1896 . „Augsburger Postzritung". 4 . Dinstag, den 14. Januar Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Gradherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Mar Huttler). Die Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Benno. (Fortsetzung.) Unmittelbar hinter dem Fürsten kam ein schmächtiges Männchen, in einen mit Pelz verbrämten, weitärmeligen Mantel gehüllt. Das noch frische, scharf markirte Gesicht, aus welchem ein verschmitztes Augenpaar blitzte, und das dunkle Haupthaar ließen ihn jünger erscheinen, als er in Wirklichkeit sein mochte. ES war der bevorzugte und in alle Geheimnisse und Pläne des Herrn eingeweihte Astrologe Wallenstein's, „der Schwarzkünstler" Seni, über welchen das Gerücht allerlei wunderliche Märchen in Umlauf gesetzt hatte. An der Schloßpforte angelangt, stieg der Herzog vom Pferde, wobei Georg Selkow, dem er einen herablassenden Gruß zugenickt hatte, den Steigbügel hielt. Der Schloßhauptmann trat zur Begrüßung heran; er sprach einige Worte, allein der Herzog warf nur einen kalten, flüchtigen Blick auf ihn. Rasch wandte er sich zu Pater Vtncenz, der ihm mit einem ehrfurchtsvollen Segensspruch das Weihwasser bot. „Wie wohl und jugendlich ich Euch wiederfinde!" sagte der Herzog, nachdem er sich besprengt und bekreuzt hatte, mit freundlicher Stimme und fügte wie im Selbstgespräch fast traurig hinzu: „Es ist doch etwas Schönes um Herzensruhe und Seelenfrieden; wann mag dieses Glück mir endlich zu Theil werden?" „Möge der liebe Gott es Euch nach den Tagen rühmlichen Wirkens in reichstem Maße gewähren", sprach der Priester. „Amen, hochwürdiger Herr, Amen", erwiderte Wallenstein trübe lächelnd; „auch ich möchte so gern einstimmen in 'diesen Wunsch, aber leider sind jene Tage noch fernl" Damit schritt er, ohne der zu seiner Begrüßung gekommenen Volksmenge Beachtung zu schenken, von Leßlie und den Dienern gefolgt, in das Schloß. In diesem Augenblick polterten mehrere Wagen über den gepflasterten Hof, an der Spitze derselben eine reich vergoldete Carosse, welche überdacht, an den Seiten aber nur durch dunkle Ledervorhänge gegen Wind und Wetter geschützt war. Die Gemahlin des Herzogs, eine noch junge Frau, deren liebliches Antlitz von Milde und Anmuth verklärt, stieg heraus und wurde von der herbei- geeilten Magdalene begrüßt. Die hohe Frau warf einen forschenden Blick auf das Mädchen. Dann reichte sie ihm mit einem freundlichen Lächeln die Hand. „Ei, sieh da", rief sie, „bist Du nicht Magdalene, die Pflegetochter unseres treuen Lobau? Ja, ja. Du mußt es sein", fügte sie hinzu, als das Mädchen der vornehmen Dame nicht sofort zu antworten wußte. „Ich hätte Dich kaum mehr erkannt, so groß und kräftig bist Dul Nun, wir werden wohl bald bekannter sein. Du mußt mir den Dienst einer Kammerzofe versehen, so lange ich in Großmeseritsch bin." Eine der Damen führte ein etwa achtjähriges Mädchen herbei, das die Herzogin zärtlich umarmte und dann Magdalenen vorstellte. „Meine süße, kleine Maria Elisabeth", sagte sie mit strahlenden Augen, während das Kind zutraulich die Jungfrau anschaute; „ich will sie in Deine Obhut geben. Behüte und bewahre sie wohl; denn sie ist mein theuerstes Gut!" Die Herzogin gewann sich durch da und dort gespendete freundliche Worte sofort die Herzen ihrer Unterthanen und begab sich mit ihrem Töchterchen, Magdalenen und den Damen ins Schloß. Nun verlief sich das Volk in unverkennbarer Hast. Es war den Leuten offenbar innerhalb der Burgmauern nicht wohl. Die Triumphbogen und Ehrenpforten wurden auf ausdrücklichen Befehl des Herzogs gleich wieder abgebrochen, das verdorrte Gras von dem Wege entfernt, und bald herrschte die gewöhnliche Stille in dem geräumigen Schloßhof. Nur das bunte Durcheinander der Wagen, Carrossen, Sänften und anderer Beförderungsmittel verrieth das Ereigniß des Tages. * * * Eine Stunde später durchmaß der Herzog von Friedland mit finster zusammengezogenen Brauen, die Hände auf den Rücken gelegt, das weite Gemach, welches er sich zum Arbeitszimmer ausgewählt hatte. Alterthümliche Möbel mit schadhafter Vergoldung standen umher; die Farben der rothseidenen Fenster-Vorhänge, sowie des Sammets an den schweren Lehnstühlen waren abgebleicht und verschossen. Leßlie hatte ursprünglich einen andern Raum für den Herrn in Bereitschaft gesetzt und nicht ohne Besorgniß die Wahrnehmung gemacht, daß dem Herzog die Lage gerade dieses Zimmers am besten gefiel. Er war auf eine ernstliche Zurechtweisung gefaßt gewesen; doch Wallenstein hatte der fast ärmlichen Ausstattung, ganz im Gegensatz zu seiner sonstigen Gepflogenheit, gar keine Beachtung geschenkt. An einem der Tische saß, mit Schreiben beschäftigt, des Herzogs Geheimsecretär, Cornet Neumann; Seni lehnte am Fenster, ein Staffettreiter und Georg Selkow standen wartend an der Thüre. Letzterer hielt seine Augen mit unverkennbarer Ueber- raschung auf Neumann gerichtet. Was er während seines langen Aufenthaltes in der unmittelbaren Umgebung des Herzogs noch nie entdeckt hatte, das fiel ihm heute auf: nicht nur die Gestalt, sondern auch die Haltung und die Gestchtszüge des Geheimsecretärs glichen den seinigen fast auf ein Haar. Er konnte kaum begreifen, daß dieses sonderbare Spiel der Natur nicht schon früher von ihm bemerkt worden war. Uebrigens hatte der Cornet, wie Georg sah, im Haar und Bartschmuck gegen früher eine auffallende Aenderung bewirkt — an und für sich eine Laune, aus der jedoch in der Folge, wie so oft aus kleinen Ursachen, eine verhängnißvolle Wirkung für den Träger entsprang. Nachdem ein längeres Schweigen im Zimmer geherrscht hatte, wandte Wallenstein sich an den Schloß- hauptmann, ohne diesen jedoch anzusehen: „Hat Euch Euer Vetter Gordon, der Comandant von Friedland, in der letzten Zeit keine Nachricht gegeben?" „Nein," erwiderte Leßlie, ob der Zwischenfrage, deren Zweck er nicht zu errathen schien, sichtlich betroffen. „So wißt Ihr auch nicht," fuhr der Herzog fort und maß den Schloßhauptmann mit einem mißtrauischen Blick, „daß der waghalsige Schelm Christoph von Redern in der dortigen Gegend herumreitet und das Landvolk verführt? Das kann nur im Einverständniß mit Gordon geschehen. Wenn dieser seine Pflicht erfüllte, dann hätte der Unfug schon längst aufgehört. Schreibt deshalb," befahl er Neumann, „an den Schloßhauptmann, er sei von heute ab seines Dienstes entlassen. Im ganzen reichenbergischen und frtedländischen Gebiet aber soll bekannt gemacht werden, daß, wer die geringste Gemeinschaft mit Redern unterhält, dem Galgen verfällt; wer ihn mir aber todt oder lebendig in die Hand liefert, der soll fünftausend Thaler erhalten." Der Geheimsecretär schrieb, und der Herzog setzte seine Wanderung fort. Als Neumann das Schriftstück ausgefertigt hatte, winkte Wallenstein dem harrenden Reiter, übergab ihm den Brief, und dieser verließ das Gemach. Der Herzog ging noch eine Weile auf und ab; dann blieb er abermals vor dem Schloß-Hauptmann stehen und schaute ihm fest in's Gesicht. „Die fehlenden Papiere haben sich noch nicht gefunden?" fragte er mit einem Tone, in welchem fast etwas Drohendes lag. Ein unverkennbarer Schrecken drückte sich auf Leßlie's Angesicht aus. Gleichwohl wußte er sich zu beherrschen und antwortete mit fester Stimme, wenn auch ängstlichem Blick: „Nirgends, Euer Gnaden; man suchte bis jetzt vergeblich danach I" Ein zorniger Blick zuckte aus den Augen des Herzogs hervor. „An dem Tage vor dem Tode der Gräfin waren sie noch vorhanden, das ist ausgemacht," erklärte er, „am folgenden Morgen aber hat man sie vermißt. Ich bin fest überzeugt, daß sie auf Grund eines böswilligen Complots entfernt und versteckt worden sind. Georg," fuhr er zu diesem gewandt fort, „du bist mir treu! Du kennst alle Räumlichkeiten dieses Hauses genau. Nimm einige Knechte und durchsuche das ganze Schloß vom Dachstuhl bis zum Grundstein, die Zimmer meiner Gemahlin allein ausgenommen. Eine Kiste mit Documenten ist verloren gegangen. Spüre überall nach und laß, wo du es für nöthig findest, Thüren und Wände einschlagen und alle Schränke und Kästen aufbrechen. Findest du jene Papiere, so sei meiner fürstlichen Gnade und eines reichen Lohnes gewiß. Ihr, Leßlie, werdet den Leibjäger begleiten und Euch nicht eher entfernen, bis die Untersuchung zu Ende geführt ist." „Euer Gnaden glauben doch nicht . . .," wagte der Schloßhauptmann mit merklich zitternder Stimme einzuwenden. „Ich glaube gar nichts," entgegnete der Herzog rauh, „denn sonst läget Ihr längst in Ketten und Banden! Doch fort jetzt an's Werkl" Leßlie und Georg verließen das Zimmer; auch Neumann entfernte sich auf einen Wink seines Herrn. Wallenstein und Seni blieben allein. Wieder schritt der Herzog eine Zeit lang schweigend an den Fenstern des Zimmers entlang. „Habt Ihr den Brief noch, den Kepler vor seinem Tode Euch geschrieben?" fragte der Herzog den Astrologen. „Ja, mein hoher Herr", erwiderte der Alte, „er ist gut verwahrt." „Ich will ihn sehen", sagte Wallenstein. Seni entfernte sich. „Ich hatte mir zwar", murmelte der Herzog, als er sich allein sah, „damals das Geschriebene genau ins Gedächtniß geprägt, aber ganz kann ich mich doch nicht mehr auf den Wortlaut besinnen, der, wie ich mich erinnere, eine Warnung von ungeheuerer Tragweite enthält. Kepler war ein merkwürdiger Mann. Man hat seinen Geist, sein Wissen und seine Kraft unterschätzt. Ich bin fest überzeugt, daß ihm von den Gestirnen mehr vertraut worden ist, als die Welt ahnt!" Der Astrologe kam zurück und übergab Wallenstein ein halbvergilbtes Papier. Dieser las langsam folgende Stelle: „Der Herzog wird sich an Unternehmungen wagen, durch welche er entweder auf den höchsten Gipfel des Ruhmes geführt oder in den tiefsten Abgrund gestürzt wird. Er mag sich vor einem geheimen Feinde wohl in Acht nehmen, der unsichtbar, aber beharrlich in seine Fußstapfen tritt. Wenn die Hand gegen den Herrn zum Schlage sich erhebt, erfüllt sich in Finsterniß und Nacht sein Geschick." Der Herzog ließ seine Augen längere Zeit auf dem Schreiben haften. Dann legte er es weg und blickte zum Fenster hinaus. „Kepler spricht von einer Gefahr", sagte er nach einer Pause, „die allerdings noch an Bedingungen geknüpft ist; aber eine Gefahr bleibt doch. Auch meine eigenen Berechnungen deuten nichts Gutes. Daß es Warnungszeichen gibt, und daß diese den Geschicken der Menschen vorangehen, welche dazu erkoren sind, auf die Ereignisse ihrer Zeit mächtig zu wirken, dessen haben wir Beispiele genug!" „Kepler war ein großer Gelehrter", bemerkte Seni, der das Selbstgespräch des Gebieters mit wachsendem Interesse verfolgt hatte, als Wallenstein schwieg, „allein er kann sich doch geirrt haben. Oder er hat Euch", fügte er mit zweideutigem Lächeln hinzu, „absichtlich getäuscht, um Euch schwankend zu machen. 27 Er stand ja auf der Seite unserer Feinde. Das von ihm gegebene Horoskop klingt so unbestimmt und verworren, daß es mir fast wie das wohlfeile Machwerk eines listigen Traumdeuters erscheint. Jedenfalls ist die ihm von Euch unterbreitete Angelegenheit nicht mit jener Gewissenhaftigkeit und jenem Ernste behandelt worden, welche eine so wichtige Sache verlangt. . . . Meine Constellation verkündet Euerm Beginnen Ruhm und Glück, vorausgesetzt, daß Sonne und Mars nicht in Opposition sind. Da jedoch die Sonne das Zeichen des aller- durchlauchtigsten Erzhauses ist und der Krieg, für den Ihr das Heer zusammengebracht habt, zur Befestigung der Macht desselben geführt werden soll, so fällt jene Gefahr von selbst weg!" Wallenstein schaute den Astrologen mit einem Blicke an, als wollte er die geheimsten Gedanken in dessen Seele ergründen. Dann sagte er: „Ihr traut Kepler nicht, Ihr habt es niemals gethan. Ihr meint, er habe mich absichtlich getäuscht? Das glaube ich nicht. Ich denke besser von ihm. Kepler war nicht nur ein großer Meister unserer himmlischen Kunst, er war auch ein hervorragender, ein guter Mensch. Und wie hat die undankbare Welt ihm gelohnt?" fügte er bei. „Wie fast Jedem, der sich nicht mit kühner Rücksichtslosigkeit einen Griff in den Glückshafen der Günstlinge des Schicksals erzwingt: sie nahm den Schatz aus der Hand des bescheidenen Mannes und gab ihm dafür nicht ein Mal Brod. Doch", fuhr er fort, und seine Stimme sank zum Flüstertöne herab, „habe ich ein Recht, die Welt anzuklagen? War ich besser als sie? Ich verdankte dem edlen Forscher so viel; er hat mir manches Geheimniß im Zauberreiche der Gestirne erschlossen, und was that ich für ihn? Nichts, oder doch nicht viel mehr als nichts! Denn der Lehrstuhl in Rostock war — ein Amt ohne Brod!" Wallenstein fuhr sich mit der Hand über die Stirne, als wolle er die Spuren dieser Selbstanklage verwischen. Dann wandte er sich an Seni: „Wie geht es der Familie des Meisters? Wißt Ihr Näheres von ihr?" „Keplers Wittwe soll in Regensburg leben", erklärte der Astrologe, „und in nicht ungünstigen Verhältnissen sein, nachdem die Verdienste ihres verstorbenen Gatten vom Reichstag anerkannt und belohnt worden sind." „Sind sie es wirklich?" rief der Herzog. „Das freut mich, wenn diese Belohnung für den geprüften Mann selbst auch zu spät kam. Ich werde ihrer gleichfalls gedenken — mahnt mich daran. Doch geht jetzt, Meister, und stellt im astronomischen Zimmer alles bereit; die hochwichtige Nacht rückt heran." Der Herzog machte eine leichte Handbewegung, und der Alte schritt langsam hinaus. 3 . Die Sonne stand kaum am Himmel, als Magdalene am folgenden Tage das Zimmer der Base betrat. „Guten Morgen, liebe Base", rief sie fröhlich und stellte eine Flasche Wein auf den Tisch; „seht nur, wie freundlich und gut die Herzogin ist! Dies schickt sie, damit Ihr Euch gütlich thut." „Die Herzogin?" fragte die Alte; „sie kennt mich ja nicht!" „Um so mehr beweist die Gabe ihre Herzensgüte und Mildthätigkeit", erwiderte das Mädchen. „Die hohe Frau hat mich über alle Bewohner des Schlosses gefragt, und als sie hörte, daß Ihr schon vierundachtzig Jahre alt seid, sprach sie sofort die Absicht aus, Euch eine kleine Freude zu bereiten. Sie ließ diesen Labetrank holen und gab mir den Auftrag, ihn Euch zu bringen. In den nächsten Tagen wird sie bei der Base in höchsteigener Person einen Besuch machen. Ihr glaubt gar nicht", schilderte Magdalene weiter, als Frau Anna die Nachricht von der ihr zugedachten Ehre kaum anhörte, „wie herablassend sie ist. Ich war gestern Abend lange um sie; eine der Damen mußte ihr Töchterlein holen, das wohl eine Stunde lang in der zutraulichsten Weise mit mir geplaudert und gespielt hat. Der kleine Engel war in Sagan so krank, daß man bereits für sein Leben fürchtete; nun ist er wieder frisch und gesund!" „Ja, ja", bemerkte die Alte in ihrer gewohnten eigenthümlichen Weise, „ich glaube es Dir. Sie war auch einst glücklich und gut; ihr fröhliches Lachen und Scherzen durchklang oft diese Räume, wo es nicht so trübe und still war wie jetzt; und doch..." Es klopfte, und Georg Selkow trai ein. Mißmuthtg ließ er sich nach kurzem Gruß auf einen Stuhl nieder. Die Base war bei seinem Erscheinen Plötzlich verstummt. „Nichts und wieder nichts!" rief der Leibjäger ärgerlich; „nun habe ich das ganze Schloß von oben bis unten durchsucht und fand von dem verwünschten Kasten auch nicht eine Spur. Da hat mir der Herr eine schöne Gnade bescheert! Und vollends noch den boshaften Hauptwann dazu, der vor geheimer Schadenfreude über meine vergebliche Arbeit und Mühe fast platzt. Es ist mir ganz miserabel zu Muth!" „Von welchem Kasten sprichst Du da?" fragte die Alte, aufmerksam werdend. „Von einem kleinen, silberbeschlagenenEbenholzktstchen, welches der verstorbenen Gräfin gehörte und bei dem Tode derselben oder ganz kurz vorher auf eine unerklärliche Weise verschwand. Es soll wichtige Documente enthalten, an deren Auffindung dem Herzog sehr viel liegt. Allem Anscheine nach suchen wir jedoch am unrechten Platz. Der Himmel mag wissen, wo das Ding steckt. Ohne Zweifel hatte die eifersüchtige Gräfin, um dem Herrn einen Streich zu spielen, die Documente schon lange vor ihrem Tode bei Seite geschafft."^ „Nein", widersprach die Alte bestimmt, „Du täuschest Dich; ich selbst habe das schwarze Kästchen wenige Stunden vor ihrem Hinscheiden neben dem Bette gesehen." „Wie, Ihr wißt?" rief Georg aufspringend. „Ich weiß weiter nichts", erklärte diese, „als daß das Kästchen da war. Was nachher damit geschah, ist mir unbekannt. Vielleicht könnte Leßlie Dir Bescheid geben. Er war ja der einzige Vertraute der Gräfin." „Also habe ich mich mit meinem Verdachte gegen diesen Menschen doch nicht getäuscht!" frohlockte Georg. „Ging er doch anfangs neben mir her, wie das böse Gewissen, während nachher, als ich nichts fand, der Hohn aus seinen Fuchsaugen sprach. Aber, warte nur, Halunke, ich werde dir die Zunge schon lösen! Sofort eile ich zum Herzog und erstatte über die Entdeckung Bericht!" „Um Gottes willen, Georg", bat die Alte erschrocken, „thue das nicht! Du könntest einen Unschuldigen und uns Alle unglücklich machen. Es ist Dir ja bekannt, wie argwöhnisch, heftig und unnachsichtlich der Herr ist. Leßlie's Verkehr mit der Gräfin ist noch lange kein Beweis dafür, daß er die Kiste auf die Seite geschafft hat." „Allerdings", lenkte Georg ein, der die Richtigkeit dieser Schlußfolgerung anerkennen mußte, und nahm wieder Platz. „Aber was soll ich thun? Gutwillig, daS weiß ich zum voraus, gesteht Leßlie mir nichts. Wenn ich aber die Kiste auffinde, ist mein Glück gemacht. Der Herzog hat mir für diesen Fall die Hauptmannsstelle auf einem seiner Schlösser versprochen. Wie Ihr seht, ist die Sache sehr wichtig für mich; denn mit einem gelungenen Griff bin ich ein selbstständiger Mann." Bei diesen Worten ließ er seine Augen mit so innigem Ausdruck auf Magdalenen ruhen, daß ein glühendes Noth über deren Antlitz sich ergoß. Als die Base der Frage des jungen Mannes keine Beachtung schenkte, nahm Magdalene stockend und nicht fähig, ihre Verwirrung niederzukämpfen, das Wort. „Beobachte ihn", rieth sie; „vielleicht findest Du doch noch Anhaltspunkte, durch welche ein entschiedenes Vorgehen gegen den Hauptmann gerechtfertigt wird; ein vorschnelles Handeln dagegen könnte alles verderben!" „Du hast Recht, Lenchen", stimmte Georg nach einigem Besinnen bei, „ich will Dir folgen. Wer weiß, ob nicht ein glücklicher Zufall meinen Wünschen günstig ist. Doppelt jedoch soll es mich freuen, wenn meine Vermuthung sich bestätigt, daß Leßlie der Documenten- dieb ist. Wir Beide sind ohnehin noch nicht quitt. Dann läßt auf die beste Art und Weise der Denkzettel sich anbringen, welchen er für alle Fälle erhält." Das weithin tönende Hornsignal der Thürmer, auf welches als Antwort eine Trompetenfanfare vom Thal heraufscholl, unterbrach das Gespräch und verhinderte Magdalenen, dem Unwillen Ausdruck zu geben, welchen sie über die Unverbesserlichkeit des jungen Mannes empfand. Georg eilte ans Fenster. „Sie kommen!" rief er, nachdem er einen raschen Blick ins Freie geworfen. „Schon fliegen die Vorreiter den Schloßberg herauf." Er drückte dem Mädchen flüchtig die Hand und eilte hinaus. Lenchen stellte sich an daS Fenster und schaute über die Burgmauer weg. Hinter derselben sah sie eine mächtige Staubwolke aufwirbeln, durch welche blinkende Waffen und Helme im Sonnenlicht glänzten. Auf dem Hofe begann es lebendig zu werden. Soldaten und Diener rannten geschäftig hin und her. Die Zugbrücke fiel mit dumpfem Rasseln über den weiten Graben, und einige Minuten später sprengte ein Reitertrupp in den Hof. An der Spitze- desselben befand sich ein Herr, der über seinem schwarzsammtencn Rock ein goldenes Kreuz an schwerer Kette trug. Er sprang vom Pferde, warf die Zügel einem Reitknecht zu und ging mit leichterm Schritt, als man seinen grauen Haaren zugetraut hätte, dem Herzog von Friedland entgegen, der in diesem Augenblick zur Begrüßung der Gäste unter der Eingangspforte des Schlosses erschien. „Ah, Fürst Eggenberg!" rief Wallenstein, dessen Mienenspiel eine stolze Freude ausdrückte, und streckte dem Ankommenden beide Hände entgegen. „Willkommen auf GroßmescritschI" „Seine Majestät, unser erhabener Kaiser", sagte der Fürst mit einer Verbeugung, „läßt Euch, Herr Herzog, durch mich seinen hohen Gruß entbieten und Euch in Anerkennung der raschen Erfüllung Eueres gegebenen Versprechens seiner vollkommensten Gewogenheit und Gnade versichern." „Ich that nur Mcine Pflicht", entgegnete der Herzog I mit stolzem Selbstbewußtsein; „denn diese war es, nachdem ich einmal mein Wort verpfändet. Die Armee steht schlagfertig da und ist vom besten Geiste beseelt, so daß man jeden Augenblick mit ihr gegen den Feind aufbrechen kann." „Ich weiß es", entgegnete der Fürst mit verbindlichem Lächeln, „und bin überzeugt, daß sie von Euch nur zum Siege geführt werden wird. Doch", fuhr er fort, ohne dem Achselzucken des Herzogs, das er sehr gut bemerkt hatte, eine Beachtung zu schenken, „darf ich um die sofortige Erledigung unserer Angelegenheit bitten? Ich bin beauftragt, Seiner Majestät heute noch Nachricht zu senden!" „Euer Liebden werden von dem weiten Ritt müde und abgespannt sein", meinte der Herzog geschmeidig; „dürfte nicht vorher ein kleiner Imbiß. - .?" „Nein", erklärte der Fürst, „die Wohlfahrt und das Interesse meines kaiserlichen Herrn gehen allem voran!" „Gut denn", sagte Wallenstein, „auch mir ist der Wunsch des erhabenen Gebieters Befehl; in einer Viertelstunde werde ich mit meinen Officieren im großen Saale erscheinen und hoffe, daß unsere Berathung zu einem allseitig befriedigenden Abschlüsse kommt." Der Herzog gab dem Schloßhauptmann einen Wink. Sofort standen mehrere Diener zur Empfangnahme der Wünsche des hohen Gastes bereit. Wallenstein zog sich zurück. Der Gesandte des Kaisers wurde nach der für ihn und sein Gefolge vorbehaltenen Abtheilung des Schlosses geführt; er ließ sich Brod und ein Glas Wein reichen und begab sich genau zu der festgesetzten Minute in die Verhandlung, von der so vieles für den Kaiser abhing. Indessen hatte sich der Herzog von Friedland mit seiner Gemahlin, dem Geheimsekretär Neumann und dem Astrologen Seni, sowie einer großen Anzahl von Obersten und Hauptleuten schon im Versammlungssaale eingefunden. Nach einer ceremoniellen Begrüßung nahm man Platz, und die Verhandlung begann. Sie wurde von dem Fürsten Eggenberg eingeleitet mit der Anerkennung der Verdienste, die Wallenstein um daS kaiserliche Haus und ganz Deutschland sich erworben, und dem Ausdruck des Bedauerns, daß in Folge unliebsamer Mißverständnisse eine Zurücksetzung ihm widerfahren sei. Daran knüpfte der Gesandte die Bittender Herzog möge die Bedingungen nennen, unter welchen er geneigt sei, den Oberbefehl über das von ihm geschaffene Heer zu übernehmen. „Haben Euer Liebden", fragte Wallenstein mit einer Stimme, in welcher seine Spannung durchklang, „unumschränkte Vollmacht vom Kaiser empfangen?" „Ich verstehe nicht, wie Ihr das meint", entgegnete ausweichend der Fürst, „indeß glaube ich, allen billigen Anforderungen entsprechen zu können!" Wallenstetns Augen blitzten. Er gab dem Geheimsekretär einen Wink. Dieser erhob sich, entfaltete ein Schriftstück und fing an zu lesen. Der Herzog beklagte sich darin in längerer Ausführung über die ihm bei seinem ersten Auftreten widerfahrene Behandlung und erklärte, um nicht abermals nach vollbrachter Arbeit auf die Seite geschoben zu werden, nachstehende Bedingungen stellen zu müssen: 1. Der Sohn des Kaisers, König Ferdinand, darf niemals persönlich beim Heere erscheinen. 29 -M in lieblich Bild! In. ernsthaft frommem Thun Entfaltet sich des heiligen Josephs Fleiß I Nur seine Blicke selig leuchtend ruh'n Auf holdem Knaben, aller Söhne Preis. Ein Menschensohn? — Still, sinkt auf's Knie vor Ihm, Dem schlichten Werkgesell, dem Zimmermann! Es knieen ungesehen die Seraphim Um ihn und huldigen und beten an. —-—' 30 2. Dem Herzog von Friedland steht ausschließlich die Entscheidung über Güter-Einziehungen zu. 3. Das Begnadigungsrecht des Kaisers beschränkt fich auf Lebens- und Ehren-Strafen, darf jedoch niemals auf Güter-Etnziehung ausgedehnt werden. Unterjoch und Umgebung. (Mit Illustrationen.) Nachdruck verboten. U. Vor nicht gar langer Zeit brachte unsere tllustrirte Beilage die Notiz, daß viele Touristen von W 8 MW Unterjoch 4. Neben dem Kaiser steht auch dem Herzog von Friedland das Begnadigungsrecht und damit in der Armee die Gewalt über Leben und Tod zu. 5. Als ordentliche Belohnung erhält der Herzog ein österreichisches Erbland, und als außerordentliche wird ihm die Ober-Lehensherrschaft in allen zu erobernden Gebietstheilen verliehen. 6. Er wird als Herzog von Mecklenburg in den künftigen Friedensschluß aufgenommen. 7. Der Rückzug lande frei. Uehbach bei Unterjoch. steht ihm in alle kaiserlichen Erb- (Fortsetzung folgt.) Sonihofen durch das herrlich gelegene Ost- rachthal nach Hinde- lang wandern. Viele Touristen aber ersteigen auch noch die steile Höhe des Jochberges,umnachSchatt- wald(Bild davon nebst Beschreibung brachten wir bereits in unserer illustrirten Beilage) oder über Unterjoch nach Wertach (Neu- Wertach) oder Pfron- ten zu gelangen. Unterjoch, 1012 m, in einem schönen, von der Wertach jsdurch- flossenen Gebirgsthals, ist ein weit zerstreutes Dorf im Umfang von 2^ Stdn., dessen schindelgedeckte Häuser von dem sanften Grün der umliegenden schönen Matten und Wälder reizend sich abheben. Unterjoch umfaßt in seiner Flurmarkung 1204 Im und 4 a mit 40 ständig bewohnten und 3 in Alphütten umgewandelten, folglich^nurlm Sommer bewohnten Häusern mit ca. 250 Einwohnern. Ehemals gehörte das Gebirgs- dorf zur großen Pfarrei und politischen Gemeinde Hinde- lang, wurde jedoch im Jahre 1713 eine eigene Seelsorg- stelle, was bei einer Entfernung von 1 */z—2 Stunden von der Mutterkirche und der Schwierigkeit des Weges über den 300 m hohen, im Winter arg verschneiten Jochberg wohl unabweisbares Bedürfniß war. Unterjoch bildete von nun an eine Manualkaplanei von Hindelang, wie jetzt noch Hinterstein (von dem wir seinerzeit ebenfalls Abbildung und Beschreibung brachten). Der erste Kaplan in Unterjoch war Herr Jakob Zwingberger bis 1731, in welchem Jahre er starb und in Hindelang begraben wurde.JmJahre 1750 erhielt der dort- weilige Kaplan Herr Johann März, gebürtig von Augsburg, Seitens des hochwürdigsten bischöfl. Ordinariates die Erlaubniß, in der Filialkapelle das heil. Sakrament der Taufe auszuspenden, falls ein Kind ohne Beschwerde und Gefahr nicht zur Mutterkirche könne gebracht werden.JmJahre 1755 erhielt er die Erlaubniß, das Sanctis- simum im Tabernakel der Kapelle aufzubewahren, und wurde im Jahre 1855 das 100- jährige Jubiläum der Aufbewahrung des Allerheiligsten feierlichst begangen. Im Jahre 1791 wurde Unterjoch ein Kurat-Benefizium unter Herrn Matthäus Stechele von Moosbach. Unter Herrn Be- nefiziaten Franz Laver Hacker wurde die Kirche feierlich consecrirt im Jahre 1845 von Sr. bischöfl. Gnaden dem hochwürdigsten Herrn Bischöfe Peter von Richarz, bei welcher Feier fünfzehn Geistliche anwesend waren. Dem genannten Herrn Bencfiziaten verdankt die Gemeinde Unterjoch auch die Errichtung eines eigenen Gottesackers, in welchem er aber leider schon wenige Tage nach der Einweihung seine Ruhestätte fand. Auf ihn folgte Herr Gebhard Wucher, hernach Pfarrer von Maria-Thann. Am 20. Juni 1850 kam nach Unterjoch als Kuratbencfiziat Herr Max Alois Heim, vorher Kaplan in Seifriedsberg, von welchem die Führung der Matrikelbücher begonnen wurde. Derselbe kam am 9. November 1854 als Pfarrer nach Fischen, wo er als Dekan des Kapitels Sticfenhofen und Landrath am 1. Juli 1888 starb. Er ist in Unterjoch noch jm besten Andenken. Nach ihm wirkle als Vikar bis zum 13. Mai 1855 Herr Johann Evang. Lautenbacher von Hausen, Pfarrei Honsolgen, gegenwärtig Pfarrer und kgl. geistl. Rath in dem Unterjoch benachbarten Wertach. Nach genanntem Herrn wirkte längere Zeit (von 1855 bis 1862) Herr Lorenz Wolf von Kempten; starb im Jahre 1862 und liegt in Unterjoch begraben. Am l 2. November 1862 kam als Vikar nach Unterjoch Herr Peter Paul Martin, welcher im Jahre 1869 die Kuratie zur eigenen Pfarrei erhob, somit der erste Pfarrer Unterjochs war. Nahezu 25 Jahre lang weidete er die Schäflein Unterjochs mit treuer Hutenliebe bis zuseinem am 12 .August 1887 in Unterjoch erfolgten seligen Tode. Ihm verdankt dicPfarr- gcmeinde Unterjoch sehr Vieles: die bereits erwähnte Erhebung der Kuratie zur eigenen Pfarrei, die Erbauung des prächtigen Helmthurmes, die Anschaffung eines neuen Geläutes, sowie schöner Kirchenparamente und große Opfer für Schule und Arme. Aus den Renten der Pfarrer Peter Paul Marttn'- fchen Schulsttftung wird das Schulgeld für alle Schulkinder bezahlt,^ ärmeren Kindern das Schulmaterial angekauft und alle Jahre ein sog. Kinderfest gehalten. Sein Andenken bleibt im Segen. — Wie von Hindelang her, so wird Unterjoch auch von Schattwald aus ( 2/4 Stdn.) viel besucht und gilt als ruhige, milde Sommerfrische. Das Gasthaus „zur Krone„ daselbst wird von den Touristen sehr empfohlen. Nicht weit vom Orte (20 Min.) befindet sich der stark frequentirte österreichische Weiler Reh- bach (s. Bild) in einsam idyllischer Lage mit zwei Häusern (das Haus bct der Kapelle mit einer Wein-Wirthschaft). Fünf Minuten hievon die sehenswerthe „Tuffgrotte" (s. Bild). — Nordöstlich von Unterjoch liegt das österreichische Pfarrdorf Jungholz (ehem. Filiale von Wertach) Dortselbst wirkt Herr Pfarrer Peter Paul Steinacher bereits ein halbes Jahrhundert (44 Jahre). „Dieser" — so würde Goethe sagen — „kennet das Leben und kennet der Menschen Bedürfniß". Von den Bewohnern Unterjochs dürfte wohl besonders gelten, was Herr Pfarrer Hopp in seiner Pfründcstatistik den Allgäuec Gebirglern nachrühmt: sie zeichnen sich aus durch freien, offenen Charakter und tiefe Religiosität. Kchleierfalt und Tropfhöhle bei Nrhbach. M - > -USA (Unsere Bilder zu vorstehendem Aufsätze sind nach Original-Aufnahmen von Gustav Baader, Photograph in Krumbach, in Autotypie hergestellt.) -- Altert ei. Ein deutscher Prinz macht seine Hochzeitsreise. Am herrlichsten Frühltngsnachmittage fitzt er mit seiner reizenden jungen Frau da droben im bayerischen Hochgebirge in der lauschigen Einsamkeit eines Tannenwaldes. „Ob'S wohl auf Erden zwei andere Sterbliche gibt, die so selig sind, wie ich und Du!" ruft er, nach oben blickend. Ein Wort gibt das andere. Man ergeht sich in theoretischen Betrachtungen aller Art und kommt zu dem Schlüsse, daß es für die Möglichkeit des Glückes gleich- giltig sei, ob man in der Hütte oder im Palaste wohne. Wie das Paar eben im besten Plaudern ist, kommt ein junger Bauer lustig singend des Weges daher. „Geliebter", raunt die Prinzessin ihrem Gatten in's Ohr, „laß uns den Landmann fragen, ob c" auch das Glück kennt wie wirl" Er winkt den Landmann heran. „Sagt, mein Freund," beginnt er, nachdem er den Menschen durch einige Vorfragen vertraulich gemacht, „seid Ihr eigentlich glücklich?" — „Wie meint der Herr das?" — „Nun, ob Ihr mit Eurem Schicksal zufrieden seid?" — „Freilich", versetzte der Bauer, „i wüßt not, was mir abging. I hab' mei gutes Auskommen, Frau und Kind sind, Gott sei Dank, gesund, Essen und Trinken schmeckt mir, und von Sorgen und Aerger weiß i halt nix." — „So", sagte der junge Prinz behutsam, „aber besinnt Euch einmal, habt Ihr im Ernste gar keine Sorgen? Erwächst Euch nie und nirgens einmal ein Verdruß?" — „Daß i nöt wüßt' l Höchstens, nun ja, das steht richtig. Manchmal — ja. . ." Die Prinzessin horchte auf. „Nun", ermunterte der Prinz, „sprecht ungenirt. Was habt Ihr zu klagen?" — „Ja", sagte der Bauer, sich hinter dem Ohr kratzend, „manchmal hab' ich halt was mit mei'm Weib! Schauen's, so am Sonntag. Unter der Woch' gang i halt nöt viel in's Wirthshaus; oder wenn i gang', trink i halt ein oder zwei Glas. Des Sonn tags aber, — Ihr wißt halt, wie's da geht. Da sitzt man bei einem guten Freund, und da kommt zu zwei Gläsern das dritte — und wenn der Förster kommt, trinkt wer auch a viertes oder a fünftes, und dann kommt der Herr Lehrer, der gar a lustiger Herr ist, und da trinkt mer a sechstes und a siebtes, und zuletzt kommt der Feldgendarm, der hat an Durscht, über den geht gar nir, und da trinkt mer a acht's und a neunt's und mach- mal auch a zehnt's und elft's . . . Und wann i nun gar a zwölfts trinke und komme heim und bin a bisse! fidel, dann fängt mei Weib an zu keifen und zu räson- nirenl" — „Was", unterbricht ihn die Prinzessin entrüstet, „Ihr wollt Eure arme Frau noch anklagen, wenn sie über Euch schändlichen Trunkenbold in Verzweiflung geräth? Ihr seid ja auf ganz abscheulichem Wege! Zwölf Glas? Und das erzählt Ihr mir mit lachendem Munde? Bedenkt Ihr denn gar nicht, daß bei solchem Lebenswandel schließlich der ganze Hausstand rückwärts geht, daß die Kinder mißrathen, wenn der Vater ihnen dieses schändliche Beispiel gibt? Könnt Ihr denn nicht vergnügt sein, ohne diese gräßlichen Ausschweifungen?" Da stößt der Bauer den Prinzen augenzwinkernd mit dem Ellbogen in die Seite und sagt mit verständniß- vollem Blick auf die erglühende Prinzessin: „Accurat die nämliche Hex', wie mei' Marie!" Spricht's und verläßt mit einem Jodler den Schauplatz. Die Erfindung des Weines. Unsere Zeit hat wahrlich große Erfindungen auszuweisen, nur schade, daß etwas zuviel in „Kunst" gearbeitet wird; es gibt Kunstwein, Kunsttabak, Kunstbutter, Kunstthee und mehrere andere Kunstprodukte, die zwar ihre Abnehmer, aber gewöhnlich nur bei Täuschung und Betrug finden. Je weniger man, wie Spötter behaupten, vom echten Wein zu sehen bekommt, desto interessanter mag es sein, von ihm zu hören; wir verweisen auf ein Büchlein des Dr. Georg Thudichum: „Traube und Wein in der Culturgeschichte", in dem u. A. erzählt wird, daß die Erfindung des Weines in Persien dem mythischen König Dschemschid zugeschrieben wird, der zwölf Jahre vor Salomo geboren ward und siebenhundert Jahre regierte. Zu Dschemschid's Zeit wurde auch der Purpursaft der Traube bekannt, der ein Stärkungsmittel der Lebensgeister und — so erzählt Mirchond — die beste Verschönerungstinktur der menschlichen Gesichtsfarbe ist. Man berichtet folgendermaßen über die Entdeckung des Weines. Die Traube, die lieblichste Frucht, hält sich nicht bei veränderter Jahreszeit, bei eintretender Kälte. Aber vielen gelüstete, auch im Winter und Frühling sie zu genießen. Also befahl Dschemschid, den Saft von den Häuten und Körnern abzupressen und ihn täglich vor sein Angesicht zu bringen, damit er auf dem Probestein des Gcschmackcs die Natur desselben versuche. Dieses that er, bis der Saft bitter wurde. Da bildete der König sich ein, jetzt sei er Gift, und befahl, das Gefäß zu verschließen. Nach diesem litt eine schöne und geliebte Sklavin an Kopfschmerz; sie beschloß zu sterben; hierzu wählte sie das wohlverschlossene tödtliche Gift. Da sie ein wenig davon getrunken, fühlte sie sich ermuntert und heiter, das Kopfweh ließ nach. Mehr trank sie, da schlief sie ein; sie hatte mehrere Tage nicht geschlafen. Einen Tag und eine Nacht schlief sie fort und erwachte gesund. Dies kam vor die Ohren Dschem- schids; seine Seele erfreute sich, er machte den Wein zu seinem gewöhnlichen Getränke. Weil viele Kranke davon gesund wurden, erhielt er den Namen Königs-Arznei. Ein schlecht rentabler Beruf. Bettler: Ich bitt', gnädiger Herr, geben Sie mir Arbeit! — Herr: Was ist Er denn von Profession?" — Bettler: Thurm- spitzen-Vergolder. Nitder-Uathsel.