« 8 , 1896. „Augsburger PostMung". Dinstag, den 28. Januar Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbesttzer Dr. Max Huttler). Die Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Bcnno. (Fortsetzung.) 6 . Einige Stunden später schritt Georg, ein Lied leise vor sich hinsummend, über den Hof und die breite Treppe nach seinem Zimmer hinauf. In der besten Stimmung lehnte er sich über die Brüstung des offenen Fensters und blickte in den Burgpark hinunter, wo der Lenz bereits die lieblichsten Bilder zu entfalten begann. Es war so warm und sonnig wie in den schönsten Tagen des Mai. Zuversicht schwellte heute das Herz des jungen Mannes. Magdalene hatte bet seiner Werbung so verheißend ausgesehen, sie hatte trotz ihrer scheinbaren Weigerung nicht „nein" gesagt, das war ihm vorerst genug. Die beängstigende Wallung, welche die schöne Seherin in seinem Gemüth bewirkt hatte, war überwunden. Er mußte selbst lächeln, wenn er daran dachte, wie dieses fremdartige Geschöpf, dem er vielleicht nie mehr begegnete, auf seine Einbildungskraft und seinen Willen einen solchen Zauber hatte ausüben können. Aus seinen Träumereien wurde er durch schwere Tritte und ein geräuschvolles Oeffnen der Thüre geschreckt. Er wandte den Kopf rückwärts und blickte in das ernste Antlitz des Schloßvogts, welcher sich mit zwei Hellebardieren und dem Schließer an der Thüre aufgestellt hatte. „Im Namen des Herzogs," begann Ersterer und trat näher, „verhafte ich Euch, Georg Selkowl" Dieser schaute dem alten Manne einen Augenblick sprachlos in's Gesicht, dann aber tönte ein lustiges Lachen von seinem Mund. „Wahrhaftig, Schloßvogt," sagte er, „ich habe nicht gewußt, daß Ihr ein solcher Spaßvogel seid! Bleibt mir nur mit derartigen Flausen vom Leibei" Dem alten Manne, der Georg immer gern gehabt hatte, that die Ausübung seiner Pflicht wehe. „Ich scherze nicht'" entgegnete er traurig, aber entschieden; „noch ein Mal: Ihr seid verhaftet, gebt sofort Euern Degen ab!" Nun stutzte Georg. „Ich bin mir keines Vergehens bewußt," vertheidigte er sich, „und gebe Euch die Versicherung, daß die Sache auf einem Mißverständniß oder einer Verwechselung beruht." Gleichzeitig wandte er sich ab und schaute wieder zum Fenster hinaus. Da verlor der Vogt die Geduld. „Schließer," gebot er, „nehmet dem Gefangenen die Waffen ab und legt ihn in Ketten I" Der Kerkermeister trat vor. Ehe es ihm jedoch gelang, Hand an Georg zu legen, drehte dieser sich um. Er riß den Degen aus der Scheide und hielt ihn drohend gegen den Angreifer gezückt. „Wagt es," donnerte er; „vom Herzog kommt dieser Befehl nicht!" Die. Häscher standen unschlüssig. „Georg," mahnte der Vogt, „Du weißt, daß ich es allezeit gut mit Dir meinte; dies ist auch heute der Fall. Gleichwohl muß ich Dich auf des Herrn ausdrückliches Gebot gefesselt in's Gefängniß abführen. Das ist mir wahrhaftig unlieb genug; weil jedoch den Schloßhauptmann das gleiche Loos getroffen, wie Dich, und weil ich, wie Du weißt, dessen Stellvertreter bin, konnte ich mich der traurigen Pflicht nicht entziehen!" „Auch Leßlie verhaftet?" fragte Georg. „So sagt mir doch um Gottes willen, was geht denn vor? „Ich sollte es Dir zwar nicht sagen," erwiderte mitleidig der Vogt; „allein Du dauerst mich, und ich will Dich über Deine Lage nicht länger im Unklaren lassen. Du glaubtest vor einigen Tagen in übermüthiger Laune dem Schloßhauptmann einen Schlag zu versetzen — Unglücklicher! Du hast Dich schrecklich geirrt; der Mann, welchen Du trafst, war nicht Leßlie, sondern der Herzog!" „Der Herzog!" stöhnte Georg erbleichend. „Ich beschwöre Euch, Burgvogt, sprecht Ihr die Wahrheit? „Es ist leider so," sagte dieser; „Du hast Dich an der geheiligten Person des Herzogs von Friedland vergriffen, ein Verbrechen, das Du vielleicht mit dem Tode büßen mußt. Deine That hat den Herrn in die furchtbarste Aufregung versetzt und dadurch an den Rand des Grabes gebracht — das war die Krankheit, die so plötzlich kam und alles in Staunen und Angst versetzt hat. Auch auf Leßlie, den er für die Sicherheit seiner Person verantwortlich machte, ist der Herzog maßlos erbittert. Fast fürchte ich, daß das gleiche Loos für euch Beide bestimmt ist." Georg sagte nichts mehr. Das Bewußtsein seiner unseligen That hatte ihn der Sprache beraubt. Der Zustand des Herzogs war ihm nur zu gut bekannt, und er trug die Schuld. Nun wurde es ihm auf ein Mal klar, warum Pater Vincenz bei der Erzählung seines muth- 54 willigen Streiches in so furchtbaren Schrecken versetzt worden war. Mechanisch schnallte er seinen Degen ab und ließ sich fesseln. Schon stand er im Begriffe, den Häschern zu folgen, als die Thüre aufging und Magda- lene mit verstörtem Antlitz hereinstürzte. „Barmherziger Gott," jammerte sie und rang die Hände, „ist es denn wahr, Georg, daß Du zum Tode geführt wirst?" „So weit ist es noch nicht," tröstete sie der Burgvogt. Georg, dessen Antlitz trotz seinem Unglück von hoher Freude über die Theilnahme des Mädchens verklärt war, reichte ihr die gefesselte Hand. „Ich habe mich schwer gegen den Herzog versündigt," sagte er, „und ich ist mit Ergebung tragen, was mir bestimmt ist, wär's > , ^dcr Tod l Nur um^Eines bitte ich Dich, Magdalene: sorge dafür, daß der Herzog meinen Irrthum erfährt. Sage ihm, daß ich wissentlich es niemals gewagt hätte, gegen seine hohe Person mich in einer Weise zu vergehen, wie es geschah." Das Mädchen vermochte sich nicht so ruhig in das Furchtbare zu finden. Vor dem drohenden Verluste brachen die schlummernden Gefühle mit Macht hervor. Sie umschlang den jungen Mann mit den Armen und rief in leidenschaftlichem Schmerz: „Nein, nein, Du darfst nicht fort, Du darfst nicht sterben; es wäre mein Todl" Georg's Augen wurden feucht. Er preßte die Geliebte mit wehmüthiger Freude an's Herz und machte sich dann sanft von ihr los. „Sei wüthig," flüsterte er; „es muß sein! Vielleicht wird es auch nicht so schlimm, wie wir fürchten; hoffe und bete!" Er warf noch einen Blick voll Liebe auf sie, dann führten die Häscher ihn fort. Weinend unr rathlos blieb Magdalene im Zimmer. Der Schlag war zu schnell gekommen. Allmählig aber kehrte die Fassung ihr zurück. Sie trocknete das thränen- gebadete Antlitz und eilte den Gemächern der Herzogin zu. Ihr Herz schlug leichter, als sie diese allein fand. Sie warf sich der hohen Frau zu Füßen und flehte um Gnade und Erbarmen für Georg. Die Herzogin schien von den letzten Vorgängen noch gar nichts zu wissen. Ueberrascht blickte sie auf das weinende Mädchen. „Was ist geschehen?" fragte sie endlich. „Er liegt in Ketten," schluchzte Lene, „und man sagt, er werde zum Tode verurtheilt werden!" Jsabella erschrak, doch faßte sie sich sofort wieder. Sie hob die Knieende auf und suchte dieselbe liebreich zu trösten. „Beruhige Dich," sprach sie, „so weit kann, so weit darf es nicht kommen. Mein Gemahl hat sicher auch nicht die Absicht, den jungen Mann für seine Unbesonnenheit so hart zu strafen. Die Maßregel soll gewiß nur eine wohlgemeinte Lehre und eine Warnung sein, um ihn für die Zulunft von seinem Leichtsinn zu heilen. Für alle Fälle zähle auf mich." Magdalene athmete auf. Voll Hoffnung kehrte sie zu der Base zurück. Einige Minuten nach der Entfernung des Mädchens erschien Wallenstein. Seine Gestalt, welche in den letzten Tagen gebeugt gewesen, war wieder emporgerichtet, und die Augen glühten im alten Feuer. Die Herzogin ging ihm mit freundlicher Miene entgegen und ergriff seine Hand. „Du ließest Georg Sel- kow verhaften," begann sie, „und wie ich höre, hast Du eine schwere Strafe für ihn bestimmt. Wäre es denn denkbar, daß Du den jungen Menschen, der Dir schon so viele Dienste geleistet, der Dir mit seltener Treue anhängt, einer jugendlichen Unbesonnenheit wegen zum Tode verurtheilen könntest? Muß ich wirklich das Un- ' erhörte befürchten?" „Unerhört, sagst Du," rief Wallenstein; „es sind Andere um geringerer Dinge willen bestraft worden, und der Frevel dieses Knaben sollte ungesühnt bleiben? Sie sollen Beide so behaudelt werden, wie es ihr Verbrechen erheischt: Georg sowohl als Leßlie, welcher in Folge seiner unverzeihlichen Nachlässigkeit als Mitschuldiger der gleichen Strafe wie der Thäter verfällt!" Der hohen Frau lag das Schicksal Georg's so sehr am Herzen, daß ihr des Herzogs Aeußerung bezüglich des Hauptmanns entging. Schmerzlich bewegt schaute sie auf ihren Gemahl, dessen unbeugsamen Starrsinn sie kannte. Da ging die Thüre auf, und Pater Vincenz trat langsam und traurig herein. Mit düsterer Miene schritt Wallenstein auf ihn zu: Habts Ihr die Beichte des Jüngern gehört und auch Leßlie zum Tode vorbereitet, wie ich befohlen?" fragte er. „Ja," entgegnete fast tonlos der Greis. Wie um eine Mildere Regung zu suchen, forschte er in den Zügen des gewaltigen Mannes, aber enttäuscht senkte er den Blick. Plötzlich jedoch ermannte er sich und rief: „Verzeihen Euer Herzogliche Gnaden, wenn ich, der schwache Greis, der arme, mit keiner hohen kirchlichen Würde bekleidete Priester, in diesem Augenblick Worte an Euch richte, welche ich mir unter andern Verhältnissen niemals erlaubt hätte. Ich rede als der verordnete Diener eines Hähern Herrn, vor dessen Angesicht der Fürst und der Bettler, der Gewaltige und der Schwache gleich sind. Herzog von Friedland! Ihr steht im Begriff, eine furchtbare Schuld auf Euch zu laden, die dereinst in der Sterbstunde Euer Gewissen schwer drücken wird: Ihr habt ein ungerechtes, ein grausames Urtheil über den Schloßhauptmann und Georg Selkow gesprochen; ihre Hinrichtung wäre ein Mord!" „Ha, was wagt Ihr?" brauste Wallenstein auf. „Es ist so, und bei Gott, vor dessen Thron ich vielleicht bald stehen werde, will ich diese Behauptung vertreten," beharrte der Greis mit Würde. „Was haben die Beiden gethan? Der Eine verfehlte sich, ohne es zu ^ wissen, gegen Eure Person, und der Andere hat ihn daran nicht gehindert, weil er ihn nicht hindern konnte; denn Georg hatte ja stets freien Zutritt zu Euch. Sind das Verbrechen, die man mit dem Tode bestraft? Die Erbitterung, nicht Euer Herz hat dieses Urtheil gefällt! Nehmt es zurück! Denkt an jenen großen Meister der Liebe, der Gnade und des Erbarmens, zu dem Ihr täglich betet: Vergib mir meine Schuld, wie auch ich vergebe! Uebt Gnade, damit er auch Euch gnädig sei! ! Er, von dem allein Eure Zukunft abhängt, auf dessen ! Wink die Gestirne des Himmels sich bewegen, der Euch , Ruhm, Ehre und Erfolg schenken kann. Von ihm singt i der Psalmist aber auch: Da wehte sein Hauch, es deckte ! sie das Meer, und sie sanken wie Blei in den gewaltigen ! Wassern. Ihr könnet sie hinrichten lassen, die Gewalt liegt in Eurer Hand; ein Wink von Euch verlöscht das Leben der Beiden, und das Bewußtsein, Diejenigen vernichtet zu haben, welche Veranlassung gaben, daß Ihr 55 einen Augenblick die Schwäche anderer Menschen getheilt habt, mag Euch jetzt vielleicht eine Genugthuung sein. Aber aus diesem unschuldig vergossenen Blut wird ein Rache-Engel aufsteigen, der drohend sein Schwert bis zu dem letzten Athemzuge über Eurem Haupte schwingt!" Wallenstein war mit verschränkten Armen vor den Pater getreten. Der Blick des gewaltigen Mannes war fest auf ihn gerichtet. Das blaue Auge desselben blickte jedoch ruhig zu ihm auf. (Fortsetzung folgt.) --i—*—- Bor fünfundzwanzig Jahren. Von Friedrich K o ch - B r c n b c rg. (Fortsetzung.) Während wir vom Corps v. d. Tann an der Loire uns in offener Feldschlacht herumschlugen, hatten die Offiziere und Mannschaften des II. bayerischen Armeecorps vor Paris nicht minder beschwerliche Tage zu bestehen. Vom 19. September an war die Capitale derart eingeschlossen, daß sie höchstens vermittelst Luftballons verlassen werden konnte. Natürlich kamen jetzt auch die Brieftauben sehr zu Ehren; der Vorschlag eines schlauen KopfeS aber, die wilden Thier des furcüu äe8 xlantss gegen uns loszulassen, datirt erst aus späteren Tagen. Die Civilisation war, wenn sie auch bald durch die Commune eine heftige Quetschung erfahren sollte, doch im Jahre 1870 schon so weit vorgeschritten, daß man die Bestien, um sie auf den Feind zu dressiren, nicht einstweilen mit gefangenen Preußen oder Bayern fütterte. Das „?a.ri8 ns 86 rsnäsra zumahl" ertönte allüberall, und inner- und außerhalb der Stadt war jeder Franzose überzeugt, daß die Deutschen unter der Enceinte ihr Leben aushauchen mußten. Ja, diese Deutschen standen nun in einem Zeitraum von kaum 60 Jahren zum dritten Male vor der Seinestadt. Diesmal waren sie allein gekommen und wurden nicht wie 1814 von den Damen des Adels mit offenen Armen empfangen; diesmal war kein süßlicher Alexander, kein lustiger Regent von England, kein gutmüthiger Friedrich Wilhelm mit einer Unzahl Diplomaten erschienen, es gab keine Bälle, keine Soiräen, keinen Pudding ü 1a Nesselrode, es herrschte auf beiden Seiten bitterer Ernst, der sich nur innerhalb der Mauern manchmal etwas excentrisch äußerte. Man sollte sich auf deutscher Seite in der Annahme, daß die verwöhnten Pariser in kurzer Zeit ausgehungert seien, doch etwas gründlich täuschen. Warum war man am 19. September auch nicht einfach zwischen den Forts durch in die Stadt marschtrt! Paris bildete damals wohl die größte Befestigung Europas. Die Stadt war mit einem Hauptwall, der allenfalls ein Siebeneck bildete und aus 94 Bastionen bestand, umgeben. Diese Walllinie, welcher jedoch alle forti- fikatorischen Verstärkungen fehlten, war in 9 Abschnitte während der Vertheidigung eingetheilt worden. Der 45 Fuß breite Graben vor dem Wall hatte 18 Fuß Tiefe und die Brustwehr besaß eine Stärke von 21 Fuß. 7 Stunden betrug aber der volle Umfang der Umwallung, vor welcher 16 größere Forts lagen, deren aneinandergereihte Umfassungslinie wieder 12^ Wegstunden ausmachte. Das sind recht anständige Zahlen, wenn man bedenkt, daß zur Vertheidigung der Enceinte und der Forts mehr als 2500 Geschütze zur Verfügung standen. Es ist hier nicht Raum, aller Armeccorps zu gedenken, welche den anstrengenden Dienst vor Paris versahen, denn die Beschreibung der Belagerung würde, selbst kurz gefaßt, ein Buch füllen. So muß ich mich darauf beschränken, die Thätigkeit der Bayern zu erwähnen, von welcher dann leicht auf das Uebrige zu schließen ist. Die Stellung der Bayern war durch das eroberte Plateau von Chutillon eine wichtige geworden. Anfänglich gab es Ansichten, welche dahin gingen, die Bayernschanze einzuebnen und die Vertheidigungslinie mehr rückwärts an die Straße nach Versailles zu verlegen. Im Corps-Quartier war man dagegen, und äußerte der Feld-Geniedirector, Oberstlieutenant Fogt, der vielen Lesern noch als mannhafter Magtstratsrath von München in anderer, schwerer Zeit bekannt sein wird, daß er ein vollständiges Einebnen nicht vor drei Monaten verbürgen könne. Der allzeit im Herzen schwarze Fogt, der aber blond und bleich war, leistete überhaupt als Feld-Geniedirector die vorzüglichsten Dienste und ist wie vielleicht kein anderer der Beweis dafür, was felsenfeste Katholiken als deutsche Soldaten 1870 geleistet haben. Noch sehe ich den Mann in seiner schwarzen Uniform mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse geschmückt bei der Fronleichnamsprozession zu einer Zeit, da hinter dem Allerheiligsten öde Leere herrschte. Ehre dem Andenken eines Mannes, der nicht allein Muth als Krieger — der den Muth der Ueberzeugung besaß! Das Plateau von Chutillon, da? an die 80 Meter höher als die gegenüberliegenden Forts liegt, bot Einsicht in das Vorterrain bis an die Enceinte hin. Hätte man es frei gelassen, man hätte die umliegenden Orte auch nicht besetzen können. Außerdem waren seine Hänge so beschaffen, daß es sich leicht vertheidigen ließ. Es lag also vor allem daran, die Schanze gewissermaßen umzudrehen, dann mußten Jägergräben hergestellt, Straßen verbarrikadirt und Häuser und Mauern zur Vertheidigung eingerichtet werden. Einen großen Theil der Thätigkeit nahm auch das Sichern der Oertlichkeiten, an welchen Feldwachen, Pikets und Replis aufgestellt waren, in Anspruch. Wer Glück hatte, den traf ein Standpunkt, an welchem ein Haus oder ein festgemauertes Gebäude vorhanden war, oft aber mußte sich die Compagnie in einem Erdloch oder Steinbruch aufhalten und trotz des impro- visirten Bretterdachs durch Nässe und Kälte leiden. Die Stellung des II. Cmps erstreckte sich von der Bisvre bis südlich von Meudon, und hatte die Division Walther das ganze Plateau, die Division Bothmer das Gelände östlich desselben zu besetzen. Bei Meudon schloß das V. preußische Corps, bei l'Hay das VI. an die Bayern an. Bei der ersteren Division versahen die Brigaden im Wechsel den Vorpostendienst und gaben jedesmal 6 Compagnien für Feldwachen und Pikets, ebenso viele als Unterstützungen und Replis und 2 Compagnien zur Besatzung der Schanze, in welcher einer der Negi- ments-Commandanten als Vorposten-Commandant seinen Sitz zu nehmen hatte. Die dienstfreien Truppen der Division waren in Plessis-Piquet, Malabiy, Biävre und Jgny untergebracht, wo man sich natürlich behaglicher einzurichten suchte. Die Stellung der Division Bothmer war durch die im Halbkreis liegenden Orte Bourg la Reine, Bagnenx und Chutillon, in deren jeden sie ein Bataillon auf Vorposten entsendete, von selbst bestimmt. Die UnterstützungsBataillone lagen in Bourg la Reine, das sich an der Orläanser Straße weit nach Süden erstreckt, Croix de 56 Bernis und Fontenay. Die cantonnirendcn Truppen lagen in Sceaux, Antony, Pont d'Antony, Verriöres, Massy und Chatenay, wo General v. Hartmann sein Quartier hatte. Die Belagerer hatten in erster Linie zu arbeiten, d. h. ihre Stellung vertheidigungsfähig zu gestalten. Alle Provocationen waren strengstens untersagt. So hatten die Pariser Ruhe, und sie benützten sie, indem sie fleißig exercierten, Revuen hielten und nach der Scheibe schössen, wobei natürlich der Feind gleich den Kugelfang bildete. Es fiel ihnen nicht ein herauszurufen: „Bitte, gehen Sie jetzt da weg, sonst werden Sie hinausgeschossen!" Es ist weltbekannt, daß die Umgebung von Paris reizend ist. Eine Unzahl Schlösser, Villen und Dörfer umgibt die von hügeligem Gelände umgebene Capitale. Man findet großartige Schlösser mit ihren Kunstschätzen, mit ihren ausgedehnten Parks, und Dörfer, in denen mehr Vergnügungslocale als eigentliche Bauernhäuser anzutreffen sind. Der Pariser Bürger arbeitet bis zu seinem 50. oder 60. Jahre, dann will er es aber zu einer Rente gebracht haben, damit er sich da draußen eine Villa bauen kann. O diese Architekten ä 20,000 Francs! Eine dieser kleinen Villen schaut wie die andere aus. Durch die Hausthüre betritt man einen Flur, so eng, daß sich ein robuster Deutscher nicht umdrehen kann. Rechts liegt der Salon, links das Speisezimmer mit Klapptisch, Holztapeten und dem unvermeidlichen Sodawasserbereiter. Im ersten Stockwerk schläft links Monsieur, rechts Madame. Bäbö gibt es nicht, denn der verkauft in Paris Oel, Sardinen, Zucker, Lebkuchen und Fruchtgelee, um dereinst in eben so dünnwandiger Villa zu enden. Aber am Sonntag bei schönem Wetter, wenn die weniger Bemittelten am Rasen tanzen und trinken oder im Gasthause Friture essen, dann kommt er mit Kind und Kegel zu Grand'maman, und man sitzt im ummauerten Park, der ganze drei Bäume zählt und durch den ein auscementtrter Bach mit gestautem See fließt, den ein Enkel, wenn er hineinfällt, um sich zu retten, bequem mit wenigen Zügen austrinken kann. Alles hat Mauern — der Riesenpark eines Duc, und der Lili- putpark des Epicier auch. Legte sie nicht der erste Zuckerhut aus oen Riesengeschützen von Montrouge oder aus der Judenschanze nieder, so wurden sie für die Vorposten oder zur Vertheidigung verwendet. Es wurde Tag und Nacht und bei jedem Wetter gearbeitet, und dieser Dienst strengte die Leute mehr an, forderte indirect mehr Opfer, als das Beziehen der Vorpostenlinie. Die Genietruppen waren ja gewissermaßen nur die Vorarbeiter, und die Infanteristen hatten dann die Schanzarbeit zu besorgen. Die Verpflegung konnte auch erst nach und nach geregelt werden, so daß sie den Anstrengungen entsprach. Wie also beim Armeecorps v. d. Tann sich die Reihen der Bataillone in offener Feldschlacht lichteten, so geschah es hier durch massenhafte Erkrankungen. Die ewige Unruhe, das stete Jnbereitschaftsein ruinirte das Nervensystem und schwächte die Widerstandsfähigkeit gegen Krankheitseinflüsse. (Schluß folgt.) -«8WLS- Oberelchingen und sein ehemaliges Kloster. "Mit Illustrationen. —- Nachdruck verboten.! Das Dorf Elchingen verdankt seine Existenz dem alten Reichsstift auf dem herrrlichen Berge, den heute noch das prächtige Reichsgotteshaus krönt. Die Wahl dieses Punktes zum Klostcrbau macht dem guten Geschmack der Stifter alle Ehre; denn kaum gibt es in unserem Schwabenlande eine herrlichere Höhe, als den Berg von Elchingen. Das entzückte Auge fällt auf ein wundervolles Panorama, aus dem 10 Städte und mindestens 100 Dörfer Heraufleuchten und dessen Horizont westwärts vom Bussen und ostwärts vom Schellenberg, südwärts von den Burgen Neuburg a. d. Kammel und Osterberg begrenzt wird. Wie erscheint hier oben die Welt so schön, wenn die Erde ihren Frühlingsschmuck trägt! Was Wunder, daß dieser wunderschöne Erdenfleck vor 400 Jahren wie heute die Besucher zu überschwänglichen Ausdrücken der Bewunderung begeistert hat. So kam schon im Jahre 1489 dem Ulmer Dominikanermönch Felix Fabri die Welt auf dem Berg von Elchtngen um so viel schöner vor als anderswo, daß er Wunderdinge von der Fruchtbarkeit des quellenreichen, „mit aromatischen und heilkräftigen Kräutern bedeckten Berges" erzählte, wo „die Luft viel milder, das Wasser viel reiner sei, das Feuer viel Heller scheine". Das ist freilich etwas überschwäng- lich, aber nicht ein bloßes Gedicht, wie Herr v. Raiser meint (Elchingen S. 2). Die Quellen des Berges treiben sogar eine Mühle im Dorfe, und selbst am Bergabhang wächst Getreide aller Art so üppig, wie weithin nirgends in der Runde. Das wußten die Benediktiner schon vor bald 800 Jahren, als sie sich um die Zeit 1128 — 1142 auf dem Berge ansiedelten. Lange Jahre, ehe sie kamen, hauste auf dem Berge das Rittergeschlecht von Aelchingen in einem festen Thurm, welcher wegen der raubritterlichen Unthaten dieser Ritter der „Thurm Babel" genannt worden sein soll. In jener Zeit gehörte fast die ganze Gegend um Ulm, also auch der Berg von Elchingen, dem Kloster Reichenau, das diese Güter den damals mächtigen Grafen von Kirchberg zu Lehen gab, deren Lehcnsmänner die Ritter von Aelchingen waren. Im Jahre 1104 erscheint Ritter Adilbrecht von Aelchingen in einer bischöfl. Urkunde, und auch als die Burg längst dem Kloster gewichen war, besaßen die Ritter von Aelchingen noch Güter im heutigen Dorfe Unterelchingen. So schenkte im Jahre 1295 Ritter Conrad von Aelchingen einen Hof mit Sölden in Unterelchingen als Gottesgaben an's Kloster Salmans- wetl, das um jene Zeit das ganze Dorf von Reichenau erwarb. Im Kriege der Hohenstaufen Conrad und Friedrich gegen Kaiser Lothar und seine Verbündeten Herzog Heinrich von Bayern und Conrad von Wettin, später Markgrafen von Meißen, im Jahre 1125, fiel die Burg Elchingen in die Hände Conrads von Meißen, welcher Luitgarde, die Schwester des Hohenstaufen Conrad III., zur Gemahlin hatte. Diese stiftete zur Danksagung für die endliche Aussöhnung zwischen Bruder und Gemahl an Stelle der Burg Elchingen das Kloster und übergab es um die Zeit zwischen 1128—1142 den Benediktiner-Mönchen. So erzählen die Chronisten und die Ueberlieferung. Ob diese Stiftungsgeschichte richtig ist, läßt sich nicht bestimmen, da mehrmalige Feuersbrünste die alten Urkunden des Klosters vernichtet haben. Im Jahre 1150 brannte das Kloster, welches Kaiser Conrad III. auf Bitten seiner Schwester Luitgarde in den Schutz des Reiches genommen hatte, vollständig nieder. Ritter Albert von Ravenstein, wahrscheinlich dem edlen Hause von Berg angehörig, soll es wieder aufgebaut haben und wurde vom Kloster stets als zweiter Stifter gefeiert. Er schenkte dem Kloster seine Besitzungen in Tommertingen Gefährlicher Abstieg. Nach einem Gemälde von Karl Reichert 58 und Westerstetten, während die von Luitgarde vermachten Stiftungsgüter in der Schweiz ans Kloster St. Blasien ausgetauscht wurden gegen dessen Güter in Ochsenbrunn, Leibt, Fahlheim und Departshofen. Im Namen des Reiches übten die Ritter v. Reisens- burg und später die Markgrafen von Burgau die Schirm- vogtci über das Kloster Elchingen, jedoch nur über dessen Besitzungen rechts der Donau, aus; links waren die Grafen von Helfenstein Schirmvögte. Da mit der Schirmvogtei bedeutende Rechte und Gefälle verbunden waren, verpfändeten namentlich die drei österreichischen Herzoge als Markgrafen von Burgau die Vogtes Elchingen nacheinander an verschiedene Herren, was zu häufigen Händeln führte, bis endlich das Kloster im Jahre 1420 die Schirmvogtei am rechten Ufer um 3100 Gulden für sich auslöste, also die schlimmen Schutzvögte vom Halse kaufte, da sie als Schutzvögte für das Kloster genau das waren, was der Bock als Gärtner ist. — Die Schutzvogtei über von dieser Bescheerung der neuen Lehre, nichts von der Reformation wissen und entflohen mit ihrem Abte Andreas. Das Kloster wurde nun geplündert und vollständig niedergebrannt im Jahre 1546. Nach dem Siege des Kaisers im Jahre 1547 mußte freilich die Stadt Ulm ihren Raub wieder herausgeben und dem Kloster 17,000 fl. Schadenersatz zahlen; — wenig genug, da der Schaden des Reichsstifts auf 100,000 Gulden geschätzt wurde und das zerstörte Kloster neu erbaut werden mußte. Nachdem das Kloster wieder all- mälig aus den Ruinen erstanden war, begab sich das Reichsstift in österreichischen Schutz, um der bösen Ulmer Schutzvogtet einen festen Riegel zu schieben. War auch das Kloster durch diese Schicksalsschläge sehr herabgekommen, so hatte doch der damalige Abt Andreas (1541—1547) die Freude, vom Papst das Privilegium zu erhalten, Jnful, Ring und Stab zu trogen und seinen Unterthanen selbst das hl. Sakrament «summ Dber-Elchingen. die Güter des linken Donau-Ufers kam um das Jahr 1487 von den Grafen von Helfenstein an die Reichsstadt Ulm, welche kraft dessen das Kloster oft hart chicanirte und bedrängte. Das Kloster protestirte fortwährend beim Kaiser gegen die Ulmer Schutzherrschaft und berief sich auf sein altes Recht, auf den Schutz des Reiches. Vergebens. Obwohl der schwache Kaiser Friedrich III. bei seinem Besuch in Elchingen 1485 dem Abt Paul alles versprach, erklärte er doch zwei Jahre später wieder die Ulmer als Schutzherren von Elchingen. Das Kloster protestirte fort und klagte bei Kaiser Karl V., der 1539 ihm seine Privilegien der Reichsunu ittelbarkeit bestätigte. Die Ulmer überfuhren fort, nicht nur alsSchutzherren,sondern alsOber- herren von Elchingen zu schalten. Im schmalkaldischen Krieg nuuo 1546 eroberten sie das von den spanischen Truppen des Kaisers vertheidigte Kloster. Den Mönchen trugen die Ulmer Weiber an. Diese aber wollten nichts der Firmung ertheilen zu dürfen, was Cardinal-Bischof Otto im Jahre 1543 bestätigte. Zwanzig Jahre vor der Zerstörung des Klosters Elchingen im schmalkaldischen Kriege war ein anderer gewaltiger Sturm über das Reichsstift hingefahren — der Bauernkrieg. Er nahm das Kloster hart mit. Vor der Bauernschlacht bei Leipheim (am 4. April) überfielen die Bauernhaufen von Leipheim und Langenau das Kloster und plünderten es rein aus. Nachdem die Bauern im Kloster alles zerschlagen hatten, zogen sie raubbeladen aus dem Kloster. Es war am 1. April, da brach das Strafgericht über sie herein. Der Feldherr des schwäbischen Bundes, Georg Truchseß von Waldburg, rückte von Ulm her gegen das Hauptheer der Bauern bei Leipheim und schickte 200 Mann Hessen mit einigen Reitern am linken Donau-Ufer gegen die 2000 Bauern, die im Kloster Elchingen lagen. Als diese das Schießen von 59 Bühl und Leipheim her Hünen, verließen sie das Kloster, um gegen Langenau zu fliehen. Kaum hatten sie mit ihrem Raub das Kloster verlassen, da fielen die Hessen über sie her, erstachen einige Hundert und jagten die anderen gegen die Donau, während gerade am rechten Ufer bei Leipheim das Gemetzel unter den geschlagenen Bauern begonnen hatte. „Was nun bei Elchingen den Hessen entrann, floh auf Leipheim zu, und was zu Leipheim über die Donau schwamm, kam den Hessen in die Hand, und wurden in die 4000 Bauern erstochen und ertränkt." So schreibt der Schreiber des Truchseß in seinem Bericht. (Baumann, Bauernkrieg, S. 552.) Wie vandalisch die Bauern im Kloster gehaust, schildert der damalige Abt Hieronymus (1519—!546) in seinem Jammerbrief vom Samstag nach Ostern 1525 an Bischof Christoph. Er erzählt, wie die Bauern mit gezückten Schwertern, stets mit dem Tode drohend, Geld erpreßten und alles ausraubten, wie dann die Klosterspaltung" Schuld sei. Dieser Heimsuchung folgten bald dicBe- drängungen, mit welchen die Stadt Ulm, gestützt auf ihre angemaßte Schutzvogtei, dem Kloster hart zusetzte, und im Jahre 1546 die schon erwähnte vollständige Nicder- brennung und Zerstörung des Klosters. Und nicht genug all dieser Drangsale, kam im folgenden Jahre 1547 auch noch die Pest und wüthete im Gebiete des Stifts. Da das Kloster in Asche lag, wohnten die Mönche in Günz- burg und wählten dort am 5. Oktober 1547 Thomas Klauß von Weissenhorn zum Abt. Schon nach 16 Tagen starb er an der Pest, und die Mönche wählten am 19. November den erst 26jährigen Sylvester Gottfried von Weissenhorn zum Abt. Er begann den Wiederaufbau des Klosters und vollendete ihn, restgnirte aber schon i. I. 1553. Seine Nachfolger Leonhard Mayer (1553—1555), Sebastian Eberlin (1555—1565), Erhard Wassermann (1565 -1581), Gallus Keppeler (1581 — 1602), Thomas Hall (1602—1619) hatten so ziemlich ruhige Jahre, so » » Kloster Glchingen. Herren sämmtlich über Thalfingen nach Ulm flohen und dort 11 Tage lang, bis Charsamstag, blieben. Ein Bauer wollte das hl. Sakrament in einer silbernen Kapsel rauben, aber L. Leonhard trat ihm unerschrocken entgegen und sagte: „Und wenn Du mich tausendmal tödtest, ich weiche nicht von der Stelle." Der Bauer ließ es, und das hl. Sakrament blieb unverletzt. Leider war es später zum Schmerze des Prälaten uud seiner Mönche doch verschwunden. Der Abt schildert weiter, wie die Bauern im ganzen Hause alles raubten, zerschlugen oder vernichteten, das Getreide auf acht Wägen luden und fortführten. Im Kloster war kein Winkel unverletzt. Das Dorwitorium (der Schlafsaal) war so übel zugerichtet, daß es einer Räuberhöhle gleichsah. Der Prälat schließt: „Nun sind wir wahrhaft Mönche, die in Armuth leben", und spricht die Ueberzeugung aus, daß an diesem verderblichen Aufstand nichts als die „lutherische Faction", die Glaubens- datz das Kloster sich erholen und Abt Thomas im Jahre 1607 den Markt Waldstetten und Häufelsburg und mehrere Güter in Dornstadt und Etlishofen kaufen konnte. 70 Jahre dauerte die Friedenszeit, da kam der schreckliche Schwedenkrieg, dessen ärgste Drangsale Abt Johannes Spegelin (1619—1638) schwer empfinden mußte. Noch zeigt man in Elchingen das blutbefleckte Meßgewand, das er bei einer schweren Mißhandlung durch die Schweden getragen haben soll. Das Andenken dieses trefflichen Abtes verewigt das Denkmal mit seinem in Marmor ausgeführten Bilde an der Südwand der Klosterkirche. Was Elchingen im Schwedenkrieg gelitten, das schildert der Conventual ?. Johannes Botzenhard in seinem Tagebuch von 1629—1646 (Histor. Verein, Heft von 1876, Seite 157). Nachdem das Kloster und sein Gebiet Jahre lang viel von den Durchmärschen der Kaiser- 60 M» Friedrich tznase. lichen gelitten, ging das Elend tru Frühling des Jahres 1632 erst recht an. Die Schweden kamen, und dadurch ermuthigt, begann der protestantische Ulmer Rath seine Gewaltthätigkeiten wieder gegen das Kloster. Der Abt entzog sich im Jahre 1632 durch wiederholte Flucht nach Günzburg der Vorladung nach Ulm, um der erzwungenen Huldigung zu entgehen. Indeß wurde das Kloster stark von den Schweden gebrandschatzt, die Dörfer geplündert, die Pfarrer verjagt. Das Elchingen'sche Dorf Dornstadt wurde schon im Jahre 1631 vollständig von den Kroaten niedergebrannt. Entsetzliches brachte das Schreckensjahr 1633 über Elchingen. Am 13. Januar legte sich der schwedische Oberst Berghofer mit seinem Regiment in's Kloster und führte sich schändlich auf. Der Prälat Spegelin wurde beschimpft und mißhandelt; alle Mägde wurden herbeigeschleppt und durch die Nacht das Kloster von Berghofer und seinen Leuten durch schauerliche Orgien geschändet. (Schluß folgt.) Zu unseren Bildern Gefährlicher Abstieg. Die Hausthüre ist zufällig offen geblieben, und weil draußen die Sonne so herrlich scheint, wollen unsere fünf jungen Kätzchen, schon frühzeitig der mütterlichen Obhut sich entwöhnend, ihren ersten Morgenspazicrgaug in's Freie unternehmen, um doch auch zu ersahreu, wie die Welt außerhalb der vier Wände eines Hauses aussieht. Der Entschluß ist freilich leichter gefaßt als ausgeführt, denn gleich zu Beginn ihres Unternehmens stellt sich den Kätzchen ein schier unüberwindliches Hinderniß entgegen, die zwei Treppenstufen nämlich, die von der Hausthüre in den Hof hinabführen. Da geht es denn zuerst an ein Ueberlegen und ängstliches Hin- und Herlaufen, bis Butzi, das verwegenste unter den fünf Geschwistern, das Wagniß unternimmt und mit einem ungeschickten Purzelbaum gleich über beide Stufen hinabrollt. Dem kühnen Beispiele Butzis folgen allsogleich Mimi und Mizi, die aber hübsch vorsichtig von einer Stufe auf die andere klettern, und auch Büß ist schon bereit, sich ihnen anzuschließen. Nur Schnuß, daS jüngste Kätzchen, kann sich zu dem Wagniß noch nicht entschließen und bringt seine Herzensangst durch ein klägliches Miauen zum Ausdruck. C. Reichert hat diesen possirlichen Vorgang belauscht und auf dem allerliebsten Bilde, das wir heute unseren Lesern bieten, festgehalten. _ Friedrich Hanse. Fünfzig Jahre sind vergangen, daß sich einer der beliebtesten und bedeutendsten deutschen Schauspieler dem Dienste der Kunst geweiht: Friedrich Haase, der, noch nicht 20 Jahre alt, am 14. Januar 1846 zum ersten Male die Bühne betrat und sich nunmehr als Siebenzigjähriger für immer von der künstlerischen Thätigkeit zurückzuziehen gedenkt. Am 16. Nov. 1826 zu Berlin als Sohn eines königlichen Kammerdieners geboren, hatte Friedrich Haase sich von jeher der Gunst König Friedrich Wilhelms IV. zu erfreuen gehabt und war von diesem, nachdem er sein Abiturientenexamen gemacht, Ludwig Tieck zur schauspielerischen Ausbildung überwiesen worden. Sein erstes Auftreten fand am Hoftheater in Weimar statt, zwei Jahre später wandte er sich, nachdem er einige Zeit in Potsdam gespielt und auch ein Gastspiel am Berliner Hoftheater absolvirt hatte, nach Prag, wo damals das deutsche Theater in hoher Blüthe stand. Hier begründete der inzwischen zu vollkommener Beherrschung der Technik gelangte junge Darsteller seinen eigentlichen schauspielerischen Ruf; er blieb daselbst von 1849—1851 und begab sich sodann nach Karlsruhe (1851-1852), München (1652—1855) und Frankfurt am Main (1855—1858). In Frankfurt ging Haase auch feine erste Ehe mit der Sängerin Anschütz-Capitain ein. Von 1860 bis 1865 finden wir Haase in Petersburg als glänzendsten Stern des dortigen deutschen Theaters. In der russischen Hauptstadt vermählte Haase sich in zweiter Ehe mit der dortigen Hofschauspielerin Elise Schönhoff. Nach Lösung seines Petersburger Vertrages verlegte der Künstler sich hauptsächlich auf's Gastiren und kam auch zu wiederholten Malen als Gast nach Augsburg, wo er durch sein künstlerisches Auftreten die dcnköar günstigste Erinnerung hinterließ. Vorübergehend (1867—1868) übernahm er die Leitung des Hofthearers von Coburg-Gotha und machte dann (1869) seine erste große Gastspielreise nach Amerika, eine der erfolgreichsten, die je von einem deutschen Künstler nach dem Lande der Dollars unternommen worden sind. Nach seiner Rückkehr trat er noch im gleichen Jahre in den Verband des kgl. Schauspielhauses in Berlin ein, und er würde wohl schwerlich aus dieser Stelle wieder geschieden sein, wenn er nicht bereits im folgenden Jahre (1870) zur Direction des Leipziger Stadttheatcrs, als Nachfolger Laubes, berufen worden wäre. Nach Ablauf des Leipziger Kontraktes kehrte der Künstler vorübergehend noch einmal an das Berliner Schauspielhaus zurück, widmete sich in der Folge jedoch ausschließlich Kunstreisen, die ihn weit und breit in der Welt herumführten. Wenn Haase seinen Entschluß ausführt und hinfort sich wirklich von der Bühne zurückzieht, verliert das deutsche Theater einen Schauspieler von seltener Eigenart, wie in den letzten 25 Jahren sich ja ein besonderer Typus von Rollen ausgebildet hat, die als „Haasesche" bezeichnet werden. Die Grundlage dieser Eigenart bildeten die umfassende Bildung des Künstlers und die ihm eigene Verstandesschärfe, die ihm auch in seinen geschäftlichen Unternehmungen so große Dienste leisteten. Originelle Auffassung und geistvolle Durcharbeitung zeichneten schon seine ersten Rollen aus, aber sein Können hielt mit seinem Wollen nur gleichen Schritt, wo er in seinen künstlerischen Darbietungen seine persönliche Eigenart zur Geltung bringen konnte; am vortrefflichsten geriethen ihm daher Gestalten aus dem Kreise feiner Welt- und Lebemänner, wie der Graf Thorane im „Königslientenant", der ältere „Klingsberg", der Chevalier Rocheferrier in der „Partie Piquct" und eine ganze Reihe ähnlicher; wer ihn in früheren Jahren gesehen, wird sich aber auch noch des tiefen, ja überwältigenden Eindruckes erinnern, den sein Heinrich in „Lorbeerbaum und Bettelstab" und vor allem sein Lord Harleigh in „Sie ist wahnsinnig" hervorriefen.