„Augsburger PostMung". « 14 . Dinstag, oen 18. Februar 1896 . j?ür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas ür. Grabderr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler). Die Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Benno. (Fortsetzung.) Nach zwei Tagreisen kam Georg in Reichenberg an. Dem Befehle des Herzogs gemäß nahm er sein Absteig- quartier im Gasthof „Zu den zwölf Aposteln." Dort harrte bereits der Page, welcher in den Zweck und die Bedeutung seiner Sendung vollständig eingeweiht schien. Die zweideutigen Fragen und Winke des halb zurückhaltenden, halb zutraulichen Herrchens machten einen um so unangenehmeren Eindruck auf Georg, als dieser den Sinn derselben zum Theil nicht verstand. Sein Argwohn steigerte sich noch, als der Page von einem zwischen Wallenstein und Arnim abgeschlossenen Waffenstillstände zu erzählen anfing. Davon hatte man bei seiner Abreise von Prag noch keine Silbe gewußt. Er behielt jedoch, nur seine Aufgabe verfolgend, seine Gedanken für sich. Am folgenden Morgen verließ er mit dem Pagen Reichenberg und ritt zu Arnim in das Feldlager hinaus. Da bekam er für die Behauptungen seines Begleiters einen eben so eigenthümlichen als vollständigen Beweis. Verschiedene Gruppen von höher« Offizieren, darunter Obersten und Hauptleute in den friedländischen Farben, kamen im kameradschaftlichsten Verkehr, theilweise sogar Arm in Arm, mit sächsischen Offizieren auf der Straße daher. Selkow traute seinen Augen kaum. Selbst der Abschluß eines Waffenstillstandes rechtfertigte nach seiner Anschauung eine solche Vertraulichkeit nicht. Arnim's Hauptquartier befand sich in einem hübschen Landhause. Der Hauptmann wurde daselbst sofort vorgelassen und übergab seinen Brief. Der Feldmarschall schien den Inhalt zu ahnen; schon bei der Empfangnahme spielte ein beifälliges Lächeln um seinen Mund. Er öffnete das Schreiben und las. Selkow stand unterdessen ehrerbietig zur Seite. Welcher Sturm würde jedoch sein Gemüth durchtobt haben, hätte er den Inhalt des verhängnißvollen Papieres gekannt! „Wenn der schwedische Reichskanzler", schrieb Wallenstein, „dem Obersten Holk einige Regimenter anvertrauen will, so wird der Herzog von Friedland dafür sechs Regimenter zu dem Feldmarschall Arnim stoßen lassen und mit dem andern Theil seines Heeres durch Böhmen nach Oesterreich Vordringen. Während dieser Bewegung wird Holk nach Bayern ziehen, um den Herzog Bernhard von Weimar zu unterstützen und dadurch den Marschall Horn in Stand zu setzen, die Spanier auS Deutschland zu vertreiben." Arnim wußte sich zu beherrschen. Keine Miene bekundete was in seinem Innern vorging. Er faltete das Schreiben zusammen und verwahrte es auf seiner Brust. Dann erhielt Georg die Weisung, sich zu entfernen, aber in der Nähe zu bleiben, um später zur Empfangnahme der Antwort verfügbar zu sein. Drei Stunden gab man ihm frei. Diesem Befehle entsprechend, verließ der Hauptmann das Haus. Vor ihm lag der weite Lagerplatz mit seinem Getümmel und verworrenen Lärm. So sehr des jungen Mannes Auge sich sonst an solch kriegerischen Bildern ergötzte, heute fühlte er sich durch das Treiben beengt. Plötzlich hemmte er den Schritt: auf Steinwurfweite gewahrte er in einer Kreuzung zweier Landstraßen die Akrobatenbude Leferrier's. Eine Flagge wehte oben auf der Spitze, aber diesesmal trug sie die sächsischen Farben. Die großen Plakat-Tafeln fehlten ebenfalls nicht, und auch das schimmernde Bild der Wahrsagerin war schon von weitem erkennbar. Der Franzose hatte sonach abermals die Rolle getauscht. Zwei Offiziere — friedländische, wie ihre Farbe verrieth — traten eben heraus. Georg betrachtete sie. Auch die Beiden richteten ihre Blicke auf ihn, aber nur einen Augenblick, dann wandten sie sich schnell ab und schlugen einen Seitenweg ein. Georg hatte den Einen sofort erkannt: es war Martin Kametsch. Auch die Gestalt des Andern, den Martin in auffallender Hast fortgedrängt hatte, rief in ihm eine dunkle Erinnerung wach. Schon stand er im Begriff, weiter zu gehen, da tauchte der gleiche Offizier abermals ganz in seiner Nähe ohne Martin in einer Gruppe sächsischer Mannschaften auf. Er fixirte ihn scharf, und diesmal war er glücklicher. „Fritz Donald," rief er in seiner lleberraschung so laut, daß dieser ihn trotz dem Getümmel hören wußte Der Wachtmeister hatte zwar den rothen Vollbart entfernt; seine Augen jedoch, welche man schwerlich bei einem Andern ähnlich wieder fand, wurden zum Ver- räther an ihm. Wie war das möglich? Der gebrand- markte Ausreißer als Kapitän-Lieutenant in einem Regi- mente Octavio Piccolomini's, des Busenfreundes und Vertrauten des Herrn? 102 Ein neues Räthsel! Um sich Gewißheit zu verschaffen, drängte Georg sich in die Soldatengruppe hinein, wo er Donald erblickt hatte; doch der Gesuchte war verschwunden, er sah ihn nicht mehr. In diesem Augenblick erschien die Musikbande auf der Estrade der Bude und begann ihr ohrenzerreißendes Concert. Der Harlekin — diescsmal nicht Leferrier selbst — trat vor und sprach den üblichen Prolog. Georg glaubte das liebliche Gesicht Marion's auf einige Sekunden durch eine Spalte des Vorhanges gesehen zu haben. Nasch trat er ein. Er fand das hübsche Cabinet schon von mehreren Offizieren besetzt. Das Glöcklein ertönte, und Marion kam. Als ihr Blick auf den Hauptmann fiel, begann die zarte Gestalt zu zittern, und eine tiefe Blässe überzog das schöne Gesicht. Zwei Offiziere fertigte sie kurz ab, dann winkte sie Georg heran, ergriff schnell ein Blatt Papier und schrieb, nachdem sie sich scheu umgesehen, einige Worte darauf. Als sie ihm das Zettelchen reichte, sprach sie kein Wort, aber in den großen Augen dagegen lag ein Ausdruck, der dem jungen Manne wie eine Warnung erschien. Er fühlte den leisen Druck ihrer Hand; als er sie jedoch anreden wollte, legte sie den Finger mit einem bezeichnenden Wink aus den Mund. Er verstand sie und schwieg. Mittlerweile hatte sich die Bude gefüllt. Es gelang ihm, noch einen flüchtigen Blick von Marion zu erhäschen, dann begab er sich wieder hinaus. In begreiflicher Spannung entfaltete er hier den Zettel und las: „Nehmt Euch in Acht! Ihr seid von Feinden und Spionen umringt! So Ihr etwas Wichtiges bei Euch führet, verwahrt es gut. Verrathet mich nicht!" Aus den wenigen Zeilen ging deutlich hervor, daß die Schreiberin Kenntniß von seiner geheimen Sendung besaß. Aber woher? Sollte in der That eine geheime Kraft existiren, die sein Geschick mit der Person dieses Mädchens verband? Georg war trotz seinem hellen Kopf ein Kind seiner Zeit. Die ganze Umgebung, in welcher er lebte, war mit dem Glauben an solche geheime Beziehungen und Gewalten erfüllt, und die Anschauungen des Herzogs, den er fast wie einen Halbgott verehrte, blieben nicht ohne Wirkung auf ihn. Indessen war die gestattete Frist abgelaufen, und der Hauptmann eilte in das Landhaus zurück. Der Page erwartete ihn, und er wurde ohne Verzug zu Arnim geführt. Dieser nahm ein auf dem Tische liegendes Schreiben und gab es ihm in die Hand. „Ihr brechet", sagte er, „von diesem Zimmer aus nach Reichenberg auf, verlasset den Gasthof Zu den Zwölf Aposteln, wo Ihr über Nacht bleiben werdet, heute nicht mehr und machet Euch morgen mit Tagesanbruch nach Prag auf den Weg. Diesen Brief werdet Ihr wohl verwahren, und sobald Ihr in dem Lager des Herzogs ankommt, bestellen, ehe Ihr Euch einen Trunk oder eine Speise vergönnt. Verhütet ja, daß ein fremdes Auge ihn sehe und noch mehr, daß er in unrechte Hände gelange. Eher vernichtet Ihr ihn und bringt Euerm Herrn für diesen Fall die mündliche Botschaft: Gegen entsprechende Garantien sei alles bereit. Ich verpflichte Euch bei Euerem Ehrenworte, auch diese Worte keinem Menschen zu sagen, als dem Herzog von Friedland. Georg hatte sich nachgerade an das Außerordentliche so sehr gewöhnt, daß er über diese Anweisungen des Feldmarschalls kaum mehr in Erstaunen gerieth. Er verbarg den Brief im Koller, gab sein Ehrenwort und verließ das Gemach. Es war noch nicht spät, und der junge Mann wäre gar zu gern, um sich Aufklärung zu holen, noch einmal nach der Bude des Franzosen geeilt; aber der Befehl Arnim's lautete so bestimmt, daß ihm das Pflichtgefühl irgend eine Deutung zu seinen Gunsten verbot. So ritt er denn Reichenberg zu und suchte seine Herberge auf. Die untern Gelasse in den „Zwölf Aposteln" waren mit zechenden Soldaten gefüllt. Das geräuschvolle Treiben paßte ihm nicht; das Haus zu verlassen, war ihm verboten; deshalb zog er sich auf sein Zimmer zurück. Hier warf er sich auf's Bett und dachte über die letzten Erlebnisse nach. Eine halbe Stunde mochte vergangen sein, als er durch halblaute Stimmen, die aus dem anstoßenden Zimmer kamen, aus seinem Sinnen geweckt wurde. Anfangs schenkte er dem Gespräch keine Beachtung; den Lauscher zu machen, war ohnehin seine Art nicht. Da drangen jedoch Worte und Namen zu ihm herüber, die unwillkürlich ein wachsendes Interesse an der Unterhaltung in ihm erregten. „Der Herzog", hörte er sagen, „zögert zwar noch, er ist jedoch entschlossen. Er hat sich bei mir wiederholt über die lange Dauer des Krieges bekkagt und die Nothwendigkeit eines baldigen Friedens betont. Er meinte, man müsse sowohl die Liga als den Kaiser dazu zwingen, wenn die Anwendung anderer Mittel nicht hinreichend sei. Wer sollte dies thun? Mein Herr Vetter ist zwar zu schlau, um seine geheimsten Gedanken zu verrathen; allein ich fühlte doch zwischen seinen Worten recht gut heraus, daß er auf die Gefahr eines Bruches mit dem Kaiser hin der Rolle eines Friedensstifters nicht abgeneigt ist. Zudem weiß ich bestimmt, daß er Ferdinand wegen seiner Absetzung immer noch grollt." „Sie mögen Recht haben, Herr Graf", wurde ihm mit etwas fremdländischem Accent erwidert. „Schon bei der Uebernahme des zweiten Generalats durch Wallen- stein, da dieser dem Kaiser unerhörte Bedingungen ab- drang, hat Richelieu's weitblickender Geist erkannt, daß der Herzog selbstsüchtige Absichten verfolge. Solche Forderungen stellt kein Privatmann, sondern ein Landesherr und selbstständiger Bundesgenosse. Unser Hof ist bei der Sache in hohem Grad interessirt, und ich will Ihnen mit der Bitte, es den Herzog wissen zu lassen, gestehen, daß ich von König Ludwig den Auftrag erhielt, Wallen- stein nicht nur des Wohlwollens meines Monarchen, sondern auch der Hilfe Frankreichs zu versichern, um ihm die Krone Böhmens und noch mehr zu verschaffen, wenn er zum Frieden im Reich und der Christenheit, zur Erhaltung der Religion und öffentlichen Freiheit beitragen wolle. Der so plötzlich mit Arnim abgeschlossene Waffenstillstand hat ohne Zweifel keinen andern Zweck, als Wallenstein die Unterstützung Sachsens für seine geheimen Pläne zu sichern, mag dieser auch hundertmal vorgeben, er wolle dadurch die Kurhäuser Sachsen und Brandenburg von den Schweden trennen und durch einen Separatfrieden auf die Seite des Kaisers ziehen. Die Anwesenheit so vieler friedländischer Offiziere im sächsi^chenLager widerspricht diesem Vorgeben zwar nicht; aber sie ist doch zu auffallend und überdies so rasch und so augenfällig veranstaltet worden, daß dadurch sicherlich nur ein anderes geheimes Spiel verdeckt werden soll, um so mehr, als über die gut kaiserliche Gesinnung 103 all dieser Offiziere kein Zweifel besteht. Es sind lauter ^ Scheinmanöver, mit denen der Herzog nicht nur den Wiener Hof, sondern, wie ich fast fürchte, auch noch andere / Leute zu täuschen versucht." Damit brach das laute Gespräch ab. Georg ver- ^ nahm nur noch unverständliche Laute und dann verhallende Schritte. Georg war im höchsten Grade bestürzt. Nun lag ja der Schlüssel zu all den Räthseln in seiner Hand: der Herzog von Friedland ein Verräther an seinem Kaiser und Herrn! Aus den Bemerkungen des zuletzt Sprechenden hatte der Hauptmann den französischen Sendling erkannt. Daß ^ Richelieu unablässig darauf hinarbeitete. Zank und Hader zu schüren, um nach Erschöpfung der Streiter ohne große Mühe die Beute einzusacken, hatte Deutschland oft genug Dann aber trug sein Vertrauen zu dem Pflichtbewußtsein des geliebten Wohlthäters den Sieg über alle Bedenken und Zweifel davon. „Nein", rief sein treues Herz, „nimmermehr! Der Herzog ist kein Verräther! Als ob man nicht wüßte, was es heißt, wenn der König von Frankreich Deutschland den Frieden, der Christenheit die Einheit und der Welt die Freiheit verspricht! Für seine ränkevollen Anschläge möchte er das Glück und die Macht des großen Feldherrn benützen; aber dazu gibt sich der Herzog von Friedland nicht her. Er braucht vielleicht ungewöhnliche Mittel für seinen Zweck: aber die Bahn zu großen Zielen führt ja oft über Abgründe weg. Mögen Wallenstein's Bestrebungen Uebel- wollendcn oder Verzagten verdächtig erscheinen — ich bleibe fest!" Er stand auf und begab sich in der Erwartung, MM ! . ! UM i >' WW Thtnestsche Mädchenschule. Nach einer Photographie. zu seinem Schaden erfahren. Und Wallenstein, den er als den Schutzgeist des Kaisers betrachtet, sollte zur Unterstützung eines solch' ruchlosen Spiels fähig sein? Der Franzose hatte den andern Graf und dieser den Herzog Vetter genannt. Es war ohne Zweifel Graf Kinsky, der Schwager Terzky's, des Gemahls der Schwester der zweiten Frau Wallenstein's. Mit Kinsky hatte jedoch der Herzog anscheinend niemals auf dem besten Fuße gelebt. Woher sollte dieser Mann Geheimnisse kennen, die jener, wenn sie je bestanden, ganz gewiß vor jedem unzuverlässigen Ohr auf's strengste verbarg? Aber der unerwartete Waffenstillstand, der freundschaftliche Verkehr friedländischer Offiziere im feindlichen Lager, seine eigene geheimnißvolle Sendung? — schien nicht alles eine Bestätigung dessen zu sein, was er soeben gehört hatte? — Quälende Gedanken durchwagten Georg's Gemüth. die Herren zu treffen, in die Wirthschafisräume hinab. Er täuschte sich nicht. Graf Kinsky war ihm persönlich bekannt, und den Namen des Franzosen erfuhr er durch den Wirth. Es war der französische Gesandte Marquis von Feuquieres. Die Beiden unterhielten sich lebhaft mit einem Dritten in dem Zimmer, das an die Gaststube stieß. Georg beobachtete sie. Was sie sprachen, hörte er nicht. Da wandte der Letztere, welcher ihm den Rücken zukehrte, den Kopf. Vor Ueberraschung fuhr der Hauptmann von seinem Stuhle empor: der Mann, welcher mit den hohen Herren so zwanglos verkehrte, war Leferrter, der Akrobat. (Fortsetzung folgt.) 104 Venezuela unter der Familie Welser. Von Professor Dr. Arthur Kleinschnridt (Heidelberg). (Fortsetzung.) Die furchtbaren Schilderungen, welche Bartolomö de Las Casas von den Mißhandlungen der Indianer durch Ambrosius und die Seinen entworfen hat, sind übertrieben; sie wurden in Venezuela nicht schlechter behandelt als anderwärts. Eine Empörung gegen den Gouverneur Ambrosius mißlang zwar, doch zwangen ihn der Widerstand der Bergvölker und Nahrungsnoth zur Rückkehr nach Coro, wo man nichts mehr von ihm wußte. Sein Stellvertreter in Coro, Luis Sarmiento, hatte sich mißbeliebt gemacht, Unordnung war eingerissen, und die Lage verschlimmerte sich bedenklich, seit Ambrosius' Bruder Georg Ehtnger, ein hochfahrender Abenteurer, mit 150 neuen Kolonisten im März 1530 bei Paraguana gelandet war, um, gestützt auf den Belehnungsvertrag von 1528, die Herrschaft an sich zu reißen; die Spanier, die an Ambrosius übergenug hatten, wollten nicht noch Georg dazu haben, es brachen Tumulte aus, die königlichen Beamten und Stadträthe führten ihre Autorität durch, und Georg mußte Coro verlassen. Da erschienen plötzlich, direkt von Sevilla kommend, am 18. April vor Coro drei Schiffe mit 500 Kolonisten, und der sie befehligende Hans Seißenhofer brachte eine förmliche Bestallung durch die Weiser, die Ambrosius für todt hielten, als Gouverneur von Venezuela mit; er enthob Sarmiento seines Amts, ließ sich huldigen und besetzte die meisten wichtigen Aemter mit Deutschen. Nikolaus Federmann aus Ulm ernannte er zum Vizegouverneur. Und doch warSeißen- hofers Bestallung ungesetzlich, da der Vertrag von 1528 noch galt und die Welser nicht berechtigt waren; nur im Namen Ehinger's und Sailer's wurden ja alle Angelegenheiten in Venezuela betrieben. Die Welser betrachteten aber diese als ihre Untergebenen, die ihre Vollmachten eigenmächtig ausgelegt und überschritten hatten, und wollten darum Ambrosius durch Seißenhofer ablösen. Ambrosius ließ sich nicht so leicht beseitigen; sobald er wn den Zwisten in Coro und von seiner bedrohten Stellung unterrichtet war, eilte er spornstreichs aus der Wildniß herbei; obwohl fieberkrank, hielt er am 3. Mai feierlichen Einzug in Coro und veranlaßte Seißenhofer zum Verzichte auf seinen Posten, während er sich bereit erklärte, selbst nach Sän Domingo zu gehen und die Differenzen mit dem Welser'schen Faktor daselbst, Seb. Rentz, zu begleichen, denn dieser stand über der Regentschaft und hatte wieder über sich den Welser'schen Agenten am spanischen Hofe. Mit den königlichen Beamten gerieth Ambrosius von Neuem in heftigen Hader; er lieferte der Krone ihren Antheil an der nicht eben großen Beute in Maracaibo nicht aus, bereicherte vielmehr sich und einige Genossen und sandte den Rest an die Weiser; im Widersprüche mit dem Vertrage handelte er mit den ein- und abgehenden Waaren, verkaufte Lebensmittel und Sklaven, ohne Zoll zu zahlen, und fand, weil die Welser allein den Schifffahrtsverkehr nach und von Venezuela vermitteln durften, tausend Gelegenheiten, der Krone bedeutende Summen zu hinterziehen; die Beamten führten am spanischen Hofe bittere Klagen gegen Ambrosius, ihre Briefe aber wurden von den Welser'schen Agenten auf den Welser'schen Schiffen gelesen und unterschlagen, und nur eine Anklageschrift gelangte an ihr Ziel. Wirklich ging ging Ambrosius im Juli 1530 nach Sän Domingo, Federmann sollte ihn in Coro vertreten, trat aber trotz ausdrücklichen Verbotes einen völlig zwecklosen Entdeckungszug in's Innere an, von dem er im März 1531 zurückkehrte, ohne N Ooraäo gefunden zu haben; seiner eigenen, höchst gefärbten Schilderung dieser Expedition, die er als „Indianische Historia" (Hagenau 1557) herausgab, ist nicht zu trauen. Ambrosius verständigte sich in Sän Domingo rasch mit Rentz und mag wohl den Welser große Summen zugewiesen haben, denn er konnte, in seiner Autorität bestärkt und mit ansehnlichen Mitteln ausgestattet, beruhigt nach Coro zurückkehren. Hier erfuhr er von Federmann's Expedition, begnügte sich aber mit der Bestrafung dieses Mannes durch kurzen Arrest, und Federmann kehrte 1532 nach Augsburg heim. Ambrosius glaubte, wie er, im Westen der Kolonie, in Maracaibo, liege deren Zukunft, und beschloß einen neuen Zug dahin. Er sammelte ein waffentüchtigcs Corps, nahm die spanischen Beamten mit, damit sie in Coro keinen Unfrieden erregen möchten, übertrug seine Vertretung daselbst dem ihm innig befreundeten Bartoloms de Santillana und verließ Coro am 9. Juni 1531; in Maracaibo fand er Zuzug von Kolonisten. Er zog durch das Gebirgsland der Buburer und Bureder, fand auch bei ihnen kein Gold und stieg im December in das Eupari- Thal nieder, von dessen Wundern die Sage ging; aus dem Thale des Rancheria ging er in das des Zesare, und die reichen Pacabueyer lieferten ihm Gold im Werthe von 20,000 Castellanos aus; nach einem Treffen mit den Arhuacoern schickte er eine Abtheilung unter Vascuna mit 30,000 Goldpesos nach Coro zurück, um das Gold in Sicherheit zu bringen und Nachschub an Mannschaft zu holen, Vascuna aber verunglückte mit fast allen Leuten auf dem Wege, und das Geld war mit ihnen verloren. Mittlerweile rückte Ambrosius am Jiriri-Fluß weiter, wartete vergebens auf Vascunas Rückkehr und schickte schließlich, um ihn aufzusuchen, Leute unter Esteban Martin im Juni 1532 nach Maracaibo ab; er rekognos- cirte die Umgegend und machte reiche Beute bei den Indianern. Da stieß Martin mit 82 Mann Ersatz im Herbste in Zanico zu ihm und brachte schlimme Nachrichten mit; er meldete nicht nur den Untergang der Expedition Vascunas, sondern auch, die Welser hätten alle Rechte der Ehinger und Sailers auf sich übertragen lassen; Ambrosius war somit seiner eigenen Herrschaftsrechte beraubt und vom guten Willen der Welser abhängig; für sie wollte er keine weiteren Opfer bringen und trat darum am 5. Oktober den Rückzug an, obwohl die nach Beute gierenden Theilnehmer des Zuges laut murrten, ja sie tumultuirten und forderten Vertheilung der bisher gemachten Beute und Vorrücken, Ambrosius aber brachte den Tumult zum Schweigen und machte ihnen nur das Zugeständniß, er wolle auf einem neuen Wege nach Coro zurückkehren. Auf diesem begegnete er Entbehrungen ohne Zahl, mußte beständig mit den Eingeborenen kämpfen und verlor viele Leute; er überstieg noch den Kamm der Anden, wurde aber von den Chitarerern überfallen, ein vergifteter Pfeil traf ihn unter der Kehle, und er starb nach viertägigem Leiden in dem verlassenen Dorfe China- cota, wo er begraben ist. Sein Tod erwies sich als ver- hängnißvoll für das ganze Unternehmen in Venezuela; Ambrosius hatte zwar ein rücksichtsloses, hartes und habsüchtiges Regiment geführt und sich viele Feinde gemacht, war aber doch ein kräftiger Herr gewesen, der den deutschen Vortheil im Auge hatte und obwohl meist von Spaniern umgeben, den spanischen Beamten harte Nüsse zu knacken 105 gab. Die des Führers beraubte Expedition wühlte zu« Generalkapitän einen von diesen, Pedro de Sän Martin, und dieser willigte sofort in die Vertheilung der gemachten übrig geblieben und zu einer halben Rolhhaul geworden war, erlangte durch ihn freundliche Aufnahme bei den Pemenern, ja sogar Goldgeschcnke, fand in Mapaure am WU Beute, nur einen Theil hob er den Weiser auf. In leidlicher Ordnung konnte-^er so den Rückzug fortsetzen, wenn auchIunter schweren"Entbehrungen; unterwegs begegnete er dem Einzigen, der von Vascuna's Expedition 29. August 1533 vierzig Landsleute aus Maracaibo und erreichte Coro am 2. November mit etwa hundert Mann. In Coro stieß er auf anarchische Zustände; des Ambrosius Feinde behaupteten, mit seinem Tode sei auch die Voll- GSnseliesrt als Modell. Nach dem Gemälde von Hugo Oehmichen. Photographie und Verlag von Franz Hansstaengl in München. 106 macht seines Stellvertreters, des strengen Santillana, erloschen; man setzte Santillana ab, verhaftete ihn und bedrohte unter wilden Verleumdungen sein Leben. Sän Martin trat in den Besitz der Gewalt, während der Welser'sche Faktor, für seine Schätze bangend, dem in Sän Domingo über die Unordnung berichtete. In Europa hat sich unterdessen die rechtliche Stellung des Unternehmens wesentlich verändert. Im Juni 1530 war Karl V. zum Reichstage nach Augsburg gegangen und bei Fugger abgestiegen; er blieb bis Ende November und traf mancherlei Abmachungen wegen Geld mit Fugger und Weiser, den Banquiers aller Potentaten. Ihm wurde auch ein Gesuch des Heinrich Ehinger und Hteronymus Sailer, der mit Venezuela 1528 Belehnten, die niemals dorthin gegangen waren, unterbreitet; sie erklärten, der Vertrag von 1528 und alle ihre Abmachungen mit der spanischen Regierung seien nur im Auftrage von Bartholmä Weiser und seiner Gesellschaft von ihnen abgeschlossen worden, und baten, diese Rechte auf die Weiser selbst zu übertragen. Der Kaiser willigte gerne ein, forderte Namhaftmachung zweier Personen aus der Weiser-Gesellschaft zum Zwecke der Belehnung, und die Weiser baten, beide Häupter derselben, Bartholmä und Anton, mit den Hoheitsrechten zu belehnen. Am 20. November ertheilte der Kaiser in diesem Sinne Befehl an den bei seiner mit der Regentschaft betrauten Gemahlin tagenden Indien-Rath, und am 17. Februar 1531 erließ die Regentin ein Dokument, wodurch die beiden Weiser in alle Heinrich Ehinger und Sailer verliehenen Rechte, Privilegien und Bestimmungen des Vertrags von 1528 einrückten; Häbler fand eine Abschrift davon im Britischen Museum. Von da an erscheinen in den Urkunden wegen Venezuela Bartholmä und Anton Weiser oder ihr späterer Agent am spanischen Hose, Sebastian Rodriguez; auf ihre Empfehlung hin bestätigte Karl V. Ambrosius Ehinger durch Dekrete vom 17. Februar und 4. April 1531 als Statthalter (Regent) und Feldhauptmann. Auf die Vorstellungen des Ambrosius hin bestimmte die Krone am 10. Mai 1531, vorerst dürfe das Recht der Deutschen, feindselige Indianer zu Sklaven zu machen, nicht verkürzt werden, doch untersagte sie unbedingt die Ausfuhr von Sklaven aus Venezuela; die Jndianerfrage beschäftigte den Indien- Rath sehr, zumal die Indianer in anderen Kolonien an Zahl rasch abnahmen. In Coro wurde ein Bisthum gegründet, Rodrigo de Bastidas im Juli 1532 Bischof, „Beschützer und Vertheidiger der Indianer", über deren Wohl er wachen sollte. Immer wieder beklagten sich die Deutschen über unbefugte Einmischung der Beamten in ihre Angelegenheiten und am 8. Oktober 1529 erließ die spanische Regierung zu ihren Gunsten ein Verbot, wonach Niemand sonst nach Venezuela Handel treiben, Beute und Sklavenzüge unternehmen dürfte; späterhin gestattete sie den Welser'schen Gouverneuren, alle unbefugt nach Venezuela kommenden oder verdächtigen Personen auszuweisen, respektive nicht ins Land zu lassen. Die Weiser, welche daheim das Monopolwesen im gehässigsten Umfange betrieben und als „Großwucherer und Schinder" ihre Truhen füllten, wußten sich auch in Venezuela das Handelsmonopol zu verschaffen; sie ließen öffentlich allen fremden Händlern und Schiffen die Fahrt dorthin untersagen, brachten die Versorgung Venezuelas, die Verbindung dieser Kolonie mit anderen und mit Spanien ausschließlich in ihre Hände, setzten für alle Artikel riesige Preise fest, und die Krone bestätigte diese ganze Monopolwirthschaft am 19. Juli 1534. Am 17. Februar 1531 erlangten sie große Zugeständnisse für den Salzhandel in Venezuela, und am 4. April des gleichen Jahres gestattete ihnen die Regentin alle Erträge aus Venezuela ungehindert unter Zahlung der gesetzlichen Abgaben na.ch allen Theilen der neuen Welt auszuführen, nach Spanien herüberzubringen und zu verwerthen; nur mußten sie dem Indien-Rathe in Sevilla Proben der betreffenden Produkte vorlegen. Natürlich monopolifirten sie auf diese Weise Ein- und Ausfuhr nach Venezuela ; an die Beschränkungen banden sie sich nie, und der Krone waren sie durch ihre Darlehen so unentbehrlich, daß die Regentin am 17. Februar 1531 auf Klagen ihrer Beamten entschied: „Ich halte die Weiser für unsere getreuen Diener und befehle Euch, sie und ihre Vertreter demgemäß zu behandeln und mit ihnen das beste Einvernehmen aufrecht zu erhalten." Welche dauernde Machtstellung konnten sich die Weiser über dem Ocean sichern, wenn sie sich mit dem Gerichtshöfe, der Audiencia in Sän Domingo, der Zwi- scheninstanz zwischen Gouverneur und Indien-Rath, gut stellten! Das aber haben sie von Anfang an nicht gethan; der Gouverneur umging die Audiencia, wo er konnte, verkehrte direkt mit dem Indien-Rathe und suchte der Audiencia jeden Einfluß auf Verwaltung und Justiz in der Kolonie zu nehmen. Sobald der Tod des Ambrosius bekannt worden, erklärte nun die beleidigte Audiencia den Vertrag von 1528 eigenmächtig für erloschen und erlaubte mehreren Spaniern sich Rechte und Erträgnisse in Venezuela anzueignen, worauf die Weiser mit heftigen Klagen antworteten. Der Indien-Rath hatte den neuen Bischof Bastidas von Coro beauftragt, schleunig von Sän Domingo nach Venezuela zu gehen und die nach Ambrosius Tod eingerissene Unordnung zu schlichten; zugleich wurde Bastidas zum Gouverneur ernannt, und im Juni 1534 erschien er in Coro; er trat versöhnlich auf, setzte Santillana in Freiheit, bestrafte einige der tollsten Ruhestörer und ernannte, als er nach Sän Domingo zurückkehrte, Alonso Vasquez de Acuna zu seinem Stellvertreter in-der Regentschaft. Von einer spanischen Regentschaft in ihrem Venezuela wollten die Weiser jedoch nichts wissen. Nikolaus Federmann hatte sie seit 1532, wo er mit Rentz nach Augsburg gekommen war, bearbeitet, den Reichthum Venezuelas und seine Verdienste ihnen gerühmt und durch sein sicheres Auftreten Vorschüsse M einer neuen Expedition erhalten; die Weiser ernannten ihn zum Gouverneur, und der König von Spanien bestätigte ihn am 19. Juli 1533 unter großen Zugeständnissen, worauf er nach Sevilla eilte, um seine Expedition auszurüsten. (Schluß folgt.) -- I l l e r b e r g. Mit Bild.) I Nachdruck «erboten.l Ueber dem westlichen Abhänge des Höhenrückens, der rechts der Jller zum Donauthale hinabzieht, blickt 2 Stunden unterhalb Jllertissens ein Dorf mit einem schlanken Kirchthurm ins schöne Jllerthal. Es ist Jller- berg, dem die Jller und der fruchtbare Berg, auf dem es sich erhebt, den Namen gab. Der Name Jllerberg klingt nicht sehr alterthümlich, 107 und auch die Urkunden lassen uns nicht tief in diej Vergangenheit des Ortes blicken. Der Umstand, daß der Pfarrer des nahen Pfarrdorfes Bähungen von den Pfarr- Aeckern von Jllerberg den Zehnt bezog und dieses niemals ein Widdumgut hatte, möchte uns fast glauben lassen, daß Jllerberg in alter Zeit eine Filiale von Vöhringen war, das schon im Jahre 1239 ein bedeutender Ort gewesen zu sein scheint. (Baumann, Geschichte des Allgäu, S. 595.) Jllerberg war seit dem frühesten Mittelalter eine Zugehörde der Grafschaft Wullenstetten, die auch das Patronatrecht besaß. Der erste Pfarrer von Jllerberg, der uns urkundlich begegnet, ist Heinrich Töpfer. Wie das noch vorhandene Saalbuch von Jllerberg besagt, hat Pfarrer Töpfer i. I. 1463 in einem alten Meßbuchs alles Einkommen der Kirche an liegenden Gütern, Ewigzinsen, Gilten rc. rc. aufgezeichnet und beschrieben. Da aber durch den Namenwechsel der Inhaber dieser Güter diese Beschreibung unklar und mangelhaft geworden war, ließ am 26. Juli 1550 der Pfarrer Joh. Gering von Jllerberg den kais. Notar Balth. Honold kommen, der nun auf Grund der Güterbeschreibung jenes alten Meßbuches mit dem Pfarrer Gering und den Heiltgenpfle- gern Mattheus Schmidt ^und HansWennklin eine neue Beschreibung alles „Heiltgen-Ein- kommens" aufzeichnete. So entstand das Jllerberger Saalbuch vom Jahre 1550. Unter demselben Pfarrer Töpfer, welcher die Kirchen- Einkünfte im Jahre 1463 beschrieben hatte, wurde auch 17 Jahre später das Saalbuch der Grafschaft Kirchberg im Jahre 1480 angefertigt, von dem ein Auszug vorhanden ist. Es ist angefertigt von dem Vogt des Herzogs Georg von Bayern in Kirchberg, Georg Westerna cher, wie er sich selbst in der Einleitung bezeichnet. Es ist darin bereits das Fcühmeßbenefizium von Jllerberg mit seinen Giltbezügen von 9 guten Höfen und Sölden in Grafertshofen erwähnt. Es erhellt daraus, daß die Grafschaft Kirchberg-Wullenstetten schon im Jahre 1480 in bayerischen Händen war, nicht erst uvno 1503, wie mehrere Chronisten glauben. Jllerberg war somit schon im Jahre 1480 bayerisch; da aber die Grafschaften Kirchberg und Weißenhorn nach Herzog Georgs Tod an den Kaiser zurückfielen, verpfändete dieser im Jahre 1507 die Grafschaften an die Fugger. So kam Jllerberg an die nachmaligen Grafen v. Fugger, die heute noch das Patronatrecht besitzen. Zur Zeit des Bauernkrieges im Jahre 1525 war Michael Hold „Vicarius" in Jllerberg. Als Ulm protestantisch wurde, ging er dorthin, wurde lutherisch und nahm ein Weib, wie der Chronist Thomann von Weißenhorn erzählt. Derselbe berichtet, daß im Jahre 1530 den 25. März eine große Feuersbrunst 17 Häuser in Jllerberg in Asche legte. Hold's Nachfolger, Pfarrer Johann Gering, welcher das Saalbuch anfertigen ließ, lebte noch im Jahre 1558. Die ununterbrochene Reihe der ihm folgenden Pfarrer läßt sich erst vom Jahre 1589 feststellen, in welcher Oktavian Fugger den Johann Frei präscntirte. Er war Dechant und versah die Pfarrei bis zum Jahre 1632. Nach seiner Beschreibung der Einkünfte vom Jahre 1623 bezog der Pfarrer den ganzen Groß- und Kleinzehnt von Jllerberg und der Filiale Emershofen, von allen Gärten Heugilt, auch einigen Zehnt zu Hirbishofen bet Pfaffenhofen. Die Lasten waren aber auch nicht gering. Er mußte der Herrschaft jährlich 130 st., dem Ordinariat 20 st. 20 kr. Canon und außer der Kirchweih noch 4 Mahlzeiten für 10 Personen veranstalten und an der Fastnacht allen Pfarrweibern Kücheln, „was das Haus vermag", geben und den Pfarr- hof baulich unterhalten. Als Decan Frei3.nno1632 rcsignirte, präsentste Graf Hans Ernst Fugger seinen Namensvetter I. Frei, der gleichfalls als Pfarrer und Decan durch den ganzen Schwedenkrieg bis zum Jahre 1649 der Pfarreivorstand u. noch Vöhringen pastorirte. Er starb am 15. November 1648. Ihm folgten Georg Würz (1649 bis 1660), Lor. Bader (1660—1680), .Andr. Winkler (1680—1711). Pfarrer Winkler begann im Jahre 1690 den Neubau der dem hl. Martin geweihten Pfarrkirche, welche im Jahre 1692 vollendet wurde. Er ließ in der neuen Kirche, die nicht mehr auf dem alten Grunde erbaut wurde, für sich und seine Nachfolger eine Grabstätte errichten. Winkler's Nachfolger, Carl Böller, war von 1711 bis 1762, also 51 Jahre lang, Pfarrer von Jllerberg, konnte daher hier sein 60jähriges Pfarrjubtläum feiern. Als er am 21. Dezember 1762 starb, präsentirte Graf Joh. Nep. Fugger den Frhrn. Casimir v. Hornstein (1763—1773) und nach dessen Tod am 4. August 1773 den Pfarrer von Buch Frz. Jgn. v. Ktrcher auf die Pfarrei. Die fette Zehntpfründe fand sogar noch vornehmere adelige Liebhaber. Graf Johann Nepomuk Fugger präsentirte nach dem Tode des Pfarrers Frhrn. von Hornstein den 14. Dez. 1773 seinen Sohn Philipp Nerius auf die erledigte Pfarrei Jllerberg. Die Sache r Jllerberg. F ° !> g » scheint aber beim Ordinariat „einen Haken gehabt zu haben". Der Graf präsentirte darum 3 Wochen später, am 5. Januar 1774, auch den Pfarrer Franz Jgnaz v. Kircher, aber nur als Vikar seines Sohnes. Er bemerkte in der Präsentationsurkunde ausdrücklich, daß er „nur aus besonderer Devotion gegen Se. Churfürstliche Durchlaucht" (Clem. Wenceslaus) gestatte, daß Herr von Kircher alle Einkünfte der Pfarrei beziehe; daß er aber alle Rechte seines Sohnes auf die Pfarrei vorbehalten müsse. Pfarrer v. Kircher starb schon nach zwei Jahren, und der Graf Joh. N. Fugger präsentirte am 28. Aug. 1776 den Pfarrer von Buch, Christoph von und zu Zwergern, auf die Pfarrei. Pfarrer v. Zwergern baute im Jahre 1782 den dermaligen Pfarrhof, der 4573 fl. 26 kr. und 4 Hl. kostete. Nachdem geistl. Rath und Decan v. Zwergern 47 Jahre die Pfarrei Jllerberg verwaltet hatte, starb er den 26. Juli 1830. Ihm folgten im Pfarramt Gregor Geiger (1830—1838), Gabriel Barthlme, bischöfl. geistl. Rath und Decan (1838—1872), Matthäus Raffler (1872), Georg Wanger (1891). Bei der Pfarrei besteht ein wahrscheinlich schon von den Graifen v. Ktrchberg-Wullenstetten gestiftetes Früh- meßbenefiztum, dessen Haus im Jahre 1763 um 1566 fl. neu erbaut wurde. Wie wir oben bemerkt haben, erwähnte schon das Saalbuch des Herzogs Georg von Bayern vom Jahre 1460 dieses Frühmeßbenefizium, das im vorigen Jahrhundert mit der Pfarrei Jllerzell unirt wurde. Zur Pfarrei Jllerberg gehören die Filialen Thal (eigentlich der untere Theil des Pfarrdorfes Jllerberg) und das Dorf Emershofen, wo seit neuerer Zeit ein Kurat- und Schulbenefizium errichtet wurde. Emershofen gehörte im Mittelalter dem Ritter Burkhart von Ellerbach, welcher im Jahre 1366 dem Hans Ehinger von Ulm 1 Hof und 4 Sölden in Emershofen verkaufte. Mit den Güten dieser 5 Güter stifteten Hans und Wilhelm Ehinger im Jahre 1410 ein Meßbenefizium im Prediger-Kloster zu Ulm. Der Inhaber dieses Bene- fiziums hatte alle ziemlich starken Güten jener 5 Hofgüter zu beziehen, mußte aber jedes Jahr am Weihnachtstag jedem Armen im Ulmer Spital „ein neues Kübelin kaufen" und zu Ehren der hl. 3 Könige in jedes Kübelin eine halbe Maß „Neggerwein" thun — „nicht vom Besten, aber auch nicht vom Oergisten, sondern also, daß er bei der mitlen weyß bleiben soll", wie es in der Stiftungsurkunde heißt. Als die Ehinger protestantisch wurden und ihre eigene Meßstiftung eingezogen wurde, wurden im Jahre 1617 die 5 Güthöfe und Sölden in Emershofen an die Herren v. Vöhlin in Jllertifsen verkauft. Die Pfarrei Jllerberg zählt heute ohne Emershofen circa 800 Seelen und ist dem Bezirksamt Neu- Ulm zugetheilt. -SÄMLS--- Zu unseren Bildern Chinesische Mädchenschule. Es gibt kaum ein anderes Land, wo besser als in China für den ersten Unterricht der Kinder, selbst der aus den ärmsten und niedrigsten Familien, gesorgt wäre. Daher kommt es auch, daß die Prozentzahl derer, die etwas lesen, schreiben und rechnen können, daselbst sehr groß ist; doch ist die gewaltige Anzahl der Schriftzeichen — für jeden Begriff ist ein besonderes Zeichen vorhanden — ein Hinderniß, und es giebt schwerlich einen, der sie alle innehat. Das Ünterrichtswesen ist in der Weise ausgebildet, daß jede Provinz einen von dem Gouverneur derselben unabhängigen Generalstudienrektor besitzt, unter dessen Ressort alle Lehranstalten der betreffenden Provinz mit ihrem Lehrer- und Sclmlerpersonal gehören. Dieser Lehranstalten hat jede- Bezirks- oder Kreisstadt mindestens eine. Außer den Staatsschulen befinden sich allenthalben, selbst in kleinsten Flecken und Dörfern, entweder von den Gemeinden unterhaltene Volksschulen, oder es wird durch Privatlehrer Elementarunterricht ertheilt. Ueber das Altherkömmliche freilich erstreckt sick der Unterricht kaum. Nach dem Elementarunterricht gehen diejenigen, welche nach einer höheren Geistesbildung und späteren Anstellung im Staatsdienste streben, in die Jedermann ohne Unterschied des Ranges und Reichthums zugänglichen öffentlichen Lehranstalten über. Anspruch auf Staatsdienst erlangt man durch das Bestehen zweier Prüfungen, die in der Provinz am Orte der Lehranstalt abgehalten werden. Einer dritten Hauptprüfung, die alle 3 Jahre einmal in Peking abgehalten wird, unterziehen sich jene Studirenden, welche die Würde eines Tsinschi oder „vorgerückten Gelehrten", in der Bedeutung etwa dem Doktortitel der abendländischen Universitäten entsprechend, erwerben wollen. Enthalten die Prüfungshöfe in den Provinzen mehrere tausend schmale Hütten, in denen die Prüflinge mehrere Tage und Nächte eingesperrt leben müssen, so ist das mit der höchsten Stufe des Uan-lin oder „Pinselwald" anders, da die betreffende Prüfung in der kaiserlichen Hofburg stattfindet. Obwohl die Inhaber dieser Würde theilweise im Uan-Iin-jüon (der Akademie) Verwendung finden, so sind sie doch auch anderwärts in hohen Aemtern anzutreffen. Den höheren und mittleren Schulen widmet sich in China nur die männliche Jugend; für Mädchen läßt man den Besuch der Elementarschule genügen, in welcher übrigens die Trennung der Geschlechter streng durchgeführt ist. Für Mädchen der vornehmeren Stände hat man besondere Privatschulen, wie wir eine solche auf unserem Bilde vor uns sehen. Die Kinder, deren Füßchen in hölzernen, das Wachsthum verhindernden Futteralen stecken — ein unnatürlich kleiner Fuß gilt als die schönste Zierde der chinesischen Frau — sitzen an getrennten Pulten auf hohen Rohrstühlen ohne Lehne, den Rücken der beaufsichtigenden Lehrerin zugewandt. Zum Schreiben bedient man sich, wie im Leben, so auch in der Schule, des Tuschpinsels, mit-welchem die Schriftzüge nicht in Wagerechten, sondern in senkrechten Reihen auf das Papier gemalt werden. Gänjeltelel als Modell. Ein fremder Herr kam durch das Turf gegangen, und als er der Gänseliesel begegnete, die mit ihren schnatternden Schützlingen gerade auf die große Gemeindewiese hinausziehen wollte, da nahm er die Kleine mit dem sonnverbrannten, entschlossenen Gesichtchen, den schwarzen Ringellocken und den schelmischen Gluthaugen bei der Hand und fragte gar freundlich, ob sie nicht ein halbes Stündlein für ihn übrig habe, damit er sie in sein Skizzenbuch einzeichnen könne. Die Gänseliesel verstand nicht recht, was der Herr damit meinte, auch wollte sie ihre Schützlinge, die bereits gackernd die Hälse reckten und die Köpfe verdrehten, auch mit den gelben Schnäbeln an der Hose des Fremden herumzupften, nicht gerne allein lassen. Als aber der freundliche Herr eine große Dute voll Zuckerbonbons in Aussicht stellte, da überwog der zu erwartende Genuß alle anderen Bedenken, sie vertraute ihre stattliche Gänseheerde prcvisorisch der Obhut ihres Schulkameraden, des kleinen Michel, an, der mit dem Finger im Munde neugierig in der Nähe stand, und führte den Herrn Maler nach dem Hause ihrer Großeltern, denn Eltern hatte die Gänseliesel nicht mehr. Dort mußte sie sich an die Bank stellen und ganz still stehen bleiben, während der fremde Herr mit Bleistift und Pinsel in dem großen Buch herumarbeitete, das er auf den Knieen hielt, und nur ab und zu scharf nach ihr herüber schaute. Der gute Großvater uud die liebe Großmutter hatten ihre helle Freude an dem hübschen Bildchen, das unter der geschickten Hand des Malers entstand und dessen vortreffliche Nachbildung wir heute unseren Lesern vorzuführen in der Lage find. Die Liefet aber bekam ihre versprochene große Düte voll Zuckerkram, und sie war großmüthig genug, auch ihre Kameraden davon kosten zu lassen, obwohl dieselben während der „Sitzung" außen am Fenster gestanden und sie ausgelacht hatten.