AnWattungsSlatt M „Augsburger PostMung". « 22 . Dinstag, den 17. März 1896. Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Truck und Verlag der Rterarischen Instituts von HaaS Ä Grabberr in Augsburg (Vorbesitzer Ilr. Max Huttler). Judas Wakkabäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. INachLkuL v«rb>»r„., 1. Kapitel. Treu bis zum Tode. Herrlich ging die Sonne hinter den Hügeln, welche Jerusalem umgeben, unter, indem sie Ströme goldenen Lichtes über die mit Reben, Granat - und Oliven- bäumen bekleideten Thäler ergoß. Prächtig funkelten die Strahlen in den Wellen des Baches Kidron wider, und ein reicher Gluthschein lag auf den flachen Dächern, Brustwehren und Wällen der Stadt. Der rothgefärbte Himmel bildete einen herrlichen Contrast zu den Zinnen des Tempels, der damals, zu der Zeit meiner Erzählung, die Höhe des Berges Zion krönte. Es war dies nicht der prächtige Tempel, welchen Salomo erbaut hatte, es war aber auch nicht derjenige, welchen König Herodes geschmückt hatte, sondern das Gebäude, wie es dort in seiner einfachen Majestät vor uns steht, ist von den Hebräern bei ihrer Rückkehr von Babylon unter Führung des Serubabel und Josua errichtet worden. Nicht die Macht gewaltiger Fürsten, noch das Gold der Reichen hatten jenen Tempel erbaut, sondern der ernste Eifer eines bedrückten, in den Staub getretenen Volkes; und sein höchster Schmuck war die Verheißung, welche Haggais begeisterte Lippen ausgesprochen hatten: „Da soll dann kommen aller Heiden Trost; unb ich will dies Haus voll Herrlichkeit machen, spricht der Herr Zcbaoth; es soll dieses Hauses Herrlichkeit größer werden, denn des ersten gewesen ist." Die Erfüllung dieser Verheißung war bisher noch Gegenstand des Glaubens, und selten hat der Glaube einem heftigeren Verfolgungssturm die Stirn zu bieten gehabt als dem, welcher zu jener Zeit — ungefähr 167 Jahre vor Entstehung des Christenthums — über das alte Volk Gottes hereinbrach. Der Römer hatte noch nicht als Eroberer den Boden Palästinas betreten. Antiochus Epiphanes, einer der grausamsten Tyrannen, welche je gelebt haben, herrschte in der Stadt Davids. Er hatte die Straßen Jerusalems mit Blut überschwemmt; er hatte den Tempel geplündert und verunreinigt, hatte das unreine Thier auf Gottes heiligem Altar geopfert und das Bild des Jupiter Olywpius an die Stelle gesetzt, die der Anbetung des Herrn Zebaoth geweiht war. An dem bereits geschilderten Abende wanderte ein junger Mann im Schatten grauer Olivenbäume in einem kleinen Thale östlich von Jerusalem. Die rothen Sonnenstrahlen durchdrängen hier und dort die grau verzweigten Stämme und das Laub und schienen voll auf die Gestalt LycidaS', des Atheners. Niemand hätte ihn aber für einen Hebräer halten können, selbst wenn er die Kleidung der Juden anstatt derjenigen der Griechen getragen hätte. Die klassisch schönen Züge des Fremden waren derart, wie sie uns in den Meisterstücken des Alterthums, die in unsern Museen so geschätzt werden, überliefert worden sind. Lycidas hätte wohl dem Phi- dias zu einer Statue des Endymion dienen können. Seine Gestalt war fehlerlos proportionirt und eher merkwürdig durch Ebenmaß und Grazie, als durch Kraft, und sein Gesicht hätte man wohl seiner Schönheit wegen für ein weibliches halten können, wäre ihm nicht ein so entschiedener Zug scharfen Verstandes aufgeprägt gewesen. Diese junge Stirn hatte schon in Olympia beim Wettstreit eigener Dichtung den Lorbeerkranz getragen. Lycidas hatte seine Verse vor den kritischen Ohren der Athener laut vorgetragen. Seine Mitbürger und Tausende aus anderen Theilen Griechenlands hatten ihm Beifall zugerufen. Das war ein schöner Moment für den jugendlichen Athener gewesen, aber sein Ehrgeiz war durch diesen ersten Erfolg noch nicht befriedigt. Lycidas war sein eigener, strengster Kritiker und betrachtete sich eher auf einer Uebergangsstufe stehend, wie am Ziele. Er hatte beschlosien, ein Gedicht zu schaffen, dessen Ruhm mit dem der Jliade wetteifern sollte, und hatte zum Gegenstand seiner Gesänge gewählt: „Der Heldenmuth der Tugend." — Lycidas wollte seine Gemälde aus der Geschichte nehmen und entlehnte dazu seine Modelle den Menschen und nicht den sogenannten Gottheiten, mit denen Aberglaube und Einbildungskraft den Olymp bevölkert hatten. Der jugendliche Dichter hatte eine angeborene Vorliebe für alles Reine und Wahre und verwarf daher alles, was zu dem Gebiete der Fabel gehörte. Um für sein Gedicht „Der Heroismus der Tugend" Stoff zu sammeln, war Lycidas weit und breit umher- gereist. Er hatte Rom, damals eine mächtige Republik, besucht, hatte mit Begeisterung in den Annalen derselben, die an Beispielen hingebender Vaterlandsliebe so reich waren, geforscht. Der Athener hatte dann seinen Weg ostwärts genommen, hatte Alexandria besucht, war 162 den Nil hinaufgefahren und hatte die Pyramiden gesehen, die damals schon durch ihr Aller von 2000 Jahren ehrwürdig waren. Nachdem er die Wunder des Landes der Pharaonen gesehen halle, war Lycidas weiter gereist nach Gaza und Jerusalem, wo er nun lebte. Er war ein gelegentlicher Gast am Hofe des Königs von Syrien, bei dem er sich durch einen Empfehlungsbrief des Königs Perseus von Macedonien eingeführt hatte. Nicht um poetischen Träumereien nachzuhängen, hatte Lycidas an jenem Abend die Abgeschiedenheit des Olivenhaines aufgesucht. Wenn die Richtung des Stromes seiner Gedanken auf seinem Gesichte zu lesen gewesen wäre, so würde man einen Ausdruck von Unwillen, welcher zuweilen in Hellem Zorn aufblitzte, wahrgenommen haben, während seine Lippen sich bewegten, als ob sie Worte starken Mißmuthes oder ernster Klage hervorstoßen wollten. Niemand war in der Nähe, um das Gesicht des jungen Griechen zu beobachten, bis er plötzlich einer reich gekleideten Persönlichkeit in der Tracht, wie sie damals am syrischen Hofe Sitte war, begegnete. Dieselbe kam auf ihn zu an einer Stelle, wo die geringe Breite des Weges den beiden Männern ein Ausweichen unmöglich machte, und so wurde eine Begegnung herbeigeführt, welche, dem letzten Ankömmling wenigstens sehr unwillkommen war. „Ah I — mein Herr Pollux, bist Du es?" rief Lycidas mit höflichem Gruß. „Ich vermißte Dich heute plötzlich an meiner Seite bei jener — soll ich es Tragödie nennen, denn niemals hat eine schrecklichere Scene vor den Augen eines Menschen gespielt." „Ich wurde von einem Schwindel befallen, einem Fieberanfall", antwortete der mit dem Namen Pollux angeredete Höfling. Er sah hager und blaß aur, als er das sagte. „Ich wundere mich nicht, wundere mich gar nicht, wenn Dein Blut, wie das meine, in Fieberhitze kochte!" rief Lycidas. „Kein edler Geist konnte ungerührt bleiben bei dem Anblick der sieben Brüder, die einer nach dem andern in Gegenwart des Antiochus vor den Augen ihrer Mutter zu Tode gequält wurden, weil sie sich weigerten, das Gesetz, welches sie als göttlich betrachteten, zu brechen." „Nun", versetzte Pollux, „ihr Schicksal berührt mich nicht; was kümmert es mich, wenn sie vorzogen, wie Narren ihr Leben wegzuwerfen für einen eitlen Aberglauben!" „Narren? sage lieber Helden!" rief Lycidas, indem er plötzlich stehen blieb; denn er war jetzt dicht an Pollux herangekommen. „Ich wundere mich, daß Du so wenig Sympathie für jene tapferen Jünglinge hast, Du, der Du, nach dem Schnitt Deines Gesichtes zu urtheilen, zu ihrem Volke gehören mußt." Pollux stampfte mit dem Fuße und zog die Augenbrauen zusammen, als ob ihm diese Bemerkung unwillkommen wäre. „Ich habe die olympische Arena gesehen", fuhr Lycidas fort, indem er seinen Gang wieder aufnahm und seine Schritte in dem Maße beschleunigte, wie der Gegenstand ihn erregte, „ich habe die Athleten gesehen, jede ihrer Muskeln verrenkt, jedes Glied durchschnitten, ringend wie Milo und dennoch vorwärts eilend, um die Krone oder Palme zu gewinnen, als ob ihnen das Leben weniger theuer sei als der Sieg. Aber niemals haben meine Augen einen Kampf gesehen, wie heute, wo der Triumph dem Manne über die Furcht vor dem Tode ging, wo Sterbliche mit der Todesangst rangen und sie dennoch überwanden, still, oder Worte äußernd, die sich in das Gedächtniß hineinbrennen, Worte von Sterbenden! — Da war kein Beifallrvfen, um die Athleten anzufeuern, wenigstens keins, das man hören konnte; da war kein Jauchzen, wenn ein Sieger das Ziel erreichte. Aber wenn die Kraft der leidenden Tugend wirklich ein Schauspiel ist, auf welches die Götter bewundernd blicken, dann sei versichert, daß heute die Unsichtbaren auf diese glorreiche Arena niedergeblickt haben, die Krone oder Palme in Bereitschaft haltend. Denn ich kann eher glauben", fuhr der Athener fort, indem er seinen Arm gegen die untergehende Sonne ausstreckte, „daß jener Himmelskörper verloren ist, ausgelöscht, verdunkelt vor dem Universum, weil er dort niedersinkt vor unsern Augen, als daß jene edeln Geister, welche diese gequälten Glieder belebten, mit denselben sterben sollten für immer." Pollux wandte das Gesicht ab, er wollte nicht, daß der Athener den Schmerzenszug sehen sollte, mit dem er seine Unterlippe biß. „Es ist klar", fuhr der Athener fort, „daß die Dulder an ein Fortleben nach dem Tode glaubten; einer der Brüder heftete, als er vortrat um zu leiden, einen ernsten, ruhigen Blick auf Antiochus — ich zweifle nicht, daß dem Könige dieser Blick erscheinen wird, wenn seine Todesstunde kommt — und sagte — ich erinnere mich wohl der Worte —: „Böser Fürst, Du beraubst uns des irdischen Lebens, aber der König des Himmels wird uns, die wir in Vertheidigung seines Gesetzes sterben, dafür eines Tages das ewige Leben geben." Der nächüe Märtyrer streckte seine Hände aus, als ob er die Palme anstatt des Streiches der Scharfrichter empfangen sollte, und sagte mit derselben Ruhe: „Ich erhielt diese Glieder von Gott im Himmel, darum will ich sie gern fahren lassen um seines Gesetzes willen, denn ich hoffe, er werde sie? mir wiedergeben." — — Ist es möglich', daß diese Menschen glaubten, daß nicht nur Seelen, sondern auch Körper wieder auferstehen würden? daß eine gehetmnißvolle Macht sie dem ewigen Leben wiedergeben könnte und wollte? Ist dies der Glaube der Hebräer?" Diese letzte Frage wurde ungeduldig von Lycidas wiederholt, bevor er eine Antwort erhielt. „Einige von ihnen haben diesen kühnen Glauben," sagte Pollux. „Ein erhabener, geheimnißvoller Glaube", bemerkte Lycidas, „ein Glaube, der diejenigen, die daran festhalten, unverwundbar macht, wie den Körper des Achilles, nur ohne den einen schwachen Punkt. Er begeistert Frauen und Kinder mit gleichem Heldenmuth, wie ich heute Zeuge gewesen bin. Der siebente der hebräischen Brüder war noch von zartem Alter und schön, selbst der König bemitleidete seine Jugend und bot ihm Gnade und Ehren an, wenn er das Gesetz seines Gottes verließe. Antiochus schwur, daß er ihn zu Reichthum und Ehren bringen und ihn unter seine bevorzugtesten Höflinge stellen wolle, wenn er sich dem Willen des Königs beuge. Ich beobachtete das Gesicht des Knaben, als das Anerbieten ihm gemacht wurde. Er sah auf der einen Seite die verstümmelten Gestalten seiner Brüder und die grimmigen Gesichter der Scharfrichter, auf der 163 andern allen Glanz und Reichthum der Eide, loch schwankte er keinen Augenblick in seiner Wahl." Pollux konnte kaum einen Seufzer unterdrücken und Hüne mit schlecht verhehlter Ungeduld zu, als der Athener in seiner Erzählung fortfuhr: „Dann ließ der König der Mutter sagen, sie möchte ihren Sohn ermähnen, daß er dem Willen seines Königs gehorche. Sie stand während der ganzen, fürchterlichen Scene nicht wie eine Niobe in Thränen, sondern mit gefalteten Händen und erhobenen Augen, als sähe sie unsichtbare Dinge und höre Worte, die nur ihren Ohren verständlich. Sie hörte den König, näherte sich ihrem Sohne, legte ihre Hand auf seine Schulter und sah ihn mit einem Blick unbeschreiblicher Zärtlichkeit an. Der Glaube hatte die Furcht besiegt und die Liebe noch tiefer gemacht. Sie beschwor ihren Sohn bei allem, was sie für ihn gethan und gelitten, fest zu glauben und sich nicht zu fürchten. „Zeige Dich Deiner Brüder würdig", sagte sie, „damit ich Euch eines Tages durch Gottes Gnade in dem Himmel, welcher uns erwartet, allcsammt empfangen möge." — Und der schöne Knabe lächelte und folgte dem Beispiele seiner Brüder, indem er für sein Vaterland betete und für seinen Glauben starb. Zuletzt wurde die Mutter auch hingerichtet, aber ich konnte nicht bleiben, um jenes Opfer auch noch zu sehen; ich hatte genug gesehen, wehr als genug." „Und ich habe genug gehört, mehr als genug",murmcltePollux, welchem die Beschreibung des Ly- cidas unerträgliche Qual verursacht hatte, die Qual der Gewissensbisse und der Scham. „Du bemitleidest diese Märtyrer?" bemerkte der Athener. „Mitleiden! Ich beneide", war der Gedanke, dem die blassen Lippen eines Abtrünnigen keinen Ausdruck zu geben wag'.en. Pollux schüttelte zur Antwort nur sein Haupt. „Ich möchte wohl mehr von der Religion der Hebräer wissen", sagte Lycidas nach einer Pause. „Ich habe wunderbare Geschichten gekört, erhabenere, als unsere Dichter je besungen haben, von e uer Gottheit, welche dieses Volk aus Aegypten führte, einen Pfad für sie durch die Tiefen des Meeres machte, indem sie seine schäumenden Wellen im Zaume hielt, wie ein Reiter sein weißgcmähntes Roß. Er gab den^ Durstigen Wasser aus dem Felsen, den Hungrigen Brod vom Himmel und zerstreute Israels Feinde vor ihm her, wie Spreu vor dem Winde. Ich habe gehört, daß der feurige Wagen der Sonne stille stand auf die Stimme eines Mannes, dem die Kraft dazu von einer Gottheit gegeben worden war. Sage wir, welches ist der Name dieses mächtigen Gottes der Hebräer? —" Pollux preßte die Lippen zusammen, er wagte nicht, den Namen desjenigen auszusprechen, den er verleugnet hatte. Der Höfling legte seine .Hand auf den mit Juwelen besetzten Griff, welcher seinen Günel zu- > sammenhiclt. Vielleicht war diese Bewegung zufällig vielleicht wünschte er auch die Aufmerksamkeit seines Begleiters auf Herkules und den nemerischen Löwen zu lenken, welche in das Gold eingravirt waren. „Du vergißt", bemerkte Pollux, „daß ich ein Verehrer der olympischen Gottheiten bin, daß ich dem mächtigen Jupiter opfere." „Ich frage nicht nach Deiner Religion", entgcgnete Lycidas, meine Frage betraf diejenige der Hebräer, welche Dir wohl nicht unbekannt sein kann. Welches ist der Name des Gottes, den sie nicht verleugnen wollten, selbst um sich von Marter und Tod zu retten?" „Ich kann hier nicht länger zögern, edler Fremdling", war die etwas eilige Antwort des Pollux, „die Sonne ist untergegangen, und ich muß zur Stadt zurück; Antiochus verlangt meine Gegenwart bet dem Banket heute Abend." „Ich bin auch dazu gebeten, aber ich gehe nicht hin", sagte der junge Athener. „Blutvergießen bei Tage, Feste bei Nacht, Blut an den Händen, Wein an den Lippen; ich hasse, ich verabscheue diese Vereinigung svon Gemetzel und Fröhlichkeit. Gehe Du hin und erfreue Dich an der rauschenden Lustbarkeit im Palast des Königs. Wäre ich dort gegenwärtig, ich würde dann bei jenem Mahle die schattenhaften Gestalten jener herrlichen Matrone und ihrer Söhne sehen. Ich würde durch das Gelächter Stimmen hören, die da sängen von unerschütterlichem Vertrauen auf Gottes Gnade und von einer herrlichen Hoffnung auf Unsterb- blichkeit dort, wo kein Unterdrücker mehr sein wird." Und mit einem etwas erzwungen höflichen Gruß gingen der freie Grieche und der Schmeichler eines Tyrannen ihre verschiedenen Wege. — (Fortsetzung folgt.) —- Elternpstichten. „Es ist ganz unbegreiflich, wie schlimm die Kinder heutzutage sind!" Wer hätte diese Klage nicht schon einmal gehört, und wer hätte, wenn er dieselbe hörte, nicht zustimmend beipflichten müssen: „Ja, viele derselben sind schlimm, und Gott weiß, wie das noch einmal werden soll, wenn das heranwachsende Geschlecht nicht bald wieder in andere Bahnen gelenkt wird!" Wirklich sind viele Kinder heutzutage zum großen Theile gar nicht so, wie Kinder eigentlich sein sollen; aber daß es so ist, ist keineswegs gar so unbegreiflich, als es manchen kurzsichtigen, verblendeten Eltern bisweilen scheinen will. Die Ursache dieser traurigen Erscheinung liegt für Jeden, der sie bemerken will, ganz nahe am Tage, und wenn es dennoch genug Eltern gibt, welche dieselbe durchaus nicht zu entdecken vermögen, so liegt das keineswegs darin, daß sich der Grund des Uebels vor ihnen sorgfältiger verbirgt, als vor anderen Leuten, sondern einzig und Fritjof Uansen. /-M. ^Si -> - - SiW SMS ^ '71 U«s M W M! 1 E --E L'LR:NLT LLML MN IMX lSW M, ?«>->' WWMW MM SL, GNS M»Ä »IW«, MWM! WWtzIWSS LÄ- ML: kW»M M-ic Wiv -SrÄ^'- N Ä EE chUmM K ^r N- MZM ML N- rr L '— MG'WWI WS^MLSZLÄW MN -UM -7— .LE^' ^ZN »»»Mj lVLTNM ! »M 166 allein darin, daß sie den wahren und eigentlichen Grund als solchen nicht anerkennen wollen und lieber die fernst liegenden Umstände verantwortlich machen, ehe sie sich dazu verstehen mögen, mit sich selber zu Gericht zu gehen und sich zu fragen: „Tragen wir an den Unarten und Fehlern unserer Kinder nicht etwa selbst die größte Schuld, und ist die Erziehung und das Beispiel, sind die Lehren und Unterweisungen, die wir der Jugend geben, nicht ganz und gar dazu angethan, dieselbe in eine falsche Richtung hineinzutreiben?" Es gibt Eltern, die es bei jeder Gelegenheit mit einem gewissen Stolze aussprechen, daß die Jungen heute klüger seien als die Alten, daß die Rollen zwischen Kindern und Eltern fast vertauscht seien, und daß diese eigentlich von jenen lernen müßten, anstatt daß die Kinder, wie es sonst Ordnung gewesen, in den Eltern ihren natürliche Lehrer zu erblicken hätten. Wo das so ist — und es kommt häufig genug vor — wo die Kinder wirklich die Lehrmeister der Eltern und in unmittelbarer Folge davon die Tyrannen der ganzen Familie spielen dürfen, da muß mit Recht von einem unnatürlichen Zustande gesprochen werden, der weder für den einen noch für den andern Theil zum Guten ausschlagen kann, der in seinen Folgen eben so verderblich für die Kinder wie für die Eltern werden muß. Wohl ist das richtig, daß im Wechselverkehr zwischen Eltern und Kindern stets für beide Theile eine Gelegenheit zum Lernen geboten ist, und daß auch der vernünftigste Vater und die klügste Mutter erziehend und belehrend immer noch Manches erfahren können, wie ja der Mensch überhaupt niemals auslernt. Wo aber die Jugend mit ihrer frühreifen vorlauten „Weisheit" das ganze Haus in Bewunderung und Entzücken versetzen kann und Vater und Mutter sich freiwillig ihres Lehramtes begeben, weil sie ihrem gescheidten Jüngelchen oder ihrem zungenfertigen Töchterchen „doch nicht bekommen zu können" glauben, da ist das ein gefährlicher und ungesunder Zustand, ein Zustand, der es durchaus nicht mehr unbegreiflich erscheinen läßt, daß so viele Kinder so entsetzlich schlimm sind und Streiche verüben, welche dann die erschrockenen Eltern mit Angst und Be- sorgniß erfüllen. Wenn heuizutoge manche Kinder so frühzeitig schon „was zu sagen" haben, wenn das Geld in ihren Fingern blinkt, wenn sie naschen und für ihre „Bedürfnisse" selbst Diebereien verüben, wenn sie über „die dummen Alten" bald „hinaus" sind, wenn gar ein sechzehnjähriger Junge oder ein fünfzehnjähriges Mädchen sich das Leben nimmt „unglücklicher Liebe halber", was ja in neuester Zeit keineswegs mehr zu den Seltenheiten gehört, und wenn so ein Knirps, der von Rechtswegen der Zuchtruthe noch lange nicht entwachsen sein sollte, aus Eifersucht ins Wasser springt, oder sich eine Schlinge um den Hals legt, oder auch einen blutigen Racheakt an anderen Personen verübt: — Hand aufs Herz, Ihr Eltern, wen trifft denn in einem solchen Falle die größte Schuld, Euer mißrathenes Kind oder Euch selbst? Wahrlich, auf die Frage kann es nur eine Antwort geben, und die Antwort kann nimmermehr zu Gunsten derer ausfallen, die berufen waren, über des Kindes Seele zu wachen wie über seinen Leib und die moralische Gefahr von dem Pfande, welches ihnen der Himmel anvertraute, Ebensowohl und mit größerer Sorgfalt noch fernezuhalten wie die physische Gefahr! Die Eltern müssen sich stets ihrer Pflicht bewußt bleiben, der geistigen Entwickelung ihrer Kinder Schritt für Schritt nachzugehen und das Unkraut überall da, wo es sich einschleichen will, rechtzeitig auszujäten. Das aber wollen viele Eltern nicht, und nur jene sind zum Theile — aber auch sie nur zum Theile — zu entschuldigen, welche durch ihre harte Tagesarbeit von den Kindern meist ferngehalten werden. Aber dann müssen sie sich nach gethaner Arbeit und Sonntags, anstatt stets ins Wirthshaus zu gehen, um dieselben nach Möglichkeit und mit Eifer bekümmern. Viele Eltern aber, denen es ein Leichtes wäre, die falschen Begriffe ihrer Kinder gehörig zu berichtigen, die Irrthümer derselben durch ein näheres Eingehen auf ihre Anschauungen kennen zu lernen, um dieselben abzustellen — viele Eltern, denen dies ein Leichtes wäre, versäumen es in strafwürdiger Verblendung, weil ihnen eben das Wesen des Burschen, welcher so altklug spricht und „Alles am besten weiß" und dreist und spitzig sich überall mit seiner Weisheit hineinmischt, „zum Beweise" dient, daß der Junge ein überaus aufgewecktes Kind ist, dessen „naturgemäßer Entwickelung nicht vorgegriffen" werden dürfe! Und so entwickelt sich dann der Junge „naturgemäß", bis sich auf einmal zum Schrecken der Eltern herausstellt, daß die Entwickelung bei Lichte besehen doch eine sehr naturwidrige war und daß dem Jungen eine Leitung äußerst noth gethan hätte. Andere Eltern freilich können die Fortschritte ihrer Kinder nickt so genau kontrolircn, denn khncn gegenüber mag. der Junge in mancher Beziehung ilüger scheinen als sie selber sind. Aber doch auch nur in mancher Beziehung, denn die Erfahrung haben die Eltern jedenfalls immer voraus, und auch die richtige Erkenntniß, was gut und was böse ist. Wenigstens sollten sie diese voraus haben vor ihren Kindern; wo das nicht der Fall ist, da ist es allerdings sehr schlimm bestellt um den einen Theil sowohl wie um den andern. Jene Erkenntniß befähigt zuletzt jeden Vater und jede Mutter, wenn sie auch zu ihrer Zeit von all den schönen und großen Sachen noch nichts gehört haben, von denen jetzt die Kinder zu erzählen wissen, sich über den moralischen Werth oder Unwerth dieser Dinge ein Urtheil zu bilden und darnach immer noch belehrend und berichtigend einzugreifen, wo es irgend erforderlich und wünschenswerth sein sollte. Dann aber ferner: Wer trägt an den beklagens- werthen Verirrungen der Kinder die Schuld, diese oder die Eltern selbst, sofern letztere die rechte Lehre sparen und das gute Beispiel fehlen lassen und die Zuchtruthe als ein „veraltetes" Erziehungsmittel in den Winkel geworfen haben, dafür aber die Kinder mit- ins Wirthshaus und in den Tanzsaal, ja vielleicht gar in unsaubere Vorstellungen, in die Tingel-Tangel schleppen? Wenn die Kinder dann schließlich in Folge einer solchen Erziehung die Zahl der Verkommenen und Verlorenen mehren, dann mag vielleicht manchen Eltern zum Bewußtsein kommen, was sie an ihren Kindern verschuldet haben, aber dann ist alle Einsicht und jede Reue zu spät. Der Vorwurf der versäumten Pflicht aber wird als dauernder Stachel im Herzen jener Eltern sitzen und dasselbe noch empfindlicher verwunden, als das bittere Gefühl, welches die Lieblosigkeit der eigenen Kinder ihnen verursachen wird. Diese Lieblosigkeit aber ist die erste und unausbleibliche Strafe jeder sorg- und gewissenlosen Erziehung. 167 Der Krieg in Abefsynien. (Mit Illustrationen.) In der Märzschlacht bei Metemneh im Jahre 1889 fand König Johannes, der Negus Negesti (Hauptkönig) des christlichen Abcssyniens, einen ruhmvollen Tod im Kampfe gegen die fanatischen Mahdisten. Von den Nas oder Unterkönigen des Berglandes war Menelik von Schoa Jahres begann die Entscheidung zu nahen, wobei die Italiener eine Reihe ehrenvoller Niederlagen erlitten. Anfang Dezember erhielten die abessynischen SchaarenFühlung mit dem südlichsten Posten der Italiener, einem etwa 1200 Mann starken Bataillon eingeborener Truppen, die von europäischen Offizieren und Unteroffizieren geführt wurden und unter dem Kommando des Majors Pedro Toselli standen. Am 7. Dezember wurde dieses Bataillon auf dem Tafelberge (Amba) Aladschi von 20,000 Abesssyniern unter Führung von Nas Makonnen und Ras Mikael angegriffen. Nach heldenmüthigem Widerstand mußten die Italiener weichen, wobei Major Toselli fiel. Nun rückte das abessynische Heer vor, und es galt, den Feind aufzuhalten, damit der Befehlshaber der Kolonialtruppen, General Baratieri, dieselben sammeln und dem Feinde gegenüber eine günstige Stellung einnehmen konnte. Die Aufgabe fiel dem Major Giuseppe Galliano zu, der mit 1300 Mann Italienern und Eingeborenen, Makalle gegen den andringenden Feind vertheidigen sollte. Makalle ist die Hauptstadt der Landschaft Tigre. Hier ließ sich einst Negus Johannes von dem Piemontesen Naretti einen Palast erbauen, in dem später der von den Italienern vertriebene Ras Mangascha residierte. Beherrscht wird die Stadt durch das Fort Enda Jesu. Negus Menelik erschien vor Makalle an der Spitze von 70,000 Streitern, aber die tapfere Besatzuug hielt daS Fort vom 7. bis 21. Januar d. I. und schlug mit Todesverachtung mehrere Stürme ab. Erst als der letzte Wasservorrath erschöpft war, kapitulierte Galliano unter ehrenvollen Bedingungen. Es wurde ihm freier Abzug mit allem Kriegsmaterial bewilligt, und Ras Makonnen, der König der Landschaft Harrar, übernahm die Bürgschaft für sicheres Geleite der Vertheidiger Makalles bis zu den italienischen Linien. Galliano, der für sein tapferes Verhalten zum Oberstlieutenant ernannt wnrde, erreichte mit seiner Truppe glücklich Adigrat, wo General Major Toselli ch. General Varalieri. Gderstlteul. Galliano der mächtigste und schickte sich nun an die Würde des Hauptkönigs zu erlangen. Klugerweise suchte er die Freundschaft Italiens, das an der Küste des Rothen Meeres seine afrikanische Kolonie Erythräa gegründet hatte und auch Abefsynien unter seine Schutzherrschaft zu stellen trachtete. Wiederholt hatten sich bereits abessynische Waffen mit den italienischen gekreuzt, ohne daß einer der Gegner den entscheidenden Sieg errungen hätte. Menelik schloß Frieden mit Rom und erkannte die Schutzherrschaft Italiens an. Er ließ sich mit allem Pomp krönen, und die Italiener ergriffen Besitz von den nördlichen Ausläufern des abessynischen Berglandes. Sie begannen mit emsiger Rührigkeit an der Civilifirung des Landes zu arbeiten; sie bauten gute Straßen, befestigten die Städte, und italienische Ansiedler kamen nach Erythräa, um auf den Hochebenen Ackerbau und Viehzucht zu treiben. Diese Entwickelung der Kolonie wurde anfangs gar nicht durch einen diplomatischen Zwist berührt, der durch verschiedenartige Auslegung des Schutzvertrages veranlaßt wurde. Da sollte im Jahre 1894 der Friede jäh gestört werden. Ras Mangascha, der Unterkönig der Landschaft Tigre und ein natürlicher Sohn Meneliks, empörte sich gegen die Herrschaft der Italiener. Der Aufstand wurde zwar mit bewaffneter Macht niedergewo^ König Menelik von Abernten. U°- Makonnen von Horror, den Italienern besetzt, aber Ras Mangascha floh ^ ^ « " - ». zu seinem Vater und stachelte ihn sowie die anderen Unterkönige Abcssyniens zum Kriege gegen Italien auf. In der That sammelte Menelik ein starkes Heer und zog, von den Unterkönigen begleitet, gegen die italienischen Kolonialtruppen zu Felde. Die einzelnen Episoden dieses afrikanischen Krieges, dessen Ende noch nicht absehbar ist, erregten die Theilnahme der Welt weit über die Grenzen Italiens hinaus. Gegen Ende des vorigen Baratieri mit der Hauptmacht der Kolonialtruppen Stellung genommen hatte. Dicht auf dem Fuße folgte aber ihnen das große Heer Meneliks, und am 1. März kam es in der Nähe von Adua zu einer Schlacht zwischen den beiden Heeren der Abcffynier und der Italiener, welche mit einer gänzlichen Niederlage für die letzteren endete. Auf italienischer Seite hatten an dem Kampfe 168 15,000 Mann theilgenommen, die unter dem Oberbefehle des Generals Baratteri standen. Der vierfach überlegene Feind zwang die Italiener zu solch vollständiger Deroute, daß diese u. a. ihre gesammten Gebtrgs- batterien mit 60 Kanonen im Stiche lassen mußten. Gleich nachdem diese abermalige italienische Niederlage in Rom bekannt wurde, nahm das Ministerium Crispt seine Entlassung, und am 10. März trat ein neues Ministerium unter dem Vorsitz des Marchese Rudini zusammen. Das Colonialprogramm Rudini's lautet: Aufrechthaltung des afrikanischen Besitzstandes von 1891 und Zurückziehung der Truppen auf das Dreieck Massaua, Keren, Asmara, Anknüpfung guter Beziehungen zu allen abessynischen Häuptlingen, um einen durch den andern in Schach zu halten, Verzicht auf den Vertrag von Utschalli, ehrenvoller Frieden mit Menelik. Da auch die italienische Bevölkerung von einer Fortsetzung des unseligen Kolonialkrieges nichts wissen will, so steht zu hoffen, daß weiterem unnützen Blutvergießen in Afrika ein Ende gemacht wird. Zu unseren Bildern Fritjof Nansen, der Uordlandfahrer. Aus den Eisfeldern Sibiriens kam in den letzten Wochen die Kunde, daß es dem kühnen Norweger Fritjof Nansen gelungen wäre, das Ziel, für das schon so viele Tapfere ihr Leben gelassen, zu erreichen: der Nordpol wäre den Sterblichen nickt mehr unbekannt. Leider ist die Nachricht noch heute ohne Bestätigung, Nansen selbst ist noch fern von jedem Kulturland, aber daß er Botschaft vorausgesandt haben kann von seinem großen Erfolge, das wagt niemand ernstlich zu bestrei- ten. Ist die Meldung richtig, so hat der tapfere Mann in jungen Jahren Höchstes erreicht. Nansen steht heute in der Blüthe seiner Kraft. Er ist am 10. Oktober 1861 in der Nähe von Christian« geboren. Nachdem er in den Jahren 1880 und 1881 seine Universitätsstudien erledigt hatte, machte er im Sommer 1882 auf dem Seehundsfänger Viking seine erste Reise ins Eismeer. Dann übernahm er das Amt des Konservators am zoologischen Museum in Bergen. Aber es duldete den Thatenlustigen nicht bei seiner stillen bürgerlichen Beschäftigung. Er faßte den Plan, zu vollbringen, was noch niemand vor ihm gelang. So zog er im Mai 1888 mit fünf Gefährten aus, Grönland zu durchqueren. Nach mancherlei Irrfahrten an der durch das Eis versperrten Ostküste begann am 15. August vom Gyldenlövefjörd aus die Wanderung mit fünf Schlitten, und am 16. September erreichte sie bei Godthaab an der Westküste ihr Ende. Wohlbehalten hatte man die 490 Kilometer zurückgelegt, dabei Höhen von 3000 Meter überstiegen und Temperaturen von — 50 Grad Celsius beobachtet. Mit einem Schlage stand Nansen in der ersten Reihe der Nordlandfah- er. So wunderte sich niemand, als er einige Jahre später mit einem ganz neuen Plane, an den Nordpol zu gelangen, hervortrat. Er wollte sich von Neusibirien aus nördlich wenden, um den großen Eisstrom zu erreichen, der nach seiner Meinung von dort über den Pol hinweg nach der Ostküste Grönlands treibt. Von diesem wollte er sich einschließen und mitführen lassen, die Naturkräfte klüglich benützend, statt gegen sie anzukämpfen. Am 24. Juni 1893 verließ er auf dem zu diesem Zweck eigens gebauten Schiff „Fram" Christiania in Begleitung von vierzehn Gefährten und mit einer auf fünf Jahre berechneten Ausrüstung an Nahrungsmitteln. Bis Chabarowa an der Jugor'schen Straße, der letzten europäischen Station, wo Nansen eine Anzahl für die Expedition nothwendiger Hunde an Bord nahm, begleitete ihn sein Sekretär Christofersen. Dieser sah ihn am 3. August 1893 in das karische Meer Hinaussegeln, am 20. bat man ihn dort noch erblickt, und seitdem ist keinerlei Nachricht über den weiteren Verlauf und das Schicksal der Expedition nach Europa gelangt. Im August 1893 waren nach den Aussagen von Robbenfängern die Eisverhältnisse Nansens Vorhaben sehr günstig. Was ihm dann weiter zugestoßen ist, kann man allerdings nur vermuthen. Daß Nansen schon jetzt zurückzuerwarten sei, hat er selbst nicht in Aussicht gestellt, vielmehr die Dauer seiner Expedition auf vier bis fünf Jahre bemessen. Allein eS ist wohl denkbar, daß er die Fahrt zum Nordpol in kürzerer Zeit zurückgelegt hat, als er selbst in Aussicht nahm. Andererseits ist es auch möglich, daß er auf Hindernisse gestoßen ist und ein großes, weitausgedehntes Land angetroffen hat, das er nicht umschiffen konnte und das ihn zur Rückkehr zwang. Wer weiß es?I Jedenfalls aber wünscht alle Welt dem unermüdlichen Forscher den schönsten Lohn für seinen stolzen Wagemuth. _ Die größte Drauerei der Weil. Im Bereiche der Pabst'schen Brauerei zu Milwaukee^steht noch das wahrhaft liliputanische Holzhäuschen, in dem Jakob Best, der Begründer des Unternehmens, wohnte. Damals, 1844, zählte Chicago 5000 Einwohner, Milwaukee kaum halb so viele, so daß für's erste 200—300 Barrels Bier jährlich für den totalen Bedarf genügten. Mit der Stadt wuchs auch die Brauerei, und der Inhaber hatte bereits einen Jahresumsatz von 11,000 Barrels erzielt, als er seinen Schwiegersohn Fritz Papst, einen Thüringer von Geburt, als Theilhaber in seine Firma aufnahm. Papst hatte bis dahin als Dampferkapitän den Michigansee befahren, aber, obgleich nicht „vom Fach", griff er doch so zielbewußt ein, daß der Konsum stetig zunahm und die Brauerei öfter erweitert werden mußte. In neuerer Zeit ist sie in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und mit vollem Rechte „Pabst Brewing Company" genannt worden. Heute wird das Pabstbier in ganz Amerika getrunken, aber auch nach Asten, Afrika (Capland) und Australien verschickt. Die Leiter des Unternehmens führen deutsche Namen: Pabst, Schandein, Best, Falk und so weiter. Amerikanisch großartig produzirt es jährlich 1'/, Millionen Barrels — 2 Millionen Hektoliter Bier. Das in dem Hauptcomptoir aufliegende Fremdenbuch weist durchschnittlich 300 Eintragungen pro Tag auf, daher ist's nöthig, daß die Firma drei Leute zum Herumführen der Besucher hält. Zunächst geht's in das Maschinenhaus, wo die Dampfkraft und die kalte Luft für die Lagerräume erzeugt werden. Das Bier wird hier nämlich nur mittelst kalter Luft gekühlt, für die mächtige Eismaschinen sorgen, indem sie täglich ein Kälte-Aequivalent von 750 Tonnen oder 15,000 Zentner Eis hervorbringen. Weiß überfrorene eiserne Röhren absorbiren die in andern Maschinen- häusern oft so lästige Hitze und führen den Kältestrom dahin, wo man feiner benöthigt. Ein größeres Interesse erweckt das eigenartige Leben und Treiben in der Bottlerei, wo Bierflaschen gefüllt und versandtbereit gemacht werden. Auf Rädern, durch eine unsichtbare Kraft vorwärts bewegt, rollen große, mit leeren Flaschen gestillte Körbe heran, flinke Hände nehmen die Flaschen heraus und stellen dieselben unser Röhrenmündungen, aus denen das Bier nur so lange strömt, bis die Flaschen gefüllt sind. Während die gefüllten durch leere ersetzt werden, wandern erstere in beweglichen Flaschengestellen vor eine Maschine mit einer unablässig sich drehenden Scheibe, auf der je fechs Flaschen Platz finden. Nun beginnen die menschlichen Armen vergleichbaren Maschinentheile zu arbeiten, einer setzt den Kork auf, der zweite treibt ihn in den Flaschenhals, der dritte legt den Draht darum, und so geht's weiter, bis die Flaschen vollständig verkorkt, gedrahtet und verkapselt sind. Jede dieser Maschinen macht in einer Minute fünfundzwanzig Flaschen versandtbereit, und da sechs Maschinen beständig arbeiten, ist es der Brauerei möglich, jährlich weit über zwanzig Millionen Flaschen Bier zu versenden. Von der großartigen Ausdehnung der Mälzerei kann man sich ein Bild machen, wenn man hört, daß die Pabst Brewing Company jährlich 1,700,000 Bushels Malz, 10,000 Zentner Hopfen und 30,000 Zentner Reis verarbeitet. Der Reis dient zur Herstellung des sehr beliebten, außerordentlich hellen „böhmischen" Bieres. Mit dem elektrischenAufzug hinauf aufs „Observatorium", d. h. auf die Dachhöhe der Mälzerei, von der man einen herrlichen Blick auf Milwaukee genießt. Wie schön sie doch daliegt, die deutscheste Stadt Amerikas, einem duftenden Waldblumenstrauß vergleichbar, den der Michigansee sich an die Brust steckte. Um das eigentliche Geschäftsviertel schließt sich ein Kranz von Gärten mit hocheleganten Villen und unzähligen hübschen Holzhäusern im Kottrgestil. Die Villa Pabst und Villa Schandein sind die schönsten, und ganz Chicago hat keinen so gefälligen „Wolkenschieber" auszuweisen, wie ihn Milwaukee in seinem zwölfstöckigen „Pabstbau" besitzt. Derselbe enthält ein großes Restaurant, mehrere Kaufläden, eine Bank, sowie einige hundert Comptoii'räume, alles gut vermiethet. Auch das deutsche Stadttheater hat Pabst erbaut, und er verliert daran freiwillig Geld, indem er es einer tüchtigen deutschen Schauspielertruppe, die sonst nicht bestehen könnte, pachtfrei überläßt. Auch das „Künstlerheim", eine prächtige altdeutsche Bierstube, und das reizende Ausflugsziel „Whitefishbay" sind uneigennützige Pabst'fche. Gründungen. Christian Benkard.