Unterhaltungsblatt zur „Augsburger Poſtzeitung“. № 2. Dienstag, den 7. Januar 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literariſchen Inſtituts von Haas & Grabherr in Augsburg Vorbeſitzer Dr. Max Huttler). Der Jakobs-Stern. Es wird ein Stern aus Jakob aufgeh'n, und ein Scepter aus Israel kommen. Als uns die Jungfrau hold den Herrn In Bethlehem zur Welt gebracht, In jener Zeit erſchien ein Stern Und ſtrahlte leuchtend durch die Nacht. Zu ihm empor flog mancher Blick, Und manche Frage ſtieg hinauf; Doch keine Antwort kam zurück, Der Stern zog ſeinen ſtillen Lauf. — In fernen Landen aber ahnten Drei Weiſe dieſes Sternes Kunde, Sie hofften auf den Gottgeſandten Und wußten nahe nun die Stunde, Und folgten gläubig aus der Ferne Dem wunderbaren Jakobs⸗Sterne. Den Arberfürſten trägt ſein Roß Voran der Diener ſtolzem Troß, — Dem weitausſchreitenden Kameele Fliegt ſehnſuchtsvoll voraus die Seele Des jungen Aethiopen⸗​König; Ihm deucht des Adlers Flug zu wenig. Und Balthaſar ſogar, der greiſe, Beſchleunt voll Ungeduld die Reiſe. Doch ſiehe, nah' bei Salems Thoren, Da haben ſie den Stern verloren; Der Tempelzinnen gold'ne Pracht, Der Königsveſte ſtolze Macht Hat ihren Blick auf ſich gebannt Und ihn vom Sterne abgewandt. „Dort muß der neue König ſein!“ So denken ſie nach Menſchenart Und zieh'n in Salems Thoren ein Und glauben ſich am Ziel der Fahrt. Sie fragen nach dem Königsſohn, Erregen Furcht und ernten Hohn; Und ihre Seele iſt verwirrt, Dem Wand'rer gleich, der ſich verirrt. — Doch ſieh, kaum haben ſie verlaſſen Jeruſalems entweihte Gaſſen, Da leuchtet hell und freundlich wieder Der wunderbare Stern hernieder Er führt ſie hin durch Bethels Auen Bis zu der ſtillen Gnadengrotte, Läßt ſie im Kind die Gottheit ſchauen — Und gläubig opfern ſie dem Gotte! — O folg' auch Du dem Gnadenzuge Stets unentwegt in raſchem Fluge! Laß von der Welt Dich nicht verblenden, Den Blick vom Sterne abzuwenden. Nicht wo der Staub in Goldesſchein Sich gleißend hüllt und lockt und täuſcht; Nein, wo vom Kreuz ein Splitterlein Entſagung oder Demuth heiſcht, — Dorthin führt dich der Jakobs⸗Stern O folg' und opfere dem Herrn! — Gerhauſer. Die Aſtrologen. Hiſtoriſcher Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Benno. (Fortſetzung.) „Aber dann verſtehe ich nicht“, entgegnete Georg, „was Euch veranlaßt den Wohnſitz zu wechſeln. Durch das kleine Jahrgehalt iſt das Auskommen für Euch Beide geſichert; Ihr genießt freie Wohnung und auch ſonſt iſt Euch noch mancher Vortheil gewährt...“ „Nur noch kurze Zeit“, fiel Magdalene ein; „der Schloßhauptmann hat uns erklärt, daß wir ausziehen müſſen!“ „Müſſen!“ eiferte Georg. „Leßlie will die Pflegetochter des Mannes, durch deſſen Vermittelung und Fürſprache er ſeine Stelle bekam, und die alte blinde Leibdienerin ſeiner ehemaligen Herrin aus dem Hauſe treiben? Das darf nicht ſein! Ich trage die Sache dem Herzoge vor und bin überzeugt, daß er den harten Befehl des Schloßhauptmanns rückgängig macht!“ „Nein, mein Kind, thue das nicht“, bat ängſtlich die Alte. „Leßlie iſt wohl nicht ſo böſe, wie Du meinſt; er hat auch nicht gerade davon geſprochen, daß wir das Haus räumen müſſen, wenigſtens habe ich nichts davon gehört. Magdalene allerdings behauptet, ſie habe es deutlich verſtanden. Sie hat ihn eben etwas verdrießlich 10 gemacht, weil ſie immer ſo abſtoßend gegen ihn iſt, ob— gleich er es gut mit ihr meint.“ „Ich bitte Dich, Vetter“, unterbrach das Mädchen in unverkennbarer Verwirrrung die Alte,„ſprich nicht mehr davon! Wir haben ſchon eine Wohnung gemiethet und ziehen die nächſte Woche ins Städtchen hinab.“ „Aber ſo ſagt mir doch ums Himmels willen“, drängte Georg ungeduldig,„was Leßlie gegen Euch hat.“ „Heirathen möchte er die Lene“, ſagte die Alte, „und ſie will nicht, das iſt Alles!“ „Was?“ entgegnete Georg, vom Seſſel aufſpringend. „Leßlie, der fünfzigjährige, trübſelige, unausſtehliche Menſch, Dich heirathen? Daraus wird nichts!. Welche Zumuthung“, fügte er mit einem Blick in die Augen des Mädchens hinzu, der mehr als das wohl— wollende Intereſſe des Jugendgeſpielen verrieth,„Dein junges, blühendes Leben an ſein düſteres Daſein zu ketten! Iſt der Kerl denn verrückt?“ „Gerade darum“, erklärte Magdalene mit ſanftem Exröthen,„weil ich auf die Anträge des Schloßhaupt— manns niemals eingehen kann, müſſen wir die Burg räumen.“ „Freilich“, fing die Alte wieder an,„wir müſſen fort, und zwar ganz allein deswegen, weil Lene ſich in der letzten Zeit gegen Leßlie wirklich unartig benahm. Denke Dir nur, Georg, er hatte Beſuch von einem feinen, vornehmen Herrn, wie mir der Schloßvogt ſagte, einem Officier im Wallenſteiniſchen Heer. Mit dieſem wollte er der Lene ſeine Aufwartung machen, aber das ein— fältige Ding wies ihn ab. Man könnte faſt meinen, die Lene ſei eine Prinzeſſin, ſo ſtolz thut ſie!“ Georg, deſſen Mienenſpiel bei den eifrigen Worten der Alten eine augenſcheinliche Genugthuung ausdrückte, wollte antworten, da ging die Thüre auf, und ein alter ehrwürdiger Herr im Prieſterrock trat in das Gemach. Ein freudiges Erglühen flog über des jungen Mannes Geſicht. Er eilte auf den Greis zu und führte deſſen Hand ehrfurchtsvoll an ſeine Lippen. „Pater Vincenz“, bat er,„verzeiht, daß ich Euch nicht zuerſt begrüßt habe. Ihr wißt ja, daß dieſes Zim— mer von jeher mein Lieblingsplatz war. Auch heute konnte ich dem Drange nicht widerſtehen, ſofort nach meiner Ankunft hierher zu eilen.“ Der alte Herr lächelte gütig.„Gott ſegne Deinen Eingang in dieſes Haus. Was führt Dich zu uns?“ „IIch bin vom Herzog geſandt, um für ihn und großes Gefolge Quartier zu beſtellen.“ „Der Herzog kommt!“ rief Pater Vincenz überraſcht; „es freut mich, den Herrn vor meinem Ende noch ein— mal zu ſehen. Auch Euch“, wandte er ſich an die Alte und Magdalene,„habe ich eine gute Nachricht zu bringen: aus dem Umzuge in's Städtchen wird nichts. Ihr habt die Worte und, wie es mir faſt ſcheinen will, auch die Abſicht des Schloßhauptmannes falſch aufgefaßt. Er bereut ſeine Heftigkeit und gab mir den Auftrag, Euch um Entſchuldigung zu bitten.“ „Gott ſei Dank“, murmelte die Alte und faltete die Hände,„nun darf ich doch hier mein letztes Stündlein erwarten. Ich hatte alſo doch Recht.“ „Wie iſt denn das möglich!“ rief Magdalene.„Wir wurden doch heute abermals auf's ſchärfſte von ihm bedroht.“ „Allerdings“, erwiderte der Pater.„Dies ſcheint der letzte Trumpf geweſen zu ſein, den er zur Erreichung —*8— ſeiner Abſichten ausgeſpielt hat. Ich redete ihm jedoch, meinem Verſprechen gemäß, mit allem Ernſt in's Ge— wiſſen, ſo daß er in ſich ging und ſchließlich nachgab.“ „Habt Ihr aber auch nichts vergeſſen, Hochwürden?“ fragte ängſtlich das Mädchen. „Sei ohne Sorge“, beruhigte ſie der alte Herr lächelnd,„es iſt alles in Ordnung. Nachdem Leßlie exrkannt, daß Du von ſeinem Plane ſo ganz und gar nichts wiſſen willſt, tritt er zurück.“ „Das wollt' ich ihm auch gerathen haben!“ rief Georg hitzig.„Wie der alte Patron, der ſliets ein Geſicht macht, als hätte er Gift und Galle im Mund, überhaupt nur den Gedanken faſſen konnte, um Magdalene zu freien? Schon die Abſicht verdient eine Strafe, die ihm auch bei der exſten Gelegenheit zu Theil werden ſoll. Ich will ſchon dafür ſorgen, daß dem grauen Sünder die Luſt zum Scharmutziren vergeht.“ „Pfui, Georg,“ verwies der Pater mit ernſtem Ton,„Du wollteſt Dich rächen? Ach, er mag wohl der Liebe bedürfen! Leßlie ſteht allein in der Welt; er ſieht, mit welcher Sorgfalt und Opferfreudigkeit Frau Anna von Magdalene gepflegt wird, und iſt überzeugt, daß dieſe gegen ihren Gatten ſich ebenſo zeigen würde. Er iſt reich, ſie ohne Vermögen. Niemand kann ihm ſeine Neigung verübeln, wenn es ſich je um eine ſolche handelt, was noch nicht einmal beſtimmt ausgemacht iſt; denn Magdalene hat ſeinen Antrag gar nicht gehört.“ Den jungen Mann ſchien dieſe Eröffnung ſtutzig zu machen; gleichwohl gab er ſein Vorurtheil noch nicht auf. „War das ein Grund“, fiel er dem Prieſter heftig in's Wort,„ſie und die Baſe ohne weiteres aus dem Hauſe zu werfen? Ihr ſeid viel zu gut, Hochwürden; Ihr entſchuldigt alles und ſeht alles in beſſerm Licht!“ „Ja, ich liebe die Menſchen“, ſagte der Greis, „und dieſer Mann iſt nicht ſo ſchlimm, wie Du meinſt. Körperliche Leiden, mit einem unverkennbaren Zwieſpalt der Seele vereinigt, mögen eine fortwährende Mißſtim— mung in ihm erzeugen, die eine liebende Frauenfürſorge vielleicht zu verſcheuchen vermocht hätte!“ „Und dieſen Dienſt ſollte dem ſchlauen Patron Magdalene erweiſen!“ fuhr Georg fort;„er meint es wirklich vortrefflich mit ihr. Ich bleibe dabei, Hoch— würden, Ihr ſeid für dieſe Welt viel zu nachſichtig und gut. Ich glaube, ſelbſt den Ketzern würdet Ihr das Wort reden, obgleich aus dem heilloſen Unfug dieſer Querköpfe alles Elend im Lande entſprang.“ „Warum denn nicht?“ entgegnete der Pater;„ſind ſie doch Ebenbilder Gottes und zur ewigen Freude be— rufene Geſchöpfe, wie wir.“ Die ernſten Worte des Prieſters verfehlten ihre Wirkung nicht. Selbſt Georg wagte keinen Widerſpruch mehr, obgleich die milde Nachgiebigkeit des alten Herrn in ſeinem feurigen, von dem Geiſt der Zeit beherrſchten Gemüthe nuur einen ſchwachen Wiederhall fand. Er lenkte das Geſpräch ab. „Iſt Leßlie immer noch—?“ fragte er mit einer Pantomime, welcher Pater Vincenz ſofort verſtand. „Derſelbe wie früher“, erwiderte er,„mißmuthig, düſter, und ſein altes Uebel, bei Nacht im Schlafe zu wandeln, hat ſich eher noch verſchärft, als vermindert.“ Der Leibjäger dachte ſchon nicht mehr an die Rüge, welche ihm durch den geiſtlichen Herrn ertheilt worden war.„Und ein ſolcher Menſch will heirathen!“ brach —sw*—F — 11 — er los. „Am Tage ſchneidet er Geſichter und rollt die Augen, daß man die kleinen Kinder vor ihm verbirgt, bei Nacht aber, wenn andere ehrliche Leute in ihren Betten liegen, ſpaziert er umher!“ „Ich ſehe“, ſagte Pater Vincenz kopfſchüttelnd, „daß Wohin nun? Originalzeichnung von E. Tetzner. Du Deinen Erbfehler, die Neigung zu Neckereien und Spott, trotz all' meinen ernſten Ermahnungen noch immer nicht abgelegt haſt. Gebe Gott, daß Dir aus dieſer Untugend nicht einmal Verdruß oder am Ende noch Schlimmeres erwächſt!“ Auf dem Vorplatze dröhnten ſchwere Schritte, und bald darauf trat ein hagerer, großer Mann in das Zimmer. Unter den dunkeln Brauen blitzen ein Paar ſtechende Augen hervor, die im Verein mit der gerunzelten Stirne und den ſchmalen, zuſammengekniffenen Lippen dem ganzen Geſichte etwas Unheimliches und Abſtoßendes gaben. Der Mode jener Zeit gemäß trug er ſich in ſchwarzem, ſammtbeſetztem Tuch nach ſpaniſchem Schnitt. Ueber Bruſt und Schulter fiel ein ausgezackter Spitzenkragen, an der Hüfte glänzte ein Degen mit ſilbernem — 12 — Griff. In der Hand hielt er die großen Stulphandſchuhe und einen breiten, mit rother Hahnenfeder geſchmückten Hut. An letzterm blieb Georg's Auge bei der Muſterung des Mannes hängen. Er hatte ſich nicht getäuſcht: es war der Kopfſchmuck des Reiters, welcher kurz vor ſeinem Eintreffen in der einſamen Waldſchenke auf dem Wege nach Großmeſeritſch davongeſprengt war — der Onkel des Wachtmeiſters Donald, Schloßhauptmann Leßlie. Der Eintretende ſtellte ſich an der Thüre auf und maß die Anweſenden mit lauerndem Blick. „Wie ich höre“, ſagte er mit dumpfer Stimme ,„iſt einer der Reiſigen Seiner Gnaden...“ „Einer der fürſtlichen Leibjäger mit Befehlen des Herzogs an Euch angekommen“, vollendete Georg mit feſtem Tone den Satz, indem er ein Schreiben aus ſeinem Koller zog und es dem Schloßhauptmann gab. „Mit Verlaub, Jungfer Lene,“ entſchuldigte ſich Leßlie und nahm auf einem Stuhl Platz. Er öffnete das Schreiben und fing an zu leſen. Dabei wurde ſein Geſicht noch düſterer als vorher. Der Inhalt des Briefes ſchien für ihn in hohem Grade unangenehm zu ſein. „Seine Gnaden werden mehrere Tage hier verweilen“, wandte er ſich endlich an Georg; „wie ich vernehme, begleiten den Herrn auch die fürſtliche Gemahlin und einiges Gefolge...?“ „Ja einiges“, wiederholte Georg, der ſeine Schadenfreude über die Verſtimmung des Schloßhauptmanns nicht zu verbergen ſuchte, das zweite Wort ſcharf betonend; „es kommen außer dem Herrn, deſſen Gemahlin und Tochter vier Cavaliere, drei Ehrenfräulein, zehn Leibjäger, ſechs Stallmeiſter, ungefähr ebenſoviele Staffettenreiter, dreißig Diener und Hatſchiere, ſodann noch die Bedienung der Hatſchiere, Kutſcher, Sänftenträger und Reitknechte, deren Zahl jedoch höchſtens vierzig ausmachen wird. Dagegen dürften die erwarteten Gäſte ſchon einen etwas größeren Raum beanſpruchen.“ „Was?“ fiel der Schloßhauptmann dem Leibjäger in's Wort, und eine unverkennbare Beſtürzung drückte ſich auf ſeinem Angeſicht aus, „auch Gäſte kommen?“ „Freilich“, lachte Georg, „und zwar recht viele. Von Graf Piccolomini, Don Balthaſar Maradas und Herrn Arnim iſt es gewiß; auch der kaiſerliche Kämmerer Fürſt Eggenberg wird erwartet; ob Graf Pappenheim, die Oberſten Heyburn, Hinnerſam, Collalto, Buttler und Graf Iſolani auch eintreffen werden, iſt noch nicht ausgemacht, doch ſehr wahrſcheinlich.“ „Das iſt mein Tod“, ſtöhnte der Schloßhauptmann, auf deſſen Stirne dicke Schweißtropfen perlten; „kaum der Dritte hat in den Schloßräumen Platz.“ „Thut nichts“, meinte Georg gemüthlich; „Ihr bringt die Gäſte in der Stadt unter und habt bloß für die Einrichtung Sorge zu tragen. Doch dieſe muß nach des Herrn ausdrücklichem Befehl würdig und anſtändig ſein; namentlich iſt darauf zu ſehen, daß der Herzog in ſeinen Meditationen und Berechnungen nicht geſtört wird, wofür er Euch perſönlich verantwortlich macht. Wenn man ihn bei dem geheimnißvollen Verkehr mit den Geſtirnen beſchreit, iſt der ganze Glaube dahin, und Ihr, Hauptmann, tragt dann die Schuld. Ich möchte wahrlich nicht in Eurer Haut ſtecken, wenn Ihr Euch gegen dieſen Artikel verfehlt; ſeht Euch wohl vor! Einige Mühe und Anſtrengung zwar“, ſchloß der Leibjäger, ſich an der Verlegenheit des Schloßhauptmanns weidend, „wird es Euch koſten; doch wenn Ihr klug ſeid, iſt Euch keine Arbeit zu ſchwer und kein Opfer zu groß. Der Herzog weiß zu belohnen, wenn man ſeiner Erwartung entſpricht; dagegen wird aber auch jede Pflichtvernachläſſigung unnachſichtlich beſtraft. Vor allem iſt der Anblick von Unreinlichkeit und Aermlichkeit ihm in der Seele zuwider, worauf ich Euch ganz beſonders aufmerkſam gemacht haben will!“ Mit forſchendem Blick fixirte Leßlie den jungen Mann unter ſeinen buſchigen Brauen hervor. Es mochte die Ahnung in ihm aufdämmern, daß dieſer das bevorſtehende Unheil mit einer Farbe ausmale, die der Wirklichkeit nicht ganz entſprach. Dennoch machte er keine Bemerkung. „Da Ihr mit den Eigenthümlichkeiten und Gewohnheiten des Herrn ſo ſehr vertraut zu ſein ſcheint“, ſagte er nach einer kleinen Pauſe ärgerlich,„ſo gebt mir wenigſtens einen Rath, was ich thun ſoll.“ „Mancherlei“, erwiderte Georg und zuckte die Achſeln. „In erſter Linie müſſen nothwendig alle Häuſer im Städtchen friſch verputzt werden, damit ſie einen freundlichen Anblick gewähren; ſodann ſind die Düngerhaufen vor den Bauernhöfen zu entfernen und die Straßen ſauber zu kehren. Haben Eure Diener kleine Kinder, ſo ſind ſie anderweitig unterzubringen. Auch Pfauen und Eſel, falls ſolche vorhanden ſind, müſſen fort; vor allem aber ſorgt dafür, daß allen Hähnen weit und breit die Hälſe umgedreht werden, denn das Geſchrei dieſer Burſchen verſetzt den Herzog jedesmal in unbeſchreiblichen Zorn.“ Während der letzten Auseinanderſetzungen Georg's hatte ſich das finſtere Geſicht des Schloßhauptmanns ein wenig geklärt.„Sonſt wißt Ihr nichts mehr?“ fragte er am Schluß halb grollend, halb ſpöttiſch. „Iſt es noch nicht genug?“ meinte der Leibjäger höhniſch. „Doch, doch,“ brummte Leßlie, „mehr als hinreichend, um einen treuen Diener zur Verzweiflung zu bringen. Ich danke Euch für die Belehrung und werde mein Möglichſtes thun.“ Damit erhob er ſich und verließ nach einer ſteifen Verbeugung das Zimmer. (Fortſetzung folgt.) Vor fünfundzwanzig Jahren. Von Friedrich Koch⸗​Breuberg. (Fortſetzung.) Die ſchwerſten Tage für das J. Corps. Nicht lange hatte der Aufenthalt in Ormes gewährt, und nur einmal war es mir möglich geweſen, nach Orléans zu reiten. Ach, wie ſah die ſchöne Stadt aus! Die Kathedrale war zur Bergung der Gefangenen benützt, und die Straßen glichen einem Heerlager. Ein rauher Wind wehte über die Gegend, und ich gedachte mit Wehmuth der ſchönen Herbſttage, welche ich hier verlebt hatte. Zum zweiten Male über die Loire geworfen, ſo dachte ich, muß der Friede kommen. Aber der einäugige Götze des modernen Frankreichs, des Staates, der einſt einen hl. Ludwig beſeſſen, hetzte fort, hetzte fanatiſirte Maſſen in den Tod, nur um dem eigenen Ehrgeiz zu genügen. Wo iſt das Große, das dieſer Mann — das Volk verſöhnend — ſpäter geſchaffen hat? Napoleon I. hat doch die Geſellſchaft gerettet, hat gute Geſetze, die ſich heute noch bewähren, Die Anbetung der heiligen drei Könige. Es ſtieg ein Stern am Himmel auf, Die Weiſen folgten ſeinem Lauf; Zum Lichte führt das Licht ſie ein, Dem ſie als Gott ihr Opfer weih'n. 14 * ⸗ gegeben! Was hat Gambetta gethan? Sein Holofernes— Ende war noch viel zu mild als Strafe für die Heka— tomben ſeiner Ehrſucht. Nie und nimmer erkennen die Völker ihre Verführer, deren eiſernen Klauen ſie verfallen, wenn ſie das vielleicht ſanft drückende, aber Ordnung und Wohlſtand verbürgende Joch der allein ſich bewährenden Monarchie leichtſinnig und vorſchnell abſchütteln. Zornig dachte ich es und ritt heim. Statt einer Friedenstaube begegnete mir der Adjutant, deſſen Brief— taſche ſchon wieder den Operationsbefehl für den 6. Dez. barg. Prinz Friedrich Karl behielt nur das X. Corps in Orlséans, während das III. ſtromaufwärts ſich ausdehnte, das IX. ſchon ſüdlich an den Loiret vorgerückt war und wir unter dem Großherzog, dem noch die 25. Diviſton zugetheilt wurde, ſüdweſtwärts vorzugehen hatten. Schon am heutigen Tage, dem 6. Dezember, waren die beiden Cavallerie-Diviſionen vorausgeeilt, und morgen ſollten wir brigadeweiſe in den neuen Rayon einrücken. Nie— mand ahnte, daß er für Tauſende ein frühes Grab werden ſollte. Das 3. Bataillon unſerer Zwölfer war mit der 2. Cavallerie-Divſion und unſeren Küraſſteren bis Meung gelangt. Obwohl der Feind vertrieben worden war, konnte man nicht bleiben, da ein Bataillon ſich als un— genügend für die ausgedehnte Stadt erwies. Bedeutende Kräfte ſollten auch in der Nähe ſtehen, und deßhalb zog man ſich zurück, ganz ähnlich, wie weiter nördlich die andere Cavallerie-Diviſion verfuhr. Am 7. Dezember ließ Graf zu Stolberg ſeine beiden Cavallerie⸗-Brigaden gegen Chateau Préfort vorgehen und wies unſeren Küraſſieren und den Zwölfern die große Straße nach Beaugench an. Da ſchon vor Meung der Feind, welcher Ueberfluß an Munition zu haben ſchien, ſogar Patrouillen mit Granaten bewarf, verblieben unſere Küraſſiere bei St. Ay und erwarteten unſere 1. und die mecklenburgiſche Diviſion. Es rückten nämlich die Bayern in zwei Colonnen vor. Die 2. Diviſion über Huiſſeau, die 1. über La Chapelle. Sie waren recht klein geworden, dieſe Divi— ſtonen, denn Erſatz-Mannſchaften hatten wir ſeither nicht mehr erhalten. Betrug doch die Geſammtſtärke des Corps am 7. Dez. nur 9994 Feuergewehrel Das 4. Jäger— Bataillon war in eine, mehrere andere Bataillone waren in 2 Compagnien formirt worden, und wir Oberlieutenants ritten alle, denn daß wir Compagnien führten, war ſelbſt— verſtändlich, aber manche hatten ſogar ſchon Bataillone vor dem Feinde zu commandiren. Auf der großen Straße— auch General v. d. Tann hatte ſie gewählt, um nach Meung zu reiten war eine jener lieblichen Stockungen eingetreten, die Niemand verſchuldet haben will, die im Felde aber ſehr unange— nehm, ja gefährlich ſind. Da ſtoßen große Truppen— körper zuſammen, und bis gehalten wird, bis die Sache in Ordnung kommt, vergehen Stunden. Heute aber waren gar die Trains der Diviſion Stolberg, welche, wie erwähnt, nicht vorwärts konnte, ſtehen geblieben, und nun ſteckte alles ineinander. Wie Helbig anführt, fehlte im Befehl die Abmarſchſtunde für die Mecklen— burger. Der Großherzog gab nun dem General v. Dietl perſönlich den Befehl, mit der Diviſion nach rechts über La Challerie abzubiegen und rechts von den Mecklen— — ⏑—— 14— burgern auf den feindlichen linken Flügel zu drücken. Eben um 194, Uhr traf die Avantgarde bei genanntem Orte ein, und man vernahm von Süden her das Knat—⸗ tern der Gewehre. Die Mecklenburger waren alſo ſchon engagirt, und Oberſt v. Täuffenbach ließ trotz der ſchlechten Wege den Marſch gegen Les Monts und Le Bardon beſchleunigt fortſetzen. Hier machte man Halt und erwartete das Gros. Auf dem Rand der gegen— überliegenden Terrain⸗Anſteigung war eine Batterie auf— gefahren und bewarf den letzteren Ort mit Granaten, während feindliche Infanterie langſam anrückte. Das Geknatter bei den Mecklenburgern wurde immer heftiger, und die Feinde überragten ja ſchon ihren rechten Flügel — alſo raſch drauf los! Von Le Bardon nach Meſſas führt ein Sträßchen — leider durch Weinberge, die im Winter nicht gang⸗ barer geworden waren— und an dem entwickelte ſich das 2. Jäger-Bataillon unter Major Wirthmann. Die Batterien Gruithuſen, Hutten und Schleich nahmen ſüd— lich von Le Bardon Stellung und eröffneten das Feuer nach 4 Uhr. Nun knallte es auch aus den Rohren der Jäger, und das Bataillon Eckart des Leib-Regiments verlängerte nach rechts die Linie. Dieſe wurde mehr und mehr durch Abtheilungen genannten Regiments ver— ſtärkt und drang dann gegen den Hof La Bourie ganz ſüdlich vor. Der Feind wich feuernd zurück, und jetzt erſt ſah man, daß weſtlich ein neuer, ſtärkerer Feind auftauchte. Schon gegen 4 Uhr hatte der Großherzog befehlen laſſen, es ſollte nach Meſſas vorgegangen werden. Das ging jetzt gar nicht. Alles, was geſchehen konnte, beſtand darin, weiter offenſiv vorzugehen und hiedurch die Lage der Mecklenburger zu erleichtern. General v. Dietl be— fahl deßhalb der 2. Brigade vorzurücken und ließ die fechtenden Truppen nach und nach rechtsſchwenken, alſo eine weſtliche Richtung nehmen. Man ſchoß nicht viel und ging flott mit Hurrah vor. Die Schwenkung war noch nicht vollſtändig vollzogen, als es plötzlich im Rücken aufblitzte und feindliche Granaten beim linken Flügel einſchlugen. Dieſer gerieth für einen Augenblick ins Stocken, aber da brüllt es ja bei der franzöſiſchen Artillerie drüben aus bayeriſchen Kehlen Hurrah! Die Bedrohten ſahen ſich um und gewahrten, wie Jäger und Leute vom Leibregiment in die Batterie einſtürmten. Es waren die Mannſchaften des Hauptmanns Golch und des Oberlieute— nants Alfred Mayer, welche 8 Geſchütze und 2 Mitrail— leuſen erobert hatten. General Chanzy faſelt zwar von einer Vertheidigung, aber unſere Leute ſahen doch die franzöſiſche Bedienungsmannſchaft laufen, ſie richteten ſich doch ſelbſt zur Vertheidigung bei der Beute ein und gaben ſie erſt wieder auf, als ſie einer weit überlegenen Uebermacht weichen mußten. Und noch einmal wurde eine franzöſiſche Batterie attakirt, das geſteht General Chanzy auch zu, und hier läßt er einige 20 Mann gefangen nehmen. Ganz richtig — aber er verſchweigt, daß ein tapferer Chevauleger— Corporal, den Namen weiß ich leider nicht, mit vierzehn Mann ſie wieder herausgehauen hat. (Fortſetzung folgt.) ——— e ennn · grnnc err3 1b Oberjoch (Mit Bild.) ——>Nachd!U nommen. Das völlig farblose, durchsichtige Steinsalzstück ^ enthält nämlich inwendig einen Hohlraum, welcher zum j Theil mit Wasser angefüllt ist, welches sich beim Neigen ^ des Minerals hin und her bewegt. Die Wassermenge dürfte also seit der Bildung des Steinsalzes in ihrem l Gefängniß eingeschlossen und so vom Kreislauf in der ! Natur ausgeschlossen worden sein; obgleich man ja im Bernstein z. B. öfters Wassertropfen eingeschlossen findet, ! so ist das Vorkommen von Wasser in einem löslichen ^ Mineral jedenfalls doch ein merkwürdiges Spiel der Natur. (Mitgetheilt vom Internationalen Patent-Bureau von Carl Fr. Reichelt, Berlin N.^V. 6.) * Wer braut dasmeisteBier? Nach der Brauerund Hopfenzeitung „Gambrinus" wurden 1894 in 44,531 Brauereien der Welt nicht weniger als 207,361,258 Hektoliter erzeugt gegen 204,600,390 Hektoliter im Jahre 1893. Dafür mußte die hübsche Summe von 616,178,165 Mark Malzaufschlag, bezw. Biersteuer bezahlt werden. An Malz wurde verbraucht 64,471,058 Kilo, an Hopfen 2,205,510 Kilo. Kolossal ist die Biererzeugung in Bayern: 6622 Brauereien mit 15,019,297 Hektolitern Bier. Von österreichischen Brauereien steht Böhmen mit 723 Brauereien und 7,605,855 Hektolitern Bier obenan. Dann Nieder- Oesterreich mit 72 Brauereien und 3,484,181 Hektolitern. Anton Dreher steht in erster Reihe. In Schwechat wurden im Jahre 1894 699,640 Hektoliter erzeugt, in St. Marx 476,820, in Liesing 338,400 , in Ottakring 196,140 Hektoliter usw. Die jüngste Brauerei nächst Wien, die in Groß-Jedlersdorf, hat es bereits auf 140,130 Hektoliter gebracht. Das Bürgerliche Brauhaus in Pilsen weist aus 582,140 Hektoliter, die Pilsener Actien-Gesellschaft 250,300 und Pilsenetz 72,075 Hektoliter. In Steinbruch nächst Budapest erzeugt Anton Dreher 410,238 Hektoliter. Die Brauerei „Zum Schultheiß" in Berlin weist eine Produktionsziffer von 433,435 Hektolitern auf. In Ungarn bestehen 99 Brauereien, die 1,585,044 Hektoliter produ- zirten. Die mäßigsten Biertrinker sind in — Indien, wo auf den Kopf bloß 0,029 Liter Bier kommen. Bayern wird in der Bierproduktion nur von Großbritannien und Irland übertroffen. Dort stehen 9240 Brauereien in Betrieb mit einer Erzeugung von 52,774,323 Hektolitern, von denen der größte Theil im Auslande vertrunken wird. --» -- Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt. Auflösung des Rösselsprungs in Nr. 1: Keine Blumen blüh'n, Nur das Wintergrün Blickt durch Silberhüllen; Nur das Fenster füllen Blümchen flimmernd weiß, Aufgeblüht aus Eis. Ach, kein Vogelfang Tönt mit frohem Klang, Nur die Winterweise Jener kleinen Meise, Die am Fenster schwirrt Und um Futter girrt.... --EZS-- (Hölty.)