« 24 . Samstag, den 21. März tt 1896. -kür die Redaction verantwortlich: Vr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Zudas MakkaSäus, Historischer Roman von A. L. O. E. Frei nach dem Englischen von D. ColoniuS. (Fortsetzung.) Mit besonderer Zärtlichkeit hauchte die Matrone ihr Requiem über den siebenten Körper, als er zu den übrigen gelegt wurde. „Du Jüngster und am meisten Geliebter Deiner Mutter, Du Blume des Frühlings, Du sollst in Frieden schlummern an ihrer Seite. Ihr liebtet Euch innig im Leben, und im Tode sollt Ihr nicht getrennt werden." So äußerlich ruhig hatte die Matrone, ihren Kummer beherrschend, ihre letzten Worte über die todten Körper der hingeopferten Brüder gesprochen. Aber in ihrer Wehklage über die Mutter der sieben Brüder lag eine Bitterkeit des Schmerzes, welche Lycidas jedes Wort wie Blutstropfen, die sich losrangen von dem Herzen der Sprecherin, erscheinen ließ. „Gesegnet, dreimal gesegnet seist Du, meine Schwester Salame! Sieben Söhne hast Du geboren und unter ihnen nicht einen, der seinen Gott verleugnet hat! Dein Diadem bedarf keines Edelsteines! Gesegnet ist sie, die Mit ihren Söhnen sterbend zu ihrem Gölte sagen konnte: „Siehe, hier bin ich und die Kinder, die Du wir gegeben hast!- Und als die Matrone ihre Klagen beendet hatte, raufte sie ihr Haar, zerriß ihre Kleider und beugte ihr Haupt mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes. Da nun alle Körper in ihr Grab niedergelegt waren, stieg der Anführer heraus und trat zu seinen Gefährten. Da redete Abischai ihn an: „Hadassah hat ihre Wehklage beendet, Sohn des Phinehas, Nachkomme Aarons, deS Hohenpriesters, hast Du kein Wort zu sagen über das Grab derjenigen, die in ihrem Glauben starben?" Der Anführer hob seine rechte Hand zum Himmel und sprach leise jene Verse aus dem Jesaia, welche jenen, die in jener Periode lebten, geheimnißvoll wie auch trostvoll erscheinen mußten. „Aber Deine Todten werden leben und mit dem Leichnam auferstehen. Wachet auf und rühmet, die Ihr lieget unter der Erde; denn Dein Tau ist ein Tau des grünen Feldes, aber das Land der Todten wirst Du stürzen." «— Die Worte jener glorreichen Verheißung schienen Hadassah aus ihrem Kummer zu erheben. Ihr gebeugtes Haupt auflichtend, sah sie ruhig und verklärt aus. Indem sie sich zu dem neben ihr stehenden Mädchen wandte, sagte sie: „Wir können für diese, unsere geliebten Todten kein Näncherwerk brennen, aber Du, Sarah, mein Kind, hast Blumen mitgebracht, deren Wohlgeruch wie Weihrauch aufsteigen wird; wirf sie in daS Grab, bevor wir eS schließen." Gehorsam dem Befehl ihrer alten Verwandten glitt das Mädchen, zu dem Hadassah gesprochen, an den Rand des Grabes und warf einen duftenden Blüthenregen hinein. Da nun bei dieser Bewegung ihr Schleier sich etwas zurückschob, sah Lycidas den Schimmer eines Gesichtes, dessen Lieblichkeit alles, was der Poet jemals in seinen Träumen gesehen, übertraf. Der volle Strahl des Mondes fiel auf das Gesicht der schönsten aller Töchter Zions. Ihre langen, dunklen Augenwimpern gesenkt und von Thränen feucht, vollführte sie gegen ihre todten Verwandten diesen einfachen Akt der Ehrfurcht. Dann erhob Sarah ihre Augen mit einem kummervollen, süßen Ausdruck, der sich aber plötzlich in Schrecken verwandelte. Sie fuhr zurück, und ein leiser Schrei entwand sich ihren Lippen. Das Mädchen hatte den Fremden, der sich in den tiefen Schatten bückte, erblickt ihr Auge war dem seinen begegnet, eine Verborgenheit war nunmehr unmöglich; Lycidas war entdeckt. 3. Kapitel. Leben oder Tod. „Ein Spion! ein Verräther! Werst ihn nieder — haut ihn in Stücke!" Das waren die Rufe, die nicht laut, aber schrecklich, wie Donner auf Blitz dem Aufschrei der Sarah folgten. Kalter Stahl schimmerte im Mondlichte. Lycidas, der bisher kaum an seine eigene persönliche Gefahr gedacht hatte, sah sich nun plötzlich von einer wüthenden Bande umgeben, die Waffen gegen ihn erhoben, um ihm das Leben zu nehmen. Mit dem Instinkt der Selbsterhaltung sprang der junge Athener vorwärts, umfaßte die Kniee des Anführers und rief: „Kein Spion! Kein Syrer! Kein Feind! Wie Du auf Gnade hoffst in Deiner Todesstunde, höre mich an!" Dann beschämt, bei etwas ertappt worden zu sein, was ihm für feige Furcht ausgelegt werden konnte, sprang der Grieche, nach Athem haschend, in die Höhe und erwartete beim nächsten Athemzuge den Dolch in seiner Seite und daS Schwert an seiner Kehle zu fühlen. „Haltet ein — laßt ihn sprechen, bevor er stirbt!" 174 Bei diesem Commandowort führe» die Klinge» in die Höhe, und wie Leoparden auf dem Sprunge umgaben die Hebräer ihren Gefangenen, um die Möglichkeit seiner Flucht zu verhindern. „Was kannst Du zu Deiner Vertheidigung sagen, junger Mann? fragte der Anführer in ruhigem, ernstem Tone. „Kannst Du leugnen, daß Du als ein Spion einer Scene beigewohnt hast, die, wenn Du sie verräthst, für unser Leben gefährlich werden kann?" „Ich bin ein Grieche, ein Athener", erwiderte Lycidas, welcher seine Selbstbeherrschung wiedergewonnen hatte und nun instinktmäßig fühlte, daß er von der Gnade eines Mannes abhing, der wohl ernst und gerecht, aber niemals übermäßig grausam sein würde. „Ich bin hier, aber nicht als Spion, — nicht, um mit Späheraugen Eure feierliche, heilige Handlung anzuschauen. Durch Zufall an diese Stelle geführt, übermannte mich unter diesem Baume der Schlaf. Ich wollte lieber meine rechte Hand, ja, sogar mein Leben hingeben, als daß ich eine so edle Handlung verrathen sollte." — „Willst Du ihn anhören, den heidnischen Hund, den Sohn des Belial, den lügenden Heiden?" rief Abischai, dessen glänzende weiße Zähne und flammende Klugen ihm beinahe eine wolfähnltche Wildheit verliehen, die gut zu seinem Geschrei nach Blut paßte. „Er war gegenwärtig — ich weiß es — als unsere Brüder hingeschlachtet wurden. Er sah ihre schreckliche Marterl — Mißt ihn in Stücke! — Setzt Eure Fersen auf seinen Nacken! — Er hat sich über den Tod der Gerechten gefreut!" "„Nein!" rief Lycidas mit Heftigkeit, „ich rufe zum Heugen den —" „Stopft ihm die Lästerzunge Mit dem Stahl!" j rief Abischai wüthend. „Laßt ihn nicht unsere Ohren mit dem Namen der Götter beleidigen, welche er anbetet! Haut ihn nieder, jenes Grab kann noch einen Körper aufnehmen — das Blut unserer Brüder schreit um Rache!" Mehrere Stimmen wiederholten diese ungestüme Forderung, aber mitten in diesem wilden Nachegeschrei hörten die Ohren des Lycidas und des Anführers den / schwachen Ausruf des Mädchens: „O, Judas, habe Er- i barmen, schone ihn!" Noch hielt die ausgestreckte Hand des Führers ' allein die wüthende Bande zurück, welche ihr wehrloses Opfer niedergehauen haben würde. Aber da lag auf der Stirn des FührerS noch ein banger Zweifel. Nicht, daß er sich von der blutigen Forderung des Abischai beeinflussen ließ, sondern er überlegte für sich und seine Gefährten die Größe der Gefahr, wenn er den Gefangenen frei ließ. Lycidas fühlte, daß sein Schicksal an den Lippen dieses ruhigen, fürchterlichen Mannes hing, und war beinahe von dieser Thatsache befriedigt. Ein Wunsch stieg in dem Innern des Griechen auf: „Wenn ich sterben muß, so sei es durch diese Hand." „Fremdling", begann der Sohn des MattathiaS, ^ und bei dem Ton seiner Stimme schwieg der Tumult, alle standen still, um zu hören. „Ich zweifle nicht an f Deinem Wort, ich dürste nicht nach Deinem Blut. Wäre ^ nur mein eigenes Leben in Gefahr, nicht ein Haar auf Deinem Haupte sollte Dir gekrümmt werden; aber an Deinem Stillschweigen über das, was Du heute gesehen, hängt die Sicherheit aller hier Versammelten, selbst diejenige dieser Töchter Zions; denn der Tyrann schont unsere Frauen nicht. Wir haben nicht die Macht Gefangene festzuhalten — würdest Du angesichts dieses Märtyrergrabes im Stande sein, uns Grausamkeit vorzuwerfen, wenn wir uns für jenen Weg entschieden?" Lycidas begegnete, ohne zurückzufahren, dem ruhigen ernsten Auge des Sprechers, aber er konnte die Frage nicht beantworten. Er wußte, daß unter ähnlichen Umständen weder Grieche noch Syrer vorher gezögert, noch nachher Gewissensbisse bei einer That gefühlt haben würden, die sie als erste Nothwendigkeit erachteten. Die beredten Lippen des Dichters hatten kein Wort, für sein Leben zu bitten. „Warum noch Worte verschwenden?" rief der wilde Abischai aus. „Warum zögerst Du noch, Judas? Man sollte Dich kaum für den Sohn des PhineaS halten, der sich dadurch unsterblichen Ruhm erwarb, daß er Simri und CaSbi mit einem Stoße durchstach. Dein Auge darf nicht bemitleiden. Deine Hand darf nicht schonen, Schuld liegt auf Deinem Haupte, wenn Du diesen gehen läßt. Wurden nicht die Kananiter im Lande ausgerottet? Wer heißt uns die Hand zurückziehen, wenn der Herr selbst die Beute unseren Schwertern überliefert?" „Ich thue es — ich!" rief Hadassah, indem sie an den Rand des Grabes trat, welches sie und ihre Enkelin von den hebräischen Männern und ihrem Gefangenen trennte. „Schäme Dich, Abischai, Mann des Blutes, Du, obgleich der Gemahl meiner verstorbenen Tochter — ich wiederhole, Schande über Dich, daß Du den Namen des Herrn mißbrauchst, um Deinen Rachedurst damit zu beschönigen! Höre mich, Sohn des Matta- thias, Ihr Männer von Juda, höret mich! Der Allbarmherzige heißt mich sprechen, und ich kann Mich nicht enthalten, Euch die Worte zu verkünden, die er mir selbst in den Mund legt.",, Die Matrone stand augenscheinlich bei den Anwesenden in hohem Ansehen. JudaS war mit ihr durch die Bande des BluteS verwandt und Abischai durch Heirath. Zwei der anderen fünf Hebräer waren in glücklichen Tagen ihre Diener gewesen; aber es war hauptsächlich die Hoheit in Hadassahs Charakter, die ihren Worten Gewicht gab. Die verwittwete Frau wurde beinahe als eine Prophetin betrachtet, die mit Weisheit von oben erleuchtet war. Ihre Forderung mochte wohl nicht einleuchten, aber sie wurde mit Respekt angehört. „Der Kananiter wurde aus dem Lande vertrieben," sagte Hadassah; „Seba und Zalmuna wurden erschlagen, Casbi und Simri mit einem Wurf getroffen, aber diese waren Sünder, und ihr Maß des Bösen war voll. Die Schwerter Israels führten nur Gottes gerechten Rachebefehl über sie aus, ebenso wie die Wellen des Meeres den Pharao überwältigten und die Sündfluth eine Welt von Bösewichtern. Aber der Gott der Gerechtigkeit ist auch ein Gott der Gnade, langsam zum Zorn und voller Güte. Er nennt die Rache fein, — sein eigenes Werk. Er hat seinem heiligen Diener zu predigen befohlen: „Freue Dich über den Fall Deines Feindes nicht, und Dein Herz sei nicht froh über seinem Unglück." „Ein Feind, im Hause Israels geboren, nicht ein niedriger Heide", murmelte einer der Männer. „Hat der Herr nur die Juden erschaffen, nicht 175 — auch die Heiden?" rief Hadafsah. „Du sollst einen Fremden nicht bedrücken, sagte der Herr. Lebt nicht Hobab, der Medianiter, unter dem Volke Israel, wurde nicht Achior, der Ammoniter, von den Aeltesten in Bethern begrüßt? Wurde nicht das Blut des Hethiters von der Hand Davids gefordert? und Jthai, der Gethiter, treu erfunden, als die Jsraeliten von ihrem Könige abfielen? Gott sagte von Cyrus dem Perser, er ist mein Hirt, und Alexander von Macedonien durfte dem Herrn und dem Gatte Jakobs opfern. Ja, hat nicht Jesaia, der Prophet, erklärt, daß er, der Heilige, der Messias, auf den wir warten, den Heiden Gerechtigkeit bringen soll? Daß er seine Hand über die Heiden erheben wolle? Ach, die Zeit kommt, — möge sie bald kommen! — Wenn die Abgötter ganz vertilgt werden sollen, wenn des Herrn Haus wieder aufgerichtet wird und alle Völker darin versammelt werden." Die edlen Züge der Matrone flammten vor Begeisterung, und als sie ihre Hand zum Himmel erhob, schien sie den Herrn anzurufen, seine glorreichen Gna- denverheißungen dem Volke, das noch in Finsterniß wandelte, zu bestätigen. (Fortsetzung folgt.) » I I » Arzt und Priester. Von A. Radar. DupUhtren, der berühmte französische Chirurg, arbeitete fast beständig; wenig Menschen haben ein so arbeit- reicheS Leben geführt wie er. Sommers wie Winters war er um 5 Uhr auf, um 7 Uhr war er im Hotel Dieu, in dem berühmten Pariser Spital, das er um 11 Uhr verließ. Dann machte er seine Besuche bet Privatpatienten und ging nach Hause, um Kranke zur Konsultation zu empfangen. Obgleich er sie mit einer fast brutalen Geschwindigkeit beförderte, so waren sie doch jeden Tag so zahlreich, daß die Konsultationen oft bis in die späte Nacht dauerten. Eines Tages, als sich die Untersuchungen noch länger als sonst hinausgezogen hatten, wollte Dupuytren, erschöpft von Müdigkeit, sich ein wenig ausruhen, als ein letzter, verspäteter Besuch an der Thür seines Kabinets erschien. Es war ein Greis von kleinem Wuchs. Man hätte nur schwer sein Alter errathen können. Das Antlitz des Männchens war voll und rosig, hatte etwas Rundliches und Freundliches, obfchon augenscheinlich das Rasiermesser niemals darüber zu gehen brauchte. Unter einem Netz zahlreicher feiner Furchen und Fältchen hatte er einen kleinen Mund, eine kleine, feingezeichnete Adlernase; seine Füße und Hände waren wie alles übrige sn rniniatnro; in seinen blauen Augen, in seiner Physiognomie, in seinen Bewegungen zeigte er eine Schüchternheit, eine Sanftheit, eine Güte, die köstlich waren. Es gibt solche glückliche Physiognomien, auf denen der Blick mit Wohlgefallen verweilt. Wenn man das ruhige, friedliche Gesicht des kleinen Greises betrachtete, war es einem, als wenn man selber besser würde; man wurde unwiderstehlich zu ihm hingezogen; man empfand es wie ein Bedürfniß, ihn zu lieben. In seiner Rechten hielt das Männchen einen Stock mit Schnabelgriff; er trug ein ganz und gar schwarzes Kostüm; wenn er grüßte, zeigte sich eine große Tonsur; es war ein Priester. Dupnytren heftete die Augen auf ihn, streng und eisig. „Was haben Sie?" sagte er hart. „Herr Doktor," erwiderte sanft der Priester, „darf ich mich setzen? — Meine armen Beine sind schon ein wenig alt ... . Vor zwei Jahren bekam ich eine Anschwellung an dem Hals. Der Arzt in meinem Dorfe — ich bin Pfarrer von Belleville bei Nemours — hat mir gesagt, es habe nicht viel zu bedeuten; aber daS Uebel wurde immer schlimmer, und nach fünf Monaten ging die Geschwulst auf. Ich habe lange daS Bett gehütet, ohne daß es besser wurde; dann war ich genöthigt, aufzustehen; denn ich bin allein, habe die Seelsorge in vier Filialen, und ... ." «Zeigen Sie mir Ihren Halst« herrschte ihn der Arzt an. „Die guten Leute," fuhr der Greis unbeirrt fort, „haben mir wohl angeboten, sich alle Sonntage an einem Orte zu versammeln, um dort die hl. Messe zu hören: aber sie haben viel Arbeit während der Woche und nnr den einen Tag, um sich auszuruhen. Ich habe mir gesagt: Es ist doch nicht recht, daß alle diese Leute sich deinetwegen gar so bemühen, und dann, wissen Sie, da ist auch der Erstkommunikanten-Unterricht, der Katechismus. Se. Bischöflichen Gnaden wollten noch warten, bis sie mir einen Geistlichen zur Hülfe schickten. Da haben mir aber meine Pfarrkinder gesagt, ich solle nach Paris gehen, um Sie zu konsultieren. Ich habe einige Zeit nöthig gehabt, bis ich mich entschloß; denn die Reisen kosten viel Geld, und ich habe viel arme Leute in meiner Gemeinde. Ich habe aber nachgeben und thun müssen, was sie wollten; so benutzte ich die Post .... DaS ist also mein Leiden, Herr Doktor!" sprach er, indem er ihm den Hals hinstreckte. Dupuytren untersuchte lange. Der Hals des Kranken zeigte ein Loch von nahezu einem Centimeter Durchmesser. Es war ein Absceß am Unterkiefer, kompliziert durch eine Geschwulst der Blutader. Die Wunde war an mehreren Stellen krebsartig. Der Fall war dermaßen ernst, daß Dupuytren erstaunte, daß der Kranke vor ihm noch auf den Beinen stehen konnte. Er schob die Ränder der Wunde weit zurück und untersuchte die Umgebung durch so schmerzhaftes Drücken, daß man hätte ohnmächtig werden können. Der Geistliche zuckte nicht einmal. Als die Untersuchung beendigt war, drehte Dupuytren plötzlich den Kopf des Patienten in seinen beiden Händen herum, betrachtete ihn fest und sagte ihm ins Gesicht, indem er ihn mit schrecklicher Stimme anfuhr: „Jawohl. Herr Abbs, da ist nichts zu Machen, mit so etwas muß man sterben." Der AbbL nahm sein leinenes Tuch und umwickelte feinen Hals, ohne ein Wort zu sprechen. Dupuytren hatte immer die Augen auf ihn geheftet; als er sich fertig verbunden hatte, zog der Priester ein in Papier gewickeltes Fünffrankenstück aus der Tasche und legte es auf den Schreibtisch. „Ich bin nicht reich, Herr Doktor!" sagte er mit einem ruhigen Lächeln. „Verzeihen Sie mir, daß ich eine Konsultation des Herrn Doktor Dupuytren nicht besser honorieren kann ... Ich bin glücklich, Sie besucht zu haben; wenigstens bin ich vorbereitet auf das, was mir bevorsteht. Vielleicht hätten Sie diese große Entscheidung," sagte er mit unendlicher Sanftmuth, „mir mit etwa- mehr Rücksicht mittheilen können. Ich bin fünfundsechzig 176 Jahre alt, und tn meinem Alter hängt man manchmal doch noch sehr am Leben. Ich bin Ihnen aber doch nicht böse. Sie haben mich auch nicht überrascht; seit langem bin ich auf diesen Augenblick gefaßt. Adieu, Herr Doktor! So will ich denn in meinem Pfarrhaus sterben." Und so ging er weg. Dupuytren blieb in Gedanken versunken. Dieser eiserne Charakter, dieses mächtige Genie zerbrachen wie dünnes Glas gegen ein paar einfache Worte eines armen Greises, den er ganz hinfällig und krank in seinen Händen gehalten und mit dem er spielen zu können geglaubt hatte. Er war in diesem schwachen und leidenden Körper einem Herzen begegnet, das stärker war als seines; einem Willen, der energischer war als seiner: Er hatte seinen Mann gefunden. ^ Dann eilte er rasch aus dem Zimmer. Der kleine Priester stieg eben langsam die Stufen hinab, indem er sich an dem Geländer festhielt. „Herr Abbs!" rief er, „wollen Sie noch einmal heraufkommen?" Der Abbs kam sofort zurück. „Es ist vielleicht eine Möglichkeit, Sie zu retten.« sagte der Arzt, „wenn Sie wollen, daß ich Sie operiere." „Ach, guter Gott, Herr Doktor!" sagte der Abbs, indem er sich mit einiger Lebhaftigkeit seines Stockes und Hutes entledigte, „aber ich bin ;a nur deßhalb nach Paris gekommen. Operieren Sie nur alles, was Sie wollen!" „Aber vielleicht machen wir einen vergeblichen Versuch, uud die Sache wird lang und schmerzhaft sein." „Operieren Sie, operieren Sie, Herr Doktor! Ich werde alles ertragen, was nothwendig ist. Wie würden sich meine armen Pfarrkinder freuen!" „Nun denn gut! Sie begeben sich sogleich in das Hotel Dien, Saal St. Agnes. Sie werden dort vollkommen gut aufgehoben sein; die Schwestern werden es an nichts fehlen lassen. Sie ruhen sich heute Abend gut aus, auch morgen und übermorgen, das andere wird sich finden." „Es ist abgemacht, Herr Doktor! Ich danke Ihnen." Dupuytren warf einige Worte auf ein Papier, das er dem Abbö übergab. Dieser ging direkt nach dem Spital, wo fast die ganze Schwesternschaft herbei kam und ihn in einem kleinen, mit weißen Vorhängen umgebenen Bette unterbrachte. Alle machten sich mit ihm zu thun, brachten Kissen herbei und erfrischende Säfte zum Trinken. Der kleine Priester wußte gar nicht, wie er ihnen danken sollte. Den zweiten Tag darauf waren die fünf- bis sechshundert Schüler, die jeden Tag dem klinischen Vortrag deS Meisters folgten, kaum versammelt, als Dupuytren ankam. Er schritt auf das Bett des Priesters zu. Das imposante Geleite folgte, und die Operation begann. Dupuytren schnitt mit Messer und Scheren darauf los. Seine stählernen Zängelchen sondierten die Tiefe der Wunde und führten Fäden empor, die er drehte und darauf befestigte. Dann entfernte knirschend die Säge kariöse Stücke aus dem Unterkiefer; jeden Augenblick wurden die Schwämme ausgedrückt; das Blut lief in Strömen. Die Operation dauerte 2b Minuten. Der Abbs zuckte nicht mit den Wimpern; nur als die Umgebung mit befreiter Brust aufathmete, und alle vor Erwartung und Furcht beklommen aufstöhnten und Dupuytren sagte: „ES ist fertig", war der Abbs etwas blaß. Dupuytren verband ihn selbst. „Ich glaube, alles geht gut", sagte er freundlich zu ihm. „Haben Sie viel gelitten?" „Ich habe mich bemüht, an etwas anderes zu denken", erwiderte der Priester. Dann wurde er ohnmächtig. Dupuytren beobachtete ihn einen Augenblick in tiefstem Schweigen; dann zog er die weißen Vorhänge des BetteS zu, und die Krankenvisite wurde fortgesetzt. Der Priester war gerettet. Jeden Morgen, wenn Dupuytren kam, übersprang er, sonderbar und ganz gegen seine Gewohnheiten, die ersten Betten und begann seine Visite mit seinem Lieblingskranken. Später, als dieser aufstehen und einige Schritte machen konnte, kam Dupuytren nach Beendigung seiner Klinik auf ihn zu, nahm seinen Arm und machte mit dem Rekonvalescenten einen Gang durch den Saal. Für jeden, der die rücksichtslose Härte kannte, mit der Dupuytren gewöhnlich seine Kranken behandelte, war diese Veränderung der Behandlungsweise unerklärlich. Als der Abbs im Stande war, die Reise aushalten zu können, nahm er von dem Doktor Abschied und kehrte zu'seinen Pfarrkindern zurück.- Einige Monate später sah Dupuytren, als er in das Hotel Dien kam, den Abbs auf sich zukommen, der ihn im Saale St. Agnes erwartet hatte. Der Abbs trug wie immer seinen bescheidenen schwarzen Anzug; aber der war voller Staub, und feine Schnallenschuhs waren ganz weiß, als ob er einen weiten Weg zu Fuß zurückgelegt hätte. Er trug im Arm einen großen Weidenkorb, der mit Stricken befestigt war und aus welchem Strohhalme heraussahen. Dupuytren empfing ihn sehr freundlich, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Operation keinerlei schlimme Folgen gehabt hatte, frug er. was ihn nach Paris geführt habe. „Herr Doktor!" erwiderte der Priester, „es ist heute der Jahrestag meiner Operation, ich wollte den sechsten Mai nicht vorübergehen lassen, ohne Sie zu besuchen und Ihnen ein kleines Geschenk Mitzubringen. Da habe ich denn in meinen Korb zwei schöne Hühner gesteckt auL meinem Hofe, Obst aus meinem Garten, wie Sie solches kaum in PariS bekommen. Sie müssen mir versprechen und mir die Hand darauf geben, von allem diesem auch zu versuchen!" Dupuytren drückte ihm innig die Hand; er wollte den guten Greis veranlassen, mit ihm zu speisen; aber dieser schlug es ab, nicht ohne einen gewissen Kampf mit sich selber. Seine Augenblicke seien gezählt, meinte er; und er müsse wieder den Rückweg antreten.-— Noch zwei Jahre, am sechsten Mai, sah Dupuytren den kleinen Priester mit seinem unvermeidlichen Korb und seinen unvermeidlichen Hühnern wiederkehren. Der Doktor empfing feine Besuche mit einer Art Bewegung. Eine wahre, innige Freundschaft hatte die beiden Männer verbunden. Da fühlte Dupuytren die ersten Anzeichen jener Krankheit, vor welcher sogar seine Wissenschaft, so groß sie sein mochte, zurückweichen mußte. Er reiste nach Italien, aber ohne Hoffnung, daß er durch diese Reise, die zu unternehmen ihn die vereinigte Fakultät veranlaßt hatte, Heilung finden werde. Als er nach Frankreich zurückkehrte, es war im Monat März 1834, schien sich sein Zustand gebessert zu haben; aber diese Besserung war nur scheinbar, und Dupuytren fühlte das wohl. Er sah sich sterben; er hatte die ihm noch gestatteten Augenblicke gezahlt. Sein Charakter wurde noch verschlossener, finsterer in dem Maße, als er sich dem verhängnißvollen Zielpunkte näherte. In diesen letzten und traurige» Stunden der moralischen Einsamkeit und der Vereinsamung, die ihn, Angesicht gegen Angesicht, dem Tode gegenüber stellte, gab dem Sterbenden sein Gewisien eine feierliche Mahnung. Eines Tages erhielt der Abbs in Belleville folgenden Brief: „Mein theurer Abbs! Nun ist die Reihe am Doktor. Er braucht Sie. Komme» Sie schnell! Vielleicht kommen Sie zu spät. Ihr Freund Dupuytren.- . Schon am andern Tage war der kleine Pfarrer zur Stelle. Lange blieb er mit Dupuytren eingeschlossen. Als der Abbs auS dem Zimmer des Sterbenden trat, waren seine Augen feucht, und sein Antlitz strahlte von einer sanften Begeisterung. Tags darauf, es war der achte Februar 1835, war Dupuytren gestorben. Am Tag der Beerdigung war der Himmel vom Morgen an traurig mit grauen Wolken bedeckt. Ein feiner und andauernder Regen, mit Schnee untermischt, durch- drang eisig die ungeheuere und schweigsame Menge, die den Platz Saint-Germain-l'AnxerrotS und den weiten Hof des SterbehcmseS erfüllte. Die Kirche Saint-Eustache faßte kaum das Leichengeleite. Nach dem Gottesdienst trugen die Schüler den Sarg bis zum Friedhof. Der kleine Abbs aus Belleville folgte weinend dem Zuge. (Luz. Vaterland.) Eiue Nigibestelgung. Von Mark Twain. Vorbemerkung der Redaktion. Die Leser unseres Feuilletons sind dem vorgenannten amerikanischen Humoristen an dieser Stelle schon begegnet. Der fröhliche Geselle Humor, um dessen Freundschaft so manche Feder umsonst buhlt, ist Mark Twain ein treuer Begleiter, wie kaum einem zweiten. Seine Eingebungen erfüllen mit heiterer Ruhe und Behagen. Nachstehend ein Beweis hiefür. Wir entnehmen die Probe dem 6. Bande der soeben bei Nob. Lutz in Stuttgart erschienenen Neuausgabe von „Mark Twains ausgewählten humoristischen Schriften." « «- Der Rigi kann per Eisenbahn, zu Pferde oder zu Fuß erstiegen werden, je nach Belieben des Reisenden. Ich und mein Freund warfen uns in Touristenanzüge und fuhren an einem herrlichen Morgen per Dampfboot den See hinauf. In Weggis, einem Dorfe am Fuße des Berges, drei Viertelstunden von Luzern, gingen wir ans Land. Bald ging's behaglich und stetig den schattigen Fußweg hinauf und unsere Zungen waren, wie gewöhnlich, bald in schönster Bewegung. Alles ließ sich herrlich an, und wir versprachen uns nicht wenig, sollten wir doch zum erstenmal den Genuß eines Sonnenaufgangs in dm Alpen erleben; das war ja der Zweck 177 - unserer Tour. Wir hatten akischeküend keinen triftigen Grund, zu eilen, unser Reisehandbuch hatte den Weg von Weggis bis zum Gipfel als nur 3'/^ Stunden weit angegeben. Anscheinend, sage ich, weil uns Bädeker schon einmal angeführt hatte. Als wir etwa eine halbe Stunde gegangen waren, kamen wir in die richtige Stimmung für das Unternehmen und trafen Anstalt zum Steigen, das heißt, wir mietheten einen Burschen zum Tragen der Nlpcnstöcke, Reisetaschen und Ueberzieher, wodurch wir die Hände frei bekamen. Wahrscheinlich haben wir häufiger im schönen, schattigen Gras geruht, um ein paar Züge aus unseren Pfeifen zu thun, als unser Führer gewohnt war, denn plötzlich fuhr er uns mit der Frage an, ob wir ihn nach dem Tarif oder fürs Jahr miethen wollten. Wir sagten, er möge immer vorangehen, wenn er Eile habe. Er erwiderte, Eile habe er eigentlich nicht, doch möchte er den Berg hinauf kommen, so lange er noch jung sei. Wir sagten ihm, er möge nur vorausgehen, das Gepäck im obersten Hotel abgeben und unsere baldige Ankunft melden. Er meinte, Zimmer wolle er für uns schon bestellen; wenn aber alles voll sei, wolle er ein neues Hotel bauen lassen und dafür sorgen, daß Maler- und Gypserarbeit trocken wären, bis wir ankämen. Unter solchen spöttischen Bemerkungen verließ er uns und war bald unsern Augen entschwunden. Um 6 Uhr waren wir schon ein gutes Stück in der Höhe, und die Aussicht hatte an Reiz und Umfang bedeutend zugenommen. Bei einem kleinen Wirthshause machten wir Halt, genossen im Freien Brod, Käse und ein oder zwei Liter frischer Milch, und dazu das großartige Panorama; — dann setzten wir uns wieder in Bewegung. Nach zehn Minuten begegneten wir einem Engländer mit heißem, kupferrothem Gesicht, der in mächtigen Sätzen den Berg herabstürmte, indem er sich an seinem Alpen- stock immer eine tüchtige Strecke vorwärts schwang. Athsmlos und schweißtriefend hielt er bei uns an und fragte, wie weit es bis Weggis drunten am See sei. — „Drei Stunden!" „Was? der See scheint ja so nahe, als ob man einen Kieselstein hineinwerfen könnte. Ist das ein Wirthshaus?" „Ja." „Das ist recht! Ich kann es nicht noch einmal drei Stunden aushalten." Auf meine Frage, ob wir wohl nahe am Gipfel seien, rief er: „Meiner Treu! Ihr habt ja eben erst angefangen zu steigen!" Ich schlug deshalb meinem Neisegenossen Harris vor, auch im besagten Wirthshaus zu bleiben. Wir drehten um, ließen uns ein warmes Nachtessen bereiten und verlebten mit dem Engländer einen lustigen Abend. Die deutsche Wirthin gab uns hübsche Ziminer und gute Betten, und ich und mein Freund legten uns nieder mit dem Entschluß, früh genug aufzustehen, um unsern ersten Sonnenaufgang in den Alpen nicht zu versäumen. Aber wir waren todmüde und schliefen wie Nachtwächter; folglich war es, als wir am Morgen erwachten und ans Fenster stürzten, für den Sonnenaufgang schon zu spät; es war halb 12 Uhr. Das war ein harter Schlag, doch trösteten wir uns mit der Aussicht auf ein gutes Frühstück und beauftragten die Wirthin, den Eng- 178 länder zu rufen; aber sie erzählte uns, daß dieser unter allerlei Verwünschungen schon bei Tagesanbruch auf und davon gegangen sei. Wir konnten nicht auf den Grund seiner Erregung kommen. Er hatte die Wirthin nach der Höhe des Wirthshauses über dem See genau gefragt und sie hatte 1495 Fuß angegeben; diese Zahl mußte ihn ganz außer Rand und Band gebracht haben, denn er habe hinzugefügt: „In einem Lande wie in diesem können Narren und Reisehandbücher einem in 24 Stunden mehr Bären aufbinden, als sonstwo in einem Jahre." Gegen Mittag nahmen wir den Weg wieder unter die Füße und strebten frischen, gewaltigen Schrittes dem Gipfel zu. Als wir etwa 200 Meter marschiert waren und anhielten, um zu rasten, blickte ich beim Anzünden meiner Pfeife von ungefähr nach links und entdeckte in einiger Entfernung eure Rauchsäule, die wie ein langer schwarzer Wurm lässig den Berg hinauskroch. Das konnte nur der Rauch einer Lokomotive sein. Auf unsere Ellbogen gestützt, stierten wir das uns völlig neue Mirakel dieser Bergbahn an. Es erschien unglaublich, daß das Ding schnurgerade aufwärts kriechen konnte, auf einer schiefen Ebene, steil wie ein Dach; es geschah aber vor Unsern Augen: ein leibhaftiges Wunder! — Noch ein paar Stunden, und wir erreichten ein schönes zephymmsäuseltes Hochthal, wo die Dächer der kleinen Sennhütten mit großen Steinen belegt waren, um sie am Grund und Boden festzuhalten, wenn die großen Stürme toben. Weit weg am andern Ufer des Sees konnten wir einige Dörfer erblicken und jetzt zum erstenmal ihre zwerghaftcn Häuser mit den Bergriesen vergleichen, an deren Fuße sie schliefen. Wenn man sich inmitten eines solchen Dorfes befindet, kommt es einem ziemlich ausgedehnt vor, und die Häuser erscheinen stattlich, selbst im Verhältniß zu den hereinragenden Bergen; aber von unserm hohen Platze aus, welch eine Veränderung! Die Berge erschienen massenhafter und großartiger, dagegen waren die Dörfer so klein geworden, beinahe unsichtbar, und lagen so dicht am Boden, daß ich sie nur vergleichen kann mit winzigen Erdarbeiten von Ameisen, überschattet von dem himmelanstrebenden Bau eines Münsters. Die Dampfboote, welche drunten den See durchschnitten, erschienen in der Entfernung nur noch so groß wie Kinderspielzeug und vollends die Segel- und Ruderboote wie winzige Fahrzeuge, bestimmt für die Elfen, die in Lilienkelchen haushalten und auf Brummhummeln zu Hofe reiten. Wir gingen weiter und stießen bald auf ein halbes Dutzend weidender Schafe unter dem Gischt eines Gieß- baches, der wohl hundert Fuß hoch sich am Felsen herabstürzte. Doch horch! Ein melodisches „Lal . . . loil-lahi-o-o-o!" trifft unser Ohr. Wir hören zum erstenmal das berühmte Alpenjodeln inmitten der wilden Gebirgsgegend, in der es heimisch ist. Es ist jenes seltsame Gemisch von Bariton und Falsett, das wir zu Hause Tiroler Triller nennen. Das Gejodel war hübsch und munter anzuhören, und bald erschien der Jodler — ein Sennbub von 16 Jahren. In unserer Freude und Dankbarkeit gaben wir ihm einen Franken, damit er weiter jodle. Er jodelte, und wir lauschten. Beim Weitergehen jodelte er uns großmüthig außer Sicht. Ebenso der zweite, auf den wir eine Viertelstunde später stießen, und dem wir seine Kunst mit einem halben Franken bezahlten. Von nun an begegneten wir alle zehn Minuten einem Jodler, dem ersten gaben wir 8 Cts., dem zweiten 6, dem dritten 4, dem vierten 1 Cts., Nummer 5, 6,7 erhielten gar nichts! Für den Rest des Tages erkauften wir das Stillschweigen der übrigen Jodler mit 1 Fr. per Kopf. Mau bekommt es unter solchen Umständen doch schließlich satt. Zehn Minuten nach 6 Uhr erreichten wir die Kalt- badstation, wo ein geräumiges Hotel mit Veraudas steht, die einen weiten Umblick auf die Berge und Seen gestatten. Wir waren nicht so sehr ermüdet, aber um am andern Morgen ja den Sonnenaufgang nicht zu verschlafen, machten wir unsere Mahlzeit so kurz als möglich und eilten zu Bett. Es war unaussprechlich angenehm, unsere steifen Glieder in den kühlseuchten Betten auszustrecken. Und wie fest wir schliefen! Kein Schlaftrunk wirkt so trefflich, wie eine solche Alpenfußtour. Morgens erwacht, waren wir beide mit einem Sprung aus den Federn; wir zerrten die Vorhänge zurück, erfuhren aber leider eine neue herbe Enttäuschung: es war nämlich schon halb 4 Uhr mittags. In sehr mürrischer Laune kleideten wir uns an, wobei jeder dem andern die Schuld in die Schuhe schob. Harris meinte, wenn ich ihm gefolgt wäre und wir den Reisediencr mitgenommen hätten, wäre uns dieser Sonnenaufgang nicht, entgangen. Ich behauptete dagegen, daß dann einer ^ von uns hätte aufbleiben müssen, um den Diener zu wecken, außerdem hätten wir Mühe genug mit uns selbst aus dieser Klettertour, auch ohne die Sorge für den Reisediencr. Das Frühstück regte unsere Lebensgeister wieder etwas an, besonders auch die beruhigende Versicherung im Bädcker, oben auf dem Nigi brauche der Reisende nicht besorgt zu sein, daß er den Sonnenaufgang verschlafe, er werde vielmehr bei Zeiten von einem Mann geweckt, der mit einem großen Alphorn von Zimmer zu Zimmer gehe und seinem Instrumente Töne entlocke, die Tote zu erwecken im Stande seien; und noch eine andere Bemerkung des Reisehandbuches tröstete uns, die Versicherung nämlich, daß oben in den Nigi-Hotels die Gäste sich morgens nicht ganz anzukleiden brauchen, sondern sich einfach ihrer rothen Bett-Teppiche bemächtigen und mit diesen, wie Indianer drapirt, ins Freie stürmen. O, das muß schön und romantisch sein! — 250 Personen auf dem windigen Gipfel gruppiert, mit fliegenden Haaren und wehenden rothen Bett-Teppichen, in der feierlich ernsten Gegenwart der schneeigen Bergspitzen, beleuchtet von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, das muß ein herrlicher und denkwürdiger Anblick sein! Unter diesen Umständen war es fast ein Glück, kein Unglück, daß wir die frühem Sonnenaufgänge verfehlt hatten. Nach dem Reisehandbuch waren wir nun 3228 Fuß über dem Spiegel des Sees und konnten somit volle Zweidrittel unserer Wanderung als vollendet betrachten. Wir brachen in Kaltbad ^ nach 4 Uhr nachmittags von neuem auf; etwa hundert Schritte über dem Hotel verzweigte sich die Bahnlinie, der eine Arm ging gerade aufwärts den steilen Berg hinan, der andere bog nach rechts ab in ziemlich sanfter Steigung; wir folgten dem letzteren über eine Meile, bogen um eine Felsenecke und kamen in Sicht eines neuen hübschen Hotels. Wären wir gleich weitergegangen, so hätten wir den Gipfel erreicht, aber Harris wollte allerhand Erkundig- 17S ungen einziehen. Er wurde belehrt — und zwar falsch, wie gewöhnlich, — daß. wir umkehren und den andern Weg gehen müßten. Dies kostete uns eine schwere Menge Zeit. Wir kletterten und kletterten; wir kamen wohl über vierzig Hügel, aber immer erschien ein neuer so groß wie die frühern. Es begann zu regnen; wir wurden durch und durch naß, und es war bitterkalt. Dampfende Nebelwolken deckten bald den ganzen Abgrund zu; der Eisenbahndamm, auf welchen wir stießen, war unser einziger Wegweiser! Manchmal krochen wir längs desselben ein Stück weit fort, allein als sich der Nebel etwas zertheilte, bemerkten wir mit Schrecken, daß wir uns mit dem linken Ellbogen über einem bodenlosen Abgrund befanden, weshalb wir eiligst wieder den Bahndamm zu erreichen trachteten. Die Nacht brach ein, rabenschwarz, neblig und kalt. Etwa um 8 Uhr abends hob sich der Nebel etwas und ließ einen ziemlich undeutlichen Pfad erblicken, der links aufwärts führte. Diesen Weg einschlagend, waren wir eben weit genug weg vom Eisenbahndamm, um denselben nicht wieder finden zu können, als auch schon wieder eine Nebelwolke herabschoß und alles in undurchdringliches Dunkel hüllte. Wir befanden uns an einem rauhen, dem Unwetter vollkommen preisgegebenen Ort, und waren genöthigt, auf- und abzugehen, um uns warm zu machen, obgleich wir dadurch Gefahr liefen, gelegentlich in einem Abgrund zu verschwinden. Um 9 Uhr machten wir die wichtige Entdeckung, baß wir jeden Pfad verloren hatten. Wir krochen auf Händen und Knieen umher, konnten ihn aber nicht mehr finden; somit setzten wir uns wieder in das nasse Gras und warteten das weitere ab. Plötzlich jagte uns eine ungeheure dunkle Masse, die vor uns auftauchte, nicht geringen Schrecken ein; sie verschwand aber alsbald wieder im Nebel, es war, wie wir später erfuhren, das längst ersehnte Nigi-Kiflm-Hotel, aber die nebelhafte Vergrößerung ließ es uns als den gähnenden Nachen eines tödtlichen Abgrundes erscheinen. Da saßen wir nun eine lange Stunde mit klappernden Zähnen und zitternden Knieen, den Rücken gegen den vermeintlichen Abgrund gekehrt, weil von dorther etwas Zugluft zu verspüren war. Dabei ereiferten wir uns leidenschaftlich, denn jeder wollte dem andern die Dummheit in die Schuhe schieben, denBahnkörper verlassen zuhaben. Nach und nach wurde der Nebel dünner und als Harris zufällig um sich blickte, stand das große, hell erleuchtete Hotel da, wo vorher der Abgrund gewesen war. Man konnte beinahe Fenster und Kamine zählen. Unser erstes Gefühl war tiefer, unaussprechlicher Dank, unser zweites rasende Wuth, weil das Hotel wahrscheinlich schon seit dreiviertel Stunden sichtbar gewesen war, während wir pudelnaß dasaßen und uns zankten. Ja, es war das Rigi-Kukm-Hotel auf dem Gipfel des Nigi, und wir fanden dort die Zimmer, die unser Bursche für uns bestellt hatte, — allerdings bekamen wir zuvor die hochmüthige Ungefälligkeit des Portiers und des sonstigen Dienstpersonals gründlich zu kosten. Wir verschafften uns trockene Kleider, und während unser Abendbrod bereitet wurde, irrten wir einsam durch eine Anzahl höhlengleicher Wohnräume, von denen einer einen Ofen besaß. Dieser Ofen in einer Ecke des Zimmers war von einer lebendigen WäNd der allerver- schiedensten Menschenkinder umgeben. Da wir nun nicht anS Feuer herankommen konnten, wandelten wir in den arktischen Regionen der weiten Säle umher, unter einer Menge Menschen, die schweigend in sich verloren und wie versteinert das Problem zu ergründen suchten, warum sie wohl solche Narren gewesen waren, hierher zu kommen. Einige davon waren Amerikaner, einige Deutsche, die weitaus überwiegende Anzahl aber waren Engländer. In einem der Räume drängte sich alles um die „Souvenirs äu Liglli", die dort feilgeboten werden. Ich wollte zuerst auch ein geschnitztes Falzbein mit Gemshorngriff mitnehmen; ich sagte mir jedoch, daß mir der Nigi mit seinen Annehmlichkeiten wohl auch ohnedies in guter Erinnerung bleiben würde, — und erstickte deshalb das Gelüste. Das Abendessen erwärmte uns, und wir gingen sofort zu Bette, — d. h. nachdem ich an Bädeker noch einige Zeilen geschrieben hatte. Derselbe ersucht nämlich die Touristen, ihn auf etwaige Irrthümer in feinem Reisehandbuch aufmerksam zu machen. Ich schrieb ihm, daß er sich, indem er den Weg von Weggis bis zum Gipfel nur zu 3^ Stunden angebe, just um drei Tage geirrt habe. Eine Antwort habe ich nie erhalten, auch ist im Buche nichts geändert worden — mein Brief muß also wohl verloren gegangen sein. Wir waren so todmüde, daß wir sofort einschliefen und uns nicht regten noch bewegten, bis die herrlichen Töne des Alphorns uns weckten. Man kann sich denken, daß wir keine Zeit verloren, sondern schnell ein paar Kleidungsstücke überwarfen, uns in die praktischen rothen Teppiche wickelten und unbedeckten Hauptes in den pfeifenden Wind hinausstürzten. Wir erblickten ein großes hölzernes Gerüste, gerade am höchsten Punkte der Spitze. Dorthin lenkten wir unsere Schritte, krochen die Stufen hinauf und standen da, erhaben über der weiten Welt, mit fliegenden Haaren und im Wind flatternden rothen Teppichen. „Mindestens fünfzehn Minuten zu spät!" sagte Harris mit trauriger Stimme, ,die Sonne steht schon über dem Horizont." „Schadet nichts," erwiderte ich, „es ist dennoch ein großartiger Anblick, und wir wollen ihn noch weiter genießen bis die Sonne höher steht." Einige Minuten waren wir tief ergriffen von dem wunderbaren Anblick und für alles andere todt. Die große, klare Sonnenscheibe stand jetzt dicht über einer unendlichen Anzahl weißer Zipfelmützen — bildlich gesprochen. Es war ein wogendes Chaos riesiger Berg- massen, die Spitzen geschmückt mit unvergänglichem Schnee und umfluthet von der goldenen Pracht des zitternden Lichtes, während die glänzenden Sonnenstrahlen durch die Nisse einer der Sonne vorgelagerten schwarzen Wolkenmasse gleich Schwertern und Lanzen aufschössen zum Zenith. Wir konnten nicht sprechen, ja kaum athmen; wir standen in trunkener Verzückung und sogen diese Schönheit ein, als Harris plötzlich schrie: „Der-, sie geht ja unter!" Wahrhaftig, wir hatten das Morgenhornblasen überhört, hatten den ganzen Tag geschlafen und waren erst am Blasen des Abendhorns aufgewacht; das war niederschmetternd. Auf einmal sagte Harris: „Allem Anschein «ach ist nicht die Sonne der Gegenstand der Aufmerksamkeit der unter uns versammelten Menschen, sondern wir, hier oben auf diesem Gerüst, in diesen eselhaften Teppichen. 250 fein gekleidete Herren und Damen starren uns an und kümmern sich kein Haar nm Sonnenauf« oder Niedergang, so lange wir ihnen ein derartiges läckierliches Schauspiel bieten. Die ganze Gesellschaft will ja vor Lachen bersten, und das junge Mädchen dort wird nächstens platzen. In meinem Leben ist mir kein solcher Mensch vorgekommen wie Sie!" „Was habe ich denn gethan?" erwiderte ich erregt. „Sie sind um halb 8 Uhr abends ausgestanden, um den Sonnenaufgang zu sehen, ist das nicht genug!?" „Und haben Sie nicht dasselbe gethan? möchte ich wissen; ich bin immer mit der Lerche aufgestanden, bis ich unter den versteinernden Einfluß Ihres ausgetrockneten Gehirns kam." „Schämen Sie sich nicht, in diesem Aufzug auf einem vierzig Fuß hohen Schaffst auf dem Gipfel der Alpen zu stehen, unter uns eine endlose Zuschauermenge? Ist das der Schauplatz für derartige Expektorationen?!" So ging der Streit in diesem Maskenanzug fort. Als die Sonne untergegangen war, schlichen wir uns ins Hotel zurück und wieder zu Bett. Wir begegneten dem Hornbläser auf dem Wege dahin, und er versprach, uns morgen sicher zu wecken. Er hielt Wort, wir hörten das Alphorn und standen sofort auf; es war finster und kalt. Als ich nach dem Zündhölzchen umhertappmd mit schlotternden Händen eine Anzahl Dinge zerbrach und zu Boden warf, wünschte ich, die Sonne möchte bei Tag aufgehen, wo es hell, warm und angenehm ist. Es gelang uns endlich, uns bei dem zweifelhaften Licht zweier Kerzen anzukleiden; doch konnten wir mit unsern zitternden Händen nichts zuknöpfen; ich überlegte wieviel glückliche Menschen in Europa, Asien, Amerika rc. jetzt friedlich in ihren Betten ruhten und nicht aufzustehen brauchten, um den Rigi - Sonnenaufgang zu sehen. Ja diesem Gedanken versunken, hatte ich etwas zu ausgiebig gegähnt, so daß ich mit einem meiner Zähne an einem Nagel über der Thür hängenblieb. Während ich auf einen Stuhl stieg, um mich loszumachen, zog Harris die Vorhänge zurück und sagte: — „O! welches Glück! wir brauchen ja nicht einmal das Zimmer zu verlassen — da unten liegen die Berge in ihrer ganzen Ausdehnung." Das war erfreulich' in der That, man konnte die großen Alpenmassen sich in unsichern Umrissen gegen das schwarze Firmament abheben und einen oder zwei Sterne durch das Morgengrauen schimmern sehen. Gut angekleidet und warm versorgt in den wollenen Teppichen, stellten wir uns am Fenster auf mit brennenden Pfeifen und in unterhaltendem Geplauder, in behaglicher Erwartung eines Sonnenaufgangs bei Kerzen- bcleuchtung. Nach und nach verbreitete sich ein leichtes ätherisches Licht in unmerklicher Zunahme über die luftigen Spitzen der Schneewüste, — doch auf einmal schien ein Stillstand eingetreten zu sein; ich sagte: „Mit diesem Sonnenaufgang scheint es einen Haken zu haben. Es will nicht recht gehen. Was meinen Sie, daß schuld sei?" „Ich weiß nicht, es macht den Eindruck, wie wenn irgendwo Feuer wäre. Ich sah nie solch einen Sonnenaufgang." „Nun, was mag wohl der Grund sein?" Harris sprang jetzt mit einemmal auf und rief: — „Ich hab's! Ich hab's I wir sehen ja dorthin, wo gestern abend die Sonne unterging!" „Vollkommen richtig! Warum haben Sie daS nicht früher gemerkt? Jetzt haben wir wieder einen verfehlt; und alles durch Ihre Dummheit. Ja! Das sieht nur Ihnen gleich, eine Pfeife anzuzünden und den Sonnenaufgang im Westen zu erwarten." „Es sieht mir auch gleich, den Irrthum entdeckt zu haben; Sie hätten das doch nie gemerkt! Ich muß alle diese Dummheiten entdecken!" „Sie machen sie alle! Aber wir wollen die Zeit nicht mit Streiten verlieren, vielleicht kommen wir doch noch rechtzeitig!" Allein es war zu spät, die Sonne war schon weit oben, als wir auf den Platz kamen. Wir begegneten der heimkehrenden Menge — Herren und Damen in allerlei komischer Bekleidung und mit frierenden Gesichtern. Etwa ein Dutzend waren noch auf dem Platze. Sie suchten mit Reisehandbuch und Panorama jeden Berg zu bestimmen und die verschiedenen Namen und Formen ihrem Gedächtniß einzuprägen. Es war ein betrübender Anblick. Nach meiner Schätzung brauchten wir einen Tag, um zu Fuße nach WeggiS oder Vitznau zu kommen; soviel war aber sicher, daß wir mit der Bahn etwa eine Stunde brauchen würden und deshalb wählte ich das Letztere. Eine herrliche Thalfahrt auf der schwindelnden Bergbahn, die uns eine Wunderwelt geich einer Reliefkarte zu unsern Füßen ausgebreitet sehen ließ, bildete den würdigen Schluß unserer ereignißreichen Rigibesteigung mit ihrem verunglückten Sonnenaufgang. Rösselsprung. che he ein am le auch flieh ruh auch fei stil ruh mal sei al du ru li gen all Sonntags» zur was er stahl nun bath wün die laß les herz schwel den rolle wei um streng be ta sab sche wil du Pflegt die ten chend still den den ruh se den ge dich fchaf po auch frie lei der Auflösung der Dechiffriraufgabe in Nr. 21: Eines andern Pein empfinden Heißet nicht, barmherzig sein; Recht barmherzig sein, will heißen: Wenden eines andern Pein. Logau. --S-KW-S-