M 1v. „Augsburger PostMung". Dinstag, den 4. Februar 1896. Für die Redaction verantwortlich: Or. Theodor Müller in Augsburg. Drua und Berlag deS litterarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler). Die Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Benno. (Fortsetzung.) 7. Ende April 1632 hielt Wallenstein über 214 Schwadronen Reiterei, 120 Fahnen Fußvolk, 44 Kanonen und 2000 Wagen eine Heerschau, und acht Tage später erschien er mit dieser Armee am weißen Berge bei Prag. Der Kurfürst von Sachsen und dessen Fcldmarschall Arnim hatten bereits die böhmische Hauptstadt verlassen, und die zurückgebliebene schwache Besatzung hegte nur geringe Hoffnung, den Platz zu behaupten. Schon am 4. Mai eröffneten die Kaiserlichen vom weißen Berge aus das Feuer, und Tags darauf stürmten die Regt menter Grana, Wallenstein und Terzky — bei letzterm befand sich Georg Selkow — die Stadt und drangen durch die gebrochenen Mauern. Die sächsische Besatzung zog sich in den Hradschin zurück und streckte zwei Tage später die Waffen. Wenige Tage nachher war der Herzog von Friedland Herr von ganz Böhmen. In Eger vereinigte er sein Heer mit den Truppen des Kurfürsten Maximilian von Bayern, welcher nachgedrungen sich der Forderung Wallenftetns's fügte, daß',bei allen gemeinschaftlichen Operationen der Oberbefehl ausschließlich durch diesen geführt wurde. Nunmehr stand der kaiserlichen Sache ein Heer von mehr als sechzigtausend Mann zur Verfügung, eine Macht, mit welcher Gustav Adolph's Streitkräfte sich kaum messen konnten. Er verschanzte sich bei Nürnberg, und Wallen- stetn bezog der Stadt gegenüber ebenfalls ein befestigtes Lager. Nachdem ein Sturm der Schweden auf letzteres mißlungen war, beschloß der König, weil bei der Ansammlung so vieler Menschen auf engem Raum all- mählig die Lebensmittel auszugehen drohten, die Stadt zu verlassen. Mit klingendem Spiel zog er am 8. September 1632 an dem friedländischen Heere vorüber, ohne daß Wallenstein ihn zu verhindern versuchte. Vier Tage lang blieb der Friedländer ruhig in seinem Lager, dann zog er, vom Kurfürsten sich trennend, durch das Bam- bergische und Coburgische nach Sachsen. Der größte Theil der Wallenstein'schen Streitmacht hatte sich in und um Lützen gelagert. Der Abzug des Heeres in die Winter-Quartiere stand bevor. Marketender, Händler, Gaukler, Juden, Musikanten und andere derartige Leute, welche geneigt waren, den Soldaten das Geld abzunehmen, fanden sich massenhaft ein und begannen ihre Thätigkeit zu entfalten. Auf einer weit ausgedehnten Wiese ganz in der Nähe Lützen's stand ein Marketenderzelt, das sich eines zahlreichen Zuspruchs erfreute. Alan brauchte sich darüber nicht zu verwundern; war doch der Eigenthümer, Monsieur Leferrier, ein gar freundlicher Mann, der einen Spaß zu machen verstand, und Marion vollends, die flinke Aufwärterin, hatte es mit ihren schwärmerischen Augen schon mehr als einem der leichtlebigen Herren im bunten Rock angethan. Zu den Gästen gehörte auch ein Mann, dessen tiefschwarzes Haupthaar zu dem hellrothen Bart einen auffallenden Gegensatz bildete. Er trug Offiziers-Kleidung und am Hut einen silbernen Stern mit blauseidener Schleife, zum Zeichen, daß er sich im Staffetten-Dienst des Herzogs von Friedland befand. Man konnte nicht sagen, daß er sich einer besonderen Aufmerksamkeit von Seiten Marion's erfreut hätte; im Gegentheil, daS Mädchen wich ihm so viel als möglich aus; dagegen stand er offenbar bei Leferrier in besonderer Gunst. Die Beiden saßen beim Zwielicht des November- Abens in vertraulichen Gespräche beisammen. Marion befand sich in einiger Entfernung an einem kleinen Tischchen und kam nur ab und zu in die Nähe der Männer, um einen ausgesprochenen Wunsch zu erfüllen. „Trinkt, Freund," mahnte Leferrier und schenkte aus einer großen Flasche das vor dem Nachbar stehende Glas voll, „trinkt, mein lieber Donald oder Devereux, wie Ihr Euch nennt! Wozu führt Ihr denn eigentlich zwei Namen? Weiß der Henker, mir ist es oft an dem einen zu viel!" Der Rothbart nahm einen tüchtigen Schluck. Dann erwiderte er: „Das will ich Euch sagen, Herr. Es ist nur eine kurze Geschichte, aber doch traurig genug. Meine Mutter, eine geborene Donald, hatte von ihren schnell hintereinander gestorbenen Eltern nicht nur ein hübsches Gesicht und fleißige Hände, sondern auch einen wohl- gefüllten Tuchladen geerbt. Dies stach meinem Vater, dem auf Halbsold gesetzten Lieutenant Devereux in die Augen, und er heirathete sie. Eine Zeit lang ging die Sache ganz gut. Bald aber wurde dem verwöhnten Offisier das Hantiren mit Ellenmaß und Scheere zu langweilig, und er suchte die lustigen Gesellschaften von- — 70 - früher wieder auf. Die Mutter machte Vorstellungen; es half nichts. Im Gegentheil: der Durst des Herrn Papa nahm mit jedem Tage zu. Im gleichen Maße ging die Wirthschaft zurück. Bei dieser Wahrnehmung zog die Mutter ernste Saiten auf, wozu sie um so mehr ein Recht hatte, als indessen meine Wenigkeit angerückt war — olles umsonst. Es gab häufig sehr böse Auftritte, wobei mein betrunkener Vater sich einmal thatsächlich an der Mutter vergriff, und zwar in einer Weise, daß sie von der Stunde an kränkelte und schließlich den Folgen erlag. Damit verlor der Vater den letzten Halt und kam schon ein Jahr später in einem Raufhandel um. Wie Ihr seht, habe ich keinen Grund, besonders stolz auf ihn zu sein, und Jedermann wird es begreiflich finden, daß mir der Name meiner Mutter besser gefällt. Ich führe denselben auch aus Anhänglichkeit für meinen Onkel Lcßlie, der Vaterstelle an mir vertrat und der sich zuweilen auch Donald schreibt. Ohne die Hilfe dieses braven Mannes wäre ich wahrscheinlich zu Grunde gegangen. Er hat mich gleich nach dem Tode der Mutter nach Deutschland geholt; er sorgte für meine Erziehung und machte mich zu dem, was ich jetzt bin. Deshalb ergreift wich auch jedesmal eine maßlose Wuth, wenn ich daran denke, wie dieser Herzog von Friedlano mit dem Onkel verfuhr. Jahre lang hat Leßlie ihm mit seltener Treue gedient; aber statt Anerkennung wurde ihm von dem stolzen Herzog der schwärzeste Undank zu Theil." „Das alte Lied", sagte der Franzose mit einem verächtlichen Lächeln; „es ist einmal so: Jeder sorgt nur für sich. Wir Beide und viele tausend Andere ändern das nicht. Wozu auch? Es ist am vernünftigsten, man schwimmt mit dem Strom und nimmt die Menschen so, wie sie sind. Ihr könnt zufrieden sein: die Zukunft liegt verheißend vor Euch I" „Die Zukunft und immer die Zukunft", brummte Donald unmuthig; „wann wird es endlich einmal die Gegenwart sein?" „Nicht so ungeduldig", mahnte Leferrier leise; „sei es noch ein bis zwei Jahre, dann sind wir am Ziel! Nur Augen und Ohren hübsch offen halten, damit man den richtigen Augenblick nicht verpaßt. Es spinnt sich etwas zusammen, wie aus einem mir vom Cardinal zugekommenen Wink hervorgeht!" Ein heiseres Lachen drang zwischen den bärtigen Lippen Donald's hervor. „Allen Respect vor Eurem Cardinal", sagte er dann; Paul Krüger, Präsident der südafrikan. Republik. „Nichelieu's Angelegenheiten ,'gehen mich zwar selbstver- ttändlich . nichts an, aber meine Verwunderung darf ich über seine Manöver doch äußern. Er verfolgt die Ketzer in Frankreich und steht in Verbindung mit den Fein- , den des Kaisers, der doch die Sache des Papstes und ! des katholischen Glaubens verficht." j „Wundert Euch das?" entgcgnete Leferrier. Richelieu ist in erster Linie Franzose und dann erst Cardinal. ^ Frankreichs Interesse aber verlangt die Ausrottung der Hugenotten ebenso wie die Schwächung der Habsburgischen Macht. In den Mitteln zum Zweck darf ein Diplomat nicht wählerisch sein, und daß Richelieu den Namen eines solchen verdient, ist genugsam bekannt. Die Größe seines Vaterlandes ist für ihn Lebenszweck. Es ist ihm augenblicklich sehr viel daran gelegen, ein Zusammenwirken Maximilian's mit dem Herzog von Friedlaud zu hintertreiben; überhaupt soll Letzterer für den Kaiser keine allzu großen Vortheile erringen, damit das Gleichgewicht der Parteien gewahrt bleibt. Das sind diplomatische Kunstgriffe, Freund, die unser Staatsmann wie kein Anderer versteht. Ihr seht übrigens, wie Aehnliches auch inDeutsch- land geschieht. Haben nicht auch protestantische Fürsten zu Wallenstein'sHeerContingente gestellt? Warum? Sie sahen für sich einen größeren Vortheil dabei. Mein lieber Donald, Ueberzeugungstreue ist ein sehr schönes Wort. Man braucht es auch vielfach, aber nur mit der Zunge oder allenfalls auf dem Papier. Zur That wird es nie! Daher kommt es, daß das Wörtchen sich nicht abnutzt. Doch lassen wir derartige Betrachtungen denen, derenHandwerksie sind, und ziehen wir für uns einfach eine Lehre daraus. Wir dürfen beim Cardinal auf reichlichen Dank und Erkenntlichkeit rechnen, das sei uns genug. Alles Weitere hängt von unserer eigenen Klugheit abl" „Ihr habt Recht", schmunzelte Donald; „seien wir. wie die großen Herren, auch — diplomatisch! Mir gilt es wenigstens vollständig gleich, ob wein Arm der Bibel oder dem Rosenkranz dient, wenn ich nur dem übermüthigen Herzog ein Bein stellen kann und die Belohnung der Arbeit entspricht." „Diese soll Euch werden", versicherte der Franzose, „in vollem Maße und bald! Setzt mich nur, wie seither, von allem, was bet dem Friedländer 'vorgeht, in Kenntniß, auch wenn es Euch als nicht besonders wichtig erscheint; und solltet Ihr je einmal in die Lage 71 kommen, durch unmittelbares Eingreifen einen entscheidenden Schlag führen zu können, so säumt nicht. Das Ziel ist Euch bekannt; je eher wir es erreichen, desto besser für Euch. Daß Ihr der vollkommensten Verschwiegenheit versichert sein dürft und im Nothfall an uns einen Hinterhalt findet, versteht sich von selbst." „Hoffentlich!" stieß Donald heftig hervor. „Ich riskire ohnehin meinen Kopf, der mir keine vierundzwanzig Stunden mehr zwischen den Schultern sitzt, wenn ein unbefugtes Ohr etwas von unserem Handel erlauscht. Doch Marion's Augen haben es mir einmal angethan! Für diesen Preis schlösse ich mit dem Teufel selbst einen Pact!" Ein zufriedenes Lächeln spielte um Leferrier's Mund. „Ich gebe Euch die Versicherung", sagte er und drückte Donald die Hand, „wenn wir klug und vorsichtig sind, läuft die Sache zu unser Aller Zufriedenheit ab. Was den letzten Punkt anbetrifft, so habt Ihr mein Wort! Leferrier rief Marion an den Tisch. „Setz' Dich", befahl er, „und plaudere ein wenig; Du mußt Dich ohnehin allmälig an die Gesellschaft des Herrn Wachtmeisters gewöhnen, der Dir durch seine Werbung eine große Ehre erweist." Das Mädchen theilte diese Anschauung offenbar nicht. Sie warf dem Onkel einen Blick zu, der wenig Neigung für dessen Wünsche verrieth. Sie bezwäng sich jedoch und schwieg. Marion war noch immer die blendend schöne Erscheinung wie bei ihrem ersten Auftreten in Großmese- ritsch, nur lag jetzt in den großen Augen statt des herausfordernden Selbstbewußtseins ein zurückhaltender Ernst. Donald brachte ihr sein Glas entgegen. Sie setzte es an den Mund und nippte ein wenig; dann zog sie sich, trotz der Aufforderung Leferrier's zum Bleiben, wieder an ihr Tischchen zurück. Ein Schatten flog über das Gesicht des Wachtmeisters, der seinen Zorn nur mit Mühe bezwäng. „Geduld", flüsterte der Franzose, „wir machen das Täubchen schon kirre, wenn es sich auch zu sträuben versucht. Mademoiselle muß sich fügen, sie ist in meiner Gewalt!" Die Ankunft neuer Gäste unterbrach das Gespräch. Leferrier erhob sich, um seiner Pflicht als Wirth nachzukommen, und Donald lehnte sich, Marion's Bewegungen folgend, mit halbgeschlossenen Augen in seinen Sessel. Da sah er, wie eine hohe Gluth über das Antlitz des Mädchens sich ergoß. Sie hatte einem jungen Manne, der das Gewand des herzoglichen Leibjägers trug, ein Glas vollgeschenkt. Gleichzeitig vernahm er Leferrier's Stimme, der dem neuen Gaste zurief: „Ah, ah, Monsieur, hier treffen wir uns? Das ist recht schön! Ich dachte unterdessen oftmals an Euch, wenn Ihr mir schon in Großmese- ritsch, Eurem Versprechen entgegen, nicht die Ehre eines Besuches geschenkt habt." Donald sprang ungeduldig empor. Er stieß durch seine hastige Bewegung den Stuhl um, so daß ihm in Folge des dadurch verursachten Gepolters die Antwort des Leibjägers entging. Dagegen bemerkte er, wie Marion mit glühenden Wangen und strahlendem Blick vor dem jungen Mann stand, der ihre Hand in der seintgen hielt. Rasch trat er vor. Er drängte das Mädchen unsanft zur Seite und schaute in Georg Sel- kow's Gesicht. „Alle Teufel", rief er und suchte seine eifersüchtige Wallung unter der Maske freudigen Erstaunens zu verbergen, „Ihr seid es, Herr? Euch hätte ich hier in der That nicht gesucht!" Auch Georg erkannte den Wachtmeister wieder. Mit herzlichem Gruße reichte er ihm die Hand. Da Donald jedoch im gleichen Augenblick der sich abwendenden Marion folgte und sich dadurch einer weiteren Ansprache entzog, setzte er die begonnene Unterhaltung mit Leferrier fort. „Fast hätte ich Euch in dieser neuen Verwandlung nicht mehr erkannt", sagte er. „Warum habt Ihr denn das schimmernde Harlekinskleid mit der Aufwärterschürze vertauscht?" Leferrier lachte. „Ich biv ein unruhiger Kopf, müßt Ihr wissen", entgegnete er; „auch gefiel mir die angeworbene Gesellschaft nicht mehr. Um sie mir mit Anstand vom Halse zu schaffen, zog ich mich von der Künstlerlaufbahn zurück. Ganz ohne Beschäftigung mochte ich nicht sein; deshalb habe ich die Gelegenheit zum Ankauf dieser'Bude benutzt." Ein Streit, der zwischen zwei Gästen im Hintergründe des Zeltes ausbrach, lenkte die Aufmerksamkeit des Franzosen dahin. Er eilte fort, und der wieder herantretende Wachtmeister nahm seinen Platz ein. „Ihr wäret wohl indessen in Großmeseritsch nicht mehr auf Besuch?" fragte Georg diosen in übermüthigem Ton. Donald fühlte recht gut den Spott. Sein Antlitz verfinsterte sich, und aus den halbverschleiertcn Augen traf den jungen Mann ein feindseliger Blick. Dennoch sagte er möglichst gleichgültig: „Wie kommt Ihr zu dieser Frage? Soviel ich mich erinnere, sprach ich eine derartige Absicht Euch gegenüber nicht aus, eher das Gegentheil ! „Ja, ja, Ihr habt Recht", fiel Georg ihm lachend in's Wort. „Eure Wuth auf Großmeseritsch und dessen Bewohner hat mich damals nicht wenig in Erstaunen versetzt. Nachher erfuhr ich freilich so manches, das mir über Euere Verstimmung Aufklärung gab. Es ist eben ein schlechter Spaß, wenn ein zuversichtlicher Freier mit einem Korbe abziehen muß." Der Zorn trieb Donald das Blut bis an die Schläfen hinauf, und seine Hand hatte unwillkürlich den Griff des Degens erfaßt. „Nehmt Euere Zunge in Acht, Herr", sagte er mit heiserer Stimme; „Ihr möchtet sonst Euern Vorwitz bereuen. Spott ertrage ich nicht und am allerwenigsten von Euch. Ihr wißt wohl warum! Nicht Jeder darf ernten, wo ein Anderer gesäet hat!" Damit wandte er sich ab und kehrte zu seiner Flasche zurück. Georg war über die Antwort verblüfft und zum Theil auch beschämt. Er sah ein, daß er den Mann ohne Grund gereizt hatte. Ueberdieß begann er zu ahnen, daß der Wachtmeister bezüglich der letzten Ereignisse in Großmeseritsch auf dem Laufenden war oder doch wenigstens genug wußte, um ein unangenehmer Gegner zu sein. Einlenkend suchte er die Unterhaltung mit Donald wieder aufzunehmen, doch dieser wich ihm geflissentlich aus. In seiner Verstimmung wandte der Leibjäger sich wieder an Marion, die ihm in ihrer einfachen Kleidung fast noch reizender als in dem frühern gleißenden Prunke erschien. Vor den freundlichen Augen des Mädchens hielt sein Aerger nicht Stand. Mit großer Befriedigung machte er dabei gleichzeitig eine Entdeckung, deren kluges Ausnutzen ihn für die durch den Wachtmeister erlittene Niederlage zu entschädigen versprach. Die begehrlichen Blicke, mit welchen jener Marion verfolgte, entgingen ihm eben so wenig, als dessen eifersüchtiger Grimm, wenn das Mädchen ihn zu bevorzugen schien. Georg fand den Zusammenhang sofort heraus und leitete seinen Angriff gegen den Wachtmeister auf dieser Grundlage ein. Er wußte dem Gespräch, auf welches das Mädchen mit unverkennbarer Freude einging, unter geschickter Benutzung der flüchtigen Bekanntschaft in Großmeseritsch eine so anzügliche Wendung zu geben, daß ein hoffnungsvoller Freier die Fassung verlieren mußte. In der That kam Donald durch das bos- hafteManöver auSRand und Band. Er wurde bald roth, bald blaß und schien nur auf eine Gelegenheit zum Losbrechen zu warten. Marion nahm von dieser Stimmung ihres angehenden Bräutigams anfangs gar keine Notiz, und Georg hatte seine helle Freude daran. Er war wiederganz in seiner übermülhigenLaune und dachte nicht mehr an jene furchtbare Lehre, die ihm vor dem Block des Scharfrichters ertheilt worden war. Da donnerte ein Kanonenschuß, das Zeichen für die Offiziere, welche die Nachtwache antreten mußten. Georg verabschiedete sich von Marion, rief dem Wachtmeister lachend einen kurzen Gruß zu und verließ das Gemach. Donald schaute ihm mit drohendem Blicke nach. Dann forderte er Leferrier auf, an seiner Seite Platz zu nehmen, und sprach längere Zeit leise, aber aufgeregt und eindringlich mit ihm. Nach einer Weile trank er seine Flasche leer und schritt, ohne von Marion Abschied zu nehmen, ebenfalls in's Freie hinaus. Es war indessen vollständig dunkel geworden. In weitem Umkreise beleuchteten zahllose Wachtfeuer die Landschaft, über welche wie eine schimmernde Kuppel das sternenbesäete Firmament gespannt war. Ein trockenkalter Wind blies von Norden her und trieb die Rauchwolken, welche riesigen Gespenstern gleich durch die Luft schwebten, gegen die Stadt. Donald schritt langsam über den Plan. Rachsüchtige Gedanken kreuzten sich in seinem Gehirn. „Habe ich darum", grollte er, „mich selbst, meine Ruhe, meine Zukunft und vielleicht noch mehr geopfert, damit mir ein Lasse den Preis streitig macht? Es ist ein gewagtes Spiel, zu dem ich die Hand bot, und bis zu dieser Stunde hatte ich davon nur Aerger und Zorn. Aber es soll und muß ein Ende nehmen; die, fortwährende Aufregung ertrage ich nicht länger. Zum zweiten Male tritt dieser Selkow mir nun in den Weg. Der junge Herr kennt mich noch nicht! Er glaubt meiner spotten zu dürfen; denn daß keine ernstliche Absicht hinter dem Schönthun mit Marion steckt, begriff ich sofort. Aber ärgern lasse ich mich von einem solchen Gelbschnabel nicht. Er mag sich in Acht nehmen, denn Donald- Devereux ist nicht der Mann, den man ungestraft reizt!" Er hatte das Absteigquartier des Herzogs von Friedland in Lützen erreicht und begab sich in das Zimmer, welches für dieStaffet- tenreiter bestimmt war. Dort traf er einen Kameraden, der in der schlechtesten Stimmung auf und ab ging. „Ist das eine Heidenwirthschaft I "tobte jener, als er Donald erkannte; „reite ich heute mit etnerDepesche vonMerse- burg her meinen Gaul fast zu Schanden, und wie ich in Schweiß gebadet ankomme, läßt man mich zwei svolle StundeiHnicht vor. Ich solle aufLescheid warten, hieß es dann, und ja dasHausnicht verlassen; nun warte ich wieder seit mehr als drei Stunden umsonst. Ohne Zweifel steckt wieder der Schwarzkünstler Seni dahinter, der uns mit seinen Teufeleien sicher noch einen schlimmen Streich spielt. Es geht etwas vor; inMerseburg hörte ich, der Schwede sei uns auf den Fersen. Das wäre eine schöne Bescheerung, nachdem Pappenheim und die Bayern fort sindl Geheuer ist es nicht; ich glaube sogar, daß meine Depesche mit diesem Gerüchte in Zusammenhang steht. Und hier schaut man, statt zu handeln, zu Mond und Sternen hinauf." < In diesem Augenblicke kam ein größerer Reitertrupp vor das Haus angesprengt. Sporen klirrten und schwere Tritte dröhnten die Treppe herauf. Wenige Minuten später erschien ein Page, der sämmtliche verfügbare Staffettenreiter und Leibjäger, zu dem Herzog befahl. 8 . Die Vermuthung des Staffettenreiters, daß der Astrologe Seni und dessen Kunst die^, Schuld ^'an der Vernachlässigung seiner Depesche trügen, traf wirklich 'zu. In dem Observatorium Wallenstein's Professor Itr. W> Röntgen. 73 herrschte seit der verwichenen Nacht eine Aufregung und Spannung, wie man sie dort schon lange nicht mehr gekannt hatte. Sent legte sich erst bet Tagesanbruch für einige Stunden zur Ruhe. Wallenstein dachte an keinen Schliff; seine fieberhafte Aufregung lieh eS nicht zu. Ein Ereigntß, das mit allen seitherigen Prognosen, Constellationen und Systemen in Widerspruch stand, hatte die beiden Astrologen am vergangenen Abend in tiefe Bestürzung versetzt: das plötzliche Auftauchen eines ganz neuen, bis jetzt noch nicht beobachteten^SterneZEim Bilde des Mars. Sowohl der Herzog selbst als auch Seni hatten das Phänomen ganz deutlich erkannt, welches bis nach elf Uhr zuerst in stark röthlicher Färbung und von da an mit abnehmenderStärke am Himmel strahlte, wo es plötzlich verschwand. Seni hatte im Laufe des TageS die Aufzeichnungen und Werke des Pto- lemäus,Copernicus, Cardanus, Tycho de Brahe, Galilei und Kepler nach allen Richtungen durchstöbert, um über den unbegreiflichen Fall eine Auskunft zu finden. Seine Mühe war lange vergeblich gewesen, bis er endlich beiCardanus die Notiz fand, daß manchmal planeten- artige Himmelskörper plötzlich erscheinen, kürzere oder längere Zeit sichtbar bleiben und wieder verschwinden, ohne daß trotz der umfassendsten Forschungen das Räthsel ihrer Existenz und ihres Wesens durch dieGe- lehrten gelöst worden sei. Diese Auskunft genügte Seni um so mehr, als er durch die unbestimmte und allgemeine Haltung des Verdicts, seinen eigenen Wünschen und Interessen entsprechend, zu den weitestgehenden Hypothesen und Folgerungen freien Spielraum bekam. Wallenstein war in die wichtige Sache so sehr verliest, daß alles Andere bei ihm in den Hintergrund trat. Der Abend brach herein, und immer noch war er mit Seni in dem Observatorium beschäftigt. Er hatte sich den Tag über kaum etwas Speise nnd Trank vergönnt. Es wurden großartige Vorrichtungen für eine genaue Beobachtung des wieder erwarteten Sternes getroffen, dessen Bedeutung zu ergründen der Astrologe sich den scharfsinnigsten Voraussetzungen hingab. Die Depesche, welche der Staffettenreiter gebracht, hatte in der That von dem Herannahen der Schweden gehandelt; da sie aber nur eine Vermuthung und keine bestimmte Nachricht enthielt, war sie auf die Seite gelegt worden. Endlich^,schien Seni zu einem Resultat grkommen zu sein. Mit feierlicher Miene trat er zu seinem Herrn. „Hoheit", begann er, „preist dasSchick- sal, welches Euch zu seinem Liebling erkor. Dieser Stern ist das Symbol einer Wendung, die mit großartigem Erfolge beginnt. Sein röthlicher Schimmer bedeutet, daß dieszwar durch StrömeBlutes geschieht, sein herrlicher Glanz aber weist auf den unsterblichen Ruhm hin, der als Lohn für das Geopferte winkt." Mit leuchtenden Augen nahm der Herzog diese Verheißung entgegen. Seine anfängliche Bestürzung war all- mältg geschwunden, und ähnliche Gedanken hatten bereits seine Phantasie aufgeregt. „MögetJhrRecht haben, Meister", sagte er und drückte den Astrologen mit überwallenden Gefühlen anseineBrust „möge dieser Stern ein Glückszeichen, sein; dann werdet Ihr erfahren, was dcrHerzogvonFried- land der Welt zu bieten vermag!" Er nahm das Papier mit den Aufzeichnungen Sent's an sich und las sie aufmerksam durch, da wurde er durch ein ungewöhnliches Geräusch in dem Vorzimmer gestört. Der Page, welcher beauftragt war, nur ganz dringende Angelegenheiten zu melden, trat ein und berichtete, daß mehrere Reisige den Feldherrn augenblicklich zu sprechen verlangten. „Warten", gab Wallenstein kurz zur Antwort und fuhr in seiner Beschäftigung fort. (Fortsetzung folgt.) —— gZ Damenhand, mit Hilfe USnIgenscher Strahlen photographtrt. Oberelchingen und sein ehemaliges Kloster. "Mit Illustrationen. (Schluß.) Fortan litt das Kloster unter fortwährenden Einquartierungen und Brandschatzungcn, daß großer Mangel eintrat. Den Unterthanen gings noch viel schlimmer. Bei Tag und Nacht kündeten Feuersäulen die schwedische Mordbrennerei. Schon im Frühling des Jahres 1633 war fast alles Vieh in den Dörfern weggeraubt, daß die Bauersleute bei ver Habersaat den Pflug selbst ziehen mußten. Die Geistlichen konnten sich vor dem Haß der Schweden nur als „Handwerksleute verkleidet" halten. Im Juli kam zum Kriegselend noch eine Viehseuche, welche dem Kloster 150 Stück Klostervieh hinraffte. Im Jahre 1634 blieb das Kloster fast keine Woche ohne schwedische Einquartierung, welche den Konvent vollständig ausfraß. Und da auch den Unterthanen im's' Dorf und in der Umgebung alles geraubt öderes ruinirt war, dieselben weder säen noch ernten konnten, belagerten sie täglich die Klosterpforte, um Mmosen flehend. Der Jammer war grenzenlos. EinGlückwar es, bei aller Ueberlast der täglichen Quartiere, daß im März, April, Mai und Juni ds. Jahres der schwedische OberstWrangel (der nachmal.Feldherr) ab und zu inElchingen wohnte. Er war dem Kloster und seinem Abte ziemlich freundlich gesinnt, wenn er nicht gerade besoffen war, was freilich sehr häufig vorkam. Das Kriegselend erreichte in Ellingen und Umgebung den höchsten Grad, als im August 1634 die Heere Gustav Horn's und Bernhard's von Weimar in der Gegend von Elchingen sich vereinigten und ihre wilden Horden das arme Volk nicht nur vollends ausplünderten, sondern es auszumorden begannen. Der entsetzliche „Schwedenirunk" war jetzt an der Tagesordnung. Selbst eine „Ulmer Chronik" gesteht, daß die schwedischen Soldaten die Leute dermaßen mit dem Schwedenirunk plagten, daß manchem der Tod lieber gewesen wäre. Die meisten starben daran. „Man hat," so schreibt jene Chronik, „die armen Leut in Hölzern und Wäldern nackend an die Bäum' gebunden und teuflischen Muthwillen an ihnen verübt und andere Unthaten mehr gethan, welches vor keuschen Ohren nicht zu schreiben ist." Am 18. August Abends, als man eben die Winterfrucht gut eingeheimst hatte, überfielen die Weinmarischen Mordbrenner das Kloster. Sie schlugen die Thore ein und begannen die allgemeine Plünderung. Alle Pferde und alles Vieh wurde weggenommen. „Die ganze Nacht," so erzählt^. Botzenhard, „war ein erschreckliches Hämmern, Heulen und Jammern. Abt und Convent versammelten sich in der Abtei und machten einen Fußfall vor den Plünderern, um Gnade zu erlangen, aber je mehr sie baten, desto grimmiger wurden die Horden. „Dem Prälaten schnitten sie das rechte Ohr ab und versetzten ihm mehrere Stiche und 5 wuchtige Streiche mit Beil, Wehr und Prügel, bis er endlich den k. Botzenhard ersuchte, den Soldaten ein Gewölbe zu zeigen, und dann erschöpft von Blutverlust ohnmächtig hinsank. ?. Botzenhard zeigte nun den Soldaten in der,Custerest ein Gewölbe, wo sie sofort zu graben und zu suchen begannen. Als sie nichts fanden, schlugen sie den ?. Botzenhard, wie er selbst erzählt, halb todt, und wollten ihn endlich in die gemachte Grube werfen und lebendig begraben. Zwei Soldaten dachten menschlicher und verhinderten das Vorhaben." Alle Truhen, Kisten und Kasten in der Kirche und in der Abtei waren zerschlagen und ausgeraubt, das Ciborium war sammt den hl. Hostien abhanden gekommen, 7 Kelche, silberne Löffel und Messer, alles was Silber nur ähnlich sah, war weggenommen, so daß man am Morgen nicht mehr um 3 Kreuzer Silberwerthim Klosterfinden konnte. Alle Bühnen- und Fruchtkammern waren geleert, in der Küche alles verdorben, im Keller aller Wein „ausgelassen," dermaßen, daß man im Keller „im Wein bis über die Knoten gewaten." Am 10. August früh 9 Uhr kam ein Wachtmeister und blies Alarm. Nun brachen die Soldaten auf und verließen das Kloster. Kaum waren sie fort, „ist wieder alles schwarz hereinkommen" und haben mit sich genommen, was ihnen beliebte. Als auch dieser Trupp fort war, kamen bei 1000 Marodeurs haufenweis S Kirche in Vber-Elchingcn. -MW herein und nahmen Quaiiicr im Convent und in der Kirche. Am^6. September hörte man in Elchingen ein „erschreckliches Schießen," (Schlacht bei Nördlingen!) Nachts kam „gehling das Geschrei": es solle alles fliehen, da eine große Zahl der aus der Schlacht entronnenen Soldaten im Anzug sei. Der Konvent floh über die Donaubrücke nach Leibt in das Haus des Martin Spegelin, Bruders des Prälaten und dann nach Ulm. Hier verweigerte der protestantische Rath den Mönchen Einlaß und Aufnahme, was sie wenig verdroß, weil die Stadt mit Flüchtlingen überfüllt war. Sie kehrten hungrtg- nach Leibi in ihr altes Quartier zurück und stillten auf dem Wege mit Erbsen und Wicken auf dem Felde den Hunger. Am 10. September kehrten alle wieder in's Kloster zurück. Aber schon nach zwei Tagen kam von Günzburg die Aufforderung, der ganze Convent möge nach Günzburg kommen, da die ganze Macht des römischen Königs Ferdinand die Donau herauf gegen Elchingen ziehe. Am 13. September packten die Mönche ihren „kleinen Plunder auf ein Schiffte" und fuhren nach Günzburg, wo auch das „Schiffte" noch ausgeplündert wurde. Während des Vorbeimarsches der kaiserlichen Haupt-Armee blieben sie in Günzburg. Am 16. Scpt. kehrten vier wieder nach Elchingen zurück. Der Abt und die übrigen kamen 8 Tage später. ^Schweden ».Kaiserliche waren in's Württembergische gezogen, dafür chicanirte und brandschatzte aber nun die schwedische Besatzung in Ulm unter Oberst V.Schlammers- dorf das Kloster monatelang. Im Oktober kamen auch noch kaiserlicheTruppen und schlugen sich mit der Ulmer Besatzung herum, um Ulm zur Uebergabe zu zwingen, so daß das Kloster bald von den Ulmern, bald von den Kaiserlichen bedrängt und ge- brandschatzt wurde. Als sei es des Jammers noch nicht genug, brach im November auch noch die — Pest aus. „Ein erschrecklicher Hunger und Sterbend grassirt in dieser Gegend herum," jammert Botzenhard. Der Hunger wüthete entsetzlich in der Gegend. Ein Mann kaufte um 5 Batzen eine Roßhaut, hängte sie wochenlang auf und schnitt „partikelweis" Streifen ab, kochte sie und aß sie wie „Kuttlen." Am Pfingstfest den 27. Mai gab es im Kloster nichts mehr zu essen, als Sauerkraut, dürre Hutzeln und „armes Haberbier." Fleisch war nicht zu bekommen, und auch kein Gemüse, da fast den ganzen Mai mehr Winter- als Sommerwetter herrschte. Schädliche Reifen zerstörten die Obstblüthen, und bis zum 9. Juni mußten täglich alle Oefen geheizt werden. Am 3. Juni kam der Propst von Wettenhausen abermals in's Kloster und bettelte um Sauerkraut und dürre Hutzeln, was ihm nach Vermögen gereicht wurde. Den 17. Juni überfielen kaiserliche Reiter das Kloster und plünderten es vollständig aus. In einer halben Stunde war alles, auch was andere Leute in's Kloster geflüchtet und was mit Mühe und Gefahr durch den Winter gebracht wurde — Roß, Kühe, Hühner, Schweine rc. rc. — verschwunden. Die Mönche versteckten sich in allen Winkeln, der Abt aber wurde von den Soldaten hinter dem Apostelaltar ergriffen und rein ausgeplündert. In den Tagen vom 7. bis 23. Juli raffte die Pest im Kloster 3 Conventualen dahin, so daß nur mehr 7 Mönche im Kloster waren. Aller Gottesdienst war eingestellt, nur die hl. Messe las man noch. Endlich kapitulirte Ulm Anfang August, und das Kriegsvolk minderte sich und damit auch das Elend. Der Herbst war erträglich; man konnte wieder etwas aufaihmen und das wenige Getreide, soweit es die Soldaten nicht im Sommer abgemäht oder verdorben hatten, einbringen, was freilich im November von durchziehenden kaiserlichen Truppen wieder theilweise geraubt wurde. Das Jahr 1636 brachte eine Brand- schatzung um die andere. Dazu kam im Mai noch große Dürre und Ende des Monats verderblicherNeif — es hatte 8 Wochen lang nicht mehr geregnet, somit blühte noch ein vollständiges Mißjahr. Die Hungersnoth wuchs. Als im Juni den Soldaten ein Pferd cre- pirte, fielen die wenigen Leute im Dorf über das Aas her, zerschnitten und kochten es und aßen es mit großem Heißhunger. Da der Abt den Kaiser in Donauwörth persönlich angefleht hatte, wurde das Kloster in der zweiten Hälfte des Jahres 1636 erheblich erleichtert. Auch das Jahr 1637 war für Elchingen offenbar leidlich, da Botzenhard nur wenig aufzeichnete. Im Februar 1638 kamen Jso- lani's Croaten und hausten gewohnheitsmäßig so übel, daß Botzenhard schreibt, „wenn sie nicht bald abziehen, so müssen wir und die Bauern stamppen," d. h. laufen. Am 19. bis 22. März 1639 huldigten die Unterthanen des Neichsstifts dem neuen Abt Johann. Es waren in der ganzen Herrschaft noch 400, „für diese Zeit noch viel." Vor dem Krieg waren es 5000. Wie schrecklich haben Pest, Hunger und Krieg aufgeräumt l Das Jahr 1640 verlief ziemlich ruhig. Man hielt im Kloster am 30. September „ziemlich stattliche Kirch- weih" und konnte sogar Gäste von Ulm und Günzburg einladen. In den folgenden Jahren 1641 bis 1643 gab es wieder viel Quartier. Im Jahre 1643 allein mußte das Kloster 8830 fl. Contribution zahlen. In den letzten Jahren des Krieges 1644 bis 1648 litt das pfarrhof in Gder-Elchtngen --MUHE' -77 ^> > 76 Kloster unter fortwährenden Durchmärschen und war am Ende des Krieges vollständig erschöpft und verschuldet, daß es Waldstetten mit Häufelsburg und Oxenbrunn, Balmertshofen und Rammingen, also fast ein Drittheil seines Herrschaftsgebietes verkaufen mußte, um die drängendsten Gläubiger zu befriedigen. In der nun folgenden Friedenszeit erholte sich das Kloster allmählich, brachte es aber nie^mehr zum Wohlstände mancher anderen Reichsstifte, so daß die Zahl der Conventualen die Zahl 25 niemals überstieg. Schwere Drangsale brachten die französischen Kriege am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts über Kloster und Flecken, namentlich der 14. Okt. 1805 —die Schlacht von Elchingen, in welcher Napoleon I. hier die österreichische Armee des Generals Mack vollständig schlug und 3 Tage später zur Kapitulation zwang. Napoleon uahm sein Hauptquartier im Kloster bis zum 21. Oktober, an welchem Tage er aufbrach. Zwei Jahre zuvor hatte die letzte Stunde des Reichs- sttftes Elchingen geschlagen. Es wurde 1803 aufgehoben, Abt Robert II. und seine Conventualen pensionirt und Elchingen und sein Gebiet dem neugebildeten bayerischen Landgerichte Elchingen einverleibt. Nach? Jahren wurde jedoch das Landgericht Elchingen aufgehoben und die Dörfer Elchingen, Thalfingen, Fahlheim, Straß und Nerstngen dem Landgerichte Günzburg zugetheilt und die Orte auf der Alb an Württemberg abgetreten. Noch lange krönte das herrliche Klostergebäude den schönen Berg und verkündete weithin des Reichsstifts alte Herrlichkeit. Am 25. Juli 1840 stürzte ein Theil der ehemaligen Klostergebäude zusammen und da auch die als Pfarr- Wohnung benützten Prälaturgebäude sich als baufällig erwiesen, so wurde das Kloster zum Abbruch verkauft und über die Ruinen im Jahre 1845 ein neuer Pfarr- hof erbaut, welcher durch seine Bauart, sowie durch seine herrliche Lage einen Vergleich mit den schönsten Pfarr- höfen der Diöccse aushält. Die Kirche, welche nach dem letzten Klosterbrande 1774 erbaut wurde, blieb erhalten als ein Denkmal früherer Zeit und gibt Zeugniß von dem frommen Eifer der Mönche für Gottes Ehre. Gegenwärtig wird sie auf Staatskosten restaurierend verspricht nach ihrer Vollendung ein herrliches Gotteshaus zu werden, welches die frommen Wallfahrer, die zur schmerzhaften Muttergottes herangezogen kommen, in die weihevollste Stimmung zu versetzen vermag. Außer der Kirche haben sich von den Klosterbaulichkeiten nur mehr erhalten dasBräuhaus, ein beliebter Ausflugspunkt der Ulmer, und das Wohnhaus des Lehrers mit einem zierlichen Thürmchen. Dasselbe bildete die ehemalige Thorkapelle zu Ehren des hl. Martinus. Alle anderen Gebäude auf dem Klosterberge stammen aus späterer Zeit. -—- Zu unseren Bildern Paul Krüger. Der seit einer langen Reihe von Jahren an der Spitze der südafrikanischen Republik Transvaal stehende Präsident Krüger ist, wie seine sofortige Niederwerfung der von den Uitlanders unter Anführung des Engländers Dr. Jameson versuchten, aufrührerischen Bewegung gezeigt hat, ein Mann von großer, staats- männischer Umsicht und thatkräftiger Entschlossenheit. In seinem persönlichen Auftreten trägt „Onkel Paul", wie er von den Boeren allgemein genannt wird, eine an Nachlässigkeit grenzende Einfachheit und eine gewinnende Freundlichkeit zur Schau, und erfreut sich darum auch im ganzen Lande einer überaus großen Popularität, die jetzt, nachdem er solch rascher Hand den englischen Eroberungsplan vereitelt, wenn möglich noch höher gestiegen ist. Dank der verständigen Regierung des autokratischen, aber patriotischen und Land und Leute genau kennenden Präsidenten Krüger hat sich die südafrikanische Republik innerhalb der letzten 10 Jahre von einem friedlich dahinlebenden Ackerbaustaat zu einem in raschestem Aufblühen begriffenen Culturstaat emporgeschwungen. Aus allen Theilen der bewohnten Erde strömt es heute nacv Transvaal, Menschen und Güter aller Nationen im Wettbewerb um die Segnungen des Goldstromes, den die ergiebige Erde nun schon seit 10 Jahren unersctöpflich ausgießt über ganz Südafrika und alle anderen Welttheile. In kurzer Zeit hat sich das Land mit Eisenbahnen von Ost nach West, von Süd nach Nord durchzogen, Telegraphenlinien durchkreuzen es in allen Richtungen. Täglich entladen an allen Stationen endlose Züge die rasch Herbeieilenden, die noch von dem Segen, ehe es zu spät ist, etwas erhäschen wollen; die Güterzüge aus drei Hauptrichtungen, von Westen, Süden und Osten, können den Bedarf an Materialien, Maschinen, Baustoffen, Lebensbedürfnissen nicht heranschleppen. Wie kräftig gesund der Kern der alten Bevölkerung, wie urstaatsmännisch die Begabung des ungelehrten, aber genialen Präsidenten Paul Krüger ist, ergibt schon die einfache Thatsache, daß diese große materielle Umwälzung sich ohne Störung in den politischen Einrichtungen vollziehen konnte, bis vor etwa zwei Jahren eine planmäßig angelegte Beunrubigung von außen in das Land getragen wurde, die jetzt durch das erfolgreiche Eingreifen des Präsidenten voraussichtlich auf längere Zeit unterdrückt ist. Professor I»r. W. Königen. Wir bringen heute das Porträt des berühmten Mannes, dessen aufsehenerregende Entdeckung wir in einem vorhergehenden Artikel (vgl. Nr. 9 des Unterhaltungsblattes 1896) bereits eingehend besprochen haben. Professor Röntgen ist von Geburt Holländer. Seine wissenschaftliche Ausbildung aber erhielt er an Hochschulen des deutschen Sprachgebietes. 1870 veröffentlichte er noch vor seiner Promotion von dem physikalischen Laboratorium der Universität Zürich aus eine Untersuchung „über die Bestimmung des Verhältnisses der spezifischen Wärmen der Luft". Die Arheit entstand auf die Anregung Aug. Kundts, der vornehmlich Röntgens physikalische Studien geleitet hat. Als Kundt 1870 vpn Zürich nach Würzburg ging, folgte ihm Röntgen dorthin, und später, als Kundt den Lchrstuhl der Physik an der neu gegründeten Universität Straßburg übernahm, wurde auch dort Röntgen, der zuvor zum Doctor promovirt hatte, sein Assistent. In Straßburg begann Röntgen als Privatdozent sür Experimentalphysik und physikalische Chemie 1873 seine Lehrthäiigkeit. Zwei Jahre später wurde er als ordentlicher Professor für Mathematik und Physik an die landwirthschaft- liche Akademie zu Hoheuheim in Württemberg berufen. Aber schon 1876 kehrte er nach L-traßburg zurück, wo er eine außerordentliche Professur übernahm. 1879 wurde er ordentlicher Professor und Director des physikalischen Instituts in Gießen. Seit 1888 wirkt er in gleicher Eigenschaft als Nachfolger Fr. Kohlrauschs, des jetzigen Directors der physikalisch-technischen Reichsanstalt, an der Universität Würzburg. — Unser zweites Bild zeigt eine Damenhand, die nach dem bereits ausführlich beschriebenen Verfahren mit Hilfe der Röntgen'schen X-Strahlen photograpbirt wurde. Die für die X-Strahlen undurchdringlichen Knochen und der Ring erscheinen auf der Photographie als dunkle Schattenbilder, während die Fleischtheile durch hellere Schatten angedeutet sind. Das Bild gibt bereits einen Begriff davon, von welch weittragender Bedeutung für die ärztliche Wissenschaft die noch in ihrem Anfangsstadium stehende Entdeckung dereinst werden kann. Krgänzimgsrälsisel. . . r g . . ck . .. ch . . t, d . . . . t . . ch g . ., D.. .e.g. ..f j..e. Sch . . t . . . ch; . e . n . . r . . f E . . e . B. s . . . h . ., T . . g s . . n . S . . a . e . . t s . ch. (B . . e . s . . d .) Auflösung des Scherzräthscls in Nr. 9: Erdreich. -EZS--