« k. 1896 . „Augsburger PostMung". Dinstag, den 21. Januar Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des i'iterarischen Instituts von Haas L Ärabderr in Augsburg lVorbesttzer vr. Mar Huttler). Die Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Benno. (Fortsetzung.) Der Frühjahrsmaikt war sonst für Großmeseritsch nicht von großer Bedeutung, dies Mal aber hatte das Hoflager des Herzogs mit seinen bunten militärischen Bildern eine große Menschenmenge selbst aus weiter Entfernung herbeigelockt. Auch auf die zahlreichen Vertreter der „freien Künste," die man hier noch nie in so großer Manigfaltigkeit gesehen, hatte die gleiche Thatsache eine besondere Anziehungskraft geübt. Namentlich eine in der Nähe des Stadtthores, in welches der Burgweg einmündete, aufgeschlagene Bude zog die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Sie zeichnete sich vor den übrigen durch unverkennbare Feinheit des zur Herstellung verwendeten Materials und hauptsächlich dadurch aus, daß über dem mittlern Vereinigungspunkt der spitz zulaufenden Leinwanddecken eine mächtige Fahne in den österreichischen und friedländischen Farben aufgehißt war. Eine gewaltige Tafel längs einer breiten Estrade war in grellen Farben mit Proben der verheißenen Leistungen von Schwertschluckern, Feuerspeiern, Ringkämpfern, Schlangenbändi- gern und dergleichen Kunstbeflissenen bemalt. Darüber aber prangte das Bild eines jungen Mädchens welches einen versilberten Schild in die Höhe hob, auf welchem in glänzender Goldschrift zu lesen war: „Marion, die begnadete Seherin vom heiligen Berg I" Außerdem versprach der Akrobat Leferrier aus Paris dem Publikum in Anschlagzetteln mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung einen Cyklus von Vorstellungen in der Magie und höheren Gymnastik, wie man sie in Großmeseritsch noch nie zu bewundern Gelegenheit gehabt habe. Georg und Martin waren vor dieser Bude stehen geblieben, weil sie durch das Gewühl der gaffenden Menge keinen Ausweg zu bahnen vermocht hatten. Ali und Jung ließ sich rings um sie her mit bewunderungswürdiger Selbstverleugnung durch eine Clarinette, zwei Trompeten, einen Dudelsack und eine riesige Trommel die Ohren zerreißen. Georg gedachte des Rathes, welchen die Mutter seines Gefährten ihm ertheilt hatte, und unwillkürlich regte sich in ihm die Lust, die Kunst der Prophetin auf eine Probe zu stellen. Er theilte Martin seinen Entschluß mit. Dieser schüttelte mit abweisendem Lächeln den Kopf, erklärte sich aber doch zum Mitgehen bereit. Sie traten ein. Ein kleines viereckiges Gemach nahm sie auf. Augenblicklich befand sich außer ihnen Niemand darin. Ein blauseidener Vorhang schloß im Hintergrund einen etwas erhöhten Raum ab. Eine Minute ungefähr war vergangen, da vernahmen die Beiden den hellen Ton eines Glöckchens; der Vorhang wurde zurückgestreift und vor ihren Augen erschien ein fesselndes Bild: unter einer Art Thronhimmel ruhte malerisch hingegossen auf schwellendem Divan ein jugendliches weibliches Wesen, dessen ungewöhnliche Schönheit durch die Pracht des phantastischen Costumes noch mehr hervorgehoben wurde. Ein Korallenhalsband schlang sich um den Nacken; die Arme waren von einem Kranz reich- gefaßter Türkise und Amethyste umspannt, und auf dem wie ein dunkler Schleier herabfallenden, glänzend schwarzen Haare, das zu den elwas bleichen Wangen im reizendsten Gegensatz stand, funkelte ein goldener Reif. Gleich Sternen blitzten unter kühngeschwungenen Brauen die dunkelglühenden Augen hervor. Georg und Martin standen wie gebannt und wurden erst durch die freundliche Aufforderung der Seherin, näher zu kommen, aus ihrer Ueberraschung gerissen. Martin trat vor. Das Mädchen ergriff seine Hand, betrachtete sie aufmerksam und schrieb dann eine Anzahl Worte auf ein Blättchen Papier, das sie mit einem anmulhigen Neigen des Kopfes dem jungen Mann übergab. Georg hatte dem Vorgang kaum Beachtung geschenkt; er war noch ganz in das Anschauen des reizenden Mädchens versunken. Erst als Martin ihm einen Wink gab, trat auch er vorwärts. Er war im höchsten Grade verwirrt und dachte gar nicht mehr an den Zweck, der ihn in die Bude geführt hatte. Mechanisch reichte er dem Mädchen die Hand, und fast unbewußt nahm er den Zettel; er wandte kein Auge von ihr! Als die Seherin auf ein Glockenzeichen plötzlich wieder hinter dem wie durch Zauberkraft sich schließenden Vorhang verschwand, fuhr er wie aus einem Traume empor. Martin zog ihn fort. Er sah sich wieder mitten in dem Gewühl, wußte jedoch kaum, wie er aus der Bude gekommen war. Die schallende Stimme eines kleinen, beweglichen Mannes, der in Harlekinstracht den Beginn einer Vorstellung verkündete, brachte ihn endlich zu sich. Beide bekamen einen Platz in der vordersten Reihe, unmittelbar 38 an der Arena, welche nur durch ein dünnes Seil von dem Zuschauerraum abgesperrt war. Die Vorstellung begann. Sie vermochte jedoch das Interesse des jungen Leibjägers wenig zu fesseln, obgleich die Leistungen der verschiedenen Künstler mit reichem Beifall belohnt wurden. Er wurde den überwältigenden Eindruck, welchen die schöne Wahrsagerin auf ihn gemacht hatte, nicht los. Vergeblich hoffte er von Scene zu Scene auf deren Erscheinen; die Vorstellung ging bereits ihrem Ende entgegen und immer zeigte sich Marion nicht. Da entstand eine Bewegung hinter dem Vorhänge, welcher die Künstler vor den Blicken der Zuschauer verbarg. Die Musikanten stellten sich in Positur; eine schmetternde Fanfare ertönte, und auf dem durch die Arena in ziemlicher Höhe gespannten Seile kam Marion in reicher Pagenkleidung, ein silbernes Stäbchen balan- cirend, mit zierlichen Schritten, selbstbewußt und sicher daher. Ein unmuthiges Lächeln spielte um den rosigen Mund und aus den tiefen Augen glühte ein berückender Strahl. Georg verschlang fast mit den Augen die holde Gestalt. Da, gerade als sie in die Nähe des Platzes kam, auf dem er sich befand, begann sie zu schwanken und siel mit einem schwachen Aufschrei herab — in die ausgebreiteten Arme Georg Selkow's, der sie gerade im richtigen Augenblicke auffing. Das Beifallsrufen der Menge übertönte die leise geflüsterten Dankesworte der schnell wieder sich fassenden Marion, die nach einer flüchtigen Verbeugung hinter dem Vorhang verschwand. Die Vorstellung war vorüber. Die Zuschauer drängten sich aus der Bude und verzogen sich rascb nach allen Richtungen. Ein großer Theil nahm den Weg nach einem massiv gebauten, alterthümlichen Hause, aus dessen obern Gelassen lustige Musik erscholl. An der Kante dieses Gebäudes hing an einem eisernen Krahnen ein mächtiger Kranz, in welchem die Gestalt eines Hahns sich breit machte. Er mochte vor Zeiten vergoldet gewesen sein, wenigstens bemerkte man noch einige, wenn auch stark verwitterte Spuren davon. Aber der der- malige Besitzer, Petrus Schwenkborn, hatte das ganze Gehänge roih anstreichen lassen und dadurch bewirkt, daß sein Gasthaus vom ehcmaligeu „Goldenen" zum „Rothen Hahn" herabgestiegen war. Georg und Martin waren ohne bestimmten Plan ebenfalls in die Nähe dieses Wirthshauses gekommen. Vor der breiten Pforte hielt Letzterer den Gefährten, der ohne weiteres eintreten wollte, zurück. „Höre, Georg," sagte er in einem Tone, der etwas boshaft klang, „was geht denn mit dir vor? Ich glaube, die hübsche Kleine hat dich verhext! Ich redete dich schon drei Mal an, bekam aber bis jetzt keine Antwort. Wärest du mir nicht als ein verständiger Bursche bekannt, so hätte ich dich stark im Verdacht, du seiest auf dem besten Wege, tolle Streiche zu machen." Georg erröthete. Er blieb stehen, erwiderte aber nichts. „Da du ein gelehrter Mann bist," fuhr Martin fort und holte den Zettel, welchen er in der Wahrsagerbude bekommen, aus der Tasche hervor, „kannst du mir vielleicht sagen, was dieses Geschreibsel bedeutet, ich werde nicht klug daraus. Die Hexe hat uns offenbar zum Besten gehabt, und ich opferte meinen Zehner umsonst!" Georg nahm den Zettel und erkannte sofort, daß es ein in französischer Sprache geschriebener Satz war. Den Sinn verstand er jedoch nicht. Denn, hatte er seiner Zeit auch an der Klosterschule als ein annehmbarer Lateiner gegolten, mit den welschen Sprachen kam er niemals zurecht. Er musterte nun seinen eigenen Zettel und fand, daß er demjenigen Martin's vollkommen glich. Erstaunt war er über die zierliche Handschrift. In der That mußte es in hohem Grade auffallen, daß ein junges Mädchen in so eigenthümlichen Verhältnissen, wie Marion, so zu schreiben verstand. Ein neuer Schwärm Menschen drängte in diesem Augenblick gegen das Gasthaus heran. In dessen Mitte erblickte Georg Marion, welche noch das kleidsame Pagengewand trug. Sie hatte einen Degen umgeschnallt. Ungeduldig forderte er Martin, als er die Kleine durch die Wirthshausthüre verschwinden sah, ebenfalls zum Eintreten auf, und mit einem spöttischen Lächeln entsprach der Lieutenant dem Wunsch. Sie traten in die untere Stube, fanden sie aber fast vollständig von Gästen besetzt. Nur ganz in der Ecke, neben dem nach dem Hofraum hinaus gehenden Fenster, sahen sie an einem einzeln stehenden Tischchen einen Mann, an dessen Seite sie kurz vorher Marion bemerkt hatten; es war der Harlekin aus der Akrobatenbude. Martin nahm neben ihm Platz, Georg dagegen ging unter einem Vorwande wieder hinaus, obgleich der Künstler bei ihrer Annäherung auch für ihn einen Stuhl zurecht gestellt hatte. „He, he, Monsieur!" rief dieser eifrig dem Davonschreitenden nach und wollte ihn festhalten, was ihm aber in dem zum Erdrücken vollen Raum nicht gelang. „Hier ist noch Platz, hier, hier!" Der Leibjäger hörte ihn in dem lauten Stimmengesumme nicht mehr. „Ein wackerer Herr, Euer Freund," wandte sich der Harlekin nunmehr zutraulich zu Martin. „Hat heute durch seine Bravour mick und die kleine Marion vor großem Schaden bewahrt. Er kommt doch wieder, nicht wahr?" Mit diesen Worten versteckte er den unbesetzten Stuhl geschickt so hinter dem Tischchen, daß keiner der übrigen Gäste ihn wahrnahm. Martin erklärte, daß sein Gefährte sich voraussichtlich nur auf einige Minuten entfernt habe, um eine kleine Umschau zu halten. Ein wohlgefälliges Lächeln spielte um des Harlekins Mund. .Ein prächtiger Herr," wiederholte er. „Trinken wir auf seine Gesundheit, er verdient meinen innigsten Dank! . . . Ihr seid wohl auch ein Offizier imFried- ländischen Dienst?" fuhr er fort, nachdem er mit Martin angestoßen und einen bescheidenen Schluck aus seinem Glase genommen hatte, und musterte lauernd des Lieutenants Gestalt. „Ein großer Mann, dieser Herzog; er hat sein Versprechen gehalten und zu Stande gebracht, was ihm so bald Keiner nachmacht!" Da Martin, ohne etwas zu sagen, nur mit einem flüchtigen Nicken seine Zustimmung gab, trug der mund- fertige Mann auch sürder die Kosten der Unterhalung allein. „Ist hoher Besuch von Wien im Schloß, nicht wahr? Wird wohl jetzt bald wieder losgehen? Es wurde ja, wie man hört, das beste Einvernehmen zwischen dem Wiener Gesandten und dem Herzog erzielt? . . . Nun, das ist recht! Der kaiserliche Mantel bekam in der letzten Zeit manches Loch, und es ist Zeit, daß Einer kommt, der ihn flickt!" Er lachte laut über seinen Witz und spähte unter den halb geschlossenen Lidern hervor nach Martin's Gesicht; aber der Lieutenant, welcher überhaupt nicht viel Worte zu machen gewohnt war, blieb abermals stumm. „Euer Freund," nahm der unermüdliche Mann nach einer kleinen Pause das Gespräch wieder auf, „gilt, wie es scheint, bei dem Herzog sehr viel. Habe den Einzug des großen Feldherrn gesehen und dabei reckt gut bemerkt, wie herablassend und freundlich der junge Leibjäger von dem Gewaltigen gegrüßt worden ist. Glaubt mir, Mann, der bringt es noch weit! Es bedeutet immer etwas, wenn ein großer Herr so gar gnädig und zutraulich ist!" Georg kam soeben mit ärgerlichem Gesicht zur Thüre herein. Er sah Martin bei dem Kleinen, den er, wie das plötzliche Aufleuchten seiner Aug?n anzeigte, nun auch erkannte, und schritt rasch auf die Beiden zu. Mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit dankte er für den Gruß des Harlekins und machte von der Einladung desselben, auf dem schnell wieder zum Vorschein gebrachten Stuhl Platz zu nehmen, mit sichtlicher Genugthuung Gebrauch. Geschickt wußte Jener das Thema über den Herzog und die bevorstehenden Actionen weiterzuspinnen, und Georg theilte ihm ohne Rückhalt mit, was er wußte. Einerseits siel es diesem gar nicht ein, bei dem Acrobaten für den Gegenstand ein besonderes Interesse zu suchen, anderseits ging seine Bereitwilligkeit zur Auskunftertheilung aus dem Bestreben hervor, auch Jenen zur Beantwortung von Fragen geneigter zu machen. Anfangs suchte er vergeblich nach einer passenden Einleitung, bis ihm Martin zu Hülfe kam. „Ei, guter Herr," sagte dieser und zog seinen Zettel hervor, „Ihr könnt mir ganz gewiß sagen, was dieses Papierchen enthält, das ich von der hübschen Seherin in Euerer Bude bekam; ich denke, daß Ihr doch auch so eine Art Schwarzkünstler seid I" Der Harlekin, welcher sich den Beiden nunmehr als Louis Leferrier, Director der Akrobaten-Gescllschaft, vorstellte, lachte vergnügt. Es schien fast, als habe er auf diese Frage gewartet. Er nahm das Papier in die Hand. „Gewiß," erwiderte er, „es ist ein französischer Vers und heißt: „Hoch steigen willst du, Freund, Es sei dir auch bescheert. Doch denk': die Hohen sind Oft nicht bcneidensnerth." „Bravo!" rief Leferrier und gab dem Lieutenant das Orakel wieder zurück; „das ist eine Aussicht, mit der man trotz dem versteckten Aber zufrieden sein kann." Auch Georg ließ sich sein Zettelchen übersetzen. Der Inhalt lautete ebenfalls in gebundener Form: „Durch Blut und Thränen führt dein Pfad In Sturm und Kampf hinein; Doch wanke nicht; die Liebe wird DeinJreuer Schutzgeist sein!" Cardinal Dr. Johannes Halter, Fürst-Erzbischof von Salzburg. Ein banges Gefühl, das selbst durch das Lachen des Akrobaten und Martin's boshaften Wink nicht sofort verwischt wurde, beschlich Georg's Herz bei diesen Worten, obgleich er der Spielerei keine Bedeutung zumaß. Doch hielt die ernste Stimmung nicht lange Stand, um so weniger, als der Künstler nunmehr ohne Weiteres das Thema berührte, welches so ganz seinem Wunsche entsprach. „Ja, ja," sagte er schmunzelnd, „die Marion ist ein Teufelsmädchen, ein wahrer Schatz, der Goldes werth ist! Wo sie nur in der Geschwindigkeit die hübschen Verschen hergebracht hat? Denn," fügte er mit einem Augenblinzeln hinzu, „nicht jedem geht's so gut wie Euch! Mit den meisten ihrer Kunden macht sie kurzen Proceß." Als Georg seine Verwunderung über die Kunstfertigkeit des Mädchens im Schreiben aussprach, antwortete der Franzose nicht ohne Stolz: „Aha, das hättet Ihr nicht in meiner Bude gesucht! Meine Nichte ist aber auch keine gewöhnliche Gauklerin, sondern ein Wunderkind, in dessen Familie die geheimnißvolle Gabe sich vererbt; und daß ist sie," fügte er mit einem Seitenblick auf Georg hinzu, „sittsam und brav. Der Mann ist wahrlich zu beneiden, den sie einst mit ihrer Hand und ihrem Herzen beglückt." Die Musikanten, welche bis jetzt in den obern Räumen gespielt hatten, drängten sich zur Thüre herein und machten einen Lärm, daß man sein eigenes Wort nicht mehr vernahm. Martin erhob sich. Es fing an zu dämmern, und er hielt es an der Zeit, nach Hause zu gehen. Georg konnte, obgleich er gern noch manche Frage gestellt hätte, nicht wohl zurückbleiben. Er reichte dem Akrobaten zum Abschied die Hand. Die Augen Lcfcrrier's ruhten mit dem Ausdruck eines ungewöhnlichen Interesses auf ihm. „Auf Wiedersehen," sagte er; „ich hoffe, daß die Herren mich bald wieder mit ihrer Einkehr beehren. Ich bleibe voraussichtlich auch nach dem Schluß des Marktes noch einige Tage lang hier. Vielleicht macht es Euch Freude, meine seltene Waffensammlung zu sehen, oder kann ich mit sonst etwas dienen? Von Herzen gern bin ich zu jeder Erkenntlichkeit für die mir erwiesene Freundschaft bereit!" Während Martin die Einladung mit einem stummen Kopfnicken zu beantworten sich begnügte, versprach Georg bestimmt, am folgenden Tage wieder zu kommen. Dann entfernte er sich. Die Beiden bemerkten beim Verlassen des Wirthshauses nicht, wie Marion vorsichtig und leise vom Fenster weghuschte und sich unter den tief herabhängenden Zweigen eines seitwärts stehenden Lindenbauwes verbarg. Sie besaßen auch keine Ahnung davon, daß das Mädchen ihr Gespräch mit dem Akrobaten belauscht hatte und nun mit glühenden Augen die Gestalt Georg's verfolgte, bis dieser an der Biegung des Weges ihren Blicken entschwand. 40 Georg trat den Heimweg an mit dem festen Entschlüsse, dem Künstler sein Wort zu halten. Sicher erreichte er dann seine Absicht, das seltsame Wesen naher kennen zu lernen, durch welches seine Einbildungskraft jn einen so stürmischen Aufruhr versetzt worden war. Trotzdem war er nicht um die Ruhe seines Herzens besorgt. Was er unter dem Zauber ihrer Erscheinung empfand, hatte nichts mit dem wonnigen Gefühl erwachender Liebe gemein; es war mehr eine Art berückender Scheu, etwas wie die Ahnung einer unbestimmten Gefahr. Und doch zog es ihn mit Macht zu ihr hin. Durch den Anruf des Thorwächters wurde er aus seinem Sinnen geschreckt. Fast unbewußt hatte er an der Seite Martin's, von dem er auch nicht durch ein Wort in seinen Träumereien gestört worden war, die in das Schloß führende Zugbrücke erreicht. Der Lieutenant gab die Losung, und sie passierten das Thor. Während Letzterer der Wohnung seiner Eltern zuschritt, begab Georg sich nach dem westlichen Flügel, wo der Herzog von Friedland sein Hoflager hielt. 5 . Eine sternenhelle Nacht folgte dem Abend, der über Großmcserilsch das Füllhorn des Glückes und der Freude in so reichem Maße ausgegasten. Es war schon ziemlich spät, und die meisten der angeheiterten Zecher hatten sich zur Ruhe begeben. Der Herzog fühlte noch keinen Schlaf. Einsam stand er an einem geöffneten Fenster des Vorzimmers zu seinen Gemächern und blickte zu dem sternenbesäeten Himmel hinauf. Tiefe Stille herrschte ringsum. Selbst die beiden wachthabenden Arkebusiere hatten ihren einförmigen Gang auf dem Pflaster des Schloßhofes unterbrochen und in ihren Häuschen Schutz gegen die empfindliche Nachtluft gesucht. Nur von Zeit zu Zeit hörte man das leise Picken des die Fensterbrüstung zernagenden Holzwurmes. Lange war der Herzog unbeweglich auf seinem Platze gestanden, da tönte aus dem anstoßenden Zimmer der Schlag einer Uhr. „Endlich," sagte er halblaut zu sich und blickte durch das Fernrohr, welches in der Fensternische befestigt war. „Kcpler hat Recht, die Konstellation ist genau so, wie sein Brief sie andeutet," murmelte er und trat mit gefurchter Stirne in's Zimmer zurück. „Ein geheimer Feind steht mir gegenüber; drohend erhebt sich ein mächtiger Arm gegen mich. Dies ist die Hand, vor deren Schlag er mich gewarnt hat. Mein Stern steht im Zenith, wagte ich heute zu sagen; es war nur Ver- messcnheit, ein Frevel, für den vielleicht nur zu bald die verdiente Strafe mich ereilt I" Er schwieg und starrte gedankenvoll vor sich hin. „Ein Gegner schleicht auf unsichtbaren Wegen heran," fuhr er dann wieder fort. „Ich bezweifle es nicht. Aber wer, wer sollte sich erkühnen, in diesem Augenblick, da die ganze Welt auf mich schaut, da das Schicksal ganzer Nationen in meine Hand gelegt ist, ein Hinderniß meiner Pläne zu sein? Ich habe Feinde in Wien, das weiß ich wohl; aber gleichwohl brauche ich nichts von dorther zu fürchten; sie können mich jn nicht entbehren. Ein Unglück droht mir, das ahne ich; aber woher, woher soll es kommen?" Der Herzog war wieder an's Fenster getreten und richtete seine Augen wie fragend auf die schimmernde Pracht am Sterncnhimmel. Da erhielt er einen so heftigen Schlag auf den Rücken, daß er fast in die Kniee sank. Einen Augenblick war er wie betäubt. Dann aber schnellte er mit dem Rufe: „Was ist das!" empor und drehte sich um. Doch nirgends zeigte sich eine Spur von einem lebenden Wesen. Das Zimmer war leer. Todten- stille herrschte im ganzen Schloß. Wallenstein hatte sich wieder an's Fenster gestellt. Er athmete schwer; kalter Schweiß perlte auf seiner Stirne, und die Gesichtszüge waren unheimlich verzerrt. „Ihr ewigen Mächte," stöhnte er, „ich bin verloren. Das war die verhängnißvolle Hand, deren Schlag den Anfang des Endes kund that!" Noch eine geraume Zeit blieb er in dumpfes Brüten versunken, dann wankte er nach der nächsten Thüre, durch die er verschwand. Am folgenden Tage befand sich auf Großmeseritsch alles in der größten Bestürzung. Der Herzog, hieß es, sei plötzlich erkrankt. Es war ein erschütternder Rückschlag nach der allgemeinen Lust. Wunderlich widersprechende Gerüchte verbreiteten sich. Die Einen sprachen von einem Schlaganfall, der ihn getroffen, Andere wollten ihn am frühen Morgen noch an seinem Fenster auf und ab wandelnd erblickt haben, und wieder Andere meinten, da von der Beiziehung eines Arztes nichts verlautete, er sei überhaupt nicht krank, sondern habe über Nacht eine unangenehme Nachricht erhalten. Auf alle Fälle stand die Thatsache fest, daß der Herzog seine Zimmer auch nicht auf eine M^irte verließ und weder Speise noch Trank zu sich nahm. Nur seine Gemahlin, der Astrologe Seni, Pater Vincenz und Georg Selkow hatten Zutritt zu ihm. Auf diese Weise gingen drei Tage vorüber. Es waren mehrere Courriere mit Depeschen gekommen; sie erhielten aber weder Abfertigung noch Antwort und harrten unverrichteter Dinge im Städtchen auf Bescheid. Rings um das Schloß herrschte eine unheimliche Stille. Wer nicht aus- und eingehen mußte, hielt sich fern. Um neugierige Besucher abzuhalten, wären die Schildwachen nicht nöthig gewesen. Der unerwartete Zwischenfall hatte Georg einen Strich durch die Rechnung gemacht. Von einem Besuch bei dem Akrobaten konnte keine Rede mehr sein. Ueber- dies glaubte er bezüglich der verschwundenen Documente eine neue Spur gefunden zu haben, die ganz seiner geheimen Erwartung entsprach. So kam es, daß das Bild Marion's allmählig in den Hintergrund trat. (Fortsetzung folgt.) - tE-I—- „Im Löllingsiraben." Lustiges aus dem Jäger leben. „Der Jager hat g'schoff'u, Hat aber 's Schiaß'n nöt kennt, Und hat bei der G'legenheit Sein Schnauzer verbrennt." Wenn bei uns daheim, im Kärntnerlandl, der Hirsch den letzten Schrei thut, liegt auf der Schattseiten schon recht viel Schnee. Wo die Sonne noch hin kann, da geht's noch an, aber auf der Schattseiten mag man schon fast erfrieren. 8»!» Iirrsl^! ccr::'.ar.:jü?cr LNavcn. Iiach dem Gen'.cildc vcr. R. Ccgghr. Vorn breiten Bergesrücken treibt der Sturmwind den feinkörnigen Schnee weg, daß es nur so tobt. Wo er ihn nicht mehr weiter tragen mag, läßt er ihn liegen, und so gibt es oft an Stellen meterhohe „Schneewahden", wo sonst im Juni der Schildhahn noch sein „G spusi" treibt. Um diese Zeit ist dann das Wild in einem Rudel beisammen, Hirsch und Thier und das „kloane Gschmoaß". Vielleicht, daß es ihnen wärmer ist, wenn sie beisammen sind. — Da stehen oft in einem Wald- schachterl, wo es hübsch windruhig und schneefrei ist, und wo also auch eine Aesung vorhanden ist, gegen hundert Stück beisammen. Wenn man es nun schön still und vorsichtig angeht, so kann man leicht ein schönes Jagdl ohne viel Umständ machen. Zwei, drei Schützen auf der Höh' und ein Treiber richten es leicht, und wenn man auch heute das Wild da austrcibt, in ein paar Tagen steht es wieder auf demselben Fleck. Es wird so Anfangs Dezember gewesen sein, kommt in der Früh in einem Saus der Oberförster mit seinem Gehilfen zu mir und sagt: „Du Hans, wir brauchen zwei Stück Wild, und das heute noch." „Das paßt mir ganz gut", sag' ich, „im Löllinggraben, im Tannwald hab' ich heute Früh so etliche sechzig Stück gezählt, die kommen uns nicht aus; wenn Sie nur einen anderen Gehilfen mitgebracht hätten, aber der Franzl da trifft ja nichts und zum Treiben ist er z'dumm." „Ja, weißt," sagt der Oberförster, „heute ist es gar so schnell hergegangen, und zum Rucksacktragen ist der Franzl auch gut. Schießen werde schon ich, der Franzl soll nur unten den Ausbruch versperren; ich gehe auf die Höh', und wenn Du mich dann oben siehst, so geh' in den Graben und mache das Wild „reglich". Also gehen wir!" „Schon recht, so machen wir's", sagte ich, „ja, aber was haben denn Sie da für einen Hund mit? Das ist ja Ihr Waldl nicht!" „Der Waldl ist krank und ist z'Haus," sagte er, „und da hab' ich beim Hergehen den Hirschenwirth seinen Philax mitgenommen. Er lobt ihn gar so viel, das große, rothe Luder, und hat mich gebeten, wir möchten ihn öfters mitnehmen, er „verbellet" nämlich jeden Hirsch, und weil es mir eben gerade paßte, so habe ich ihm den Gefallen gethan." „Aber den lassen Sie nur beim Franzl", sagte ich, „und wenn ?ie etwas abschießen, dann rufen Sie ihm nur zu. Also, Adjes — Pfiat Gott!" Wie sie nun eine Weile fort waren, zog ich meine ledernen Schneestrümpfe an, stopfte mein Pfeifchen und machte mich auf den Weg. Die haben weiter zu gehen, und da kann ich mir schon Zeit lassen, dachte ich, sonst wird's mir kalt, weil ich in die Schattseiten hinein mnß. Auf einem Baumstock bleib' ich sitzen und schaue mir die Lage an. Der Oberförster ist eben schon auf seinem Stand, der Franzl mit dem Hund, das rothe Naben- vieh leuchtet wie eine Eiscnbahnlaterne, hockt auch schon auf dem rechten Platz. Ich fang nun an, das Wild „reglich" zn machen, und bald sehe ich dasselbe schön vertraut zum Oberförster seinen Stand sich hinziehen. Auf einmal kracht's, ein Thier purzelt den steilen Abhang herab in den Bach hinein, ein guter Schütz, der Oberförster! Wiederum Rauch — und ein angeschossenes Stück rennt gerade auf den Franzl zu, der übrige Rudel aber in wilder Flucht auf und davon. Der Franzl, — hat er g'schlafen oder, wer weiß, ivas er gemacht, erschrickt, will schießen und kommt nicht „z'samm". Derweil reißt der Hund aus und mit einer Mordslanten dem angeschweißten Stück nach. Ich seh' noch, wie Alles abwärts in den Wald hineinjagt, Thier und Hund und der Franzl nach in großen Sätzen, — auf einmal verschwindet Alles, und ich sehe nichts mehr. Zwei Stunden später sitzt der Hirschenwirth in seiner Wirthsstuben drinnen. Ein großer, fetter Mann, wie es sich ziemt für einen Wirth. Zur Winterszeit ist er jedesmal seine beste Kundschaft selbst gewesen. Heute hat er eine Halbe Wein auf dem Tische und simulirt. Was er gedacht hat, das kann ich nicht genau sagen, aber wahrscheinlich ist's, daß er nichts gedacht hat. Auf einmal geht die Thür auf und in einem Sprung kommt der Franzl herein, hängt das Geweih und des Oberförsters Rucksack in ein End der Stube auf das Hirschgeweih auf, geht zum Tisch, wo der Wirth gesessen ist und sagt ganz herrisch: „Wirthshaus! a Halbi Wein!" „Schaut's, der Herr Franzl!" sagt der Wirth und bringt den Wein. „Schon dahoam von der Jagd? Js denn schon gar?" „I waß nöt", sagt der Franzl und trinkt die Hälfte Wein aus. „Ja, bist Du denn nöt dabei g'west, Herr Franzl", meinte der Wirth und richtete sein grünes Kappel, welches sich beim Simuliren etwas verschoben hatte, zurecht." „Ja", sagt der Franzl, „i bin dabei g'west." „Und da waßt nöt, ob's gar is? Wo sind denn die Andern blieb'n?" „I waß nöt", sagt der Franzl, „i bin früher fort, bin nix zn se kemma." „Dös is aber kurios", sagt da der Wirth, „is wos passirt?" „Mir is wos passirt", entgegnete der Franzl. „No, wos denn?" fragt neugierig der Wirth. „I hab' was trosf'n", sagt der Franzl, „noch nia hab' i sunst wos trosf'n, heunt aber hab' i wos trosf'n!" — „Gratalir", sagt da der Wirth, „na, döß is g'scheidt! Da muaß i do glei a Halbi vom „Bessern" aufitrag'n. Mäaß'n ja G'sundheit trinken! Gratalir! Dö Halbi kommt nöt auf die Thür wird nöt auskleidet; Herrn Franzl sein Ehrentag als Hundschaft muaßj^man ja feiern!" Der Hirschenwirth bringt den Wein, schenkt ein, und der Franzl trinkt aus. „Hiatzt wird's schon besser geh'n, wirst a mehr Anseh'n hab'n bei de Jaga, weil'st a doch Mal was g'schoss'n^ hast. Na — und was hast denn da- schoss'n?" „An Hund!" sagt ganz ruhig der Franzl. „O Du himmelblaues Dunnawetter", schreit der Wirth und sauft g'schwind den Rest vom „Bessern" selbst aus. „Und was denn für welchen?" „Den „Dein"", sagt' da der Franzl. - -- —- 43 Zu unseren Bildern. Cardinal I)i . Johannes HaUer, Fiirft-Erzbischos von Salzburg. Das im Jahre 582 vom hl. Rupert gestiftete Bisthum Satzburg, 789 zum Erzbisthum erhoben, nahm von alters- her den ersten Rang unter den geistlichen Fürstenthroncn Deutschlands ein. Seit 1088 bekleidet der Erzbischof von Salzburg die Würde eines Legaten (IkZatus natus) des Heiligen Stuhls und des Primas des Deutschen Reiches. Er konnte in den Adelstand erheben und hatte mit den Herzogen von Bayern das Turectorium im bayrischen Kreise, führte abwechselnd mit Oesterreich das Dircctorinm im Der von .Papst Leo XIII. im November v. I. zum Cardinal erhobene Fürstcrzbisckwf von Salzburg ist ein engerer Landsmann des tiroliscben Volksbelden Andreas Hofcr. Als Sohn einfacher Landlente am 30. April 1825 zu St. Martin im Passcirthal geboren, absolvirte er die theologischen Studien in Trient, wirkte lange als Coopcrator und Kaplan in mehreren Dorfgemeinden, dann als Pfarrer in der ansehnlichen Gemeinde Lasen bei Klausen, deren innige Verehrung er sich erwarb. Er war es, der zuerst auf den Vogclweiderhos im Lajcncr Ried hinwies und so der Heimath- fragc Walther's von der Vogelwcide ganz neue Bahnen wies. Im Jahre 1871 zum Domherrn in Trient und Provicar der U1sS Äk-W .> -- s Schwere Aufgabe. Nach Rcichsfürstencollegium und hatte auf den Reichstagen die erste Stelle auf der geistlichen Bank im Fürstenrath innc. Seit dem westfälischen Frieden war Salzburg, außer den drei Kurfürstenthümern, daS einzige Erzbisthum in Deutschland. Im Jahre 1802 erfolgte seine Säcnlarisirung. Den historischen Ehrentitel des Primas von Deutschland, mit dem heutzutage keine besondern Vorrechte mehr verbunden sind, haben die Erzbischöfe von Salzburg bis zum heutigen Tage beibehalten. Außer ihnen führen den Primastitel die Erzbischöfc von Toledo, Canterburv, Bork, Gran, Tarragona, Bahia, Neuen, Mccheln, Venedig, Prag, Armagh (Jrlanvl und Posen. Die cffectiven Machtbefugnisse des Oberhauptes einer National- kirche übt nur der Primas von Ungarn aus. dem Gemälde von.E. Rau. Trienter Diöcese ernannt, übernahm er die" Leitung des deutschen Antheils dieser Diöcese und 1874, nachdem er zum Bischof von Adra in xartidiw präconisirt worden war, als Dompropst die Leitung dieser Kirchenprovinz an Stelle des an schwerer Krankheit dahinsiechenden Bischofs Ricabvna. Die Regierung versagte ihm die Ernennung znm EoadMor mit dem Rechte der Nachfolge, da er in der Schulfrage und in der Frage der tirolischen Glaubenseinheit auf dem st>engkirchlichen Standpunkt beharrte. Kurz nach der Inthronisation des neuen Fürstbischofs Dellabona ernannte ihn 1890 der Papst zum Dompropst und Weihbischof von Salzburg, auf dessen erzbischöflichen Thron er im Jahre 1890 durch die Wahl des Metropolitankapitels berufen wurde. Die Verleihung 44 des Cardinalpurpurs an den Fürst-Erzbisclwf Haller ist eine Auszeichnung, die der Person des Erwählten zuthnl ward, denn keiner, der sonst bei Erwählung zu dieser hohen Winde Einfluß nehmenden weltlichen Factoren hat dabei mitgcwittt. Eardinal Haller ist keine Kampfnatur, aber seine Ueberzeugung zwang ihn zur Wahrung der Rechte der Kirche. Es hat gewiß Niemand schmerzlicher empfunden als er, daß ihm der Kampf gegen den modernen Staat aufgenöthigt wurde. Um so hingebungsvoller widmet er sich seinem geistlichen Hirtenberuf, in dem er mit apostolischem Eifer wirkt. Er ist der achte Eardinal auf dem Stuhle deS hl. Rupert. 8«1t» (Verkauf germanischer Sklaven.) Die La8ta oder Stoßlanze war bei den Römern 8^mbolum imxsrii, Zeichen der Staatsgewalt, und wurde nicht nur da, wo die Magistrate und Centumvirn zu Gericht sahen, sondern auch da, wo sie Versteigerungen und öffentliche Verkäufe vollziehen ließen, aufgestellt. Die Erinnerung an diesen Brauch hat sich bis auf den heutigen Tag in dem auch in der? deutschen Spracbe eingebürgerten Fremdwoite „Sub- hastation" erhalten. Bei den Verkäufen von Kriegsgefangenen winde aus drei zusammengebundenen Lanzen ein galgen- ähnliches Gestell hergestellt, unter welchem die Gefangenen zum Zeichen, daß sie fortan Sklaven seien, hindurchgehen mußten. Das Sklavenwesen war bei den Römern unter allen antiken Völkern am conseqncntcsten ausgebildet und mit Sitte, Staatswirthschaft und Politik aufs Innigste verwachsen. Schon in der ältern Zeit häufle sick mit den Eroberungen die Zahl der Sklaven; nach den Punischcn Kriegen war Rom mit einer Unmenge von Sklaven erfüllt, die noch fort lind fort durch die zahlreichen Kriege und auf dem Wege des Handels vermehrt wuiden. Auch daS von chcn Römern unterworfene Deutschland mußte eine Menge Sklaven nach Rom liefern. Der römische Sklave der älleren Zeit war rechtlos und besitzlos, das völlige Eigenthum seines Herrn, der eine unbeschränkte Gewalt über Leben und Tod ausübte. Unter der Kaiserzeit begann das Loos der Sklaven milder zu werden, aber erst durch das Christenthum wurde das Sklavcnwesen vollständig aus dem staatlichen Leben ausgeschieden. Schwere Aufgabe. Mit dem Tage deS ersten Schulbesuches beginnt schon für das Kind der Ernst des Lebens sich bemerkbar zu machen. Sorglos und heiter, noch unbekannt mit jeder'Pflicht, und unbekümmert um daS Morgen unter liebevoller Obhut der Mutter in den Tag hineinlebend, hat es bisher im elterlichen Hause die Tage verbracht. Durch den Schulbesuch wird eine bedeutsame Veränderung in der Lebensweise des Kindes hervorgerufen. Es muß fortan einen großen Theil seiner Zeit außerhalb des Elternhauses in enger Schulstube zubringen und sich dem Willen des Lehrers fügen lernen; an Stelle des ungebundenen Daseins tritt eine nach dem Stundenplan streng geregelte Thätigkeit, der Geist, der sich bisher nur mit Spielen viugnügte, muß sich bei ernster Arbeit in die Geheimnisse des Abc und des Einmaleins vertiefen, kurzum, es bekommt den ersten Vorgeschmack des später beginnenden KampfeS nmS Dasein zu verkosten. Daß dieser Gcscbmack nicht zu den angenehmsten gehört, das kann man auf unserem Bilde dem nachdenklichen Antlitze des kleinen MädcbenS ansehen, das gewiß viel lieber mit seiner Puppe spielen möchte, anstatt sich den blonden Kopf über einer § complicirtcn Rechenaufgabe zu zerbrechen. Allerlei. Der Mann mit der eisernen Haut. So heißt ein junger Singhalese, der sich z. Z. in Wien produciert. Er verblüfft durch vollständige llnempfind- ltchkeit der Haut. Die Bühne, auf welcher er sich produciert, gleicht einer Folterkammer. Man sieht eine Letter, deren Sprossen scharfgeschliffene Säbelklingen bilden, ein Brett, mit spitzen Nägeln besät, einen Reif, in dem scharfe Dolche stecken, eine Walze, die mit eisernen Stacheln besetzt ist, eine mit spitzen Nägeln gefütterte Tonne. Der „Mann mit der eisernen Haut" erscheint mit bloßen Füßen und Armen und nacktem Oberleibe und beginnt seine Produktionen. Er stellt sich auf das mit Nägeln beschlagene Brett, und drei Männer hängen sich an ihn; er geht mit verbundenen Augen und auf der Stirne eine Lampe balancierend über die Schwertleiter, springt durch den Reifen mit den scharf geschliffenen Dolchen, kriecht durch die mit spitzen Nägeln beschlagene Tonne, die er im Kreise herumwälzen läßt — alles, ohne den mindesten Ausdruck des Schmerzes, ohne ein Merkmal einer Verwundung. Der Mann scheint in der That eine eiserne Haut zu besitzen. Aerztliche Autoritäten sprachen die Ansicht aus, daß theils Abhärtung und die Gewohnheit, von Jugend auf bloß umherzugehen, theils Präparation die abnorme Emfindungslosigkeit der Haut bewirkt habe. * Napoleon III. ging, von einem Adjutanten begleitet, an dem Teiche des Bois de Boulogne spazieren. Der Ball eines in der Nähe spielenden Kindes rollte dicht an den Kaiser heran und wäre in das Wasser gefallen, wenn dieser ihn nicht aufgehalten hätte. Der kleine Eigenthümer des Balles, ein blonder Knabe in eleganter Tracht, kam herbeigesprungen und nahm sichtlich erfreut sein Spielzeug aus den Händen des ihm unbekannten Herrn entgegen. „Kennst Du mich?" fragte der Kaiser, indem er dem Kinde einen Kuß gab. — „Nein." — „Nun, so sag' Deinem Vater, der Kaiser habe am Wasser Deinen Ball aufgehalten und Dir obendrein einen Kuß gegeben." — „Das werde ich Papa nicht sagen." — „Warum nicht?" — „Papa würde mich schelten, daß ich die Bekanntschaft des Kaisers gemacht. Der schimpft den ganzen Tag auf ihn und hat ihn gar nicht lieb." — Der Kaiser lächelte, und der Adjutant fragte weiter: „Was macht denn Dein Papa, mein Kleiner?" Ganz stolz erwiederte der Knabe: „Papa macht gar nichts ... er ist Senator!" Mit gutmüthigem Lächeln sagte hierauf der Kaiser zu seinem Begleiter: „Genug jetzt und gehen wir weiter, — Sie wissen, in Frankreich ist die Erforschung der Vaterschaft untersagt." * Zarte Aufmerksamkeit. Fahrende Musikanten spielen vor einem Landhause den „Schunkclwalzer" und „Die kleine Fischerin". Als beide Stücke glücklich überstanden sind, kommt der Bediente heraus: „Hier schickt Euch mein Herr drei Mark — Ihr könnt nun gehen, er ist nämlich krank!" — Kapellmeister: Kinder, das ist ein ganz feiner Kerl — dem spielen wir jetzt noch extra „Siegfried's Trauermarsch". Räthsel. So lang die Welt besteht, ist's drinn zu finden, Vom Himmel lacht's hernieder auf die Flur, Erst wenn daS Chaos kommt, wird es verschwinden, Auch in der Nacht verliert sich seine Spur. In jedem Menschenantlitz kannst du's lesen. Ein jeder Vogel trägt es mit sich fort. Und doch besitzt es nie ein ird'sches Wesen, Nur leise tönt's in jedem Liebeswort. Kurt Kerflen. Auflösung des Bilder-Räthsels in Nr. 4: Mutterliebe ist ein Felsen, den nichts erschütttert. --EZS--