Unterhaltungsblatt zur „Augsburger Poſtzeitung“. № 1. Freitag, den 8. Januar 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literariſchen Inſtituts von Haas & Grabherr in Augsburg Vorbeſitzer Dr. Max Huttler). Neujahr 1896. Wie die Stunden ſchnell verrinnen, Gleich den Wellen in dem Bach! Horch — ein Schlag — Und es gilt ein neu Beginnen Mit des Jahres erſtem Tag! Laßt das Leid, das nun entſchwunden, Auch für's Herz begraben ſein; Groß und Klein Trägt im Kampfe ſeine Wunden Bis uns deckt der Leichenſtein! Ewig ſtrömet nicht der Regen, Sonnenſchein folgt bald ihm nach; Oft ein Tag Wandelt Schmerz in reichen Segen, Wenn der Herr:„Nicht weiter!“ ſprach. Laßt uns drum von Neuem hoffen, Ueber uns ein Vater wacht, Deſſen Macht Stets auch Wege ſtehen offen, Die der Menſch nie ausgedacht! Keiner ſah ſich je betrogen, Der ſein Haus auf Fels gebaut Und vertraut, Daß auch in den Sturmeswogen Gott auf ihn herniederſchaut. Alſo vorwärls — hin zum Glücke Lenkt den Kahn durch's Zeitenmeer! Nimmermehr Strahlt Zufriedenheit im Blicke Dem, der glaubt und hofft nicht mehr! Zum neuen Jahre. Ein ernſter Mahnruf an die Ewigkeit. „Faſt bei allen Völkern“, ſo eröffnete der hochwürdigſte Kardinal Rauſcher von Wien ſein ſchönes Hirtenſchreiben vom 16. Dezember 1866,„und in allen Zungen wird von dem Strome der Ewigkeit geſprochen; denn es iſt ein Sinnbild, welches ſich gleichſam von ſelbſt darbietet. Wie die Fluthen des Stromes ununterbrochen dahin eilen, und die Welle, bevor das Auge auf ihr zu ruhen vermag, der ihr folgenden ſchon Raum gegeben hat, ſo ziehen die Augenblicke unaufhaltſam dahin; bevor wir das Jetzt als ſolches uns zu vergegenwärtigen im Stande ſind, iſt es ſchon zum Vergangenen geworden, und was noch nicht war, iſt da, um ſogleich nicht mehr zu ſein. Aus dieſen unfaßbaren Augenblicken werden Stunden, aus den Stunden werden Tage, und aus den Tagen Jahre. Das iſt unſer Leben. Der Augenblick der Gegenwart iſt der uns zugewieſene Antheil. So verſchwindend klein er iſt, er hat Raum genug für die Selbſtbeſtimmung, von welcher unſer Werth und die Erfüllung unſerer Lebensaufgabe abhängt: er drückt der Vergangenheit ſein Siegel auf, durch ihn und von ihm aus beherrſchen wir die Weiten der Ewigkeit..“ O Ewigkeit! Wem ſollte nicht die erſchütternde Wahrheit der herannahenden Ewigkeit mit Ernſt entgegentreten, beſonders beim Jahreswechſel. O Ewigkeit! wie biſt du lang, wie biſt du tief! wie biſt du unermeßlich und unendlich in deinem Wohl und deinem Wehe! Dieſe Königin aller Jahrhunderte, dieſe endloſe und ewig lebende Ewigkeit! Ich zähle 1000 Jahre, hundertmal 1000 Jahre, hundert millionenmal 1000 Jahre, ich zähle ſoviel millionenmal 1000 Jahre als es Blätter auf allen Bäumen, Halme der Kräuter auf den Wieſen, Sandkörner an den Ufern, Waſſertropfen im Ocean, Atome in der Luft, Sterne am Firmament gibt, und ich habe noch nicht angefangen zu ſagen, was du biſt. Es wird ein Tag kommen, an dem die Sonne erlöſchen, die Welt zu Grunde gehen und das Menſchengeſchlecht aufhören wird; die Lebendigen und die Todten werden gerichtet und die Jahrhunderte zuſammengehäuft werden. Dann wird es Abgründe geben und Abgründe der Fortdauer vom Tage des ſo ſchnell verfloſſenen Lebens an. Das Leben wird dann nur wie in einer ungeheuren Entfernung erſcheinen, ſowie die nicht wahrnehmbaren Sterne, welche das Auge nur durch Anſtrengung entdeckt, wie ein entſchwundener Traum... und das wird der Anfang ſein der Ewigkeit. Werde ich ewig im Himmel leben, welch' ein u ermeßliches Glück! Immer die Wahrheit und Tugend, immer Leben und Freuden, immer die Seligen und die Engel. Immer Gott! Ihn immer zu ſchauen, zu lieben, zu beſitzen und zu lobpreiſen, und keine Thränen, keine Schmerzen, kein Tod mehr! Ewiglkeit! Wenn du aber für mich eine Ewigkeit — 2 — wäreſt in der Hölle, welch' ein entſetzliches Unglück! Immer die Sünde, welche befleckt, immer Finſterniſſe, welche drücken, immer den Wurm welcher nagt, immer das Feuer, immer die drückenden Ketten, immer fließende Thraͤnen, immer das Zähneknirſchen, immer in Geſell⸗ ſchaft der Verworfenen, welche Gott läſtern, und die Teufel, welche quälen, immer den Fluch Gottes, welcher zermalmt! Die Aſtrologen. Hiſtoriſcher Roman aus der Zeit des dreißigiährigen Krieges. Von Max Benno. 1. „Genug jetzt, Onkel! Schweig' von der heilloſen Geſchichte! Unſer Aerger beſſert ſie nicht. Der Teufel hat die Launen der Weiber gemacht.“ Dieſe Worte ſtieß ein etwa dreißigjähriger, miitel⸗ großer Mann unter ſeinem hellrothen Vollbart hervor, ergriff das volle Weinglas, welches vor ihm auf dem Tiſche ſtand, und führte es haſtig zum Munde. Dann ſprang er auf und durchmaß mit langen Schritten den Raum. Er trug ein ledernes Koller, weite Beinkleider und hohe Stiefel; an der breiten Kuppel hing ein mächtiger Stoßdegen mit vergoldetem Griff. Der weiße Spitzen⸗ kragen, welcher den Hals umrahmte, ſtach grell ab gegen das dunkle Haupthaar und die wettergebräunte Hautfarbe des Mannes. Seinen Zügen verlieh der zornige Blick aus gelbgeränderten Augen einen faſt unheimlichen Ausdruck. Sein Gefährte, ein hagerer Mann in vorgerücktern Jahren, war ruhig hinter dem Tiſche ſitzen geblieben. Finſter ſtarrte er vor ſich hin. Endlich hoben ſich die buſchigen Brauen, und er wandte ſich an den auf und ab Wandelnden mit einem Tone, in welchem unverkennbar Aerger ſich ausſprach. „Wenn Du die Sache ſo leicht aufgibſt, Fritz, liegt auch mir am Ende nichts mehr daran, obgleich dann das Opfer eines halben Lebens umſonſt gebracht iſt. Du begreifſt die Wichtigkeit und Tragweite meiner Pläne gar nicht. Wären ſie gelungen, ſo dürfteſt Du dereinſt das Haupt ſo hoch tragen, wie irgend ein Großer im Reich. Und ich glaubte meiner Sache ſo ſicher zu ſein! Wer nur dem Mädchen den Kopf verdreht haben mag?“ „Der Satan! ich ſagte es Dir ja“, fiel ihm der Jüngere mit rohem Lachen ins Wort;„der böſe Feind, welcher mich auf allen Wegen und Stegen wie ein brüllender Löwe verfolgt. Doch ſo wahr ich Fritz Donald heiße und Wachtmeiſter des großen Friedländers bin, es ficht mich nicht an.“ Er nahm den einförmigen Gang wieder auf; der Alte blickte ſtumm in das Glas. „Ganz gebe ich die Partie noch nicht verloren“, ergriff der Letztere nach einer Weile wieder das Wort; „am Ende ſetze ich meinen Willen trotz allem noch durch. Ging es im Guten nicht, dann hilft vielleicht bie Gewalt. Der Preis iſt ſo hoch, daß man vor keinem Mittel zurückſcheuen darf.“ „Thue, was Du willſt“, erwiderte Donald, mit den Fingern ſchnippend;„um ſo beſſer, wenn die Sache ſich ſchließlich noch macht. Mich findeſt Du ſtets zum Nachdrud verboten. ————— z Zugreifen bereit. Doch ich hoffe nichts mehr. Ich habe nun einmal kein Glück. Jedenfalls bringſt Du mich mit keinen zehn Pferden mehr zu der langweiligen Sippſchaft hinauf.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre, und der Wirth, ſein kleines Sammtkäppchen zwiſchen den Fingern drehend, trat in das Zimmer. „Wie Euer Gnaden der Herr Hauptmann befohlen“, wandte er ſich mit einer tiefen Verbeugung an den älteren Mann,„habe ich den Braunen geſattelt; er ſteht im Hof.“ „Gut, gut, Clemens“, bemerkte dieſer ungeduldig, „ich reite gleich weg. Führe den Gaul noch eine Zeit lang umher, damit er ſich nachher nicht zu ſchnell erhitzt.“ Der Wirth verließ das Gemach und entſprach dem Befehl, welcher mehr der Abſicht, den läſtigen Zeugen zu enifernen, als der Sorge für das Reitpferd entſprang. Der Hauptmann erxhob ſich. Er reichte dem Neffen die Hand.„Lebe wohl, Fritz“, ſagle er,„und entſchließe Dich vorerſt zu nichts. Nach Verlauf einiger Tage be⸗ kommſt Du von mir endgültigen Beſcheid. Ich hoffe, den Trotz der eigenſinnigen Dirne zu brechen, wenn mir nicht von irgend einer Seite abermals ein Strich durch die Rechnung gemacht wird. Dann dankſt Du es mir ſicherlich, daß ich das vielverſprechende Ziel mit mehr Ausdauer verfolgte, als Du.“ Der junge Mann erwiderte nichts. Mit einer Miene, die kein allzu großes Vertrauen in die Zuverſicht des Onkels zeigte, folgte er langſam, als jener in den Hof hinausſchritt. Letzterer zog ſich in ziemlicher Breite am Wirthſchaftsgebäude und einigen Ställen entlang bis zu dem Fahrweg. Das Anweſen ſchien vor nicht allzu langer Zeit neu erbaut worden zu ſein. Die Ziegel ſchimmerten unverwittert vom Dache, und zwiſchen den flüchtig beworfenen Steinen lugte überall das friſche Holzwerk herbor. An einer über der Eingangspforte in die Mauer eingefügten eiſernen Stange baumelte als Schild ein aus Blech geſchnittener ſpringender Hirſch, der den Vorübergehenden die Beſtimmung des Hauſes verrieth. Der Mann, von dem dieſer Platz zur Herſtellung einer Schenke erwählt worden war, hatte trotz der ein⸗ ſamen Lage derſelben nicht ſchlecht ſpeculirt. Die Straße bildete einen Zweig des Hauptverbindungsweges zwiſchen Böhmen, Sachſen und Bayern und war in Folge der fortwährenden Truppendurchzüge ungewöhnlich belebt. Ueberdies lag weiter oben im Walde das Schloß Groß⸗ meſeriiſch, in welchem der aus Nah und Fern viel be— ſuchte und viel umworbene Herzog von Friedland faſt jedes Jahr während mehrerer Wochen ſeinen Wohnſitz aufſchlug. Der Wirth führte, als die Herren im Freien er⸗ ſchienen, das Pferd vor. Der Schloßhauptmann ſprang mit einer Leichtigkeit in den Sattel, die man ſeiner an⸗ ſcheinend ſo ſteifen und unbeholfenen Geſtalt nicht zu⸗ getraut hätte. Er reichte dem Neffen nochmals die Hand.„Rur Geduld“, mahnte er,„hoffentlich wird alles gut.“ Dann gab er ſeinem Braunen die Sporen und ſprengte davon. Der Waͤchtnieiſter ſtand im Begriff, ebenfalls die Anſtalten zum Aufbruch zu treffen, da wurde ſeine Aufmerkſamkeit durch ſchwerfälligen Hufſchlag nach der entgegengeſetzten Richtung der Straße abgelenkt. In langſamem Schritt kam ein einzelner Reiter daher. Er — 3 — mußte ſchon einen weiten Weg zurückgelegt haben. Das Pferd ließ den Kopf hängen und hinkte auf einem Fuß. Auch auf dem jugendlichen Antlitz des Reiters drückte ſich Müdigkeit aus, die jedoch den günſtigen Eindruck, welchen die Erſcheinung des jungen Mannes machte, durchaus nicht verwiſchte. Der kräftige Körperbau und das Ebenmaß der Glieder deuteten an, daß er den Degen, welcher in vergoldeter Scheide auf ſeiner linken Seite herunter hing, nicht bloß zur Zierde trug. Um den von einem blonden Barte überſchatteten Mund ſpielte ein Zug, der eine gewiſſe Neigung zu jugendlichem Uebermuth verrieth. Aber augenblicklich ſchien er in tiefe Gedanken verſunken zu ſein und machte keinen Verſuch, das Pferd in eine raſchere Gangart zu bringen. Beim Erkennen des Wirthshauszeichens vor dem einſamen Gebäude richtete er ſich im Sattel empor, und eine freudige Ueberraſchung malte ſich auf ſeinem Geſicht. Er lenkte das Pferd von der Straße ab und hielt im Hofe. Hier ſtieg er ab und ſchritt auf die Hausthüre zu. Donald hatte ſich auf die Seite geſtellt und betrachtete aufmerkſam das hinkende Thier, welches offenbar bei jedem Schritt heftige Schmerzen empfand. „Zum Donner“, rief er, „was iſt denn Euerer Mähre paſſiert?“ Gleichzeitig machte er ſich, ohne auf eine Antwort zu warten, mit dem Gaul zu ſchaffen. Während der Reiter ſich an den Wirth wandte, hob Donald mit ungewöhnlicher Kraft das rechte Hinterbein des Pferdes in die Höhe und richtete einige Sekunden lang die Augen darauf. Dann zog er ein Taſchenmeſſer hervor, hantirte an dem Hufe herum und gab den Fuß mit einem Lächeln der Befriedigung frei. „Nun, Herr, iſt Euer Gaul wieder flott“, wandte er ſich vortretend an den Fremden, klappte das Meſſer zu und ſchob es in ſeine Taſche; „er hatte ſich einen ſpitzen Kieſel unter das Eiſen getreten, der ziemlich tief in das Fleiſch eingedrückt war. Der Stein iſt entfernt; doch dürfte Euerm Pferde ein wenig Ruhe nichts ſchaden, es iſt ganz herunter!“ Der Reiter maß den Wachimeiſter, dem er bis jetzt keine Beachtung geſchenkt hatte, vom Kopf bis zum Fuße und ſchien über die Art und Weiſe, wie er ihm begegnen ſolle, nicht ſofort mit ſich im Reinen zu ſein. „Wie“, fragte er endlich, als er deſſen Feldzeichen gewahrte,„Ihr habt meine Bella curirt; wer ſeid Ihr denn?“ Fritz lachte.„Wenn mich nicht alles täuſcht“, erwiderte er, „ſo ziehen wir beide am gleichen Strang. Im Allgemeinen bin ich als der Wachtmeiſter Fritz Donald⸗ Deveroux bei den Terzky'ſchen Dragonern bekannt, zuweilen jedoch auch, wie Ihr ſeht, Roßdoctor zu meinem beſondern Plaiſir. Und Ihr? Ein Friedländer doch auch? Oder nicht?“ „Gewiß: Georg Selkow, Leibjäger in des Herzogs perſönlichem Dienſt.“ „Ah, da gratulire ich!“ rief Donald; „ein prächtiges Plätzchen, wenn man es zu benutzen verſteht. Schon maucher hat es darauf, ehe er ein graues Haar im Bart fand, zum Oberſt und noch weiter gebracht. Doch kommt“, fuhr er fort und zog den jungen Mann in das Haus,„während der alte Fuchs von einem Wirth für Euer Pferd ſorgt, leeren wir auf gute Kameradſchaft ein Glas. Ich wollte eben wegreiten, doch Euch zu lieb kommt es mir auf eine Stunde nicht an.“ Sie traten in das Zimmer, nahmen Platz, und bald kam die Unterhaltung in Fluß. Die Geſichtsmuskeln des Wachtmeiſters wurden durch ein eigenthümliches Zucken in Bewegung geſetzt, als er das Ziel der Reiſe Georg Selkow's vernahm. „Nach Großmeſeritſch wollt Ihr“, bemerkte er mit einer Stimme, durch die halb Aerger, halb Bedauern klang.„In dieſes abſcheuliche Neſt?“ „Abſcheulich?“ fragte Georg erſtaunt.„Ich verſtehe Euch nicht. Großmeſeritſch, das als eine der ſtolzeſten Burgen des Böhmerwaldes gilt!“ „Meinethalben“, hielt Donald immer noch hitzig entgegen, „ich nehme mein Wort nicht zurück. Doch was geht uns Großmeſeritſch an? Mag es der Satan holen mit allem, was drum und dran hängt! Sagt mir lieber, wie es in Sagan beim Herzog ausſieht. Marſchiren wir bald? Ihr wißt doch ſicher Beſcheid.“ Der Widerſchein einer unangenehmen Empfindung ſpiegelte ſich auf Georg's Angeſicht ab. Ihm gefiel die wilde Art des Wachtmeiſters nicht. „Die verſprochene Armee ſteht ſchlagfertig da“, antwortete er ausweichend, „doch fehlt ihr bis jetzt noch das Haupt, benn der Herzog will, wie man glaubwürdig verſichert, ſich nach Löſung ſeiner Aufgabe wieder in das Privatleben zurückziehen. Freilich hört man auch ſagen, es ſei von Wien aus eine an den Herrn geſandte Commifſion unterwegs, um ihm den Oberbefehl und zugleich die ausgedehnteſte Vollmacht zu bringen. Doch iſt dies vorerſt nur ein Gerücht und etwas Beſtimmtes Niemandem bekannt.“ Der Wachtmeiſter ſchüttelte ungläubig den Kopf. „Bleibt mir mit Euern Flauſen vom Hals“, fiel er ſeinem Nachbar ins Wort; „ich kenne das Zeug. Wie es ſcheint, ſeid Ihr nicht vergeblich bei den großen Herren in die Schule gegangen. Etwas von den diplomatiſchen Kniffen habt Ihr gelernt! Doch mir gegenüber hilft Euch das Heimlichthun nichts. Ich weiß, wonach Wallenſtein ſtrebt, und glaube auch, daß er's erreicht. Wer anders ſoll das Heer führen, als er? Allerdings wird er einen hohen Preis fordern; aber daß man ihm jeden gewährt, dafür haben die proteſtantiſchen Fürſten und Guſtav Adolf mit ſeinen Schweden geſorgt. Was braucht man daraus ein Geheimniß zu machen? Pfeifen es doch allenthalben die Spatzen vom Dach, daß der Herzog allen Ernſtes daran denkt, auch ein wenig Kaiſer zu ſpielen. Er hat fürwahr Recht. Soll er ſein ſchönes Geld hinauswerfen, um abermals für Andere die Kaſtanien aus dem Feuer zu holen und nachher mit ſchnödem Undank abgelohnt zu werden, wenn er ſich die Finger verbrannt hat? Er wird diesmal klüger ſein und Bürgſchaften verlangen, an denen er nöthiger Weiſe feſthalten kann. Er wird ſich eine Stellung verſchaffen, die ihm genügende Sicherheit gegen das wankelmüthige Herz des Kaiſers gewährt.“ Georg hörte die Auslaſſungen Donald's an, ohne eine Bemerkung daran zu knüpfen. Beipflichten konnte er nicht, und ein Widerſpruch hätte den aufgeregten Mann vorausſichtlich nur noch mehr in Harniſch gebracht. Ueberdies vertrug ſich ein weiteres Eingehen auf dieſes Thema mit ſeiner Pflicht als Courier des Herzogs nicht. Um dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben, fragte er, als der Wachtmeiſter ſchwieg: „Ihr waret in Großmeſeritſch? Wie es ſcheint, gefiel es Euch nicht. Habt Ihr Bekannte im Schloß?“ — 4 — Donald maß den Leibjäger mit einem ſtechenden Blick. „Hört, junger Freund“, ſagte er,„Ihr ſeid mir ein ſchnurriger Kauz und gäbet einen Diplomaten ab, der ſein Handwerk verſteht. Es iſt wirklich ſchade, wenn Ihr nicht das Schwert mit der Feder vertauſcht. Das Fragen geht Euch ſo glatt wie ein geölter Faden vom Mund; wenn Ihr aber antworten ſollt, dann ſeid Ihr ſo ſtumm wie ein Fiſch. Ich könnte Gleiches mit Gleichem vergelten; in der Vorausſetzung aber, daß es Euch doch nicht unbekannt bliebe, und um zu zeigen, daß ich ein aufrichtiger Kerl bin, will ich geſtehen, daß ich mich in der That drei volle Tage lang in Großmeſeritſch aufhielt, das von Euch der Ausbund eines Edelſitzes genannt wird. Ich habe nämlich die Ehre, ein leiblicher Neffe des Schloßhauptmanns Leßlie zu ſein.“ Um jede weitere Frage abzuſchneiden, erhob er ſich raſch und eilte hinaus. Georg hörte, wie er den Wirth ſein Pferd vorführen hieß und dann durch die Hinterthüre, welche er ſchallend ins Schloß warf, für einige Minuten verſchwand. Als Donald wieder ins Zimmer zurückkam, war ſein Geſicht ruhiger. Nur ein boshaftes Grinſen zuckte um ſeinen Mund. Er reichte dem Leibjäger die Hand. „Lebt wohl, Kamerad“, ſagte er ,„ich muß fort. Auch Ihr dürft nicht mehr lange ſäumen, wenn Ihr die Perle des Böhmerwaldes noch bei Tage ſehen wollt. Einen Gruß dahin habe ich nicht; dagegen ſoll es mich freuen, wenn die Zukunft zur Erneuerung unſerer flüchtigen Bekanntſchaft eine Gelegenheit gibt. Vielleicht habt Ihr dann mehr Vertrauen zu mir.“ Er ging hinaus, und Georg begleitete ihn. Nachdem der Wachtmeiſter ſich in den Sattel geſchwungen, grüßte er noch ein Mal und ritt fort. Der Leibjäger empfand eine Art Erleichterung, als er von dieſem Gefährten befreit war. Das Weſen des rohen Mannes hatte ihn peinlich berührt, um ſo mehr, als dadurch ſein Dankgefühl mit der Abneigung in Widerſpruch kam. That dieſer Donald doch, als ob er in die tiefſten Geheimniſſe des Herzogs eingeweiht ſei. Er ſchien eben auch unter die vielen Hunderte zu zählen, welchen die kriegeriſche Zeit eine erwünſchte Gelegenheit zu einem abenteuerlichen Leben darbot, denen an dem eigenen Vortheil und Gewinn alles, an dem großen Ziele aber nichts lag, und die ihre Ergebenheit und Geſinnung eben ſo oft wechſelten, wie das Gewand. Er begab ſich in den Stall, um nach ſeiner Bella zu ſehen. Das Pferd, welches ſich den reichlich vorgeſtreuten Hafer und das aufgeſteckte Heu ſchmecken ließ, begrüßte ihn mit einem fröhlichen Wiehern. Es ſchien wieder ganz munter zu ſein. Er beſchloß aufzubrechen, um womöglich noch vor dem Einbruch der Nacht in Großmeſeritſch zu ſein. Nachdem er ſeine Zeche berichtigt hatte, ſtieg er zu Pferd. Bella machte anfangs zwar einige falſche Tritte; die Angſt vor dem Schmerz ſteckte noch immer in ihr. Nach Zurücklegung einer kurzen Sirecke jedoch trat ſie feſt auf und ſchritt tapfer die ſchmale Landſtraße gegen die bewaldeten Höhen hinan. Georg, der durch den Zuſtand ſeines Pferdes, obgleich nahe am Ziel, mit wachſender Beſorgniß erfüllt worden war, hatte alle Urſache, dem Wachtmeiſter dankbar zu ſein. Der Schaden war gründlich curirt. Gleichwohl rief die Erinnerung an den Mann kein angenehmes Gefühl in dem Gemüthe des Leibjägers hervor. Wodurch mochte Jener nur gegen Großmeſeritſch uund deſſen Bewohner ſo erboſt worden ſein? Ein Zwiſt mit dem Onkel lag ſicher nicht vor. Sonſt hätte dieſer ihn ſchwerlich bis zur Schenke begleitet und ſo freundlichen Abſchied genommen, wie er aus der Ferne bemerkt hatte. Daran aber, daß der Reiter, welcher kurz vor ſeiner Ankunft die Richtung nach dem Schloſſe eingeſchlagen, der Hauptmann Leßlie geweſen, zweifelte Georg nicht, obgleich die Anweſenheit desſelben in dem Wirthshauſe von dem Neffen mit keiner Silbe berührt worden war. Dem Wachtmeiſter ſchien etwas nicht nach Wunſch gegangen zu ſein; worin aber dieſes Etwas beſtehen könnte, darüber zerbrach Selkow ſich vergeblich den Kopf. Doch was brauchte er ſich um die Angelegenheiten dieſes Mannes zu kümmern? Ein Zufall hatte ihn mit demſelben zuſammengeführt, und er ſah ihn vielleicht in ſeinem ganzen Leben nicht mehr. Freundlichere Bilder ſtiegen, als er nach und nach die Anhöhe erreichte, vor ſeinem Geiſte empor und verwoben ſich mit Erinnerungen aus verklungener Zeit. Als der die Straße auf beiden Seiten ſäumende Wald ſich zu lichten begann und in der mittlerweile hereingebrochenen Dämmerung auf weiter Hochebene die Umriſſe eines alterthümlichen Schloſſes ſichtbar wurden, gab er ſeiner Bella die Sporen, und in kurzem Galopp legte dieſe den ſteinigen Weg zurück. * * * Um die gleiche Zeit befanden ſich zwei Frauen in einem Zimmer des Erdgeſchoſſes auf Schloß Großmeſeritſch. Ein zuſammengeſchrumpftes Mütterchen, deſſen urſprünglich ſchwarze Haare das Alter gebleicht hatte, ſaß ſchweigend am Ofen und wärmte die mageren Hände, während ihre jugendliche Geſellſchafterin, die etwa zwanzig Jahre zählte, mit Spinnen beſchäftigt war. Ohne aufzublicken, arbeitete das blühende Mädchen, deſſen volle Wangen von blondemn Haarſchmuck umrahmt waren, mit raſtloſem Fleiß und erhob ſich nur von Zeit zu Zeit, um friſches Holz auf das Feuer zu legen. Es herrſchte eine faſt lautloſe Stille in dem weiten Gemach, das, durch eine einfache Talglampe und das flackernde Kaminfeuer ſpärlich genug erhellt, in einem geheimnißvollen Halbdunkel lag. Nur das Spinnrad ſchnurrte, und dann und wann tönte vom Kamin her ein dumpfer Knall, wenn die Flamme das dürre Holz zu verzehren begann. Plötzlich wandte die Alte den Kopf. „Haſt Du nichts gehört, Leue?“ fragte ſie, und ihre erloſchenen Augen ſchienen die Geſtalt des Mädchens zu ſuchen; „ich glaube, wir bekommen Beſuch!“ Die Gefragte hielt mit dem Spinnen ein und lauſchte geſpannt.„Du träumſt, Baſe“, erwiderte ſie und ſebte ihre Beſchäftigung fort; „es iſt nur der Wind, der draußen im Park durch die BaumKronen fährt.“ „Ja, ja, es mag ſein“, murmelte die Frau vor ſich hin.„Ich träumte ja ſchon ſo oft und immer wieder von jener furchtbaren Stunde, als er, durch Regen und Schneeſchauer einherreitend, auf ſchweißbedecktem Roſſe vor dem Burgthor ankam, da ſie gerade ihren letzten Seufzer aushauchte, der faſt wie ein Fluch über den Treuloſen flang — ſie, die er zur Verzweiflung getrieben, die ihn ſo unſäglich geliebt und gehaßt hat.“ In dieſem Augenblick vernahm man Hufſchlag ganz in der Nähe und einige Minuten ſpäter im Hof. „Hatte ich nicht Recht, Lene!“ rief die Alte. „Ja, ja, man träumt manchmal etwas, das ſich nachher erfüllt. — 5 — Das Mädchen war aufgeſprungen. Horchend ſtand ſie mitten im Zimmer. Jetzt ging die Thüre auf, und der junge Mann, welchen wir ſchon auf ſeinem Ritt nach dem Schloſſe geſehen, trat in das Gemach. Ein glühendes Roth ergoß ſich über Magdalenens ſchönes Geſicht, als ſie dem Gaſt ins Auge ſah. „Georg!“ rief ſie freudig und ging ihm ein paar Schritte entgegen. Der junge Mann ſchien in hohem Grade erſtaunt; einige Sccunden lang ſtand er unſchlüſſig und ſtumm, dann aber ſchritt er auf ſie zu und reichte ihr mit leuchtenden Augen die Hand. „Magdalene“, ſagte er, „Du biſt's! Faſt hätte ich Dich nicht mehr erkannt. Wie groß biſt Du geworden in den wenigen Jahren, welche der Dienſt mich von der Heimath fern hielt. Haſt Du auch manchmal an mich gedacht?“ Durch das Dazwiſchentreten der Alten, welche die Kinder in dem Glück des Wiederſehens ganz überſehen hatten, wurde dem Mädchen die Antwort erſpart. „Mein kleiner Georg, nicht wahr?“ fragte die Greiſin, nach der Seite wankend, woher ſie die Stimme vernahm. „Ja, Baſe“, erwiderte Selkow und ergriff die Hände der Frau;„Euer Georg iſt für einige Zeit nach Hauſe gekommen. Doch ſo gar klein iſt er nicht mehr. Mit ſeinen ſechs Fuß ſtellt er ſchon einen ordentlichen Mann vor. „Wenn Du da biſt, ſo kommt wohl auch Dein Herr?“ fragte die Alte, welche nach der Begrüßung des jungen Mannes ſich wieder an den Kamin geſetzt hatte. „Gewiß“, erklärte Georg; „Euch darf ich ſchon den Zweck meiner Sendung verrathen. Der Herzog kommt wahrſcheinlich ſchon im Lauf der nächſten Tage mit ſeiner ganzen Familie und großem Gefolge hierher. Es wird eine Zeit lang in dem ſonſt ſo ſtillen Großmeſerltſch recht unruhig werden. Ueber die Dauer des Aufenthaltes weiß man noch nichts. Sie hängt lediglich von den Umſtänden ab!“ „So, ſo, Herzog iſt er geworden“, murmelte die Frau und ſchüttelte den Kopf. „Wenn ſie das erlebt hätte, würde ſte ihn noch mehr geliebt oder — gehaßt haben. Sie ſagte zwar immer, daß ein Mal noch etwas Großes aus ihm werde, im Guten oder im Böſen; die Zeit wird lehren, welches von Beiden zutrifft.“ „Was meint die Baſe?“ fragte der Leibjäger Magdalene, die wieder an ihrem Spinnrade ſaß. „Sie ſpricht von der ſeligen Gräfin“, erklärte leiſe das Mädchen, ſo daß die in ſtarres Hinbrüten verſunkene Alte es nicht hören konnte. „Es war die erſte Gemahlin des Herzogs, Lucretia von Landeck, die längſt im Grab ruht. Obgleich ſchon bei Jahren, ſoll ſie eine glühende Neigung für den damaligen Grafen Wallenſtein gefaßt haben, als ſte ihm die Hand reichte. Bald jedoch zeigte es ſich, daß der Graf lediglich den Zweck verfolgt hatte, mit Hülfe ihrer großen Reichthümer ſeinen Ehrgeiz zu befriedigen, was ihm auch gelang. Der leidenſchaftlichen Gemahlin blieb die wahre Geſinnung ihres Gatten nicht lange verborgen, und in Folge deſſen verwandelte ſich, wie ich von der Baſe zum öftern vernahm, ihre Liebe in glühenden Haß. Dieſen ſoll ſie namentlich bei ihrem Tode dadurch an den Tag gelegt haben, daß ſie dem Grafen einen aroßen Theil ihres Vernögens teſtamentariſch entzog. „Als beſonders zärllichen Gatten“, fiel Georg bem Mädchen lächelnd ins Wort, „habe ich meinen Herrn freilich nicht kennen gelernt. So aufmerkſam er ſich auch gegen ſeine jetzige Gemahlin erweiſt, ſo kann doch nur Berechnung ihn zu der Gräfin Iſabella von Harrach, der Tochter des Geheimraths, Kämmerers und Lieblings des Kaiſers, geführt haben. Wie bei der erſten Heirath der Reichthum in die Waagſchale fiel, ſo wollte er ſich durch die zweite Einfluß am Wiener Hofe verſchaffen. Ich bin nun ſchon lange um des Herzogs Perſon, aber ich ſah ihn ſtets nur die gebotenen Formen des Herkommens gegen ſeine Gemahlin beobachten. Dagegen äußert er eine ungemeine Zuneigung und Herzlichkeit für ſein einziges Töchterchen, deſſen Liebreiz freilich auch kein Menſch widerſteht. Ich habe den ſonſt ſo ernſten Mann wiederholt bei harmloſer Tändelei mit dem herzigen Kind überraſcht. Da waren die Runzeln der Stirne geglättet; die Augen blickten nicht düſter, wie dann, wenn er nachdenklich in ſeinem Gemach auf und ab geht, und auch der Ton ſeiner Stimme klang ganz anders wie ſonſt.“ „Du haſt von einem Teſtamente der erſten Gemahlin geſprochen; ſollte dies etwa mit den Papieren im Zuſammenhang ſtehen, welchen der Herr, ohne bis jetzt eine Spur von ihnen finden zu können, ſchon ſo lange nachforſcht? Das Verlangen, in den Beſitz dieſer Documente zu kommen, hat ihn zu einem guten Theil beſtimmt, hier auf einige Zeit ſeinen Wohnſitz zu nehmen; denn in dieſem Schloſſe ſollen dieſelben bis zu ihrem räthſelhaften Verſchwinden verwahrt worden ſein.“ „Darüber vermag ich Dir keine Auskunft zu geben“, erwiderte Magdalene;„die Baſe hat zwar ſchon verſchiedene Male in geheimnißvoller Weiſe von „Papieren“ geſprochen, ich wurde aber aus der Sache nicht klug. Ihr Geiſt iſt eben ſchwach, und wenn ſie auch manchmal vergangener Zeiten gedenkt, ſo ſind ihre Reden darüber ſo verworren, daß man nicht weiß, was ſie will. Hoffen wir, daß der Wunſch des Herzogs ſich erfüllt. Ich kann mich nur noch wie im Traume auf ihn entſinnen und wünſchte, den Mann wohl auch einmal zu ſehen, von deſſen Kriegsruhm die ganze Welt ſpricht. Leider wird dies ſchwerlich der Fall ſein, denn wir verlaſſen vorausſichtlich noch vor ſeiner Ankunft das Schloß. „Wie“, fragte Georg, „Ihr wolltet die Burg verlaſſen, wo Du eine ſo ſchöne Heimath gefunden und die Baſe ihr ganzes Leben zugebracht hat? Einen beſſern Aufenthalt findet Ihr nicht.“ Die Alte war aufmerkſau geworden und wandte den Beiden ihr Angeſicht zu. „Du haſt Recht, Georg“, nahm ſie das Wort. „Das ſage ich immer; was ſollen wir in der Fremde? Niemand kennt, Niemand will uns! Diejenigen, mit welchen ich einſt draußen verkehrte, ſind alle läugſt todt. Hier iſt es ſo heimlich und ſtill. Wohl habe ich in dieſen Räumen als Leibdienerin der ſeligen Gräfin manches Bittere erlebt, aber ſie ſind mir dennoch theuer; und ich meine, wenn ich nicht mehr unter dem Wappen der Familie Landeck wandele, wenn ich nicht wmehr das Rauſchen der Oslawa höre, müſſe ich ſterben.“ Ihre Stimme war zum Flüſtern herabgeſunken, und traurig ſenkte ſie den Kopf auf die magere Hand. (Fortſetzung folgt.) — 6 — Sylbeſterabend in Oberammergau. So ein Wintertag im Gebirge dauert eine gar kurze Spanne Zeit, noch viel kürzer als im Flachlande, und die Zeit, da die Sonne auf das weite Schneefeld herabſcheint, bemißt ſich auf nur wenige Stunden. Schon gegen Nachmittag 2 Uhr geht in Oberammergau die Sonne hinter dem Wahrzeichen des Paſſionsortes, dem Kofel, hinab, jenem grotesken Berggipfel, der faſt über die Häuſer hereinzuhängen ſcheint, und dann iſt es in den niederen, aber behaglichen Stuben der Schnitzer nicht viel mehr als Dämmerung. Heute am Sylbveſterabend thut das nichts. Freilich vor Weihnachten mußte man bis ſpät nachts am Schnitzſtuhl ſitzen, um die hübſchen Krippenfigürchen, die Kameele und Lämnmichen u. ſ. w. zu ſchnitzen oder ſchöne Chriſtkindlein in Holz auszuhauen, und die Faßmaler haiten alle Hände voll zu thun; die Verleger, welche die Beſtellungen annehmen und beſorgen und in deren Auftrag die Schnitzer ihre Beſchäftigung und damit ihr ſicheres Brod haben, drängen und treiben, denn am heiligen Abend muß alles an Ort und Stelle ſein, und zwar weit draußen in der Welt. Jetzt tritt eine kleine Ruhepauſe ein, dann kommen die Kreuzwege und „heiligen Gräber“ daran. Mein Gott, wie würde es den Ammergauer Schnitzern ergehen, wenn heute die Socialdemokraten und Nihiliſten Recht erhielten und mit allem religiöſen Cultus aufräumten; dann dürften ſie gleich auf und davon gehen, und das Paſſionsſpiel, das dürften ſie erſt recht ſein laſſen. Aber das weiß der Oberammergauer ganz gut, und wenn er auch ſich in frohen Zeiten freut und vergnügt, nicht mehr und auch nicht weniger als es anderortens geſchieht, höchſtens mit etwas künſtleriſcherem Hintergrunde, ſo iſt er in den heiligen Zeiten ein fleißiger und vom Herzen andächtiger Kirchenbeſucher und hängt treu am angeſtammten Glauben, an Kirche und althergeſtammtem Gebrauch. Wie ſchön und feierlich ſind doch die„Engelämter“ gehalten worden und in den Weihnachtstagen die Feſtgottesdienſte; gegen 40 Perſonen haben am Chor mitgewirkt, daß ſich keine Stadt ſolcher Muſik zu ſchämen bräuchte. Erſt heute am Sylveſterabend haben ſie eine große Kempter⸗Meſſe aufgeführt, und die ganze volle Kirche hat beim Schalle der prächtigen neuen Orgel das Tedeum mitgeſungen. Damit iſt aber der Verrichtungen der Muſiker noch kein Ende. Heute gehen ja die „Sternſänger“. Was ſind denn die „Sternſäuger“? Der Verfaſſer des dermaligen Paſſionstertes, der im beſten Andenken ſtehende geiſtliche Rath Daiſenberger, ſchreibt in ſeiner Chronik von Oberammergau: „Für die erwachſenen Jünglinge iſt das Wettlaufen bei den Hochzeiten und das Sternſingen in der Neujahrsnacht, wobei der Weihnachtsſtern unter Ab ſingung von Neujahrslieder von einer Schaar junger Leute, den „Stearabueba“, im Dorf herumgetragen wird.“ Daraus geht hervor, daß das Sternſingen ein Privilegium der ledigen Burſchen des Ortes war, und in der That wurde auch bis in die achtziger Jahre der Stern von den Ledigen im Dorfe herumgeleitet und die Muſiker nur zum Spielen gegen Bezahlung engagirt. Jedes Haus wurde beſucht und jeder einzelnen Perſon ein Gratulationslied geſungen. Darüber verging die ganze Nacht. Jetzt iſt dieſes Privilegium auf die Muſiker, gleichviel ob ledig oder verheirathet, übergegangen, doch der Sternträger muß immerhin noch ein Lediger ſein. Auch wird nur mehr an den „beſſeren“ Häuſern geſungen und an den andern ein flotter Marſch vorbeigeblaſen; da wird man doch früher fertig; am Ende iſt es auch kein Spaß, in der Kälte auf offener Straße herumzuſtehen, daß einem die Inſtrumente und Naſen und Ohren zugleich eingefrieren. Gegen ½5 Uhr kommen die Muſiker im Gaſthaus „um Stern“ zuſammen, eine ſtatlliche Zahl, gegen 35 Mann, und alle Inſtrumente ſind vertreten, vom Bombardon bis zum Piccolo und von der großen Trommel bis zur Clarinette; es iſt eine rechte ſog. türliſche Muſik. Die ganze Dorfjugend paßt ſchon, bis der „Stearabua“ herauskommt. Halloh, da iſt er ja ſchon. In der Hand hält er auf hoher Stange den mächtigen Stern; er glänzt mit ſeinen acht Strahlen in allen Farben und iſt von innen noch dazu transparent beleuchtet; die Strahlen ſind beweglich und rotiren um ein liebliches, transparent gemaltes Jeſukindchenbild. Wenn ſich die Strahlen ſo ſchnell im Kreiſe drehen, dann entſteht eine zauberhafte Farbenwirkung, wie bei den beweglichen Sternen einer Laterna magica. Nun macht man ſich auf den Weg. Luſtig erklingen die ſchneidigen Weiſen eines Militärmarſches, unter welchem man beim erſten Hauſe ankommt. Nur ein paar Poſaunen, Hörner und Clarinetten ſetzen jetzt ein, und die übrigen ſingen zu dieſer Begleitung ein einfaches, altes, lebliches Weihnachtslied. Kopf an Kopf ſteht alles vor dem Hauſe, und die Hausbewohner treten an die Schwelle des Hauſes und lauſchen in andächtiger Freude. Dann tritt der Muſikmeiſter vor und wünſcht dem Hausherrn mit kräftigem Handſchlag ein gutes neues Jahr; alles ruft den gleichen Ruf, und der Stern ſchwingt ſich luſtig im Kreiſe. Dann geht es zum nächſten Hauſe, während die große Trommel eingeſchlagen und wieder ein Marſch geblaſen wird. Die Texte der Lieder ſtammen noch zum Theil vom erſten Paſſionsdichter Pater Ottmar Weiß und zum Theil vom geiſtlichen Rath Daiſenberger; ſie ſind einfach und paſſen ſo recht in eine kindlichfrohe Weihnachtsſtimmung. Alles freut ſich damit, und kein Oberammergauer würde ſeinen Stern hergeben. Der ganze Gang dauert immerhin mehrere Stunden, und es iſt fchon gegen 10 Uhr, da kommen die Muſiker wieder in ihrer Wirthsherberge „zum Stern“ an. Da braucht es gut aufwärmen. Man ſitzt fröhlich beiſammen, während die Muſik ein würdiges Programm abſpielt. Die Stunde der Mitternacht naht. Dreiviertel zwölf Uhr wird zuſammengepackt, und möglichſt leiſe wird zum Dorfe hinausgezogen mit verhülltem Stern. An der Ammerbrücke warten ſchon dunkle Geſtalten. Es wird Minute um Minute gezählt. Jetzt tönt der erſte Schlag der Uhr und verkündet die Stunde des neuen Jahres; im ſelben Augenblick erhebt ſich der Stern, „bumm, tſchin“ ſchlägt die ganze, 35 Mann ſtarke, volle Muſik ein, und nun geht's mit Trompetengeſchmetter, Flöten- und Clarinettenklang, Trommelwirbel und Tſchinellenſchlag durch das ganze Dorf. Alt und Jung geht mit; alles, was auf der Straße iſt, folgt dem Zuge. Die Fenſter erhellen und öffnen ſich, da wird heruntergerufen und hinaufgerufen, es iſt ein unbeſchreibliches Jubeln und Jauchzen, bengaliſche Flammen leuchten auf, es iſt wirklich eine Feſtſtimmung ohne Gleichen. Und wie iſt es erſt, wenn die Uhr den Aufang eines neuen Paſſionsjahres verkündet! Wie mag es erſt ſein, wenn ſie mit 1900 ein neues Jahrhundert und Paſſionsjahr zugleich verkündet? Iſt das entgegengeſetzte Ende des Ortes erreicht, ſo marſchirt der Zug zurück zum Gaſthaus. Da gibt es ein Händeſchülteln und Lachen und Weinen zugleich; — 7 — die Oberammergauer ſind Geſühlsmenſchen durch und durch und laſſen ihr Hexz ſprechen in Freud und Leid. Manches herbe Wort des alten Jahres, mancher Streit wird mit dem Händedruck der Mitternachtsſtunde vergeſſen und vergeben, und in Liebe und Friede beginnt man das neue Jahr. Möge es allzeit ſo bleiben! Ferd. Feldigl. Theodor Billroth über den ärztlichen Veruf. In der Hahn'ſchen Buchhandlung in Hannover und Leipzig erſchien ſoeben eine von Dr. G. Fiſcher herausgegebene Sammlung von 420 Briefen, die Theodor Billroth an meiſt noch lebende Profeſſoren der Medizin und Chirurgie, ſowie an intime Freunde wie Johannes Brahms gerichtet hat.Sie umfaſſen die Zeit von den Studentenjahren bis kurz vor dem Tode des großen Chirurgen. Geiſtreich im beſten Sinne, anregend, vielſeitig und jederzeit großmenſchlich, iſt dieſe Correſpondenz beſonders dort, wo ſie Billroth's Anſichten über ſeinen Beruf wiedergiebt, von tiefem Intereſſe. Ein Vetter des Gelehrten, Rittergutsbeſitzer Toppius, der ſeinen Sohn Medizin ſtudieren laſſen will, erhält von dem Gefeiertſten der Aerzte das folgende reſignierte Schreiben: „Spärlich ſind die Freuden des Arztes: hier und da treue Anhänglichkeit der Patienten; zuweilen, doch nicht oft, auch mit materiellem Nachdruck; Dankbarkeit für die größte Pflichttreue, ja ſelbſt für Opfer ſelten. Freude an einer gelungenen Kur, Bewußtſein der Pflichterfüllung, das iſt meiſt das Höchſte, was der Arzt erreichen kann. Du meinſt vielleſcht, ich male zu ſehr in Schwarz; doch wenn Dein Robert einmal nach 20 Jahren dieſe Zeilen in die Hände bekommen ſollte, ſo wird er mir vielleicht Recht geben. Hat er einmal eine entſchiedene Neigung Arzt zu werden, ſo darf ihn das Alles nicht ſtören. Du wünſcheſt, daß ich Dir offen und ausführlich darüber ſchreibe. Fürchte nicht, daß es ſo weiter geht; das Schlimmſte iſt geſagt, und am Ende iſt es auch nicht viel ſchlimmer, wie mit manchem anderen Lebeusberuf. Was iſt die Haupteigenſchaft, um ein guter Arzt zu ſein? Mein hieſiger College Nothnagel, deſſen Buch über Nervenkrankheiten Dein Robert ſpäter ſchätzen lernen wird, ſagte in ſeiner Antrittsrede als hieſiger Profeſſor der inneren Klinik unter Anderem: „Nur ein guter Menſch kann ein guter Arzt ſein.“ Dies iſt auch meine Meinung; es iſt die Grundbedingung für den inneren, ja meiſt auch für den äußeren Erfolg der ärztlichen Thätigkeit. Ich möchte zu dem „guten Menſchen“ noch hinzugefügt wiſſen: und „gut erzogen“, d. h. in einer Familie, in der ein wohlwollender Geiſt gegen alle Menſchen lebt. Das trifft ja Alles bei Deinem Robert zu. Er muß einen unwiderſtehlichen Drang zum Helfen anderer unglücklicher Menſchen haben, zunächſt angeboren und anerzogen; dann kommt er ſpäter auch auf dem Wege geläuterter Empfindung und Lebenserfahrung durch Reflexion zu der Ueberzeugung, daß, ſoviel der ſittlich erzogene Menſch auch nach Glück jagen mag, er doch ſchließlich das Glück weſentlich darin findet, Andere nach Kräften glücklich zu machen. Nur in dieſen Punkte darf er egoiſtiſch ſein, ich meine ſich ſelbſt glücklich machen, und zwar ſo viel als er kann. So wie dies aus der ſittlichen Erziehung entſpringt, ſo wird es auch immer wieder neue Quelle innerer Läuterung, Stärkung des Pflichtgefühls, Befeſtigung eigener Sittlichkeit. Trifft ihn ein Unglück, ſo wird er in der Hilfe Anderer, die noch unglücklicher ſind als er, Troſt und Stärkung zu neuem Aufſchwung nehmen.“ Im April 1885 klagt er ſeinem Vetter: „Mein Ehrgeiz iſt überſättigt, an Anerkennung und Auszeichnungen habe ich mehr, als ich brauche; ich trachte, ſür meine Kinder Geld zu erwerben und mich ſo zu ſituiren, daß ich mit dem Jahre 1890 meine Stelle niederlegen kann.“ Dieſelben Töne klingen noch ergreifender in einem Schreiben nach Frankfurt vom 28. Oktober desſelben Jahres wieder: „Was mich betrifft, ſo iſt die Leidenſchaft, die mich am mächtigſten beherrſchte, der Ehrgeiz, völlig befriedigt und erſchöpft. Ich leide nur unter dem Vorwurf, den ich mir machen muß, daß ich immer intereſſeloſer meiner Wiſſenſchaft und meinem Beruf gegenüber bin. Die Ohnmacht unſeres Wiſſens und Könnens drückt mich oft ſchwer darnieder; dazu daß mein Schaffen, meine Produktionskraft zu Ende iſt. Dreiviertheil der Kranken, welche bei mir Hilfe ſuchen, bei meiner internationalen Praxis, ſind unheilbar. Ich habe das Unglück gehabt — Andere nennen es Glück und Verdienſt — Talente raſch zu erkennen und die Talentvollſten längere Zeit an mich zu feſſeln. Nun arbeite ich mit hunderten von Schülern in allen Ländern und Welttheilen und war ſo dumm, ihnen immer das Beſte zu ſagen, was ich wußte. Was iſt die Folge? Ich habe mich völlig überflüſſig gemacht. Die Tradition an meiner Klinik iſt ſo mächtig, daß der jüngſte Aſſiſtent jede größte Operation ebenſo gut macht wie ich. Darauf hin bin ich ſtolz. Doch Stolz iſt eine ſehr unfruchtbare Eigenſchaft. Nun habe ich mich auf manche humanitäre Gebiete geſtürzt; doch da geht es mir wie dem Zauberlehrling, ich kann die Waſſerſtröme nicht mehr beſchwören, denn die Zauberformel: ich will nicht mehr mitthun! ich hab' es ſatt! darf ich nicht ausſprechen. So wird nun meine Zeit wieder in anderer Weiſe zerpflückt, und müde und matt von allen Ausſchuß, Kommiſſionsſitzungen und Präſidien da und dort frage ich mich: was bleibt für mich? und meine Familie fragt: was bleibt für uns?.. Drei Töchter ſind mir von 6 Kindern geblieben...“ An ſeinen Freund Czerny in Heidelberg ſchreibt Billroth am 30. Oktober 1889: „Ich habe hier noch einige Aufgaben zu löſen: die Vollendung des Rudolfinerhauſes, den Neubau einer chirurgiſchen Muſterklinik im erſten Hof des Allgemeinen Krankenhauſes, und wenn möglich auch den Bau eines anſtändigen Hauſes für die k. k. Geſellſchaft der Aerzte. Ich muß überall meine Perſönlichkeit feſt und wiederholt einſetzen, um dieſe Dinge langſam, langſam weiter zu ſchieben. Niemand hilft mir die vielen paſſiben und altiven Widerſtände zu überwinden. Manchmal bin ich ganz verzweifelt über die Indolenz und Trägheit der Menſchen. Dann gibt es wieder einen kleinen Stoß vorwärts, und ich faſſe wieder Muth. Sollte es mir gelingen, dieſe Werke für Muſterkrankenpflege, für den kliniſchen Unterricht, für das kollegiale wiſſenſchaftliche Leben zu Stande zu bringen, dann, denke ich, wird man es mir nicht verübeln, wenn ich mich zur Ruhe begebe. Doch ich habe mich zu ſehr überzeugt, daß in dieſen Dingen nur durch perſönlichen Einfluß etwas durchzuſetzen iſt: drum muß ich vorläufig noch aushalten, wenn ich auch des Schulmeiſterns oft recht müde bin und mich ſelbſt krampfhaft dazu anregen muß.“ — 8 — Im Herbſt 1891 berichtet er einem anderen Freunde Dr. v. Mundhy, wie folgt:„Was meinen körperlichen Zuſtand betrifft, ſo habe ich die Empfindung, daß Nothnagel mir ungefähr dasſelbe ſagen würde, wie Ihnen einſt Bamberger, wenn ich die leiſeſte Spur einer Pneumonie oder einer kapillaren Bronchitis attrapiren würde:„Adieu, lieber Billroth! leb' recht wohll!“ Ich pulvre mich mit Strophantus und Cognac auf, und wer mich in dieſen Tagen in der Klinik hörte, oder operieren ſah, wird ſich vielleicht denken: der Menſch iſt nicht umzubringen! Und doch habe ich bei den ſonderbaren Kapriolen, welche mein Herz macht, die Empfindung, daß es ſich auch einmal den Spaß machen könnte, ganz ſtill zu ſtehen! Denken Sie den Jubel unter den jungen Chirurgen. Da man meine Stelle nicht mit einem Privatdocenten beſetzen wird..., ſo wird es eine Reihe von Verſchiebungen und Verbeſſerungen für viele meiner jungen Freunde geben, und ſo wirke ich noch nach meinem Tode erfreulich und erwerbe mir wahrhafte, perſönliche Dankbarkeit. Es iſt eigentlich ſchändlich, daß ich, den die Schüler ſo auf den Händen tragen, ſo daher ſchwätze; doch der Galgenhumor bringt Allerlei. Die größte Dampffpritze der Welt, und gleichzeitig die erſte, die auch mit Dampf fährt, beſitzt ſeit einiger Zeit die Stadt Hartford (Conn.) in den Vereinigten Staaten von Amerika. Dieſe leiſtungsfähigſte aller bis jetzt erbauten Dampfſpritzen iſt 10 Fuß hoch und 17 Fuß lang und kann in der Minute 6130 Liter Waſſer geben. Bei ihrer Probirung ſchleuderte ſie durch einen 50 Fuß langen Schlauch von 3½ Zoll Durchmeſſer einen Strahl 360 Fuß weit und 2 Ströme von gewöhnlicher Stärke auf eine Entfernung von 300 Fuß, Die Heizeinrichtung iſt ganz die einer Locomotive. Die Fortbewegung der Dampffſpritze geſchieht, wie ſchon erwähnt, ebenfalls durch Dampfkraft. Innerhalb weniger Minuten iſt ſie zum Abfahren fertig und fährt alsdann außerordentlich ſchnell. Die Uebertragung der Kraft auf die Achſe der Hinterräder erfolgt nach einer Mittheilung des Patent⸗ und techniſchen Bureaus von Richard Lüders in Görlitz durch eine endloſe Kette. Trotz der großen Geſchwindigleit kann die Maſchine auch an den ſchärfſten Kurven leicht gelenkt und ziemlich raſch zum Stehen gebracht werden. * Ein Tiſch im Werthe von 20,000 Mark, ein wahres Prachtſtück des deutſchen Kunſthandwerkes, iſt gegenwärtig in einer Berliner Hof⸗Möbelfabrik fertiggeſtellt worden. Dieſer für den Speiſeſaal eines reichen Bürgers nach eigenen Angaben entworfene und gefertigte Schautiſch zeigt eine Platte in reicher venetianiſcher Moſaikarbeit mit Valuten und Blattwerk in herrlicher Farbenharmonie. Die ſchwere Platte wird von Säulen aus numidiſchen Marmor getragen. Die Haupttheile dieſes herrlichen Kunſſwerkes, das ſtaunenswerthe Schnitzereien aufweiſt, ſind aus italieniſchem Nußbaumholz gefertigt. Dieſer Tiſch, an dem eine große Anzahl Arbeiter faſt 2 Jahre gearbeitet haben, bildet nach Mittheilung des Patent⸗ und techniſchen Bureaus von Richard Lüders in Görlitz nur ein Stück einer einzigen ZimmerEinrichtung im Werthe von einer halben Million Mark. * Zarte Familienbande. Der Großvater des Bauern liegt im Sterben. Die Familie umringt das Bett] des Todkranken und kann ſich vor Weinen und Schluchzen nicht faſſen. Da trilt der Hofbeſitzer zum Arzt und ſagt:„Erhalten Sie ihn uns, lieber Herr Doktor! Wenigſtens acht Tage noch — dann können wir ruhig das Heu einbringen.“ * Mißtrauiſch. Herr [zum Kellner, bei dem er Haſenbraten beſtellt hat]; Haben Sie auch Katzen im Hauſe? — Kellner: Nur eine, aber die iſt ſeit vorgeſtern abgängig — das Vieh muß ſich verlaufen haben. — Herr: Wiſſen Sie was, bringen Sie mir doch lieber Schweinebraten! Der kleine Gärtner. „O ihr blumenfrohen Herzen! Braucht ihr keinen Gärtner mehr? Gerne möcht' ich mich verdingen, Lohn und Handgeld ſind nicht ſchwer.“ Singend zog der Gärtnerknabe Durch die Wintereinſamkeit, Daß ich froh ihn hab' gedungen, Für die ſchöne Blüthenzeit. Und es grub und hackt' im Herzen Mir ſo ganz erbarmungslos, Daß ich ſelbſt mit meinen Thränen Seine friſche Saat begoß. Lieblich ſproßten bald die Blüthen, Weiß und roth und himmelblau! Und es ſtand der kleine Gärtner Betend in der bunten Au. Seine Arbeit zu vollenden Legt er in die Blumenpracht Mir das holde Gotteskindlein Zu des Herzens Gartenwacht. W. Kreiten Röſſelſprung. durch hül gel bolu nur ter tönt kei vo men ſil grün ſang ne ſchwirrt win ber blickt len blüh'n und das girrt mit nur kein klei die ter eis um ſter nen win das ach ner weiß fro aus fen len wei auf nur fut fen mernd ter meid ſter je chen die blüht hem fül ſe blüm ſe ge klang flim am