X cd Arger M 15. Areitag» den 21. Februar 1896. Kür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas Ä Grabherr in Augsburg (Vorbesitzcr vr. Max Huttler). FastettzeLt. Sh. v. E. m, so. Kennst Du den höchsten Schmuck im Christenleben? Er glänzet in der Seele tiefem Grund, Nicht jedem Erdenkind ward er gegeben Und auf dem Markte wird er selten kund; Entsagung heißt das herrlichste Geschmeide An unserm schwer erkauften Tugendkleide, Ritzt auch sein Dorn die Seele todeswund. Wo ein Gemüt mit stillem Leid entsaget Und aufwärts das bcthränte Auge hebt. In seinem Grame nur den Nächten klaget. Beim hellen Lichte froh mit Frohen lebt. Da steigt ein Seraph oft vom Himmel nieder Und bringet den verlor'nen Frieden wieder. Daß es in heiligen Schauern weint und bebt. Auf solchem Pfade siehst Du Jesus wallen, Er war der Königsweg in's obere Land Für alle, die jetzt in den ewigen Hallen Die Krone nehmen aus des Heilands Hand. Als unser Herr gen Golgatha geschritten, Und tausendfaches Wehe ihn durchschnitten, Dem Reich des Vaters er am nächsten stand. Der Weltling mag verzweifelnd in sich wüten Und hadern mit des Schicksals strenger Macht, Als Deine Sonnen leise Dir verglühten. Starbst Du entsagend und bist neu erwacht; Die Frucht entkeimt nur dem durchfurchten Boden, Wirft erst die Welt uns hin zu ihren Todten, Grünt uns der Himmelspalmen schön're Pracht. Adolph Müller. --ss^cs--- Die Astrologen. Historischer Neman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Bcnno. (Fortsetzung.) 10 . Am folgenden Morgen ritt Georg mit Sonnenaufgang von Reichenberg weg. Der Himmel hatte sich über Nacht vollständig geklärt und ein frischer Ostwind den aufsteigenden Nebel verscheucht. Der junge Mann fühlte sich, sobald er das Lager und die Stadt hinter sich hatte wie von einem drückenden Banne befreit. Der Weisung Arnim's entsprechend beschleunigte er seinen Ritt. Am zweiten Tage schon hatte er Lissa erreicht. Stadt und Umgebung wimmelten von friedlän- dischen Truppen, meist Reitern Piccolomini's. Der einbrechenden Dunkelheit ungeachtet beschloß Georg, nicht in dem Durcheinander des Lagers zu bleiben, sondern nach einem der zwischen Lissa und Prag liegenden Dörfer zu reiten, auf die Gefahr hin, daß er dort eine mehr als bescheidene Herberge fand. Eine halbe stünde vor Lissa war er auf eine Gruppe piccolominischer Reiter gestoßen, unter denen sich auch der Lieutenant Martin Kametsch befand. Georg wunderte sich, daß dieser ihm so schnell vorausgeeilt war, dachte aber nicht mehr weiter daran. Als der ehemalige Freund aber in Lissa selbst zuerst auf der Straße und dann in seinem Absteigquar- tier in Begleitung mehrerer anderer Offiziere abermals vor ihm auftauchte, schöpfte er Verdacht. Sollte Ma- rion's Warnung doch nicht ohne Grund sein? Da Fritz Donald und mit diesem Martin ohne Zweifel in Le- ferrier's Bude verkehrten, so erschien es gar nicht unmöglich, daß irgend ein schlimmer Anschlag der Beiden von dem Mädchen entdeckt worden war. So schnell als möglich verließ er deshalb die Stadt. Das Pferd schien die Ungeduld des Reiters zu theilen. Wie ein Vogel flog es dahin, laut klang der dumpfe Hufschlag durch die stille Nacht. Nach einer Weile kam es Georg vor, als treffe ein Echo desselben aus der Ferne sein Ohr. Er hielt sein Pferd an, um zu lauschen, und hörte jetzt deutlich den Galopp heransprengender Pferde. In seinem Geiste wurde es mit einem Schlag licht: Marion hatte es nur zu gut gemeint; sein Geheimniß war verrathen, er wurde verfolgt. Noch verzagte er nicht, denn sein Brauner war ein Renner, mit dem es nicht leicht ein anderer aufnahm. „Ich habe mich mit meiner Ehre verbürgt", murmelte er; „ich halte mein Wort und hinge mein Leben daran." Er spornte das Pferd, und eS flog weiter wie eine Windsbraut. Eine halbe Stunde lang dauerte die tolle Jagd. Georg hatte anfangs einen bedeutenden Vorsprung gewonnen, so daß er von seinen Verfolgern nichts mehr vernahm. Allein sein braves Thier begann allmälig zu ermatten. Die Verfolger kamen näher und näher, schon 110 konnte er die Minute berechnen, in der sekn Schicksal sich entscheiden mußte. Da griff er zu dem letzten Mittel. Er holte das Schreiben aus seinem Koller hervor, zerriß es in kleine Stücke und streute diese in die Luft. Sie wurden vom Wind augenblicklich nach allen Richtungen entführt. Es war die höchste Zeit. In der nächsten Secunde strauchelte sein Pferd und sank in die Kniee; ehe er es wieder emporzureißen vermochte, sprengte einer der Reiter heran, und von einem Schwerthieb getroffen stürzte Georg aus dem Sattel neben sein treues Thier. — In tätlicher Ermattung schloß er die Augen. Er fühlte, wie man ihn durchsuchte, und vernahm ihre Flüche, als ihre Mühe sich vergeblich erwies. 3a er mußte sogar mit anhören, wie ein Reiter im Zorn über die getäuschte Hoffnung den Säbel zog und ihm den Rest zu geben drohte; aber ein Anderer legte sich in's Mittel. Allmälig verwirrten sich seine Gedanken, und eine tiefe Ohnmacht machte ihn empfindungslos gegen alles, was weiter um ihn geschah. Als Georg aus seiner Betäubung wieder erwachte, schien die Sonne durch die trüben Fensterscheiben einer kleinen Stube, wo er auf einem schmutzigen Bette lag. Eine alte Frau, mit Ausbessern von Fischernetzen beschäftigt, saß neben ihm. Er richtete sich ein wenig auf und schaute verwundert um sich. Die Frau hielt in ihrer Beschäftigung inne, legte das Garn weg und betrachtete ihn. 3hr Mienenspiel drückte dabei eine unverkennbare Befriedigung aus. „Dacht' ich's doch", sagte sie, „der Herr werde nicht ewig schlafen; es dauerte wahrlich lange genug. ES ist kaum der Mühe werth, von Euerer Wunde zu reden, und doch liegt Ihr schon zwei Tage so da!" '»„Zwei Tage!" rief Georg bestürzt und schnellte empor; „wo bin ich?" „Gut aufgehoben", erwiderte die Alte trocken; „die Fischer-örigitt hat schon manchen halbverhungerten und verwundeten Kriegsmann, wie Zhr seid, aufgelesen, gepflegt und wieder auf die Beine gebracht. An Gelegenheit fehlt eS just nicht. Das entsetzliche Kriegführen, Morden, Sengen und Brennen hört ja nicht auf." Sie machte das Tuch los, welches ein Stück Leinwand über der Stirne Georg's festhielt. Als sie auch letzteres entfernte, kam eine Narbe zum Vorschein, deren Aussehen eine ziemlich weit vorgeschrittene Heilung bewies. „Es ging ja prächtig", meinte die Frau, indem sie mit den nicht allzu zarten Fingern über die heiße Stirne des jungen Mannes hinstrtch. „3hr seid so gut wie geheilt und braucht die Binde nicht mehr." Georg's Erinnerungsvermögen kehrte allmälig zurück. Die verhäugnißvolle Scene, wo er in so augenscheinlicher Lebensgefahr geschwebt hatte, tauchte in lebendigen Farben vor seinem Geiste empor. Es blieb ihm jedoch zum Verfolgen dieser Gedanken keine Zeit. Nach der Andeutung des Weibes hatte er ohnehin schon zwei Tage versäumt — für die Ungeduld des Herzogs, mit welcher er voraussichtlich erwartet wurde, mehr als genug. „Wo ist mein Pferd?" fragte er. Die Alte zögerte ein wenig, dann nahm sie das Wort: „ES thut mir leid, daß ich Euch wehe thun muß; aber eS ist nun einmal so, und alles Klagen hilft nichts. Euer« Braunen ist es nicht so gut ergangen, wie Euch; er liegt draußen auf der Straße und steht nicht mehr auf." „Todt!" rief Georg, „auch das noch! Wie soll ich nun ..." „Seid nur zufrieden", fiel ihm die Frau in's Wort. „Die Reiter, mit welchen Ihr es zu thun hattet, meinten es nicht so gar böse mit Euch; sie haben eines ihrer Pferde als Ersatz zurückgelassen und in den Schuppen gestellt. Ihr braucht nur zu befehlen und eS steht gezäunt und gesattelt vor Euch. Doch meine ich", fügte sie gutmüthig hinzu, „es kommt auf ein paar Minuten jetzt auch nicht mehr anf. Ihr habt lange nichts mehr gegessen, und bis nach Prag ist's noch weit." „Woher wißt Ihr", fragte Georg, über die letztere Bemerkung der Alten ebenso wie über die Freigebigkeit seiner Verfolger erstaunt, „daß ich nach Prag reiten will?" „Die Reisigen sprachen davon", wurde er belehrt; „sie verhandelten noch verschiedenes Andere, wovon ich jedoch nur wenig verstand. So viel merkte ich aber doch, daß Ihr schwerlich so gut davon gekommen wäret, hätte nicht der Vornehmste unter den Reitern Euch geschützt. Zwei derselben waren namentlich ganz wüthend auf Euch, und der Eine, ein schwarzbärtiger Offizier, hat sich sogar unterstanden, mich durch ein Goldstück in Versuchung zu führen; doch die Fischer-Brigitt weiß, was sie zu thun hat, sie ist ein christliches Weib." „WaS sagt Ihr da?" forschte Georg. „Laßt's gut sein", wich ihm das Weib aus; „bestimmt kann ich Euch nicht sagen, was der Herr eigentlich gewollt hat, und Unrecht thun mag ich ihm nicht." Sie entfernte sich und ließ den Hauptmann mit feinen Gedanken allein. Diese waren peinlich genug. So sehr er auch dagegen sich sträubte, er wurde den Verdacht nicht los, daß es Martin Kametsch gewesen, der eine gegen ihn gerichtete schmachvolle Zumuthung an die Frau gestellt hatte. Aber war eS denn möglich, daß der ehemalige Freund und Genosse so weit sich vergaß? Und der Andere? Fritz Donald? Schon dieser Name weckte eine Art Grauen in ihm. Wenn ihn seine Ahnung nicht trog, mußte er auf der Hut sein; denn der Neffe Leßlie'S war ein gefährlicher Mensch, und wenn Martin je ein Schurke geworden, so hatte die Freundschaft mit Donald ihn dazu gewacht. Die Frau kam mit gerösteten Fischen, Brod und einer kleinen Flasche in die Stube zurück und lud Georg ein, zuzugreifen. Dieser schüttelte die unangenehmen Gedanken von sich und setzte sich zu dem Mahl. Geschirr und Besteck hätten reinlicher sein dürfen; jedoch die Noth und das Knurren des Magens halfen dem jungen Manne darüber hinweg. Nachdem er sich gesättigt hatte, eilte er in den Schuppen und musterte das Pferd, zu dessen Besitzer er in so eigenthümlicher Weise gemacht worden war. Das Thier konnte sich zwar mit seinem guten Braunen nicht messen; aber so viel erkannte der Haupt- mann doch auf den ersten Blick, daß es den Anforderungen für den Nest des Rittes entsprach. Eine Viertelstunde später befand sich Georg, nachdem er die Alte für ihren Liebesdienst reich belohnt hatte, auf dem Wege nach Prag. Ohne weitem Unfall kam er in der Moldaustadt an. Ganz seiner Jnstruc- tion gemäß, stieg er vor dem Quartier Wallenstein's ab. Man schien ihn bereits erwartet zu haben. Ohne daß er sich zu melden brauchte, wurde er unverzüglich vor den Herzog geführt. Hier erstattete er über alles, was seine Sendung betraf, pflichtgctren und ausführlich Bericht. Wallenstein gerieth in maßlose Wuth, als er die Mittheilung über den Vorfall bet Lissa vernahm. Er schien es gar nicht glauben zu können, daß es Piccolo- minische Reiter gewesen, durch welche sein Courrier niedergeworfen und etwaiger Papiere zu berauben versucht worden sei. Er ließ sich durch Georg dessen Wahrnhem- ungen vor und in Lissa, sowie bei dem Ueberfall selbst Wort für Wort wiederholen, und klärte sich durch Zwi- schenfragen über jeden Punkt auf; aber überzeugen, das sah der Hauptmann wohl, ließ er sich nicht. Doch sprach er seine Gedanken und Schlüsse in Gegenwart des Boten nicht aus. Dieser wurde nach Verlauf einer halben Stunde des gnädigsten Wohlwollens versichert und aus dem Zimmer geschickt. In ungeheuerer Aufregung dnrchmaß nach Georg's Entfernung der Herzog den Raum. „Es kann nicht sein, es ist unmöglich", sprach er halblaut für sich. „Georg hat sich geirrt, Piccolomini's Leute waren eS nicht. Dieser Selkow ist sonst ein zuverlässiger Bursche, er besitzt ein scharfes Auge und einen hellen Kopf; aber diesmal hat ihn seine lebhafte Einbildungskraft zweifellos zum Besten gehabt." Wallenstein stellte sich an's Fenster und schaute düstern Blickes hinaus. Wohl eine Viertelstunde lang stand er unbeweglich wie eine Statue; nur der Athem, welcher sich schwer aus der Brust Heraufrang, bewies, daß noch Leben in dem Körper pulstrte. Plötzlich wandte er sich hastig ab und nahm den unterbrochenen Gang wieder auf. Anfangs vernahm man nur die gleichförmigen Schritte; nach einer Weile jedoch kleidete er seine Gedanken in Worte, aus denen zuletzt ein lebhaftes Selbstgespräch wurde. „Aber wer hat den niederträchtigen Streich gegen meine Pläne geführt? Er muß einen Urheber gehabt haben, den eine bestimmte Absicht zum Handeln bewog. Georg behauptet, daß er durchsucht worden sei. Der Ersatz des todten Pferdes durch ein anderes ist eine Thatsache, die sich nicht wegleugnen läßt. Diese beiden Punkte führen nothwendig zu dem Schlüsse, daß der Ueberfall nicht der Person Georg's gegolten, und daß von irgend welcher Seite der Zweck seiner Sendung geahnt worden ist. Lissa selbst und seine Umgebung sind fast ausschließlich von Piccolominischen Truppen besetzt — sollte am Ende Octavio doch . . ." Der Herzog hielt inne. Seine Schritts verkürzten sich, und eine mächtige Bewegung drückte sich in seinem unruhigen Mienenspiel aus. Dann fuhr er fort: „Es ist eine heillose Geschichte. Jener Donald soll sich als Lieutenant bei dem Heere befinden; wenn man ihn faßt, ist der Galgen ihm gewiß. Wie ich ihn hasse, diesen Namen! Die Folgen seiner Verrätherei verfolgen mich wie ein Gespenst. Hätte er seine Schuldigkeit gethan, dann würde der Name Lützen unter den vielen Marksteinen an meiner Nuhmesbahn als der schönste eingefügt sein. Octavio's Empfehlung hat dem Menschen die wichtige Stellung verschafft. Ob nicht bei dem schmählichen Vertranensbruch ein unseliger Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung besteht — auf Kosten der Treue eines Freundes, dem jede Falte in meinem Herzen zugänglich ist? — Nein! Donald war ein tüchtiger Soldat; als solcher nur wurde er von Piccolomini gekannt. Nicht die Empfehlung, sondern ein feindlicher > Dämon hat ihn zum Schurken gemacht. Octavio ist treu! Im gleichen Sternbilds wie ich geboren, ist er durch eine höhere Macht unwiderruflich an mein Schicksal gekettet und kann nicht wider mich sein. Gleichwohl beunruhigt mich die Ahnung einer nahen Gefahr! Fast wäre der brave Selkow seinem Pflichtgefühl zum Opfer gefallen. Das ist sicher, wenn auch manches in seiner Erzählung sich schließlich als Täuschung erweisen sollte. ES muß etwas geschehen! Es gilt entweder rasch zu handeln oder einen Schachzug zu wagen, der das wachsende Mißtrauen gegen meine Pläne zerstreut. Garantien wollen sie? Sind der Name und das Wort des Herzogs von Friedland nicht Garantie genug? Arnim wäre sofort bereit, das weiß ich bestimmt. Der schwedische Reichskanzler aber, dieser schlaue Fuchs, zögert uoch immer; und doch können wir gerade ihn nicht entbehren, wenn ein entscheidender Erfolg erzielt werden soll. Der Einmarsch Feria's mit seinem spanischen Heer ist mir im höchsten Grade fatal. Es ist Wasser auf die Mühle meiner Feinde in Wien, denen dieser Machtzuwachs des Kaisers als eine willkommene Waffe gegen mich dienen wird. Ich muß ihnen zuvorkommen und dafür sorgen, daß man in Wien vor einer vollendeten Thatsache steht. Vor allem aber gilt es, den mißtrauischen Schweden den Werth meiner Person und meiner Machtstellung, die er, wie es scheint, immer uoch unterschätzt, fühlen zu lassen; vielleicht kommt er dann eher zu einem Entschluß!" Er blieb wieder stehen und blickte schweigend auf die Häuser der Stadt. Von der gleichen Stelle aus hatten wohl die^böhmischen Könige einst auf das hun« dertthürmige Prag mit seine» Palästen und das schöne Thal der Moldau geschaut. Wie, wenn die alte Herrlichkeit des königlichen Hoflagers wieder erstände — wenn sein Haupt die Krone schmückte und sein Ohr der begeisterte Ruf des Volkes träfe: „Heil Albrecht, Heil unserm König und Herrn!" Der Herzog hob das Haupt; seine hohe Gestalt schien noch zu wachsen, und die Augen flammten. „Ha", rief er, „warum denn immer das „Wenn" ? Warum träumen, wo das Wollen, wo ein einziges Wort die goldene Wirklichkeit schafft? Bei meinem Sterne — ich will! Das Erbe der Libussa sei mein!" „Und ist erst die Krone Böhmens auf meinem Haupte", fügte er nach einer Pause mit stolzem Selbstgefühle hinzu, „wer will es mir wehren, weiter zu gehen? Wer hat es Cäsar und Alexander gewehrt? Sie erreichten ihr Ziel, sie legten sich Welten zu Füßen, ihr Name klingt als leuchtendes Vorbild für alle Ewigkeit fort. Und doch lagen damals die Bedingungen für sie nicht so günstig, wie in diesem Augenblicke für mich. Mein gefährlichster Rivale, Gustav Adolph, ist todt. Ich weiß, mas er gewollt hat. Um den Bestrebungen deutscher Fürstlein den Stempel eines zweifelhaften Rechtes aufzudrücken, griff der große Mann nicht zum Schwert. Sein Niesengetst verfolgte die gleichen Ziele wie ich. Aber er mußte fallen, weil das Schicksal mich zum Träger seines Willens erkor. Es konnten nicht zwei Planeten in der gleichen Bahn kreisen; einer mußte weichen, eine höhere Macht räumte ihn aus dem Weg. Das ist die Bedeutung des neuen Sternes, der mir so verheißungsvoll am Himmel erschien. Ich will dem Rufe folgen! Das Urtheil der Welt? — Pah! Was frage ich danach, wenn man mich eine Zeit lang verflucht; — 112 ein Stürm im Wasserglase, der nach den ersten glücklichen Schlägen verrauscht. Das Glück ist der Zauberstab, unter dessen wunderthätiger Berührung das Urtheil der Menschen sich bewegt! Sie werden bald bekehrt sein. Sie werden, wie immer, das stolze Gebäude anstaunen, den Ruhm des kühnen Baumeisters preisen, und über der Größe des Erfolges vergessen, mit welchen Mitteln er erreicht worden ist." Durch den Eintritt Seni's wurde Wallenstein in seinen Betrachtungen gestört. Der Astrolog theilte mit, daß soeben eine Anzahl neuer, nach der Anweisung des Herzogs gefertigter astronomischer Instrumente von dem beauftragten Techniker überbracht worden sei. Dieser Nachricht gegenüber trat in dem.Gemüthe des Feldherrn alles andere in den Hintergrund. Er verließ sofort das Zimmer und eilte dem Meister voraus nach dem wie überall so auch hier eingerichteten Observatorium. Wochen und Monate gingen vorüber. Die Waffen ruhten allenthalben, und die Truppen hatten ihre Winterquartiere bezogen. Georg Selkow war von Wallenstein noch zweimal mit Depeschen in das Lager Arnim's geschickt worden. Die Bude Leferrier's fand er bei seinen späteren Besuchen nicht mehr. Die vom Herzog ganz im Geheimen wegen der Vorfälle bei Lissa angestellte Untersuchung verlief vollständig ohne Ergebniß. Niemand wollte etwas davon wissen, und ein Lieutenant Donald existirte in der Armeeliste gar nicht. Dagegen gewannen die Gerüchte über Wallenstein's hochverräterische Umtriebe eine immer bedrohlichere Färbung. Der Wiener Hof war in ernstlicher Besorgniß, obgleich der Herzog einen Bericht dahin gesandt hatte des Inhalts: demnächst werde die so sehnlich gewünschte Eintracht mit dem Kurfürsten von Sachsen wiederhergestellt und dadurch der Weg zum Frieden für ganz Deutschland, sowie zur Vertreibung der Schweden gebahnt sein. Die bezüglichen Unterhandlungen hätten bereits so guten Fortgang genommen, daß man an dem glücklichen Abschlüsse gar nicht mehr zweifeln dürfe. Angeblich um hierbei mitzuwirken, schickte der Kaiser zwei seiner Räthe in's Wallenstein'sche Lager. Der Herzog nahm die Herren auf's zuvorkommendste auf und bewirthete sie fürstlich, gestattete ihnen aber keinen Einblick in die Unterhandlungen, so daß sie unverrichteter Dinge wieder abziehen mußten. Eines aber hatten sie erreicht: sie sahen und hörten Vieles, was dem Argwohn gegen Wallenstein neue Nahrung verlieh. Der Herzog, welcher durch seine gut bezahlten Agenten über die in Wien gegen ihn herrschende Stimmung immer auf dem Laufenden war, erfuhr es bald. Er begriff, daß etwas geschehen müsse, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, daß man ihn vor der geeigneten Zeit zum offenen Hervortreten mit seinen Plänen zwang. Sobald die Witterung es erlaubte, verließ er fein Winterquartier und drang surch die Lausitz gegen Sachsen vor, so daß Arnim trotz der immer noch schwebenden Verhandlungen glaubte, der Herzog wolle durch Waffengewalt erzwingen, was derselbe bis jetzt auf dem Wege der Vereinbarung vergeblich angestrebt hatte. Er trennte sich von den Schweden und eilte nach Sachsen, um die Heimath zu schützen. Wallenstein aber hatte nicht ihm, sondern den Schweden eine Lection zugedacht. Ehe man sich'S versah, kehrte er nach Schlesien zurück, überfiel die Schweden bei Steinau und nahm das ganze Corps nebst dem Führer gefangen. Statt jedoch letztem, den alten Grafen Thnrn, der durch den Sturz der böhmischen Statthalter Martinktz und Slowata aus dem Fenster des Präger Schlosses den ersten Anstoß zu dem unselige» Kriege gegeben, nach Wien zu schicken, gab er ihm nach wenigen Tagen schon die Freiheit und brachte den ernstlichen Vorstellungen des Kaisers gegenüber als Entschuldigung vor, daß dieser sinnlose Mann an der Spitze schwedischer Truppen dem Kaiser einen viel besseren Dienst leiste als im Kerker. Das vollständige Unterlassen jeder Entschuldigung hätte ihm ohne Zweifel weniger geschadet, als diese Ausflucht. „Den Schweden", argumentirte man, „sind Wallenstein's verrätherische Pläne bekannt. Der Friedländer fürchtet, der Gefangene könnte in Wien Geständnisse machen, und um dies zu verhindern, ließ er ihn frei." — Ueberhaupt lieferte Wallenstein nachgerade nicht nur seinen Widersachern zu ihren Anklagen reichlichen Stoff, sondern ließ sich Handlungen zu Schulden kommen, in Folge deren er allmälig auch anderswo den Nimbus eines kaiserlichen Paladins wie den Ruf eines Beschützers der katholischen Sache verlor. Die Stadt Negensburg schwebte in Folge des Herannahens Bernhard's von Weimar tn großer Gefahr. Kurfürst Maximilian beschwor den Friedländer, ihm schleunigst Hilfe zu schicken; dieser aber gab die wie Hohn klingende Aeußerung ab: es sei dem Herzog mit seinen Angriffen nicht ernst, und nahm, ohne im Geringsten um den Kurfürsten sich zu kümmern, sein Hauptquartier in Pilsen. Selbst die bestimmtesten Befehle des Kaisers, die verlangte Unterstützung zu gewähren, beachtete er nicht. So kam es, daß nicht nur Regensburg siel, sondern Bernhard von Weimar an der Donau festen Fuß fassen konnte und mit seinen Schaaren über ganz Bayern sich ergoß. Ueber diese unerhörte Rücksichtslosigkeit war Maximilian im höchsten Grade aufgebracht. Er ließ dem Kaiser eine Zusammenstellung aller Beschwerden gegen den Ober-Feldherrn überreichen. Ferdinand nahm die Anklageschrift entgegen, kam aber zu keinem Entschluß. Da wurde er von Wallenstein's Unterhandlungen mit Frankreich und Schweden durch den Herzog vou Savoyen offiziell in Kenntniß gesetzt. Das war die Entscheidung. (Fortsetzung folgt.) -—- Venezuela unter der Familie Welser. Von Professor Dr. Arthur Kleinfchmidt (Heidelberg). (Schluß.) Karl V. verfügte 6.Aug. 1534 dieAnszahlung aller von der Staatskasse an Ambrostns noch schuldigen Emo- lumente an seinen Nachfolger Jedermann. Da aber trafen im Herbst 1534 zwei Abgeordnete aus Venezuela, Luis Gonzalez de Leiva, einst des Ambrostns treuer Freund, und Alonso de la Llana in Madrid ein und brachten zahllose Beschwerden gegen die Amtsführung des Ambrosius und seiner Stellvertreter, auch Federmanns, mit; sie forderten geradezu, die Welser sollten die Herrschaft in Venezuela verlieren oder wenigstens nur noch Spanier dort ins Amt setzen. Mit Federmann's Regentschaft wurde es nichts, die Welser riefen ihn schleunigst von Sevilla zurück. Der Indien-Rath und die Venezolaner Depntirten suchten Karl V. dahin zu bestimmen. 113 daß er den Weisem befehle, nur Spanier an die Spitze der Verwaltung der Kolonie zu stellen; dem aber hätten sich die auf des Kaisers Gunst und auf ihr Geld pochenden Augsburger Kaufherren niemals gefügt. Karl V. brauchte wieder Geld, und so kam es zu einem neuen Vertrage. Die im November 1532 mit ihren Nachkommen geadelten Brüder Bartholmä und Anton erhielten am 1. März 1535 mit Rücksicht auf die für die Colonisation gebrachten Opfer auf Lebenszeit alle einst Ehinger und Sailer zuertheilten Rechte; hiergegen gab die Krone die Schifffahrt nach Venezuela jetzt frei, der Gouverneur sollte sich streng an seine Instruktionen halten und sich der Kontrole der königlichen Beamten fügen u. f. w. Dem Georg Ehinger, der so frech in Venezuela aufgetreten war, wurde verboten, je dorthin zu kommen, hingegen wiederum ein Deutscher, Georg Hohermuth auZ Memmingen, der längere Zeit in Speyer gelebt (Jörge de Spira), am 28. Januar 1535 vom Könige als Gouverneur bestätigt; er erhielt alle Befugnisse, die Ambrosius gehabt. Georg landete mit 600 Mann, darunter Feder- mann, der mit Welser verwandte Hans Vöhlin, der Edelknabe Philipp von Hütten und sein Ulmer Freund Hans Lebzelter, bereits am 6. Februar vor Coro und ließ sich huldigen. Dem allgemeinen Rufe nach Beute Rechnung tragend, trat er im Mai eine Expedition inS Innere an, verlor aber unter Strapazen ohne Gleichen einen großen Theil seiner Leute, ohne El Dorado zu finden, und sah sich, als er in die Nähe des Warane n- Stroms gelangt war, im April 1537 zur Heimkehr genöthigt. Mittlerweile war der unruhige Jedermann ausgezogen, um am Cabo de la Vela eine Kolonie zu gründen, fand aber die Gegend nicht lohnend genug, handelte nun ganz auf eigene Faust, zog nach Neu- Granada, bereicherte sich nach Kräften und reiste dann 1539 nach Antwerpen ab; die Welser strengten einen Prozeß gegen ihn wegen Unterschlagung an, er antwortete mit der Beschuldigung, sie Hütten fortgesetzt den Staatsschatz betrogen, und starb bald darauf in Genf. Am 27. Mai 1538 traf Hohermuth mit den Resten seiner Expedition in Coro ein, seine Beute war gering, er mußte Unterstützung aus Sau Domingo erbitten, und dort wollte man ihm nicht wohl. Die Audiencia hatte der Verwirrung in Venezuela halber Navarro zur Untersuchung abgeschickt und Hohermuth fuspendirt; doch hielt die Bevölkerung unbeirrt zu ihm, er war auch bei den Soldaten beliebt und Navarro, mußte unverrichteter Dinge im August 1538 wieder abziehen. Die Audiencia hob die Untersuchung gegen Hohermnth auf und ernannte den Bischof Bastidas zu seinem Stellvertreter, falls er noch nicht wieder in Coro sei. Bastidas verständigte sich rasch mit ihm, und von Neuem gingen verheißungsvolle Berichte an den Kaiser und die Welser ab. Philipp von Hütten ging mach Bariquicianto, um eine dauernde Ansiedelung zu gründen und Coro zu entlasten, verließ aber jenen Ort, sobald er von dem im November 1540 in Coro erfolgten Tods Hohermuihs hörte, der allgemeine Trauer hervorrief, und wurde vom Bischofs im Dezember zum Generalkapitän ernannt und vom Kaiser 1541 bestätigt; zum Landeshauptmann, Gouverneur machten ihn die Welser aber nicht. Sie waren höchst unzufrieden mit ihren Statthaltern, das amerikanische Unternehmen warf nicht ab, was sie erwarteten, die Faktorei in Sän Domingo kränkelte, das Comptoir in Coro kam nicht in die Höhe, kein Bergbau und keine Perlenfischerei gedieh, kein Gold- land fand sich, aber ihr Gold ging auf Nimmerwiedersehen bei den Expeditionen darauf, die Krone erkaltete in ihrer Freundlichkeit. Um fortan ihre Interessen besser gewahrt zu sehen als bisher, sandten sie Barthol- mäs ältesten Sohn und einstigen Erben ihres Welthauses, Bartholmä Welser, nach Coro, wo er im März 1541 landete und sich dem biederen Hniten warm anschloß. Hütten unternahm gleich darauf „im Namen kaiserlicher Majestät und der Herren Welser" einen Beutezug, der El Dorado suchte, aber völlig scheiterte. Unterdessen jammerten die Welser bei der Audiencia in Sän Domingo, Venezuela trage ihnen bis jetzt gar keine Früchte, und Hütten suchte sich unter tausend Entbehr- angen den Heimweg. Die Audiencia in Sän Domingo griff nun abermals in die ungeordneten Verhältnisse der Kolonie ein und schickte Juan de Carvajal als provisorischen Statthalter dahin, ohne auf Hütten und die Weiser Rücksicht zu nehmen. Carvajal gab Coro ganz preis, gründete im Tokuyo-Thale eine Stadt und lockte Hütten und Welser hinterlistig 1546 hierhin; es kam zum Kampfe mit ihnen, da Hütten seine Bestallung nicht aufgeben wollte, zu einem erlogenen Frieden in Quibor; in einer Schlucht des Carora-Gebirgs jedoch überfiel Carvajal Beide, nahm sie gefangen und brachte sie in Ketten nach Tokuyo, wo in der Charwoche (April 1546) ein Neger sie mit seinem Messer enthauptete; ihre Leute entrannen. Der neue Untersuchungsrichter Juan Pärez de Tolosa gönnte aber dem tyrannischen Carvajal seinen Triumph nicht, ernannte seinen eigenen Bruder Nlonso zum Generalkapitän, überfiel Carvajal in Quibor und ließ ihn an derselben Stelle enthaupten, wo er Hütten und Welser hingerichtet hatte. Mir des jungen Welser tragischem Ende verlor sein Haus die Lust an weiterer Kolonialpolitik, es blieb zwar noch rechtlich im Besitze von Venezuela und ernannte 1550 einen neuen Statthalter, aber 1655 führten neue Streitigkeiten zu^lnem Prozesse mit der spanischen Krone, und diese nahm den Welser das Land weg; ihre und der Deutschen Rolle in Amerika war ausgespielt. SMers Landesherr im Kloster Oberelchüigcn. Von Loren; Werner. (Schluß.) Es ist zu unsern Zwecken unerläßlich gewesen, diese Personalschilderungen zu geben; sie sind der Nahmen, in welchem das kleine Knlturbild, das wir zeichnen wollen, erst zu seiner Geltung kommt. Bloß wenn wir Charakter, Denk- und Eefühlsweise der mithaudelnden Personen kennen, erhallen wir das richtige „Milieu" für unsere Episode, zu deren Schilderung wir zurückkehren. Dr. Herkules hatte also pflichtschuldigst das Ereignis; signalisiert, welches dem Kloster bevorstand und für den Nnf desselben von unabsehbarer Tragweite werden konnte. Lassen wir nun unserm Tagebuchschreiber oder besser Chronisten das Wort: „In welche Bovegung bei uns Alles versetzt wurde, läßt sich leichter denken als schreiben. Man säuberte alle Ocrter, man ranmbte überall auf, die Musikanten — 114 — richteten sich zu schönen Stücken; es wurden Prediger Befielt und für viobualidus Boten ausgeschicket. Um 6 Uhr kam ein Bote von der Wcsterstetier Post mit einem Brief, und da wäre nun förmlich angezeigt, daß der Herzog kommen werde. Er verlange etwelche ganz moralische Reden und, wenn man ihn mit etwas Angenehmen überraschen will (sicrt), so solle man ihm etwelche — Soldaten schenken. Also schrieb Hr. Mylius, Obristleutnant in Stuttgart und Marschkommissarius an unsern gnädigen Herren (den Abt). Jetzt war der Lärm noch ärger, man schrieb abermals nach Ulm, um noch etwas Näheres von dieser Reis' zu erfahren, man machte alle Anstalten zu dem Empfang." Der Verfasser des Tagebuches selbst war es, der als Prior mit der Aufgabe betraut wurde, der herzoglichen Durchlaucht auf eine Strecke entgegenzukommen und Hochdieselbe im Namen „des Herrn Neichsprälaten" zu begrüßen. Früh 6 Uhr fuhr U. Beneditt mit dem Herrn Consulenten vom Stifte in einer Kutsche ab, begleitet von sechs Reitern, deren Pferde dem Herzog aus Wunsch zur Verfügung gestellt werden sollten. Um 10 Uhr traf er auf einen Kavalier des Herzogs, dann auf einen Kurier, welcher Kammerdiener desselben war, beide zu Pferde. Eine Viertelstunde daraus erschien Serenissimus selbst mit Gemahlin, in einer Lspänuigen Eqni- page gefahren. — Die „Gemahlin" war die liebenswürdige Franziska von Hohenheim, geb. von Vernardin, die wir aus der Jugendgeschichte Schillers bereits kennen, und mit welcher der Herzog seit 1776 morganatisch vermählt war. Die Hoheiten stiegen nicht aus dem Magen, nahmen aber die 6 Pferde an („das etwas Ungewöhnliches sein soll, indem er sonst von Niemandt Pferd annimmbt") und ließen sie einspannen. In der Begrüßungsrede empfahl der Prior seinen gnädigen Herrn „Jhro Durchlaucht unterthäuigst zu höchsten Gnaden". Er, der Prior, sei geschickt worden, die höchste Freude Oberclchiugens über den Besuch auszudrücken und zu Dero höchst beglückten Ankunft zu gratulieren. Auch wolle er im Namen des Hauses vorläufig unterthäuigst abgcbeten haben, daß dasselbe die höchste Person nicht nach Würdigkeit empfangen könne, wiewohl alles geschehen werde, um zeigen zu können, „daß wir seyen Jhro herzogliche Durchlaucht unterthänigste Diener und Knecht." Lassen wir den Berichterstatter selbst weiter erzählen : „Mit welchem Schrecken ich diese Worte gesagt, kaun ich nicht genugsam austrücken; das weiß ich noch, daß ich die erste Konstruktion ganz zitternd vorgebracht, das klebrige aber ganz keck solle gesagt haben und zwar so, daß ich niehmahl angestoßen habe. Der Herzog dankte entgegen, fragte verschiedene Sachen und, nachdem er mich 3 mahl hatte (den Hut) aufsetzen heißen, setzte ich aus und diskurierte mit ihm einige Minuten, bis er weiter fuhr. Zu Dornstadt in dem Schosee (Chaussee-) Hans stieg er aus und trank Chokolade. Indessen wurden die Weg von den Bauern zurccht gemacht, nud Herr Mylius kam in Clching um 10 Uhr an, aus welchem man Alles erfragte, was dem Herzog Beliebiges erwiesen werden könne. Um 1 Uhr kam derselbe an; man empfing ihn mit Böllerschüssen, und alle Glocken läuteten zusammen. Der ganze Konvent war bei der Porten in klocois und begleitete ihn und seine Gemahlin (mehr Lenih hatte er nit bei sich) in das obere Zimmer, wo unser L. R. das Complimcut in korma machte." „Bald nach dem Empfang ging man zur Tafel, bei welcher Fleisch und Fastenspeisen aufgetragen wurden, wiewohl es Samstag war. Es wurde auch eine Musik außerhalb des Tafelzimmers produziert, die aber schlechten Beifall fand. Man saß bei der Tafel 2 Stund; Nevereudissimus saß dabei im Mantel, den er, so lauge die Hoheiten anwesend waren, nie ablegte. Aller Discurs, den sowohl der Herzog als die Herzogin (oio) führten, war gelehrt: Von der Physik, von der Medizin, itorn ascetische Diskurse „von dem Gcöott der Liebe der Feinde," von klösterlichen Uebungen n. s. w. Nach der Aufhebung der Tafel ging der Zug in die Kirch, welche Beide höchste Personen sehr belobt haben. Bon der Kirch ging man in die Bibliothec, darinnen sie eine außerordentliche Kenntniß der Bücher zeigten. Sie hielten sich schier eine Stund in der Bibliothec aus, alsdann führte man die Hoheiten in das Refektorium, allwo k. Meinrad — (der Nämliche, dessen fragwürdige schriftstellerische Thätigkeit schon oben Erwähnung fand) eine zierliche Anrede hielt. (Es war sein Lieblingsthema:) „Ueber die wahre und falsche Aufklärung." Besagter Pater übergab auch dem Herzog 2 Büchlein, eine iUiöos von der Aufklärung, die er selbst gemacht. Nach jener Red bestieg ?. Nomanus die Kanzel und hielt eine Rede von der „Liebe Gottes." Die Komposition war aus Lavater; fand nit allen Beifall. (Herzog Karl Eugen war infolge Konversion seines Vaters Katholik.) Ungeachtet dessen hörten doch beide Hoheiten diesen Neben zu, die etwa 1 Stund gedauert. Alsdann besahen sie sich unser nrmarium auf einige Aligenblicke, wo zwei Experimente der Elektrizität exhi- biert wurden. Alsdann setzten sich die Hoheiten iin- msciiabs in die Kutsch und fuhren um 5 Uhr nach Ulm, mit unsern Pferden dahin geführt, dereutwcg der Kutscher 3 Karoliu oder 33 Gulden zum Trinkgeld bekam. Für unsre Dienerschaft war mir ein Paquet verbelschierter 12 Karolin zum Trinkgeld gegeben, wahrhaft königlich. Man übergab auch dem Herzog zwei Soldaten von uns zu einem angenehmen Präsent, die er mit Freuden auf- und annahm." Herzog Karl hat aber in der Folge noch auf andere Weise bekundet, daß er mit seinem Besuche des Benediktinerstifles zufrieden war. Schon von Ulm aus erließ er ein Schreiben, in welchem er seinen Dank für alle in Elchiugen empfangenen Ehren, sowie seine Zufriedenheit mit der genossenen Aufwartung aussprach. Und uni zu zeigen, daß dies nicht eine bloße Formalität war, erfolgte kurz vor Jahresschluß aus der Residenz ein zweiter Bries, in welchem der Ncisemarschall Mylius den Dank Seiner herzoglichen Durchlaucht wiederholte und dem Herrn Prälaten ein in Saffian gebundenes Buch übersandte, welches die für die katholische Hof- kapelle in Stuttgart bestimmten Gebete und Gesänge enthielt. Unzweifelhaft war dies eine Auszeichnung, nachdem man weiß, welch scharfblickender Beobachter und Menschenkenner der Fürst war. Aus ein drittes und viertes Schreiben hin machte Abt Robert im Oktober des nächsten Jahres eine Gegenvisite in Stuttgart, wobei er mit allen Ehren empfangen wurde. Daß man in Elchingen diese Auszeichnung, insbesondere aber die Ehre des herzoglichen Besuches wohl empfand, ist selbstverständlich. Der Prior bemerkt in seinem Diarium unterm 17. Dezember 1785: „Dieser Tag wird für Clching unvergeßlich sein, da es gewis etwas 115 Selleries ist, daß ein so großer Herr einem Prälaten eine Visite macht, oder aber wunderlich ist, wie eben dieser Herr an einen Ort Hinreisen wag, wo so wenig Rechtes zu sehen ist. Die ganze Affaire ist nach Augsburg geschrieben und den Zeitungen einzuverleiben schon Vorsorge getroffen worden." So wenig sich die Elchinger Herren von 1785 erklären konnten, was den Herzog Karl zu der Reise veranlassen mochte, so klar dürfte dies für die jetzigen Leser des Diariums sein. Was ihn hiezu bewog, war, al gesehen von der Zerstreuung, welche eine jede Reise an sich schon mitbringt, wohl das außerordentliche Interesse,- welches der Herzog für alle Erscheinungen des Lebens, seien es auch die zwischen Klostermanern, stets bekundete. Wenn wir auch nicht nach dem urtheilen könnten, was uns aus der Geschichte von ihm bekannt ist, so dürfen wir dies aus der Theilnahme schließen, die er bei feinem Aufenthalte iu Elchingen an den rhetorischen Vortrügen und an den größeren und kleiner n Sehenswürdigkeiten nahm, besonders aber aus der Art der Unterhaltung, die er und seine Gemahlin, nach den Berichten des Priors selbst, mit seinen geistlichen Gast- freunden pflog. Welche Gedanken dem Herzog doch wohl durch den Kopf gegangen sein mögen, als er den Benediktiner im Refektorium über Aufklärung reden hörte? — Karl war zweifelsohne ein aufgeklärter Mann. Ob aber jene Aufklärung, die dort als die wahre bezeichnet wurde, genau die des Gründers der Karlschnle war, wer kann es sagen? Der Herzog hatte zwar dem Dichter der „Räuber" verboten, etwas Anderes als Fachwissenschast- liches zu veröffentlichen, und dadurch sein Landeskind, das damals, im Jahre 1785, gleichsam als Flüchtling in Dresden weilte, aus der Heimath vertrieben. Allein wir dürfen annehmen, daß er eS wenigstens mit Förderung der Wissenschaft ernst meinte und daher ein Freund der Aufklärung in des Wortes bester Bedeutung war; vermuthlich befand sich hiemit auch 1?. Meiurad im Einklang. Im Jahre 1793 konnte Friedrich Schiller es wagen, seine Lieben in der Heimath zu besuchen, und verweilte in der That unangefochten mehrere Monate daselbst. Um die gleiche Zeit, während des Aufenthalts, starb sein Landesherr, Herzog Karl von Württemberg. Zehn Jahre darauf büßte auch das eigenartige Gemeinwesen, das dessen Interesse erregt hatte — und uns Modernen fast fremd geworden ist, in das wir aber durch das Tagebuch des fleißigen und verständigen Chronisten einen Einblick thun konnten, — seine Existenz ein und trat infolge der Säkularisation vom Schauplatz der Geschichte ab. Nur die Kirche thront noch stattlich auf der Höhe und beherrscht in ihrer freundlichen Gestalt weit und breit die Gegend. - «- - Unterrichlsüriefe zum Verständniß meteorologischer Berichte. ^ Nachdruck v-rboieu. Gewiß erinnern Sie sich aus der Studienzeit des bekannten Experimentes mit der Luftpumpe. Verdünnt man die Luft im Recipienten, so haftet derselbe durch den Druck der auslastenden Luft fest am Teller. Das ist zugleich der einfachste und klarste Beweis für die Schwere der atmosphärischen Luft. Gemessen wird nun der Druck der Luft durch die Barometer, sei es das Quecksilber-Barometer oder das Aneroid. Das erstere stellt uns eine communi- cierende Röhre dar, deren einer Schenkel geschlossen und luftleer ist, deren anderer Schenkel aber offen steht. Gleichgewicht herrscht in den Flüsstgkeitssäulen einer kommunicierenden Nähre erst dann, wenn beide Säulen unter demselben Drucke stehen. Die beiden Quecksilbersäulen im Barometer sind aber sehr ungleich hoch. Die in dem geschlossenen Schenkel ist viel höher als die in dem offenen, und dennoch stehen sie im Gleichgewichte; iu dem offenen Schenkel muß somit ein weiterer Faktor wirksam sein, und das ist die Luft. Es entspricht also der Ueberschuß der Quecksilbersäule im geschlossene» Schenkel dem Gewichte nach genau der Luftsäule, welche auf dem Niveau der Quecksilbersäule im offenen Schenkel lastet. Unter Barometerstand versteht man also den Druck der Luft. Beim Aneroid ist dasselbe Agens thätig, nur ist es hier eine luftleere Blechkapsel mit elastischer Wand, wodurch der Druck gemessen wird. Der Druck der Luft ist aber veränderlich erstens nach ihrer Dichte und zweitens nach der absoluten Höhe des Standortes. Die Dichte der Luft ändert sich hauptsächlich in Folge ungleicher Erwärmung und der auf- und absteigenden Strömungen. Tritt an einem Orte eine niedersteigende Luftströmung auf, so wird sich dort die Luft verdichten, sie wird schwerer werden, stärker auf das Quecksilber in dem offenen Schenkel drücken, und daS Barometer wird steigen. Stellt sich hingegen ein aufsteigender Lufistrom ein, so wird das Gegentheil eintreten; die Luft wird verdünnt und leichter, der Druck aus das Quecksilber (resp. auf die Blechkapsel) geringer, und das Barometer wird fallen. Der Barometerstand ändert sich aber auch nach der absoluten Höhe des Standpunktes, denn je höher man steigt, desto kürzer wird die Luftsäule, welche auf das Barometer drückt, je tiefer man aber kommt, desto länger wird die auslastende Luftsäule; daraus ergibt sich folgerichtig, je höher der Standpunkt des Barometers, desto niedriger der Barometerstand und umgekehrt. Mit einem empfindlichen Aneroid kann man sich von diesem Gesetze durch daS Experiment überzeugen, schon wenn man im Hause aus ebener Erde sich in den ersten oder zweiten Stock begibt. Die Höhe oder richtiger die Länge der von der Luft getragenen Quecksilbersäule wurde früher in Zoll angegeben, heute wird sie in Millimeter angegeben. Die Skala am Aneroid ist nur empirisch der Skala am Quecksilber nachgebildet. Zeichnet man daS ganze. Jahr hindurch täglich den zu einer bestimmten Stunde beobachteten Barometerstand auf, addirt dann die erhaltenen Zahlen und theilt die Summe durch die Zahl der Beobachtungen, also durch 365, so erhält man das Jahresmittel des Barometerstandes für den Beobachtungsort. Es gibt auch ein Tagesmittel, Wochenmittel u. s. w. DaS Tagesmittel würde ich z. B. erhalten, wenn ich morgens, mittags und abends beobachte und die Summe der abgelesenen Stände durch 3 dividiere. Wenn jedoch von Mittel schlechtweg gesprochen wird, so versteht man immer das Jahresmittel Das Jahresmittel ist nun für das Meeresniveau 760 mw. Natürlich ändert sich dieses Mittel für verschiedene Höhenlagen. Aus dem eben angegebenen, durch viele Beobachtungen gewonnenen und viel- — 116 fach controllierten Mittel für die Meeresoberfläche läßt sich durch eine einfache Rechnung das Mittel für andere Höhenlagen finden. Die Erfahrung hat nämlich gezeigt, daß bei ungefähr 10 ur Höhenunterschied der Barometerstand um 1 mm differiert; liegt somit ein Ort 10 ur über dem Meere, so ist sein Barometermittel um 1 nun niedriger als am Meere, also 759; liegt ein Ort 100 na über dem Meere, so ist sein Barometermittel 750. Salzburg liegt 400 ur über dem Meere, sein Barometer- mittel ist somit 760—40— 720 nun; das Lechfeld liegt beiläufig in 500 ur absoluter Höhe, das Barometermittel beträgt somit 710 umr; das Todte Meer liegt circa 400 na unter der Meeresoberfläche, sein Barometermittel macht somit 800 mm. Einen Barometerstand über dem Mittel nennt man Hochdruck, einen solchen unter dem Mittel Depression oder Luft Wirbel; der Mittelpunkt des Hochdrucks ist das Barome termaximum und der Mittelpunkt des Lustwirbels das Barometerminimum. II. Nicht vom absoluten Barometerstand hängt die Wetterbeurtheilung ab, sondern vom Stande über oder unter dem Mittel. Soll nun die Angabe der Barometerhöhe für diese Beurtheilung nicht illusorisch sein, so müssen diese Angaben auf ein und dieselbe Höhenlage reduciert sein, d. h. es muß ihnen ein und derselbe Höhenstandpunkt zu Grunde liegen. Nach einem allgemeinen Uebereinkommen werden die für weitere Kreise bestimmten und für öffentlichen Gebrauch ausgegebenen Barometerdaten auf das Meer es niveau reduciert. Daraus erklärt sich die Differenz Ihres Aneroides mit den veröffentlichten dteßfallsigen Daten. Wollen Sie eine beiläufige Uebereinstimmung herstellen, so müssen Sie das Aneroid beim Mittelstände auf 760 stellen, oder Sie müssen sich das Aneroid nach einem guten Quecksilber- barometer nach Ihrer Ortslage einrichten und dann jedesmal so viel urui zuzählen als der zehnte Theil der in in ausgedrückten absoluten Höhe Ihres Ortes betrügt. Nehmen wir an, Sie befinden sich 600 w über dem Meere; das Barometermittel ist in diesem Falle 760—60— 700 mrn. Nun findet sich im Wetterberichte die Angabe: „über Bayern ein Hochdruck von 770 nun«; ist Ihr Aneroid für die angegebene Meeres- höhe richtig eingestellt, so muß es in diesem Falle 710 nun zeigen; lautet hingegen die Angabe für ihren Wohnort im Wetterberichte auf eine Depression von 750 will, so muß das Aneroid 690 wm zeigen. Es bleibt noch die Frage zu beantworten, wie hängt das Wetter mit dem Barometerstands zusammen? Sehr einfach. Wie das Wasser von oben nach unten fließt, so fließt die Luft vom Hochdruck zum Wirbel, und so müssen von der dichteren Luft zur dünneren Strömungen entstehen; denn in Folge der absoluten Verschiebbarkeit der Theilchen sucht die Schwerkraft nach jeder Störung die Gleichgewichtslage wieder herzustellen. Doch ziehen die Luftläufe nicht in der Verbindungslinie der beiden Mittelpunkte, also nicht in der Geraden vom Mittelpunkte des Hochdruckes zum Mittelpunkte des Wirbels, sondern sie gehen vom Rande des Hochdruckes aus, und zwar von jenem Rande, welcher, wenn man sich gegen den Hochdruck wendet, rechts liegt. Dieses Gesetz hängt mit der Drehung der Erde und mit der Entstehung des Hochdruckes zusammen; eine Begründung desselben würde hier zu weit führen. Seine Anwendung hingegen bereitet keine Schwierigkeiten. Gesetzt den Fall, es liegt über Skandinavien ein Hochdruck, über Italien ein Luftwirbel, so muß über Deutschland eine nördliche und nordöstliche Luftströmung herrschen. Im Winter wird eine solche Constellation strenge Kälte mit wenigen Schneefällen, im Sommer warme heitere Tage und kühle Nächte bringen. Unter dem Zeichen dieser Constellation stand zumeist die Kälteperiode im Winter 1894/95. Liegt der Hochdruck im Osten, die Depression im Westen, so werden die trockenen Winde der gewaltigen asiatischen Lander- massen den Witterungscharakter bestimmen; dies war der Fall des so überaus trockenen Sommers 1893; hat der Süden Hochdruck, der Norden Depression, dann tritt im Winter Thauwetter, im Sommer Schwüle mit starker Gewitterneigung ein; steht endlich der Hochdruck über dem atlantischen Ocean, die Depression über Ungarn oder Südrußland, dann gibt es bei uns starken Regen oder Schneefälle. Je größer die Differenz zwischen den beiden Extremen, desto heftiger und stürmischer der Ausgleich, wobei allerdings auch die Bodenbeschaffenheit und der lokale Abstand der Gegensätze in Betracht kommt. Daß diese einfachsten Fälle durch Zwischenstellungen und Unterströmungen kompliciert und modificiert werden, versteht sich von selbst. Aber nicht hierin liegt die Hauptschwierigkeit der Wetterprophrzcinng, sondern in dem Umstände, daß Hochdruck und Wirbel wandern und daß man die Gesetze dieser Wanderschaft bis heute noch nicht zu formulieren im Stande war. In den Wetterberichten kommt auch der Ausdruck „Lufteinsenkung" vor. Es ist das eine Luftauflockerung von geringerem Umfange und untergeordneter, mehr lokaler Bedeutung meist in einem Hochdrucke, welche sich gewöhnlich in ziemlich raschem, aber nicht anhaltendem Barometersturz bemerklich macht. Wollen Sie eingehendere Belehrung über den gegenwärtigen Stand der meteorologischen Kenntnisse, so empfehle ich Ihnen daS Studium deS sehr gediegenen Werkes: Abercromby, das Wetter, aus dem Englischen übersetzt von Professor Pernter in Innsbruck (Verlag: Herder, Freiburg im Breisgau. 7 Mark). Vgl. Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt. ----S-WSS--