanken auch oft ganz anders zeigt, als er im Leben erscheint, so wäre es doch kaum möglich, daß eine Dame, welche in ihren Aufzeichnungen so hohen Geist, so reiches Gemüth bekundet, ein derartig abschreckendes Aeußere zur Schau trüge." „Je nun", warf Georg ein, „man darf nicht wähnen, einen Menschen zu kennen, dessen schriftlichen Gedankenausdruck man gelesen hat, ohne je mit ihm verkehrt zu haben; ebensowenig freilich kennt man den, mit dem man 779 nur umgeht, ohne mit ihm in Briefwechsel gestanden zu haben." „Wie wäre das auch möglich, da der Mensch sich nicht einmal rühmen darf, sich selbst zu kennen!" gab der Freiherr zur Antwort. „Wenn Du jedoch, wie ich annehmen muß, Deine Ansprüche auf Kenntniß modifi- zirst auf das unserem beschränkten Vermögen überhaupt gegebene Verständniß für die Charaktere Anderer, so muß ich Dir entgegnen, daß ich das innerste Seelenleben einer Dame der sogenannten höheren Stände, welche in den Fesseln der Convenienz groß geworden ist, viel genauer kenne, wenn ich ihre zwanglosen schriftlichen Herzens- ergießungen gelesen habe, als wenn ich jahrelang in den Salons meine Ansichten mit ihr austauschte. Ein einfaches, ungebiloetes Landmädchen dagegen würde ich nie nach seinen Briefen, sondern nur nach seinem ungekünstelten persönlichen Auftreten richtig beurtheilen können. Doch was rede ich hierüber! Meine Erwartungen sind augenblicklich zu sehr gespannt, als daß ich große Lust zu Abhandlungen empfände... Ach, hier kommt schon der Bote vom Olymp. Wie steht's mit der Audienz, Herr Gesandter?" „Die Damen bedauern, den Herrn Baron heute Abend nicht mehr empfangen zu können", lautete die ent- muthigende Antwort. „Schade!" Eine kleine Wolke flog über Otto's Stirn. „Doch ich konnte mir es denken. Vertrösten wir uns also auf morgen." Mittlerweile wurde es dunkel.Man zündete die Lichter an. Flinke Kellner schoben die Tische zusammen und deckten eine lange Tafel zur gemeinsamen Abendmahlzeit. „Wenn Du Deinen Schmerz über die Zurückweisung in materiellen Genüssen betäuben willst, so bietet sich jetzt die Gelegenheit dazu", äußerte Georg. „Was mich betrifft, so verspüre ich eine heftige Begierde nach eßbaren Substanzen." „Nun, so zögern wir nicht länger, uns der Tafelrunde anzuschließen", sagte der Freiherr und schritt sogleich voraus. Schicksalstücke l Kaum saßen sie, als die unter' nehmungslustigen, „vierzigjährigen Backfische", wie Doktor Hesse sie getauft hatte, an dessen Seite Play nahmen. Sie dokumentirten sich sogleich als reisende Malerinnen, oder besser als malende Reisende, da sie, wie das schwarzlockige Fräulein Eleonore Stern mit großer Zungen- geläufigkeit offenbarte, die Kunst nur zum Vergnügen und Zeitvertreib ausübten. Sie kannten beinahe alle Länder Europas und waren nur auf den Brocken gekommen, um die Sonne, den Wind und die Wolken in ihren ^ malerischen Wirkungen zu beobachten. ^ Da der Philologe, gutwüthig wie er war, nicht ! umhin konnte, einiges Interesse zu heucheln, so hatte ^ Fräulein Eleonore die Grausamkeit, ihr reichhaltiges > Skizzenbuch vor ihm auszubreiten, dessen farbenprächtige § „Studien" er einigermaßen verblüfft anstarrte. ' „Sehen Sie die Wolkenbildung, ist sie nicht großartig, effektvoll?" rief Fräulein Eleonore begeistert, indem sie auf ein Aquarell-Chaos deutete, das Georg eher für alles Andere als Wolken gehalten hätte. Er murmelte etwas, von dem man: „In der That — außerordentliche Wärme des Colorits l" verstand. Otto, welcher es liebte, die Bekanntschaft absonderlich gearteter Menschenkinder zu machen, hatte mit großem Vergnügen seine Aufmerksamkeit getheilt zwischen den ihm gegenübersitzenden, ganz in griechischen Partikeln und lateinischen Hexametern festgerittenen Mentoren und den blasirten jungen Gentlemen zu seiner Rechten. Er suchte seinen britischen Nachbar in ein neutrales Gespräch zu verflechten, indem er die großartige Aussicht vom Gipfel des Brockens rühmte. Die Kauwerkzeuge des Engländers hielten in ihrer Beschäftigung inne. „Aussicht", wiederholte er geringschätzend. „Glauben Sie denn, daß ich meine Zeit damit vergeude, um das kleine, langweilige Rundbild von dieser Bergeshöhe zu betrachten? Keiner von uns ist heraufgekommen, um Aussicht zu genießen. Wir alle machten die Tour zu unserem Vergnügen, oder besser, um auf dem weltbekannten Blocksberg gewesen zu sein. Wähnen Sie vielleicht, ein Jäger klettert hier herauf, um die Landschaft zu beschauen?" „Im Gegentheil, mein Herr, er klettert zu seinem Vergnügen", antwortete der Freiherr sarkastisch. „O Thäler weit, o Höhen!" gab plötzlich eine Schaar von Elementarlehrern und Lehrerinnen eine Gesangesleistung von sehr fragwürdigem Dreiklang zum Besten, die jede Unterhaltung übertäubte. Die Disharmonie des LiedeS stimmte selbst die braven musikunverständigen Jagdhunde, unter den Tischen tief schwermüthig, so daß sie im Chor mit lautem Geheul einen Sängerkrieg eröffneten. Die Schaar der Barden war jedoch nicht leicht zu besiegen. Auf das erste Lied ließen sie unverzagt folgen: „Wer hat dich, du schöner Wald aufgebaut so hoch da droben"; als dann aber auch noch: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten", ihren sangeslustigen Kehlen entströmte, hielten unsere Freunde nicht mehr länger Stand, sondern flüchteten auf ihr Zimmer. Hier wußte Georg nichts Besseres zu thun, als sich auf sein Lager auszustrecken und sich ins Land der Träume zu begeben. Als er nach geraumer Weile schläfrig wieder emporblinzelte, gewahrte er beim Schein der Kerze seinen Freund eifrigst mit Lesen beschäftigt. „Höre, Otto, Du bist doch der indiskreteste Mensch, der mir je im Leben vorkam!" ereiferte er sich bei diesem Anblick. „Sitzt der Pirat mit seinem Fang da und liest Aufzeichnungen, die nicht für ihn geschrieben sind, vertieft sich in die zarten Herzensergüsse einer jungen Dame, welche sie nur ihrem Tagebuche, ihrem intimsten Freunde, anvertraute." „Set still, Georg. Ich bin mir vollkommen meines Kapuzinergencral I'. Drrnhard Christen 780 Unrechts bewußt", entgegnete Otto. „Mein Beginnen ist unedel, niedrig, abscheulich, ich weiß es wohl; aber es liegt für mich ein Zauber in dem Buche, der mich unwiderstehlich lockt. Weßhalb läßt sie auch ein Manuskript in meinen Händen, weßhalb führt sie mich in Versuchung? Sie selber hat es sich zuzuschreiben, wenn ich in den Tantalusqualen erliege. Gönne mir nur noch wenige Worte ungestört zu lesen." Er heftete die Augen wiederum auf die zierliche Handschrift. und erhob meine unbedeutende Person zum Helden ihres ersten Romans", konnte sich Otto nun doch nicht enthalten, dem Freunde mitzutheilen. „Blaustrümpfe und kein Endel" knurrte der Päda- Die Worte aber, welche seine Aufmerksamkeit fesselten, welche er erst mit der Hast eines bösen Gewissens überflog, dann aber, kühner geworden, wieder und wieder las, lauteten also: „Heute vertiefte ich mich noch einmal in Saarsteins Reisebilder. Ich habe diese unvergleichlichen Land- und Sittenschilderungen gelesen in den verschiedensten Stimmungen und unter den verschiedensten äußeren Verhältnissen, im stillen Kämmerlein des Elternhauses und mitten im Getümmel der Eisenahnreise, — immer und überall haben sie denselben tiefen Eindruck auf mich gemacht. Seine Gedanken und Gefühle treten an mich heran wie alte Freunde, wie herzliche Vertraute. O, ich liebe den Mann mit seinem warmschlagenden Herzen für alles Edle und Schöne, mit seinem offenen Auge für die Wunder der Natur. Mit welch' entzückender Pracht malt er die üppige Tropenwelt, die wilde Schönheit der Gebirge, die unermeßlichen Prairien, das vom Sturme gepeitschte Meer! Wie machtvoll ergreifend schildert er die todesstarre Einöde des Polarmeers, die gefahrvollen Gipfel der Alpen, die furchtbaren Gluthwüsten Afrika'sl Es war nicht eitler Ehrgeiz, der ihn dorthin in jene Gefahren trieb, es war der Drang, Eroberungen für die Wissenschaft, für die Wohlfahrt der Völker zu machen. Alle seine farbenreichen Schilderungen haben einen ernsten Grundton, die bunten Acußerlichkeiten sollen eine geschichtsphilosoph- ische Idee illustriren. — Und dieser Mann, der die Bewohner zweier Hemisphären begeisterte, dem alle Welt ihre Huldigung darbrachte, zieht sich in das Stillleben der ländlichen Heimath zurück, um hier, wenn auch in anderer Weise, segenbringend zu wirken. Der Beweggrund seines Handelns ist stets reine, edle Nächstenliebe. Ich verstehe diese hohe Mcnschennatur, ich glaube, sein innerstes Wesen erfaßt zu haben. Das Ideal, das mir im Herzen lebte, das erst in unbestimmten Umrissen mir vorschwebte, verdichtete sich und nahm Gestaltung an, als ich ihn kennen lernte. Ich habe versucht, von seinem groß und edel angelegten Charakter ein schwaches Bild zu entwerfen in meinem Roman, zu dessen Schöpfung mich die Begeisterung für ihn anregte. „Auf der Höhe" betitelte ich diese Erstlingserzähluug, weil mein Held auf der Höhe jener Lebcnsanschauung steht, die das wahre Glück nur darin sucht, Gott zu dienen und den Menschen nach Kräften zu nützen." WWW M „Aotofr", das größte Segelschiff er D ^ goge. „Ich habe heute gerade genug von dieser Spezies kennen gelernt, um einen gründlichen Widerwillen dagegen „Denke Dir, Georg, die Dame ist Schriftstellerin zu verspüren. Die Brille auf spitzer Nase, Tintenfinger und den Kopf voll Dünkel I" „Du wirst ungerecht, Georg", sagte der Weltum- segler halb geärgert, halb belustigt. „Dem sogenannten Blaustrumpfe rede auch ich nicht das Wort; doch ich bin überzeugt, daß die liebenswürdige Schreiberin dieser Zeilen nicht leicht werden, dies nach Gebühr zu thun, und so will ich Gnade für Recht ergehen lassen, zumal da uns der alte Blocksberg mit dem stürmischen Aeolus in Harmonie ein so wundervolles Schlummerlied singt. Gute gekschiff er Welt, im Kufen zu Kamburg. Nacht!" Otto hatte Recht, es ließ sich vortrefflich schlafen bei den eintönigen, inBaßundContre- alto ausgeführten Melodien der Aeolus- Serenade da draußen. Und so schliefen sie denn und träumten. III. Mit Hellem Klang tönte eine Glocke durchs ganze Haus, daß gleichzeitig alle Schläfer emporfuhren. „Die Sonn' erwacht, mit ihrer Pracht" erdröhnte es vierstimmig in bekannter Dissonanz aus der benachbarten Zelle, wo ein Theil der glücklichen Kantoren untergebracht sein mußte. Die Bedeutung des Sturmläutens konnte unsern Freunden bei dem commentiren- den Gesänge nicht zweifelhaft bleiben. Unwillkürlich schauten Beide zum Fenster hinaus, und stehe, der östliche Horizont flammte in purpurner Gluth. Jetzt warf die Sonne ihre ersten Strahlen über die Gebirgswelt; bald stieg der Feuerball empor und beleuchtete die Häupter der Berge, welche wre riesige Inseln dem Schooße des umgebenden Nebelmeeres entstiegen." „In der That ein Naturschauspiel, das unsere Aufmerksamkeit verdient", sagte Otto bewundernd. „Aber sehe ich nicht schon flatternde F-rauengewänder und wehendeLocken dort auf dem Aussichtsthurme?" „Leonore fährt ums Morgenroth l" citirte Georg frei nach Bürger. „Fräulein Eleonore Stern, die arme Seele, macht Nebelstudien. Mich friert bei diesem Anblick, und ich freue mich, daß ich so recht behaglich auf meinen Kissen die Herrlichkeit des Sonnenaufganges genießen kann. Und da uns die Sache nun einmal so bequem gemacht wurde, beantrage ich, daß wir uns der Ruhe noch etwas länger erfreuen, zumal da wir gestern durch unsere Ueberanstrengung ein Recht darauf erworben haben." „Ich wende nichts dagegen ein", lautete die Antwort. Und Beide thaten, wie Hesse vorschlug. (Fortsetzung folgt.) --«-SLS-- Goldkörner. Die Sprüche, die geklungen, Von allen deutschen Zungen Die alten goldnen Lehren, Die haltet wohl in Ehren. A. Stöber. die Bezeichnung nicht verdient. Zur Strafe für Dein j vorschnelles Urtheil sollte ich Dich damit langweilen, Dir ^ die Verdienste aufzuzählen, welche jemals edle Frauen ! durch ihre Schriften erwarben. Freilich dürfte es mir ^ Wenn die Manschen nicht in cmer Art oon Selbsttäuschung ihre Freuden mehr nach allgemein genommenen Begriffe» als nach ihren Gefühlen wählen, so würden sie Vieles nichr suchen und Vreles nicht fliehen W. v. Humboldt. 782 Das Schlau genauge. Von Paul Gilchrist. Deutsch von E. Hanrieder. (Fortsetzung.) „Welches ist der Grund Ihres Besuches?" fragte ich nach einer Pause. „Es ist nothwendig, daß ich mich gegen Jemanden ausspreche, und Sie sind ein alter Freund der Familie. Sie find auch ein guter Mensch und haben schon Manchem aus der Verlegenheit geholfen. Lord Attrill würde gewiß auf Ihre Worte hören. Gilchrist, Sie müssen mir einen Gefallen erweisen. Gehen Sie morgen früh zu ihm, und vertreten Sie noch einmal meine Sache." „Sie sind krank, Carroll", sagte ich, „wie kann ich in der elften Stunde noch dazwischentreten? Die Hochzeit wird am Donnerstag stattfinden. Glaub n Sie, daß auf meine Verwendung hin Lord Attrill seiner Tochter erlauben würde, dem Kapitän ihr Wort zu brechen?" „Er könnte es, wenn man ihm die Wahrheit sagte", antwortete Carroll. „Lady Pamela liebt mrch, den Kapitän liebt sie nicht." „Sie haben nicht das Recht, dergleichen zu sagen." „Ich habe das Recht, denn es ist wahr. Huben Sie nicht ihr Gesicht beirachtet, als sie mich sah?" Ich blieb stumm. Allerdings hatte ich die veränderte Farbe ihres Antlitzes beobachtet und die Traurigkeit, welche jene herrlichen Augen umwölkte. Nach einer Pause sprach ich: „Ich muß ein deutliches Wort mit Ihnen reden", begann ich. „Sie handeln nicht, wie es einem Manne geziemt. Es ist wahr, daß Lady Pamela einmal Ihnen geneigt war — ihre Familie war nicht damit einverstanden — das Mädchen war sehr jung, und man glaubte, daß sie ihr eigenes Herz noch nicht kenne. Damals hat sie viel gelitten, aber jetzt hat sie es überstanden. Ein Mann, der nach allen Seiten hin ihrer würdig ist, hat sich ihr genähert, und wenn Sie nur halbwegs so viel Muth hätten, als Sie besitzen sollten, würden Sie Lady Pamela übermorgen glücklich heirathcn lassen." „Ich bin ganz unzugänglich für alles, was Sie mir sagen mögen. Mein Entschluß ist gefaßt. Entweder wird die Verlobung zwischen Lady Pamela und Kapitän Mainwaring aufgehoben — oder ich begehe Selbstmord." „Thorheit!" erwiderte ich aufspringend. „Ich schäme mich, Ihnen zuzuhören. Sie geben vor, Lady Pamela zu lieben, und wollen doch einen so schrecklichen Schatten auf ihr Leben werfen." „Nein", antwortete er, „wenn sie Kapitän Matn- waring heirathet, so wird sie nie mein unseliges Geschick erfahren. Ich habe ihrer Familie wissen lassen, daß ich zu meinem Rcgimente zurückkehre. Wenn ich meinen Zweck, wegen dessen ich Sie heute Abends noch aufsuchte, nicht zu erreichen vermag, kann sie in diesem Glauben bleiben. Sie wird denken, wenn sie überhaupt an mich denkt, daß ich weit weg von England lebe und leide. Ich werde meine Vorkehrungen treffen, damit sie daS Schlimmste nicht erfährt. Nun, wollen Sie mir helfen oder nicht?" „Es ist mir unmöglich, Ihnen auf die Weise, wie Sie mir soeben angedeutet haben, zu helfen. Es ist umsonst. Wären Sie ruhiger, so würden Sie mir beistimmen. Sie würden begreifen, daß nichts, was ich jetzt noch sagen oder thun kann, die Sache ändern wird. Wenn Sie beabsichtigten, dazwischen zu treten, warum ließen Sie es bis zur letzten Stunde anstehen?" „Weil ich mit meinem Regimente nicht in England war. Die Nachricht von der Verlobung erreichte mich vor drei Wochen in Afrika. Ich kam um Urlaub ein und benützte gleich das erste nach England gehende Schiff. Heute Nachmittag kam ich in London an. Nun, ich will Sie nicht länger aufhalten. Es thut mir leid, daß Sie nicht im Stande sind, mir zu helfen. Wenn Sie mit Lord Attrill gesprochen hätten, wäre es mir besser gegangen. So wie es ist, muß ich meinen eigenen Weg verfolgen." „Sie sind also fest entschlossen, Kapitän Mainwaring zu sprechen?" „Ich bin es. Ich habe Pamela meine Absicht in dem bewußten Briefe mitgetheilt. Mainwaring muß vollständig unterrichtet werden, ehe er sich verheirathet. Be» Röntgcu-Ktrahlkn. MM SMS i"' -SS Vor er heute Nacht einschläft, soll er die ganze Geschichte unserer Verlobung wissen." „Und Sie glauben, daß dies ihn bestimmen wird, auf Lady Pamela zu verzichten?" „Höchst wahrscheinlich. Auf jeden Fall werde ich ihm klaren Wein einschenken." „Wenn er aber auf seiner Verlobung besteht?" „Dann werde ich die Hochzeitglocken nicht mehr läuten hören. Uebrigcns, Gilchrist, wie sagten Sie, daß dies Ihr Gift gebraucht werden müsse?" „Das geht Sie nichts an", antwortete ich. „Je weniger Sie in Ihrer gegenwärtigen Gemüthsverfassung an Gift denken, desto besser." Ohne ein Wort zu sagen, stand er auf. Er war ein schlankgebauter Mann von nerviger Gestalt, seine Lippen waren fest zusammengepreßt. Selten hatte ich ein entschlosseneres Gesicht gesehen. 783 „Ich wünsche, ich könnte Sie bestimmen, der Sache ihren Lauf zu lassen", sagte ich zu ihm. „Und diesem Menschen erlauben, mit ihr zu leben", erwiderte er. „Keine Macht der Erde soll mich dazu zwingen." Er reichte mir die Hand und verließ das Haus. Kaum war er einige Augenblicke fort, da bemerkte ich, daß unter den Korrekturbogen des „Lancet" Seite acht fehlte. Auf diesem Blatte hatte ich genau beschrieben, wie man die todbringende Säure anwenden könne. Betroffen schaute ich um mich — das Blatt mochte zu Boden gefallen sein — ich fand es nicht — im nächsten Augenblicke entfloh meinen Lippen ein Ausruf des Schreckens. Ein kleines Fläschchen, gefüllt mit dem Gifte selbst, das neben dem Manuskripte gestanden war — fehlte ebenfalls. Nun wußte ich, was geschehen war. Carroll hatte das Wort „Gift" auf der Etikette der Flasche gelesen und diese selbst jedenfalls eingesteckt, ehe ich das Laboratorium betreten hatte. Im gewöhnlichen Sinne des Wortes bin ich kein Doktor, obwohl ich die Arzneikunde und Chirurgie stu- dirt habe — jedoch kenne ich nur zu wohl die fürchterlichen Eigenschaften des Trankes, mit dem sich der unglückliche Mann versehen hatte. Meine nächste Pflicht war, ihm sogleich zu folgen. Ich setzte meinen Hut auf und ging fort — es war Mitternacht vorüber. Sobald ich Carroll finden würde, wollte ich ihn zwingen, mir die Flasche mit der Säure zurückzugeben; aber ich war nur wenige Schritte gegangen, als mir einfiel, daß ich ja seine Adresse gar nicht wußte. Er hatte jedoch davon gesprochen, Kapitän Mainwaring besuchen zu wollen. Mainwaring wohnte im Hotel Savoy. Ich beschloß, dorthin zu gehen, wich nach dem Kapilän zu erkundigen und nötigenfalls meinen Weg in das Zimmer, in welchem die Beiden miteinander sprächen, zu erzwingen. Ich miethete gleich den ersten Wagen, dem ich begegnete, und ließ mich zum Hotel Savoy führen. Als ich dort ankam, war es beinahe ein Uhr. Der Nachtportier allein war noch auf. Auf meine Frage antwortete er, daß er sofort auf Kapitän. Mainwaring's Zimmer gehen werde, um zu sehen, ob Mister Carroll noch bei ihm sei. Ich wartete unten — nach einigen Minuten kam der Mann zurück uud sagte mir, daß Carroll jedenfalls fort sei, da in den Zimmern des Kapitäns kein Licht mehr brenne und er daraus schließe, daß dieser sich zweifelsohne zur Ruhe begeben habe. Ich verließ das Hotel. Vor dem Morgen konnte ich nichts mehr thun. Nachhause zurückgekehrt, dachte ich stundenlang über Carroll's unselige Geschichte nach. Meine Unruhe wurde immer stärker, bis ich endlich gegen Morgen in meinem Stuhle einschlief. Während meines Schlafes wurde ich von Träumen beunruhigt, in welchen ich den verhängnißvollen Trank sah, den ich selbst bereitet, und der nun seine tötliche Wirkung auf mehr denn ein Opfer ausübte. Als ich plötzlich und in Schweiß gebadet erwachte, schien die Wintersonne in mein Zimmer. Ich ging in mein Schlafkabinet, wechselte meine Kleider und beauftragte Silva, mein Frühstück zu bereiten. Während ich mich anzog, kam ich zu einem Entschluß. Ich wollte schnell meine Tasse Kaffee trinken und dann sogleich Kapitän Mainwaring aufsuchen. Möglicherweise kannte er die Adresse Carroll's. Auf alle Fälle konnte ich aus seinem Benehmen schließen, welche Wirkung die Mittheilung des jungen Mannes auf ihn gemacht hatte. Das Frühstück war aufgetragen, und ich trat soeben in mein Wohnzimmer, als ein lautes Klopfen an der Außenthüre sich vernehmen ließ. Silva öffnete, und im nächsten Moment trat Carroll, bleich wie der Tod und mit einem Gesichtsausdruck, der mir das Wort auf den Lippen ersterben ließ, bet mir ein. Sobald sich der Diener entfernt hatte, kam er zu mir heran. „Ich kann es nicht glauben", sagte er, „ich fühle nicht den geringsten Schmerz, aber ich weiß, daß ich ein rutnirter Mann bin: Kapitän Mainwaring ist todt." Ich sprang auf. „Was wollen Sie damit sagen?" fragte ich. „Ich konstatire eine Thatsache. Ich sah ihn ver- wichene Nacht und erzählte ihm die ganze Geschichte meines Verlöbnisses mit Pamela Crosslhwaithe. Anfänglich war er zornig, dann beruhigte er sich; sagte, er wolle einige Stunden darüber nachdenken, und bal mich, um acht Uhr wieder ins Hotel zu kommen. Ich ging hin und fand alles in ungeheurer Bestürzung — der Kapitän war todt im Bette gefunden worden. Man hatte einen Arzt gerufen, welcher meinte, daß da nicht alles in Ordnung sei. Die Gesichter des Hotelpersonals sagten mir, daß man mich im Verdacht habe. Ich bedeutete dem Oberkellner, daß ich Sie besuchen werde, und komme jetzt geradeswegs vom Hotel. Was ist nun zu machen?" „Das ist ja entsetzlichI" erwiederte ich, „es muß irgend ein Irrthum obwalten." (Schluß folgt.) -—- Zu unseren Bildern. Kapuztnergeneral k. Bernhard Christen. Im Frühjahr heurigen Jahres wählten die Hochw. ?. ?. Kapuziner auf dem Generalkapitel k, Bernhard Christen, der schon 12 Jahre sehr segensreich als General des Kapuzinerordens gewirkt hatte, auf weitere 6 Jahre zum General des Ordens, und Papst L o XIII. bat diese Wahl bestätigt. ?. Christen ist geboren am 24. Juli 1837 in Andermatt am St. Gotthard in der Schweiz als ältester Sohn der Besitzer eines kleinen Bauernanwesens, die noch am Leben sind. 1855 trat er in das Kapuzinerkwster auf dem Wesemlin bei Luzeru und legte am 8. Oktober 1856 die ewigen Gelübde ab. Am 29. Juli 1810 ward er zum Priester geweiht und wirkte 3 Jahre als Seelsorger auf dem Wesemlin. 1863 bis 1865 war er Lektor in Zug. 1865 bis 1874 Novizenmeister auf dem Wesemlin. Dann wurde er zum Guardian in Solotburn ernannt, 1879 wurde er Provinzial der schweizerischen Ordensprovinz. 1883 erfolgte seine Berufung als Oberer des Klosters in Lugano, von welcher Stelle weg er 1884 zum Generalkapitel nach Rom abgeordnet und am 9. Mai zum General des Ordens erkoren wurde. Papst Leo XHI. setzte motu xroprio die Dauer dieser Amtsthätigkeit auf 12 Jahre fest. Diese Daten umschließen ein an schönen Thaten reiches Amtsleben im Kapuzincrorden. Das fühlt jedermann, der diese Daten nur liest. Es ist kaum möglich, all die schönen Thaten gebührend hervorzuheben, wodurch ?. Bernhard Christen seine Liebe zur hl. Kirche und zu seinem seraphischen Orden bekundet und sein Vaterland ehrt. Erwähnen wir Folgendes : ?. Bernhard Christen hat als Kapuzinergeneral bereits die 44 Provinzen und 6 Generalkommissariate (d. h. 6 Distrikte, von welchen jeder mehrere Klöster umfängt, die aber noch nicht eigentliche geordnete Provinzen bilden, sondern je von einem Kommissar der Generaldefinition verwaltet werden) in Europa und Amerika besucht und die Hauptsttze der Misstonsstationen in Asien und Afrika mit seiner Gegenwart erfreut. Als er das Ordensgencralat antrat, bestanden 42 Provinzen und 2 Kommissariate; auch die Missionsstationen haben sich seitdem vermehrt. Seine Amtsführung hat das von seinem Vorgänger kaum ins Leben gerufene und auf ganz schwachen Füßen gestandene „Orientalische Miiflonsinstitut" mit seinen Häusern in Smyrna und Phtlippopolis erhalten und sichergestellt. Was ?. Bernhard Christen als General zur inneren Erfrischung und 784 Karl Goldmark. M - V»" Kräftigung des gesummten Ordens gethan, verdient geradezu eine außerordentliche Arbeitsleistung genannt zu werden. Und alles dies trotz mehrfacher Krankheit und zweimaliger sehr schwerer Erkrankung! Fassen wir schließlich seine Persönlichkeit ins Auge, so ist sein im heutigen „Postboten" gehotenes Bild ein möglichst getreuer Ausdruck seines Innern und Aeußern, das zusammen in voller Harmonie steht. Körperlich gut mittelgroß, kräftig und wohlgebaut, ist ?. Bernhard ein entschiedener Freund deS offenen, geraden Mittelweges AnS seinem Auge leuchtet so viel Gemüth als Verstand in seltener Ruhe und Klarheit. Eine Figur, die durch nichts auffällig, ziert ihn bei allem edle Einfachheit. Würde und Bürde haben ihn gebeugt und gebleicht, das Aussehen des angehenden Alters ihm aufgeprägt; die Gnade und sein guter Wille, Gott, der Kirche und dem Orden zu dienen bis zur Verzehrung seiner letzten Kraft, haben ihn aufrecht erhalten. Daß er seinem Orden noch lange erhalten bleiben möge! „potost". das größte Segelschiff der Welt. Der Fünfmaster „Potost", der für Rechnung der Hamburger Reederei F. Laeisz auf der Teklenburg'schen Werst in Geestemünde hergestellt wurde und fahrbereit im Hafen von Hamburg liegt, hat eine Länge von 362 Fuß und eine Breite von 49,9 Fuß; die Tiefe von der Oberkante bis zum Kiel mißt 31,2 englische Fuß, und der Raumgehalt ist 3955 Register-Tons brutto, die Tragfähigkeit beinahe 6000 Tons groß. Wi: der „Potost" die bisher vorhandenen großen Segler an Ausdehnung übertrifft, so besitzt er auch die höchsten Masten. Der Großmast, der an Deck einen Durchmesser von 34 Zoll ausweist, mißt vom Kiel bis zum Flaggenknopf 210 Fuß. Die Segel umfassen ausgespannt ein Areal von 4700 Quadratmetern, die Reservesegel nicht mitgerechnet. Selbstverständlich haben die Erbauer des Riesenschiffes sich bei der Einrichtung alle neueren Errungenschaften der Wissenschaft und Technik nutzbar gemacht, so daß auch in dieser Hinsicht der „Potost" als ein Muster der Schiffsbaukunst gelten muß. Sei ihm fröhliche Fahrt gegönnt zu Deutschlands Ruhm und Ehre! Ueber RSntgen-SIrahlen-Grfolge. Von vr. C. Wenzlik, Solingen. Welche Dienste Röntgen« Entdeckung der leidenden Menschheit leisten, erläutert folgender Fall: Einem Knaben, welcher durch eine Revolverkugel eine komplicirte Verletzung am Unterschenkel erlitten hatte, konnte die Kugel, welche unterhalb des KnieeS eingedrungen war, nicht entfernt werden, da dieselbe mit der Sonde nicht aufzufinden war. Der bedenkliche Zustand des Kranken erforderte aber eine Entfernung dieser Kugel, und so machte ich eine Photographische Aufnahme, durch welche die Kugel 15 vm unterhalb der Schußwunde mitten in der Knochenhöhle, zwischen dem Knochenmark, ermittelt wurde. Die X-Strahlen mußten also hierbei, um ein Bild der Kugel ergeben zu können, durch den Knochen hind urch gehen. Nebenstehende Zeichnung veranschaulicht das Ergebniß dieser Durchleuchtung. Die Fleischtheilr zeigen sich als ein leichter, die Knochen dagegen als ein dunkler Schatten, und inmitten dieses Knochenschattens erblickt man, 2'/,ow voneinander getrennt, 2 ganz dunkle Flecken. Diese beiden Flecken sind, wie die nach Maßgabe des Bildes vorgenommene Untersuchung ergab, Theile der Revolverkugel. Daneben erblickt man 2 kleine Kettchen, welche zur besseren Orientirung über die Lage der Kugel auf den Schenkel gelegt worden waren, welcher an diesen Stellen noch mit Höllenstein schwarz markirt wurde. Genau wie das Bild es angegeben, schnitt nun Herr Sanitätsrath vr. Vogelfang aus Hilden bei der Operation an der Stelle bis auf den Knochen, und es präsentirte sich daselbst eine rundliche Bleiplatte mit dem gezipfelten Anhange; daneben war der Knochen im Umfang eines Pfennigstückes zerschmettert, und man gelangte hier mit der Sonde in die Knochenmarkhöhle. Es wurde nun an der Stelle des ovalen Fleckes ein- geschnitten, der Knochen freigelegt, mit Hammer und Meißel die Knochenhöhle aufgebrochen, worauf stch in der Tiefe das andere größere ovale Stück der Kugel zeigte, welches nun mit Leichtigkeit herausgezogen werden konnte.. Ohne die Röntg en- Strahlen hätte man dieses Bleistück, das von denselben durch Fleisch und Knochen hindurch dem menschlichen Auge sichtbar gemacht wurde, wohl niemals aufgefunden. Karl Goldmark, der Componist der reizenden Oper „Heimchen am Herd", den wir heute unsern Lesern im Bilde vorführen, ist ein Sohn des melodienreichen Ungarlandes: im Jahre 1832 wurde er zu Keszthelp geboren. Von 1844 an bildete sich unser Künstler in Wien zum Violinspieler aus, wendete stch jedoch, nachdem er 1847 in's dortige Conservatorium eingetreten war. vorwiegend dem Klavierspiel und der Komposition zu und trat 1857 in einem Concert mit einer Anzahl eigener Kompositionen vor die Oeffentlichkeit. Das reiche Talent, das seine ersten Arbeiten offenbarten, brachte seitdem in stetig fortschreitender Entwicklung immer reifere und schönere Früchte. Nachdem der Künstler eine große Zahl sehr beifällig aufgenommener Kompositionen, Ouvertüren, Symphonien, Chorwerke und Quartette, veröffentlicht hatte, erschien im Jahre 1875 seine erste Oper, „Die Königin von Saba", auf der Bühne des Wiener Hofopern- Theaters und machte von dort die Runde über zahlreiche Bühnen Deutschlands und Italiens. Seine zweite Oper „Martin" folgte im Jahre 1876. Auch sie hat verdientermaßen sehr beifällige Aufnahme gesunden. Das reifste Werk von Goldmark's Talent aber ist seine jüngste Oper „Heimchen am Herd", zu der A. M. Willner das Libretto nach der gleichnamigen Erzählung von Charles Dickens geschrieben hat. Goldmark's Musik ist der köstlichen Weihnachtsdichtung des großen englischen Erzählers würdig: die zarten, lyrischen Tonreime des herrlichen Werkes erinnern lebhaft an die besten Schöpfungen Mendelssohns. -- Ergänzungsräthsel. Aus nachstehenden Buchstabenreihcn lassen sich durch Einfügung passender Vokale und Abgrenzung der dadurch entstandenen Wörter fünf Verszeilen bilden: ^lokslnnsnnndlok rslvvilnsvrguiz-n rstnltlnül»»^» «liiktnkiniullliltsklr «I888ni»lg1vklok>vr. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 99: Weiß. schwarz. 1. T. V7—67 K. V6-67: (L5:) 2. T. L5 l67)-65j- beliebig. 3. T., S. Matt. 1. 2. T. L5-65 3. S., L. Matt. -» S. §8—V7 (L6) oder L7—V6 beliebig. «1V2. 189b. i»Augsburgrr PoMtung" Areitag, den 11. Dezember Kür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag der Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbefitzer vr. Max Huttler). Ihr erster Roman. Novelle von Antonio Haupt. (Fortsetzung.) Als sie einige Stunden später den Gastsaal aufsuchten, fanden sie Alles in lebhafter Bewegung. Viele rüsteten sich zum Abmarsch. Einige waren noch damit beschäftigt, ihren Morgenkaffee zu trinken, frühe Wanderer trafen schon ein; das war ein Fragen und Antworten, ein Gehen und Kommen ohne Unterlaß. Nachdem Otto den Blick spähend über die Anwesenden hatte gleiten lassen, richtete er denselben mit gespannter Erwartung auf die Thür. Seine Geduld sollte auf die Probe gestellt werden, die Ersehnte wollte nicht erscheinen. „Hier, meine Herren, die neuesten Nachrichten!" Der Gasthofbesitzer legte ein Packet Zeitungen auf den Tisch. „Haben die Damen ihr Zimmer noch nicht verlassen?" ergriff Saarstein sofort die Gelegenheit, um den Hausherrn zu befragen. „Ah, Sie meinen die jungen Damen, welche gestern in die Klippen geriethen? Dieselben sind schon seit mehreren Stunden über alle Berge." „Was, sie sind schon fort? Ich habe ja noch dar Buch!" rief Otto erregt. „Hinterließen sie keinen Auftrag für mich?" Der Wirth lächelte. „Keinen. Nicht einmal ihren Namen schrieben sie inS Fremdenbuch." „Wie fatal l Wissen Sie nicht, wohin sie sich wandten?" „Ich horte, daß sie von Jlsenburg sprachen; auch schlugen sie den Weg dorthin ein, und zwar durch das Schneeloch." „Gingen sie allein?" „Das nicht, mein Herr. Sie gingen in Gesellschaft zweier ältlichen Ehepaare." „So haben wir wenigstens einen Anhaltpunkt. Ich danke Ihnen sehr." AIS der Wirth sich entfernt hatte, rief Saarstein lebhaft: „Ich bitte Dich, Georg, sieht da» nicht aus wie eine Flucht?" „WaS eS im Grunde auch ist", versetzte dieser gleich- müthig. „Die Dame argwöhnt wahrscheinlich, daß Du zufällig oder als indiskreter Mensch das Loblied auf Deine Person gelesen hast. Ihr mädchenhaftes Benehmen gewinnt ihr übrigens weine Achtung. Sie will Dir, nachdem ihr HerzenSgeheimniß enthüllt ist, um keine» Preis begegnen." „Und ich werde Alle» daran setzen, sie aufzufinden, sie kennen zu lernen", betheuerte Saarstein feurig. „ES mag freilich nicht ganz leicht sein; denn das erst kürzlich auf der Reise begonnene Tagebuch ist nur eine Fortsetzung früherer Annalen und gibt keinerlei Aufschluß über den Namen oder auch nur den Wohnort der Verfasserin. Beeile Dich etwas mit Deinem Frühstück, auf daß wir schleunigst ihren Spuren nach Jlsenburg folgen; eS dünkt mir dies die einzige Möglichkeit, sie zu haschen." Der Philologe versprach, sich zu sputen, würdigte aber zunächst mit großer Seelenruhe die vor ihm liegende Zeitung einer genauen Durchsicht. Otto schaute sinnend in die Ferne. „Ob sie den in ihren Memoiren erwähnten Roman wohl veröffentlicht hat? Dann wäre ja der Weg zu ihr gefunden", so dachte er und nahm sich vor, alle Roman- ankündigungen der Gegenwart, sowie sämmtliche belletristische Kataloge der letzten Jahre eingehend zu studiren. In natürlichem Zusammenhang mit seinen Erwägungen fiel sein Blick unwillkürlich auf die „Ltterarische Rundschau" der auf dem Tisch liegenden Zeitung. Mit dem größten Interesse starrte er plötzlich darauf nieder. Täuschte ihn ein Spiel seiner Einbildungskraft, oder stand dort wirklich: „Auf der Höhe, Roman von Ilse TreueufelS"? — Nein, dies konnte unmöglich eine trügerische Vorspiegelung sein! Er laS: „Im Verlage von X. in U. erschien soeben: „Auf der Höhe", Roman von Ilse TreuenfelS. In der Verfasserin lernen wir eine frische poetische Kraft kennen, deren Erstlingsschöpfung unbedingt zu den besseren Werken der Belletristik gehört. Anlage und Durchführung von Situationen und Charakteren verrathen viel Geschick. Der Held der Erzählung, ein Bild edler, schöner Männlichkeit und adeliger Gesinnung, ist eine lebensvolle Gestalt, wie sie nur der Wirklichkeit abgelauscht sein kann. Sein Porträt wurde mit besonderer Liebe und Hingebung gemalt; in frischen Farben gruppiren sich darum die übrigen Personen des Romans, unter denen namentlich die Heldin, ein echt deutsches Mäochen mit warmer, tiefer Empfindung und anspruchsloser Liebenswürdigkeit, eine herzgewinnende Erscheinung ist. Wir empfehlen diesen mit überaus feiner Beobachtungsgabe und reichem Geiste geschriebenen Roman den Freunden guter UnterhaltungSlektüre auf'S wärmste." 766 „Freund, nun habe ich sie!" rief Saarstein in seiner Freude so laut, daß sogleich ein Dutzend Köpfe sich erstaunt nach ihm umdrehten. „WaS hast Du?" fragte Hesse trocken. „Ihr Roman ist im Loschen Verlage erschienen und wird hier besprochen", berichtete der Freiherr leise. „Sage, Georg, glaubst Du, daß Ilse Treuenfels ein fingirter Name sei?" „Wie kann ich das wissen! Er kommt mir etwas phantastisch vor." „Mir auch. Doch Pseudonym oder nicht, ich habe jetzt die beste Hoffnung, sie zu finden. Vor allen Dingen möchte ich keine Zeit mehr hier verlieren. Komm', lass' uns gehen." Georg fügte sich dem Wunsche seines Freundes; und wie auf Sturmesflügeln ging es unter Otto's Anleitung hinab in daS sogenannte Schneeloch. Das Reisehandbuch hatte vor diesem Wege als einem sehr beschwerlichen gewarnt, er erwies sich jedoch im Vergleich mit dem gestern durchkreuzten Klippenlabyrinth als eine äußerst bequeme Gelegenheit zum Vorankommen. Ehe man eS gedacht, war man über glatte Felsblöcke hinweg und durch Gehölz gedrungen, hatte sumpfige Strecken hinter sich gelassen und befand sich nun in einem wundervollen Tannenwalde. Auf allen Seiten plätscherten Quellen, die sich bald zu der reizenden Ilse vereinten, welche dann in unzähligen Wasserfällen das Bergthal hinabrauschte. Otto dachte lächelnd an die Ausführung Heine's: „Die Ilse ist eine Prinzessin, die lachend und blühend den Berg hinabläuft. Wie blinkt im Sonnenschein ihr weißes Schaumgewand! Wie flattern im Winde ihre silbernen Busenbänder l Wie funkeln und blitzen ihre Diamanten!" In natürlicher Jdcenverbindung schweiften seine Gedanken dann hinüber zu Ilse Treuenfels, die er dort unten zu finden hoffte, und vergnügt summte er vor sich hin: „Ich bin die Prinzessin Ilse Und wohne im Jlscnstein, Komm mit nach meinem Schlöffe, Wir wollen selig sein l" „Beabsichtigst Du nun, alle Hotels nach Deiner unsichtbaren, geheimnißvollen Dichterin zu durchforschen?" fragte Georg, als die ersten Häuser von Jlsenburg zwischen den Tannen auftauchten. „Ehe ich eine solche Rundreise antrete, werde ich im Stationsgebäude Nachfrage halten, ob das Dampfroß sie nicht schon entführt hat", erklärte Saarstein. Eine Viertelstunde später standen sie vor dem Schalter, um zu erfahren, daß soeben eine Gesellschaft von zwei ältlichen Ehepaaren und zwei jungen Damen mit dem Zuge nach Halberstadt gefahren sei. „Wann geht der nächste Zug dorthin?" „Nach drei Stunden, mein Herr." „DaS ist Tücket Was beginnen, Georg?" „Ich denke, wir setzen uns in jene sehr einladend aussehende Veranda und widmen dort unsere Aufmerksamkeit einem Gabelfrühstück." Gesagt, gethan. Die Veranda war in der That ein unmuthiger Aufenthaltsort mit entzückender Aussicht auf den nahen, von Schwänen durchzogenen Teich und auf das Gebirge mit dem majestätischen Brocken im Hintergründe. Auf diese Weise wurde es Otto nicht schwer, sein Schicksal mit Würde zu tragen. Die Stunden eilten unter angenehmer Unterhaltung dahin wie im Fluge, bis die Locomotive bereit stand, um ihn und seinen Freund nach dem alten Halberstadt zu entführen. Die Fahrk indessen durch ziemlich flache Gegend dünkte ihm in seiner Erwartung ungebührlich lang. Endlich wurden die Thürme der ehemaligen Bisthumshauptstadt sichtbar; das Ziel war erreicht. „Kann mir hier Jemand sagen, wohin eine Gesellschaft von zwei ältlichen Ehepaaren und zwei jungen Damen, welche vor drei Stunden hier ausstiegen, sich gewandt hat?" rief Saarstein auf's Gerathewohl in ein Chaos von Gasthofbedienten und Kutschern hinein. Eine kleine Berathung entstand, dann tönte es ihm entgegen: „Die Gesellschaft, wonach der Herr fragt, ist unzweifelhaft im „Goldenen Roß" bei Mutter Goedike abgestiegen." Ein strammer, betreßter Bursche trat vor und erhärtete: „Ja, das kann ich bestätigen, die Herrschaften sind in unserem Hause." „So fahrt uns dorthin", entschied der Freiherr. Das Haus „Znm goldenen Roß" in Halberstadt trägt nicht nur von außen daS Gepräge der guten, alten Zeit; der Fremde, welcher seine Schwelle überschreitet, fühlt sich sofort angemuthet von der herzlichen, echt deutschen Gastfreundschaft, mit der man ihm entgegenkommt. Die Herrin des Hauses, eine stattliche, alte Dame, welche als „Mutter Goedike" weit und breit in hohem Ansehen steht, empfing unsere Reisenden mit freundlichem „Willkommen", und Beide sagten sich sogleich beim Eintreten, daß es ihnen hier sehr leicht gelingen werde, sich heimisch zu fühlen. Auf Otto's Frage nach den Gesuchten ward ihm freilich eine neue Enttäuschung zu theil. „Die Herrschaften haben einen Ausflug nach den Spiegelsbergen unternommen, wollen aber zur gemeinsamen Abendmahlzeit wieder hier sein", berichtete Mutter Goedike. „Werden die jungen Damen auch dabei erscheinen?" fragte der Freiherr etwas mißtrauisch. „Selbstverständlich. In unserem Hause schließt sich so leicht Niemand ungesellig ab", lautete die zuversichtliche Antwort. „Wenn Sie, meine Herren, die Spiegelsberge mit ihren schönen Anlagen heute Abend nicht mehr aufsuchen wollen, so rathe ich Ihnen, unsere interessanten Bauwerke, besonders den Dom, die Liebfrauenkirche un^ das Nathhaus, zu besichtigen." „DaS letztere wollen wir thun, und zwar sogleich", entschied Doktor Hesse. Dann schlenderten die Freunde durch die alterthüwlichen Straßen mit den hochgiebeligen Häusern voller Holzschnitzereien nach dem Domplatze. Die alte Kathedrale, eine. der schönsten Kirchen Deutschlands, fanden sie namentlich im Innern sehr sehenswerth. Die Liebfrauenkirche wurde von Otto nur äußerlich in Augenschein genommen, er lenkte seine Schritte in die nächste Buchhandlung. Natürlich fand er nicht, was er suchte: „Auf der Höhe" von Ilse Treuenfels, war nicht vor- rüthig, konnte jedoch auf Bestellung in einigen Tagen hier sein. Um eine Hoffnung ärmer, suchte er seinen Freund im bereits dämmerigen Gotteshause auf, dann wandten sich die beiden mit gespannter Erwartung wiederum dem „Goldenen Rosse" zu. „Die Herrschaften sind zurückgekommen", empfing Mutter Goedike sie im Vorsaale. „Ich habe den Damen bereits gesagt, daß zwei fremde Herren nach ihnen gefragt. Sie sind alle dort im Zimmer." Heffe öffnete behutsam die Thür, warf einen Blick — 787 in den bezeichneten Raum, taumelte aber sogleich mit dem Mieneuspiel des Entsetzens zurück. „Weißt Du, wem wir mit so anerkennenswerther Beharrlichkeit nachgejagt sind?" flüsterte er. „Nun?" fragte Otto, nichts Gutes ahnend. „Den vierzigjährigen Backsischen. Es ist zum Verrücktwerden l Ich glaube, der Teufelsspuk, der auf dem Rennekenberg anfing, hat uns bis hierher noch nicht verlassen. Fräulein Eleonore kramt den Inhalt ihrer Skizzenmappe vor den beiden Schulmonarchen von gestern und deren Ehehälften aus", berichtete Georg lachend. „Ich hätte die größte Lust, mich heimlich zu verflüchtigen", murmelte Otto dumpf. „Das dürfen wir nicht, Mutter Goedike hat uns bereits angemeldet", lachte Hesse. „So gehe Du vorläufig allein ins Zimmer, ich habe noch Wichtiges zu besorgen." Mit diesen Worte drehte sich Saarstein herum und eilte, von plötzlicher Eingebung getrieben, schnurstracks zum Telegraphenamt. Hier richtete er anf dem Drahtwege das Ersuchen an die Verlagshandlung in U. um sofortige Zusendung von „Auf der Höhe" und bat um die genaue Adresse der Verfasserin. AIs er infolge dieser That ziemlich wohl gelaunt endlich das Gastzimmer des „Goldenen Rosses" betrat, fand er seinen Freund im besten Galgenhumor der Welt bereits vollständig heimisch. Die vierzigjährigen Backfische wie die beiden Ehepaare schienen nicht unempfänglich für guten Witz; und so unterhielt man sich schon vortrefflich, ehe das Abendessen unter Mutter Goedike's Vorsitz seinen Anfang nahm. Bet Tisch herrschte durch Vermittlung der Hausherrin ein erfreulich zwangloser Verkehr, als ob Alle zusammen bei einer befreundeten Familie zu Gast gebeten seien, und «an trennte sich erst spät mit der gegenseitigen Versicherung, einen angenehmen Abend verbracht zu haben. (Fortsetzung folgt.) --SSWSS-- Das Schlangeuauge. Von Paul Gilchrist. Deutsch von Emma Hanrieder. (Fortsetzung statt Schluß.) „Gewiß nicht. Würde ich etwas so Schreckliches erfinden? Sie sehen selbst, Gilchrist, von welcher Bedeutung dieser Todesfall für mich ist. Ich war zuletzt bei Mainwaring, wir schieden im Zorn, die Hoteldiener werden die Länge der Unterredung beschwören. Ich werde sogleich verhaftet werden, und um den Beweis zu liefern, der genügt, mich an den Galgen zu bringen, ist dies in «einer Tasche." Bei diesen Worten zog er die ominöse Phiole mit dem Gifte heraus. „Geben Sie es mir", sagte ich und streckte meine Hand danach aus. „Nein, ich werde es jetzt behalten. Ich nahm es zu meinem eigenen Gebrauche. Heute Nacht lag es anf Ihrem Tische. Die Etikette mit der Aufschrift „Gift" war das erste, was mir in die Augen fiel, als ich das Zimmer betrat. Ich unterlag der Versuchung und eignete es mir vor Ihrem Erscheinen an; denn ich suchte ein Mittel, mir, wenn nöthig, das Leben damit zu nehmen. Gerade als Sie in das Zimmer eintraten, hatte ich die ganze Beschreibung von der eigenen Wirkung Ihres Giftes gelesen. Ich steckte auch das achte Blatt Ihres Manuskriptes ein. Hier ist das Blatt und hier auch die Flasche." „Nun, so können Sie es mir wenigstens zurückgeben. Sie brauchen sich nicht freiwillig den Strick um den Hals zu legen." „Es ist zu spät", erwiderte er. „Als ich im Hotel die unselige Nachricht hörte, strauchelte ich und fiel beinahe. Irgend etwas trieb mich an, die Hand in meine Tasche zu stecken. Ich zog die Flasche heraus und schaute sie ganz bestürzt an. Ein Kellner, der neben mir stand, muß das Wort „Gift" gesehen haben. Nun, ich werde die Sache durchmachen müssen. Ich bin zu Ihnen gekommen, dem einzigen Freunde, den ich besitze. Was rathen Sie mir, daß ich thun soll?" „Ich rathe Ihnen, Platz zu nehmen und, wenn möglich, mir zu sagen, was vorgefallen ist." Carroll sah mich einen Augenblick starr an, dann warf er sich in deu nächsten Fauteuil und begann zu sprechen. „Ich will Ihnen erzählen, wie alles gekommen ist. Im Hotel Savoy kam ich ziemlich spät an, allein Main- waring war noch nicht zu Bette gegangen. Ich sah ihn und erzählte ihm meine Geschichte. Er verweigerte es ein- für allemal, Pamela aufzugeben." „Und die Flasche?" fragte ich, als Carroll einen Augenblick aussetzte und sich den Schweiß von der Stirne wischte. „Ich ging in das Crown-Hotel", fuhr er fort, „einen kleinen Gasthof in der Nähe deS Hotel Savoy. Als ich dort in mein Zimmer getreten war, nahm ich das Fläschchen aus der Tasche. Mainwaring's Worte hatten mich fast zum Wahnsinn getrieben. Ich sah ein, daß er Paweln um keinen Preis aufgeben würde. Ein unabweisbarer Wunsch, mir das Leben zu nehmen, stieg in mir auf. Ich laS noch einmal Ihre Beschreibung des Giftes, brach das Siegel und zog den Kork aus der Flasche. Im nächsten Moment würde ich das Gift ein- geathmet und meinem elenden Dasein ein jäheS Ende bereitet haben, aber im gleichen Augenblicke überkam mich ein furchtbarer Schauder über das, was ich zu thun im Begriffe stand. Jetzt fürchtete ich den Tod eben so sehr, als ich ihn zuvor herbeigesehnt hatte. Ich drückte den Kork wieder in die Flasche und steckte sie ein. Das ist Alles, waS soll ich jetzt thun?" Ich wollte soeben antworten, als ein scharfes Läuten an der Hausthüre mich unterbrach. Schon in der nächsten Minute traten ein paar Polizeibeamte, von Lord Attrill begleitet, in das Zimmer. Einer der Herren ging geradeswegs auf Carroll zu. „Heißen Sie Laurence Carroll?" fragte er. „Ja", antwortete der junge Mann. „Hier habe ich einen Verhastbefehl gegen Sie, wegen des Verdachtes, daß Sie heute Nacht Kapitän Mainwaring im Savoy-Hotel ermordet haben." Nun, da der Schlag wirklich hereingebrochen, war Carroll ziemlich ruhig. „Ich werde natürlich mit Ihnen gehen", sagte er; „aber das sage ich Ihnen gleich, ich bin vollständig unschuldig." „Je weniger Sie sagen, desto besser ist es für Sie, mein Herr", erwiderte der Mann. „Es ist meine Pflicht, Sie mitzunehmen; es thut mir leid, aber, wie gesagt, je ruhiger Sie sich verhalten, desto besser l" Carroll reichte mir die Hand, er warf keinen Blick 768 auf Lord Attrill, der seinerseits nicht die geringste Notiz von ihm nahm. Einen Augenblick später befand ich mich mit dem alten Grafen allein. „Der Schurke!" rief er aus, als die Thüre sich hinter Carroll und den Beamten geschlossen hatte. „Ich wundere mich, daß Sie solchen Besuch bei sich dulden, Gilchrist, das find hübsche Ereignisse; mein einziger Wunsch ist, daß ich noch erlebe, wie diesen Burschen das Schicksal, das er verdient, ereilt." „Er ist unschuldig, Attrill«, sagte ich. „Bei Gott, ich spreche die nackte Wahrheit. Carroll hat ebensowenig den Mord begangen, als ich." Lord Attrill beehrte mich «it einem sonderbaren Lächeln. „Ich glaube, Sie werden an Ihrer Meinung nicht rütteln lassen, aber ich theile sie nicht. Uebrigens hat diese furchtbare Nachricht mein armes Kind schrecklich aufgeregt. Sie bat mich, Ihnen zu sagen, daß sie Sie zu sprechen wünscht. Wollen Sie mit mir kommen?" „Gewiß!" Ich setzte meinen Hut auf, und gleich darauf verließen wir beide das Haus. Wir nahmen einen Wagen und fuhren direkt nach PortlandS-Square. Natürlich hatte man alle Vorkehrungen für die Hochzeit weggeräumt, und das große HauS bot einen eigenartigen Anblick. Diener und Tapezierer entfernten alle Spuren der angesetzten Feierlichkeit. Eine Thüre am entgegengesetzten Ende der großen Halle stand offen, und Lord Attrill und ich gingen nach dieser Richtung, als wir in das HauS eintraten. Wir befanden uns in dem Raume, in dem Lady Pamela's Hochzeitsgeschenke ausgestellt waren. Der Tisch mit dem Glaskästchen stand in der Mitte, ein purpurnes Kiffen lag darin — aber der Diamant war fort. „Ah", sagte Lord Attrill, der die Richtung meiner Augen bemerkt hatte, „der arme Mainwäring hatte besondere Eigenheiten mit dem Steine. Er brachte ihn jeden Morgen hierher, aber bestand darauf, ihn während der Nacht bei sich zu behalten. Uebrigens wird es unter den gegenwärtigen Umständen nicht gerathen sein, ihn im Hause zu belassen. Ich will ihn lieber gleich holen." Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als am andern Ende des Zimmers sich eine Thüre öffnete und der indische Diener Gopinath hcreinglitt. Sein geräuschloser Eintritt war von keinem von uns beiden bemerkt worden, aber sobald er uns sah, stieß er einen seltsamen Schrei aus und fiel uns zu Füßen. „Lannx Koe ist gestohlen!" stöhnte er. „Ich habe das leere Etui gefunden." Er hielt das lederne Etui in der Hand. Lord Attrill ergriff es. „Was soll das heißen", sagte er. „Steh' auf, Bursche. Was hast du entdeckt?" „Das Schlangenauge ist fort", wiederholte der Mann. „Ich fand den Behälter leer, so wie er da ist, unter dem Kiffen «eines Herrn. Ich habe das Futteral hierhergebracht. Mainwaring Sahib muß von dem Diebe, der den Stein gestohlen, ermordet worden sein." Lord Attrill's Aufregung bei dieser Nachricht war pngeheuer. „Das ist in der That ein Grund für den Mord. Gilchrist, ich muß Sie verlassen. Gopinath, komm' sogleich mit mir." Der Graf und der Jndier verließen zusammen das Gemach, und ich wendete mich um und läutete. Ein Diener erschien. „Wollen Sie Lady Pamela mittheilen, daß ich hier bin. Fragen Sie, ob ich mit irgend etwas dienen kann." Der Mann zog sich schweigend zurück. Nach einigen Minuten kam er wieder. „Lady Pamela wünscht Sie sogleich zu sprechen", sagte er, „darf ich Sie bitten, mir zu folgen." Er führte mich in den ersten Stock, in ein hübsches Boudoir, dessen rosa Vorhänge herabgelassen waren. Eine weiß gekleidete Dame kam auf mich zu, streckte mir beide Hände entgegen und umklammerte die meinen mit kräftigem Drucke. „Bemitleiden Sie mich nicht", sagte Lady Pamela» denn sie war es, „ich bin nicht traurig über meines Verlobten furchtbares Ende. Oh, ich weiß, es ist gefühllos von mir, aber ich will Ihnen die Wahrheit sagen — er liebte wich, und man sagt, er sei ermordet worden. Sein Tod hat mich nur betäubt, überrascht, aber — Sie werden mich verachten, wenn ich es eingesiehe, ich weiß es, — aber wenn ich leide, so geschieht es nur um Carroll's willen." „Setzen Sie sich", sagte ich zu ihr, „dieses entsetzliche Eceigniß hat Sie zu sehr aufgeregt. Versuchen Sie, ruhig zu sein." „Wie kann ich das? rief sie aus. „Soeben sagte man mir, daß man Laurence verhaftete — man glaubt auch an seine Schuld, ich lese es in den Augen Aller; man meint sicher, daß er Mainwaring ermordete. Ich kann kaum sprechen vor Angst. In seiner Tasche hat man auch ein Fläschchen Gift gefunden. Man sagt, Sie wüßten etwas darüber." „Unglücklicher Weise ist eS so." „Wie kam er dazu? Hatten Sie etwas damit zu thun?" „Ihrem Herrn Vater beantwortete ich eine ähnliche Frage nicht", erwiderte ich, „allein bei Ihnen ist es etwas anderes; wenn Sie mir ruhig zuhören wollen, werde ich Ihnen alles sagen." In wenig Worten erzählte ich ihr, anf welche Weise das Gift in Carroll's Hände gelangt war. „Sie glauben, daß er es nahm, um damit einen Selbstmord zu begehen?" „Das war seine Absicht. Drch, Gott sei Dank, als der Augenblick kam, hatte er nicht den Muth, sein unseliges Vorhaben auszuführen." „Wollen Sie das Verhör abwarten?" fragte Lady Pamela nach einer Pause. „Ja." „Werden Sie voraussichtlich über das Gift befragt werden?" „Es ist sicher, daß man diesbezügliche Fragen an mich stellen wird." „Und werden dann sagen, was Sie wissen?" Ich blickte sie überrascht an. „Ich darf mit dem, was ich weiß, nicht zurückhalten", sagte ich. „Denken Sie daran, daß man mich vereidigen wird." „Das ist gerade der Punkt, über den ich mit Ihnen sprechen möchte", erwiderte sie, all' ihre Kraft Zusammennehmend. „Wenn Sie auch unter Eid aussagen, so müssen Sie mir doch feierlichst versprechen, daß Sie daS, was zu Ihrer Kenntniß gelangt ist, verschwngcn." 789 „Ich soll meineidig werden?" sagte ich. „Sie wissen nicht, was Sie sprechen." „Ja, ich weiß es", erwiderte sie — bei diesen Worten warf sie sich mir zn Füßen — „was kümmert mich ein Meineid. Man wird ihn ja hängen, wenn Sie dir Wahrheit sagen." „Stehen Sie auf." Ich nahm sie bei der Hand und führte sie zu einem Sopha. „Versprechen Sie mir zu schweigen i" „Lassen Sie ruhig mit sich reden, Lady Pamela, Sie find außer sich vor Angst. Man kann Carroll nur damit einen Dienst erweisen, indem man versucht, den Verdacht von ihm zu nehmen." „Aber wenn er nicht von ihm genommen werden kann?" „Was meinen Sie damit?" „Ich kann nicht dafür", seufzte sie, „ich fürchte das Schlimmste. Er war in Verzweiflung, — der Brief, den er mir schrieb, verrieth es mir. Ich hätte ihn nie aufgeben sollen. Niemals liebte ich Kapitän Mainwaring. Oh! unter diesen schrecklichen Verhältnissen könnte sich alles ereignet haben." „Sie müssen mich anhören", unterbrach ich sie. „Sie haben in der vergangenen Nacht nicht mit Carroll gesprochen, aber ich; Sie sahen ihn heute nicht; aber ich. Wären Sie bei ihm gewesen, so würde diese Furcht Sie nicht befallen haben. Er ist ein Mann in verzweifelter Lage, ich gebe das zu, aber, Lady Pamela, er ist kein Mörder." „Sie trösten mich, trotzdem ich nicht daran zu glauben wage", seufzte sie. Sie wischte den Angstsweiß von ihrer Stirne, und ihre Augen nahmen einen ruhigeren Ausdruck an. „Ich würde Ihnen dies nicht sagen, wenn ich nicht selbst davon überzeugt wäre. Nun muß ich auf etwas anderes übergehen. Wissen Sie, daß der Diamant fehlt?" „Wie!" rief sie aus, „das Schlangenauge?" „Ja, es ist gestohlen worden. Gopinath hat soeben die Nachricht davon gebracht. Ihr Herr Vater ist mit ihm fortgegangen. Diese Thatsache allein scheint mir Carroll's Unschuld zu beweisen. Diejenige Person, welche den Diamanten raubte, beging zweifelsohne auch den Mord. Nun brauchte aber Carroll kein Geld — in diesem Moment seines Lebens wäre der Diamant von gar 'einem Werthe für ihn gewesen." Lady Pamela hörte mir mit glühenden Wangen und glänzenden Augen zu. Die Thatsache, daß der Stein fehlte, war für sie der größte Trost. Ich mußte sie jetzt verlassen, versprach ihr aber, sobald ich neue Nachrichten empfangen hätte, zurückzukehren. Das Verhör fand am folgenden Morgen in aller Frühe statt. Ich hatte natürlich dabei gegenwärtig zu sein. Die Verdachtsmomente waren für den armen Carroll ungeheuer belastend und man übergab die Anklage wegen vorsätzlichen Mordes dem Schwurgerichte. Carroll wurde gesanglich eingezogen, um seine Vernehmung vor Gerichte zu erwarten, und die ganze Familie Crossthwaite war in tiefster Trauer. Spät abends wollte ich Lady Pamela nochmals besuchen, doch man sagte mir, sie fei ernstlich erkrankt, und man habe einen Doktor zn Nathe gezogen. Ein Nervensieber wurde befürchtet. Unruhig und bedrückt kehrte ich nachhanse zurück. Ich ging in meine Bibliothek und versuchte vergebens auf andere, minder aufregende Gedanken zu kouimen, als Silva mir meldete, daß der Jndier gekommen sei und mich zu sprechen wünsche. Ich befahl, ihn sogleich vorzulassen. Gleich darauf betrat er das Zimmer. Er kam gerade auf mich zu und übergab mir einen Brief von Lady Pamela, in welchem sie mich dringend bat, sie gleich am nächsten Morgen zu besuchen. „Ich bin fast von Sinnen vor Kummer und Krankheit", schrieb sie. „Eine Unterredung mit Ihnen würde mir die größte Erleichterung verschaffen." (Schluß folgt.) --t-> v i * - Die Cardmassivnrde und deren Verleihung. Am vergangenen 3. Dezember hat LeoXIIl. in öffentlichein Consistorium ivieder sieben nenernannten Cardinälen den Purpur verliehen. Bei diesem Anlasse dürfte es unsere Leser interessircn, etwas über die Bedeutung der Cardinals- ivnrde und das Ceremonie!! der Verleihung dieser Würde zu vernehmen. Wir benützen hiefür eine Studie des Wiener „Vaterland": Der Erhabenheit der Cardinalswürde entspricht auch ihr hohes Alter; denn in einem gewissen Sinne haben jene Kirchenhistoriker und Canonisten Recht, die den Ursprung des Cardinalats in die ersten Zeiten des Christenthums versetzen und bis auf die heiligen Päpste Cletus, zweiten Nachfolger des heiligen Petrus, oder Hymnus (154) zurückführen, wie es wohl auch nicht in Abrede gestellt werden kann, daß die Bezeichnung Cardinal schon zur Zeit des heiligen Silvester, also zu Anfang des vierten Jahrhunderts, üblich war, allerdings nicht für die römischen Priester allein. Was die römische Kirche betrifft, so waren die Cardinäle ursprünglich die Inhaber der. „tituli", d. h. der Pfarrkirchen Roms, also mit einem Worte die röm- ischenPresbyteri und derenGesammthcit; das Presbyterium bildete seit den ältesten Zeiten gleichsam den Senat, das berathende Kollegium des Papstes oder römischen Bischofs; dazu kamen dann später noch die Inhaber der Diakonicn, d. h. die' Vorsteher der frommen Anstalten in Rom und der damit verbundenen Kirchen. Daher der Unterschied zwischen Cardinalpriestern und Cardinaldiakoncn, zu denen nachher noch einige Bischöfe in der Umgebung von Rom als Cardinal b i s ch ö f e kamen. Es war ganz natürlich, daß die Bedeutung und Würde der Cardinäle als der unmittelbaren Rathgcber und Mithelfer des Papstes in der Regierung der Kirche immer mehr zunahm, so daß schon der heilige Petrus Damiani sagen konnte, die Cardinäle nähmen an der päpstlichen Würde selber theil. Die Cardinäle sind Fürsten der Gesammtkirche, sie sind gleichsam die Arme des Papstes, und abgesehen eben von der päpstlichen Würde, gibt es in der Kirche keine höhere Würde als die der Cardinäle. Ihre Anzahl und ihre Befugnisse wechselten im Laufe der Zeit. Ihr vorzüglichstes und wichtigstes Recht besteht seit 1059 darin, daß ihnen ausschließlich die Wahl des Papstes zusteht, während seit 1376 die Cardinäle nicht nur die Wähler des Papstes sind, sondern dieser auch nur aus ihrer Mitte gewählt werden kann: das heißt: es kann Niemand Papst werden, der nicht vorher Cardinal geworden. Daher denn auch Souveräne und Regierungen den Cardinälen die höchsten Ehren erweisen, sie den Prinzen der regierenden Familien gleichstellen und ihnen dementsprechend öffentliche Ehrenbezeigungen zuerkennen. Die Zahl der Cardinäle war, wie gesagt, sehr verschieden nach den Umständen und besonders nach dem Willen der Päpste, denen deren Ernennung allein zukommt. Erst Sirius v. setzte in der berühmten Bulle .RostgumiM von: Jahre 1685 ihre Zahl auf 70 fest, entsprechend der Zahl der Aeltestcn, die Gott dem Moses als Rathgeber bestimmte, und zwar 6 Cardinälc von der Ordnung der Bischöfe (die sogenannten snbnrbicarischen Bisthümer), 60 von der Ordnung der Priester und 14 von der Ordnung der Diakonen. Das Amt der Cardinäle bringt es mit sich, daß sie — ausgenommen jene, die auswärts Bischöfe sind — bei dem Papste rcsidiren, und es ist ihnen positiv vorgeschrieben, sich von dem Orte, wo der Papst residirt. nicht zn ent- 790 fernen, wenn sie nicht vorher dessen Erlaubniß erlangt haben. Was die Cardinäle betrifft, die gleichzeitig einen bischöflichen Stuhl inne haben, so unterstützen auch sie den Papst in der Kirchenregierung, vornehmlich durch Berichte über die Lage der Kirche in den betreffenden Ländern, durch Kundgebung ihrer Meinung über die dort auftauchenden kirchlichen Fragen und vor allem durch Wahrnehmung der Interessen des apostolischen Stuhles. Sie nehmen auch an den heiligen römischen Kongregationen theil, diesen großen Dikasterien, deren sich der Papst ordent- licheriveisc bedient bei der Leitung der gesummten Kirche. Die Ernennung (Kreation) der Kardinäle pflegt vorn Papste im geheimen Konsistorium vorgenommen zu werden, während die Ueberreichnng des Cardinalshutes im öffentlichen Konsistorium geschieht. Das Konsistorium ist die Versammlung der Kardinäle, insoferne diese vom Papste llls dessen Rathscollegium zusammenberufen werden. Das Konsistorium ist ein geheimes, wenn außer dem Papste nur die Kardinäle anwesend sind, ein halböffentliches, wenn auch Bischöfe zugelassen werden, ein öffentliches, wenn noch andere Diguitäre des römischen Hofes, das diplomatische Corps :c. beiwohnen. Am Tage vor dem Konsistorium begibt sich der Magister der päpstlichen Cursoricn nach Empfang des päpstlichen Auftrages zu den in Rom weilenden Kardinälen und theilt ihnen knieend Tag, Stunde und Ort des Konsistoriums mit. Dieses wird vom Papste in dem Palaste abgehalten, wo er residirt. Im Vatikan wird das geheime Konsistorium in einem Saale neben der geheimen Anti- caniera, der eben deßwegen Cousistorialsaal heißt, abgehalten. Dort ist für den Papst ein Thron errichtet, um den herum im Quadrat die Bänke für die Kardinäle aufgestellt sind, die sich je nach der kirchlichen Zeit in rother vder violetter Kleidung nach dem Palaste begeben. In den ersten päpstlichen Vorzimmern ziehen sie die rothe oder violette Kappa an und erwarten dort die Ankunft des Papstes. Der Papst, in weißem Talar, weißem Cingulum mit Goldgnasten, Rochett und Mozett, verläßt zur bestimmten Stunde seine Prwatgemächer, zieht das k»läa genannte weiße Ueberkleid an und begibt sich, begleitet -von den Mitgliedern der geheimen Anticamera, fernem Hofstaate, den Keremoniären und dem ersten Cardinaldiakon, der ihm die rothe Stola umlegt, in den Consistorialsaal. Bei seinem Erscheinen erheben sich alle Kardinäle, nehmen das rothe Zucchetto ab und verneigen sich. Sobald der Papst den Thron bestiegen, ruft der Kustos des Konsistoriums mit lauter Stimme: „Lrtra. onmss!" (Alle hinaus!), worauf sämmtliche Officiale der Curie den Saal verlassen und dessen Thüren schließen, die erst nach Beendigung des Konsistoriums wieder geöffnet werden, so daß selbst einem Cardinal, der etiva zu spät kommt, nichts übrig bleibt, als umzukehren und nach Hause zu fahren. Sobald der Papst mit den Kardinälen allein ist, hält er eine lateinische Ällocntion über eine kirchliche Angelegenheit, wenn es ihm so gut dünkt, und wenn er Kardinäle creiren will, nennt er deren Namen und erwähnt ihre Verdienste. Sodann holt er hierüber die Meinung der Kardinäle ein mit der Formel: ..Haiä vobis vülstm?" (Was dünkt Euch D Die Kardinäle erheben sich zum Zeichen der Zustimmung, nehmen das Zucchetto ab und verneigen sich. Hierauf creirt der Papst die neuen Kardinäle mittelst der Formel, die auf deutsch lautet: „Vermöge der Autorität des allmächtigen Gottes, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und Unserer eigenen creiren Wir zu Cardinalpriestern (-Diakonen) N.N. mit den nothwendigen und angemessenen Dispensen, Dcrogationen und Klauseln." Behält der Papst einen Kardinal in petto, so verschweigt er bei dessen Kreation den Namen desselben. Nach dem geheimen Konsistorium gehen sofort die dazu bestimmten Officialcn zu jenen der neuen Kardinäle, die sich in Rom befinden, um ihnen die amtliche Meldung von ihrer Kreation zu überbringen und sie einzuladen, sich in den Vatikan (gewöhnlich am Nachmittag desselben Tages) zn begeben, um aus den bänden des Papstes das Cardiiialsbirret zu empfangen. Was die nicht in Rom anwesenden neuen Kardinäle betrifft, so bestimmt der Papst einen Nobelgarden, um ihnen mit der Nachricht von ihrer Promotion das rothe Zucchetto (oder die Kalotte) zn überbringen. Sobald der neue Cardinal das Zucchetto empfangen hat, darf er sich als Cardinal unterschreiben, aber noch nicht den Purpur, noch auch das Cardinals- Birret tragen. Letzteres wird ihm von dem Souverän des Landes oder, wenn dieser nicht Katholik ist, von einem hiezu vom Papste dclegirten Cardinal nach einem bestimmten Ceremoniell ausgesetzt. Während nach der Birret- Aufsetzung das Tedeum gesungen wird, begibt sich der neue Cardinal in die Sakristei, und hier erst zieht er den purpurnen Talar, das rothe Cingulum und die purpurne Oappa INLANS an. Sowohl das rothe Birret wie das rothe Zucchetto wurde den Kardinälen vom Papste Paul II. im Jahre 1464 verliehen, jedoch mit Ausnahme der einem religiösen Orden entnommenen. Diese Ausnahme hob indessen Papst Gregor XIV. auf, so daß auch die Kardinäle, welche Regulären sind. Birret und Zucchetto von rother Farbe tragen. Das letztere tragen die Kardinäle stets und nehmen es nur vor dem Allerheiligsten, vor dem Papste und vor den kollegialster versammelten Kardinälen ab. Der rothe Hut (Cardinalshut) ist das älteste purpurne Jusigne der Kardinäle. PapstJnnocenz IV. bestimmte nämlich auf dem ersten allgemeinen Concil zu Lyon (1245), daß die Kardinäle den rothen Hut zu tragen haben, und erst Bonifatius VIII. verlieh ihnen die vollständige Purpurkleidung, die bis dahin nur vom Papste getragen und höchstens hie und da einem Legaten s, totere gestattet wurde. Der berühmte Cardinal Bellarmin sagt, der Purpur sei den Kardinälen gegeben worden mit Rücksicht auf ihre der königlichen gleichzuhaltenden Würde; der Purpur soll aber auch die Kardinäle erinnern, daß sie stets bereit sein müssen, ihr Blut zu vergießen für den Glauben, den apostolischen Stuhl und den Frieden der Christenheit. Der Cardinalshut ist aus rothem Tuch, hat eine breite Krämpe und einen verhältnißmäßig kleinen „Kopf", von welchem zwei rothe Schnüre mit fünf Reihen Quasten an jeder herabhängen, derart, daß zuerst eine Quaste kommt, dann zwei, drei, vier und fünf, so daß es zusammen 30 Quasten sind. Der Hut wird einen: neuen Kardinal, der außerhalb Roms wohnt, äußerst selten, ja fast nie geschickt, sondern vom Papste in: öffentlichen Konsistorium aufgesetzt, wo er auch von: Papste den Cardinalsring empfängt, der von Gold ist und einen großen Saphir enthält. Der eigentliche Cardinalshut wird von den Kardinälen nur bei einigen wenigen Feierlichkeiten getragen; sonst tragen sie einen rothen Hut von gewöhnlichen Dimensionen mit Goldverziernngen und für gewöhnlich einen schwarzen Hut mit rothen: Bande und Goldverziernng. ---8MNS-- AllseLeL. Alte Feuerzeuge. Die Erzeugung des Feuers gehört ohne Frage zu den frühesten Erfindungen des Menschen. Auf der niedrigsten Kulturstufe erzeugen alle Völker das Feuer durch Reiben eines harten und eines weichen Holzes gegeneinander. Jndier und Griechen, Römer und Germanen verschafften sich Feuer, indem ein Stab entweder in einen andern, oder durch eine Scheibe oder Tafel, oder durch die Nabe eines Rades gebohrt ward, wodurch man an den Reibungsflächen eine solche Hitze erzeugte, daß dort liegende Stückchen Werk oder Zunder in Brand geriethen. Solche Neibfcuerzeuge haben sich bet Polyneflern, Südamerikanern und Sndasiaten, wie auch in manchen nordafrikantschen Oasen, bis zur Gegenwart erhalten. Bei den alten Römern war auch schon das sogenannte Pinlfeuerzeug in Gebrauch, das bei uns vom 14. oder 15. Jahrhundert bis in die neueste Zeit, namentlich auf dem Lande, ganz allgemein in Anwendung geblieben ist. Es besteht aus dem Feuerstahl, einem Feuerstein und einem zum Auffangen des Funkens verwendeten Stoff. Die Gewinnung des Feuers bei dieser Art von Feuerzeugen beruht darauf, baß die Mechanische Kraft des Menschen durch Reibung in Wärme umgesetzt wird. Man schlägt mit dem Stahl den scharf- 791 kantigen Feuerstein derart rasch ab, daß durch die geschwinde Bewegung des ersteren und die schneidenden Steinkanten kleine Splitterchen von der Fläche des Stahles abgehoben werden. Diese werden nun durch die Reibung derartig erhitzt, daß sie als glühende Funken herunterfallen und den Zunder (meist Feuerfchwamm — gekochter und mit Salpetersäure behandelter Baumpilz) zum Glimmen bringen. Zu den Feuererzeugern gehören ferner die Brenngläser und Brennspicgel, die schon den alten Traciern bekannt gewesen sein sollen. In Deutschland sind sie seit dem 13. Jahrhundert gebraucht worden, erlangten aber erst im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts in Folge billigerer Herstellung eine allgemeinere Verbreitung, um indeß schon bald durch die chemischen Feuerzeuge verdrängt zu werden. Fürstenberger in Basel erfand 1780 das elektrische Feuerzeug, bestehend aus einem Gefäße, worin aus Zink und verdünnter Schwefelsäure, Wasserstoffgas entwickelt wurde, das sich durch den Funken eines Elektrophors in dem Augenblicke entzündete, da es nach Umdrehung eines Hahnes aus einer feinen Qeffnung hervorströmte. Diese Flamme entzündete dann den Docht eines an der Maschine angebrachten Wachsstockes. Viel vollkommener war das Döbereiner'sche Platinfeuerzeug, das eine große Verbreitung fand und vielleicht wohl noch von einzelnen unserer älteren Leser benutzt worden ist. Der Professer der Chemie Johann Wolfgang Döbrreiner machte im Jahre 1832 die Entdeckung, daß Platinaschwamm brennbare, mit athmosphä- rischer Luft oder Sauerstoffgas gemengte Gasarten zu entzünden vermag, wobei er selbst in's Glühen geräth, und benutzte daL zu einer sinnreichen Modifikation der elektrischen Zündmaschienen. Das bereits gegen Ende des vorigen Jahrhunderts von Dumontier erfundene pneumatische Feuerzeug bestand aus einer starken, unten verschlossenen Glasröhre, worin sich ein Kolben luftdicht auf- und niederbewegte. Im Raume unter dem Kolben befand sich ein Feuerfchwamm. Stieß man nun kräftig den Kolben gegen den Boden der Röhre, so wurde durch die plötzliche Kompression der eingeschlossenen Luft so viel Wärme erzeugt, daß der Feuerfchwamm sich entzündete, mit dem man alsdann einen Schwefelspan oder die Pfeife anzünden konnte. Bet den Dayaks auf Borneo findet man pneumatische Feuerzeuge aus Bambus; nach Bastian sind solche auch in Birma im Gebrauch. Vorläufer unserer Zündhölzchen waren die um 1820 ziemlich allgemein gebräuchlichen Tunk- oder Tauchfeuerzeuge, die auf der, 1806 von Berthollet gemachten Entdeckung beruhten, daß bei der Zersetzung von chlorsaurem Kali und Schwefelsäure zugleich anwesende brennbare Körper sich leicht entzünden. Dadurch kam man auf die Herstellung eines Feuerzeuges, das außerordentlich beliebt wurde und dies bis zum Siege der Phosphorfeuerzeuge auch blieb. NaheVerwandtschaft. „KennenSie dieseDawc?" — „Freilich; sie ist ja mit mir verwandt." — „Wieso denn?" — „Nun, sie ist die Kaffeeschmester meiner Frau." Erklärt. Frau: „Was machst Du für ein bärbeißiges Gesicht?" Mann: „Entschuldige, das wird sich gleich wieder geben ... ich habe den ganzen Tag Mahnbriefe geschrieben!" -—«cSKSs---- Der Kinderftermd. „Laßt die Kindlein zu mir kommen, Wehrt den lieben Kleinen nicht!" So der Herr zum Trost der Frommen Nach vollbrachtem Tagwerk spricht. Die Apostel zwar, sie wollen, Daß die frommen Mütter gch'n, Doch da hilft kein Ach, kein Grollen, Jesus will die Kinder seh'n. Und die Kinder freudig kommen Zu dem lieben Kinderfreund, Der die Kleinen heißt willkommen Und am Herzen sie Vereint. L. Burkard. Der heil. Franz Xaver. In den Notizen im Unterhattungsblatt Nr. 99 über St. Xaver sind einige Unrichtigkeiten unterlaufen. Das Schloß, in dem der hl. Franz Xaver am 7. April 1506 geboren wurde, heißt Xaver (oder Xavier). Als der hl. Jgnatius von Loyola in PariS ankam um seine Studien zu beginnen, war Franz Xaver bereits Docent der Philosophie Seit 151.9 waren Beide Zimmergenossen. Am 15. August 1534 legte Franz Xaver mit JgnatiuS und fünf Anderen die Gelübde ab. Daß Franz Xaver mit Jgnatius den Plan zur Gründung der Gesellschaft Jesu entworfen habe, ist nicht richtig; dieser Plan war das ausschließliche Werk des hl. Jgnatius. In Brasilien war der hl. Franz Xaver niemals als Missionär thätig. Er starb am 2. Dezember 1552 auf der Insel Sancian, von wo er nach China einzudringen beabsichtigte. Sein Leichnam wurde von dorr nach Malakka, dann nach Goa in Indien verbracht, wo er in unverwestem Zustand am 16. März 1554 ankam Paul V. sprach Franz Xaver am 25. Okt. I61S selig, Gregor XV. am 12 März 1622 heilig, aber erst Urban VIII. erließ am 6. August 1623 die Canouisationsbulle. Auflösung des Ergänzungsräthsels in Nr. 101: Glück ist wie ein Sonncnbiick; Erst, wenn eS vergangen, Erst in Leid und Bangen Denkt ein Herz und fühlt eS klar, Daß eS einmal glücklich war.(Greif.) (Lllo Recdt« vorbüds.lLsn.1 Xrrelrrielrloi» an« äer Geliaelivvelt. vorlin.— Im Lebacbvereiu „dentrnm" gab am 8. Nov. Herr v. vardelsben eins Limultan Vorstellung. Er spielt« gleiobreitig 23 kartien, von denen er 18 Fei.vs.nn, 1 verlor nnd 4 remis msckte. — IVien. — Im KVettkampkEnglisob-killsbnrx wurden slls 5 kartien remis. — Die kreise bei dem im dienen IViener Lebaebklnb ansgekoebtenen knruior betrugen 300, 200, 175, 150, 125 nnä 100 Eronsn. vor ausgesetzte Lporialpreis von 50 Lronen kür äis sebönsto ksrtis wurde nwiseben den Herren Nies es nnd danowski getbeilt, navbdein das domitü deren kartien gegen danowski berw. Klares als glciebwertbig eraebtete. David danowski, der erste Lieger in dem Leobsineisterkampt ist 1868 rn KValkowisk, Le- rirk 6rodno in kolon, geboren nnd lobt seit 1891 Ln karis, wo er unter der Kleistergilde des Oakü de la Regenco (dcotr, L. de Riviere, Littenkeld, i'aubenliaus etc.) eine bervorragendo Ltells einnimmt. -- Der Einsatr im KVettkampk danowski- KVinawer betrug 500 Eronvu von jeder Leite, liiern kommt vom Heuen IViener Lebaebklnb ein Honorar von 60 Erouen pro knriio, nämlieb kür den dewinuer 40, den Verlierer 20 Eronen, bei Remis .ledern 30 Eronen. Ver IVettkampk begann am 16. November nnd endete am 25. November rn dunsten von danowski, der 5 kartieen gewann, wäbrond sein deiner es ank 2 dewinnpartivn braebte. ver Lusgang des KVettkampkes ist ein neuer Loweis dakür, dass die grössere Erkabrnng und das gereikters Ilrtbeil des Liters keinen genügenden Ersatr bieten kür die Elasticität der dugsnd. — Limon KVinawer ist am 6. Llärr 1838 ?.u IVarsebau geboren, somit 30 dabrs älter als sein jngendlieber degner. — bloskau. — vor bisberige Verdank desIVsttkampks» Vasker - 8 teinitr ist kür Vetrteren überaus ungünstig. L!s- ber wurden 6 kartien gespielt; bievon gewann Vasker 5, Lteinitr 0, 1 blieb remis. An dem ungünstigen Resultats 792 trägt siekorliek nickt wenig die Hartnäckigkeit der, mit woleker 8teinit7 an gewissen Lrüffnungcn kestbält, kür die er eine besondere Vorliebe bat, obwokl sie rweikellos uuvortkcil- kakt sind. 80 versuekto er in der 1. und 3. kartie rweimal die Variante 7.8bl—e3 in der italienisekcn kartie, wokl ver- tükrt durcli äen glänzenden 8ieg, äsn er damit zu Ilastings über v. Rardeleben davontrug. Der Llnterseliied ist jedock der, dass «lamals v Rardeleben unvermutket mit dieser 7'ariante zu tkun bekam. wäbrend diesmal Laster offenbar woklgerüstet gegen diese 8pielweise auf denklan trat, wie seine eclatante Widerlegung derselbe» beweist. klit derselben übelangebrackten Konsequenz wäklto 8teinitz in der 2. und 4. kartio die minder- wertliigs Vertkeidigung 3. L18 - c5 und 4. 8g8—o7 in äer spanisclmn kartio unä orsckwerte sieb äamit unnützerwciso äen otinoäies warten 8tanä gegen einen so spielgewandten Oegnsr. Das niedersekmotterndo Resultat äer vier ersten kartien krackte 8teinitz endliek doeb dazu, in äer 5. kartio eine andere Urüfknung zu wäklen. Ur wäklto äas Damen- gambit. äas er vortrefflieli bebandelto, so äass er zweifellosen Vor^li il erlangte, welekon er jedock nickt vollständig auszunützen w><-ste, so äass es sekliessliek Lasker gelang, Remis zu erzielen. ln äer socbsten kartio wandte Lasker seinerseits äio italieniscke Urüiknung an, welcko er im Oegensatz zu 8teinitz in rulng saeblicker Weise so treiklick bebandelto, äass er seinen 6egnor nack dürrer Teit scbon in eine bedrängte 8tellung l>rael>te, Vom 46. bis 48. Auge brauchte 8toinitz (?.» ärei tilgen) mekr als eins 8tunäe, so äass ünn äio kartie wegen Teitübersekreitung als verloren angereeknet wurde. Lasker verziektsto inäess bekanntlick auf äio 6ut- sckrikt unä wurde äie kartie äemgemäss ausgespielt. 8teinitz konnte dieselbe jedock nur noeb weitere 10 Tilge kalten unä musste sie dann dock als verloren aufgeben. Damit war äie erste Hälfte des Wettkampkes mit einer vollständigen Niederlage von 8teinitz beendet. Tur Teit berrsebt äie verabredete achttägige kause, äie aber mvgliekerweiso äureb das derzeitige Llnwoklsein von 8toinitz eine Verlängerung er- kabren kann. — Der Wottkampk wird in dem elegant oin- geriebteten unä elektrisck beleucbteten Locals des kloskauer Lerztevereins (grosse Dmitrovka, Daus Rllis) gespielt. Doiäo Kleister baben ibren klatz auf einer grossen 6oneert-Lstra.de, wäbronä äie Tusekauer äie Tügo auf einem grossen Demon- strations-8cbacbbrett veransebauliedt erkalten. Das Untres keträgt für kliiglieder unä 6äste jeweils 2 Rubel, äeäor äer beiden Kleister musste einen Umsatz von 500 Rubel erlogen. Der8ieger erkält 2000, äer Unterliegende 1000 Rubel, ausserdem freie Verpflegung, Reise unä Lukentkalt. Die 8pieltage Lind Llontag, klittwock unä kreitag (von 7 Ilkr Abends bis 2 Lbr Naekts mit einstünäiger kause). In äor8tunäe müssen 15 Tilge goniackt werden. — Wir bringen kouto die fünfte kartio und von äer 1., 3., 4., sowie 6. kartio äie 8ekluss- stollungen. — kotersburg. — Die kotersburgor 8ekackkroiso geben damit um, noek in diesem Sinter einen Wottkampk zwischen Isokigörio unä killsbury oder Isekigörin unä dem kloskauer 8ieger (also voraussiektliek mit Lasker) zu veranstalten. Lasker bat sick kiezu bereits erbötig gezeigt, verlangt jodoeb einen Umsatz von mindestens 4000 Rubel (10,500 klark)! Ob bei dieser Kokon koräerung äer klatek zu 8tanäe kommt, dürfte noek kragliek sein. Der riektigo Oegnor für Dasker sekeint übrigens naek unserem Dafürbalten killsbur^ 2U sein, welckor der oivLigo Kleister ist, der bisker gegen Dasker in Vortkeil blieb, (llastiugs: killsburx 0, Dasker 1; kotersburg: killsbur)'3'/„ Dasker2'/r; Nürnberg: killsbur)' 1, Dasker 0; somit killsbur? 4'/z ru Dasker Z'/z.) Resten Dank kür Ikro liebenswürdig anerkennenden Teilen! KVir kolken, 8io auck ferner ru unseren eifrigen 8ekackfreunden räklen r.u dürfen! — Die Namen jener Lekackkreundo, weleke unsere Lnäspiels und kroblome riektig lösen, sowie äio Rösungon innorkalb ^ rvi VVoeken einsenden, werden stets an dieser 8telle ver- odentliekt. L.IIos auk das8ekackLerüglicko ist ausnakmslos rn adressiren: „Ln die Redaction des Lugskni ger 8eknek- blktt — 6akv Lugnst» — Lngsbnrg." "WA kartie Nr. 9. (5. kartie des KVettkampkss.) L> -S W eiss: 8teinit?! (New-Vork). Lckwarr: lkasker (London). dk >2 Weiss: 8teinit7 (New-Vork). 8 o k w a r 7 : Lasker (London). 1 d2-d4 d7—d5 21 Ro4—g6 Ld8—k8 2 e2—c4 e7—-06 22 '1'al—bl Dc5—g5 3 8K1-c3 8g3-k6 23 Rg6—e2 118-113 4 Del—gö Rk8-ö7 24 VK7—ei Ll6-e5 5 v2—e3 0-0 25 Ikl-dl Le5XK2-j- 6 Vdl-b3 d5Xc4 26 Kgl-kl 17—15(e) 7 DklXcd e7—cö(a) 27 rb1Xb7-j- Lc8XK7 8 d4Xe5 Vd8—a5 28 DoiXb?!- Xe7—k6 9 8gl—k3 Da5Xe5 29 8ä4X«6 Vg5—g8(d) 10 Ö-O 8b8-c6 30 8e6-d4 1a8-d8 11 Re4—d3 8e6-b4 31 Rc2Xkö LK2—e5 12 I-göXkO g7Xk6 32 Rk5-e4 Vg8—e4j 13 Rd3—K1 1't8-d8 33 Rs4-d3 De4Xc3 14 a2—a3 8b4-d5 34 DK7—e4 Lo5Xd4 15 VK3—c2 k6-15 35 e3Xd4 De3Xd4 16 8k3-d4 De7-k6 36 De4—göj' K16-e7 17 g2—g4(b) 8ä5XcS 37 Idl-et!- No7—18 18 b2Xc3 k5Xg4 38 Dg6—kö'i' K18-g8 19 ve2Xk7j- Kg8-k8 39 Vk5—e6f Lg8-18 20 Dbl—e4 IM—o7 Remis äureb, ewig" 8ekack. a) Lin etwas umständlickes klanöver. b) Lin wokläurcddaekter, energisoker Lngritfsrug. e) Rasker siebt ein, dass er dem gegueriseken LngriL ein Opker bringen müsse. 8teinitr sollte nun mit 27. 8d4>!u888tnnd der dritten kartie: Weiss (8teinit?): KK2, Vd2, kkl, Rg5; Ra4, e3, d4, k5, K3 8ckwarr (Rasker): Kb7, Vd5, 1g8,1-e6; Lad, K6, o7, e4, K4 (drokt '1g8XAS). 8eliln888tnud der vierten kartie: Weiss (Rasker): Ka7, 'kg4, 8e4; Lab, K4, K7. Lekwarr (8toinitr): Ke8, 1K8, Re2; Re7, e6. 8okln888tnnd der seellstvn kartie: Weiss (Dasker): KK2, Vc6, 8a4, K5; RK3, e2, dö, e4, g4, 8ekwara (Lteinitr): Ke8, DK8, "IK7, RK7; La7, eö, g5. Lukgabe Nr. 7. r-r T'o- 8ekwar7. « 11)3 1896 . „Augsburger postzritung". Dinstag, den 15. Dezember Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabberr in Augsburg lBorbesitzer vr. Max Huttler). Ihr erster Roman. Novelle von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) IV. „Station Thäte! Alles aussteigen!" „Otto, wir sind am Ziele! Hörst Du nicht? Nun, so kehre doch endlich in die Wirklichkeit zurück!" Doktor Hesse begleitete die letzten Worte mit einem ziemlich energischen Schlag auf die Schulter des Freundes. Freiherr von Saarstein klappte mit tiefem Athemzuge das Buch zu, das er nun schon zum drittenmale las, schaute im Etsenbahncoups umher und sagte noch halb wie im Traume: „Du hast Recht, Georg, diese eigenartige Dichtung versetzt mich förmlich in eine andere Welt. Aber ich müßte nicht selbst Schriftsteller sein, um mich dem Reize des Einblicks, der mir in die Gemüthswelt dieser edlen Frauenseele offen steht, entziehen zu können. Ich fühle es, die junge Dichterin hat ihr eigenes Ich lo ganz und gar mit der Heldin ihres Romans verwebt, daß ihre tiefsten Empfindungen, ja ihr ganzes Wesen und Sein aufgeschlossen vor mir liegt. Alle ihre Gedanken finden Widerhall in meiner Seel-, als ob es die meinen wären. Ich verstehe sie vollkommen, ja ich glaube sie zu kennen, wie mich selbst. Die Wahrheit und Treue, womit das wunderbare Wesen in dem Helden ihrer Schöpfung meinen Charakter schildert — freilich tdealisirt, doch mit den kleinsten Eigenthümlichkeiten — macht mich vollends fassungslos. Es ist, als ob ich mein eigenes Bild in einem Zauberspiegel sähe. Unmöglich, daß sie mich nur aus meinen Schriften kennt, in die ich allerdings ein großes Stück meiner Lebensgeschichte hineingewebt habe; wir müssen uns häufig begegnet sein. Doch wer ist sie? Wo und wann standen wir uns nahe?" Während dieser Rede hatte Saarstein seine Reiseeffekten zusammengesucht und war dem Freunde ins Freie gefolgt. Dieser hatte nur mit halbem Ohr seinen Worten gelauscht und entgegnete ziemlich zerstreut: „Nun, die romantische Geschichte wird sich doch endlich einmal aufklären. Wohin sollen wir hier denn eigentlich unsere Schritte lenken?" „Ohne Zögern nach der Roßtrappe. Dort finde ich den erhofften Brief, das ahne ich, das sagt wir die eigenthümliche, nicht zu bezwingende Sehnsucht, womit ich nach jenem mir unbekannten Ort verlange", lautete die Antwort. Georg schüttelte lächelnd den Kopf. „Wenn Du mit Ahnungen Dich abzugeben beginnst, so wird der letzte Rest von Vernunft Dich bald ganz verlassen haben." Durch die unliebsamen Erfahrungen am Renneken- berg doppelt vorsichtig geworden, sah man sich auf dem Bahnhof nach einem Führer um. Bald war einer gefunden in der vertrauenerweckenden Person des rühmlichst bekannten „alten Hartmann". Unter der Leitung des treuherzigen Alten traten unsere Freunde jetzt in das hochromantische Bodethal. Wer vermag die wunderbare Schönheit zu schildern, welche sich ihren Blicken dort enthüllte! Die weiche, goldene Septembersonne lagerte mit zauberischem Lichte auf dem buntgefärbten Laube, das zwischen den grotesken wilden Felsgebtlden freundlich hervorlugte, beleuchtete die abenteuerlichen Formen der auf allen Seiten dräuend zum Himmel starrenden, gewaltigen schwarzen Steinmassen und stahl sich zitternd hinab in die tiefste Thalsohle. wo der schäumende Bach zwischen mächtigen schwarzen Felsblöcken dahinbrauste. Das Thal in seiner majestätisch düstern Schönheit stimmt auch bei der sonnigsten Beleuchtung die Menschenseele zum Ernst. Es weht etwas Gcheimnißvollcs, Uebermenschlichcs um diese wunderbaren Felsenklüfte mit ihrem feierlichen, regungslosen Schweigen. Kein Wunder, daß die Phantasie des Volkes den Fürsten der Finsterniß in diesem Schattenreiche herrschen läßt. Man findet hier eine „Teufelskanzel", ein „Teufelswaschbecken". eine „Teuselsbrücke", ja, den leibhaftigen Bösen selbst, versteinert in unendlicher Größe. Unter der Anführung des biederen Thalensers wandten unsere Reisenden sich bald der sogenannten „Schurre", einem Zickzackwege, zu, welcher sie nach einer halben Stunde auf die Höhe der gewaltigen Roßtrapp- kltppen brachte. Die wechselnde Aussicht nach dem imposanten düstern Felsenthale mit der wildschäumenden Bode, sowie nach der weiten, sonnigen, duftblauen Ebene mit ihren vielen Städten war entzückend. Doch Otto, der begeisterte Naturfreund, bemerkte heute nur wenig von der ihn umgebenden Pracht. Seit dem Tage, an welchem er die ersten Seiten des Romans „Auf der Höhe" gelesen, stand nur ein Bild, das Bild einer idealen Frauengestalt voll Anmuth und Würde, vor seinem geistigen Auge. Er kannte nur mehr einen Wunsch, der liebenswürdigen Dichterin, welche seine Einbildungskraft mit allen Vorzügen edler Weiblichkeit schmückte, welche ihm 794 geistig so rohe stand, auch persönlich nahe zu treten. Zu seinem tiefsten Leidwesen aber hatte er mit dem Roman zugleich einen Brief des Verlegers empfangen, worin dieser sein Bedauern darüber aussprach, ihm die Adresse der Schriftstellerin nicht verrathen zu dürfen. Nach kurzem Ueberlegen fand Saarstein einen Umweg zu ihr. Er schrieb an „Ilse Treuenfels", erzählte ihr von dem Fund des Tagebuches, bekannte freimüthig seine Indiskretion, schilderte den mächtigen Eindruck, den ihr geschriebenes Wort auf seine Seele gemacht, gestand, wie er dann unablässig nach ihr geforscht. Wie er endlich ihren Roman „Auf der Höhe" kennen gelernt, der sein Herz bewegt habe, wie nie etwas im Leben. Wie nun all' sein Wünschen in dem Verlangen gipfele, ihr Auge in Auge gegenüberzustehen, ihr, die seine Gedanken, seine Phantasie, sein Herz so ganz gefangen nehme. Am Schlüsse beschwor er sie, ihm zu schreiben, ihm die Möglichkeit zu geben, ihr seine Bewunderung persönlich aus- zusprechen. Diesen Brief sandte er als geschlossene Einlage an den Verleger und bat ihn, denselben an die richtige Adresse zu befördern. Als seinen eigenen Aufenthaltsort in nächster Zeit gab er die Roßtrappe bei Thale an. Die Verfolgung hatte er aufgegeben, da er die vergebliche Mühe eines noch längeren Forschens und Umher- spähens erkannt hatte; mit der ganzen Ungeduld seines Herzens aber hoffte er nun auf ein schriftliches Lebenszeichen von ihr. Da stand er auf dem schönsten, romantischsten Punkte des ganzen Harzgebirges, doch sein Auge blieb blind für die großartige Umgebung; die ungestüme Sehnsucht nach einem Zeichen von ihr ließ ihm keine Freude an dem ruhigen Genuß der Landschaft, trieb ihn rastlos vorwärts. Mit beflügelten Schritten eilte er den Andern voraus zum nahen Gasthause. „Kein Brief für Freihcrrn von Saarstein angekommen?" war seine erste Frage. „Saarstein, Saarstein!" murmelte der dienstthuende Kellner, indem er eine Anzahl Briefe aus einem verschlossenen Fache nahm und durchmusterte. „Doch, hier ist einer." Die Aufschrift des Briefes war wirklich von der Hand des Verlegers. Hastig zerriß Otto die Umhüllung, und stehe da, die bekannte zierliche und doch so energische Handschrift der Verfasserin des Tagebuches kam zum Vorschein. Fast athemlos vor Freude verlangte Saarstein sofort sein Zimmer und eilte hinauf. Mit dem Gefühle überströmenden Glückes begann er zu lesen, doch der freudige Ausdruck seiner Züge machte bald dem der Enttäuschung und Niedergeschlagenheit Platz. Der Brief lautete: „ES gereicht mir beinahe zum Trost, daß gerade Sie und nicht ein unberufener Fremder mein unseliges Tagebuch fanöen. Doch ein ausschließliches Gefühl — die Beschämung hat mich noch viel mächtiger ergriffen. Sie werden verstehen, wie der Gedanke, daß Ihnen mein innerstes Seelenleben, das sorgsam gehütete Geheimniß meines Herzens, rückhaltlos enthüllt ist, es dringend gebietet, meinen wahren Namen, mich selbst vor Ihnen zu verbergen. Wie vermöchte ich es auch, Ihnen ruhig gegenüberzutreten und die Enttäuschung bei meinem Anblick in Ihren Augen zu lesen l Sie glauben, mich zu kennen, mich zu lieben! Welch' ein Wahn! „Aus meinen Schriften haben Sie sich eine ideale Phantasiegestalt gebildet und glauben an die Gluth Ihrer Empfindung wie an die Wahrheit der selbstgeschaffenen Traumgestalt. Wenn ich Ihnen begegnete, so fänden Sie, das weiß ich gewiß, eine vollständig Andere, als das geträumte, Ihnen so vertraute Wesen. Sie würden mir vielleicht ein wenig Mitleid weihen und sich dann mit Gleichgiltigkeit, möglicherweise sogar mit Abneigung von mir wenden. Das ertrüge ich nicht! Lassen Sie mich ferne bleiben, lassen Sie mir den Sonnenstrahl meines Lebens, das beglückende Bewußtsein, daß wenigstens mein unsichtbares Ich, meine Seele, von Ihnen geliebt werde. Uns Frauen macht die Liebe ja unser höchstes Glück aus, umschließt unser ganzes Dasein, während sie Euch Männern nur eine Episode ist. Warum soll ich es leugnen, Sie wissen es ja, daß ich Sie liebe — den hochherzigen, edlen Mann, nicht nur den so mächtig fesselnden Schriftsteller daß ich Sie liebe und verehre mit der ganzen Schwärmerei eines jungen Herzens. Nichts in der Welt jedoch hätte Ihnen meine Liebe verrathen, wenn nicht das Verhängniß Ihnen einen Einblick in mein Herz eröffnet hätte. Meinen wahren Namen nenne ich Ihnen nie; denn ich möchte lieber sterben, als der Gegenstand Ihres Mitleids sein. Forschen Sie nicht nach mir, es wäre vergebens. Leben Sie wohl. Möge der Himmel Sie glücklich machen! Meine heißesten Segenswünsche und Gebete werden Ihnen das Geleite geben, so lange ich athme. Ilse Treuenfels." Nachdem Otto den Brief erst in namenloser Spannung verschlungen, dann wieder und wieder nachdenklich und kopfschüttelnd gelesen, flog ein Lächeln über seine Züge. „Glaubt sie wirklich, daß ich mich thatlos zufriedengebe, daß ich mich mit einer anonymen Liebe begnüge?" flüsterte er. „Nein, o nein, ich müßte kein rechter Mann sein, wenn der Widerstand sie mir nicht noch begehrens- werther erscheinen ließe, mich nicht anspornte, alle Hindernisse, die mich von ihr trennen, siegreich zu überwinden. Es liegt ein unendlicher Zauber für mich in dem Gedanken, sie dennoch zu finden, sie für mich zu gewinnen. Eigenthümlich .... auch ihr Brief deutet an, daß sie mich persönlich — nicht nur als Schriftsteller — kennt, deutet an, daß ich ihr beim Begegnen Gleichgiltigkeit gezeigt habe. Ja, ja, es ist efn peinlicher Punkt in der Frauenltebe; Liebe beherrscht das ganze Leben des Weibes, Liebe ist ihr Ziel, ihr Glück; und dennoch muß die Frau, will sie nicht der Sitte Hohn sprechen, will sie nicht für unweiblich gelten, dem geliebten Manne sorgfältig ihre Neigung verbergen, es sei denn, daß die Liebe zufällig gegenseitig ist und er ihr zuerst seine Gefühle gesteht. Armes Kind! Nun, da ich einen Blick in Dein Herz gethan, werde ich die Welt durchforschen, um Dich zu finden. Mit namenloser Sehnsucht zieht es mich zu Dir; ich habe Dich verstanden, wie Du von niemand in der Welt besser verstanden werden könntest." Der Eingebung des Augenblickes folgend, setzte er sich flugs an den Tisch und schrieb: „Selten habe ich das Eingreifen einer höhern Macht, die unsere Geschicke lenkt, so dankbar empfunden, als in der wundersamen Fügung, die mir Ihr Tagebuch in die Hand spielte, die mir Ihr ganzes schönes Herz enthüllte. Und Sie könnten so grausam sein, sich noch länger vor mir zu verbergen? Sie wollten mir das höchste Glück, das Glück, Sie kennen zu lernen, versagen? — O, ich weiß, ein überfeines Gefühl edler Weiblichkeit leitet Sie hierin; ich errathe, was in Ihrer Seele vorgeht, ich verstehe Sie ja wie mich selber. Doch es ist unnatürlich, daß wir uns niemals Auge in Auge gegenüberstehen sollen, wir, die das Geschick so wunderbar zu einander hinführt. Seit ich die ersten Zeilen Ihrer Aufzeichnungen las, haben Ihre Worte mir unaufhörlich durch die Seele nachgeklungen. Seit ich in der Betrachtung der holden Schöpfung Ihres Geistes einen Genuß fand, der mein ganzes Wesen mit Entzücken durchdrang, waren Sie die Königin meiner Träume, das Ziel meines Sehnens. Es macht mich wahrhaft unglücklich, ein Wesen, das mir so ähnlich ist, mir geistig so nahe steht, das ich ! muß. die mich entzücken, während die vollendetste äußere Schönheit allein keinen Reiz auf mich auszuüben vermöchte. Mit dem heißen Wunsche, Ihnen bald wehr sein zu dürfen, als heute, wo Ihr Wille mich in ferne Schrankn bannt, bin ich Ihr Freund Otto v. Saarstein." Er verschloß den Brief, richtete einige Zeilen an den Verleger und steckte Alles zusammen in ein größeres Couvert. * * * V. Auf dem Weihnachtsmarkt. mit heißer Liebe und inniger Verehrung an mein Herz ziehen möchte, ohne körperliche Form zu wissen. Die Liebe muß, wie Jean Paul sagt, etwas Körperliches haben, einen Zweig, auf den sie herunterfliegt. Senden Sie mir wenigstens diesen Zweig — Ihre Photographie. Fürchten Sie nicht, daß Ihr Bild anders sei, als das, welches meine Phantasie mir ausmalte. Harmonie zwischen Wesen und Erscheinung muß bestehen, eine andere vielleicht, als ich träumte, aber immerhin eine mich freundlich berührende. Ich weiß ja, daß die Schönheit Ihrer Seele auch durch die unscheinbarste Hülle Strahlen werfen Am folgenden Morgen ward in aller Frühe ein Ausflug nach dem unfernen Blankenburg unternommen. Als unsere Freunde im Laufe des Nachmittags wieder nach dem Gasthause zur Roß- trappe zurückkamen, woselbst sie längeren Aufenthalt nehmen wollten, gewahrten sie in der nahen Veranda zwei junge Damen häuslich angesiedelt. Die zunächst Sitzende, eine kleine, zierliche Blondine mit feinen, etwas bleichen Zügen, schien emsig mit einer Handarbeit beschäftigt. Otto's Auge, welches einen Moment überrascht auf ihr geruht, flog über sie hinweg, um mit dem Ausdruck frohen Staunens auf der reizen den Frauen- gestalt zu haften, die unbeschreiblich unmuthig in einem Schaukelstuhle lag und mit großen, dunklen Augen in die Ferne starrte, während ein Buch, in dem sie gelesen hatte, in ihrem Schooße ruhte. Dunkel war das kurze Gelocke, welches so graziös über ihre schöne Stirn fiel, zierlich das feine Stutz- näschen, wie eine frische erschlossene Granatblüthe leuchtete der kleine, rothe Mund. Beim Erscheinen Saarstein's zuckte sie leicht zusammen; als beider Blicke sich begegneten, flog eine dunkle Nöthe über das pikante Gestchtchen, und aus ihren lebensprühenden Augen flammte ein Blitz, der den Freiherrn mit plötzlichem Licht eigenthümlich bis in's Innerste traf. Er eilte auf sie zu. „Täuscht wich eine Fata Morgana, oder sind Sie's wirklich, Frau v. Elz?" ^rief er aus. ^ „Ich bin's." Sie bot ihm die Hand fund lachte, wobei zwei Reihen blendend- " " -". ,:.Lweißer Zähnchen zum Vorschein kamen. „PhantastischcLuftgebilde verirren sich nicht in das nüchterne, ernst-gravitätische Harzgebirge." Er zog ihre Hand an seine Lippen. (Fortsetzung folgt.) Das Schlange »äuge. (Schluß.) Während ich den Brief las, stand Gopinath mit verschränkten Armen einige Schritte von mir entfernt. Ich sah ihn an und sogleich fiel mir eine große Veränderung in seiner Erscheinung auf. Als ich ihn zum letztenmale gesehen, war er mir als ein besonders schöner Vertreter seiner Race erschienen — schlank und kräftig, mit wundervollen geschmeidigen Gliedern. Jetzt war sein Gesicht verzerrt, seine Augen hatten jenen Ausdruck der Angst, den ich schon öfters in den Augen eines leidenden Hundes beobachtet hatte, seine Gestalt war gebeugt, und in Zwischen- räumen entfuhren seinen Lippen langgezogene Seufzer. „Du bjst krank, Gopinath", sagte ich unvermittelt zu ihm. „Sahib, ich leide", antwortete er. Bei diesen Worten drückte er seine rechte Hand an seine Seite. „Ich leide Todesangst." „Gib mir deine Hand I" Ich nahm sie in die meinige. Sein Puls ging schnell und unregelmäßig; seine Haut war brennend heiß; er war augenscheinlich sehr krank, und ich glaubte, er sei einem orientalischen Fieber zum Opfer gefallen. „Bei jedem Athemzuge leide ich unsägliche S hmerzen", sprach er stöhnend. Ich bot ihm einen Stuhl an, er aber setzte sich mit überschlagenen Beinen auf den Boden. „Können Sie mir Erleichterung verschaffen?" fragte er. „Man sagt, Sie verstehen die Kunst zu heilen." „Es wäre besser, wenn du einen Arzt zu Rathe ziehen wolltest," sagte ich. Er schloß die Augen und begann sich nach vor- und rückwärts zu beugen. „Ich brauche keinen englischen Doktor, die ungewohnte Kälte in diesem England verursacht mein Leiden. Ich muß in mein Vaterland zurückkehren. Ich sterbe, wenn ich noch länger hier bleibe." Er fuhr mit der Hand wiederum nach seiner rechten Seite. Bei dieser Bewegung durchkreuzte plötzlich ein Gedanke mein Gehirn. Sein tiefer Kummer, die vollständige Veränderung in seiner Erscheinung erweckten in mir eine wilde Hoffnung. Der Verdacht des Mordes war noch nicht auf Gopinath gefallen. Gesetzt, er wüßte darüber mehr als irgend ein anderer? Ich zweifelte nicht im Geringsten, daß die Person, die den Diamanten gestohlen, auch den Mord begangen habe. Gesetzt, die Versuchung, den Stein sich anzueignen, sei für Gopinath zu viel gewesen? „Steh' auf", sagte ich plötzlich zu ihm. „Du hast hier Schmerzen?" Ich deutete auf seine rechte Seite. „Qualen", erwiderte er. Ich sah, daß er sich kaum aufrecht halten konnte — sein Leiden wenigstens war keine Verstellung. „Ich werde herausbringen, was dir fehlt." „Können Sie mir helfen?" fragte er. Ein schwacher Hoffnungsschimmer blitzte in seinen Augen auf. „Vielleicht. Bleibe einen Augenblick da stehen; ich werde gleich wieder hier sein. Ich verließ ihn und ging in mein Laboratorium. Der Moment war gekommen, in welchem ich wirklich die Röntgen-Strahlen erproben konnte. War es möglich, daß sie vielleicht doch das Mittel sein konnten, ein Verbrechen zu enthüllen und das Leben eines Unschuldigen zu retten? — Crooke's Vacuumröhre wurde in die richtige Lage gebracht — ich sah, daß die Strahlen gut arbeiteten — dann kehrte ich zu Gopinath zurück. „Komm' mit mir." Er folgte mir in mein Laboratorium ohne ein Wort zu sprechen. Ich bat ihn, sich zu entkleiden und stellte ihn dann nach einigen vergeblichen Versuchen so auf, daß die Strahlen seinen Körper durchdringen mußten. Ich drehte das Licht in dem Zimmer ab — meine elektrische Batterie arbeitete gut, die Strahlen entwickelten sich in der Röhre vortrefflich. Ich entfernte die Kapsel von der Camera, und nach einer Exposittonszeit von?—10 Minuten fühlte ich, daß ich eine sorgfältige Photographie gewonnen hatte. „Es genügt," sagte ich zu Gopinath. Ich führte ihn in die Bibliothek zurück. „Ich habe dich photo- graphirt, und die Aufnahme wird mir den Sitz deiner Krankheit zeigen. Sobald ich die Photographie entwickelt habe, werde ich zu dir zurückkommen." Darauf kehrte ich in meine Dunkelkammer zurück und entwickelte schnell die Platte. Nachdem ich dieses gethan und wirklich das sah, was die geheimnißvollen X-Strahlen hervorgebracht hatten, konnte ich^ kaum einen lauten, freudigen Ruf unterdrücken. Das Skelett des Brahmanen war deutlich sichtbar, und genau an der Stelle, an welcher Gopinath hauptsächlich über Schmerzen klagte, konnte man einen Fremdkörper von der ungefähren Größe des Schlangenauges unterscheiden. Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, daß dies die goldene Fassung des Diamanten sei, da dieser selbst auf die X-Strahlen jedenfalls nicht reagirte. Es war dies nicht das erste Mal, daß der menschliche Körper zum Versteck eines gestohlenen Gegenstandes gedient hatte. Ich kehrte zu dem Kranken zurück, sagte ihm, daß ich die Ursache seiner Krankheit herausbekommen und daß ich ihm wahrscheinlich binnen kurzer Zeit Erleichterung verschaffen könne. Er hatte derartige Schmerzen, daß er kaum auf meine Worte achtete und augenscheinlich gar keinen Verdacht schöpfte. Ich ging dann fort und kam nach kurzer Zeit mit Lord Attrill und einem sehr geschickten Arzte, Namens Symes zurück. Ich zeigte den beiden Herren die Photographie. Ihr Erstaunen war grenzenlos. „Der Unglückliche leidet an Peritonitis", sagte der Arzt, indem er die Photographie aufmerksam betrachtete. „Natürlich müssen wir erst den Gegenstand entfernen; aber ich glaube nicht, daß er es aushalten wird. Wenn es nicht gleich geschieht, ist er unrettbar verloren." „Die Hauptsache ist, ein Bekenntniß von ihm zu erzwingen", sagte Lord Attrill. „Kommen Sie jetzt mit mir, meine Herren", bat ich. Wir gingen in die Bibliothek, wo Gopinath am Boden lag und jämmerlich stöhnte. „Du bist so krank", sagte ich zu dem Inder, „daß ich dich ohne die Hülfe eines guten Arztes nicht zu heilen vermag. Dies ist Or. Symes. Er muß vor allem den Diamanten, welchen du verschluckt hast, entfernen." Seine dunklen Augen glühten wie Feuer und hefteten sich auf mein Antlitz. „Kann ich hoffen, wieder hergestellt zu werden?" „Nur, wenn der Diamant entfernt wird, sonst nicht. Nun sage uns, auf welche Weise du den Kapitän Main- waring ermordet hast." „Mit einem Safte, der nur meinem Volke bekannt ist; ich werde das Geheimniß nicht entdecken. Ich brachte das Gift von Indien mit herüber und wartete nur auf eine Gelegenheit. In der Nacht, wo ich Mainwartng Sahib mit dem jungen englischen Sahib sprechen sah, glaubte ich die Stunde gekommen. Der Xss Xnirst war daS Auge eines unserer Götter, dessen Fluch auf mir lag, bis ich es zurückbrachte. Ich hatte mich mit MWMUj »» »s « »r» M» s k- -- us ^>L-8N- LL M W> 8» 8L » IS ^ M ^ ^ W» S, g» kW LI LI ! MD KM L> LÄ kH » k» ^ ^ SS^ iuN>U! M ZW!V WWLL iSA»«?L 8Z«Z! Ls' '« ^ -—7r—° LZLL . 8 ^!L2^! WWM MML L^-.j WWW 4 798 einem Nachschlüssel zu des Sahib's Zimmern versehen, und als ich glaubte, er sei eingeschlafen, trat ich leise ein und träufelte das Gift auf sein Kissen. Ich wußte, daß es ihn augenblicklich tödten werde. Als er ganz todt war, zog ich das Etui unter seinem Kissen hervor und nahm den Stein. Ich verschluckte ihn, um ja nicht entdeckt zu werden." Der Elende wollte noch etwas sagen, fiel aber zurück und krümmte sich vor Schmerzen. vr. Symes that für ihn alles, was er konnte, aber vergebens. Gopinath starb früh am folgenden Morgen. Nach seinem Tode war es leicht, das Cobra-Auge zu entfernen, und die Anklage gegen Laurence Carroll fiel natürlich von selbst. Vor ungefähr drei Monaten verließ Lady Pamela England, und man sagt, daß ihre Gesundheit sich langsam, aber stetig bessere. Carroll ist noch in England. bestanden haben. In einer Urkunde, welche König Otto I. im Jahre 948 ausstellte, werden die Höfe zu Ober- und Unter-Binwang, die der Priester Paldmunt dem Kloster Kempten schenkte, als zur Pfarrei Jllerbeuren gehörig bezeichnet. Jllerbeuren gehörte in den frühesten Zeiten den Grafen von Balzhausen und Kirchberg. Am 26. Februar 1105 schenkten sie die Wogtet über die Kirche und der Güter an das Kloster St. Blast im Schwarzwald. Von diesen kam es an die Grafen von Nellenburg und Thengen und nach ihrem Aussterben an das Haus Oesterreich. '/g von Jllerbeuren, d. i. die zwei Güter Hs.-Nr. 2 und 7, gehörte den Rittern von Lautrach. Diese verkauften es 1356 an die von Schellenberg, diese 1413 an die Herren von Besserer, und so kam es 1417 an die von Landau, 1646 aber an das Stift Kempten. Als Lehenträger des Nellenburg'schen Lehens er- 'MM Pfarrkirche in Jllerbeuren. Original-Ausnahme von Gustav Baaber, Photograph in Krumbach. sBervielfältigungsrecht vorbehalten s Ob diese unglücklich Liebenden jemals durch Die Bande der Ehe verbunden werden, — wer weiß es? Notizen zur Jllerbevrer und Kronburger Geschichte. "Mit Illustrationen.^ --— sstiachbruck Verbote».) * Jllerbeuren, ein im Bezirksamte Memmingen, nahe an der Jller bet Lautrach, in dessen Postbezirk es seit einer dort anno 1891 erbauten Brücke über die Jller gehört, gelegenes Dorf, bildet mit dem ^ Stunden entfernten Orte Kronburg eine Pfarrei und eine politische Gemeinde. Dazu gehören die Weiler Greuth, Ober- und Unter-Binwang, Wagsberg und die Einöden Fuchsloch, Hackenbach, Hängemühle, Heißenschwende, Hurren, Oslang, Rothmoos und Westerau mit 140 Haushaltungen und 751 Personen. Die Pfarrei Jllerbeuren soll schon zur Zeit der Stiftung des Klosters Ottobeuren, im Jahre 761, scheinen die Herren von Lautrach, welche ^es mit Einwilligung des Grafen Wolfram von Nellenburg laut Urkunde Montag vor Judica 1373 an Bruno von Utten- ried zu Kronburg um 425 Pfund Heller verkauften. Seit dieser Zeit gehört es zur Herrschaft Kronburg. Der kleine Besitz */g ging als Lehen von Konrad von Landau zu Lautrach 1425 an Joß von Uttenried über; und von Joachim von Uttenried im Jahre 1460 aber an verschiedene Patrizier von Memmingen; anno 1524 und 1530 endlich an Gaudenz von Rechberg und 1619 an Johann Eustach von Westernach. Der Bauart nach stammt die jetzige 1846 Pariser Fuß hoch gelegene Kirche zu Jllerbeuren aus dem 12. Jahrhundert. Der Thurm aber scheint älter zu sein. Eine Glocke führt als Umschrift mit gothischen Buchstaben die Namen der vier Evangelisten mit der Jahrzahl 1192. Auf einer kleineren Glocke ist die Jahrzahl des Gusses 1405 zu sehen. Den eifrigen Bemühungen der beiden 799 Herren Pfarrer Haid und Fischer verdankt diese Kirche eine stilgerechte, würdevolle Restauration mit schönem gothischem Hochaltare und Chorstühlen, sowie sehr geschmackvollen gemalten Fenstern. In östlicher Richtung, bergaufwärts, */, Stunde etwa von Jllerbeuren entfernt, liegt auf einem nach allen Seiten hin freistehenden, .740 Meter hohen Hügel das Schloß Kronburg mit einer wetten Fernsicht, nördlich bis Ulm und auf die rauhe Alb, südlich auf die Allgäuer, Tiroler und Schweizer Berge. Westlich, am Fuße des Berges, liegt das gleichnamige Dorf mit Kirche und Schule. Nach dem bei einer Schlotzrenovation gemachten Funde von römischen Münzen, und nach den noch gut erhaltenen Mauern, bei welchen sogenannte Buckelsteine verwendet wurden, zu schließen, befand sich hier einst ein römisches Castell mit Wachtthurm, von wo aus viele in nächster Nähe liegende Burgstellen und Verschanzungen und auch die von Kimratshofen über Legau und Lautrach führende und unterhalb Kronberg vorbeiziehende Römerstraße leicht übersehen werden konnten. Kronburg war in der ältesten bekannten,Zeit Eigen- v. R., bis 1604 Wolf v. R., bis 1615 Wilhelm Leo v. R. Ernst von Rechberg starb 1604 ohne männliche Leibeserben. Die übrigen Nachfolger derselben geriethen aber mit dem Oberlehensherrn, dem Erzherzog von Oesterreich, in Streit, und wurden des Lehens für verlustig erklärt, welches anno 1619 an Johann Eustach von Westernach verliehen wurde. Aus diesem Geschlechte sind als Besitzer der.Herrschaft Kronburg zu nennen: bis 1627 Joh. Eustach von Westernach, Großmeister des deutschen Ordens, dann dessen Neffe: bis 1646 Wolf Christoph von Westernach, bis 1689 Joh. Rudolph, bis 1728 Joh. Carl, bis 1735 Joh. Marquard Eustach, bis 1784 Joh. Eustach, bis 1849 Joh. Jgnaz Lazarus von Westernach, der die Mediati- strung über sich ergehen lassen mußte. Seine Tochter Maria Theresia brachte den gesammten Besitz der Familie ihrem Gemahle, dem Freihcrrn Maximilian von Vequel auf Hohenkammer, zu, dessen Nachkommen den Namen Freiherren von Vequel-Westernach führen. Als die Schwaben sich im Vereine mit ihren Bundesgenossen, den Bayern, bei Kempten gegen die fränkische z Schloß Kronburg. Orininal-AuwadMk von Gustav «LLver, Photograph in Nrumbach. lv-rvteiiSUlaungirrcht Vorbehalt,».) LL. ' ' thum der Edlen von? Kronburg. Es werden in alten Aufzeichnungen genannt: im Jahre 727 Ruof von Kronburg, 833 Freson v. K., 860 Huppald v. K., 933 Radebot v. K., 1165Bertold v. K., 1268 Bertold und sein Sohn Hatto v. K., 1283 Mangold v. K., 1356 Hans Eitel und Haintz v. K. Nachdem Eitel von Kronburg als letzter seines Stammes gestorben war, wurde Kronburg vom Erzherzoge Albrecht von Oesterreich im Jahre 1360 an Ritter Heinrich von Uttenried ,um 210 Mark Silber, verpfändet. Diesem folgte 1366 Bruno"chon Uttenried, 1399 Jos .v. U., 1454 Joachim v. U. Bruno v. U. kaufte 1373 Jllerbeuren, aber Joachim v. U. verkaufte alle seine Besitzungen i. I. 1460 an Hans von Werdenstein. Dieser starb schon 1468 ohne männliche Erben. Der ganze Besitz kam dann i. I. 1478 an Georg von Rechberg, der die drei Töchter des Hans von Werdenstein auslöste und die Wittwe heirathete. Dieser Georg und sein Sohn Gaudenz bauten statt des zerfallenen Römerthurmes das Schloß Kronburg. Auch brachten die Rechberg nach und nach die verschiedenen Weiler und Einzelhöfe der Pfarrei an sich. Es lebten zu Kronburg bis 1478 Georg von Rechberg, bis 1506 Gaudenz v. R., bis 1536 Georg v. R., bis 1574 Ernst Herrschaft wehrten, da erlitten sie am Feilenforste anno 727 eine große Niederlage, in welcher Schlacht auch ein Ruof von Kronburg gefallen sein soll. In einer Grenz- beschreibung des Stiftes Kempten vom Jahre 804 wird der Berg Hohenrain gegenüber Kronburg erwähnt; und in einer Grenzberichtigung vom Jahre 1059 wird Kronburg wieder genannt. So finden wir auch diese Burg genannt in Urkunden des Klosters St. Gallen, in welchen ein gewisser Freson von Kronburg zu finden ist. Im Jahr 860 schenkte Huppald von Kronburg sein Gut dem Kloster St. Gallen, nachdem bereits im Jahre 833 Trogo Güter in Kronburg und Winterstetten an das Kloster St. Gallen sud. I^uäoviov Imx., aub. ^.äalAsro oomits gestiftet halte. Ein Ritter Berthold von Kronburg wurde als Dienstwann anno 1180 betraut mit der Hut der Grafenburg Zeil, welche an die Staufer beim Kaufe mit der Nibelgaugrafschaft kam. Der Welfenbesttz erstreckte sich auch in die Umgegend der Städte Memmingen und Schongau, zu demselben zählte ^ auch Lautrach, Kronburg und Altmannshofen. Die Ritter i von Kronburg erschienen auch als Ministerialen der Staufen, ! welche die Welsen beerbt haben. Ein Rudolf von Kron- ! bürg befand sich am 6. Mai 1227 unter dem Gefolge 800 deS Königs Heinrich VII. zu Ulm. Im Jahre 1268 schenkte Berthold von Kronburg Güter an das Kloster Noch. Kronburg kam im Jahre 1373, nachdem es nur kurze Zeit in dem Besitze der Herren von Lautrach war, durch Kauf sammt dem Berg und dem Kirchensatz nebst dem Dorfe an Bruno von Uttenried, und zwar als Vehringen-NcllenburgischeS Afterlehen. Dessen Tochter Barbara übernahm das Gut, stellte es unter den Schutz der Stadt Kempten, vermählte sich mit Hans von Werdenstein und, als dieser gestorben war, mit Georg von Rech- berg, welcher Kronburg von den drei Töchtern erster Ehe Limo 1478 erkaufte. Georg von Rechberg und mehrere Nachfolger desselben wurden sohin mit Kronburg von Seite der österreichischen Oberlehensherrschaft belehnt. Im Jahr 1615 aber wurde Kronburg als heimgefallenes Lehen dem Markgrafen Carl von Burgau als neues Lehen verliehen, nach dessen Ableben es an die Herren von Westernach, welche später von Kaiser Leopold in den Reichsfreiherrnstand erhoben wurden und von dem Schlosse Westernach — bei Mindelheim abstammen — kam. Die Herren von Westernach hielten den Besitz der Herrschaft Kronburg fest und erwarben zu der ihr bereits zustehenden niederen Gerichtsbarkeit auch anno 1712 die hohe von der Landvogtei Schwaben. Sie bekleideten hohe kirchliche und weltliche Aemter und Stellen, wie anno 1626 die eines Hoch- und Deutschmeisters, 168 t— 1707 eines Weih- bischofes zu Augsburg oder eines Directors der schwäbischen ritterschaftlichen Kantone rc. Im Jahre 1632 kamen die Schweden in die Gegend von Kronburg und es ging den Bewohnern der Herrschaft Kronburg, sehr übel. Anno 1635 wollten die Schweden das Schloß einnehmen und plündern, allein die Festigkeit der Mauern und die Tapferkeit der Vertheidiger hinderten dies. Der Pfarrer in Jllerbeuren war umgekommen. Der Pfarrer von Steinbach mußte dies versehen. Auch ein Pfarrer von Lautrach, Namens Möhner, besorgte einige Jahre Jllerbeuren-Kronburg. 1647 bemächtigten sich die Schweden neuerdings der Gegend. Der Gemeinde Kronburg wurde eine Brandschatzung oder Kriegslast von 1625 fl. auferlegt, welche Summe die Gemeinde von der Herrschaft entlehnte. Es waren nur noch vier Unterthanen in der Herrschaft Kronburg vorhanden. Die Wasserleitung, welche das Wasser auf das Schloß brachte, wurde von den Schweden zerstört, weil die Kaiserlichen dasselbe besetzt hielten; die Schweden verbrannten auch die beiden Mühlen und plünderten die Kirchen. Im spanischen Successionskrieg uvno 1704 eilte Max Emanuel mit Franzosen nach Memmingen und überrumpelte die Stadt; auch Kronburg wurde genommen und diente als Quartier für Baron Schenkel. Zwei Thürme gegen das Dorf westlich wurden im Gefechte halb abgebrochen, doch von den Franzosen wieder aufgebaut, nachdem Bayern von den Oesterreichern in Besitz genommen wurde. Anno 1706, den 27. Juli, consecrirte Joh. Eustach Egolph von Westernach als Weihbischof in Kronburg zwei neue Altäre und ertheilte die hl. Firmung. Die Kirche wurde im Jahre 1786 durch einen kurfürstl. pfälzischen Baumeister restaurirt; die hölzerne Decke wurde entfernt, dafür weiße Gypsdecke, Säulen und Gesimse ringsum in korinthischem Stile angebracht. Eine spätere, im Jahre 1886/87 durch Maler Martin von Achstetten und von Altarbauer Bertsch von Dormetingen, sowie Glaser Birk von Btberach und Glasmalereibesitzer Schneider aus Negensburg vollzogene Renovation wandelte diese Kirche in ein würdiges freundliches Gotteshaus um, in welchem auch eine gut gelungene Imitation der Felsengrotte von Lourdes angebracht ist. --S2—es— Zu unseren Bildern. Auf dem Wrihnachtsmarkl. Es ist so kalt draußm, daß man glauben sollte, ein jeder, der nicht nothwendig aus dem Hause gehen muß, sei froh, beim warmen Ofen dorten sitzen zu können. Und doch sind heute die Straßen des kleinen Städtchens belebt, wie es nur selten der Fall rst. Namentlich die jüngere Welt ist es, welche, die Mützen und Hauben tief über die Ohren heruntergezogen und die Hände bis zu den Ellbogen in die warmen Taschen gesteckt, freudig erregt sich herumtummelt; eS ist ja — Weihnachtsmarkt. 3 Tage Weihnachtsmarkt. Das ist eine Freude, all' die bunten Dinge in den Verkaufsständen umsonst ansehen und bewundern zu dürfen. Kein Wunder, wenn da die jungen Herzen sich manchem Wunsche öffnen und mit einer bescheidenen Bitte vor die Eltern treten, die auch wohl nicht anstehen werden, dieselbe so weit als möglich zu berücksichtigen. Riesengebüude in Uew-Uork. Nicht der Hang zum Ungewöhnlichen ist es, der die Amerikaner veranlaßt, ihre Bauten immer kühner emporzuführen, sondern die unglaublich hohen Preise, die im Innern der Städte für Grund und Boden zu zahlen sind, bilden die Ursache dieser abnormen Erscheinung. Um den gegebenen Platz auf's äußerste auszunutzen, wird wagehalsig ein Stockwerk auf's andere gethürmt, und während man rechnet, daß schon eine ganz beträchtliche Anzahl von Stockwerken aufgesetzt werden muß, um nur allein den Grund und Boden bezahlt zu machen, sollen dann die nächsten Etagen die Baukosten einbringen, die folgenden wieder die Kosten für Heizung, Beleuchtung, Wasserversorgung u. s. f. Daß unter diesen Verhältnissen die Anzahl der Riesengebäude, namentlich in New-Aork, von Jahr zu Jahr zunimmt und man sich dabei immer höher „versteigt", erscheint durchaus erklärlich, und so finden wir denn auch heute in New- Aork schon eine stattliche Reihe solcher gigantischen Bauten, wie sie früher doch nur vereinzelt anzutreffen waren. Die meisten dieser Riesengebäude stehen im eigentlichen Geschästs- ricrtel, von den New Aorkern mit vorvn (forvn bezeichnet, und zwischen dem City Hall Park, dem Rathhausplatz und der Batterh, dem südlichen Ende der Manhattan-Jnsel. Der Raum für das Gcschäftsviertel der Stadt ist auf drei Sechen von Wasser begrenzt und natürlich schon seit länger« Jahren bis auf das letzte Quadratmeter bebaut; eine weitere Ausdehnung der Geschäftshäuser ist eben nur noch in der Höhe möglich. Um unfern Lesern einen Begriff von dem Bodenpreis zu geben, wollen wir erwähnen, daß der Boden des Manhattan Life Insurance Building zum Preise von 282 Doll. für den amerikanischen Quadratfuß, also etwa 12,000 Mark für das Quadratmeter, abgegeben wurde. Unsere, der Zeitschrift „Scientific American" entnommene Abbildung zeigt eine Zusammenstellung der höchsten Gebäude New-Aorks. Während früher der 86,« Meter hohe, schlanke Thurm der Dreieinigkeitskirche, der mit dem (auf dem Bilde ebenfalls wiedergegebenen) Capitol in Washington ziemlich dieselbe Höhe hat, als Wahrzeichen der Stadt schon von weitem sichtbar war, verschwindet er heute vor seinen ihn überragenden Nachbarn. Das Gebäude der Amerikanischen Tractatgesellschaft übersteigt ihn allerdings nur um 0„ Meter, das der Tageszeitung „World" aber bereits um 1„. Das St. Paul-Gebäude mit seinen 25 Stockwerken erreicht die stattliche Höhe von 92,, Meter, das Gebäude der Life Insurance Lo. mißt 93„ Meter und hat 21 Stockwerke. Der Riese unter den Riesen ist jedoch ein neues Gebäude, das auf Park R»w im Bau begriffen ist; es soll 27 Stockwerke doch werden und die Höhe von 115,» Meter erhalten. Die Manhattan-Jnsel, die in ibrer ganzen Länge von 22 Kilometer aus solidem FelSgrund besteht, dürfte wohl auch einer der wenigen Flecke Erde sein, der neben der zum Handelsplatz geschaffenen Lage einen geeigneten Baugrund für solche Gebäuderiesen bietet. Das letzterwähnte Gebäude wiegt allein in seinem Stahlgerüst über der Oberfläche gegen 3500 Tonnen, während das Gesammtgewickt des im Bau begriffenen Geschäftshauses auf Park Row auf 50,000 Tonnen veranschlagt ist, die sich auf nur etwa 1400 Quadratmeter Bodenfläche vertheilen. « 104 . Ireitag» den 18 . Dezember 1896 . Für die Redacti , verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. ^ ^ . Druck und Verlag des Literarischen ZnnitutS von Haag L Grabherrin Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Ihv evstev Roman. Novelle von Antonio Haupt. (Fortsetzung.) „Wie in aller Welt kommen Sie denn in dieses Gebirge?" Die schwarzen Augen funkelten übermüthig. „Nun, per Eisenbahn, via Frankfurt, Gießen, Kassel." „Ah, das konnte ich mir ungefähr denken. Obgleich man mich belehrte, daß auch reizende kleine Feen diesem Tummelplätze der Hexen und Kobolde zustrebten, so hatte ich Sie doch nicht im Verdacht, eine nächtliche Luftfahrt auf dem Besen oder der Heugabel hierher unternommen zu haben. Freilich", fügte er hiezu, „daß Sie eine mächtige Zauberin sind, sehe ich immer mehr ein." Sein Auge tauchte so ausdrucksvoll in das ihre, daß sie die Wimpern senken mußte. „Aber Sie, wie kommen Sie denn hierher?" fragte sie, offenbar nur um etwas zu sagen, das sie ihrer kleinen Verlegenheit entheben sollte. „Per Eisenbahn, via Frankfurt, Gießen, Cassel", persiflirte Oito ernsthaft; und mit leiser Schelmerei in Blick und Stimme fuhr er fort: „Ich nehme an, gnädige Frau, daß Ihre Frage thatsächlich nur der Richtung meiner Reiseroute gilt. Bei unserem letzten Zusammentreffen an dem Ufer der Saar sprach ich ja schon die Absicht aus, in den Harz zu reisen, um mir hier mit «einem hannoverschen Freunde ein Stelldichein zu geben." „Thaten Sie das? Ich entsinne mich wirklich nicht", warf sie gleichgiltig hin in einem Tone, mit dem aber das tiefe Noth, das ihr Antlitz jäh überzog, in seltsamem Widersprüche stand. Otto tauschte einen raschen, eigenthümlichen Blick mit dem inzwischen herbeigekom- menen Philologen, dann sagte er: „Meines Freundes Georg Hesse erinnern Sie sich vielleicht, gnädige Frau?" „Ob ich mich seiner erinnere? Der Herr Doktor war ja mein Kavalier auf der Hochzeit Ihres Bruders." Sie bot auch Georg die feine Hand zur Begrüßung. „Dir, Lily, sind die Herren ja ebenfalls bekannt." Die mit „Lily" angeredete junge Dame, welche bis dahin nur durch ein leichtes Neigen des Kopfes den stummen Gruß der Angekommenen erwidert hatte, sagte jetzt freundlich-kühl: „O gewiß, ich entsinne mich der beiden Herren." „Wie immer, Schneekönigin Zoll für Zoll", flüsterte Otto lächelnd seinem Freunde zu. Nachdem die Herren, durch eine anmuthige Handbewegung der schönen Frau dazu eingeladen, Platz genommen hatten, bemerkte der Freiherr verbindlich: «Ich segne den Zufall, der uns hier so unverhofft die reizendste Gesellschaft bescheert hat, die wir uns träumen konnten. Sie, meine Damen, scheinen sich gleich uns hier häuslich niedergelassen zu haben?" „Ja und nein; wenigstens nicht ganz in Ihrem Sinne", gab Frau von Elz zur Antwort. „Wir wohnen, nachdem wir den ganzen Harz durchstreift haben, seit einigen Tagen dort unten im Hotel „Zehnpfund". Fräulein von Arendal ist nämlich Kurgast in Thale. Ihr allzu besorgter Vater glaubte, daß die zarten Nerven seines Töchterchens einer Stärkung bedürften; ich schlug ihm Thale, von dessen Heilkraft ich viel gehört, als Kurort vor und erbot mich, die junge Dame auf der Reise unter meinen mütterlichen Schutz zu nehmen. Hiermit haben Sie auch meine, Ihnen schuldig gebliebene, regelrechte Antwort auf Ihre Frage nach dem Grunde unseres Hierseins", plauderte sie lachend weiter. „Was nun den mütterlichen Schutz anbetrifft, so wäre Lily unter demselben fast um's Leben gekommen. Als wir auf mein Anstiften dem alten Brocken eine Visite abstatteten, verirrten wir uns und geriethcn in ein Labyrinth von Klippen und Urwald — o, es schaudert mich noch, wenn ich an die Abenteuer denke!" Sie bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. Otto sandte einen freudig leuchtenden, vielsagenden Blick zu dem Freunde, der von diesem lächelnd und ver- ständnißinnig erwidert wurde. „Und bei dieser Irrfahrt, gnädige Frau, verloren Sie Ihr Tagebuch, welches ich so überaus glücklich war, zu finden." Saarstein sprach die Worte in einem Tone, dessen leises Beben tiefinnere Bewegung der Freude verrieth. Blitzschnell fuhr daS graziöse Köpfchen in die Höhe, und blitzschnell glitt ein Strahl der dunklen Augen verstohlen forschend über den in athemloser Spannung ihr Gegenübersitzenden. Mit lustigem Lachen schüttelte sie dann die schwarzen Locken zurück. „Köstlich, köstlich!" jubelte sie. „Mein Tagebuch soll ich verloren, mein Tagebuch wollen Sie gefunden haben! Es ist dies einfach unmöglich, weil ich nie im Leben Memoiren niedergeschrieben habe. Wirklich, Herr Baron, nie im Leben!" Sie legte betheuernd die Hand auf's Herz. „Ich glaubte", fuhr sie ernsthaft fort, „Sie kennten weinen Charakter besser, als daß Sie mir Derartiges zutrauten." 802 „Hm", meinte Saarstein, „zu schämen brauchten Sie sich der Urheberschaft dieses geistvoll geschriebenen Tagebuches nicht. Ich mußte, um nach der Eigen- thümerin zu forschen, nachgedrungen in dem Buche blättern und gestehe, daß ich von dem Inhalt desselben derart gefesselt wurde, daß ich leider indiskret genug war, fast das Ganze zu lesen. Meine Verehrung für Sie könnte nur noch erhöht werden, wenn Sie sich als Verfasserin des Buches bekennten." „So gern ich auch Ihre Verehrung in erhöhtem Maße für mich in Anspruch nähme, muß ich doch der Wahrheit gemäß meine Versicherung wiederholen, daß ich niemals Annalen geschrieben habe", erklärte die schöne Frau, und ihre Lippen kräuselten sich ein wenig ironisch. „Ich erfreue mich eines so guten Gedächtnisses, daß mir die wenigen denkwürdigen, des NiederschreibenS werthen Lebensereignisse auch ohne Tagebuch treu in der Erinnerung bleiben, und über die kleinlichen Wechselfälle des Alltagslebens, oder über jeden thörichten Gedanken, der meinen Kopf kreuzte, gewissenhaft Chronik zu führen, daS halte ich, gelinde gesagt, für Zeitverschwendung. Hier haben Sie meine Ansicht über Tagebücher." „Die kleine Heuchlerin, wie sie sich verstellen kann!" dachte Otto, indem er sie lächelnd und leise kopfschüttelnd betrachtete. „Ich halte eS für überflüssig, Ihnen den Werth und den Nutzen einer regelrechten Aufzeichnung der Lcbenseretgnisse und Seelenvorgänge beweisen zu wollen", äußerte er heiter. „Wie denken Sie hierüber, mein gnädiges Fräulein?" Mit diesen Worten suchte er die in kühler Zurückhaltung verschanzte Blondine freundlich ins Gespräch zu ziehen. „Mein Urtheil stimmt im Wesentlichen mit dem von Frau von Elz überein", erwiderte diese und sah endlich von ihrer Hausarbeit in die Höhe. „Wie unweise es namentlich ist, Gedanken, welche man keiner andern Menschenseele verrathen möchte, einem Buche anzuvertrauen, das verloren und von einem indiskreten Herrn gelesen werden kann, beweibt Ihr Fund." Eine peinliche Pause entstand nach diesen in herbem Tone gesprochenen Worten. Otto fühlte sich gekränkt. „Lassen wir das Thema fallen", sagte er kalt und wandte sich ab, um sich dann in liebenswürdigster Weise ausschließlich mit Frau von Elz zu unterhalten. Merkwürdig, die junge Wittwe, welche trotz der vielen Beweise freundlicher Theilnahme, die sie ihm gegeben, ihm bis heute sehr gleichgiltig war, fesselte ihn jetzt ungemein. Ihr ganzes Wesen kam ihm durchgeistigter, ihre Erscheinung reizender vor als ehedem; ja, er be- g ff nicht, wie er bisher so blind für ihre Vorzüge hatte sein können. „Sie schienen, als wir kamen, in tiefes Nachsinnen über Ihre Lektüre versunken", bemerkte er im Laufe der Unterhaltung. „Darf ich fragen, mit welchem Schriftsteller Sie sich beschäftigten?" Sie reichte ihm lächelnd das Buch. Mit einigem Befremden sah Otto, daß es das neueste Werk eines zeitgenössischen naturalistischen Autors war, das wohl nur mit Mühe unter der Censur durchgeschlüpft war. „Wie gefällt Ihnen mein Lieblingsschriftsteller?" fragte sie lachend. „Ihr Lieblingsschriftsteller?" Er sah erstaunt zu ihr empor. „Ah, Sie scherzen natürlich, meine Gnädige! Ich verstehe vollkommen, daß auch Sie die Werke des berühmten Mannes kennen lernen wollten, dessen Eleganz des Stils, dessen Anmuth der Sprache unwiderstehlich ist. Doch eben darum ist er doppelt gefährlich. Ich bin der Ueberzeugung, daß er schon großes Unheil gestiftet hat, denn seine Machwerke werden ja auch von unreifen Gemüthern mit Heißhunger verschlungen; wohin soll es führen, wenn sich diese Folgerungen aus der Moral ziehen, die er predigt?" „Was wollen Sie?" entgegnete sie lächelnd. „Sem Bestreben geht überall dahin, die Wirklichkeit zu erfassen und zu schildern. Er hält uns in seinen Werken Spiegel vor, welche die Dinge klar, unverhüllt und unbcschönigt zeigen, wie sie sind. Diese getreue, realistische Wiedergabe des großen Lebens- und Jnteressenkampfes ist mir lieber, als die deutschen Thrünenromane mit ihrem silbernen Mondschein und ihren schmachtenden Burgfräulein." „Fast sollte man glauben, Sie hätten unsere herrliche deutsche Literatur, den poetischen Ausdruck des Fühlens und Denkens unserer Nation gar nicht kennen gelernt", sagte der Freiherr lächelnd. „Aber ich durchschaue Sie. Einen kleinen Kampf wollen Sie eröffnen. Ich soll mich warm sprechen zum Lobe unserer deutschen Geisteskoryphäcn, die von Ihnen besser gekannt und gewürdigt werden, als von mir, damit Sie über meine ungeschickte Art der Vertheidigung lachen können. Den Gefallen thue ich Ihnen nicht! Lassen Sie mich Ihnen lieber erzählen" — sein Auge senkte sich bei diesen Worten tief und innig in das ihre — „welchen Genuß ich gerade jetzt in der Schöpfung einer deutschen Schriftstellerin fand. Wie die Gedanken und Anschauungen von Ilse Treuen- fels Tag und Nacht im Innersten meiner Seele wieder« klingen." Sie mußte Anderes zu hören erwartet haben, denn ihre Mienen verdüsterten sich, und in gelangweiltem Tone warf sie hin: „Sie begeisterten sich für daS beschränkte Machwerk einer Frau? Ilse Treuenfels ist mir zwar gänzlich unbekannt, aber Frauen haben überhaupt nicht die Fähigkeit, gut zu schreiben. Der Mann allein ist dazu be rechtigt, denn er nur kann sich die erforderliche Kenntnis aneignen, nur ihm steht die Welt offen ohne Grenze; - darf in die tiefsten Abgründe menschlichen Elend hinab steigen, er darf die Nachtseiten des Lebens, kurz, allr Verhältnisse aus eigener Anschauung kennen lernen." Otto schaute sie betroffen an. „Sie sind schlechter Laune, meine Gnädige, und wollen durchaus einen kleinen Kampf hervorrufen. Oder reizt es Sie vielleicht nur, aus meinem Munde bestätigt zu hören, daß eine ideal angehauchte Schöpfung von Ilse Treuenfels mit ihrem tiefen Gedankenreichthum unendlich viel veredelnder auf den Leser wirken, unendlich mehr Gutes stiften kann, als sämmtliche Werke Ihres naturalistischen französischen Autors, der freilich alle Schlupfwinkel des Lasters und der Verkommenheit auS eigener Anschauung zu kennen scheint und sie mit grauenhafter Drastik schildert. Trösten Sie sich, das Vorurtheil gegen schriftstellerische Berufsthätigkeit der Frau, worunter Sie freilich nicht wenig leiden mögen, wacht allmälig einer gerechteren Anschauung Platz. Durch bervorragende Dichterinnen, von einer Sappho, einer Noswitha, bis zu einer Staöl, einer George Sand, einer Fullerton, Droste- Hülshoff, einer Bracke! und Herbert, ist längst unwider- leglich bekundet, daß die Frau ein Recht auf schriftstellerische Wirksamkeit hat, ja, daß die Werke ihrer Feder als naturgemäße Ergänzung zu den literarischen Schöpf- 803 irrigen der Männerwelt gelten Nüssen. Was der Mann an Geistesschärfe und Lebenserfahrung voraus hat, das ersetzt die Frau durch Gevlüthstiefe und Gestaltungskraft. Ihr ist die Gabe der stillen, sinnigen Beobachtung, der scharfe und sichere Blick für das innere Seelenleben verliehen; darum sind ihre Charakterzeichnungen meist so fein, so überaus lebenswahr." Er hatte mit einer gewissen Wärme gesprochen und glaubte nun, den Widerschein seines eigenen Feuers auch aus ihren Augen strahlen zu sehen; er ward jedoch sehr enttäuscht. In unmuthig gereizter Stimmung rief sie aus: „Gut, daß Sie endlich zum* Schlüsse kommen mit Ihrer Lobrede! Mich bekehren Sie doch nicht. Ich lese grundsätzlich nichts von Blaustrümpfen Verfaßtes. Federführende Frauen sind mir unausstehlich. Ich halte ihre Thätigkeit zum mindesten für überflüssig, für höchst un- weiblich und der hergebrachten Sitte hohnsprechend." DaS war Aerger, wirklicher, ungeheuchclter Aerger l Otto konnte über ihre wahre Anschauung unmöglich länger i« Zweifel bleiben. Er sah eS nun klar, daß er sich 'n ihr getäuscht; der ganze Nimbus, womit seine Phantasie ihre Erscheinung umgeben, entwich. Er unterdrückte die Bemerkung, sie halte es wohl edler Frauen würdiger, einen großen Theil der Zeit am Putztische zu verbringen, auf wilden Pferden umher zu galoppiren und Cigaretten zu rauchen, und beschränkte sich darauf, achselzuckend zu erwidern: „Auch ich sehe das größte, unbestrittene Verdienst der Frau in ihrem selbstlosen beglückenden Walten im Familienkreise. Doch kann ich nichts Unweibliches darin finden, wenn dieselbe sich mit den ihr von der Natur verliehenen Fähigkeiten an der allgemeinen Culturarbeit betheiligt; die Unvermählte namentlich, deren Dasein sonst vielfach müßig und inhaltslos bleibt, erobert sich dadurch einen schönen Beruf, in dem sie segenbringend wirken kann. Für überflüssig halte ich die literarische Thätigkeit der Frau nicht, da die Welt nicht so überreich an tüchtigen Kräften ist, daß man die weibliche Mitarbeiterschaft auf dem Gebiete der schönen Künste und Wissenschaften nicht freudig begrüßen dürfte." Frau von Elz fand es unnöthig, etwas zu entgegnen; ihre Aufmerksamkeit schien vollständig von dem kunstgerechten Drehen einer Cigarette in Anspruch genommen. Doktor Hesse, welcher sich lange eifrig mit Lily von Arendal unterhalten, die letzten Aussührungeu Saar- stein's aber gehört hatte, sagte jetzt lachend: „Mein Freund plaidirt warm zu Gunsten einer Angelegenheit, die von Rechts wegen von ihm angegriffen und von den Damen vertheidigt werde» müßte. Was halten Sie, mein gnädiges Fräulein, von der Thätigkeit der Frau auf literarischem Gebiet?" Eine leichte Nöthe flog über die feinen Züge Lily's. „Ich muß bekennen, daß ich über dieses Thema noch gar nicht nachgedacht habe, obgleich die Frauenfrage ja in unserer Zeit viel besprochen wird", lautete ihre ausweichende Antwort. Frau von Elz lachte hell auf. „Da haben Sie die Kleine allerdings zu viel gefragt. Lily's Interesse geht nicht über die Grenzen der Kinderstube, der Küche und augenblicklich nicht einmal über ihre Handarbeit hinaus." Die junge Dame errötheie ans's neue. „Ich muß so fleißig an meiner Stickerei arbeite», weil dieselbe zum Geburtstage meines Vaters fertig sein soll", erklärte sie lächelnd. Otto aber wußte, daß die schöne Fran mit ihrer Behauptung nicht ganz bei der Wahrheit geblieben war, daß Fräulein von Arendal Sinn für Wissenschaften mit gediegener Bildung vereinigte, wenn sie auch mehr Freude daran zeigte, einem interessanten Gespräche zu lauschen, als selbst zu sprechen. Nachdem der poetische Glorienschein von Frau von Elz gewichen war und Saarstein in ihr nur mehr die oberflächliche, gefallsüchtige Frau sah, hatte er alle Lust an der ferneren Unterhaltung mit ihr verloren. Er versank in Schweigen und beneidete ordentlich seinen Freund um die leisen, freundlichen Worte, die verständnißvollen Blicke, welche dieser mit Lily tauschte. War es die zarte Nöthe auf deren Wangen, war es der neue Ausdruck, der ihre vormals so ernst geschlossenen Lippen so wehmüthig süß umzuckte? — Nie war sie ihm so hübsch vorgekommen, wie heute. Er konnte ungestört sein Auge auf ihr ruhen lassen, da ihr glänzender Blick nicht ein einziges Mal zu ihm hinüberflog. Frau von Elz, durch seine plötzliche Einsilbigkeit und Zerstreutheit offenbar verstimmt, mahnte bald zum Aufbruch. Die Herren gaben den nach Hause Eilenden daS Geleite bis zum Bodethal und schieden hier mit der Versicherung, den Damen baldigst ihre Aufwartung unten im Hotel machen zu wollen. „Unbegreiflich, wie ich auch nur einen Augenblick wähnen konnte, die gedankenlose, kleine Kokette sei die Verfasserin jenes Tagebuches l" rief Saarsteiu, sobald er sich mit dem Freunde allein sah. „Je nun", versetzte dieser, „alle äußeren Umstände vereinigten sich, um uns Derartiges glauben zu machen; ihr unleugbares, tiefes Interesse für Dich, die geradezu frappirende Thatsache ihrer Irrfahrt auf den Brocken, ihre Aehnlichkeit mit der von dem Köhler geschilderten Schönen, ihre Befangenheit beim Wiedersehen und so manches Andere ließ mich kaum an ihrer Identität mit Ilse TreuenfelS zweifeln, bis ihr AuSfall auf schrift- stellcrnde Frauen mich plötzlich eines Andern belehrte. Ich begreife es recht wohl, wie eine eitle, aber geistes- träge Frau, anstatt sich in ihrem Geschlechte geehrt zu fühlen, wenn eine ihrer Schwestern sich über das Alltägliche erhebt, nur ihre eigene Armuth um so bitterer empfindet und sich mit den Waffen der sogenannten Sitte an ihr rächt. Da zeigt Fräulein von Arendal doch edlere Gesinnungen. Die junge Dame mit ihrer bescheidenen Zurückhaltung, mit ihrer ruhigen Würde und ihrem klaren, gediegenen Urtheil hat meine Achtung in hohem Grade errungen." Der Freiherr nickte sinnend. „Ich sagte Dir ja, daß ihr Wesen auch mich einst eigenthümlich fesselte. Nachdem sie mich aber scheinbar ohne allen Grund so kränkte, bekundete ich mein Verlctzt- sein wahrscheinlich durch große Nichtbeachtung, und sie — nun Du wirst zugeben, daß ihr Benehmen mir gegenüber nichts an Kälte Zu wünschen übrig läßt. Ich mochte sie mit dem glatten, stets zum Gefrieren bereiten Eismeer vergleichen. Die Worte, welche ich an sie richte, sind gleichsam die Nuderschläge, deren Bewegungen mit zauberhafter Schnelle das GruudeiS der Tiefe an die Oberfläche befördern und diese plötzlich zu einer harten Rinde erstarren lassen." „Der grönländischer Vergleich imvouirt mir zwar 804 sehr", behauptete Hesse lächelnd, „aber mit dem besten Willen konnte ich bei Fräulein von Arendal nichts von tückischem Gründers wahrnehmen. Viel lieber möchte ich die junge Dame mit Champagner in Eis vergleichen. Unter der kalten Oberfläche birgt sich nur mühsam die innere Gluth. Es gibt für wich nichts Reizvolleres, als der Gegensatz solcher äußern Kälte und inneren Feuers, dessen Flamme man durch die krystallne Hülle lodern sieht." (Schluß folgt.) Die „Psillgsttage zu Secg". Von Adolph Müller. ^ . wieder in Malmaison. Da springt der kleine Napoleon in den Salon und drückt dem Kaiser etwas in die Hand. Hortense verweist dem Kinde strenge dieses Benehmen, ! nnd der Kleine sagt daraus weinend: „Ach, das ist der Ring, den mir Onkel Engen geschenkt hat! Da uns der Kaiser Gutes thut, habe ich ihm danken wollen." Alexander I. küßte den Knaben und befestigte den Ring an feiner Uhrkette. Was doch das Leben oft aus einem unschuldigen Kinde macht! Dieser Knabe — später durch einen Staatsstreich selbst Kaiser geworden — bekriegte Rußland und Deutschland und wanderte, vom Letzteren besiegt und gefangen, noch einmal ins Exil. Die Pariser aber feierten im Frühjahr 1814 die Verbündeten. Hatte man zuerst voll Entsetzen ausgerufen: „Die Kosaken kommen!" — man benahm sich sehr bald viel weniger furchtsam, und was die Französinnen der damaligen Zeit betrifft, kann man behaupten, daß sie den Verbündeten buchstäblich um den Hals fielen. Jede vornehme Dame in Paris wollte einen Offizier der Verbündeten im Quartier haben, und die bösen Zungen erhielten damals unendlichen Stoff. Beim Einzüge Ludwigs xvm. weigerte sich ein französisches Regiment „vivo 1s roi!" zu rufen. Die Frau Gräfin L fuhr in ihrem Wagen vor dies Regiment, befestigte ihr weißes Taschentuch an ihrem Sonnenschirm als Lilicnfahne und sagte: „Soldaten! Wer Hoch der König ruft, bekommt von mir Wein." Keine Stimme antwortete aus dem Regiment. Doch die Gräfin ließ nicht nach. „Wer Hoch der König ruft, bekommt einen Kuß!" Unglaublich ungalant waren die Soldaten des Reg!» ments, denn die Gräfin mar als hübsch bekannt. Unge- knßt mußte sie von der Front fahren, und der Pariser Volkswitz steigerte ihre Angebote ins Unerhörte. Ludwig XVIII. äußerte sich später selbst: „Die Damen haben sich damals sehr unwürdig betragen." In Paris muß eben immer etwas in Mode sein. Die ungebetenen Napoleoniden waren gestürzt, für die Bourboten mochte man nicht schwärmen, und so schwärmte man für die Verbündeten, wie man heutzutage für die Russen schwärmt. 807 ALLe^Lei. Der Türkis, jener geschätzte Edelstein, der namentlich im Orient so sehr beliebt ist, wird in größerer Menge eigentlich nur in der Nähe von Nischapur im nördlichen Persten gefunden, wo auf denselben regelrecht bergmännisch gegraben wird, allerdings in der denkbar primitivsten, orientalisch-lässigen Weise. Ein schräger Stollen führt in einen den Edelstein führenden Hügel, welcher aber so eng ist, daß ihn nur ein Mann kriechend befahren kann. Der Stollen mündet in einen weiteren Raum, von welchem aus nach Gutdünken mehrere Gänge angeschlagen sind; von dem mittleren Raum geht ein Schacht nach oben, wo zwei Männer mittelst eines Handhaspels das unten von den Bergleuten losgebrochene Gestein zu Tage fördern, wobei als Förderwagen ein Sack aus Schaffell dient. DaS Gestein wird sodann sortirt und die gefundenen Türkise im rohen Zustande nach Meschhed geschickt, wo sie geschnitten und verarbeitet werden. Leider haben die Nischapur-Türkise die üble Eigenschaft, sich sehr bald zu entfärben, weßhalb dieselben im Orient stets mißtrauisch betrachtet werden und keine hohen Preise erzielen, so daß die persischen Händler mit Vorliebe europäische, die üble Eigenschaft dieser Steine nicht kennende Kaufleute damit zu übervortheilen suchen; große, prachtvolle, tadellos erscheinende derartige Steine sind daher oft für einige Mark nach unserem Gelde in Persten zu erstehen, die aber ihren geringen Werth bald durch die erwähnte üble Eigenschaft docnmentiren. Mitgetheilt vom Internationalen Patentbureau Carl Fr. Reichelt, Berlin NÜV. 6.^ * Wie der Großvater zur Großmutter kam, ersteht man aus folgendem HeirathSantrag, der den „Leipziger N. N." auS einem sächsischen Familienarchiv zur Verfügung gestellt wird. „Einer hochverehrten vswoi- oslls sb oustsM", beginnt das jetzt gerade 100 Jahre alte Schriftstück, „habe ich andurch nicht verhalten zu wollen geglaubt, waS maßen sich meine zu Ihnen tragende Liebe dermalen ohnmöglich länger zurücke halten läßt, sondern tagtäglich sich vermehrend mich unaus- setzlich andrängt, daß wiederholt darob schon thun wollende Bekenntniß endlich einmal zu bewerkthätigen, wobei ich jedoch meiner ltebwerthesten Demoiselle nicht unnngezeigt lassen kann, daß wenn es hierunter auf die selbstredende Billigung ankommen sollte, solche daher um desto platz- greiflicher sein würde, als zuverlässig es ist, daß ich männigltcherObliegenheit nach mich angelegentlichstenFleißes bestrebt habe, hochderoselben die untertbänigsten und nach- drucksamsten Versicherungen meiner Unterbereitwilligkeit werkthätig und gefühlig zu erproben. Ich lasse es auf Dero allenfalsiger Geneigtheit und Zutragenheit beruhen, alldieweil wir nach der reiflichsten Ueberleguug nicht beifällig ist, mich der quästionirten Demoiselle jemals ver- unwürdtgt zu haben, noch auch dabei derlei zu thun mir jemals und irgendwie in den Sinn zu kommen unter obwaltenden Umständen überhaupt möglich und angemessen wäre. So lebe ich des abhelflichen Vertrauens, respcctive zunächstiger Erwartung „Besagte Demoiselle möchten mit Ihrem Allerwerthesten hochgeneigtest bemessene Befehle ertheilen, damit alle zu einer gesetzmäßigen Verehelichung erforderlichen Anstalten vorgekehret und zu deren nächstigem glücklichen Ende Bewölkung einer nach meiner äußersten Liebe lediglich abzumessenden Tagefahrt anberaumt werde", als worüber unv was ich sonst noch des Weiteren hätte beantragen mögen, dürfen, können und sollen in tiefster Ehrfurcht und allem Respect um Resolution bitte, als der quästionirten hochschätzbaren Demoiselle Dtenstergebener Johann Gottlob R...r, Negistrator und Sporteleinnehmer." * Ein Necord in der Grobheit. Im humoristischen Theile der Schweizerischen Wochenzeitung deS Herrn Jean Frey in Zürich stand kürzlich zu lesen: „Saßen da jüngst einige Journalisten beisammen und besprachen die Personalien der schweizerischen Journalisten. Man meinte, die ältesten im Beruf find Condrau (L-asotts, Romnnsolm) und Stephan Born (Basier Nachrichten), die reichsten Micheli (Journal äs Ksnsvo) und Zellweger (Allgemeine Schweizerische Zeitung), die gröbsten Dürrenmatt (Bnchsizeitung) und Attenh ofer (Stadtbote), die jüngsten Wett stein und Schurier (von der Züricher Post), aber die liebenswürdigsten seien Baumberger (von der Ostschweiz) und der ewig ledige Bühler (vom Bund)." Darauf antwortete Attenhofer im Stadtboten dem Redakteur der Schweizerischen Wochenzeitung (Jean Frey) folgendermaßen: „Dein Register hat ein Loch, großer Verflcherungshauptmann. Du hast unter den schweizerischen Journalisten den dümmsten weggelassen — aber ich kann es Dir nicht verargen." --- Salve Wegina! Horch! Die Vesperglccke läutet Durch des Klosters stille Hallen, Aus den Zellen leise betend Zum Altar die Mönche wallen. Bleich von Opfer und Entsagung, Ernste, schweigende Gestalten: Auf's Gewand, das dunkle, fließen Schneeig weiß des Mantels Falten. Magisch in den bch'en Hallen Strahlt der Kerzen sanst Geflimmer, Mild der Jungfrau Bild erle> ehrend In des Zwielichts mattem Schimmer. Und sie neigen sich in Demuth Vor der Hochgebenedeiten, Und es zieht ihr Gruß wie Weihrauch Auf zu ihr, der Gottgewcihten: „Salve, hehre Königinne, Mutter der Barmherziakeit, Unj'res Lebens süße Minne, Unser Hoffen allezeit. Sieh', der Evaskindcr Sehnen Gebt, Fürsprecherin, zu dir: Eya in dem Thal der Tbränen, Nach dir seufzend trauern wir. Ach, auf uns'res Elends Flehen Mit barmherzigen Augen fwau', Lass' uns deinen Jesum scheu, Güt'ge, füge, milde Frau!" Heimwehbang der Hymnus schwebet, Ueber'm lauten Stadtgetriebe, Deckt mit seinen Silberfchwingen Erdenhaß und Erdeuliebe. Uebcrtönt mit sanftem Klänge Fromm der Meltlust eitle L eder, Unv der Jungfrau Segen senkt sich Mckd auf Stadt und Kloster nieder. Würzburg-AugSburg. lt. v. --k-V-Z'-«-- 803 WoL2.Sk.oLr., ^UA8l)uiF6i' 8v1iLeIiI)irrtt. süllo Rockte vordokaltou.l ieI»tv «los 8eleael»8pivl8. VI. 7m Enäo äes 13. äakrkuväerts, wie im Mttelalter über- kanpt, waren äio besonäeron kÜLnrstätteu äes Scliaclispiels Italien unä Spanien, woselbst seine kilege gleickreitig mit jener äer Wissonsekakten mäcbtig runalun. 7u äen eifrigsten Oönuern äes Spiels räblte äer llönig Alton s X. äer Welse von Eastilien unä Leon, äer wäkrouä seiner kogierungsroit (1252—1284) ru Soviila äen borükmton kergamentcoäex Iierstellen liess, in welckem neben clon anäoren Spielen auob äio äamals vorbanäenen literarisclmn Aukroieknnnron über äas Lcbaeb Anknakmv tanäen. Etwas später, im labro 1298, verfertigte ru kareelonaäeäaiakovini seine llanäscbrift über äio Oesekieläo äes Sekacbspiels. Aus äem 13. unä 14. labr- bunäcrt sinä uns ausseräom melirero kranrösisoks, sowie 2 lateinisebo uns kologna stammenäo klanuscripto erkalten, wclcbe interessante .tutscbiüsse über äio äamals bereits vor- banäone Vorliebe kür äas Autgabonwoson entlmlten. IIm äas äabr 1300 gab aueb äer Krater äakobus aus tlessvles, lllagistor äer kboologie unä Dominikaner su Heims, seine Zusammenstellung einer s)inboliscl>en Sitten- unä Staatsklng- beitslebre Korans, in wolebsr er äas Sokaekspiol vergleieks- weise als ein Spiegclbilä äer güttlicken Woltoränung nie äss socialen Gebens betracbtet unä eingekenä austükrt. Aber nickt allein in Europa, sonäern auek im Llorgenlanäe katto sieb äas Sckaek im Mttelalter 7unekmenäer kilege su erfreuen. So räklto namentliok äer grosse Llongolonkürst kimur Denk 7U seinen Anbängern. An äesseu Hokö lebte äer por- sisoke Sekaekmeister A I i 8 kantra) i, von äsm wir kürsliob bereits eine Aufgabe gekrackt traben (Xr. 5). — Seiner Vorliebe für äas Sckaek gab 1'iinur u. A. auek äaäurck Aus- äruek, äass er seinem Sokne rum Anäenkon an äio siegreieke Seklackt bei Angora (24. lull 1402), in weleber Sultan La- jariä äiläerim in seine Ootangensebakt gerietk, äonXamen „Scliacbrocb" beilegte, weil mit äem Sultan gewissermassen äio wicbtigsto Eignr äes Osgnors (äamals äer Rock-kkurm) in seine Oowalt geratksn war. — (Eortsetrung äieses Abscknittes in 14 lagen.) -sae1»r!el»1vn an« Lf «2 Weiss: klunslou. 8 o k wa r r: Luiubert. 8: Weiss: Onuston. 8 0 k wa r r: Lambert. i e2—o4 e7—c6 14 Le2-K3 e5 — «4 2 ä2-ä4 ä7—ä5 15 8e3Xä5(b) o4Xk3(o) o e4Xä5 c6Xä5 >6 De2Xe8! ki8Xo8 4 Lgl—f3 8b8-e6 17 LelXe8-t- Lg7—k8 5 e2—e3 8g8-k6 >8 L0I-K6 Le8—06 6 Lkl-ä3 ?7-g6 l9 Le8Xa8 8c6—ä8 7 0-0 Lk8-g7 20 LK6-L4 Vä6-ä7 8 'kkl-ol 0-0 21 8ä5Xk6 Vä7—o? S Sbl—ä2 8k6-08 22 lal-ol LK8-g7 . 10 8ä2-k1 Vä8—ä6 23 Ia8Xä8(ä) De?Xä8 11 väl — e2 k7-f6 24 I'e1X°6 Lk6—o7 12 8k1-e3(a) Eg8—l>8 25 Lk4-e5 Lg7—K6 13 Lä3—c2 o7—e5 26 1'e6Xo7(o) Aufgegeben. a) In äer Absiebt, äen Lauer ä5 2u seklagen, är äer Lprrngsr wegen 14. Lä3—cl niokt wioäer genommen woräen vürtte. blit nackstokenäew originellen Sckernproblem kolken wir unseren Lesern wieäer ein Vergnügen ru bereiten: (8ekerr:-)Aufgako Xr. 8. Sckwars. Weiss riebt an unä seist mit äem ersten Auge mat- Auflösung äer Aufgabe lür. 4 von E. Erseborougk: 1. la2-f2 ä3—ä2 oäer k6-f5, Vo6-f7 2. Lt3-ä5 Oo6Xä5 2. Lt3-ä8 DevXääl 3. lf2—fZ beliebig 3. Lt8Xä6 beliebig. 4. 8. setrt matt oä.lXv. 4. Lä6—e7k 1. ä4X<-3, 2. I.t3-ä5 Ve6-o4(g4) 3. Lä5Xo4(k3X§4) belieb. 4. 8ä6—e4. Die verfülireriseksVarianto 1. Lk8—e7, Oe6Xe7,2.lb1—b4, Do7—s6, 3. e3—c4 sclreitert an 3. De6—e2! — Riektig gelöst: k. kever, Laufbeuren; I>. II. in I,.; X. L. in Vnräaek; A. II., N A., ketor Lsrnkarä unä Oskar blaxinger liier-, I. IlaggenmüIIer in Lobingeü, sowie I. kinkl, Hieäersekönenfelä. — A so-v« »I« / Die Spielregeln kür äas alt- xersiseko kroblem sinä äio gleieksn, wie bei Aufgabe Xr. 2 bereits genau angegeben; — allen Respekt vor Ikrer Aus- äauer nebst sekaelrfräl. Orussv! — ^4. <7>-r7-V^, Vkir freuen uns ob Ikros Eifers unä empfoklon Iknen äas ;,8ckaok-Lekrbuek von leau Oukrosno, kreis lll. 1.80", worin Sie Alles Lnäen unä wslekes in jeäer Luekkanälung ru kabov ist; besten -s-6russ! — Die Hamen jener Sckaelrfreunäs, weleks unsers Enäspiels unä kroblemo riektig lösen, sowie äio Lösungen inner kalb äroilVoeken einssnäen, weräen stets an äieser Stelle ver- otkentliokt. 8^^ Alles auf äas Sekack Lerüglioko ist ausnakmslos ru aäressiren: „An äio Redaction äes Augsburgor Sekaeli- blatt — Lake Augustn -- Augsburg." "WH8 b) Die Einleitung ru äem kolgenäeu eleganten Damenopfer, äurek welekes äas sckwarro Spiel vollkommen goläkmt wirä. c) Sckwarr sollte auf äas Opfer nickt eingeben unä 15. 16—k5 spielen. ä) Msäerum sekr kräftig; Sokwarr bat nur Awangsrügs. e) Elegant bis rum Sckluss! — Sckwarr Kanu äen Hiurm wegen äes ärokenäen Damenverlusts niokt nekmen. „Augsburger Postzeitung". « 1 « 5 . viustag, den 22. Dezember 1896 . Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas ü> Grabherr in Augsburg lBorbesttzer Dr. Max Huttler). Ihr erster Roman. Novelle von Antonie Haupt. (Schluß.) VI. Es dauerte mehrere Tage, ehe es den Bemühungen Doktor Hesse's gelang, Saärstein willfährig zu machen, den versprochenen Besuch ins Werk zu setzen. Die Gleich- giltigkett, welche dieser für Frau von Elz empfunden, hatte sich seit jener Enttäuschung fast zur entschiedenen Antipathie entwickelt. Ihr stetes Entgegenkommen, das er nicht zurückweisen konnte, ohne die Gebote der Ritterlichkeit zu verletzen, erschien ihm lästig; zudem zürnte er ihr wegen ihrer schroffen Aeußerungen. Während er jetzt, halb widerstrebend, ziemlich schweigsam dem Freunde nach Thale folgte, beschäftigten sich seine Gedanken mit dem Lieblingsbtld seiner Träume, mit Ilse Treuenfels. Heute mußte, auch wenn sie nicht in derselben Stadt wie ihr Verleger wohnte, sein Brief in ihre Hände gelangt sein. Ob sie sich rühren lassen, ob sie seine Bitte mit Erfolg krönen würde? Bald beklommen, bald hoffnungsfreudig schlug sein Herz, als er sich ausmalte, wie sie seine Beharrlichkeit wohl aufnehme. So sinnend und überlegend gelangte er, fast ohne zu wissen wie, in den eleganten Empfangssaal des Hotels „Zehnpfund". Nachdem man sich den Damen hatte melden lassen, kam die niedliche Zofe der Frau von Elz und führte die Herren in ein mit allem Luxus ausgestattetes Boudoir. »Die gnädige Frau wird sogleich erscheinen", versicherte sie. „Hier sieht es ja fast aus wie in dem eigenen Heim der Dame", erklärte Saarstein, indem sein Auge wohlgefällig über die prächtige und geschmackvolle Ausstattung des Gemaches glitt. Wie allen Freunden der Feder, so erging es ihm jetzt. Sein umherschweifender Blick wurde sogleich magnetisch angezogen durch einige offen auf dem Tische ausgebreitete Schriftstücke. Mechanisch, ohne sich Rechenschaft über sein Thun zu geben, schritt er hinzu und blickte hinein. Er fand eine alte Chronik, Harzsagen in wunderlicher, verschnörkelter Handschrift, kaum leserlich auf vergilbtem Papier, und daneben lag fein säuberlich die Abschrift in zierlichen modernen Buchstaben. Er starrte auf letztere hin, rieb sich die Augen und schaute wieder. Hatte seine Phantasie denn wirklich solch' unglaubliche Macht über seine Sinne, daß er überall die Schriftzüge von Ilse Treuenfels zu sehen glaubte? — Nein, ohne Zweifel, die zierlichen und doch so kühn geschwungenen Lettern blieben dieselben, es war in der ^ hat die elegante, klare Schrift, wie sie das Tagebuch, wie sie die Briefe zeigten. Sollte Frau von Elz dennoch.Ach, es war undenkbar! Eine gute Schauspielerin war sie freilich ... Ja, es war schließlich nicht anders möglich, sie mußte die geheimnißvolle Autorin sein. Eine tiefe Niedergeschlagenheit und Verstimmung bemächtigte sich Otto's bei dieser Vorstellung. Da öffnete sich die Thür, und die junge Frau trat mit einem verführerischen Lächeln ins Zimmer. Ein reizendes Morgennegligs ganz aus duftigen, cremefarbigen Spitzen mit rothen Schleifen schmiegte sich um ihre schönen Formen, und ein winziges Spttzenhäubchen lag kokett auf der halbgelösten Lockenfülle. „Ich bitte, zürnen Sie mir nicht, daß ich in diesem Aufzuge vor Ihnen erscheine", begann sie ein wenig verschämt. „Ich habe so lange vergeblich auf Ihr Kommen gehofft, daß ich um der leidigen Toilette willen auch nicht eine Minute länger warten wollte, Sie zu sehen. Ah, das Warten ist die Erfindung eines Dämons, eine qualvolle Einrichtung, die in den Tartarus gehört!" Ihr Gesichtchen nahm ganz eine melancholische Miene an, als sie dies sagte. In der nächsten Sekunde jedoch erhellte es sich wieder zu strahlender Freundlichkeit. „Und nun seien Sie mir herzlich willkommen, meine Herren!" rief sie aus, indem sie ihnen beide Hände zur Begrüßung darbot. Die schöne Amanda von Elz wußte recht wohl, daß sie in keinem andern Costüm bestrickender aussah, als in diesem leichten, scheinbar nachlässig über die anmuthige Gestalt hingeworfenen Spitzennegligö. Ja, sie war in diesem Augenblick entzückend hübsch, die kleine Circe, das mußte selbst Saarstetn sich zugestehen. Sein Sinn war jedoch gerade jetzt weniger denn je für Aeußerltchkeiten empfänglich. In fieberhafter Ungeduld drängte es ihn, Gewißheit zu erlangen über den einen Punkt, der alle seine Gedanken beschäftigte. Kaum hatte der Freund seine wohlgesetzte Entschuldigungsrede, daß sie nicht schon früher ihre Aufwartung gemacht, beendet, als Otto auch schon die scheinbar unschuldige Bemerkung hinwarf: „Gnädige Frau scheinen sich für alte Chroniken zu interessiren, da Sie sich sogar Mühe geben, diese alte verschnörkelte Handschrift zu entziffern und abzuschreiben." Dabei lächelte er so harmlos, daß Niemand ahnen konnte, 810 wie ungestüm sein Herz in ängstlicher Erwartung pochte. Sie sah ihn an und lachte. „Derartige kleine Privatvergnügen überlasse ich Lily", entgegnete ste heiter. „Ich weiß nicht einmal, was in dem alten Schmöker steht, den das Kind, Gott weiß wo, ausgegraben und hierhergeschleppt hat. Jetzt fitzt sie wie verzaubert an dieser babylonischen Urschrift und quält sich mit Abschreiben. Die Kleine wird mir jedoch bei dieser Beschäftigung ernsthaft nervös, so daß ich ein entschiedenes Veto dagegen einlegen muß. Ja, denken Sie nur, als sie soeben einen Brief erhielt, brach sie beim Lesen desselben in Thränen aus. Ich fragte erschreckt, ob sie eine traurige Nachricht empfangen habe, und sie erklärte, der Brief enthalte weder traurige, noch freudige Mittheilungen, dann lief sie erregt hinaus ins Freie. Doch ich erzähle Ihnen Dinge, welche Sie gar nicht interesstren, ich sehe das an Ihrer zerstreuten Miene." Otto war in der That wie geblendet von dem plötzlichen Licht, das ihm meteorartig aufgegangen war. Er konnte eS kaum fassen, daß die sehnlichst Gesuchte, das Ideal seiner Träume, nun in Lily von Arendal gefunden sei. Welche Verwirrung, welchen Aufruhr von Gedanken und Gefühlen brachte ihm diese Erkenntniß, die wie etwas erkältend Fremdes ihn traf und zugleich auch wieder warm sein Herz berührte. Das Bild, daS er im Herzen getragen, versank, und ein anderes, ebenso an- muthiges stieg vor ihm auf, von eigenthümlichem Glanz umstrahlt. Er hätte Lily jetzt, nachdem das Geheimniß ihm enthüllt war, um Alles nicht begegnen, ihr nicht ins Auge sehen können; denn was hätte er ihr in dieser ersten Verwirrung sagen sollen? Wie sehnte er sich nach einer Stunde der Einsamkeit, einer Stunde des Alleinseins, die ihm Klarheit über seine Empfindungen bringen mußte! Daß er auch nie an die Identität Lily's mit Ilse Treuenfels gedacht hatte! — Aber ihr Benehmen gegen ihn war ja auch so kalt, so unfreundlich. Freilich trug sein eigenes Verhalten die Schuld daran, und ihre Zurückhaltung war, das erkannte er jetzt, nur mädchenhafter Stolz. So sann er und gab sich nicht einmal den Anschein, als ob er der lebhaften Unterhaltung zwischen Frau von Elz und seinem Freunde die geringste Aufmerksamkeit zolle. „Ich kenne Sie heute nicht, Baron; es scheint, Sie sind ihm Begriffe, eine vollkommener Misanthrop zu werden", wandte sich erstere wieder zu ihm. „DaS nicht, meine Gnädige; aber ich bin im Begriffe, mich von Ihnen zu verabschieden", schaltete Otto, der in jedem Augenblick befürchtete, Fräulein von Arendal erscheinen zu sehen, unwillkürlich ein. „Ich entsann mich soeben, daß eine wichtige Angelegenheit mich von dannen ruft." „Nun so gehen Sie, trockner Mensch, der keinen Sinn für ein gemüthliches Plauderstündchen hat. Gehen Sie nur, Ihre Unterhaltungsgabe ist ohnedies heute nicht die anerkennenswertheste", warf sie scherzhaft schmollend ein. Mit einem erstaunt fragenden Blick auf Saarstetn erhob sich auch Georg; ehe er sich jedoch empfahl, unterließ er es nicht, die Frage zu stellen: „Würden die Damen uns vielleicht heute Nachmittag die Freude machen, uns auf einem Ausflug nach Treseburg zu begleiten?" „Mit dem größten Vergnügen!" rief Frau von El chtlich erfreut. „Das ewige Einerlei ist tödtlich lang weiltg. Ihr Vorschlag gilt doch einer Fußtour durch das romantische Bodethal?" „Ganz wie Sie befehlen, gnädige Frau." „Also abgemacht! Auf Wiedersehen heute Nachmittag I" Mit respektvollem Gruß wandten sich die Herren zum Gehen. „Nun erkläre mir, Du Sonderling, was ficht Dich eigentlich an? Dein Verhalten wird mir immer unverständlicher", rief Doktor Hesse, nachdem die Thür sich kaum hinter ihnen geschlossen hatte. „Komm' nur, das Räthsel soll Dir bald gelöst werden", begütigte der Freiherr, indem er mit schnellen Schritten dem Ausgang zustrebte. Als sie durch den Park wanderten, gewahrten sie unfern auf einer Ruhebank die schlanke, schmiegsame Gestalt Lily's. Der Ausdruck ihrer bleichen Züge war tieftraurig, und ihre blauen Augen, die starr ins Weite blickten, waren vom Weinen dunkel umsäumt. Der Anblick war entscheidend für Otto. Ein tiefes, inniges Gefühl für ste begann sich in seiner Brust zu regen, nur mühsam vermochte er seine Bewegung zu verbergen. Jetzt, nachdem er wußte, welcher Gluth der Empfindung oieses scheinbar so marmorkalte Wesen fähig war, nachdem er wußte, daß sie ihn liebte, ja, daß ihre Thränen in dieser Stunde ihm galten, brach die warme Neigung, welche er beim ersten Begegnen für sie empfunden und zurückgekämpft hatte, mächtig und siegreich hervor. Das unselige Mißverständniß, welches ihre stolzen Naturen getrennt, war nun gelöst, und ein Gefühl von Glück kam über ihn, wie er es nie vorher gekannt. Bei seinem schnell bewegten Gemüth, bei dem romantischen Zug seines Charakters wäre er am liebsten jetzt gleich auf der Stelle zu ihr hingeeilt, wäre vor ihr niedergekniet und hätte geflüstert: „Lily, ich weiß Alles, und ich liebe Dich!" Doch die wahre Liebe ist schüchtern und zaghaft — als er der holden Erscheinung voll ernster Anmuth gegenüberstand, da entsank ihm der Muth, zu ihr zu sprechen, wie sein Herz verlangte, und mit stummem Gruß ging er vorüber. Ihr Bild aber mit dem ganzen Zauber edler Weiblichkeit begleitete ihn auf dem Heimwege. Nachdenklich und schweigsam sah er anfänglich vor sich nieder; bald aber drängte es ihn, dem Freunde von der wundersam beglückenden Entdeckung zu erzählen, und indem er seinem Empfinden Worte lieh, kam es ihm selbst immer klarer zum Bewußtsein, wie dieses ungewöhnliche Mädchen schon gleich bei der ersten Begegnung sein ganzes Herz gefesselt. Welchen Reichthum an Geist und Gemüth hatte er schon damals in Lily erkannt, in ihr, die jeglichen äußern Prunk verschmähte, mit dem andere Frauen sich umgeben, um sich anziehend zu machen, die ihm dennoch aber glänzend über alle Andern hervorleuchtete I Jetzt verstand , er sich selbst, jetzt begriff er, weßhalb ihr scheinbar so gleichgiltiges Verhalten ihn stets so tie verletzt, ihm so wehe gethan hatte. Um so glückberau- schender war nun der Gedanke, von dem edlen, hochbegabten Mädchen geliebt zu sein. Mit ganzer Seligkeit gab er sich der zuversichtlichen Hoffnung hin. Mit einem Ungestüm, das ihm selbst thöricht und kindisch erschien, sehnte er sich nun nach ihr, und es ergriff ihn der leidenschaftliche Wunsch, ihr sogleich rückhaltslos sein Herz zu entdecken. Während sein Freund wie die an- 811 deren Gäste der Roßtrappe mit untadelhaftem Appetit den Genüssen der Tafel huldigte, wanderte Saarstein erregt auf der Plattform vor dem Hause hin und her. Sonnenbeglänzt in blauem Duft breitete sich die weite den Gegenstand seiner Wünsche und seiner Sehnsucht in sich schloß. Das Hotel „Zehnpfund", welches ihm bisher wenig Interesse eingeflößt, war ihm mit einem Male theuer geworden. . '! WI WM M88Ä :UßW Gedenket der Armen zur Weihnachtszeit I Ebene vor seinem Blicke aus, und am Fuß des Berges lag das Städtchen Thale mit seinen Häusern und hohen Schornsteinen. Des Freiherrn Auge haftete unverwandt mit dem Ausdruck der Innigkeit auf dem Hause, das Endlich, endlich nahte die Stunde, welche zu dem gemeinsamen Ausflug festgesetzt war; mit beflügelten Schritten ging es hinab ins Thal. Die Damen standen ! bereits zum Ausgehen gerüstet in der Veranda. Frau von Elz grüßte und winkte schon lebhaft aus der Ferne Doch weder der schmachtende Blick ihrer dunklen Augen' noch ihr liebenswürdiges Lächeln vermochten heute di^ Aufmerksamkeit des Freiherrn zu fesseln. Sein Auge ruhte wie gebannt auf Ltly. Eine liebliche Nöthe lag auf deren Wangen, während ihr schönes, blaues Auge in ungewöhnlichem Feuer strahlte. Ihre innere Erregung, ihre Verwirrung bet seinem Anblick verlieh ihr einen unsagbaren Reiz, der Otto mit Entzücken erfüllte. „Hoffentlich haben Sie Ihrer menschenfeindlichen Laune für heute den Abschied gegeben", mit diesen Worten näherte sich Frau von Elz ihm schmeichelnd, um ihn für den Spaziergang vollständig in Beschlag zu nehmen. Mit großer Gewandtheit wußte jedoch der junge Doktor ihren Plan zu vereiteln, indem er unverzagt sich ihr als Ritter und Geleitsmann auf dem Wege anbot und dann in scherzhaftem Eifer mit ihr eilig voraus- stürmte. Saarstein, der nun selbstverständlich mit Fräulein von Arendal in geringer Entfernung folgte, ließ dem Paare den Vorsprung, den es gewonnen. Doch eigenthümlich — kaum war er mit Lily allein, so überkam die Befangenheit ihn selber, so daß er kein Wort der Anrede zu finden wußte. Das junge Mädchen machte es ihm nicht leicht, seine Verlegenheit zu überwinden; zurückhaltend, ernst und schweigsam ging sie an seiner Seite durch die Waldespracht. Noch gestern hätte er eine solche Haltung bei ihr als Gleichgiltigkeit gedeutet, heute wußte er, daß es Befangenheit war. Was mochte Lily, nachdem sie heute Morgen seinen Brief gelesen, der, wie sie glaubte, an ein anderes geträumtes Wesen gerichtet war, jetzt in seiner Gegenwart empfinden? Er wollte zu ihr sprechen, doch die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Lily war es, welche zuerst den Bann des Schweigens brach Sie machte ihn auf die Erhabenheit der umgebenden Natur aufmerksam, zog ihn dadurch aus seinem träumerischen Zustande und verflocht ihn in eine Unterhaltung, die ihn zu anderer Zeit lebhaft angeregt hätte, da sie die Merkwürdigkeiten, welche er auf seinen Reisen gesehen, betraf. Heute aber antwortete er zerstreut und unzusammenhängend, während seine Gedanken sich unruhig mit einer ganz anderen Angelegenheit beschäftigten. Stundenlang waren sie so im Bodethale vorgedrungen; die wildesten und romantischsten Felsenscenerien hatten sie hinter sich gelassen, an den mächtigen Gewitterklippen waren sie längst vorüber; jetzt schauten sie von einer Anhöhe herab auf Treseburg. Tief athmend in wortloser Bewegung stand der hohe Mann vor dem jungen Mädchen, das unter seinem langen, innigen Blicke erglühte und die Wimpern senken mußte. Wie ein Zauberbann lag es auf Beiden. Als aber Lily eine Bewegung machte, als wollte sie voran- schreiten, da hielt Otto nicht mehr länger an sich. „Lily, ich beschwöre Sie, gehen Sie nicht weiter, ehe Sie mich gehört, ehe Sie mein Urtheil gesprochen habenI" rief er leidenschaftlich. „Der Zufall verrieth mir heute ein Geheimniß, nach dessen Lösung Ihre Grausamkeit mich vielleicht ein ganzes Leben lang hätte vergebens forschen lassen. Er verrieth mir, daß Ilse Treuen- fels, die sehnlichst Gesuchte, mir so nahe sei." „O Gottl" hauchte Lily und ward bleich wie Marmor; sie wankte und griff tastend nach einer Stütze. Er legte den Arm fest um ihre schlanke Gestalt und sprach mit bebender Stimme: „Wie glücklich mich diese Entdeckung machte, vermag ich nicht zu schildern. Denn lange, ehe Ilse Treuen- fels mich durch ihre geist- und gemüthvolle Dichtung so mächtig und unwiderstehlich fesselte, kämpfte ich gegen eine stets von Neuem aufflammende Liebe zu Lily von Arendal, gegen eine Liebe, die ich tödten wollte, weil ich sie unerwidert glaubte. Am heutigen Tage aber", fuhr er leuchtenden Auges fort, „ging mir ein Hoffnungsstern auf. Lily, liebe Lily, von Deinen Lippen möchte ich das Geständniß hören. Sage, o sage mir, liebst Du mich?" Er bog sich zu ihr nieder und sah ihr tief und forschend in die Augen. Sie barg das blonde Köpfchen an seiner Brust und flüsterte: „Du weißt ja, daß ich Dich liebe." Stürmisch küßte er den Mund, welcher dieseWorte sprach. So war denn alles Sehnen geendet, aller Zwiespalt gelöst: die Gewißheit der Gegenliebe erfüllte Beide mit Entzücken. Nach einer langen Pause sagte Otto: „Und nun verrathe mir, mein Lieb, wie war es Dir möglich, mir, nachdem ich Dein Tagebuch gefunden, wie durch Zauberei zu entschlüpfen nnd mich auch später so lange in der Finsterniß zu lassen? Hattest Du Frau von Elz zu einem Bündniß gegen mich gewonnen? Kannte sie den Inhalt des Tagebuches, wußte sie von Deiner Neigung zu mir?" Lily lachte. „Frau von Elz wußte nur, daß ich Deiner in meinen Memoiren schmeichelhaft erwähnt; sie begriff recht wohl, wie peinlich es mir sein müsse, das Buch, nachdem Du vielleicht darin gelesen, aus Deiner Hand in Empfang zu nehmen. Sie ließ sich daher sehr leicht von mir zur Flucht vom Brocken überreden, ebenso verrieth sie mich nicht, als Du sie selber im Verdacht der Autorschaft hattest." „Böses Kind, und Du hörtest mäuschenstill und schadenfroh dem Gespräche zu." „Nicht schadenfroh, Otto; nein, in großer Angst, Du möchtest die Wahrheit erfahren, die Wahrheit, die, wie ich glaubte, Dir schrecklich sein müsse." Er antwortete nur dadurch, daß er sie auf's Neue innig an sein Herz zog. „Wußte Frau von Elz von Deiner Verwandtschaft mit Jlie Treuenfels, als sie ihr Urtheil über schriftstellernde Frauen sprach?" fragte er nach einer Weile. „Bewahre! Sie wird auch nie etwas davon erfahren. Ilse Treuenfels wird bald verschollen sein; denn wie nur die Liebe zu Dir mich zur Dichterin machte, so zwingt mich meine heiße, innige Liebe zu Dir, die Feder wohl für immer aus der Hand zu legen. Vor allem soll es meine Lebensaufgabe sein, Dich, theurer Mann, glücklich zu machen, Deinem Heim die treue, sorgende Hausfrau zu sein und mich meines neuen Wirkungskreises würdig zu zeigen. Ich weiß recht wohl, daß sich mir in meinem Berufe als Schloßherrin auf Saarstein ein unbekanntes Gebiet der Thätigkeit öffnet, daß mir so große, ernste Pflichten entgegentreten, daß ich meine besten Kräfte einsetzen muß, um Dir eine treue, mit- schaffende, sorgende Gefährtin zu werden. Ilse muß in den Hintergrund treten, da Lily sich Verdienste als Hausfrau erringen möchte. Sei still, ich merke schon, Du willst das vermeintliche Opfer nicht annehmen. Weißt Du denn nicht, Du Hoher, herrlicher^Mann, daß es 813 meine Ehre, mein größtes Glück sein wird, an Deiner Seite für das Wohl der Dir anvertrauten Untergebenen sorgen zu helfen?" Sie schaute glücklich lächelnd zu dem Geliebten auf. „Und nun kein Wort mehr darüber." Langsam schritt das Paar Arm in Arm dem nahen Wanderziele zu. „Wir wollen den Anderen nichts von unserem seligen Geheimniß verrathen, bis meine Eltern die Einwilligung gegeben haben", bat Lily. Amanda von Elz jedoch wußte sich sehr rasch zu fassen, oder sie vermochte es meisterhaft, die Gefühle ihres Innern zu verbergen. Auf der sechs Wochen später stattfindenden Hochzeit des glücklichen Paares schien sie die munterste von allen Gästen. Georg Hesse, der auf ihren Wunsch auch diesmal ihr Ritter war, konnte sich jetzt nicht über Gleichgiltigkeit und Unaufmerksamkeit beklagen. Die Hochzeit, welche im Elternhause der Braut gefeiert wurde, war zugleich auch ein Freudenfest für die ganze Herrschaft Saarstein. Man hatte immer noch daran gezweifelt, ob der Majoratsherr nicht eines Tages einem neu erwachten Dränge, fremde Länder zu durchforschen, nachgeben werde. Die Vermählung des Freiherr» gab den Unterthanen jedoch die freudige Gewißheit, daß er das Feld seiner segensreichen Wirksamkeit nicht mehr verlassen werde. -SSN-S- Die drei Verschworenen. Nach dem Gemälde von G. LÜS. „Zweifelst Du daran?" „Gewiß nicht, Otto. Doch ich möchte, daß meine Eltern die Ersten seien, welche von unserem Herzens- bündniß in Kenntniß gesetzt würden." „Du hast Recht, meine Lily; noch in dieser Stunde soll es geschehen", erklärte Otto feurig. Es war ihm fast lieb, daß er auf diese Weise genöthigt war, der schönen Wittwe persönlich seine Verlobung mit Lily zu verkünden. Sattel iliid Lasso i» Mexiko. Von Dr. E. Below. Berittene Geistliche und berittene Richter, berittene Aerzte und auch sogar berittene Hebammen, berittene Almosensammler und Bettler — nur nicht berittene Schreiber- und Schneider- Seelen — trifft man überall in Mexiko, besonders auf den gebirgigen Hochländern, aber auch im flachen und Tieflande. In den Silber- minenstädten und deren Umgegend reitet Alles, auch die Frauen. Ich wüßte kein Land der Welt, wo so viel geritten wird, wie in Ungarn und Mexiko. Beide Länder gleichen sich sehr im Reiten wie im Fahren, im Essen wie im Trinken, in der Küche wie in der Kirche, im Singen wie im Lieben; in dem Freier, der nicht reiten kann, sieht die Frau dort keinen rechten Mann. Wer bloß Ritter von der Feder und der Elle ist, zählt nicht mit, er muß Ritter mit Flinte, Sporn und Lasso sein, dann gilt er. Hat die Sache in Ungarn zuweilen einen etwas hunnischen Beigeschmack, so hat sie in Mexiko einen arabischen, von den den Spaniern beigemengten maurischen Elementen her, die durchCortez und seine Nachfolger als gut spanisch in die eroberte neue Welt mitKreuz und Sattel übertragen wurden; denn diese beiden Sachen waren dem alten, in einer eigenthümlichen Naturreligion von ihren weisen Priestern erzogenen Kulturvolk der Azteken noch neu. Sie betrachteten die ersten berittenen Spanier, die ihnen das christliche Kreuz und den spanischen Sattel ins Land brachten, als Barbaren und Centauren und flohen vor ihren Pferden, die sie noch nie gesehen, und ließen sich taufen, wie die Sachsen unter Karl dem Großen. Wie es Bernat Diaz in seiner „Eroberung von Mexiko" beschreibt (siehe: „ Deutsche Zeitung von Mexiko" (Januar 1896). Die Liebe für Musik und Reiten, wie sie in der berühmtesten aller ungarischen Rhapsodien von Liszt ausgedrückt ist, läßt sich auch im Lande Mexiko finden. Arabisch ist am mexikanischen Sattel der große breite tellerförmige, Sattelknopf, auf dem beim langen Steppenritt die müden Hände mit den Zügeln ruhen können, auf dem der Reiter zur Noth sein einfaches Mahl verzehren, auch eine Notiz schreiben kann, und auch die Sattellehne gemahnt an die hohe Stuhllehne des Arabers, von der der mexikanische Sattel noch ein kurzes Ansatzstück zeigt. Die Bauart des mexikanischen Sattels ist die unseres Bocksattels der leichten Kavallerie, welche das Rückgrat des Thieres völlig frei läßt. Ein zwei Finger breiter Spalt bleibt in der Länge von zwei Handbreiten auf dem Rücken offen, so daß man bequem durchfassen kann, um sich zu überzeugen, daß der Sattel nicht drückt. Man kann in die ärmlichsten Stuben kommen, einen Sattel und ein Heiligenbild findet man immer, wenn es auch weder Bett noch Herd in unserem Sinne dort gibt. Das Bett ist beim Volk eine Strohmatte, die aufgenommen und zusammengerollt wird. „Stehe auf, nimm dein Bett und wandle", das versteht man erst in jener sehr an primitive, palästinische Verhältnisse gemahnenden Einfachheit. Als Schmuckstück prangt der Vaquero-Sattel mit den zum Fliegenschutz herabhängenden Flankenlappen aus Ziegen- oder Lcoparden-Fell auf einem Hölzgestell mit Zaum, Gebiß und Lasso, und dies nebst dem versilberten Sombrero und dem Heiligenbildchen und Oel- lämpchen an der Wand ist die piöos äs rssistnuss, das Schmuckstück, der Stolz der dunklen, kühlen Hütte, der ärmlichen, bedürfnißlosen und deshalb glücklichen und zufriedenen Indios, der Nachkommen der Azteken, dieser Mischrasse von spanisch-arabischem und indianischem Blute. Die reiche Phantasie des mexikanischen Handwerkers, die oft den Künstler durchblicken läßt, hat aus diesem Sattel, der bei den Aermeren ein recht unscheinbares braunes Hausrathsstück bildet, die wunderbarsten und geschmackvollsten Gebilde zu schaffen gewußt. So zeigt die Ziselirung des Sattelknopfes, meist versilbert, nicht nur tellerartige Verzierungen. Oft stellt er einen Löwenkopf in Relief vor, oft einen Adler, der die Schlange tödtet, das Sinnbild der mexikanischen Republik: auf einer von Nopal bewachsenen Felseninsel hat sich der Adler, der den wandernden Toltcken als Führer zu ihrer neuen Heimath diente, der Sage nach, niedergelassen, wo er aie lauernde Schlange der Tyrannei erwürgte. Diese an die Wanderungen der vor-aztekischen Zeit gemahnende Sage gibt das Bild, das als mexikanisches Wappen die Sattelknöpfe und die Jorvegos (Manteldecken der Indios) ziert. Ganz anders als das bei uns in Europa gebräuchliche ist das mexikanische Gebiß: es ist ein Kandarengebiß, wo statt der Stangen ein Ring mit einigen daran- hängenden Metalldrückern dem Pferd über die Zunge geschoben wird. Je mehr der platt auf der Zunge liegende kupferne rauhe Metallring durch den Zügelzug herabgedrückt wird, um so mehr drücken sich die daran hängenden kleinen Drücker in das Zungenfleisch, während der Ring gegen Zunge und Unterkiefer drückt und so dem Pferde den Kopf hinabzwingt und es schließlich stillzustehen nöthigt. Dies komplizirte Gebiß wiegt nicht so schwer, wie unsere Kandarenstangen. Das Pferd spielt mehr mit der Zunge daran und speichelt und schäumt leichter. Die Mexikaner glauben das Thier dadurch aufmerksamer und munterer zu halten. Doch so sehr es auch durch solch ein schikanöses Gebiß gepeinigt wird, dies übt lange nicht den Zwang aus, wie der leicht um den Hals gehängte Lasso: ein kleiner Ruck an dieser Leine, die nicht stärker ist, als unsere gewöhnliche Wäscheleine, und das Pferd steht im schnellsten Karriere, so daß es mit den vorgestreckten Vieren eine ganze Strecke vorwärts schnurrt und Pferd und Reiter von einer Staubwolke umgeben sind. Diese Wirkung des Lasso ist die Folge der schlimmsten und grausamsten Jugenderinnerung des Thieres beim ersten Einsangen in der Wildniß, die für das ganze Leben vorhält. Als das Thier auf der Steppe von den Knechten des Hazendado zum ersten Mal mit dem Lasso eingesungen wurde, um sein Brandmal aufgedrückt zu bekommen, schauderte es bei dieser ersten Begegnung mit dem überlegenen Menschen zusammen; manches Thier bricht dabei einen Halswirbel, wenn der Zug des um den Sattelknopf des Reiters geschlungenen Lassos zu brüsk erfolgt. Doch das kommt selten vor. Die meisten laufen, nachdem sie geknebelt, niedergeworfen und ge- braudmarkt worden sind, munter davon, stehen aber wie angewurzelt, sowie sie zum zweiten Mal Bekanntschaft mit dem Lasso machen. So wie in Mexiko habe ich nirgends ein Reitpferd im vollen Jagm pariren sehen. Es geschieht nicht nur mit dem Kandarenzügel, sondern mit der um den Hals des Thieres gehängten Lassoschlinge, mit diesem Zuge jedenfalls immer am sichersten. Diese Schlinge liegt zugleich um den Kopf des Pferdes als Halfter. Die Rancheros behaupten, daß sie mit dem bloßen Halfter, ohne Gebiß, das Pferd ebenso in der Gewalt haben, wie mit Gebiß. Sieht man diese ländlichen Reitergestalten mit weit abstehenden, flügelartig sich bewegenden Ellbogen daher fliegen, so muß man den Mangel an Grazie und Eleganz bedauern. Sie reiten eben wie die wilden Indianer, bücken sich dabei zur Erde, heben den in den Sand geworfenen Hut vom Boden auf, machen diese und ähnliche Kunststücke wie das „Stierwerfen" auch auf bloßem Pferde; das ist gewöhnlich der Schluß-Akt auf den Wettrennfesten, die auch das deutsche Kasino auf seinem Rennplatz vor der Hauptstadt Mexiko gibt. Das Stierwerfen krönt die meisten größeren Wettrennen als ländliche Volksbelustigung. Dem aus dem Pferch getriebenen wilden Stier jagt eine Schaar Berittener nach. Man sucht den Schweif des Thieres zu erfassen, zwischen rechtem Knie und Sattel durchzuziehen und, den Schweif nicht locker lassend, damit voranzustürmcn, den Stier zu überholen und ihn so kopfüber stürzen zu lassen. Dann wird er gebunden, er bekommt einen Gurt um den Bauch und wenn er wieder aufsteht, sitzt ein Reiter auf ihm, der alle Versuche, ihn abzuwerfen, vereitelt, bis man das ganz blöde gewordene Thier freiläßt, worauf es dann, meist recht mattherzig, ohne Angriffe zu machen, in seinen Pferch zurücktrollt. Dieses beliebte Spiel ist freilich Sache des geborenen Hazendado. Ein Fremder lernt es selten. (Schluß folgt.) -- - Goldkörner. Seh ich die Werke der Meister an, So seh' ich das, was sie gethan: Betracht' ich meine Siebensachen, Seh' ich, was ich hätte sollen machen. >i—V—l' Goethe. 815 Ettenbeuren. (Mit Bild.) Nachdruck verboten. In dem 475 Seelen zählenden, an der Kammlach gelegenen Ettenbeuren finden wir schon in früher Zeit Besitzungen der bischöflichen Kirche von Augsburg, die wohl noch aus karolingischen Stiftungen herstammen mögen. Die Kirche von Ettenbeuren schenkte, wahrscheinlich noch im 11. Jahrhundert, ein nicht näher bekannter Diakonus Udalrich an das Domstift, welches dieselbe zu seinem Präbenden bezog. Später erscheint sie der Präbende des Dompropstes beigegeben. Einer der Dompröpste überließ dieselbe zur Zeit des BtschofsUdal- skalk (1184—1202) an sein Kapitel. Hiernach einverleibte Bischof Stfried am 6. Juni 1220 die Kirche dem Domkapitel. Demselben blieb von alter Zeit her auch einiges weltliche Gut in Ettenbeuren; den bei weitem größten Theil des Ortes aber erwarb im Laufe der Jahrhunderte das nahe Kloster Wettenhausen. Der Ort Ettenbeuren selbst stand unter der ^Landeshoheit und hohen Gerichtsbarkeit der Markgrafschaft Burgau, welcher auch das Grundeigenthum der meisten Güter im Orte zustand, die von den Markgrafen an verschiedene Lehenträger verliehen wurden. Die bedeutendsten derselben finden wir in Gliedern des weitverzweigten Ge- schlechtsvonRoth,aus Ettenbeuren. kapitel 14, die Markgrafschaft Burgau 3 Behausungen, alles übrige gehörte nach Wettenhausen. Die Pfarrkirche unter dem Titel L. Llurias V. in oosIoL Lssumxtae liegt, vom Gottesacker umgeben, an der Westseite des Dorfes, hart an der Kammlach. Die frühere Kirche war ein gothischer Bau. Am 1. Mai 1672 Abends 8 Uhr stürzte der Thurm dieser Kirche zusammen, zerschmetterte den Chor, schlug einen Theil des Langhauses ein und machte an Altären und Glocken großen Schaden. Die Kirche wurde wieder hergestellt, der Thurm von Grund aus neu aufgeführt. Die Vollendung des BaueS verzögerte sich jedoch bis zum Jahre 1684. Vom alten Baue find noch die Chormauern mit 7 gothischen Strebern übrig, das Langhaus wurde im Jahre 1776 verlängert, erhöht und ausgeziert, wie es jetzt noch steht. Unter dem gegenwärtigen Pfarrer I. Ritter wurden große Veränderungen vorgenommen. Im Jahre 1892 bekam der Thurm ein sehr schönes melodisches Geläute mit4Glocken, L, I'is, 2, hergestellt von dem bekannten Meister Hamm in Augsburg. In den Jahren 1893 und 1894 wurde die Kirche sowohl außen als auch im Innern einer gründlichen Restauration unterzogen, welche von Herrn Architekten I. A. Müller in München sehr glücklich und herrlich ausgeführt wurde, so daß die Kirche jetzt eine der schönsten Landkirchen des Bis- deren Händen Wet- Ongm-l-Aupahmk von Gustav «Lader, Photograph in «rumbach. IV-rviklsSMgui,g«rk>ht vorbehalten 1 Hums ist Der hiezu tenhausen allmählich fast den ganzen Ort erwarb. Die von Roth bewohnten wahrscheinlich eine Burg in der Nähe von Ettenbeuren, die vielleicht bei der Belagerung Burgau's im Jahre 1324 durch Ludwig den Bayer zerstört wurde, wenigstens ist im Jahre 1339 nur mehr die Rede von einem Burgstalle zu Ettenbeuren. Am 4. Juni 1437 gestattete Herzog Friedrich (mit der leeren Tasche) dem Kloster Wettenhausen auch das Dorfgericht zu Ettenbeuren, während er sein „Hochgericht und Herrlichkeit", von der Markgrafschaft Burgau rührend, sich vorbehielt. Zur Zeit der Säkularisation 1803 besaß in Ettenbeuren das Domerforderliche Kostenaufwand betrug mehr als 35,000M., welcheSumme größten- theils aus dem Nachlaß eines verstorbenen Wohlthäters, dann aber auch durch große freiwillige Beiträge der Pfarrangehörigen bis auf eine unbedeutende Restschuld aufgebracht wurde. In die Pfarrei Ettenbeuren sind noch folgende Orte eingepfarrt: Egenhofen mit 109 Seelen, Goldbach (174S.), Hartberg (84 S.), Kleinbeuren (131 S.), Ried (205 S.), Unterrohr (193 S.), Retfertsweiler (50 S.) und Grünhöfe (21 S.), sodaß die ganze Pfarrei zusammen circa 1442 Seelen umfaßt. 816 Die Pfarrei Ettenbeuren besteht aus 6 politischen Gemeinden, nämlich Ettcnbeuren mit Reifertsweiler und den beiden Grünhöfen; Egenhofen; Goldbach mit Hart- berg; Kleinbeuren; Ried und Unterrohr. Schulen sind in Ettenbeuren für die Gemeinden Ettenbeuren, Egenhofen und Unterrohr, sowie in Goldbach und Hartberg. Kleinbeuren gehört in die Schule nach Wettenhausen, Ried nach Beglingen. --ss-*-cs—- Zu unseren Bildern. Gedeuket der Armen zur Weihnachtszeit! Wie bitter und drückend muß nicht den Armen ihre Lage in der heiligen Weihnachtszeit werden, da sie sehen, wie die vermöglicheren Leute alles aufbieten, um sich vergnügte Feiertage zu bereiten und mit Geschenken aller Art einander zu überraschen. Kein Christbaum mit wohlschmeckenden Früchten, süßem Backwerk und strahlenden Lichtern steht ihnen in warmem freundlichem Zimmer. Sie haben ja nicht Holz genug, ihre Stube, in der sich nur die allernothwendigsten Möbel befinden, warm zu halten, nicht Geld genug, um fich eine hellleuchtende Lampe anzuschaffen und zu unterhalten, nicht Brod genug, um den knurrenden Magen immer zu befriedigen. Sie können ihren lieben Kleinen keine Ueberraschung bereiten, so gern sie es thun möchten. Wie sehnsüchtig schaut nicht die arme Frau auf unserem Bilde, mit dem frierenden Kinde auf den Armen hin nach dem prächtigen Christbaum im hellerleuchteten Saale des reichen Kaufmanns. Wie bescheiden sind nicht ihre Wünsche, wie letcbt könnte ihr und ihren armen Kindern geholfen und eine große Weihnachtöfreude bereitet werden. Und so wie ihr geht es noch Tausenden in diesen heiligen Tagen. Darum gilt euch allen, die ihr euch des Genusses der irdischen Güter zu erfreuen habt, der Ruf: Gedenket der Armen zur Weihnachtszeit I _ Dlie drei Verschworenen. Von Julius Lohmeyer. .Aus den Wolken muß «S fallen, Aus der Götter Schooß das Glück.' Vom Haselstrauche schwebt ein Faden nieder, D'ran wiegt ein Spinalem seine zarten Glieder, Behaglich fich im Morgenduft zu baden; Wie golden glänzt im Sonnenlicht der Faden. Gleich sind fie da, die Gickchcn, Gackchen, Göckchen, Und schauen nach dem allerliebsten Glöckchen, Das über ihnen wunderbarlich schwebt. „Ei seht doch! Hat man je so was erlebt?" Piept Gickchen; und nach läng'rer Prüfung meint es: „Ein delikater Morgrnbtssen scheint es!" Und Göckchen schmatzt: „Wie rund und appetitlich!" Und thut im voraus sich schon an ihm gütlich. — „Jetzt kommt das Spinnlein I — Nein I doch wieder nicht I" Klagt Gackchen, aufwärts blinzelnd in das Licht. „Doch jetzt! — Nein, wieder nicht!" — Das gute Gackchen Setzt sich ermüdet auf sein gelbes Frackchen. „Was hat denn solch ein dumm' Geschöpf zu denken!" Jetzt aber scheint daS Spinnlein sich zu senken — „Wahrhaftig!" Einen Hopser wagt schon Göckchen — Doch aufwärts kriecht es wiederum ein Streckchen. So geht es fort zu wiederholtcnmalen; Selbst Tantalus erlitt nicht ärg're Qualen, Als uns're Kücken. — „Ist so was erhört? Sie foppt uns!" kräht das Gickchen ganz empört. „Meinst du, wir könnten stundenlang hier warten Auf solch' armselig Ding — indeß im Garten Die schönsten Räupchen uns entgeh'» und Mückchen? Hältst du zu Narren uns?" p'ept heftig Gickchen. „Ich hab' es satt!" — Doch ha! — da kommt sie wieder, Bis an die Schnäblein läut sie sich hernieder. Heißhungrig schnappt die kleine Trias zu — Da fiieht sie wieder auf. — „Pfui, Spinne — du! Das ist zu arg! Dich mag der — Sperling holen. Meinst du, wir hätten uns're Zeit gestohlen? Häng' du ein ganzes Jahr hier meinetwegen, Uns ist wahrhaftig nichts an dir gelegen!" So piepsten sie und schimpften wie die Spätzchen — Die Spinne aber kroch zurück in's Netzchen, ' Wo sie noch heut' im Abendthaue schwebte, ÜL Ernstlich nachsinnend über das Erlebte. Die Kücken liefen desperat zur Tenne Und klagten das Gescheh'ne laut der Henne. Im Haselstrauche lachten ein paar Meisen; Man sprach noch lang davon in Kückenkreisen. Altertet. Noch vor dreißig Jahren war im amerikanischen Bundesschatzamt keine einzige Frau angestellt, und jetzt gibt es dort deren nicht weniger als 6000. Die Sachverständigen für die Feststellung gefälschten und verbrannten oder auf andere Weise verstümmelten Papiergeldes sind weiblichen Geschlechts und sehr zuverlässig. Frau Leonhard z. B. hat während eines Zeitraumes von drei Jahren Banknoten im Betrage von zwei Milliarden Dollars auf ihre Echtheit geprüft, und ihr täglicher Durchschnitt beziffert sich auf 200,000 bis 400,000 Dollars, doch sind schon zwölf Millionen an einem einzigen Tage durch ihre Hände gegangen. Trotzdem sie fich während ihrer Dienstzeit schon zum zweiten Mal verheirathet hat, so läßt man fie nicht gehen, weil sie unentbehrlich ist. Wenn irgendwo Geldkästen oder „Safes" im Feuer waren, so werden sie nach Washington geschickt. Hier werden fie geöffnet, und Frauen sieben den fast zu Asche gewordenen Inhalt durch, suchen die verkohlten Reste von Papiergeld heraus und unterwerfen sie einer mikroskopischen Untersuchung unter der Leitung von Frau Brown, denn diese ist Chef des Bureaus für die Prüfung verbrannter Banknoten. Sobald eine solche Note von ihr identificirt ist, muß das Schatzamt den Betrag herausbezahlen, doch bleibt sie haftbar für jeden Verlust, der durch ihr Versehen die Regierung trifft. Während ihrer ganzen dreißigjährigen Amtszeit hat Frau Brown nur 25 Cents ersetzen müssen, obgleich ihr alles Papiergeld zugeht, das im ganzen Gebiete der Vereinigten Staaten vom Feuer gelitten hat, von Mäusen zernagt oder vom Wasser zu Brei verwandelt worden ist. Frauen sind es, die im Bundesschatzamt daS Gold und Silber zählen, die Maschinen handhaben, welche Banknoten stempeln und zerschneiden, kurzum, dort eine Menge der wichtigsten Vertrauensämter bekleiden. * Der höfliche Wirth. Ein von Höflichkeiten und nach seiner Art schönen Redensarten überfließender Wirth auf dem Lande antwortete auf die Frage: „WaS gibt es diesen Mittag zu essen?" — „Unterthänigste Forellen, gehorsamste Bratwürste, ergebensten Kalbsbraten und dienstwilliges Schweinernes." --SSAkS-S- Telegraph enräths el. Vorstehende Zeichen entsprechen den Buchstaben von sechs Wörtern, die folgende Bedeutung haben: 1. ein im Wasser lebendes Thierchen, 2. russischer Fluß, 3. weiblicher Vorname, 4. einstens mächtiger Bund, 5. was man küßt und auch gern findet, 6. ein als Braten geschätzter Vogel. Die durch die Punkte angedeuteten Buchstaben ergeben einen Wunsch, den wir unsern Lesern zum Christfeste zurufen. -R 10k. Donnerstag, den 24. Dezember 1896. Für die Redaction verantwortlich: Vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Sein Mündel. Novelle von I. v. Dirk ink. (Nachdruck vkrbotrn.) Ihre Eltern waren früh gestorben, und der Kauf« ttz§nn Magnus Börner, der ihr Vormund war, hatte die kleine Alice zu sich genommen. Er und seine einzige Schwester Sabine bewohnten ein altes Patrizierhaus in einer mittelgroßen Stadt. Es war ein bleiches, stilles Kind mit großen, dunklen Feueraugen, in denen oft ein eigenthümliches Licht aufstrahlte. „Sie ist eine Künstlerseele", sagte der Lehrer Merkman, dessen Tochter eine berühmte Sängerin geworden war. Er gab Alice Klavierunterricht, sie war seine beste Schülerin. Sie war fünfzehn Jahre alt, als eines Tages die berühmte Tochter ihres Lehrers in ihrer Vaterstadt, die sich in dem Glänze dieses Gestirns am Künstlerhimmel mit Vergnügen sonnte, erschien. Der kleine Garten hinter dem Schulhause duftete und prangte in seinem schönsten Lenzesschmuck. Die Rosen blühten, die Vogel sangen und wiegten sich in den vom goldenen Sonnenlicht umsponnenen Zweigen, Falter schwirrten durch die Luft, und ein würziger Hauch von Thymian und Krauseminze Mischte sich mit Goldlack- und Nosenduft. Alice stand mit ihren Noten unter dem Arm an der offenen Gartenthür, als eine Singstimme an ihr Ohr schlug, so wundersam, glockenhell und silberklar, so süß, daß es sie mit ungeahnter Wonne durchschauerte. Das war sie, die Sängerin von Gottes Gnaden. Wie gebannt steht das Mädchen da, es war nur ein einfaches Lied, aber es wühlt ihr die Seele auf, so innig und lieblich schmiegt sich Ton an Ton ihr ins Herz hinein. So singen können! Beide Hände auf das Herz gepreßt, lehnt sie da; sie sieht nicht die Frühlingspracht um sich herum, sie lauscht nur mit angehaltenem Athem, bis der letzte Ton verklungen ist, und dann geht sie langsam wie im Traume verloren heimwärts. Noch tagelang unterhielt sich die Stadt von der jungen Künstlerin; eS währte lange, bis sie eiu neues Ereigniß gehörig verdaut hatte. Die Frau Doktor Kol- reuder, eine behäbige, sehr redselige Dame, Mntter einer heirathsfähigen Tochter, nahm einmal in der Woche den Thee Abends iu dem Hause der Geschwister. Sie war es, die Sabine über alle Stadtneuigkeiten auf dem Laufenden erhielt, und da sie Humor und Schlagfertigkett besaß, übte sie auch auf MagnuS eine gewisse Anziehungskraft aus. Mine, die alte Hausmagd, machte sich jedoch ihren Vers auf die viele» Besuche der Dame. „Der Herr soll ihre Tochter heirathen", pflegte sie launig zu Alice zu sagen, denn sie konnte die alte Plaudertasche nicht leiden. Heute fanden ihre Anekdoten über die Künstlerin kein Ende, aber Magnus brach diesen rechtzeitig die gewagte Spitze ab, denn Alice hörte mit großen Augen zu; — eS war offenbar, die Anwesenheit der Sängerin hatte sie ganz verwandelt. Sie, die sonst wie eine geschäftige Hausfee Sabine zur Seite gestanden, schlich jetzt träumerisch und wie bedrückt umher. Und eines Tages trat das Schicksal an MagnuS heran. Der Lehrer Merkman erklärte, daß Alice eine Stimme besitze, so umfangreich, volltönend und metallen, daß es ewig schade sei, wenn der Schatz ungehoben bliebe. Das Mädchen habe große Lust, sich auszubilden, sie wage sich nur nicht mit diesem Ansinnen hervor, da sie wisse, daß sie, ganz mittellos, dem Vormund nur Kosten verursachen würde. Magnus war innerlich empört, wenn auch äußerlich ruhig. Er lächelte und sagte, daß er die Sache mit Sabine überlegen wolle. Nein, es war geradezu unerhört, daß Alice solchen unfruchtbaren Träumen nachhing und in die Fußstapfen einer Louise Merkman treten wollte. Nur für den Hausgebrauch hatte man sie musikalisch bilden wollen; und nun? Das Herz that ihm weh, wenn er dachte, daß er seinen Sonnenstrahl verlieren sollte, denn wenn die Kleine auf ihrem Plan bestand, dann — ja, was sollte er denn anders thun als nachgeben! Es war ein harter Kampf, den das Mädchen mit ihren Wohlthätern zu kämpfen hatte, allein der Feuer« funke war mit dem einen Lied in ihre Seele gefallen, und er glühte fort, sie innerlich zu verzehren. Und der alte Lehrer goß Oel ins Feuer. Alice sagte sich, daß sie arm und verwaist sei und durch ihre Ausbildung selbstständig werde. Sie konnte dann ihr Schicksal selbst bestimmen und, wenn sie Ruhm und Gold gewonnen, Magnus alle Kosten ersetzen. Daß sie ihm unentbehrlich war, daß er und Sabine sich nach ihr sehnen könnten, kam ihr nicht in den Sinn. Sie hing mit großer Zärtlichkeit an Beiden, aber sie war kein Kind mehr, der Umgang zwischen ihr und Magnus, der fünfzehn Jahre älter war als sie, hatte sich iu den letzten Jahren ernster gestaltet. Wenn er nun Fräulein Kolreuder heimführte, dann wurde sie hier über» 819 flüssig und Wußte sich anderswo ihr Brod suchen. Ihr Talent aber befähigte sie, sich für die Zukunft sicher stellen zu können. — „Du hängst Luftschlössern nach, mein Kind", sagte MagnuS eines TageS zu ihr, als sie den Gartenpfad entlang schritten. „DaS Leben einer Künstlerin ist nicht so beneidenswerth, wie es scheint. Nur eine kurze Zeit steht sie auf der Sonnenhöhe des Ruhmes, dann geht es abwärts; und mit wie vielen Opfern am inneren Menschen hat sie sich ihren Ruhm, ihre Stellung nicht erkaufen müssen!" Alice schwieg; das Herz klopfte ihr, sie nahm in einer Aufwallung feine Hand und führte sie an die Lippen, eine heiße Thräne blieb hier zurück. Sie brannte Magnus wie Feuer. O, hätte er in ihrem Herzen lesen können, allein er ahnte es nicht, was sie eigentlich bewegte, sonst hätte er diese kleine Hand festgehalten für immer. „Laßt sie ziehen, die kleine Närrin", sagte Frau Kolreuder, »sie wird sich in der großen Stadt die Hörner schon ablaufen. Nach Jahresfrist kehrt sie heim, waS jung ist, will sein Lehrgeld zahlen, das bleibt wie eS ist." „Ja", meinte Sabine, „aber das Kind ist noch tm Wachsen, und in den Pensionen ist Schmalhans Küchenmeister." „Um so bester, desto eher wird sie überdrüssig; wer so aus dem Vollen zu schöpfen gewohnt ist, —" sie schwieg bestürzt, denn Alice trat ins Zimmer, sie hatte das Letzte gewiß gehört. Alice wußte eL, daß man sie nicht verstand, und doch, wenn sie sich recht prüfte, waren eS nicht goldene Lustschlösser, denen sie nachjagte? Und wenn sie nun zerrannen und eine häßliche, graue, nackte Wirklichkeit an ihre Stelle trat?! In einer regnerischen, stürmischen Nacht zogen ihr diese Gedanken durch die Seele, und sie barg den sorgenschweren Kopf inS Kissen und lauschte in die unheimliche Nacht hinaus. Der Wind sauste in den Baumkronen der Pappeln vor ihrem Fenster und peitschte :. n Regen gegen dieselben. Dieses eintönige Geräusch schläferte sie endlich ein. Durch Vermittlung der Doktorin, die eine Schwester in Köln besaß, hatte man eine paffende Pension für die junge Kunflnovize ausfindig gemacht. Es war die Wittwe eines berühmten Virtuosen, bei der Alice einquartiert wurde. Man hatte endlich nachgegeben, und dann war der Abschied gekommen. Sabine hatte geweint, und MagnuS war sehr ernst erschienen, aber er hatte kein Wort mehr gesagt als ein lakonisches „Lebewohl I" „Wir werden Weihnachten ohne unser Fräulein feiern müssen*, hatte Mine so hineingeworfen; keines der Geschwister hatte darauf geantwortet. Alice empfand es bitter, sie würde bald vergessen sein, und dann trat eine Fremde — o mein Gott, — mit diesem Gedanken fiel ihr ein Stein auf'S Herz. Als sie dann im Zuge saß und die Thürme ihrer Vaterstadt sich immer weiter von ihr entfernten, legte sie sich ihre Lage in günstigerem Lichte zurecht. Stolz und Trotz bemächtigten sich ihrer; — ach, sie wollte fleißig sein, und später, wenn das Glück ihr günstig war, wie ganz anders würde dann Jedermann im Städtchen auf sie Hinblicken, die jetzt überall nur geduldet gewesen war. Auch Magnus und Sabine würden dann einsehen, daß sie das Rechte gewählt hatte. In Köln wirkte die fremde Umgebung zuerst erkältend auf das unerfahrene Mädchen ein; allein die Jugend ist elastisch. Sie fand bald Genossinnen, die dasselbe Kunstinstitut besuchten, gutherzige, leichtlebige Naturen, die sich alle Mähe gaben, ihre Erziehung nach allen Richtungen zu vollenden. Bald war es die Toilette, bald ihr etwas scheues, weltfremdes Wesen, was zu Bemerkungen Anlaß gab. Alice war eine wißbegierige Schülerin und trotz ihrer Naivität doch eine gesunde, kcrnhrfte Natur, an der äußere Politur den naturfrischen Grund nicht verwischen konnte. Einige Male in der Woche kam ein junger, schwarz- lockiger Geiger zu der Wittwe, um ihren zwölfjährigen Sohn zu unterrichten. Er kam zur Theestunde und nahm beim Abendbrod seinen Platz Alice gegenüber. Herr Tromholt war ein Schwede, erzählte gern von seiner Heimath und den Triumphen, die er dort gefeiert; hier hingen die Lorbeeren für ihn noch zu hoch; — ob er sie überhaupt erreichen würde? Die Wittwe deS berühmten Mannes betonte es in jedem Gespräch, daß der Pfad zur Höhe mit Dornen umzäunt und schwer zu erklimmen sei. — „Sie ist eine Jamnrerbase", flüsterte der Virtuose, sobald sie den Rücken gekehrt hatte. So oft der junge Mann in seiner etwas vorlauten Weise das Gespräch beherrschte, stieß er Alice ab; sie dachte dann, er sei anmaßend und rücksichtslos; — aber er brauchte nur seine Geige zu nehmen, und jedes Vor- urtheil in dem Mädchen verschwand; es war wie ein Zauber. Die Geige sang und klagte in wundersamen Tönen, und wenn er mit einer unmuthigen Kopfbewegung die Locken aus der gebräunten Stirne zurückwarf und die großen, grauen Augensterne auf Alice richtete, die Flammen zu sprühen schienen, dann fühlte sie, wie ihr alles Blut zum Herzen drang; — ihr war, als ob sein Lied einzig für sie gesungen sei, als ob seine ihr verwandte Seele zu der ihren in der nur ihr bekannten Sprache der Töne rede. Bald sehnte sie nur die Stunde herbei, um dieser Geheimsprache seiner Seele lauschen zu können. Und später fangen sie Duette; aber der Verkehr zwischen ihnen blieb in den Formen der Höflichkeit. Im Alltagskleide erschien ihr die Künstlerseele um so nüchterner, je höher seine Muse sie in den Weihestunden der Knnstübung emporgehoben hatte. Wie im Fluge war das erste Jahr in der Fremde dahingegangen, die Ferien waren vor der Thüre, und Alice rüstete sich zur Abreise in ihre Heimath. „Wir werden jetzt hören, was Du gelernt hast, und freuen uns auf Dein Kommen", hatte Sabine geschrieben. Diese herzlichen Worts thaten ihr ordentlich wohl. MagnuS hatte sich noch nicht verlobt, sonst hätte man eS ihr wohl mitgetheilt. Sie war eine vollendete Dame geworden, und als sie am Bahnhöfe in ihrer Vaterstadt auSstieg, waren Bekannte, die sie begrüßten, offenbar erstaunt, sie so verändert zu finden. Alice war nicht eitel auf ihr AeußereS, die wahre Schönheit ist eS selten, aber ihr Spiegelbild verrieth eS ihr, daß sie gut aussah. „Wie wird Magnus mich finden", dachte sie, „ob er noch so fremd thut. wie damals, als ich von ihm Abschied nahm?" (Schlich folgt.) 81S Sattel und Lasso in Mexiko. Von Dr. E. Below. (Schluß.) So stolz die Mexikaner auch auf ihr Reiten sind, so machte es doch einen sehr großen Eindruck auf sie, als in Matamoros ein preußischer Husarenoffizier ihnen die ersten Begriffe von elegantem europäischem Herrenreiten beibrachte. Sie, die sich über die Plumpheit des nord- amerikanischen Cow-bvys imuier amüsirt hatten, die den rechnenden Dankce mit Recht als schlechten Reiter bespötteln, als Sastre, Ellenreiter, sie sahen erst, als der abkommandirte preußische Husarenlieutenant in Paradeuniform an ihnen vorbeiritt, was elegantes, leichtes, schönheits- und sicher- beitsgemäßeS Reiten ist. Aber, trotz ihrer Bewunderung dafür, sie blieben oei ihrer Gewohnheit, Ellbogen und Körper hin und her zu werfen. Wenn man als die Hanptregel beim Reiten die «trachtet, mit den Beilegungen des Thieres einen zusammengehörigen Körper zu bilden, so daß der Eine dem Anderen seine Bewegungen nicht erschwert, sondern eher erleichtern hilft, so kann es fraglich sein, ob bei dem höchst beweglichen Naturell des dortigen Pferdchens der Mexikaner nicht aus richtigem Instinkt handelt. Der hervortretende Charakterzug beim mexikanischen Pferd ist weniger die edle Grazie, als die leichte Lebendigkeit und Ausdauer. Die Fliegcbewegungen der Ellbogen des mexikanischen Reiters unterstützen vielleicht diese Eigeu- ichaft bester, als die Würde und Grazie in der Haltung des vorschriftsmäßigen deutschen Reiters. DaS mexikanische Pferd ist das ausdauerndste, willigste, bedürfnißloseste Neitthier der Welt. Auch wo es recht kühle „Norder" kalte Tage gibt, wie auf den Hochplateaus, wo man sich in seinen Jorongo hüllt, stehen die Pferde meist im Freien, höchstens unter einem Schutzdach, im Corral, wo Tränken und Krippen sich an der Umfriedigungsmauer entlang ziehen. Ställe in unserem Sinne gibt es dort selten. In den Hauptstädten freilich fängt man nach und nach an, Alles nach europäischem Stil einzurichten und unser Hofstallmeister des „deutschen Hauses" oder „deutschen Kasinos" in der Hauptstadt, der die Wettrennpferde unter seiner Obhut hatte, verfügte über schöne Pferdeställe. Doch wachsen die meisten Pferde ohne diesen europäischen Luxus dort auf. Nur die von den Aankces importirten hochbeinigen Gäule, die sehr empfindlich sind, brauchen Ställe. In der Silbermincnstadt Guauasuato standen meine drei Reitpferde, als ich die eine Wohnung in der Calle de la Teuaza inne hatte, wo nur ein grob gepflasterter Hof und keine Ställung war, vor ein paar Neisekisten, die als Krippen dienten, Winter und Sommer, ohne Raufen, ohne reguläre Streu, bloß Mist und Strohreste wurden für die Nacht auf das Steinpflaster gebreitet. Sie bekamen Mais zu fressen, zur Abwechselung dann und wann Hafer, nebenbei Maisblüthen und Klee, selten Grashcu und waren blank und munter Tag aus Tag ein, während einer jener hochbeinigen, starkknochigen amerikanischen Gäule, für den extra ein Stall gemiethet werden mußte, alle Augenblicke trotz aller Pflege „etwas hatte" und nach kurzer Zeit d'raufging. Die Pferde sind dort gewohnt, die treppenartig gebauten Gäßchen der Gebirgsstädte auf und ab zu gehen und die schlimmsten Saumpfade zu erklimmen. Wer ohne Neitbmschen allein reitet und statt eines SteigbügeltrunkeS lieber absteigt und in die Kantine hineingeht und ein Weilchen im Schatten sitzen will, läßt das Pferd draußen auf dem Fahrdamm stehen und nimmt das Lassoende, über das die Passanten des Bürgersteiges ruhig hinwegschreiten, mit sich in die Kantine hinein. Erschrickt draußen etwa das Pferd, oder will es fort, so genügt ein einfacher Ruck, der es an seine erste Bekanntschaft mit dem Lasso erinnert, und eS steht still wie ein erschrockenes bestraftes Schulkind. In ähnlicher Situation mit dem Lasso am Arme machte ich auch größere und kleinere Operationen in ärmlichen Bauernhütten, wenn ein paar unerwartet spritzende Arterien es nöthig machten, daß ich mir meinen Mozo (Reitknecht), der vor der Thür die Pferde hielt, von draußen zu Hilfe herein rief, was mehrere Male vorkam. So komisch es klingt: mit der Pferdeleine am Arm wurde zuweilen operirt; wenn es an Assistenz fehlte, mußte man sich eben so zu helfen suchen. X la, guerrs vomvas L 1a §usrrs, das galt bei mir seit dem französischen Kriege. Mit weniger vernünftigen als den mexikanischen Pferden und Mozos wäre es oft unmöglich gewesen, zu operiren. Alle Sonntage und Donnerstage Nachmittags spielt auf dem großen Korso der Hauptstadt, wo die elegante Welt in bester Toilette in Kutschen und zu Pferde sich sehen läßt, die Militärmusik bei der Statue des Columbus oder eine Strecke weiter bei der Statue des letzten Aztekenfürsten Guantemozin. Dieser weite, prächtige Boulevard, mit Eukalyptus und Pappelbäumen eingefaßt, führt in gerader Linie von der Hauptstadt zum alten Kaiserschlosse des Montezuma und des Kaisers Maximilian, Chapul- tepec, mit den Riesenbäumen, den Ahnehuetes, von denen man in Berlin im botanischen Garten ein paar zwerghafte Exemplare mit ihrem feinen Laube (Paroäiurn mexioanum) bewundern kann. Die Schneeberge, die vom Abendsonnengold angestrahlten Vulkane Popocatepetl und dicht dabei die unter dem Schneeleichentuch „schlafende Frau" „Jxkaccihuatl" senden angenehme Kühle in das hochgelegene Thal von Anahuac herab, so daß dort eine stete Frühlingstemperatur herrscht. Frühltngstoiletten sind dort das ganze Jahr an der Tagesordnung und Alles prangt darum im Schmuck lebhafter, Heller Frühjahrs- stosie, die Damen in leichten, duftigen, ballstaatähnlichen hellfarbigen Kostümen, die Herren, die auf prächtigen Mw'angs grüßend vorbeidcfiliren, in ihren Charro-An- zügen, kurzen, reich mit Silberknöpfen und Quasten und Schnüren verbrämten Neit-JacketS, schokoladefarbenen oder auch schwarzen, silberbeknöpften Reithosen, silbernen Pfundsporen, die aus den ledernen pantoffelartigen großen Steigbügeln herabhängen. Sattel und Gebiß strotzen von Silber, und das schäumende Roß scheint sich seiner imponirenden silbcrglitzcrnden Last, die es spielend trägt, bewußt, so freudig und stolz schüttelt es seine Scidcnmähne, wenn es an den Musikpavillons und an den schönen Equipagen- Reihen entlang tänzelt. Trotz aller modernen Jockey-Kostüme bildet bei den Wettrennen doch immer diese Staffage landesüblicher Reiter- kostüme den Abschluß. Diese DandieS, die gut den Lasso zu handhaben wissen, bilden einen schönen Kontrast zu den windigen Jockeygestalten, die in bunten Atlasblusen an Einem vorbeigeschossen sind. Im Charro-Kostüm reiten sie an den Logm der Damen vorbei, denen sie den Hof machen; im silberbetreßten, fast mühlsteinbreiten Sombrero halten sie vor den Balkons Derer, von denen sie ein Fächerzeichen, einen Tafchentttchwink, ein Dliimen- üirachcnwort erhäschen wollen; der Zeichen, mit denen Sie Reiter darauf zu antworten wissen, auch ohne ihrer Braut schreiben zu dürfen, sind viele; auch die Art, wie der Hut geschwenkt, wie am Sattclknopf der Toledo- Säbel getragen wird, bedeutet für die Dame, die die Winke versteht, eine Sprache. Der mexikanische Freier hat keine Brautstandszcit. Statt ihrer muß er sich oft Jahr und Tag vom Pferde aus durch Winke nach dem Balkon mit seiner Braut verständigen. »Den Ozo (Bär) machen" nennt man dies. Ein anderes Bild entrollt sich, wenn wir uns auf den Markplatz einer der Silberminen-Städte in den Anden begeben. Vom Lande herein geritten kommen die braunen Gestalten der Nanchcros im fliegenden Galopp, am Sattel hängen außer der Machete (säbelartiges Messer) ein paar Hühner und Ziegen, noch lebendig, die er zu Markte bringt. Oft hat er noch bei sich auf dem Sattel sein junges Weib; sie eilen zu Markt, halten aber im eiligen Galopp still und verbeugen sich tief vor dem Padre, der vorbeigeritten kommt, vor dem die Fußgänger niedcrknieen, ihn demüthig um seinen priesterlichcn Segen bittend. Diese Prälatengestalten im dunklen Gewände des Geistlichen gehören zu jedem tropischen Städtebilde der Andenkelte. Vorbei eilt flüchtigen Trabes ein Arzt, ihm folgt auf mexikanischem Sattel sein Reitknecht, während er selbst für Stadtbesuche den englischen Putsch-Sattel vom Europäer adoptirt hat, nur für längere Ritte aufs Land reitet auch der Arzt auf mexikanische Art. Dort an den hohen Bogen der gemauerten Markthalle im Gewühl der Fußgänger müssen die Reiter ihre Gangart verlangsamen, denn vor dem vorbeireitenden Geistlichen knieen und liegen so viele Menschen am Boden, daß man kaum vorüber kann. Hier ist der Gemüsemarkt vor der Kathedrale, bei dem grünen Platz mit dem plätschernden Brunnen und den Steinbänken, wo allabendlich die Militärkapelle spielt. Jetzt am Morgen hört man die Rufe der Käufer und Verkäufer durcheinander tönen, und an der Ecke vor dem Regierungs- gcbäude drängt sich das Fußvolk vor dem Tischchen des Schreibers, der ihnen auf offener Straße ihre Bittgesuche und Liebesbrüfe, ihre Prozeßsachen und sonstigen schriftlichen Angelegenheiten nach morgcnländischcr Art stilisirt und zu Papier bringt. „Glücklich, wer den nicht braucht", denkt der schmucke Hazendado, welcher im sammtdurchwirktcn dunkelblauen Jorongo, mit silberner Löwenkopf-Schnalle um den Hals befestigt, stolz an dieser Schreiberseele vorbeireitet und sich wie ein König diesem Gewühle gegenüber vorkommt, das da feilscht und kniet und schreibt und diktirt. Auch der Hazendado bekreuzigt sich, wie er an der geöffneten Pforte der Kathedrale vorbeireitet, auch er macht dem vorbeireitenden Priester seine Reverenz, wie es sich gehört; aber er macht, daß er schnell aus diesem Gewimmel herauskommt, um bei einem Trunke Mescal oder Colonche das Wichtige wegen des nächsten Hahnenkampfes oder Stiergefechts mit seinen Freunden und Gevattern zu verabreden. Dies und die Maisvrcise allein intcressiren ihn in Wirklichkeit nur an dem Stadtleben; er athmet wieder frei auf, wenn er dieses Straßcnpflastcr, wo es nur „Herren und Knechte" gibt, hinter sich hat, und wenn er sein Roß wieder frei tummeln kann, dort, wo die schokoladefarbenen Berge und Hochebenen hinter der dunkelblauen Horizontlinic seinen heimathlichen Nancho, seine Hazienda, sein Heim verdecken. Dort ist er wieder ganz der freie Mann, der nie auf die Dauer das Joch der Fremden duldet und sich, wie es in seinem Liede heißt, »mit des LaudmannS Bluse statt mit dem Söldnerbanner seine Grenze reinfegt". Nicht vergessen darf ich zmn Schluß dieser mexikanischen Rhapsodie über Lasso und Sattel die „Hallclujah- Pferde". So werden, namentlich von den Spanier^ die unglücklichen Gäule genannt, die todmüde, nachdem sie schon so abgemattet sind, daß sie kaum mehr dieser irdischen Welt angehören, des Sonntags Nachmittags als ansrangirte Gäule in die Sticrgefechts-Arena gebracht werden. Es ist ein scheußlicher Brauch vom ästhetischen uno menschlichen Gesichtspunkte, wenn sich auch manches Malerische und Ritterliche in jener Arena finden läßt, daß man den Rossen, die jahrelang treu gedient haben, solch ein Ende bereitet. In Spanien werden sie, besonders in den Küstenstädten, wo es Stiergcfechte gibt, kurz vor dem Stiergefecht im Dünensande matt und müde geritten, um dem Ansturm des wüthenden Stieres keinen festen Widerstand mehr bieten zu können. Dann rennt der ihnen seine Hörner in den Leib trotz der zolldicken Ledcrklappe, die als Brustlatz den armen Pferden zum Schutz umgehängt ist. Sie haben eine Lederbinde um die Augen und werden vom Reiter, dem Pikador, dem Stier entgegengetrieben. Dann verblutet sich im besten Falle das Hallelujah-Pferd, oft, nachdem es auf den heraushängenden eigenen Eingeweiden herumgetrampelt ist. Uebrigens ist diese grausame Gepflogenheit eine Erbschaft der Spanier, ein Spiel, das der Mexikaner sich allerdings ruhig mit ansieht, wenn die von Spanien verschriebenen Matadore solche Szenen aufführen, dessen Nohhcit er aber zu vermeiden sucht bei seinen ToroS asficionados, Liebhaber- oder Dilettanten-Stierspielen, wo die Hazendados ihre besten Pferde als Pikadores selbst reiten und sich wohl hüten, daß die Püffe, die die Thiere bekommen, zu arg werden. Der Hazendado liebt und schont seine Pferde. Er ist zu sehr Rcitersmann von Geburt, als daß er großes Gefallen an jener spanischen Grausamkeit gegen Thiere finden könnte. Auch bei den Sticrgrfcchten der Studenten der Medizin, die der Generalarzt und Professor der Medizin Montes de Oca dem Hauptstadt-Publikum vorführte, waltete jener Anstand und jene Noblesse, die derartige Grcnelszenen geschickt zu vermeiden wußte. Davon vielleicht ein andermal mehr. (Tägl. Nundsch.) ---SSWNS---- Zu» nördlichen SchkmrMld?) Ich habe einen Freund, der die Harmlosigkeit geneigter Leser bereits derart abgestreift hat, daß er von einem Schwindler und Aufschneider nicht mehr sagt: Er lügt wie gedruckt oder telegraphirt, sondern: Er lügt wie ein Neiseschriftsteller. Man wird es deshalb begreiflich finden, wenn ich mich von vorn herein dagegen verwahre, im Folgenden von dem Wege der Tugend abgewichen zu sein. Uebrigens meine ich meine Glaubwürdigkeit nicht schlagender beweisen zu können, als wenn ich gestehe, daß an dem Tage, an welchem ich auszog, um den viel- *) Auö der Köln. B-Mztg. 82L — gepriesenen Schwarzwald zu sehen, ein Miserables Wetter herrschte, also etwas ganz Unerhörtes in den Berichten der Neiseschriftsteller, die imAer nur vom Lerchenschlag und Sonnenschein fingen und — dichten. In der That, die abstrakteste Theorie kann nicht grauer sein als der Himmel an jenem Morgen in der Frühe, als ich an dem neuen Schloß bei Baden-Baden hinunterblickte auf die in saftigem jungen Grün eingebettete Villenstadt. Noch etwas verschlafen sah sie aus, und nur hier und da ließ ein träge aufsteigendes Rauch- wölkchen darauf schließen, daß dies Paradies auch lebende Wesen beherbergte. Drüben über dem schwarzen Tannenwald zog es in schweren, weißlichen Schwaden dahin; noch höher waren die Bergspitzen hineingetaucht in daS dunstige Gewölk, das sie vor vorwitzigen Blicken neidisch verbarg. Als ob eine ganze Anzahl von Dampfmaschinen ihre Thätigkeit inmitten der dunkeln, stillen Wälder mit voller Kraft entfaltete, so rauchte es zwischen den Tannen hervor. Aber auch ein solches Bild der Schwermuth besitzt seine Schönheiten, und lange bewundert das Auge die große Erhabenheit der schönen ruhigen Natur. Da blitzt es auf einmal von drüben her hell auf. In heftigem Ringen mit dem Gewölk hat sich die Sonne einen Lugaus erkämpft und läßt die vergoldete Kuppel der russischen Kapelle auf dem gegenüberliegenden Berge in ganzer Pracht erstrahlen. Dann huscht der goldene Schimmer über die Arkaden der Trinkhalle, welche die Fresken aus dem Sagenschatz des Schwnrzwaldes leider nicht genügend vor Wind und Wetter zu schützen vermögen; im Fluge schaut er in das große, mit schönen Anlagen umgebene Conversationshaus, macht den gewaltigen Telephonthurm des PoWebändes mit seinen goldenen Schildern aufleuchten, setzt noch einigen hervorragenden Villen freundliche Lichter auf und verliert sich endlich in die prächtigen Anlagen der Lichtenthaler Allee. Immer näher kommen wir den über uns wallenden Nebeln, und mit einem Schauder, der uns das Gefühl Jphigenie's nachempfinden läßt, als sie in Poseidon's stilles Heiligthnm eintritt, gehen wir ein in das Reich, in welchem dieser Geist des Wassers seine Herrschaft ganz unberechtigter Weise geltend zu machen sucht. Leider ist er in diesem Bestreben erfolgreich. Naß und kalt faßt es uns von allen Seiten an, ohne daß der Wassergehalt der Luft sich zu einem tropfbar flüssigen Körper verdichtet. Als wir aber oben auf dem durch seine Aussicht berühmten alten Schloß beim wärmenden -Kaffee sitzen, da macht sich plötzlich ein leise rieselndes Geräusch bemerkbar, das mit der Zeit zunimmt und endlich in ein sehr tactfestes Feustergeklopfe übergeht. Kaum ein Stündchen unterwegs und schon — eingeregnet! Sollte also doch der Warner Recht gehabt haben, als er seinen Kassandra-Nuf erschallen ließ, da die Zeiinngs-Wettermacher „für die nächsten Tage Regen" vorausgesagt hatten ? Und doch war mir gerade dieser Umstand ein Ansporn gewesen, auszuziehen, weil ja gewöhnlich das Gegentheil von dem eimrifft, was jene Herren der Natur vorzuschreiben belieben! Aber nun kam mir das Wort von den blinden Hühnern wieder in den Sinn, und so saß ich und sann, bis der Kaffee kalt geworden war. Von dem Erfahrungssatze ausgehend, daß in dieser Welt nichts von ewiger Dauer ist, trottete ich endlich unter dem Regendach ergeben dahin, und wirklich, auch dies Mal nahm der Regen ein Ende. Bei einigen Landleuten, die ich unterwegs eingeholt hatte, suchte ich meine Kenntnisse von Land und Leuten zu bereichern, aber da stieß ich auf Schwierigkeiten, die ich während meiner ganzen Reise nicht zu überwinden vermochte; nur bet der gespanntesten Aufmerksamkeit war es mir möglich, hin und wieder ein Wort zu verstehen, und ihnen würde es wohl eben so viele Anstrengung gekostet haben, den Sinn meiner Worte zn erfassen, wenn sie sich diese Mühe gegeben hätten. So war die Unterhaltung schon eine Weile ziemlich einsilbig geworden, als sich das schöne Gerusbacher Thal im Sonnenschein vor uns aufthat. Von diesem Ort im Murgthal steigt der Weg auf Schloß Eberstein hinauf, dessen Felsen das Thal weithin beherrschen. Aber die prächtigste Strecke des Thales beginnt erst nach zwei Stunden hinter dem schön gelegenen Orte Forbach. In Curven steigt die Straße hinan, bis sie die halbe Höhe des tannenbestandenen Bergstockes erreicht hat. Dann bietet sie prächtige, stetig wechselnde Blicke auf das eilende, über Felsblöcke dahinrauschende Flüßchen dort unten, das so munter und harmlos geschwätzig erscheint, als sei es noch niemals gefahrdrohend für seine Nachbarschaft aufgetreten. Aber die Hütten, welche sich auf den Nasenhängen in auffallend großer Zahl zusammengefunden haben, halten sich doch in respektvoller Entfernung von seinen Ufern. Sie könnten sonst eines schönen Tages unfreiwillig mit ihren Heu-Vorrüthen ebenso verschwinden, wie man früher in diesem Thale künstlich daS Holz fortgeschafft hat. Es war eine recht ursprüngliche Manier, wie die Mitglieder der sogen. Schiffer-Gesellschaft ihre Baumriesen zum Rhein beförderten, um sie, dort zu Flößen aereinigt, in Gegenden zu bringen, die bei der Ler- theilung von Berg und Wald zu kurz gekommen waren. Diese Leute machten nämlich viel früher als Herr Professor Jntze Thal'perren, in welchen sie die Bachwasser zu künstlichen Seen aufstauten. Die gefällten Bäume wurden dann in das trockene Bachbett gelegt, die Schleuse plötzlich gezogen, und hinab ging's mit brausendem Ge- woge dem großen Wasser zu. Daß bei diesem immerhin etwas summarischen Verfahren das Holz nicht gerade besser wurde, leuchtet ein, und deshalb wird es jetzt viel bedächtiger auf den guten Straßen von kräftigen Pferden oder gemächlichen Ochsen abwärts gefahren. Aber die Schiffer-Genossenschaft besteht heute noch mit ihrem Sitz in Eernsbach. Es ist eine Actien-Geskllschaft, zu der über 5000 Hectar Wald gehören, welche Flöß- rechte besitzt und über Sägmühlen, eigene Förster u. s. w. verfügt. Die Aktien bestehen in kleinen Antheilscheinen, sogen. Gerechtigkeiten, die nach verschiedenem Cours zu 10 bis 15 Mark gehandelt werden. Es soll Schiffs- Mitglieder geben, welche 10- bis 20,000 dieser Aktien besitzen. In Schvnwünzach kommen wir an eine Straße, welche die Gesellschaft auf ihre Kosten in das Langenbach- Thal hat bauen lassen. An diesem kleinen Ort, der seinem Epitheton keine Schande macht, kann man einen Blick werfen in die Thätigkeit von Leuten, welche ihr Capital in den Lungen sitzen haben. Am Wege befindet sich eine große Glashütte. Die Hitze in der Nähe dieser Oefen mit flüssigem Glas ist für den gewöhnlichen Menschen unerträglich, und selbst die große blaue Brille, die unser Führer uns zuvorkommend präsentirt, schützt auf die Dauer nicht vor den alles durchdringenden Gluthen. Die Fabrikation der Gläser, das Aufblasen der flüssigen 822 Masse zu cylinderförmtgen Birnen, das Sprengen derselben und das Auseinanderbreiten zu ebenen Flächen ist bekannt. In Schönmünzach verläßt der Tourist das hier ruhig werdende Murgthal und steigt durch das Langen- bach-Thal, welches mit seinen einsamen, idyllisch gelegenen Sägemühlen eine wahre Fundgrube für Maler bietet, in einigen Stunden auf die thurmgekrönte moorige Fläche der HorniSgrinde. Sie ist mit ihren 1166 Meter der höchste Punkt deS nördlichen Schwarzwaldes und läßt außer der romantischen Bergwelt, die sie beherrscht, auch einen reizenden Blick in die stadt- und dorfgeschmückte weite Ebene des Rheines zu, der als schimmerndes Silberband das fruchtbare, vom Straß- bürger Münster gezierte Land durchzieht. Von dieser Moor-Ebene, die man nur auf breiten Steinen überschreiten kann, führt ein Weg abwärts in schönen Wald, um uns bald ein Bild von bezaubernder Schönheit zu bieten. Der Wald thut sich auseinander und zeigt uns unten den kleinen, von schroffen Felsen eingeschlossenen, tiefdunkeln, sagenumwobenen Mummeise e. An den steilen Felswänden klettern nichtsdestoweniger die Tannen hinauf und verleihen dem See ein etwas düsteres, aber echtes Schwarzwald-Gepräge. Kein Wunder, daß der biedere Volksverstand diese Gegend mit Sagen von verderbenbringenden Nymphen und Sirenen bevölkert, die nicht mit sich spaßen lassen! Ein glücklicherweise mehr berühmtes als gelesenes Literaturwerk, Der abenteuerliche Simplicius Simplicissi- muS, die „Lust erweckende und sehr nachdenkliche Lebensbeschreibung" seines Verfassers Hans Jacob Christas von GrtmmelShausen, weiß davon im fünften Buche die wunderbarsten Geschichten zu erzählen. Wehe dem Vorwitzigen, welcher die Geister des See'S mit Steinwürfe» in seinem blanken Wasserspiegel beunruhigt! Da nämlich diese Geister, wie der Prinz des See's dem Sim- plicissimuS erzählt, sehr auf Ordnung in ihrer feuchten Wohnung halten, so werfen sie die hineingeworfenen Steine wieder aus, und man kann es ihnen nicht verübeln, wenn sie dabei schlechter Laune werden und die an sich langweilige Beschäftigung durch etwas Vehemenz würzen; freilich wird dadurch ein Aufruhr in der ganzen Natur verursacht, und der Störer der Ruhe verschwindet elendiglich im schwarzen See. Ich hütete mich also wohl, dergleichen Ungebührlichkeiten zu begehen. Dagegen war ich wohl versucht- ein anderes Wunder deS See's in Anspruch zu nehmen. Bindet man nämlich eine ungerade Anzahl irgend welcher Gegenstände in ein Nasentüchlein und hängt solches in den See, so findet man beim Herausziehen eine gerade Anzahl der Dinge darin. Nun trug ich noch fünf Goldstücke bet mir und war eben im Begriff, sie mir auf eine einfache Weise in sechs verwandeln zu lassen, als mir noch glücklicherweise zeitig genug einfiel, daß die Zahl 5 ebenso gut in 4 wie in 6 sich umwandeln könnte. Da ich aber überhaupt in Berg- und Wasser-Geister nicht viel Vertrauen setze, so gab ich diesem Mummelgreis lieber keine Gelegenheit, mich zu betrügen. Dagegen war ich wüthig genug, mit einem Freund, der fahrplanmäßig hier eingetroffen war, am Abend noch eine Kahnfahrt auf dem geheimnißvolleu See zu unternehmen. DaS Wasser hat die Eigenschaft, schwarz auszusehen und im Glase doch rein zu erscheinen. Wie erstaunten wir aber, am anderen Morgen vom Fenster des bübschen Hotels aus noch eine dritte Farbe dieses eigenthümlichen Wassers kennen zu lernen: lasurblau lag die kleine Fläche vor uns! Aber dies Mal war es nur Vorspiegelung falscher Thatsachen in des Wortes buchstäblicher Bedeutung; denn die Bläue war nur Spiegelung deS Himmels, der in ungetrübtem Glänze in dies Auge der Natur hinein- oder, wie der Seeprinz den Sim- plicissimns belehrt, auf diesen „Nagel der Weltmeere" herableuchtste. Abgeschlossen von der Welt, wie ein stilles Eifelmaar, liegt die schillernde Fluth dort inmitten unermeßlicher, in ruhiger ErhabenheitzumHimmelragender, stolzer Tannenwälder. Von einem zweiundeiuhalb Stunden entfernten Ort muß der Hotelwirth das Fleisch beschaffen, um den knurrenden Magen seiner Gäste zu befriedigen. Daß seine Preise in Anbetracht solcher Unbequemlichkeiten billig genannt werden müssen, soll gebührend anerkannt werden. Ein gemächlich daher wankendes Ochsengespann kreuzt unsern Weg abwärts. Das schwerfällige Gefährt, das auf dem tiefdurchfurchten Wege langsam sich fortbewegt, zeugt von einer Stein-Industrie tn der Gegend, die bemüht ist, auch die massiven Felsen mit jenem verführerischen Schimmer zu umkleiden, nach dem gemäß dem Dichterwort alles drängt und an dem doch schließlich alles hängt. Pietätvoll bewahrt daS unmuthig im Thal gebettete Gasthaus zum Wolfsbrunnen das Andenken an Scheffel, den großen Verehrer des düstern Waldes. Der Dichter hat 1888 hier eine kleine Krankheit überstanden, und sein Dank für die aufmerksame Pflege, die ihm zu Theil wurde, hat, lorbeergeschmückt, einen Ehrenplatz in diesem Hause gefunden. Und da sage noch einer, unsere Zeit hätte das Ideal verloren! Das Thal führt uns weiter abwärts, und die gewaltigen Windungen der Straße erschließen bald ein überaus liebliches Bild. Ein weites Thal thut sich vor dem entzückten Auge auf. An dem fröhlich alle Hindernisse spielend überwindenden Flüßchen haben sich viele einzelne Hütten und Häusergruppen angesiedelt, die in dieser berückenden Weltabgeschiedenheit ein idyllisches, von der Course Steigen und Fallen unbeeinflußtes Leben versprechen. Die saftigen rechts und links aufsteigenden Matten verlieren sich in die schweigenden Wälder, mit deren düsterm Schwarz das Mge Grün des eingestreuten Laubwaldes in prächtiger Weise contrastirt, und auch die Tannen selbst haben sich mit ihren jungen Jahresschößlingen unmuthig hell geschmückt. Diese große stille Natur, tn welcher nur das leise Rauschen der Bäche und das geheimnißvolle Geräusch kleiner unsichtbarer Lebewesen an unser Ohr dringt, wird durch einen gewaltigen Gebirgs- zug abgeschlossen, über dessen aufragenden Waldungen hin und wieder die Wolkenschatten dahinziehen und dem ganzen Bilde noch einen größeren Reiz verleihen. Lange erfreuen wir uns an diesem lieblichen Idyll, ohne daß einer den Muth hat, des anderen Andacht durch ein prosaisches Wort zu stören. Dann nahmen wir einen steilen Fußpfad, der noch manches Mal zum Rückblick reizt, und ein gigantischer Felsblock behält als Entgelt für seine Aussicht bis in die Nheinebene execu- torisch einige dicke Schweißtropfen von uns zurück. Ein Sprengschuß schallt plötzlich durch die tiefe Sltlle und weckt ein vielfaches Echo in diesen Thälern, um dann in einem donnerähnlichen Rollen langsam unterzugehen. Allmählich führt der schwach betretene Pfad auf die andere Brrgseite hinüber, um hier eine ganz neue wildromantische Aussicht auf der Bergkette vierfach über- 623 einandergeschobene Reihe zu gewähren. Keine menschliche Wohnstätte, so weit das Auge reicht, nur Berge und Thäler und Wald und Wiesen, bis endlich die gesegnete Rhein-Ebene am fernen Horizont wieder erscheint. Trotz des zweistündigen Marsches däucht es uns fast zu früh, als der Pfad sich langsam abwärts wendet, das heitere Rauschen eines Baches an unser Ohr schlägt und die Trümmer des Klosters Allerheiligen mit ihrem wirksamen Tannen-Htutergrund vor uns aufsteigen. (Schluß folgt.) -«-SNWS—-- A L S e s? L e r. Eine „Brüsewitz"-Erinnerung. ES war im Anfang der vierziger Jahre, als in dem sogen. Clublokal des hannöverschen Fleckens N. a. d. O., wo allabendlich die Honoratioren des OrteS, Civilisten wie Offiziere, sich zum L'Hombre- und Whistspiel zusammen zu finden pflegten, zwischen dem Dr. weä. G. und dem Lieutenant v. d. D. ein Wortwechsel entstand, der von beiden Seiten zu heftigen Aeußerungen führte, in Folge deren der Offizier sich gemäßigt hielt, den Doktor auf Pistolen zu fordern. Allein Dr. G. verweigerte das Duell einmal aus dem Grunde, weil er Familienvater sei, er seine Aeußerungen auch nicht für so beleidigend hielt, daß darauf ein Duell verlangt werden könne, andererseits weil er bei einem unglücklichen Ausgang gerade dieser Art von Duell, d. h. im Falle der Tödtung seines Gegners, dem Gesetz gegenüber eine schlimme Stellung hätte. Nach einem hannöverschen Militär-Strafgesetz erlitt nämlich ein Offizier bei einem Duell, welches daS Offizierskorps, als jedesmal vorher darüber entscheidendes Ehrengericht, für seine StandeSehre nothwendig erkannt hatte, sobald er in einem solchen seinen Gegner tödtete, nachher durchaus gar keine Strafe, wogegen der Civilist, der seinen Gegner im Duell tödtete, nach dem hannöverschen Civilstrafgesetz eine Gefängniß st rase von vier bis fünf Jahren zu erwarten hatte. Aus diesen Gründen verweigerte G. das Pistolenduell, auch gegen eines Tags darauf nochmals zu ihm entsandten Cartellträger des Offiziers. WaS geschah s Einige Tage später trat eines Morgens früh der Lieutenant v. d. D., begleitet von zweien seiner Dragoner, unangemeldet bei dem in seinem Studirzimmer sich allein befindenden G. ein und fragte denselben in entschiedenem Tone, ob er sich zu dem verlangten Pistolenduell bereit erklären wolle. G. verweigerte auch jetzt auS denselben Gründen wie früher das Duell. „Nun, so greift und haltet mir den Kerl!" rief der wüthende Lieutenant v. d. D. Es geschah, und der Offizier schlug nun auf den dergestalt wehrlosen Arzt mit seiner Hetzpeitsche in brutalster Weise. Nachdem er so eine, wie er meinte, ihm gebührende Satisfaktion sich verschafft, verließ der Offizier mit seinen Begleitern den Gemißhandelten und dessen Haus. Selbstverständlich erhob Dr. G., nachdem er einigermaßen von den Folgen dieses gemeinen Ueberfalls sich erholt hatte, Klage bei dem zuständigen Militärgericht. Die Familie v. d. D. war die bedeutendste Adelsfamilte des hannöverschen Landes; die Anverwandten des Lieutenants v. d. D. hofften deshalb auch mit Zuversicht, daß der König ein vielleicht sehr strenges Urtheil des Militärgerichts durch Strasumwandlnng mildern werde. Allein sie hatten sich sehr getauscht, alle ihre Bemühungen halfen nichts. König Ernst August von Hannover wollte hier „ein- für allemal ein Exempel staiuirt sehen, daß seine Offiziere und Militärs sich keine Vergewaltigungen im Dünkel von Standesbevorrechtungen herausnehmen" sollten. Der Dragoner-Lieutenant wurde wegen seiner an dem Dr. G. in besagter Weise verübten Mißhandlung nicht nur als Offizier „infam kassirt", sondern er wurde auch „seines Adels verlustig" erklärt. In unerbittlicher Strenge mußte dieses Urtheil nach des Königs Willen vollzogen werden. Der Lieutenant v. d. D. ging später nach Texas und ist dort verschollen. Kimmeisschau im Monat Januar. —X. Merkur 8 erreicht am 6. seine größte östliche Entfernung von der Sonne und ist am Abendhimmel kurze Zeit im Steinbocke zu sehen, da er etwa D/x Stdn. nach der Sonne untergeht. Venus - im Wassermann ist Heller Abendstern, geht gegen 3 U. nachm. auf und zwischen 7^ und 9 U. abds. unter. Am 31. durchschneidet sie die Erdbahn. Mars F anfangs im Stier steht 9 U. abds. hoch im S. und geht zwischen 7U. u. 5U. früh in NW. unter. Jupiter sz rückläufig im Löwen geht gegen 9 U. abds. in O. als sehr Helles Gestirn auf und scheint bis Tagesanbruch am Himmel. Saturn H geht von der Wage zum Skorpion und erhebt sich um 4U. mgs. über den südöstlichen Horizont. Er zeigt sich bis Tagesanbruch rechts von Antares und steht um 8 U. mgS. niedrig im S. Sternschnuppen fallen am 2. u. 3. in langen Bahnen mit oem Radianten im Herkules am Nordwest-Himmel. In der Nähe des Mondes befinden sich am 4. und 31. Merkur; am 6. Venus; am 14. Mars; am 21. Jupiter; am 27. Saturn. --- Der KßrijMurlr. Mäuschenstill die Kleinen lauschen Auf das Christkind hosfnungSbang, EngelSflügcl sie umranschcn, WeihnachtSwehcn wochenlang. Um der Gaben zu gedenken, Die daS Christkind uns gebracht. Schmückt die Liebe mit Geschenken Einen Baum zur Christesnacht. Denn vom Baume kam die Sünde, Und am Baum ward uns das Leben Don dcm holden WeihnachtSkmde Allen einst zurückgegeben. Willst auch du ein Kind beschenken Und ihm einen Christbaum schmücken, Dann vergiß nicht, zu bedenken: Nur die Liebe kann beglücken. Liebs muß den Christbaum schmücken Und beleuchten ihn der Glaube, Sonst ist'ö nur ein kalt' Entzücken, Rasch verweht, wie Staub im Staube. Ach, wie ist er rasch entschwunden, Uns'rer KIftdheit Weihnachtötrauml Kreuzcsbalkcu, dorimmwunden, Wurden aus dcm WeihnachtSbaum. Könnten wir doch wieder lausche» Auf das Christkind, wie ein Kind, Hörten wir doch wieder rauschen Engelsflügel weich und lind! M. Gerhauser. -- — 824 ^uF8liui'8vr 8edn,v1iklü>tt. ^LUs Nöekte voröoUlltisii.l Iüae1,r!el»4vi» »n» üe» 8e1i-rel»we1t. Der Wvllkninpk Lnsker-Steinitr /.u Moskau. Im Wettkampk Lasker-3teinitr wurde die 7., 8. unä 9. ksitis remis. In allen drei kartisn erlangte 8teinitr die bessere Ltollung unä materiellen Vortkeil, stets aber wusste Lasker iw letrten Lugenblicks äurcb lein äurckäackte Oegenmanöver äen Verlust abruwokren. In der 10. und 11. Rartis blieb wiederum Lasker Lieber. — , , , , Stand nack äer 11. Rartis vom 17.Der. c.: Lasker-t-7, Steinitr -j- 0, remis 4. , Wir Aebev naelisiolievä äle 8. kln'i^s, 6ie sm 8. VeLernver gespielt wurde. Rartis Xr.11. LxavIsvLö Rartis. «v dL- S Weiss: Lnsker. 8ck warr: 8to!n!tr. dL W eiss: Lnsker. 8 okwa r 2 : 8teinit2. i e2 — e4 e7—sö 29 Rg1-K2 '1'k8-g8 2 8g1-13 8b8-°6 30 Ls3 — K6 Ve8-o7 3 Lk1-b5 d7—ä6 31 8g3-k5 Lä7—e8 4 ä-2-d4 Lc8—ä7 32 Vk3-K3 8b2-a4 8bl—e3 8g8—e7 33 Lg4-k3 8a4-c5 6 Lei-g5(a) 17-k6 !34 1e2-e2 8c5—d7 7 Lg5-s3 8o7—c8 !35 g2—g3lc), a7 — a5 8 8c3—o2 Lk8—o7 36 8k4-g2 K5-K4 9 c2 — e3 0-0 37 8g2—e3 La8—c8 10 Lb5-d3 8e8—K6 38 8e3-ä1 b4Xe3 11 8e2-g3 Lg8-K8 39 8ä1X«3 Lb6-d4 12 0-0 Vä8-o8 40 LK6 ä2 8ä7—c5 13 'I'al-cl 8e6-d8 4l VK3—K4 Le8XK5 14 Lkl-ol e7 — e5 42 Lk3XK5 Le8-K3 15 8k3-d2 8K6 — a4 43 8c3-ä1 8 «5 — a4 16 Lei-«2 b7—K5 44 Lä2XuO 1b8-a8 17 k2—k4 8 d 8—06 45 La5--ä2 e4—c3 18 k4-k5(K) 8s6-ä8 46 Lä2X--3 8a4X°3 19 ä4—d5 8ä8—b? 47 6ä1Xe3 Lä4Xo8 20 8ä2-k3 c5—c4 >48 Ikl-k3 8ä3-c1 21 Lä3—s2 Le7-d8 >49 Le2-c2 8olXu2 22 8k3—K4 g?—§6 50 Lk3Xe3 8a2Xc3 23 Le2—g4 g6-g5 51 Ic2X<-3 Lg8— c8(ä) 24 8k4-k3 8K7 °5 52 1e3-b3 1a8—a2 -I- 25 K2—K4 g5Xk4 53 RK2—K3 1a2-c2 26 8k3XK4 8e5-ä3 54 1b3-b6 Le2-c3 27 lel-kl 8a4XK2 55 LK5—g6(e) 1c8-d8 28 Väl-k3 Lä8-b6 56 LK6—b7 und 8ekwar/ kann Remis äurcb ewig 8ckaek nickt verweilen, äs auk 56. Vo7xb7, 67. VI.4X16-I-. Vb7-g7 58. vk6Xä8->-, Vg7-g8 59. Vä8—I6-i- folgt. — a) vor 8ug 6. LK5—e4 ist an äieser Stelle rwsikellos vorsnrieken. k) vie Einleitung ru einem umfassenden .4ngritk auk äis sekwarre Rönigsstellung, wsleksr jeäock von Ltvinitü in meisterliakter Weiss parirt wird. o) In diesem unsekeindaren Lauernrug otkcobart siel: der sckarks Rositionsblick Laskers. äer auck inmitten äes sekärksten Lngrilksspieles nie verabsäumt, für äen eventuell nötigen Rüekrug äis erkoräerlieke Deckung bereit ru kalten. Wenn in äen folgenden 2ügen äer 8pringer K4 nickt cum 8ckut2s äer vainonseits kätto kerangekükrt werden können, würde Ltoinitr mit seinem 6egenangri§ auk äeg'Dawenllügvl äurck- geärungen sein. ä) Mit 51. Rg8—g5 würde 8ckwar2 nickt nur äen lästigen Druck äer weissen Dame auk äen Runki k6 aukgelioben, sonäern auck seinen Riguren grössere Lswegungskreikoit vor- sekatkt und äaäurck die Möglickkeit einer besseren Vvrwertk- Vng seines materiellen Llebergowiekts erlangt kaben. e) Rin wokldurekdacktsr Äug, äurck welcksn sick Lasker tw Verein mit äom nickt minäer keinen uäcksten ?,ug das Remis sickert. 7. Rsrliv äes Wettkninpkes. — Seklussstellung nack äem 63. 8ugo von 8ckwarr. Weiss (Lteinitr): Rg5, 8g6; La3, K5. Lcbwar?, (Lasker): 1117, Le8; Ra6. 9. Rartiv. — Ltellung nack äem 32. Auge von Zelnvarr.' Weiss (Lteinitr): Rgl, Ral, b5; Ra4, k2, e3, g2, K2. 8ekwar2 (Lasker): Rg8, Re2, ä8; Le6, k7, g7, K7. Vie Rartis wurde nack äen 2ügou 33. k2—K3, g7—g6; 34. RK5—bl, 1ä8—ä2 als remis abgebrocken, äa Weiss äsn Verlust äes aLauern nickt verkitten kann. Weiss konnte aber mit 33. a4—a5 seinen Vortkeil bekaupten, äa nack33. g7—g6, 34. a5—a6, Rä8—ä2 wogen 35.a6—a7, Rä2—a7, 36. a7—a8-f- nickt angebt unä auck 35.1ä2Xk2 an a7—a8-l-v sekeitort. 10. Rarlio.— Lcklussstellung nack dem 41. 8ugs von Weiss: Weiss (Lasker): Lbl. Vg4, Ra7, Del; Ra2, b2. ä3. °6. k5. Lelnvarr (Lteinitr): I1g8, Vo8,Ld8, Le7; LK5, ä4, g7, K4. loässkall. — In Rerlin verstarb am 29. Xovewbsr v. äer Verleger äes „veutscksn Woekonsekacks" Herr W. 1. Rruer im 58. Vebens^akro. R. I. ?. — ^ukgabe Xr. 9. Das naekstekenäs kroblem >vuräo von äen bekannten Lekaek- meistern Xoktr unä Iloekelkoru in Holn äsm^.kaäs- misoben 8 okackklub in Müncken rugeeignöt: Lclnvarr. Mat in ärei 8ügen. rV. A. tlUeÄr/'.- Dreißiger lsiäsr wegen 2. Vk2—s3 unä 2. Xä5—c6 nickt verwendbar. Vielloickt können 8ie ikn verbessern? — r» .- II>rs kräl. Versickei ung, ein eitriger Verekrer unseres 8ckaekblattos. au sein, kat uns sekr gekrsut; wir kolken es auck kernerkin unä grüssen 8ie -s-kräl. 1 kl/. /«>- .- Warum das 8edaekbrstt stets so gestellt wird, dass reckt« ein weissos Rokkolä (ulokt links) sieb beknäet, kragen 8is? — viessr (lebrauek stammt sekon aus alter 8eit unä rwar liegt ikm äis mittelalterlicksRegel „regina servat eolorem" (äio Xünigin walirt die Rarbs — ikrerRartsi nämliek—) ru Vrunäs, laut weleker die weiss« Lönigin auk einem weissen, äis sckwarrs ebenfalls ant einem Reläo ikrer Darbe ru sieben katts. Leidem geregelten 8tanäort äss Xönigs nnä der übrigen Riguron ergibt gieb die weitere Rolgo von selbst!-6ckackkräl. Vruss! vio Xawen jener 8ekaekkreunäe, wslcks unsere Rnäspiolo und kroblemo riektig lösen, sowie die Lösungen inner kalk droiWookeu einsenden, worden stets an äieser 8tells vsr- öikentliekt. ^.llos auk das 8ekaek Lsrüglicko ist ausnakmslog so aäressiren: „Ln die Redaction des itngsdm goi' 8ebneK- blatt — Lake Lugnslkt — ktugsburg." "lMgl AiMMungsAatt M „Augsburger Postzritung". « 107 . Areitag, den 25. Dezember 1896 . Iür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von HaaS L Krabberr in Augsburg lVorbesitzer vr. Max Huttler). Weihnachten. Er geht eine alte Sage Vom Weihnachtsglockenklang, Als weckte er Frühlingstage Gleich einem Zaubersang. Die Vöglein im Geäste Singen ein seltsam Lied, Den Hauch vom hohen Feste Spüret das Reh im Ried. Der Schöpfung stumme Seele Thut sich in Sprachen kund, Nicht Sünde und nicht Fehle Schließt ihr wie sonst den Mund. Das göttliche Erbarmen Kommt allen Wesen nah', Sie müssen in Lieb' erwärmen Beim Engelgloria. Die Sagen das verkünden, Wer weiß, wer sie erdacht? Dein Herz mag sie ergründen In heiliger Weihenacht. Adolph Müller. -» -i-««»> l> -»- Sein Mündel. Novelle von I. v. Dirk ink. (Schluß.) Ja, Magnus war ernst, wie immer, aber Sabine war um so stolzer auf ihren Liebling, je mehr sie fand, daß Alice noch das alte, urwüchsige Kind sei. „Am Ende bleibt sie jetzt und hat von ihrer Irrfahrt in das Labyrinth der Kunst übergenug", sagte die Kolreuder pathetisch, indem sie mit dem Theelöffel spielte. „O, wenn Sie Recht hätten", seufzte Sabine, und sie nahm nun täglich Einladungen zu Kaffee- und Theevtsiten an; sie dachte, es sei das richtige Mittel, Alice in die rechte Beleuchtung zu bringen. Und nebenbei dachte sie, wenn Alice sich gefeiert und umworben sehe, söhne sie sich um so eher mit dem Gedanken aus, daß eine kleine Stadt doch auch ihre Reize habe. Da lief es wie ein Lauffeuer durch die Bekanntenkreise, „Louise Merkman habe sich mit dem Cellisten Letint verlobt". Das gab nun Redestoff in Hülle und Fülle, Frau Kolreuder lustig mit der Tongabel voran. „Künstlerehen thun nie gut", rief sie, „meine Cousine aus Berlin" — diese Cousine trat bet jeder passenden Gelegenheit aus den Coulissen der Großstadt hervor — „hat mir unglaubliche Dinge davon erzählt. Erst lieben und heirathen sie sich, er, weil er Schulden hat, und hat sie die alten abverdient, macht er neue. Dann kommt der Künstlerneid, und nach und nach beargwöhnen, endlich hassen sie sich, und nun hat eine Eule dagesessen — der Anfang vom Ende." Schrecklich! tönte es im Chorus, und viele spitze Blicke stachen auf Alice ein wie mit Nadeln. Das Mädchen verglich nach solchen Kaffeegesellschaften mit dem armseligen Unterhaltungsstoff die Kunstgenüsse der Großstadt, wo der Eine sich blutwenig um den Andern kümmert. Aber sie hütete sich, Sabine ihre Ansicht zu verrathen. Mit Fleiß hob diese alle Vorzüge eines gediegenen Haushaltes hervor. Dort im Flur standen in Reihe und Glied die dunkel gebeizten Eichenschränke mit kunstvollem Schnitzwerk, voll vcn den kostbarsten Leinenschätzen. An Festtagen glänzte die Tafel von Krystall und Silber, und der herrliche Hausgarten bot Lauben und lauschige Winkel, Blumen und Obst in allen Jahreszeiten. Welch ein Heim! Und was hatte sie aufgegeben, um Chimären nachzujagen I So dachte Sabine, als sie von Alice erfuhr, daß sie ihre Studien wieder aufnehmen würde. „Noch zwei Jahre, dann bin ich fertig ausgebildet", sagte sie und streichelte die hagere Hand des alten Fräuleins, die wahrhaft Mutterstelle an ihr vertreten hatte. Eines Abends war Alice im Nebenzimmer, als die Geschwister sich lebhaft unterhielten. „Du mußt den Traum begruben, es ist nichts, lass' sie ziehen!" sagte Sabine zu Magnus. Alice stockte der Herzschlag. Von wem sprechen sie? Ach so, Fräulein Kolreuder wollte verreisen, das hatte die Doktorin gestern gesagt. Also doch! Er liebte sie, und sie erwiderte diese Neigung nicht. O, diese Thörin! Gab es einen edleren, besseren Mann als Magnus? Ein heißes Mitleid mit ihm durch- fluthete ihr Herz, jetzt verstand sie sein ernstes, schwer- müthtges Wesen, aber im Hintergründe ihrer Seele barg sich etwas wie Genugthuung, daß er frei war, frei — aber — sie wagte den Gedanken, als ob er sündhaft sei, nicht auszudenken. Helle Schamröthe legte sich wie Purpur auf ihre Wangen. 826 „Wir haben im vorigen Jahre ein stilles, einsames Christfest gefeiert ohne Baum", erzählte Mine ihr treuherzig. „Wie wird es in dieser Weihnacht werden?" „Ich weiß nicht, mich hat Niemand zum Feste geladen", sagte Alice kleinlaut. „Ja, der Herr ist anders als sonst", gab Mine zu, „ein so guter Herr, aber zu gut, ja das ist es." Dieses Mal wurde der Abschied von ihren Lieben dem Mädchen doppelt schwer, denn das Leid der Enttäuschung stand Magnus auf dem Gesicht geschrieben, und das that ihr weh. Aber er war ein Mann und würde sich bald wieder finden, er, das Ideal edelster Männlichkeit. In Köln ging es wieder den alten Gang. Es war das geheime Weh, das ihr im verborgensten Winkel des Herzens saß, das sie mittheilsam machte. Der Geiger bedurfte ihrer, so meinte sie, denn er erzählte so viel von seinen Freunden und von alten Kollegen, die nach Ruhm gestrebt hatten und gescheitert waren — durch die Weiber. Es war ein verfängliches Thema, Alice verstand nur so viel daraus, daß er auf sie zählte als seine Verbündete im Kampfe mit der Versuchung. Und es keimte der Entschluß in ihr, ihn veredeln, ihn heben zu wollen, damit er auf sittlicher Höhe um so eher sein Ziel erreiche. Ob er sie nicht verstand? Sie gab ihm ernste Lektüre, aber so oft sie fragte, ob er gelesen, hatte er noch keine Zeit gefunden, aber ihr Interesse an seiner Person nahm er mit offenbarem Vergnügen wahr. Die Wittwe begann die Beiden schärfer zu beobachten. Einige Male, wenn Alice Abends von den Gürzenich- Konzerten heimkehrte, fand sie das Dienstmädchen ihrer harrend; es hätte einen Gang in der Nähe des Concertsaales gehabt, erklärte es dann; allein Alice schien es, als ob sie auf Schritt und Tritt belauert werde. Das verletzte ihre stolze Natur auf das Empfindlichste. Auch andere Bekannte schauten jetzt mit forschenden Blicken auf sie, und ihre Kolleginnen schlugen einen ihr fremden, frivol neckischen Ton gegen sie an. Alice fing an, über Manches nachzudenken; ihre Seele war rein, aber ihr ehemals herbes, offenes Wesen hatte in der neuen Atmosphäre einen milderen Ton angenommen. War es das, was die Leute befremdete; wer konnte ihr das Geringste nachsagen? Kurz vor Weihnachten schritt Alice unter solchen Gedanken, die sie heute völlig verstimmten, über den Domplatz, da trat ihr eine bekannte Frau aus der Vaterstadt in den Weg. „Guten Tag auch, Fräulein Alice I" rief sie freudig erstaunt. „Wie geht's? Sie wissen doch, daß Fräulein Sabine den Typhus hat? Nicht? Wissen Sie es nicht? Ach Gott, erschrecken Sie nur nicht so; der Kolreuder geht zweimal tagsüber hin; sie hat eine barmherzige Schwester, und Herr Magnus geht nicht vom Bette weg. Was das Gebet thun kann, thut es hier auch, die armen Leute stürmen die Kirche fast. Ja, das Fräulein war sehr gut zu den Armen." So plauderte die Frau, während Alice die Zähne fast aufeinander schlugen. Sie wußte später nicht, wie sie heimgekommen war. Zu Hause schrieb sie mit Bleistift an Magnus. „Ich höre, Sabine ist schwer krank, darf ich kommen? Ich vergehe vor Angst und Sehnsucht, warum schriebet Ihr nichts?" Nun folgten bange Stunden der Erwartung. Wird er schreiben oder nicht? Ach, haben sie mich so ganz vergessen? Am Abend blieb die Geige stumm; die Wittwe schickte das junge Mädchen frühzeitig zur Ruhe. Sie schlief keine Minute. „Mein Gott, erhalte Sabine, tröste meinen armen Magnus", flehte sie unter strömenden Thränen. Und nun kam die Reue, sie mit dem Gedanken zu quälen, daß sie die theueren Wohlthäter verlassen konnte, um einem Ideal nachzujagen. Wie ganz leer und nichtig schien ihr jetzt ihr Thun und Lassen! Aber wenn sie jetzt der Kunst Valet sagte, was sollte dann aus Tromholt werden? Ob er sie nicht nöthig hatte mit ihrem unverwüstlichen Jdealstnn? Es war ein heißer Kampf, den sie in der langen, schlaflosen Nacht kämpfte — wer würde siegen: — die Kunst? ES kam kein Brief; also Magnus wollte sie nicht. Aber er konnte noch nicht schreiben, er hatte den Brief ja kaum. So stürmte es in ihr. Gegen Abend kam der Geiger. Er fand sie bleich, verweint, er schien es nicht zu gewahren. Ein Egoist ist er doch, dachte sie. Aber er hatte Unangenehmes erlebt, sein Freund hatte sich verlobt. „Er hat eine Partie gemacht*, rief er. „Sara Rosenthal, sie ist Christin, aber ihre Vorfahren haben zwischen Euphrat und Tigris gesessen, sie ist sehr reich; er hat ausgesorgt." „Wieso?" fragte Alice kühl, — „was meinen Sie?" — „Ja, ja", bekräftigte er lachend, „ein Künstler, der eine Frau heimführt, die für sein irdisch Theil sorgt, hat das große Loos gezogen, eine wahlverwandte und geistige Freundschaft kann er nebenbei überall finden; — wir beneiden den schlauen Fuchs alle zumal." Er kam nicht weiter, Alice warf ihm einen flammenden Blick zu; doch ehe ihre Lippen sich öffneten, erschien das Dienstmädchen mit einem Briefe. „Von Magnus, Gottlob", stöhnte sie, und alles um sich vergessend, öffnete sie mit fliegenden Fingern das Couvert. „Komm'!" las sie, „komme sofort." Kein Wort weiter. Aber sie errieth Alles. Sabine war todt und Magnus wie vernichtet. Starr und stumpf gegen Alles saß sie da. Sie hörte nicht einmal, daß der Geiger sich entfernte. Vor diesem bleichen Schreckensbtlde wandelte es ihn wie Furcht an. Und er wußte es, er hatte sich verplappert, sie verachtete ihn. Doch was that das? Sie war eine Schwärmerin und überspannt. Jetzt ging sie sicher fort auf Nimmerwiederkehr. „Es thut mir leid", sagte die Wirthin, als sie am andern Morgen dem Mädchen beim Einpacken half, „daß Sie nicht wiederkehren, aber über den Tromholt ärgern Sie sich nicht weiter. Leichtes Blut, man erzählt sich Allerlei von ihm; da er aber ein guter Lehrer ist, habe ich ein Auge zugedrückt." Alice sagte kein Wort, es ekelte sie hier Alles an, aber ob sie nicht dennoch wiederkehren und ihre Studien vollenden mußte?! Sie seufzte tief. Nicht die Liebe zur Kunst war es, was sie Hinausgetrieben, es war ihr nicht schwer, davon zu scheiden. Aber gereift hatten sie die zwei Jahre in der Fremde und ihr Urtheil geschärft, Welt und Menschen mit anderen Augen anzusehen. Mit Wehmuth nahm sie von dem lieben, alten Köln Abschied. Aber das Herz war ihr so schwer von dem, was ihre Phantasie ihr als Zukunfts-Schreckbild vormalte. Wenn Sabine gestorben war?! * -i- * „Gottlob, sie lebt", rief Magnus, als Alice ihm schluchzend entgegentrat. „Ich nehme Deinen Platz ein, Magnus", rief Alice und trat auf den Fußspitzen an das Bett der Kranken. Es war eine schwere bange Zeit, die nun folgte; Alice theilt sich mit Schwester Auria in 827 ebeiikdklt ijl dikFliill«! dkiilrsFrilikS-Zchis! L^ipix / EW LLMN -Ä-.-L:^ä Mchweiget, ihr Himmel! schweiget, ihr Erden! Schweige, du ruhelos rauschendes Meer! Schweiget, ihr Stürme! Stille soll werden. Schweige, der Sterne unzähliges Heer! Denn ein Geheimniß, nie zu ergründen, Wirket der Liebe unnennbare Wacht: Bald wird getilgt die Menge der Sünden, Gott in der Höhe wird Segen und Ehre, Freude der Engel lobsingcndcm Heere, Friede den Menschen auf Erden gebracht. Sieh! aus des Himmels Hallen entsendet, Schwebt auf des Frühlichtcs zitterndem Strahl, Freundlich das Antlitz erdwärts gewendet, Strahlender Engel in's dämmernde Thal. Sieh! in der Aammer kniect die Eine, Der er entbietet den himmlischen Gruß: „Ave, der Herr ist mit dir, du Reine; Du bist erlesen, vom Geist zu empfangen ^hn, der da stampfet der höllischen Schlangen Haupt in den Staub mit allmächtigem Fuß." 828 die Pflege. Der Doktor schöpfte neue Hoffnung, die Krisis war überstanden, nur eine große Schwäche hinderte noch immer die Genesung. Wie oft trafen sich Magnus und Alice jetzt an dem Lager der Patientin. Sie wechselten nur wenige Worte mit einander, aber er hatte seinen Sonnenstrahl wieder, das Haus war nicht mehr so öde, wenn ihre liebe Gestalt wieder die Räume belebte. Wenn er wüßte, ob sie auch mit ungetheiltem Herzen wiedergekehrt sei? Da stand er, den heißen Kopf an die kalte Fensterscheibe gedrückt, und schaute gedankenverloren in den verschneiten Garten, wo eine einzelne Krähe und ein paar hungrige Sperlinge sich auf den schneebeladenen Aesten wiegten. Er sah seinen Liebling wieder vor sich, wie sie als Kind sich mit ihrer Puppe auf dem Rasenplatz getummelt und dann später als junges Mädchen die Blumen gepflegt hatte; die schönsten Rosensträuße hatte sie stets auf seinen Schreibtisch gestellt, und wie hatte ihr Gestchtchen gestrahlt, wenn er sie gelobt, ihr freundlich zugenickt hatte. Und dann kam die Zeit der Entfremdung zwischen ihnen, aber seit gestern wußte er es von Sabine, was sich das wunderliche Mädchen in den Kopf gesetzt hatte. Also darum trieb es sie hinaus in die Welt?! — Am heiligen Abend war es. Sabine hatte seit einigen Tagen schon ihr Bett verlassen und saß warm eingehüllt zwischen Kissen im Lehnstuhle nahe der Flügelthür, die in das Wohnzimmer führte. Alice war den ganzen Tag mit dem von Sabine in jedem Jahre selbst geübten Liebeswerk, Arme und Kranke zu beschenken, beschäftigt gewesen. Im Wohnzimmer stand ein herrlicher Christbaum, der von Magnus geschmückt worden war, ohne daß Alice eine Ahnung davon hatte. Die Geschwister waren im Bunde gewesen, ihren Liebling zu überraschen. Sie harrten der Heimkehrenden. Endlich läutete es an der Hausglocke. Magnus zündete die Kerzen an, indeß Alice z der Kranken in das Zimmer trat. Da tönten die Festglocken mit feierlichem Klang herüber. „Weihnacht! liebliches Fest", rief Alice und umarmte Sabine. „Deine Armen sagen tausendfach „Ver- gelt'S Gott" und lassen uns ein frohes Fest wünschen." „Doch was ist das?" unterbrach sie sich, ein blendender Lichtstrahl durchfuhr den Raum, denn Magnus hatte unvermerkt die Thüre geöffnet. „Magnus!" rief sie und flog auf ihn zu, „das ist Dein Werk, o Du lieber, bester Magnus, — mein alter Christbaum." „Aber o Gott", unterbrach sie sich, „ich habe nur eine Kleinigkeit für Euch Beide; sie wickelte ein paar Handarbeiten aus ihrem Körbchen und reichte sie hin. „Es ist so wenig", seufzte sie. „Ja", rief Magnus und zog sie in seine Arme, „Dich selbst sollst Du mir geben zum Chrtstgeschenk, willst Du?" Alice fuhr einen Augenblick wie erschrocken zusammen. Er sah ihr tief in die Augen. Sie standen voll Thränen, selige Thränen waren es. Ob sie wollte? „Gott segne Euch!" rief Sabine, und die Festglocken, sie läuteten Ja und Amen dazu. -—SS88VS-- Zm nördlichen Schwarzwald. (Schluß.) Wer ein wenig Sinn für architektonische Schönheit hat, kann sich beim Anblick dieser schlanken, gefälligen Ueberreste eines der ersten gothischen Bauwerke in Deutschland eines wehmüthigen Gefühls nicht erwehren. Ueber 600 Jahre hindurch stiegen aus diesen Mauern die Gebete und Lieder der nach der strengen Regel des hl. NorbertuS hier lebenden Mitglieder des Prämonstratenser-Ordens zum Himmel empor. Ein Jahr nach der Säkularisation des Stiftes, 1803, vernichtete ein Blitzstrahl die öden Klosterhallen, die zur Aufnahme einer Spinnerei bestimmt worden waren. Heiterer ist die Erinnerung, die durch den nahen Eselsbrunnen wach erhalten wird. Als nämlich die Herzogin Utha von Schauenburg 1191 den Entschluß zum Bau des Klosters gefaßt hatte, konnten ihre Räthe sich über den Ort nicht einigen. Eduard Brauer, der die Geschichte in zierliche und doch etwas stachelige Reimlein gebracht hat, ertheilt der Herzogin darauf das Wort wie folgt: „So wird mein Wille nie zur That, Der Nebel immer dichter; Geht, holt mir einen klüger» Rath, Der sei des Zweifels Schlichter!" Ein Esel war's, den schickt sie hinaus Bepackt mit reichen Schätzen: „Nun, lieber Treuer, such' mir aus Den besten von allen Plätzen!" Rath Langohr schleicht in trägem Gang — Dem weiland amtsgemäßen — Als wär' er all sein Leben lang Herzoglicher Rath gewesen." Endlich schleuderte er den ihm lästig werdenden Sack den Berg hinunter, und so mußte im Thal mit dem Klosterbau begonnen werden. An der Stelle des Eselsbrunnens aber hatte Freund Langohr gewaltigen Durst verspürt, und auf sein Scharren entsprang der belebende Quell. Ein angeblich von 1191 herrührendes Relief mit einigen Knittelversen hält das Andenken des biederen Esels in Ehren. Ob es das einzige Denkmal ist, das seitdem einem Esel errichtet wurde? Nachdem die Bütten-Wasserfälle, eine Hauptsehenswürdigkeit von Allerheiligen, die aber mehr durch ihre sehr romantische, theilweise an das Bodethal erinnernde Umgebung, als durch die Wucht ihrer Erscheinung selbst wirken, pflichtgemäß in Augenschein genommen und bewundert worden waren, begannen wir den Aufstieg zum Kniebis. Aufstieg ist eigentlich hierbei ein etwas prahlerischer Ausdruck; denn nachdem man eine kleine Weile unter ungemüthltchen Sonnenstrahlen gestiegen ist, wird der nadelbestreute Weg recht gemächlich und kühl. Rechts und links begleiten ihn schier endlose Waldungen, und wem trotzdem noch etwas fehlen sollte, der mache es jenem Bäuerlein nach, das uns dort entgegenkommt. Es weiß den Zweck der Fassung der kleinen, aus dem Walde kommenden Wasserläufe in hölzerne Rinnen richtig zu deuten, nimmt seinen Hut ab, drückt ihn ein, und aus der entstandenen Höhlung schlürft es behaglich schmunzelnd das aufgefangene, erquickende Naß. Bald thut sich wieder auf der Thalseite des Berges, in dessen halber Höhe wir wandern, der Wald auseinander und zeigt die ganze Großartigkeit des Schwarzwaldes. Dieser Ausblick ist so überwältigend schön, daß ich der festen Ueberzeugung bin, selbst ein preußischer Garde-Lieutenant würde sich dieser Natur gegenüber etwas klein vorkommen, was freilich mein Freund nicht zugeben wollte. Nach dieser stundenlangen prächtigen Waldwanderung, und nachdem uns ein Wegweiser noch ein wenig genarrt hat, erscheint vor uns die Schwabenschanze, ein morscher Thurm mit eingestürzter Treppe. „1796 erbaut", sagt s- AM «WUW« W ! !S S« WW k:KWÄ «eilige Familie. Nach dem Gemälde von B. Coletti. _ unser Führer, und wir sind fast bereit, ihm dies Mal Glauben zu schenken. Im übrigen machte sich das halsbrecherische Hinaufklettern nicht belohnt. Lohnender war unbedingt der Besuch des nahen Wirthshauses, das den anheimelnden Namen „Zur Zuflucht" sich beigelegt hat. Es liegt an der schönen, von Westen nach Osten über den ganzen Kniebis führenden Fahrstraße, die wir nun auch weiter über die Alexanderschanze verfolgen, ohne daß der aus dem kleinen Daniel so wohlbekannte Berg uns besonders zu begeistern im Stande gewesen wäre. Erst als uns das abseits liegende steile Rimbachthal aufnahm, erblühte wieder die Poesie des Schwarzwaldes, nicht ohne uns auch einen Blick in die hier zeitweilig so mächtig auftretende Naturgewalt werfen zu lassen. Friedlich und lustig springt der Rimbach in seinem rauhen Bette über das zackige Gestein, so daß man es sich gar nicht vorstellen kann, wie verderbenbringend dieser Gießbach sich geberden kann, wenn er, von den gewaltigen, schmelzenden Schneemassen und anhaltenden Regengüssen gespeist, höher und höher steigt und mit furchtbarem Getöse seine Fluthen in die Tiefe schleudert. Wir stehen an den Ueberbleibseln einer ehemaligen Steinbrücke, die mit einem soliden, hohen Bogen den Weg auf das andere Ufer führte. Ein halber Tag im März hat genügt, das Menschenwerk dem Haß der Elemente zum Opfer zu bringen, und so klettern wir nun vorsichtig hinab und retten uns mit Hülfe der Arbeiter, die für den Neubau der Brücke die schweren Steine bearbeiten, auf's andere Ufer. Drunten im Wolfachthal fallen uns zum ersten Mal die Schwarzwälder Trachten auf. Der Mann in Kniehosen, blauen Strümpfen und auf dem Rücken gestreifter Weste ist an der Arbeit. Vor der Sonne schützt ihn ein runder Hut, wie ihn die anglikanischen Geistlichen tragen und der deshalb in England kurzweg als der vlsrioal flut bezeichnet wird. Den Frauenkopf bedeckt ein großrandiger Strohhut. Der fußfreie, etwas abstehender Rock läßt der Strümpfe Blau sehen, und das mit Vorliebe geblümt getragene Taillenstück ist mit breiten rothen Litzen eingefaßt, die auf den Schultern in zwei kühnen Schleifen endigen. In dem schönen, sich erbreiternden Thal erscheinen zur Belebung der Landschaft Häuser in Schweizer Format, wie wir sie als Kinder aus Bilderbogen geschnitten und aufgerichtet haben. Die Straße wird immer reiner und besser, und plötzlich treffen wir einen Mann, der mit seinem Mützenschild „Wegewärter", mit seinen Wegever- schönerungs-Jnstrumenten, die dem Chausseegras genau die Grenzen seiner Naturfreiheit bestimmen, und mit seinem ganzen beamtenmäßigen Aussehen keinen Zweifel mehr läßt, daß wir uns menschlichen Ansiedelungen nähern, in welchen der Frack und die weiße Binde die Menschen in wandelnde konventionelle Lügen umwandeln. Rippoldsaul Jedem Verehrer Scheffel'scher Muse steigt bei dem Namen im Geiste die Gestalt des Mönches Rippold auf, der, krank und lebensmüde, sich in das selbstgefertigte Felsengrab gelegt hatte, als plötzlich der Quell durchbrach und ihn in die Höhe warf. Aber als er triefend sich verwundert betrachtet, da merkt er wie Ein neues Leben durchzuckte die Glieder, Als kehre die Kraft und die Jugend ihm wieder. Dies Wunder erneuert zu sehen, ziehen jährlich 1500 ^Fremde aus allen Welttheilen in das Thal, das jetzt noch so vereinsamt sich ausnimmt. Auch das große Cur-Etablissement und die Hotels sehen noch verschlafen aus und beginnen eben erst Sommer-Toilette zu machen. Auf den Balkönen werden alle möglichen Gegenstände, die man dort fönst nicht zu sehen gewohnt ist, in die frische Frühlingsluft hinausgehangen; hier bemüht sich ein Mädchen, die Doppelfenster abzunehmen, um dem Ozon und den Odstrahlen den Eingang in die dunstigen Räume nicht länger zu verwehren; ein Gärtner übt einen kleinen Betrug, indem er seine Topfpflanzen in die Erde eingräbt, um den Eindruck eines blühenden Hausgärtchens bei harmlosen Gemüthern zu erwecken. Einen altersschwachen Baum hat man ausgemauert, damit eine Lücke in der Allee den Badegästen nicht ein ästhetisches Unbehagen verursacht und dadurch den Erfolg der Cur in Frage stellt. Ja, ja, „eine gute Verwaltung ist die Grundlage bürgerlicher Wohlfahrt", belehrt uns der Magistrat etwas selbstbewußt vom Schul- und Rathhaus von Klöster! e herunter. Denn dahin sind wir bei unsern Beobachtungen ganz von selbst gekommen. Das Bad Rippoldsau besteht nur aus den Cur- und Bade- Häusern, in welchen die Stahlsäuerlinge Josephs- und Wenzel-Quelle und die sogen. Natroine gefaßt sind, während die 1830 von dem Curhausbesitzer Goeringer entdeckte, übrigens sehr sparsam fließende Leopoldsquelle einen Tiefbau am Wege nach Klösterle mit der bekannten, das Eisen-Oxydul verrathenden rothen Färbung, versteht. Gegenüber dem Rathhaus mit dem weisen Spruch erhebt sich hier, wo früher ein Benedictiner-Prioriat seinen Sitz hatte, eine zweithürmige Kirche, die einen prächtigen Schmuck für die ganze schöne Gegend abgibt. Kaum haben wir noch Zeit, die hübschen Wandgemälde des Gotteshauses und das Gnadenbild uns zu betrachten, als schon mit fröhlichem Peitschenknallen die Privatpost des Curhotel-Besitzers herabrollt, und fort geht's in den duftenden Abend hinein. Der forellenreiche Wolfbach schlängelt sich im wiesenbedeckten breiten Thalgrund gemächlich dahin, und leiser, lauer Windhauch fächelt die jungen Blättchen, die sich verwundert nach allen Seiten umschauen und verneigen. Von einem Felsblock grüßt uns links ein kleiner klosterähnlicher Bau, wie von Zuckerguß hergestellt, das Bergle. Alles ist so harmonisch abgestimmt, so friedlich und ruhig, als könne es nie anders sein. Aber unsere Braunen stutzen jetzt. Ein großes Loch thut sich in der Straße vor ihnen auf, das nur mit großer Vorsicht umfahren werden kann. Dann folgen in kurzen Zwtschenräumen noch eine ganze Anzahl von Stellen, wo das reißende, etwa sechs Stunden anhaltende März-Hochwasser lange Strecken der an manchen Stellen dem Felsen abgetrotzten Straße verwüstet hat. Ueberall regen stch rüstige Hände zur Wiederherstellung; denn wenn der große Schwärm der Curgäste das Thal bevölkern wird, darf keine Unebenheit mehr sich zeigen. Im großen Staat der echten schwarzwälder Volkstracht ziehen Männlein und Weiblein auf dem Weg nach Schapbach dahin. Erstere tragen zur Erhöhung der Feierlichkeit Schleifen an den Röcken, wie man in unsern Ballsälen die sogenannten Festordner decorirt, und ein reiches Gehänge, des Bauers Brechte, ziert das Mieder der Frauen. Aus dem Wirthshaus des Ortes erschallt fürchterliche Musik, die nichtsdestoweniger keine gewöhnliche Tanzmusik vorstellt. Drei über und über geschmückte, an der äußern Treppe gruppirte Tannenbäumchen zeigen an, daß größeres hier sich begibt, eine Hochzeit I Und zu dieser ist alles von weit und breit eingeladen I Schapbach selbst ist ein romantisch gelegener Ort. Vom hohen 831 Bergkegel schaut die altehrwürdige Dorfkirche ernst hinab, und jedes der ziemlich zerstreut liegenden Häuser ist eine Individualität für sich. Auf der weiteren Fahrt verliert sich der Schwarzwald-Charakter des allmählich sich verbreiternden Thales mehr und mehr. Die Straße beschatten die verschiedensten Obstbäume, aber die Häuser behalten ihr behäbiges, solides Aussehen. Durch das langgestreckte Dorf Oberwolfach mit den Trümmern eines ehemaligen Schlosses rumpelt der Wagen, um gleich darauf in Wolfach eine in die Schwarzwaldbahn einmündende Bahnstrecke zu treffen. - — - Perugia. Von Emil Roland*). Es ist Abendmufik auf dem Corso Vannucci. . . . Bei dem lauten Geschmetter der kriegerischen Melodie wandelt die Menge auf und ab — zwischen malerischem Volk der Gasse stolziert junges Militär mit blitzenden Augen, schreiten Frauen mit mattbraunem Teint und feinem Gesichtsoval, den schwarzen Spitzenschleier um das tiefschwarze Haar geschlungen, der noch immer lebendige Typus von den berühmten Madonnen der umbrischen Schule. Die Mädchen von Perugia, die oft gemalten, oft besungenen, machen ihrem alten Schönheitsrenommäe noch heute Ehre, und es flackert in ihren schmalen Augen jenes melancholische Feuer, das von jeher so wohl zu versengen und so gut zu entflammen verstand. Die alten Paläste, die zwischen den neuen Bauten am Corso stehen, werfen die nächtlichen Riesenschatten über das wogende Gedränge. Ihre Pforten sind weit geöffnet, und Lichterschein fluthet über die Treppe. Man könnte meinen, die stolzen Gestalten jener Geschlechter, die hier gehaust, deren steinernes Wappen über dem Portal das Moos des Alters begrünt, wollten in der nächsten Minute die Stufen herabspringen, um sich in das abendliche Treiben zu mischen, lebenslustig und festesfroh, wie sie waren, oder wild und ungebändigt, wie sie sein konnten, wenn es Streit und Fehde galt, hineinzustürmen in das wandernde Volk und die alte Fackel des Bürgerkrieges, die so oft hier gebrannt, aufs neue zu entzünden. Wie viel Blut ist in den Gassen Perugias geflossen, aus dem hohen Felsen, der die Hauptstadt Umbriens so diademartig am Scheitel trägt! Römer und Gothen, Langobarden und Ghibellinen haben in wildem Haß um die alte Etruskerstadt gekämpft, und als keine heranziehenden Feindesheere sie mehr bedrohten, da zerfleischten sich ihr kühnen Geschlechter untereinander. „Ueber ihre Thore statt der Muse meißeln die Baglioni die Meduse", heißt es im Liede — und wahrlich I Medusenhaft blickt es einem überall aus der Geschichte der Stadt entgegen — immer wieder Mord und Schrecken, Schrecken und Mord . . . Untergegangen sind jetzt die Geschlechter alle: Von den Baldeschi, den Oddi, den Fortebraccto lebt nur mehr der Ruf ihrer wilden Tapferkeit; nur ihre steinernen Häuser stehen noch an den alten, engen Straßen. Häuser mit prächtigen Fassaden und jenen leeren, eisernen Fackelringen unter den Fenstern, aus denen nun nie mehr eine nächtliche Leuchte hervorglüht. Finster und todt führen bergauf und bergab die zahllosen Gassen Perugias. *) In ter Berliner „National-Ztg.". Eine dumpfe Luft weht von den kalten Wänden, und nur als schmaler Streif zeigt sich der sternenbesäete Himmel über den Dächern. Von einem Haus zum andern schwingt sich der steinerne Bogen, an dem sich grünes Geranke wie flatternde Fahnen herniederhängt — ein Durcheinander von Straßen und Gäßchen, in die alle als einziger Lebenston die Melodie klingend hineinzittert, die oben auf dem Corso Vannucci die Militärkapelle spielt. Vannucci ... es ist der Name Peruginos, des größten Sohnes der Stadt. Neben der blutigen Geschichte der Wirklichkeit ging in diesen Mauern die Geschichte der Kunst still einer hohen Blüthe entgegen. Wenige Schritte den Corso hinauf schatten zierliche Fensterreihen sich auf dem Pflaster ab — die Fenster der alten Handelskammer sind es, das Collegio del Cam- bio, in die Perugino seine besten Bilder gemalt hat, leicht hinschreitende Gestalten aus römischen Sagen und heiligen Legenden — und nur wenige Straßen weiter schuf an niederer Klosterwand Raphael sein erstes Fresco. Die Kunst hat der Stadt Perugia jenen Stempel aufgedrückt, der wie ein Magnet die Pilger Italiens in die stillen Berge Umbriens hineinzieht. Die alten Kämpfe sind verhallt, aber die alten Bilder sind geblieben und werfen ihren versöhnenden Glanz über die blutig-wilde Geschichte der Stadt. Kirchen und Kapellen, herrliche Brunnen und antike Thore schmücken die Plätze Perugias, und die Gefilde ringsum, jene weiten, eigenartigen Thäler, von Weingeländen durchzogen, von kahlen Bergen umringt, breiten der Felsenstadt zu Füßen ihren weiten Teppich aus. Ein Blick ist es, der nicht nur das Auge entzückt, sondern auch die Gedanken emporträgt, denn jenes Thal, das der nächtliche Vollmondschein überfluthet, ist das Thal des Tiber! und jene Sterne gegenüber an den Bergen leuchten über Assist . . . Es ist Mittag. Die heiße Sommersonne sengt glühend auf die blendend weiße Terrasse herab, an der das hohe Gebäude der Präfektur steht mit seinen schönen, gewölbten Hallen- gängen, dem großen Engländerhotel gegenüber, das zu den besten Italiens gehört. Reisende Englishmen haben es in Mode gebracht, und wo der Engländer sich niederläßt, gibt es meist zweierlei: Sehenswürdigkeiten und Komfort, beides ersten Ranges. Die Nation hat einen raffinirten Spürsinn für dieses Ensemble. Riesige Bosketts schmücken den Platz, südliche Pflanzen, welche die tropenhaft warme Sonne kaum versengt. Aus den Körben der Blumenmädchen duften die Goldlacksträuße mit ihrem reichen, berauschenden Geruch. Viktor Emmanuel, der Unvermeidliche, hält hoch zu Roß vor der Präfektur. Hier ist das moderne Perugia, der elegante, blendend neue Theil, der neben den engen Gassen der alten Stadt recht wie der Zoll aussteht, den Perugia der neuen Zeit hat zahlen müssen — schön, aber un- charakteristisch. Nicht weit davon steht natürlich auch Garibaldi, und so natürlich es ist, daß die Söhne des Königreichs Italien ihren Nationalhelden Denkmale errichten, so wenig harmonisch passen doch diese Neuzeitgrößen in die Physiognomie der Stadt, so theatralisch erscheint ihre Besreierpose dem Auge, das sich an den sanften Linien Peruginos eben gelabt, an dem größeren Zuge des Pinturicchio erquickt hat. Eingelullt in den Zauber der Kunst, umstrickt von ihrem gefangennehmenden Reiz, träumt sich der Fremde in Perugias sonnenhellen Straßen ganz in die alten Tage der Blüthezeit 832 zurück, hört aus dem Geplauder der schönen Brunnen erloschene Stimmen reden und verfällt tm Zwielicht der Kirchen einer seltsamen Weltvergessenheit. In anderen Gemäldesammlungen geht man gleich- giltig. an vielen Werken der umbrischen Schule vorbei und mag nicht allzu viel von denen wissen, auf deren Schultern Naphael stand. Hier aber in dem weiten Museum, das Leo XIII. gegründet hat, da er noch Bischof von Perugia war — hier, vor diesen hohen Wänden, an denen nur umbrische Maler — und oft in sehr verstümmelten Werken— vertreten sind, empfindet man weniger Bewunderung eines einzelnen Bildes, als mehr eine tiefe Achtung vor dem großen Zug in den Seelen dieser Menschen, die befähigt waren, langsam, aber sicher die Höhe der Kunst herbeizuführen. Und tritt man aus den hohen Bildersälen — etwas madonnenmüde geworden nach all' der lächelnden Sanftmuth in den alten Bildern — auf eine der kleinen Terrassen hinaus, die wie Vogelnester an den hohen Mauern des Palazzo Publico hängen, so empfängt wieder die reizvollste Gegend den Blick. Sonnen- getränkt, von dem feinen Staub umweht, den der Wind selbst an den heißesten Tagen über die Berghöhe trägt, breiten sich Perugias graubraune Dächer am Abhang aus. Chpressengärten dunkeln herauf; jenseits schwingt sich Berg an Berg sanft gebogen in die Himmelsbläue. Und man empfindet, wie sehr diese Landschaft zu jenen Malern paßt, wie sie gerade aus dieser Natur nicht anders hervorwachsen konnten, wie friedlich und abgeschlossen von der großen Welt diese Künstlerheimath in stiller Harmonie daliegt, ein unentweihtes Fleckchen Erde, das nur flüchtig von leisem modernem Hauche berührt ward. Wie seltsam — ein friedevolles Idyll — mögen wohl Leo XIII. die Jahre erscheinen, da er noch in der Stille Perugias diese Bilder sammelte, da er täglich vom Fenster der Bischofswohnung aus die kühne Settenfassade des Palazzo Publico vor Augen hatte mit ihrem gothischen Schmucke und der stolzesten Trophäe, deren sich die Städte Italiens einstmals rühmen konnten: mit den Ketten und Thorriegeln des besiegten Siena über dem Portal . . da er den Fönte maggiore noch plätschern hörte, den der Kunstkenner als den schönsten Brunnen seiner Zeit bewundernd rühmt?! Jetzt steht die Marmorstatue des Papstes im nahen Dom, dem herrlichen Signorellt-Bilde nahe, das so kräftig erscheint in seinen herberen Farben nach all' den schwebenden Himmelsgestalten Perugias. Leer und unvollendet ist dieser Dom, ein großer Steinriese, der den Corso Vannucci wie eine gewaltige Coulisse begrenzt. Nur am Sonntage, wenn die Weihrauchwolken des Hochamts durch die Kirche schweben, fluthet buntes Leben um seine Altäre. Wie malerisch erscheint dann dies Volk von Perugia, wenn es in farbigen Trachten betend an den Pfeilern kniet! DaS fromme Perugia ist reich an Kirchen. Das Auge kann sich hier satt trinken an den reizenden Formen der Renaissance, wie vor dem wundersamen Oratorium des heiligen Bernhard, oder die antiken Säulen jener alten Rotunde bestaunen, die einsam im „Thale" - vor den Mauern liegt. Aber das schönste Kirchenbild, das sich am unvergeßlichsten einprägt, bleibt doch die Aussicht von der großen Terrasse der Präfektur, wenn die heißesten Sonnenstrahlen verglüht sind und der verklärende Abendschein dem allzu hellen Glänze gefolgt ist. Aus der einförmigen Häuserreihe hebt gewaltig und gigantenhaft Sän Dowentco sein hohes Dach über der Stadt. Der braune Stein erglänzt goldig tm Schein des sinkenden Gestirns. Die Höhe des Berges küßt noch das Licht, während unten aus der ThaCenkung bereits blaue Schatten der Dämmerung heraufschwtmmen. Weiter hinaus steigt schlank — man könnte fast sagen jugendlich — Pietro de Casstnensis spitzer Thurm über den Klostermauern empor, die reichste Kirche Perugias, fast ein Museum nach der Fülle der Bilder, dem Reichthum der Säulen, der Menge ihrer Kunstwerke. An solch' eine« Abend auf der alten Straße entlang zu wandern, solchen Schätzen entgegen, während der Sonnenball hinter den Apenninen versinken will und das Avegeläut von allen Seiten Perugias her wie ein vielstimmiger Chor die Luft bewegt — dann durch das alte Römerthor zu schreiten in den Wipfelschatten der Anlagen hinein, die von steinerner Balustrade umschlossen am Ende der Stadt daliegen, wie ihr herrlichster Schlußeffekt, und ausgebreitet sehen vor dem trunkenen Auge, in rothviolette Farbengluth gebadet, dies wundersame Thal des Tiber, die heilige Landschaft mit den einfachen, edlen Linien, diese fruchtbare Erde, unter der die alten Etrusker, die ersten Gründer der Stadt, ihre ernsten, großartigen Grabkammern gewölbt haben, die heute der Spatenstich des Herrschers vor staunenden Nachweltaugen auf's Neue an's Licht bringt — den ganzen Zauber Umbriens gleichsam mit einem Zuge schlürfen, das Schönheitsgefühl schwelgen lassen an diesen wunderbar gezogenen Linien des Apennin, die in der seltsamen Durchsichtigkeit des Lichtes fast greifbar nahe erscheinen, während wie ein Kleinod am Berge das helle Asstsi der sinkenden Sonne gerade gegenüberliegt: das ist es, was in sommerlichen Abendstunden auf den Wegen Perugias der entzückte Pilger sucht und findet. --««SS-S- Schachaufgabe. Von C. A. Gilberg. Schwarz. 6 v Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt Auflösung des Telegraphenräthsels in Nr. 105: Frohe Weihnachten. (Frosch, Newa, Elise, Hansa, Schatz, Ente). M 1V8. Moutag, den 28. Dezember 1898 . ikür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen ZnstitutS von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbesitzer vr. Max Huttler). Der Aussah in Birma') Die furchtbarste Geißel, unter welcher die Völker des Orients zu leiden haben, ist ohne Zweifel der Aussatz. Der Westländer, der diese Krankheit nur dem Namen, aber nicht auch ihrem Wesen nach aus den Schriften deS alten und neuen Testamentes kennt, mag nach allem, was er hier darüber findet, leicht zur Meinung hinneigen, daß der Aussatz eine Krankheit ist, die erstens nicht zu häufig auftritt, und die zweitens auch heilbar sein kann. Beides kann und wird auch einmal, in alter Zeit nämlich, der Fall gewesen sein. Das Gesetz, nach welchem alles, was da ist und war, sich aus kleinen Anfängen entwickelt, seinen Kulminationspunkt erreicht und endlich niedergeht und ganz verschwindet, dieses Gesetz gilt, wie man beobachtet hat, für Krankheiten nicht minder wie für andere Erscheinungen der Natur und Kultur. Wenden wir eS auf den Aussatz an, so können wir wohl behaupten, daß diese Krankheit in unsern Tagen auf ihrem Höhepunkt steht, jedoch mit dem Zusätze, daß fie diesen Höhepunkt nicht erst in unserer Zeit, sondern schon vor langem erreicht haben mag. Nicht die Verbreitung des Aussatzes, sondern seine Erscheinungsform ist es, welche uns zu dem Urtheile berechtigt, daß er einer Steigerung nicht mehr fähig ist. Er ist zwar in allen Gebieten des Orients und ebenso in der gemäßigten wie in der heißen Zone zu finden, und er verschont keine der eingeborenen Rassen; was ihm aber mehr als seine Extensität furchtbare Bedeutung gibt, das ist die Intensität, in welcher er überall auftritt, daS ist der Umstand, daß er sich überall in derselben abschreckenden Gestalt zeigt, ob er nun sporadisch oder endemisch erscheint. Wenn irgendwo, so ist der Aussatz in Btrma als Endemie zu bezeichnen. Hier ist er zu Hause wie sonst nirgends in Asien, denn wenn wir die Bevölkerung Birmas zu zehn Millionen annehmen und die darunter befindlichen Aussätzigen auf beiläufig 30,000 schützen, so entfällt auf 333 Seelen ein Aussätziger, ein Verhältniß, wie eS bei einem andern Volke des Orients wohl wer-er in alter, noch auch in neuerer Zeit zu finden sein dürfte. So schrecklich aber diese Verhältnißzahl uns erscheinen mag, so wenig Eindruck scheint fie auf die Birmanen *) Wir entnehmen diese Skizze der „Oesterreichischen Monatsschrift für den Orient", die von dem k. k. Handelsmuseum in Wien herausgegeben wird und eine reiche Quelle für die Kenntniß der Ostländer bildet. selbst zu machen, denn durch nichts haben sie bis nun auS Eigenem versucht, dem Umsichgreifen des Aussatzes Grenzen zu setzen. Während die Chinesen beispielsweise die mit dem Aussatze Behafteten sofort aus der Gemeinde entfernen, an einsamen Orten isolieren, ja sogar gewaltsam aus der Welt schaffen, um sich vor Ansteckung zu schützen, begnügen sich die Birmanen damit, erst die in einem höhern und für ihre Mitmenschen schon unerträglichen Stadium des Aussatzes sich befindenden Kranken von der allernächsten Berührung mit der Gesellschaft auszuschließen; daß sie dies aber weniger aus Furcht vor Ansteckung und Vererbung, als aus Ekel und Abscheu vor dem entsetzlichen Aussehen der Aussätzigen thun, das beweist die Thatsache, daß die Gesunden mit den in den Anfängen der Krankheit Stehenden zusammen wohnen bleiben und verkehren, ja, daß sogar Ehegatten, von denen ein Theil intakt und der andere aussätzig ist, dem Zusammenleben so lange kein Ziel setzen, bis der kranke Gatte sich dem Zustande nähert, in welchem er zu einer alle Sinne beleidigenden abstoßenden Masse, zu einer lebendigen Leiche wird. Keine höhere Rücksicht hebt den nahen Verkehr der Gesunden mit den erst in leichterem Grade Erkrankten auf, und keine höhere Rücksicht, nicht Menschlichkeit, nicht Liebe, nicht Dankbarkeit, nicht Pietät, macht eS den Gesunden zur Pflicht, sich der schon in höherem Grade Erkrankten erbarmend anzunehmen, ihnen ihre Leiden zu lindern und den Rest ihres todgeweihten Daseins erträglich zu machen. So wird eS in Birma von Armen und Reichen gehalten, und obwohl jeder sich sagen kann, daß auch ihm die schreckliche Krankheit mit allen ihren der Natur und der unmenschlichen Sitte entsprechenden Folgen oroht, stehen doch alle dem Uebel — bis auf das Gefühl des Ekels — gleichgültig gegenüber. Von dem Leben und Leiden der Aussätzigen in Birma entwirft uns k. Johann Wehtnger, ein katholischer Missionär, der während eines mehrjährigen Aufenthaltes in Birma viel mit Aussätzigen verkehrt hat und durch die Gründung eines Hospitals den unglücklichsten aller Menschen ein Asyl zu schaffen bestrebt war, ein anschauliches Bild. Wenn k. Wehinger bemerkt, daß eS ihm unmöglich gewesen sei, zu erfragen, zu welcher Zeit in Birma der Aussatz (Lepra) zum erstenmale aufgetreten sei, so ist dies begreiflich, und eS wird auch niemand anderem gelingen, auf diese Frage Antwort zu erhalten. Gewiß ist auch schwer zu behaupten, daß die Krankheit durch einwandernde Fremde ringe« führt sei, weil erst im sechzehnten Jahrhundert Einwanderungen stattgefunden haben und die Birmanen wissen wollen, daß es schon vor dieser Zeit Aussätzige in Birma gegeben habe. Wir müssen eben den Aussatz in Birma ebenso für autochthon ansehen wie in anderen Gebieten des Orients; er entstand, wuchs, erreichte eine Kulmination, und niemand kann in Rücksicht auf die ersten kleinen Anfänge und unbedeutenden Erscheinungen sagen, wie und wann er entstand. Als Ursachen oder vielmehr Bedingungen deS Aussatzes nennt ?. Wehinger: große Armuth, ungenügende Nahrung, Unreinlichkeit des Körpers und der Wohnung, die dort den größten Theil des Jahres herrschende Hitze, verbunden mit den von den Sümpfen und Urwäldern aufsteigenden Miasmen. Alles dies mag wesentlich dazu beitragen, dem Auftreten der Krankheit Vorschub zu leisten, doch glauben wir nicht, daß eine medizinische Aetiologie damit ihr Auslangen finden würde, und vielleicht gehen wir nicht irre, wenn wir die Birmanen, wie andere Orientalen, hauptsächlich vermöge ihrer psychischen und physischen Schlaffheit und Trägheit zur Aufnahme des durch Vererbung fortge- züchteten Krankheitskeimes für disponiert halten. Da k. Wehinger auf Grund seiner Erfahrungen die Ansicht ausspricht, daß die enorme Vermehrung der Leprafälle theils auf Vererbung, besonders aber auch auf Ansteckung, zurückzuführen ist, so erscheint das indolente Verhalten der Birmanen der Krankheit und den Kranken gegenüber geradezu ungeheuerlich. Man unterscheidet in Birma zwei Arten von Aussatz ; den feuchten oder eiternden und den trockenen Aussatz. „Die ersten Kennzeichen der feuchten Lepra sind große weiße oder auch gefärbte Flecken auf der Haut, welche an diesen Stellen ihre Empfindlichkeit verliert. Auf diesen Flecken oder daneben erscheinen bald Klümpchen, welche immer größer werden und die Größe einer Erbse oder auch Haselnuß erreichen. Am zahlreichsten und am größten find die Knötchen im Gesichte. DaS Aussehen der Leprakranken wird ganz gräßlich. Sein kupferrothes, «tt tiefen Furchen und Tuberkeln beladeneS Gesicht hat nichts mehr Menschliches an sich. Seine Augenlider schwellen unermeßlich an. Die an den Augenbrauen, an der Nase und am Kinn in Menge erscheinenden Klumpen geben dem Kranken ein fürchterliches, löwenähnliches Aussehen. Deshalb wird dieser Grad des Aussatzes öfters auch Leontiasis genannt. Die Finger krümmen sich und werden zugleich mit der ganzen Hand starr und steif. „Dieses erste Stadium kann jahrelang dauern, und wie schrecklich es auch sein mag, ist es doch eine Frist, deren Fortdauer der Kranke wünscht, um den nachkommenden Entwickelungen der Krankheit zu entkommen. Während dieser Periode sind in der That die Schmerzen nicht so heftig oder wenigstens nicht lange anhaltend. „Die Krankheit nimmt jedoch ihren weiteren Verlauf. Von den genannten Tuberkeln bricht eines nach dem andern auf, es entstehen klaffende Wunden und Geschwüre, und so erneuert sich das Leiden beständig . . . Dazu kommt, daß diese Geschwüre stets vernachlässigt werden, und so wird der erbarmenswertste Leprakranke allmählich seinen Mitmenschen und sich selbst zum Ekel. Die Ftngerglieder fallen eins nach dem andern ab oder trocknen auf. ES kommt auch vor, daß ein Fuß, eine Hand ganz verschwindet. Aehnlich dem Vater Job fühlt der Unglückliche, wie sein Körper, gleich einem von Warmem zerfressenen Kleid, in Stücke zerfällt, und er bittet Gott, ihn sterben zu lassen. Jedoch weil die Krankheit seine hauptsächlichsten Lebensorgane noch nicht angegriffen hat, ist er zum Weiterleben verurtheilt, bis die Geschwürbildung in das Innere seines Körpers dringt. Die Krankheit schreitet immer vo/würts, greift erst den Mund an. Die Luft- und Speiseröhre werden gewöhnlich zuletzt angegriffen, und es ist oftmals Erstickung, welche dem armen Leprakranken das Ende seiner Schmerzen bringt. Falls ihn Erstickung nicht befreit, bringen die in den inneren Organen stattgefundenen Zerrüttungen den Tod. Schon lange vor dem Tode verbreitet sich um den Leprakranken herum der äußerst üble Leichengeruch, und der Körper ist sozusagen schon lange abgestorben, bevor der Leidende das Ende seiner Tage, das Ende seiner Leiden erreicht hat. Und doch — in diesen vergifteten Ueberresten eines menschlichen Körpers — sollte man es glauben? — wohnt noch eine Seele. Wir fragen diese Leiche, und sie gibt uns Antwort, und wir zittern .mit Schauder, indem wir in ihr Verstand, Gedächtniß und, was einen zu Thränen rührt, ein Herz finden — ein Herz — das nicht sterben kann und noch für die liebevolle Sorge, die seinem langen Todeskampfe beiwohnt, Dankbarkeit beweist. Bei dem trockenen Aussatze find es ebenfalls die äußersten Glieder, die zuerst dem Uebel zur Beute anheimfallen. Es bilden sich alsdann in den verschiedenen Körpertheilen immer mehr rothe Brandflecken. Allmählich entfleischen sich alle Glieder. Die Knochen jedoch, anstatt sich, wie bei deM feuchten Aussatze, vom Körper loszutrennen, bleiben vereinigt, von der bloßen Haut bedeckt und zusammengehalten. Dieses lebende Skelett gleicht einem ausgedörrten Baume, der, noch von seiner schützenden Rinde umgeben ist. Die Gelenke der Glieder allein scheinen etwas aufgeschwollen. Endlich bleibt für die gierig immer weiter zehrende Krankheit kein Zehrstoff mehr — der Tod tritt ein." Diesem furchtbaren Krankheitsbilde entsprechen'auch die Zustände, die in Hinsicht auf die Behandlung der Leprakranken in Birma herrschen. Wie schon bemerkt, werden hier die Aussätzigen nicht, wie eS in Jydten und China geschieht, aus der Nähe der Gesunden verbannt sondern sie bleiben in ihre« Hause und unterhalten, so lange ihre Krankheit noch in den ersten, weniger abstoßenden Stadien steht, fast dieselben Beziehungen mit der Gesellschaft und Familie wie zuvor. Und dabei versuchen eS die Gesunden nicht, dem Fortschreiten der Krankheit durch die Anwendung irgend eines Mittels ein Ziel zu setzen oder ein Palliativ zur Linderung der Schmerzen der Kranken anzuwenden, ja, sie denken gar nicht daran, sich durch prophylaktische Maßregeln und Mittel vor der Gefahr der Ansteckung wenigstens einigermaßen zu schützen. Erst wenn das Uebel schon einen für die Gesunden unerträglichen Grad erreicht hat, wird der Kranke gemieden. Inmitten ihrer Familie, umgeben von zahlreichen Bekannten, sind die unglücklichen Aussätzigen verlassen, ja sich ganz selbst überlassen. Auf den Straßen, auf öffentlichen Plätzen, am Eingang der Kirchen und Pagoden fitzen die Aermsten der Menschheit niedergekauert, um durch den Anblick ihres fürchterlichen Elends das Mitleid der Vorübergehenden zu erregen. Das Leben der armen Aussätzigen ist schon an und für sich ein äußerst qualvolles; der Leib, gefoltert von schrecklichen Schmerzen, faulend an immer weiter greifenden, entsetzlichen Geschwüren, zerfressen von gierigem, gar- stigeür Ungeziefer. Die Seele der Kranken aber leidet an gräßlicher Verzweiflung oder thierischem Stumpfsinn, weil keine Hoffnung auf Besserung ist. Dazu kommt aber noch eine andere Qual, nämlich die schreckliche Verlassenheit, die tiefste Verachtung, die härteste Gefühllosigkeit der Mitbürger. Der Aussätzige wird als ein Auswurf der Menschheit betrachtet, nirgends findet er wahres Mitleid, nirgends hört er ein Wort deS Trostes, sondern überall wird er als gar nicht zur Menschheit gehörend behandelt. In ihrer unmittelbarsten Nähe lassen Kinder ihre Eltern, Eltern ihre Kinder bei lebendigem Leibe verfaulen, ohne sich um sie zu bekümmern, ohne es sich einfallen zu lassen, zur Pflege der Kranken auch nur einen Finger zu rühren. Und wie sollten sich die Fernerstehenden der Kranken erbarmen, wenn eS die nächsten Verwandten nicht thun? Gab doch ein vermögender Birmane, den k. Wehinger um ein Almosen für die Aussätzigen anflehte, diesem zur Antwort, daß er von Herzen gerne eine große Menge Arsenik spenden wolle, um die Aussätzigen a«S der Welt zu schaffen! Wie daS Herz des von der Idee der Nächstenliebe durchdrungenen und auf de« Böden christlicher Kultur stehenden Menschen angesichts solchen Elends nicht ungerührt bleiben kann, so hat auch k. Wehinger, erschüttert von dem Anblicke der Aussätzigen und ihres Looses, die hochherzige Idee gefaßt, für diese ein Hospital zu gründen. Seinen beharrlichen Bemühungen ist eS auch gelungen, sich soweit Mittel und Kredit zu verschaffen, daß er im Jahre 1892 an die Ausführung feines menschenfreundlichen Planes schreiten konnte. So entstand unfern der Stadt Mandalay die Anstalt „St. Johann" für Leprakranke (St'. JohnS Leper Asylum), die, den Verhältnissen entsprechend, im Pavillonstile erbaut, derzeit 15V Aussätzige, Männer, Frauen und Kinder, in allen Stadien der Krankheit beherbergt. Die medizinische Behandlung der Kranken beschränkt sich vorderhand nur auf die versuchsweise Anwendung der Naturheilmethode, und eS sollen Dampfbäder und warme und kalte Wassergüsse eine bedeutende Erleichterung der Schmerzen herbeiführen. DaS Hauptgewrcht wird auf die Diät und Pflege der Kranken gelegt. Was diesen nach Maßgabe der bescheidenen Mittel und lokalen Verhältnisse an Nahrung, Kleidung, Wohnung» Ruhe und Gesellschaft und auch Erholung geboten wird, ist ihrem Zustand ebenso angepaßt wie die Pflege, die in der täglichen Reinigung der Wunden und Geschwüre, der Entfernung der Würmer aus den eiternden Wunden und in der Verbindung der Wunden besteht. In dieses aufopfernde Geschäft, diS alle Selbstverleugnung erfordert, theilen sich im Ganzen zwei Patres für die Männer und eine Schwester für die Frauen; die Unterstützung, die ihnen Hiebei von Seite der leichter Erkrankten zu Theil wird, ist insofern eine beschränkte, als diese vor dem Verkehre und der Berührung mit den hochgradig Aussätzigen selbst zurückschaudern. Es ist klar, daß, um nur die von einem höhern Grade der Krankheit Befallenen anS der Gesellschaft der Gesunden auszuscheiden und ihnen Behandlung und Pflege zu Theil werden zu lassen, i« Verhältnisse zu der großen Zahl von Aussätzigen in Birma auch mehrere und größere solcher Anstalten bestehen sollten wie die in Mandalay. Indessen ist der Anfang gemacht, und eS ist k. Wehinger zu wünschen, daß seine Bestrebungen, durch seinen Besuch europäischer Hauptstädte die clvilisirte Welt des Westens auf sein Unternehmen aufmerksam zu machen, wenigstens dar St. JohnS Asyl in Mandalay zu vergrößern und zweckentsprechend auszugestalten, vom besten Erfolge begleitet sein mögen. Freilich ist es mehr als fraglich, ob daS gräßliche Uebel des Aussatzes in Birma je ausgerottet werden kann, selbst wenn alle Aussätzigen in Hospitälern untergebracht und von den Gesunden isoliert wären, so lange im Lande überhaupt nichts für eine entsprechende und ohne Zweifel dringendst nothwendige Hygieine geschieht. Doch genug für den Allgenblick, wenn nur den Kranken selbst jene körperliche Pflege und jener geistige Trost geboten wird, wodurch ihre leiblichen und seelischen Leiden vermindert und gelindert werden. - ^ * ALterLer. Ueber die Langlebigkeit der Menschen hielt F. W. Warner kürzlich einen Vortrag von ungewöhnlichem Interesse vor der Akademie für Wissenschaft in New-Iork. Jede Person, führte Warner aus, trägt die physikalischen Bedingungen ihrer Lebensdauer in sich, und eine langlebige Person kann schon nach ihrem Aussehen von einer kurzlebigen unterschieden werden. In vielen Fällen vermag ein Arzt nach eine« einzigen Blicke auf die Hand seines Patienten zu sagen, ob dieser leben oder sterben wird. (!) In der Pflanzen- wie in der Thierwelt erhält jedes Leben seine Charaktere von demjenigen Leben, aus dem es seinen Ursprung genommen hat. Unter diesen angeborenen Eigenschaften findet sich auch die Fähigkeit, daS Leben für eine gegebene Zeitdauer fortzusetzen; man kann diese Fähigkeit als die inhärente oder Potentiale Lebensdauer bezeichnen. Unter günstigen Bedingungen und in günstiger Umgebung kann das Individuum diese Lebenszeit ganz ausleben, unter ungünstigen wird sie merklich verkürzt werden. Ebenso kann die Lebensdauer einer Person, einer Familie oder einer Rasse auch durch die Einflüsse einer besonders günstigen Umgebung erhöht werden. Die erste Voraussetzung für ein langes Leben besteht darin, daß Herz, Lungen, Verdauungsorgane und Gehirn ihren gehörigen Umfang haben. Ist dies der Fall, so zeigt eS sich in der Länge des Rumpfes und der verhältnißmäßigen Kürze der Glieder. Solche Personen werden im Sitzen groß und im Stehen klein erscheinen, die Hand wird eine lange und etwas schwere Fläche und kurze Finger ausweisen. DaS Gehirn wird tief gelegen sein, waS sich schon daran erkennen läßt, daß die Oeffnung der Ohren tief liegt. Ein blau oder braun strahlendes Auge ist ein günstiges Zeichen. Große Lungen finden ihren äußern Ausdruck in großen, offenen und freien Nasenlöchern, während gepreßte und halb geschlossene Nasenlöcher auf kleine und schwache Lungen schließen laffen. Hierin sind die wesentlichen Punkte zur Unterscheidung von langlebigen und kurzlebigen Menschen gegeben, und zwar auf Grund einer Prüfung von sehr umfangreichen statistischen Erhebungen. Daß eS individuelle Ausnahmen gibt, ist selbstverständlich, es sind aber eben Ausnahmen, und die Regel wird dadurch nicht gestört. Handelt eS sich um Personen, die auf der einen Seite kurzlebige, auf der andern Seite langlebige Verwandte besitzen, deren Anlage sich auf sie vererbt hat, so wird die Frage verwickelter; es zeigt sich aber, soviel läßt sich im Allgemeinen feststellen, daß bei derartiger Verschmelzung verschiedener Anlagen die Natur außerordentliche An- strengungen macht, die für ein längeres Leben günstigen Eigenschaften in den Vordergrund zu bringen und die feindlichen zurückzudrängen. 836 ^U88l>ur8or 8edn<;iid1utt. sLUs RseliLe vordedr»1L6Q.^ Heseliivlltv äs» 8el»r»vl»8p!el8. VII. Legen Knde des XV. dabrbunderts weinen sied die literariseben Krreuguisse über das 8ebacb. 1472 gibt Kleister Ingold cu Augsburg eins Lbbandlung über «las 8ebaeb beraus; cwvi .labre später ersebeint cuLondon das von 6arten dem Dercog von Olarsnoe gewidmete 8ebacbbueb; 1483 gelangt sodann cu 8trassburg das erste gedruckte deutsebo 8ebaobwork, nämlieb „Ledaebcabel nacb dakobus äs Oessoles'' rur Ausgabe. Im labre 1495 kolgt den vorerwäbnten ein sxaniscbes 8ebaebwsrk, die von kranceseo Vinevot veranstaltete 8ammlung von 100 künstlieben Knd- spivlen. Von eigentliebsr Redeutung ist indess erst das 8ebaeb- werk, welebes der Oastilior Luesna 1497 cu 8alamanea verlässt« und dem krinren lobann (dem Ikjäbrigen 8okns Keräinands des Katboliscben von Aragon und der Königin Isabella von Oastilisn) widmete. Die in diesem Werke — von dem übrigens nur der Zweite lbeil dein 8ebaeb gewidmet ist — vntbaltonen 8pieiankänge sind meist nur kurc und von geriiigem Wertbe. Die Regeln, welebe Lucena belolgt, ootsprvcbsu in der llauxtsavbs bereits den beute gütigen, nur wendet er an 8telle der Rocdade noeb den altertbümlicben einmaligen 8xruog des Königs aul ein beliebiges drittes kslä an. Weit grösseres Interesse gswäbron seine Kndspiele und Lulgnben. In einem 1'keil derselben (es sollen 150 gewesen sein, von denen 100 erkalte» blieben) wird noeb naeb den kegeln des alten arabiseben 8ebaebs gezogen und die Königin demgemäss aueb mit der arabiseben Leceiebnung „Llkerecca" benannt. In dein grösseren lbeile jedoek Luden die Regeln des modernen 8xiols Anwendung, welebes Lucena im Legensatc cu der alten 8xielwei.se sebr beceiebnend „juego ds la Dama" (8piol der Dame) benennt, oLonbar mit Rück- sicbt aul die grosse Redeutung, welebe dureb ibre erweiterte Langart die Dame (Königin) im modernen 8xisls erlangt bat. Im Deinige» maebt Lueena's Werk den Kindruck, dass sein Verlasser kein besonders starker 8xioler war. Kins der besten Aufgabe», wolxbe sieb in seinem Rucks Luden, ist die Lügende: Lukgabe Kr. 10. (Lus Lueena's 8cbacbwerk vorn labre 1497.) 8cbwarc. Weiss. Llat in 8 2ügen (naeb den jetzigen 8pielregeln). (Kortsetrung dieses Lbsebnittos in 14 lagen.) Ainvl»r!el»tvi» »«8 «It'i- 8el»ael»« vlt. Der Wetlknnipt Lssker-Steinitr n« Aoskitu. In der 11. kartio, welebe Lasker gewann, ergab sieb vaeb dem 37. 2ugs von 3ebwarr kolgends Stellung: Weiss (8toinitr): Kc3, 8e2, d3; Ra2, K4, s3, l3, g2, K2. 8ebwnrc (Lasker): Kd6, Lb5, 8e6; Ra7, d5, e5, l6, gö, K7. Ks lvlgte 38. a2-a4, l6-l5; 39. b4-b5, lö-l4-, 40. e3—c4. d5> L..- Resten Dank kür Ibre Lnorkeunung und Resxekt vor Ibrer stets grüudlieben Lsarbeitung der Lösungen unserer Lulgaben ete.; aul den weiteren Inbalt Ibrer Lusebrilt kommen wir eventuell noeb curüek. -I-krdl. Oruss! L. //. Die 2abl der Waicenköruer endigt — wie 8iö riebtig bemerkten — mit 615 niebt 165; (vergl. Kr. 84). — „iVa/,s«aM,»at''>,Lo/-w/«aF^C/)ä>-v»srL).'IIerrIiobenl)ank kür Dirs liebenswürdige Lmlmerksamksit! Wir werden uns xromxt und regelmässig rsvauebiren. Resten Oruss! ^ViSLk/sL^/ Die Kamen jener 8ebaebkreunds, welebe unsere Kudspisls und kroblems riebtig lösen, sowie die Lösungen innerbalb dreiWocksn einsenden, worden stets an dieser 8teIIs ver- öilentliebt. _ LIIss aul das 8ebacb Locügliebs ist ausnabmslos ru adressiron : „Ln die Redaction des Lngsburger 8el>neli- dlatt — Okkv Lngust» — Lngsburg." "W>K Donnerstag, den 31. Dezember M 109. 1898. Für die Redaction verantwortlich Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L. Nenjahrszratuliükoussettche. Ii. W. Zwei gute schwäbische Herren saßen mitsammen im Eisenbahnkasten und besprachen sich eingehend über allerlei Schwindel in dieser erbärmlichen Welt. Zum Schlüsse der Debatte klopfte Herr N. dem Herrn M. vertraulich aus die Schulter und sprach gelassen das große Wort: Wisse Sie, Herr Nachbar, muuäus vnlt ebe*) äeaipi! — Dieser inhaltsschwere Haupt- und Grundsatz ist wohl der beste Vorspruch und zuletzt das Ncsums des ganzen Neujahrsgratulationsrummels, der nächster Tage losbrechen und wie eine Seuche das Land überziehen wird. Da geht eS an ein Schreiben und Schlecken und Kleben, da erhitzt sich der Spießbürger und quält sich der Lebemann, da werden die schwarzen Fräcke gebürstet, die Cylinderhüte gestrichen, die eingehntzeltcn Glaces gedehnt und an den abgeschabten Stellen mit schwarzer Tinte gefärbt. Da steigen die Deputationen, grinsen die Chefs, krümmen sich die untergebenst Gehorsamsten, räuspern die Herren, klatschen die Damen, dellamiren die Jungen — Alle, wie wenn es ihnen ernst wäre. Dlunäns vult — cksoixi! Und die armen Stempeldrucker und Sortirer und Austräger auf der Post und Eisenbahn, die ärmsten Postboten, diese bedauernswerthen Opfer des Neujahrsschwindels, diese Sklaven im grausamen Dienste moderner Falschheit und altehrwürdiger Unsitte, die da rennen und Stiegen steigen und schwitzen trotz Winterskälte, Eis und Schnee, die athemlos angekommen im vierten Stockwerke sehen müssen, wie das sorgsam bestellte Kärtchen zerknittert und in den Papierkorb versenkt wird, die Armen, sie finden kein Erbarmen: sie sind ja dafür angestellt. Sie bekommen für ein abgegebenes zehn neue Billets, um die gedruckten Wünsche der heimtückischen Menschheit zu vermitteln: mnuäuo valt — äeoipi? Ich habe mir in sxoole vorgenommen, einmal diesen Neujahrskartenschwindel recht zu verdonnern. Ich bin so „freundlich", nicht erst um Generalpardon für alle groben, derben und rigorosen Ausfälle zu bitten. Wem es zu stark scheint, der soll es nicht lesen, was da zu lesen kommt. Pfarrer Kneipp ist auch, so sagt man, gar derb und ehrlich, und vielleicht liegt darin ein gutes Stück von seiner siegreichen Macht gegen allerhand Seuchen. Was? Ist diese Kärtchenmode nicht eine Seuche? Beim Kasernen- — eben. : vr. Th. Müller in Augsburg, i Grabherr in Augsburg (Vorbesitzcr vr. Max Huttler). typhus sind meistens auf Anordnung hoher Stelle die Untergrundverhältnisse Grund und Brutstätte der Seuche. Eher aber möchte man den Kasernen neuen Boden verschaffen, als der Neujahrsseuche ihren historisch berechtigten, naturgemäßen erblichen Untergrund entziehen. Der Schwindel baut sich immer auf die Dummheit auf. Rotte die Dummheit aus, so vertilgst du den Schwindel! Die Dummheit ist anstcckcnd, wer mag das bezweifeln? Ein Dnmmer kann sieben Weise anstecken. Wer hat das noch nicht an sich selbst erfahren? So ist nmi auch die Mode ansteckend und mithin auch die Karten- seuche, die periodisch nach je 12 Monaten wiederkehrt; kurz, der Neujahrsgratulationsrummcl ist eine großartige Regung der Gedankenlosigkeit ganzer Menschenklassen. Und die ganze Erscheinung ist eine ansteckende Krankheit, die rasend um sich greift, viel Geld, Papier und Euwmi arabioum kostet und noch mehr Verdrießlichkeiten bereitet. Was ist dagegen zu thun, — „nirgends Rettung, nirgends Land" schreit der Tenor in der Negensburger Sturm- beschwörung. So ist also wohl kein Zweifel, daß mit Recht von einer Landplage, von einer Seuche geredet werden muß. Alle sind darüber eins. Und doch klext der eine schweißtriefend seine Adressen, leckt der andere seine Marken, kauft der dritte theure und billige Kärtchen: es ist halt einmal so. Willst du niemanden verletzen, so vergiß keinen, schreib' ihm lieber zur Vorsicht gleich zwei Kärtchen; suche allen zuvorzukommen, beantworte alle, schreib', schleck', drücke, schwitze, — es geschieht dir ganz recht, warum bist du auch ein Mensch geworden: innnckua vult — äocüxi! Du willst nicht der Erste sein, der seiner theuren Mitwelt die Ehre anthut, ihr keine gedruckten Kärtchen mehr zu widmen. Es scheint also, du hältst deine Onkel, Tanten, Basen, Cvllegen, Genossen und anderes mehr für so thöricht, daß sie eine Karte für unentbehrlich halten; oder du hältst dich selbst für so wichtig, daß selbige an dich erinnert werden müssen. Mir aber scheint beides gleich unschön zu sein. Wer mich erfreuen will, schreibe mir ab und zu unterm Jahre, und wenn es absolut eine Karte sein muß, so sei es eine erfreuliche Postanweisung; ja da wäre Freude im Stalle. Die Mode aber soll ihren Weg gehen vom Salon auf die Straße und von der Stadt auf's platte und buckelige Land, bis in die Einöde und in die Wüste: bis sie da ankommt, ist sie an ihrer Wiege schon vergessen. Wenn du bedächtest, geneigter Leser, was mit deiner Karte geschieht? Der zerreißt sie, der wirft sie in den Papicrkorb, der vernrtheilt sie zum ErstickmrgStodc, wo, das sagt man nicht. Der lacht und meint: War übrig! Der zürnt und brummt: Muß er auch seinen blöden Namen hintendrauf schreiben, daß man sein Kärtchen — nicht mehr benutzen kann. Ich meine so: Wenn du ernstlich einem Glück wünschest, so sollst du es nicht bloß an Ncnjahr thun; drum schicke dem Gegenstände deiner Anwünschungen entweder alle Tage oder gar nie eine Karte: er glaubt es ja doch nicht, oder er glaubt es auch ohne Kärtchen. Aber ist es nicht geradezu eine schlampige Bequemlichkeit, einem guten Freunde einen gedruckten, gekauften Glückwunsch, der 3 bis 5, aber nicht mehr Pfennige werth ist, zu schicken. Was denkst du denn eigentlich dabei? Nicht wahr, wenn dir Jemand einen Brief zukommen läßt und du merkst, daß er einfach aus einem Briefsteller gedankenlos abgeschrieben, oder gar von fremder Hand, von einem Winkelschreiber, vom Commis oder Lehrbuben geschrieben ist, so bedankst du dich für diese faule, niederträchtige Höflichkeit: die paar Zeilen hätte der Mensch doch eigenhändig schreiben können. Aber nun lasse ich gar einen „innigsten" Glückwunsch mechanisch herstellen vom Lithographen oder Buchdrucker. Da habe ich weiter nichts zn schreiben als die Adresse. Wie bequem, wie leicht — aber ob anständig, ob ein Zeichen von Aufmerksamkeit und Liebe? Das geht mich nichts an: wnucluo vult — äooixi! Ja nicht einmal die Adressen schreiben sie selber, die Tagdicbe. Da wird Weib und Kind geplagt, die Lehrbuben und Kindsmädel, die ganze Armee des Hauses wird mobil gemacht, und eS wird andictirt, corrigirt, geschimpft, gestritten, zusammengerissen und so fort, bis alle die herzlichsten Gratulationen abgefertigt sind. Und nun soll die ganze Neujahrskartenmode nicht der purste Schwindel sein? Nur nicht hitzig werden! Es ist umsonst, ich kämpfe, nein, selbst die Götter kämpfen vergebens gegen etwas! „Ja, ja, Herr Nachbar, wisse Sie, lnnnckus vult ebe äsoipil" — Herr R-. sieht sich die Sache doch gar zu griesgrämig an. Gewiß hat die Neujahrskarten-Mode einen Umfang angenommen, der über das Maß hinausgeht. Aber ein guter Kern steckt doch darin. Erstens ist es ein schöner alter Brauch, Freunden und Bekannten zum Beginn eines Jahres Glück und Segen zu wünschen, und zweitens ist das eine gute Gelegenheit für Viele, besonders auswärtigen Freunden und Bekannten damit kundzugeben, daß man sie nicht vergessen hat. Heutzutage, da die LcbenSbezichungcn viel zahlreicher und mannigfacher geworden, die Menschheit in Folge des unendlich gesteigerten Verkehrs sich auch bei großen räumlichen Entfernungen vielfach näher gekommen und der „Kampf um's Dasein" Zeit und Kraft bis aus's Aeußcrste in Anspruch nimmt, wäre es für unendlich Viele fast eine Physische Unmöglichkeit, Allen Briese zu schreiben, denen man sein freundschaftliches Gedenken erweisen will. Poetisch ist der moderne Brauch nicht, aber wir leben im Zeitalter der Surrogate, und Gctt sci's gedankt, daß uns die Mode die gedruckte Neujahrskarte erlaubt; denn zum Briesschreibcn fehlt den Meisten die Zeit. Daß cMr Taufende von Neujahrskarten sehr ülcisüissig sind, das sei dem Feinde dieser Mode bereitwilligst coucedirt. Die Ned. -—«-Är-eK—-— Ssierlingstrrue. Wiederholt bringen die Zeitungen Klagen über die „Sperlingsnojh" in verschiedenen Ländern und daß man eifrig daran geht, diese lästigen und kecken Schmarotzer auszurotten. In Frankreich sollen sie Gourmands einen Leckerbissen in Form von Pasteten liefern, ei, so soll man doch diese Herren „Spcrüngsjäger" orgarrisiren und in die verseuchten Lande schicken, das wäre dann so undankbar nicht. — Ich will die Schädlichkeit dieser lärmenden, unter nehmenden VogelspecicS im Allgemeinen nicht bestreiten, aber es drängt mich, zu ihrer Ehrenrettung einige selbst erlebte Beweise seltener und seltsamer Treue von einigen dieser Vogel zu berichten: Meine Großmutter war ein uraltes, beinahe hundertjähriges Weiblein. Sie mußte ihre letzten Lebensjahre nur infolge von großer Schwäche im Bette zubringen. Eines Tages fand ich auf der Gasse ein junges, halbtodtes Spätzlein, das aus seinem Neste gefallen war und sich ein Beinchen gebrochen hatte. Das arme, zwitschernde, hilslose Vöglein that mir leid, ich nahm es auf und brachte eS der Vroßmutter, die es mit kindischer Freude und Zärtlichkeit in Pflege und Erziehung nahm. Der noch gar nicht flügge gewesene Vogel blieb nicht nur am Leben, sondern gedieh und ward in kürzester Zeit ein regelrechter Spatz, allerdings mit einem verkrümmten, unbrauchbaren Beinchen, und ward obendrein sozusagen Großmutters letzte Freude. Der kleine Invalide hüpfte den ganzen Tag am Bette herum und ward so vertraut mit seiner Nähr- und Pflegemutter, daß er sich buchstäblich seine Mahlzeiten von ihrem Munde holte und mit besonderer Vorliebe am Halse unter der großen Rüsche der schwarzen Taffethaube saß und schlief. Ein rührendes Bild der Freundschaft bot diese wieder zum Kinde gewordene alte Frau und der seltsame Vogell Ja, der letztere war mit den Jahren gegen Jedermann ganz feindselig, wenn man sich dem Bette näherte, und gebrauchte nicht selten sein Schnnbelein ausgiebig als Waffe. Er war und blieb Großmutters treuester Leidens geführte. Als eS mit der guten alten Seele an's Sterber ging und der Priester am Bette erschien, um die letzter Tröstungen zu spenden, mußte man den Vogel gewaltsam verscheuchen; er wollte sein Versteck unter der Haube nicht verlassen und pickte wüthend nach der Hand des Priesters. Und als seine Pflegemutter nach einigen Tagen todt war, flatterte und hüpfte er merkwürdig traurig umher, ohne das geringste Futter zu nehmen. Am zweiten Tage fiel es uns auf, daß der Spatz nicht zum Vorschein kam, man suchte, und man fand ihn todt unter der Bahre liegen. Noch heute rührt mich die Erinnerung an die gute alte Großmutter und ihren so geliebten treuen Spatz. Vorigen Sommer hatte ich wieder Gelegenheit, die merkwürdige Anhänglichkeit dieser so unbeliebten Vogelspecies zu beobachten: In meinem Garten hatte sich in einem hohlen Baum- aste ein Spatzsnpärchen eingenistet. Wenn sie der Hunger vorn Baugeschäfte wegtrieb, kamen sie schreiend und lärmend in den Hof. Ich warf ihnen anfangs völlig achtlos BrodkulAen zu, die sie mit Gier aufpickten. Da sie in der Folge mit großer Regelmäßigkeit wieder kamen, legte ich ihnen Futter auf das Feustergesimse, das sie 839 sich mit Freude und Ausdauer Tag für Tag bis auf das letzte Körnchen holten. Es störte sie gar nicht, wenn ich einmal nahe daneben stand. Auch ich ward diese kleinen kecken Gesellen so gewohnt, daß es mir gar nichts machte, Morgens von ihrem Gezeter geweckt zu werden, wenn ich einmal vergessen hatte, daS Futter hinzugeben und sie stürmisch ihren Morgenimbiß verlangten. Das war nun freilich nichts Außergewöhnliches, nur das Gebaren eines der Sperlinge war wirklich rührend; wo ich nun ging und stand, wo immer ich mich im Garten niederließ, der Spatz war überall, er folgte mir überallhin. Saß ich zuweilen ganz gedankenlos an einer schattigen Stelle, ein Flattern, ein Schwirren, richtig, der Spatz saß auf einem Zweige ober mir oder auf der Lehne der Bank neben mir. Legte ich dann knapp vor mir Futter hin, er holte fich's ohne Scheu. ES klingt vielleicht nicht glaublich, aber es ist wahr, dieser Vogel folgte mir auf diese Art oft eine Strecke weit auf meinen Spaziergängen in den Wald. Ich kam zur Ueberzeugung, daß mich dieser Vogel an der Stimme erkannte, denn ich durfte nur irgendwo sprechen, so war er unvermeidlich da. Dieses Thier war mir so lieb geworden, ich hatte mich so an seine Gesellschaft gewöhnt, daß ich eines Tages mit wirklichem Bedauern wahrnahm, daß er mir und der Futterstelle untreu geworden, oder daß irgend etwas dem kleinen Spatzengeschicke in die Quere gekommen; das dauerte so etwa eine Woche, ich glaubte meinen Freund schon verloren, als mich eines Tages ungewöhnliches Spatzengezeter im Hofe ans Fenster lockte. Ah, da war er wieder und dazu mit einem halben Dutzend junger, schreiender, hungriger Sprößlinge, die mir meine Freundin offenbar beim ersten Ausflüge mit stolzem Lärm präsentirte. Die Freundschaft ward wieder erneuert, alle Augenblicke kam die Spatzenclique ans Fenster. Dies dauerte bis zum Herbste, wo die Besuche dann wieder jäh abbrachen. Alle Winter errichte ich im Hofe eine Futterstelle für die armen kleinen Sänger, welche immer auf das lebhafteste von allen zurückbleibenden Vogelgattungen besucht wird. Heftige Kämpfe setzt eS oft ab zwischen Meisen und den so bekannten streitsüchtigen Bergfinken, welche schaarenweise herkamen und selbst mit der großen Schwarzamsel sich in Streit einließen. DaS große Wort an dieser labls ä'stöts aber führte und behauptete eine Spatzenfamilie; ob eS meine alten Freunde waren, vermag ich mit Sicherheit nicht zu sagen. (Grazer VolkSbl.) -—SLZMS—- Das Wachs. Das Wachs ist der Baustoff der Waben; nach dem Auslasten des Honigs wird es durch Einschmelzen der Waben in siedendem Wasser von Unreinigkeiten getrennt und in Scheiben oder Brode gegossen. Dieses sogenannte Stroh- oder GclbwachS (esrrr Lava) besitzt körnigen Bruch, riecht nach Honig und ist in der Hand knetbar. Durch Bleichen wird das GclbwachS in weißes Wachs verwandelt. Um den aus ceru aidu hergestellten Wachskerzen die Brüchigkeit zu nehmen, wird ihnen ein kleiner Talgzusatz beigemengt (5 pCt.). Das Wachs fand bei den Malern Verwendung in der sogenannten Enkaustik, indem die Farben mit Wachs angemacht und dann mir heißen Walzen eingebrannt wurden. Diese Art von Malerei war schon den Griechen und Nömcrn bekannt und wurde im frühen Mittelalter viel geübt; vorn Anfange des 15. Jahrhunderts an kommt sie seltener vor. Eine andere Kunstübung ist die Ceroplastik, die Wachsbildnerei, die oft bei den Vottv« bildcrn angewendet wurde. Modelliren und Bilden in Wachs war besonders zur Zeit der Renaissance in Italien beliebt, wo die Bildner nicht nur ihre Skizzen in Wachs ausführten, sondern auch Büsten und Portrait-Medaillon? darin bossirten. Von alterSher hat die Kirche lauteres Bienenwachs als Lichistoff für die bei der Feier des Gottesdienstes gebrauchten Kerzen ausgewählt und vorgeschrieben. DaS geschah vorzüglich aus mystischen Gründen; schon Ama- larius (äo aaeles. vtiioüs 1, 14) sagt mit Berufung auf Gregor den Großen: Lara Ostristi lmmaniimtsin äa- siZinit (das Wachs bedeutet die menschliche Natur Christi). Zur Zeit des hl. Opfers müssen nach kirchlicher Anordnung wenigstens zwei Kerzen, und zwar Wachskerzen (luining, eoraa), ans dem Altare brennen. Auch die Kerzen, welche am Lichtmeßtage geweiht und durch eine stöQöäiobw constitutivL dauernd für den gotteSdienst« lichen Gebrauch bestimmt werden, müssen von Wachs sein, wie schon die Worte der Weihe voraussetzen. DaS Wachs für die Kerzen soll rein und unverfälscht und in der Regel weiß fein; nur ausnahmsweise, z. B. für daS Todten-Officinm, ziemen sich Kerzen von gewöhnlichem, ungebleichtem Wachs (ex oera communi ssu Lava). Im Mittelalter waren die Kirchen mit Sorgfalt darauf bedacht, reines Wachs für den gotteSdienstlichen Gebrauch zu erhalten. Die Landleute, welche in den Schutz (uävo- vntis, Vogtei) einer Kirche oder eines Klosters sich begeben hatten, lieferten alljährlich als Zins das Wachs für den gottesdienstlichen Gebrauch der Kirchen; sie heißen davon in den Urkunden und Rechtsbüchern „cereoasn- snnlss" („wachszinsige Leute"). Das Wort Kerze ist aus „oers." (Wachs) entstanden. Der Ursprung des Wortes ist in der Erinnerung des Volkes nicht lebendig geblieben, sonst hätten sich nicht Ausdrücke wie Talgkerze, Stearinkerze bilden können. Bei dem verhältnißmäßig hohen Preise, den daS Wachs besitzt, kommen nicht selten Verfälschungen vor. Reine Bienenwachs-Kerzen müssen Kreidestriche annehmen und zur Untersuchung abgenommene Theile dürfen beim Kauen nicht an den Zähnen kleben und müssen nach dem Schmelzen eine klare, durchsichtige Flüssigkeit bilden, aus der sich keine pulverigen Körper absetzen dürfen. Am häufigsten wird das Wachs verfälscht mit Fett, Talg, Harz, Erde, Mehl und Paraffin. Will man erfahren, ob das Wachs nicht mit Fett gemischt sei, so nehme man ein Stück von einer Kerze und tauche es in Wasser, daS bis zu dem Grade erwärmt ist, bei welchem das Fett gewöhnlich zu schmelzen anfängt. DaS Feit löst sich alsdann auf und schwimmt auf der Oberfläche des Wassers, das Wachs hingegen wird nur weich und knetbar. DaS reine Wachs brennt hell; wenn darum die Kerzen keine helle Flamme haben, viel Rauch verbreiten, einen langen Docht zurücklassen, einen üblen Geruch haben, dabei sich weich und fettig anfühlen, so lege man ein Stück davon ans glühende Kohlen; wenn dabei ein dichter Rauch entsteht, so kann man sicher sein, daß dem Wachs Talg zu- gemischt ist. Auch mit Harz kann das Wachs vermocht sein; dieses erkennt man am besten an dem Harzgernch. Auch kann man ein Stück von einer solchen Kerze in Weingeist legen, worin das Harz sich auflöst. Nimmt man nun das zurückbleibende Wachs heraus, läßt den Weinstein verdunsten und schüttet den Bodensatz auf brennende Kohlen, so wird uian deutlich den Harzgeruch wahrnehmen. Sogar mit gebrannten Knochen und Erde wird zuweilen das Wachs vermischt. Durch eine solche Beimengung werden die Kerzen auffallend spröde; legt man ein Stückchen davon in Terpentinöl, so löst das reine Wachs sich auf, die beigemischten Substanzen aber nicht. Wie den Honig, so vermischt man auch das Wachs am häufigsten mit Mehl. Mischt man ungefähr den vierten Theil Mehl unter das Wachs, so wird letzteres nicht mehr auf dem Wasser schwimmen. Bricht man die Kerze, so hat daS Innere derselben ein körniges Aussehen. Auch sind solche Kerzen gar nicht zähe. Legt man ein Stück davon in Terpentinöl, so löst das Wachs sich auf, und eS bleibt ein weißer Bodensatz übrig. Schwieriger ist die Verfälschung des Wachses mit Parasfin festzustellen. In einer Verordnung des bischöflichen Ordinariats zu Negensburg heißt es darüber: »Man übergießt in einer Porzellanschale ein etwa nußgroßes WachS- stück mit rauchender Schwefelsäure und erwärmt eS, wobei die Masse sich schwärzt und unter starker Gasent- wickclung sich aufbläht. Hört die Gaseniwrckelung, welche um so stärker ist, je weniger Paraffin vorhanden, auf, so erwärmt man sie noch einige Minuten und läßt sie dann erkalten. War das Wachs mit Paraffin verfälscht, so findet sich dieses dann über der schwarzen Flüssigkeit als erstarrte, durchscheinende Schicht, die leicht aufgehoben werden kann." Ein Zusatz von Wasser, welches etwa beim Erstarren unter das Wachs gerührt wurde, um das Gewicht zn vermehren, tritt beim Schmelzen zu Tage. Wie in der gottesdienstlichen Feier der Kirche, so finden auch in der Privat-Andacht des Volkes die Wachskerzen eine reiche und fromme Verwendung. In manchen Gegenden tragen die Kommunionkinder am weißen Sonntage bei der kirchlichen Feier Wachskerzen in der Hand, die ihnen auch wohl von ihren jüngern Geschwistern und Gespielen vorausgetragen werden. Die sinnbildliche Bedeutung des brennenden Wachslichtes ist eine reiche; der hl. Karl Borromäus gibt davon folgende schöne Bedeutung: »Durch die brennende Wachskerze werden die drei göttlichen Tugenden versinnbildet: daS Licht derselben bedeutet den Glauben, die Wärme zeigt die Liebe ! an, und die stets aufwärts strebende Flamme ist ein Sinnbild der christlichen Hoffnung, die immer zum Himmel ihr Verlangen erhebt, wo ihre Güter sind." In der griechischen Kirche trugen Braut und Bräutigam am Hochzeitstage Wachskerzen, die sie vor dem Altare aneinander anzündeten, nachdem der Bräutigam die setnige an der ewigen Lampe angezündet hatte. DaS bedeutete, ihre gegenseitige Liebe soll die höhere Weihe von dem Heilande empfangen, der durch das ewige Licht angedeutet ist. Der Psalmist nimmt das schmelzende Wachs als Gleichntßbild des reumüthigen Herzens, in dem der Stolz und der Trotz der Sünde zergeht. (»6or eon- tritum quasi vsrs, liqusssens", »Ein reumüthiges Herz ist wie schmelzendes Wachs".) Um anzuzeigen, daß eine Kirche vom Bischöfe con- secrirt ist, pflegt man an den Wänden zwölf Kreuze, möglichst gleich weit von einander, zu malen, zur Erinnerung an jene, welche der Bischof bei der Weihe an diesen Stellen mit dem heiligen Chrysam gemacht hat. Der Zwölfzahl wegen heißen sie Apostelzeichrn. Sinnreich stellten die Alten hier eine segnende Hand dar, welche ein Kreuz hält; die Lage der Hand folgt dem Gange deS weihenden Bischofs. In der Regel besteht das Weihezeichen aus einem rothen oder goldenen Kreuze in einem verzierten Kreuze oder Vierpasse; in den Rand desselben sind wohl die zwölf Artikel des apostolischen Glaubensbekenntnisses geschrieben. Vor diesen Weihezeichen sind Armleuchter angebracht, die den Namen „Apostelleuchter" führen. Am Kirchweihfeste werden Wachskerzen, die oft mit religiösen Bildern bemalt find, daraus angezündet.; sie deuten das Licht des christlichen Glaubens an, das die Apostel des Herrn in die Finsterniß des Heiden thums trugen und in alle Welt verbreiteten. Die Opferung der brennenden Kerze durch diejenigen, welche eine Weihe empfangen, an den' consecrirendeu Bischof ist eine sinnige Ceremonie, andeutend, daß sie alle sein wolle», was von dem hl. Johannes dem Täufer geschrieben steht: »I^noorns Inesus et nrens" („Eine Licht und Wärme spendende Leuchte"). Um an den Opfertod Christi zu erinnern, ist an den Wachskerzen wohl die Devise angebracht: .'»^tüs lucens nror, in servisnäo nliis oonsurnor" (»Andern leuchtend, andern dienend, verzehre ich Wich"). Die Osterkerze bedeutet nach den Worten der Weihe die feurige Säule, die dem Volke Gottes auf dem Wege durch das rothe Meer und die Wüste leuchtete eS und aus der ägyptischen Gefangenschaft in das gelobte Land geleitete. Auch Christus führt zu Ostern aus Nacht zum Lichte, aus Tod zum Leben. Es ist also die Osterkerze ein Symbol des auferstandenen Heilandes. Aus dem vom Papste geweihten Osterkerze»-- Wachs werden die ^.Fnus vsi geformt, so genannt, weil sie mit dem Bilde des Osterlammes geschmückt sind. In alter Zeit pflegten die Kinder ein Lgnus vsi auf der Brust zu tragen, das sie an die Tausunschuld erinnern sollte. Die Wachszieher verehrten als Patronin die heil. Jungfrau Maria, die als Kind im Tempel Goit diente, und feierten am Feste Maria Opferung ihr Patronsfest. Andere erklären das Patronat u-s symbolischen Gründen, indem sie sagen: „Die Lebküchner und Ltchterzieher hatten die allerseligste Jungfrau Maria als ihre Patronin erwählt als die Mutter des Heilandes, die aller Süßigkeit Quelle und das Licht der Welt ist." Patron der Imker ist der hl. Bernhard, äootor mslliüiius genannt, der auf seinen Bildern den Bienenkorb als Abzeichen hat; in Oesterreich ist der hl. Ambrosius, der dasselbe Abzeichen hat, Patron der Wachszicher, wie Dompropst Zenotty in St. Polten mittheilt. Auf Kirchenbildern ist die brennende Kerze das Abzeichen der Heiligen Arradius, Blastus, Donatns, Geno- vefa von Paris und Brigittn; das erklärt sich aus ihren Legenden. Der hl. Bischof BlaftnS (3. Februar -f- 316) trägt auf seinen Bildern zwei Kerzen, die kreuzweise übereinander gelegt sind. Das ist ein Hinweis auf den Blasius-Segen und erinnert zugleich an den Bericht der Legende, welche erzählt, daß eine mitleidige Frau, deren Wohlthäter er gewesen, in seine dunkle Kerkcrzelle zwei Wachskerzen brachte. Auf den Bildern der Darstellung Jesu im Tempel steht neben dem hl. Greise Simeon gewöhnlich ein Knabe, der eine brennende Kerze in der Hand hält. DaS ist ein Hinweis auf die prophetische« Worte Simeons, der den Heiland ein Licht zur Erleuchtung der Heiden nannte (Innren act rsvelationsM ALNtinru"). (Köln. Volksztg.)