M 5. Areitag» den 17. Januar 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer vr. Max Huttler). Ire Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Bcnno. (Fortsetzung.) Das tiefe Stillschweigen, welches während des Vortrags in dem Saale geherrscht hatte, dauerte auch nach dem Schlüsse desselben noch einige Secunden lang fort. Aller Augen ruhten erwartungsvoll auf Eggenberg, der bei jedem neuen Paragraphen eine wachsende Unruhe verrieth. Er mochte sich auf hohe Forderungen gefaßt gemacht haben, aber solche Ansprüche, die für den Kaiser nicht nur demüthigend, sondern sogar in hohem Grade gefährlich erschienen, hatte er schwerlich erwartet. „Herr Herzog", nahm er endlich mit nicht ganz sicherer Stimme das Wort, „ich meine, Ihr verlanget zu viel!" „Zu viel?" unterbrach ihn Wallenstein rauh. „Nein, ich will nicht mehr und nicht weniger, als ich für meine Sicherheit beanspruchen muß. Dafür verspreche ich aber auch, das Banner mit dem Doppeladler siegreich vom Böhmerwald bis an die Grenzen des Reiches zu tragen." Auf Eggenbergs Angesicht spiegelte sich eine peinliche Verlegenheit ab. „Euer fürstlichen Gnaden", wandte er mit fast flehendem Ton ein, „werden mir Zeit lassen, nach Wien ...?" „Nicht einen Tag, nicht eine Stunde", fiel ihm der Herzog heftig ins Wort; „nicht einen Grad darf die Sonne sich senken, ehe ich ein Ja oder Nein aus Euerm Munde vernahm. Jetzt, sogleich müßt Ihr Euch entscheiden! Das Schicksal Deutschlands, ja des Erzhauses selbst liegt in Euerer Hand! Ich bin", fügte er düster hinzu, „des Hin- und Herzerrens müde. Die Häupter meines Heeres sind um mich versammelt, und der Stern, welcher meinen Pfad erleuchten soll, steht im Zenith!" „Wohlan denn. Herzog", antwortete Eggenberg, „es sei. Im Namen des Kaisers erkläre ich, daß alle gestellten Bedingungen erfüllt werden sollen. Nur eine Bitte möchte ich damit noch verbinden: zieht so bald als möglich und mit allem Nachdruck gegen den Feind! Es ist keine Zeit zu verlieren; jede Minute kann für die ganze Christenheit verhüngnißvoll sein." Wallensteins Augen funkelten vor Freude, und auch die anwesenden Obersten und Hauptleute vermochten ihren Jubel nicht zu verbergen, — sahen sie doch ihre kühnsten Wünsche erfüllt. „Hoch unser General! Vivat der Herzog und seine Armada!" riefen sie tobend durcheinander. „Nicht also, ihr Herren", unterbrach sie Wallenstein mit tönender Stimme; „wo ich bin, darf niemals ein anderer Ruf erklingen, als: Vivat Ferdinandus!" „Vivat Ferdinandus!" stimmten nun auch die Ofsiciere in dieses Losungswort ein mit einer Begeisterung, daß der Schall an den Ecken des großen Saales sich brach. „Zur Tafel jetzt, meine Herren", mahnte Wallen- stetn; „ich folge bald nach." Eine Minute später befanden sich der Herzog und dessen Gemahlin allein. „Endlich, endlich am Ziel!" triumphierte Wallenstein, als die Schritte der Abgehenden verhallt waren, mit leuchtendem Blick. „Ich hatte einen größer» Widerstand gegen meine Forderungen gefürchtet. Doch man braucht mich und macht deshalb gute Miene zum bösen Spiel. Fast reut es mich, daß ich den Preis nicht noch hoher gestellt. Der Kaiser hätte in seiner Verlegenheit jeden meiner Wünsche gewährt, wenn auch der Hof vor Eifersucht und Neid fast erstickt. Sahst du nicht Jsabella, mit welchem Widerwillen der alte Fuchs Eggenberg gegen den Stachel leckte? Er zählt unter «eine Freunde, und doch traue ich ihm nicht. Die Ergebenheit dieser Herren ist wie eine Wetterfahne: sie richtet sich nach dem Wind. Dürften sie ihren wahren Gesinnungen Ausdruck geben, dann sprächen sie ohne Zweifel in einem ganz andern Tone mit mir. Ich schere mich nichts mehr darum! Ob Freund oder Feind, nun trotze ich Allen. Irdische Hindernisse schrecken mich nicht. . . . Wer aber," fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu, „bürgt mir für den Beistand jener Gewalten, welche aus einer andern, unsichtbaren Welt in die unselige herüberragen? Ihr wohlwollendes Wirken muß, soll der Erfolg erzielt werden, mit dem unseligen verbunden sein. Ich glaube fest an diesen Zusammenhang der unsichtbaren mit der sichtbaren Welt, sowie an den Stern, ohne dessen erleuchtende Kraft und freundliche Hülfe auch der zu Höherem Berufene sein Ziel nicht erreicht." „Noch eines gibt es, Albrecht," sagte die Herzogin sanft, als Wallenstein schwieg, „das ich dir an's Herz legen möchte: folge immerhin deinem Stern am hehren Nachthimmel, doch mehr noch jenem göttlichen Strahl, der vom Schöpfer in dein Herz gelegt ist: der goldenen Sonne des Guten und der Wahrheit." „Was ist Wahrheit?" entgegnets Wollenstem mit düsterer Miene, „nnd wer vermag in dem Drängen und Wogen deS Lebens immer Gutes vom Bösen zu unterscheiden? Was heute als ein Verbrechen erscheint, wäre nach' hundert Jahren vielleicht eine Heldenthat, und den von der Mitwelt Gepriesenen schlagen die Nachkommen oft mit grausamem Hohn an's Kreuz. Der Kaiser hat mich an die Spitze eines Heeres gestellt, daS meinem Winke gehorcht, und mein fester Wille ist es, mit dieser Macht seine Feinde niederzuwerfen und ihn größer zu machen, als je einer seiner Vorfahren war! Ob dies Deutschland zum Wohl gereicht? Glaubst du, die Welt würde sich etwa schlechter befinden, wenn es mir nach Vernichtung der Gegner einfallen sollte, daß eine Herzogs- nnd eine Königs-Krone nicht sehr verschieden sind, und daß der goldene Reif der Libussa auch dem Haupt meines Kindes passend st chanschließen würde?" „Um Gottes willen, Albrecht," unterbrach ihn die Herzogin erbleichend, „wo denkst du hin?" „Sei ruhig," beschwichtigte Wallenstein, „es war nur ein Traum, der mir für einen Augenblick die Zukunft vorgaukelte. „Wenn du mich liebst, wenn dein Herz für die Ruhe und das Glück der Deinigen schlägt, wenn dein Seelenheil dir mehr gilt als irdischer Tand," mahnte Jsabella dringend, „so verbanne ein Gedankenspiel wie dieses! Nicht die That allein, sondern der Hochsinn, welcher selbstlos das Beste anstrebt, sichert die Bewunderung und Anerkennung der Nachkommen. Auch von dir soll man nicht allein sagen, daß du den Kaiser und das ganze Erzhaus gerettet, mau soll auch rühmend hervorheben, daß du es ohne Eigennutz und Selbstsucht gethan." „Und wenn man mich dann trotz aller Versprechungen und Verträge abermals wegwerfen wollte, wie ein schartiges Schwert, würdest du den gegebenen Rath nicht bereuen?" „Nie," bekräftigte die Herzogin warm; „was immer für die Zukunft von der Vorsehung beschicken sein mag, ich trage es muthig und ohne Murren mit dir. Nur weiche von dem Wegs der Wahrheit und des Nschts nicht ab, auch wenn die Waagschale deines Glückes abermals sinkt. Mögen Bosheit und Neid triumphireu, ihre Pfeile treffen uns nicht!" Der Herzog schwieg. Nach und nach heiterte sein Gesicht sich auf, und wie um den Nest der düstern Gedanken wegzuscheuchen, strich er wiederholt über die Stirne. „Mir ist nicht wohl in diesen Räumen," begann er nach einer Weile, „und ich gedenke nicht lange hier zu bleiben. Alles erinnert mich an Dinge aus vergangener Zeit. Es ist mir, als stände ich in diesem Schloß unter dem Einfluß eines bösen Dämons, der es sich zur Aufgabe macht, meine Wege zu kreuzen. Hätte nicht die Hoffnung auf Entdeckung der vermißten Papiere mich bewogen, ich würde keinen Fuß mehr in die unheimliche Burg gesetzt haben. Doch es ist Zeit zur Tafel. Sei heiter, Jsabella, und recht vorsichtig im Gespräch mit Eggenberg!" Sie verließen den Raum und schritten dem Speisesaale zu. Bei der Tafel herrschte fürstlicher Aufwand, und Alle sprachen mit sichtbarem Wohlbehagen dem Gebotenen zu. Nur Wallenstein und Eggenberg blieben mäßig und beobachteten eine auffallende Zurückhaltung. Nur schwach wurde in das von Wallenstein auf den Kaiser ausgebrachte Hoch eingestimmt, so daß der Gesandte desselben sich verletzt fühlen mußte, um so mehr, als bei Pappenheim's Trinkspruch auf den Herzog von Friedland, als die Seele der Armada, lauter Jubel aus- brach. Wallenstein hatte Mühe, die Begeisterung, welche ihm von allen Seiten entgegengebracht wurde, uiederzu halten. Er hob endlich, als Aeußerungen zu fallen anfingen, die nicht für Eggenberg's Ohr bestimmt waren, die Tafel auf. 4 . Georg war, um seinem speciellen Auftrag, der Aufspürung des vermißten Kästchens, alle Zeit widmen zu können, vom Dienst beim Herzog dispensirt, und ärgerte sich nicht wenig, daß er in Folge dessen das wichtige Ereigniß des Tages nicht Mitfeiern durfte. Um seinen Un- muth zu vertreiben, entfaltete er einen um so größeren Eifer in dem vertraulichen Amt. Er sah jedoch nachgerade ein, daß er auf dem bis jetzt eingeschlagenen Wege zu keinem Ergebniß kam. Wenn man das Kästchen absichtlich entfernt hatte, so mußte das offenkundige Vorgehen den oder die Diebe nur noch vorsichtiger machen. Er beschloß, in mehr versteckter Weise auf Kundschaft sich zu legen, um mit List das zu erreichen, was ihm durch Gewalt nicht gelang. Aus den Mittheilungen Lenchens über die HeirathS- angelegenheit hatte er den Schluß gezogen, daß Leßlie mit der Familie des Schloßvogts Ambrosius Kamatsch in vertrautem Verkehr stehe. Diese Spur schien ihm für seinen Plan nicht ohne Bedeutung zu sein. Vielleicht erhielt er durch Ausforschung der geschwätzigen Vögtin einen Wink. Da er den ihm stets wohlwollenden Leuten ohnehin einen Besuch schuldig war, machte er sich sofort auf den Weg. Als er vor dem Eingang in das Wohnzimmer ankam, hörte er eine männliche Stimme, die ihm bekannt schien. Er blieb nicht lange im Zweifel. Die Thüre ging auf, und mit strahlendem Antlitz zeigte sich die Frau des Schloßvogts. Die Augen der wohlgenährten Matrone bekamen bet dem Anblick des jungen Mannes einen noch Hellern Glanz. „Ei, du meine Güte," rief sie und schlug'die Hände zusammen, „daist ja der Junker Georg. Denkt nur, mein Martin ist auch von Sagan gekommen l Er bleibt ganze zwei Wochen oder am Ende noch länger bei nns. Spaziert nur hinein; ich gehe, um einen Trunk und Imbiß zu holen." Georg betrat das Zimmer und stand einem Manne gegenüber, der ungefähr in der Mitte der dreißiger Jahre sich befand. Er trug, gleich dem Leibjäger, die Abzeichen eines kaiserlichen Lieutenants, nur statt des Degens einen schweren Schleppsäbel. Der untere Theil deS Gesichtes war von einem dichten schwarzen Barte bedeckt. „Es freut mich, Georg," sagte Martin, „dich wieder zu sehen; du kamst ohne Zweifel mit dem Herzog hierher?" „Ja," erklärte dieser, „um wieder mit ihm zuziehen und zwar voraussichtlich sehr bald. Wie man hört, geht der Tanz in den nächsten Tagen schon los!" Ein Schatten flog über Martin's Gesicht. „Es ist eine verwünschte Geschichte," brummte er, „daß ich an euerm Siegeszug nicht Theil nehmen darf. Ich muß unthätig zuschauen, wie ihr euch mit Ruhm und Ehre bedeckt; denn ob die Herzogin hier bleibt oder ob sie nach Sagan zurückkehrt — ich bin vom Herrn bis auf weiteres ausschließlich zu ihrem Dienst comuiandirtl" Die Vögtin kehrte zurück. Sie brachte einen Humpen Wein mit drei Bechern und einen Teller mit kaltem Fleische. „So, jetzt nehmt Platz und laßt es euch schmecken," mahnte sie, als die Becher vollgeschenkt waren, „und dann erzählt! Mein Ambrostus ist leider nicht da," fügte sie hinzu; „ich habe ihn seit heute früh mit keinem Auge mehr gesehen; er weiß vor Geschäften nicht, wo ihm der Kopf steht! Nun, nun," schloß sie mit einem zärtlichen Blick auf den Sohn, „er thut alles gern, wenn eS seinen alten Beinen auch häufig schwer fällt; weiß er doch, daß er sich nicht umsonst plagen muß, und auch für wen!" Um Martin's Mund spielte bei dieser Andeutung ein zufriedenes Lächeln. Auch Georg befand sich über deren Sinn nicht im Zweifel. Es galt ja seit vielen Jahren schon in Großmeseritsch als eine ausgemachte Sache, daß der Sohn des Schloßvogts znm Nachfolger Leßlie's bestimmt sei. Man stieß an und trank. An Stoff zur Unterhaltung fehlte es nicht. Georg sah jedoch bald ein, daß er zur Erreichung des eigentlichen Zweckes seines Besuchs die Zeit nicht gut gewählt hatte. Es wollte sich keine Gelegenheit zeigen, die ihm zu einer Zwischenfrage Veranlassung bot. Gleichwohl benutzte er eine vorübergehende Entfernung Martin's aus dem Zimmer und ging direct auf sein Ziel loS. Das Manöver half ihm nicht viel. „Du meine Güte," hielt ihm die dicke Vögtin entgegen, „es würde mir in der That große Freude machen, Euch helfen zu können; aber von derartigen Sachen erfährt unsereins nichts. Man ist auch Tag und Nacht viel zu sehr mit Arbeit in Anspruch genommen. Ihr wißt ja, Junker, wie mein Alter so streng auf Ordnung und Pünktlichkeit sieht. So macht er's im Dienst und fast noch ärger daheim! Er ist nicht, wie ein Anderer, in seinen vier Pfählen Ehemann und Vater, sondern vom Fuß bis znm Scheitel nur Vogt. Es thut mir oft weh, daß er mich nicht wie seine beste Freundin, die ich ja doch ganz gewiß bin, sondern wie einen neugierigen Recrnten behandelt; allein er wird dadurch nicht besser gemacht. Doch", fuhr sie eifrig fort und trat einen Schritt näher, „vielleicht ist Euch mit einem guten Rathe gedient. Ich war heute früh auf dem Markt im Städtchen; da geht es zu, wie am jüngsten Tag. Da sind allerlei Gautler und Künstler, und von einer Wahrsagerin spricht man, die alles Vergangene und Zukünftige nur so an den Fingern herzählt. Der Wirth zum Rothen Hahn schwört bei seinem Namenspatron, daß es im ganzen Reich keine zweite so kluge und hübsche Person gebe als Marion, die Seherin vom heiligen Berg. Zu dieser geht; sie sagt Euch wo der Schatz versteckt ist!" Durch den Wiedereintritt Martin's wurde die gute Frau in ihrem Redeflüsse gestört. Sie schwieg, aber nur um Athem zu schöpfen und ihrem Mundwerk eine kleine Erholung zu gönnen. Sie fing gleich wieder an und ließ sich auch durch die Wahrnehmung nicht stören, daß Georg durchaus kein Interesse für ihren Wortschwall verrieth. Bei Martin brachten die Anpreisungen der Marktherrlichkeiten eine größere Wirkung hervor. Er äußerte sofort die Absicht, einen Besuch tM Städtchen zu machen. Georg, der augenblicklich nichts Besseres zu thun wußte, entschloß sich, ihn zu begleiten. Die Beiden sprachen noch eine Zeit lang dem Wein und dem saftigen Fleisch zu und verließen dann miteinander das Schloß. Sie schlenderten gemüthlich plaudernd den breiten Allee-Weg entlang, an dem der Lenz die mächtigsten Pappeln und wilden Kastanienbäume bereits mit üppigem Grün zu schmücken begann. Nach kurzer Wanderung erreichten sie die Stadt und befanden sich bald mitten in dem Wogen und Treiben, über das die Mutter Martin's nicht zu viel gesagt hatte. (Fortsetzung folgt.) --SL-M-LZ-«- Bor fmrfrmdMAzig Zähren. Von Friedrich Koch-Breuberg. (Fortsetzung.) Der 9. Dezember brach an, und obwohl man erwartet hatte, daß der Tag ein feiudeleeres Gelände erleuchten werde, sollte es bald an allen Stellen wieder donnern. Uns Bayern, so hatte der Grobherzog bestimmt, sollte die 22. Division ablösen, aber dazu kam es nicht. Es hatte nämlich bei Tavers an der Loire General Camü eine Division herangezogen, und Plänklerschwärme, gegen die Mecklenburger vorgehend, hätten diese Bewegung verschleiern sollen. Auch Le Mäs, in dem Truppen unserer 3. Brigade standen, wurde angegriffen. Nach Villechaumont war Befehl gelangt, sich sogleich zur Vertheidigung einzurichten. Mir lag vor allem daran, den Transport des Kameraden Rohlingen zu bewerkstelligen, der mit Hilfe des Arztes auch gelang. Von Villechaumont and fällt das Terrain gegen die Straße hin ab, aber nach allen anderen Seiten hin liegt Flachland vor. Rechts draußen befand sich eine Windmühle und vor der nunmehrigen Front in einiger Entfernung ein Waldsauw. Die gut gebauten Bauernhöfe ließen sich herrlich zur Vertheidigung einrichten, und ich erinnere mich einer Art Scheune mit Gallerie, von der aus man ein ausgezeichnetes Schußfeld hatte. Was im Frieden der Bauer dort aufbewahrte, blieb mir ein Räthsel. Neben mir vertheilte unser tapferer Max Josephs-Nitter Kraft die Leute des 2. Bataillons, und als sich unsere Vorposten vom Walde her zurückzogen, wurden auch schon die Nothhosen sichtbar. Links draußen stand im freien Feld ein französischer Munitionswagen, und eine Patrouille von der 11. Compagnie, welche nicht mehr ungesehen zurückgelangte, benützte ihn als Deckung. Wir ließen die Franzosen recht nahe herankommen und empfingen sie dann mit einem tüchtigen Schnellfeuer, so daß sie vorderhand alle Lust auf Villechaumont verloren. Nicht so mit dem Mnnitionsmagen, den sie vom Walde her wiederholt zu erobern suchten. Ein furchtbarer Knall machte dem Hin- und Herschkßen ein Ende—der Wagen war in die Luft geflogen und hatte natürlich unsere drei Mann getödtet. Nun eilte aber auch die Artillerie unserer Brigade von Beaumont her, und die Batterien Kriebel und Oel- hafen eröffneten das Feuer. Dann kamen die Dreizchner herbei und verstärkten die Stellung. Links draußen drang das Bataillon Schönhueb in den Weinbergen vor, so gut es ging. Erinnert man sich, daß die Bataillone fast ohne Offiziere waren, daß die Artillerie gestern ebenfalls enorme.Verluste an Material und Mannschaft erlitten — 36 — harte, so findet man erklärlich, daß unsere Lage nicht rosig war, zumal die Franzosen eine Ueberfülle an Munition und Menschen geradezu verschwendeten. Sie spickten die Bauernhöfe wieder mit Granaten. Uns gedeckt stehenden Infanteristen schadete das weniger, aber die bei der Windmühle frei dastehende Batterie Krickel wurde einfach kampfunfähig geschossen. Da kamen die Zweiund- dreißiger herbei und brachten Hilfe. Auch die Fünfund- ncunziger und zwei Batterien wurden von Oberstlieutenant v. Henduck vorgeführt, und gegen 10 Uhr drangen die Preußen bei der Windmühle, unsere Dreizehner links von Billechaumont vor. Es ist erwähnt, daß auch Le Möe morgens angegriffen wurde. Weil keine Artillerie zur Stelle war, schickten die Mecklenburger zwei Batterien zur Unterstützung unserer 3. Brigade. Unser 3. Regiment war dann hier vorgeeilt und hatte im Verein mit Abtheilungen der 17. Division die Franzosen zurückgewiesen. Als diese gegen Villorccau zurückwichen, folgten ihnen unsere Zwölfer, konnten aber vorderhand nicht weiter vordringen, weil die eigene Artillerie jetzt den Ort beschoß. Sowie aber das Feuer schwieg, führte Oberlieutenant Eugen v. Tausch sein Bataillon vor und vertrieb gegen ^ll Uhr den Feind, dem er an 100 Gefangene abnahm. Das 1. Jäger- Bataillon wandte sich dann gegen Villevert, wodurch es jene Franzosen bedrängte, welche den Dreizehnern gegenüberstanden, fand jedoch Mittags den Ort schon vom Feinde geräumt. Die Brigade Noth hatte aber ihre Stellung bei Villorccau später nochmals gegen einen Angriff der Franzosen zu vertheidigen. Die Batterien Neu und Carl, ähnlich mitgenommen wie jene der 4. Brigade, feuerten mit letzter Anstrengung, und die im Kirchhof postirten Zwölfer empfingen ebenfalls den Feind, daß er nicht Lust zeigte, wiederzukehren. Hiedurch war nach Mittag die Linie Villechanmont—Villevert—Vill- orceau durch die 2. bayerische Division erobert. — Das Gefechtsfeld, auf welchem die 1. Division focht, lag viel nördlicher. Ursprünglich trennte die Division Wittich die Bayern, da General v. Dietl mit seinen Brigaden bei Montigny stand. Den Dienst, welchen uns die Preußen bei Villechanmont leisteten, konnten hier die Bayern augenblicklich zurückerstatten. Das Füsilier-Bataillon vom Regiment Nr. 83 hatte irr- thümlich die Orte Layes und Beauvert verlassen, war nach Beaumont marschirt, und General v. Wittich, der von letzterem Orte aus. uns gerade Hilfe zukommen ließ, gab sogleich Befehl zurückzueilen, aber es war schon zu spät, da die Franzosen sich der Positionen bemächtigt hatten. Nun sollte das arme Bataillon zurückerobern, was es irrthümlich aufgegeben hatte. Glücklicherweise war General v. Orff in der Nähe, welcher sogleich eine Colonne unter Oberst Otto v. Schmidt gegen Launay entsandte. Zuerst fuhr die beigegebene Batterie Grundherr auf und bewarf die Orte mit Granaten, dann schwärmten die Nennerjäger aus, ein Bataillon Elfer folgte, und nun ging es einmal gegen Beauvert loZ. Ohne zu schießen liefen die Bayern an und nahmen das Gehöft. Aehnlich eroberte Major Böhe vom 11. Regiment Layes. Man richtete sich nun zur Vertheidigung ein, die Batterie suchte sich eine neue Stellung, und unterdessen marfchirte der Nest der Brigade herbei. Als nun gegen 11 Uhr der Feind heftiger zu drängen begann und Patrouillen zugleich meldeten, das nördlich gelegene Villermain sei auch wieder von Franzosen besetzt, ließ General v. Orff die Neunerjäger, welche sich verschossen hatten, durch das schwache Regiment Kronprinz ablösen. Gegen Villemain, das in der rechten Flanke lag, trat Artillerie in Action und waren außerdem von der Brigade Tüuffenbach zwei Bataillone des Leib-Regiments nebst den Zweierjägern nach Montigny gerückt. Da die Mecklenburger vom Großherzog Befehl erhalten hatten, dem Feinde in die rechts Flanke zu fallen, und da außerdem von Orleans her eine Division im Anmärsche war, schien es nur geboten, den eigenen rechten Flügel zu behaupten. Genera! v. Dietl, durch den Großherzog in dieser Hinsicht informirt, ordnete daher für den Nachmittag ein Vertheidigungsgefecht an. Die Brigade Orff wies durch wohlgezieltes Feuer jeden An- griffsverfuch der Franzosen zurück, und der ausgezeichneten Wirkung unserer Artillerie war es zu danken, daß die geplanten Umgehungen des Feindes immer im Beginne schon vereitelt werden konnten. Während also hier das Feuergefecht mehr oder weniger lebhaft geführt wurde, hatte die 17. Division unter bedeutenden Verlusten den befohlenen Vorstoß gegen den feindlichen rechten Flügel ausgeführt. Großen- theils mit dem Bajonnet war die Linie Villemarceau, Les Grottes bis Feruie de Feulard von dieser braven Abtheilung genommen worden. 3 Bataillone der Division Wittich unter Oberstlieutenant v. Heuduk waren um 4 Uhr ebenfalls in Villejouan und Origny eingedrungen. ' Es begann zu dunkeln und auf der ganzen Gefechts- linie verstummte allmählich das Feuer. Der Tag war für uns Bayern nicht so blutig wie der vorhergehende Schlachtentag gewesen, aber unsere schwachen Bataillone hatten doch wieder stundenlang im Feuer aushalten müssen. Die bayerische „Schuaid" war immer noch vorhanden, galt es, an den Feind zu rücken, aber wurde dann gesammelt und in die Quartiere gerückt, dann klappte alles zusammen wie die Taschenmesser. Hungrig, zerlumpt und halberfroren sammelte man, um an den Bestimmungsort zu rücken. Das Quartier bestand in Häusern, die mit Verwundeten überfüllt waren. (Fortsetzung folgt.) -----SAWSk- ALLerLer. Etn GlaSkünstler. In Hosterwitz bei Dresden starb vor einigen Tagen im hohen Alter ein eigenartiger Künstler, Herr Louis Blaschka. Die künstlerische Specialität, welche der Verstorbene ausübte, war die Nachbildung der zartesten Blumen- und Pflanzengebilde aus Glasmasse in den feinsten Farbennüanzierungen und so, daß durch den Augenschein eine Unterscheidung vom lebenden Original absolut nicht möglich war. Seine Schöpfungen in den letzten Jahren gingen als Unterrichtsmittel an das Unterrichtsministerium in Japan, sowie an das Museum der Universität Cambridge, für welche Blaschka in der letzten Lebenszeit ganz ausschließlich arbeitete. Der einzige Schüler des Verstorbenen, der einzige auch, der in die technischen Geheimnisse der Kunst eingeweiht ist, ist der Sohn Blaschkas, der sich zur Zeit auf einer Studienreise in Mexiko befindet.