23. Ireitag, den 20. März 189k. . ^ ^ ^ Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischsn Instituts von HaaS «c Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Zudas Makkaöäus. Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. Colonius. (Fortsetzung.) 2. Kapitel. Das Mitternächtliche Begräbnis?. Die Scene, welcher Lyctdas beigewohnt, hatte sein Gemüth in einen erregten, fieberhaften Zustand versetzt. Der kühle Abeudwind, welcher durch die Blätter der Olivenbäume säuselte, und die Einsamkeit wirkten erfrischend aus den Geist des jungen Griechen. Er warf sich in das Gras unter einen der Bäume, lehnte sich gegen den Stamm und blickte aufwärts zu den Sternen, welche wie Edelsteins den azurblauen Himmel zierten. „Ob die Geister jener Braven wohl jetzt aus einem dieser Himmelskörper herrschen?" dachte der Poet. „Oder find die Sterne selbst lebende Wesen, Geister, welche, befreit von den Fesseln des Irdischen, für immer dort oben am Firmament leuchten? Ich möchte mehr wissen von der Religion der Hebräer und jemand ausfindig machen, der mich in ihre Geheimnisse einweiht, wenn es einem Fremden überhaupt gestattet ist, sie zu lernen." Die Gedanken des Lycidas kehrten zu seinem Gedicht zurück und versuchten, die Ideen, welche ihm durch das Märtyrerthum, dem er beigewohnt hatte, eingegeben worden waren, in Verse zu bringen, aber er verzweifelte bald an diesem Versuch. „Poetische Ausschmückung würde die großen Umrisse einer solchen Geschichte nur verderben", sagte er zu sich selbst. „Wer würde Blumen graben auf Pyramiden, oder einen Obelisken, der zum Himmel zeigt, mit Gänseblümchen bekränzen?" Nach und nach bemächtigte sich der Schlaf des jungen Griechen, sein Kopf sank auf seinen Arm, seine Augen schlössen sich, und er schlummerte lange und tief. Da wurde Lycidas erweckt durch leise, unterdrückte Laute, den vorsichtigen Tritt vieler Füße, gedämpftes Geflüster und leises Rauschen von Gewändern in seiner Nähe. Der Athener öffnete seine Augen und erblickte von seinem hinter dichtverzweigten Olivenstämmen verborgenen Platze eine seltsame, ergreifende Scene. Der Mond, voll und rund, war eben ausgegangen, aber daS Laub der Bäume verdunkelte bisher noch den größten Theil seines Lichtes, seine Silberlampe hing nahe am Horizont, lange, schwarze Schatten über die Erde werfend. Mehrere Gestalten bewegten sich in dem schwachen Schein umher, wie eS schien, in eine Arbeit vertieft, welche Verborgenheit erheischte; denn keine von ihnen trug eine Fackel. Lycidas, still wie das Grab, beobachtete die Scene vor ihm mit einer Begierde, welche eine Zeit lang sein Gemüth so sehr einnahm, daß er darüber seine eigene, persönliche Gefahr ganz vergaß, obgleich er gewahr wurde, daß das Eindringen eines Fremden in diese ge- heimnißvollen, mitternächtlichen Vorgänge nicht allein sehr unwillkommen, sondern auch für ihn selbst gefährlich werden konnte. Die Gruppe der an jenem Orte versammelten Männer gehörte augenscheinlich dem hebräischen Volke an, und als die Augen des Lycidas sich mehr an die Dunkelheit gewöhnten und der aufsteigende Blond mehr Kraft hatte, sie zu durchdringen, fand er bald einen heraus, der der Führer und das Oberhaupt des Ganzen sein mußte. Nicht, daß seine Tunika und sein Mantel von reicherem Stoffe gewesen wären als der seiner Kameraden. Einfach und staubig von der Arbeit waren die Sandalen an seinen Füßen, und er trug den weißen Turban, den ein Feldarbeiter auch getragen haben würde. Aber niemals hatte ein Turban eine majestätischere Stirn umrahmt, und die in den Mantel gehüllte Gestalt hatte jene majestätische Würde, welche diejenigen auszeichnet, die zum Befehlen geboren sind. Der Tritt seiner Füße erinnerte Lycidas au den des Wüstenkönigs, und aus den dunklen, tiefliegenden Augen blickte die ruhige Seele eines Helden. „Hier sei der Platz, sagte der Anführer, indem er auf die Erde unter den nämlichen Zweigen deutete, gegen deren Stamm Lycidas seine Schläfe preßte und begierig sich vorbog, um zu beobachten und zu hören. Nicht ein Wort wurde geantwortet, aber die Männer gingen, nachdem sie ihre Oberkleider abgelegt hatten, an's Werk, um, wie es schien, ein weites Grab zu graben. Der Führer selbst warf seinen Mantel ab, nahm einen Spaten und arbeitete mit einem Eifer, welcher die ganze Kraft seiner mächtigen Glieder bei dieser niedrigen Arbeit zeigte. Alle arbeiteten in tiefem Schweigen, ohne inne zu halten, nur von Zeit zu Zeit horchten sie auf, wie Menschen, denen Gefahr einige Vorsicht auferlegt. Während sie fortfuhren zu graben, strengte Lycidas seine Augen an, um die Umrisse einer anderen einige Schritte davon entfernten Gruppe zu betrachten, obgleich welche von der ersteren getrennt, zu derselben Gesellschaft zu gehören schien. Zwei Gestalten saßen auf dem Boden. Die eine war in dunkle Gewänder gekleidet, die andere mit einem leinenen weißen Schleier bedeckt. Noch andere Gestalten in Weiß schienen auf dem Boden ausgestreckt zu sein. Lycidas betrachtete lange die Gruppe, und alle blieben regungslos wie Marmor, nur daß dann und wann die dunkle, weibliche Gestalt eine schwankende Bewegung vor- oder rückwärts machte, und daß mehreremale der verschleierte Kopf sich mit einer schnellen Bewegung umwandte, wie in Unruhe, wenn der Wind ein wenig lauter als gewöhnlich in den Blättern rauschte oder Laute aus der Stadt hinübertrug zu den empfindlichen Ohren der Frauen. Indessen ging daS Werk des Grabens stetig vorwärts, und der aufgeworfene Erdhaufen wurde groß; denn die Arme der Arbeiter waren stark und willig, und kein Mann hielt inne, um zu ruhen oder zu sprechen, außer einmal. Es war beinahe eine Erleichterung für Lycidas, endlich den Laut einer menschlichen Stimme zu hören von jenen phantomgleichen nächtlichen Arbeitern. Der, welcher sprach, war der am wildesten aussehende der Männer mit etwas von der Wildheit der Rasse JsmaelS in den Zügen, deren stark markirte Umrisse die hebräische Abstammung im ausgedehntesten Sinne des Wortes kennzeichneten. „Es liegt etwas in der Luft", sagte er, indem er sich auf seinen Spaten stützte und sich an den wendete, dem Lycidas innerlich den Namen „der hebräische Fürst" gegeben hatte, wegen der Vornehmheit und Hoheit seines BenchmcnS und der Ehrerbietung, mit welcher seine Befehle in Empfang genommen wurden. Keine Antwort erfolgte auf die Bemerkung, und der wild aussehende Jude sprach weiter: „Habt Ihr gehört, daß Apelles morgen nach Modin mit einem Auftrage des Tyrannen geht, die dortigen Einwohner zu zwingen, einem seiner verfluchten Abgötter zu opfern?" „Ist das wahr? Dann will ich vor Tagesanbruch nach Modin abreisen", war die Antwort. „Es möchte doch dem ehrwürdigen Mattathias lieber sein, wenn Du hier bliebest", bemerkte der erste Sprecher. „AbischatI wenn der Sturm losbricht, ist des Sohnes Platz bei seinem Vater", entgegnete der hebräische Fürst, und als er dies sagte, warf er einen Spaten voll Erde auf das Loch, welches, wie Lycidas nicht zweifelte, ein Grab werden sollte. Wieder ging die Arbeit stillschweigend vorwärts. Der Mond war über den Bäumen aufgegangen, bevor jenes Stillschweigen noch einmal, und zwar diesmal durch den Führer der Schaar, gebrochen wurde: „Es ist jetzt tief und breit genug, bringt jetzt die verehrten Todten!" Dem Befehle wurde sogleich Folge geleistet. Alle Männer, mit Ausnahme des Führers, welcher in dem Grabe stand, gingen aus die Gruppe zu, deren wir vorher Erwähnung gethan. Lycidas blieb wie angewurzelt an seinem Baume stehen, obgleich die Klugheit ihm rieth, diese günstige Gelegenheit zu benutzen, um sich in aller Stille davonzuschleichen. Der Grieche bemerkte nun, sich im Schatten haltend, wie auf der rohesten aller Todtenbahren, bestehend aus zwei Speeren, die durch Querhölzer aneinander befestigt waren, die eingehüllten Todten einer nach dem andern an den Rand des Grabes getragen wurden. Sie waren gefolgt von den beiden weiblichen Gestalten, welche bet den Todten Wache gehalten hatten, während das Grab gemacht wurde. Die erstere dieser beiden, eine große, stattliche Frau, deren zurückgestrichenes Haar im Mond- licht wie Silber erglänzte, zeigte noch die Spuren einstiger Schönheit in ihrem Gesichte. Ernst und traurig stand die hebräische Matrone an dem Grabe der Märtyrer, keine Thräne in ihren Augen, die wie von prophetischer Eingebung glänzten. So würde die Debora wohl gestanden haben, hätte Sissera den Sieg errungen, um den Todtenschleier über Israels Erschlagene zu breiten, anstatt die Eroberer bei ihrer Rückkehr zu begrüße». Die andere Gestalt, kleiner und außerordentlich anmuthig in ihren Bewegungen, hielt sich etwas zurück und blieb dicht verschleiert. Lycidas bemerkte, daß die Augen deS Führers die verschleierte Gestalt, als sie sich näherte, mit einem weichen, etwas ängstlichen Ausdruck beobachteten. Dies war jedoch nur für einige Augenblicke, dann aber widmete er seine Aufmerksamkeit dem frommen Werke, mit welchem er beschäftigt war. Noch in dem Grabe stehend, empfing der Anführer die todten Körper, einen nach dem andern, von den Männern, welche sie nach dem Beerdigungsplatze getragen hatten. Er nahm jeden Körper in seinen mächtigen Arm und legte ihn ohne Hilfe in die letzte Ruhestätte nieder, so sanft, als ob er einen Schläfer auf sein weiches Kissen legte, welchen er aufzuwecken fürchtete. Lycidas gewann einen Blick in das blasse, ruhige Gesicht einer der verdeckten Gestalten, aber er bedurfte nicht dieses Blickes, um zu fühlen, daß diejenigen, deren Ueberreste so geheimnißvoll von ihren Freunden und Verwandten mit Gefahr ihres eigenen Lebens beerdigt wurden, dieselben waren, deren Märlyrerthnm er mit so tiefem Unwillen beigewohnt hatte. Lycidas wußte genug von dem syrischen Tyrannen, um ermessen zu können, wie gewagt und schwierig es sein mußte, so viele Körper seiner Opfer vor der Schande zu schützen, den Hunden oder Geiern überlassen zu werden. Die Ergebenheit der Lebenden, sowie das Märtyrerthum der Todten gab jenem mitternächtlichen Begräbniß einen Vorzug, den kein irdischer Pomp ihm beigelegt haben würde. Der Geist des jungen Atheners glühte von edlem Mitgefühl, und obgleich er von hoher Abstammung war, würde er es für eine Ehre gehalten haben, das Grab für jene acht Hingerichteten Juden mit helfen graben zu dürfen. Die Bestattung verlief im tiefsten Stillschweigen, außer was die Matrone anbetraf, deren feierliche Worte eine passendere Seelenmesse für die Märtyrer waren, als die lautesten Klagen gemietheter Leichenbegleiter gewesen sein würden. Als der Anführer jeden todten Körper in seinen Armen empfangen hatte, sprach die Matrone einige kurze Worte darüber in einer Sprache, die, vermischt mit dem Chaldäischen, seit ihrer Väter Zeit bei den Juden Sitte war. Ihre Gedanken kleideten sich, als sie denselben Ausdruck gab, in nicht vorher überlegte Poesie. Der Athener konnte weder ihre Worte verstehen, noch ihre Anspielung auf das Vergangene; aber ihre majestätischen Bewegungen und der melodische Ton ihrer Stimme ließen ihn aufhorchen, als ob er den Orakelspruch einer begeisterten Priesterin hörte. „Wir wollen nicht laut um Dich, mein Sohn, wehklagen, noch unsere Kleider zerreißen, nicht uns in Sack und Asche setzen, noch Staub auf unsere Häupter wer- fen. Er, der Dir das Leben nahm, hat auch unsere Thränen hinweggenommen, aber Du ruhest nun in Abrahams Schooß, wo der Tyrann Dich nicht mehr erreichen kann. Du bist vom Bösen hinweggenommen. Du siehst nicht mehr, wie Jerusalem niedergetreten ist von den Heiden, noch die Gräuel der Verwüstung im Heiligthum des Herrn. Wie Jsaak auf den Altar gelegt wurde, so gabst Du Deinen Leib dem Tode, und Dein Opfer ist angenommen worden. Wie das dürre Holz von AaronS Ruthe, welche, abgeschnitten von dem Stamme, auf welchem sie gewachsen war, dennoch grünte und Früchte trug, so wirst auch Du, der Du in der Fülle Deiner Jugend abgeschnitten bist, für immer in unserm Gedächtniß blühen. Die heiligen drei Knaben gingen unversehrt in den feurigen Ofen, der siebenmal geheizt war. Er, der mit ihnen war, ist sicherlich auch mit Dir; und der Engel des Todes hat Dich vom Feuer unverletzt hinweggeholt, ausgenommen diese Bande des Fleisches, die der freie Geist dahinter gelassen hat. Einen todten Körper zu berühren, wird sonst für Befleckung gehalten; den Deinen zu berühren, sehe ich eher als eine Heiligung an. Denn es ist ein heilig Ding, welches Du freiwillig Deinem Gott geopfert hast.« (Fortsetzung folgt.) -« . 4 - * . »,—,- Quellen und Brunnen in Beziehung zur Kunst und Geschichte. Von Max Fürst. (Schluß.) Kaum keimten an den unteren Wasserabläufen des Wittclsbacher-Brunnens die ersten grünen Algen', als ein muthwilliger, bronzcgrüner Junge an einem anderen Brunnen die Gemüther vieler Münchener und Münche- nerinnen in erneute Aufregung versetzte. Wie man früher einmal von Seite der hohen Polizei die leibhaftigen Jungen des bekannten Malers Diefcnbach ob ihrer weitgehenden Vergehen gegen die Klciderordnnug energisch zur Ordnung rief, so wurde in jüngster Zeit auch der Erz- Schlingel des Bildhauers Gasteiger des gleichen Vergehens wegen zur Anzeige gebracht und zur Rechenschaft gezogen. Zur Entschuldigung des letzteren Jungen ließe sich immerhin manch' triftiger Grund ausfindig machen; zunächst sicherlich der, daß man dem Knaben nicht die leiseste Absicht anmerkt, er wolle irgend Jemanden verstimmen. Außerdem ist es ja hinlänglich bekannt, daß Leute, die im und am Wasser sich zu schaffen machen, in der Regel etwas legere sich bewegen. Man kann dieses ganz besonders am Strande von Neapel sehen, von dem wir Münchener allerdings — besonders in der Winterszeit — sehr weit entfernt uns fühlen. Diese thatsächliche Entfernung des so viel gepriesenen Südens glauben nun — und sei es auch nur zum Scheine — viele Bildhauer und Maler dadurch mindern zu müssen, indem sie mit Vorliebe in ihren Werken die fragliche Südlands-Mode des theilweisen oder gänzlichen Kleidermangels zur Verwerthung bringen. Dieser Künstlerbrauch ist jedoch nicht von heute und nicht von gestern. Gerade im benachbarten Augsburg, der altberühmten Stadt, aus welcher die Weiser stammen, zeigen mehrere prächtige Brunnen sehr stark südliche Sitte und Mode. Wir erinnern zunächst an die Gestalten, welche auf dem von Adrian de Erics geschaffenen Herkules-Brunnen Platz genommen haben. Dort macht sich u. a. eine kleidn- scheue Frau damit zu schaffen, die Wasserfeuchten Strähnen ihres Haares auszuwinden — dennoch hat in diesem AugSburger Brunnen bisher noch Niemand ein Haar gefunden. Was den Gasteigerbrunnen anbelangt, so wundert mich in allem Ernste nur das Eine, daß der Name des Künstlers, der das Werk gespendet, nicht einen Fingerzeig geboten hat, den Brunnen dort aufzustellen, wo er sicher am günstigsten gewirkt hätte — in unseren herrlichen Gasteig-Anlagen. Dort würde er, seinem ganzen Wesen entsprechend, einen mehr arkadischen Landschastsrahmen gefunden haben, als im prosaischen Alltagsgetriebe des lärm- erfüllten Karlsplatzes. Genugsam haben wir bisher die engen Bande erörtert, welche die Bildhauerei mit dem Wasser verketten. Viel mehr noch als die bildende Kunst hat sich aber — wie wir dieses schon im Eingänge flüchtig angedeutet — die Dichtkunst mit dem Wasser in Beziehungen gesetzt, so daß es wohl am Platze ist, schließlich das Augenmerk noch etwas näher diesem poetischen Verhältniß zuzuwenden. Die begnadete Schaar derer, die durch einen Trunk vom kastalischen Quell Begabung und nicht selten auch Unsterblichkeit sich geholt, hat wohl vor Allem Ursache, das hohe Lied von der Bedeutung des Wassers anzustimmen. Allerdings ist die Verehrung, welche die Dichter für das Wasser hegen, meistens sehr platonischer Natur. Wenn Pindar singt: „Das Beste ist das Wasser", so wissen wir doch nicht genau, ob er dasselbe Hiebei als Getränke im Ange hatte. Zumeist bietet das Wasser den Dichtern nur die Bilder, um ihre Ideen und Gedankenfluthen zu verkörpern. Die ganze, volle Wasserscala der Welt, vom Tropfen an, der als Thauperle auf der Blume oder als Thräne im Menschenauge glänzt, bis hinauf und hinaus zum unermeßlichen Ocean, ist schon viel hundert- und tausendmal in das Reich der Dichtung hereingezogen worden. Am wenigsten sparsam mit dem Wasser belieben vor Allem die sogenannten Weltschmerzdichter umzugehen. Noch ist der Hydrometer nicht construirt, der die Wassermengen anzugeben vermöchte, welche oft schon ein einzelner Dichter dieser Gruppe verbraucht hat. Kleine und große Geister tummeln sich mit eigenartiger Vorliebe an und über dem Wasser, gleichsam als wie ein Reflex von jenem Geiste, der am Anfange der Dinge über den Wassern schwebte. „Wie die Säule des Lichts auf des Baches Welle sich spiegelt", so glitzern und schimmern thatsächlich die dem Wasser entlehnten zahllosen Bilder. „Fließend Wasser ist der Gedanke", sagt E. Geibel, und der im Erfassen aller Erscheinungen so mächtige Goethe spricht die schönen Worte: Des Menschen Seele Gleicht dem Wasser; Vom Himmel kommt es, Zum Himmel steigt es. Ein anderer Satz: „Alles was oben ist, spiegelt das Wasser", wird sicher von Jedermann als eben so wahr anerkannt. Im Hinblick darauf konnte Johannes Schrott die hochpoetische Aeußerung machen: Das Wasser ist der Sonne Braut, In dem sie liebend sich beschaut! Allerdings gibt es auch Wasserläufe, zu denen kein Sonnenstrahl grüßend hinabdringt, Wasserläufe, von denen man gut thut zu sagen: Begehre nie und niinmer zu schau'n, ' Was die Götter bedecken mit Nacht und mit Grau'nl Wir detiken da nicht bloß an grauenvolle Meeres- tiefeu oder an die geheimnißvoll fließenden Wasser in den Höhlen des Karstes, wir denken da zunächst auch an die riesigen, mit modernem Schwemmsystcm versehenen Kanal- netze, wie sie jetzt unterirdisch fast alle größeren Städte durchziehen. Neidlos überläßt hier der ehrgeizigste und habsüchtigste Mensch den Wassern der Tiefe eine Aufgabe, die eine der gewaltigsten ist, welche geheime Naturkräste zu lösen vermögen. Merkwürdig, was die Herren Gelehrten, was Professor Pettenkofer und seine Schüler in langen, umfassenden Darlegungen über die so überaus verdienstliche Thätigkeit des Wassers hinsichtlich seiner Selbstläuterung uns sagen; das hat der letzterwähnte Dichter I. Schrott schon vor Jahren in ganz wenigen, einfachen Worten zum Lobe des Wassers ausgesprochen: Mag auch die Erde viel an ihm verüben, Sie kann dasselbe niemals lange trüben. Da schon manchmal ein kräftiges Dichterwort ebenso überzeugend gewirkt hat, als die gelehrtesten Thesen, so sei obiges Citat — der Dichter wird es uns wohl verzeihen — zur besonderen Beruhigung isarabwärts gerufen, von wo so Viele noch mißtrauischen Blickes nach jenem dunklen Punkte schauen, der auf Fröttmanings schweigsamen Gefilden die Stelle kündet, wo Münchens Orkus seinen Ausgang nimmt. Wenn somit in der letzt vorgeführten, gar heiklen Angelegenheit eine merkwürdige, erfreuliche Uebereinstimmung des Poeten mit dem Physiker zu constatiren ist, so ist es um so erklärlicher, daß aus der Verwerthung des Wassers von Seite der Dichter auch andere Disciplinen, vor Allem die Pädagogik und Mora- listik, besonderen Gewinn zu ziehen vermocht haben. Abgesehen von der einzigen — überdieß nur von überängstlichen Leuten betonten — üblen Eigenschaft: daß das Wasser „keine Balken" hat, sind die weisen Lehren und Nutzanwendungen, welche aus dem Wasser gezogen werden können, in der That unversiegbar. Daher mag es auch kommen, daß fast alle Wortbezeichnungen, welche auf das Wasser Bezug haben, auf die mannigfachen Erscheinungen des menschlichen Geistes- und Gemüthslebens übertragen werden konnten. Auch bei umfassenden Lehrgedichten, bei literarischen Zeit- und Sittengemälden früherer Zeiten mußte als geeignete Basis zur Entfaltung der Gesammtidec mehr- fach das Wasser herhalten. Erklärt doch Sebastian Brandt in der Vorschrift zu seinem berühmten „Narrenschiff", daß er für den Transport seiner verrückten Schaaren den Wasserweg gewählt habe, weil die Landwege viel zu ungenügend sich erweisen dürften, um alle Narren entsprechend befördern zu können. Ob wohl die Narren im Sinne Seb. Brandt's heute weniger geworden? Ich bezweifle es. — Welche Anerkennung, welch' anspornende Ermuthi- gung für die Thätigkeit aller Kanalvereine ist nicht in der Anschauung Brandt's geboten! Bei solch'ausgiebiger Propaganda für Wasserstraßen, wie sie im besagten „Narrenschiff" zu Tage getreten, dürften wohl noch nachträglich alle Kanalvereine der alten und der neuen Welt den ehrengeachteten Herrn Sebastian Brandt zu ihrem Ehrenmitglieds ernennen. — Auch Schiller hat in einem Vielsagenden Distichon das Wasser gewissermaßen zur Grundlage gewählt, um einen ernsten und wahren Gedanken daraufzustellen: An den Ocean schifft mit tausend Masten der Jüngling, Stm im geretteten Boot treibt in den Hafen der Greis. ^Prägnantster Ausdruck, als er hier geboten, kann dem Riesenkapitel der Enttäuschungen und zerronnenen Hoffnungen wohl nicht mehr geliehen werden. Vielleicht sind meine verehrten Zuhörer heute ebenfalls um eine Enttäuschung reicher geworden, indem sie in dem Glauben hieher gesteuert, ein trautes Eiland behaglicher Unterhaltung hier vorzufinden. Wenn demnach diese oder jene meiner Ausführungen, mancher Erguß meiner Laune Ihnen wenig oder nicht zugesagt, so kann ich trotzdem nicht empfehlen, daß Sie Wasser aus dem Lethestrom darübergießen. Schon aus sanitären Gründen ist es nicht mehr angezeigt, diesem Wasser sich zu nahen, denn es ist schon zu viel — und manchmal recht unappetitliches Zeug — in dasselbe versenkt worden. Ich will daher ein anderes Mittel erproben. Da ja schon einmal ein bedeutender Dichter einige seiner Verse einfach selbst energisch abgewiesen hat, so kann ich um so leichter dessen Worte mir aneignen, indem auch ich meinen Ausführungen zurufe: „Ihr wart ins Wasser eingeschrieben, Eo fließt denn auch mit ihm davon!" -- KLLeNÜetz. Ueber das Wachsthum einzelner Baum- arten sind, der Freis. Ztg. zufolge, im Garten des Hospitals zum Heiligen Geist in Berlin interessante Beobachtungen gemacht worden. Es wurde dort eine größere Zahl von Baumarten in durchweg 4 Centimeter starken Exemplaren vor zehn Jahren in Sandboden eingepflanzt. Das größte Wachsthum zeigten die Pappelarten. Die Balsampappel (?oxu1us lmlrmmikörg.) erreicht eine Höhe von 14 Meter und einen Durchmesser von 33 Centimeter bei 0,50 Meter Höhe, die Silberpappel (k. Äi-ssöutsa) eine Höhe von 11 Meter bei einem Durchmesser von 32 Centimeter. Bei der kanadischen Pappel (k. cmrmäsimio) betrug die Höhe 12 Meter, der Durchmesser 32 Centimeter. Am schnellwüchsigsten neben den Pappeln erwiesen sich die verschiedenen Ahorne und die amerikanische Nüster (Ulmns amsrivLna). Die entsprechenden Maße stellen sich bei der letzteren auf 10 Meter und 25 Centimeter, beim eschenblättrigen Ahorn (Xosr Äe§unäc>) auf 8 Meter 17 Centimeter, auf 10 Meter und 25 Centimeter beim rauhfrüchtigen Ahorn (L. äaszeaarxrim) und Spitzahorn (X. platanoiciss); dieselbe Höhe erreichte der gemeine Ahorn (^.. I'ssuäo- xlntanrm) bei einem Durchmesser von 18 Centimeter. Die Beobachtungen ergaben zugleich lehrreiche Aufschlüsse über den Empfindlichkeitsgrad der verschiedenen Baumarten gegen enge Pflanzung. Linden erreichen im Gebüsch nur acht Centimeter, freistehend dagegen genau den doppelten Durchmesser, die Akaze desgleichen 12 Centimeter bezw. 17 Centimeter, die Roßkastanie 8 Centimeter bezw. 20 Centimeter. Das langsamste Wachsthum zeigten l^inrocrlaäus und Praxirmo (Eiche); diese brachten eS durchweg nicht über einen Durchmesser von 8 Centimeter. Die Gewichtszunahme war bei allen Baumarten eine gleiche; es wurde etwa das Hundertfache des Ursprünge lichen Gewichts erreicht. * Frage: „Was ist für ein Unterschied zwischen einem Reifenspiel und dem Examen?" — Antwort: „Im Reifenspiel fallen die Reifen durch, im Examen die Unreifen." —— -HZUSA--—