« 16 . „Augsburgrr Postzritung". Dinstag, den 25. Februar 1896 . Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburgs Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von HaaS Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Die Astrologen. Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Von Max Benno. (Fortsetzung.) 11 . Im Zimmer des Friedländischen Generals Grafen Octavio Piccolomini stand der Hauptmann Georg Selkow. Der General, ein stattlicher Mann mit schon ergrauendem Haar und durchdringendem Blick, ließ seine Augen mit eigenthümlichem Ausdruck auf dem jungen Manne ruhen; dann bot er ihm einen Sessel und nahm ebenfalls Platz. „Ich bin bis jetzt", begann er, „mit Euch noch niemals in nähere Berührung gekommen, und auch Ihr kennt mich blos als General. Ihr seid deshalb wohl einigermaßen erstaunt über die Bestellung zu mir. Ihr werdet gleich erfahren, was mich hierzu bewog. Ich befand mich heute Morgen beim Herzog, und es wurde von Euch gesprochen. Der Name Selkow fiel mir auf; er lenkte meine Gedanken auf Ereignisse und Zeiten zurück, die demselben von meiner Seite ein Andenken sichern, das erst mit meinem Leben erlischt. Daher bestimmte ich auch den Herzog, einen Beschluß rückgängig zu machen, der Euch für den Augenblick vielleicht mit Stolz und Freude erfüllt, später aber ohne Zweifel in unheilvolle Verwickelungen gebracht hätte. Wollenstem sprach nämlich die Absicht aus, Euch mit geheimen Aufträgen nach Paris an den König von Frankreich zu schicken. Ein ehrenvoller Auftrag, nicht wahr? Und doch habe ich den Herzog veranlaßt, für dieses Geschäft einen Andern zu wählen, nachdem ich das Nähere über Euere Herkunft und Euern Charakter erfuhr." Piccolomini schaute dem jungen Mann fest in's Gesicht. „Ja, mein Sohn", fuhr er fort, „um diese Ehre seid Ihr durch mich gebracht worden, obgleich ich Euch von Herzen zngethan bin. Damit Ihr mich verstehet und mir in allem Euer volles Vertrauen schenket, muß ich eine Geschichte erzählen, die sich ereignete, als Ihr das Licht der Welt noch nicht erblickt hattet. Es war einige Tage nach der denkwürdigen Schlacht bei Lepanto, wo Don Juan d'Austria durch seinen glänzenden Sieg den osmanischen Uebermuth brach. Ein ungeheuerer Jubel herrschte unter den Christen; denn die Türken hatten schon seit langer Zeit alle Küstengebiete des Mittelländischen und Adriatischen Meeres in Schrecken versetzt. Nun glaubte man sie für immer verjagt. Einige Offiziere gingen eines Abends mit ihren Familien an der dalmatinischen Küste spazieren. Die Frauen und Kinder schritten voraus. Ein Olivenwäldchen, das man sich als Ziel der Wanderung gesteckt hatte, war fast erreicht, da brach aus demselben plötzlich eine Schaar Türken hervor und stürzte sich auf die Frauen, welche drei Kinder, zwei Knaben und ein Mädchen, an der Hand führten. Ein Theil der Muselmanen schleppte die Unglücklichen fort, der andere aber warf sich den zu Hilfe eilenden Offizieren erygegen. Die Christen waren an Zahl bedeutend in der Minderheit, der Löwenmuth jedoch, mit dem sie fochten, glich den Unterschied aus. Ein Türke um den andern fiel in den Sand, und nach einem nur wenige Minuten dauernden Ringen suchte der Rest der frechen Räuber sein Heil in der Flucht. Sie wurden von den Offizieren verfolgt, denn die Gefangenen mußten um jeden Preis befreit werden. Die Türken hatten sich nach einer kleinen Bucht zurückgezogen und schleppten dort die Beute in den bereitstehenden Kahn. Ohne Bedenken stürzten sich die braven Offiziere auf sie, und die Rettung der vor Angst halb bewußtlosen Frauen und Kinder gelang. Leider hatte den bravsten der Kämpfer ein Türkensäbel durchbohrt. Er besaß noch so viel Kraft, um die Sorge für Weib und Kind den Kameraden anzuempfehlen, dann verschied er. Diese hielten das dem edeln Manne gegebene Wort. Der Knabe wurde auf ihre Kosten erzogen und für die Wittwe eine Pension ausgewirkt. Die beiden Jungen, welchen ein so schreckliches Schicksal gedroht hatte, wuchsen mit einander heran und sind auch im spätern Leben die besten und vertrautesten Freunde geblieben. Hundertmal haben sie auf ihren Kriegsfahrten in einem Zelte geschlafen und aus einem Becher getrunken, bis die Vorsehung ihre Trennung beschloß. Der Eine hat längst den Tod auf dem Felde der Ehre gefunden, der Andere aber steht hier vor Euch; denn ich", fügte Piccolomini mit feierlichem Ernste hinzu, „war jener Knabe, für den der brave Offizier sich geopfert, das Mädchen meine Schwester, und der andere Knabe, der Sohn des Helden, war Euer Vater." „Ich befand mich in Spanien", erzählte der General weiter, „als ich den Tod meines lieben Freundes, Eueres Vaters, erfuhr. In's Reich zurückgekehrt, erkundigte ich mich nach den Seinen und hörte, daß der 118 einzige Sohn einen Beschützer und Gönner in dem Herzog von Friedland gefunden habe und dessen Zukunft gesichert sei. Lange schon hegte ich den Wunsch, den Sohn meines theuren Georg kennen zu lernen. Da hat die Vorsehung in einem Augenblicke, wo ich am wenigsten daran dachte, mir diese Freude gemährt und mir wenigstens einen Theil meiner Schuld zu tilgen vergönnt. Ich weiß aus Wallenstein's eigenem Munde, wie warm Euer Herz für ihn schlägt und wie oft Ihr schon in seinem Dienste das Leben gewagt habt. Ich würde Euch darum nur noch höher schätzen — denn an dieser Treue und selbstlosen Ergebenheit erkenne ich des Vaters würdigen Sohn — aber ich muß befürchten, daß Ihr durch Euern Eifer zu Handlungen und Entschlüssen verleidet werdet, deren Ende nimmermehr ein gutes sein kann. Georg Selkow", schloß Piccolomini mit einer Stimme, durch welche eine mächtige Aufregung klang, „der Herzog von Friedland steht im Begriffe, mit den Feinden des Kaisers gegen Deutschland und den Kaiser zu ziehen und das Unglück Euerer schönen Heimath noch größer zu machen, als es schon ist. Trennung von dem Empörer ist deshalb heilige Pflicht. Was der Herzog auch schon für Euch gethan haben mag, wie sehr Euer Herz für ihn spricht: dieser unselige Schritt hebt jede Rücksicht und Verbindlichkeit auf." Er ergriff die Hand des bestürzten jungen Mannes. „Ich weiß auch", fuhr er freundlich fort, „daß Ihr, ohne etwas Böses zu ahnen, die geheime Correspondenz Wallenstein's mit Arnim besorgtet, und daß Ihr es wäret, dem man bei Lissa so übel mitgespielt hat. Ich kannte Euch damals noch nicht, und Euere Person galt mir bet der Wichtigkeit der Sache nicht viel. Dennoch war ich schmerzlich berührt, als ich erfuhr, daß man Euch ohne allen Erfolg niedergeworfen, und erfreut über die Handlungsweise meines Vertrauten, der Euch den erlittenen Schaden nach Kräften wieder ersetzte. Welch ein Gedanke wäre es heute für mich, wenn Euch damals das Verhängniß ereilt hätte —durch meine Schuld! Denn von mir waren die Dragoner geschickt. Ich wußte um die Abmachungen des Herzogs und ahnte auch deren Zweck. Um ganz sicher zu gehen, mußte ich mir jedoch Gewißheit verschaffen, und diese suchte ich bei dem Boten. Ich habe mich damals verrechnet, erreichte meine Absicht aber wenige Wochen später auf anderem Wege nur um so vollständiger. Von jener Stunde an bin ich dem Herzog Schritt für Schritt auf seinem verbrecherischen Wege gefolgt, und seit gestern stehe ich am Ziele. Seine hochverräterischen Pläne liegen offen zu Tag. Es ist möglich, daß schon das nächste Morgenroth die Aechtung Wallenstein's bringt. Ihr dürft nicht mit ihm untergehen; ich will Euch retten. In dieser Absicht rief ich Euch heute zu mir." Mit Gewalt bezwaug Georg den Sturm in seinem Innern. „Ist es denn wahr!" rief er, „ist es möglich? Ich kann immer noch nicht glauben, daß der Herzog ein falsches Spiel treibt!" „Die untrüglichsten Beweise", erklärte der General, „befinden sich in meiner Hand, und zudem hat Wollenstem mir selbst so deutliche Winke gegeben, daß kein Zweifel mehr aufkommen kann. Uebrigens werdet Ihr heute Abend Gelegenheit finden, Euch selbst von der wirklichen Sachlage zu überzeugen. Sämmtliche in Pilsen anwesende Stabsoffiziere sind von Jllo, der in die geheimsten Pläne des Herzogs eingeweiht ist, zu einem Bankett eingeladen. Dort soll eine Schrift zur Unter- zeichnung vorgelegt werden, worin Alle sich eidlich verpflichten, bis auf den letzten Blutstropfen treu zu'des Herzogs von Friedlnnd Hoheit zu halten. In einem Exemplar dieses Documentes ist der ausdrückliche Vorbehalt eingefügt, daß dies nur geschehen solle, so lange der Herzog in Seiner Kaiserlichen Majestät Diensten verbleibe oder der Kaiser ihn zur Förderung seiner Sache gebrauche; in einem zweiten aber fehlt dieser Zusatz. So lange die Gäste noch nüchtern sind, wird ihnen das erstere vorgelesen und zur Durchsicht gereicht; unmittelbar vor Aufhebung des Gelages aber, wenn die Meisten ihrer Sinne voraussichtlich nicht mehr Herr sind, legt man den Revers ohne den Vorbehalt zur Unterschrift vor. Zu dieser Versammlung will ich Euch Zutritt verschaffen. Bleibt nüchtern, damit die Wahrheit meiner Worte vor Euerrn eigenen Augen sich enthüllt." Georg rang vergeblich nach^Fassung. Er dachte an die Herzogin, ihre Pläne und Hoffnungen für die Zukunft^ an sein eigenes Glück und an Magdalenens schreckliches Traumbild, das in diesem Augenblick auch für ihn eine furchtbare Bedeutung erhielt.j ZDabei konnte er sich eines Gefühls tiefer Bitterkeit gegen den General nicht erwehren. Der Mann, welchen der Herzog für den treuesten Freund hielt, hinterging ihn. Er mußte an sich halten, daß er dem hohen Vorgesetzten gegenüber seinem Unmuth nicht lauten Ausdruck verlieh. Warum denn diese Heimlichkeiten? Warum dem Freunde kein offenes Wort? „Auch der Kaiser", begann der Graf wieder, „ist von allem in Kenntniß gesetzt, und unsere Maßregeln sind zu einem entscheivenden Schlage getroffen, der den verblendeten Mann unschädlich macht. Seine Absetzung ist beschlossene Sache und Gallas zum Höchstcomman- direnden an Wallenstein's Stelle bestimmt. „Herr General", fragte Georg, indem er die bittere Wallung in seinem Innern bezwäng, „wäre es nicht möglich, den Herzog zu retten? Wenn ein wohlmeinender Freund ihm den Abgrund zeigte, vor welchem er steht, hielte er ihn vielleicht doch noch vor dem letzten verderblichen Schritte zurück. Auch Ihr wäret sein Freund", fügte er mit flehendem Tone und feuchten Augen hinzu; „ich weiß es, Ihr habt ihn geliebt! O, ich beschwöre Euch, laßt ihn nicht fallen, nicht so fallen — es wäre sein Tod!" „Ich habe gethan, was ich konnte", entgegnete Piccolomini, das Gesicht abwendend; „ich habe gewarnt, gebeten und beschworen, wie Ihr, aber es war alles umsonst. Meine Worte prallten wirkungslos an den Einflüsterungen seines bösen Geistes, des Astrologen Seni, und Wallenstein's eigenem grenzenlosen Eigensinn ab. Es blieb mir keine andere Wahl, als zuletzt selbst gute Miene zum bösen Spiele zu machen, damit ich nicht verdächtig erschien. Ich sehe das Unwürdige meiner Rolle wohl ein, sie fällt mir auch schwer, aber ich bringe das große Opfer der guten Sache zu lieb. Wo die Wohlfahrt ganzer Völker auf dem Spiel steht, kommen die persönlichen Empfindungen Einzelner nicht in Betracht." „Wenn die Herzogin einen Versuch machte?" be- harrte Georg. „Nein", fiel ihm Piccolomini entschieden in's Wort, „diese halbe Maßregel wäre ein zweischneidiges Schwert. Der Herzog würde, deß bin ich sicher, auch auf die Bitte 119 seiner Gemahlin nicht achten; aber er wäre gewarnt. Er würde losschlagen, ehe sein Arm durch uns gelähmt ist, und im eigenen Lager würde ein Kampf entbrennen, wie die Welt noch keinen erlebt. Tausende würden um des Einen willen geschlachtet. Die Kugel ist im Rollen, und keine menschliche Hand hält sie mehr auf. Ist nachher die große Gefahr glücklich vorüber, dann sind — und an dieser friedlichen Lösung zweifle ich bei dem guten Herzen Ferdtnand's nicht — auch die Worte Vergebung und Gnade am Platz." Georg sah ein, daß all' sein Flehen nichts half. Mit blutendem Herzen gab er das verlangte Ehrenwort, über das Gehörte zu schweigen, und zog sich zurück. In schmerzlicher Bewegung suchte er seine Herberge auf. Hier öffnete er ein Fenster und schaute in den anstoßenden Garten hinaus. Der Frühling hatte bereits seine Vorboten gesandt. Ein warmer Luftzug kam vom Gebirge herüber, und die Sonne entwickelte eine für die herrschende Jahreszeit ganz ungewöhnliche Kraft. So weit das Auge zu blicken vermochte, lag noch Schnee, scharf hoben sich die dunkeln Tannenforste von dem weißen Hintergrund ab. Wie ein breites Stlberband schlängelte sich in geringer Entfernung der Eisspiegel der Beraun durch die majestätische Winterlandschaft. Feierliche Stille herrschte. Nur von Zeit zu Zeit hörte man jenes dumpfe Geräusch, welches entsteht, wenn unter dem Kusse des Tagesgestirns ein Stück des glänzenden Krystallschmuckes von den tief herabhängenden Zweigen der Bäume sich ablöst und auf den weichen Schneeteppich fällt. Nicht so friedlich sah es in Geoag's Gemüth aus. Die bitterste Enttäuschung hatte sein warmfühlendes Herz! mit kaltem Finger berührt. Er vermochte nicht mehr an! der Schuld des Herzogs zu zweifeln; aber ebensowenig wich die Ueberzeugung von ihm, daß auch auf Seiten der Ankläger desselben viel gefehlt worden war. Mit welcher Zuversicht, mit welcher Begeisterung war er zui Felde gezogen, um unter dem Banner der Wahrheit und,^ des Rechts für Ruhm und Ehre zu kämpfen — und^ nun fand er jede Blume an diesem Pfade von dem! Schlangengezücht der Leidenschaften umzischt! Er hatte! so schön von Lorbeeren, von künftiger Größe, von einem! Namen geträumt, von Thaten, deren Erinnerung gleich^ einem Sonnenblick in die späten Tage stiller Ruhe hineinleuchten sollte — mit rauher Hand waren nun durch! die Wirklichkeit all' seine Illusionen zerstört! In ruh- uud rücksichtslosem Jagen nach verführerischen Trugbildern also bestand das Glück und die Herrlichkeit der Welt! Georg fühlte sich von einer mächtigen Sehnsucht, von glühendem Heimweh ergriffen; fort wollte er, wett fort aus diesem Chaos — heim, an die Seite der Geliebten und an das treue Herz seines priesterlichen Lehrers. Aus diesen Gedanken wurde der Hauptmann durch den Boten geweckt, der ihm die Einladung zum Bankett Jllo's brachte. Mit einem bittern Lächeln nahm er sie entgegen. Ein Freudenmahl! Er befand sich wahrklich in einer hierzu wenig passenden Stimmung. Noch eine Zeit lang blieb er im Zimmer, dann wurde es ihm zwischen seinen vier Wänden zu eng. Er ließ sich sein Pferd vorführen und ritt ohne bestimmte Absicht davon. Sein Quartier lag ganz am Ende der Stadt, unmittelbar neben der Umfassungsmauer. Wenige hundert Schritte vom Thore entfernt begann ein üppiger Tannenwald, der sich auf beiden Seiten der Beraun tief in's Land hineinzog. Einen der durch diesen Forst führenden Wege schlug der Hauptmann ein und tummelte, um das Blut abzukühlen, stundenlang ziellos sein Pferd. Er beachtete es gar nicht, daß in Folge der abnormen Wärme ein Unwetter am Horizont heraufstieg. Erst als ihm der Sturm Regen und Schneeschauer in's Gesicht trieb, schaute er sich um und fand den vorher noch so klaren Himmel mit schwarzgrauen Wolken bedeckt. Zugleich erkannte er, daß sein Spazierritt ihn ziemlich weit von der Stadt entfernt hatte. Der Abend brach herein. Er dachte an das bevorstehende Bankett, bei welchem er nicht fehlen durfte. Rasch wandte er sein Pferd und jagte in der Richtung nach Pilsen zurück. Zu gleicher Zeit schlich, nur eine halbe Stunde von Georg entfernt, durch das Unterholz des Waldes tief im Schnee schreitend ein Mann. Ein breitkrämpiger Hut verbarg das Antlitz, das überdies von einer schwarzen Maske verhüllt war. Ein dunkler Mantel von grobem Stoff umschloß die mittelgroße Gestalt, und der Lauf einer Pistole wurde sichtbar, wenn der Sturm die Falten des Mantels zurückschlug. Das Unwetter war mit Macht losgebrochen. Die Bäume zitterten und beugten ächzend ihre Kronen, daß der Schnee in dichten Wolken auf den Boden herabfiel. Aengstlich verbargen sich die Vögel vor den Schloffen, und die übrigen Waldbewohner flohen in ihre Lager. Wild rauschte der Waldbach, welcher die von der Sonne zum Theil geschmolzene Eisdecke durchbrochen hatte und schäumend über die Ufer sich ergoß. „Ein verdammtes Wetter", fluchte der Mann und zog den Mantel fester um sich; „am Ende ließen sie sich schrecken und kommen gar nicht." Er spähte mit verhaltenem Athem zwischen zurückgebogenen Zweigen auf den glatten Fahrweg hinaus, welcher von Pilsen nach Rokytzan führt. Da vernahm er durch das Sturmge- Hbraus ein schwaches Schellengeläute, das immer deutlicher und näher erklang. Aus den Augen des Mannes leuchtete ein wilder Triumph. Er zog sich hinter das ,Strauchwerk zurück und verschwand. Nach Versfuß weniger Minuten jedoch regte es sich wieder in dem Gebüsch. Vorsichtig wanden diesmal drei Männergestalten sich aus dem Dickicht und krochen langsam gegen die Straße heran, wo sie im Graben Deckung fanden. Ein leichter Schlitten, auf welchem hinter dem Fuhrmann aneinandergeschmiegt !zwei Frauen sich befanden, flog auf den Platz zu. Da tönte ein gellender Pfiff. Die drei Vermummten brachen aus ihrem Versteck hervor. Einer fiel dem Pferd in die Zügel, der andere riß den erschrockenen Fuhrmann vom Bock und suchte ihm die Hände zu binden; der dritte aber zerrte die jüngere der Frauen, ehe sie Zeit gefunden hatte, die hemmende Umhüllung von sich zu streifen, aus dem Schlitten und schickte sich an, sie über den Graben nach dem Dickicht zu schleppen, während die andere nach einigen kreischenden Angst- und Hilferufen vor Entsetzen das Bewußtsein verlor. Rascher Hufschlag tönte in diesem Augenblick durch den Wald. Ein Reiter sprengte heran. Ein einziger Blick genügte ihm, um zu erkennen, was vor seinen Augen geschah. Sein Degen blitzte auf dem Kopf eines der Banditen, daß dieser stöhnend in den Schnee sank. Der Räuber, welcher die Frau bereits auf den Grabenwall gezerrt hatte, drückte eine Pistole auf den Angreifer ab, aber die Kugel verfehlte das Ziel. In der nächsten Secunde sah auch dieser sich von der Waffe des 120 Reiters bedroht. Da ließ er seine Beute los und entfloh. Als seine Gefährten, von denen der eine sich von dem empfangenen Hieb sich schnell wieder erholt hatte, dies bemerkten, hielten auch sie nicht mehr Stand. Sie übersprangen den Graben und zogen sich eiligst in das Unterholz des Waldes zurück. Gleich nachher hörte man Pferdegetrab, das sich jedoch alsbald in der Ferne verlor. Georg Selkow — denn dieser war auf seinem Ritt nach Pilsen zur rechten Zeit als Retter des Weges geführt worden — wandte sich, vom Pferde steigend, zu der Frauengestalt und schaute — in Marion's bleiches Gesicht. Während des Ringens waren dem Mädchen Tücher und Pelze entfallen. In den aufgelösten Haaren wühlte der Sturm. Sie stand da wie geistesabwesend. Ihre großen Augen richteten sich glühend nach der Richtung, aus welcher man das Geräusch der fliehenden Räuber vernahm. „Der Schreckliche", murmelte sie, „er wollte mich entführen; ich habe ihn trotz seiner Verkleidung erkannt." Wie aus einem Traume fuhr sie plötzlich empor. Rasch wechselten, als sie den Hauptmann gewahrte, Nöthe und Blässe auf ihrem Antlitz. „Ihr seid es, Ihr", brachte sie endlich stockend hervor, „Ihr wurdet mir abermals vom Himmel als Retter gesandt? O Gott, wodurch habe ich diese Gnade verdient?" „Was soll das heißen?" fragte Georg heftig. „Welcher Schurke hat sich an wehrlosen. Frauen in solcher Weise zu vergreifen gewagt?" Marion hatte sich wieder gefaßt. Sie führte den Hauptmann an den Schlitten, wo ihre Gefährtin, eine ältere Frau, durch den befreiten Kutscher wieder zum Bewußtsein gebracht worden war. „Meine mütterliche Freundin", erzählte sie, „wurde von ihrer Schwester, die im nächsten Dorf wohnt, gebeten, sofort zu kommen, da sie in Folge eines Unglücksfalles schwer verletzt sei und sich ihrem Ende nahe fühle. Wir folgten dem Rufe augenblicklich und befanden uns auf dem Wege dahin. Nach dem so eben Erlebten fürchte ich jedoch, daß wir in böswilliger Absicht getäuscht worden sind, um uns in die Einsamkeit des Waldes zu locken, und die Gefahr der Schwester nur als Vorwand gebraucht wurde von einem Elenden, den Ihr wahrscheinlich nicht erkannt habt. Ich dagegen weiß recht gut, wer mich in den Wald schleppen wollte, wenn das Antlitz des Nichtswürdigen auch durch die Maske verdeckt worden ist. Der freche Wegelagerer war kein Anderer als Fritz Donald mit zwei Helfershelfern." (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Mzubekannt Hat wenig Ehr' und viel Schand'. Wer and're tadelt laut und grob, Leicht geistreich scheinen kann, Doch Geist zu zeigen bei echtem Lob, Gelingt nicht Jedermann. G. Walling. Was ist der hohe Rang? Ein stolzer Bettler, prahlt und bettelt — bei der Menge bettelt Um ein Almosen Huldigung, und oft versagt Die Menge ihre milde Gabe. Eine gefallene Größe. Augsburgische Episode aus dem 16. Jahrhundert. - lNachdruck verboten., D,. Frühzeitig erkannte der Handel die Vortheile des großen Capitals, und er machte sich bald dasselbe zu Nutzen. Allerdings gelang dieses selten einer vereinzelten Thätigkeit, wetzhalb mehrere Männer zu einem gemeinsamen Unternehmen sich verbanden. So entstanden die Handelsgesellschaften. AIs erste und bedeutendste ging aus Lübeck im 13. Jahrhundert der große nordische Städtebund hervor, welcher bis Köln und Erfurt nach dem Süden sich ausdehnte, und der nicht bloß nach politischer Macht strebte, sondern auch die Erweiterung und den Schutz des Handels und der Gewerbe zu seiner Aufgabe machte. Großartige Erfolge durfte die Hansa verzeichnen, und sie verlockten zur Nachahmung. Rasch bildeten sich in den größeren Reichsstädten ähnliche Gesellschaften, wenn auch in kleinerem Stile, und aus dem engen Comptoir eines kühnen Handelsherrn wuchsen die Fangarme weit über die Grenzen des deutschen Reiches hinaus, die heimischen Speicher mit kostbaren Schätzen füllend. Auch in Augsburg schlug das verführerische Wagniß Wurzel. Ulrich Arzt war es, der 1429 zuerst eine Handelsgesellschaft auf breiter Grundlage gründete. Sein Sohn, gleichen Namens, trat in die Fußstapfen des Vaters, und er spann aus dem 1462 auf dem Rindermarkte gekauften stattlichen Hans Hofmaier'schen Hause, 1418 die gastfreundliche Herberge König Sigmunds, goldene Fäden über Italien und entlang den gegen Norden eilenden Strömen, um die Producte des glühenden Orients und der kalten Landstriche Europas für sich in Reichthümer zu verwandeln. Kurz darauf segelten in dem gleichen Fahrwasser die Gossenbrote, Vehlin und Baumgartner, bis die Fugger und die Weiser alle überholten, nachdem in den Handelsbüchern der Gewinn-Conto durch die Ausbeute der Bergwerke in das Ungemessene sich vergrößert hatte. War aber in den Factoreien zu Venedig und Lissabon, zu London und Lübeck von diesen Handelsfürsten die Rede, so blieb auch der Name Ambros Höch- stetter nicht ungenannt. Der schon 1368 bei der Einführung des Zunftregiments zwischen den Kaufleuten und den Krämern gemachte Unterschied, wobei jene an der Spitze der 17 Zünfte erscheinen, erfuhr allmälig nochmals eine Theilung, die bedeutungsvoll in das öffentliche Leben eingriff. Längst erhoben sich einzelne Namen aus der Reihe der Mitbürger, und ihre Träger glänzten nicht bloß durch außerordentlichen Reichthum, erworben durch kluge und glückliche Ausnützung der jeweiligen Verhältnisse, sondern es zierte sie auch Gelehrsamkeit und genaue Kenntniß der Begebenheiten in weiten Kreisen, so daß Könige und Fürsten mit Vorliebe sich ihrer als Räthe bedienten. Dessenungeachtet beurtheilte sie das uralte Patriziat, im Laufe der Zeit auf 8 Familien zusammengeschmolzen, als seiner nicht ebenbürtige Emporkömmlinge und verweigerte ihnen den Eintritt in ihre Gesellschaft. So eifersüchtig hüteten die Geschlechter das Privilegium ihrer bevorzugten Stellung in der Reichsstadt, daß sie sogar 1496 dem Wunsche des Kaisers Maximilian, den angesehenen Kaufmann Philipp Adler in ihrer „Stube" einzuschreiben, nicht entsprachen. Allein dem praktischen Leben widerstand auf die Länge nicht die Schranke des Standesunterschieds. Die ehelichen Verbindungen aus den Häusern der großen Handelsherren mit den Gliedern des.Datriziats gehörten M k«M Im Elappcnquarlicr. Nach dem Gemälde von A. V. Werner. >.Mit Genehmigung der Photographischen Gesellschaft in Berlin.) nimmer zur Seltenheit, und die geschlungenen Bande verknüpften die Geschlechter mit den Männern, „so der gemeinen Kaufmannschaft sich enthielten", so enge, daß aus diesen Heirathen seit 1478 ein dritter Stand, „die Mehrer der Gesellschaft", zwischen dem zünftigen und rittermäßigen Bürger sich gebildet hatte. Mit wenigen Ausnahmen stemmten sich weder die Zunft:' Meister noch die Einwohnerschaft gegen die daS demo- kratischePrincip derVerfassung verletzende Neuerung, denn der blühende Großhandel kam dem gemeinen Wesen und dem einzelnen Bürger zu Gute, und die „Mehrer" blieben nach wie vorMitglieder derKaufmanns- zunft. Zunächst gewann dabei die Stadtkasse. Zahlten noch im Anfange des Jahrhunderts nur 9 Bürger eine Steuer von mehr als 100 fl. (circa 690 Mark), so gab es 1526 deren schon 400, und darunter einen, Jak. Fugger, welcher in dem Steuerbuch mit der „gesezten" d. h. der mit ihm vereinbarten Jahressteuer im Betrage von 1200 Gulden (c. 8280 M.) erscheint. Sodann arbeiteten die Gewerbe auf goldenem Boden. Es entfaltete sich eine außerordentliche, zahlreiche Arbeitskräfte beanspruchende Bauthätigkeit, welche von 1490—1530 den größten Theil noch heute bewundert wird. Und ganz besonders belebte der Handel die durch die Krtegstrubeln noch 1466 verödeten Weberwerkstätten, denn taufende „geschaute" Loden führte er durch ganz Europa und über das Meer. Endlich hatten alle Künstler vollauf zu thun, um den Bei- - Hohrnstaufen und Uechderg. der Stadt um- bezw. neubaute, zwar noch im gothischen Stile, aber mit malerischem Schmucke des Renaissance- Geschmacks. Auch Ambros Höchstetter baute sich auf dem Platze einiger,. am^Kesselmarkte abgebrochenen Häuser ein stattliches Wohnhaus-- i(O 160), dessen^ reizender Erker Sigmaringcn. stellungen der reichen Handelsherren zu genügen. Augsburg, durch seine Pracht sprichwörtlich geworden, bildete jetzt den Mittelpunkt deutscher Kunst und des deutschen Kunstgewerbes. Unter einer Bevölkerung von 20,000 Seelen nahm die Zahl der Künstler — Maler, Bildhauer, Metallgießer, Formenstecher, Holzschnitzer und Goldschmiede —eine hervorragendeStellung ein, und da sie ihr gesellschaftliches Heim (v 163 von 1473 bis 1518)indernächstenNach- barschaft des Ambros Höchstetter hatten, so ist um so mehr anzunehmen, daß derselbe mit den Meistern in regem Verkehr stand, weil der Zeitgenosse Cl. Sender, Benedictiner-Mönch bei St. Ulrich (ch 1537), in seiner Chronik berichtet: „setnWohn- haus war voll mit aller Zier wie ein Fürstenhaus". Und ähnlicher Zierde bedurfte auch der Lustgarten vor dem Oblat- terthor. sDamals huldigte jeder Mann von' Bedeutung der Liebhaberei für seltene Blumen, Gesträuche und Wasserkünste, und wie damit Jakob Hörbrot vor dem Vogclthor, Meuting in der Jakobervorstadt und Jakob Adler am Rothen Thore ihre^Gärten^ schmückten, so füllte Höchstetter den seinigen Mt Bildwerken aus. Marmor und Erz zwischen den zierlich geschnittenen Taxushecken, 123 in deren Schatten nicht selten fröhliche Gäste bei einem Trunke des beliebten Malvasier (Wein von den Inseln des griechischen Archipelagos) sich labten. So sättigte sich gleichsam das ganze Bürgerthum an den opulent gedeckten Tafeln der reichen und kunstlieben- den Handelsherren, und sie kargten mit ihrer Freigebigkeit nicht, wenngleich sie zuweilen sehen mußten, daß der gemeine Mann ihre Thätigkeit und den daraus gezogenen Gewinn argwöhnisch betrachtete. Diese feindselige Stimmung machte sich nicht bloß durch boshafte Reden Luft, indem sie die Benützung der Handels-Monopolien spöttisch „Fuggern" nannte, wie auch der Graf Walrod v. Waldeck höhnte: „die auf den Reichstagen durch Anleihen ihren Schnitt wachen, heißt man Hörbrote", sondern sie artete auch nicht selten in bedrohliche Auftritte aus. Solches war gewöhnlich der Fall bei dem raschen Steigen der Lebensmittelpreise. Ob die Ursache davon kriegerische Vorgänge oder die Verschlechterung der Münze oder ein widriges Natur-Ereigntß sein könnte, untersuchte das Volk nicht, es schob ' rücksichtslos alle Schuld auf den Mgen- nutz der Kaufleute, und der darüber in den Herbergen tobende Lärm verleitete hin und wieder die Zunftmeister auf-dem Rathhause zu Maßregeln, welche Oel in's Feuer gössen. Von derartigen Angriffen blieb auch das Höchstetter'sche Haus nicht verschont, und den ersten Sturm entfesselte ein Bediensteter des eigenen Kontors. Nur in ein paar Generationen zählten zu der Zunft der Kaufleute die Höchstetter, und einer davon bestimmte gegen das Ende des 15. Jahrhunderts seinen Sohn Ambras zum Nachfolger im Geschäft. Ueber dessen Ausbildung ist nichts bekannt, doch wird er sich darin von den übrigen Kaufmannssöhnen nicht unterschieden haben, welche in der Regel daheim sich bestrebten, einen guten Schulsack sich anzueignen, und dann das Ausland bereisten. Das Hauptaugenmerk richteten sie dabei auf die in den fremden Ländern zu befriedigenden Bedürfnisse und welche Producte aus ihnen mit Gewinn zu beziehen seien, was zur Anknüpfung werthvoller Verbindungen führte. Nicht zu umgehen war ein kürzerer oder längerer Aufenthalt in Paris, oder in den Niederlanden, oder ganz besonders in Venedig, dem Emporium des Marktes mit der zur Barchentweberei unentbehrlichen Baumwolle aus Cypern, und mit Erfahrungen bereichert in das elterliche Haus zurückgekehrt, gründeten die jungen Leute gewöhnlich ihren eigenen Herd. Dieser Lebensabschnitt fällt bei Ambras Höchstetter in das Jahr 1493. Nachdem er durch Thatkraft und Ausdauer das väterliche Geschäft aus einem engbegrenzten Kreis in breite Bahnen geleitet hatte, schloß er mit Anna Nehlinger, aus einer der ältesten Geschlechter-Familien stammend, den Ehebund, wodurch er nicht nur als. „Mehrer der Gesellschaft" aus der „gemeinen Kauf-^ mannszunft" sich erhob, sondern auch die Gründung eine« eigenen Gesellschaft erzielte. Mit der 60,000 fl. betragen-f den Mitgift seiner Frau ließ sich der Handel im Großen^ betreiben, an Bergwerksunternehmungen theilnehmen und' manchem in Verlegenheit gerathenen hohen Herrn, nicht zum eigenen Schaden, eine Gefälligkeit erweisen. Höchstetter hatte sich als'vasroutor ampliasiinus, wie ihn Gaffer nennt, in die Reihe der reichen Handelsherren emporgeschwungen, denen er auch in seinem äußern Erscheinen nicht So zeichnet ihn mit wenigen Strichen Clemens Sender: „ein feiner, herrlicher, langer, starker Mann, in ganz Europa berühmt ob seines fürstlichen Ansehens, auch groß Trauens und Glaubens, der mit dem Kaiser, mit hohen Herren und allen männiglich handelt und das von ihnen und von den Bürgern, Bauren, Knechten und Mägden bei ihm gelegte Geld mit fünf Gulden vom Hundert verzinst." Neben diesem Sonnenschein des Lobes leiht jedoch der Chronist seine Feder auch den Schatten der Vorurtheile und des Mißtrauens der Zeitgenossen, indem er in der Schilderung fortfährt: „aber mit seinem Schatz hat er oft den gemeinen Nutz und den armen Mann druckt, denn er kaufte Holz, Wein und Korn auf, trieb die Preiße in die Höh und gab schlechte und kleine Waar ab." (Schluß folgt.) -«««kS- Zu unseren Bildern Im Etappenquartier. Alle jene, die den großen Krieg gegen Frankreich m>: gemacht haben, dessen Wjähriges Jubiläum jetzt bald zu Ende geht, wissen genugsam zu erzählen von den furchtbaren Strapazen, welche die langen Märsche und das Campiren unter freiem Himmel, oftmals unter strömendem Regen oder b.ei bitterster Kälte, für unsere Truppen mit sich brachten. Das armseligste Quartier war noch immer goldig im Vergleiche mit dem Lagern und Uebernachten im Bivoak, und glücklich schätzte sich jeder, der, nachdem er eine Reihe von Nächten hindurch mit dem aufgeweichten oder festgefrorenem Erdboden als Lager sffA nachstand LÄM DMA Hirsau vorlieb nehmen muhte, endlich einmal wieder unter Dach und Fach, wenn auch auf dem lehmgestampstem Fußboden einer Bauernhütte, die müden Glieder zur Ruhe strecken konnte. Groß war darum auch stets der Jubel, 'wenn dann und wann einer kleineren Abtheilung zur Abwechslung ein besseres Quartier zu Theil wurde, etwa eines von den zahlreichen Schlössern und Landhäusern, deren Bewohner unter Zurücklassung der gesummten Wohnungseinricktung vor dem heranrückenden Feinde geflüchtet waren. Und wenn ein solches Quartier sich gar noch auf mehrere Tage ausdehnte, dann wußten unsere deutschen Krieger sich alsbald wohnlich einzurichten und es entwickelte sich ein sorglos fröhliches Treiben in den gar oftmals mit verschwenderischer Pracht ausgestatteten Räumen, welche den deutschen Kriegern zu vorübergehendem Aufenthalte dienten. Ein derartiges Etappenquartier in einem französischen Schlosse hat der berühmte Historienmaler Anton von Werner, dem wir eine ganze Anzahl künstlerischer Erinnerungen an den deutschfranzösischen Feldzug verdanken, auf den: köstlichen Gemälde veranschaulicht, dessen wohlgelungene Nachbildung wir heute unseren Lesern vorführen. Es sind preußische Kavalleristen, Offiziere und Unteroffiziere, die sich in dem vornehmen Salon gemüthlich niedergelassen haben und neben der Annehmlichkeit behaglicher Ruhe sich die Freuden eines musikalischen Genusses gönnen, auf den sie vielleicht lange schon verzichten mußten. Solch harmloser Art ist die Fröhlichkeit der deutschen Soldaten, daß selbst die im Hause Zurückgebliebenen, eine französische Magd und ein kleines Mädchen ihre anfängliche Scheu Vor den ge- fürchteten Prusfiens überwinden und unter der Thüre stehend neugierig dem heiteren Treiben zuschauen. Sigmartngrn. Mitten im schönen Schwaben liegen als eine preußische Enclave die durch Vertrag vom 7. Dezember 1849 dem preuß. Staatsverbande einverleibten Fürstenthümer Hohenzollern- Hechingen und Hohenzollern-Sigmaringen, welche zusammen den jetzigen, unter dem Oberpräsidium der Rheinprovinz stehenden Regierungsbezirk Sigmaringen mit der gleichnamigen Hauptstadt bilden. Die Stadt Sigmaringen ist noch heute Residenz des Fürsten Leopold von Hohenzollern, dessen auf steilem Felsen gelegenes Schloß mit reichen Sammlungen von Gemälden, Skulpturen, Waffen und Alterthümern der Stadt ein malerisches Gepräge gibt. Leider ist ein Theil dieser Sammlungen vor einigen Jahren bei dem großen Brand des Schlosses zu Grunde gegangen. An anderweitigen Sehenswürdigkeiten besitzt Sigmaringen die Denkmäler der Fürsten Karl und Johann von Hohenzollern, eine schöne katholische und eine evangelische Kirche, das Regierungsgebäude, das fürstliche Hoftheater usw. In dem dicht bei der Stadt gelegenen ehemaligen Nonnenkloster Hedingen befindet sich das 1818 vom Fürsten Anton Aloys gegründete Gymnasium, in der dazu gehörigen Kirche die Fürstengruft. In der Nähe der Stadt liegt das große Kriegerdenkmal und das Jagdschloß Josephslust mit großem, an Edelwild reichem Thiergarten. Von den 4307 Einwohnern der Stadt sind ^ katholisch, Vr Protestantisch. Hohenstaufen und Uechberg. Zwei einst mächtige deutsche Adelsgeschlechter, die Fürsten von Hohenstaufen und die Grafen von Rechberg sind es, welche von den beiden Bergkegeln im Württembergischen Donaukreise ihre Namen ableiten. Friedrich der Erste von Schwaben, der Sohn Friedrichs von Büren, erbaute gegen Ende des 11. Jahrhunderts die Burg auf dem Hohenstaufen, nach der von nun an das Geschlecht genannt wurde, das von 1138 bis 1254 den deutschen Kaiserthron innehatte und das 1268 mit dem unglücklichen Konradin im Mannesstamme erlosch. Stammvater der Grafen von Rechberg und Rothenlöwen ist Graf Ulrich von Hohenrechbcrg, welcher 1194 die Stammburg auf dem Rechberg erbaute. Im 13. Jahrhundert theilte sich das Geschlecht in 2 Hauptlinien: Rechberg und Rothenlöwen auf den Bergen (erloschen 1413) und Rechberg und Rothenlöwen unter den Bergen. Letztere theilte sich wieder in Hohenrechbcrg (erloschen 1584), Staufeneck (erloschen 1599) und Jlleraichen (erloschen 1676). Schon 1607 war ein Nebenzweig der Jlleraichen: „Kronburg", in den Reichsgrafenstand erhoben worden, wie auch der andere Nebenzweig „Donzdorf" (erloschen 1732) den Grafentikel 1699 reassumirte. Ein dritter Nehenzweig ist der noch bestehende Kronburg-Osterberg. Von den Stammschlössern der Hohenstaufen und der Rechberg auf den beiden benachbarten Bergen find heute nur noch wenige Ueberreste vorhanden. Hirsau. Im Schwarzwald, im schönen Thale der Nagold liegt malerisch das stattliche Dorf Hirsau, welches seine Entstehung dem ehemaligen Bcnediktinerkloster Hirsau verdankt. Dieses berühmte Kloster, vom Grafen Erlafried von Calw 830 erbaut und durch den Abt von Fnlda, HrabanuS Manrus, im September 838 eingeweiht, zeichnete sich durch hohe wissenschaftliche Bildung und eine im zehnten Jahrhundert berühmte Schule aus. Durch den Grafen Adelbert II. von Calw 1059 hob sich das Kloster noch mehr und nahm unter rein heil. Wilhelm (!069-1091) eine der ersten Stellen unter allen Benediktiner- Congregationen Deutschlands ein. 1534 säcularisirt, wurde es 1556 in eine Klosterschule verwandelt. Herzog Wilhelm von Württemberg baute ein Schloß an das Kloster an, welches aber gleich dem Kloster 1692 durch die Franzosen eingeäschert wurde. Die ausgebrannten Mauern dieses Schlosses üherwölbt die riesige, ven Uhland u. A. besungene Ulme. Die gut erhaltene gothische Kapelle (1509), jetzt Pfarrkirche und 1892 vortrefflich ' estaurirt, birgt in den oberen Räumen den interessanten Kloster- bibliothekfaal. Das heutige Hirsau ist ein beliebter Luftkurort. -—«««es-- Kimmekssckiau im Monat März. —X. Merkur steht morgens sehr niedrig am östlichen Himmel. Venus § morgens im Steinbock und Wassermann nähert sich immer mehr der Sonne. Mars geht gegen 5 U. 30 M. früh, zuletzt um 4 Uhr auf und ist sehr lichtschwach. Jupiter 2s ist sehr hell, die ganze Nacht sichtbar und geht zwischen 6 U. und 4 U. früh unter. Saturn H in der Wage kommt nach 11 U., zuletzt 10 U. nachts über den östlichen Horizont. Sein Ring wird immer deutlicher, da die Längen seiner Achsen beziehungsweise 41 2 und 15 4 Bogensekunden betragen. In der Nähe des Mondes befinden sich Saturn am 4. nachm. 4 U. und am 31. um Mitternacht; Mars am 10. mgs. 8 U. und Jupiter am 24. südwestlich. Vom Monde werden bedeckt Venus am 11. nachm. 3 U.; Merkur am 12. früh 2 U.; Regulus am 26. nchm. 2 U. Vom 2. bis 14. März läßt sich das Zodiakallicht am westlichen Himmel zwischen 7 U. 30 M. und 9 U. 30 M. beobachten. -- Nikd-r-FlStysek. - ^ Auflösung des Kombinationsräthscls in Nr. 13: Andacht (Wand, Brand, Rand, Sand, Land — and; Pracht, Aacht, Schacht, Macht, Acht, acht — acht). Auflösung der Schach-Aufgabe in Nr. 15: Weiß. Schwarz. 1. L. ^4-02 beliebig. 2. D. Matt. --